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Rosa Mayreder – Das Kind

Essay

Rosa Mayreder, Das Kind, Aus: Sozialistische Monatshefte 33, 1927, S. 644ff.



Der Schullehrer öffnete die Haustür und blieb auf der Schwelle stehen. Noch immer tobte der Wind; hohe Staubwolken wälzten sich entlang der Straße vor ihm her. Jählings sprangen sie vom Boden auf und wirbelten in rasendem Taumel davon, Gespenstern gleich, die vor einer Beschwörung fliehen, oder auch wie Schemen von Lebensgebilden, denen eine fremde Macht ein flüchtiges Dasein leiht. Kraftlos fielen sie dann zurück in die graue Schichte der Straße, bis ein neuer Windstoß sie wieder aufjagte. Trüb hing der Himmel in bleierner Einförmigkeit über der Landschaft. Seit Wochen hatte es nicht geregnet, Wiesen, Äcker, Strohdächer, alles im Umkreis der weiten Ebene war in das gleiche Grau getaucht. Das Gesicht des Schullehrers war so trüb und grau, als läge auch eine Staubschichte darauf, das Jugendliche der Züge schwand in einem Ausdruck von Pein, der seine Miene zusammenzog, als hätte er eben etwas unerträglich Bitteres verschluckt. Wie gebannt starrte er auf das Treiben des Staubes. Irgendetwas daran schien ihn anzuziehen, er konnte sich daran nicht sattsehen.

Aus der offen gebliebenen Tür läßt sich eine Frauenstimme vernehmen: »Martin, komm doch herein! Man erstickt ja vor Staub.«

»Laß mich, Mutter«, erwidert der Schullehrer, ohne sich ganz umzuwenden. »Wenn ich drinnen bin, ersticke ich an was anderm.« Er streckt die Hand aus, um die Tür hinter sich zuzuziehen, aber dann kehrt er sich doch um und geht ins Haus.

Dort, in dem halbdunklen Vorraum, der gerade Platz für einen Kasten und eine Bank hatte, saß die Mutter und strickte gleichmütig. Wenn das Sausen des Windes nachließ, hörte man Töne wie das Gewinsel eines Hundes; von Zeit zu Zeit aber schwollen sie zu einem Geheul an, das sich schauerlich in das des Windes mischte.

»Mutter, ist das immer so?« fragt der Schullehrer und krampft die Hände ineinander.

»Ja, das ist immer so«, versetzt die Mutter, ohne von ihrem Strickzeug aufzuschauen.

»Aber das kann doch nicht sein. So schrecklich kann es doch nicht immer dabei zugehen. Bin ich denn auch so auf die Welt gekommen?«

»Ja, du bist auch so auf die Welt gekommen. Das ist schon einmal nicht anders. Eine Stunde mehr oder weniger macht keinen Unterschied.«

»Und wie lange wird es denn noch dauern?«

»Die Hebamme meint, nicht mehr lange. Aber das Ärgste steht noch bevor.«

»Mein Gott, mein Gott, das halte ich nicht aus. Jetzt dauert es schon seit 4 Uhr früh. Und das Ärgste kommt erst?«

Die Mutter sieht von ihrer Strickerei auf: »Du hältst es nicht aus? Nicht einmal abwarten willst du, wenn du schon gar nichts anderes dabei zu leisten hast? Die Männer sind doch ein wehleidiges Geschlecht!«

Martin antwortet nichts. Eine Weile steht er mit geschlossenen Augen an die Wand gelehnt, ohne sich zu rühren. Dann öffnet er wieder die Haustür. Eine Staubwolke fährt ihm ins Gesicht und treibt ihn zurück. Die Mutter strickt, ohne aufzuschauen. Ungemindert dauern die Jammertöne an. »Mutter«, beginnt Martin zögernd, »wie lange – wenn es mit rechten Dingen zugeht – ich meine, wie lange bleibt ein Kind im Mutterleib, bis es geboren wird?«

Das harte Gesicht der Mutter mildert sich zu einem Lächeln: »Darüber brauchst du dir keine grauen Haare wachsen zu lassen. Wenn es mit rechten Dingen zugeht, wird ein Kind erst nach 9 Monaten geboren. Es kann aber auch ein Siebenmonatkind sein. Du bist freilich nicht einmal 7 Monate verheiratet. Aber wenn das Kind nur in der Ehe geboren ist, das ist die Hauptsache; der Pfarrer bescheinigt die eheliche Geburt, das Übrige geht niemanden was an.«

Schweigen.

