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Julius Meier-Graefe – Gedichte

Gedichte

Julius Graefe, Gedichte, Ed. Wartig's Verlag (Ernst Hoppe), Leipzig, 1885

Sängers Trost.


Oft war verstimmt schon meiner Seele Ton,
Die Seele war von Gram allein durchdrungen;
Da aber ist mein schönstes Lied erklungen,
Das nur die Sehnsucht schenkt dem Musensohn.


Die Welt, sie schaut’ ich an mit Spott und Hohn,
Ich hielt ein Glück, vermodert längst, umschlungen;
Doch sieh! ich hab’ ein neues Glück errungen:
Die süße Hoffnung war des Liedes Lohn.


Und wenn auch grelle Blitze mich umsprühen,
Mag wild das Herz in meinem Busen hämmern,
Seh’ im Gesang ich holde Rosen blühen.


Ein neues Leben fühl’ ich in mir glühen,
Den jungen Morgen seh’ im Geist ich dämmern,
Still wird mein Herz, und Gram und Schmerzen fliehen.


Wanderlied.


Wir wandern in die weite Welt,
Vom Sonnenstrahl geleitet.
Schon hat sich über Wald und Feld
Des Frühlings Duft gebreitet.
Und alles, was da lebt, es singt
In tausend Jubelchören:
»Dem, der ins Reich der Freiheit dringt,
Ihm soll die Welt gehören!«


Wer nicht die Freiheit lieben kann
Und nicht des Frühlings Freuden,
Der ist fürwahr kein guter Mann
Und nimmer zu beneiden.
Wir aber wandern fort und fort,
Im Herzen Lieb’ und Glauben.
Und lassen uns der Jugend Hort,
Den Frohsinn, niemals rauben.


Die staub’gen Bücher lassen wir
Daheim im morschen Schranke:
Es lebt im freien Waldrevier
Ein höherer Gedanke.
Im goldnen Buch, das vor uns liegt,
Drin wollen wir studieren,
Und alles, was da kriecht und fliegt,
Wird uns zur Weisheit führen.


Wohlauf mit hellem Sang und Klang,
Und laßt uns fürder schweifen!
Nur wer ins Reich der Freiheit drang.
Der lernt die Welt begreifen,
Dem wird in Pracht und Herrlichkeit
Das Leben sich entfalten;
Nicht Kummer wird, nicht herbes Leid
In seinem Herzen walten.


Und geht die Sonne niederwärts,
Wir in das Städtchen ziehen,
Und treiben mit den Mädchen Scherz,
Die, Blumen gleich, erblühen.
Wir ziehen sie heran vertraut,
Mit ihnen froh zu kosen,
Und jubeln und besingen laut
Die holde Zeit der Rosen.


Frühlings Einzug.


Es zittert durch die Lüfte
Melodischer Gesang;
Er tönet durch die Klüfte
Herab vom Felsenhang.


Der Frühling ist’s, der wieder
Den lieben Einzug hält,
Drum singt auch heute Lieder
Die ganze frohe Welt.


Des Burschen Gut.


Ein Bursche wandert wohlgemut
Hinab ins grüne Thal;
Er hat nicht Hab’, er hat nicht Gut,
Doch auch nicht Schmerz und Qual.


Nie sah er, wie im Überfluß
Der Reiche schwelgend lebt,
Dem nur der Ehrgeiz und Genuß
Das kalte Herz durchbebet.


Nicht jagt er nach dem eitlen Gold,
Nicht sucht er Ehr’ und Ruhm:
Ein Ziel nur kennt er, traut und hold,
Der Liebe Heiligtum.


So wandert er mit leichtem Mut
Der nahen Hütte zu;
Der Trauen Herz ist all sein Gut,
Bei ihr die schönste Ruh.


Das träge Weib.


Es schleicht ein träges Weib einher,
Als trüg’s in seiner Brust den Tod;
Nie wogt’s in ihm wie ein wildes Meer,
Kaum fühlt es je des Lebens Not.


Die Sorgen sind ihm ewig fremd,
Nicht fühlt es wahrhaft Schmerz und Lust.
Nichts giebt’s, das seinen Schritt enthemmt,
Sich selber ist es kaum bewußt.


Es schleicht ein träges Weib einher
In jedem Land, zu jeder Zeit;
Nie wogt’s in ihm wie ein wildes Meer,
Es wird genannt Gleichgültigkeit.

Der Satirendichter.


Carl der Zweite, Englands König,
Sah dereinst spazierenfahrend
Eine große Menschenmenge
Sich um einen Galgen scharend.


Seinen Dienern »Halt« gebietend,
Fragt’ er einen aus der Menge,
Was der Mann verbrochen habe,
Den man dort soeben hänge.


»Eurer Majestät Minister
Hat verletzt er durch Satiren,
Also muß sein Leben dieser
Wicht am Galgen jetzt verlieren.«


»Welch ein Narr doch!« sprach der Herrscher,
»Hätt’ er Schimpf auf mich gedichtet,
Könnt’ er heute ruhig schlafen!
Denn er würde nicht gerichtet.«


Klage.


Oft lauscht ich einst den innigsüßen Klängen
Der Nachtigall im abendstillen Hain;
Ich sah auch oft die bunten Blümelein
Ans milde Sonnenlicht hervor sich drängen.


Jetzt denk’ ich still der übersel’gen Stunden,
Die ich genoß in Waldeseinsamkeit:
Ach! jenes Reich, es liegt von mir so weit,
Ich bin an Straßenlärm der Stadt gebunden!


Zurück zur Kindheit sehnt mein Herz sich nimmer.
Doch Eines wünscht’ ich als mein höchstes Glück:
Ins Reich der Freiheit kehrt’ ich gern zurück,
Wo fern von mir der eitle Tand und Schimmer;
Ja, könnt’ ich stillen diesen mächt’gen Drang,
Mein ganzes Leben würde zum Gesang.


Weinlied.


Ein Hoch den saftigen Reben
Am Donaufluß und Rhein!
Sie können wohl nirgends besser
Als g’rade dort gedeihn!


