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Grete Meisel-Hess : Fanny Roth

Fanny Roth. Eine Jung-Frauengeschichte

Verlag Hermann Seemann Nachfolger, Berlin und Leipzig, 1910

I. Teil

I

Im Künstlerzimmer hinter dem grünen Vorhang war die strahlende Frau Roth beschäftigt, die Körbe und Bouquets zu ordnen und dem Diener sorgsam die Adresse einzuprägen.

Sie fühlte sich heute als Siegerin. Sie hatte es durchgesetzt, daß Fanny lernen durfte, trotzdem es der Vater nicht wollte. Der Vater war Essigfabrikant und hatte nichts davon hören wollen. Aber heute strahlte auch er.

In einem Kreis von Journalisten und Künstlern stand Fanny.

»Gnädiges Fräulein haben sich im Konservatorium ausgebildet?« fragte ein Journalist, mit dem Bleistift in der Hand.

Fanny bejahte.

»Erstaunlich sicher, diese Bogenführung für Ihre Jahre,« bemerkte ein anderer.

»Und der ›Teufelstanz‹ ist Ihre erste Komposition?«

»O, nicht doch, schon früher, Kleinigkeiten …,« entgegnete sie.

Lächelnd nahm sie die Lobsprüche hin und die kritischen Urteile und die interessierten Fragen. Aber die Einladung zum gemeinsamen Souper lehnte sie ab, sie könne wirklich nicht, so leid es ihr thue, aber sie sei zu erschöpft.

Frau Roth war ärgerlich über diesen Eigensinn. So war Fanny. »Was sagen Sie dazu, Jacques?«

Dr. Jakob Guttmann hatte gar nichts zu sagen. Er stand da und putzte seine große Brille, verlegen, erregt. Er sah hinüber zu der kleinen Freundin, die heute plötzlich die große Künstlerin geworden war. Er, freilich, hatte es schon längst gewußt, und doch hatte es ihn hingerissen, heute abend. 

Jetzt traf sein Blick den ihren. Er bemerkte, wie sie ihm zulächelte und drüben die Herren zu verabschieden schien. Sie verbeugten sich, traten auseinander - - - sie schritt durch sie hindurch und kam auf ihn zu.

»Gehst du mit uns, Jakob?«

»Gewiß, - natürlich, wenn du erlaubst. Nur einen Augenblick noch, ich erwarte einen Freund, der mich gebeten hat, ihn dir vorzustellen. Er muß jeden Moment kommen. - - Ah er wandte sich der Thüre zu.

Soeben trat der Erwartete ein. Mit ihm ging ein zweiter junger Mann.

»Ich habe mir erlaubt, Herrn Josef Fellner mitzubringen,« sagte Jakobs Freund, nachdem er Fanny vorgestellt war.

Ein auffallend groß gewachsener Mann, mit breiten, ein wenig nach vorne gebeugten Schultern und langem blonden Vollbart verbeugte sich vor ihr.

»Die Herren werden uns vielleicht begleiten,« sagte Jakob. »Fanny wird bei dem schönen Abend gewiß zu Fuß gehen wollen.«

Zehn Minuten später waren sie in den Straßen Wiens, die um diese Stunde schon wie ausgestorben waren.

Fanny ging mit Jakob voraus. Langsam glitt die Unrast und die Aufregung des Tages von ihr ab, sie atmete die Ruhe der Nacht. Das nervöse Klopfen in den Schläfen ließ nach, die Gedanken und Melodien, die in wirrem Durcheinander in ihrem Kopf tanzten, lösten sich langsam. Sie entgeistigte sich mit einem heimlichen Wonnegefühl: die erste Ruhe nach monatelanger bohrender Arbeit. Nur eine selige Erinnerung an die tolle Schönheitsorgie dieser letzten Monate war in ihr, wo sie geschaffen hatte in der somnambulen Verzückung des Künstlers

Licht und gut schienen ihr die Worte, die Jakob zu ihr sprach. Das erste Mal huldigte auch er ihr. Er sprach von ihrer Bestimmung als Künstlermensch. Kulturen weiterzubauen und apollinische Erkenntnisse weiterzugeben, war die Aufgabe der Erwählten, zu denen sie gehörte.

Und doch hörte sie kaum, was er sprach. Nur ein fernes, brandendes Rauschen hörte sie, es rauschte durch ihre Adern, rot und heilig und durchglühte ihr den zwanzigjährigen Körper.

Unbewußtes hatte sie ahnend in Kunst geformt. Und nun, da sie sich davon erlöst hatte, war eine heiße, neue Sehnsucht in ihr geblieben.

II

In ihrem Zimmer fand sie es erdrückend heiß. Aber als sie das Fenster aufgerissen hatte, fröstelte sie, und sie schloß es wieder. Sie zündete die gelbe Lampe an und stellte den schwarzen Holzkasten mit der kostbaren geliebten Geige auf die Etagère an ihren Platz. Dann rückte sie das Notenpult, das noch aufgeklappt dastand, in die Ecke.

Ihr Bett war schon gemacht. Ein schmales Messingbett mit Plumeaux und Deckchen und länglichen kleinen Mädl-Polstern. Sie begann sich langsam vor ihrem großen Spiegel zu entkleiden. Der Mantel fiel, und das helle, geblümte Seidenkleid wurde sichtbar.

Dann löste sie den Spitzenshawl vom Kopf und stand da, als kleine moderne Silhouette, wie sie heut abend gespielt hatte.

Mit einer Neugierde, als sähe sie sich heute zum erstenmal, betrachtete sie das blaße Kindergesicht mit dem glatten Scheitel und den riesigen Haarpuffen zu beiden Seiten, den großen grünen Augen und den brennenden Lippen; dann die kleine, weiche, immer miederlose Schlangengestalt in dem fabelhaften secessionistischen Röckchen. Das also war Fanny Roth. Recht interessant kam sie sich vor.

Seltsam: Noch nie war es jemandem eingefallen, eine persönliche Bemerkung über sie zu machen in ihrer Gegenwart. Nicht einmal heute. Von der Geige sprach man mit ihr und von ihren weichen, singenden Tönen. Und sie selbst war sie nicht immer überströmend voll nur von dem Einen? War nicht immer eine Flut von Tönen in ihr, eine wilde Fülle von Musikarabesken, von tanzenden Rhythmen, - von Ideen, die sich unaufhörlich in sich selbst vermehrten, die sie nicht eher freiließen, als bis sie geformt waren, die sich hartnäckig an ihr festsaugten wie die Blutegel, und sich selbst in der Nacht nicht abschütteln ließen, so daß sie oft wie verzweifelt aufsprang von ihrem Bett, mit heißer, glühender Stirn, hinter der es hämmerte und raste, mit aufgescheuchter Seele, die wirr herumflatterte in dem hilflosen, todmüden Körper. 

Und diesen orgiastischen Fiebernächten folgten die formenden Schaffenstage in energischer, erlösender, unbarmherzig rastloser Arbeit.

Das war die gesegnete Hochflut, die ihr Leben umbrandete, hinter der sie wuchs und schuf.

Und doch in den Pausen des Schaffens ein fremder lastender Druck auf der Seele, irgend eine ferne, unbestimmte Beunruhigung, ein unbewußtes Schluchzen im Schlaf ein üppiger Traum, ein schamvolles Erwachen. 

Und wie sie jetzt in den Spiegel sah, kam diese beklommene Sehnsucht wieder. Die braunen Schatten unter den Augen und das Kindergesicht, das täglich bläßer und schmaler wurde, machten ihr Angst. 

Und eine fremde, neue Zärtlichkeit stieg in ihr auf, für diesen Körper, an den nie jemand dachte, nicht einmal sie selbst.

Und doch schimmerte es unter der durchbrochenen Spitze des Kleides, beim Halse, weiß und leuchtend. 

Mit zitternden Händen löste sie die Haken, schlüpfte aus den Ärmeln und warf das seidene Leibchen auf den Sessel daneben. Ein leises Rauschen, - der Rock glitt zu Boden.

Sie stand da in dem weißen kurzen Unterrock, mit nackten Armen und Hals, und der kleinen, bewegten Büste, deren leises Heben und Senken unter dem gestickten Hemd zu sehen war.

Die Stille im Zimmer wurde betäubend, abgrundtief. Wieder hörte sie das ferne Rauschen und Branden. 

Und sie löschte die Lampe aus, nur das Nachtlicht warf seinen verstohlenen Schein über sie. Dann stand sie wieder vor dem Spiegel und starrte in das schwacherhellte Glas. Bänder lösten sich, und etwas Langes, Wallendes, Weißes flutete zu Boden.

Die Nacht war qualvoll und unruhig. Pferdegewieher und Gestampfe, lautes Beifallsgedröhn und endlich Feuer. Erst war es nur ein einzelnes, schrilles Glöckchen, irgendwo in der Ferne, dann fielen harte, metallene Töne ein ein wirrer, chaotischer, betäubender Feuerlärm. Und endlich ging das ganze in eine satanische Melodie über, die sich in ihr Hirn einbohrte wie eine Schraube, und das Publikum tobte und schrie und applaudierte wie rasend.

Mit einem lauten Schrei sprang sie auf. Sie zitterte an allen Gliedern und stürzte zur Thür. Dort kam sie zur Besinnung.

Es mochte gegen 5 Uhr früh sein. Die ersten, fahlen Dämmerwolken hingen wie Fetzen am Himmel.

Fröstelnd kroch sie in ihr Bett zurück. Eine müde Beruhigung kam ober sie, wie ein leises Schaukeln, ein sanfter Wellenschlag. Jemand beugte sich zärtlich zu ihr nieder, und ein fremder, starker Duft liebkoste sie. Dichtes, blondes Haar streifte ihre Wangen. Von da entströmte der Duft. Es roch wie Cigarren und wie Wiesenluft im Herbst und wie etwas ganz, ganz fremdes, Gegensätzliches. Und eine Hand griff an ihre Brust. 

Sie erwachte. Helle, fröhliche Strahlen schienen ins Zimmer. Nebenan hörte sie das Stubenmädchen aufräumen. Wie gebadet in lächelnder Seligkeit erwachte sie. Das Herz klopfte ihr bis zum Halse, Thränen stiegen ihr in die leuchtenden Augen, und sie hätte die Arme ausbreiten mögen nach dem neuen Glück.

III

Um 11 Uhr wurde ihr ein Besuch gemeldet. Josef Fellner kam, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.

Mit einem stillen Lächeln ging sie ihm entgegen.

Dann saßen sie im Salon. Das Zimmer hatte Sonnenseite, und die Rouleaux waren herabgelassen. Nur zwischen die einzelnen Holzstäbe konnte die Frühjahrssonne ihre Strahlen werfen.

Keine Phrasen gab es zwischen ihnen und keine Ceremonien. Daß sie einander erst seit gestern kannten, daran dachte keines.

Und während er sprach von ihr und ihrer süßen kleinen Person und dem Eindruck, den sie ihm gemacht und seine blauen Augen mit brünstiger Sehnsucht an dem blaßen Kindergesicht hingen, lächelte sie nur wie traumverloren und atmete langsam und verstohlen den seltsamen, fremden Duft ein, der seinem zottigen, blonden Bart entströmte, und der sie gestern abends, als er sich vor ihr verbeugte, das erste Mal angeweht hatte wie Cigarren und wie Wiesenluft im Herbst und etwas Fremdes, Fremdes, Gegensätzliches. 

Und sie kam sich vor, wie ein kleiner, zierlicher Köter neben einem großen prachtvollen Rassehund.

Als er aufbrach, begleitete sie ihn bis ins Vorzimmer. Er zögerte noch immer und schien noch etwas sagen zu wollen.

Plötzlich fiel sein Blick auf ein Damenrad, das im Vorzimmer stand.

»Ja, ja, das ist meines,« sagte sie. »Aber das ist ja herrlich.« Er strahlte über das ganze Gesicht. »Wollen Sie morgen mit mir fahren?«

Sie nickte lächelnd.

»Also um wie viel Uhr soll ich Sie abholen?«

»Um vier.«

Als Fanny in ihr Zimmer zurückkam, trat ihr die Mama im Morgenkleid entgegen, mit einem Staubtuch in der einen und einem Pack Zeitungen in der anderen Hand. Es waren sämtliche Wiener Morgenblätter.

»Fanny,« rief sie, und ihre Stimme zitterte vor Aufregung »da schau! Claar schreibt ein ganzes Feuilleton und Malik aber du mußt selbst lesen.«

Und glückselig legte sie ihr das Paket auf den Tisch, wie eine Morgengabe, und ging.

Fanny saß in der Sofaecke und lächelte vor sich hin. Ihr Gesicht, das sie im Spiegel sah, kam ihr verändert vor, rosig durchleuchtet. Und sie schloß die Augen und breitete wie im Traum die Arme aus, und die weißen Zähne schimmerten feucht zwischen den brennenden Lippen.

IV

Am andern Tag, um 4 Uhr, war sie fertig. Ihr Rad hatte sie selbst geputzt und geölt und gepumpt und die Nickelbestandteile gerieben, daß sie blitzten.

Sie selbst ging seit fünf Minuten in ihrem Zimmer herum, in ihrem neuen weißen Loden-Dreß mit dem kurzen Knierock und dem englischen Jäckchen. Die weiße Kappe mit dem schwarzen Lackschild hielt sie in der Hand.

Es läutete.

Sie trat rasch vor den Spiegel und setzte die Kappe auf, tief ins Gesicht, daß sie die Stirn beschattete und nur an der Seite die braunen Haarpuffen zu sehen waren und rückwärts der dicke Knoten. Sie steckte die Kappe mit der Hutnadel fest und trat dann ins Vorzimmer.

Die Mama stand draußen, strahlend liebenswürdig, und sprach mit Josef Fellner.

»Ich hoffe, gnädige Frau haben nichts dagegen?«

»Aber gewiß nicht, Herr Fellner, im Gegenteil, es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, und ich bin froh, wenn sie mal von der Geige weg kommt. Emancipiert war sie ja immer, was soll man machen, die heutige Jugend!«

Er lächelte und sagte etwas Verbindliches. Dann begrüßte er Fanny.

Sie reichte ihm die Hand und sah ihn fröhlich an.

»Aber wollen Sie nicht doch auf einen Sprung hereinkommen?« sagte Frau Roth. »Eine Tasse Thee auf den Weg wird nicht schaden.«

»Mama,« warf Fanny ein, »es wird zu spät.«

»Gnädige Frau - - um 7 Uhr ist es finster. Auch habe ich mein Rad unten angelehnt.«

Man verabschiedete sich, und Frau Roth gab Fanny einen Kuß auf die Stirn. »Und erkälte dich nicht. 

Fellner nahm Fannys Rad auf die Schulter und trug es hinunter.

Dann stiegen sie auf.

Vorfrühling und fast noch ein wenig zu kühl zum Radeln. Aber sie flogen durch die Straßen, daß die Luft an ihnen vorbei sauste wie mitten durchgeschnitten. Blitzschnell gings über den Asphalt, durch das Wagengewühl der inneren Stadt. Dann kamen breite Vorstadtstraßen mit Lastfuhrwerken und holperigen Pflastersteinen. Aber gerade das Rütteln und Schütteln machte ihnen Vergnügen, weil sie dabei so recht ihren jungen Körper spürten.

Endlich kamen sie zu der großen Brücke, und drüben dehnte sich der wunderbare Radfahrdamm, der bis nach Langenzersdorf führt, mitten durch die Auen.

Sie sausten auf dem gebahnten Weg, daß ihnen der Wind ins Gesicht schlug.

»Fast ein wenig zu glatt, zu widerstandslos,« sagte Fanny.

