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Grete Meisel-Hess – Die Intellektuellen

Roman

Grete Meisel-Hess, Die Intellektuellen, Oesterheld & Co., Berlin, 1911

ERSTES KAPITEL
DIE VERWANDTEN

»Gute Gesellschaft hab’ ich gesehen, man nennt sie die gute
Wenn sie zum kleinsten Gedicht keine Gelegenheit gibt.«
                                                                  Goethe.


Frau Professor Diamant saß in ihrem großen Ankleidezimmer, vor einem hohen, dreiteiligen Spiegel. Sie hatte soeben die Friseurin entlassen. In breiten Wellen war das stumpfblonde Haar um den Kopf gelegt, von einem mit Wachsperlen bestickten, schwarzen Sammetband durchschlungen. Der Teint, der im vollen Tageslicht einen grauen Ton hatte, war jetzt, in der Zimmerwärme des feuchten Septemberabends, leicht gerötet. Die Augen, vom reinen, tiefen Blau der Kornblumen, glänzten. Sie erhob sich, reckte die hohe Gestalt, warf den Frisiermantel ab. Die volle Büste lastete auf den weichen Fischbeinstäben des niedrigen Korsetts, das die Hüften schlank und fest zueinanderzog. Frau Edda warf einen Blick auf die Uhr und griff eilig nach dem Kleid, das auf einer Stuhllehne bereit lag, einem Gewand von weicher chinesischer Seide, mit gewagt durchbrochenen Spitzenornamenten. Sie liebte es nicht, in den letzten Stadien des Ankleidens Bedienung um sich zu haben und vollendete ohne Hilfe die Toilette.

Ihr Gatte rief aus dem Nebenzimmer: »Sie werden gleich da sein.«

Frau Edda hatte die letzten Haken geschlossen und hing den Frisiermantel an seinen Platz in den Schrank. Sie steckte noch vorsichtig, ohne die weiße Seide ihres Kleides zu gefährden, ein Paar Leisten in die Straßenschuhe, die sie abgelegt hatte. Dann spülte sie nochmals rasch beim Waschtisch, mit vorgestreckten Armen und zurückweichender Gestalt, die Hände ab, überrieb flink mit einem Rehleder die Fingernägel, – der Teint war fertig, – und nahm eine Stahlschatulle aus dem Wäscheschrank. Sie öffnete sie langsam und begann ihre Ringe anzulegen. Ringe von verschiedenen bizarren Formen. Ringe in spitzer Marquisenform, andere wieder, in denen sich die Edelsteine als Blüten hoch über den Finger rankten, fremdartige, orientalische Ringe mit großen, dunklen Steinen und solche mit klaren Solitären. Unbedenklich gestattete ihr ihr sicherer Geschmack diese Bürde an ihren schlanken Fingern. Sie wußte, daß ihre Hände davon nicht beschwert erschienen. Sie trat noch einmal vor den großen Ankleidespiegel und betrachtete sich einen langen Augenblick, warf dann, mit einer bei ihr häufigen Bewegung des mit ballmäßiger Eleganz bekleideten Fußes, die Schleppe zurück und verließ das Zimmer. Knisternd in ihrer weißen Seide, eilte sie an die Tür der Küche, öffnete sie behutsam, lugte hinein, und zog sich eilig wieder zurück. Weiter raschelte die Schleppe über den langen Korridor und verschwand hinter der Portiere des Speisezimmers.

Professor Gustav Diamant hatte in Wien einen guten Namen. Als Student war er aus der mährischen Provinzstadt, in der sein Vater das Amt eines Sekretärs der Kultusgemeinde bekleidete, nach Wien gekommen, hatte hier mit dem ansehnlichen Rest seines mütterlichen Erbes seine Studien vollendet, sich zum Spezialarzt ausgebildet, eine gute Praxis errungen, die Dozentur früh erworben und sich mit Fräulein Edda Reisenleitner verheiratet. Fräulein Reisenleitner entstammte einer Familie, deren Schicksale sich am Fuße des Kahlenberges abspielten, solange man sich ihres Bestehens erinnerte. Ein einfacher Töpfer war noch der Urgroßvater gewesen, und in seinem kleinen Kontor, draußen in der Vorstadt, hatte eine schön bemalte Tafel mit der folgenden Inschrift gehangen:

 

Töpferlied!

 

Was für schöne, bunte Sachen
Kann ich mir aus Tone machen,
Wenn ich meine Scheibe dreh’,
Meiner Hände Werke seh.


Kachel, Flaschen, Krüge, Kannen,
Tiegel, Tassen, Bratenpfannen,
Kuchenformen, Blumentöpfe,
Schüssel, Teller, Suppennäpfe,
Sauber ausgemalt, glasiert,
Und mit Blümelein geziert.


Meine Ware, sagt der Bauer,
Ist von keiner rechten Dauer,
Ja, der arme Mensch hauptsächlich
Ist vergänglich und gebrechlich,
Darum wundere dich nicht,
Wenn einmal ein Topf zerbricht.


Arm- und Beinbruch ist viel schlimmer,
Darum denk ich, ist doch immer,
Besser mancher Topf zerbrochen
Als auch nur ein einziger Knochen.
Und darum auch bleibt’s dabei:
Werft und brecht recht viel entzwei!


Sein Sohn war Künstler. Wohl bediente er Töpferscheibe und Brennofen noch persönlich, aber nur, um neuartige Formen und Glasuren zu erfinden. Er achtete die uralte Tradition des Handwerkes und wußte, daß die Kunst die Meisterschaft darin als Boden brauchte. Er wollte hinter die Geheimnisse der historischen Keramik kommen, versuchte es, größere, glasierte Flächen zu beleben und erfand dabei neue, geschmackvolle Farben; besonders bevorzugte er die kräftigen und doch zarten Tönungen der Perser. Während er so zwischen alteuropäischer Handwerkskunst und morgenländischer Farbenkraft eine Einigung suchte, schuf er einen neuen, keramischen Stil, auf dessen Grundlage später die Moderne weiter arbeitete. Sein Talent vererbte sich nicht. Sein Sohn, Eddas Vater, war weder Töpfer noch Künstler, sondern Kaufmann. Er brachte die Firma auf die Höhe der modernen Ofenfabrikation. Diese Reisenleitnersche Ofenfabrik hatte Eddas Bruder übernommen.

Dr. Diamant, damals noch Dozent, war dem Mädchen als ein interessanterer Freier erschienen als irgendeiner der Fabrikantensöhne oder Leutnants, mit denen sie auf Bällen tanzte. Ihre Schönheit hatte ihn zu einer Werbung verführt, die sich jeder Erwägung entzog. Jetzt waren sie seit mehr als fünf Jahren in kinderloser Ehe zusammen, hatten einander gemessen und begrenzt. Er war vor kurzem Professor geworden und hastete von morgens früh bis zum späten Nachmittag einer großen Praxis nach. Seine übrige Zeit verbrachte er zumeist in seinem Laboratorium, an das sich ein ausgedehnter Stall schloß, in dem er die Tiere hielt, an denen er fortgesetzt experimentierte. Bis spät nachts saß er dann zu Hause noch an seinem Schreibtisch.

Frau Edda hatte es nicht leicht, ihr Leben in bewegtem Gange zu halten, wie sie so sehr gewünscht hätte. Sie kämpfte mit ihrem »Laster«, wie sie es selbst nannte, – mit ihrer Trägheit, – die vielleicht nichts anderes war als große Erschöpfbarkeit, wie sie in alten Familien zu spuken pflegt. Frau Edda, die so gern auf das Waffengeklirre horchte, das »draußen« die Geister aneinander geraten ließ, die mit Neugier alle Nachrichten verfolgte, die von überwundenen Widerständen berichteten, – Frau Edda konnte sich aus der Gefangenschaft ihrer Zimmer nicht frei machen. »Der Tag zerrinnt mir unter den Fingern«, klagte sie, wenn man ihr vorhielt, daß sie ihr Talent nicht pflege. Denn Frau Edda hatte ein Talent, vielleicht war es der Großvater, der ihr das seine, in veränderter Form, vererbt hatte. Auf der Marmorplatte und in der Lade ihres breiten Toilettetisches lagen zwischen Elfenbeinbürsten, Kristallflacons, feinen Stahlscheren, Nägelfeilen, silbernen Schalen – verstreute, einzelne Blätter. Da sah man mit wenigen, kecken Strichen Motive der weiblichen Kleidung zu neuen Kombinationen vereint. Fast immer, wenn Edda ihre Entwürfe Modejournalen zur Verfügung stellte, hatten die Redaktionen darnach gegriffen, ja man hatte regelmäßige Beiträge von ihr erbeten. Aber Frau Edda mußte ablehnen, denn sie konnte, wie sie es nannte, nur »unfreiwillig« arbeiten. Ihre Inspirationen kamen »in Anfällen«. Plötzlich, wo immer es war, zumeist während einer Stadtfahrt im Wagen, oder bei der Lektüre eines anregenden Buches, geschah es, daß, wie sie es nannte, »eine Klappe im Gehirn sich öffnete«, – und dann fiel prompt ein neues Trachtenmotiv heraus.

Während der Professor sich morgens früh erhob, sobald der gedämpfte Wecker seiner Taschenuhr sein leises Surren hören ließ und das Morgenlicht durch den absichtlich freigelassenen kleinen Spalt zwischen Fensterbrett und Jalousie fiel, sich hastig ankleidete, stehend eine Tasse Tee trank und seiner Klinik zueilte, lag Frau Edda in den Banden eines Schlafes, die ihr so unzerreißbar erschienen, daß der Besuch des Kaisers von China sie nicht veranlaßt hätte, sie energisch abzuschütteln. Erst, wenn diese Bande »von selbst fielen«, wendete sich ihr schlaftrunkenes Gehirn der Tatsache zu, daß ein Stück Leben heute abzuwickeln sei. Sie trank dann langsam im Bett ihren Kakao, knabberte Zwieback dazu, durchblätterte die Zeitungen und Modejournale und las ihre Post, die nicht unbeträchtlich war, da sie gern Korrespondenz pflegte. Langsam und schwer ordnete sie im Gehirn den Inhalt dieser Briefe und Zeitungen, die sie beinahe belastend anregten. Ehe sie nicht genau wußte, wie und wo dieses neue Material unterzubringen sei und wie sie dazu Stellung zu nehmen hätte, fühlte sie sich nicht »frei« genug, aufzustehen. Sie badete umständlich, pflegte die etwas schadhaften Zähne mit mehreren Wässern und Pasten, gewann manchmal ein paar Minuten für den Versuch einiger Freiübungen, überließ sich eine halbe Stunde der Friseurin, und nur eineinhalb bis zwei Stunden verbrachte sie auf diese Art bei der Morgentoilette, – für eine Dame gewiß nicht zuviel. Wenn sie fertig war, machte sie »Ordnung«. Sie konnte sich, wie sie behauptete, nicht ruhig hinsetzen, wenn nicht alles genau auf seinem Platze lag, und so fand sie sich in einem ewigen Turnus durch die weitläufige Wohnung. Sie ging den Dienstboten nach, bemerkte, daß die Stühle nicht so standen, wie sie stehen mußten, daß eine Decke schief lag, daß etwas Staub zwischen zwei Nippes liegen geblieben war. Der Professor hatte diese »Ordnungssucht«, wie er es nannte, kaltblütig in die Pathologie verwiesen. Auch Frau Edda gab diese Tätigkeit nicht für hausfraulichen Antrieb aus. In die Küche wagte sie sich kaum, dort waltete die Perfekte, und dort wurde jene Arbeit gemacht, vor der Frau Edda Angst hatte, richtige beklemmende Angst. In verwirrendem Vielerlei lagen da die zahllosen Ingredienzien, aus denen sich jede einzelne Mahlzeit zusammensetzt. Es roch nach Fetten, nach blutigem Fleisch, es prasselte, schmorte, dampfte; und mit ihren langschleppenden, lichten Hauskleidern wußte sie gar nicht, wie sie sich auf den Fliesen der Küche und zwischen den beladenen Tischen bewegen sollte, wenn eine neue Köchin sie durchaus einmal hier »brauchte«. Nach dem Mittagessen, wenn der Professor in seinem Ordinationszimmer verschwand, lag Edda im Schaukelstuhl und rauchte langsam, ohne Eile, mit dem Behagen der milden Nervenbetäubung, aber mit wachem, bösen Gewissen, eine, zwei und drei Zigaretten, stand auf, mit schwerem Kopf, hatte »Lufthunger«, klingelte dem Stubenmädchen, das um diese Zeit der Ordinationsstunde alle Hände voll zu tun hatte, und befahl, ihre Garderobe zum Ausgehen bereit zu legen. Sorgfältig legte sie Stück für Stück an. Sie bevorzugte die reiche, französische Mode vor der englischen, schweres Material, auch zu einfachen Gelegenheiten; besonders liebte sie kostbare, immer etwas bizarre Mäntel und Hüte von unwahrscheinlichen Dimensionen, die ihr schönes Gesicht weitausgreifend umrahmten und die hohe Gestalt mit fürstlichem Pomp stilisierten.

Diese Erscheinung paßte weder auf die Trottoire der großstädtischen Straßen unter eine Menge geschäftlich getriebener Menschen, noch in das Gedränge der öffentlichen Verkehrsmittel; zumeist winkte sie dann auch einem der Fiaker vor der Türe, die die Frau Professor schon kannten und sie mit lautem »Küß die Hand, Gnädige, – fahr m’r Euer Gnaden« umdrängten, sowie sie aus dem Hause trat. Und Frau Edda fuhr dahin, Einkäufe oder Besuche zu machen, oder in einem Café mit Freunden zu plaudern, am liebsten mit literarischen Freunden. Zumeist begleitete sie eine Cousine ihres Mannes, Kathi Diamant, ein nicht mehr ganz junges Mädchen, das mit Schwärmerei an Edda hing; überhaupt verkehrte Edda lieber mit der Familie ihres Mannes, als mit ihrer eigenen, sie liebte die besondere Färbung der jüdischen Denkweise, welche Juden untereinander oft abstößt. Die scharf angreifende, geistige Art ihres Mannes war das Lebendige, das sie immer noch mit ihm verband, – nachdem er sie in eine gefährliche Spannung gebracht hatte. Lange, nachdem sie Frau geworden, hatte sie nicht verstanden, woher ihr gegen den Mann, den sie frei gewählt hatte, wie er sie, oftmals dieses grollende Gefühl kam, dieser sprungbereite Haß, der sich in tausend kleinen Szenen entlud, – da es zur großen Aussprache zwischen ihnen niemals kam, – der hundert eingebildete und konstruierte Vorwände heftiger Entladungen erfand, – bis der wahre Grund ihrer geheimen Feindschaft, ihrem bohrenden Spähen, ihrer wachgehetzten Weibheit klargeworden war: die Versprechungen ihres Körpers schienen für diesen Mann erfüllt. Bald wußte sie auch, daß nicht sie seine große Leidenschaft war. Er war Forscher. Seine Untersuchungen füllten ihn mit unteilbarem Interesse. War er in seinen Experimenten vergraben, so schien ihm sein Haus, sein Vermögen, seine Frau, ja selbst sein Leben gering. Die gefährlichsten bakteriologischen Untersuchungen beschäftigten ihn fortgesetzt. Edda hatte ein Grauen vor seiner Tierstation. Aber hier war die Grenze ihrer Macht.

Seine drängende Werbung war ihr eine Verheißung gewesen. Wo blieb die Erfüllung?

Während am Anfang ihrer Ehe etwas, wie eine frohe Erwartung, sie morgens aufgetrieben hatte, nahm ihre Trägheit, die ihre Tage tötete, jetzt mehr und mehr zu. Sie war müde, apathisch, nur »aufgepulvert« in den Stunden im Caféhaus oder in abendlicher Geselligkeit. Die »Klappe im Gehirn« öffnete sich manchmal, aber diesem Geschehen auf die Spur zu kommen, die Mechanik dieser Tätigkeit beherrschen zu lernen, versuchte sie nicht. Immer seltener auch nahm sie sich die Mühe, ihre Ausgaben zu berechnen. Sie nahm sein Geld mit vollen Händen, sie forderte immer mehr, und er erfüllte fast demütig jeden ihrer Wünsche.

 

* * *

 

Diamants erwarteten heute abend Verwandte zu Besuch. Als erste kam die gewohnte Begleitung Eddas. Kathi war offenbar schlecht gelaunt. Mürrisch warf sie den breiten, geflügelten Hut aufs Klavier, die Handschuhe dazu.

»Warum hast du denn nicht draußen abgelegt, Kathi?« fragte Edda. Sie hatte einen kleinen Sprachfehler, stieß, ein ganz klein wenig, bei den S-Lauten, mit der Zunge an die etwas zugespitzten, kurzen Vorderzähne, deren Goldplomben zwischen den Lippen glänzten; aber ihre Sprache bekam dadurch etwas von jener »Wiener Gemütlichkeit«, deren Dialekt auch den pompös entfremdenden Eindruck ihrer Erscheinung aufhob. »Erst wann ich den Mund aufmach’, trauen sich die Leut’ an mich heran«, pflegte sie zu sagen.

Das große, überschlanke, dunkle Mädchen stand mißmutig in der Tür, zwischen Salon und Speisezimmer und betrachtete den gedeckten Tisch. Ihr von schwarzem Kraushaar umrahmtes, beinahe braunes Gesicht, hob sich in scharfem Kontrast aus dem Schneeweiß des steifleinen Herrenkragens, der die dunkelblaue seidene Hemdbluse abschloß. Unter dem knappen, fußfreien und festgegürteten blauen Tuchrock zeichnete sich die schmale Linie der Hüften nach Knabenart.

»Natürlich, – das echte Damastene, – Silber aus der großen Kassette, – die Teller vom 24persönigen Service, – wann dir einer zerhaut wird, was dann?«

»Geht dich einen Schmarrn an, liebe Kathi, – einen – großen – Schmarrn.«

»Edl!« Sie warf sich ihr an den Hals, versteckte ihr Gesicht in der weißen Seide, der der Duft javanischen Puders, eines fremdartigen Parfüms, und der gepflegten Haut entströmte. Diese Duftwelle kam wie eine täuschende Beruhigung über das Mädchen.

»Edl, sei nicht bös! Aber mir is so – so, –«

»Das weiß ich.«

Kathi warf sich in einen breiten, englischen Klubfauteuil von rotem Leder.

»Meiner Seel’, ich weiß nimmer, was ich anfangen soll. Aus der Haut fahren möcht ich, wann ich wüßt’, daß ich an andere find’, die mir gut paßt.«

»Ist es das Bureau?«

»Keine Idee, – ich vergiß wenigstens die paar Stunden auf mich.«

»Und der Lohninger?«

Kathi verzog das Gesicht. »Vom Heiraten redet er nix.«

»Dann schlag dir ihn aus’n Kopf!«

»Ja aber – an wen soll man eigentlich denken?«

»Schau, Kathi, nimm dich zusamm’! Denk überhaupt nicht immer daran, daß dir ein Mann fehlt.«

»Du hast leicht reden.«

Ein spöttisches Lächeln zuckte, in schneller Heimlichkeit, in den Mundwinkeln Eddas auf und verschwand sofort. »Schau die Olga an«, sagte sie.

»Ja, – hast es denn schriftlich, was in der steckt? Glaubst, – damit, daß sie in Versammlungen Reden schwingt, – ist die erledigt?«

»Nein, – die ist überhaupt nicht so leicht erledigt; schwerer als du und ich.«

»Sie soll schon mal verlobt gewesen sein, mit einem Leutnant, dort in Schlesien.«

»Ich hab’ was läuten hören.«

»Der alte Diamant wird überschätzt. Wahrscheinlich hat der Herr Leutnant mehr erwartet, und wie es zum Rechnen kommen is, wird er zum Rückzug geblasen haben.«

Edda zuckte die Achseln. »Nichts Gewisses weiß man nicht; d.h. ich weiß nichts und der Gustav auch nicht. Meine Schwägerin Geneviève, – die wird’s wissen.«

»Komisch, daß die sich angefreundet haben, diese zwei Mädchen aus der Fremde.«

»Die Geneviève – die Eva – ist prachtvoll, – du kannst sagen, was du willst.«

»Ich sag’ ja nix. Ich weiß eh, daß sie viel zu schad ist für deinen Herrn Bruder.«

»Aber mich interessiert die Olga doch viel mehr.«

»Geht sie richtig fort von Wien?«

»Ich denke sicher. Der Stanislaus nimmt sie mit nach Berlin. Ich glaube sogar, sie werden heute das letztemal hier sein.«

»Also darum das gute Silber usw. usw.«

»Und das ärgert dich?«

»No Gott, ärgern. Ich find’, du machst mit denen zu viel Geschichten.«

»Hat dir der Vortrag vom Stan nicht gefallen?«

»O ja, – das schon.« Nachdenklich rekapitulierte sie: ›Probleme der Moderne‹, – »stellenweis war mir’s zu hoch. Weißt, es ist ein Wunder, – so a Jüngl aus Polen!«

Edda lehnte sich im Schaukelstuhl zurück und streckte die Beine auf ein maurisch geformtes Taburett.

»Ihr Juden seid’s unverbesserlich.«

Kathi dehnte den mageren, langgliedrigen Leib, stand auf und ging der Wand zu, an der eine Tapetentür zu sehen war. »Er arbeitet noch?«

Edda verneinte.

»Zieht er sich an?«

»Kannst hineingehen; er ist schon fertig.«

Kathi klopfte kurz und leise, drückte die Türschnalle vorsichtig nieder und ging mit elastischen Katzentritten in die halbdunkle Studierstube ihres Cousins, des Professors.

Edda streckte sich noch bequemer aus. Drinnen hörte sie die Stimme ihres Mannes und Kathis, deren Kopf gleich wieder in der Tapetentür erschien. »Wo ist die herbstlaubfarbene Krawatte?«

»Die liegt in seinem Kasten, links unter den Handschuhen.«

Es klingelte. Edda stand auf. Die Portiere, die vom Korridor zum Speisezimmer führte, wurde zurückgeschoben, und die erwarteten Gäste traten unangemeldet ein. Man begrüßte einander verwandtschaftlich. Edda drehte alle elektrischen Flammen auf.

 

* * *

 

Die Geschwister sahen einander, flüchtig betrachtet, wenig ähnlich. Stanislaus in seinem festverknöpften, vielgetragenen, schon etwas glänzenden Rock von dunkelgestreiftem, dünnen Tuch, mit schlechter, vorgebeugter Haltung, breitem, gewölbten Rücken, wirkte engbrüstig. Die Beine schienen zu schwach für den massigen Rumpf. Der große Kopf hing der Brust zu, die kurzsichtigen Augen, von unausgesprochener Farbe, blickten manchmal, besonders wenn er den Kopf neigte, über den schwarzgeränderten Zwicker weg, was ihm den Ausdruck einer interessiert aufhorchenden Eule verlieh. In mächtiger Biegung beherrschte die Stirn das Gesicht. Sehr dichtes, blauschwarzes, an den Spitzen geringeltes Haar bedeckte den Schädel, fiel in einzelnen, gebogenen Büscheln über die Schläfen und ziemlich lang hinter den Ohren herab, die es zum Teil wohltätig verdeckte. Wandte er den Kopf, so kamen sie, in ihrer fledermausartigen Zackung, zum Vorschein. Gestreckt und schmal dehnte sich die Nase zum Mund nieder, der, zusammengepreßt, eine dünne, gerade Linie zog. Der schwarze Schnurrbart hing schlaff, in langen, nur wenig aufgebogenen Enden, über die Mundwinkel. Dieser Kopf saß auf einem zu kurzen Hals, der in einem Umlegekragen steckte, den ein Mäschchen, kaum groß genug, den Kragenknopf zu decken, abschloß.

Diese Erscheinung hatte in Frau Edda bei der ersten Bekanntschaft den Trieb erweckt, physisch zurückzuweichen. Aber ein Gefühl, das mehr als gewöhnliche Neugier war, – der Hunger ihrer gierigen Intelligenz, – trieb sie mit starkem Interesse diesen Verwandten ihres Mannes zu.

Olga kannte sie seit Beginn ihrer Ehe. Gerade damals war die nun Sechsundzwanzigjährige zu dauerndem Aufenthalt nach Wien gekommen. Kathis Eltern, ihre nächsten Verwandten, hatten ihr ein Heim angeboten. Aber der alte Diamant, der seine Tochter fortgeschickt hatte, während sein Sohn ihn gegen seinen Willen verließ, sorgte so weit für sie, daß sie vor allem ihrem Bedürfnis nach Unabhängigkeit folgen konnte.

Sie besuchte die Universität als Hospitantin, hörte nationalökonomische und philosophische Kollegien mit Regelmäßigkeit. An den Veranstaltungen der Frauenbewegung nahm sie ständig teil. Bald trat sie aus der Rolle der Zuhörerin heraus, griff in die Diskussion ein und lenkte die Debatte zumeist in ein Fahrwasser, das den Strebungen der Wiener Frauenbewegung, die sich auf politische und wirtschaftliche Erweiterungen des weiblichen Wirkungskreises beschränken, unwillkommen war. Sie bekämpfte die Tendenzen, die einer Isolierung der Geschlechter zuzuführen schienen und sah im Kampf um Brotberufe wohl eine notwendige Etappe, aber nicht die letzten Ziele der Bewegung. Eine eigentliche berufliche Betätigung vermochte sie in Wien, trotz verschiedener Versuche, nicht zu finden.

Auf dem gedrungenen, mittelgroßen Körper des Mädchens saß ein Kopf mit langem Gesichtsoval, herben, fast eckigen Zügen und einer stark gebogenen, vorspringenden Nase. Ein rostroter Haarbusch überflammte die ganze Erscheinung. Die Augen waren blank und schwarz, mit länglichen Pupillen und schienen von den dünnen, rötlichen Brauen, wie mit eilig schrägem Zug, skizzenhaft überstrichen. Der Teint war etwas sommersprossig. Der Mund zeigte dieselbe dünne, gerade Linie, wie bei Stanislaus. Hier glichen sich die Geschwister.

Und als sie mit Edda lächelnd plauderten, kam mit diesem Lächeln, das die blanken Zahnreihen freilegte, die Gesichter belichtete, ihre Ähnlichkeit zutage.

Olga trug ein dunkelbraunes Kleid von billigem Wollstoff. Der Rock bedeckte die Bluse nicht fest genug, so daß das auf die Bluse genähte Taillenband bei manchen Bewegungen zum Vorschein kam. Es war ihr alter Schmerz, daß sie es durchaus nicht vermochte, ihrer Figur jene glatten Flächen zu geben, auf welchen die Frauenkleider unverrückbar drapiert erscheinen. Aber sie verschmähte jede Schnürung und konnte sich darum mit der auf diese Schnürung berechneten Kleidung nicht zurechtfinden.

Durch das große, englisch möblierte Speisezimmer, dessen Wände ausschließlich von Aquarellen bedeckt waren, ging Frau Edda, im Elfenbeinschein ihres weißseidenen, schleppenden Kleides, mit ihren funkelnden Händen, die sich blütenzart in dem bis zum Ellbogen entblößten Arm fortsetzten, hoch und licht, zwischen den beiden Geschwistern, dem Salon zu.

Olga und Stanislaus erzählten von ihrem Besuche in der Heimat. Einmal im Jahre wünschte der Vater die Tochter zu sehen und duldete es, daß Stanislaus mitkam.

»Es ist immer dieselbe alte, traurige und beklemmende Geschichte«, sagte Stanislaus und senkte den Kopf. Er sprach ein reines, scharf vokalisiertes Deutsch. Olga warf trotzig die Lippen hoch, und die Falte zwischen ihren Augenbrauen vertiefte sich.

»Er sollte stolz sein auf euch«, sagte Edda.

Olga machte ein finsteres Gesicht. »Ein Mädel, das sich nicht verheiratet, immer nur Geld braucht, sich mit lauter Dingen befaßt, die nichts einbringen«, – sie lachte rauh.

Dennoch gab der Alte dieser Tochter den Lebensunterhalt. Mit ihrem einundzwanzigsten Jahr war eine Versicherungspolice für sie fällig geworden. Die Zinsen dieses Vermögens gab er ihr, und sie reichten aus, unter Verhältnissen bescheidenster Art auf einer möblierten Stube zu leben.

Zu seinem Sohne Stanislaus aber hatte er gesagt: »Für dich hab’ ich das Geschäft geführt. Etwas Fertiges haben – hast du sollen! Weggerannt bist du, – ä Tagedieb geworden! – – Das Geschäft laßt du mir alten Mann am Hals, – zugrunde gehen wird’s und soll’s. Verdien’ dir dein Brot, wie du willst, – du bist ä Mann, – dir geb’ ich ka Kreuzer.«

Im Osten von Österreichisch-Schlesien, unweit der preußischen und russischen Grenze waren die beiden zuhause. Dort stand auf dem großen, gepflasterten Ringplatz das alte, schmutziggraue Haus ihres Vaters, mit einer Wohnung von großen, dunklen Zimmern im Stockwerk und einem Kolonialwarengeschäft im Erdgeschoß. Dieser Laden war aber nur ein Teil des Geschäftes des alten Moses Diamant. Er lieferte Lebensmittel aller Art waggonweise nach Deutschland. Das Geschäft war, wie er behauptete, – »ä Goldgrub’«. Nur eine junge, tüchtige Kraft fehlte. Ein Schwiegersohn, der »nicht ä Paar Hosen« hätte, wäre dem alten Händler willkommen gewesen, aber, statt dessen – – ä Geschicht’ mit ä Leutnant. Auch gut – – bis – ja bis –! – – Und der Sohn? Der Sohn – ausgerechnet – studieren hat er wollen. Der Alte widersetzte sich, zwang den Jungen ins Geschäft.

Lange Jahre hatte er ausgehalten. Hatte abgewogen, was jeder begehrte, die Bücher geführt, Geschäfte abgeschlossen. Aber punkt sechs Uhr hatte er abends Schluß gemacht, zum größten Verdruß des Vaters, hatte sich eingesperrt in sein Zimmer und seine Bücher vorgeholt. Eines Tages war er fort, und aus Berlin kam ein Brief, daß er nach langen Gewissenskämpfen dableiben wollte.

Er verstand die Wünsche des Vaters, er begriff den angstvollen Trieb des alten Mannes, den Kindern das Stück Boden, das er mit seiner Lebensarbeit errafft hatte, zu hinterlassen. Er aber, Stanislaus, er zog aus diesem Boden nicht das, was er brauchte.

Berlin hatte ihn hart angefaßt, – fast so hart, wie der Alte zuhause. Aber was er da ausgrub, das war Nahrung für ihn gewesen, und er wußte, daß er in diesem Boden nicht einsinken würde. Der Vater, der ein begreifender Kopf war, ergab sich. Aber er half dem Sohne nicht. »Wenn’s dir zuviel wird, – wenn du nicht weiter kannst, – komm zurück, nach Haus. Du bist hier immer zuhause, merk’ dir das, – immer kannst du kommen.«

Aber der Sohn kam nicht, nur einmal im Jahre, als Besuch. Bitterkeit gegen die verschlossene Hand des Vaters und Mitleid mit seinem vereinsamten Alter, – die Mutter war seit langem tot, – ballten sich ihm zu schweren Lasten, so oft er »zuhause« war. Wochenlang konnte er dann über dem Bild der entfremdeten Heimat keine Ruhe finden.

Er schilderte Edda diese Stimmung, die sie, Olga und ihn, diesmal, wie immer, da oben erwartet hatte. Und während er sprach, empfand er die geheime Erleichterung des Entronnenen. Das üppige, vornehme Zimmer, der milde Glanz des elektrischen Lichtes, die vertraut verwandtschaftliche Nähe dieser schönen, fremdrassigen, liebenswürdigen Frau, die eine absichtsvolle Neigung mit seinesgleichen verbündet hatte, das alles glitt beruhigend in ihn. Trotzdem er als Schriftsteller in Berlin seinen umgrenzten, aber geachteten Platz erworben hatte, war er auf Dürftigkeit und Einsamkeit angewiesen, und erst hier, im Salon seiner schönen Verwandten, überkam ihn ein Gefühl, daß es die Schicht der Erhobenen war, der er zugehörte und von der ihn jene andere Welt, der er entronnen war, unweigerlich getrennt hätte.

»Wo ist Gustav?« fragte Olga.

»Er muß jeden Augenblick kommen; ich glaube, er zieht sich an, und Kathi leistet ihm Kammerdienerdienste.«

Man hörte hinter der Tapetentür Schritte, und gleich darauf trat der Professor ein, hinter ihm Kathi.

Er lächelte über das ganze, blaurasierte Gesicht, das einen Ausdruck trug, der landläufig mit »gescheit« bezeichnet wird. Die gelenkige, kaum mittelgroße Gestalt – er war bedeutend kleiner als Frau Edda – steckte in einem Gehrock von elegantestem Schnitt. Er bewegte sich eilig, grazil, geschickt und lebhaft. Das schwarze, kurzgestutzte, an der Seite gescheitelte Haar war an den Schläfen stark ergraut. Die Augen blitzten durch den Zwicker.

»Daß man die hoffnungsvollen Geschwister einmal zusammen da hat, ist ein besonderes Vergnügen!« Er sprach ein wenig mit singendem Tonfall und näselnder Pressung der Vokale, die die böhmische Umgebung seiner Kindheit verriet. Seine Begrüßung galt, nachdem er Olga die Hand geschüttelt hatte, besonders seinem Vetter Stanislaus.

»Die Reise nach Hause machst du jedes Jahr, aber warum so selten in Wien?« Er nahm im Stehen von dem maurischen Rauchtaburett eine Zigarette, steckte sie zwischen die Lippen und wollte sie anzünden.

Edda beugte sich zu ihm hinunter und nahm die Zigarette aus seinem Mund: »Wir essen gleich.«

Er widersprach nicht.

»Gott, wie besorgt«, spottete Kathi.

Edda zuckte die Achseln. »Mehr brauchen wir nicht, als daß auch er sich noch die Nerven ruinniert.«

Der Professor war mit Stanislaus in ein lebhaftes Gespräch geraten.

»Bei deinem Vortrage hatte ich das Gefühl,« sagte er und ging, die Hände in den Hosentaschen, auf und ab – »daß das Beste daran verloren ging. Diese feingliedrige Ausarbeitung kam vom Rednerpult aus nicht zur Wirkung. Du bist von dem Blatt nicht losgekommen, und man hätte es lieber selbst gelesen.«

Stanislaus lächelte, neigte den Kopf und blickte schräg über die schwarzen Ränder seines Zwickers.

»Stan ist absolut kein Redner«, sagte Olga. Ihre volle Bruststimme, ihre sichere Gliederung der Sprache verrieten, daß sie die Eigenschaft, die sie dem Bruder absprach, selbst besaß. »Stan ist ein Schriftsteller« sagte sie bestimmt.

»Mich hat das gar nicht gestört, daß er las und nicht sprach«, sagte Edda. »Ich muß sagen, ich hab’ die Ohren g’spitzt und bin neugierig geworden auf das Buch. Wann erscheint es?«

»Unbestimmt«, sagte Stanislaus. »Es sind zwei, drei Hauptgedanken des Buches in dem Vortrag verarbeitet. Das Material ist groß, wächst unter den Händen immer mehr an.«

»Ha, – weißt du, wie du mir vorgekommen bist, Stanislaus,« sagte der Professor munter, – »wie – wie so ein verkehrter Mephisto.«

Stan ließ seine Zähne blitzen und fand ein gutes Lachen. »Ist das so zu verstehen, wie euer Kaffee verkehrt?«

»Ja, ja, so ähnlich. Der richtige Mephisto wartet darauf, daß Faust – sinkt, daß er ein Philister wird, daß er zufrieden wird.«

»Und dann ist er verloren und der Teufel holt ihn,« vollendete Stanislaus, »aber ich?«

»Du stehst neben der Moderne wie Mephisto neben Faust, – Mephisto als Kritiker genommen.«

»Vor allem als Kritiker, – sehr wahr.«

»Und wartest auf den Moment, wo dein Faust, deine Moderne, die sich erproben soll, – nicht sinkt, nicht zur Hölle reif wird, sondern umgekehrt.«

»Es ist etwas Wahres daran,« sagte Stanislaus mit nachdenklichem Ton, »man wartet darauf, daß man endlich sagen kann: da ist etwas Positives, etwas was wir – gut verpackt – weiter geben.« Er wiegte den Kopf.

»Schade, daß das alles so schnell vorüberzog,« sagte der Professor, »warte, wie war es doch, – das Bild? Du zeigtest uns nackt«, seine Stimme wurde dunkler von ironischem Pathos, – »am Meeresufer, – alle Schiffe verbrannt, – – in Kampf mit Wind und Wetter – und fern von jeder neuen Heimstätte.«

»Und sie sahen, daß sie nackend waren und schämten sich«, kam es aus Kathis Ecke, und die anderen lachten.

Edda hatte inzwischen dem Stubenmädchen geklingelt und war ins Speisezimmer gegangen. »Ich bitte zu Tisch«, rief sie in den Salon hinein.