Der hochgepriesene Rheinwein
Besänftigt die innere Glut,
Wenn wild in unsern Adern
Rollt siedendheißes Blut.


Doch hat der Donaubecher
Nicht minder Zauberkraft:
Wenn kühl das Blut in den Adern,
Ist er’s, der Leben schafft.


Ein Hoch den saftigen Reben
Am Donaufluß und Rhein!
Sie können wohl nirgends besser
Als g’rade dort gedeihn!


Das waren schöne Tage


Das waren schöne Tage
Im freien, frischen Wald!
Da schwieg auch jede Klage
Und jede Sorge bald!


Des Herzens banges Beben
Verschwand in dir, Natur!
Dir nur ja wollt’ ich leben,
Nur folgen deiner Spur.


Du kannst nur jene laben,
Die ganz natürlich sind,
Drum nahm ich deine Gaben
So dankbar, wie ein Kind.


Und schweb’ ich nun auch wieder
Im bunten Lebenstanz,
So sing’ ich dir doch Lieder
Und winde sie zum Kranz!


Mai.


Es tritt der fröhliche Mai ins Land,
Erfreut uns mit Sang und mit Duft;
Er hat uns die Falter als Gruß gesandt.
Die stolzen Blumen der Luft.


Er hat den Himmel uns aufgethan,
Wünscht uns viel tausendmal Glück
Und spricht: Betretet die blumige Bahn,
Schaut vorwärts, nimmer zurück!


Zieht hin, wo immer die Sonne lacht,
Weilt unter dem Blütenbaum:
Das Leid, das euch der Winter gebracht,
Verschwindet wie ein Traum.


Scheiden.


Ein Glück, wenn uns das Scheiden
Recht trüb und traurig macht:
So hab’ in stillen Stunden
Oftmals ich still gedacht.


Denn könnten kalten Herzens
Wir von den Lieben gehn,
Wie könnten wir uns später
Frohlockend wiedersehn!


Hoffe still!


Hoffe still! — und mag auch alles
Feindlich deinen Wünschen fein:
Durch der Wolken düstern Schleier
Bricht ja neu der Sonne Schein!


Hoffe still! — es naht die Stunde,
Die dir wiederbringt das Glück,
Und du schaust auf trübe Tage
Mit verklärtem Aug’ zurück!


Zwiefach früher Tod.


Es stand ein Röschen schmuck und fein
Dort an des Gartens Zaun;
Ein lieblich Mägdlein pflegte sein
Schon früh beim Morgengrau’n.
Das Röslein, dankbar, wie es war,
Hat würz’gen Duft entfacht
Und stand mit jedem neuen Jahr
In reichster Blütenpracht.


Doch einst, es war zur Sommerzeit,
Nicht kam das Mägdlein mehr;
Das Röslein drob, voll Gram und Leid
Es seufzte, ach, so schwer.
Und eh’ der Sommer noch entschwand,
Da ward es welk und matt;
Ach, auf des Gartens trocknen Sand
Fiel nunmehr Blatt auf Blatt.


Das Röschen sprach: »Ich weiß, warum
So früh den Tod ich seh’;
Das Mägdlein ruht im Grabe stumm.
Kann stillen nicht mein Weh.
Wär’ auf ihr Grab verpflanzt ich doch
Auf stillem Friedhof dort,
So grünt’ ich, ach, und blühte noch
Alljährlich fort und fort!«


Gebet.


O Geist der Liebe, steig’ hernieder
Aus deinem blauen Himmelszelt,
Zertritt der Lüge mächt’ge Hyder,
Befrei von ihr die weite Welt!


Ihr Pesthauch trifft der Menschen Seelen,
Und keiner ruft ein donnernd »Halt!«
O steig’ hernieder, uns zu stählen,
Daß sie erliege der Gewalt!


Frohlockend wird sie sonst umschlingen
Die Welt mit ihrem Riesenleib,
Und mit Verzweiflung werden ringen
Die Menschen, Mann und Kind und Weib.


O laß den Herkules erstehen,
Der sie zermalmt mit wucht’gem Schlag,
Auf daß wir bald die Wahrheit sehen.
Des Geistes hohen Siegestag!


O Geist der Liebe, steig’ hernieder
Aus Deinem blauen Himmelszelt,
Zertritt der Lüge mächt’ge Hyder,
Dann singt Dir Dank die weite Welt!


Ein rechter Mann.


Das ist ein Mann,
Der schmeicheln kann
Und alle Welt
Sanft streicheln kann,
Für Gut und Geld
Stets heucheln kann!


Des Ordens Stern,
Ihn sieht er gern,
Den Titeln singt
Ein Lied er gern,
Wer Wahrheit bringt.
Den flieht er gern.


Frei ist er, seht’s!
Von Kummer stets,
Er füllt den Bauch
Im Schlummer stets,
Doch bleibt er auch
Ein Dummer stets!


Am Abend.


Die Erde liegt im Schlummer,
Sie deckt der Friede mild;
Nun hoff’, daß deinen Kummer
Ein Friedensengel stillt;


Er tret’ auf leisen Sohlen
Zu dir ins Kämmerlein,
Um über Nacht zu holen
Des Herzens Angst und Pein.


Heidewald.


O düster-ernster Fichtenwald
        Der Heide.
Du bist mein liebster Aufenthalt
        Im Leide!


Mir sei der sonn’ge Birkenhain
        Gemieden!
Er mag dem Herzen labend sein
        Im Frieden!


Hinweg mit Sonnengold und Glanz
        In Tagen,
Da mir das Herz erfüllen ganz
        Die Klagen!


O düster-ernster Fichtenwald
        Der Heide,
Du bist mein liebster Aufenthalt
        Im Leide!


Frühling.


Der Frühling giebt der Erde
Den ersten Liebeskuß;
Und beide schwelgen umschlungen
Im seligsten Genuß.


Da schlägt das fromme Veilchen
Die blauen Augen auf
Und blickt mit inniger Freude
Zur lachenden Sonne hinauf.


