ngiyaw-eBooks Home

Julius Meier-Graefe – Meine erste Pariser Reise

Reisebeschreibung

aus: Almanach des Verlages R. Piper & Co., München, 1904 - 1914

Als ich das erste Mal herkam, nun, das ist lange her. Ich könnte die Zeit nicht nach Jahren bezeichnen. Es war in einer Traumzeit. In der gab es viele wundervolle Dinge, von denen ich heute im einzelnen keine Ahnung mehr habe, aber die ich immer noch als ein himmlisches Ganze, das gar nicht teilbar war, spüre. Der feste Boden dieser wundervollen Dinge, sozusagen ihr Lokal, war Paris. Bei anderen ist es Homer oder der alte Fritz oder Amerika. Ich will gegen alle diese Lokale nichts sagen, behaupte aber natürlich, daß das meine besser ist und möchte mich, ohne auf Beweise oder dergleichen einzugehen, zunächst nur gegen die Annahme verwahren, das sei eine rein persönliche Geschmacksfrage. Ich weiß zum Beispiel, daß vielen meiner Mitschüler Breslau oder Berlin das gleiche Lokal war, von früheren Stadien nicht zu reden, in denen man Coopers Lederstrumpf dafür nahm. Abstrakt betrachtet, mag mein Paris etwas ganz ähnliches gewesen sein wie das Breslau und das Berlin und der Lederstrumpf anderer Jungen, aber schließlich kann man auch aus einem Matjeshäring das Lokal machen oder aus einer Hundehütte. Es ist aber wohl nicht zu kühn, anzunehmen, daß, auch abgesehen von der Subjektivität, zwischen diesen Lokalen Unterschiede bestehen, wenn es mir auch sehr fern liegt, jemandem die Seligkeiten seiner Hundehütte auszureden. Es kommt auf die Eignung an. Es gibt Leute, die sich alle Jahre ein neues Lokal suchen. Von denen behaupte ich, daß sie nie eines besessen haben. Und was bleibt ihnen übrig, als zu wechseln, wenn sie auf Hundehütten oder dergleichen fallen? Das Lokal muß von vornherein groß genug, auf Wachsen berechnet sein, und doch nicht so groß wie der liebe Gott, denn dann verliert man sich. Überhaupt scheint es gut, daß man weiß, wo es wenigstens ungefähr zu finden ist. Die ganz abstrakten Lokale, die zumal für ältere Leute manche Vorteile haben, sind bei uns sehr beliebt, aber haben ihre Schattenseiten, wie die Geschichte Deutschlands wiederholt bewiesen hat.

Ich sprach Paris als strenges Oxytonon aus mit einem scharfen S am Ende, und zuweilen hing ich noch mehrere S daran, je nach den Umständen, zum Beispiel wenn ich mit meinen Freunden über die wenig erquicklichen Verhältnisse in der Obersekunda sprach. Verschiedenen Mädchen sagte ich, ich sei dort geboren. Sie können sich denken, wie das in Klodnitz wirkte. Es genügte schon sehr reichlich, aus Breslau zu sein. Paris war sogar ein wenig übertrieben.

Ich lebte lange hier, bevor ich hierherkam, als junger Held, der arm an Mitteln, aber reich an Energie und Ideen die Riesenstadt betritt. Ich kämpfte mit Paris, es brachte mich an den Rand des Abgrundes, aber ein paar Minuten vor dem Untergang besiegte ich es, und es legte sich mir zu Füßen. Ich erinnere mich nicht mehr, wie das alles im Einzelnen vor sich ging. Es war etwa so wie in den Büchern, aber schließlich las ich so viele, daß es mir eigentlich gar nicht möglich war, mich mit so vielen Schicksalen zu identifizieren. Ich möchte sogar gerade das als das Schöne hinstellen, diese Unabhängigkeit von Einzelheiten. Denkt man etwa bei seiner ersten Liebe an solche Spitzfindigkeiten? Man vereinigt sich mit dem angebeteten Wesen I und fertig. Übrigens dachte ich sehr keusch an Paris. Nie, ich schwöre es, habe ich an den Klodnitzer Unfug dabei gedacht. Nie kamen mir Pariser Frauenzimmer-Geschichten in den Sinn. Ich war ein lasterhafter Bengel und machte Eltern und Lehrern das Leben sauer. Aber das war alles nur in Klodnitz, wo man schließlich nichts anderes zu tun hatte. Wenn mir Pariser Frauen vorschwebten, so waren sie so etwas wie die Putten um Heinrich den Vierten, die Begleiter der Gloria, nichts anderes. Sie hielten den leuchtenden Metallschild. Aber in dem Metall spiegelte sich kein irdisches Wesen, sondern meine heldenhafte Zukunft. Ich war nichts als Held in Paris, ein Held ohne Einzelheiten, ohne Spitzfindigkeiten. Es ist merkwürdig, daß man so ein Gefühl unangreifbar in sich tragen kann, ohne es mit Wahrscheinlichkeiten speisen zu müssen. Meine Eltern wohnten auf dem Lande. Klodnitz war ein Nest von 8000 halbpolnischen Menschen. Auf unserer Übersiedelung vom Rhein nach dem Osten hatten wir uns ein paar Tage in Dresden aufgehalten, und ich kannte Breslau. Darauf beschränkten sich meine Erfahrungen von der Großstadt. Und trotzdem hatte Paris durchaus nichts von Dresden oder Breslau, geschweige von Klodnitz. Ich machte mir kaum klar, daß es auch eine Stadt mit Häusern war, noch viel weniger, daß man einmal diese Häuser gebaut hatte, so wie man in Klodnitz die neue Landesbank und das Rathaus baute. Nun, es wird mir wohl nicht gelingen, Ihnen klar zu machen, wie ich mir Paris dachte, denn ich weiß es heute selbst nicht mehr. Ich habe nur auch heute noch jenes ganz herrliche dunkle Gefühl von Paris, als ich noch nie hier gewesen war. Ich weiß nicht einmal, ob heute, wo ich Paris kenne, mein Eindruck wesentlich anders ist. Er beruht heute auf Dingen, von denen ich damals keine Vorstellung hatte. Die Einzelheiten sind gekommen, tausende von tausenderlei Art, schöne, häßliche, erhabene, lächerliche. Ich habe hier allerlei durchgemacht, viel Dummes und anderes, und zum Heldentum, Gott sei es geklagt, bin ich nicht gekommen. Sie lächeln und nicken, die Wirklichkeit, die Prosa. Ach nein, entschuldigen Sie, so ist es nicht gemeint. Sie haben durchaus keinen Enttäuschten vor sich. Von Desillusionen oder dergleichen ist keine Rede. Mein Heldentum war Unsinn, das ist richtig. Machen Sie dafür die Herren Ohnet, Daudet und die anderen, die in Klodnitz zu haben waren, verantwortlich und die Mädchen in Klodnitz und die ganze verdammte Plackerei auf der Schule und auf der Bude. Das Heldentum von Paris aber — o, wissen Sie, darüber denke ich heute noch weit phantastischer als damals, und mit Belegen, mit ganz sicheren, greifbaren Argumenten, mit all den hunderttausend Einzelheiten, von denen ich damals keine Ahnung hatte. Als Zuschauer, höhnen Sie. Und da meinen Sie nun, mich so richtig abzutun. Ja, als Zuschauer. Und sehen Sie, das finde ich das Fabelhafte, das ganz und gar Phantastische von Paris, daß man hier als Zuschauer Teil an dem Heroentum haben kann. Sehen Sie, das ist ja der einzige Unterschied zwischen Paris und Breslau und den anderen Lokalen. Es ist vielleicht nicht so etwas Ungeheueres, sich in Klodnitz zu einem Heldentum zu erheben, oder in einer Hundehütte, oder vor einem Matjeshäring. Ich glaube, es ist nicht etwas sehr Tolles in Berlin, ja nicht einmal in Paris. Schließlich gibt es allerlei Helden und man kann sich immer trösten. Aber daß das andere heldenhaft wird, das Lokal, verstehen Sie, daß die Luft, die Sie umgibt, alles, was sie berühren durch tausend Einzelheiten und trotz tausend Einzelheiten zu etwas Heldenhaftem wird, dem Sie mit allen Spitzfindigkeiten nicht nahe kommen, nun, das sollen Sie mir einmal in Klodnitz nachmachen. Heldenhaft ist natürlich nur ein Wort. Ich versteife mich nicht darauf, meinetwegen kann man es auch ganz anders nennen. Ich meine das Jenseits von den Einzelheiten, das nicht totzukriegen ist.