»Warten wir nicht noch auf Vinzenz und Geneviève?«

»Sie werden kaum kommen, Geneviève hat mir geschrieben, daß die Kleine wieder krank ist.«

»Es ist schade,« sagte der Professor, »du kennst meine Schwägerin noch nicht, Stanislaus, die Frau des Bruders meiner Frau, – Geneviève, zu deutsch genannt Eva, geborene Nestor, verehelichte Reisenleitner.«

»Olga hat mir immer viel von ihr geschrieben.«

Man ging ins Speisezimmer und setzte sich zu Tisch.

»Seit Eva da ist, vernachlässigt mich Olga«, sagte Edda. »Man soll seine Freunde nicht zusammenführen.«

Kathi klapperte mit dem Besteck: »Wird schwer gehen.«

Olga lächelte, und ihr herbes Gesicht schien licht. »Das ist ein großes Geheimnis, diese Vertrautheit zwischen Menschen. Komisch ist das. Zwei zum Beispiel kämpfen zusammen für eine gemeinsame Sache, –«

»Schulter an Schulter, wie es in der Frauenbewegung so schön heißt«, warf der Professor sarkastisch ein.

»und bleiben sich fremd.« Sie sprach das R mit slawischer Härte. »Und andere wieder, die scheinbar gar nichts miteinander zu schaffen haben, sind vertraut beim ersten Blick. Wer kann wissen, warum das so ist?«

Edda seufzte.

»Eva ist ein sonderbarer Mensch«, sagte der Professor.

»In welchem Sinne?« fragte Stanislaus.

»Es fehlt ihr,- soviel ich beobachtet habe, – etwas, – das an uns allen deutlich ist.«

Stanislaus horchte interessiert. »Und was ist das für ein gemeinsames Merkmal?«

Der Professor zögerte und krauste die Stirn. »Es ist der Riß, der Bruch, der irgendwo im innersten Gefaser von jedem von uns drin ist«, sagte er, und sein Gesicht hatte einen verbissenen Zug. »Zeig mir«, fuhr er, zu Stanislaus gewendet, fort, »einen modernen Schicksalsträger, – mit normalen Instinkten, – und mit vernünftigem Selbsterhaltungstrieb! Zeig mir, mit einem Wort, – von den genialen Praktikern abgesehen, – einen modernen Gedankenheros, – der dabei kein Narr ist, der sich nicht versteigt auf irgendeine Martinswand der Spekulation, – von der ihn kein Gott herunterholt.« Er machte eine Pause, und drehte nachdenklich ein Brotkrümelchen zwischen den Fingern. »Des Menschen Schicksal«, fuhr er fort und bewegte dozierend die Hand, »ist sein Leib. Nun ist aber unsere Intellektskultur sozusagen noch nicht leiblich genug geworden, – noch nicht somatisch, wie wir Ärzte sagen, – unser Wille, aber noch nicht unser Organismus ist intellektuell. Und darum machen wir zumeist Dummheiten, wo wir glauben, besondere Taten zu vollbringen.«

»Ist denn der Wille ein vom übrigen Organismus loslösbares Etwas«, fragte Olga.

»Das beweist die Hypnose«, sagte der Professor und nahm von der Hors d’œuvre-Platte, die ihm gereicht wurde. »Diese schöne, schlafwandlerische Sicherheit des Trieb- und Instinktmenschen ist für uns verloren.« Er trank ein Glas Rotwein durstig mit einem Zuge aus. »Gerade dein Vortrag, Stan, hat das recht deutlich gezeigt. Die Zeiten aber, wo der intellektuelle Wille so geübt ist, daß er den Menschen zu derselben fast automatischen Reaktion führt, wie das der gesunde Instinkt, der Trieb, besorgt, – so daß auch der komplizierte Mensch ein Ganzes und Deutliches wird, – die sind noch nicht da.« Er sprach jetzt, wie er es täglich vor seinem Hörerauditorium gewohnt war. »In diesem Sinne können wir uns als – als Zwischenstufen bezeichnen, – – oder als – schlotternde Lemuren«, er zog die Vokale sarkastisch in die Länge, – – »aus Bändern, Sehnen und Gebein geflickte Halbnaturen.«

Alle hatten aufmerksam zugehört. Frau Eddas Kornblumaugen waren dunkler und tiefer geworden.

Das Stubenmädchen kam, räumte die Teller ab und legte neue an deren Plätze.

Kathi sagte: »Darf ich im Konversationslexikon nachsehen, was Lemuren sind?«

Der gespannte Ernst der Stimmung löste sich. Unter allgemeinem Lachen wurde die Zustimmung erteilt. Kathi sprang auf, lief durch den Salon und von da in des Professors Studierzimmer. Man sah, durch die offene Tapetentür, das elektrische Licht drin aufflammen, hörte, wie sie den schweren Wälzer von der Etagere rückte und darin blätterte.

»Die – Lemuren – sind – geschwänzte Halbaffen«, rief sie heraus.

»Aber auch noch etwas anderes«, schrie der Professor zurück.

Kathis Stimme ertönte weiter: »Sie haben Greifhände nach Art der Affen, – – sie sind Baumtiere mit nächtlichen Gewohnheiten, – – nach Sonnenuntergang pflegen sie in größerer Gesellschaft den Urwald zu durchstreifen, – – unter bedeutendem Geschrei, – – Zähmung gelingt leicht, – haben einen schwächlichen Körper mit dichtem Haarkleid, – – vordere Gliedmaßen kürzer als die hinteren, – – Großhirn ohne Windung, – – Blinddarm vorhanden.«

»Esel, der du bist,« schrie der Professor, »schlag bei Laren nach, bei Lares.«

Nun ertönte die Stimme aus der Studierstube:

»Nächtlich umherschweifende Seelen der Verstorbenen.«

Der Professor rief: »Nun sieh noch bei Lemuria!«

»Versunkener Kontinent, ehemals von Halbaffen bewohnt, wird auch als die wahrscheinliche Wiege des Menschengeschlechtes betrachtet.«

»Genug, genug,« rief der Professor, »es stimmt! Goethe hat für seine Zwecke das Wort und den Begriff gebildet. Und in unserem Fall stimmt’s, – sowohl im Goetheschen wie im zoologischen Sinne.«

Kathi wollte ihren Vortrag noch ausdehnen, aber der Rest ging in Gelächter unter, und sie wurde energisch zurückgerufen.

»Das Roastbeef wartet«, rief Edda.

Das Licht in der Studierstube wurde abgedreht, und das braune, magere Mädchen kam hereingewirbelt.

Der Professor nahm die Unterhaltung in dozierendem Ton wieder auf.

»Was heißt das Wort: ›Es irrt der Mensch, solang er strebt‹. – Es heißt, daß der strebende Wille – der, der noch bewußt arbeitet, – der noch nicht Instinkt geworden ist, – unsere größte Gefahr ist. Wir leisten mit ihm Übermenschliches, aber zumeist Falsches.«

»Also Streben, Schaffen, Werden, Wachsen, – ohne es zu wollen?« forschte Stanislaus.

»C’est ça! – Das wäre der ganze Kerl, – der von morgen. Wir Heutigen ziehen uns am Schopfe zu unseren Idealen von uns selbst.«

»Dann wäre man ja sehr gut daran, wenn man keine Ideale von sich selbst hat«, warf Frau Edda ein.

»Frauen wissen im allgemeinen nichts von solchem Wollen«, erwiderte der Professor. »Sie haben keine Stellung zur Moral«, fuhr er ruhig fort.

»Die alten Phrasen«, sagte Edda, und es klang beinahe verächtlich.

Olga hob den Kopf. »Ich weiß aber von solchem Wollen und andere Frauen auch.«

»Das war das Schlimmste, was euch passieren konnte«, sagte der Professor und schälte gleichmütig seine Birne.

Edda beugte sich über den Tisch, zu Olga hinüber:

»Laß dir nichts vormachen, hörst du! Zieh, – zieh dich selbst am Schopf, – ja, – gerade das!«

Olga wollte weitere Auslassungen über das Thema vermeiden. Sie wußte, daß der Professor die Aktivität der Frauen bespöttelte, daß aber Frau Edda leidenschaftlich und heftig zu werden pflegte, wenn er das tat. Sie, die ein Leben, ähnlich dem einer Haremsdame führte, war mit ihrer Sympathie und mit einer Art von persönlich resignierter Sehnsucht auf der Seite jener Frauen, die das Steuer ihres Schicksals selbst zu lenken suchten.

Und, als wollte auch Edda das Thema abschneiden, erhob sie sich, läutete dem Mädchen und gab Befehl, den Kaffee zu servieren. Mit der gewohnten Beinschwenkung warf sie die Schleppe zurück und ging voran, dem Salon zu.

»Nun werde ich euch in mein neuestes Laster einweihen«, sagte sie wieder ruhig und lächelnd und griff nach der Zigarettendose.

»Welcher Laster beschuldigen – beschuldigst du dich?« fragte Stanislaus.

Das »du« der schönen Cousine gegenüber, die er nur bei seinen seltenen Besuchen in Wien gesehen hatte, fiel ihm schwer.

»Zweier: der Trägheit und – nun wie nennt man das, – wenn jemand sehr gern gut ißt, gut trinkt, gut liegt? – – – Ich glaube, das ist etwas, was unter den sieben Todsünden aufgezählt wird.«

Dabei nahm sie Besitz vom Schaukelstuhl und wiegte sich darin.

»Das nennt man Völlerei«, sagte der Professor.

»Ja? – Ich werde gleich eine neue Probe davon geben.«

Sie nahm vom Rauchtisch einen kristallenen Parfümflakon, der neben dem Aschenbecher stand, schraubte den silbernen Verschluß ab und träufelte behutsam einen einzigen Tropfen auf eine Zigarette. Das Licht fiel auf ihre Hände und brach sich in den Edelsteinen der Ringe.

»Ambre Royal, mit türkischem Tabak, – damit kann man stundenlang glücklich sein.«

Sie parfümierte mehrere Zigaretten, reichte sie herum, und bald war das Zimmer von wohlriechendem Dampf erfüllt.

Kathi griff nach dem Flakon und betrachtete, während sie den Rauch durch die Nase blies, die Etikette.

»Echtes Ambra, – mindestens 18 Gulden die Flasche, – Gustav, du mußt sie unter Kuratel geben.«

»Jch überlasse alle notwendigen Arrangements meinen Gläubigern«, sagte der Professor mit gleichmütiger Stimme. Er hatte die Augen zusammengekniffen und sog in langen Zügen an der parfümierten Zigarette.

»Ich muß doch die Bazillen ausräuchern, die er in Bouillon züchtet und eventuell noch nach Hause bringt«, meinte Edda.

Ihre frühere Bemerkung über das, was sie ihre Laster nannte, hatte Stanislaus zu denken gegeben. Er wollte gern erfahren, ob denn hinter dieser Bemerkung ein Ernst zu suchen sei, und er fragte sie:

»Was nennst du deine Trägheit, liebe Edda?«

»Nun denke dir, ich bin so faul. Ich tue nichts den ganzen Tag, als mich an- und ausziehen und abends mit Leuten plaudern. Ich komme zu nichts anderem.«

»Man kann auch den Müßiggang wohl ausfüllen,« sagte Stanislaus, – »o ich kenne das. – Stundenlang gehe ich oft spazieren und denke an nichts. Wenn man nur ein gutes Gewissen dabei hat!«

»Er arbeitet aber wie ein Kuli«, warf Olga ein.

»Das ist es ja gerade,« sagte Edda klagend, – »ich habe kein gutes Gewissen, – ich leide unter diesem Leben und kann’s doch nicht ändern ... Immer ist’s gleich Abend, ehe ich mich recht umschau’, besonders jetzt, wo der Tag so kurz wird. – – Dabei scheint das Leben mit diesen Tagen, die einander so schnell verschlingen, nicht etwa langsam zu vergehen, – nein, – im Gegenteil«, – sie zögerte nachdenklich – »wie ein rasender Galopp zur Grube ist’s, – sinnlos, sinnlos.«

Der Professor sagte: »Da ist nichts zu wollen; das ist der eigentliche Sinn unserer Mobilität: gegen die Verwesung kämpfen – und dabei der Grube zureiten. – – Wir kämpfen ununterbrochen gegen die Verwesung. Jawohl, hier ist das Um und Auf unserer Tätigkeit. Jeden Tag ziehen wir los gegen den Staub, unaufhörlich wirbeln wir ihn auf, verjagen ihn, – und schon setzt er sich wieder fest. Sieh da!« er fuhr mit der Hand über die Lehne des roten Lederfauteuils und wies wirklich etwas Staub am Finger vor, – wofür ihn Frau Edda mit einem mißbilligenden Blick bedachte.

»Dieses tägliche Sich-vom Schmutze-Reinigen, diese immer von neuem notwendige Aufmachung und Abrüstung, dieser endlose Turnus mit seinem An- und Auskleiden, – dann diese beständig wirkende Verwesungschemie in unserem internsten Gedärm und unser Bemühen, uns von ihren Produkten zu befreien, – was ist das anderes, als ein ununterbrochener Kampf gegen das staubige Ende?! Müde, natürlich, werden wir davon, – müssen wir werden, – verbraucht und müde; aber dazu sind wir da.«

Er schwieg, und Edda nahm wieder das Wort.

»Und komisch: je leerer die Tage sind, desto deutlicher fühlen wir, – Galopp, Galopp.« Sie machte eine Pause. »Aber ich glaube nicht,« – sie schüttelte lebhaft den Kopf, – »daß die, die sich ordentlich rühren und den Tag mit ihrer Mühsal füllen, – daß die auch das Gefühl haben, dem Grabe zuzureiten. Da drüben,« fuhr sie fort und deutete zum Fenster hinaus, »vis-à-vis von uns – wird jetzt gebaut. Zwanzig, dreißig Maurer und Handlanger und eine Menge Weiber tummeln sich da. Vom frühen Morgen geht das. Da rennen sie durcheinander auf dem Gerüst, – ich seh’s vom Bett aus. – – Und Licht und Luft und Sonne haben sie in abondance. Gott, wie müssen die diese letzten schönen Spätsommertage genossen haben! Sie bücken und strecken sich unaufhörlich und reichen die schweren Eimer hoch,« – sie machte die Bewegung nach, – »tragen Bretter und Ziegel auf den Schultern und volle Mörteleimer auf dem Kopf, rühren alle Muskeln und Glieder – und das alles in voller Sonne und freier Luft.« Sehnsüchtig warf sie den Kopf in den Nacken. »Wer so leben könnte! Da müßten alle Schmerzen im Kreuz vergehen«, sie stemmte die verschränkten Arme gegen den Rücken, – »und aller Druck im Kopf und all die Schwere im Leib und alles, alles, was einem das Leben so sauer macht.«

Sie schwieg.

Stanislaus hatte mit schmerzlichem Gefühl der seltsamen Beichte gelauscht. Unwillkürlich fiel ihm jenes Wort des Artistoteles ein, welches die Passivität, – die Trägheit, die Schwere, – als das Böse im Menschen bezeichnet, und – als vom Göttlichen kommend und zum Göttlichen gehend, – nur die tätige Vernunft.

»Und läßt sich denn gegen diese – diese – Müdigkeit gar nichts machen?« fragte er.

Edda zuckte mutlos die Achseln.

»Mangel an Hämoglobin und eine Gebärmuttersenkung«, murmelte der Professor.

Langsam, im Vortragston, fuhr er fort: »Die Seele ist wie der Schiffer, der im Kahn, der durch das Weltmeer zieht, am Steuer sitzt. Das Schiff selbst aber«, breit und gewichtig dozierte er, – »ist der Körper. Und darum kommt es auf den so sehr an; denn was nützt alle Fähigkeit des Steuermannes, wenn das Schiff, in dem er sitzt, nichts taugt?!« – –

»Ich kämpfe auch mit meiner Gesundheit,« meinte Stanislaus; »ich glaube, ich könnte mehr leisten, wenn ich in besserer Verfassung wäre.«

»Dein großer Vetter Gustav«, sagte der Professor, »ist bereit, dich aufzuklären, – auf welchem Wege du am kürzesten dahin gelangst, – wohin wir alle kommen.«

»Ich danke,« antwortete Stanislaus, »ich brauche das nicht zu wissen; vielleicht gehe ich dann zufällig den längeren Weg.«

»Er ist ein Barbar in dieser Hinsicht,« sagte Olga, »eines Tages wird er stecken bleiben.«

»Aha, der Wille mit der Peitsche!« Der Professor schüttelte den Kopf. »Na, – das eine weiß ich: sollte ich mich je an meinen Wurzeln krank fühlen, – lange Fisematenten gäbe es dann nicht. Als Spezialist für Interna muß ich bekennen, – daß das verläßlichste Mittel gegen eine Menge jener Leiden, um derentwillen man zu uns kommt, noch immer eine Browningpistole ist. – – Das hilft auch gegen andere Unannehmlichkeiten.« Er verzog die Lippen, und um die äußeren Augenwinkel legte sich die Haut in dichte Fältchen.

Edda trommelte unruhig mit den Fingern auf die Tischplatte.

»Gerade der Schriftsteller darf kein Barbar gegen sich selbst sein«, fuhr der Professor fort. »Er darf nie vergessen, sein Werkzeug zu pflegen. Das Werkzeug seines Schaffens aber ist er selbst. Er ist sich selbst gleichzeitig Instrument und Material. Er muß sich die Bedingungen schaffen, unter denen er sich selbst am besten – fühlt.« Er machte mit der Hand eine Bewegung, als wolle er die Luft greifen. »Das ist mit eine Seite des Talentes.« In jähem Übergang fragte er dann Stanislaus: »Wie lebst du eigentlich in Berlin?«

»Mehr schlecht als recht,« bekannte Stanislaus, »ich schreibe Artikel, trachte sie unterzubringen und bereite dabei ein Buch vor.«

»Bei jener Art von Schriftstellerei, die du betreibst, muß es nicht leicht sein, für Absatz zu sorgen.«

»Es ist jedesmal ein neuer Kampf; immer als trete man das erstemal in die Schranken.«

»Und lebst du von diesen Honoraren?«

»Ich habe zum Glück noch eine Art von Nebenbeschäftigung gefunden. Ich lese einem gelähmten, alten Herrn mehrmals der Woche aus philosophischen Schriften vor.«

»Und bekommst?«

»Drei Mark für den Vormittag.«

Frau Edda machte große, erschreckte Augen.

»Es ist wenig, aber es macht etwas aus; das merke ich, wenn mein ›Herr‹ einmal nicht da ist. Manchmal nimmt er mich auch auf Reisen mit. Auf diese Art habe ich Italien und die Schweiz gesehen. Aber diese Beschäftigung nimmt mir zuviel Zeit fort, ich würde sie gern aufgeben.«

Der Professor sagte: »Und gedenkst du – immer so zu leben?«

In das Gesicht des jungen Mannes stieg ein finsterer Ernst. Die Augenbrauen rückten drohend zusammen, die Lippen preßten sich aufeinander.

»Nein«, antwortete er.

»Sondern?«

»Ich gedenke zu erben.«

Das dunkle Wort lastete. Olga blickte kummervoll auf den Bruder.

»Der Schriftsteller muß sich menagieren«, sagte der Professor. »Er darf sich nicht ganz ausgeben, – braucht Reserven. Denn was heißt schriftstellern?« Er gab sich selbst die Antwort. »Es heißt nichts anderes als: Überschüsse ablagern. Da darf man nicht verschwenden, – hm ja – denn zuzeiten verbraucht man sein bißchen Kraft zum Leben – und Schreiben wäre dann jämmerlich.« Er beugte sich vor, wippte die Asche von der Zigarette direkt auf den Teppich und lehnte sich, die Beine übereinanderschlagend, tief in den Fauteuil zurück, daß die braunen Hirschledergamaschen, die den Lackstiefel deckten, mit allen Knöpfen sichtbar wurden.

»Dein Wort von vorhin läßt sich hier anwenden«, sagte Stanislaus. »Wir sind Zwischenstufen, – auch im ökonomischen Sinne, – mit unseren Einkünften, die oft genug hinter denen des Proletariats zurückbleiben, und mit unseren Bedürfnissen, die wir vom Bürgertum, mit dem wir sonst überquer sind, übernommen haben. Zwischen den Klassen stehen wir, – und gepreßt von beiden Seiten.«

»Und nirgends fühle ich mich gepreßter«, sagte Olga mit gedrückter Stimme, »als gerade hier.«

»In Berlin ist das besser,« meinte Stanislaus, »das wirst du bald merken.«

»Wieso soll das in Berlin anders sein?« fragte Edda in zweifelndem Ton.

Stanislaus dachte nach und sagte dann entschieden: »Hier in Wien kann das, was – wir sind, keinerlei deutliche Gestalt annehmen. Eingekeilt sind – wir – hier, unrettbar eingekeilt, in die Bourgeoisie. Berlin aber,« fuhr er lebhaft fort, »Berlin gibt unsereinem Zugehörigkeit – und doch auch wieder Isolierung, die frei aufatmen läßt, – und darum, mit der Zeit, – Gestalt.«

Edda zuckte die Achseln. »Das kann ich mir nicht denken. – Wann gehst du nach Berlin?« wandte sie sich dann an Olga. »Fährst du zusammen mit Stanislaus?«

»Stanislaus reist früher. Ich bleibe noch einige Tage; zum nächsten Ersten habe ich mein Zimmer gekündigt.«

»Der deutschschreibende Schriftsteller«, sagte der Professor nachdenklich, »hat ohne Zweifel von Berlin aus mehr Aktionsfläche und darum mehr Resonanz. Hier? Wo ist hier das Publikum, mit dem er sich auseinandersetzen soll? Was soll er von Bosniaken, Kroaten, Slovenen, Magyaren, Italienern für sich erwarten? Nur das weite, einsprachige Hinterland macht aus der Hauptstadt die Weltstadt, und dieses Weltstadtgefühl gibt Perspektive.«

»Der Schriftsteller kann von überall sprechen,« meinte Edda, »die Gedanken müssen über fremde Sprachen Brücken bauen.«

»Es ist nicht die Sprache allein, – nicht jene Sprache, die man nach der Grammatik erlernt, die Gemeinschaft ergibt,« – meinte Stanislaus, »es gibt eine deutlichere Zugehörigkeit!« Nachdenklich senkte er den Kopf und blickte schräg über den Zwicker. »Gruppen von Menschen, die nach ähnlichen Zielen ringen, müssen die Möglichkeit haben, sich nach ihrer besondern Art zu gestalten.«

»So eine Gruppe ist nicht selten eine Hydra,« sagte der Professor, – »eine Hydra oder ein Polyp, Köpfe und Glieder sprießen und schwinden.« Er sprang auf, warf den Zigarettenstummel in die Aschenschale und machte ein paar Schritte durch den Salon. »Wieder dieses Ringgefühl um den Kopf«, sagte er verdrießlich.

»Du hast zuviel geraucht, Gustav«, – Frau Edda sah ihn vorwurfsvoll an, – »eine Zigarette habe ich dir fortgenommen, und drei andere hast du nacheinander verpafft.«

»Ich hatte heute keine rechte Bewegung«, sagte der Professor und streckte ein paarmal die Arme aus. »Kathi,« rief er dann dem Mädchen zu, das schweigend in einer Ecke gesessen hatte, »Kathi, hörst du – wir machen nachher den gewohnten Gang.«

Kathi nickte.

Stanislaus fühlte plötzlich, daß er sich dem persönlichen Leben seiner Verwandten gegenüber in einer Reserve gehalten hatte, die mißverständlich wirken konnte. Er begann mit dem Professor über dessen schnelle Karriere zu sprechen. Er hatte von Geldsorgen gehört, die ihn früher gedrückt hatten, – einmal hatte auch sein Vater dem Neffen in Wien ausgeholfen. Die große Praxis des Professors mußte ihn, ohne Zweifel, von seinen Sorgen befreit haben.

Ein bekümmerter Zug lagerte um den Mund des Professors. »Wir brauchen noch immer mehr als ich verdiene, – mehr als wir haben, – samt Eddas Zinsen. Nicht einmal die Rente für eine anständige Lebensversicherung fällt ab.«

Edda seufzte unmutig. »Eine anständige Versicherung, – ich danke, was die kostet; und eine lumpige hat keinen Wert.«

»Aber, liebes Kind,« entgegnete der Professor, – »du willst doch, – dann, – wenn ich mich mal zurückziehe oder wenn mir was geschieht, – weiter leben, nicht? Und sogar ähnlich wie jetzt, – wie? Ich habe dir das doch schon oft erklärt!« Eine leichte Erregung war in seiner Stimme.

»Wenn man es aber nicht entbehren kann!« seufzte sie. – – – »Und wie denn, wenn du mal längere Zeit krank bist und nichts verdienst, – woher dann die Quote aufbringen?«

»Das wäre schlimm«, erwiderte er, und seine Stirn zog sich in Falten. »Krankheit ist in meinem Budget nicht vorgesehen.« Er schien sorgenvoll zu grübeln. »Na – vor dem Schlimmsten schützt dich ja dein Vermögen.«

Es war spät geworden, die Geschwister wollten sich verabschieden. Der Professor hielt sie zurück, sie sollten vorher noch seinen »Gang« mit Kathi ansehen.

Zu diesem Zwecke begab man sich in das breite Vorzimmer, das mit dicken Veloursläufern belegt war. Edda und die Geschwister setzten sich auf die runden Hocker, die hier an den Wänden standen.

Der Professor warf den Rock und die Manschetten ab. Kathi löste den leinenen Stehkragen von der Seidenbluse, knöpfte die Ärmel am Handgelenk auf und rollte sie hoch über die Ellbogen. Dann stellten sie sich fest einander gegenüber. Einen Moment standen sie mit gestreckten Köpfen, – dann fiel sie mit einem sehnigen Sprung über ihn her. Sie umklammerte seinen Hals und suchte ihn niederzuziehen. Er parierte den Kopfgriff und stemmte den Ellbogen gegen ihr Kinn. Dabei griff sie ihm unter die Arme, preßte seinen Leib und versuchte, ihn hoch zu heben. Er drückte gegen ihre Brust, daß ihre Arme von ihm abglitten, und die krausen Stirnhaare den Kopf umflogen. Aber sie schnellte wieder vor. Da faßte er sie plötzlich am rechten Handgelenk, drehte sich jählings um, zog ihren Arm über seine Schulter, ließ sich auf die Knie fallen und warf sie zur Erde. Sie versuchte, sich zu erheben, es gelang ihr nicht. Im nächsten Augenblick lagen sie verknäult auf dem Boden. Seine Muskeln spannten sich stählern, sie wieder ringelte sich zwischen seinen Armen durch und schnellte halb auf, wenn er sie vollends niederdrücken wollte.

Da läutete es an der Korridortür. Der Professor und Kathi ließen voneinander ab und sprangen auf. Das Stubenmädchen kam aus der Küche und eilte zur Wohnungstür.

»Sehen Sie erst nach, wer es ist«, rief ihr Edda zu. Nach der »Sperre« war ein Besuch etwas Ungewohntes. Das Mädchen hatte durchs Guckloch geblickt und teilte flüsternd mit, es sei der Herr Reisenleitner.

»Aufmachen«, rief Edda.

Ihr Bruder trat ein.

»Servus, Kinder«, begrüßte er Schwester und Schwager. Er schüttelte ihnen die Hand und begrüßte die anderen mit leichter Verbeugung.

Der Professor und Kathi standen schwitzend und schnaubend; sie streifte ihre Ärmel herunter, und er schlüpfte in seinen Rock. »Mein Schwager Reisenleitner – mein Cousin Stanislaus Diamant«, stellte der Professor vor.

»Aha – der Herr Bruder aus Schlesien, – sehr angenehm.«

»Aus Berlin«, verbesserte der Professor und dehnte das i.

»No – erlaub du mir – wie kannst du so was sagen? Wann ich mich morgen in – sagen wir – in New York ansiedeln tu’, bin ich deswegen doch a Weaner.«

»Sehr richtig«, sagte Stanislaus, senkte den Kopf auf die Seite, lugte schräg über den Zwicker und zeigte seine Zähne.

»Was macht’s ihr denn da alle im Vorzimmer, – aha – the usual match!« Er kannte das. »Wer hat g’wonnen? Niemand? Unterbrochen? Schad’.«

Vinzenz Reisenleitner war ein elegant gekleideter Herr, vollblütig, groß, kräftig, mit braunem Haar, aufgezwirbeltem Schnurrbart und hellblauen Augen. Sein von der scharfen Herbstluft angeblasenes Gesicht schien von Gesundheit zu glühen. Er trug einen braunen Ulster, von weitestem Sackschnitt, der ihm nicht ganz bis an die Knie reichte, einen sehr hohen Stehumlegekragen, die modernste Krawatte von zartem Hellgrün und steifen, schwarzen Hut.

»Alsdann, – wißt’s ihr, warum, daß ich da bin?«

Edda lud ihn ein, ins Zimmer zu kommen.

»Ja, aber nicht lang, – ich muß gleich wieder weg, – ich hab versprochen, ich bring euch mit.«

»Wohin denn?«

Er nannte ein bekanntes Nachtlokal, einen Champagnerkeller »Zum Nachtfalter«.

»Was ist denn dort los?«

»Los is nix.«

»Also?«

»Beim Nachtmahl im ›Imperial‹ habe ich deinen Famulus getroffen, den Herrn Pankraz.«

»Seit wann speist denn der im ›Imperial‹?« mischte sich Frau Edda ein. »So eine Frechheit!«

»Kannst beruhigt sein, auf seine Kosten tut er das nicht; der klebt schon die ganze Zeit an dem amerikanischen Doktor.« Er wandte sich zum Schwager: »Du hast ihn abgetreten an den, – hat er g’sagt, – so lang, daß der da is.«

»Der Dr. Macpherson nimmt mit ihm die Kollegien durch«, erklärte der Professor, »und noch andere Sachen, die man in Wien durchnimmt.«

»Mit dem war er da. Und die zwei gehen heut’ noch zum ›Nachtfalter‹. – Da haben’s mich heraufgeschickt, ich soll euch hinschleppen.«

Der Professor sah seine Frau fragend an; er überließ ihr die Entscheidung. Er für seine Person war zeitweiligen Exzessen nicht abgeneigt.

»Ich müßt’ mich erst anziehen«, sagte Edda zögernd, schien aber doch den Plan zu erwägen. »Wo ist denn die Eva?« fragte sie.

»Die sitzt natürlich bei der Kleinen«, antwortete Reisenleitner mit einer Handbewegung und einem Achselzucken, die Resignation ausdrücken sollten.

»Deine Frau kommt zu wenig heraus«, sagte der Professor in etwas tadelndem Tone.

Vinzenz antwortete ärgerlich: »Erschtens, –« er hielt ihm den Daumen vor die Augen, – »weißt du nicht, was ein kleines Kind ist«; – er selbst schien von diesem Wissen sehr durchdrungen; »und zweitens ist die Eva wirklich eine Hauskatz’. Daß ich mich deswegen einmauern tu’, – fallt mir net ein; wann sie so fad is? – – – In der Beziehung – eine echte ›Teutsche‹ – obwohl sie flotteres Blut von ihrer französischen Mutter her haben müßt’.«

Vinzenz Reisenleitner, der die Fabrik seines Vaters übernommen hatte, liebte jene Art von Vergnügungen, die man in Wien »a Hetz« nennt, über alles. Besonders ergeben war er dem Sport. Er verbrachte so ziemlich alle Sonntage und die zahlreichen katholischen Feiertage, die den Gang des österreichischen Geschäftslebens so fleißig hemmen, auf dem Semmering oder im Wiener Wald und war mit seinem Automobil auch mitten im Arbeitsjahr viel unterwegs.

»Alsdann, geht’s ihr oder geht’s ihr nicht? – Du, ich sag’ dir,« wandte er sich zu seiner Schwester, – »der Mister Macpherson ist verliebt in dich.«

Man war in den Salon zurückgekehrt, und Vinzenz saß im Überrock, den Hut in der Hand, auf einer Fauteuillehne.

»Wieso, was hat er wieder gesagt«, fragte Edda neugierig und belebt.

lang=EN-US »Alsdann, er hat g’sagt, – your sister, Mrs. Diamond – sprich Deiämönd,« markierte er, – »is the most elegant type of woman, I ever saw.« 14.0pt;Er sprach die englischen Worte sehr gut, korrekter als die deutschen. Englisch war immer sein »Talent« gewesen, – und Amerika sein erklärtes Ideal.

Edda lächelte geschmeichelt, tat aber spöttisch: »Glasige Augen hat er! Schaut aus, wie a Karpfen.«

»Ein Verehrer meiner Frau, – da müssen wir hingehen«, sagte der Professor mit zufriedener Stimme, die Hände in der Tasche. Er besaß keine Spur von Eifersucht. »Gänzlich unbekannter Affekt«, hatte er oft versichert. Und mit jener Freimütigkeit, die die innersten Seelenzustände preisgibt und die in jener Schicht der »Intellektuellen« so weit geht, daß sie oft mit Schamlosigkeit verwechselt werden könnte, – mit jener Freimütigkeit, die sich unbedingt zu ihrem Empfinden bekennt, hatte er im Freundeskreis einmal gesagt: Wenn seine Frau einen Geliebten hätte, er würde ihr dieses Erlebnis von Herzen gönnen; eine solche Tatsache würde zwischen ihm und ihr nichts ändern.

Frau Edda aber sagte im Kreise ihrer Freundinnen von ihrem Manne: »Er ist ein schrecklicher Mensch in vielen Sachen, – aber – Hörner aufsetzen?! – Da müsset einer schon auf’m Kopf Csardas tanzen!«

In Wahrheit hatte sie ein wählender Trieb zu ihrem Mann gezogen, mit dem sie auch heute noch nicht fertig war, – trotz allem. Seine »Schnuppigkeit«, wie sie es nannte, sein auf die Forschung festgelegtes Interesse, das alles reizte sie zuzeiten in bösem Sinne – und verkettete sie doch auch wieder mit ihm, weil etwas in ihrem eigenen Wesen diese Art im stillen bewunderte. In hohem Grade gefallsüchtig, war sie dabei doch unsinnlich, – frigid, hatte der Professor konstatiert, – und es war ihr noch niemand »gefährlich« geworden. Ihres Mannes Vernachlässigung verletzte und verärgerte nur ihre weibliche Eitelkeit, nicht aber ein sinnliches Bedürfnis in ihr. Er selbst wieder fand die kühle Distanz, in die er zu seiner Frau geraten war, – nachdem er ihren Besitz mit unbesieglicher Begierde erstrebt hatte, – einerseits in der Gewöhnung der Ehe und andererseits in der Natur eines angestrengt geistig und physisch arbeitenden Mannes begründet. »Ich begreife,« sagte er, »daß eine Frau vielleicht mehr braucht, als ein scharf arbeitender Mann ihr bieten kann, – aber – enfin – da müßte man Liebhaber züchten, als soziale Klasse, die die Weibchen unterhalten, während die Männer arbeiten.«

Er trieb jetzt seine Frau an, in den Keller zum »Nachtfalter« zu kommen. »Zieh dich an, – wir gehen hin. Einmal in der Zeit muß der Mensch drahn.« – Den ganzen Monat hatte er jeden Abend, bis tief in die Nacht hinein, an einer Darstellung der klinischen Frühdiagnose des Krebses gearbeitet.

Edda zog sich mit Kathi ins Ankleidezimmer zurück. Stanislaus und Olga wollten sich verabschieden, aber der Professor beredete sie lebhaft, mitzukommen.

»Übermorgen ist wahrscheinlich Stans letzter Tag hier, – und ich habe auch noch eine Menge zu tun, vor der Abreise«, wendete Olga ein. Herrn Reisenleitners Gesellschaft war ihr wenig sympathisch, so stark auch die Hinneigung war, die sie mit seiner Frau verband.

Der Professor kannte die mühsam unterdrückte Abneigung seines Schwagers gegen alles, was das Judentum deutlich repräsentierte. Es amüsierte ihn, – ihm gerade zum Trotz – den so sehr »rassigen« Stanislaus und die rote Olga mitzunehmen. Er hatte nicht vergessen, wie Eddas Bruder sich damals gegen die Verheiratung der Schwester gesträubt hatte und wie nur die Tatsache, daß der neue Schwager Eddas Geld mit Seelenruhe in der Fabrik ließ und es ihm zur Verfügung stellte, ihn umgestimmt hatte. Ein anderer Gatte, ein Offizier oder ein Industrieller, wie er ihn für sie am liebsten gewünscht hätte, würde ihm ihr Geld nicht überlassen haben. Kaum war die Verbindung vollzogen, so war Herr Reisenleitner auch schon stolz auf den großen Namen des Schwagers; überall prahlte er damit, daß seine Schwester den berühmten Dozenten »bekommen« habe.