Ein »Werde!« spricht der Frühling,
Und Blumen ohne Zahl
Erwachen rings in Wäldern,
Auf Fluren und im Thal.


Wo mag ich sie finden?


Wo mag ich sie finden,
Die mir der Himmel erkor?
Vielleicht in der Heimat,
Wo finstere Tannen stehn?
Oder drüben, weit über dem Meer,
In der Zone des ewigen Sommers,
Wo Palmen stehn und Bananen?
Vielleicht im Gewühle der Menschen?
Im Hause des Armen?
Oder beim Klirren der Gläser
Im Palaste des Reichen?
Im Arm der liebenden Mutter,
Oder im Garne des Frevlers?
O sage mir, leuchtende Sonne:
Wo mag ich sie finden,
Die mir der Himmel erkor!


Erste Liebe.


Am Himmel meiner Liebe
Als Sonne strahlst du mir;
Die Wolken flohen vorüber.
Ich kniee betend vor dir.


Und aus dem Garten der Liebe
Schallt Nachtigallengesang:
Feuernelken und Rosen
Blühn Weg und Steg entlang.


In süßes Träumen versunken,
Erblick’ ich ein Paradies.
O, Wonne der ersten Liebe,
Bleib’ mir, wenn mich alles verließ’!


Frühlingsmorgen.


O holder Frühlingsmorgen,
Wie bist du doch so schön,
Auf Wies’ und Wäldern schwebend,
Im Thal und über Höhn!


Doch flüchtig, ach, ist alles
Und muß so bald vergehn:
Ach, daß ein Frühlingsmorgen
Verrauscht wie Windeswehn!

Meiner Mutter.

1.


O klaget, ihr Lüfte, klaget.
Daß ich verlassen bin!
Sie, die mich am Busen getragen.
Die Teure, ging dahin!


Sie ging nach bitteren Leiden
Hinaus in die finstere Nacht,
Wo keine Sterne sie grüßen
Und keine Liebe wacht. —


Doch still! und klage nicht länger,
Da jetzt in Frieden sie ruht!
O werde, mein Herz, wie das ihre
So freundlich, so mild und gut!

2.


Wohl niemand weiß, was du im Leben,
O Mutter, einst gelitten hast:
Du mochtest keinem Zeugnis geben
Von deines Herzens Qual und Last.

 
Ich hörte nie dich bitter klagen,
Wenn Trauer tief ergriff dein Herz;
Ja, selbst in schwersten Prüfungstagen
Behieltst du still für dich den Schmerz.


Dein Antlitz strahlte nichts als Güte,
Dein Urteil war in Allem mild.
Nun schau’, mit Wehmut im Gemüte,
Ich dein verklärtes, teures Bild.


Mädchens Klage.


Es wissen in meinem Garten
Die Blumen allzumal,
Wenn ich in meinem Herzen
Empfinde Schmerz und Qual.


Sie senken traurig die Köpfchen,
Als dächten sie still an mich;
Ich aber stehe und seufze,
Mein Schatz, um dich — um dich.


In dunkeln Winternächten.


Ich habe deiner oft gedacht
In dunkeln Winternächten;
Ich schloß ins Zimmer still mich ein,
Wenn  Andre lärmend zechten.


Da dacht’ ich traut an jenes Wort,
Das du mir einst gegeben —
Es gilt mir mehr als Becherklang, —
Als Braus und wildes Leben.


Mädchens Trost.


Hab’ stets die Blumen geliebt, wie du,
O teuere Mutter mein.
Nun bist du gegangen zur ew’gen Ruh,
Drum sollen sie heilig mir sein!
    Du bist auch gewesen den Blumen gleich,
    Dem Kinde so treu, an Liebe so reich!


Die kleinen blauen Vergißmeinnicht,
Gern will ich sie pflegen getreu:
Der weißen Rosen, der Lilien Licht
Soll tagtäglich erfreuen mich neu!
    Du bist auch gewesen den Blumen gleich,
    Dem Kinde so treu, an Liebe so reich!


Will pflanzen Blumen an jenen Ort,
Der nun am teuersten mir!
Dann hüt’ ich und pfleg’ ich sie fort und fort,
Bis einst ich ruhe bei dir!
    Du bist auch gewesen den Blumen gleich,
    Dem Kinde so treu, an Liebe so reich!


Der alte Schnitter.


Es mähet im Ährenfelde
Ein Schnitter mit weißem Haar;
Ein Lächeln umspielt sein Antlitz,
Sein Blick ist heiter und klar.


Er denkt an die ferne Jugend
Und erste Heimat zurück,
Und daß ihm erst in der Fremde
Hinalternd gelächelt das Glück.


O Schnitter! dein Glück ist ein kurzes,
Schon winkt dir das Abendrot,
Und hinter dir, kalt und finster,
Steht mit der Sense der Tod!


Der Sterbende.


Es stürmte draußen die ganze Nacht,
Vom Himmel strömte der Regen,
Da hat der Sterbenskranken gebracht
Ein Priester den letzten Segen.


Es stürmte draußen die ganze Nacht,
Doch heiter lachte der Morgen;
Da hat auch ihr der Frieden gelacht,
Das glückliche Ziel der Sorgen.


Enttäuschung.


Einst träumt’ ich nur von Ruhm und hohen Ehren
Als noch ich auf der Jugendbrücke stand;
Von dort aus schaut’ ich mein gelobtes Land,
Den Eintritt konnte niemand mir verwehren.


Ich schritt hinein — erfüllt war mein Begehren —
Und grüßt’ es freundlich dann mit Herz und Hand:
Doch welche Täuschung! — was ich darin fand,
Es waren Schlangen meist und gift’ge Beeren.


Und weiter eilt’ ich fort auf meinem Pfade,
Kam bald an einen weiten Ocean,
Dort winkte mir kein freundliches Gestade.


Ich kehrte um — von Trauer fast zerrissen —
Und fragte wieder nach der ersten Bahn,
Doch ach! sie wollte niemand, niemand wissen.

Der Wanderer an der Quelle.


