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Rosa Mayreder – Verhängnis

Essay

Rosa Mayreder, Verhängnis, Aus: Sozialistische Monatshefte 13, (15, 1909), S. 645ff.



Er hielt das Schriftstück noch in der Hand, als er schon längst nichts mehr davon sah. Was waren das für rätselhafte Zeichen, die von der weissen Fläche herunterstürzten und durch seine Augen eindrangen in sein Gehirn? Wie kamen sie zu der entsetzlichen Macht dort innen lebendig zu werden und solche Schmerzen zu erregen? Sie verbreiteten sich mit rasender Schnelligkeit in seinem ganzen Körper; sie jagten fieberhaft durch seine Adern, bis sie zu seinem Herzen gelangten. Dort bohrten sie sich ein wie giftige Insekten und frassen es an, dass es sich zusammenzog in grimmiger Pein, die jede andere Lebensregung lähmte.

Und fortan wird das Schreckliche, das aus diesen Zeichen zu ihm redet, immer vor ihm stehen; es wird da sein, wenn er morgens die Augen aufschlägt, und wird ihn mit gespenstischer Gegenwart zu allen Stunden ängstigen und wird sich zwischen ihn und jede Freude stellen und wird nachts den Schlaf verscheuchen: und er kann es nicht mehr ungeschehen machen, nicht mehr ungeschehen.

Was für Tage und Nächte! Langsam kamen sie heran, eintönig schleichend, mit unbarmherziger, unstörbarer Stetigkeit Stunde an Stunde reihend, während er das Gefühl eines unergründlichen Schmerzes weiterschleppte. Stundenlang sass er in einem Winkel und starrte vor sich hin, ohne Empfindung für die Zeit, die verstrich. Und wenn er aus diesem Brüten aufwachte, wusste er nicht, woran er gedacht hatte. War es ein Schuldgefühl, das ihn vernichtete? War es die Reue über das Geschehene, das er nicht mehr ändern konnte? Aber es schien ihm, dass es keinen Ausdruck gab, der das bezeichnete, was ihn erfüllte. Wie oft er auch den engen Kreis durchmass, in dem er mit seinem Denken und Erinnern herumtastete, er fand keine Klarheit; er fühlte sich in undurchdringlicher Finsternis von seinem Schmerz festgehalten wie von einer unsichtbaren, dämonischen Gewalt.

Wenn ihn seine Bekannten auf der Strasse begrüssten und ein freundlich-gleichgültiges Gespräch mit ihm anknüpften, fiel seine Last mit verdoppeltem Gewicht auf ihn. Etwas wie Hass und Verachtung gegen diese Freundlich-Gleichgültigen bemächtigte sich seiner, weil unter ihnen keiner war, dem er anvertrauen hätte können, woran er litt, weil keiner in die schwarze Einsamkeit eindrang, wo er allein mit seiner Qual war, wie ein Sterbender, der sich in den Katakomben verirrt hat.

Dann stieg in ihm die undeutliche Vorstellung eines Ortes auf, wo er nicht der einzige Leidvolle und Beladene war, sondern nur einer unter vielen, die aus den verschiedensten Erlebnissen herkommend, dennoch alle von der gleichen Last des Schmerzes erdrückt wurden. In der Dämmerung eines weiten Gewölbes sah er sie auftauchen; der Schatten mächtiger Pfeiler beschützte sie, die Stille unbeleuchteter Winkel umfing sie; sie drückten sich in die Nischen, sie schlichen lautlos über die Fliesen und verbargen, ihre Gesichter in einer scheuen gebückten Haltung.

Er sah sich selbst unter ihnen, den Kopf auf die Brust gesunken, lautlos hingleiten, als wäre er an einem Ort der Abgeschiedenen, in den das Leben, das furchtbare, lärmende, herzzerreissende Leben nicht einbrechen kann. Er sah sich herumirren, ruhesuchend und schon halb eingelullt von der grossen Stille, bis er sich knieend fand, mit der Stirne eine steinerne Stufe berührend, ganz in sich zusammengekrümmt, als könnte so kein Eindruck aus der Aussenwelt mehr an ihn heran. Etwas Beschwichtigendes lag in dieser Vorstellung. Während er auf der Strasse ging oder über einem Buch sass, das seine Aufmerksamkeit nicht zu fesseln vermochte, kniete er heimlich an dem Ort seines Verlangens; und während der schlimmsten Anfälle, wenn die Verzweiflung ihn bis zur Vernichtung zerriss, bereitete es ihm eine Erleichterung in Gedanken seine Stirn an den harten, kalten Stein gepresst und seine Glieder zerbrochen durch die Müdigkeit der zerknirschten Gebärde zu fühlen, in der sein Körper aufgelöst war.