»Er is zwar a Jud – no ja, Schattenseiten hat alles – aber wenn man der Dozent Diamant is, kann man sich das erlauben; passen’s auf, – der wird auf ja und na Professor, – trotz der Strömung!« Er sprach dieses eine Wort respektvoll in reinem Hochdeutsch, mit zugespitzten Lippen, aus. – Und er hatte recht behalten. Trotz der »Strömung« war Diamant, dessen Kollegien eine internationale Hörerschaft nach Wien zogen, in jungen Jahren zur Professur gelangt. –

Edda kam bald wieder. Sie trug ein graues, langschleppendes Kleid von zartem Gewebe, unter dem es schwer und starr rauschte. Auf die hochgeschlossene Taille war in Silberstickerei ein Blumenornament appliziert, das sich um die Büste schlang und sich flimmernd von dem wolkengrauen Grunde abhob. Ein Hut in der Form einer riesigen Altwiener Kapotte aus rosa Filz, mit nickenden rosa Straußfedern, umschloß das runde Gesicht, mit den blauen Blumenaugen. Ein weißer, burnusartiger Mantel war um die Schultern geworfen.

Die Weigerung der Geschwister mitzukommen, wurde vom Professor mit guter Laune abgewiesen. »Ihr müßt mit«, entschied er.

Die Gesellschaft ging im Licht einer Lampe, die das Mädchen trug, die Treppe hinab. Der Hausmeister wurde herausgeklingelt und erschien schlaftrunken, ein Stearinlicht in der Hand, mit den Pantoffeln schleifend, im Nachthemd, mit halbzugeknöpfter Hose. Er öffnete das Haustor und kassierte von jedem der Herren einen Obulus. Die breite Straße war fast leer und schwach beleuchtet. Das Wetter war nebelig frostig. Man fuhr in zwei Fiakern dem Lokal zu.

Die Nähe der schönen Frau erfüllte Stanislaus und belebte sein schweres Temperament. Wie eine Königin erschien sie ihm in ihrer Schönheit; und daß sie sich vor kurzem selbst als die Sklavin unterjochender Schwere bekannt hatte, war ihm ein merkwürdiger und schwermütiger Kontrast.

Man betrat das Lokal. Edda ging voran. Die starre graue Seide des Unterkleides krachte und raschelte, der Kopf mit dem noch erhöhenden Federnschmuck war stolz zurückgelehnt, die Augen glitten über den dichtgefüllten Saal, alle an sie herandrängenden Blicke hochmütig übersehend. So ging sie, der blendenden Wirkung sicher.

Es war ein niedriger Saal, die Kellerwände waren mit Fayencefliesen verkleidet. In dichten Reihen standen die Tische. Ein paar Winkel waren mit roten Sammetvorhängen logenartig abgeteilt. Die Atmosphäre war dumpfig, voll von Tabakrauch, schlecht ventiliert. Ein berühmtes Nachtlokal, vom »echten, alten Schlag«, wie Herr Reisenleitner erklärte. Eine bescheidene Kapelle, – ein paar Violinen, ein Klavier, ein Cello, – machte auf einer kleinen Galerie Musik.

Edda führte mitten durch das Lokal, zwischen den Tischen durch. Fast alle Gäste setzten das Glas hin und dirigierten die Köpfe auf die überragende Erscheinung. Bewundernde Worte raschelten ihr zu. Neben ihr ging Olga, in ihrem braunen Wollkleid, den glatten, braunen Filzhut in die Stirn gedrückt. Die anderen folgten.

»Da sind sie schon«, rief Reisenleitner und steuerte einer der roten Sammetlogen zu. Der halbgeraffte Vorhang ließ das Innere frei. Man sah zwei Herren, die sich eilig erhoben, als die Gesellschaft herankam.

Pankratius Kaff, den Frau Edda gern Kaffer nannte, im braunen Sammetrock, mit wehendem Schlips, wiegte den haarumwallten Kopf, zog dabei das Gestrüpp seines Vollbartes durch die hohle Hand und murmelte, mit tief unter den Kehlkopf gedrückten Tönen, seine »Befriedigung«, daß die »hohe Frau samt Gefolge« erschienen sei.

»Seid auch Ihr gegrüßt, nußbraunes Mädchen«, wandte er sich an Kathi, die ihn mürrisch überging. Jeden der Ankömmlinge adressierte Pankratius auf diese seine Art, welche, wie er wiederholt auseinandergesetzt hatte, nicht der »flüchtigen Daseinsform«, sondern der »Idee« gelte, die sich in der betreffenden Person »emaniert« habe.

Mit korrekten, halben Sätzen erledigte der Amerikaner die Begrüßungsphrasen. »Glad to see you« und ein mäßig kräftiger Händedruck mit den Bekannten, – Namensgemurmel gegenüber dem Vetter Stanislaus, von dessen Anwesenheit Mr. Daniel Horatio Macpherson fürder keine Notiz mehr nahm.

Er überragte selbst Frau Edda um die ganze Höhe seines Kopfes, der mit seinem schmalen, langgezogenen Gesicht an eine Pferdephysiognomie gemahnen konnte. Das rötliche Haar, das glatt und gesalbt niedergelegt war, lichtete sich in der Mitte zu einem breiten Scheitel, der sich am Wirbel zu einer runden, blanken Fläche verbreiterte. Sein glattrasiertes, rosiges Gesicht war gut mit Cream gepflegt, die wasserblauen, runden Augen schienen wenig bewegt, fast starr, und waren die Ursache, daß ihn Frau Edda einen »Karpfen« genannt hatte. Sein Alter war schwer zu bestimmen. Man hätte ihn für einen ganz jungen Mann halten können, wären nicht die Furchen gewesen, die sich von der Nase zu den Mundwinkeln zogen und sich tief in die Wangen gruben. Lang und knochig waren Arme und Beine, tadellos die hochgewölbten, kunstvoll gepflegten Nägel der eleganten, warmen und langen Hand. Ein süßlich-herber Duft, derselbe, den Frau Edda kräftiger anwendete, – Ambre royal – entströmte, wie in vereinzelten Wellen, dem dicken Homespun seines karierten Anzugs, dessen Muster, auf dunkelgrünem Grunde, verwandte, gedämpfte Farben verband; der Rand eines blütenweißen Taschentuches von zartestem Linnon blickte diskret aus der linken Brusttasche.

Mr. Macpherson machte den Eindruck eines Mannes, dessen körperliche Kultur nichts zu wünschen übrig läßt. Eine Atmosphäre erfrischender Sauberkeit umwehte ihn, erweckte suggestive Vorstellungen, – von einem vollkommen eingerichteten Badezimmer, von eisernen Hanteln, die morgens nachlässig vom Boden aufgegriffen und ein paarmal balanciert wurden, von festzupackenden Männerhänden, die den wagerecht ausgestreckten, hageren Körper massierend durchkneteten und von einem netten Gibson-Girl, das als Manikure dem Gentleman gegenübersaß.

Macpherson war ein Hörer des Professors. Bei seiner jährlichen Automobiltour durch Europa hatte er beschlossen, ein paar Wochen Wien einzulegen, um im Sommersemester die Kurs des Professors zu hören. Nachdem er in den Ferien im Zickzack durch Europa gefahren war, kam er unerwartet wieder, – um noch weitere Kurse zu hören. Seine ärztliche Praxis in New York hatte er einem Vertreter übergeben und sich eines nervösen Leidens wegen einen besonders langen Urlaub erteilt. Als Sohn des Besitzers einer riesigen Viehplantage in Südamerika hätte er die ärztliche Praxis überhaupt nicht nötig gehabt, aber als echter Yankee verschmähte er ein Leben ohne ehrgeizige Ziele. Die Plantage war noch bei Lebzeiten seines Vaters einem englischen Konsortium unter fabelhaften Bedingungen verpachtet worden. So konnte Daniel Horatio Medizin studieren, was er nie getan hätte, wenn das Geschäft – business! – seine persönliche Kraft erfordert hätte; aber dieser enorme Viehbestand auf den weiten, brasilianischen Prärien bedurfte keiner Personalleistung seiner Nutznießer, um sich unaufhörlich in sich selbst zu vermehren.

In Daniel Horatio Macpherson wohnten zwei Seelen. Die eine hieß business und war mit der geschickten Ausnutzung finanzieller Konjunkturen so wohl vertraut, als mit dem Bemühen, sich als Arzt Erfolge und gesellschaftlichen Rang zu sichern. Die zweite hieß – romance und war sentimental, mit schwermütigem Einschlag. Ihr liebstes, erreichtes Ziel war Venedig. Für Macpherson hatte die Welt nur drei Städte: New York, Paris – als Faubourg davon ließ er die Riviera gelten – und Venice. Alljährlich einmal hielt sein Auto in Mestre, – der letzten mit dem Car befahrbaren Station vor Venedig. Billie, der schwarze Chauffeur, bekam Urlaub bis auf Widerruf, und Daniel Horatio bezog für eine Woche ein paar Zimmer in dem einzigen Hotel am großen Kanal, in dem es für ihn ein befriedigendes Lunch gab, – dem wunderbaren, goldbraun getönten, zum Hotel adaptierten Palazzo, gegenüber vom San Giorgio Maggiore, dem Hotel der Könige und Millionäre. Die tiefen, venezianischen Nächte verbrachte er in der Gondel, in Gesellschaft einer Freundin natürlich, – for in Venice you must be with a lady, – den Geruch des Wassers begierig atmend, aufgelöst in Stille. So glitten sie durch den großen Kanal, vorbei an den fahlen Marmorpalästen, zu deren Füßen eiserne Kandelaber mattleuchtende Lampen auf ihren gestreckten Armen trugen. Nur die sehnsüchtig geschwellten Stimmen aus dem Boote der Sänger, das, umsäumt von roten Lampions, die Gondeln der Gäste verfolgte, zerteilten manchmal das Schweigen und ließen die lebensdurstigen Melodien des Matchich oder der Carmagnole über das Wasser rollen. Zum Schluß bog die Gondel, in der Daniel Horatio – oft den ganzen Abend ohne ein Wort zu sprechen – lang ausgestreckt an der Schulter einer Frau lag, in den Canale Piccolo und glitt geisterhaft über der schwarzen, engen Wasserstraße, unter den gewölbten Brücken, zwischen finsteren Palästen, dahin. Nur das Plätschern des eintauchenden Ruders unterbrach dann diese tiefe Stille, und in der Dunkelheit sah man nichts, als die im Licht der Gondellaterne erkennbare Gestalt des Gondoliere, wie sie sich rhythmisch aufrichtete und niederbeugte und an der Spitze der Gondel scheinbar schwebte. In später Stunde bogen sie dann wieder in den großen Kanal ein und legten an der glänzend erleuchteten Steintreppe des königlichen Hotels an.

In dieser zweiten, romantischen Seele spielte das Weib eine Rolle, die in das Gebiet der anderen Zone, der des Yankee-Ehrgeizes, hinübergriff. Aber das Weib, wie es Daniel Horatio als kostbarstes Inventarstück seines Besitzes erträumte, – dieses Weib wohnte in seiner Vorstellung hoch über jener Welt, aus der man gefällige Reisefreundinnen für eine Saison bezog: eine glänzende Herrin – a real lady – war das Ziel seiner Sehnsucht.

Diese beiden Seelen lagen auf allen übrigen Gebieten in Fehde miteinander; »when business goes in, romance goes out«, pflegte er zu sagen. Aber es gab einen Punkt, auf dem sich die beiden Seelen Daniel Horatios mit einem nüchternen und sich menschlich bescheidenden Ultimatum versöhnten; denn die Selbsterkenntnis seiner stillsten Stunden, die Bilanz seiner ehrlichsten Abrechnung mit sich selbst, die unbestochene letzte Wertung, die er sich zuerkannte und die ihn den Kopf sicher und doch wieder bescheiden tragen ließ, – die formulierte sich in den Worten, mit denen er Frauen über sich zu orientieren pflegte. Diese Worte lauteten: »I am a gentleman and I am clean.« Es war das Engste und Letzte, was er über sich auszusagen wußte, – mit dieser Legitimation warb er um Vertrauen und schränkte dabei, vorsichtig, illusionistische Voraussetzungen ein.

Dieser Mann, der ein Gentleman war und rein – ich sterbe als Soldat und brav – huldigte Frau Edda, in respektvoll distanzierter Art, mit hoffnungsloser Bewunderung. Hier war ihm sein Ideal leibhaftig vor Augen getreten, – und es war unerreichbar, wie Ideale zumeist es sind.

Man verteilte sich, so gut es der knappe Raum der Nische gestattete, um den Tisch, und der Professor und Mr. Macpherson machten ihre Bestellungen; sie einigten sich auf eine englische Marke.

Pankratius Kaff, der auf den belebenden Stoff nicht erst zu warten brauchte, sein Glas schon fleißig gefüllt und geleert hatte, begann sein »sokratisches Spiel«, wie er es nannte, das für ihn darin bestand, andere bei »der Idee ihrer selbst« anzugreifen, zu Bekenntnissen zu reizen, sie herauszufordern, und dabei Stücke, die er augenblicklich auf seinem geistigen Repertoire hatte, geschickt auf die Gesprächswalze zu winden. Er nannte Olga und Stanislaus zwei Typen, die er mit Apollo und Diana des Lucas Cranach verglich, und hatte, als die erwartete Befremdung über diesen Vergleich eintrat – den man für geschmacklos grobkörnige Ironie hielt –, Gelegenheit, seine Auffassung dieses Bildes auseinander zu setzen. Er wollte in den beiden Gestalten des Meisters die Verkörperung voraussetzungsloser Intellektualität erkannt haben. Er schilderte die strengen, ganz auf Erkenntnis gerichteten Gesichter, die unpersönliche Haltung der geschwisterlichen Gottheiten, wie sie Cranach gemalt, und es gelang ihm, diese neue, und nicht uninteressante Auffassung auch auf die Zuhörer zu übertragen und seinen Vergleich zu rechtfertigen.

Pankratius war ein bemoostes Haupt, aber doch nicht ein für alle Zeiten verlorener Sohn der Fakultät, der er »hauptberuflich« angehörte. Vielmehr war er entschlossen, eines Tages auch sein letztes medizinisches Rigorosum zu machen und eine Praxis in einem ihm zusagenden Spezialfach zu eröffnen; er glaubte auch, dieses Fach schon gefunden zu haben. Der Grund, warum zwischen den einzelnen Etappen seines Rittes zu einem akademischen Ziel und einer bürgerlichen Existenz sich weite Landstrecken auszudehnen schienen, lag in der »Fülle blühender Interessen«, die ihn auf diesem Wege aufhielten. Er war auch tatsächlich kein echter Müßiggänger. Zumeist waren es die schwebenden Gärten der spekulativen Philosophie, in denen er sich lustwandelnd verloren hatte, dann wieder war es eine stramme Wanderung durch das Ackerland der Nationalökonomie, oder ein Wolkenflug durch die Künste gewesen, die ihn vom vorgeschriebenen Wege abgelenkt hatten. Aber immer wieder kam er, in gemächlichem Tempo, zu diesem Wege zurück und bestieg den geduldig da wartenden »Klepper der Karrière«.

Die Gunst des Professors ermöglichte ihm diese Reisen. Er war sein Landsmann, und sie hatten in ihrer mährischen Heimat zusammen die Bänke des Gymnasiums gedrückt. Edda, die den »Kaffer« verachtete, – sie schätzte den Mann, der dem Tag mit jener Kraft, die sie selbst nicht aufzubringen vermochte, Ergebnisse abzwang, trotz ihres zeitweiligen Grolles gegen Bazillenkulturen, – hatte ihrem Mann vorgeworfen, daß er den Kaffer »korrumpiere«, indem er ihm ein sicheres Brot gab. Der Professor aber war gewöhnt an ihn. Seine »Paradoxendrescherei«, wie Edda seine geistigen Kundgebungen nannte, störte ihn nicht, entsprach vielmehr einer gewissen Neigung seiner eigenen Natur, und er konnte ihn gut brauchen. Er gab ihm, als seinem Sekretär, ein festes Gehalt, zog ihn bei Operationen zur Assistenz heran, wofür er ihn besonders honorierte und schob ihn zeitweilig ausländischen Hörern zu, denen Pankratius teils als Dolmetsch der Kollegien, teils als Führer durch Wien diente. Und da diese fremden Hörer, wie Macpherson, zumeist mit etwas Deutsch ausgerüstet waren, vermochten sie die willkürlichen Konstruktionen, die sich Pankratius, in schöner Unbekümmertheit, in fremden Sprachen leistete, als Krücken zu brauchen.

Während sich Macpherson mit Edda und Vinzenz Reisenleitner beschäftigte, kehrte Pankratius sein Interesse vorerst den Geschwistern zu.

»Sie gehen ohne Zweifel nach Berlin, befreite Dame,« wandte er sich an Olga, – »um der Einsamkeit näher zu kommen, – ist es so?«

»Verschonen Sie uns mit verdrehten Reden«, rief Edda unwillig aus ihrer Ecke herüber.

»Wieso finden Sie diese Rede verdreht, o Meisterin?« gab er zurück. »Es ist eine empirisch erprobte Tatsache,« – es klang gut vorbereitet – »daß innere Einsamkeit heute nicht mehr in äußerer gedeiht. Vergraben Sie sich allein in ein einsames Nest, zum Zwecke innerer Verdichtung, – und Sie werden alsobald von den unruhigsten Stimmungen heimgesucht werden, die den geplanten Zweck durchkreuzen ... Der moderne Prophet,« – er drückte die Töne tief in den Schlund, rieb die Hände ineinander und neigte den Kopf von einer Schulter zur anderen, – »der moderne Prophet geht in die Wüste der Weltstadt. Hier kann er Einsamkeit erlebenen, wie sie ihn in der Sahara nicht erwarten, – hier kann er Stimmen hören und Gesichte schauen ...«

Er fühlte sich rehabilitiert, und, ohne die Stimmung auszunützen, wandte er sein dickes, rotes Gesicht freundlich zu Frau Edda hin und fuhr, gemächlich erzählend, fort:

»Ich war einmal im Mai am Lago Maggiore, mit einem großen Koffer voll von Büchern und Skripten, – im Mai, verstehen Sie! Ich hatte es raffiniert so eingerichtet! Nachdem ich drei Tage lang in dem einsamen, glühend heißen Nest mit Schlafsucht und Verzweiflung gekämpft hatte, fing ich am dritten Tag an, laute Selbstgespräche zu halten; am vierten Tag saß ich nachts zehn Uhr in der Eisenbahn, am fünften hatte ich einen Aufenthalt von eins bis vier Uhr morgens in Feldkirch, am sechsten telegraphierte ich meiner Wiener Zimmerfrau von Innsbruck: ‚Locarno grassiert Typhus Ankunft heute abend.’ Der Bücherkoffer kostete, –«

»Diesen Streich kennen wir, du brauchst damit nicht zu glänzen«, schnitt ihm der Professor das Wort ab.

»Es ist nur, weil ich sagen will – in der Weltstadt wäre ich ohne Zweifel damals zur‚ Verdichtung’ gelangt, – während mich dort die Stimmen hetzten ...«

Der Champagner war indessen gekommen und perlte in den Gläsern; Edda bestellte für sich gesalzene Mandeln, Reisenleitner ein Giardinetto, der Professor Frankfurter Würsteln. Kathi naschte von den petits fours, die auf dem Tisch standen.

»Gehen Sie nach Berlin, um ihre Volubilität zu systematisieren?« forschte Pankrazius weiter.

»Ich hoffe, in Berlin einen Beruf zu finden«, entgegnete sie.

»Beruf – o weh«, sagte Pankrazius kläglich. »Eine Massenpsychose hat da die Frauen überwältigt! Sie, die Symbole von Gottnatur, – vergemeinern sich im groben Tagwerk.«

»Symbole von Gottnatur, – was ist das schon wieder für ein geschwollenes Gerede«, sagte Frau Edda.

»Bitte sehr, dieses Wort ist nicht mein Eigen, und Sie werden nicht leugnen, daß das Weib –«

»Ich leugne,« der stille Stanislaus hatte das Wort, – »ich leugne, daß irgendeine Frau ihr Leben lang als Symbol herumlaufen kann, – als Symbol morgens aufstehen und abends sich niederlegen, als Symbol all die Plackerei erledigen, die der Tag für sie, wie für den Mann bringt.« Er bewegte im Sprechen den Kopf so hastig, daß die schwarzen Ringel die Stirne schlugen.

Das Gespräch hatte eine gereizte Wendung genommen.

Edda rief dem Pankrazius erbittert und höhnisch zu, – und ihr kleiner Sprachfehler wurde bei diesem schnellen Heraussprudeln der Worte besonders deutlich. »Glauben Sie nicht, daß eine Frau lieber in einem Beruf rackert, – als daß sie drauf warten muß, bis irgendeiner – Sie zum Beispiel – ihr Schicksal in Schlepptau nimmt?«

Die Stimmen schwirrten erregt durcheinander.

Mr. Macpherson wunderte sich, daß die Deutschen beim Wein, besonders aber wenn sie gebildete Reden führten, – intellectual speeches – immer gleich schrien. Überhaupt fand er diese Art von Konversation schauderhaft. Sein angelsächsisches Kulturgefühl lehnte sich gegen andere als konventionelle Gespräche auf. Die höflichen Formeln, hinter denen, in guter Gesellschaft, die Gesinnungen verborgen blieben, empfand er als Schutzwehr der innersten Persönlichkeit. Dieses gegenseitige Hineingreifen in die geistige Sphäre der andern, wie er es hier in diesen Kreisen fand, schien ihm barbarisch und dazu völlig unfruchtbar. Aber, wie es schien, ging es hier nicht anders. »They always put their hands into the most interior sphere of each other«, hatte er gleich zu Anfang seines Wiener Aufenthaltes herausgefunden. Frau Edda bedauerte er. Sie schien ihm mit Entartung bedroht durch ihr Milieu.

Pankrazius hatte die Verachtung, die ihm aus Eddas Rede entgegenschlug, schweigend, mit einem etwas starren Lächeln um den Mund, hingenommen. Er wußte, wie er diesen Angriff zu parieren habe. Langsam und gewichtig fragte er sie: »Würden auch Sie, Frau Edda, lieber in einem Beruf rackern, – arbeiten – als – als ihr Schicksal – in Schlepptau nehmen lassen?«

Sie fuhr zusammen und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Es war etwas wie Entsetzen in dem schönen Gesicht. Sie schüttelte den Kopf, daß die Straußfedern nickten: »Ich? – Arbeiten? – – Nein, – nein. – Ich nicht! – Aber die andern, die – die es können, – die tun recht.«

Pankrazius lehnte sich mit spöttischem Gesicht zurück. »Das nenne ich einen selbstlosen Eifer; das Recht auf Arbeit – für andere!« Er trank sein Glas aus und qualmte beruhigt aus seiner Zigarre.

Edda neigte gedemütigt den Kopf, und es zuckte in ihren Zügen.

Mr. Macpherson war plötzlich von dem Gespräch gefesselt worden und konnte nun selbst nicht widerstehen, sich dieser »most interior sphere« eines Menschen zu nähern.

»Why so, Mrs. Diamond«, fragte er in seiner gedämpften Art und beugte sich zu ihr,-»Sie hassen die Arbeit?«

Edda hob den Kopf und sah schmerzlich grübelnd vor sich hin. Wie für sich selbst, flüsterte sie: »Ich hasse sie nicht, – ich fürchte sie.«

Der Professor hatte ruhig seine Frankfurter Würsteln gegessen und sein Glas geleert. Jetzt scharrte er mit dem letzten Zipfel des Würstels den Rest von geriebenem Kren zusammen, der noch auf dem Teller lag, und sagte mit seiner gequetschten, kühlen Stimme und seiner leicht böhmelnden Aussprache:

»Das ist doch klar, – für dich gibt es nur die Ehe.«

Eddas Kopf schnellte wieder auf, die Straußfedern tanzten. »Nie, nie!« rief sie ihrem Mann über den Tisch zu.

»What does that mean?« fragte Daniel Horatio, mit verhaltenem Atem.

»Krächzt der Rabe – nevermore!« deklamierte Pankrazius.

»Nie mehr würde ich heiraten, – wenn ich noch mal in die Lage käme, – nie.«

»Da hört’s ihr’s,« sagte der Professor mit munterer Stimme und guter Haltung, – »die richtigen Männerhasserinnen sind gar nicht unter den Emanzipierten. Olga ist gewiß nicht so männerfeindlich, wie du.«

»Vielleicht nur ehefeindlich«, sagte sie.

»Sie würden mit keinem Mann mehr leben wollen?« fragte sie der Amerikaner leise, in seiner Sprache.

»Wahrscheinlich doch, – aber ich würde nicht mehr heiraten.«

»In gar keinem Fall?«

»Doch, – in einem Fall: wenn, – wenn er – nicht drauf einginge, – anders zusammen zu leben – und ich sonst – arbeiten müßte. – – Aber darauf wird jeder eingehen«; und wieder glitt ein fast verächtliches Lächeln über ihre Lippen.

Der Professor klopfte an sein Glas. Alle warteten neugierig.

»Ich trinke auf das Wohl meiner lieben Cousine«, begann er, ohne aufzustehen. »Das bist nicht du«, brummte er Kathi zu, die vergnügt aus ihrer champagnerseligen Versunkenheit aufgeschnellt war. – Das ist meine liebe Cousine, Olga Diamant, die uns ein guter Kamerad war. Nun geht sie weg, – sie will uns verlassen, – er schien nachzudenken, wie er den Toast vollenden sollte, und plötzlich verzog er die schmalen Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln und zwinkerte seitlich nach seinem Schwager Vincenz hin, der beide Backen voll Krachmandeln und Rosinen hatte, – »und so gebe ich ihr denn ein erprobtes, altes Sprichwort unserer Väter mit auf den Weg, das da heißt – auf deutsch: Wechsele den Ort, und du wechselst das Glück! Prosit!’«

Die Gläser klangen aneinander. Der Amerikaner, der den Toast nicht ganz verstanden hatte, wollte von Vincenz eine genaue Erklärung haben, aber der zuckte die Achseln, war reichlich mit seinem Giardinetto beschäftigt und machte die Gesellschaft auf einen Scherz mit einer Orange aufmerksam. Die lag auf einem mit einer Serviette bedeckten Glas; Augen, Nase und Mund waren in die Schale eingeschnitten. Im Spalt, der den Mund vorstellte, stak ein Zahnstecher; er zog abwechselnd an beiden Seiten der Serviette und der Orangenkopf, mit der Zahnstecherzigarre im Mund, reckte sich und wackelte hin und her. – – –

Während Vincenz dann dem Amerikaner die besten »Freßquellen«, wie er es nannte, aufzählte, – er bezeichnete an den Fingern die einzelnen Firmen und nannte ihre Artikel – the best fruits, – first rang cakes, – cognac and wine – – – während Pankrazius sich halb betrunken zu Kathi beugte und ihr klar machte, ihr hoffnungsloser Fall würde damit enden, daß sie ihn heirate, und sie ihn zischend beschimpfte, – während Frau Edda sich müde zurücklehnte und der Professor den Zahlkellner heranwinkte, – während Stanislaus und Olga flüsternd über die Einteilung des morgigen Tages berieten, – – stand vorn auf der Galerie, auf der die Musiker eine große Ruhepause machten, – ein blasser, hochgewachsener Mensch, mit flackernden, blauen Augen, borstigem, blonden Haar und Spitzbart, im Frack – und starrte die Gesellschaft in der Loge an. Plötzlich zog er ein Notizbuch hervor, riß ein Blatt heraus und suchte in seinen Taschen nach einem Bleistift.

In diesem Augenblick glitten Stanislaus’ Blicke über die Galerie hin und blieben fest und wie erschreckt an der Gestalt des Mannes hängen. Er wandte sich zu Olga, schien ihr etwas sagen zu wollen, – besann sich aber anders und schwieg.

Der Mann oben hatte einen Bleistift aus der Tasche hervorgeholt und trat von der Brüstung zurück. – Wenige Minuten später ließ der Zahlkellner, der auf den Wink des Professors endlich herbeikam und sich fest zwischen seinen und Olgas Stuhl klemmte, – indem er, dem Professor zugewandt, seinen Arm einen Moment hinter seinen Rücken schob, ein Papierröllchen in Olgas Schoß fallen.

Nur einer hatte es bemerkt: Stanislaus.

Verwundert starrte Olga auf das Papier. Es war mit den Fingern symmetrisch aneinander gedrückt, so daß es von selbst zusammenhielt. Schon wollte sie die Rolle dem Kellner zurückreichen, als Stanislaus ihr zuflüsterte: »Schweig, – nimm es.«

Unter der Tischplatte strich sie das Papier glatt. Die Geschwister überflogen die wenigen Bleistiftzeilen, die es enthielt, und Olga wurde bleich. In ihr Gesicht, unter dem flammenden Haarbusch, kam ein finsterer Zug, und einen Augenblick erschien es, wie eine düstere Maske. Um ihren Mund lagerte sich ein Ausdruck, als ob etwas Bitteres, Übles auf ihrer Zunge zerfließe und zu verschlucken sei.

Stanislaus sah sie fragend an, sie schüttelte kaum merklich den Kopf, das Papier glitt in ihre Tasche, der rote Haarbusch senkte sich tief, sie stützte den Kopf auf und verbarg ihr Gesicht, so gut es ging, hinter dem Arm.

»Meine reizsame Dame,« hörte man den Pankrazius, mit gedämpftem Bierbaß, in den zottigen Bart brummen, – »es wird Ihnen wenig nützen. Sie sind derzeit verliebt in Ihren Chef, der Sie nicht heiraten wird und für den Sie aus zu anständiger Familie sind, um mit Ihnen ein Verhältnis anzufangen, wie Sie wünschen würden. – Ähnliches haben Sie schon öfter erlebt; – – wenn Sie noch ein paar Jahre Ihre primeurs vergeblich offeriert haben werden«, – haßerfüllt sah ihn Kathi an, – »so werden Sie mich akzeptieren.«

»Kaffer«, murmelte Kathi, – was den Pankratius nicht zu entrüsten schien, denn er überging ihren Ausruf und fuhr fort, ihr »Karma zu deuten«.

Vincenz Reisenleitner begann, sehr fidel zu werden. Er war bei »seinem Wean« angelangt; die Madeln, der Heurige – der Fiaker – – – er bereicherte das bekannte Repertoire nicht, – und die Operette, – die Weaner Operette – Herr Gott!

Die Kapelle oben hatte wieder zu spielen begonnen. Man bekam die dem Ohr wie im voraus fälligen Rhythmen des »beliebtesten Schlagers« einer neuen Operette, die schon ihr zweihundertstes Jubiläum erlebt hatte, zu hören. Vincenz sang mit:

 

»Kitzi, Kitzi, Katzi,
Komm mein süßes Schatzi« – – –

 

»Mei’ Wean, – mei’ Wean«, lallte er, breitete die Arme aus und schnalzte mit Daumen und Mittelfinger. Seine Wangen hingen schon schlaff, und die Augen bekamen jene verglasende Schicht der Trunkenheit, »’s gibt nur a Kaiserstadt«, beteuerte er – »und – und«, – er hob den Kopf und nickte dem Amerikaner mit starrem Blick zu, – »New York – – Mr. Macpherson – New York – is allright –«.

Die Gäste des Lokals stampften den Musikern Beifall. Ein schwammig-dicker, bleicher, junger Herr im schwarzen Abendanzug, Brillantringe an den fetten Fingern, der mit drei »Freundinnen« an einem Tisch saß und die Beine weit von sich streckte, brüllte auf die Galerie hinauf: »D’r Isidor!« Und, als im Marschtempo die gewünschte Nummer ertönte, gröhlte der Dicke mit, und die meisten der Gäste stimmten in den Refrain ein:

 

»Der Isidor, der Isidor, das is a feiner Mann,
Vom Kopf bis zu die Fieß
Wie Weinbeerstrudel sieß ...«

 

Dann ging die Melodie des Potpourris in sentimentale Rhythmen über, und Vincenz sang mit, begeistert und bis zu Tränen gerührt:

 

»Du guater Himmelvater – – –
i brauch ka Paradiiies – – –
i bleib’ viel lieber dader – – –
wo der siebente Himmel iiis« – – –
– – – – – – – – – – – – – – – – – – –

 

»Ich werde fort sein,« dachte Olga, – »bald.«

»Wenn ich nur erst in meiner Berliner Bude bin,« dachte Stanislaus, – »noch vier große Kapitel habe ich.« – – –

»I’ll never get her«, seufzte die romantische Seele Daniel Horatios, in tiefster Heimlichkeit ...

»Champagner is gut, – die Schulden holt der Teufel«, – so sprach die verschwiegenste Stimme des Professors.

Edda dachte: »Wäre ich ausgezogen, – das Korsett los.«

»Großer, himmlischer Vatter, – heut’ allein – und morgen wieder – ich geh’ auf die Straß’ – meinerseel’ – – – aber den Kaffer, – na – und wann ich mit ihm allein auf der Welt wär.« Das war Kathi.

Pankratius: »Sie hat zehntausend Gulden, – das genügt für’s erste, – einen feinen Katzenleib – und kriegt keinen anderen. Ich werde mich etablieren – Institut für elektrische Therapie« ...

Vincenz dachte: »Amerika – Amerika«, und er lachte plötzlich laut auf und schlug mit der Hand auf die Tischplatte, mitten hinein in die leeren Schalen der Krachmandeln.

Des Pankratius Stimme ergoß sich plötzlich, in ihrem tiefsten Brummbaß, in einen Vortrag, der im Ton des Ausrufers einer Jahrmarktsbude gehalten wurde:

»Meine Herrschaften!« Er klopfte an sein Glas. »Wir leben in einem Zeitalter der Surrogate. Für alles Mögliche wird ein ›Ersatz‹ gefunden. Und zwar scheint dieser Ersatz«, er wiegte nachdenklich den Kopf, »beliebter und gesünder zu sein, als das, was er ersetzt.« Er sah sich um, als forderte er die Anwesenden auf, ihm beizustimmen. »Kaffee-Ersatz, Tee-Ersatz, Leinen- und Fett-Ersatz usw. usw .... Der Ersatz ist beliebt, denn er eliminiert die Schäden jenes Stoffes, den er ersetzt, und bietet nur seine angenehmen Wirkungen. Er ist eine bewußte Auslese des Heilsamen.« Er schien einen sorgfältig ausgearbeiteten Prospekt aufzusagen. »Sport: Ersatz für körperliche Arbeit, die viel Unangenehmes, Gefährliches mit sich bringt. Der Sport verdichtet ihr Nützliches und Angenehmes.« Er machte eine kurze Pause. »So gibt es nun auch, – passen Sie auf, meine Herrschaften, – einen Ersatz für Liebe ... Ja, meine Herrschaften, staunen Sie, – einen Ersatz für Liebe, sage ich. Dieselbe beruhigende Wirkung, die von der befriedigten Liebe ausgeht, meine Herrschaften, – dieselbe Stärkung des Ich-Bewußtseins und des Gefühles der körperlichen und seelischen Macht, – diese Festigung der Elastizität des Herzens, – das dadurch in die Lage gesetzt wird, Gehirn und Extremitäten ausgiebiger mit Blut zu versorgen, – alles dies, meine Herrschaften, – bietet der Wechselstrom oder der faradische Strom – gleich der Liebe; ... nur daß er«, – ein pfiffiger Zug kam in sein Gesicht, – »ihre Gefahren, Wirren und Krisen nicht im Gefolge hat. Sollte nicht, meine Herrschaften, die Elektrizität, das jüngste und wunderbarste Adoptivkind der Medizin, – sollte nicht die Elektrizität«, – er sank auf ein langsameres Tempo und schob jedes Wort gewichtig vor, – »eine andere Form der Lebenskraft sein, – da sie uns zur Seele verhilft?« – – – Er war zu Ende und drehte den zottigen Kopf von einem zum andern.

»Halbaff’ – – – Lemur’!«, schrie ihm Kathi zu.

»Von wannen kommt Euch solche Wissenschaft, reizsame Dame? Aber Ihr irrt. Das physiologische Institut dieser Stadt wird Euch über diesen Irrtum eines Tages belehren, denn ich habe ihm mein Gehirn vermacht. Über den Typus der lemurischen Primaten dürfte es hinaus sein.«

Das Lokal dröhnte:

 

»Drahn m’r um und drahn m’r auf,
Was liegt denn draan, – – –
Weil man auf d’r Wöllt das Gölld
Nicht fressen kaaan – – –«

 

Es war die letzte Nummer der Kapelle.

 

* * *

 

Auf der Straße vor dem Lokal, das sich auf einem großen Marktplatz Wiens befand, wartete der hochgewachsene Mensch, mit den flackernden Augen, der auf der Galerie der Musiker nach der Loge gestarrt und in seinen Taschen nach Papier und Bleistift gesucht hatte. Er trug einen schäbigen Überrock, einen zerdrückten Filzhut und hielt in der Hand einen Violinekasten.

Es war um die Zeit, da die Marktweiber ihre Körbe auszupacken beginnen. Es wimmelte von vermummten Gestalten, die da zwischen Nacht und Tag durcheinanderschoben. In der Mitte des Platzes stand, noch verhüllt vom Morgengrauen, das Radetzky-Monument, wie ein gespenstiger, mit grauen Schleiern verhängter Koloß.