Was hör’ ich rauschen? — Eine frische Quelle? —
Es tönt erquickend an mein Ohr —
O Dank! da sprudelt endlich silberhelle
Ein Wasser aus dem Fels hervor. —


ich nahm den Trunk als ein Geschenk von oben,
Wie Moses in der Wüste that,
Als er, die matte Hand zu Gott erhoben,
Den Höchsten um Erquickung bat.


Das süße Labsal gab mir neue Kräfte,
Die Quelle segnend, eil’ ich fort;
O, möchte schöpfen frische Lebenskräfte
Aus ihr noch mancher Wandrer dort!

Du hast der Schmerzen viele  . . .


Du hast der Schmerzen viele,
Du weinest bitterlich,
Doch aber strahlt die Sonne
Der Liebe mild auf dich.


Dem weichen Sonnenregen
Gleicht deine Thränenflut:
Es trocknet deine Wimper
Der Liebessonne Glut.


Der Sterne Schlaf.


Nun schlafen die Sterne des Himmels ein,
und golden ergießt sich der Sonne Schein.
Die Sterne verträumen den ganzen Tag,
Sie mögen nicht schauen der Menschen Plag’.


Doch wenn des Abends die Sonne verglüht,
Des Friedens Blume dem Menschen erblüht,
Dann reiben die Sterne die Äugelein
Und blicken zur Kammer fröhlich herein.


Der Mutter letzter Wunsch.


Laß, o Kind, mich meine Rose
Noch zum letzten Male sehn!
Hab’ ich doch sie treu beschirmet
Vor des Winters Frost und Wehn.


Seit der Jugend flücht’gen Tagen
Hat sie dankbar mir geblüht,
In des Lebens trüben Stunden
Stets erheitert mein Gemüt.


Blühe, Kind, gleich dieser Rose!
Schütz’ dich Gott vor Frost und Sturm!
Ach, daß nie dein Herz benagte
Bittrer Reue ekler Wurm!


Lebe wohl! und denke deiner
Treuen Mutter allezeit!
Ach, ich muß von dir jetzt scheiden,
Ziehen in die Ewigkeit.


Pflanze du die teure Rose
Auf mein letztes Bett der Ruh!
Pfleg’ sie treu und liebreich immer,
Bis am letzten Ziel auch du!


Auferstehen.


Ein jeder Stern muß untergehn,
Ein jedes Blümlein muß verwehn,
Ein jedes Glück muß einmal scheiden,
Das Herz von Winterstürmen leiden.


Ein jeder Stern von neuem lacht,
Ein jedes Blümlein frisch erwacht,
Ein jedes Glück muß auferstehen,
Das Herz den Frühling kehren sehen!
Auf der Koralleninsel.


Sieh, wie auf dem weiten Weltmeer
Ein Korallenländchen ruht,
Drauf ein kleines Hüttchen stehet,
Rings umbraust von Meeresflut.


Vor der Hütte spielt ein Knäblein,
Von den Eltern treu bewacht;
Frieden strahlt von beider Antlitz,
Und das Kind blickt auf und lacht. —


All das Leid, das sie getroffen
An der Heimat fernem Strand,
Haben sie alsbald vergessen,
Als die Hütte fertig stand. —


Froh und heiter spricht der Vater:
»Herren sind wir dieser Welt!
Klein fürwahr ist sie, indessen
Von der ew’gen Sonn’ erhellt.


Wenn auch uns die Elemente
Hier zu oft Gefahren drohn,
Sind wir doch den größten Feinden,
Menschenlist und Haß, entflohn.


Lange suchten wir den Frieden,
Der uns hier beschieden war —
Möchten glücklich wir erleben
Hier noch manches Friedensjahr.«


Der Schwefel.


Vor Zeiten war der Schwefel
Verachtet und verkannt
Und über diesen Frevel
Zuletzt in Wut entbrannt.


Er sah mit blassem Neide
Das stolze, strahlende Gold,
Weil dessen prächtigem Kleide
Ein jeder Beifall zollt.


Einst hub er an zu schwören
In seinem Ärger und Grimm:
Ich will die Menschen bethören,
Nun geh’ es ihnen schlimm!


Ich werde Schreck und Verderben
Jetzt schleudern in jedes Land;
Gar viele sollen sterben,
Weil mich die Menschen verkannt!


Er schloß mit Salpeter eilig
Und Kohle vereinten Bund;
Dann schwuren sie alle heilig:
»Wir richten Millionen zu Grund!«

 
Sie haben den Schwur gehalten
Und bleiben noch heut ihm treu:
Es zeigt sich ihr feindliches Walten
In jedem Kriege neu.



 

Friede sei mit euch!


Friedensrufe tönen nach Winters Stürmen
Durch die Lüfte, alles umher beglückend —
Lenz auch möcht’ ich künden den Armen, rufend:
        Friede sei mit euch!


An die Reichen, welche des Frühlings Wonne
Ungetrübten Glückes genießen dürfen,
Wendet bittend heute sich meine Muse:
        Denket der Armen!


Dann erst findet ihr im Genuß die Freude,
Die das Herz in wonnigen Frieden schaukelt,
Und ihr hört, wie Segen und Dank der Armen
        Steigen zur Sonne.


Laßt des Eises Rinde von euren Herzen
Schmelzen durch der Liebe beglückend Feuer!
Reicht dem Armen freundlich die Hände, sind wir
        Alle doch Brüder!


Laßt den Stolz, der Herz euch und Sinn versteinert
Lebt zum Wohlgefallen den Menschen allen!
Dann auch ruf’ ich euch und den Armen jubelnd:
        Friede sei mit euch!


Der Vögel Traum.

Eine Fabel.


Zwei Vöglein saßen auf einem Baum,
Die träumten in eisiger Winternacht
Von nahenden Lenzes Lustgeschick.
Doch als sie erwacht von dem holden Traum,
Da schaut’ ihr hoffender Sehnsuchtsblick
Aufs neue des Waldes eisige Tracht.