Er lachte nur und sah sie strahlend an.

Ihr war so warm, und so herrlich schön war's da 

Bäume und Wiesen waren noch nicht grün, aber die Landschaft sah hell und fröhlich aus. Hinter ihnen dehnte sich Wien, mit seinen Schlöten und Türmen. Rechts drüben am Horizont wellte sich die sanfte Hügelkette mit dem weinbebauten Bisamberg. Links hinter den Auen brauste die Große-Donau, und an ihrem jenseitigen Ufer tauchte der Kahlenberg auf und der Leopoldsberg, und unten, am Fuß der Berge, breitete sich Klosterneuburg aus, mit dem prachtvollen Stift der dicken schwarzen Herren und dem berühmten Strohwein, dem österreichischen Lacrimae Christi.

Sie sprachen nicht viel, sie sahen einander nur manchmal in die strahlenden, jungen Augen. Einmal fuhr er knapp neben ihr.

Er streckte den Arm wagerecht aus und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Das kennen Sie doch, nicht wahr, manche bringen es stundenlang fertig. Nur nicht aufs Rad sehen, immer voraus.«

Nein, sie brachte es nicht fertig. Ihr wurde schwindlig. »Ich fürchte, wir stoßen zusammen.«

Und so fuhr er wieder hinter ihr, das war sicherer auf dem schmalen Damm. Ihr Haar, das sie immer nur lose geschlungen hatte, weil sie es fest nicht vertrug, hatte sich gelockert, und sie lachten, so oft eine Haarnadel herausrutschte. Er wollte absteigen und sie aufheben, aber sie verbot es ihm, weil sie immer einen Vorrat in der Tasche hatte.

Endlich, nach mehreren Biegungen, kam das kleine Wirtshaus in Sicht.

Sie stiegen ab, und Fanny steckte ihr Haar zurecht.

Im Garten war es noch zu kalt, und so saßen sie in der Wirtsstube drin. Ein paar Bauern waren da und sprachen über Politik, Fanny horchte hin, es interessierte sie, wie diese Menschen ihre Geschichte auffaßten. Aber das Geschrei wurde immer lauter und der Tabaksqualm immer dicker.

»Ich habe eine Idee,« sagte Fellner nach einer Weile.

»Nun?«

»Hätten Sie nicht Lust, nach Klosterneuburg hinüberzufahren?«

»Wie denn?«

»Nun, wir lassen uns ganz einfach mit der Zille über die Donau setzen. Dort sehen Sie den Stiftskeller grad gegenüber. Wir gehen hinauf und trinken Strohwein. Was meinen Sie dazu?«

Natürlich wollte sie, das war eine famose Idee. Sie hatte nur ein Bedenken: »drüben ist kein Damm, nur die schlechte Straße, wie kommen wir da per Rad im Finstern zurück?«

»Zurück? Da können wir ja die Bahn nehmen. Wir waggonieren uns mitsamt den Rädern ein.«

Sie lachten: die Bahn. Das war ja immer das Ende aller Radpartien.

Es dämmerte schon, als sie hinunter gingen zur Donau. Der alte Fährmann war erst seit kurzem wieder mit seiner Zille da, seit der Eisstoß vorüber und das Hochwasser vorbei war. Aber die Donau war immer noch reißend genug. Sie schaukelte die große Bauernzille wie ein kleines Sportboot, und Fellner blickte besorgt auf Fanny, ob sie sich nicht ängstige.

Aber Fanny lächelte nur. Die langen blutroten Streifen des Sonnenunterganges färbten den brausenden, silbergrau schimmernden Strom wie mit fließenden rötlichen Tinten. Die Luft schien dünn und bläulich und spinnwebenzart.

Sie war wie versunken in diese Stimmung. Die leuchtenden Farben, der Wassergeruch, ein kühler Windstoß, das Gleiten und Schaukeln und Plätschern und die kleine, zuckende Unruhe all ihrer Glieder und Nerven das floß zusammen in eine sehnsüchtige Ahnung, in eine übersinnliche Verlorenheit. Und es verdichtete sich zu einzelnen Tönen, in verschwommenen Accorden. Dann wurde es ein leises Moll und eine kleine, sehnsüchtige, bange Melodie. …

Ein tiefes, verlorenes Hineinhorchen in sich selbst: die somnambule Verzückung des Künstlers. 

Sie erwachte erst, als sie drüben anstießen. Die leisen, klingenden Töne verflogen, nur das dunkle, schwere Rauschen blieb, das feierliche Pathos des roten, verlangenden Stromes, der warm und üppig durch ihren Körper floß.

Sie stiegen durch den Park hinauf zum Stiftskeller. Sie führten die Räder und gingen nebeneinander.

Es war fast dunkel, als sie oben ankamen. Die Lichter waren schon angezündet. Aus den Auen stieg ein dünner, hellgrauer Brodem empor, und weit drüben, breit, schwarz und tief, mit tausend flirrenden Lichtern, dehnte sich die verschwommene Perspektive der Großstadt.

In dem kleinen, freundlichen Speisesaal saßen vereinzelt ein paar Leute, brave Klosterneuburger, vor bescheidenen Gläsern.

Fellner reichte Fanny die Karte und bestellte den gelben Strohwein.

- - - Schwer und süß und heiß rieselte das durch die Adern. Warmes Behagen durchströmte sie. So mußte das Leben sein so satt und süß.

Und dann: so hatte sie noch niemand angesehen.

Ein leichter Schwindel faßte sie wie ein schwaches, hilfloses Taumeln. Helle, dünne Wolken senkten sich nieder, die Lichter tanzten im Saal, die Gläser klirrten, dort hinter einer Nebelwand saßen Leute, die sich bewegten und sprachen.

Und ein fremder, starker Duft hielt sie gelangen, eine zärtliche Hand liebkoste die ihre. Ein schluchzendes, namenloses Glück. Das also war das Leben.

Um 10 Uhr verließen sie den Speisesaal und gingen hinunter zum Zug. Er hatte einen Burschen mit den Rädern vorausgeschickt und hielt sie eng an sich gedrückt. Sie schmiegte den glühenden Kopf am seine Brust und ließ sich mit geschlossenen Augen von ihm führen.

Der Weg war einsam und dunkel. »Soll ich dich tragen?« flüsterte er. Und bevor sie noch erwidern konnte, fühlte sie sich in die Höhe gehoben.

Er trug sie, wie man kleine Kinder trägt, in liegender Stellung, den linken Arm unter ihren Rücken geschoben, den rechten um ihren Körper geschlungen. Sie wiegte sich in dieser zärtlichen Kraft und schlang die Arme um seinen Hals.

Und er bedeckte den kleinen Kopf, der wie im Fieber glühte, mit Küssen. Seine stürmische Zärtlichkeit saugte sich fest an ihren Lippen, sein weicher, zottiger Bart streichelte ihr Gesicht. Und dann preßte er den Mund auf ihre weiße, leuchtende Kehle, die aus dem Kleid hervorlugte. Wie im Traum spürte sie noch durch den dünnen Stoff des Kleides den Druck seiner Lippen auf ihrer Brust, auf ihren Armen, auf ihrem ganzen, weichen, kleinen Schlangenkörper, bis zu den dünnbeschuhten Füßen hinunter, die er liebkoste. 

Sie erwachte nicht einmal ganz, als sie wieder auf festem Boden stand. An seinem Arm ging sie wie nachtwandelnd einem hell beleuchteten Gebäude zu, durch ein Menschengewühl, und fand sich endlich in einem Coupé. Sie waren nicht allein, und ihre Hände waren heimlich verschlungen.

Der Zug sauste durch die Ebene, und draußen lag die schwarze Nacht.

Dann kam Wien. Er hob sie in einen Wagen, und unter seinen Küssen hörte sie nur noch: »Ich komme Morgen.«

Als der Wagen vor ihrem Hausthor hielt und er anläutete, sagte er; »Ich will gleich mit den Eltern sprechen. Morgen, wenn ich dein Rad bringe. Wann ist dein Vater zu Hause?«

Sie besann sich, zerstreut: »Um drei Uhr, nach Tisch.«

Schlürfende Schritte näherten sich, und der Hausmeister öffnete. Josef trat zum Wagen. -

Sie ging die Treppe hinauf, und sperrte die Thür auf.

Dann stand sie in ihrem Zimmer. Die Kleider fielen, und es schien ihr, als ob ihr Körper eine sengende Glut ausströmte. Etwas Neues, Fremdes umflutete sie wie ein heißes Bad.

Sie legte sich zu Bett, und ihr war, als gleite sie nieder, abgrundtief wie auf sinkenden Wolken. Schwer und traum-los schlief sie die ganze Nacht.

V

Als sie mit den Eltern beim Frühstück saß, wußte sie nicht, wie sie ihre leuchtenden Augen, ihre strahlende Seligkeit verbergen sollte.

Nach dem Frühstück ging sie in ihr Zimmer. Aber sie fand keine Ruhe bei dem Buch, das sie vorgenommen hatte, und ging auf und ab. Einmal blieb sie vor dem Spiegel stehen und betrachtete sich lange und ernsthaft. Ihr Gesicht kam ihr verändert vor. Die Linien schienen ihr nicht mehr so verschwommen und fliegend, die Züge fester und tiefer gegraben, die Farben satter und der Teint frischer.

»So also sieht eine demi-vierge aus,« dachte sie. Und sie schnitt sich selbst eine Grimasse zum Zeichen ihrer Verachtung. Dann aber breitete sie die Arme aus und atmete tief. Ja, das war für immer dahin: das zarte Grün ihrer Seele, die keusche Ahnungslosigkeit ihres Körpers. Das war untergegangen in dem heißen Strom. …

Aber mochte es so sein. Besser er war dahin, dieser erste Schmelz ihrer Jungfräulichkeit, als er blieb liegen und wurde zum erstarrenden Reif. - - -

Vormittags kam Jakob. Er hatte sie seit dem Konzertabend nicht gesehen.

Er saß bei ihr im Zimmer, und sie freute sich, er würde von der Oper sprechen oder von ähnlichem und sie würde dabei an Nachmittag denken und an gestern.

Aber er sprach nicht von der Oper. Er saß da in seinem schwarzen Rock und drehte an seinem Schnurrbart und war einsilbig und ernst.

»Sag, Fanny,« begann er nach einer Weile, »hast du dir schon einmal Gedanken gemacht über die Ehe?«

Sie lachte fröhlich: »Du meinst, übers Heiraten?«

»Nein, Fanny, nicht übers Heiraten. Über die Ehe, - ich meine, aber das Wesen der Ehe.«

Er schien ihr so feierlich heute. Aber so war er ja immer, wenn er an seine Großen dachte. 

»Ehe, so nenne ich den Willen zu zweien. 

»Ja, Fanny,« entgegnete er, als sie wie fragend diese Worte vor sich hinsprach.

»Und wie meinst du,« fuhr er stockend fort, - - müssen die beiden sein, die sich zusammenthun, um dieses Eine zu schaffen - - ?«

Sie stand auf und ging langsam, auf ihn zu, und ihre Augen waren hell und warm:

»Ach, Jakob,« sagte sie leise »ich denke bei der Ehe nicht an das Eine, von dem Nietzsche gesprochen. 

»Nicht an das Kind denkst du, nicht an die harmonische Verschmelzung der elterlichen Kräfte zur Zeugung des Kindes?«

Er sah fragend zu ihr auf.

»Nein, Jakob ich denke nur an mich dabei, nur an mich selbst.«

Er staunte sie an, wie sie vor ihm stand mit der leuchtenden, verklärten Stirn. Das war nicht das Mädchen, das er gekannt. Selbstherrlich war sie und strahlend.

»Und und was forderst du von der Ehe, Fanny - - ?«

Träumerisch stand sie vor ihm.

»Ach, Jakob,« sagte sie, »ich weiß ja nichts von der Ehe. Ich weiß nur eines.« Sie sah ihn an mit lächelnden, freudigen Lippen: »In Schönheit muß es sein in Schönheit Ejlert Lövberg. 

»Liebe, Herrliche,« flüsterte er. »Ich 

Er unterbrach sich.

»Erst, - vorher - will ich dir etwas erzählen. Eine schöne Überraschung - rate mal!«

Sie könne es nicht erraten. Was es denn sei.

»Also gestern war ich im Griensteidl. Wen, meinst du, traf ich dort? Na, das kannst du nicht wissen, natürlich:

Den Konzertdirektor Habert, - so ein kleiner, dicker alter Herr, - ich weiß nicht, ob du ihn kennst. Ich kenne ihn seit langem. Der war auch bei deinem Konzert, na, und er ist ganz weg von dir. Wenn er nicht seit fünfzig Jahren nichts als Musik triebe, sagte er mir, und wohl so ziemlich alles kenne, was komponiert worden ist, so würde er nicht glauben, daß den Danse diabolique wirklich dieses kleine Mädl komponiert hat. Und kurz und gut, weißt du, was er vorhat? Er bietet dir eine Konzerttournee für dieses Frühjahr: Wien, Dresden, Berlin, München, Paris, London. Und er hat eine Summe genannt, aber du mußt von ihm selbst hören, wie hoch man das Wunderkind einschätzt . 

Sie hatte mit roten, heißen Wangen zugehört. Erregt ging sie im Zimmer auf und ab. Eine Weile fand sie keine Worte. Dann sagte sie:

»Das das ist herrlich, Jakob. Das bedeutet eine große Anerkennung einen großen Erfolg. Aber im Frühjahr kann ich nicht.«

Er sah sie überrascht an: »Warum nicht?«

»Weil, nun, aber frag ihn, ob er warten will; bis zum Herbst oder zum nächsten Frühjahr - -

»Aber warum willst du nicht jetzt, Fanny?«

Sie schwieg in tiefer Erregung. Dann sagte sie leise: »Ich will jetzt nicht von Wien fort weil mich jetzt an Wien etwas fesselt. …«

Er sah sie beinahe ungläubig an: »Giebt es etwas, das Fanny Roth mehr fesselt als ihre Arbeit?«

Sie schwieg in ernster, feierlicher Glückseligkeit. Dann brach es aus ihr heraus, unbändig, maßlos, wie ein toller wirbelnder Frühjahrssturm: »Jakob, Jakob - -

Und sie fiel ihm um den Hals, und Ihr Körper war durchrüttelt von Lachen und Weinen.

Er schlang inbrünstig die Arme um sie: »Liebe liebe Fanny. 

»Ich ich will nicht von Wien weg, Jakob, weil aber ich bin ja so selig. 

»Was ist's?« sagte er mit plötzlich veränderter Stimme,

»Ich ich hab mich verlobt, Jakob,« sagte sie leise.

Und sie hob das thränenüberflutete Gesicht zu ihm auf: »Du bist der erste, dem ich es sage.«

Seine Arme glitten langsam, bleischwer von ihr ab.

»Wann?«

Sie lächelte, weil sie ihm »gestern« erwidern mußte und es selbst nicht fassen konnte.

»Gestern?« Er konnte es kaum glauben. »Und mit wem?«

»Mit Josef Fellner,« entgegnete sie langsam und jedes Wort betonend.

