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Rosa Mayreder – Der Wiedergeborene

Essay

Rosa Mayreder, Der Wiedergeborene, Aus: Sozialistische Monatshefte 14, (16, 1910), S. 826ff.



Der Fremde setzte sich in einen Beichtstuhl, um zu lesen, was in seinem Reisehandbuch über die Kirche geschrieben stand. Sie war auf den Trümmern eines von den Christen zerstörten Minervatempels errichtet. Ihre besondere Sehenswürdigkeit bildete der auferstandene Christus, der das Kreuz in der Hand hält. Mit zwei Sternen hatte ihn der Verfasser des Reisehandbuchs ausgezeichnet; das ist, als wenn ein Fürst das Großkreuz eines Ordens verleiht. Dennoch versagte er sich einige kritische Glossen nicht; er bemerkte, daß in dieser Statue mehr das Heldenideal eines Humanisten als der leidende Weltheiland dargestellt sei, nicht die Sanftmut, Duldsamkeit, Ergebung des christlichen Erlösers sondern die Verkörperung siegreicher Kraft und stolzer Selbstherrlichkeit. Zugleich machte er darauf aufmerksam, daß der Bronzeschurz, den die Marmorfigur um die Lenden trägt, später angebracht worden sei, um ihre anstößige Nacktheit zu bedecken, während der metallene Schuh an ihrem linken Fuß gegen die Abnutzung durch gläubige Küsse dienen soll.

Der Tag neigte sich schon zum Abend. Vielleicht war es ebensosehr die Müdigkeit wie wie das Reisehandbuch, was den Fremden überwältigte. Die Augen fielen ihm zu, er versank tief in Schlaf.

Als er erwachte, herrschte Nacht. Die Kirche war in schwarze Finsternis gehüllt. Nur vor dem Hochaltar brannte das ewige Licht und warf aus der roten Glasschale glühende Funken auf das kleine silberne Kruzifix, das sich zwischen weißen Blumen von der Platte des Altars erhob. Wie in Blut getaucht schimmerte der Leib des Gekreuzigten und das Gewand der Muttergottes, die als ein zierliches Figürchen zu Füßen des Kreuzes stand. So klein waren die silbernen Gestalten, daß sie in eine unendliche Ferne gerückt erschienen, durch die Finsternis wie durch ein abgründliches Meer von dem Diesseits getrennt. Undurchdringlich wogte dieses Meer der Finsternis in das Schiff der Kirche hinaus, eine uferlose Welt für das Auge, das, noch befangen von den Bildern des Schlafs, ratlos in sie hinausstarrte.

Aber schon begann die tote Finsternis sich zu beleben. Der uferlose Raum erfüllte sich mit einem dunkelfarbigen Nebel, der von den Fenstern herzuströmen schien. Und wie das formlose Gewoge sich dichter ballte, schied es sich in zwei deutlich getrennte Schichten.

Die eine stieg aufwärts, erhellte sich zu einem duftigen Blau und ordnete sich strahlenförmig um den fernglänzenden Punkt des Kruzifixes. Durchsichtig unkörperliche Gestalten, nebelhaft zerflossen, schwebten darin, goldene Flügel breiteten sich aus, schillernde Gewänder flatterten in stilvollen Falten, von einem immerwährenden Zephir leicht aufgebauscht. Dazwischen ragten zahllos gestuft verklärte Leiber von Männern und Frauen, allerlei Geräte lieblich vergoldet neben sich, über dem Haupt einen mild leuchtenden Reifen. In feierlich lautloser Stille blickten sie gegen das Kruzifix und regten sich nicht.

Die untere Schicht aber wälzte sich tosend in unförmlichen Haufen über den Fußboden hin; mißfarbige Streifen und Flecken stiegen darin auf, ungeheuerliche Blasen, die sich wie Polypen mit irr um sich greifenden Fangarmen reckten; trübe Lichter schwammen auf dem fettigen, schmutzig braunen Dunst und versanken in seine bodenlose Tiefe. Als die Nebelmassen näher strudelten, ließen sie wimmelnd ineinandergewühlte Menschenleiber erkennen, zahllos und winzig gleich den Würmern in den Gespinsten an Hecken oder den Ameisen in einem zertretenen Erdhaufen.