Der Professor, seine Frau und Kathi bestiegen einen Wagen. Edda beugte sich noch einmal heraus und deutete auf das Gewimmel der Marktweiber, deren umfängliche, in dicke Jacken und Tücher gewickelte Gestalten sich in der langsam vordrängenden Helle des Morgens voneinander abzuheben begannen. »Lauter Symbole von Gottnatur!« – – Sie rollten fort.

Mr. Macpherson bog mit Pankratius und Vincenz links in die innere Stadt ein.

Olga und Stanislaus gingen durch das Gedränge des Platzes, zwischen den Standkörben, den bepackten Wagen und dem Gewimmel der Gestalten, bis hinüber auf das jenseitige Trottoir. Der hochgewachsene Mensch folgte ihnen, mit schweren, wiegenden Schritten.

»Fräulein Diamant!« –

Stanislaus wandte sich: »Treten Sie näher, Herr Koszinsky.«

»Wie geht es Ihnen«, sagte Olga und reichte ihm die Hand, und ihr Gesicht schien im fahlen Morgenlicht von unsäglicher Traurigkeit.

»Mache Kapelle mit«, kam es verbissen zurück. »Ja, – Sie waren vorsichtig. Abwärts – geht unser Weg.«

»Kasimir Koszinsky,« sagte sie, mit einem Ton so voll tiefen Grames, daß es sein Herz überschauerte, – »ich war nicht stark genug, – Ihnen zu helfen.«

»Wer – wer soll es auch tun«, kam es zwischen seinen zusammengepreßten Zähnen hervor.

»Sie selbst.«

Er schüttelte den Kopf, wie ein hoffnungslos Überzeugter.

Sie schwiegen alle drei und standen noch immer auf dem Trottoir, seitab vom Marktgewimmel. Scharf wehte der frühe Tag über sie hin.

»Ich bin schon einige Zeit lang hier, – aber ich habe Sie nie gesehen,« sagte er, – »leben Sie hier?«

»Bis jetzt; aber ich übersiedele diese Woche nach Berlin.«

»Nach Berlin – so. Und der Vater?«

»Alt – allein.«

»Er hat keinen Schwiegersohn für sein Geschäft bekommen?« kam es heraus.

»Weder einen fürs Geschäft, – noch sonst einen. Leben Sie wohl!«

»Olga!«

»Leben Sie wohl, Koszinsky ...«

Stanislaus zog sie fort. Sie verschwanden in der nächsten Straßenbiegung.

Das Firmament wurde lichter, ein Windstoß trieb die Wolken vor sich her, daß sie gejagt über den Himmel flohen. Ein klarer, sonnengoldener Herbsttag brach an.



ZWEITES KAPITEL
ZWEI FRAUEN

 

»Frauen! Richtet nur nie des Mannes einzelne Taten!
Aber über den Mann sprechet das richtende Wort!«

                                                                             Schiller.


Mit einem zur Eile drängenden Gefühl beschleunigte Olga ihre Reisevorbereitungen. Erst als sie ihre Koffer, die, bis auf geringes Handgepäck, ihre gesamte nur zu bewegliche Habe bargen, fortgeschickt hatte, wurde ihr freier zumute.

Sie wunderte sich selbst, daß sie nichts mit dieser Stadt verband, – daß sie hier fast so fremd geblieben war, wie »daheim«, in dem schlesischen Winkelstädtchen. War es die Wurzellosigkeit ihrer Rasse, deren Träger sich Kulturen zueigen gemacht hatten, die nicht ihrem Blute entstammten, – war es die besondere Atmosphäre gerade dieser Stadt, die die Konturen der Dinge weichlich ineinander wob, wie die Formationen der umliegenden Hügellandschaft? – Olga hatte in den Jahren ihres hiesigen Aufenthaltes keinen Kreis gefunden, mit dem sie echte und notwendige Vertraulichkeit verband. Nur einer einzigen Person war sie näher gekommen. Gerade heute, am Tage nach der »Abschiedsfeier«, die sie mit ihren Freunden im Champagnerkeller abgehalten hatte, fühlte sie, wie wenig lebendig die Beziehungen waren, die sie mit ihnen einten. Und doch war sie diesen Verwandten gut. Aber es war nicht der starkfließende Strom verwandter Willenskräfte, – es war nur, wie eine wachsame Teilnahme an dem noch nicht erfüllten Maß ihres Geschickes, die sie mit ihnen und wohl auch jene mit ihr verband.

Gerade die Öde, mit der der heutige Tag sie umgab, mit der er sie, wie durch einen luftleeren Raum, fernhielt vom lebendigen Anteil an ihm, war mehr als ein gewöhnlicher Katzenjammer nach einer durchwachten Nacht. Es war das deutliche Bewußtsein des inneren Versagens, das uns dort, wo wir gütige Gefühle zu schulden glauben, peinvoll bedrückt. Der Augenblick, in dem das Gefühl eines Abschlusses erschreckend deutlich wird, war gekommen. Hier war eine Epoche, deren verschiedene Etappen dem Gedächtnis, scharf umzeichnet, entsprangen, deutlich beendet. Ihr war, als wäre der Additionsstrich unter die einzelnen Posten zu machen und es verbliebe nur noch, die Summe zu ziehen.

An solchen Tagen, wie dieser, – sie waren in der letzten Zeit immer häufiger gewesen, – richtete sich ihre Aufgabe riesengroß und wie unerklimmbar vor ihr auf.

Ihre Aufgabe? Wußte sie sie denn?

Ohne ein deutliches Lebens- oder gar Berufsprogramm zu haben, fühlte sie doch, daß es irgendwo in der Zeit ein Feld gab, auf dem sie und gerade sie ihre Kräfte auszubreiten hätte. Wie dunkle, durch Jahrhunderte vorbereitete Erfahrungen, drängten Erkenntnisse durch sie ans Licht, – wollten durch sie Gestalt bekommen.

Olga war in der verflossenen Nacht durch jene unerwartete und außergewöhnliche Begegnung an das schmerzlichste Erlebnis ihrer Jugend erinnert worden. Diese »Jugend« schien für sie selbst hinter ihr zu liegen, und, was das Seltsame war, sie beklagte das nicht. Denn ihr war, als hätte sie sich all ihre »Jugend« hindurch gegen niederziehende, schwerlastende Mächte zur Wehr gesetzt, als hätte sie ihre ganze, junge Kraft gegen den Druck eines dunklen Schicksals stemmen müssen, bis es endlich, endlich ein wenig lichter und freier um sie geworden war. Aber an solchen Tagen wie dieser, – den sie bis zum späten Nachmittag in ihrem Zimmer verbrachte, abwechselnd mit der Ordnung ihrer letzten Gepäckstücke beschäftigt, dann wieder auf das harte, steiflehnige Sofa ausgestreckt und von trübem Erinnern schattenhaft umwebt, – an solchen Tagen rückten Bilder aus ihrer Jugend dicht an ihre Seele. Sie sah sich wieder, in dem grauen, alten Haus mit den steinernen Treppen, den fleckigen Wänden und den tiefen, düsteren Zimmern, in die die Sonne nie recht hineinfiel, deren Fenster nach Norden auf den Ringplatz hinaus und auf den schmutzigen Hof gerichtet waren, der vier Hausmauern mit Mühe auseinander zu zwängen schien. Und dieses Haus stand in einer Provinzstadt, die der Himmel niemals blau und fröhlich belichtete, in der die Luft zumeist feucht und scharf in die Kehle kroch, wenn man auf die Straße trat, – auf diese meist ungepflasterten Wege, wo der Fuß im nassen Kot einsank. Dieses Städtchen, mit seinen kurzen, dampfend heißen Sommern, seinem langen, naßkalten, stürmischen Herbst und den eisigen, dunklen Wintertagen war ihre Heimat. Hohe Schlote, mit langen, im Sturm zur Seite gebogenen Fahnen von schwarzem Qualm, stiegen ringsherum auf. Kohle und Eisenerz wurden da zutage gebracht und in den Hütten schlackenfrei gemacht; schwarz berußte, zerlumpte Gestalten, die beim Ertönen des schrillen Signals der Arbeitspause aus den Toren der Industriewerke herausströmten, überfüllten die Stadt; außer der zumeist slawischen Arbeiterbevölkerung waren die Juden da. Es schien, als wären es zwei verschiedene Stämme der Rasse, die hier vertreten waren. Neben den langen, hageren Gestalten, mit schwarzen Ohrlöckchen und gebogenen Rücken, scharfen Hakennasen und vorspringendem Kinn, steckten auch sehr blonde, sehr blauäugige Leute im Kaftan, bei denen nur der charakteristische Gesichtsausdruck, ihr bewegliches Mienen- und Händespiel die immer wiederkehrenden Vorstellungen ihrer Schicht verrieten und die Verwandtschaft mit ihren dunkelhaarigen Brüdern zum Ausdruck brachten. Die Juden hielten den Handel, besonders den Pferdehandel, der hier betrieben wurde, in den Händen; und dann die Schänken. Und diese Branntweinschänken waren jeden Abend überfüllt, und der grellbeleuchtete Ringplatz und die große »Breslauerstraße« hatten ihren Korso von betrunkenen Arbeitern, die von früh gealterten Weibern, mit verzehrten Elendsgesichtern, in ihre Behausung gezogen wurden. Zwischen dieser Masse von Juden und Arbeitern verschwanden fast die anderen Einwohner dieser Stadt.

Es waren da noch ein paar alte, polnische Familien und einige Verwaltungsbeamte; auch ein Bataillon Infanterie lag da, dessen Offiziere ihr Dasein hier als Verbannung trugen. Als Abwechselung gab es im Frühling große Pferdemärkte. Dann waren alle Quartiere voll besetzt, und die große Wiese vor der Stadt, die im Winter als Eisbahn diente, sowie der Ringplatz selbst waren dann voll von langmähnigen, zu Koppeln zusammengeschirrten Rossen, deren Gestampfe und Gewieher die Luft er­füllte.

Olgas Vater gehörte immerhin zu den Honoratioren der Stadt. Er hatte die Fremde kennen gelernt, hatte in Deutschland »konditioniert«, lange in Breslau gearbeitet, bis er das Geschäft, das samt dem Haus seit mehreren Generationen seiner Familie gehörte, übernahm. Den Jargon seiner Heimat hatte er auch in der Fremde nicht verloren, wohl aber die zelotische Gesinnung, die er vielleicht nie stark besessen hatte. Er lebte zwar »rituell«, aber ohne die fanatische Anteilnahme an den »Bräuchen«, die noch seine Eltern mit eiserner Strenge befolgt hatten. Er trug den Kaftan aus Bequemlichkeit im Geschäft, legte aber den »europäischen« schwarzen Rock an, wenn er beim »Doktor« oder beim »K.K. Stationsvorstand« zur Tarokpartie eingeladen war. Er galt als ein Mensch, mit dem sich ein vernünftiges Wort reden ließ, und war besonders dafür bekannt, geleistete Dienste munifizent zu entlohnen. Seine Kinder ließ der alte Diamant die besten Schulen besuchen, die hier zur Verfügung standen. Stanislaus absolvierte das Realgymnasium und dann einen Handelskursus. Zum Militär kam er nicht, und so nahm ihn der Alte dann gleich ins Geschäft. Seine Flucht nach Berlin beschloß seine geschäftliche Tätigkeit. Erst hatte der Alte gehofft, er werde dort, von der Entbehrung gezwungen, einen kaufmännischen Posten annehmen und dann eines Tages wiederkommen, um sein eigener Herr zu sein. Aber als der Sohn durchaus vom »Kommerziellen« nichts hören wollte, sich in eine armselige Stube einsperrte und da mit erstaunlicher Beharrlichkeit Bogen um Bogen beschrieb, – Tagesfragen mit besonderer Betrachtung ihres ursächlichen Wesens für die Zeitungen bearbeitete, dann sich weiter wagte und Probleme von längerer Dauer und weiterem Interesse auf seine Art, die den Gegenstand geduldig und scharf bis an seine Wurzeln bloßlegte, zum Stoffe nahm, – dann nach Hause meldete, er wolle Schriftsteller werden, vielmehr bleiben, und hoffe, von dieser Tätigkeit leben zu können, – da war es dem alten Händler klar geworden, daß dieser Sohn den stabilen Grund und Boden, der für ihn bereit lag, nicht zu schätzen wußte und ihn preisgab.

Am meisten wunderte es ihn, daß Stanislaus für seine »Schreibereien« Geld bekam. »Wer gibt für solche Sachen ä Kreuzer?« fragte er sich kopfschüttelnd, wenn er die Zeitungsblätter, in denen die Artikel des Sohnes erschienen, und die er sich immerhin erbat, in Händen hielt. – – –

Was ihm blieb – war die Tochter!

Wenn Olga an ihre »Jugend« dachte, dann graute ihr besonders vor einer Erinnerung; die fiel in jene Jahre, die man als die holdesten, blühendsten eines Mädchens zu bezeichnen pflegt. Mit 15 Jahren war sie zuerst vor ihrem Spiegelbild stutzig geworden ... Unter den kurzen Backfischkleidern sahen die Füße, in plumpen Stiefeln, lang hervor. Die Gestalt schien eckig und stämmig, nichts saß, wie es sitzen sollte. Die Blutarmut machte das Gesicht blaß, den Teint unrein, häufig von leichten Ausschlägen bedeckt, dazu sommersprossig, wie bei Rothaarigen gewöhnlich. Eine fast immer gedrückte Stimmung preßte die Züge nieder, senkte die Mundwinkel, ließ die Muskeln schlaff hängen und legte um die Augen etwas Trostloses.

Mit Grauen gedachte sie immer wieder dieser besonderen Häßlichkeit ihrer ersten Jugend.

Später, als ihr Temperament, welches unter einem fast grüblerischen Verstand seine lebendige, wenn auch verdeckte Strömung hatte, manchmal diese Oberschicht sprengte, – da hatte es auch dieses Dunkle, Schwere, welches auf ihrem Körper lag, mitgerissen und fortgeschwemmt. Sie erinnerte sich, wie ein zufälliger Blick in den Spiegel ihr manchmal ein beinahe fremdes Geschöpf zeigte, das etwas Strahlendes im Gesicht hatte, – ein Geschöpf, von dem sie verwundert und frohlockend fragte, – »das bist du?«

Aber damals, in ihren ersten »Blütejahren«, in dem düstern Haus, – da hatte sie sich mehr als einmal, weinend und verzagend, mit dem Bibelwort auf den Lippen gefunden: »Dein Leib ist der Tempel Gottes«. Und ihr schien es, als wäre es der Verzicht des Lebens, den sie annahm, wenn sie es duldete, daß ihr Leib diesen Worten Hohn sprach, wenn sie diesen Körper nicht zwang, schöner zu werden. So sann sie denn oft über die Möglichkeiten günstiger Kleidung, die ihr aber durch ihr geringes Taschengeld und ihren wenig geübten Geschmack ziemlich unerreichbar blieben. Auch vermochte sie keinerlei beengenden Zwang an ihrem Körper zu dulden, und die charakterlose, mitteleuropäische Frauentracht der bürgerlichen Kreise, Rock, Bluse und Gürtel, paßte sich ihren widerspenstigen Körperformen wenig günstig an.

Als sie achtzehn und neunzehn wurde, tauchten die ersten Freier auf; Kaufleute, die in die »Branche« und noch lieber in das gute Geschäft »einheiraten« wollten. Sie kamen, gewöhnlich Freitag abends, aus irgendeiner österreichischen Provinzstadt, zumeist aus Schlesien selbst, wurden am Feiertag – Samstag – im Hause Diamant splendid bewirtet und fuhren Sonntag früh wieder ab. Das Urteil, das sie über die Tochter des Hauses fast einstimmig abgaben, lautete ungefähr dahin, – das sei eine »miese Mad«, – dabei arrogant – »tut sich was« – und, was das Schlimmste sei, – »überbildet«. Keine drei Worte hätte sie geredet, und gehört hätten sie im Ort, daß sie sich mit lauter »Lesereien« den »Kopp einnehme«, anstatt sich um die Küche zu bekümmern und ins Geschäft zu gehen. So mancher äußerte, trotz dieses Eindrucks und dieser wenig empfehlenden Nachrede, den Mut, »sich das Mädel zu erziehen«.

Aber die Abwehr der Tochter war unbeeinflußbar, und der Alte zwang sie zu nichts, außer zu ihrer Anwesenheit an dem Tage der »Beschau«. Ihrer flehentlichen Bitte, sie für einige Zeit fort zu lassen, nach Wien oder nach Berlin, widersetzte er sich mit der Begründung, sie hätte dort »nix zu suchen«. Sie bat, ein Lehrerinnenexamen machen zu dürfen, er schlug es rundweg ab; das seien »Flausen«, die seine Tochter »nicht nötig hätte«.

So verstrichen ihre Jahre, – ohne eine Ahnung, welche Richtung ihr Wille nehmen sollte, da ihre ganze Umgebung allen seinen Regungen feindlich war; – bis eines Tages das Schicksal bei ihr deutlich anklopfte.

Sie war eine hervorragende Eisläuferin und verbrachte im Winter ihre besten Stunden auf dem großen Eisplatz, der draußen vor der Stadt lag. Sie besuchte auch die meisten Feste, die auf dem Eis veranstaltet wurden, – und an denen die höheren Schichten der Juden, die Beamten, die Familien der polnischen Industriellen und die Offiziere, die hier in Garnison lagen, teilnahmen.

Bei einem Maskenfest auf dem Eis erschien sie als Teufelin, in schwarzrotem Sammetkostüm, die rostroten Haare gelöst über dem Rücken, auf dem Kopf ein schwarzes Sammetkäppchen, mit zwei festen, kleinen Holzhörnern, dicht verlarvt. An diesem Abend machte sie die Bekanntschaft eines jungen Offiziers, der ebenfalls einer der besten Läufer war und mit ihr die schwierigsten Figuren lief. Er war in Uniform, nicht verkleidet. Sie war schon öfters mit Offizieren gelaufen, war aber über die flüchtigsten und leersten Reden mit ihnen nicht hinausgekommen. Anders diesmal. Der hochgewachsene Offizier, mit den feinen Profillinien, dem blonden Schnurrbart, der hohen, ein wenig zurückweichenden Stirn und dem etwas nervös schweifenden Blick der blauen Augen, war nicht nur ein glänzender Eisläufer. Leutnant Koszinsky unterhielt sich mit ihr über Dinge, die seinen Kameraden sonst fernlagen. Sein heißes Interesse an Fragen der Kunst, der Literatur, der Philosophie, der Musik, begegnete hier endlich dem ersehnten Echo. Er hatte von dem Mädchen gehört und ihre Bekanntschaft gesucht. Trotz der Maske hatte er sie bald herausgefunden, – er kannte sie vom Sehen, – und die Freiheit des Festes gestattete ihm die schnellste Annäherung.

Kasimir Koszinsky war Pole, gehörte einer ganz verarmten Familie an und war als Knabe der Erziehung der Kadettenschule übergeben worden und so dem Militär »verfallen«, wie er es nannte. Er betrachtete das als ein Unglück. Er hielt sich für einen geborenen Künstler und hätte sich der Philosophie und der Musik ergeben, wäre sein Weg frei gewesen. So aber blieb ihm nichts übrig, als die für ihn bedeutende Mühsal des militärischen Berufes weiter zu schleppen.

Es dauerte immerhin Wochen, bevor diese beiden jungen Leute aus dem Bereiche gespanntester, schöngeistiger Interessen in jenes andere der persönlichen Wünsche zusammen eintraten. Es war fast immer zuviel zwischen ihnen zu erledigen. In den kurzen Stunden, in denen sie einander sahen, überstürzten sie sich, um von dem neuesten Buch, von irgendeinem bedeutenden, allgemeinen Ereignis »aus Europa« zu sprechen und hitzig ihre Meinungen gegeneinander zu führen. Seine Auffassung der Dinge hatte zumeist etwas Verschlungenes, wogegen sich ihre direkt auf den Kern der Sache zusteuernde Art nicht selten heftig auflehnte. So kam es, daß sie sich erst nach Wochen mit entscheidenden Wünschen, die eine gemeinsame Zukunft suchten, gegenüber standen.

Diese Wünsche fanden weniger Gegnerschaft, als sie befürchtet hatten. Der Vater Diamant erklärte sich bereit, die Kaution zu erlegen, falls seine Tochter sich nicht »schmarren« zu lassen brauchte. Die Heirat eines Offiziers mit einer ungetauften Jüdin, – in Österreich häufig genug, – ließ sich wohl machen. Und dann war Kasimir auch bereit, wenn es sein müßte, den bunten Rock auszuziehen.

Der Alte runzelte die Stirn. Wovon gedachte er zu leben? Daß er in sein Geschäft nicht eintreten würde, war ihm genügend klar.

Dann zog der alte Diamant den »europäischen« Rock an und ging aus, »Referenzen« einzuholen über den Leutnant Kasimir Koszinsky. Und damit erst trat die Angelegenheit in ein unerwartetes Stadium. Denn der Alte hörte Dinge, die selbst in jenem Winkel der Monarchie, wo die triste Situation die größte Duldsamkeit beim Militär mit sich bringt, – die Grenze des »Möglichen« überschritten.

Koszinsky hatte den Ruf eines skrupellosen Verschwenders, eines genußsüchtigen Menschen, der durch immer neue Exzesse seine Situation unhaltbar gemacht hatte. Der Major versicherte dem alten Juden, dessen Besuch er huldvollst angenommen hatte, Koszinsky werde demnächst seine Charge »springen« lassen müssen. Eine nicht ganz aufgeklärte Affäre rückte diese Katastrophe nah. Koszinsky hatte mit unbegreiflicher Leichtfertigkeit Wechselschulden auf Beträge, die er niemals aufbringen konnte, aufgenommen. Die ziemlich beträchtlichen Summen hatte er, wie ermittelt, in wüstester Gesellschaft in Krakau verlumpt. Man erzählte von ein paar Variétédamen und deren männlichem Anhang, die Koszinsky nächtelang traktiert haben sollte, bis der letzte Gulden fort war. Er habe wahrscheinlich auf einen reichen Schwiegervater gehofft, – den er ja nun auch gefunden hätte, wie der Major halb bedauernd, halb ironisch hinzufügte.

Aber das Schlimmste war damit noch nicht gesagt. Diese Wechsel sollten in einigen Tagen protestiert werden. Koszinsky hatte, gehetzt von seinen Gläubigern, seine Zuflucht zu einem Kameraden genommen, zu einem Leutnant Karl Stiller, der kürzlich etwas Vermögen geerbt hatte und gerade seinen Abschied nehmen wollte. Stiller, mit dem ihn eine nähere Kameradschaft verband, hatte sich mit Koszinsky in der Abneigung gegen den militärischen Beruf gefunden; er wollte den Sprung aus der Bahn wagen. Er arbeitete seit langem, heimlich, politische Artikel für ein Blättchen seiner Heimat, einer kleinen deutschen Stadt in Südungarn. Von dort winkte nun ein festes Amt beim Blättchen, und Stiller wollte die Kette zerbrechen. Zum Unterschied von dem vielseitig zerstiebenden Koszinsky war Stiller schwer, zäh, bäurisch beharrlich und, vor allem, emsig auch in seinen literarischen Versuchen. Dabei war er eigentlich »ärarisch« gesinnt, behütete seine Ideale vom frischfröhlichen Krieg trotz seiner persönlichen Abneigung, beim Militär zu bleiben. Koszinsky hatte ihn Olga als einen braven Kerl, aber »mit einem flachen Unterbewußtsein« geschildert. Er war ein Mensch, dem eine tiefe Furche zwischen den Augenbrauen einen besonders düsteren Gesichtsausdruck gab und der mit redlichen, aber gequälten Blicken dreinsah. Koszinsky hatte ihn seine bewegliche Geistigkeit reichlich spüren lassen. Er verhöhnte seine »journalistischen Missetaten«, – er selbst hielte sich von solchen Sünden wohlweislich fern, – er verspottete Stillers primitive Ideale, die in einer Gemeinschaft mit Weib und Kind in einer Wohnung von Stube und Küche – bei sonstiger Unabhängigkeit – gipfelten. So hatte aus der ehemaligen Freundschaft der beiden Ausnahmsoffiziere manchmal der Haß herausgeschlagen, – bis Stiller das kleine Kapital erbte, welches seinen sehnsüchtigen Wünschen nach Freiheit die Wege ebnete.

Kurz darauf, als die schon einmal prolongierten Wechsel Koszinskys sich dem Fälligkeitstermin näherten, nicht mehr erneuert werden konnten und er sich von seinen Gläubigern bedrängt sah, hatte er Stiller, der, wie er sich ausdrückte, nun »gefaßt« habe, bestürmt, er möge in dieser äußersten Not für ihn einspringen.

Stiller schlug dieses Ansuchen glattweg ab. Kurz und finster erklärte er, daß er nicht so töricht sein werde, die geringen Hilfsmittel, die ihm das Schicksal zugebilligt habe, zu so unwürdigem Zweck, – einen Entgleisten noch weiter in einer ihm nicht gebührenden Situation zu halten, – zu vergeuden.

Wenige Tage später ereignete sich ein böser Zwischenfall: aus der verschlossenen Tischlade Stillers waren einige Wertpapiere verschwunden.

Diese Affäre war nun gerade in jenes Stadium getreten, in welchem sich eine Reihe von Verdachtsmomenten so zusammenschloß, daß Koszinsky als der Dieb angesehen wurde ...

Ohne einen bestimmten Beweis zu haben, beschuldigte Stiller, fest und finster, unter vier Augen, den Kameraden der Tat. Koszinsky fuhr auf, – griff an den Säbel, – ließ ihn aber stecken – und gab seiner Empörung über diese Beschuldigung in einer Flut von Beschimpfungen Ausdruck.

Stiller ließ sich ruhig von ihm Idiot und Schmutzian nennen und sich sein »primitives Gehirn« von ihm vorwerfen. Er entgegnete dem Tobenden nur, – ob er denn noch niemals von einer anderen Art von Idiotie als der gewöhnlich so genannten gehört habe? Und er nahm ein Lehrbuch der Pathologie vom Regal und schlug einen Abschnitt auf: »Über moralische Idiotie, – auch ›Moral Insanity‹ genannt.«

Wieso es ihm denn beliebe, ihn in diese Kategorie einzurangieren, höhnte Koszinsky. Worauf ihm Stiller trocken erklärte, in diese Kategorie gehörte jene Sorte von Übeltätern, die, ohne besondere Not und ohne Bedacht der Folgen, mit Vorliebe solche verfemte und schädliche Handlungen begingen, die unweigerlich für sie selbst die schlimmsten Folgen haben müßten. Trotz der absoluten Sicherheit der Enthüllung und der Strafe ihres Tuns setzten sie irgendeinen gierigen, unerlaubten Wunsch, der sich immer fester und zwingender in sie einbohre, in Tat um. Gewöhnlich ohne jede Rückzugsmöglichkeit den Folgen gegenüber. An den Augenblick des Sturzes dächten sie kaum, bevor er da sei, drückten sozusagen ein inneres Auge zu und scheuchten die Gedanken von diesem sicher daher kommenden Ereignis fort. Auch fehlte ihnen das Gefühl der Auflehnung gegen das Böse. Ob das nicht mit Recht als eine Art Idiotie betrachtet werde?

Koszinsky hatte ausgerast. Stöhnend warf er Arme und Kopf über die Tischplatte.

Ob Stiller denn bedacht habe, wie seine, – Koszinskys – Zukunft sich nun gestalten solle?

Das habe er wohl, entgegnete der. Er würde es nur für ein Übel halten, wenn Koszinsky, durch Hilfe von außen, noch länger beim Militär über Wasser gehalten würde. Nur das, was er seinen »Sturz« nenne, könne ihn retten. Hinaus in den Dienst des gemeinen Lebens, – das sei sein Weg.

»Und Olga«, kam es ächzend zwischen Koszinskys Händen hervor, in denen er den Kopf vergraben hatte. Stillers Gesicht wurde noch einen Schein dunkler und ernster. Die Furche zwischen seinen Brauen, die ihm einen so finsteren Ausdruck gab, vertiefte sich.

»Frage sie«, gab er zur Antwort. »Sage ihr die Wahrheit von dir, – die ganze Wahrheit«. Er bohrte seinen finsteren Blick scharf in das flackernde Auge des anderen, der die Hände sinken gelassen hatte und zu ihm aufhorchte. »Sage ihr alles – und frage sie, ob sie trotzdem den Mut hat, mit dir zu gehen.«

Der Trotz rührte sich wieder in Koszinskys Brust. Wenn sie sein war, – ihm bestimmt, – zu ihm gehörig, – würde sie ihn, trotz alledem, nicht lassen.

 

* * *

 

Gebeugt, als wäre ihm eine schwere Last auf den Rücken geladen worden, kam der alte Diamant nach Hause. Vielleicht zum erstenmal geschah es ihm, daß er sich seinen Kindern gegenüber als besiegt fühlte. Er wußte, – sie gingen ihre Wege ohne ihn, über ihn, und er hatte keine Macht, in ihre Schicksale einzugreifen. Auf dem Heimweg war es ihm zur Sicherheit geworden, daß Olga von Koszinsky nicht lassen werde. So würde er denn sie und den Lumpen zu halten haben, bis – ja bis – sie alle untergingen. Verloren waren sie alle.

Er kam nach Hause.

Die alte Salke, die Wirtschafterin, die die Kinderfrau gewesen war, kam ihm entgegen. »Gott der Gerechte, – gnädiger Herrleben, – wie sehen Se aus?!«

Er ließ Olga in sein Kontor rufen. Ruhig, mit tonloser Stimme berichtete er ihr, was er über ihren Freier erfahren hatte. Er ereiferte sich nicht, er verlangte nichts von ihr, er befahl nicht, – er berichtete. Während sie dem Vater zuhörte, schien es ihr, als ob seine Gestalt sich vor ihren Augen dehne, wie ein riesenhafter, dunkler Fleck. Sie sah plötzlich nichts mehr, – sie hörte nur seine Stimme in dieses tiefe, tiefe Dunkel hinein. – – –

Er war lange fertig mit seinem Bericht, den er in kurzen, dürftigen Worten gegeben hatte. Er hatte Koszinskys Treiben nicht schwärzer gemalt, kein kommentierendes Wort dem nackten Tatsachenmaterial hinzugefügt.

Mit zitternder Hand strich er sich durch den grauen, wirren Bart. Er saß, wie gewöhnlich, im schwarzledernen Lehnstuhl am Fenster, vor seinem Schreibpult. In der Dämmerung schien sein Gesicht grau. Knochig sprang die Nase aus diesem scharfen Profil. Olga sah ihm ähnlich, – die Nase und die blanken, schwarzen Augen hatte sie von ihm. Zum erstenmal sah sie, wie alt der Vater wurde, – wie gebeugt, wie müde sein Rücken schien, wie gramvoll gefurcht sein Gesicht war. Zum erstenmal erinnerte sie sich, daß er morgens um sieben Uhr schon bei diesem Pult zu sitzen pflegte und abends um elf noch immer. Und auf dieses Greises Schultern lag ihre Existenz, – ihre Kraft und Jugend zehrte von dem, was er erarbeitet hatte und noch weiter für sie erwarb.

»Nu, mei Kind?« fragte der Alte mit müder, leiser Stimme. Seine Ruhe erschütterte sie. Sie hatte, als er begann, von Koszinskys Treiben zu berichten, erwartet, er werde drohen, befehlen, fluchen, wenn sie nicht von ihm ließe. – Er aber fragte sie mit der Ruhe der Hoffnungslosigkeit, was sie zu tun gedenke. Ob sie den Menschen sehr liebe, fragte er mit zitternder Stimme, und sie sah die tiefe Angst in seinem Blick.

Und sie hörte – zu ihrem Erstaunen, – ihre eigne Stimme – die da antwortete, – – sie glaube nicht, den Menschen, der ihr da geschildert wurde, zu lieben. Aber sie wolle noch einmal mit Koszinsky sprechen, – um zu sehen, ob das alles auch wirklich so sei.

Der Alte versuchte sie zu hindern: »Mei Kind, – da is ka Broche (Segen) dabei!« Da erwachte gleich ihr Trotz und rief ihr Herz auf. Sie wolle und müsse von ihm selbst erfahren, ob das alles wahr sei, – vielleicht war er nur durch Unglück gesunken, – würde sich erheben, – wenn sie ihm beistünde. Sie begann sich zu ereifern, als ob sie gegen den Vater zu kämpfen hätte, wie gewöhnlich, – brach aber plötzlich ab, – als sie bemerkte, daß er in sich zusammengesunken war und keine Worte gegen sie vorbereitete.

Schweigend saßen sie eine Weile in der Dämmerung, – – bis der Vater mit der Hand winkte. Da verließ sie leise das Zimmer.

 

* * *

 

In der Nacht, die diesem Gespräch folgte, versank für Olga diese neue Vertraulichkeit, die in ihr Leben gekommen war. Der Mann, mit dem sie so leichtfüßig dahingeflogen, wurde ihr durch dieses unerwartete Dunkle, das von ihm kam, fremd, – so fremd, wie die Bewerber, die in das Geschäft ›hineinheiraten‹ wollten. – Einsam war sie, wie nur jemals früher. In die warme Nähe ihres Herzens konnte dieses Dunkle niemals dringen. Und doch war es vielleicht gerade jenes heimlich in ihm Wirksame gewesen, – jener Trieb, der zur Hemmung und Störung aller lebenerhaltenden Impulse führte, – der sein Wesen so vielfältig gegliedert hatte, daß es sie anzog und bannte. – Nein, sie hatte die Liebe nicht erfahren; schauernd empfand ihr junges Herz diese Erkenntnis in der Einsamkeit und Finsternis dieser Nacht. Aber es war wie eine Hoffnung in ihr, – als müßte sich jene Vertraulichkeit wieder einstellen, wenn sie Koszinsky erst wiedersah. Vielleicht kam dann irgendein Begreifen über sie, – ein Begreifen dessen, was ihr jetzt so drohend fremd erschien, daß es sie schauern machte.

Als sie ihn dann am andern Tag traf, in einem Wirtshaus der Umgebung, wo sie, um allein zu sein, in einem schlecht gelüfteten, ungeheizten, leeren Tanzsaal saßen, – da wuchs ihre Kenntnis von ihm bis zur Hellsichtigkeit. Mit vielen, sich überstürzenden Worten bestätigte Koszinsky, daß diese »Wechselaffäre« über ihm schwebe, – berührte auch die »absurden Beschuldigungen«, die gegen ihn laut gewor den waren und für die er blutige Rechenschaft fordern werde; aber er zweifle nicht, daß sie trotz allem, was über ihn hereinbrach, treu zu ihm stehe. Ja, er begrüße diese Katastrophe als eine Art Feuerprobe für ihre Liebe.

Als er diese Worte sagte, durchschoß sie jäh, grell und vernichtend der Gedanke: Ich weiß genug. Sie lehnte sich in ihre Sofaecke zurück und sah starr auf diese feinen Profillinien. Die etwas zurückweichende Stirn verbarg sich unter der Kappe, die er nicht abgenommen und tief ins Gesicht gedrückt hatte; er hatte auch die schwarze Offizierspelerine nicht abgelegt, wie auch sie in Hut und Jacke blieb. –

Er sprach und erklärte. Sie müsse begreifen: wenn er sie gehabt hätte, wäre nichts von all den Lumpereien geschehen; so aber mußte er sich in die Öde des Soldatenlebens ein wenig Farbe und Freude hineintragen ...

»Farbe und Freude«, ging es zackig durch ihren Kopf, und sie starrte unverwandt auf das bekannte Profil.

So sei es zu diesen leichtsinnigen Streichen, – die Schulden betreffend, – gekommen. Im übrigen läge ihm nicht so viel daran, seine Charge springen zu lassen. Freilich, in Ehren müßte es geschehen, schon um ihretwillen. Darum werde wohl ihr Vater helfend eingreifen müssen; quittieren müßte er dann doch, da der Karren schon zu tief verfahren war. Aber – – er hätte einen Plan: irgendwohin wollten sie zusammen gehen, wo man in all diese unreinlichen Beziehungen, – dabei warf er verächtlich den Kopf zur Seite, – nicht verwickelt werden könnte.

In diesem Augenblick schoß wieder ein einziges Wort durch ihr Hirn und brannte darin auf: nie.

Er fuhr fort: seine Vorfahren wären Grundbesitzer gewesen, – wenn ihnen der Alte nun ein Stück Geld gäbe, – so – so – – kurz gesagt, – er hätte die Idee, sich auf einer der kanarischen Inseln, die ein paradiesisches Klima hätten und wenig besiedelt seien, niederzulassen. Dort könnten sie eine kleine Farm betreiben. – – Und er malte, – so wie er da saß, verfolgt, in seinen Mantel gehüllt, in dem dunstigen, leeren Tanzsaal eines Dorfwirtshauses, – während draußen die naßkalte Nacht des schlesischen Winters lag, – er malte ein paradiesisches Bild, von einer Insel mit ewigem Frühling, umgürtet vom blauen, schimmernden Meer, – auf der, in einer stattlichen Ansiedelung, sie und er als wohlbegüterte Farmer saßen.