»Josef Fellner?« Er suchte in seinem Gedächtnis. »Ich kenne doch alle deine Bekannten, aber den Namen kenne ich nicht. Warum hast du diese Bekanntschaft verheimlicht, Fanny?«

»Verheimlicht? Aber Jakob, du kennst ihn ja gerade so lange wie ich?!«

»Josef Fellner?« Er schüttelte den Kopf. »Ich kenne niemanden, der so heißt.«

»Aber erinnerst du dich denn nicht, es ist doch unmöglich, daß du das vergessen hast, neulich Abends nach dem Konzert der große Blonde, den dein Freund vorstellte ?«

»Der? Aber, Fanny, das ist doch nicht möglich? Das war doch vor zwei Tagen?«

»Vor zwei Tagen wahrhaftig,« sagte sie erstaunt. Und leise fügte sie hinzu: »Wir haben uns eben gleich lieb gehabt.«

Er konnte es nicht fassen. Noch immer glaubte er, es sei nicht ihr Ernst, »Es kann ja nicht sein - - du wirst dich doch nicht einem fremden Menschen schenken!«

»Doch, es ist so. Er kommt heute Nachmittag zu den Eltern. Daß es erst zwei Tage sind, macht doch nichts, das Fremde, das ist ja gerade das Schöne - - -

Tief erstaunt sah er sie an: »Fanny die Ehe! Weißt du denn auch, was sie bedeutet, diese Gemeinsamkeit?«

Sie überging seine Frage. »Und sind wir denn einander fremd?! Wir?!«

- Eine heiße Blutwelle stieg ihr ins Gesicht: »Wenn alles so zu einander strömt ?«

Sie stockte.

»Ehe«- fuhr sie mit leiser Stimme fort, - »ja die Ehe. - Etwas anderes giebt es ja für uns nicht. Und darum gehen wir in die Ehe - - « sie stockte - »darum gehen wir in die Ehe nicht um der Schaffung willen, nicht um das Neue zu zeugen, das Kind, - daran denken wir nicht weil wir ja für uns selbst erst die Erlösung suchen 

Er sah sie an, fremd und erstaunt.

- Er verstand sie nicht mehr.

VI

Es war zwar eine große Überraschung, aber nach genauen Erkundigungen hatte niemand etwas dagegen. Im Gegenteil, eine Frage, die den Roths viel Sorgen gemacht, war nun endlich gelöst. »Fanny muß eine glänzende Partie machen« stand seit jeher bei ihnen fest. Und nun machte sie sie wirklich: ein schöner Mann, ein eleganter Mann, ein reicher Mann, in angesehener Stellung er leitete ein großes, industrielles Unternehmen, eine Aktiengesellschaft für Kanalisierung schiffbarer Flüße, die von der Regierung gegründet worden war. Und aus guter Familie war er auch. Was wollte man mehr.

Die Hochzeit wurde für anfangs Juli festgesetzt Fellner wollte nicht so lange warten, er bat: gleich, nächsten Monat. Aber da war Frau Roth unerbittlich. Die Ausstattung mußte gemacht werden, und das ging nicht so über Hals und Kopf und dann schickte sich das auch gar nicht. Das Vierteljahr würden sie wohl warten können. 

Und sie warteten. Es war die Zeit der Erwartung, die jedes Thun ausschließt, die Zeit, in der jede Minute des Tages und der Nacht nichts ist als spannendes, lauerndes, horchendes Warten: ein entnervendes Lauschen auf das Verrieseln der Zeit, ein Sammeln der langsam verfließenden Stunden, eine krampfhafte Konzentration aller Beobachtung auf den Becher, auf das Maß, das nicht voll werden will und nur langsam, langsam anwächst durch den einzelnen Tropfen des sinkenden Tages.

Das erste Mal seit langer Zeit arbeitete Fanny nichts. Sie rührte die Geige nicht an, sie dachte an nichts als an die nächste Zukunft. War er nicht bei ihr, so ging sie zerstreut im Hause herum, oder sie saß in ihrem Zimmer mit einem Buch, über das sie gedankenlos hinausträumte, dessen Seiten nur selten gewendet wurden. Hörte sie dann das bekannte Läuten, so gab es einen kleinen schmerzhaften Stich im Herzen, eine heiße Blutwelle strömte ihr siedend zu Kopf. …

War er da, so sprachen sie wenig. Einmal war ihr etwas freier und unbefangener zu Mute geworden, und sie erzählte ihm von ihren Studien, von ihrer schweren, fleißigen Arbeit, mit ihren heißen Freuden.

Aber während sie sprach und immer wärmer wurde an dem, was sie ihm erzählte, und es erlösend in ihr aufstieg wie ein leises, freudiges Erwachen, wie ein schüchternes Besinnen auf sich selbst begegnete sie seinem Bück. Und sie sah, wie er starr auf den kleinen Ausschnitt ihres Kleides blickte, aus dem ihr Hals wie weißer, leuchtender Sammt emporstieg. 

Da kam wieder die schwüle Betäubung, die heiße Welle schlug über ihr zusammen, das Neue, das Fremde überflutete sie. … Er saugte ihr Atem und Besinnung aus der Seele, sein Mund preßte sich an den ihren, und ihr war, als trinke er sie aus. Mit einem schwindelnden Wonnegefühl versank sie in dieser Übermacht, willenlos, entselbstet.

Einmal erzählte sie ihm von dem Antrag des Konzertdirektors. Er fragte gar nicht nach ihrer Erwiderung, es schien ihm selbstverständlich und außer jeder Frage, daß sie abgelehnt hatte.

Da packte es sie wie ein Kitzel, wie unbezwingbare Lust und spannende Neugier, zu sehen, was er sagen würde, Wenn es anders wäre. 

»Du kannst dir denken, wie sehr mich dieser Erfolg freut und wie viel ich mir von dieser Reise verspreche. 

Er sah sie an mit einem Blick, vor dem sie erschrak: »Du du meinst doch nicht 

Mühsam, mit Aufbietung all ihres Mutes, fuhr sie fort: »Ich ich habe natürlich angenommen. 

Er war aufgestanden. Sein Gesicht war blutrot. Er näherte sich ihr, streckte die Arme aus, sie fühlte einen eisernen Druck auf den Schultern, er hielt sie umklammert und rüttelte den zarten Körper, und sie hörte eine heisere, fremde, erstickte Stimme: »Du du darfst nicht, hörst du?«

Sie sank unter dem Druck seiner Hände zu Boden. Er schrie auf, faßte sie und trug sie aufs Sofa.

Er kniete vor ihr und vergrub sein Gesicht in ihren Schoß. Ein wildes Flehen durchrüttelte ihn - : »Verzeih mir, aber ich lieb' dich so, daß ich nicht anders kann, und ich ertrag es nicht, daß du irgend etwas mir vorziehst, du darfst nur mein sein, - nur mein - - verzeih mir, Geliebteste Fanny - «

Sie streichelte mit ihren schönen, schlanken, vergeistigten Musikfingern den zottigen Kopf, der in ihrem Schoße lag. Immer leidenschaftlicher schmiegte er sein heißes Gesicht an ihren Körper. 

Und wieder verlor sie sich in dieser wilden Inbrunst.

Eine süße Bangigkeit betäubte sie wie ein Opiat, wonnige Sehnsucht jagte ihr das Blut durch die Adern, alle Zweifel der Einsamkeit versanken, und sie wußte nur, daß sie nicht anders konnte, daß es sein mußte.

VII

In ihrem weißen Kleid stand sie in ihrem Zimmer. Frau Roth, in prachtvoller Brautmutter-Robe, saß in der Sofaecke und schluchzte. Sie selbst stand da mit vibrierenden Nerven und ließ fast ohne Besinnung alles mit sich geschehen. Die Friseurin nahm ihr den Kranz aus den Haaren, das Stubenmädchen streifte ihr die weißen Seidenschuhe von den Füßen und knöpfelte ihr die gelben Reise-Stiefelchen zu. Das weiße, schimmernde Kleid fiel, der graue englische Rock und die seidene Bluse, weich und lose, wie sie sie immer trug, wurden ihr übergeworfen; dann schlüpfte sie mechanisch in das graue Jäckchen, das man ihr hinhielt.

Es klopfte an der Thür. Ein großer, dicker Herr, mit rotem, apoplektischem Gesicht kam herein, mit der Uhr in der Hand:

»Kinder, ihr müßt euch beeilen, in vierzig Minuten geht der Zug.«

»Sie ist fertig, Vater, Josef kann kommen.«

»Er hat sich in meinem Zimmer umgekleidet und wartet dort. Ich geh ihn holen.«

Er verschwand und kam gleich darauf wieder. Mit ihm kam Josef. Er war in hellem Sommeranzug und hielt den Hut in der Hand. »Komm, Fanny!«

Man setzte ihr den weißen Girardi-Hut auf und band ihr den Schleier um.

Die Mutter hing ihr ein Täschchen um: »Da hast du von mir, Fanny, damit du für dich etwas hast.«

Fanny lächelte und beugte sich über die Hand der Mutter.

»Das ist, wenn dir der Josef nichts zu essen giebt,« scherzte der Vater.

Josef hielt sie am Arm: »Komm, komm! 

Noch ein lautes Schluchzen der Mutter, Küsse, und das gewöhnliche »Sei brav!« des Vaters, das er ihr, seit sie denken konnte, bei jedem Weggehen, so oft sie ihm Adieu sagte, mitgab.

Dann zog Josef sie hinaus.

Unten warteten die Hausmeisterin und die Dienstboten, und sie riefen ihr Glückwünsche in den Wagen nach.

Im schärfsten Tempo flog der Fiaker durch die Gasse. 

Im Coupé war es erdrückend heiß. Der Zug sauste durch die glühende Sommerlandschaft, und Fanny verschmachtete in dieser Hitze. Beide Fenster waren geöffnet und die Vorhänge heruntergelassen. Sie konnte sich vor Erschöpfung kaum aufrecht halten.

Josef lehnte ihren Kopf an seine Brust und strich mit seiner großen behaarten Hand über ihre Wangen. Dabei erzählte er ihr, wie herrlich es ihr dort im Gebirge gefallen werde und wie gut es sei, daß sie noch heute Abend hinkämen. Und das Schönste daran war, daß niemals viel Leute dort seien, weil erst ein Hotel dort stehe. Aber es werde jetzt fleißig gebaut Und jetzt solle sie schlafen, hier an seiner Brust, seine kleine, geliebte, süße Frau. 

Und sie fühlte wirklich, wie die hämmernde Aufregung, die qualvolle Spannung von ihr abglitten, als sie sich an ihn lehnte, und wie eine wohlige Schläfrigkeit sie langsam betäubte. An dieser breiten, gewölbten Brust ruhte sich's gut. Sie empfand sein ruhiges, starkes Atmen wie ein leises Wiegen, und sie hörte sein Herz klopfen durch das dünne, farbige Sommerhemd, das er ohne Weste, nur von einem breiten, seidenen Gürtel begrenzt, unter dem offenen Rocke trug.

Und wieder dieser fremde, starke Duft 

Sie sah noch, halb im Schlaf, wie er sich eine Cigarre anzündete und die ersten blauen Rauchwolken aufstiegen.

Dann verspürte sie nur noch den leisen Druck seines Armes, der sie umschlungen hielt, und alles verschwamm und versank. 

Als sie ankamen, fühlte sie sich erfrischt und wie neu belebt.

Eine kühle, satte, aromatische Luft schlug ihr entgegen, als sie das Coupé verließen.

Sie stiegen zu Fuß zum Hotel hinauf, das oben stand, hart am Walde.

Ruhig und klar und heiter lag der Abend über diesen Bergen. Nadelwälder, von schwerem, dunklem, sattem Grün stiegen an ihnen weit über die Mitte empor, wo Almen sie ablösten oder felsiges Gestein.

Das Hotel lag am Fuße der Berge, umgeben von Wiesengrund und einer großen Parkanlage. Bänke, Tische und Lauben waren darin aufgestellt, und die Sommergäste saßen da, in lichten Kleidern oder Bauernkostümen, und speisten zu Abend.

Sie durchschritten den Park und traten in das Haus. Das Ganze machte einen durchaus ländlichen Eindruck. Die Küche und der Flur waren mit lichten Bauernmöbeln ausgestattet und das ganze Haus in sehr zierlichem aber anspruchslosem Schweizerstil gehalten.

Die Wirtin kam ihnen entgegen, und Josef trat mit ihr beiseite. Sie sprachen leise.

Fanny sah, wie die Wirtin bedauernd die Achseln zuckte, dann aber hinauf deutete und irgend etwas zu rühmen schien.

Fanny wurde auf einmal bang und erschrocken zu Mut. Und als sie hinter dem Zimmermädchen die Treppe hinaufstiegen, schaute sie ängstlich und fragend zu Fellner auf.

»Kinderl,« sagte er, »sei nicht bös, aber ich kann nichts dafür. Es ist halt nur ein Zimmer frei. 

Dann beugte er sich tief zu ihr nieder. »Und mein armes, kleines Frauerl muß mit mir wohnen. 

Sie neigte den Kopf, als wolle sie seinem Blick nicht begegnen, und sagte kein Wort.

Im zweiten Stock sperrte das Mädchen ein Zimmer auf: »So, bitt' schön, das ist es. Wünschen die Herrschaften oben zu speisen?«

Fanny hob den Kopf. »Nein, wir essen unten,« sagte sie schnell.

Das Mädchen ging.

»Ich bitte dich, Josef laß mich hier allein; ich will mich waschen und ein wenig Toilette machen; ich komme dann gleich hinunter, - wart unten auf mich !«

Er sah sie lächelnd an. Dann sagte er, den Blick fest in ihre Augen gerichtet: »Also gut, aber komm recht bald!«

Als er ging, sperrte sie die Thür hinter ihm zu und atmete auf. 

Dann sah sie sich das Zimmer an.

Und es wurde ihr wieder wohler zu Mut. Daß es so gar nichts städtisch hotel-mäßiges hatte, heimelte sie an.

Alle Möbel waren von lichtem, hellbraunen Holz, im Bauernstil, und die zwei Betten mit einer großen, geblümten Decke bedeckt.

Das Zimmer war sehr groß. Ein bequemer Waschtisch war da, ein freundlicher Spiegel, ein Tisch, ein zierliches braunes Ledersofa, zwei Kästen und ein paar Sessel.

Zu ihrem großen Entzücken entdeckte sie in der Ecke, an den einen Kasten gelehnt, eine zusammengelegte, mit buntem Blumenstoff überzogene spanische Wand. 

Sie trat zum Fenster.

Die Aussicht ging in den Wald und in die Berge. Jetzt sah sie auch den Bach, der durch das Thal floß, und sie empfand den Anblick des schäumenden, blauen Gebirgswassers wie ein kaltes, frisches Erquicken.

Die Landschaft am Abend, kurz nach Sonnenuntergang, war ihr immer froh und tief erschienen, wie ein heiteres Ausruhen nach des Tages Unrast. In dieser Stunde erschienen ihr alle Dinge immer als das, was sie wirklich waren, nicht als das, was die Menschen in sie hineinlegten. Die scharfen Konturen der Berge, die ruhigen Breiten des Thales, der verschwiegene Wald und die freundliche Luft, alles das war in dieser Stunde so zusammengehörig und einheitlich, es erschien wie das Unabänderliche, das Selbstverständliche wie begrifflose Natur. Und eine milde Beruhigung strömte ihr aus dieser Abendlandschaft entgegen. 

Sie trat vom Fenster weg und begann ihren Handkoffer auszupacken. Die paar Blusen und das bißchen Wäsche, das sie für die wenigen Tage mitgenommen hatte, legte sie in den einen Kasten. Dann kleidete sie sich aus und badete den Oberkörper in kaltem Gebirgswasser; löste die kunstvolle Hochzeitsfrisur, kämmte ihr langes, dichtes Haar und schlang es in den gewohnten Knoten.

Die frische, weiße Matrosenbluse, in die sie nun schlüpfte, schmiegte sich kühl und glatt an die vom Wasser erregte Haut. Der Hals blieb frei, und an der Brust knüpfte sie die blaue Kravatte. Ihren Hut nahm sie in die Hand, das Jäckchen auf den Arm und ging hinunter.

