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Rosa Mayreder – Mein Traum

Essay

Rosa Mayreder, Mein Traum, Aus: Sozialistische Monatshefte 16, (18, 1912), S. 32ff.



Ich pflege selten zu träumen. Aber wer kann sich ganz ohne Träume durchs Leben schlagen? Kaum nickt der Kutscher ein wenig ein, so geht der Hippogryph durch, und das arme liebe Ich, das ahnungslos wie ein reisender Engländer hinten im Wagen sitzt, sieht sich plötzlich fortgerissen über Stock und Stein, aus allen Geleisen heraus, in die Hölle oder in den Himmel, ohne daß es um seine Wünsche und Absichten gefragt würde.

Auf diese Weise kam ich jüngst in den Himmel. Vorher war ich ganz vulgär menschlich in einem irdischen Garten herumgegangen und hatte über irgendetwas nachgedacht. Ich glaube über die Unzulänglichkeit der Weltregierung und die unbefriedigenden Fortschritte der Menschheit oder dergleichen müßige Dinge. Es mußte lange schlechtes Wetter geherrscht haben, denke ich; denn eine kleine Lücke in dem bewölkten Firmament über mir, durch die der blaue Himmel hineinschien, machte einen besondern Eindruck auf mich. Und mit der überraschenden Logik der Träumer dachte ich: Holla, warum sollte man nicht einmal versuchen durch diese Lücke hineinzugelangen? Zuversichtlich entschlossen schöpfte ich tief Atem, blies die Backen auf: Und in der Tat, ich begann wie ein Luftballon senkrecht in die Höhe zu steigen, höher und immer höher. Ich fand dies nicht im geringsten erstaunlich; ich wunderte mich sogar flüchtig darüber, daß die Menschen nicht längst auf dieses einfache Mittel das langweilige Gesetz der Schwere zu überwinden verfallen waren.

Oben an der Wolkendecke stieß ich mit dem Kopf unsanft an, denn ich konnte die Öffnung nicht gleich finden. Ich versuchte es ein zweites, drittes, viertes Mal. Glücklicherweise stammen meine Vorfahren aus dem Land ob der Enns; solche Schädel halten einen Puff aus. Schließlich traf ich doch ins Schwarze, und ich schlüpfte durch einen engen Schlot, der nach Geräuchertem roch wie ein ländlicher Kamin, aufwärts.

Als ich draußen war, befand ich mich in einem unendlich großen, himmelblauen Treppenhaus, in dem nach allen Seiten hin kristallene Stufen und goldene Geländer in unabsehbaren Windungen emporliefen.

Bei diesem Anblick dachte ich gleich an die biblische Himmelsleiter. Und da die Menschheit seit den Tagen der Patriarchen wenigstens auf den Gebieten der Technik und des Komforts unleugbare Fortschritte gemacht hat, schien es mir ganz angemessen, daß sich die primitive Leiter des Erzvaters indessen in solch ein herrliches Treppenwerk verwandelt habe. Von den auf und ab wandelnden Engeln hingegen bemerkte ich nichts. Alles war leer und still; kein himmlischer Portier fragte den Ankömmling, wohin er wolle; kein beflügelter Lakai nahm ihm seine Visitenkarte und seine Überkleider ab. Aber in den blauen Fernen der Höhe erspähte ich doch vereinzelte, geisterhafte Gestalten, die sich in größerer oder geringerer Ferne von einander fortbewegten. Schwach schimmerten sie durch die unermeßlichen Räume wie Sterne auf einem nebeligen Winterhimmel. Nirgends gingen ihrer zwei zusammen; es schien mir, daß jede für sich einen der unzähligen Treppenarme benutzte, die sich wohl erst weiter oben, in einer Höhe, in die mein Blick nicht hinaufreichte, vereinigten.

So entschloß ich mich auf gut Glück die Stufen, die mir zunächst lagen, zu betreten. Wenn ich nur immer tapfer aufwärts stiege, so konnte ich ja, dachte ich, das Ziel nicht verfehlen.