Aus diesem chaotischen Wirbel lösten sich einzelne Ungetüme heraus, schrumpften zusammen und nahmen Gestalt an. Es waren die Götter des Olymps, die sich entpuppten. Aber nicht in der strahlenden Schönheit ihres am­brosischen Daseins. Von Alter entstellt, durch Elend entwürdigt, zerlumpte, geflickte, verlotterte Gestalten, trieben sie in der Tiefe ein geräuschvolles Wesen, das dröhnend von den Kirchenwänden widerhallte. Mars, vom Scheitel bis zu den Zehen in Eisen starrend, rasselte so laut mit seiner Rüstung, daß er bisweilen alle übertönte; Venus, geschminkt und frech, triefend von Aussatz, den ihr Flitterstaat notdürftig verhüllte, kreischte gellende Zoten dem betrunkenen Bacchus ins Ohr, der schmutzbesudelt auf dem Boden lag: Juno zählte Geld und trieb einen geschwätzigen Handel mit Merkur, der neben ihr auf einem mit papiernem Geld ausstaffierten Thronsessel saß, während Jupiter als zahnloser, zittriger Greis im Hintergrund stand, offenen Mundes wie ein Schwerhöriger vor sich hinbrütend; seine Tochter Minerva, der Ägis beraubt, schrie ihm unablässig Befehle und Weisungen ins Ohr, die er nicht verstand, und um die sich niemand sonst kümmerte.

Jeder der olympischen Götter hatte eine unabsehbare Gefolgschaft unter sich, zuchtlose, wilde Rotten, die sich in wüstem Toben gegenseitig bekämpften. Der Boden verschwand unter dem Gewimmel dieser Masse, aus der ein erderschütternder Lärm aufstieg, Wutgeschrei, Schmerzgestöhn, Flüche, Gelächter, Gebrüll trunkener Männer, Gekreisch zertretener Wei­ber und Kinder: unnennbare Laute des Zorns, der Angst, der Gier, der Verzweiflung.

Feierlich und lautlos aber schwebte in himmlischer Bläue die Glorie der Heiligen und Engel oben an der Decke, hoch über dem schauerlichen Getöse des Irdischen, das nicht zu ihr hinaufreichte.

Da tönte aus der unendlichen Ferne ein Stimmchen zart und silbern, als wenn in einer Regennacht Tropfen auf die Saiten eitler Äolsharfe fielen. Es war die kleine silberne Maria am Fuß des Kruzifixes, die sagte:

»O mein Sohn, wie lange willst du in deiner Langmut diesem Treiben noch zusehen? Steige herab und sprich ein Wort, auf daß dein Wille wieder Gehör erlange auf Erden!«

Unbeweglich hing der kleine silberne Jesus an seinem silbernen Kreuz. Sein Haupt blieb auf die Brust gesunken, als wäre er entschlafen. Aber aus dem Lichtkern, der von seinem Herzen ausstrahlte, tönte ebenso zart und melodisch in einem tiefern Tonfall eine Stimme, die sagte:

»Ich bin für die Menschen gestorben: Mehr kann ich für sie nicht tun. Für sie zu reden, das haben andere übernommen auf Erden.«

»O mein Sohn, so heiße diejenigen schweigen, die unnütz das Wort führen! Rede du, auf daß deine Macht wieder offenbar werde auf Erden.«

»Mein Wille ist nicht auf Macht gerichtet gewesen, und so habe ich auch keine Macht erlangt auf Erden.«

»O mein Sohn, dann rede, auf daß sie deiner Stimme lauschen und verstehen lernen dein Wort, das noch nicht verstanden worden ist auf Erden.«

»Habe ich nicht alles gesagt, was not tut? Aber sie haben keine Ohren, tun zu hören. Oder . . .« Der silberne Jesus stockte; dann setzte er hinzu: »Wisse: der Lärm ist zu groß, und wir sind zu fern. Die Menschheit muß ihren Weg gehen, sie muß gehen, gehen, immer gehen; wir aber bleiben in der unbeweglichen Abgeschiedenheit des Ewigen. Deshalb verlangt das göttliche Gesetz, daß der Erlöser in bestimmten Zeiträumen wiedergeboren werde auf Erden.«

Ein Flimmern lief über die Gestalt der silbernen Maria wie ein Erbeben des Schreckens. »Wiedergeboren werden?« flüsterte sie tonlos. »Noch einmal das Leben auf dich nehmen? Das gleiche noch einmal erleiden auf Erden?«

»Ein Anderer wird kommen. Ich werde als ein Anderer kommen, um das Reich zu zerstören, das ich gegründet habe. Denn die Form muß untergehen, wenn das Wesen sich erneuen soll auf Erden.«