Er gab sich nicht Rechenschaft, welcher Ort es war, den sein Schmerz sich geschaffen hatte, noch ob irgendwo in der wirklichen Welt ein solcher Ort existierte. Aber als er eines Tages an der Stefanskirche vorüberkam, verschmolz das Bild, das er in seiner Einbildungskraft trug, mit einem bestimmten Eindruck, und er wusste, dass hier die Stätte war, von der er träumte. Unschlüssig stand er lange vor dem Eingang, verlockt und verscheucht zugleich. Er betrachtete die Menschen, die unablässig durch die Vorhalle kamen und gingen; er sah ihre ausdruckslosen Mienen, ihre eilfertigen Bewegungen, in denen sich die Gleichgültigkeit des Alltäglichen spiegelte. Da beschlich ihn die Furcht, es konnte die Wirklichkeit des Ortes die Stimmung seiner Träume zerstören. Wenn er hier wieder allein mit seinem Schmerz gewesen wäre, den Blicken gleichmütiger, gewohnheitsmässiger Kirchenbesucher ausgesetzt, so hätte er vielleicht die letzte Möglichkeit der Beschwichtigung verloren, die von dem inneren Bild einer Gemeinschaft des Leidens an einem Ort der Andacht ausging. Ja, war dieser Ort nicht bloss in ihm möglich, nicht bloss die räumliche Gestalt, die seine Einbildung dem ziellos schweifenden Gefühl ohnmächtigen Schmerzes verlieh? Zu Boden gestreckt durch das Unabänderliche, gelähmt und unfähig nur das Geringste wieder gut zu machen, konnte er sich nur noch als einen vor der unzugänglichen Gewalt des Schicksals in untätiger Hilflosigkeit Knieenden denken.

Dennoch kreisten seine Gedanken von jetzt an nicht mehr um den mystischen Ort der Einbildung sondern um die Vorhalle mit dem Gehen und Kommen derjenigen, die eine höhere Zuflucht besassen. Er fühlte die Macht seiner eingebildeten Zuflucht nicht mehr wie früher. Und so geschah es eines Tags, dass er mit zögernden Schritten, scheu wie jemand, der im Begriff ist einer törichten Schwäche nachzugeben, durch die Vorhalle eintrat.

Wie oft schon war er hier durchgegangen, gedankenlos in der flachen Hast des täglichen Lebens oder allenfalls ergriffen von einem ästhetischen Wohlgefallen an der Stimmung dieser hohen, dunklen Hallen mit ihrem Geflimmer von Vergoldung und Kerzenschein! Jetzt aber war es anders. Er sah nichts von alledem, was er früher gesehen hatte. Die Dämmerung schien ihn gleich einzuhüllen, als ob er unsichtbar geworden, als ob er untergesunken wäre in ein anderes Element. Mit noch grösserer Gewalt brach sein Unglück über ihn herein, kaum dass er eingetreten war. Unfähig sich weiterzuschleppen, blieb er nach wenigen Schritten stehen und barg sich in den Schatten der ungeheuren Wand, die neben ihm aufstieg. Von irgend woher, aus einer unerkennbaren Ferne, hörte er das eintönige Geräusch einer Litanei, die abgebetet wurde, eine schwache, einzelne Stimme, die anrief, und ein verworrenes Rauschen von vielen, die antworteten.

Ganz nahe neben ihm erhob sich ein dunkles Gestühl, das von einer Anzahl dunkler Gestalten umringt war. Geisterhaft lautlos standen sie wartend. Von Zeit zu Zeit entstand eine Bewegung unter ihnen; dann löste sich eine Gestalt von den übrigen los und verschwand in der Tiefe des Gestühls, aus dem ein anderer Schatten hinwegglitt.