Viele hundert Jahre lang ging ich so fort auf den breiten, reinen, schimmernden Stufen. Unersättlich weidete ich mich an der Herrlichkeit, die mich umgab, an den ewig wechselnden Ausblicken in die unerhörte Pracht dieses Gebäudes, das sich mit Säulen, Bögen, Wölbungen ins Grenzenlose ausdehnte und doch nur der Vorraum eines Palastes war. Von Zeit zu Zeit warf ich einen Blick nach hinten, ob nicht vielleicht jemand nachkäme; aber es kam niemand nach. Auch hoffte ich im Stillen eine jener Gestalten einzuholen, die ich früher wahrgenommen hatte; aber ich holte niemanden ein. Im Gegenteil: Ich erblickte weit und breit keine Spur mehr von ihnen; sie hatten sich in den ungeheuren Entfernungen dieses glanzvollen Labyrinths verloren, und ich war mutterseelenallein auf meinem Wege.

Eine große Stille herrschte, eine völlige Lautlosigkeit, wie sie auf Erden auch in den schweigsamsten Mondnächten nicht besteht. Ich hörte nur meine eigenen Schritte mit einem knappen, trockenen Ton auf die Stufen schlagen, tapp, tapp, tapp, eintönig fort.

Allmählich begann das scharfe, kalte, klare Licht mich in den Augen zu schmerzen; die empfindliche Kühle dieser kristallenen Hallen durchfröstelte mich bis ins Innerste, die Einsamkeit fiel mir schwer auf die Seele. War ich denn auf dem rechten Wege? Vielleicht gelangte man nach dieser Richtung hin gar nicht in die bewohnten Räume des Himmels? In die Appartements des lieben Gottes, wo die neun Chöre der Engel musizieren, und die Muttergottes mit den Heiligen Cercle hält? Vielleicht führte dieser Treppenarm nach jenen Teilen des Himmels, die, vorläufig unbenutzt, erst zum Aufenthalt für die Seelen kommender Jahrtausende bestimmt sind? Vielleicht mußte ich dann zur Strafe dafür, daß ich den Mund vollgenommen und mich mit einer voreiligen Umgehung der Naturgesetze in den Himmel eingeschlichen hatte, all die lange Zeit hindurch einsam und verlassen harren, bis jene späten Gäste ankämen? Bis die Überzüge von den Möbeln entfernt, die Jalousieen aufgezogen und die Flügeltüren geöffnet werden, weit auf, daß der strahlende Glanz und die unsterbliche Musik jener anderen Sphären hereinfluten können?

Mit einemmal hatte sich die Umgebung ganz verändert. Verschwunden waren die unabsehbaren Fernen mit ihren endlosen Reihen leuchtender Stufen. Undurchsichtige, blasse Mauern engten den Gesichtskreis ein, die Wölbungen senkten sich niedriger herab, die Stufen wurden schmal, steil, dunkel, und von der ganzen fabelhaften Pracht war nichts übriggeblieben. Bald unterschied sich mein Weg kaum mehr von der kahlen Treppe, die in eine von armen Handwerkern und dürftigen Witwen bewohnte Mansarde hinaufführt.

Es befremdete mich, daß es im Himmel hergehen sollte wie in irdischen Häusern, wo die Treppen desto schlechter werden, je weiter man sich von der Beletage entfernt. Noch mehr aber drückte mich das Bewußtsein nieder, daß ich wahrscheinlich auf die Dachbodentreppe des Himmels geraten war und also wirklich den rechten Weg verfehlt hatte.

Ich überlegte, ob ich nicht lieber umkehren sollte. Doch der Gedanke an Umkehr erweckte in mir eine seltsame Traurigkeit, eine schmerzliche Wehmut, so daß ich mich an die Mauer lehnte und, überwältigt von unerklärlichen Gefühlen, meinen Tränen freien Lauf ließ.