Die Mutter strickt weiter, Martin beginnt in dem engen Raum auf- und niederzugehen wie ein Tier im Käfig, das sich um sich selber dreht, um sich in Bewegung zu erhalten.

»Mutter«, sagt er dann und steht vor ihr still, »kommt es nicht vor, daß ein Kind noch früher als mit 7 Monaten geboren wird?«

»Das wohl, aber dann bleibt es nicht am Leben.«

Schweigen.

Der Tag senkt sich gegen den Abend; in dem Vorraum, der nur durch ein Oberlicht über der Haustür beleuchtet ist, beginnt das Licht dumpf zu werden.

Endlich legt die Mutter das Strickzeug weg. »Ich will einmal nachsehen, wie es steht. Du aber geh nicht hinein, Martin, du bist zu fassungslos.« Sie verschwindet in das anstoßende Zimmer.

Martin fällt auf den leeren Sessel hin. Jetzt erst, da er sich unbeobachtet weiß, überwältigt ihn seine Fassungslosigkeit gänzlich.

»Betrogen, betrogen, betrogen«, murmelt er vor sich hin, wie sinnlos. Aber vielleicht – vielleicht kam das Kind wirklich zu früh auf die Welt, und er verdächtigte eine Unschuldige, während sie in Todesqualen rang? Seit dem frühen Morgen, seit die Hebamme erklärt hatte, daß diese Schmerzen, in denen sich seine Frau wand, Geburtswehen seien, zerriß ihn ein fürchterlicher Zwiespalt, und alles, was ihm bei seiner überstürzten Heirat Gegenstand undeutlicher Verwunderung war, stand wieder peinvoll vor seiner Seele. Und Argwohn wühlte sie auf wie der Wind den Staub der Straße, daß er Gespenster sah, die aus ihr aufflogen, wenn der Zweifel anstürmte, und in sich zusammenfielen, wenn er nachließ.

Warum hatten die Leute ein so sonderbares Lächeln gehabt, wenn sie ihn zu seiner Verlobung mit dem schönsten Mädchen des Ortes beglückwünschten? Für dieses sonderbare Lächeln konnte es natürlich vielerlei Gründe geben. Es konnte Neid sein, daß gerade er, ein eben Hereingeschneiter, zu einem solchen Glück gekommen war; es konnte Staunen sein, daß er in der bescheidenen Stellung eines neugebackenen Dorfschullehrers sich getraute ein solches Mädchen zur Frau zu nehmen. Aber es konnte auch das Lächeln derjenigen sein, die um vergangene Dinge wußten, um Dinge, die sich vor seiner Ankunft zugetragen hatten. War es ihm denn nicht selbst erstaunlich, daß er, den die Mädchen nicht sonderlich beachteten, vom ersten Tag seiner Anwesenheit an so viele Beweise aufmunternden Entgegenkommens von Lisbeth empfing? Daß sie, noch ehe er recht wußte, wie ihm geschah, ihm um den Hals fiel und lachend sagte; »Gib mir doch einen Kuß, du lieber Traumichnicht!«? Ja, ein Traumichnicht war er, und schüchterne Männer, das hatte er oft gehört, werden immer auf diese Weise oder so ähnlich erobert. Zudem stand Lisbeth ganz allein in der Welt, seit ihre Mutter gestorben war. Und mit deren Tod hatte auch die Pension aufgehört; wovon sollte Lisbeth da leben, wenn sie sich keinen Mann eroberte? Sie mußte den Nächstbesten nehmen oder in Dienst gehen. Das alles hatte er wohl gewußt, und nie hatte er angenommen, daß es nur überschwengliche Liebe war, die das Mädchen bewog sich ihm an den Hals zu werfen. Er fand alles das rechtschaffen und verständig; denn er war selbst nicht mit überschwenglichen Gefühlen durchs Leben gegangen, überzeugt, daß es ihm nichts anderes bringen werde, als ein so gewöhnlicher Mensch wie er erwarten durfte.

Und jetzt! Wenn dieses Kind lebensfähig zur Welt kam, dann gehörte es also nicht ihm. Dann stammte es aus einem Erlebnis seiner Frau, das ihm verborgen geblieben war. Dann – ja, was sollte dann geschehen?