Meinetwegen das Historische aber mit dem Sinn, daß es nie und nimmermehr historisch wird, sondern ganz lebendig da bleibt, hier zum Vorschein kommt, dort, immer, wo man es am wenigsten ahnt, und alles, das Höchste sogar, zu etwas Relativem von dieser Stadt macht. Ich möchte ja nicht exemplifizieren, um nicht zu verkleinern, denn das Sichtbare ist nur ein ganz winziger Teil des Vorhandenen. Alle aus der Sache selbst gewonnenen Exempel würden immer nur um die Sache herumgehen, sie nicht fassen, wenigstens nicht ihre Grundeigenheit, auf die es ankommt. Paris hat keine Einzelheiten. Wenn man etwas von ihm sagen will, müßte man von etwas ganz anderem reden. Und deshalb hatte ich als Junge, als ich noch nie hier gewesen war, mit meinem Eindruck gewissermaßen ganz recht. Paris hat keine Einzelheiten. Wenn mir gelänge, diesen einzigen, winzigen Satz, der noch dazu etwas Negatives enthält, so recht klar zu machen, würde ich etwas durchaus Treffendes von Paris sagen, etwas, das Paris vor allen Städten voraus hat. Alle anderen Unterscheidungen treffen nicht den Kern. Ist es schöner als andere? Möglich, sehr möglich. Enthusiasten behaupten, es sei die einzige Stadt, die anderen Metropole seien große Dörfer. Auch das ist möglich, und es sagt schon etwas mehr, aber ist doch im Grunde nur eine konstruierte Einzelheit, eine Nebensache. Was kümmert uns, was Paris für den Städtebau bedeutet! Gerade so gut könnte man glauben Michelangelo mit seiner Beziehung zum Barock, Göthe mit seiner Beziehung zur deutschen Sprache erschöpfen zu können. Ja, ich möchte fast, Sie erraten es, Paris in die Reihe jener Begebenheiten rücken, die sich für uns nur in der Hülle großer Menschen darzustellen pflegen. Natürlich kann ich das nicht beweisen. Es wäre entsetzlich lächerlich und miserabel, entsetzlich kompliziert. Man müßte von der Hundehütte ausgehen und von Klodnitz oder Breslau. Man müßte jenen Begriff des Lokals für wunderbare Dinge feststellen, der mir auf der Schule vorschwebte. Man müßte ganz unbeweisbare Dinge beweisen, das Schöne und Edle, das Gute, Gott und den Teufel und wer weiß, was sonst noch. Vor allem müßte man das Menschliche beweisen. Hier berühren wir den wesentlichen Punkt. Hat man das Menschliche, so hat man Paris. Das ist sicher. Ich behaupte, daß das eine ohne das andere nicht denkbar wäre, daß das Menschliche ohne Paris kein Lokal hätte, ja nicht einmal eine Haut. Die Behauptung, man könne einen Menschen nach seinem Verhältnis zu Paris beurteilen, ist eine ganz nackte, höchst einfache Tatsache.