Aber horch: Drangen nicht durch die tiefe Stille schwache, verlorene Töne? Sie schienen aus der Höhe zu kommen; je länger ich hinhorchte, desto deutlicher vernahm ich sie. Es war eine alte, schlichte, einfältige Weise; sie erinnerte mich an eine Melodie, die ich in meiner Kindheit gehört und längst vergessen hatte. Ein wundersamer Trost ging von ihr aus; mit neuem Mut kletterte ich noch eine erkleckliche Zahl von Stockwerken aufwärts, bis ich bei einem hölzernen, leiterartigen Treppchen anlangte, das in einen engen Gang mündete. Von dort her kamen die Töne.

Da stand ich nun vor einer armseligen, niedrigen Dachbodentür, auf der ich mit Staunen die Inschrift Zum Paradies entzifferte. Ich hatte mir freilich unten, in den wunderbaren Hallen des Vorraums, ein anderes Ziel vorgestellt. Aber gleichviel: Es war ein Ziel nach langer Wanderschaft. Und wer so lange kein Ziel gesehen hat, der weiß Ziele erst zu schätzen.

Ich klopfte an und trat ein.

Inmitten eines kleinen Stübchens stand ein alter Mann. Vor sich auf einem Gestell hatte er einen altmodischen Leierkasten stehen, der vorn mit einem primitiven Gemälde, die Erschaffung von Adam und Eva, geziert war. Er leierte mit friedlicher Gelassenheit, ohne sich durch meinen Eintritt stören zu lassen. Sein Bart war eisgrau, sein Gesicht voll Runzeln. Aber aus seinen Augen strahlte eine wahrhaft himmlische Verklärung, und um seine Lippen spielte ein Zug von gütiger Heiterkeit, wie ich ihn noch bei keinem menschlichen Wesen wahrgenommen hatte. Er lauschte mit so frommer Ergriffenheit der Musik, die er hervorbrachte, daß die Würde seiner Persönlichkeit durch die einfältige Beschäftigung, der er sich ergab, nicht beeinträchtigt wurde.

Wie einladend war dieses Stübchen! Am Fenster blühten Geranienstöcke, und frischgewaschene Musselingardinen hingen davor. Ein geschweifter Schrank mit unzähligen Laden und Lädchen stand an der blendend weiß getünchten Wand. Das Kanapee war mit geblümtem Kattun überzogen, und auf dem Tisch daneben lag die Bibel aufgeschlagen. In der Ecke erhob sich ein gebuckelter, grüner Kachelofen, von dem eine milde Wärme ausging. Über der Eingangstür hing ein Kruzifix mit einem Palmkätzchenzweig dahinter.

Um ein Gespräch einzuleiten, sagte ich: »Eine freundliche Wohnung, aber ein wenig hoch gelegen.«

»Freilich wohl«, versetzte der Alte mit einer sanften, schwachen, alten Männerstimme. »Es kommt auch selten jemand da herauf, liebes Kind.«

»Und wohnen Sie hier in diesem Trakt so ganz allein?«

Er gab keine Antwort, und es entstand eine kleine Pause. Dann fragte ich mit himmlischer Höflichkeit – denn warum sollte man im Himmel nicht auch mit einem Leierkastenmann höflich sein? –: »Dürfte ich vielleicht fragen, mit wem ich die Ehre habe?«

Er lächelte geheimnisvoll. »Ich bin derjenige«, sagte er mit einer gewissen Schalkhaftigkeit in seinen wundervollen Augen, »den du dir vorstellst, mein Kind.«

»Woher wissen Sie, wen ich mir unter Ihnen vorstelle?«

Er vergaß wieder im Anhören seiner kindlichen Musik zu antworten. Und in dieser einsamen Verlassenheit schien er mir so uralt, so hinfällig und so hilfsbedürftig; es kam mir vor, als schwankte er vor Müdigkeit auf seinen gebrechlichen, alten Beinen. Er dauerte mich. »Wollen Sie sich nicht vielleicht ein wenig aufs Kanapee setzen?« fragte ich ihn. »Sie müssen ja schon müde sein vom langen Stehen.«

»Das wäre!« versetzte er mit seinem rätselhaften Lächeln. »Ich darf nicht aufhören zu spielen.«

»Warum denn nicht?«

»Weil sonst die Welt aus den Fugen ginge.« In seinen Augen blitzte es: von Göttlichkeit oder von Wahnsinn.