Das eine der Vöglein rief: »Es trat,
So träumt’ ich, der milde Frühling ins Land;
Der Schnee zerschmolz allüberall:
Es grünte der Wald und des Landmanns Saat;
Die Luft durchzitterte jubelnder Schall,
Die leidige Sorge des Winters schwand.


Und nun ich erwache, bedeckt der Schnee
Die Erde noch immer, ein weißes Gewand;
Aus Norden bläst herüber der Wind, —
Öd’ ist es und schaurig, ein dunkler See.
Wo find’ ich am Bache das spielende Kind?
Wo find’ ich die Sänger aus fernem Land?«


»Sei still, mein Gefährte, der Lenz kommt bald,«
Sprach drauf das andere Vögelein.
»Die Lust, gefunden im Traum der Nacht,
Bald wird sie durchzittern den grünenden Wald!
Mir träumte, wie dir, von des Lenzes Pracht,
Von duftigen Blumen und Sonnenschein.


Es traf mich der goldene Sonnenstrahl,
Nicht deckte den Himmel noch dunkles Grau,
Und wieder erfüllte mich Lebensmut,
Den grausam der finstere Winter mir stahl.
Von neuem entbrannt’ ich in heißer Glut,
Und fröhlich begann ich des Nestes Bau.


Es kamen die Sänger von Süden all,
Um fröhlich zu stimmen der Menschen Brust.
Lenzblumen erwachten in einer Nacht,
Klangjauchzend erhob sich die Nachtigall.
Da sah ich gebrochen des Winters Macht,
Die lange gefesselt das Jauchzen der Lust.


Frei war von eisigen Banden der Quell,
Leis rauschend verfolgt’ er durch’s Thal die Bahn;
Und fröhlich umschlang sich manches Paar,
Von Liebe die Augen erleuchtet hell.
Frohlockend spielte der Jugend Schar
Inmitten der Blumen auf Wiesenplan.


Drum still, du Gefährte! denn unser Traum,
Er wird sich erfüllen in kurzer Zeit;
Wir wollen nicht trauern, des Lenzes Haar
Umlockt mit Eile den Waldessaum.
Komm, laß uns versammeln der Vögel Schar,
Den Lenz, wir verkünden ihn weit und breit!«


So zogen die kleinen Propheten fort,
Den Brüdern verkündend des Lenzes Nahn:
»Frohlockt, denn der Winter, er ist besiegt!«
Kaum hatten die Brüder gehört dies Wort,
Da riefen sie höhnend: »Ihr Träumer fliegt
Von hinnen, verschont uns mit eurem Wahn!


Wir meinen, ihr träumtet nur eitelen Traum;
Wir harren geduldig der besseren Zeit,
Und sprechen den trügenden Hoffnungen Hohn!«
Da flogen auf einen verödeten Baum
Die Armen und riefen in klagendem Ton:
»Erlös uns, o Frühling, von Schmach und Leid!«


Und siehe, nur sieh’, an dem anderen Tag,
Da wehten von Süden die Winde so weich:
Schnee schmolz von dem Ast, und das Stromeis sprang.
Und das weiße Gewand ablegte der Hag;
Bis Rufen der Ahnung die Lüfte durchdrang,
Daß endlich der Frühling errichte sein Reich.


Als drauf verstrichen nur kürzeste Zeit,
Antwortete Lenz, wie ein König, so laut:
»Wach’ auf, was noch schlummert, der Winter flieht!
Ich bin zu dem Einzug festlich bereit
Mit meinem Gefolg aus weitestem Süd,
Den Sängern des Waldes, so zart und traut!«


Die Welt belebte der Sonne Strahl:
Er lockte die Menschen ins Lenzgefild,
Das fröhlich erneute den reichsten Schmuck;
Das Jauchzen der Freude durchhallte das Thal,
Nun selig befreit von des Winters Druck:
Das Bangen der Vögel, es war gestillt.


Da suchten die Vögelchen, welche gehöhnt,
Voll Reue der kleinen Propheten Spur
Und baten sie innig, sie möchten verzeihn!
Als alle die Schwärme darauf sich versöhnt.
Da riefen sie jubelnd in frohem Verein
Dankworte dem Lenze, dem Himmel, der Flur:


»O Frühling, wir danken dir, daß du so bald
Gezogen zu unserer Freud’ in das Land;
Jetzt finden wir wieder, was lang wir vermißt,
Als grimmig zerzauste der Winter den Wald
Mit seines Gefolgs unerbittlicher List,
Durch die uns die Wonne des Lebens entschwand!


Nun öffnen die Herzen sich jeglichem weit
Der strahlenden Sonne, der göttlichen Macht!
Nun freut sich die Welt, die unendliche Welt,
Der milden Geschenke gesegneter Zeit!
Wir danken dir, Frühling, du Siegesheld,
Uns hungernde Vögel auch hast du bedacht!«

Kang - hi.

1.


Kang-Hi, der Chinesenkaiser,
Wollte gerne klar erfahren
An sich selbst, weshalb die Trinker
Meistens sich so toll gebahren.


Einen Mandarin denn hieß er
Eines Tags mit ihm probieren,
Ob sie durch Genuß des Weines
Würden die Vernunft verlieren.


Beide fingen an zu trinken,
Aber schon nach wenigen Zügen
Sah man den Chinesenkaiser
Trunken auf dem Boden liegen.


Doch der Mandarin, noch munter,
Hörte kaum den Kaiser stöhnen,
Als ihm bang ward dieser werde
Sich das Trinken angewöhnen.


Eine Wiederholung also
Solcher Thorheit zu verhüten,
Fing er an mit allem Eifer
Über einer List zu brüten.


Als er sie gefunden glaubte.
Eilt’ er in der Diener Kammer
Und erzählte, wie der Kaiser
Liege jetzt in Katzenjammer.


»Werft,« so sprach er zu den Dienern,
»Von der Trunksucht ihn zu retten,
Mich sofort in ein Gefängnis,
Angethan mit schweren Ketten.


Wenn er euch dann fragen sollte,
So behauptet ohne Zagen,
Daß er selbst befohlen habe,
Schnell in Ketten mich zu schlagen.«

2.