Er wartete auf der Veranda. Das Abendessen hatte er schon bestellt, und als sie kam, läutete er dem Kellner. »Essen wir nicht im Garten?« fragte sie.

»Unten sind alle Leute. 

Und auch sie fand es schöner hier, wo es so luftig und frei war. »Ich bin hungrig,« sagte sie munter.

»Armes Kind,« sagte er, »hat den ganzen Tag nichts gegessen.«

Und er zählte ihr die lukullischen Herrlichkeiten auf, die sie erwarteten.

Beim Nachtisch angelangt, ließ er schwarzen Kaffee bringen und reichte ihr die Cigarette.

Noch immer war sie munter und plauderte und sog mit Behagen den Rauch ihrer Cigarette ein.

Es war finster geworden, und man hatte ihnen ein Gartenlicht hinausgestellt.

Es fiel ihr auf, wie ernst und einsilbig er war. Er sprach wenig und sah sie nur an. Einmal blickte er auf die Uhr. Dann nahm er wieder ihre Hand in die seine.

»Ich möchte noch ein bißchen spazieren gehen,« sagte sie.

Er stand auf und hing ihr die Jacke um.

Sie gingen hinunter, den Wiesenweg entlang. Leuchtkäfer umtanzten sie, und sie wollte sie fangen. Aber immer, wenn man die Dinger hatte, erloschen sie und waren schwarz, wie die Nacht selbst, Nur einmal setzte sich eines in ihr Haar und leuchtete da weiter. Sie konnte es nicht sehen, aber er sagte es ihr. Und er küßte sie auf Mund und Hals und über das ganze, weiße Gesicht.

Er hielt sie im Arm, und sie ging, wohin er sie führte.

Auch als er umkehrte und mit ihr wieder dem Hause zuschritt.

Als sie die Treppen hinauf gingen, hielt sie sich an ihn an; ihr war, als wiege sich alles, in leichter, zarter Bewegung. Aber je näher sie ihrem Zimmer kamen, desto wilder tanzten die Dinge, und ein Angstgefühl schlich langsam heran. 

Er sperrte die Thüre auf. Bevor er noch das Licht angezündet hatte, sah sie die weißen, offenen, dicht aneinandergerückten Betten im Dunkeln leuchten.

Und wieder kam der Taumel über sie und die Angst und die heimliche, schwere Bangigkeit 

Er zündete an.

Und dann kniete er vor ihr und küßte ihre Hände, demütig und zärtlich.

Sie saß auf einem Sessel, wie betäubt und gelähmt.

Er schmiegte den Kopf an ihre Brust, und sie sah, wie sein Gesicht glühte, wie heiß und erschüttert er war. 

Und ein zitterndes Lustgefühl durchströmte sie über die Aufregung dieses Mannes ein süßer Triumph.

Er legte ihre Füße auf seinen Schoß und begann, ihr die Schuhe aufzuknöpfen.

In starrer Erwartung stockte ihr der Atem. 

Dann griff er wie verstohlen an ihre Bluse und löste langsam die Haken.

Und eine namenlose Angst stieg in ihr auf, eine furchtbare Hilflosigkeit. Sie suchte seine Hand fortzuschieben, aber er gab nicht nach, er hielt sie fest und streifte ihr die Bluse herunter.

Sie schrie auf, als sie so vor ihm dasaß. … Aber er faßte sie und bedeckte ihr Hals und Arme und Gesicht mit Küssen und hob sie empor und trug sie zum Bett.

Sie verlor die Besinnung für Lust und Unlust, sie wußte nur, daß alles in ihr wilde, verzweifelte Abwehr war. Und warum - warum?! Hatte sie nicht inbrünstig auf diese Erlösung gewartet? Und nun statt des berauschenden, seligen Untergangs, den sie geträumt, Entsetzen. 

Hatten sie denn alle gelogen, die Dichter, die von den Wonnen dieser Nacht sprachen? War keiner, keiner ehrlich gewesen?

Und als er sie umfaßte, wußte sie, daß sie alle gelogen hatten.

Sie sprachen von Scham. Aber das Furchtbare war nicht die Scham. Die Scham war noch das Gute das Betäubende. Das Furchtbare war die Angst, die feige, physische Angst …

Und es war ein wilder, entsetzlicher Kampf: die verzweifelte Kraftanstrengung eines kindischen kleinen Körpers gegen eherne Mannesgewalt. Ihre Schreie erstickten in blutigen Küssen, eine eiserne Kraft bändigte die ringenden Glieder, ein unbarmherziger Wille schmiedete die lodernde Auflehnung. Sie ergab sich nicht, aber sie versank röchelnd und hilflos in dieser Gewalt. In ihrem letzten Bewußtsein empfand sie nur noch sein überströmendes Verzeihung Flehen, und ihr war, als ob ein Untier, das sie zerfleischt hatte, ihr nun zärtlich die Hand leckte. - -

Früh morgens erwachte sie und fand den Mann schlafend an ihrer Seite. Sie wollte sich aufrichten, aber mit einem schwachen Schrei sank sie zurück: sie verspürte heftige Schmerzen im Kreuz und im ganzen Körper, dessen Glieder ihr wie zerschlagen erschienen. In tiefer Erschütterung empfand sie die Verwandlung, die mit ihr vorgegangen.

Und das erste Mal beschlich sie eine zage Ahnung, daß nun ein ganz neues Leben vor ihr lag. -

Er schlief tief und fest neben ihr, und es war kein Entsetzen mehr für sie. Nicht mehr der bacchische Taumel, aber auch nicht mehr die verzweifelte Auflehnung. Eine milde Ruhe war über sie gekommen. 

Wie er so dalag neben ihr, den blonden, zottigen Kopf auf ihrem Polster, da wurde ihr seltsam warm zu Mut, und sie vergaß fast das wilde, erbarmungslose Raubtier, mit dem sie gekämpft.

Eine neue, heiße Zärtlichkeit durchströmte sie, 

Und ein Dankgefühl stieg in ihr auf, daß er so mitleidslos gewesen war. 

Aber die Dichter hatten doch alle gelogen. Nur einer fiel ihr jetzt ein, der Franzose, der in einem Stück, das sie einmal gelesen, in »Ami des Femmes« Worte gesprochen, die sie jetzt erst verstand:

»… Quelques-unes ferment les yeux et se réfugient dans le 'sein de la maternité. Mais il y en a dont toute la nature s'epou-vante et revolte et repousse un tel compromis. 

Aber das war vorbei. Sie neigte sich über den Schlafenden und betrachtete ihn lange.

Und plötzlich wußte sie: daß auch für das Weib die selige Nacht kommt - - - aber erst viel, viel später. - - -

II. Teil

VIII

Im Herbst kam sie aus dem Seebad, wo sie mit ihm den Sommer verbracht hatte, zurück nach Wien.

Draußen im Villenviertel mieteten sie eine Wohnung, und sie freute sich, daß sie nicht mehr in der staubigen, wagendurchrasselten inneren Stadt wohnen mußte, wie früher bei den Eltern.

Nach dem langen Urlaub, den sich Fellner genommen, wartete auf ihn viel geschäftliche Arbeit. Und so ließ er ihr in der Wohnungseinrichtung freie Hand.

Das war ein neues Vergnügen für sie. Jedes Stück wollte sie mit Vorbedacht wählen und sich ja nicht überstürzen. Darum wohnten sie einen ganzen Monat im Hotel, während sie ihre Einkäufe machte. Vornehm und künstlerisch wollte sie ihr Heim draußen in der kleinen Villa, und sie setzte ihren Stolz drein, all ihre Pläne durchzuführen, ohne ihr Budget zu überschreiten. Jeden Abend rechnete sie ihm mit drolligem Stolz vor, wie gut sie sich's einteile.

Auch die Bauart der Villa entzückte sie. Unten, durch die ganze Breite des Hauses dehnte sich ein hallenartiger Saal, der in eine offene Loggia mündete, von wo aus man in die Gärten und in die freien Felder blickte. Dieser Saal wurde als Speisezimmer und als Salon zugleich eingerichtet, mit türkischen Rauchecken, weichen, verstohlenen Erkern und riesigen, großgeblumten Fauteuils, die da und dort an der Wand standen und in die man förmlich versank, wenn man sich hineinsetzte.-- Oben waren die Wohnzimmer, vier an der Zahl.

Abends, im Hotel, während sie vor dem Spiegel saß und ihr Haar zur Nacht aufsteckte, besprach sie mit ihm die Einteilung:

»Ich denke, wir richten uns jeder ein Arbeits- und ein Schlafzimmer ein.«

»Oho!« sagte er lachend.

Sie mißverstand ihn. »Selbstverständlich habe ich auch mit einem Zimmer genug, wenn du noch eins brauchst, als Bureau.«

»O, du dumme Fanny! Das mein' ich ja nicht!«

Und während er seine Kravatte ablegte, küßte er sie, wie sie so dasaß und ihr Haar aufsteckte, auf den Arm.

»Du weißt doch, ich hab mein Bureau in der Stadt. Ich mein' halt,« sagte er und beugte sich zu ihr nieder, »daß ich immer mit meinem Frauerl schlafen will, grad wie jetzt «

Sie war es jetzt schon gewöhnt, daß er so sprach und lachte leise. »Aber, du,« sagte sie, »es ist doch viel netter, man hat sein Zimmer …«

Sie schlang die bloßen schönen Arme, die rundlicher und frauenhafter geworden waren, um seinen Hals und schmiegte das Gesicht in den blonden Bart.

»Weißt du, Josef, ich glaube, es ist wirklich gut, wenn man sich, ein bißl menagiert, - - denn sonst - am Ende - gewöhnt man sich vielleicht aneinander - «

Er blickte sie verständnislos an.

»Ich meine eben,«- sie wurde dunkelrot - »daß wir ohnedies schon arge Verschwender gewesen sind - - und am Ende« sie lachte verstohlen - »kriegst du mich zu schnell satt, wenn du mich immer hast. …

Er setzte sich nieder und zog sie auf seinen Schoß: »Du dumme, böse, nichtsnutzige Fanny,« murmelte er, »Schläge verdienst du dafür. 

»Aber es ist doch auch viel ästhetischer,« fuhr sie bittend fort.

»Nein, ich will nicht,« sagte er schroff. Dann, als er sah, daß er sie erschreckt hatte, beugte er sich zärtlich zu ihr: - Schau, ich freue mich doch den ganzen Tag darauf, daß ich dich abends - bei mir hab'. 

»Warum denkst du nur immer daran?« fragte sie plötzlich.

»Na, giebt's denn was Schönres, an das ich denken könnte?«

»Merkwürdig,« sagte sie und sah ihm ins Gesicht, wie mit einem neuen Interesse.

»Was ist merkwürdig?« fragte er.

»Merkwürdig, daß du immer nur daran denkst und nie an das andre, daß wir abends zusammenkommen und plaudern, und ich dir alles sag', was ich den ganzen Tag gedacht hab - - -

»Darauf freue ich mich auch, natürlich, aber das Süßeste ist es halt doch,« er beugte sich heiß zu ihr nieder, - »wenn ich mir vorstelle, daß ich dich auf dem Schoß halte, - gerade wie jetzt - und dir langsam, langsam alles fortnehme, - bis du dastehst, wie so ein süßer, süßer kleiner Engel - und dann - «

Dunkelrot hielt sie ihm mit beiden Händen den Mund zu: »Wirst du schweigen, du - -

Er schob ihre Hände weg und küßte sie leidenschaftlich auf Arme und Brust.

»Also mit den ästhetischen Schlafzimmern ist's nichts,« sagte er, während er sie noch ganz heiß von seinen Küssen auf dem Schoß hielt.

Sie hatte aber noch ein Bedenken: »Da bleibt uns ja ein Zimmer übrig.«

»Endlich einmal werden wir es doch wohl brauchen.«

»Ach so das. Daran hab' ich ja noch gar nicht gedacht.« Ein lichter Schein kam in ihr Gesicht Sie wurde still und nachdenklich.

»Und weißt du, Josef, worauf ich mich noch freue, außer dem?« sagte sie nach einer Weile.

»Worauf denn?«

Sie sprang von seinem Schoß herunter und ging im Zimmer herum. Sie schien ganz in Gedanken verloren und vergaß ihm zu antworten. Er wiederholte seine Frage: »Worauf freust du dich denn noch?«

»Auf die Arbeit, Josef.«

»Welche Arbeit?«

»Na, die Geige; ich hab' doch den ganzen Sommer nicht gespielt, und jetzt sehne ich mich schon so brennend darnach. Aber Gedanken hab' ich gehabt, Gedanken, so viel ist mir eingefallen an neuen Motiven, oft und oft am Abend, wenn wir mit dem Segelboot hinausgefahren sind, ich hab' nur nicht davon gesprochen, weil ich da nie reden kann, wenn alles noch so ungeboren ist; aber jetzt wird gearbeitet, Josef, du glaubst gar nicht, wie viel wirkliche Arbeit das ist, das Formen, harte, gesunde Arbeit, wie in einer Schmiede, weißt du, gerade so schwer und rastlos muß da gearbeitet werden, geglüht und gestählt. 

Er konnte die Augen nicht von ihr wenden, wie sie so dastand, halbentkleidet in ihrer knospenden Schönheit und voll heimlicher Flammen. - - -

Aber es lag etwas Fremdes über ihr. … Er empfand es wie eine schmale feurige Linie, die sie von ihm weg führte, und gegen die er sich auflehnte, weil er sie begehrte.

»Komm, Fanny . Er zog sie an sich.

»Was denn?« sagte sie zerstreut.

»Ich sehne mich nach dir,« murmelte er und faßte sie an der Hand. Sie blickte ihn an, mit fremden, verlorenen Augen, wie aus einem Traum erwachend.

IX

Sie waren schon mehrere Wochen in ihrem neuen Heim, und noch immer gab es Kleinigkeiten nachzuholen in der Einrichtung und in der Einteilung. Jeden Tag mußte sie noch nach der Stadt, irgend etwas kaufen oder bestellen.

Was ihr so viel Vergnügen gemacht, das Wählen und Suchen begann ihr langsam zur Qual zu werden, und ihr fing an, vor dem vielen, endlosen Kaufen beinahe zu ekeln. Es bedrückte sie, wenn sie an die große, runde Summe dachte, die in diesem einen Monat durch ihre Finger gerollt war, und die Vater und Mann mühsam durch Geschäfte erwarben.

Und doch mußte es sein und war gut so.

Und dann, wenn sie von den vielen Laufereien und Besorgungen nach Hause kam, müde von all dem Kombinieren und Zusammenstellen, erholte sie sich im Schauen und Geniessen der erzielten Schönheitseffekte, der ästhetischen Wirkungen und versank in behagen. …

In einer späten Nachmittagsstunde kam sie aus der Stadt nach Hause. Oben im Schlafzimmer legte sie die Straßenkleider ab und zog den weichen dunkeln Sammtschlafrock an.

Die Schleppe raschelte hinter ihr auf den schweren, dicken Teppichen, als sie die Stufen hinunterschritt.

Sie trat in den Saal und bestellte durch das Sprachrohr, das in das Souterrain in die Küche führte, ihren Thee.

Nach wenigen Minuten kam das Mädchen, servierte und ging wieder.

Sie trank mit Behagen und zündete ihre Cigarette an.

Dann legte sie sich auf ein Sofa, denn sie war müde.

Sie dehnte und streckte die Glieder und blies spielerisch Rauchringe in die Luft. Sie starrte zum Plafond und sah oben die Holzmalerei und begann die Stäbchen zu zählen zwischen jeder einzelnen Wellenlinie.