Allmählich begann dieser geräuschlose Vorgang seine Aufmerksamkeit zu erregen. Ein Gedanke durchzuckte ihn mit einem Stich zum Herzen. War hier nicht eine Möglichkeit der Befreiung? Er brauchte nur in diesen Kreis zu treten und zu warten, bis die Reihe an ihn kam. Dann würde er im Schatten des Gestühls knieen, um in das Ohr eines Unsichtbaren das Bekenntnis seiner Schuld zu flüstern und das Wort der Gnade zu empfangen, das den Bussfertigen und Zerknirschten dem aufrechten, frohen, vertrauenden Leben zurückgab. Was für ein unfassbares Glück: freigesprochen, wiederhergestellt, versöhnt mit sich selbst! Eine höhere Macht als das blinde Schicksal, das ihn zermalmt hatte, weil er zu schwach gewesen war vorauszudenken und alle Folgen seines Handelns zu überschauen, eine höhere Macht nahm ihn zu sich, zerriss die furchtbare Kette des Geschehenen, in die er hoffnungslos hineingeschmiedet war, richtete und urteilte mit der Barmherzigkeit der Allwissenheit, die verzeiht, weil sie versteht, und gewährte ihm einen Weg das Unabänderliche aus seinem Bewusstsein zu tilgen, indem er Busse dafür tat. Er stellte sich vor, wie es wäre, wenn er nun wirklich dort kniete und die Stimme des Unsichtbaren durch das Gitter vernähme, die ihm befahl zu bekennen, was er gesündigt habe. Aber wenn er bekennen sollte, musste er vorher bei sich entscheiden, was der letzte Grund seiner Verzweiflung war. Würde er es über seine Lippen bringen, das furchtbare Wort, in dem die schauerliche Unabänderlichkeit seines Geschickes beschlossen lag, das Wort Ich habe getötet . . . .?

Nein, so war seine Schuld nicht zu fassen. Er hatte nur Ursache gegeben, dass ein anderer Mensch sich tötete. Unabsichtlich, unwissentlich hatte er es getan, nur weil ihm der Gedanke, dass so etwas geschehen könnte, nicht im entferntesten gekommen war. Nur in der Empörung, die einen Menschen ergreift, an den allzulang Ansprüche gestellt werden, die über seine Kraft gehen, denen er nicht nachkommen kann, Ansprüche wie Peitschenhiebe, die aufstacheln und ermatten zugleich, die in der Seele Grimm erzeugen, weil sie ihr ihre Ohnmacht zu fühlen geben. Wer ist verantwortlich dafür, dass er nicht jene Empfindungen aus sich hervorbringen kann, die von ihm gefordert werden? Darf man mehr von einem Menschen fordern als die Erfüllung seiner Pflicht? Und war er nicht bereit gewesen seine Pflicht zu erfüllen? Freudlos, ja: aber das vermindert den Willen zur Pflichterfüllung nicht. Lieblos, ja: aber Liebe zu fühlen, das ist's, was nicht im Bereich des Willens steht.

»Ich werde mein Wort halten, denn ich anerkenne die Pflicht, die ich Dir gegenüber habe; aber ein Gefühl, das erloschen ist, lässt sich nicht wieder erwecken, durch Bitten und Flehen ebenso wenig, wie durch Fordern und Drohen oder durch verständige Auseinandersetzungen. Ich bin bereit Dich zu heiraten, weil ich es Dir versprochen habe. Aber die Liebe, die Du verlangst, fühle ich nicht mehr, daran lässt sich nichts ändern.« Das hatte er ihr geschrieben, frei und offen, mit jener Aufrichtigkeit, die immer zwischen ihr und ihm herrschte, und die er als einen besonderen Vorzug seines Wesens betrachtete. Inmitten der Verlogenheit, die alle menschlichen Beziehungen verunstaltete, war er immer wahrhaft gewesen und immer bereit Heber Nachteile und Schwierigkeiten zu ertragen, ehe er zu Verstellung und krummen Wegen Zuflucht nahm.

Sie aber ging hin und schoss sich eine Kugel durch die Brust, grausam unerbittlich in dem leidenschaftlichen Ungestüm Ihres Willens, der keinen Widerstand duldete.