Als der Kaiser der Chinesen
Seinen Taumel überwunden,
Staunt’ er, daß von seiner Seite
Jener gute Freund verschwunden.


Doch die Diener, die er fragte,
Was mit selbem vorgegangen,
Sprachen: »Wie du, Herr, befohlen,
Liegt der Mann im Turm gefangen.«

 
Tiefverwundert blieb der Kaiser
Und wie festgewurzelt stehen,
Endlich aber sprach er zaudernd:
»Ruft ihn her, ich will ihn sehen!«

3.


Kam der Mandarin gefesselt,
Und die schweren Fesseln klangen.
Ihn sofort befrug der Kaiser,
Wie er sich am Hof vergangen?


»Ach, ich weiß nicht,« sprach er grämlich,
»Welches Unheil ich verbrochen:
Ach, mein Todesurteil haben
Eure Majestät gesprochen!«


Wiederum bestürzt und sprachlos
Blieb der arme Kaiser stehen.
Bis er Worte fand, zu fragen:
»Konnte, konnte das geschehen?«


»Nehmt«, befahl er seinen Dienern,
»Meinem Liebling ab die Ketten;
Vor des Rausches schnellen Folgen
Kann sich keine Seele retten!«

 
Und von Stund’ ab, wenn der Kaiser «
Sah die Goldpokale blinken,
Schwur er, nun und nimmer werd’ er
Sich ein zweites Räuschchen trinken.


Der Bursch auf der Schmücke.


Es breitet tiefe dunkle Nacht
Sich über Flur und Wald;
Der Nordwind stürmt mit wilder Macht,
Öd’ ist es rings und kalt.


Der Schnee bedeckt mit weißem Kleid
Die Höhen und das Thal.
Ach, ist in kalter Winterzeit
Das Wandern eine Qual! —


»Kommt, öffnet mir das Thor, Herr Wirt,
Und nehmt mich auf als Gast!
Ein armer Bursch im Walde irrt,
O, gönnt ihm Speis’ und Rast!«


»»Du, Bursche, flehst umsonst da drauß,
Nicht stör’ mir meine Ruh!
Ich öffne nimmermehr mein Haus
Den Burschen, arm wie du.««


»Ach, guter Wirt, erbarmt euch mein!
Es stürmt der Wind, es schneit.
Ich will ein stiller Gast euch sein —
Das Dorf ist noch so weit.« —


»»Spar’, Bursche, deine Worte dir;
Dich nehm’ ich nicht als Gast!
Im Dorfe such’ dir ein Quartier,
Wenn du noch Batzen hast.««


»Ach, guter Wirt, das Dorf ist weit —
Ich kann nicht fürder gehn!
Es stürmt der Wind, es friert, es schneit —
Laßt nicht umsonst mich flehn! —


Habt ihr kein Bett, so gönnet mir,
Im Stall die nächt’ge Ruh!
Sonst schließt der Frost für immer hier
Noch heut das Aug’ mir zu.


Nehmt alles, was mein eigen ist —
Ach, Herr, seid gut und mild!
Ich bin ein braver Bursche, wißt,
Mein Segen stets euch gilt!


O, kennt ihr nicht des Wandrers Qual
Der sich im Wald verlor? —
Habt ihr im Leben nie einmal
Gefleht vor fremdem Thor? —


Hat euch noch nie gequält ein Leid,
Das tief ins Herz euch drang? —
Es stürmt der Wind, es friert, es schneit —
Mir wird so weh, so bang!«


Vergebens ist des Wandrers Flehn,
Kein Retter ihm erscheint —
Und zitternd bleibt der Arme stehn,
Und ruft und klagt und weint. —


Die Sonne steigt voll Glanz empor,
Der harte Wirt erwacht;
Er schreitet an des Hauses Thor,
Denkt nicht der letzten Nacht.


Die Sonne steigt voll Glanz empor.
Der Wirt ins Freie tritt.
Es liegt ein Leichnam vor dem Thor —
Der Bursch den Tod erlitt.


Die Sonne steigt voll Glanz empor.
Doch dich, du harter Mann,
Der für den Schmerzensschrei kein Ohr,
Sie nie erfreuen kann!

Der Krüppel.


Dort im Palaste hör’ den Ruf der Freude!
Man scherzt und singt, man trinkt den klaren Wein.
Dort im Palaste, hör’ den Ruf der Freude!
Ach, laßt mich armen Mann als Gast hinein!


Ich bin vereinsamt, fern von Glück und Liebe,
Ich finde täglich kaum mein trocknes Brot;
Ich bin vereinsamt, fern von Glück und Liebe,
Ihr Reichen, speist mich, sehet meine Not!


Ich stehe hier und finde keine Heimat,
Und finde keine Ruhe Tag und Nacht;
Ich stehe hier und finde keine Heimat,
Mir hat das Schicksal niemals Glück gebracht.


Dort fährt heran des Reichen prächt’ger Wagen,
Es steigt ein Brautpaar reichgeschmückt heraus;
Dort fährt heran des Reichen prächtiger Wagen,
Es treten zwei Beglückte hier ins Haus.


Ich bin ein Krüppel, wanke durch die Straßen,
Mich fährt kein Wagen, und mir dampft kein Mahl;
Ich bin ein Krüppel, wanke durch die Straßen,
Nicht Freude kenn’ ich, nur der Armut Qual.


O Sonne sag’, wo kann ich Frieden finden?
Find’ ich auf Erden keinen Ruheort?
O Sonne sag’, wo kann ich Frieden finden
Vom fernsten Süden bis zum höchsten Nord?

An die Akten.


O gönnt den Kindern Freiheit, frohe Spiele,
Und knechtet nicht den frischen Jugendgeist!
Es währt nicht lang, so kommen sie zum Ziele,
Das ihnen Sorgen, Ernst und Müh’ verheißt.


Ich seh’ die Alten oft den Kindern grollen,
Wenn Jubel laut aus ihren Kehlen tönt.
O nicht doch! Laßt sie scherzen, jubeln, tollen,
Und weh euch, wenn ihr sie dem Spiel entwöhnt!