Plötzlich fiel ihr ein, daß das die Stunde war, auf die sie sich den ganzen Tag gefreut, die Stunde, wo sie nach Hause kam und allein war, die Stunde, wo sie Zeit hatte. …

Jeden Abend, wenn sie mit Josef beim Nachtessen saß und sie dann noch lange aufblieben und plauderten und immer wieder plauderten von den Möbeln und den Handwerkern und der Läßigkeit der Wiener und der Überfüllung in der Tramway und den Bekannten und dem Staub auf der Straße an jedem dieser Abende, die einer verflossen, wie der andere, saß sie da mit nagender, bohrender Unruhe im Herzen, und einer seltsamen, schleichenden Ungeduld, die leise in ihr wühlte und manchmal verstohlen an ihr rüttelte, daß sie hätte aufspringen mögen und irgend etwas thun, irgend etwas ergreifen, etwas Hartes, Metallisches, Sprödes und es biegen, biegen und zwingen und die eigene Kraft fühlen. Oder zum Fenster eilen und es aufreissen oder zerschlagen mitten durch die bemalten, zierlichen Scheiben und hinausrufen und -singen in die Nacht, in wilden unbändigen Melodien. …

Und wenn sie dann in ihr Schlafzimmer gingen, da wurde die Unruhe peinvoll, und eine schwere Beklemmung senkte sich auf sie nieder, wie ein dumpfer, lastender Druck: wieder nichts, wieder ein Tag verloren, ein ganzer, köstlicher Tag. Und bevor sie einschlief, zwischen dem letzten verschwommenen Denken des Wachens und den ersten phantastischen Formen des Traumes war ihr steter, krampfhafter Trost: Morgen.

Kam dann der Morgen, so ging das entnervende Spiel von neuem an: Zersplitterung und Tändelei und nach all dem Getändel »Erholung« lähmende Faulheit, gegen die sich ihre stark aktive Natur schmerzlich empörte, und aus der sie sich doch nicht aufragen konnte.

Der sinnlose, leere und doch so geschäftige Wirrwarr des Tages mit den tausend Kleinigkeiten und Pflichten und zeitraubenden Anforderungen ihrer Bekannten, die, um ihre »Zeit auszufüllen«, wie sie sagten, Besuche machten und forderten, irritierte ihre Geduld und ihr Unabhängigkeitsgefühl. Sie empfand es peinlich und aufreizend, daß Menschen sie mit Beschlag belegen konnten, die in ihrer Lebensführung, in all ihren Wünschen und Zielen gerade das Entgegengesetzte erstrebten wie sie: Jene jagten darnach, sich zu zerstreuen, sie erstrebte nichts sehnlicher, als sich zu sammeln. Jene haschten nach allem Möglichen, damit die »Zeit vergehe«, sie hätte die Zeit, die kostbare, festhalten und ausschöpfen mögen und litt unter den ungenützt fliehenden Tagen.

Aber ein paar Nachmittagsstunden wollte sie für sich retten und sie verteidigen gegen alle und alles, Denn die Abendstunden gehörten ja wieder nicht ihr: Da war Josef da, und sie erwartete ihn abends schon sehnlich. …

Also hieß es, die paar Stunden, die ihr blieben, tüchtig ausnützen. Das war die Zeit, wo sie arbeiten konnte, nachdenken über das, was in ihr bereit lag, was Musik werden sollte, Musik in Rhythmus und disciplinierter Form. - - -

Sie dehnte sich auf dem Sofa, auf dem sie lag und zerdrückte die brennende Cigarette mit den Fingern.

Das war sie ja, diese Zeit jetzt! Und wie nützte sie sie? Sie lag auf dem Sofa und genoß das »Behagen«.

Sie sprang auf. Eine vehemente, qualvolle, unerträgliche Ungeduld trieb ihr das Blut zu Kopf.

Diese weichen Decken, diese vielen Polster, all diese bunten, schimmernden Dinge, diese hellen, reizenden Möbel, deren vollendet ästhetische Formen sie immer wieder bewunderte, und die sie hier und in ihrem Arbeitszimmer und in jedem Winkel ihres Hauses fand, all diese Dinge und Menschen und Zerstreuungen und Pflichten jagten ihr die Gedanken aus dem Hirn und ließen eine dürre, brennende Leere zurück. 

Sie stand in der Fensterecke und starrte vor sich hin. Sie wollte ihre wirbelnden Gedanken fassen und greifen, aber sie huschten davon wie jagende Schatten. Statt der Formen, die sie suchte, sah sie wieder nur mit lästiger Eindringlichkeit das halbdunkle Zimmer und die hundert Einzelheiten. 

… Die gebogenen und geschwungenen Linien der Möbel wanden sich graziös um die kompakte Fülle des Holzes. Die Stoffe schmiegten sich schmeichelnd an die stützenden Flächen. Die großen, schweren Fauteuils an den Wanden weiteten die ausladenden Arme und glotzten sie an mit fragenden, verwunderten Blumenaugen.

Die Arabesken des persischen Musters auf dem riesigen Teppich verschwimmen in der hereinschwebenden Dunkelheit und wanden sich ineinander wie ein Knäuel ringelnder, farbenglühender Schlangen.

Alles lebte und sprach und betonte sich gegen das andere.

Und drüben am Ende des Saales, in dem schwülen, teppichverhangenen Erker, der schon im Dunkel da lag, war es schwarz und dicht und schwer. Und es war, als ob die runde, dunkle Maße sich rühre und vorwärtsbewege und langsam auf sie zukroch. … Ruhig und schwer, maßig und dick, - mit glotzenden Augen und feisten Armen. Das war das Behagen. - Das saugte ihr die Kraft aus der Seele und die Gedanken aus Herz und Hirn und nahm ihr Sturm und Blüten ihres jungen, heiligen Frühlings. 

Und es kroch auf sie zu. Ein kurzer, gellender Schrei. Der Boden schaukelte unter ihren Füßen. Sie tastete nach einer Stütze. Die Thürklinke kam ihr in die Hand, sie drückte sie nieder und stieß die Glasthür auf, Sie stand draußen in der offenen Loggia.

Frisch und kühl strömte ihr die Luft entgegen, ruhig und lächelnd lag der Abend da.

Sie atmete auf, erleichtert und beschämt. Dumme, dumme Fanny! Noch immer die alten Geschichten? Noch immer die gräßliche, hypertrophe Phantasie? Und sie hatte geglaubt, fertig zu sein mit den nervösen Zuständen, die sie beängstigt hatten, als sie noch Mädchen war, als das unerlöste Blut ihr in heißen, einsamen Nächten, wo alle Instinkte entfesselt durcheinander tanzen und alles Erworbene schläft, Bilder vorgegaukelt hatte, - die bei Tag tief unter der Schwelle des Willens lagen. 

Und die Erlösung war ja gekommen, die wohlige gute Sättigung. Sie war ruhiger geworden in ihrer Ehe, und sie glaubte die wilden Tänze der Nerven überwunden. Und nun wieder dies. 

Sie lehnte an der steinernen Brüstung und blickte hinaus, und die Winternacht nahm ihr die heißen Fesseln von der Stirn. 

So friedlich leuchteten dort in den Villen die Lichter und grüßten herüber. Menschen wohnten dort wie sie, die litten und kämpften, siegten oder unterlagen, Menschen, die fielen oder abwärtsglitten, ohne daß sie es vielleicht merkten, langsam, wissenslos, nur mit dem dumpfen, heimlichen Druck, an den man sich gewöhnt, bis man ihn nicht mehr spürt. 

Nie nie würde sie zu diesen Unbewußten gehören. Nie würde sie sich gewöhnen an den Druck, - - er würde sie aufreizen, anspornen, bis sie wieder all ihre widerstrebenden Kräfte hatte, all die Kraft der Arbeit, die sie brauchte, weil die Arbeit für sie das Leben war. Das Leben aber jetzt erst in Gesundheit und Sicherheit: denn jetzt erst war sie Weib, jetzt erst konnte sie Künstlerin sein, ohne sich aufzubrauchen.

Daß sie bis jetzt nicht zu sich selbst gekommen war? Das nagte an ihr, das waren die Zweifel. Aber das lag doch nur an zufälligen äußeren Verhältnissen. Das würde ja anders werden. Wie konnte sie sich nur so überwältigen lassen vom Milieu?!

Das Milieu, waren das die Möbel und Teppiche? Nein. Sie wußte selbst nicht, was es war. - -

Nur eine dunkle, revoltierende Ahnung war in ihr, daß sie in einem Lebensapparat steckte, in den sie nicht gehörte und daß ihr wirkliches Leben fern ab lag von diesen Menschen und Dingen, die sie hier umgaben.

Josef ! Daß er so gar nicht wußte, was sie brauchte! Im Gegenteil, er hielt sie zurück. - - Er wollte sie eben nur in der Liebe.

Aber war das nicht begreiflich? Hatte diese Liebe sie nicht zusammengeführt, diese süße, köstliche Liebe. Diese Liebe hatte ihr das Leben erschlossen. - - - -

Wieder fühlte sie die wonnige, zitternde Lust zum Herzen strömen, die sie erschüttert hatte, als sie ihm das erste Mal in die Arme gesunken war. Nicht in jener ersten Nacht, später. Als sie sich das erste Mal gesehnt nach ihm. Als die Lust in ihr erwacht war und sie ihn bebend erwartet - - Er hatte nichts gewußt davon, er kannte sie nur freundlich zärtlich. Und als er sie anders fand, nach einem heißen Sommertag am Meer da war er vor ihr niedergesunken wie besinnungslos, mit wartenden, seligen Blicken. Und sie hatte ihm die Arme entgegengestreckt, mit weinenden Augen und lachenden Lippen, und ihr weißer, leuchtender Leib hatte ihn gerufen.

Die Erinnerung durchflutete sie, wie ein heißer Strom. 

Daß es dann so anders geworden war. Daß diese Unruhe sich einschleichen konnte, wenn sie mit ihm war, diese nagende Ungeduld. 

Warum ging er nie nie auf sie ein, wenn sie aus dem engen, persönlichen Kreis einen Schritt heraus that? Warum nahm er immer nur das von ihr, was sie mit allen andern Frauen gemeinsam hatte, ihre starke Weiblichkeit, die er geweckt, und nie das, was ihr Besonderes war, was sie war, Fanny Roth? 

Und sie dachte an Jakob. - - - -

Aber das dankte sie ihm ja gerade, daß er sie als Weib begehrt, damals als alle sie nur als Künstlerin betrachtet, als fleißige. So talentierte Arbeitsbiene, mitten in ihrer sehnsüchtigen Mädchenzeit. 

Darum hatte sie ihn ja geliebt, darum war er ihr wie der Erlöser erschienen.

Und daß er sie bis jetzt nur so geliebt hatte, das war ja begreiflich. Gewiß wußte er selbst so gut wie sie, daß das nicht alles sein konnte, was Menschen dauernd verbindet. Ihre Liebe von Mann zu Weib, das war der verschwiegene, köstliche Winkel. Aber nicht alles. Und diese Flamme wollte genährt sein mit edlen Stoffen und loderte nicht in der Stickluft. 

Sie wollte ihm sagen, warum ihre Liebe litt: weil ihr das Beste fehlte, die Persönlichkeit. Er würde sie verstehen, er würde begreifen, wie viel sie ihm noch zu geben hatte und daß es galt, ein Königreich in Besitz zu nehmen. Und er würde einen Teil ihres Selbst freigeben und dabei reicher werden.

Warum hatte sie nicht längst mit ihm gesprochen? Wußte sie denn, wie er darüber dachte? Und nicht nur darüber, über alles: über Leben, Menschen, Kunst und Welt. 

Sie erschrak über ihre Gedanken. Sie hatte sich ja leise abgewendet von ihm. Ohne ihn zu hören, ohne ihn zu fragen. Über ihn geurteilt, ohne ihn zu kennen und ohne zu wissen, wer er war. 

Es fror sie draußen in der kalten Nachtluft. Sie wollte hineingehen und ihren Mann erwarten. 

X

Noch am selben Abend sprach sie mit ihm.

Er begann wieder etwas zu erzählen, von einem Auftrag, den die Handwerker schlecht ausgeführt hatten. Plötzlich unterbrach er sich:

»Warum bist du heute so zerstreut, Fanny?«

»Zerstreut, ich? Ach ja, Josef. Ich, ich muß dir etwas sagen. aber ich weiß nicht - -

»Was hast du?« fragte er erstaunt.

Zögernd antwortete sie:

»Seit wir hier sind, Josef, bedrückt es mich, daß - - «

Sie schwieg verwirrt.

Er schien sie nicht zu verstehen.

»Du bist nicht glücklich ?«

Sie hob den gesenkten Kopf und blickte ihm frei in die Augen.

»Josef,« sagte sie, »ich brauche die Arbeit, um ganz befriedigt zu sein. Nur das Behagen, nur der Genuß, nur die üppige Lebensweise des Weibchens, - - das lähmt und entkräftet. 

Er wurde kalt und starr, und in sein Gesicht kam ein fremder Zug, den sie nicht kannte!

»Also die Liebe ist dir nichts, und ich bin dir nichts, und es dir nicht genug, daß ich dich auf Händen trage und dir ein Leben bereite, wie einer Prinzessin - - - «

Sie war tief ersehrocken. Eine Aussprache hatte sie ersehnt, den ersten herzlichen Gedankenaustausch mit ihrem Manne, und er gab dem Gespräch den Stachel persönlicher Vorwürfe! - Sie wollte sich zurückziehen, schweigen, alles in ihr war verletzt und angekältet.

Aber der Wunsch, sich ihm verständlich zu machen, siegte über ihr verletztes Empfinden.

»Josef, die Liebe ist doch wie das Heim. Man muß ein Heim haben, um glücklich zu sein, einen lieben, eigenen Winkel, wo man zu Haus ist, wo man geschützt ist vor allem Ekel, der draußen liegt, wo das Ausruhen ist nach der Arbeit. Kein Heim haben, immer draußen stehen ohne einen Ruhepunkt das muß traurig und furchtbar sein. Aber immer im Heim leben, nie hinaus kommen in andere, weitere Interessen als die eigenen, engbegrenzten, und kein Ausruhen mehr kennen, weil es keinen Kraftverbrauch mehr giebt, das heißt, lebendig verdorren und ist noch trauriger als das heimatlose Straßenleben. …«

»Für dich wohl, willst du sagen?«

»Ja, für mich.«

Wieder sah er sie an mit dem bohrenden, fremden Blick. Dann sagte er kühl: »Ja, warum arbeitest du denn nicht, wenn du dich so darnach sehnst, hab' ich dir's vielleicht verboten ?«

Sie war verwirrt, verblüfft. Was sollte sie ihm antworten? Sie fühlte, daß in seinen Worten etwas Unwahres lag, und wußte nicht, wie sie es ihm beweisen sollte. 

»Du hast mir's nicht verboten, natürlich weil du das nicht kannst, aber du hast mich doch indirekt zurückgehalten, denn so oft ich mich dir von dieser Richtung nähern wollte, war etwas Fremdes, Niederhaltendes in dir, eine Gleichgültigkeit und Abwehr, die alles in mir niederdrückte und lähmte. …

Er war aufgestanden und hatte sich ihr langsam genähert. Er faßte sie beim Handgelenk und hielt sie fest, und sein Gesicht war entstellt von unterdrücktem Zorn. »Also ich lähme dich. Ich hindere dich wohl gar an deiner ›inneren Entwicklung‹, wie man jetzt so schön zu sagen pflegt. An deiner großartigen, hochfliegenden Entwicklung 

Sie zuckte zusammen. Sie empfand diese Besudelung ihrer Persönlichkeit, die er gar nicht kannte, wie einen Schlag.