Und nun lebte er stärker an sie gebunden als je zuvor, an sie gebunden durch das Bewusstsein seiner Schuld, die keine Schuld war. Nein, keine Schuld. Hier vor dem Richterstuhl, wo die Sünden der menschlichen Natur geprüft und gewogen wurden, fühlte er's deutlich: etwas anderes, etwas Mächtigeres war es, das ihn vernichtete.

Getrieben von einem unwiderstehlichen Drang im Schmerzlichsten zu wühlen, zog er ihren Abschiedsbrief aus der Brusttasche, wo er ihn mit sich herumtrug, ohne dass er den Mut gefunden hätte, ihn seit jenem schauerlichen ersten Mal wieder zu lesen. Ihre klaren, festen Schriftzüge, an denen kein Zittern das Bevorstehende verriet, traten noch in der Dämmerung lesbar hervor. Und er las die Stelle wieder:

»Damit hast Du mich getötet; dass Du mich so wenig kennst, dass ich Dir nach dieser langen und innigen Gemeinschaft so fremd geblieben bin. Wenn ich nicht in Dir leben soll, wie ich bin, nach der Wahrheit meines Wesens, dann will ich gar nicht leben, dann lebe ich schon nicht mehr. Unfähig mich dem Herzen dessen zu offenbaren, der mir das Teuerste auf der Welt ist, in seinen Augen der armselige Schatten eines Wortes, hinter dem keine Empfindung mehr leuchtet, ein Schemen, mit dem ihn nur eine äussere Verpflichtung verbindet: nein, lieber gar nicht sein! Wie? Konntest Du wirklich einen Augenblick lang glauben, ich würde Dich durch ein Versprechen an mich binden, dessen Erfüllung nicht zugleich die Erfüllung der Liebe ist? Wusstest Du wirklich nicht, dass ich nie ein anderes Band zwischen Dir und mir anerkennen würde als die Liebe? Du liebst mich nicht mehr; also bist Du frei von mir und frei von allen Versprechen, die Du gabst, als Du mich liebtest. Ich aber liebe Dich: deshalb muss ich sterben. Ich gebe Dich frei: aber ich will selbst auch frei werden. Und frei von der Liebe macht nur der Tod . . . .«

Er faltete den Brief zusammen und steckte ihn wieder in die Tasche. Jetzt wusste er, woran er litt. Kein Gefühl von Schuld, die gebüsst werden sollte, lag mehr auf ihm. Die Vorstellung, dass er sich durch Bekenntnis und Busse davon befreien könnte, hatte nichts Verlockendes mehr. Vor ihm stand das Bild der Toten, unzugänglich, abweisend, entrückt. Und sie, die ihn als Lebende durch die Vorwürfe und Ansprüche ihrer übermässigen Liebe immer weiter von sich weggedrängt hatte, weil sie beständig um Erwiderung warb, zog ihn aus der unerreichbaren Ferne, in die sie vor ihm geflohen war, wieder mit der magischen Gewalt der ersten Liebe an sich. Als er sie mit trotzigem Widerstreben zurückwies, als es ihm eine Art Genugtuung bereitete sie für ihre immerwährenden Annäherungen zu peinigen und zu strafen, hatte er geglaubt, alle diese Antriebe der Abwehr seien in ihm erwacht, weil er sie nicht mehr liebe. Nun schien es ihm, als sähe er in sich hinein wie in einen bodenlosen Abgrund. Aus der Nacht verworrener, einander widerstreitender Empfindungen leuchtete grell seine Liebe und ihr Verhängnis hervor. Dieses zerfressende Verlangen nach etwas Unerreichbarem, dieses niederschmetternde Gefühl der Ohnmacht sein Verlangen zu befriedigen, dieses verzehrende Herumirren eines hoffnungslosen Verlangens unter vergeblichen Anstrengungen, an denen die erschöpfte Seele verblutet: das alles hatte sie erlebt, als er sich ihr hartnäckig fern hielt; und jetzt musste er es erleben, unerlösbar, ohne Sühne und Gnade, ein Verdammter der Liebe. Und er drückte sich tiefer in den Winkel und weinte.