So mancher will aus Knaben Herrchen schaffen;
Sie sollen ernst sich zeigen, voll Verstand.
Doch seh’ ich recht? — Sie ahmen nach gleich Affen,
Und kluge Kinder werden sie genannt.


Versetzt euch in den Geist der heitern Jugend!
Sie denkt im Alter noch der schönen Zeit.
Laßt wandeln sie den Pfad der reinen Tugend.
Doch raubt ihr nicht die Lust, die Fröhlichkeit!


Ja, gönnt den Kindern Freiheit frohe Spiele,
Und knechtet nicht den frischen Jugendgeist!
Es währt nicht lang, so kommen sie zum Ziele,
Das ihnen Sorgen, Ernst und Müh’ verheißt.


Katzenschlauheit.

Eine Fabel.


»Ei,« sprach die Katze zu der Maus,
»Du hast im Keller Speck gestohlen,
Soll dich doch gleich der T . . . . . holen!
Zur Strafe dienst du mir zum Schmaus!« —
Die Katze hatte kaum gefressen
Die Maus, da rannte wie besessen
Zur Küche sie, und als sie fand,
Daß niemand ihr im Wege stand,
Riß sie vom Tisch die schönste Taube
Und rannte fort mit ihrem Raube. —
Und die Moral von der Geschicht’:
Der große hängt den kleinen Wicht.

Die verdrehte Welt.


Die Welt ist ganz verdreht fürwahr,
Das kann man täglich sehen,
Doch scheint der Grund mir offenbar,
Weil an ihr alle drehen.


Der eine will sie gerne krumm,
Der andre grad und eben;
Es wünscht sie dieser herzlich dumm,
Der will ihr Klugheit geben.


Der eine Teufel aus uns will,
Ein andrer Engelmachen;
Doch ich beschau’ die Welt mir still
Und möchte herzlich lachen.


Sie dreht sich lustig fort und fort
In ihren verdrehten Gleisen:
Im Wind verhallt des Narren Wort
Und auch das Wort des Weisen.


Des Kindes erster Schmerz.


Nach dem Englischen der Felicia Hemans.
 


»O, ruft den Bruder mir zurück!
Kann spielen nicht allein.
Der Sommer naht mit heitrem Blick —
Wo mag mein Bruder sein?


Mir winkt im hellen Sonnenlicht
Des bunten Falters Pracht,
Doch mag ich jetzt ihn haschen nicht,
Weil mir kein Bruder lacht.


Die Blumen schaun im Garten mein,
Wie früher, bunt und hell;
Am Rebenstocke schwillt der Wein —
O, ruft den Bruder schnell!« —


»Nicht hört er dich, mein Knabe gut,
Nie kehrt er dir zurück!
Sein Antlitz, einst wie Milch und Blut,
Schaut nie der Menschen Blick.


Ein kurzes Leben reich an Lust
Dem Bruder ward zu teil —
Mein Kind, allein du spielen mußt!
Ihm winkt des Himmels Heil.« —


»Er floh die Blumen, den Gesang?
Läßt mich vergebens flehn?
Und diesen ganzen Sommer lang
Soll ich ihn nimmer sehn?


Am Bach und auf dem Wiesenplan
Kein Glück es fürder giebt? —
Halt’ ich, als wir uns spielend sahn,
Ihn treuer doch geliebt!«


Des Dichters Vorzug.

Nach dem Französischen des P. Corneille.


Wenn arm ich auch durchs Leben wandre,
Und bin ich häßlich von Gestalt,
Umgiebt mich doch mehr Reiz als andre,
Stets bleibt mein Reiz, nie wird er alt.


Auch andern, die ich lieb’ und ehre,
Vermag ich Reize zu verleihn,
Und wenn ich heut ihr Bild verkläre,
Es wird doch stets dasselbe sein.


Wenn einst nach vielen, vielen Jahren
Die Menschen lauschen meinem Lied,
Dann wird sich frisch doch stets bewahren
Dein Bild, das mit dem Lied erst flieht.

Die Blume.

Nach dem Französischen des Millewoye.


Die traute Blume, die noch gestern
Froh blühte hart an Baches Rand,
Sie schied von ihren bunten Schwestern,
Der Sturm, er trieb sie in den Sand. —


Auch unserm Leben Stürme drohen,
Vor ihnen niemand uns bewahrt.
Es blieben keinem Lebensfrohen
Des Leidens Stürme noch erspart. —


Die Schäferin, die jüngst gesehen
Die Blume, hat bei sich gedacht:
»Am nächsten Morgen wird sie stehen
In ihrer vollen Farbenpracht.«


Doch als sie morgens kam, zu pflücken
Die Blume dort an Baches Rand,
Mit ihr des Liebsten Brust zu schmücken,
Da lag geknickt sie tot im Sand.


Sie schritt betrübt des Weges weiter,
Doch blieb ihr noch ein süßer Trost:
Der schöne Schäfer, treu und heiter,
Der immer innig sie gekost.

Das Zauberland.

Nach dem Englischen des Owen Meredith.


Hoch überm Meer und überm Wald
Kühlt voller Südwind Stirn und Hand,
Und leis zu uns herüber schallt
Musik, so weich, vom Zauberland.


Hoch überm Wald und überm Meer
Wird duft’ger noch die prächt’ge Nacht;
Der Himmel droben wolkenleer
Entzückt das Herz mit Zaubermacht.


So flieht die Nacht — der Morgen graut —
Der Elfen Harfe zaubrisch klingt —
»Italia« der süße Laut,
Von Meer und Wald herüberbringt.


Der Regentag.

Nach Longfellow.


Der Tag ist kalt und trüb und traurig.
Es regnet, und der Wind weht schaurig;
An morscher Mauer der Wein sich noch hält,
Doch im Winde das Laub, das tote, fällt.
    Und der Tag ist trüb und traurig.