Ihm schwindelt vor Ratlosigkeit. Und auch vor Bangigkeit. Wie würde er Lisbeth gegenübertreten? Würde sie ihm ein Geständnis ablegen, ihn um Verzeihung bitten? Und er, was würde er sagen? Sie samt dem Kind davonjagen? Sie, die geglaubt hatte, sie könnte ihn betrügen, ohne daß er es merkte? Oder hatte sie darauf gerechnet, daß der Traumichnicht zu keiner Einwendung Mut finden werde?

Wenn nur die Mutter nichts davon gemerkt hatte! Sie war geradlinig und unbedingt bis zur Härte; daß ein Mann nicht wußte, wie er mit seiner Frau dran war, hätte sie nie begriffen. Was Gott im Leben schickte, das mußte hingenommen werden, ohne Auflehnung, ohne Klage, ohne Zweifel, ob es auch das Rechte sei, Sie ins Vertrauen zu ziehen ist unmöglich.

Er stellt sich abermals vor die Haustür und sieht in den Abend hinaus. Der Himmel verdunkelt sich immer schwerer; aus dem Dorf blinken matt die ersten gelben Fenster herüber; das Grauen der Dämmerung verschlingt die Staubwolken.

Martin hält es nicht länger aus. Ohne sich noch einmal umzusehen, eilig, als hätte er etwas Wichtiges zu besorgen, geht er durch das Vorgärtchen und dann die Straße hinunter, die vom Dorf wegführt in die einsame Gegend.

Es ist völlig Nacht, als er zurückkehrt. Der Wind hat nachgelassen, es herrscht Ruhe.

Er schleicht ans Fenster und horcht. Aus dem Zimmer dringt kein Laut, alles ist still, ganz still. Also muß es vorbei sein. Und jetzt würde sich's entscheiden, jetzt wird er erfahren, ob – ob –.

Plötzlich stürzen ihm Tränen aus den Augen; er bohrt seinen Kopf an die Wand und weint, weint. Die ganze verhaltene Seelenqual dieses endlosen Tages macht sich in den Tränen Luft.

Dann tritt er ein, wieder gefaßt, mit ruhigem Gesicht. Im Zimmer brennt eine Kerze auf dem Tisch, das Bett liegt im Dunkel. Beim Ofen sitzt die Mutter, in den Armen ein Bündel. Das ist das Kind.

Wie sie ihn erblickt, steht sie auf und macht einen Schritt auf ihn zu. »Da, nimm«, sagt sie ernst, fast feierlich. »Es ist ein Knabe, ein schönes, starkes, voll ausgetragenes Kind.« Mit diesen Worten legt sie ihm das Bündel in die Arme.

Er sieht ein rötliches Gesichtchen auf dem Kissen; es bewegt sich ganz wenig nach rechts und links mit einem Ausdruck unsäglichen Unbehagens. Und dieser Ausdruck greift ihm ans Herz. »Es sieht aus, als ob ihm schlecht wäre«, flüstert er hilflos. »Wird es am Leben bleiben?«

»Du hast noch kein Neugeborenes gesehen«, sagt die Mutter, immer ungewohnt weich, »es ist gesund und kräftig; ich werde dir helfen es aufzuziehen.«

Da bemerkt er, daß sich dort in dem verdunkelten Bett nichts regt.

»Und Lisbeth?«

»Warum bist du denn so lange ausgeblieben? Sie wollte mit dir reden, aber du warst nirgends zu finden. Und dann verlor sie das Bewußtsein. Nicht einmal das Kind hat sie recht angesehen.«

»Mutter«, schreit er auf. »Mutter, sie ist –«

»Du mußt dich mit dem Kind trösten. Es ist ihr Vermächtnis.«

»Und sonst – sonst hat sie mir nichts sagen lassen?«

»Ach lieber Martin, zum Sagenlassen war sie schon viel zu schwach. Sie erlosch, kaum daß das Kind da war.«

Er steht noch immer und hält das Bündel in den Armen, wie seine Mutter es ihm hineingelegt hat. Durch die Kissen, mit denen es zusammengeschnürt ist, fühlt er eine schwache Bewegung, und das kleine rote Gesicht behält den schmerzlichen Ausdruck, als ob es vorausfühlte, was es heißt zu leben. Ohne Mutter, ohne Vater. Aber es mußte leben, mußte heranwachsen zu allem Schweren, das der Mensch zu ertragen hat. Und er, dem dieses kleine Bündel Leben überantwortet war, würde er es für die Schuld seiner Eltern büßen lassen?

Er gibt das Kind der Mutter zurück: »Ja, hilf mir es aufzuziehen, ich bitte dich.«