Nun will ich aber doch erzählen, wie es wirklich das erste Mal, an das ich mich erinnere, war. Meine Eltern hatten mir eine Ferienreise an den Rhein geschenkt, weil mein Zeugnis besser als gewöhnlich gewesen war und ich unmittelbar vor dem Abiturium stand. Ich sollte den Rhein hinauffahren und dann auf dem Rückweg Freunde der Eltern in Düsseldorf besuchen. Ich muß gleich sagen, daß mir zunächst nichts Schlimmes dabei in den Sinn kam. Es war mir eigentlich ganz gleich, ob es an den Rhein ging oder anders wohin, wenn es nur recht weit von Klodnitz war. Ich liebte über alles lange Bahnfahrten. Eine kleine Nebenabsicht hatte ich dabei. Bei meinem Vater war ein junger Mann als Beamter, und zwar als Chemiker, der vom Rhein stammte und jetzt gerade in Mainz eine Übung als Offizier abmachte. Mit diesem Mann, er hieß Fritz von Deuß, verband mich eine sonderbare Freundschaft. Ich liebte ihn. Er war reichlich ein Dutzend Jahre älter als ich, ein sehr stolzer Mensch, trotz seiner kleinen Verhältnisse sehr nobel in seinem Auftreten, ein verkappter Prinz. Er gab sich nicht viel mit den anderen Leuten des Nestes ab, hatte in allem was er tat, etwas Edelmännisches, was mir über die Maßen gefiel, und er war es, der mir meine leidenschaftliche Liebe zum Soldatenstand beigebracht hatte. Ich wollte auch Offizier werden, weil es mir sehr schön erschien, mit solchen edelmännischen Menschen immer zusammen zu sein. Übrigens hatte er schon deshalb meine ganze Liebe, weil er mich wie einen Erwachsenen behandelte, während alle anderen es geradezu darauf anlegten, mich merken zu lassen, daß ich nicht zu ihnen gehörte. Er sagte mir sogar, dessen bin ich sicher, Dinge, die kein anderer wußte, denn im allgemeinen war er sehr zugeknöpft. Ich saß manchen Abend bei ihm, trank den Wein, den er vom Rhein — seine Eltern hatten ein kleines Weingut — geschickt erhielt, und wir sprachen sehr viel zusammen. Was es eigentlich war, worüber wir sprachen, ist mir entfallen, ich weiß nur, daß es immer voll von Begeisterung war. Meinem Vater war der Verkehr mit Herrn v. Deuß nicht angenehm, da er mich um keinen Preis Soldat werden lassen wollte und Deuß als Chemiker nicht sehr hoch schätzte. Um mir die Soldaten-Idee auszureden, hatte er mich sogar einmal in den Herbstferien zu meinem Onkel Karl geschickt, der ein alter Major war. Aber ich hatte den Zweck dieses Ferienbesuchs nicht einmal gemerkt. Die Tage in Mainz waren wunderbar. Man muß sich vorstellen, daß ich den ganzen Tag mit lauter Offizieren zusammen verbrachte. Ich war der einzige, der keine Uniform trug. Es wurde sehr viel von dem herrlichen Wein getrunken, und ich befand mich immer in einem himmlischen Nebel, der übrigens meinen geistigen Kräften durchaus keinen Abbruch tat. Eines Abends beschloß man, in Zivil zu bummeln. Wir gingen in ein kleines Restaurant, das nach hinten, ganz abgeschlossen nach allen Seiten, einen hübschen Garten hatte. Die Nacht war wunderbar. Es war sozusagen die letzte Nacht einer sonderbaren Periode meines Daseins, und ich werde sie nie vergessen. Wir saßen unter freiem Himmel und sangen und tranken. Ida liebte namentlich das Lied vom Grafen von Rüdesheim, hatte eine leidliche Stimme und wußte mit gutem Schwung zu singen. Den Grafen von Rüdesheim mußte ich in jener Nacht mehreremals wiederholen. Das Schöne war, daß ich mich, da die anderen nun auch in Zivil waren, sozusagen ganz zu ihnen gehörend betrachten konnte. Ein Leutnant trank sogar mit mir Brüderschaft. Nur Deuß wurde mit der Zeit immer stiller. Er konnte so eine Art Traurigkeit haben. Das liebte ich sehr an ihm und wußte, womit es zusammenhing. Ich freute mich, etwas Gemeinsames mit ihm zu haben, von dem die anderen nichts ahnten. Denn sicher hatte er nie mit ihnen darüber gesprochen. Ich war auch in Hildegard Lehnert verliebt, das einzige wirklich wertvolle Wesen des Klodnitzer Kränzchens, das eher in ein Jagdschloß als nach Klodnitz gehörte; und, während es mich überaus schmerzte, sie mit irgend einem Menschen auch nur sprechen zu sehen, war ich von jeder Eifersucht auf Deuß vollkommen frei. Das kam alles dazu. Wir blickten uns manchmal an und tranken auf sie, ohne etwas zu sagen. Jeder von uns wußte, was gemeint war. Die Nacht verging unter diesen herrlichen Empfindungen, und morgens gegen sieben machte einer den Vorschlag, nach Rüdesheim zu fahren und zum Niederwalddenkmal hinaufzugehen. Die Idee gefiel allen, ich wäre nur gern noch viel weiter gefahren. Wir gingen an den Bahnhof, ich Arm in Arm mit Deuß und dem Leutnant, meinem Dutz- bruder. Es war so eine rechte Rheinstimmung, man fühlte sich fähig, zehn Tage so weiter zu schwärmen, ohne ins Bett zu gehen. Jeder hatte glückliche oder wenigstens erhebende Gedanken, edelmännische Gedanken, und Deuß nahm Billets erster Klasse. Als wir auf den Perron gingen, fiel zufällig mein Blick auf eine Tafel mit der Inschrift: Extrazug nach Paris 11 Uhr 30. Ich sehe die Tafel noch ganz genau vor mir. Die Worte waren in Druckschrift mit Kreide geschrieben, weiß auf schwarz. Darunter stand der Preis in der III. Klasse, es war ganz lächerlich billig, ich glaube, so etwas wie 20 Mark. Wie ein Blitz ging es mir durch den Kopf, so heftig, daß ich unwillkürlich dem Leutnant, der mir zur Rechten ging, in den Arm kniff. Als er mich ansah, machte ich einen Witz und lachte blödsinnig. Es war mir sofort klar, die Sache mußte vor den anderen verborgen werden. Ich hätte etwas darum gegeben, jetzt in einem leeren Zimmer fünf Minuten herumlaufen zu können, um zu überlegen, aber wir mußten uns beeilen, in den Zug nach Rüdesheim zu kommen. Ich stolperte, als ich einstieg. Es war sonst meine Leidenschaft, erster Klasse zu fahren. Es gab eigentlich nichts Schöneres, ganz abgesehen davon, ob man von Klodnitz nach Rudnitz oder von Mainz nach Rüdesheim fuhr. Eine Vorliebe hatte ich für die durchgehenden Züge mit interessanten Reisenden. Diesmal fehlte mir für alles das das rechte Gefühl. Ich saß in einer Ecke, die Hand in der Hose, die Finger im Portemonnaie, und suchte abzutasten, wie viel Geld noch darin war. Auch die anderen wurden auf der Fahrt immer stiller, und Deuß, der neben mir saß, schlief ein. Sie sahen alle übernächtig und verdrießlich aus. Dann und wann versuchte einer mit ein paar Brocken die schöne Nachtstimmung fortzusetzen. Mir war das geradezu eine Pein. Nichts von alledem vertrug sich mit dem drängenden Gefühl in mir. Ich hatte unerträglich heiß, hätte am liebsten das Dach des Coupés, meine Kleider und womöglich meine Hirnschale abgenommen. Auf das gegenüber laufende Rheinufer starrte ich wie auf Buchstaben und wußte nicht, ob ich die Fahrt beschleunigen oder verlangsamen sollte. Selbst Deuß wurde mir unangenehm. Er schnarchte laut und hatte einen dummen Zug um den Mund. Mit trockener Zunge versuchte ich dem Leutnant, mit dem ich mich duzte — ich versprach mich aber jedesmal — klar zu machen, wie dumm eigentlich der ganze Ausflug sei. Er gab mir vollkommen recht, sein zweites Wort war immer: daran kann nicht gezweifelt werden. Gleich darauf schlief er ein. Ich war schließlich nur noch ganz allein munter. Oh und wie munter. Es hämmerte, tobte in mir. Ich nahm richtig meine Börse heraus und zählte ganz offen meine Barschaft. Ein paar Groschen fielen mir herunter und ich mußte sie zwischen den Stiefeln und unter den Sitzen zusammensuchen. Nach der Ankunft in Rüdesheim wurde ausführlich gefrühstückt. Sie aßen alle mit wahrem Heißhunger und wurden mir geradezu widerlich. Ich bezwang mich aber und kam vorsichtig mit dem Vorschlag, doch lieber das alberne Denkmal zu lassen und gleich zurückzufahren. Erst antwortete niemand, dann gab es Opposition. Derselbe Leutnant, der mir vorhin, bevor er eingeschlafen war, zugestimmt hatte, sprach jetzt dagegen und zwar in so einer echten Leutnant-Manier. Es könne nicht daran gezweifelt werden usw. Es kam beinahe zu scharfen Worten. Die Entscheidung brachte Deuß, der sich unwohl fühlte und so traurig aussah, daß ich meinen Vater begriff, der immer in sehr wegwerfender Weise über ihn sprach. Ich saß aber wie auf Kohlen. Denn von dem Entschluß, zurückfahren, zu der Ausführung schien ein unübersehbarer Weg, und Deuß war so apathisch, daß jeden Augenblick ein Umschlag erwartet werden konnte. Schließlich bestellte man sogar noch Champagner. Es war natürlich der Leutnant, mit dem ich mich übrigens nicht mehr duzte. Ich tat einfach so, als hätte ich es vergessen und wenn er zu mir sprach, stellte ich mich apathisch und starrte nur so vor mich hin. So brachte ich es richtig dazu, daß wir um neun Uhr wieder im Zuge saßen. Ich wohnte bei Deuß. Es war noch genau eine Stunde Zeit. Als wir in seiner Wohnung angekommen waren, setzte ich ihm alles auseinander und log das Blaue vom Himmel. Er saß auf dem Sofa unter zwei gekreuzten Säbeln und verstand kaum, was ich wollte, hatte aber nichts einzuwenden. Das Richtige sei, murmelte er, überhaupt aus der Welt zu gehen. Man könne doch nur das Gewollte erreichen und wahrscheinlich würde Fräulein Lehnert mit einem anderen viel glücklicher werden. Er lachte plötzlich ganz laut, und ich nickte dazu. Ich kam mir wie ein gemeiner Verbrecher vor. Wenn er auf der Stelle gestorben wäre, hätte ich mich auch nicht abhalten lassen. Er hat vielleicht etwas gemerkt, denn er sah mich einmal mit einem sonderbaren verächtlichen Lächeln an. Ich hatte noch so viel Haltung, ihm zu danken und adieu zu sagen. Noch heute sehe ich sein edelmännisches, trauriges Gesicht mit dem hübschen, ziemlich langen Schnurbart. Vorbei, vorbei! Um 11 Uhr 30 saß ich in dem Zug nach Paris.