»Höre, meine Liebe. Geige du soviel du willst. ›Arbeite‹ meinetwegen auch, wenn du diesen Sport haben mußt. Ich hätte dich nie gehindert daran, wenn ich empfunden hätte, daß du das nur so nebenher betreibst, daß du mir nichts entziehst. Aber ich bemerkte, daß du aufgingst in diesen Dingen, - oder eigentlich untergingst in ihnen und an alles vergassest 

Sie war aufgestanden und machte ihre Hand, die er noch immer umklammert hielt, los.

»Also gegen ein jämmerliches Dilettieren hättest du nichts gehabt. Ja, du hast recht: ich stehe immer mitten drin in dem, womit ich mich beschäftige. Aber wenn du glaubtest, daß dir dadurch etwas entzogen wurde, wenn du nicht wußtest, daß du tausendmal reicher würdest, weil du mich reicher wiederbekämest, wenn du nie erlebt hast, wie man sich hingiebt, wenn man etwas zu geben hat, - nämlich eine wohlbefriedigte, harmonische Persönlichkeit, wenn du leere, schale, müde, abgestumpfte Erotik Liebe nennst, dann freilich begreife ich, daß du neidisch und ›eifersüchtig‹ sein kannst auf etwas, das du lieben müßtest, wenn du mich liebtest 

Er unterbrach sie wild.

»Ich sehe es immer mehr, was ich mir schon längst gedacht habe, daß du durch und durch Egoistin bist. Du hast für das Ding jetzt das richtige Wort gebraucht: deine Persönlichkeit, ja, deine ›Persönlichkeit‹ ist dir alles. Das ›harmonische Ausleben‹, wie man es jetzt so schön nennt, das ist dein Lebensinhalt.«

Wie den ärgsten Vorwurf schleuderte er ihr das ins Gesicht.

Sie sah ihn erstaunt an: »Und was ist denn dein Lebensinhalt?«

- - Sie wartete auf seine Antwort. Aber er schwieg. -

Da wandte sie sich um und schritt zur Thür. Sie ging aus dem Zimmer, weil sie fühlte, daß die Beherrschung sie verließ und ein Gefühl in ihr aufstieg, gegen das sie sich wehrte. 

Oben in ihrem Zimmer grübelte sie darüber noch nach: ja, was war denn sein Lebensinhalt? Sie bereute fast, daß sie heraufgegangen war. Die persönliche Erregung war vorbei, auch die eigene Krise, die sie zu dieser Aussprache getrieben, schien ihr in die Ferne gerückt. Eine neue Frage beschäftigte sie:

»Wer und was war eigentlich dieser Mann?«

XI

»Arbeite,« hatte er gesagt, aber sie konnte es nicht. Nicht eine Minute verließ sie seit diesem Zwist ein schwerer, zusammenpressender Druck, der ihr Denken lähmte und ihr Empfinden beängstigte. Eine wehe, schmerzliche Bangigkeit trieb ihr manchmal die Thränen in die Augen und würgte sie an der Kehle. Und wenn sie planlos im Hause herumging, durchfuhr es sie manchmal wie ein jäher Schreck, wenn sie sich erinnerte, wenn sie sich besann, sie wußte selbst nicht auf was, auf etwas, das über sie hereingebrochen war, unabwendbar wie eine Elementar-Katastrophe. …

Und sie sagte sich dann, daß ja nichts geschehen war. Aber der Druck wich nicht, denn dann war ihr wieder, als ob es noch kommen müßte, irgend etwas, irgend eine radikale, schonungslose Vernichtung. …

Und bebend fühlte sie, daß sie eines haben mußte, um sich zu retten; Mut, Mut für die volle Wahrheit. 

Und sie hatte nichts weniger als Mut, sie hatte nur die Sehnsucht darnach. Sie wußte, daß sie für die mutige Herausforderung der Wahrheit hart sein mußte aber ihm gegenüber war sie das nicht.

Sie litt namenlos, wenn sie allein zu Hause war, oder wenn er da war und sie nur das Notwendigste miteinander sprachen. Er kam jetzt oft erst spät in der Nacht nach Hause. Sie lag allein im Schlafzimmer, wachend mit brennenden, fiebrigen Gedanken. Sie zitterte vor Aufregung, bis er kam, jeder Nerv in ihr war gespanntes Horchen Lauschen auf jeden Schritt draußen in der Gasse. Sie löschte die Kerze aus und zündete sie wieder an, um zu sehen, wie spät es war und wie eine Stunde nach der anderen verrann. Manchmal schoß es ihr heiß und schmerzlich durch den Sinn: wo ist er? Aber sie schloß die Augen und gab sich keine Antwort. Sie wollte nicht darüber nachdenken. Sie konnte ihn ja fragen, wenn er kam. 

Und sie lag und wartete und hörte, wie die Uhr im Schlafzimmer jede Viertelstunde schlug. Manchmal schrak sie zusammen, sie glaubte, jemand sei eingedrungen im Nebenzimmer. Aber es war nur das Holz der Kästen, das geknackt hatte, oder ihr Blut, das ihr in den Ohren rauschte und läutete, wenn sie wartend dalag in der brennenden, schwarzen Stille. 

Plötzlich war alles vorbei. Sie hörte den schweren, maßigen, wohlbekannten Schritt draußen unter dem Fenster.

Der Schlüssel wurde ins Hausthor gesteckt, die eiserne Thür unten rasselte auf und flog dann dröhnend wieder zu. 

Die Schritte kamen über die Stiegen. 

Seine hohe breite Gestalt stand in der Thür. Er zündete mit dem kleinen Stiegenlicht die Kerze an und legte Hut und Winterrock ab. Er sah, daß sie noch wachte und nach ihm hinstarrte und sagte ihr Guten Abend.

Sie richtete sich auf und fragte ihn mühsam: »Wo warst du?«

»Im Kaffeehaus,« entgegnete er ruhig und begann sich auszukleiden. 

Sie sank zurück, wie beruhigt aber sterbensmüde. Und während eine wirre Schläfrigkeit sie umfing und sie schlafend und träumend in tolle Scenen versank und plötzlich bei burlesken fremden Menschen mit bekannten Gesichtern war, stieg ihr noch ein letztes Gefühl formenbildend aus der Seele ins Hirn: ein böser Ingrimm, neben allem schmerzlichen Weh, eine Erbitterung, daß eine andere Existenz die ihre zwang, daß ein fremder Terrorismus sie wie in Klammern zurückhielt und sie nicht zu sich selbst kommen ließ. 

Aber je länger die Entfremdung dauerte, desto brennender sehnten sie sich nach einander, und ihre Körper wollten es nicht dulden, daß ihre Seelen fremder und fremder wurden.

Und eines Nachts rief sie im Schlaf seinen Namen.

Da beugte er sich über sie und riß sie an sich, entblößte ihren süßen, weißen Körper und verhüllte und bedeckte ihn mit Küssen.

Schlaftrunken zog sie alles zu ihm hin, in wilder Zärtlichkeit umschlang sie ihn, und ihr Leid löste sich endlich in einem Strom von Thränen. Was der wache Sinn zurückgehalten taumelte im Halbschlaf einander entgegen, und sie feierten die wonnigste Liebesnacht. Er bestürmte ihren zarten Körper mit der rasenden Wollust des entfesselten Pan, und während sie glaubte, er werde sie morden, gab sie sich hin, in wilder Besinnungslosigkeit.

Der Morgen dämmerte grau und zaghaft in ihr Zimmer, als sie an seine Brust sank. Er bettete sie in seinen Armen, und sie fühlte den mächtigen Schlag seines Herzens.

»Schlaf, Süße,« flüsterte er. Und dann gab er ihr einen letzten Kuß auf die todmüden Lippen.

Sie lächelte, halb im Schlaf, aber plötzlich durchfuhr es sie, wie ein jäher Schreck: Ehe sie Zeit fand, sich zu besinnen, stieß das Boot ab, und sie fuhren ruderlos auf dem Meer, das aufgeregt seine grauen, gewitterschwülen Wellen in den Kahn warf.

XII

Sie saßen heim Frühstück einander gegenüber, nach langer Zeit wieder das erste Mal, und die Ereignisse der verflossenen Nacht umschwebten sie wie in blaßer Erinnerung.

Er streichelte ihre Hand und sah dabei auf die Uhr, denn er hatte Eile, ins Bureau zu kommen.

Und ihr war zu Mute, als sei in dieser Nacht etwas Ungeheuerliches geschehen. Irgend eine Entscheidung war gefallen, irgend etwas hatte sie mit geschlossenen Augen gestohlen. - - - Auf seinem Mund lag: ein Zug, der sie irritierte, eine satte, breite Befriedigung. 

Etwas Herausforderndes, Aufreizendes lag in der Luft und drängte sie, das Gestohlene auf eine Karte zu setzen. 

Und auf einmal hatte sie den Mut der Wahrheit. Sie hatte ja ihr Teil vorweg genommen, - nun war sie gekräftigt und widerstandsfähig. 

»Josef, warum hast du mir neulich nicht geantwortet?«

»Wann denn?«

»Als ich dich nach deinem Lebensinhalt fragte.«

»Ach so, Lebensinhalt. Ja, Kinderl, ich hab halt erst nachdenken müssen.«

Sie starrte regungslos in die Luft, als ob sie in ein Netz von Gedanken verflochten wäre.

»Und weißt du es jetzt?«

»Jetzt? Ja, weißt du, Schatz, ich habe total vergessen, darüber nachzudenken.«

Und er brach in Lachen aus und schlug sich aufs Knie.

Auch sie lächelte und sagte freundlich: »Also lassen wir es.«

Aber er wurde mit einem Mal nachdenklich: »Übrigens weiß ich es jetzt.« Sie sah gespannt zu ihm auf. »Von all den Dummheiten, die in diesem kleinen Kopf drin sind« er klopfte ihr auf die Stirn »ist es nichts. Auch sonst wüßte ich nichts,« er strich sich nachdenklich durch den Bart, »was mich gerade sehr beschäftigen und ausfüllen würde, außer er stockte. »Nun?« fragte sie.

»Außer die Liebe. Und das wird wohl auch bei mir das sein, was du Lebensinhalt nennst.«

Er atmete erleichtert auf, froh, daß er ihr das hatte erklären können. Befriedigt und überlegen ging er im Zimmer auf und ab. »Also bei dir ist es die Liebe,« entgegnete sie langsam. »Und bei mir Egoistin, das Ausgestalten der Persönlichkeit.«

Sie schwieg, und nur der silberne Theelöffel zitterte ein wenig in ihrer Hand und schlug leise klirrend an die Tasse. »Aber sage mir nur, Josef,« fuhr sie endlich fort, und ihre Stimme klang wie ein metallener Ton durch das Zimmer, »was ist das, ›die Liebe‹, ohne die proportionierte Entwicklung der ganzen Persönlichkeit?«

»Siehst du, das ist es ja, was ich neulich meinte,« entgegnete er eifrig. »Dein Lebensinhalt ist deine Persönlichkeit, der meine die Liebe. Mit einem Wort: dein Lebensinhalt bin nicht ich.«

Sie sah ihn an in maßloser Verblüffung. »Josef, willst du etwa sagen, daß dein Lebensinhalt ich bin?«

Er wollte etwas entgegnen, stotterte, suchte und murmelte endlich:

»Ich sagte dir ja die Liebe.«

»Und das Objekt dieser Liebe?«

»Das bist du, natürlich.«

»Und wie lange meinst du,« fuhr sie fort, »daß sich dieses Gefühl so stark erhalten kann, daß es einen Lebensinhalt ausgiebt? Und was glaubst du, wird geschehen, wenn diese 800 R., die dich jetzt durch und durch erhitzen, endlich einer normalen Temperatur weichen, wie sie natürlich ist, einer stilleren, innigeren ehelichen Zärtlichkeit? Ist dann ›die‹ Liebe noch dein Lebensinhalt? Was bleibt dann?«

Er schwieg eine kurze Weile, als ob er nachdächte. Dann sagte er fest:

»Die eheliche Innigkeit, wie du es nennst, ist eben eine Sache für sich. Aber die Liebe ist nun einmal thatsächlich mein Lebensinhalt, - - nicht eine Stunde könnte ich sein ohne das, seit ich reif bin, war es so - -

Sie blickte ihn an mit einem seltsamen Lächeln:

»Ah, also Abwechslung im Objekt - ?« Sie sagte das absichtlich so, als ob sie es selbstverständlich finde, mit lächelnder Miene und schalkhaftem Drohen des Fingers: »Du, du!« Und jeder Muskel in ihr war dabei wie erstarrt. 

»Na, ja,« sagte er, vergnügt, daß er so viel Verständnis fand, »bei uns Männern ist ja das nicht so tragisch.«

Dann nahm er Hut und Rock, küßte sie, die noch immer lächelnd dastand und ging eilig weg, denn es war schon spät. -

Ihr Blick fiel in den Spiegel. Und sie sah sich dastehen mit dem medusenhaften, steinernen Lächeln. Sie hob den Arm, wie um zu sehen, ob Bewegung drin war.

Dann ging sie mit langsamen Schritten aus dem Zimmer.

Sie ging die Stufen hinunter, die in das Souterrain führten, wo das Badezimmer lag.

Ihr Bad war schon bereit. Wie gewöhnlich sperrte sie die Thür hinter sich zu. Dann streifte sie den Schlafrock ab und die Unterkleider.

Sie wunderte sich beinahe, daß ihr Körper so weiß war. Rein und unversehrt hatte sie ihn aus dem Brande gerettet. Aber er glühte noch von den Flammen der letzten Nacht Etwas Fremdes haftete noch in all ihren Poren.

Und sie konnte es nicht erwarten, in das kühle Wasser zu tauchen.

Dann aber, als sie aufrecht und bewegungslos unter der Brause stand und sich überfluten ließ von dem kalten, sprudelnden Guß, war ihr, als ob die heiße, erstickende Fremdheit, die seit Monaten über sie herrschte, fortgeschwemmt würde von dem fließenden Wasser.

Eine wunderbare Erfrischung kam über sie nach dem Bad. Sie kleidete sich an und fühlte ihre Glieder jung, beweglich und kräftig. Die böse Lähmung, die Erschlaffung und die wehe, würgende Bangigkeit waren fort. Sie war wieder sie selbst und doch eine andere. Nicht mehr so weich und empfindlich wie früher. Nicht mehr molluskenhaft und wie ein sensibles, vibrierendes Nervenbündel. Etwas Neues, Gesundes war dazu gekommen, wie ein stützendes Gerüst in eine weiche, feine, empfindsame Maße, und umkleidete sie wie ein schützender Panzer: eine neue, innere Härte.

Als sie oben in ihrem Zimmer war, fand sie es licht, freundlich und zur Arbeit ladend.

Aber ein dünner Cigarrenduft war da 

Josef hatte wohl in ihrem Zimmer etwas gesucht. 

Sie stieß das Fenster auf. Die frische Winterluft strömte herein, durchkühlte das Zimmer und nahm alles Fremde mit.

Dann schloß sie das Fenster wieder.

Sie ging zu ihrem Bücherschrank und nahm ein braunes Buch heraus, das neben vielen anderen gleichen stand.

Ihr Körper war gebadet, ihr Zimmer durchlüftet, nun brauchte sie noch etwas, ehe sie es wagte, wieder sie selbst zu sein.

Und mit starker Stimme las sie laut drei Gedichte von Goethe. - -

Dann legte sie das Buch nieder und zog in ihrer Kommode ein Fach auf. Darin stand ein schwarzer Kasten, verstaubt und verschlossen.