In ihr aber wuchs das Eine, das Deutliche: nie, nie. Nicht eines seiner Worte führte sie irre. Immer genauer wußte sie, was auch Stiller wußte, – daß das Leben diesen da erst noch tiefer drücken müßte, bevor er nüchtern würde. Mit starken, harten Worten sagte sie sich los von ihm.

Es kam ihm unerwartet, – und er begann sie zu schmähen. Sie stand auf und ging durch den langen Saal der Türe zu. Er rief ihr immer wildere Worte nach. Plötzlich schwieg er.

War es eine Ahnung, die ihren Kopf noch einmal zu ihm zurückwandte? – – –

Im trüben Schein der Lampe und durch den wolkigen, rötlichen Dunst, der sich vor ihre Augen legte, – sah sie, – daß er seinen Revolver mit gestrecktem Arm nach ihr hinhielt. Da durchzuckte es sie mit plötzlicher Klarheit: sie wußte, daß ihre Hände die Türschnalle nicht berühren durften ... Sie wandte sich ihm vollends zu und lehnte sich, scheinbar ruhig, – während sie das Pochen ihres Blutes hörte, – mit gewölbtem Kreuz und vorgedrängter Brust an die Tür, – hob langsam die Arme zu beiden Seiten und hielt sie wagerecht von sich. – So schien sie ihrem Schicksal die Brust zu bieten.

Da zerteilte sich der blutige Nebel vor Kasimirs Augen, und er ließ den Revolver sinken. – – –

 

* * *

 

Olgas Vater, der im Hause und seinen Kindern gegenüber karg zu sein pflegte, war in geschäftlichen Angelegenheiten und bei entscheidenden Transaktionen verschwenderisch. Seine Angestellten kannten diese Munifizenz, die sich ganz unerwartet dann zu verbreiten pflegte, wenn es galt, rasch »abzuschneiden«, irgendeine kritische Situation schnell zu erledigen, – und nützten sie tüchtig aus, konstruierten nicht selten Krisen und Schwierigkeiten, bei deren Abwickelung dann ein Stück Geld in ihre Taschen floß. Der alte Händler war für einen Kaufmann beinah zu schnell, zu large mit dem Gelde. Er gab Reisenden leichtherzig Vorschüsse, zahlte an Agenten Provisionen für Aufträge, die sich oft als faul erwiesen, gliederte seinem Geschäft manches Nebenunternehmen an, das es schwächte, anstatt es zu fördern, und übte, vor allem, seinen Angestellten gegenüber nicht genügend scharfe Kontrolle, aus Furcht, Personen, die er für unentbehrlich hielt, vor den Kopf zu stoßen und zu verlieren. Als rechnerische Kraft hatte Stanislaus Disziplin in das Geschäft gebracht, und, als er aussprang, verbreitete sich der Mangel einer strammen Geldgebarung immer mehr in dem sonst so guten Unternehmen. »Ich bin ka Mathematiker«, pflegte der Alte zu sagen, wenn er, bedrückt und hilflos, vor gesunkenen Bilanzen stand, die, nach einem regen Jahresumsatz, schwer erklärlich schienen. Und in die Bitterkeit, mit der ihn dieser Rückgang erfüllte, mischte sich ein Gefühl wie Rache gegen den Sohn. »Warum is er gegangen?! – Ich plag’ mich – und fremde Leit’ tragen mich weg.«

Die Angelegenheit zwischen seiner Tochter und dem Leutnant betrachtete er als »Transaktion«, die schnell »abgeschnitten« werden müßte und bei der man aufs Geld nicht sehen dürfte.

Nachdem er das schriftliche Ehrenwort Ko­szinskys, – daß er Olga frei gebe und nichts mehr unternehmen werde, die alten Beziehungen wieder herzustellen, – in Händen hatte, bezahlte er seine Wechselverbindlichkeiten – und legte noch ein Stück Geld, mit welchem die geheimnisvoll verschwundenen Wertpapiere Stillers »auf alle Fälle« ersetzt werden sollten, dazu ...

Seiner Tochter aber bewilligte er den Aufenthalt in Wien, – teils aus Dankbarkeit, daß sie ihn vor dem gefürchteten Unheil bewahrt hatte, teils weil er jetzt selbst wünschte, sie solle sich »verändern«, damit sie über das Vorgefallene leichter hinweg käme.

Koszinsky mußte quittieren und verschwand irgendwo in Österreichs bunter Provinz.

So beantwortete das Schicksal Olgas ersten Anruf nach dem ihr gebührenden Frauenlos. Der Wunsch, der aus dieser Seele herausgebrochen und aufgeflogen war nach der großen, hellen Sonne des Glücks, brach, mißhandelt und flügellahm, am Wege zusammen.

 

* * *

 

Olga hatte keinen Beruf; eine Wirksamkeit im Sinne der großen Bewegung ihrer Zeit, welche die Frau auf Selbständigkeit verwies, war ihr verlegt worden, sie hatte diesen Weg versäumt. Als sie nach Wien kam, hatte sie keine Lust mehr, jetzt noch eine Lehrerinnenprüfung anzustreben, all die Schulen durchzumachen, die dazu nötig waren, eine Menge von Lehrstoff, der ihr gleichgültig und langweilig war, in sich aufzuspeichern. Die Jahre, in denen man gern lernt, – büffelt, – waren eben vorbei. Sie konnte nichts anderes tun, als hinhorchen, – und von der Fülle dessen, was sie über die zusammenwirkenden Kräfte des Lebens erfuhr, das herausgreifen, was den lebendigen Fragen in ihr selbst entgegenkam. Sie suchte Anknüpfung an die Zeit, Aufschluß über Triebkräfte, die die Strebungen ihrer Epoche bewegten und das neue Werden entstehen ließen.

Fast drückend lag die Freiheit vor ihr. Ob sie der ungelösten Kräfte ihrer Seele jemals habhaft werden und wohin sie sie führen würden, – sie wußte es nicht. Sie schien sich eingeklemmt zwischen zwei Kulturen, – dem gewöhnlichen Schicksal anspruchsloser Gatten- und Mutterschaft ebenso verloren, wie dem der neuen, in sich selbst wurzelnden Weiblichkeit.

Aber sie ahnte wohl in guten Stunden, daß es ein Maß innerer Sicherheit gab, welches das Merkmal hoher und freier Menschlichkeit und das Ziel alles befreienden Strebens war. Mit dieser Sicherheit in sich, blieb man Herr in jeder Situation, besiegte man jede scheinbare Erniedrigung. Es konnte kein Mißbehagen geben, keine Angst vor dem Dunkel, keinen Ekel vor dem ewig Unzulänglichen, keine Verlassenheit im unendlichen All, – wenn diese innere Helle erst erstrahlte. Und glühte nicht der Funke, aus dem diese Flamme, – dieses organische Verstehen des Lebens, – herausschlagen konnte, zu Zeiten auch in ihr?

In Wien war sie einer Frau begegnet, die von diesem Licht, das sie, die Beladene, so sehnsüchtig suchte, erfüllt schien. Frei ging sie, die bewußt Geborene, – keine Situation, kein Milieu schien diese starke Sicherheit brechen, dieses innere Leuchten verschütten zu können. Und, wie das Erhabene gewöhnlich neben Lächerlichkeit und Unwürdigkeit gestellt ist, so war es auch hier. Diese Frau, die Olga als eine Ganze unter Zerrissenen, als eine naturhaft Starke unter Verbogenen und Beschädigten erschien, – war die Frau eines Menschen von unverkennbar geringer Art, des Vincenz Reisenleitner.

Niemals war Olga bei Geneviève gewesen, ohne gekräftigt, gesammelt, stärker und sicherer von ihr zu gehen. Sie war eine von jenen, die die Beladenen erleichtern, die Bedrückten erheben, ohne ihnen bestimmte Tröstungen oder gar Satzungen auf den Weg zu geben, – einfach durch den Anblick, den sie selbst bieten.

Ihre Ehe mit Reisenleitner war das Produkt einer für ihr Wesen sehr bedeutsamen Absichtslosigkeit, mit der sie sich, ihrem innersten Glauben gemäß, den Fügungen und Schiebungen des Schicksals überließ, ohne mit gefährlichem Willensaufwand dem rollenden Rad in die Speichen zu fallen.

Sie hatte Vincenz Reisenleitner in ihrer Heimat, in Stuttgart, kennen gelernt, wo ihr Vater ein höheres juridisches Amt bekleidete. Die Mutter entstammte einer alten normannischen Adelsfamilie, die, emigriert, in der Schweiz lebte. In Genf lernte die junge, schöne Tochter dieser Familie den deutschen Regierungsrat Nestor kennen, der sie bald als seine Frau ins Schwäbische verpflanzte. Ihr Kind nannten die Eltern, in froher Erinnerung an den Ort ihres Sichfindens, Geneviève; im täglichen Umgang blieb nur des stolzen Namens Endsilbe bestehen und ève wurde bald zur deutschen Eva. So wuchs sie auf, Eva Nestor, ein Schwabenmädel mit normannischem Blut in den Adern – »eine köstliche Legierung«, wie der Vater stolz zu sagen pflegte.

Kurz nachdem er gestorben war und die Witwe und Eva mit einer für ihre bisherigen Lebensgewohnheiten geringen Pension zurückließ, geschah es, daß Eva die Bekanntschaft des Wiener Fabrikanten Reisenleitner machte, der hierher gekommen war, um sein bei einer Stuttgarter Fabrik bestelltes Automobil abzuholen. Reisenleitner verliebte sich stürmisch in das »riesig interessante Mädel«, und seine Werbung befreite sie von ungewissem Los.

Es wäre ihr wie eine Vermessenheit erschienen, diese Werbung nicht anzunehmen. Erwartungsvoll stand sie vor jeder entscheidenden Veränderung ihres Schicksals, und darum nahm sie auch diese – aufhorchend – hin. Ihr Herz hatte noch nie seine strenge Gebundenheit erschüttert gefühlt, nichts hinderte sie, dem fremden Mann zu folgen, und darum erschien es ihr, als ob es sein sollte, sein dürfte. Was kommen mochte, – es ließ sich nicht ergrübeln, – sie würde es erfahren. Und erfahren hieß – leben.

 

* * *

 

Zwischen Olga und Eva, die sich bei den gemeinsamen Verwandten, Professor Diamant und Frau Edda, bald begegneten, hatte sich ein Verhältnis angesponnen, das eine behütende Reserve nie verlor und doch an unausgesprochenem, aber deutlich empfindbarem Interesse stetig zunahm. Es war die Zuneigung zweier Naturen, die die Bestimmung, zu wachsen, aneinander ahnen und dabei von Freude erfüllt sind über diese Entdeckung. Das Verhältnis behielt alle Formen der Zurückhaltung, war seinem Wesen nach aber vertraut.

Olga kam nicht oft hinaus in die Cottage-Villa, die sich Vincenz eingerichtet hatte, – aber immer wurde ihr froh zumute, wenn das eiserne Vorgartentürchen, auf ihren Klingeldruck, aufsprang und sie über den kiesbestreuten Gartenweg dem Hause zuging, während ihr Eva schon vom Fenster zuwinkte oder ihr entgegenkam, aufrecht und zierlich, mit ihrem leichten, sichern Gang eines Bachstelzchens.

Evas Ehe bestand in äußerer Ordnung, aber Olga merkte bald, daß es hier so war, wie bei einer elektrischen Anlage, in der der Strom fehlt, – tot, ausgebrannt, durch irgendeinen schlimmen Kurzschluß vernichtet, – ein komplizierter Apparat ohne die treibende Kraft, um deretwillen er errichtet wurde.

Was vorgegangen war, – ob eine wachsende Entfremdung oder eine plötzliche Katastrophe hier ein Ende gemacht hatte, – das wußte sie nicht und fragte nicht danach, weil ihr war, als müßte Eva eines Tages selbst ihr diesen Einblick geben, wenn sie sie wissen lassen wollte, wo ihr Lebensschiff fest lag, – oder wohin es steuerte. Ein kleines Mädchen, Evas Abbild, war das Licht in diesem Hause. Eva ging nur selten in die Stadt. Dafür war sie mit dem Kind viel im Freien draußen, in den Feldern, die sich als riesige Karos auf den Hügeln des Wiener Waldes, in einer weit übersehbaren, an Höhen und Mulden wechselvollen Landschaft ausstreckten. Seit längerer Zeit trieb Eva Sprachstudien, die sie durch Prüfungen abschließen wollte, – eine »Marott« wie Vincenz sagte, die seinen Kredit schädigen könne, denn am Ende würde man noch glauben, seine Frau »habe das nötig.«

Der letzte Besuch, den Olga in Wien zu machen hatte, galt der Frau, die sie hier am liebsten sah. Und so fuhr sie denn zum letztenmal hinauf, in das hochgelegene Cottageviertel. Die Luft war hier frei und frisch, und Olga atmete immer wohlig auf, wenn sie aus den »Niederungen«, wie sie es nannte, hierher kam. Die Blätter der Bäume waren nun schon fast gelb, und das dürre Laub bedeckte die Erde und raschelte unter den Tritten. Aus den Gärten, in deren Tiefe man hie und da durch ein Gitter einen Blick werfen konnte, strömte der feuchte, süßliche Duft herbstlichen Welkens, und Olga atmete ihn tief ein. Sie machte absichtlich einen kleinen Umweg, überstieg den Hügel des Türkenschanzparkes und kam bei dem Tor, das der Ackerbauhochschule gegenüber liegt, wieder herunter. Um den stolzen Palast dehnte sich freies Ackerland, nur ein paar vereinzelte Villen standen da, zumeist ganz neu, im modernen Landhausstil. An solch einem Häuschen machte sie Halt. Das große, schmiedeeiserne Gartentor, das sich nur öffnete, um das Automobil aus der Garage oder dahin zurück zu lassen, war verschlossen, und sie klingelte an dem kleinen Nebenpförtchen. Als sie den Garten durchschritten hatte und auf dem Podest unter dem Vordach stand, öffnete Eva, – bevor sie noch geklopft hatte, – selbst die Entreetür der Wohnung.

Sie war nicht, was man im landläufigen Sinn eine Schönheit nennt, – sie war weit mehr. Auf dem zarten, in seinen Maßen vollkommenen Körper saß ein Kopf, den die Bildhauer »durcharbeitet« zu nennen pflegen. Im Gegensatz zu der Verschwommenheit der Züge, die man sonst nicht selten bei hübschen Frauen findet, waren die Linien dieses Gesichtes deutlich festgelegt. Ein unverkennbarer Ernst lag auf diesem Gesicht und kontrastierte seltsam mit der roten Blüte ihres Mundes, der sehr klein war, dessen Oberlippe fast herzförmig schien, und einen tiefen Schatten, eine Art Furche, in ihrer Mitte barg. In diese kleine Grube, inmitten der geschweiften Oberlippe, – »in der der Amor nistet«, wie Herr Reisenleitner festgestellt hatte, – hatte er sich seinerzeit verliebt ... Sie sah zugleich ernst und klug und dabei pikant und sonnig aus, mit ihren flimmernden, braunen Augen und dem hellbraunen Haar mit seinen goldenen Reflexen, das sich in zarten Löckchen an diese gerade, hohe Stirn schloß und am Wirbel in einen bescheidenen Knoten geschlungen war. Was ihr den Ausdruck besonderer Frische gab, das war das Aufwärtsstreben aller Linien der unteren Gesichtspartie. Die Mundwinkel und die Wangenmuskulatur schienen leicht gehoben, als ob sie die Schläfen und die Augenwinkel suchten, die sich ihnen zusenkten, während sich die Nase, die mit der Stirn mehr als zwei Drittel des Gesichtes in Anspruch nahm, – fein und steil abwärts streckte. Von ihrem Ende bis zu dem kräftig umrissenen Kinn konnte man eine gerade Linie ziehen, die der zurücktretende Kiefer, trotz der Üppigkeit jener herzförmigen Oberlippe, auch nicht annähernd berührte. –

Das Beisammensein der beiden Frauen war heute von besonderer Wärme getragen, – Olgas Scheiden half ihnen, ihre bisher fast uneingestandene, fein verdeckte Gefährtenschaft zu klarerem Gefühl zu bringen. Als sie im dämmerigen, traulichen Zimmer beim Tee saßen, erzählte Eva, daß sie nun, nach nur einjähriger Vorbereitung, eine Staatsprüfung als französische Lehrerin abgelegt habe. Da französisch ihre eigentliche Muttersprache war, – zumindest die viel gehörte Sprache der Mutter, – so hatte die kurze Vorbereitung genügt. Von jetzt ab würde sie sich eifrig mit der Pflege skandinavischer Sprachen befassen.

Olga ahnte, daß dieses systematische Vorgehen einen Zweck haben müßte, und sie fragte danach.

Eva sah mit ihren braunen Augen ernst vor sich hin. und die Goldpünktchen hörten auf, darin zu tanzen.

»Es ist möglich, daß ich einmal mich und mein Kind erhalten muß.«

Das Wort, das an das Geheimnis ihrer Ehe rührte, war gefallen. Olga fragte nicht weiter, sie wußte, die Stunde, in der die Freundin sprechen wollte, war da. Und mit ihrer dunkel gefärbten, unsagbar wohllautenden Stimme, von der einmal Professor Diamant gesagt hatte, wenn Mutter Natur sprechen könnte, so würde sie so sprechen, – berichtete Eva, wo und wie ihr Schifflein festlag, wie gefährlich es aufgefahren war.

Diese Ehe war bereut worden, und nicht nur auf einer Seite. Eva hatte sich, ihrem Mann gegenüber, bald vor einer Leere gefunden, die sie nicht unbedingt erwartet hatte; sie hatte vermutet, daß, weil die Bahnen, in denen sich das geistige Leben ihres Mannes bewegte, einfache waren, – daß die Fähigkeiten geheimer Gefühlskräfte bei ihm desto stärker sein müßten. Vincenz aber hatte die Rolle verborgener Herzensbiederkeit, in welcher er zuerst werbend vor ihr aufgetreten war, nicht lange gespielt. Das ihm nicht ganz verständliche Wesen seiner Frau war ihm bald nicht mehr »riesig interessant«, sondern eher unbequem. Nach und nach konnte er seine Reue über die unüberlegte »Liebesheirat«, die er, als Geschäftsmann, sich »nicht hätte leisten dürfen«, schlecht verhehlen. Er klagte über den Mangel einer soliden, metallenen Basis, an dem diese Heirat litte, und machte sich Vorwürfe, die »nie wiederkehrende Gelegenheit«, sich eine solche gut gemünzte Fundierung zu verschaffen, verpaßt zu haben. – »No ja, – wann der Amor schießt, rutscht der Verstand in die entern Gründ’!« erklärte er sich selbst seine Verirrung. Dabei verfügte er über ein gutes, gesundes Geschäft, das ihm eine sehr auskömmliche Familienexistenz bot, war auch geschäftlich nicht unfähig, – hatte aber Luxusbedürfnisse, die seine Einnahmen überstiegen.

Eva sah ihre Ehe mit nüchternen Augen – und kam mit sich ins Reine: Ihr Schicksal, so fühlte sie, ruhte in ihr selbst. In ihren Wirkungskreis sollte ja auch bald eine Aufgabe gestellt werden, die wohl der triebhaft geheime Zweck dieser scheinbar sinnlosen Verbindung war. In ihrem Schoß regte sich junges Leben, und fromm erwartete sie die Frucht, für deren Entstehen ihre Ernte an persönlichem Glück von Mächten, die in ihrem eigenen Willen wirkten, – geopfert worden war.

Auch Vincenz war von dieser Hoffnung merkwürdig befeuert. Seine Freude, als sie ihm die Erwartung mitteilte, überraschte sie. Staunend beachtete sie die Lehre, die ihr das Leben gab, indem es ihr einen scheinbar »einfachen« Charakter in unerwarteter Vielspältigkeit zeigte. Aber die Lehre war noch nicht deutlich genug: sie sollte noch mehr erfahren.

Seit Vincenz wußte, daß sie guter Hoffnung war, sprach er nur noch von seinem »Sohn«. In Gesellschaft, im Geschäft, überall erzählte er mit familienväterlichem Schmunzeln, daß »a Bua« auf dem Weg sei. Sie fand diese vorzeitige Verkündigung ihres Zustandes wenig geschmackvoll, – die sichere Erwartung des »Bua’m« aber stellte sich beinah als eine Art fixer Idee dar. Auch lag kein besonderer Grund vor, warum ein Sohn für Vincenz Reisenleitner so dringend erwünscht sein sollte; war doch kein noch so bescheidenes Thrönchen, dessen Erbfolge durch das salische Gesetz für Frauen gesperrt gewesen wäre, – noch auch ein Majorat zu vergeben; das Geschäft sei auch eine Art von Majorat, erklärte Vincenz. Da er aber die Grundlage dieses ererbten Besitzes durchaus nicht befestigte, eher durch seine Passionen unterwühlte, erschien diese Sorge um den Erben wenig natürlich.

Vincenz aber tummelte sich, nach wie vor, in der Idee, daß ihm ein »strammer Stammhalter« geboren werden sollte. Er hatte sich in diese feudale Pose förmlich verrannt. Mit derselben zähen Hartnäckigkeit, mit der er sich bei einem Automobilrennen oder bei einer Golfpartie ganz in die Situation versenkte, nichts sah und hörte, als was mit dem Match zusammenhing, – mit diesem unzugänglichen Furor des Sportsmannes, gemischt mit der Sucht, den »Träger eines alten Namens« zu spielen, der einen »Erben« dringend brauchte, – verrannte er sich in die neue Idee von »seinem Sohn«, als ob die Tragik des Gedankens, der letzte Reisenleitner zu sein, seit jeher seine Hauptsorge gewesen wäre.

Die Stunde, in der dieser Traum Wirklichkeit werden sollte, kam. Evas Entbindung ging schwerer vor sich, als man erwartet hatte. Eine halbe Nacht und einen ganzen Tag schon hatte sich ihr Körper im Krampfe des Gebärens gezerrt und gekrümmt. Röchelnd lag sie auf ihrem Schmerzensbett, bis wieder eine neue Wehe ihr gellende Schreie erpreßte und sie glauben machte, das Ende sei da. Und noch immer war die Frucht, die in diesem gemarterten, aufgetriebenen Leibe atmete, sich bewegte, lebte, – nicht abgelöst vom Stamm.

Halb sinnlos vor Pein, hörte sie doch, wie man von der Notwendigkeit eines Einschnittes sprach, und wie die Ärzte zur Narkose rüsteten. Sie vernahm ihr Geflüster, hörte, wie der Hofrat, – der große Accoucheur, der die Prinzessinnen des kaiserlichen Erzhauses entband, – mit seinem Assistenten und ihrem Schwager Diamant beratschlagte, ob Ätherrausch oder Chloroformnarkose hier vorzuziehen sei. Und während wieder jene Schmerzen, die ihr das Hirn zu zersprengen drohten, in breiten Wellen anfluteten und ihr Bewußtsein übergossen, sah sie noch die Geburtshelferin mit dem intelligenten, kurz geschorenen Kopf und die Pflegeschwester, – beide, gleich den Ärzten, in weißen Leinenkitteln, – durchs Zimmer eilen. Und sie sah nun auch, wie durch blutige Schleier, einen Augenblick lang die Gestalt ihres Mannes, – gerade ihrem Bett gegenüber an der Tür, die ins Nebenzimmer führte, – sah, wie er die schwarze Sammetportiere hob und gleich wieder verschwand. Und sie hörte nun auch seine Stimme in dem Geflüster der Männer, – hörte, wie die Worte fielen – – – »Kind oder Mutter« – – – und diese Worte streckten und vereisten ihr die Glieder; und unter den Stimmen war eine, – die, die sie am besten kannte, – und die zischte Worte heraus, die sich in Schlangen wandelten, in häßliche, geringelte Tiere, die über den Fußboden zu ihrem Bett krochen ... »das Kind – den Sohn – – – den Sohn« – – sagten diese Worte, – und es waren abscheuliche, züngelnde, feuchtglatte Schlangen, die nach der Bettdecke hinaufzischten. – Und plötzlich schien es ihr, als ob die Stimme des Hofrats sich aus dem Geflüster erhöbe, sich furchtbar und dröhnend darüber ergoß und die Schlangen, die aus jener andern Stimme gekrochen waren, mit Abscheu zertrat.

Dann kamen Schritte an ihr Bett, – ein süßlicher Duft überströmte sie, und guter, rosiger Friede senkte sich langsam auf sie nieder. – – –

Als sie erwachte, war das neue Leben aus ihr herausgerettet. Und trotz der schweren Übelkeiten, trotz der tötlichen Mattigkeit fühlte sie doch, wie leise und stetig die Kräfte zu ihr zurück rannen ... Die Frau im weißen Kittel, mit dem kurz geschnittenen Haar und dem klugen Gesicht, beugte sich über sie: »Ein Mädchen, – und es lebt.«

Da kam die Erinnerung an jene Stimme, – »der Sohn – – der Sohn.« – – – Hatte sie jene Worte geträumt, – hatte sie sie wirklich gehört?

Und ein Glücksgefühl schoß heiß in ihr auf, – daß es ein Mädchen war, – ihr Kind, ihres allein.

Und da war der Hofrat mit dem grauen Bart und sah munter durch die Brillengläser, und neben ihm stand der Schwager, Professor Diamant, mit einem guten, guten Grinsen in seinem sonst so maliziösen Gesicht, – und sie hörte seine etwas gequetschte, böhmelnde Stimme ganz glücklich sagen: »No allßo, – fein heraus hamm’ mr ßi!«

Ihren Mann aber sah sie nicht, und begehrte nicht, ihn zu sehen. – – –

– – Das hatte Eva erlebt, und sie erzählte es der Freundin in jener Abschiedsstunde. Es war dunkel geworden, und sie hatte das Licht nicht aufgedreht. Nun erhob sie sich und ließ ein paar matte, elektrische Lampen aufleuchten.

Ohne Pathos, mit den einfachsten Worten, hatte sie erzählt, und ihr schlichtes Vertrauen hatte diese Stunde mit wunderbarem Leben erfüllt.

Olga durfte nun fragen, und sie tat es.

»Warum sind Sie,« sagte sie, – »nach alldem noch bei Ihrem Mann? Würde er Ihnen das Kind verweigern, wenn Sie von ihm gehen würden?«

»Ich glaube nicht«, antwortete Eva und stellte eine Schale mit Früchten auf das runde Tischchen vor dem Eckdiwan, auf dem sie saßen. »Er hat zu der Kleinen so gut wie keine Beziehungen, wenn er sie auch ab und zu mal auf seine Knie setzt, – besonders wenn Gäste dabei sind.« Ein leichtes Lächeln milderte die Schärfe ihrer Bemerkung. Und dieses Lächeln schien hinein zu leuchten in die versteckten Tiefen jener fremden Natur, von der sie sprach, und Olga überkam das Gefühl, daß etwas in dieser Frau lebte, das sie befähigte, die dunklen und treibenden Mächte in anderer Menschen Seelen zu erkennen, – ahnte, daß sie in jenen »Abgrund«, in dem die Wahrheit wohnt, unerschrockener und klarer hineinblickte, als viele andere.

»Nein, – es ist nicht, weil ich fürchte, daß er mir das Kind nehmen würde. Es ist etwas anderes, was mich hier festhält, etwas viel näher liegendes, das Ihnen aber vielleicht« – wieder lichtete ein Lächeln ihr Gesicht, und diesmal war eine Spur von Schalkhaftigkeit darin – »sehr befremdlich erscheinen wird.«

Olga horchte gespannt.

»Ich habe geheiratet,« sagte Eva, – »weil ich eine günstige Veränderung meiner Lage darin sah; und ich werde nicht eher die Ehe lösen, als bis ich zumindest die Gewißheit habe, nicht in eine schlimmere, schwerer erträgliche Lage zu kommen, als die es ist, in der ich bin. Das ist alles.«

In Olgas Gesicht malte sich eine nicht zu verbergende Verblüffung.

»Ich dachte mir, daß es Sie überraschen würde, diese einfache Tatsache so unverkleidet aussprechen zu hören.«

»Ich verstehe Sie wahrscheinlich nicht ganz,« sagte Olga. »Wie – wie – kann das gemeint sein?«

Eva sah lächelnd und ruhig vor sich hin. »Sehen Sie,« sagte sie, »es ist so bezeichnend, daß Sie, als eine rein empfindende Frau, verwundert sind über dieses Bekenntnis. Es ist bezeichnend, sage ich; denn es gibt jetzt so viele Menschen, wie mir scheint, – denen – wie soll ich es nennen – bei der Vertiefung ihres geistigen und moralischen Lebens das abhanden gekommen ist, was nun einmal die Voraussetzung eines geistigen und nicht geistigen Lebens überhaupt ist – nämlich –« sie stockte, schien nach dem richtigen Wort zu suchen, – »nämlich der – Instinkt – gewisse Taten, die einen ins Verderben stürzen, – bleiben zu lassen;« – und ruhig fügte sie hinzu: »also wohl einfach eine Art von deutlichem Selbsterhaltungstrieb.«

Olga horchte verwundert, belebt.

»Ich weiß nicht,« fuhr Eva fort, – »ob Sie dieses Gefühl kennen – dieses Gefühl, – daß man gewisse entscheidende, schicksalsschwere Dinge erst dann tun darf, wenn ihre Notwendigkeit so deutlich geworden ist, daß man sich wahrhaftig geschoben fühlt, indem man sie tut, – daß es so geschieht – nun so – als ob man überhaupt nichts zu wollen hätte dabei.« – – Nachdenklich sah sie vor sich hin. »Ich selbst habe immer nur getan – was ich auf diese Art tun mußte

»Und so lange?«

»So lange? Sie meinen – was zwischen diesen Taten geschieht? Man lebt – man wartet! Und die größte Versuchung des Lebens scheint mir, daß es Situationen um uns aufstellt, die uns dieses Warten lehren sollen, – daß es eine Art von passiver Energie von uns verlangt, die vielleicht schwerer ist, als die aktive der Tat.«

Schritte wurden laut, Eva, hingegeben an das, was aus ihr sprach, überhörte sie, aber Olga sah durch die halb zurückgezogene Por­tière ihren Bruder, der sie abholen sollte, im Nebenzimmer eintreten. Sie wollte das Gespräch nicht unterbrechen lassen und winkte ihm zu, drin zu bleiben. Dabei hatte sie das Gefühl, daß die Freundin nicht zürnen würde, wenn er mit anhörte, was sie berichtete.

In Evas Gesicht war während des Sprechens eine zarte Röte gestiegen, ihre Augen strahlten in weichem Glanz, und sie sprach weiter, so ernst, als hätte sie ein Glaubensbekenntnis abzulegen.

»Sehen Sie – dieses Gefühl, das mich von einem Tun, zu dem mich vielleicht starke Neigungen drängen, oftmals abhält, habe ich so deutlich, daß ich es in Worten benennen könnte.«

»Und diese Worte wären?«

Sie hob lebhaft den Kopf. Ich möchte sagen: »Wenn – wenn dir zum Zögern zumute ist – nun, – so zögere!« – – – Sie lachte. »Eine tiefe Weisheit, wie? aber diese Sentenz ist doch nicht so banal, wie sie klingt.«

»Nein,« sagte Olga, »das ist sie nicht; denn diese Sentenz ist vernünftig, und das Vernünftige ist nicht banal.«

Eva sprach stark und ruhig weiter. »In jede sogenannte kritische Situation kommt früher oder später eine entscheidende Änderung; sie kommt von innen oder von außen, von den Beteiligten selbst oder von seiten Dritter; aber sie kommt. Und wenn sie kommt, – dann heißt es – hinhören, hinsehen und dann darf man – tun; und dann – dann ist auf einmal alles, was verworren und schwer zu lösen schien, – unendlich einfach. Man braucht dann nur nach dem Nächstliegenden zu greifen, um dort, wo man früher nicht eine Handhabe seines Willens sah, hundert zu finden.« Und, als müßte sie von diesen Erörterungen, die von der Geschichte ihres Schicksals scheinbar abzweigten, wieder auf diese Geschichte selbst zurückkommen, fuhr sie fort:

»Wenn ich aus meiner Ehe – die freilich keine wahre Gemeinschaft, aber immerhin ein erträgliches Los bietet, fortgestürmt wäre, hinaus in das Schicksal einer zum Kampf nicht genügend gerüsteten, »ausgesprungenen« Frau, die sich und ein Kind ernähren soll, – so wäre mein und des Kindes Schicksal kaum ein Ungewisses zu nennen; es gehört nicht viel Vorstellungskraft dazu, sich diesen Weg auszumalen.« Schatten senkten sich über ihr Gesicht, hoben und zerteilten sich wieder. »So tue ich – was ich tun kann und wohl auch tun soll, – das, was man, um es recht profan auszudrücken und keine schöneren Worte für mein Tun zu gebrauchen, als ihm gebühren: profiter de la situation nennt. Ich benütze diese geschützte Lage, um mir Kenntnisse anzueignen, die mir eines Tages, wenn – wenn alles so deutlich geworden ist, daß das, was jetzt noch einer Herausforderung des Schicksals gleichkäme, dann einfache Selbstverständlichkeit wird – weiter helfen sollen; ... heute«, – sie schwieg und blickte nachdenklich vor sich hin – »heute sehe ich den Weg noch nicht deutlich genug, aber ich glaube,« fügte sie leise hinzu – »ich werde bald sicherer sein.«

Olga saß wortlos. Schlicht, alltäglich, ja verdächtig war, was sie gehört hatte. Warum überwältigte sie diese einfache Geschichte, als wäre sie – angewandt an dem Schicksal dieses Menschen – der vollkommenste Ausdruck wunderbarer Wegsicherheit? –

Die Portière des Nebenzimmers wurde zurückgeschoben. Stanislaus trat ein.

»Ich darf nicht länger hier Zeuge von Gesprächen sein,« sagte er, während er die Frauen begrüßte, – »die nicht für mich bestimmt sind, und die ich aus Furcht, sie zu unterbrechen, dennoch zum Teil gehört habe.«

»Mein Bruder«, sagte Olga.

»Wir beide kennen uns schon wohl aus Olgas Erzählungen, und darum hat mich hier kein Fremder belauscht.«

Stanislaus fiel es schwer, die richtige Antwort zu finden, – die besagen sollte, wie sehr er sie belauscht hatte! Und so sagte er nur leise, – schüchtern, von einem Gefühl der Verehrung durchbebt: »Was ich belauscht habe, wird in meiner Erinnerung bleiben.«

Man hörte die Klingel der Gartentür, das elektrische Licht glühte draußen über dem Kiesweg auf, und die drei sahen durchs Fenster Evas kleine Tochter mit ihrer Bonne. In ihrem weißen Mäntelchen kam sie durch den Garten dem Hause zu. Sie hatte denselben Gang wie die Mutter, diese eilige und doch zierliche Art, die Füße zu setzen, hielt sich sehr aufrecht und in der Mitte des Weges. Gleich darauf war sie im Zimmer und brachte einen frischen Luftstrom mit herein. Sie glich der Mutter in ungewöhnlicher Vollkommenheit, nur war das Haar des Kindes noch lichter und goldener, das Auge schien dunkler und größer und das Gesichtchen rosiger. Vollkommen unbefangen begrüßte sie, nachdem sie die Mutter umarmt hatte, die Gäste, und ging gleich wieder der Türe zu: sie müsse »auf ihr Zimmer«, ihre Kleider abzulegen, sie wollte nur erst »Mama sehen«.

Und Stanislaus, der Lauscher, dachte: wie kann es etwas Falsches sein, was sie – die Mutter – getan hat? War diese ungleichwertige Vermischung nicht zu ihrer Zeit gerechtfertigt, da sie so herrliches Leben fortsetzte? Wissen wir denn, – so dachte er, – warum wir so gehorsam in die Falle gehen, die uns das Schicksal, in Form einer unausweichlich erscheinenden Verbindung, stellt? Um wie vielfacher »zureichender Gründe« willen kann dies nicht geschehen! Und wäre einer dieser Gründe der, ein neues Leben, das ohne diese Verbindung niemals würde, heil und schön ins Licht zu rufen, so wäre das genug, uns Ergebenheit zu lehren.

Ihm war das Kind die wunderbare Erhöhung, die, über das eigene, arme Ich, der Vollkommenheit näher rückt, – und sein Begehren, ein Kind lieben zu dürfen, war so stark, daß er oftmals glaubte, ohne diese Liebe nicht leben zu können. Und gerade über dieses Begehren hatte er strenges Gericht gehalten – und sein Urteil selbst gesprochen.

Die Erkenntnis, die ihm Vernunft und Gewissen mit unbarmherziger Nüchternheit diktierten, sprach zu ihm, – daß er selbst verzichten müßte, die ewige Substanz des Lebens weiter zu bauen. Er durfte nicht aus dem Schoß eines geliebten Weibes einen Menschen erwachsen lassen, der die Lasten seiner eigenen, beladenen Körperlichkeit mitbekam; er war streng und unerbittlich in diesem Punkt. Sollte er in edles Ackerland kümmerlichen Samen streuen?