Es war der richtige Extrazug, überfüllt zum Brechen mit grauslichen Menschen. Ich ließ sie natürlich reden und erfuhr, daß der Zug am anderen Morgen um 4 Uhr in Paris ankomme und daß in Paris eine Weltausstellung sei. Nun um so besser. Die Quartierfrage bildete den Gegenstand von hundert Gesprächen, die Beköstigung desgleichen. An etwas anderes konnten solche Völker nicht denken, machten dazu rohe Witze, wo man sich abends die Zeit vertreiben könnte. Ein Kommis oder dergleichen sagte immer, da sei etwas fällig, und tat so, als ob er schon hundertmal dagewesen sei. Ich saß da und rührte mich nicht. Manchmal glaubte ich, noch neben Deuß und den anderen zu sitzen, und verwechselte den Kommis mit dem Leutnant, mit dem ich mich geduzt hatte. Mein Mund war wie ein zugeklebter Brief. Einem Gauner, der allen Grund hat, möglichst unbemerkt zu bleiben, muß es so zu Mute sein. Ich dachte weder an Paris noch an irgend sonst was, höchstens an den Schlips, den ich bei Deuß vergessen hatte. Ach, wie wenig heroisch war mir. Etwas ekelhaft Serviles war der einzige Bestandteil meines Wesens. Natürlich verachtete ich die Mitreisenden und redete kein Wort mit ihnen. Ich habe ihnen kaum unrecht getan, denn es war sicher eine recht üble Gesellschaft. Aber ich beteiligte mich doch sozusagen passiv, mit einem freundlichen Lächeln, sobald mich einer ansah. Ich war widerlich servil gegen den Kommis, der am meisten sprach, ein roter Bart mit einer gemeinen breiten Nase zum draufschlagen. Ich war servil gegen den Zug, der mit mir machte, was er wollte, und mich zuweilen in die lächerlichsten Stellungen brachte, servil gegen das ganze Dasein. Ich hielt zum Beispiel die ganze Zeit meine Hände in dem ziemlich engen Überzieher, was natürlich meine bleierne Bewegungslosigkeit noch vergrößerte. Meine Finger polkten immer an einem Kirschkern herum, der noch von Klodnitz her in der Tasche war. Das ging so Stunden um Stunden. Schließlich mag ich auch geschlafen haben. In der Nacht hielten wir irgendwo eine ganze Weile. Alle stiegen aus, ich mit. Der Kommis redete französisch und ließ sich Kaffee reichen. Auch ich nahm so einen großen weißen Kump ohne Henkel und nickte, als man mich etwas fragte und darauf bekam ich auch Kaffee in den Kump. Es kam mir vor, als wären wir Sträflinge, die transportiert wurden. Von jener Station an wurde die Fahrt angenehmer und die Zeit flog nur so. Der Kommis zog mich in ein Gespräch, und ich redete wie ein Wasserfall. Es war ein sehr gewifter Mensch, der in allem Bescheid wußte. Es ist mir heute noch ein beschämendes Gefühl, daß ich mich den Rest der Nacht auf das angeregteste mit ihm unterhalten habe. Dabei versuchte ich vergeblich, eine eigene Meinung zu äußern. Er gewann im Handumdrehen die Gewalt über mich, und ich mußte ihm in allen Punkten recht geben, obwohl es mir in der Seele zuwider war. Ich habe eigentlich nie wieder in meinem Leben bei einer Unterhaltung meine Dummheit und Unerfahrenheit so schmerzlich gefühlt. Als wir uns dem Ziele näherten, brach ich ziemlich brutal ab und wurde ganz schweigsam. Es kam mir langsam zu Bewußtsein, wohin die Reise ging. Die anderen redeten umso toller. Es war unerträglich. Sie hatten noch irgend eine Bagatelle vor, als der Zug langsam und majestätisch in die Bahnhofshalle einfuhr.

Der Einzug in Paris. Ich machte mir alles klar. Es war mir durchaus nicht verborgen, was dieser Moment für mein ganzes Leben bedeuten würde, aber ich wurde trotzdem nicht das Gefühl der Niedergeschlagenheit los. Immerhin war ich froh, kein Gepäck zu haben und mit meiner Tasche in der Hand gleich weiter zu können, während die anderen wie ein Zug gestrandeter Auswanderer zwischen ihren lumpigen Sachen standen und sich nicht zu helfen wußten. Ich folgte dem Menschenstrom nach dem Ausgang, gelangte auf die Straße und entdeckte gleich an der Ecke ein für mich passendes kleines Hotel. Man sprach deutsch. Für fünf Francs erhielt ich ein mäßiges Zimmer, aber es war ein Zimmer für mich allein. Es war eine wahre Wonne, allein zu sein. Ein paar Minuten genoß ich dieses Gefühl und alles Kommende mit pochendem Herzen. Dann wusch ich mich. Es mochte kurz vor fünf Uhr sein, der Tag war noch grau, aber versprach gutes Wetter. Ich rannte vom Waschtisch wohl hundertmal an das Fenster. Drüben war ein kleines Restaurant für Kutscher und dergleichen mit allen möglichen Aufschriften auf den Fenstern. Schon diese Aufschriften hatten etwas ganz Besonderes. Ich machte mich so schnell wie möglich fertig, ging die vier Treppen, die etwas dunkel waren, vorsichtig hinunter und trat bedächtigen Schritts ins Freie. Ich nahm auf Zufall hin die erste Straße, die zweite und dritte und kam auf die Boulevards.