»Dein Reich zerstören? Du selbst? Und doch ein Anderer auf Erden?«

»Gegen mich selbst werde ich aufstehen, auf daß ausgetilgt werde, was mein Irrtum und meine Ohnmacht war auf Erden. Ich habe die Mächte der Welt nicht gekannt, und so sind die Mächte der Welt über mich Herr geworden. Die Menschheit konnte den Weg nicht gehen, den ich ihr gewiesen habe; und so sind die Sünder die Erben des Lebens geworden. Das Leben hat mir nicht gehorcht; denn ich bin mir ein Herr des Todes gewesen. Wo ist er, der das Leben bezwingen wird, wie ich den Tod bezwungen habe? Ich höre aus dem Getümmel schon den Preisgesang, der ihn verkündet; ich sehe ihn kommen in der Gestalt, in der er zum erstenmal geschaut worden ist, den Herrn des Lebens, der Gewalt haben wird, wo mein Irrtum und meine Ohnmacht war auf Erden.«

Das Getümmel stieg immer mehr an. Wütendes Geheul und Gekreisch übergellte die schwache silberne Stimme aus der unendlichen Ferne. Gleich der sturmgepeitschten Brandung an einer Felsenküste bäumten sich die Massen gegen die Region des Kruzifixes, in tobendem Strudel aufschäumend, als sollte das alte Chaos wieder hereinbrechen, das in der Welt herrschte, ehe das Wort der Schöpfung gesprochen war.

Aber mit einemmal erklangen durch den infernalischen Lärm andere Töne. Eine selige Melodie flatterte zwischen den jagenden Geräuschen auf, zuerst von ihnen verschlungen, dann deutlicher, klarer, sieghafter. Dazwischen hell und metallen ein Klang, als ob eine Kette zur Erde klirrte, dann der Schall von rhythmisch beflügelten Schritten. Und eine Stimme, triumphierend wie eine Glocke, die alles um sich her verstummen macht, rief herrlich gebieterisch ein schwellendes Wort herein.

Da legten sich die Wogen, die Laute des Grimms und der Verzweiflung verstummten, das Gewimmel stob aus einander, die ineinandergeknäulten Massen reihten sich in geordneten Scharen an den Wänden entlang.

Und mit rhythmisch beflügelten Schritten, unter denen die Marmorfliesen wie Zymbeln erklangen, trat aus dem Dunkel des Hintergrunds im Glanz seiner marmornen Nacktheit der neue Gott hervor. Er hatte den metallnen Schuh gesprengt, der ihn an dem Postament festhielt, und das erzene Kleid zerrissen, das seine wahre Gestalt verhüllte. Noch hielt er das Kreuz in der Linken; aber aus dem steinernen Pfahl waren Rosen hervorgebrochen, von denen ein Licht ausstrahlte wie Sonnenaufgangsröte.

Er streckte die Rechte mit einer Gebärde, die Auferweckung und Richterspruch war, gegen die düstere Tiefe. Und sieh: Das Götzengewühl erhob sich im Schein der Verklärung, die von dem neuen Gott ausging; die besudelten Lumpen fielen von den Gliedern, auf den entstellten Gesichtern glätteten sich die Runzeln; die verzerrten Mienen leuchteten im Glanz des Glücks, und mit brausendem Jubel scholl aus ihrer Mitte der Ruf: »Evoe Apollo!«

Dann streckte er seine Rechte aufwärts, gegen die verblauende Höhe. Und sieh: Die Wölbung senkte sich, bis die Wolken die dunkle Schicht des irdischen berührten und die Engelsstimmen vernehmbar wurden, die sangen: »Hallelujah Jesus!«

Und wie die Stimmen aus der Höhe sich mit den Stimmen der Tiefe vermischten, bildeten sie einen einzigen Chor, der die selige Melodie in jauchzenden Rhythmen aufschwellen ließ zu einem niegehörten Hymnus. Harmonieen wie aus ersten Paradiesestagen tönten mit feierlichem Wohllaut in einander; Freude! jauchzten die Stimmen aus der Tiefe, Freude! jauchzten die Stimmen in der Höhe und vereinigten beim Klang der Harfen und Posaunen die Namen Jesus und Apollo. »Evoe dem Gott des Lebens! Hallelujah dem Erlöser aus Sünde und Zwiespalt! Evoe dem, der gekommen ist Himmel und Erde zu versöhnen! Hallelujah dem Bringer der Einheit, der die getrennten Welten zum neuen Bund ruft! Evoe, Hallelujah dem Herrn des dritten Reichs, Jesus Apollo, Jesus Apoll!«

 

Am andern Tag fand der Kirchendiener einen Kranz roter Rosen um das Kreuz der Statue geschlungen. Ärgerlich holte er ihn herunter und sah nach, ob die Figur des Heilands bei der Anbringung des unberufenen Schmucks keinen Schaden genommen hatte. Aber der Metallschuh hielt seinen Fuß noch fest umklammert, und das erzene Gewand verhüllte nach wie vor das Geheimnis seiner Nacktheit.