Gerade er träumte – zart, heiß und in gebändigter Begier, – von einer jener heilen, arttüchtigen Frauen, die ihr Geschlecht stolz verpflanzen, und in seinen einsamen Träumen sank er vor dieser unbekannten Gestalt, als vor dem hochgelobten Bildnis der Anbetung, in die Knie. Er träumte, – ohne zu begehren. Es wäre ihm auch ein müßiges Begehren erschienen; denn würde je ein Weib, das er lieben könnte – ihn lieben? Aber er verehrte. Er erglühte in Ehrfurcht, wenn ihm ein Weib »bestimmt zur Hochzucht«, wie er es nannte, begegnete; und er erkannte solche Art scharf und schnell.

Wunderbar war die kurze Zeit gewesen, die er hier im Nebenzimmer verbracht hatte, während diese Frauenstimme, voll und dunkel, wie gedämpfter Glockenklang, zu ihm geklungen war. Und was sie sprach, – es schien ihm wie die Weisheit der Fruchtbaren, der auf Erhaltung Bedachten. Ihr starkes Herz hatte er hören dürfen, und, wie die grünen Pflanzenblätter der Sonne zuwachsen, sich ihr zubiegen und -dehnen, so hatte er heile Instinkte dem Lichte arterhaltender Vernunft sich zuwenden sehen, jener tiefsten Vernunft der Natur, die, ohne zweckhaft zu sein, mit unberechenbarem Drang den Weg der Erhaltung der tauglichen Arten sucht, Sonne, Regen und Wind zu ihnen dringen läßt und, in geheimnisvoller Chemie, das Böse und das Gute tief im Kelch dieser Wesen verarbeitet, zu keinem andern »Zweck«, als um neue Nahrung, neues Wachstum für sie daraus zu gewinnen.

Eine tiefere Logik als die durch Ideenreihen zu beweisende, ein unbewußtes, aber instinktstarkes Vertrauen in den logischen Sinn des eigenen Seins, war ihm aus diesen Frauenworten gekommen, – und so unvollkommen der Teil des Gesprochenen gewesen, den er belauschen durfte, so vollkommen klar war ihm der Zusammenhang dessen, was er hörte, mit dem, was ihm seine Schwester berichtet hatte, und ließ ihn die scharf umrissenen Linien eines Schicksals und einer Persönlichkeit erkennen.

Die Geschwister blieben nicht mehr lange. Evas Gatte wurde zum Abend zuhause erwartet, und keiner von den dreien empfand den Wunsch, ihr Beisammensein in seiner Gegenwart fortzusetzen. So schieden sie.

Schweigend gingen die Beiden durch die Anlagen des Villenviertels, das in tiefer Abendstille, die nur selten vom Rollen eines vereinzelten Wagens unterbrochen wurde, dalag. Ihr Sinn war erfüllt von dem Bilde der Frau, der sie heute nahe gekommen waren, um, vielleicht für immer, von ihr zu scheiden.

Und Stanislaus schien es, als ob diese Frau ihre große Prüfung schon bestanden hätte, und als ob ihr das ausgleichende Schicksal nun die Erfüllung schulde – die Erfüllung ihrer persönlichen, noch verdeckten Bestimmung. Denn mußte nicht solcher Art, wie dieser, Verstärkung werden? Hatte sie nicht die verschleierte Versuchung mit ahnendem Auge erkannt und überwunden? War sie nicht, indem sie, unanfechtbar von triebhaftem Drang, und nüchtern bedacht, äußerlich in der Falle einer mißlichen Situation verblieb, an der wahren Falle vorbeigegangen, – jener, die ihrer letzten zweckhaften Bestimmung vielleicht gesetzt war? Und diese Bestimmung, sie konnte bei ihr, wie bei jedem andern, der da auf dem Weltplan seine Rolle bekam, keine von außen gesetzte sein, – es war nichts, als die letzte, unerbittlich logische Folge der Wirkung der gestalteten Substanz, gemäß jener Gesetze, die ihr jeweilig eigneten.

Tief in solche Gedanken verloren, ging Stanislaus wortlos neben der Schwester des Weges; und ihr Herz war ähnlich erfüllt wie das seine und sandte stumme Fragen in das Dunkel, das über jener Frau – wie über ihnen selbst lag.



DRITTES KAPITEL
BERLIN

 

Motto:
»Freiheit ist eine kräftigere Herzstärkung als Tokayer.«
                                                         Schopenhauer.


Immer, wenn Olga nach Berlin gekommen war, so war ihr, wenn der Bahnzug die äußersten westlichen Vororte durcheilte, freier zumute geworden. Mit fröhlichen Augen hatte sie aus dem Fenster des Coupés die Villenkolonien, die zur Weltstadt gehören, begrüßt, und auch diesmal war dieses bekannte Wohlgefühl in ihr aufgestiegen, als die Perrontafel mit der Aufschrift »Groß-Lichterfelde« mit Eilzugsgeschwindigkeit am Coupéfenster vorüberraste und sie im funkelnden Vormittagslicht jener sonnigen Oktobertage, an denen das Berliner Klima so reich ist, draußen die Villen, die Gärten, die freien Felder des Vorortes und die dunkle Linie des Grunewaldes vorüberfliegen sah.

»Wechsle den Ort und du wechselst das Glück«, hatte Cousin Diamant getoastet. Und wahrhaftig, sie konnte es brauchen. Gespannt, gequält, oft voll mühsam unterdrückter Ungeduld, so war ihr in letzter Zeit immer öfter zumute gewesen. Und sie hatte oft das Gefühl gehabt, als müsse sie irgend etwas zerschlagen, etwas, das sie von ihrem Schicksal fern hielt, das ihr verwehrte, sich frei den Dingen zuzuwenden mit dem Willen, das Gute in ihnen aufzufinden. Und sie wußte nicht, was es war. Der Gedanke, ihre gebundenen Willensgeister in eine Stätte zu verpflanzen, wo sie sich freier tummeln, wo sie in irgendeiner Weise ihrer Wirkung zuwachsen konnten, war immer stärker in ihr geworden. So hatte sie sich für Berlin entschlossen. Eigentlich programmlos kam sie in die Weltstadt, die ihr wie ein wunderbar weites Asyl für die »Obdachlosen« erschien, – für die, die nicht in irgendeiner Tradition wurzelten, die keinem geliebten Boden verpflichtet waren, die keine andere Nationalität verkörperten, als die des Weltbürgers deutscher Sprache und nichts wollten, als sich tummeln und ihre Kräfte regen. Bedrängt von Verwandtenfürsorge, beengt von schematischen Konventionen, begrenzt und beobachtet, mißtrauisch belächelt, zu Verformungen gezwungen, die sie belästigten, – so hatte sie in Wien gelebt, und darum hatte die Luft dieser als so anmutig und gemütlich geltenden Stadt sie bedrückt; und immer hatte sie gedacht: da draußen im Reiche, in dieser großen Hauptstadt, da sind die Wege weiter. Da finden sich Wäge- und Prägestätten für Willenskräfte, und da kann man besser – untergehen, weniger begafft, wenn es zum Bestehen nicht reicht. Mit derselben Gleichgültigkeit, mit der diese weite Stadt deinen Untergang duldet, läßt sie dir auch alle ihre Wege offen, die zu deinem Ziele führen. Rühre dich, werde oder vergehe, so spricht diese Stadt. Nicht wie jene andere, die sie verlassen hatte, die da sprach: – friste dich ...

Es war ihr geglückt, für einige österreichische Blätter zu zeitweiliger Berichterstattung über die deutsche Frauenbewegung, wenn auch auf unverbindliche Art, aufgefordert zu werden. Sie sollte Versammlungen und Kongresse besuchen und darüber referieren. So unverbindlich dieses Engagement auch war, – es war doch ein kleiner Verbindungsweg, der aus der Isolierung hinüberleitete in die Fülle des Zusammenklangs sozialer Kräfte und sie gerade hineinführte in die Sphäre, mit der sie sich durch Strömungen bedeutender Art verbunden fühlte. So war ihr Programm dieses: äußerlich die Wege zu suchen, die für diese Bewegung die wichtigsten Bahnen bedeuteten, genaue Kennerschaft auf diesem Gebiet zu erwerben und so, neben äußerer Tätigkeit, mehr und mehr auch zu innerer Deutlichkeit über ihre eigene Stellung zu diesem Phänomen zu gelangen, über die Gründe ihrer Auflehnung gegen so manches Dogma jener neuen Anschauung, welche mit der Frau als einem selbstverantwortlichen und selbsttätigen Wesen rechnete, und über ihre Ahnungen, die sie manchmal mehr beunruhigten, als befreiten. Der Schwerpunkt der ganzen Frage schien ihr nicht im Brotkampf zu liegen, – wenn auch dieser Kampf unvermeidlich war. Es schien ihr vielmehr, als bedürfte es einer sozialen Gestaltung, die vor allem mit dem Muttertum rechnete, – freilich noch in einem anderen Sinn, als dies bisher geschehen war, wonach die hohe, wirtschaftliche Belastung des Mannes vorausgesetzt und damit die Frau zur Unfreien und Werbenden gemacht wurde. Der Kern der ganzen Frage lag für sie in dem noch ungelösten Problem einer Vereinigung des der Frau, insbesondere der Mutter, notwendigen Schutzes mit der ihr ebenso notwendigen Freiheit der Selbstbestimmung. In dieser Synthese sah sie die wichtigste Aufgabe der Bewegung. Zag lagen diese Gedanken in ihr, warteten auf das entscheidend Gestaltende, das ihnen Wachstum und Deutlichkeit bringen sollte.

Und dann war noch manches in ihr, das sie selbst betraf, so manche Unruhe, von der sie sich hier frei machen wollte, mit all der Kraft, mit der sie das Schicksal bedacht hatte. Da war die Angst vor der Armut, die sie sich selbst kaum eingestand, die Angst vor irgendeinem obskuren Schicksal, das den Willen kleinlich in eine Ecke drückte. Da war die Sehnsucht, irgend einmal festen Grund unter die Füße zu bekommen, irgendeinen Platz im Leben deutlich zu besetzen, irgendwo Zugehörigkeit zu erwerben, Besitzrechte, Pflichten. Sonderbar erschien es ihr manchmal, daß sie mit ihrem persönlichen Schicksal so vollkommen in der Luft hing, daß es sich ihr noch in keiner Weise geoffenbart hatte. Ihre äußere Existenz lastete auf den Schultern eines Greises; aber sie trug nicht die finstere Sicherheit des Bruders in sich, die düstere Überzeugung – zu erben. Sie war länger zu Hause geblieben als er und teilte seinen Optimismus über die Lage des Vaters nicht. Auch die für ihre Großjährigkeit versicherte Summe, deren Zinsen ihr der Vater auszahlte, hatte er ihr nicht ausgeliefert; sie wagte nicht, danach zu fragen, aber sie fürchtete, daß auch dieser kleine Betrag in seinem Geschäft angelegt war. Sie wußte, daß der alte Mann weniger und weniger seinen Besitz mit der starken Hand zusammenzuhalten vermochte, die notwendig war, ihn vor Räubern zu schützen. Und so war immer die Bangigkeit in ihr, vielleicht auch das Wenige zu verlieren, das sie bis jetzt hatte, ohne irgendwie zur Selbsterhaltung gerüstet zu sein, – in die typische Elendsituation der »allgemein gebildeten« Frau gestürzt zu werden, die dann eine Stelle sucht, als Gesellschafterin »oder« Erzieherin »oder« Kontoristin »oder« Reisebegleiterin, die bettelnd vor den Wohnungen der Stabilen, Gesicherten steht, um ihnen irgendwelche sehr ersetzbare und wenig notwendige Dienste zu leisten. Lähmende Furcht überkam sie, wenn sie an solche Möglichkeiten dachte. Ach, – nur so viel erringen mit freier Arbeit, um in einem Stübchen bescheidenster Art sich täglich einmal satt zu essen, – aber frei bleiben, reinlich für sich, ohne auf das Sklavenbrot in fremden Familien angewiesen zu sein oder in der Tretmühle eines Geschäftshauses verbraucht zu werden.

Neben dieser Angst vor der Armut überwallte sie so manches Mal ein heißer Gram über ihr erdrücktes Frauenschicksal, dieses eisige Nichts, das ihre Wünsche schwer umschloß, daß sie hart und starr eingekapselt blieben, wie feste, grüne, unerschlossene Knospen, denen kein Sonnenstrahl dazu verhilft, sich zu öffnen und zu blühen. Manchmal tauchten ihr Zusammenhänge auf, die ihr plötzlich die Gründe dieser seltsamen Lage deutlich erscheinen ließen und die merkwürdig mit jenen Ahnungen zusammentrafen, die ihr, unabhängig von ihrem persönlichen Erleben, die tiefsten Motive der Frauenbewegung erhellten. Aber sie fürchtete sich, über ihr persönliches Schicksal zu grübeln. Noch war sie stark genug, diese dunkeläugigen, düster umwallten Fragen fortzudrängen, wenn sie sich, wie Phantome, an sie herandrängten. Noch war sie stark genug, zu sagen: rege dich, rühre die Hände, greife nach dem Nächsten, wenn diese Dämonen dich bedrängen. Und sie schob sie immer wieder von sich, mit starker Hand, in der der Wille noch wirkte.

 

* * *

 

Eine Menge peinlicher Beschwerden erwarteten sie bei den ersten Versuchen ihrer Niederlassung. Mit ihren knappen Mitteln konnte sie nur schwer ein besseres Mietszimmer finden, und in der Berliner »möblierten Wirtin« lernte sie eine Spezies kennen, die sie bald fürchtete. Da wurde jeder Handgriff, jede Kanne heißen Wassers, jede abgespülte Teetasse separat auf Rechnung gesetzt. Dann mußte sie Tag für Tag ausgehen und in den Restaurationen nach billigen Menus suchen, die noch immer für sie viel zu teuer waren. Auch Stanislaus hatte erst nach längerem Aufenthalt in Berlin eine Stube gefunden, deren Wirtin ihm ein genießbares Essen zu einem erschwinglichen Preise bot. Bei dieser Frau konnte Olga nicht mehr unterkommen, auch liebte sie die Gegend nicht, das weite Straßenmeer von Charlottenburg mit seinen langen und breiten Straßenzügen und den riesigen Plätzen, bei deren Überquerung man müde wurde. Viel besser gefiel es ihr in den westlichen Villenvororten, und sie beschloß, so bald als möglich in eines jener landhausartigen Mietshäuser zu ziehen, die mit ihren einfachen Fassaden und der raumgebenden, offenen Bauweise, welche zwischen Haus und Haus Gartenflächen legt, so anziehend wirkten. Freilich war sie, wenn sie da hinauszog, dem Tiergarten entrückt, in dessen Nähe sie vorderhand wohnte. Alle ihre Wege »nach der Stadt« wie sie, nach Wiener Art, immer noch die Hauptstraßen Berlins nannte, nahm sie zu Fuß durch den Tiergarten, und dieser große, wunderbare Park, der da mitten im Herzen der Weltstadt wie eine grüne Zuflucht liegt, entzückte sie, wie niemals eine Wiener Parkanlage. Sie liebte diesen reichen, wechselvollen Baumbestand, diese gebogenen Fußwege, diese zahlreichen Wasserflächen, die die Luft so zart, so durchsichtig und frisch erhielten, ja, sie liebte vor allem diese Luft, dieses Klima von Berlin und besonders die Atmosphäre des Tiergartens. Und daß er so mitten drin in der Stadt lag, schien ihr das Schönste. Denn was hat man von einem Park, dachte sie, zu dem man erst eine lange Reise unternehmen muß.

Trotz ihres Alleinseins in ihren ersten Berliner Wochen fühlte sie sich doch nicht einsam. Auch den Bruder, der mit der Fertigstellung seines Buches beschäftigt war, sah sie nur selten. Sie hatten verabredet, daß sie vorderhand voneinander nicht mehr Notiz nehmen wollten, als gute Bekannte, die zufällig in derselben Stadt sind, daß keiner dem anderen durch seine Anwesenheit Verpflichtungen auferlegen sollte. Und er hatte ihr erklärt, daß es mit der Zeit hier in Berlin ein ganz anderes Ding sei, als in Wien. Die Menschen verteidigten hier ihre Zeit viel schärfer. Durch die großen Entfernungen sei die Zeit hier ein kostbares Gut, auf das man sehr gut achten müsse, damit es einem nicht unter den Fingern zerränne. Die Leute, die hier arbeiten wollten, hatte er gesagt, die säßen nicht täglich nachmittags im Kaffeehaus und machten einander nicht wöchentlich ein paarmal Besuche. »Mitten im Gewimmel verkapselt sich jeder, der etwas leisten will, in eine viel dichtere Einsamkeit, als du es von Wien aus gewohnt bist.« – Und in diesen ersten Wochen dachte sie manchmal an den pathetischen Pankratius, wie er mit seinem tiefen Baß weintrunken verkündet hatte: »Der moderne Prophet geht in die Wüste der Weltstadt.«

Und so lernte sie es, allein zu sein und auch Mußestunden allein zu genießen. Neugierig durchstreifte sie manchmal die Straßen und immer hatte sie das fröhliche Gefühl: allein, allein, – keine Seele erwartet dich, niemand kritisiert deine Kleidung, findet dich zu wenig modern kostümiert, zu wenig »adrett«, zu bequem. Du hast hier keine überflüssige, zeit- und geldraubende steeple-chase eines konventionellen Geschmackes mitzumachen, kannst hier umherlaufen, wie du bist und als was du bist. Und sie summte so manches Mal, mitten im Getriebe der Straße, ein altes Couplet vor sich hin, daß sie draußen, in Grinzing, von Volkssängern gehört hatte:

 

»Und sollte auch mein Hemd
Durch tausend Löcher schimmern,
So hat sich doch kein Mensch, – kein
Mensch darum zu kümmern.


Und sollte ich dereinst
Auch in der Hölle wimmern,
So hat sich doch kein Mensch, – kein
Mensch darum zu kümmern.« – – –

 

Wenn sie ordentlich gebummelt und sich ganz berauscht hatte an diesem Gefühl der Geborgenheit, das ihr die Fremde der Weltstadt gab, dann landete sie gern im »Erfrischungsraum« eines großen Warenhauses, vergönnte sich da Kaffee und Kuchen und setzte sich dann ins Lesezimmer des Hauses. Eine Menge Zeitungen standen da zur Verfügung. Am liebsten saß sie am Fenster, – an einem jener hohen Fenster, die von außen wie ohne Brüstung scheinen, durchgehend aus Spiegelscheiben bestehen, über alle Stockwerke hinweg nur durch die Zwischendecken getrennt sind und wie Schaufenster wirken. Dort saß sie, hoch oben im dritten Stock, bequem in einen großen Klubfauteuil gedrückt, und blickte hinunter, in die jetzt schon zeitig beleuchtete Straße, in der das Leben auseinanderfloß und sich doch wieder verknüpfte, mit scheinbar nie stillstehender Hast und doch ohne Gedränge, doch geordnet, als wäre hier alles auf Geleise geleitet, auf denen es seiner Bestimmung und seinem Ziele zurollte. Diese große, elegante Korsostraße des Westens gefiel ihr gut, wie sie, von modernen Mietspalästen flankiert, breite Trottoire bot, – Bürgersteige hieß es hier, – neben denen blanke Asphaltstriche liefen, auf denen sich der Wagenverkehr mit gedämpftem Geräusch abwickelte, die wieder von je einem Geleise für die elektrische Bahn begrenzt waren; und ganz in ihrer Mitte wurde die Straße zur Doppelallee, die auf der einen Hälfte ein breiter Fußpfad, auf der andern ein Reitweg war. Ein Ziergitter, von Weinranken und roten Geranien umschlungen, wie man sie hier auch im Herbst noch als hängende Riesenbuketts auf den Balkonen sah, zog sich, in geschmeidiger Linie, zwischen den Bäumen. Tunnelartige Höhlen, aus denen die Hoch- und Untergrundbahn, die streckenweise unter der Erde blieb, aus der Tiefe heraufkam, durchbohrten das Niveau der Straße. Wie herausgeschleudert aus der Versenkung schoß sie auf ihre Brücke hoch in die Luft, während ihr eine andere entgegenkam, von der Höhe heruntersauste und unter dem Pflaster verschwand.

 

* * *

 

Von Stanislaus kam eine gute Nachricht. Sein Buch war vollendet, und er bat die Schwester, jetzt über ihn zu verfügen. Er hatte sie, solange er in diese Arbeit versponnen war, auf sich selbst verwiesen. Nun war das Werk vollbracht, er war erleichtert und lobte im Stillen ihre brave Zurückhaltung. Er bat sie nun, ihn bald aufzusuchen. Sie war froh, sich ihm anschließen zu dürfen, und froh vor allen Dingen, zu hören, daß die große Arbeit vollendet war.

Stans Stübchen trug nicht mehr so sehr den Stempel des Provisorischen. Man sah, daß er hier schon längere Zeit wohnte. Eine große Büste Schopenhauers und jenes Bildnis des schon mit Wahnsinn geschlagenen Nietzsche, mit dem erschütternden, gebrochenen Blick, nahmen dem Zimmer seinen Charakter als möbliertes Wechselquartier. Neben dem Nietzsche hing freilich ein gewöhnlicher Druck, der »Die Jagd nach dem Glück« darstellte.

»Warum hast du das dagelassen?« fragte Olga.

Stan lächelte. »Ich habe eine Vorliebe für primitive Genrebilder, die, in populärem Geschmack, typische Vorstellungen veranschaulichen.« So standen sie beide vor dem Bild und besahen es gedankenvoll.

»Es hätte wohl auch ›Überritten‹ heißen können«, meinte Olga.

Das Roß, daß das Glück trug und mit wehender Mähne und irrsinnigen Augen dahinraste, ließ Menschenleiber hinter sich und unter sich liegen, und mit den Hufen seiner Vorderbeine berührte es fast den stolzen Körper einer Frau, die niedergestreckt, aber noch mit begierig erhobenem Arm, auf dem Boden lag.

Stanislaus führte sie zu seinem Schreibtisch, einem bequemen Möbel, das einen beträchtlichen Teil des kleinen Zimmers in Anspruch nahm, und zeigte ihr freudig die ordentlich aufgeräumte Platte.

»Da war bis vor wenigen Tagen ein Wirrwarr von Papieren und Büchern, an denen nicht gerührt werden durfte. Aber jetzt habe ich endlich – buchstäblich – tabula rasa gemacht. Heute habe ich geräumt«, sagte er, »und den Tisch abgestäubt. Das ist die Ernte«, und er wies auf einen großen, sauber aufgeschichteten Manuskriptstoß, eine Maschinenabschrift seines Werkes. »Und hier«, er deutete auf einen zusammengescharrten Haufen beschriebener und durchgerissener Zettel, »ist der Abfall. Weißt du, was eine der – reinsten Freuden des Schriftstellers ist? Das Zerreißen und Wegwerfen dieser Zettel. Es ist, wie wenn man ein Gerüst einreißen darf, weil endlich der Bau fertig ist. Das hier«, – er deutete auf den Papierkorb, – »ist mein bester Freund.« Und er nahm den großen Stoß zerrissener Zettel und stopfte ihn, mit vergnügtem Lächeln, seinem Freunde in den Schlund. »Ich habe die gute Idee gehabt,« erzählte er, »mich auch in letzter Zeit von meinem Herrn im Grunewald, zu dem ich sonst fast täglich gehe, um ihm vorzulesen, zu beurlauben. Und in den vierzehn Tagen, die er mir als Pause bewilligt hat, konnte ich meinen Gedanken freie Audienz geben, – eine feine Sache das.«

»Hast du denn schon einen Verlag für das Buch?« fragte Olga.

»Ich habe beinahe abgeschlossen«, erwiderte er.

Sie setzten sich auf das ripsbezogene, grüne Familiensofa, hinter den runden Tisch, und er erzählte von den Verlagsverbindungen, die er angeknüpft hatte. Ein polemisch-essayistisches Buch, wie das seine, war kein so beliebter Verlagsartikel wie ein guter Roman. Und nun dieses Buch, das alle Torheiten, alle Verirrungen der Moderne registrierte, – und das doch an ihre Zukunft glaubte, aus dem neben einer Kritik, die die Stoffe fast mit chemischer Präzision auseinander löste, doch eine große Liebe sprach, eine Liebe zu diesen Ringenden, die an ihrer Übergangsmission litten, – dieses Buch hatte es nicht leicht.

Nun wußte er es in den Händen eines vornehmen Verlages und sollte eine für seine Verhältnisse ansehnliche Summe als à Conto-Zahlung für die erste Auflage vorausbekommen. Diese klingende Anerkennung trug auch dazu bei, den sonst so stillen Menschen in fröhliche Laune zu bringen.

Sie sprachen von den verschiedenen materiellen Aussichten der Schriftsteller.

Stanislaus meinte: »Da kann man schön saubere Kategorien machen. Es gibt Schriftsteller, die enorm verdienen. Dann gibt es solche, – die verdienen, dann solche, die etwas verdienen – und zu denen gehöre ich – dann kommt eine Kategorie von denen, die wenig verdienen.«

»Das ist also die letzte Schicht«, meinte Olga.

»O nein,« entgegnete Stanislaus, »jetzt kommt Abschnitt zwei: da sind erstens die, die nichts verdienen, aber auch nichts bezahlen. Dann zweitens die, die viel bezahlen dafür, daß ihre Werke gedruckt werden, und drittens endlich jene, die, trotzdem sie bezahlen möchten, dennoch abgewiesen werden.«

»Das ist ja eine prachtvolle Einteilung. Aber wie willst du alle diese Leute nach ihrer inneren Bedeutung kategorisieren?«

»Wenn wir jetzt öfters ausgehen, mal abends ins Café, wo ich Bekannte treffe, da wirst du sie alle finden, – solche, die etwas zu sagen haben, was die anderen angeht, was vielleicht die Zukunft angeht, andere, die nur dem Tag geben, was des Tages ist, und wieder andere, die sich überhaupt nicht mitteilen, die nur ›für sich‹ schreiben, unbekümmert um alles, was in der Zeit kämpfend aneinander klirrt, die nichts ›brauchen‹ von dieser Zeit, von ihr nicht belehrt werden, ihr nichts zu geben haben und im Stübchen Blatt um Blatt füllen, mit Eingebungen, für welche sie selbst nicht das Interesse der Zeit anwerben, zumindest nicht nach einigen erfolglosen Versuchen.«

»Und du?«

»Ich? Ich sehe mit sehr viel Interesse auf das Bild um uns, wie es sich durcheinanderschiebt, verdichtet, ergänzt, auflöst oder erneut. Und ich habe Beziehungen zu diesem bewegten Bilde.«

Er bereitete den Tee, holte Tassen aus der Kommode, Olga deckte den Tisch, und so saßen sie, wie gute Freunde und echte Lebenskameraden, die es wohl miteinander meinen, ihre Pläne voreinander entwickeln, zusammen.

»Übrigens habe ich bei dem Verlag einen Menschen kennen gelernt, der mich sehr interessiert und mit dem ich nun öfters zusammenkommen werde. Er hat hier Brot gefunden, – es ging ihm früher schlecht, – sehr schlecht.« Sein Gesicht verdüsterte sich. »Trotzdem wir eigentlich auf zwei ganz verschiedenen Lagern stehen, hat er sich sehr an mich angeschlossen. Seit ich mit dem Buch fertig bin, kommt er fast täglich abends, mich zum Spazierengehen abzuholen.«

»Und ist dir das recht?«

»Nun, ich kann viel allein sein; ich brauche die tägliche Aussprache weniger, als dieser Mann.«

»Und warum braucht er sie?«

Stanislaus lachte. »Wenn du ihn erst kennen wirst, wirst du das nicht mehr fragen.« Und er berichtete ihr, was er von Werner Hoffmann wußte. Trotz der kurzen Bekanntschaft hatte der ihm nicht nur seine äußeren Lebensschicksale erzählt, sondern ihm, mit leidenschaftlicher Eindringlichkeit, in die Konflikte seiner Seele Einblick gegeben. Ein besonderer Kampf war es, der seine Kräfte vor allem beanspruchte. Eine scharf ausgeprägte Doppelseitigkeit der Instinkte erschwerte ihm die planvolle Gestaltung seiner Gaben und den Ausbau seines Lebens. Er, der jede Beschränkung des Einzelichs, zum Wohl der Gesamtheit, abwies, der am liebsten sagte: »was habe ich mit der Gesellschaft zu tun«, hätte persönlich jene Einrichtungen, die sich aus sozialisierenden Strebungen ergeben, am nötigsten gebraucht. Stipendien und volkstümliche Sanatorien hatten ihm wiederholt weiter geholfen, wenn er, wundgeschlagen, im Getümmel zusammengesunken war. Aber er erkannte nicht die Zusammenhänge gesellschaftlicher Vorkehrungen mit den Prinzipien der Behütung der Persönlichkeit. Er nannte sich einen Ichlichen, der »sein Sach’ auf nichts gestellt« habe, – ohne zu wissen, wie sehr er selbst auf dem Boden stand, der allen gehörte. In sozialer Reformarbeit sah er nur eine Verflachung des Daseins, ohne die Ahnung, daß die Gesellschaft diese Organisationen erschuf, – um dem Einzelnen Luft zu machen. Widerspruchsvoll, wie in allem, hielt er sich für einen »Einsamen« – und entbehrte doch schwerer als sonst jemand, wenn er auch nur einige Zeit lang ohne den Anschluß an ähnliche blieb. Zweiseitig war er auch in seinen Begierden. Ein fast fanatischer Trieb führte ihn zeitweilig zu scharfer Selbstzucht und Buße, – »zur Übung wider sich«, wie er es nannte, – zur Askese; er züchtigte sich dann mit diesem Trieb, wie der Mönch, mit der siebenfachen Knute. Dann wieder stieg die Verachtung vor solchem »Unterliegen« in ihm auf, und nur der »Herr« schien ihm der Berechtigte dieser Erde, – nur der, der kaltblütig den Genuß als sein Erbe kassierte. So lockte ihn die Verführung von ihren beiden entferntesten Polen, ließ ihn unendliche Strecken immer wieder neu durchmessen und narrte ihn mit zwiespältigen Süchten. – In diesem Sinn hatte er auch das Weib erlebt: bald suchte er den »Dämon«, der durch Wollust vernichten und erlösen sollte, – bald sah er sein Ideal in der »Witwe« im Sinne des Tertullian, – »durch Glauben schön, durch Armut ausgesteuert, durch Alter besiegelt,« – weise, streng und »fromm« im unerbittlichen Lebensernst. So schwankte er zwischen den Idealen von äußerster Freiheit und strengster Überwindung und hatte in keinem Zustand ein gutes Gewissen.

So erzählte Stanislaus seiner Schwester. Es war dunkler geworden, die Wirtin, ein alleinstehendes, altes Fräulein, hatte die Lampe auf den Tisch gestellt, und die »Schwester« verstohlen von der Seite betrachtet. Hätte sie ihren Mieter nicht als den solidesten möblierten Herrn gekannt, der jemals ihre gute Stube bewohnt hatte, – sie wäre mißtrauisch geworden.

Olga hatte der Schilderung ihres Bruders mit großen Augen gehorcht.

»Und sein Beruf?«

»Seine Stelle als Lektor gibt ihm wenig Befriedigung.«

»Warum bleibt er dann dort?«

»Er war dem Verhungern nahe, als er endlich diese Stelle bekam.«

»Und was ist er – eigentlich?«

»Er unterbrach sein Studium der Philosophie, als sein Vater starb und ihn arm zurückließ; er begann dann zu schreiben; aber trotzdem er sogar Beachtung fand, – als einer, der das Wort eng und tief faßte, – fristete er sich damit nur eine Zeitlang; eines Tages konnte er nicht weiter, – erschöpft, mit überhetztem Gehirn, brach er zusammen.«

Erregt ging Stanislaus in der Stube auf und ab. »Wer hilft einem verhungerten Schriftsteller? Der Lohnarbeiter ist organisiert, hat Kranken- und Streikkassen, klebt Marken für Alter und Invalidität; aber unsereins kann an Hungertyphus zugrunde gehn, wenn der Betrieb mal stockt.«

»Ich möchte ihn kennen lernen«, sagte Olga.

»Er geht jetzt nur selten unter neue Menschen. Wie er sagt, fühlt er sich momentan zu geschwächt, um sich an andern zu behaupten.«

»Und er schreibt nicht mehr?«

»Soviel ich weiß, – kann er es nicht mehr.«

»Kann er es nicht, da er es früher konnte?« Sie sah den Bruder fragend an. – »Wie ist das zu verstehen? Hat er keine Ideen, keine Stoffe mehr?«

»Im Gegenteil« ... Stanislaus schwieg, als suche er für das, was er berichten wollte, die eindringlichste Erklärung. Nachdenklich fuhr er dann fort: »Im Gegenteil; eigentlich ist Hoffmann zum Schriftsteller berufen; fast täglich kommt er mit neuen Plänen, und zahllose Stoffe drängen sich im Vorbezirk seiner Phantasie.«

»Aber?«

»Aber – da ist irgendwo ein Hindernis. Denn diesem Gedränge steht – wie soll ich sagen – eine Art von unnachgiebiger Hemmung gegenüber, ein unbesiegliches Unvermögen, sich dem Stoff auch nur zu nähern. Er müßte, wenn er seiner Tintenscheu überhaupt Herr würde, unbedingt immer beginnen: Zögernd ergreife ich die Feder.«

»Und was geschieht mit diesen zurückgedrängten Ideen? Verpufft das alles in nichts?«

»Nicht ganz. Manchmal kommt es unter der Einwirkung von starkem Kaffee, Nikotin, Menschen- und Zigarrendampf und einer auf die Nerven tastenden Geselligkeit zur Entladung. Im Caféhaus turnen dann die Energien, und dem Expansionsdrang des geistigen Gewebes wird da genügt. – – Ein solcher Exzeß, vereinzelt, wäre noch nicht schlimm; geschieht das aber regelmäßig, so treten bald alle Merkmale einer schlecht funktionierenden Phantasie auf, – die entweder leer ist, oder so überfüllt, daß sich ihr Inhalt verknäuelt.«

»Du sagtest da vorhin etwas von Tintenscheu, – wie meinst du das?«

»Nun, zuzeiten laufen die Gedanken, – wenn man es unternimmt, sie bis zur Spitze der Feder zu treiben, – auseinander, wie eine Schar Gänse, in die ein Hund hineinspringt ... der Tintentegel wirkt dann so unheimlich, wie ein Instrument der schwarzen Magie; ... ein Zustand, den jeder Schriftsteller kennt; – nur darf er, wie gesagt, nicht chronisch werden, und der Bann dieser Magie muß sich rechtzeitig sprengen lassen.«

Olga dachte, daß sie diese Angst vor der Tinte – was sie selbst betraf – recht gut begreifen könnte; hatte sie doch immer ein Widerstreben dagegen, auch nur die Hauptgedanken eines Vortrags aufs Papier zu bringen. Ihr Mittel war das gesprochene Wort; aber bei einem, der schreiben wollte und sollte, mußte das doch anders sein.

»Vielleicht fehlt es deinem Freund vorübergehend an Stimmung«, meinte sie.

Stanislaus lächelte. »Um sich selbst ganz zu besit zen, – also zur produktiven Arbeit, – braucht man nicht so sehr eine besondere, positive Stimmung.«

»Was sonst?«

»Ein gewisses Maß von Freiheit; und dies fehlt ihm.«

»Du meinst Freiheit von – Bedrängnissen? Seelischen, moralischen und vielleicht auch ökonomischen Bedrängnissen?«

Zögern sagte er: »Ja, – ein gewisses Maß von innerer Freiheit braucht man.« Und leise, dumpf, fügte er hinzu: »Vielleicht auch von sinnlichen Bedrängnissen.« Er schwieg, blickte nieder, und die Hand schob unruhig den Teelöffel am Tischtuch hin und her, daß er leise gegen die Tasse klirrte.

Es läutete. Draußen wurde die Korridortür geöffnet, und gleich darauf klopfte es an die Tür von Stanislaus Zimmer.

Einen breitkrämpigen Filzhut tief in die Stirn gedrückt, in eine Lodenpelerine gehüllt, so trat der, von dem die Rede gewesen, ein. Er war nur wenig über Mittelgröße und von gedrungenem Wuchs; das Gesicht war bleich, länglich, bartlos, und große, dunkle, beinah kindliche Augen blickten sanft und traurig unter dem weißen Bogen der Stirn. Die Mundwinkel hingen ein wenig müde herunter, und die breite Unterlippe schien beim Sprechen manchmal zu zittern.

Stanislaus hatte ihm von der Anwesenheit seiner Schwester in Berlin erzählt; aber Hoffmann hatte das, nach Art stark mit sich selbst beschäftigter Menschen, überhört. Nun begrüßte er sie unfrei und schien von ihrer Anwesenheit beengt.