Die Boulevards! Sie können sich denken, welche Rolle die Boulevards in meinen Träumen gespielt haben. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, in ihnen etwas zu sehen, das zum Beispiel von ferne oder von nahe der Bahnhofstraße in Klodnitz oder der Schweidnitzerstraße in Breslau entsprach. Viel eher hätte ich sie mit der Milchstraße verglichen. Es wäre mir nie eingefallen, mit ihnen den gewöhnlichen Begriff der Straße, auf der man geht wie man in Klodnitz oder Breslau geht, zu verbinden. Sie werden das alles schrecklich übertrieben finden. Und doch passierte hier das Unglaubliche, daß das Übertriebenste von der Wirklichkeit noch unendlich übertrieben wurde, sodaß mir alles, was ich früher darüber gedacht hatte, von lächerlicher Kleinheit erschien. Mag der nicht gewöhnliche Zustand, in dem ich mich befand, — schließlich hatte ich zwei Nächte nicht geschlafen — daran schuld sein; er hat vielleicht in der Tat einen gewissen Anteil, den ich mich hüten werde, feststellen zu wollen (denn mir scheint die Unterscheidung zwischen Objektiv und Subjektiv nie schwerer als bei solchen Eindrücken). Noch heute meine ich, jeder Mensch hätte an meiner Stelle ähnlich, wenigstens in ähnlicher Richtung empfinden müssen. Es war eine geradezu mysteriöse Erfüllung. Sie hatte wirklich etwas Milchstraßenhaftes, kam aus einer ganz unvorhergesehenen Richtung, aus einer anderen dunklen, plötzlich schattenhaft auftauchenden neuen, ungeheuerlich neuen Welt, hatte das Unpersönliche einer nackten Tatsache und gleichzeitig, das war das Seltsame, das mir erst viel später zum Bewußtsein gekommen ist, das damals nur pochende Ahnung war: das höchst Persönliche einer Verwirklichung meiner Träume. Die Boulevards waren leer. Ich war allein.

Es wird mir nicht gelingen, etwas von Paris zu sagen, wenn es mir nicht gelingt, wenigstens diesen ersten Eindruck wiederzugeben. Sie werden denken, ich wolle mit Paradoxen spielen oder Literatur machen. So klingt es. Sie erwarten wer weiß was, und dann kommt eine leere Straße heraus. Aber Sie wissen vielleicht nicht, wie Paris morgens um fünf Uhr aussieht. Und Sie wissen sicher nicht, wie es an jenem Morgen aussah. Niemand weiß das, denn ich war allein. Das ist das wesentliche. Ich habe seitdem allerlei Reisen gemacht, war in Marokko und am Nordkap, habe mich einmal auf der Jagd in den Karpathen verlaufen und habe drei Stunden lang mit einem finnischen Kutscher, der den Starrkrampf bekam, auf einer russischen Steppe im Schnee gesteckt. Ich bin ein einziges Mal in meinem Leben allein gewesen, damals an jenem Morgen in Paris auf den Boulevards, und ich glaube, es wird mir nie wieder passieren.

Ich erwartete auch wer weiß was, vielleicht noch viel mehr als Sie. Was wissen Sie von meinen Erwartungen! Was wußte ich selber davon! In dumpfen Stunden, wenn der Junge gedrückt und gezwickt wurde — das verstand man in Klodnitz, alles drückte und zwickte in dem verdammten Nest; in jenen lieblichen Montagstunden, es gab eigentlich immer nur Montage in der ganzen unübersehbaren Zeit; wenn er beschämt wurde und sich schämte — das war so ungefähr die einzige Betätigung in Klodnitz außer Ochsen und Sauerkrautessen und hinter den Dienstmädchen her sein; wenn die Armut, die gewisse bodenlose, gegenstandlose Armut ihn zerkrampfte und er sich, halb verrückt vor Heimweh, nach irgend etwas fragte, ob es denn nie anders werden würde, ob wirklich die Welt nur aus Lehrern und Schülern bestände, ob man nie anders lachen, anders reden, anders leben würde als hier, ob einem wirklich dieses oder ein anderes Einerlei für alle Zeiten bestimmt sei — denn man konnte sich eigentlich in unserer Pension und auf unserer Schule das Leben nicht anders vorstellen; in solchen Stunden, zwischen herrlichen Selbstmordgedanken und blödsinnigstem Stumpfsinn, passierte es mir manchmal, daß ich plötzlich, so deutlich, daß ich taumelte, ein flimmerndes Etwas vor mir sah, eine Art Stadt mit fabelhaften Straßen, Plätzen und Palästen. Da gab es Häuser wie Gebirge, in unabsehbaren, kaum gebogenen Reihen; Monumente zu Ehren großer Leute aus Silber und Gold mit erzgegossenen Namen; Gärten, groß wie Provinzen, mit gleich gewachsenen, tausendjährigen Bäumen und zahllosen bunten Beeten, wo Herren, alle in Zylinder, und Frauen, alle in Seide, gelassen promenierten und sich zuweilen mit unnachahmlicher Grandezza grüßten. Da kannte sich jeder, obwohl es Millionen waren, und doch war jeder eine Welt für sich. Da sprühten Erlebnisse kühnster Art wie Lichter; ganz leicht nur wie ein Atem gingen sie über einem hin. Waren sie freudiger Art — das weiß ich nicht einmal, sie waren viel mehr als Freude, viel leichter, viel erhabener. Ich weiß, daß etwas Dunkles dahinter war, etwas ganz Geheimnisvolles und vielleicht Furchtbares, das allen Lichtern, aller Pracht erst das Besondere gab. Etwas von dieser Art erwartete ich. Und glauben Sie mir, wenn ich wirklich sofort diese Pracht und das Phantastische meiner früheren Vorstellungen an jenem Morgen irgendwie realisiert gefunden hätte, wenn mir wirklich gar ein Drama erhebender Art beschert worden wäre, wenn ich das unerhörteste wirkliche Erlebnis erlebt hätte: nie, davon bin ich fest überzeugt, wäre der Eindruck größer, dauernder, ja, ich wage es, erhabener gewesen, erhabener mit dem dunklen Geheimnisvollen dahinter, als diese Leere von Paris, in der ich, der hergelaufene Junge mit seinen Primanergeschichten, der einzige Mensch war. Das rein Äußerliche habe ich mir später klar gemacht bei anderen Gelegenheiten, wo ich Erwartung und Erfüllung vergleichen konnte. Wären z.B. unzählige Menschen auf der Straße gewesen, so hätte man sich doch noch vielleicht etwas mehr vorstellen können. Schließlich kann man sich, das ist nun einmal so, immer noch viel mehr vorstellen als man wirklich zu sehen vermag. Diese Leere aber war nicht auszudenken. Sie entzog sich den Erfahrungen des jungen Menschen, war vor ihm, außerhalb aller seiner Vorstellungen da, sie dünkte ihm übermenschlich. Natürlich versuchte er sofort, sie zu bevölkern. Es war ja Platz genug, und vielleicht hatte er sich nur nach einem Platz, den er bevölkern könne, gesehnt. Aber es blieb ein rein äußerliches, fast ein mechanisches Begehren, das an die Sache nicht heran konnte, vielleicht nicht einmal heran wollte, gebannt von dem gewissen Dunkel dahinter, von der Ahnung, daß diese Leere nichts Wirkliches, ein abstrakter Begriff, eine Täuschung sein könne, daß sie in Wirklichkeit das Zeichen für eine unerhörte Fülle war.