»Wie ein Sarg,« dachte sie. - Sie öffnete und nahm die Geige heraus.

XIII

Er war maßlos erstaunt, als Tag um Tag verging und er sie immer gleichmäßig ruhig, zurückhaltend und beschäftigt fand. Er schrieb ihre kühle, gelassene Entfremdung ihrer Arbeit zu. »Na ja, auf einmal ist halt der Rappel wieder über sie gekommen.«

Und er spielte den Beleidigten. 

Aber sein Erstaunen wuchs, als er bemerkte, daß sie durchaus nicht wie früher darunter litt. Ja, sie schien es gar nicht zu bemerken.

Er kam nächtelang nicht nach Hause. Aber er fand sie nicht mehr wachend, mit heißen, fiebernden Augen auf ihn wartend, - sondern er fand sie eines schönen Tages in ihrem Zimmer, schlafend in ihrem Bett, das sie hatte hineinbringen lassen.

Er weckte sie auf und stellte sie zur Rede.

Sie erklärte ihm ruhig, sie habe nicht Lust, jede Nacht durch sein spätes Kommen aus dem Schlaf geweckt zu werden. Übrigens wünsche sie hier wenigstens Ruhe.

Er schlug mit der Hand auf den Tisch und schrie sie zornig an.

Da setzte sie sich auf und sagte mit eisiger Stimme:

»Ich weiß genau, wo du warst, geh' von hier!«

Er murrte, das sei nicht wahr, das sei eine Lüge, - - aber er schlich hinaus und schloß die Thür hinter sich. - - -

- - - - Eines Nachmittags kam er zu ungewohnter Stunde nach Hause. Er wollte sehen, was sie denn eigentlich treibe.

Er trat in ihr Zimmer. Sie saß mit dem Rücken zur Thür gewendet beim Tisch und schrieb etwas. Als er eintrat, wandte sie sich um. Er sah in ein gerötetes, frohes Gesicht mit glänzenden Augen.

»Was treibst du da?« sagte er und trat zum Tisch. Er sah ein Stück Notenpapier, halbbeschrieben, vor ihr liegen, 

Fanny arbeitete besser als jemals früher. Die irritierende Unrast, das Aufgeregte und Fieberhafte, die exaltierte Beteiligung der Nerven, die sie als Mädchen physisch erschöpft hatten beim künstlerischen Schaffen, waren vorüber.

Als die schwere Lähmung der Unthätigkeit das erste Mal von ihr gewichen war und sie wieder arbeiten konnte, war es ihr nicht leicht geworden, sich an strenge Konzentration, an eiserne Selbstdisciplin wieder zu gewöhnen. Aber der Arbeit war eine frohe, seltsame Regeneration gefolgt, die alles Schwere, Lastende von ihr nahm.

Sie zermürbte nicht mehr ihre Kräfte im Kampf mit dem Material, wie früher so oft - und dort, wo die Gedanken einsetzten an der Grenzlinie der Stimmung, wo sie in langsamer, rastloser Energie sich in die Seele einzubohren begannen wie Schrauben, unterwühlten sie nicht mehr die beharrende Masse des Vorhandenen; die Apperception vollzog sich ruhiger, fester, tiefer.

Sie erkannte diese Veränderung. Sie fühlte sich gehärtet und empfand eine neue Kraft in Hand und Seele. Sie wußte auch woran es lag: ihr Körper war durch ihre Ehe gesünder, die Nerven waren beruhigt, das Blut in seinen stürmischen Ansprüchen befriedigt worden.

Während sie arbeitete, war sie ganz glücklich. Nur in den Pausen war ihr manchmal zu Mute, als benähme ihr etwas den Atem. Sie fühlte dann das Starre, Tote, das über diesem Hause lag, den fremden, spröden, unzugänglichen Willen, der hier herrschte und der sie umklammert hielt, wie eine eiserne Hand. - - -

Eines Tages, als Josef zum Mittagessen nach Hause kam, war Fanny noch nicht da.

Er wartete ungeduldig ein paar Minuten, dann befahl er der Köchin anzurichten und setzte sich allein zu Tisch.

Nach einer Viertelstunde kam sie. Sie sah erhitzt aus und schien sehr eilig gegangen zu sein. Der Febertag war zu lau und frühjahrsmäßig für die Winterkleider, und sie trug die Pelzjacke offen.

Sie begrüßte ihn, legte Hut und Jacke ab und setzte sich zu Tisch. Als sie sah, daß er verdrossen und ärgerlich war, entschuldigte sie sich über ihre Verspätung. Sie wisse sehr gut, er liebe es nicht, zu warten. Hoffentlich habe er gleich gegessen. Übrigens könne sie nichts dafür, da es sich um eine wichtige Angelegenheit gehandelt habe. 

Sie aß dabei ihre Suppe, und ihr Gesicht war noch immer so fröhlich und animiert wie beim Kommen.

»Du scheinst dich ja ganz vortrefflich unterhalten zu haben,« sagte er und blickte sie forschend an.

»Unterhalten? Ach nein,« entgegnete sie und breitete die Serviette auf dem Schoß aus, »das heißt eigentlich doch, wenn man eine sehr erfreuliche Unterredung so nennen kann. 

»Ich darf wahrscheinlich nicht erfahren, mit wem du dich so sehr erfreulich unterredet hast, daß du zu spät zu Tisch gekommen bist 

»Aber natürlich darfst du es erfahren, du mußt es sogar erfahren,« antwortete sie und goß sich Wein ins Glas. Ihre gute Stimmung schien unverwüstlich. »Prosit!« sagte sie und hielt ihm das Glas hin, »trink auf mein Wohl!«

Er blickte sie finster an. »Laß den Blödsinn!« sagte er. »Eröffne mir lieber deine erfreuliche Mitteilung.«

»Nun, vielleicht wirst du sie auch erfreulich finden, obzwar sie eigentlich nicht dich betrifft, sondern lediglich mich. Aber da du dich für mich interessierst, - - nicht wahr, du interessierst dich doch für mich?« unterbrach sie sich und lächelte ihm vergnügt zu.

Er sah den Spott in ihrem Lächeln und ihre Munterkeit reizte ihn maßlos.

»Sag mir endlich deine Sache,« schrie er sie an, »und laß die Dummheiten, ich rat dir's!«

»Gut,« sagte sie und wurde plötzlich ernst. Sie legte ihr Besteck fort und blickte ihm gerade in die Augen.

»Also du hast mich in so guter Stimmung gesehen, weil ich mit einem Wort im Begriff bin, auch äußerlich die Früchte meiner langjährigen Arbeit zu pflücken.«

»Was heißt das, wieso?«

»Das heißt, daß ich heute den Konzertdirektor Habert getroffen habe, denselben von dem ich dir im vorigen Jahr während unserer Verlobung einmal erzählte, und daß er mich an mein Versprechen erinnert hat, die Konzerttournee im nächsten Frühjahr mit ihm zu machen. Ich habe seinen Antrag für dieses Jahr angenommen.«

Sein Gesicht hatte sich langsam gerötet.

Er keuchte. »Du du wagst es - - stammelte er.

Schweigend sah sie ihn an. Dann sagte sie: »Ja. Ich wage es. Denn erstens« - sie stockte, »hast du noch viel mehr gewagt, und zweitens bin ich heute nicht mehr so widerstandslos wie früher, wo ich schon einmal, in derselben Sache deinen Terrorismus gespürt habe.«

Er blickte sie wortlos an. Seine Augen waren starr und gläsern auf sie gerichtet, nur tief im Augapfel drin flackerte ein zuckendes Licht. In seinem Gesicht lag eine böse Gefahr.

Sie hielt seinen Blick aus. Dann sagte sie ruhig: »Ich reise im Frühjahr. Übrigens« ihre Stimme wurde gepreßt, »wird es wohl gut sein auch für uns beide. Vielleicht stehen wir besser miteinander, wenn ich zurückkomme.«

»Du kommst nicht mehr zurück,« sagte er langsam, mit heiserer, würgender Stumme. »Denn ich jage dich fort.«

Sie wurde bleich wie das Tuch auf dem Tisch.

»Also überleg dir's!« fuhr er fort. »Du kannst reisen, wohin du willst. Aber zurück kommst du mir nicht mehr.«

Er stand auf, nahm Hut und Rock und ging zur Thür hinaus. - - -

Sie blieb unbeweglich bei Tisch sitzen. Ihr war, als habe sie einen schweren Schlag auf den Kopf bekommen. Eine graue Betäubung umhüllte ihr Sinn und Verstand, wie in Nebeln verschwammen ihr Dinge und Vorstellungen in ferner Weite. Der Boden wurde ihr unter den Füßen fortgezogen, und sie wußte nicht, wonach sie greifen sollte. …

XIV

Sie verbrachte eine Woche in ihrem Zimmer, ohne auszugehen, ohne zu arbeiten. Sie rührte kein Buch an, sie kümmerte sich auch nicht um ihr Hauswesen und ließ sich das Essen heraufbringen. Er kam nie zu ihr herein. Sie wußte, daß er entschlossen war, genau so zu handeln, wie er gesagt hatte, und daß er ihr freie Hand ließ. Aber Hand und Sinn waren ihr wie gelähmt, und sie konnte diesen Entschluß nicht fassen. Seine brutale Energie hatte die ihre untergraben. - Und wenn sie sich aus dem verschwommenen, quälenden Chaos, das sie umgab, mühevoll aufraffte, und krampfhaft all ihre schwirrenden Gedanken zu sammeln suchte, erdrückte sie das Bild der Zukunft, die sie hier in diesem Hause, wo sich die Wände auf sie zu senken schienen, finden sollte. Und die andere Zukunft? Dieses Bild verschwamm ihr, die Vorstellungen entschlüpften, sie konnte nirgends etwas Festes greifen. …

Nach einer Woche konnte sie es nicht mehr aushalten in ihrem Zimmer. Eine plötzliche, brennende Unruhe trieb sie hinaus. Sie sehnte sich nach den braunen, erdigen Feldern, durch die sie immer gegangen war.

Sie kleidete sich an und ging fort. Lau und frühlingsschwanger war die Luft draußen, und ihr war heiß in den Winterkleidern. Sie ging in eiligem Tempo, nur um nichts, gar nichts zu denken.

Erst gegen Abend kam sie nach Hause. Sie hatte die Jacke auf dem Arm und war erhitzt.

In ihrem Zimmer fröstelte sie plötzlich. Sie legte sich nieder, aber ihr ganzer Körper zitterte vor Kälte, nur der Kopf glühte.

Sie läutete dem Mädchen und bat sie, ihr Thee zu bringen, ihr sei nicht wohl.

Als das Mädchen mit der Theekanne kam, fand sie Fanny totenbleich auf ihrem Bett sitzend.

»Lini,« sagte sie, »mir ist so furchtbar übel, mir dreht sich alles 

Erschrocken machte sich das Mädchen um sie zu schaffen, gab ihr einen kalten Umschlag auf die Stirn und brachte aus dem Speisezimmer Cognac herauf.

Fanny nahm einen Löffel davon und trank dann den Thee.

»Soll ich nicht den Doktor holen, gnä' Frau?« sagte das Mädchen.

»Nein, Lini, mir ist schon besser.«

In der That war der Schwindel vorüber, nur der Kopf schmerzte sie noch heftig.

Das Mädchen beruhigte sich, als sie die Farbe in Fannys Gesicht langsam zurückkehren sah. Und als Fanny sie fortschickte, da sie jetzt schlafen werde, hatte sie sich von ihrem Schrecken vollends erholt. »Ich weiß gar nicht, gnä' Frau, warum wir gar so erschrocken sind,« sie lächelte vertraulich, »das ist doch ganz natürlich, es wird halt was los sein bei der gnädigen Frau.«

Dann nahm sie das Theebrett, stellte die Tasse und die leere Kanne darauf, wünschte gute Nacht und ging. - - -

Wie ein Faustschlag war das Wort auf sie niedergesaust.

Erstarrt und bewegungslos lag sie da. Alles in ihr war tot und schwieg.

Langsam und eiseskalt kroch es heran. Bis zum Herzen stieg es und dann höher ins Bewußtsein hinauf. Kein Zweifel war in ihr, nur eiserne Sicherheit. Daß sie nicht gleich daran gedacht hatte. In jener Nacht war es geschehen. Nun war die Entscheidung gefallen in ihr Schwanken und Suchen. Nun brauchte sie keine Beschlüsse mehr zu fassen.

Ein namenloser Schreck rüttelte an ihr. Sie konnte nicht liegen bleiben, sie mußte aufstehen und nachdenken, ob es denn wirklich so war.

Mechanisch kleidete sie sich an. Sie drehte das Licht auf und entzündete den Gasofen. Dann ging sie auf und ab in dem Zimmer und ihre Schritte waren das einzige Geräusch in dem stillen Haus.

Warum traf es sie denn so entsetzlich? Warum war dieses neue Leben der Tod für sie? Hatte sie sich denn nicht früher oftmals gesehnt nach dem Kinde? 

Und auf einmal stand riesengroß, mit unbarmherziger Klarheit alles vor ihr, wonach sie in diesen ganzen Tagen, da sie sich nicht aufraffen konnte zum Beschlusse, vergebens gesucht. Ein jähes Licht strömte aus allen Finsternissen, aus allen dunklen Winkeln und beschien ihr grell ihre Ehe und ihr eigenes Wesen. Von allen Seiten stürmten die Erkenntnisse auf sie ein, und eine wahnsinnige Verzweiflung faßte sie, daß es nicht mehr gut zu machen, nicht mehr zu ändern war. Unwiderruflich war sie angeschmiedet an dieses Heim, an diesen Mann, der ihr Kind formen würde mit seinen eisernen Händen. Und sie verstand nun, daß diese Verzweiflung in ihr sein konnte, die doch, voll war von heißer, brennender Muttersehnsucht. Nicht daß sie Mutter wurde, aber daß dieser Mann der Vater ihres Kindes war, war das Schreckliche. Daß er ein Anrecht hatte an das Kind, daß er es nach seinem Sinn, mit Druck und Gewalt kneten und bilden konnte, und daß sie an ihn gebunden war um des Kindes willen.

Und nun, in dieser Stunde, da die Würfel gefallen waren, wußte sie es endlich, wer dieser fremde Mann, den sie geheiratet hatte, denn eigentlich war.

Trotzdem ihr Kopf glühte und das Fieber ihr wild an die Schläfen hämmerte, hatte sie die Kraft, klar zu denken. Feines, Verborgenes wurde ihr erst deutlich durch die erhöhte Spannung all ihrer Nerven und Sinne.

Dieser Mann, den sie geheiratet hatte, war nicht schlecht und nicht bös. Aber leer, erschreckend leer war er innerlich, und hart und roh war er außen. Sein Wille war seine Gottheit, nichts und niemand war jemals seinem stählernen Terrorismus entgegengetreten. Alles hatte er sich erlaubt, wonach er begehrte, Erkenntnisse hatten bei ihm niemals die Instinkte der Minute beeinflußt, und Hemmungen waren ihm fremd.

Und die »Liebe« war thatsächlich sein Lebensinhalt. Er war stark maskulin, extrem maskulin, und wo er liebte, nahm er nicht nur, sondern gab er auch. Und wer das, was er geben konnte, gerade brennend brauchte, der fand mehr bei ihm, wie bei jedem andern. Freilich, was er die »Liebe« nannte, war nur das Weib. Das Weib an sich, das Weib, das sich in ihm auflöste. Das Leben interessierte ihn nicht und sein Beruf interessierte ihn nicht, und niemals hatte ihn irgend ein Gedanke interessiert. Nur das Weib und immer nur das Weib. Er war der Erotiker in seiner Vollendung. 