Stanislaus lenkte das Gespräch sogleich auf ein Gebiet, das einen Plan betraf, den er für Hoffmann ausgedacht hatte. Da dieser als Lektor eines großen Verlages Gelegenheit hatte, eine Menge literarischer Arbeiten von Interesse und Wert, die aber für die nach festen Plänen begrenzten Ziele des Verlages nicht geeignet waren, kennen zu lernen, so hatte ihm Stanislaus geraten, aus diesem Material, das ihm da von selbst zufloß, solche Arbeiten auszuwählen, die sich unter einem besonderen Gesichtspunkt als einheitliche Serie sammeln ließen, und diese Sammlung systematisch zu ergänzen. Er dachte an eine Ausgabe verschiedener Kulturdokumente, die für das Wesen der Epoche bezeichnend waren. Diese Serie sollte etwa unter dem Titel »Stimmen der Zeit« fortlaufend erscheinen, und der Herausgeber würde so Gelegenheit zu einheitlicher redaktioneller Tätigkeit finden und auch seine Einnahmen wesentlich vermehren.

Hoffmann hatte im Caféhaus mit Interesse den Plan aufgenommen und darüber nachzudenken versprochen. Mit einer müden Handbewegung lehnte er nun ab. »Wozu noch eine Brockensammlung mehr«, meinte er. »Den Snobismus zu mehren, wird gerade genug getan. Warum auch da mitmachen?« – – –

»Solche Brocken, wie Sie es nennen, sind nicht immer das Schlimmste. Sie können solchen, die von manchem Strom, der durch die Gegenwart drängt, erfahren möchten, – ohne Zeit, oder Kraft, oder Schulung genug zu haben, zu allen Quellen selbst herabzutauchen, – helfen, ihr Wissen in Parenthese zu ergänzen oder anzuregen, und das ist schließlich kein Übel.«

»Eine Wirkung auf das Volk, die allein eine solche auszugartige Bearbeitung des Materials rechtfertigen würde, ist durch diese Publikationen nicht gegeben, weil sie nur die Sprache der Informierten sprechen.«

Überrascht blickte Stanislaus über den Tisch in das bleiche, nervöse Gesicht. Seit wann wollte Hoffmann etwas für das Volk?

»Ich staune über ihre Verkennung der Wege der Wirkung«, sagte er dann.

»Wieso?«

»Nun, es gibt doch offenbar zwei solche Wege: den direkten, kürzeren, jäheren; und den andern, – dessen Linien sich sozusagen serpentinenartig nach unten verbreitern und der vielleicht die echtere Destillation verspricht. Sie können direkt zum Volk sprechen, in seiner Sprache, – können es mit Resultaten überfallen, ihm ausgefüllte Werttabellen in die Hände stecken; oder aber – der andere Weg, der serpentinenartige: jeder »Informierte« spricht zu der ihm nächsten Schicht, und sobald der Stoff nur die gehörige Beweglichkeit hat, – dringt er weiter, tiefer, und nähert sich allmählich der tiefsten und breitesten Schicht des Volksbewußtseins; und das, was auf diesem Wege endlich da hinunter gelangt, – ist wohl eine Art Auslese in bezug auf Stoßkraft und Beweglichkeit; was nicht so weit kam, blieb wohl oben – auf den Kehren – liegen.«

Mit Hoffmann horchte auch Olga, und in diesem Augenblick wurde ihr klar, daß auch das, was sie vielleicht zu sagen haben würde, diesen weiteren, mühsameren und gefährlicheren Weg passieren mußte.

Hoffmann blickte ernst, und seine dunklen, tiefen Augen leuchteten in ihrem sanften Glanz.

»Und doch geht auf dem andern, dem jäheren, direkteren Wege – nicht nur der derbere Tritt«, sagte er.

»Sondern?«

»Sondern auch die Liebe. Die ganz einfache, ganz direkte Liebe zu den Massenhaften – zu denen, die da sind, – wie immer sie da sind.«

»Und Sie, – seit wann wissen Sie von dieser Liebe?« fragte Stanislaus.

»Ich weiß von ihr, wie von einer unbegreiflichen Erscheinung. Kein größeres Wunder weiß ich, als daß es solche Liebe gibt.«

Olga beugte sich vor: »Warum, – warum ist Ihnen Menschenliebe so unbegreiflich, so wunderbar?«

»Das ist sie«, entgegnete er und blickte die Fragende voll an. »So sehr ich begreife, daß man die Idee liebt, die Idee vom schönen und vollkommenen Menschen, – so rätselhaft erscheint es mir, daß es Herzen gibt, die warm und hingebend schlagen für das, was da ist, wirklich da ist, unschön und mangelhaft da ist, – für all das Unzulängliche und Elende. Und es gibt solche Herzen, – Christus war – er ist kein Märchen.«

Er schwieg, und seine Augen verschleierten sich tief. Dann fuhr er fort: »Auch das Unzulängliche lieben, – nicht nur sich seiner erbarmen, – nein es lieben, – ohne Blindheit – in heller Erkenntnis – – das – das ist das Mysterium.«

»Und wie läßt es sich, Ihrer Meinung nach, deuten«, fragte Olga gespannt.

Hoffmann dachte nach und sagte dann: »Christus – oder unsere Vorstellung von ihm – war vollkommen an Leib und Seele. Wäre ich wie er, – ich liebte die Elenden auch. Aber da ich das Unzulängliche, als mein eignes Erbe, schleppe,« – seine Lippen bebten, – »wie kann ich es lieben? Beschäftigt, beladen bin ich mit mir,« fuhr er fort, wie gequält, als müsse er sich rechtfertigen, »und dem Grauen der Unendlichkeit steht für mich nur eins gegenüber – dieses: ›Ich bin‹. Für mich zumindest – bin ich.«

Stanislaus warf ein: »Der alte, egozentrische Aberglaube; richtiger wäre es, wenn Sie weiter gingen und sagen würden: ich – oder die Gattung.«

»Oho!«

»Jawohl, ich schmälere mich durch jede Abgabe an sie, – habe nichts zu geben,« – seine Stimme sank herab, – »bin ein armer Teufel.«

»Solch armer Teufel gibt es freilich genug,« erwiderte Hoffmann, – »und doch ist Ihr Axiom falsch; paßt nur für das dürftig Geboren ...«

»Das ist durchaus nicht so sicher«, wandte Stanislaus ein und blickte bedächtig über den schwarzumränderten Zwicker hinüber; »Hirn und Keimplasma bauen sich bekanntlich aus denselben Stoffen auf. Ein Mehr auf der einen Seite bedingt darum nicht selten ein Manko auf der andern; und so wären es nicht nur die Dürftigsten, die in diesem Sinn wenig Tribut zu zollen haben.«

Olga glaubte etwas Entscheidendes sagen zu müssen; aber kaum wollte sie es aussprechen, so verschloß ihr ein scheues Zögern den Mund; und so sagte sie nur: »Zumindest für die Frau liegt die Frage so, – daß auch die, die nicht überreichlich – Tribut zollen will, – doch zur Erfüllung ihres weiblichen Dienstes gelangen muß; denn dieser Dienst ist Notwendigkeit, – und nicht nur für die Gattung, – auch für sie selbst.«

Hoffmann hob seinen Blick zu Olga und ließ ihn ohne Scheu auf ihr ruhen. Seine anfängliche Beengtheit schien verschwunden. – Statt einer Antwort sagte er: »Wie alt sind Sie, Fräulein Diamant?«

So unvermittelt kam die Frage, daß sie in ihr Blut stürzte, es aufjagte und es hoch in ihr Antlitz trieb. »Sechsundzwanzig«; der Ton wurde, ohne daß sie es wollte und wußte, – bang.

Hoffmann sagte, wie zu sich selbst: »So, so; ein Mädchen von Sechsundzwanzig; ich dachte mir solch ein Mädchen anders.«

Olga raffte sich zusammen. Trotzig fragte sie: »Und wie dachten Sie sich solch ein altes Mädchen?«

Ernsthaft schüttelte Hoffmann den Kopf. »Nicht alt, o nein, das ist eine falsche Überlieferung; aber fertig, – im guten oder im schlimmen Sinn. Aber Sie – Sie wollen ja erst beginnen?«

Sie warf den Kopf, mit den schweren, roten Haarmassen, tief atmend zurück und fühlte plötzlich eine Welle über sich hinfluten, die einen Augenblick alles Schwere von ihrer Seele nahm. »So ist es,« flüsterte sie, »beginnen.«

 

* * *

 

Stanislaus kam von zuhause. Es war gegen Abend, und die Gaslaternen wurden eben angezündet. Langsam ging er, im abendlichen Zwielicht, die Kantstraße hinauf, diese breite und lange Zeile, die geradewegs aus dem menschendichten, wegeverknüpfenden Berlin hinauszurennen schien, in die weite Mark.

Er ging etwas vornüber gebeugt, in schlechter Haltung – und mit schlecher, sorgenvoller Miene. Er hatte noch keine neue Arbeit begonnen und ging viel spazieren. Und seit einer Reihe von Abenden immer nach demselben Ziel. – Vor einer eleganten Papierhandlung, – nicht mehr weit von der Einmündung der Straße an jenem Punkt des Westens, der »Am Zoo« heißt, – stand er still. Jeden Abend stand er lange vor diesem von gelbem Bremerlicht grell beleuchteten Schaufenster, in dem alle Utensilien seines Handwerks zwischen Luxusdingen, in prunkvoller Anordnung, ausgestellt waren; hier waren hochaufgeschichtete Briefkartons, glänzende, kristallene Tintenfässer, lederne Schreibmappen mit blanken oder matten Metallbeschlägen, kunstvoll arrangiert. Auch heute stand er vor diesem Schaufenster, warf aber, so oft er konnte, einen Blick durch die hohe Spiegelscheibe der Ladentür, ins Innere des Geschäftes. Er sah die große, überschlanke, blonde Verkäuferin, im schwarzen, knappen Kleid, mit weißen Manschetten an den Händen, hinter dem Ladentisch stehen, sah, wie sie lächelnd einem Herrn ein Päckchen reichte, das Geld entgegennahm, auf die Taste der automatischen Kontrollkasse drückte, und dem Käufer den kleinen Karton der Quittung übergab. – Mit Augen, die ihm brannten, sah er, über den Kneifer hinweg, auf dieses Ladenfräulein, mit den flüchtigen Zügen in dem zu kleinen Gesicht, dem nur die weit gebauschte Haarfrisur normalen Umfang gab.

Der Käufer trat aus der Tür, der Laden war von Kunden leer. Stanislaus trat ein.

Fräulein Miezes Gesicht verzog sich, und sie erwiderte unfreundlich seinen ergebenen Gruß. Stanislaus lehnte ihr gegenüber am Ladentisch.

»Darf ich Sie heute abend erwarten?«

»Mutter hat jesacht, das Spazierenjehn auf der Döberitzer Heerstraße muß ’n Ende haben.«

»Ich habe Sie ja oft gebeten, mir die Ehre zu schenken und mit mir in ein Restaurant zu kommen.«

Fräulein Mieze lachte höhnisch. »Das wäre noch schöner. Ein armes Mädel hat nischt wie sein’ Ruf, – und der wird nich besser vons Restaurangjehn.«

Er blickte sie wehmütig an.

»Warum sind Sie so scharf, Fräulein Mieze? Sie wissen doch, daß ich nichts will, was Ihnen schaden könnte, ... wir wollten uns doch ein wenig kennen lernen, – nicht?«

»Ich will Ihnen mal was sajen, Herr Doktoor.«

»Nur Diamant«, warf er ein.

»Wie Sie mir damals die scheenen Rosen schickten und dann selber ankamen und mich dann abends zum Spazierenjehn holten, – da dacht ich mir auch nischt Böses. Ich dachte mir, – der Mann hat ernste Absichten.« – – – Sie sah ihn herausfordernd an, und als er schwieg und sie nur traurig anblickte, rötete, sich ihr kleines, gelbliches Gesicht, und die hellen Äuglein blitzten zornig. »So’n Rumziehn habe ich nicht nötig, verstehn Se!«

»Warum, Fräulein Mieze,« er suchte schwer nach Worten, – »wollen Sie etwas – das erst langsam, – nach und nach – werden kann – – übereilen?«

»So! Nu wird’s Tach!! Hat der Mensch Tööne?! Übereilen!« Sie ahmte seine Aussprache nach. – »Daß Sie’s nur wissen, – mein Bräutjam is zurückjekommen.«

»Ihr Bräutigam? Meinen Sie den jungen Mann aus dem Milchgeschäft, von dem Sie mir erzählten?«

»Jawoll, – der bei Bolle war. Er is vom Militär zurück und macht sich selbständig; er hat jeerbt.«

Stanislaus streckte ihr, mit freundlichem Lächeln, die Hand hin. »Dann meinen herzlichsten Glückwunsch, Fräulein Mieze! Aber ist das ein Grund, böse zu sein?«

Sie nahm seine Hand und hielt sie fest. »Ich will Ihnen was sajen: ich hätte Sie – lieber jenommen wie den Aujust.« Fragend sah sie ihn an.

Er machte sacht seine Hand los. »Ich kann Ihnen das, was Sie wünschen – nicht versprechen.«

»Adschö, Adschö, Herr Doktoor!« kam es zornig vom Ladentisch.

»Adieu, Fräulein Mieze.« Er ging, gesenkten Kopfes, hinaus ...

Auch dieser »blonde Traum«, wie er sein kleines Erlebnis vor sich selbst genannt hatte, war nun auf grobe Art beendet. – – –

Seine Wünsche, das wußte er, fingen an, dunkle Wege zu gehn. Die geheime Enthaltsamkeit, in der er lebte, – derer er sich wie einer Schwäche schämte, die er nur einem Bruder anvertraut haben würde, wenn er einen besessen hätte, – fing an, ihn als etwas Unerträgliches zu bedrücken, – lockte ihn zu verwegenen Freibeutereien, die seiner Art nicht entsprachen. In diesem Mann, der sich bis heute des Weibes enthalten hatte, weil ihn der Unzucht gegenüber unüberwindliche Hemmungen schreckten, – mangelnde Triebkraft nannte er es bitter vor sich selbst, – glühte die Sehnsucht nach der letzten Erfüllung.

Abends nahm er sein Tagebuch vor. Er führte dieses Heft auf unregelmäßige Art, schrieb niemals Tatsachen ein, sondern, zeitweilig, die letzten Gefühle und Bekenntnisse, die ihm die Tatsachen vermittelten.

An diesem Abend schrieb er: »..Mein Schmerz gilt nur unmittelbar der Verfehlung meines eignen Lebens; in Wahrheit ist es der Schmerz des aus der Reihe Geworfenen. Und so suche ich das stärkste Willenserlebnis, – das mich über mich, als Einzelheit, beruhigen, mich von mir selbst, als isolierte Form, erlösen und mich, mit meiner Person, in Reih und Glied stellen würde ...«

Er warf die Feder fort, verwühlte die Hand in die überfallenden, langen Haarsträhnen und starrte lange, grübelnd, vor sich hin.



VIERTES KAPITEL
MENSCHEN

 

»Trahit sua quemque voluptas.«

                                                     Virgil.


Olga ging durch die Straßen des neuen Westens dem Tiergarten zu und wollte von da zur Stadt. Sie ging zu einer öffentlichen Versammlung eines »Bundes«, dem sie sich angeschlossen hatte. Diesem Bunde, der auf eine Veränderung der moralischen Wertungen des Sexuallebens hinarbeitete, gehörten Männer und Frauen in fast gleicher Zahl als Mitglieder und Gäste an, – intellektuelle Streiter, die die Frage, für deren voraussetzungslose Neudurchforschung sie sich verbündet hatten, als die verhängnisvollste für die Gesellschaft betrachteten. Die Gesetze der geschlechtlichen Sitten, aus deren Übung das menschliche Leben sich erneut, unter zwei Hauptgesichtspunkten zu revidieren, – das war die Aufgabe, die sich diese Vereinigung gestellt hatte. Diese führenden Gesichtspunkte galten dem Wohl der Generation, der Rasse im weiteren, – den natürlichen Antrieben des Individuums im engeren Sinne. Und die Fragen, die es zu erwägen galt, untersuchten die Bedingungen, die der Betätigung des Trieblebens des normalen Menschen in den Hochjahren seiner Zeugungskraft, innerhalb der gegebenen Ordnung geboten waren, – die Schäden und Leiden die sich aus der Mißachtung und Verformung dieser natürlichen Antriebe der normalen Geschlechtsnatur ergaben, – so wie die Ziele, denen zuzustreben war, um dem einzelnen ein normales Schicksal zu verbürgen und um der Gesellschaft die Erzeugung eines hochwertigen Nachwuchses zu sichern.

Alles öffentliche Durchsprechen sozialer Probleme hatte Olga bisher meist unbefriedigt gelassen; sie hatte die letzte, rückhaltlose Ehrlichkeit, die dem Menschen zeigt, was er wahrhaft ist, will und braucht bislang in allen »Vereinen« vermißt. Hier, zum erstenmal, war sie in einen Kreis getreten, der sich, wie es ihr schien, um die Erörterung auch dieser innerlichsten Willensantriebe des Menschen und der Gesellschaft nicht herumdrückte. Ärzte, Soziologen, Gelehrte, Schriftsteller und Dichter, Vertreterinnen der Frauenbewegung und Mitglieder der gesetzgebenden Körperschaften, Künstler und Laien, – sie alle waren im »Bunde« vertreten. Die Fragen der Ehe, der Prostitution, des unfreiwilligen Zölibats, der Lage des Kindes, besonders des unehelichen Kindes, des Schutzes der Mutterschaft, für den der Bund vor allem eintrat, und der ihm die große Bedingung einer planmäßigen Züchtung vollwertiger Lebensmassen bedeutete, – das waren die Fragen, die hier besprochen wurden, die von hier aus weiter drangen, bis sie sich zu sachlich begrenzten Forderungen verdichteten, zu denen Stellung zu nehmen, auch die Behörden sich immer öfter genötigt sahen.

Unablässig hatten sich die Vorstellungsreihen, die für Olga die Frauenbewegung mit der allgemeinen Entwicklung verbanden, – gerade zu diesem Problem gedrängt, auch ihr war es als der Mittelpunkt jeder sozialen Reform erschienen. Denn hier handelte es sich um das Werden des Menschen, des Trägers der Weltkultur, von dessen Beschaffenheit alles andere abhing. Die Geschlechtssitten der Gesellschaft ließen ihn entstehen, darum, so war es ihr immer erschienen, hing es gerade von diesen Sitten ab, wie die Welt selbst wurde. Als sie von diesem Bunde hörte, hatte sie eine große Freude erfüllt. Hier also war eine Gemeinschaft, innerhalb welcher sie aussprechen durfte, was anderwärts befremdend und anstößig gewirkt hatte, hier wurden diese großen Fragen, als solche anerkannt, freimütig erörtert und zu festen Zusammenhängen verknüpft.

Von Zielfreude erfüllt, war sie durch die Straßen des neuen Westens gegangen, vorbei an den Fassaden modernster Mietspaläste, die mit ihrem gedämpften Luxus, ihrem wohlabgetönten Putz den Straßen dieses Viertels stilvolle Einheit gaben. Um in den Frieden des Tiergartens einzutreten, mußte sie durch das dichteste Verkehrsgewühl, am Bahnhof »Zoo« vorbei, wo sich oben, auf dem hochgelegenen Bahnsteig, Fernzüge mit den Vorortzügen treffen, während unten, auf dem Niveau der Straße, zahllose elektrische Linien sich kreuzen, Automobile mit sausenden Stößen ihr Benzin in Kraft verwandeln, die Berliner Droschken in ihrem unbeirrbar gemächlichen Hottetrott auf ihre Art mit ihnen konkurrieren und die Passanten sich auf Straßenübergängen und Bürgersteigen drängen. Die weiten Prachtstraßen, die den Berliner »Westen« mit Charlottenburg und Wilmersdorf verbinden, gehen strahlenförmig von hier ab. Drüben aber, auf der anderen Seite, wo die Gärten den Verkehr in ruhigere Wege leiten, glüht, mit farbigen, eingelegten Kuppeln, bauchigen Türmchen, bizarren Schnörkeln, Pagoden, fratzenhaften Emblemen und unperspektivischen, ägyptischen Fresken, – ein Stück Morgenland, in den Gebäuden des Zoologischen Gartens. Über diesem bunt aufeinander getürmten Gemisch steigt, schmal und hochgestreckt, fast kahl gegen die orientalische Fülle, der romanische Turm der Gedächtniskirche auf; und das goldene Kreuz, an seiner Spitze, flammte im Schein einer kupferroten Wolke, die auf dem schiefergrauen Himmel erglüht war.

Die herbstliche Abendsonne warf ihre Lichter auf die große, ebene Fläche aufgeworfener Erde, die, mit Sand vermengt, ganz hellbraun erschien, und vom Zoologischen Garten aus den Eingang zum Tiergarten bildet. Schon der Weg, der noch an den Toren des Bahnhofs vorbei und eng zwischen Droschkenstandplatz und dem Endgeleise der elektrischen Bahn hindurch führt, ist nicht viel mehr, als ein sandig-erdiger Reitweg. Er weitet sich zu einer Art Riesenmanège unter freiem Himmel, die sich links, tief hinein, unter die Unterführungsbogen der Stadtbahn streckt, rechts eine breite Allee zwischen die Bäume des Tiergartens entsendet. Hier wurde geritten, und die Fußgänger hatten sich, beim Übergang zu der schmalen, dunklen Wasserstraße des Landwehrkanals, zwischen den geschickt gelenkten, gut gepflegten Tieren der Reiter und Reiterinnen durchzuwinden. Diese fröhliche Kavalkaden, die da zwischen den schon entblätternden Bäumen hinsprengten, gefielen Olga. Voll Erquickung ging sie nun am Wasser entlang, vorbei an der brausenden Schleuse, bei der Freiarchenbrücke, am Garten- und Lützowufer herunter.

Ihr starkes Naturgefühl antwortete auf die zarten Reize dieser Parklandschaft, und ihre Blicke nahmen alle Bilder mit seltener Eindringlichkeit auf. Sie sah alles: die breiten, langen, meist mit Kohlen beladenen Kähne mit den kleinen Überbauten am Bug, deren winzige, gardinenverhängte Fensterchen verrieten, daß die Schiffer hier ihre Wohnstätte hatten; die zierlichen Dampfer mit den buntfarbigen Ringen um den rauchenden Schlot, – die einen, zwei und mehr der breiten Kähne durch den Kanal schleppen, bis hinaus auf die Wasser der Spree, deren große Biegung der Kanal verbindet. Sie sah, auf dem Wasser, die buntgezeichneten Enten ihr Spiel treiben, und besonders ein Pärchen fiel ihr auf; er, herrlich von Gefieder, in Farben strahlend, saß still und vornehm unbeweglich auf einem Fleck; sie, die Entin, graubraun wie ein Spatz, unterhielt sich dicht vor seinem Schnabel auf besondere Art: immer wieder tauchte sie mit Kopf, Hals und Brust senkrecht ins Wasser und streckte den Rest ihrer Leiblichkeit, das breite Bürzel mit den flossenhaften Pfoten, steil in die Höhe, dem Gatten, der diesem Spiel mit vollendeter Ruhe zusah, dicht unter den Schnabel. So tauchte sie aus und ein, wohl einhundertmal, – das Ende der Prozedur war jedenfalls noch nicht gekommen, als Olga, nachdem sie eine Weile dieser Gymnastik zugesehen, weiter ging. Und sie sah die Bäume an, diese alten, jetzt farbig belaubten, schon entblätternden Eichen, Ulmen, Buchen. Sie stand still vor dem Stamm eines alten Prachtkerls von Baum und sah, zum erstenmal, eine Rinde, die fast vollkommen regelmäßige, zylindrische Einkerbungen zeigte, genau an; ja sie sah die Böschungen des Ufers, wie sie, niedrig und schräg zurückweichend, bei der Freiarchenbrücke begannen und da noch ganz mit Rasen bewachsen waren, wie sie aber immer höher und steiler wurden, der Rasen immer mehr und mehr zurückwich und die glatte, steinerne Kaimauer darunter sichtbar wurde, bis, von der Korneliusbrücke an, der Kanal nur noch zwischen diesen schwarzen, steinernen Mauern durchfloß, in denen ab und zu ein paar Stufen sichtbar wurden, die von dem immer höher ansteigenden Promenadenweg zum Wasser herunterführten.

Und sie bog ab und ging über die Brücke, tiefer hinein in den Tiergarten. Am Neuen See war es, an dessen sich immer wieder biegenden Ufern sie jetzt ging. Sie war müde und strebte einer Bank zu. Sie wußte, daß sie um jene Ecke herum eine finden würde, beschleunigte ihre Schritte, wandte sich, wie der Weg es wollte, – stand vor der Bank.

Die war besetzt. Und der darauf saß, den kannte sie.

Er sprang auf und stand vor ihr, in seiner ganzen Länge. »Sie?« Einen Augenblick war die Erinnerung angstvoller Zeiten schreckhaft in ihr aufgefahren.

»Warum nicht?«

»Was – führte Sie – hierher?«

»Nichts. Mich führt seit langem nichts. Aber manchmal jagt es mich – von irgendwoher nach irgendwohin.«

»Und können Sie – so beliebig gehen, wohin Sie wollen?«

»Überallhin, wo man sich nachts mit der Geige ernähren kann.«

»Noch immer – das?«

»Was sonst?«

Sie gingen nebeneinander her. War es die Friedensfülle der Landschaft, die sie so eindringlich aufgenommen hatte, und die jetzt diese dunklen Gefühlswellen, die in ihr aufgestiegen waren, in sich zusammensinken ließ, daß sie wesenlos zerflossen? ... Er erkundigte sich nach ihrem Leben hier, und sie berichtete. Sie sagte ihm sogar, wohin sie ging, – zu der Versammlung des »Bundes«; und, wie einst, hörte er ihr mit verstehender Fühlung ihres Wesens zu. Die Erquickung des milden Abends erfüllte beide, und es war vielleicht im gleichen Augenblick, daß die beiden Menschen wußten, daß hier ein banges Stück Vergangenheit von einer neuen, vernunftstarken Gegenwart hochgehoben, umgewandelt und zu einem brauchbaren Stück Leben verändert worden war.

Als sie sich, am Ende des Tiergartens, zu Beginn der Bellevuestraße, die, an den modernsten Hotelpalästen vorbei, in das Innere des Westens zum Potsdamer Platz führt, trennten, waren sie sich klar geworden und hatten es ausgesprochen: daß sie sich wieder sehen würden und daß sie es durften; daß das »Alte« nimmer aufleben würde und konnte, – daß aber eine gute Freiheit zwischen ihnen war, die die Fremdheit hob und ihnen gewährte, einander sonder Scheu zu berichten, durch welche Tage ihre Wege sie führten.

 

* * *

 

An diesem Abend nahm sie an der Diskussion teil, trat zum erstenmal in Berlin als Rednerin auf. Man kannte in der Frauenbewegung ihren Namen. Sie griff in einer Art in die Polemik ein, die nicht gewöhnlich war; gerade an jenen Stellen des Referates, – das ein holländischer Gelehrter über das Problem des Neomalthusianismus gehalten hatte, – gerade an jenen Stellen, welche mehrdeutiger Auslegung unterlagen, setzte sie ein, hob das einzig Wesentliche heraus, trassierte mit schnellen, kräftigen Zügen die unausgesprochenen Voraussetzungen und Folgerungen des Vortrages und leitete so, aus materialreicher Fülle, zu den reinen Linien der Idee, der diese Fülle nur Gewandung gab. Sie sprach, – im Gegensatz zu der gewöhnlichen Art der »Rechtlerinnen« – vollkommen phrasenfrei, beinahe nüchtern; ihr großes und doch gedämpftes Organ, das glatt, schallend, mühelos den Saal beherrschte, diente ihr wie ein willfähriges, zureichendes, nie versagendes Instrument. Sie gewann, sowie sie das Podium betrat, auch an physischer Persönlichkeit. Die Gestalt, in einem dunkelblauen Kleid von modernem Reformschnitt, den sie erst in Berlin genau kennen gelernt hatte, schien kräftig und beweglich; das Gehäuse des Kopfes, unter dem Minervahelm ihres kupfernen Haares, zeichnete sich in bedeutenden Konturen; die dunklen Augen, die bei der ersten Anregung des Sprechens aufleuchteten, sich dann mählich tief umflorten, bekamen eine Art von gläubigem Ausdruck.

Am Schluß der Versammlung lernte sie die führenden Personen der Bewegung kennen: neben ihnen auch andere. Ein vornehmes Ehepaar fiel ihr auf, das mit drei blühenden, schönen Töchtern zwischen 16 und 22 Jahren hier anwesend war; dann eine alte, kleine Dame, die auf Krücken ging; sie erzählte ihr von ihrem Sohne, der mit seiner Frau in einem Dorf in den Appeninen lebt; er sei Schriftsteller. Sie, die Mutter, hatte sich bis zu einer schweren Krankheit, die sie der Bewegungsfreiheit beraubte, niemals wesentlich um Fragen der Allgemeinheit bekümmert; sie war früher leidenschaftliche Skatspielerin gewesen; aber als sie nicht mehr ihre gewohnten Wege gehen konnte, mehr als ein Jahr gelähmt ans Zimmer gefesselt war und die früheren Skatgenossen ausblieben, da habe der Sohn, der damals noch zu Hause war, sie mit Büchern versorgt, die ihr Interesse für diese Fragen so geweckt hatten, daß sie nun, in ihren alten Tagen, fast einen neuen Lebensinhalt gewonnen hatte; der Sohn selbst hatte sich einer ihm heiligen Dreieinigkeit verschrieben: seiner Frau, – Italien – und der Dichtkunst, vor allem der Lyrik, die er fast ausschließlich pflegte. Frau Ullmann erzählte das alles in ihrer schnellen, etwas monotonen Art, während sie schon das schwarze Kapotthütchen auf dem spärlichen Scheitel hatte, und sich fest auf ihre Krücken stützte. – – – Eine Dame von bräunlichem Teint, gelbgefärbtem Kraushaar, kleiner Gestalt, mit Geschmack gekleidet – Fräulein Gerber – stellte sich Olga als »Kampfgenossin« vor.

An der Plauderstunde im Café, die den Abend beschloß, nahm noch ein Reichtagsabgeordneter, ein freigesinnter Pastor, und der Vortragende selbst teil, – ein seit Jahren in Holland ansässiger Deutscher, mit scharfgeschnittenem, grauhaarigem Charakterkopf. Nicht mehr mit ins Café gegangen war die Vorsitzende. Diese alte Frau war es, deren Erscheinung Olgas tiefstes Interesse wachgerufen hatte, seit sie sie zum ersten Mal in dieser Vereinigung erblickte. Erst heute hatte sie Frau Dr. Wallentin persönlich kennen gelernt. Sie mochte von den Siebzig nicht mehr weit sein; die zarte, fast mädchenhafte Gestalt war in ein schwarzes Samtkleid gehüllt, das in antikem Schnitt an ihr herabfloß; weiße, beinahe jugendliche Arme sahen aus den weiten Ärmeln hervor, nur an den Händen sah man das Alter wieder. Die großgeschnittenen Züge waren von dem erfüllten Blick leuchtender, blauer Augen durchstrahlt; silbrigweißes Haar fiel, in langen Locken, frei auf die Schultern herab. Diese Frau, die Vorsitzende des Bundes, war die Gattin eines verstorbenen Forschers, Dr. Wallentin, Weltreisenden und Entdeckers unbekannter Erdstriche, gewesen. Sie war die Mutter dreier Söhne, von denen nur einer in Berlin war und zeitweilig mit seiner Frau, einer schwedischen Dichterin, im Bunde erschien. Die beiden anderen Söhne, – der älteste, der als Soziologe einen bedeutenden Ruf hatte und der jüngste – befanden sich, wie man hörte, auf einer Weltreise, deren Zweck nicht bekannt war. Die Gattin des ältesten Sohnes, Frau Lucinda Wallentin, lebte in Berlin, stand aber den Bestrebungen ihrer Schwiegermutter und ihres Gatten so fern, wie nur irgend denkbar; sie führte ein Haus, in dem lediglich formalästhetische, sowie okkulte und mystische Interessen gepflegt wurden. Die Wallentins galten als reich, und Mutter und Söhne verwendeten, so hieß es, ihre Mittel vor allem für ihre großen, sozialpolitischen Pläne.

Ihre aktive Teilnahme an der Versammlung brachte Olga in Beziehung zu all diesen verschiedenen Menschen und erweckte ihr Interesse an ihnen in hohem Grade.

Am Ende der »Tafel«, die durch das Aneinanderrücken einiger runder Kaffeehaustische entstanden war, saß, zwischen Fräulein Gerber und einer Dame, die eindringlich, ja fast aufgeregt auf ihn einsprach, der holländische Professor. Obwohl er eine verbindliche Miene beibehielt, rückte er doch unbehaglich auf seinem Platz hin und her und ließ den Blick über die Tischgesellschaft wandern, als erwarte er von da Ablösung von seinem Posten. Denn sowohl Fräulein Gerber, die mit süßlichem Lächeln, das keinen Moment von ihren Lippen wich, da saß, als auch die andere Nachbarin ließen den Gast keinen Augenblick locker. Während aber Fräulein Gerber meist persönliche Bemerkungen, in Form schmeichelhafter Phrasen, von sich gab, sprach die Dame, die sich an der anderen Seite des Professors niedergelassen hatte, über das Thema des Abends mit dem Rüstzeug einer Ausdrucksweise, die einen wissenschaftlichen Anklang hatte; besonders solche Ausdrücke, die dem Gebiet der Physiologie entnommen waren, wendete sie häufig an. Sie war den meisten der Anwesenden nicht bekannt, hatte sich als Frau Dr. Bergmann vorgestellt. Offenbar war sie der Vorsitzenden nicht fremd, da ihr Frau Dr. Wallentin beim Verlassen des Versammlungslokals freundlich die Hand gedrückt hatte. Sie unterschied sich von den anderen Damen wesentlich durch ihre Kleidung. Denn während die meisten der anwesenden Frauen im Stil der neuen Frauentracht, die von Berlin aus langsam ihren Weg ins Gebiet der konventionellen Mode nahm, gekleidet waren, – farbensatte Stoffe trugen, von einem Gürtel unterhalb der Büste gerafft, deren Blusenteil häufig mit jenen neuartigen, dichten Handstickereien, in farbiger Seide oder in metallischen Borten, bedeckt war, die diesen fließenden Gewändern den Eindruck leichter Konfektion benahmen, – trug Frau Dr. Bergmann einen schweren, grauen Lodenrock, in dem eine gewöhnliche, herrenhemdartige, gestreifte Bluse steckte, dazu einen steifleinenen Stehkragen und einen schwarzen Ledergürtel. Auf dem Kopf, um den das natürlich gekräuselte, hellbraune Haar herumstand, saß ein grünes Jägerhütchen, dessen kurzflügeliger Federnschmuck hinten hochstand und der noch jugendlichen Frau mit den nicht unsympathischen Zügen einen Stich ins Komische gab.

Frau Dr. Bergmann hatte sich am Schluß der Versammlung auch Olga vorgestellt und nickte ihr nun wiederholt mit der Miene einer alten Kameradin, die ihrer Befriedigung mit ihr Ausdruck geben wollte, zu. Olga saß am anderen Ende des Tisches mit dem Ehepaar, das ihr mit seinen drei schönen, lebhaften Töchtern aufgefallen war, – es war die Familie eines Hamburger Großkaufmanns, der sich ins Privatleben zurückgezogen hatte. An derselben Ecke saßen auch das Reichstagsmitglied und der graubärtige, revolutionärgesinnte Pastor. Olga wunderte sich über die vertraulich erscheinende Art, mit der ihr Frau Dr. Bergmann zunickte, und betrachtete, von ferne, interessiert ihr Gesicht. Aus dem Oval sprang eine Nase heraus, die sich stark zum vorgerückten Kinn herabbog; auffällig war eine kleine Unregelmäßigkeit der braunen Augen, deren eines ein wenig höher saß, auch etwas kleiner war, als das andere. Diese Augen verrieten eine Unruhe, die der freundlich lächelnde, schmallippige Mund nicht zu bestätigen geneigt schien. Die Muskulatur der einen Gesichtshälfte, in der das größere, tiefergelagerte Auge saß, war etwas kräftiger entwickelt, als die der anderen. Trotz dieses Mangels an Symmetrie war das Gesicht nicht ohne Reiz.

Kurz vor Abgang der letzten Vorortzüge brach die Gesellschaft auf. Man sagte sich draußen, vor dem Portal des großen Cafés, in dessen Sälen sich die Menschen noch stauten, Adieu. Der Potsdamer Platz war überfüllt vom Verkehr; ein dünner, linder Regen fiel, und der nasse Asphalt glänzte in der Lichtflut.

Olga strebte an der Kreuzung der Königgrätzer Straße mit dem Potsdamer Platz über den Fahrdamm.

Drüben angelangt, bedachte sie sich einen Augenblick, ob sie in eine elektrische Bahn einsteigen sollte. Aber nach dem langen Aufenthalt in den rauchigen Sälen, war das Bedürfnis nach frischer Luft zu stark in ihr. Sie beschloß, aus dem Trubel heraus, in die ruhige Tiergartenstraße abzubiegen und zu Fuß zu gehen. Sie wohnte in der Nähe des Lützowplatzes, den sie durch den Tiergarten auf gutbeleuchteten Wegen erreichen konnte. Während sie durch die kurze, verbindende Bellevuestraße ging, vorbei an den glänzend erleuchteten Hotelvestibulen, schien es ihr, als folge ihr jemand mit leichten, eiligen Schritten dicht auf dem Fuß. An der Ecke, an welcher die Bellevuestraße in den Tiergarten einmündet, gerade da, wo sich vor etwa sechs Stunden Ko­szinsky von ihr verabschiedet hatte, war es, daß sie von hinten ihren Namen rufen hörte.