Jetzt begann ich zu begreifen: Statt in den Himmel, wie ich dachte, war ich ins Fegefeuer geraten, wo die armen Seelen ihre irdische Qual so lange mit sich schleppen, bis sie gänzlich gesäubert sind.

Und mein Verdruß wuchs, als ein peinlicher Argwohn in mir aufstieg, der Argwohn, daß ich am Ende zur Strafe meiner Sünden verurteilt sei eine unbekannte Anzahl Jahrtausende den eintönigen Leierkasten anzuhören und als Gesellschaft nur diesen kindischen Greis zu haben. Ich erinnerte mich mit Unbehagen, daß ich während meiner Erdentage wenig Vorliebe für die Alten und Schwachen gehabt hatte, namentlich, wenn sie immer die selben Stücke leierten. Und nun war ich in eine Zelle zusammengesperrt mit einem solchen Leiermann. Ich warf einen bösen Blick auf meinen Zellengenossen. Dabei sah ich, daß er mich aufmerksam und gespannt beobachtete.

Um seines lieben, arglosen Gesichtes willen verschluckte ich meinen Unmut und sagte leutselig: »Setzen Sie sich nur nieder! Wenn es sein muß, kann ja ich indessen das Spiel in Gang erhalten, damit die Welt nicht aus den Fugen geht.«

Da brach der Alte in ein großes Lachen aus. Es war ein so herzliches, unwiderstehliches Lachen, voll ewiger Heiterkeit und göttlichem Behagen, daß ich nicht ärgerlich werden konnte sondern gleichfalls zu lachen begann, obwohl ich nicht einsah, was denn so Lächerliches an meinem Anerbieten war.

»Weißt du denn nicht«, fragte er und lachte noch immer, »daß dazu 5 Stücke erforderlich sind?«

»Nun, Sie spielen doch die ganze Zeit nur ein und das selbe Stück, soviel ich höre?«

Er lachte noch mehr. Und dann stellte er 5 Fragen an mich.

»Hast du den festen Willen?« fragte er.

»Hast du die Aufopferung?

Hast du das Wissen?

Bist du als Mensch geboren?

Bist du ein Mann geworden?«

»Wie? Du lieber Gott, zum Leierkastenspielen werden doch die geistigen Fähigkeiten des weiblichen Geschlechts hinreichen?«

»Mein Kind, bisher ist die Mannheit eines der unerläßlichen 5 Stücke gewesen, und ich habe streng darauf gehalten. Soll ich nun anfangen Ausnahmen zu machen? Übrigens, warum nicht? Ich bin nie ein Pedant gewesen. Also komm her!«

»Eines aber müssen Sie mir erlauben«, sagte ich, schon im Begriff ihm die Kurbel aus der Hand zu nehmen. »Ich kann Ihnen nicht verhehlen: Dieses Stück, das Sie schon so lange spielen, es ist ja ein ganz nettes, altes Lied, aber nehmen Sie mir's nicht übel, immer das selbe, das halte ich nicht aus. Deshalb möchte ich ein neues Register aufziehen, wenn ich beginne.«

»Das wird sich finden«, versetzte er, indem er meine Hand ergriff.

In diesem Augenblick verwandelte sich das Leierkastenspiel in ein gewaltiges Brausen wie von tausend Orgeln. Das Stübchen fiel auseinander wie eine zerschnittene Pappschachtel: Eine ungeheure Weite, von blendender Helligkeit erleuchtet, dehnte sich ins Grenzenlose. Millionen farbiger Strahlen flossen in kreisenden Wirbeln vor meinen Augen in einander und schienen sich in unendlicher Ferne in einem strahlenden weißen Punkt zu vereinen. Und dieses weiße Licht traf meinen Blick mit unertragbarem Glanz, und das Brausen schwoll markerschütternd an, als dröhnten schon die Donner des jüngsten Gerichts an mein Ohr . . . .

Überwältigt schlug ich die Augen auf. Da schien mir die Morgensonne hell ins Gesicht, und unten im Hof wurde mit aller Macht ein Teppich geklopft.