Sie, Fanny, hatte er geliebt, wie er eben lieben konnte. Als das Objekt, das ihn gerade am meisten reizte. Nicht einen Zug von ihr hatte er geliebt, nicht ein Atom ihrer Besonderheit, ihres Selbst. Nur das Weib, das sich nach ihm sehnte. Trat eine Minute nur sie selbst hervor, fühlte er eine Minute nur, daß er nicht ihr Inhalt war, gleich war es zu Ende mit seiner Zärtlichkeit. Seine Liebe war nur eine Gegenliebe, sie selbst nur das begehrte Objekt, sein Leben ein Taumel von Weib zu Weib.

In seiner Art war er stark und mächtig. Aber eines fehlte seinem Lebensinhalt: er war nicht konzentrationsfähig in der Liebe. Und darum kam er niemals bis in die Tiefe des Genußes, darum mußte er von einer zur andern. - - -

Alles das lag nun vor ihr in durchdringender Helle. Es waren keine plötzlichen überraschenden Erkenntnisse. Längst schon waren sie in ihr gelegen, aber sie hatte sie immer wieder fortgeschoben mit beiden Händen. Erst die Erschütterung der letzten Stunde hatte sie ans Licht des Bewußtseins getragen.

Sie sank auf einen Sessel nieder, die Füße trugen sie nicht mehr. Mit blaßen, zitternden Händen griff sie sich an die Stirn. Das also war ihr Schicksal. Das sollte alles sein, was sie vom Leben erhielt. Wie war es nur gekommen, ja wie war es nur möglich gewesen, - daß sie, - Fanny Roth, - sich an diesen Mann gebunden hatte.

Sie starrte vor sich hin, sie bemühte sich, nachzudenken und sich zu erinnern an damals.

Und ihre Mädchenzeit tauchte vor ihr auf, - sie selbst mit bleichem Gesicht und sehnsüchtigen Lippen.

Und auf einmal verstand sie ihr Schicksal und begriff, daß es nur so hatte kommen können. Ihm und gerade ihm war sie in die Arme gesunken, weil er der Stärkste, der Maskulinste, der Gegensätzlichste gewesen, weil seine Person alles das verheißen und auch erfüllt hatte, was sie in jener Zeit am meisten gebraucht 

Wenn sie jemand damals hätte hindern wollen?

Sie lachte grell auf bei dem bloßen Gedanken, daß sie vor dem Laut ihrer Stimme zusammenfuhr. 

Wie hätte man sie hindern können! Wer kann Menschen, die sich darnach verzehren, einander in die Arme zu sinken, hindern?! Und hätte man ihr vorgestellt, daß er für sie nicht der »Richtige« sei, sie hätte das höhnisch zurückgewiesen, hätte es eine Lüge genannt. Denn er war für sie der Richtige gewesen, gerade er, damals. Er, mit seiner hinreißenden Erotik, ja, er war der Richtige, um ein Mädchen aus den Leiden der Jungfräulichkeit zu erlösen, um die Schmerzen des Blutes von ihr zu nehmen. … Und plötzlich sah sie wie eine Vision sich selbst als Mädchen. Und nicht nur sich selbst, sie sah eine ganze Schar - - ihr stockte der Atem, so deutlich sah sie das Bild, - - eine lange, endlose Reihe Mädchen, Mädchen. Jungfrauen, mit schmalen, gefesselten Körpern, Knoten und Schlingen an Hand und Fuß, eiserne Reifen um die Stirn und die schwarze Binde vor den Augen. Und draußen steht das Leben. Das lockt und ruft, und die Mädchen lassen sich treiben von dem roten Strom, mit verbundenen Augen und gefesselten Gliedern. Und dann werden sie irgendwo angeworfen, landen oder stranden, die Binden zerreißen, die Fesseln fallen, die eisernen Ketten zerspringen und sie verstehen alles. Aber der rote Strom hat sie irgendwohin verschlagen, wo es kein Zurück mehr giebt. Heiße Thränen stürzten ihr aus den Augen. Sie weinte, weinte um ihr verlorenes Leben. Auch von ihren Augen war die Binde gefallen. Aber sie fühlte, daß sie nicht anders hatte wählen können, weil das Mädchen im Banne seines unerlösten Blutes überhaupt nicht wählen, überhaupt nicht entscheiden kann. Eine harte, sociale Form macht aus dem ersten, der ihr die Fesseln der eigenen Körperlichkeit löst, den Einzigen, den Richtigen, dem sie gehören muß fürs Leben. Ein wildes Entsetzen durchrüttelte sie bei diesem Gedanken. Denn sie wußte jetzt, daß erst dann, wenn das Blut beruhigt ist, der Mensch im Weibe sehend geworden, daß es erst dann, wenn der rote Nebel nicht mehr vor den Augen wogt, klaren Sinnes um sich blicken, erkennen, entscheiden und wählen kann. Aber dann ist es zu spät, stöhnend schlug sie die Hände vors Gesicht, ein starres Band verknotet es dann für immer mit der Wahl, die nur das Blut getroffen. Und brennend fühlte sie, daß nicht nur für die Erkenntnis verwandter Menschen und der wahren Zusammengehörigkeit sondern auch für jede Betätigung, für jedes eigene Schaffen das Weib erst reif wird, wenn die Schmerzen des Blutes von ihm genommen sind. Das hatte sie ja an sich selbst erfahren: jetzt wäre die Kunst für sie keine Gefahr mehr gewesen, die sie zermürbte und aufrieb.

Und jetzt erst hätte sie erkennend den Mann wählen können, der die Ergänzung ihres eigenen Selbst war, der zu ihr gehörte, um mit ihr das Neue zu schaffen, das mehr sein sollte, als sie beide. …

Und nun war es zu spät, denn das Kind band sie an einen Fremden.

Sie sank auf ihr Bett nieder, und ihr Körper wurde durchrüttelt von gefesselten Thränen, bis sie wild und uferlos aus ihr herausstürzten wie reißende Bäche. Lange, wehe Schreie entrissen sich ihrer keuchenden Brust, und sie wühlte den Kopf in die Polster, damit man sie nicht höre. Sie hatte keine Macht, sie zurückzuhalten, keine Kraft, diesen Ausbruch zu hindern, aber sie erstickte die Schreie in den Kissen. Mit gekrallten Fingern hielt sie sich fest am Bett. - Ihr zuckender Körper wurde endlich ruhiger, nur manchmal durchlief ihn noch ein Zittern. Das Fieber kam mit farbigen, tanzenden Bildern, und sie versank in komischen Bemühungen, die nicht gelingen wollten. Sie wollte aufstehen und etwas vom Baum greifen. Aber sie stand schon. Und trotzdem wollte sie immer noch aufstehen, weil sie nicht hinauf langte. Und sie reckte und dehnte den Körper, und alle Glieder fürchterlich. 

XV

Am andern Morgen stand Lini vor ihrem Bett und neben ihr ein fremder Herr. Er war klein, dürr und schlottrig, hatte einen schwarzgeränderten Zwicker auf einer Kartoffelnase, einen graumelierten Schnurrbart und freundlich zwickernde, vergnügte Augen.

»Bitt', gnä' Frau, der gnä' Herr hat gesagt, ich soll den Herrn Doktor holen.«

Der saß schon gemütlich auf einem Sessel neben Fannys Bett.

»Bringen Sie vor allem Wasser herauf,« sagte er zu Lini.

Als sie gegangen war, begann er mit der Untersuchung. Sie ließ willenlos alles mit sich geschehen. Auch hatte der kleine Schlottrige feine, diskrete Hände, die ihr Vertrauen einflößten, schmale, braune Hände mit einem goldenen Siegelring. Er behorchte sie aufmerksam, maß die Temperatur und schüttelte den Kopf.

»Na, das ist ja ein ganz nettes Fieber, das Sie sich da geholt haben, wann waren Sie das letztemal aus?«

Sie sagte ihm, gestern.

Ob sie warm gekleidet gewesen sei.

Ja, aber sie hätte die Jacke ausgezogen, weil ihr zu heiß gewesen war.

»Na da haben wir eben heute die richtige, tüchtige Frühjahrserkältung.«

Sie sah ihn an, mit großen Augen.

»Herr Doktor, ich ich glaube, es ist was anderes 

»So, so,« sagte er und blickte aufs Thermometer. Er hatte plötzlich einen amüsierten Zug im Gesicht. Dann griff er ihr an den Hals: »Und wie steht's denn da? Haben Sie da Schmerzen?«

Sie wußte es nicht, sie hatte überall Schmerzen, an allen Gliedern fühlte sie sich wie zerschlagen. Aber da im Hals hatte sie auch einen Druck, natürlich, und es würgte sie so. 

Er nahm einen Löffel aus seiner Handtasche, hielt ihr den Kopf gegen das Licht und hieß sie den Mund weit aufmachen.

Dann sagte er: »Es ist höchste Zeit, daß Sie Gurgelwasser bekommen.«

Er packte seine Sachen zusammen und stand auf: »Jetzt werde ich Ihnen unten etwas verschreiben, damit gurgeln Sie recht fleißig. Zwei bis drei Tage müssen Sie im Bett bleiben, bis Sie das Fieber los sind. Und alle zwei Stunden lassen Sie sich einen Brunstumschlag geben.«

Er machte ihr eine kurze Verbeugung und ging zur Thor.

Sie richtete sich auf: »Aber das ist doch nicht möglich, ist das alles?«

Er wandte sich um und sie sah, daß er lachte. »Soweit ich beurteilen kann, meine Gnädige, haben Sie eine tüchtige Halsentzündung. Es thut mir leid, wenn ich da vielleicht süße Illusionen zerstört habe. Übrigens, was nicht ist, kann ja noch werden 

Er grinste sie an, nickte ihr in der Thür noch zu und war draußen. - - -

- - - - Sie starrte ihm nach. Und ihr war, als ob etwas Hartes, Schweres, Brennendes von ihrem Herzen sich löse und langsam in Nichts zerginge. Der Raum wurde weit und licht, und ein heller Schein lag über den Dingen. Von ihrem Bett aus konnte sie zum Fenster hinaus sehen. Draußen tanzten schüchterne Sonnenstrahlen, in feuchter, verheißungsschwerer Luft. Braune Felder dehnten sich dort und Vögel schwebten darüber mit ausgebreiteten Flügeln. Und ihr gehörte dies alles: die Luft und der Himmel und der Raum und die Bäume mit den kahlen Ästen, in denen der Frühling gärte, und die ganze Welt in sehnender, reifer Erwartung. …

Die Kästen waren weit geöffnet, und Kleider, Wäsche und Bücher lagen auf den Stühlen herum. Lini half ihr beim Packen.

»Gnädige Frau verreisen?«

»Ja, diese Koffer werden Sie mir nachschicken.«

Alles war eingeräumt Fanny legte die Schlößer an die Koffer und versperrte sie sorgfältig. Dann schickte sie Lini um einen Wagen.

Die wenigen Minuten, bevor der Wagen kam, benutzte sie, um sich anzukleiden. Sie nahm das schottische Cape und steckte den Hut vor dem Spiegel fest. Der schwarze Kasten stand schon bereit auf dem Tisch.

Dann ging sie in Josefs Zimmer hinüber. Alles war aufgeräumt, unberührt, in tadelloser Ordnung. Sie legte ihm den Brief mitten auf den Tisch, daß er ihm entgegenleuchten mußte, sobald er ins Zimmer trat.

Unten rasselte der Wagen übers Pflaster.

Ihre Hand zitterte ein wenig, als sie die Thür ihres Zimmers hinter sich schloß. Eine bange Wehmut stieg ihr in die Augen, und plötzlich blickte sie durch einen dünnen, feuchten Nebel. Aber mit festen Schritten ging sie die Stiegen hinunter. Den schwarzen Holzkasten hielt sie in der Hand.

Sie stieg ein, winkte dem Mädchen zu, und der Wagen flog mit ihr durch die lange Straße zwischen den Villen.

Je weiter sie hinaus kamen an die Peripherie, desto ruhiger wurde sie. Und sie staunte nicht mehr, daß sie den Mut gehabt, den Mut zu der erlösenden That. Erst durch die Erschütterung der vergangenen Tage hatte sie ihn gefunden, diesen Mut, sich einem fremden, eisernen Druck, der sie langsam zermalmte, zu entziehen.

Sie lehnte sich zurück im Wagen, und ein Zittern durchlief sie, in Erinnerung an ihre kurze Krankheit: erst der Glaube an ihre Mutterschaft hatte sie die Verantwortung der Ehe lehren und ihr die Kraft geben müssen für die große Einsamkeit, in welcher sie sich jetzt der Welt gegenüber stellte.

Draußen bei dem braunen Blachfeld ließ sie halten. Sie nahm den Kasten mit der Geige in die Hand und schickte den Wagen fort.

Von hier aus wollte sie zu Fuß in das Dorf gehen, das oftmals das Ziel ihrer Spaziergänge gewesen war. Dort wollte sie ein paar Tage verbringen, in Ruhe und Arbeit, ehe sie die Konzertreise antrat.

Die Luft war feucht und durchsichtig und scharf zeichneten sich alle Linien darin ab. Aus der braunen Erde stieg der Dunst des kommenden Frühlings. Ein leichter Dampf schien aus den ungeackerten Schollen zu strömen, lauer, schwerer Frühlingsgeruch lag in der Luft, und wie in leiser Gärung zitterten die kahlen Äste der Bäume.

Das Terrain wurde immer höher, und sie stieg mit festen Schritten. Immer weiter wurde der Ausblick, immer tiefer versank die Stadt, und endlos dehnte sich drüben, in bläulicher Ferne, der Raum.

So weit und ruhig und leidenschaftslos war ihr die Natur noch niemals erschienen, so sicher in der Hoffnung des neuen Frühlings und doch so satt und mild und mütterlich geschwängert von neuem, gärendem Leben.

Und auch sie war voll neuer Inbrunst. Weit hinter ihr lagen die Leiden des Mädchens. Als erlöster Mensch, frei wie die Dinge im Raum, hielt sie ihr Geschick in der eigenen Hand. Tausend Möglichkeiten lagen, der Befruchtung harrend, in ihr: das ungezeugte Kind in ihrem Schoß, das zum Licht kommen mochte, wenn sie den guten Genossen fand oder wenn sie stark genug war, allein ein Schicksal zu formen. Und tausend Freuden der Seele und tausend frohe Kräfte, die da in der Geige schliefen. Und auch ihr Teil von dem großen Leid der Natur, vom Schmerze der Welt. 

Aber Fassung lag über allem, was kommen mochte, Ihre Leiden und Freuden das fühlte sie konnten sich nun anpassen der trostreichen Milde, dem lächelnden Begreifen der Natur; nun, da die Sehnsucht, die allein keine Fassung erträgt, von ihr genommen war die Sehnsucht des Geschlechtes. …

Eine lichte, zarte Fröhlichkeit schien über der atmenden Erde zu liegen. Düfte entstiegen dem Boden und vermählten sich mit werbenden Farben. Ein heller Friede strömte ihr entgegen aus dem Atem der Welt. …

Im Baum zwitscherte ein verfrühter Vogel. Lächelnd sah sie in die Höhe. Ein Sang fiel ihr ein, und sie summte leise die Melodie vor sich hin. Der Wind strich von den Bergen her über die Felder und ließ ihren Mantel flattern.

Drüben am Feldrand tauchten graue Dächer auf, weiße, ländliche Häuser wurden sichtbar, und ein Kirchturm streckte die funkelnde Spitze dem Himmel zu.

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