Denn hinter diesen ungeheuren, bewegungslosen Häuserreihen mußte es von Menschen wimmeln, wenn sie nicht eben mit einem Schlage alle gestorben waren. Irgendwo meldete sich die dumme Frage: wenn dem so wäre? Diese vielen merkwürdigen Riesenbuchstaben über und zwischen den Fenstern, auf den Dächern und hart über der Erde, sogar auf der Erde, aus Gold, aus Weiß, aus Schwarz, zu Zeichen zusammengesetzt, mußten für zahllose Vorübergehende, Vorüberfahrende, Vorüberfliegende Sinn und Bedeutung haben. Wenn nicht etwa soeben die Zeichen, Sinn und Bedeutung verloren hatten. Es war ein eigentümlicher Modergeruch in der Luft, scharf, säuerlich und ein wenig süß. Ich hatte dergleichen noch nie gerochen und wußte gleich, ich würde es nie vergessen. Später, als ich von dem Geruch erzählte, behauptete ich immer, es sei eine Mischung von Absynth und Zigaretten gewesen, was auf die Zuhörer immer einen besonderen Eindruck zu machen pflegte. Damals aber an jenem Morgen dachte ich durchaus nicht an Absynth und Zigaretten. Ich brachte vielmehr den Geruch mit jenen toten Riesenbuchstaben an den Fassaden in Verbindung. Mit einer gewissen Aufmerksamkeit suchte ich nach Spuren des Menschlichen. In den Holzpflastern fanden sich tiefe Rinnen. Es fiel mir ein, was uns Dr. Heuermann, unser Lateinlehrer, von den Straßen in Pompeji erzählt hatte. Das Pflaster zeige tiefe Rinnen, und die rührten von den Wagen der Pompejaner her. So etwas gab es auch auf dem Klodnitzer Pflaster. Und nichts hatte mich an den ganzen ledernen Erzählungen Heuermanns mehr interessiert als diese Rinnen. In der Mitte des Boulevards fanden sich in regelmäßigen Abständen runde steinerne Erhöhungen, auf denen sich große Kandelaber erhoben. Die Steine waren an den Seiten abgewetzt. Das kam wieder von den tausend und abertausend Wagen her, die an diese Steine im Strome anprallten. Es ging sich angenehm auf dem weichen, ein wenig feuchten Holz, zumal sich die Straße senkte. Der Fuß glitt nur so darüber hin. Ich hörte nicht meinen eigenen Schritt.

Aus irgend einem Grunde blieb ich immer in der Mitte des Boulevards und sah nicht viel auf die Trottoirs, bemerkte aber jede Gestalt, die vorbei kam. Sonderbarerweise trugen diese Gestalten in nichts dazu bei, mein Gefühl der Fremdheit zu überwinden. Es waren nur sehr wenige, und sie schienen sich absichtlich hart an die Häuser zu halten. Nie ging einer da, wo ich ging. Sie kamen nicht aus den Häusern heraus, sondern glitten vorbei. Doch hatten sie alle irgend eine dunkle Beziehung zu den Riesenbuchstaben, keiner die geringste zu mir. Sie trugen nur noch dazu bei, die Leere zu steigern. Ich hielt immer denselben gelassenen Schritt, obwohl zuweilen alles in mir in ein rasendes Tempo geriet. Einmal kam einer der Kerle ganz direkt auf mich zu. Er sah schauerlich aus, ein Lustmörder oder dergleichen. Er hätte mich hier umbringen können, ohne daß einer der Menschen auf den Trottoirs auch nur hergesehen hätte. Er ging an mir vorüber auf die andere Seite und verschwand in eine Nebenstraße, ohne mich anzusehen. Ich stolperte gleich darauf auf eine jener steinernen Erhöhungen und mußte mich einen Augenblick an dem Kandelaber halten. Dabei merkte ich, daß schon viel mehr Menschen auf der Straße waren. Es waren wohl überhaupt nicht so sehr die Menschen, die mir Angst machten. Übrigens tat ich so, als ob mir jede Angst gänzlich fern läge, hatte ein ziemlich fesches Gesicht und trat fest auf. Wieder hielt ich dasselbe ruhige Tempo. Ich glaube, ich tat es in der Einbildung, bei einer schnelleren Gangart irgendwie zu verschwinden. Ich hatte das Gefühl, von jener Leere, die merkwürdigerweise anhielt, auch als die Straße lebhafter wurde, einfach weggewischt werden zu können. So kam ich auf die Italiens, wo der Weg nicht mehr bergab ging, dann auf einen Platz mit einem Gebäude, das wie ein Gesicht am Ende einer Straße saß. Das war die Oper. Ich versprach mir, abends hineinzugehen, wenn ich dann noch existieren sollte, und nahm nun die Straße, die auf die Oper mündete. Hier war ich vor allen Geschichten sicher. Drüben las ich in riesigen Buchstaben Grand Hotel. Dort hätte man eigentlich wohnen müssen. Die Buchstaben hatten durchaus nichts Unheimliches mehr, sondern waren einladend und vornehm. Von so einem Riesenhotel hatte man bei uns nicht die leiseste Vorstellung. Es hatte einige tausend Zimmer und ich weiß nicht, wie viel Bediente. Um sich nicht in den Treppen zu verirren, die alle gleich aussahen, mußte man stets einen Plan bei sich haben. Ich hörte mich schon in diesen Worten davon erzählen. Fritz und Karl und die anderen Idioten waren dabei, und ich brachte ihnen wie gewöhnlich Begriffe bei. Selbst der kleine Mühling hörte mir diesmal mit Interesse zu und hatte sein hochnäsiges Lächeln abgestellt. Ich ging unwillkürlich etwas schneller. »Paris«, sagte ich ihnen, »ist überhaupt keine Stadt in dem gewöhnlichen Sinne; sondern ein Begriff, mit dem sich jeder gebildete Mensch ganz einfach auseinanderzusetzen hat. Es ist selbstverständlich größer als alle anderen Städte, aber das hat gar keine Bedeutung. Man liebt es oder man haßt es. Der Grad des Hasses und der Liebe bestimmt den Grad des Menschen. Es gibt Menschen, die sich hier sofort wohl fühlen. Zu denen gehöre ich. Es war mir, als ob ich schon zehn Jahre, eigentlich immer hier gewesen wäre, nun Ihr wißt ja, wie ich früher darüber sprach. Dies hat sich alles in ganz merkwürdiger Weise bestätigt.« Ich rannte gegen einen Mann, der mir etwas nachrief. Ich lächelte, sagte Pardon, Monsieur! Das Trottoir war ganz schmal, ich war in einer engen Gasse. »Nun auch diese engen Gassen haben ihre Reize. Man fühlt sie wie Nebenflüsse zu den Hauptströmen. Übrigens will ich Euch keinen Deutschen Aufsatz erzählen. Das Wichtige ist, hier hat jede Straße, jeder Mensch ein Gesicht, während man bei uns nur mit Larven zu tun hat. Ich habe an jenem herrlichen Morgen zum ersten Mal etwas von mir selbst erfahren.« Die Gedanken flogen nur so. Sie schienen von meinen unaufhaltsamen Schritten herzukommen und hielten nur an, wenn meine Beine genötigt waren, vor irgend einem Hindernis zu stoppen. Und das geschah immer häufiger, da ich in ein Gewirr von Gassen jenseits der Magasins du Louvre geraten war und jeden Augenblick über den Damm mußte. Aber es war geradezu eine Wollust, diese Hindernisse wie eine Nebensache zu nehmen und dabei ganz sachlich weiter zu reden. Ich stieß an sehr viele Menschen an und wackelte zuweilen wie der Pendel einer Uhr, die man auf den Kopf stellt. Die Geschmeidigkeit, mit der die Menschen einander auswichen, war direkt symbolisch, und an nichts erkannte man leichter den Provinzler als an der Schwerfälligkeit seines Ganges. »O ja, man wurde hier im Anfang gestoßen. Man erhielt alle möglichen Püffe. Und es gab Leute, die Paris dafür Vorwürfe machten und es haßten, anstatt das Ausweichen zu lernen. Ihr würdet es vielleicht alle hassen, es wäre nichts für Euch. Es gehört schon eine verdammte Kaltschnäuzigkeit dazu, um darüber wegzukommen. Will durchaus nicht leugnen, daß es mir im Anfang höchst ungemütlich vorkam. Denn schließlich kann man sich noch sehr zu einem freien Menschen erziehen, man sieht denn doch Dinge in Paris, Dinge . . .« Die Scham stieg in mir auf. Ich war doch ein gemeines Subjekt. Da lief ich in Paris herum und blieb in Klodnitz, immer in Klodnitz. Vielleicht bildete ich mir überhaupt nur ein, in Paris zu sein, hatte einen angenehmen Traum wie neulich, als ich geträumt hatte, das Abitur bestanden zu haben, das ich natürlich nie bestehen würde. »Paris! Du, Mensch, mach es Dir klar! nimm Dich zusammen! hebe das Haupt, blicke würdig! nie wieder nach Klodnitz zurück! Schwöre es Dir: lieber in einer Gasse von Paris verrecken! Tritt auf Klodnitz! Pereat Klodnitz!« Genau dasselbe Pereat hatten Deuß und ich in Mainz gebracht, und die anderen, diese Idioten, die keine Ahnung von Klodnitz hatten, waren begeistert eingefallen. Mit solchen dummen, romantischen Redensarten wurde nichts getan. Deuß hatte auch keine Ahnung.