Mein Leben ist kalt und trüb und traurig.
Es regnet, und der Wind weht schaurig;
Noch hält sich mein Geist an entschwundener Zeit,
Doch die Träume der Jugend, sie flohen so weit
    Und die Tage sind trüb und traurig.


Sei still, o Herz, und laß dein Klagen!
Die Sonne wird die Wolken verjagen!
In gleichem Schicksal wir alle sind:
Ein jedes Leben kennt Regen und Wind
    Und Tage trüb und traurig.

Der Pfeil und das Lied.

Nach dem Englischen des Longfellow.



Ich schoß einen Pfeil in die Luft, so hoch,
Doch wußt’ ich nicht, wo er zur Erde flog;
Schnell war er entschwunden meinem Gesicht,
Es konnte dem flüchtigen folgen nicht.


Ein fröhliches Lied in die Luft ich sang,
Nicht wußt’ ich, wo’s wieder zur Erde drang.
Denn wessen Blicke sind scharf genug,
Zu folgen klingenden Liedes Flug? —


Im Stamme der Eiche fand ich zuletzt
Den flüchtigen Pfeil noch unverletzt;
Das Lied aber fand ich zu meiner Lust
In eines treuliebenden Freundes Brust.


Hast du gesehn die Thräne nicht.

Nach Thomas Moore.

Hast du gesehn die Thräne nicht,
Die meinem Aug’ entquoll?
Hast du gehört den Seufzer nicht.
So schwer und gramesvoll?
Und wähnst du, daß ich, allzukalt,
Nicht liebe dich allein?
Kannst — immer zweifelnd — du verschmähn
Ein Herz, das stets nur dein?


Nur du bist meiner Seele Licht,
Dich lieb ich treu und warm;
Darf dir ich nicht mein Leben weihn.
Bin elend ich und arm!
Wenn dein Vertrauen ich verlor —
Willst du noch prüfen mich?
Nur eine Prüfung bleibt mir dann:
Ich segne sterbend dich.


Ich lag in Sorge, tief bekümmert.

Nach dem Englischen des Charles Makay.


Ich lag in Sorge, tief bekümmert,
Und klagt es einem reichen Lord;
Sein Blick war kalt — er gab mir Gold,
Doch nicht ein gütig Wort. —
Mein Leid verschwand — ich gab zurück,
Was mir der Mann geliehn;
Dann sprach ich meinen Dank ihm aus,
Mein Lob, und segnet’ ihn.


Ich war verarmt und krank zugleich,
Ein armer Mann erfuhr die Not,
Der kam zu mir und pflegte mich
Und reichte mir sein Brot. —
Wie soll ich nun vergelten ihm.
Was er mir dargebracht?
Schön ist das Gold, doch schöner ist
Der Freundschaft heil’ge Macht!


Grausamkeit.

Nach dem Schottischen des Robert Burns.


Wie herzlos sind die Eltern,
Wenn sie nur sehn auf Gold
Und einem Gecken geben
Die Tochter lieb und hold!
Ach, solch ein armes Mädchen,
Es hat nur eine Wahl:
Der Haß des Vaters wird ihm hier
Und dort der Ehe Qual.


So wohl vor einem Falken
Die Taube zu fliehen sucht;
Nach einem milden Schutze
Sie in die Weite lugt;
Doch schutzlos, todesmüde,
Das arme Täubchen irrt,
Bis einem bösen Falkner
Zum Raub es endlich wird.



Epigramme und Sinngedichte.

Falsche Beschuldigung.


Ihr sagt, ein Geizhals sei Herr Hippe,
Und zeigt dabei auf seine dürren Knochen?
Mit Unrecht! schenkt er sein Gerippe
Dem Teufel doch, dem er es hat versprochen.

Einem Dichter.


Willst werden du ein vielgelesner Dichter,
So sei du selber deiner Werke Richter:
Posaun’ sie aus in jeder Zeitung,
Dann finden sicher sie Verbreitung.

Logischer Schluß.


Entschiedner Fatalist ist Schlauch, o denkt,
Er glaubt an höheres Verhängnis,
Weil viele Strafen über ihn verhängt,
Die ihn geführet ins Gefängnis.

Traurige Wahrheit.


Wenn alle Schurken groß und klein
Im Kerker fänden den verdienten Lohn,
An Kerkern müßt’ die Welt allein
Besitzen eine Million.

Auf einen Gecken.


Er liebt so herzlich seinen Spiegel,
Er steht den ganzen Tag davor,
Er schaut entzückt nach einem Affen,
Nach seinem Bild, der arme Thor.


O hätt’ er lieber einen Spiegel,
Der ihm sein innres Bildnis weist.
Damit er sähe, daß ein Affe
Kein Herz besitzt, geschweige Geist.

Vertrauen in andere.


Treu und Glauben
Laß dir nicht rauben,
Aber vertraue
Auch nicht ins Blaue.

Reinstes Glück.


Willst finden Freude, Glück und Frieden,
So muß dein Herz dem Armen schlagen!
O, dann wird wahrlich schon hienieden
Sein Dank dich in den Himmel tragen.


Gegenseitigkeit.


Die Welt, sie will belügen
Durch eitlen Glanz und Schein,
Die Welt, sie will betrügen
Und will betrogen sein.

Gleichnis.


Dem Wandrer gleich, der noch die Stadt vor Abend
                 will erreichen,
Sei du, o Mensch! Es naht die Nacht, der Tag wird
                 bald entweichen!

Gegenseitige Treue.


Glück dir, wenn ein Diener dir ward voll redlicher
Treue:
Segen ersprießet dem Haus, wenn er die Treue bewährt.
Aber es blüht dein Glück erst recht, wenn immer in
Liebe
Treu du der Treuen gedenkst, welche dich liebend
umstehn.

Des Herzens Güter.


Glauben, Liebe, Treue gleichen
Sonnenschein und Himmelsblau,
Und die Thränen, die sie weinen,
Sind wie klarer Morgentau.

Wahre Freude.


O Herz, wie kannst du immer
An deine Freude denken!
Willst du sie wahrhaft haben,
Mußt du sie andern schenken.