Ich war auf einmal wieder auf demselben Boulevard, auf dem ich vor einigen Stunden gewesen war — wenigstens sah er genau so aus — und mußte warten, bis ich hinüber konnte. Die Droschken waren nicht das Gefährliche. Aber die Omnibusse mit den Rädern, die über die Schulter reichten, konnten einem schon Respekt einflößen. Doch gab es Menschen, die sich mit der größten Gelassenheit zwischen den Rädern hindurchschlängelten. Sie hatten zuweilen nicht drei Schritte freien Platz vor sich und gelangten ohne Unfall hinüber. Einer las sogar die Zeitung dabei. Es kam darauf an, Geistesgegenwart zu behalten und vor allem nicht zu laufen, sondern wenn ein Hindernis kam, ruhig, selbst im stärksten Gedränge stehen zu bleiben. Ich versuchte es auch. Das erste Mal war es kein Spaß. Ich fing eben doch an zu laufen, verlor den Kopf und wurde von einem Droschkenpferd gestreift, das mir mit einer gewissen geschäftsmäßigen Sachlichkeit den Hut vom Kopfe schlug. Ich versuchte es aber bald wieder, schlängelte mich in Diagonalen vom Trottoir zu den erhöhten Inseln in der Mitte der Straße, wo ich immer einen Moment still hielt, und von da dann wieder in einer Diagonale auf die andere Seite. Wie beim Tanzen und Schlittschuhlaufen kam es nur darauf an, sich dem System der Bewegung anzupassen. Es gelang mir immer besser, und ich nahm es für ein untrügliches Zeichen meiner Zugehörigkeit zu Paris. Es kitzelte förmlich die Gedanken. Dinge erhabener Art wurden erledigt. Ich sprach von dem Rhythmus der Weltstadt, von dem prickelnden Gefühl des Untertauchens in das tolle Gewühl und dem stolzen Bewußtsein, immer wieder an die Oberfläche zu gelangen und, wenn es mir gefiel, über den Wellen zu bleiben. Meine Gedanken wurden kühner, je sicherer sich meine Beine fühlten. Kein Zufall hatte mich in diesem Moment nach Paris getrieben. Tore sahen Willkür in einer Entscheidung von Instinkten, die sich geradezu dramatisch wie etwas Unumgängliches vollzogen hatte. Eine dunkle Weisung der gewaltigen Stadt hatte mich mitten im Leichtsinn, im Spiel mit Dingen, die meiner unwürdig waren, getroffen, und ich war sofort der Weisung gefolgt mit dem stolzen Gefühl des Erkorenen. Jawohl, des Erkorenen. Nun lag das Vergangene hinter mir, alles, aber auch alles Vergangene. Was mein Vater mit seinen unangenehmen Spötteleien nicht erreicht hatte, was meinem dicken Onkel Karl, dem Major, mißlungen war, das ergab sich jetzt von selbst ohne jeden merkbaren Anlaß logischer Art. Der Soldatentraum war vorbei. Selbst wenn man mir garantiert hätte, binnen zehn Jahre Major zu werden, hätte ich auf den glänzenden Tand verzichtet. Höheres schwebte mir vor. Die Vergangenheit, dieses entsetzlich kompromittierende Dasein in Klodnitz, verschwand in nebelhafte Fernen. Ich wollte, durfte nicht mehr daran denken. Andere Ansprüche galt es jetzt. So mich durchwinden durch die Welt wollte ich, durch alles Schöne und Häßliche und schließlich darüber sein. Das würde ich wohl nie den armen Leuten in der Klasse klar machen können. Der alberne Mühling würde wie gewöhnlich grinsen und die anderen mich verständnislos anglotzen. Was wußten die von dem Pariser Rhythmus! — Schon wieder war ich in Klodnitz. Ich nahm mir vor, nach meiner Rückkehr überhaupt mit niemandem über Paris und meine weiteren Pläne zu reden. Alles was man darüber sagte, konnte nur banal sein. Ich wollte mir hier neue Freunde suchen, Menschen, zu denen man in ein würdiges Verhältnis, frei von Eitelkeit und Sentimentalität, auf die Sachlichkeit gemeinsamer reeller Interessen gegründet, gelangen konnte. Es mußte deren hier geben. Wie hätte Paris sonst werden können! Nur mit denen wollte ich in Zukunft leben. Von den Klodnitzern dagegen wollte ich mich mit einer kalten Geste ein für alle Mal frei machen. Unwillkürlich malte ich mir aus, wie dieser Entschluß in der Klasse aufgenommen werden würde. Ich mußte fast lachen, wenn ich an das treuherzige Gesicht des dicken Prenger dachte, der mich ohnehin nie verstand. O ja, die Treuherzigkeit, das war auch so ein Kapitel.

Jedesmal aber, wenn ich den Entschluß gefaßt hatte, jede Verbindung mit Klodnitz endgültig abzubrechen, erwischte ich mich auf einer anderen Seite wieder im gewohnten Geleise. Weiß der Kuckuck, was mich zurückzog; vielleicht eine Art Schuldbewußtsein, das ich irgendwo im Innern spürte und das meine hochstrebenden Gedanken mit Jämmerlichkeit färbte. Eine wahre Wut aufm eine Albernheit kam über mich. Ich marschierte schon vier, fünf Stunden, hatte Hunger, und die Füße schmerzten mich, aber ich dachte nicht daran aufzuhören. Ich marschierte wie ein Soldat gegen den Erbfeind, und während ich nach einem Mittel sann, mir hier neue Freunde zu suchen, die mich aus meiner Klodnitzer Atmosphäre herauszureißen vermochten, hatte ich ein grimmiges Gesicht, so finster, daß mich mancher Vorübergehende verwundert ansah, worauf ich dann jedesmal ein gewinnendes Lächeln versuchte. Ich konnte mich nicht der Einsicht verschließen, daß ich schließlich nur mit den Beinen in Paris herumlief, und empfand mit erdrückender Pein das Mechanische meiner sogenannten Befreiung. In den Champs Élysées wurde mir wohler. Das Grün, die Blumen, die Kinder stimmten freundlich. Hier gab es vielleicht einen Ausweg. Zwischen all den Häusern, die seit tausend Jahren hier standen, zwischen all den Menschen kam immer wieder die Natur hervor. Das war der Ausweg. Alle diese Millionen und Millionen, diese ruhmreiche Geschichte, diese Kaiser, Könige und die Republikaner hatten das nicht auszurotten vermocht. Es kamen Kinder zur Welt, es gab Blumen, Bäume und die Sonne. Ich fühlte die Sonne wohlig auf meinen matten Gliedern. Von einer Bank sah ich auf das Grün und die Beete. Nun zogen die Menschen an mir vorüber. Wie viel besser war das, ruhig sitzen und zugucken! In einem ewigen Strom fuhren die Wagen zum Triumphbogen hinauf. Wenn man immer weiter in dieser Richtung ging, mußte man schließlich ins Freie gelangen. Aber erst kam noch die Weltausstellung. Irgendwo hier in der Nähe mußte sie sein. Dabei war sie selbstverständlich ungeheuer groß, umfaßte bekanntlich ganze Stadtteile. Viele Omnibusse fuhren hin; auf den Schildern stand Exposition Universelle. Viele, aber durchaus nicht alle gingen in die Ausstellung. Sie war schließlich doch nur ein winziger Teil von Paris. Vielleicht wäre es richtiger gewesen, diese Reise durch Paris, die mich einen halben Tag und wer weiß was alles gekostet hatte, auf einem Omnibus zu machen. Überhaupt, wie viel Möglichkeiten mußte das Getriebe dieser Stadt dem Einzelnen geben. Es war sicher alles viel einfacher als man es sich dachte. So ein Einzelner fand gar keine Schwierigkeiten. Man nahm sich ein Billet und fuhr mit. Man mußte nur die Stellen wissen, wo man einsteigen konnte. Wie gesagt, der Rhythmus! Daran konnte nicht gezweifelt werden, wie dieser lächerliche Leutnant sagte. Ich hätte was darum gegeben, wenn ich ihn jetzt in Uniform vor mir hätte sehen können. Auch so ein exotisches Tier wie die Mamelucken und die Indier und die Neger in ihren Kostümen, die im bunten Durcheinander die Avenue hinaufzogen. Er gehörte auch in die Weltausstellung. Nie wieder würde ich dergleichen duzen.

Ich legte den Kopf auf die Lehne der Bank. Schließlich war ich auch so etwas Exotisches, denn ich würde gleich hier am hellichten Tage einschlafen. Am liebsten hätte ich mein Bett aus der Pension hier gehabt. Es war ein ausgezeichnetes Bett, der Neid aller Kameraden, und hatte früher zu Haus im Fremdenzimmer gestanden. Als ich das Scharlach gehabt hatte, hatte es meine Mutter nach Klodnitz geschickt. Ich zog die Decke bis an den Hals und schämte mich furchtbar, konnte aber doch nicht dem gewohnten Wohlsein widerstehen. Überdies, es sah doch niemand her, dafür war man in Paris. Ich hätte noch ganz andere Dinge machen können, die Leute wären ebenso achtlos vorübergegangen. Ich verfolgte zwischen den Augenlidern das Treiben auf der Avenue. Es kamen immer mehr. Seit einer Viertelstunde waren vielleicht Hunderttausend vorübergezogen, und das Schöne war, daß alles ohne Lärm vor sich ging. Das furchtbare Getöse, das mich vorhin fast närrisch gemacht hatte, war einem zarten melodischen Rhythmus gewichen. Man hätte an ein Theater glauben können, an ein Spiel mit niedlichen bunten Figuren. Ich begann wirklich ganz im geheimen an der Existenz der reizenden Gebilde zu zweifeln. Und richtig, da kamen auch schon die wohlbekannten dicken Brillengläser unseres Mathematikschinders und gaben mir auf, »deese Gleieichung möglichst schnall zu läsen«. Ich sah mich wie gewöhnlich nach Karl Frenzen um, der mir immer aushalf. Aber es wäre leichter gewesen, auf dieser von Menschen flirrenden Avenue einen australischen Menschenfresser zu finden als Karl Frenzen. Gleichzeitig merkte ich, daß mir die Decke vom Rücken gerutscht war und ich mit dem halben Körper ganz bloß lag. Vor mir aber standen die dicken Brillengläser und ersuchten mich, nur keine »Ausflächte« zu suchen. Auf der Tafel stand eine endlose Gleichung mit einem ganzen Alphabet von Unbekannten. Der Direktor war auch da, der im Grunde vortreffliche Papa Grünewald, dem die Tränen in den Augen standen, als er sich gezwungen gesehen hatte, mir wegen Gründung unserer geheimen Verbindung Anglosaxonia das Consilium abeundi zu erteilen. Er hatte seinen Frack und einen weißen Schlips an. Er war das Abitur in seiner ganzen Pracht. Schließlich kam es so, wie ich immer vorausgesehen hatte. Ich war nicht einmal in der Lage, den pythagoräischen Lehrsatz einwandfrei zu beweisen. In der Chemie ging es nicht besser, da ich die dreißig für den Ärmel bestimmten Schmuzettel natürlich nicht bei mir hatte; und in der Religion blieb ich die Antwort auf das blödsinnige Was ist das? des zweiten Glaubensartikels schuldig. So rasselte ich geräuschlos und sicher. Einige ganz in der Nähe stehenden Pariser in weißen Strohhüten bemerkten den Fall. Und obwohl sie sicher über alle Examina im Prinzip ähnlich wie ich dachten, konnten sie sich im Vorübergehen doch nicht eines leisen Achselzuckens erwehren. Ich versuchte eine Haltung anzunehmen, aber meine Mutter, die natürlich wie gewöhnlich ganz und gar gebrochen war, warf die Situation vollends. Ich wollte den Kopf unter die Decke stecken, fiel dabei von der Bank herunter und gerade vor die Füße eines sehr eleganten alten Herrn, in dessen Lackstiefeln sich mein verwüstetes Antlitz spiegelte. Er sagte »Pardon, Monsieur!« Er hatte so einen feinen Klang in der Stimme. Ich schlich mich auf eine ferne Bank hinter ein Gebüsch. Da hockte ich nieder und zählte meine Groschen wegen der Rückfahrt.

Abends bin ich dann noch richtig in die Oper gegangen. Man gab die Hugenotten, und ich saß auf der Galerie. Ich habe aber nichts davon im Gedächtnis behalten.