»Fräulein Diamant!« Es war eine Frauenstimme, in hohem, scharfem Diskant, die sie anrief. Die Stimme betonte und verlängerte das i und hackte, nach norddeutscher Art, die Vokale ohne verbindenden Hiatus scharf auseinander, so daß es klang »Dii-amant.«

Die Angerufene blieb stehen, wandte sich um und fand sich Frau Dr. Bergmann gegenüber.

»Ich bitte Sie, – – mich nicht der Dreistigkeit zu zeihen, – aber es drängte mich, Ihnen Aug’ in Aug’ gegenüberzustehen; auch haben wir, denke ich, ein gut Teil Weges gemeinsam.«

»Zeihen – – Aug’ in Aug« – – Olga fielen sowohl die Stimme als auch diese Wendungen auf.

Frau Dr. Bergmann trabte nun, die Hände in die schrägen, tiefen Taschen ihrer Lodenjoppe versenkt, ohne Schirm, mit ihren kurzen, eiligen Schritten neben ihr her. Olgas Einladung, mit unter ihren Schirm zu kommen, lehnte sie ab. Sie bediene sich nie eines Schirmes.

»Als ich Sie heute sprechen hörte,« begann sie nach kurzer Pause, – – »da hatte ich den Eindruck: voilà, hier steht ein Mensch.«

Olga wußte nichts zu erwidern, und Frau Dr. Bergmann fuhr fort.

»Und weil ich nach einem Menschen – – dürste, so sagte ich mir, – – eh bien, Erika, fasse Mut! – – Und darum bin ich jetzt hier, – neben Ihnen.« Sie legte den Kopf auf die Seite und wandte Olga, mit eindringlichem Lächeln, ihr Gesicht zu, so daß sie im Schein der Gaslaterne das Flackern ihrer Augen sehen konnte.

Ihr Interesse an Frau Dr. Bergmann wurde durch deren Bemerkungen nicht gerade verstärkt. Die manirierte Art ihrer Ausdrucksweise empfand sie als peinliche Reizung ihrer Nerven, die sie nach dem lebhaften Abend mit besonderem Unbehagen erfüllte; sie hätte jetzt gerne Ruhe gehabt. Aber es wäre ihr ganz ungehörig erschienen, irgendeine Seele, die sich, um menschlichen Anteil bittend, an sie wandte, abzuweisen. Und so sagte sie: »Es soll mich freuen, wenn ich Ihnen nützen kann.«

»Nützen – – o du grundgütiger Gott! Ich brauche keinerlei Nutzen von irgend jemand.«

»Der Verkehr von Menschen, der für alle Teile ganz nutzlos bleibt, kann wohl als sinnlos und überflüssig gelten.«

»Da haben Sie recht, meine sehr Verehrte«, rief Frau Dr. Bergmann lebhaft und es klang aufgeregt, bestärkend. »Ja, ja, – – selbst eine Beziehung, die der ganzen Welt sinnlos scheint, braucht es nicht zu sein, wenn – – wenn – – dieser heilige Nutzen für die Seele da ist, von dem Sie wohl sprechen; o davon wüßte ich viel zu sagen, – – viel, viel.«

Da Olga schwieg, fuhr sie fort: »Und gerade Ihnen möchte ich das alles sagen, – – denn Sie, – – Sie unter allen, werden verstehen, was den anderen – über den kleinen Horizont geht.«

»Ich bin dessen nicht ganz so sicher«, meinte Olga, als wolle sie sich den Bekenntnissen, die nun offenbar folgen sollten, entziehen.

Aber vergebens. Frau Dr. Bergmann kam jetzt in immer stärkere Erregung, sie schien sich an ihren eigenen Worten zu entzünden, – beinahe gewaltsam, als wolle sie sich Gehör und Verständnis erzwingen, rüttelte sie an der Zurückhaltung der anderen: – – – – – »Das einfache Wesensgeschehen – – daß eine Frau einen Menschen findet, – – bei dem sie das Gefühl hat – – daß er ihr das Paradies, ›Leben‹ zu erschließen vermag, – – daß sie zu diesem Manne strebt, – ohne Besinnen – – unter vollständiger Preisgabe von allem, was sie bisher besaß, – – daß sie an die Macht ihres Willens unfehlbar glaubt,- daß sie ihre Liebe hegen will, solange ein Atemzug in ihr ist – – solange noch eine Nervenfaser in ihr vibriert – – daß sie glaubt, ja weiß – –«, hier zuckte ihr Gesicht, wie vom Krampfe verzerrt, – – »daß er dieser Liebe folgen muß, – – das – das ist es, was die – – Geringen, – die Kreaturen des Alltags – – nicht begreifen wollen, – – wofür sie sie gequält haben, mit lächerlichen Fragen. – –« Und angstvoll drang sie in sie ein: »Aber Sie – – Sie begreifen?!«

»Es ist nichts Neues und nichts Unbegreifliches, daß eine Frau, um der Liebe willen, alles preisgibt, was sie bisher besaß.«

»Sehen Sie, – – sehen Sie – – ich wußte, Sie würden mich verstehen!« frohlockte Erika.

»Aber – – Sie sagten da etwas von der Macht des Willens, – derer es bedarf, daß der Mann dieser Liebe folge, – – und das ist mir nicht ganz klar, meinte Olga.«

»Er wird, – – er wird, – – er muß ja«, stieß die andere hervor.

»Er muß, – wie ist das zu verstehen? Will er denn nicht dasselbe wie Sie?« Unwillkürlich war sie stehengeblieben. Der Regen rauschte auf die Blätter der Bäume nieder.

Unruhig warf Erika den Kopf zurück. »Ach Gott, – – daß sind diese Fragen, die mir so – – so überflüssig erscheinen.«

»Verzeihen Sie – aber wenn Sie selbst sich so weit mitteilen, – so sind solche Fragen wohl unvermeidlich.«

»Vergeben Sie, – o vergeben Sie! Sie haben ganz recht! Ich meinte nur, – ein Weib von Delikatesse bedarf nicht erst der Versicherung eines Mannes, – – daß – – er – – sie liebe.«

»Nicht in Worten, gewiß nicht, – – aber in Taten.«

»Auch das nicht.«

Olga sah sie erstaunt, beinahe erschrocken an.

Geheimnisvoll, im Flüsterton, fuhr Erika fort: »Ein großgeartetes Weib – – wissen Sie – – wird hingehen – – wird ihm tief ins Auge blicken – – wird vielleicht – – sagen: – – ich liebe Sie,« – – die Stimme hob sich wieder zum schrillsten Diskant, – – »ich liiiebe Sie – – und muß darum meinen Mann und mein Kind verlassen.«

»Und was ist’s mit dem Manne, dem diese Frau ihre Liebe auf solche Art bekennt?«

Erika zuckte scheinbar gleichmütig die Achseln, aber aus ihrem gehetzten Blick kroch Qual über ihr ganzes Gesicht. »Er, mein Gott – – er handelt, wie ein Mann seiner Art eben handeln muß, er – – er – –« es schien, als grabe sie angstvoll in sich selbst nach, – – und dann kam es wieder, geheimnisvoll und überzeugt, von ihren Lippen: »Er prüft mich.«

»Wodurch?«

»Ja sehen Sie, eine andere würde – – wankend werden, wenn – – wenn er – – so tut – – als – – als ob er nichts von ihr wissen wollte ... aber nicht ich.«

»Wenn er was tut?«

»Nun – – wenn er sich scheinbar nicht um mich bekümmert ...«

»Wie? Sie haben Mann und Kind verlassen, und er bekümmert sich nicht um Sie?«

»Offen – – darf er es nicht. Aber«, sie blickte sich scheu um, – – »Sie müssen wissen – – er verliert mich nicht aus den Augen.«

»Wo und wie verkehren Sie mit diesem Manne?«

»Ich verkehre nicht direkt mit ihm, – aber, – – aber, er läßt mich ständig beobachten.« Wieder blickte sie sich um, aber weit und breit war niemand zu sehen. – – »Oh – – das habe ich herausbekommen!«

»Und ihn selbst, – – wann sehen Sie ihn?«

»Er sieht mich nicht, – – er begegnet mir nicht ... das – – das ist ja eben, – die Prüfung.«

Tief betroffen wandte ihr Olga den Blick zu. »Worauf bauen Sie?« fragte sie gespannt.

»Auf die Macht meines Willens«, sagte Erika mit funkelnden Augen. »Oh, ich werde ihn zwingen. Unablässig sende ich ihm – – Strömungen – – meines Willens.«

»Was hat er Ihnen gesagt, – – damals, als Sie Ihre Familie verließen«, beharrte Olga.

»Ach, – – das kümmert mich nicht«, sagte Erika in wegwerfendem Ton, aber ihre Stimme zitterte. »Er tat natürlich, als wäre er sehr erstaunt über meinen Entschluß, – – redete Worte, die nichts bedeuteten, – – ich hätte auf ihn keine Hoffnungen zu setzen, – – sagte meinem Mann, meine – – Ideen – – wären ihm unbegreiflich, – – und er habe mit alledem – nichts zu schaffen ... aber was kümmert mich das?« stieß sie leidenschaftlich hervor. Und hartnäckig fuhr sie fort: »Ich weiß ja doch, daß das nur Prüfungen sind. Habe ich sie alle bestanden, – –« ein fanatisch verklärter Schein kam in ihr Gesicht, – – »dann wird es angefahren kommen, – das Glück.«

Olga hatte begriffen. Sie schlug nun die einzige Methode ein, diesen Vorstellungen auf den Grund zu kommen, – sie fragte mit ernsthafter Sachlichkeit:

»Warum glauben Sie das?«

»Weil ich das Glück ersehnte, wollte, – –, – – wie ein Verhungernder die Nahrung, – – all die Jahre lang. Ich wartete darauf in meiner Ehe, – – ich rief es! Ich gebar vier Kinder, von denen eines lebt, – – aber ich hungerte und suchte; eines Tages fand ich, was ich suchte und sagte mir: jetzt ist es Zeit. Um alles zu gewinnen – – mußte ich alles wagen, – alles aufs Spiel setzen.«

»Wollte – – ergierte – – suchte – – wagte ...« Olga verstand nun ganz. Eine Gewalttat am Schicksal, eine Erpressung an der Vorsehung, das war es, was sich ihr enthüllte. Wie mußte die Buße sein, die auf diese Tat gesetzt war! Und plötzlich tauchte, wie eine Vision, das Bild einer anderen Frau vor ihr auf, – – die nichts ergierte, die nichts tat, was das Verderben lockte, – – die trug und wartete. Eva Nestors Bild stand plötzlich vor ihrem inneren Auge.

Erika fuhr indessen fort, von den Prüfungen zu erzählen, die ihr auferlegt seien. Der Geliebte – – er wäre ihr scheinbar nie näher getreten als ein gewöhnlicher Bekannter – – tat, als kümmerte er sich nicht um sie, aber sie wußte – oh, sie wußte! ... In harter Mühsal verdiente sie sich, seit sie ihren Mann verlassen, als Kontoristin ihr Brot; aber davon wolle sie Olga ein andermal erzählen. – Und wenn er ihre Liebe noch hundertmal stärker auf die Probe stellte, – ihr sollte es nur recht sein. Oh, daß sie leiden durfte, um ihrer Liebe willen, – – das war ihres Daseins »bittersüße Wonne«.

Wortlos folgte Olga den exstatischen Ausbrüchen dieser modernen Griseldis.

Sie waren nun an der Friedrich-Wilhelm-Straße angelangt, die von der Tiergartenstraße zum Lützowplatz hinaufführt. Olga blieb einen Augenblick stehen, um auszuruhen. Sie sah die nächtlichen Portale der Villen, die Gärten, deren gelbes, regennasses Blattwerk hinter den eisernen Gartengittern raschelte; sie sah die Biegung der einsamen, regenglänzenden Straße, über welcher die hohen Bogenlampen schwebten, und das tiefe Dunkel des Tiergartens, das, wie ein schwarzer Wall, die Straße auf der anderen Seite begrenzte. In all seinen Einzelheiten drang das nächtliche Bild in ihre Seele. Schweigen war ringsum. Nur oben vom Lützowplatz drang gedämpftes Wagenrollen bis hierher.

Das Gesicht der Frau Erika Bergmann war bleich, und ihre Augen irrten unstet. Das grüne Hütchen hatte sich verschoben und saß ein wenig schief auf der Seite. Schweigend gingen sie bis zum Lützowplatz. Als Olga in eine Seitenstraße einbog und bald vor dem Hause stand, in dem sie wohnte, sagte ihr Frau Erika Bergmann in ihrem hohen, scharfen Diskant »Auf Wiiiedersehen« – – und mit ihren kurzen, eiligen Schritten trabte sie, in Nacht und Regen, davon.

 

* * *

 

Eines Tages erhielt Olga einen Brief aus Dresden, mit unbekannter Handschrift. Als sie den Umschlag öffnete, fielen zwei dichtbeschriebene Bogen heraus. Die Schrift, die diese Blätter bedeckte, war dick, fast ohne Haarstriche, die Buchstaben enganeinander und steil. Der Brief war von Werner Hoffmann. Stanislaus hatte ihr kürzlich erzählt, daß er in einem Sanatorium in der Nähe Dresdens sei; eine schwere Erschöpfung hatte ihn gezwungen, um einen Urlaub einzukommen. Auf Empfehlung eines Arztes war er in der Anstalt unter Bedingungen aufgenommen worden, die ihm den Aufenthalt da ermöglichten.

Der Brief trug keine Überschrift.

»Ich muß sprechen und wissen, daß ich gehört werde. Darum schreibe ich. Wenn ich alles gesagt haben werde, was in dieser Stunde zu sagen ist, – dann werde ich nachdenken, ob ich auch adressiere – und ich werde es sehr schnell wissen. Auf die Gefahr hin, eine falsche Adresse gewählt zu haben, werde ich den Brief dann absenden.

Das wird kein Liebesbrief, dazu ist meine eigene Verwirrung zu groß. Verwirrung im Felde der Voraussetzung, – Verwirrung im Gebiete der Objekte. So sieht die Sache erkenntnistheoretisch aus. Aber aus dem Mannigfaltigen und Hemmenden wächst das Einfältige und Eindeutige und treibt und schiebt zur Tat. Es wächst der Wunsch; mit ihm nicht – der Mut. Natürlich wage ich nichts, – was sich nicht, im gegebenen Falle, als mißverständlicher Unsinn deuten ließe, wert, einer freundlichen Ofenflamme überliefert zu werden.

Und doch ist es eine Tat. Hervorgelockt aus dem grotesken Gestrüpp der – Begier ist ein kleines, schwaches, schlechtes Wort. Aber Wunsch nach jenem Zustand, in dem ›Ich‹ überwunden wird. Daß es gelänge, – daß es vernichtet würde. ›Ich‹ ist ein sonderbares Ding: immer allein und doch tausendfältig gebunden.

Vielleicht reizt Sie das Problem?

Ein Wort der Erwiderung erbitte ich. Denn hat je einer weniger gelogen als ich? Man sage mir ein Wort. Und sei es nur – ›Sei still mein Freund‹ – wenn man nicht sagen kann:

 

›Hier blüht das schwere Schweigen, –
Hier findest du, was dich dir nimmt.
Hier wallt, in rotem Purpur,
Vergessenheit und blickt dich an,
Zerstäubt zu Millionen Kräften,
Löst sie dein Schicksal von dir ab,
Trägt es dahin, von wo es kam.‹ – –


Natürlich Ihr sehr ergebener Hoffmann.

 

Nachschrift vom Tage:

Frau Baronin v. Kellenberg wird Sie aufsuchen; sie hat ihre Gedichte unserm Verlag angeboten. Ich sende Ihnen mit gleicher Post das Manuskript. Mein Urteil: eine respektable Kraft, im Rhythmus der Nüchternheit, die letzten Wünsche der Exstase ausdrücklich zu machen. Ihre Meinung, bitte!«

Nach zwei Tagen erwiderte Olga:

»Es gibt Briefe, denen man es ansieht, daß sie erst nach zehnmaligem Versuche der Abfassung entstanden sind. So verräterisch war mir der Ihre. –

Was man sucht, glaube ich zu erkennen: ›Man‹ sucht eine brauchbare Form. Form sein, heißt Weib sein, – zugegeben. Aber diese Form erwartet einen bestimmten Inhalt, – der das Gewebe ihrer selbst durchdringe und erfülle, ohne daß es Störung, Zerstörung bedeute; der also vom selben Stoff sei, wie sie, nur fließender, füllender. ›Vergessenheit‹ – lädt mich nicht ein. Für mich ist – Deutlichkeit. Nur was deutlich in mir ist, gibt mir Fülle. Ich will nicht taumeln, – will gehen, mit sicheren Schritten und offenen Augen; will wissen. ›Verwirrung‹ im Felde der Voraussetzung, ja der Objekte? – – – Das ist, als trüge ein werdender Keim schon sein Todesbewußtsein in sich. Und doch – eine Tat?

Aber Sie verdienen Freundesvertrauen. Und so hören Sie denn das Bekenntnis meines frömmsten Glaubens: Ich glaube, daß es eine Stunde geben kann, die das ›Ich‹, – dieses tausendfältig gebundene und einsame, – aller seiner Bande entbindet, – die es frei macht, für immer. Das ist die Stunde, in der es dem einzigen Genossen begegnet – dem ›Zugedachten‹ – und ihn erkennt, in voller Deutlichkeit. Aber ich glaube nicht, daß zu dieser Stunde und über diese Stunde ein ebener, grader Weg führt, – das mit dieser Begegnung und mit dieser Erkenntnis auch ein Besitz verbunden sein müsse, der aus zweien wahrlich eines macht ... Wäre ich theosophisch veranlagt, – ich hoffte auf die immer wiederkehrende Begegnung, bis, auf höherer Bahn, die Wege sich so einen, daß es kein Verlieren mehr gibt.

Aber ich ›hoffe‹ nicht – in diesem Sinne. Nur daß Begegnung möglich sei, – wenn auch ohne Erfüllung – das ist mein Glaube. Und ich weiß auch, – das andere, – das Allzuirdische: daß Hunger und Wegemüdigkeit ihre Rechte verlangen ... und Kompakte schließen heißen.

Dies, was ich Ihnen zu sagen habe. Ich lese die Gedichte der Baronin; verweile gern auf den Worten, solange ich die Blätter vor mir habe.

Leben Sie wohl und ruhig.

Olga Diamant.«

 

Darauf kam noch ein Brief:

»Ich bin froh, wenn ich an Sie denke! Nicht wie in die rote Glut, nicht wie in ein Chaos zuckender Blitze, – nein, – wie in ein helles, weites, edles Gemach, so blicke ich in Ihre Seele. Vielleicht werde ich bald schuldig werden an Ihnen. Verlassen Sie mich nicht – wie immer es sein wird zwischen uns! Ich mag Sie nicht verlieren, – wie immer es sein mag zwischen uns. Sie dürfen mich nicht verlassen, – denn ich bin ein Unglücklicher, einer der am Lichte der Sonne und an den Freuden des Weibes schuldig wird, schuldig an seinen Liedern, schuldig an seinen Küssen.

Aber meine Wünsche sagen ›ja‹. Und meine Wünsche küssen Sie. Und bald werde ich sagen: hier bin ich. Ich bin nicht ›die Begegnung‹, – nein. Aber ich bin ich, und ich bin hier – werde ich sagen.

Leben Sie mir wohl, Liebe, Schöne. Ich komme bald, denn ich sehne mich nach Ihnen. Meine Leiden haben mich demütig gemacht, darum küssen meine Wünsche nur scheu Ihre edlen Hände.

Werner Hoffmann.

 

P. S. Die Gedichte der Baronin senden Sie, wenn Sie damit fertig sind, bitte direkt an den Verlag; ich habe die Annahme veranlaßt.«

 

So war sie, wie es ihr Geschick schien, die Freundin der Umhergetriebenen, der Unbehausten, derer, die, wenn auch nur im Schatten eines fremden Daches, rasten möchten. War es die Wirkung ihres eigenen Schreitens, ihrer gebändigten Kraft, die diese Zusammengebrochenen anzog, die die Entgleisten und Ausgesprungenen mit wärmendem Frieden füllte?

Sie fühlte sich ihnen gegenüber bettelarm. Was konnte sie ihnen geben, – was wollten sie von ihr?! Eine schmerzliche Neigung, gemischt mit einem herben Verzicht, verband sie mit diesen Zerstörten. Einem Heilen, einem Ganzen, einem glücklichen Starken begegnen und sich ihm verbünden dürfen, – das war die Sehnsucht, von der ihre stillste Stimme sprach. Und dieser Stimme galt ihr bewußter Verzicht.

Koszinsky besuchte sie. Es schien ihr, als wäre sie für ihn die Repräsentantin einer Schicht, für die er verloren war, zu der durchzudringen es ihm an genügend unnachgiebigen Antrieben mangelte. Während seiner Zigeunerfahrten waren sie gebrochen worden. Mit dem selbständigen Spürsinn des weiblichen Gemütes fühlte sie das sehr bald deutlich; sie fühlte, ohne daß er es aussprach, daß er von ihrer Weiblichkeit nichts mehr für sich erwartete, noch begehrte. Ihre einstige nahe Begegnung lag zwischen ihnen wie eine Brücke, die um eines lebhaften Gewässers willen geschlagen worden war; der Fluß aber war versiegt, seine Quellen waren verschüttet, – nur die Brücke war noch da. Und sie führte immerhin über die Niveauhöhe des gemeinen Tages und wölbte sich gangbar über die trockene Erdfläche, die das einstige Flüßlein ihrer Liebe mit lebendigem Geplätscher erfüllt hatte.

Sie wußte, daß die wenigen Stunden, die er bei ihr zubrachte, für ihn friedvoll waren, und sie gönnte sie ihm. Aber nur, wenn ihn während dieser Rast nichts an sein eigenes, dunkles Dasein mahnte, bewahrte sie für ihn den Frieden. Er kam wie einer, der sich von einer ihm nicht zugänglichen Welt erzählen lassen will, – der der beste Hörer und ein kluger Versteher ist, ohne von sich selbst auch nur ein Geringes preiszugeben. So war er das gerade Widerspiel zu Hoffmann, der, von sich selbst übermächtig erfüllt, formende Aufnahme suchte. – Wäre ein anderer vor jeder Berührung seines Schicksals so zurückgewichen, wie Koszinsky es tat, – es hätte ihr Mißtrauen erregt und sie zu gleicher Verschanzung gemahnt. Hier aber wußte sie, daß es das Hoffnungslose war, das sich scheu vor Berührung barg. Seine Augen, deren Flackern stiller wurde, wenn er längere Zeit bei ihr saß, entzündeten sofort, wenn sie an das gefährliche Thema seiner Existenz auch nur rührte, ihre unruhig tanzenden Funken. Das gefaßte Lächeln verschwand, der Mund wurde hilflos und eckig. Sie solle ihn nicht verscheuchen, – indem sie ihm »helfen« wolle, – um Gottes willen nicht! Er sprang auf und begann in dem kleinen Stübchen, daß er mit seinen langen Schritten schnell durchmaß, hilflos, wie ein gefangenes Tier, auf und nieder zu gehen. So war es gewesen, als sie ihm einmal, mit gutbedachten Worten, zuzureden begann, daß er versuchen möge, seine musikalische Kaffeehausexistenz durch eine andere abzulösen.

»Was soll ich Ihnen darauf antworten?« fuhr er gequält auf.

»Warum Ihnen das so unmöglich scheint. Sie sprechen mehrere Sprachen, Sie könnten eine Stellung suchen, wo Sie die verwerten können, – vielleicht vorher noch etwas Kaufmännisches dazu lernen –«

»Buchhaltung, Stenographie, – wie Ihre famose, davongerannte Erika, wie?« Sie hatte ihm von ihr erzählt. – »Den Kontorstuhl drücken, – daß wäre ein Heil, – was?«

Sie schwieg, traurig. Und sie brachte es fertig, ihm unter der schwersten Bedingung, die einem Weibe gestellt ist, ihre Güte zu wahren: wissend, daß sie sie einem gab, über den sie jede Macht verloren, zu dem weder Wunsch noch Rat von ihr einen Weg hatten. –

 

* * *

 

»Meine Liebe und Verehrte! Haben Sie die Güte und lassen Sie mich auf einliegendem Bogen wissen, ob ich den morgigen Nachmittag mit Ihnen verleben kann. Es würde mich über die Maßen freuen, dies im Anschluß an ein interessantes, wenn auch nicht schmerzloses Ergebnis tun zu dürfen. Morgen ist nämlich mein letzter Scheidungstermin. Außerdem trifft es sich glücklich, daß ich im Kündigungsmonat bin und gleichzeitig eines rheumatischen Anfalls halber Krankenurlaub genieße. So habe ich sattsam Zeit, erstens für meine Privatangelegenheit, und zweitens für Sie, meine sehr Verehrte! Meine neue Stellung, die ich auf Grund von neunundsechzig beantworteten Annoncen errungen habe, scheint leidlich zu sein. Vielleicht ist sie sogar angenehm. Nur zu lange Bureauzeit, – von morgens 1/2 8 bis abends 1/2 8, in einer Orgelfabrik in Lichtenberg. (Kennen Sie es? In der Richtung Hoppegarten – Osten!) Mein Wohnungsumzug dahin wurde opportun. Und so kam es, daß ich nicht eher Zeit fand, mich hier bei Ihnen zu präsentieren; die Stellungsuche, dann der Umzug, dazwischen die Verhandlungen mit Herrn Dr. Bergmann belegten mich mit Beschlag. Sogar meine Passion litt unter diesen turbulenten Störungen, – mißverstehen Sie mich nicht, ma chérie, nicht die große Passion, jamais de la vie, – die kleine, ich meine mein Geklimper. Mein Handgelenk war steif vom Schreiben der Offerten, und meine Füße waren wund gelaufen. So wurden sogar meine allmittäglichen und allabendlichen Etüden vernachlässigt. Sollte ich Sie morgen, gegen 4 Uhr nachmittags, nicht antreffen,


so bin ich,

nach wie vor –

mit herzlichsten Grüßen von Haus zu Haus

Ihre allerergebenste

Erika Bergmann.

 

P.S. Rückporto einliegend. –

Est-ce que je pourrais venir vous prendre, sinon demain, – dimanche prochain? Toute à vous.

E.B.«

 

Wenn Koszinsky von Olgas neuer Freundin hörte, so murmelte er immer, mit spöttischem Gesicht, vor sich hin: »Die Äffin halb, halb Heldin war.« Und indem er sie auf diese Art boshaft zu einer neuartigen, mythologischen Erscheinung machte, traf er beinahe das Richtige.

»Es ist das große, lemurische Zwischenreich, dem sie angehört«, warf Olga hin, in Erinnerung an jenes letzte Gespräch mit dem Wiener Cousin. Und, da er eine Erklärung forderte, gab sie sie:

»Es fehlt irgendwo – an entscheidender Stelle – ein entscheidendes Etwas. Irgendeine Kraft, die zur vollen Bewältigung einer höheren Lebensform unbedingt nötig ist, ist nicht da, oder nicht genügend entwickelt; darum ein Versagen an wichtigen Stellen; dabei eine absolute Auflehnung gegen primitivere – gewöhnlichere – Daseinsformen, die als überwunden empfunden werden. – – – So ungefähr verstand mein Cousin Art und Schicksal jener Schicht, die er ›lemurisch‹, gespenstig, halbäffisch nannte.«

»Also eine Rückbildung – bis in die Nähe vom Gorilla?«

»Falsch verstanden. Unter den Ganzaffen, die noch hinter den Lemuren zu denken sind, meinte er natürlich nicht unsere braven, zoologischen Ahnen.«

»Sondern?«

»Sondern die überwundene Bürgerschicht, – deren nächste Fortsetzung, jene intellektuell Gesteigerten sind, bei denen aber die wichtigsten Impulse, die zur Orientierung der ganzen Art unentbehrlich sind, – noch nicht im gleichen Grade mit gesteigert sind.«

»Und was würde das alles bedeuten? Denn kein Sein ist ohne Bedeutung.«

»Vorderhand: ein Sichaufbrauchen zwischen zwei Existenzstadien.«

»Und nachher?«

Sie sah gedankenverwoben vor sich. Ihre Augen bekamen einen nebligen Schleier.

»Es muß einen Weg geben aus diesem – Zwischenreich,« sagte sie suchend, »einen Weg, der wahrhaftig – ja wahrhaftig – hinausführt.«

»Und wohin sollte dieser Weg wohl führen?«

Erstaunt sah sie ihn an. »Wohin anders als zum Menschen? – Zum gesteigerten Menschen? – – – Wohin anders?!« – – –

Und der neblige Schleier über ihrem Blick zerteilte sich, und ihr Auge strahlte klar.

 

* * *

 

Erika war als junges Mädchen bei einem älteren Arzt und Witwer als Erzieherin seiner Kinder im Hause gewesen.

Nach kaum einem Jahr hatte ihr der stattliche Herr, der sich den Sechzig näherte, Herz und Namen geboten. Stabsarzt Dr. Bergmann war eine echt militärische Erscheinung, groß und massig, mit vollem fleischigen Gesicht, das die etwas ins Bläuliche spielende Röte des Zechers zeigte, weißen Bartkoteletten, schwer und stapfend im Tritt, mit einer Atmosphäre um sich, die an einen leichten Dampf und an den Geruch von Juchten erinnerte. Überzeugt, daß sie seinen Antrag als unverhofft glückliche Wendung ihres Gouvernantendaseins betrachte, hatte er ihre Antwort kaum abgewartet und sie gleich bei seiner Werbung kräftig an sich gezogen.

Während der folgenden Monate, in denen die junge Frau Stabsarzt ihr Kind erwartete, glaubte auch sie an das unverhoffte Glück. Zwar entsprach der massige, ältliche Herr nicht ganz den Träumen, die ihr in ihrer Mädchenzeit das Bild des künftigen Gatten umwoben hatten. Daß er um 35 Jahre älter war, als sie, beängstigte sie ein wenig. Aber sie war schon bange gewesen, ihr Frauenschicksal zu versäumen ... Mit all ihrer Begier nach dem »Wunderbaren« erwartete sie nun das Kind. Es kam, – und kam zu früh und starb, nachdem es wenige Tage in künstlicher Wärme vom rauhen Leben abgesperrt gehalten wurde, an den Folgen eines Luftzuges. Eine zweite Schwangerschaft endete mit einer Fehlgeburt, eine dritte brachte ein dürftiges Geschöpfchen, das drei Jahre seine Mutter in Atem hielt, bis es seinen Geschwistern folgte. Dann kam noch ein viertes Kind, ein kleines Mädchen. Es wurde mit Widerwillen empfangen und ausgetragen und in Erbitterung geboren. Aber es fristete sich am Busen einer kernigen Amme weiter und blieb am Leben, ohne daß seine Mutter sich wesentlich um seine Existenz mühte.

Indessen begehrte der Fünfundsechzigjährige noch immer Zutritt zur Tür seiner Frau. Aber während sie sich seiner greisen Begier überließ, arbeitete die mißhandelte, schwer vergewaltigte Phantasie mit krankhafter Hartnäckigkeit ein Bild aus, daß der maßlos gereizte Glückshunger gewalttätig ins tatsächliche Schicksal seiner Trägerin projizierte. Zug für Zug erweiterte sie dieses Tableau, schweifte dabei umher, glücksbegierig, lebenshungrig – und suchte das Modell für die Hauptgestalt. Einen jungen Arzt, der auf der Fläche ihres Lebens irgendwo auftauchte, erwählte sie sich endlich. Sie stellte ihn an den großen, freien Platz in ihrem Bild – und sich selbst, in entsprechender Pose, daneben. Ganz im Bann ihrer Manie, begann sie jetzt die Aktion. Aus der Welt des Wahnes ging es nun heraus in die der harten Tatsachen, – zum gewaltsamsten Zusammenstoß mit der Wirklichkeit.

Er begann damit, daß sie plötzlich jeden Zusammenhang mit der Familie unerträglich fand. Sie sperrte sich stundenlang ein, ließ sich ihr Essen auf ihr Zimmer bringen. Die bloße Nähe ihres Mannes verursachte ihr physische Störungen, – sie konnte, wie sie sich ausdrückte, das Essen, das sie in seiner Gegenwart einnahm, nicht mehr verdauen. Eines Tages war sie entschlossen. Unter Mitnahme ihrer geringen Ersparnisse verließ sie das Haus. Dann trat sie vor den unfreiwilligen Helden ihrer Träume und sagte ihm unverzagt: »Ich liiiebe Sie!«

Daß der Erwählte sich gegen jede Beziehung zu ihr verwahrte, störte nicht den Ablauf ihres Wahns.

Frohlockend erzählte sie Olga, an die sie sich mit derselben Energie anschloß, mit der sie ihre Liebe gegen alle Bedenken verteidigte, – wie »seine« Boten und Späher jeden ihrer Schritte bewachten. Der Geliebte sorge auch dafür, daß sie ihn nicht vergesse. – Wie er denn das mache? fragte Olga. Nun, – sie wurde ernst und geheimnisvoll – heute sei ihr ein Mann gefolgt, der ihm entschieden ähnlich sah. – Was sie denn damit sagen wolle? – Nun, das sei doch klar zu durchblicken. Er sei reich, für Geld sei alles zu haben, und so habe er Sorge getragen, einen Detektiv ausfindig zu machen, der ihm ähnlich sei, – damit sie sich seiner erinnere, wenn sie jenem begegnete .... Ein andermal zeigte sie einen Brief vor, den sie an den Geliebten geschrieben und der mit dem Vermerk »Retour, nicht angenommen« an sie zurückgelangte. »Sehen Sie,« sagte sie leuchtenden Auges, – »das hat er selbst geschrieben, – damit ich seine Handschrift sehen soll ...«

Und diese Frau war nicht wahnsinnig, wie Olga zu erst glaubte; ihr Geist war – bis auf dises eine, geheimnisvolle Gespinst, das ihr verfehltes, schwer lädiertes Frauenschicksal in ihrem Hirn erzeugt hatte, – nicht umnachtet, ihr Orientierungsvermögen nicht gestört. Wunderbar aber war, was aus dem erschütterten Boden dieser Seele, aus der undämmbaren Lava ihres Wahnes, die sich aus den Tiefen undurchdringlich und schwarz über sie gebreitet hatte, – an Tatkraft erwuchs. Gerade jenes Kampfes, in dem sie sich als Heldin bewährte, schien sich Erika am wenigsten bewußt. Es war ihr Kampf um Brot, von dem sie Olga zwar mit der gewohnten, freundlichen Bereitwilligkeit auf ihr Befragen berichtete, den sie selbst aber nur als nebensächlich, – als eine kleine Schwierigkeit, die eben zu bewältigen war, – betrachtete.

An jenem Nachmittag, zu dem sie sich angesagt hatte, – an dem sie vor ihrem letzten Scheidungstermin kam, beide Arme mit Blumen für Olga beladen, die die Freude über ihre »Freiheit« ausdrücken sollten, – berichtete sie, in bester Laune, und in einer Darstellung, die die scharfe Beobachtung nicht verkennen ließ, von den »kleinen Plackereien«, mit denen sie zu schaffen hatte, seit sie dem Gehege der versorgten Ehefrau, vollkommen ungerüstet, entsprungen war.

Ganz unvermittelt begann sie, nachdem sie sich an einer Tasse Tee gelabt hatte, von der Anomalie ihrer linken Gesichtshälfte zu sprechen.

»So wurden die Hexen dargestellt,« bemerkte sie, nicht ohne Stolz, – »auch große Künstlerinnen zeigen zuweilen solche Unregelmäßigkeiten. – Haben Sie mal ein Bild der Lagerlöf gesehen? Nun, da finden Sie das eine Auge in derselben Art, wie bei mir, ein wenig höhergestellt.« Und dabei lugte sie in den Spiegel und funkelte ihr eigenes, pikantes Hexengesichtchen herausfordernd an. »Aber ich bin auch linkshändig,« fuhr sie fort und verrührte mit der Linken den Zucker in der Teetasse, – »wie die meisten künstlerisch begabten Menschen oder doch solche, die – mit künstlerischen Anfechtungen« – sie zögerte und schloß dann, mit munterer Entschiedenheit, – »sagen wir belastet sind.« »Und Ihre – Belastung?«

»Ich habe eine unglückliche Liebe zum Klavier, – das ist meine kleine Passion«; und sie berichtete, daß sie, trotz ihres Mangels an Zeit, regelmäßig in den zwei Stunden ihrer Mittagspause und jeden Abend von 9 bis 10 Uhr auf einem gemieteten Pianino übe.

»Wann treten Sie Ihre neue Stellung an?«

»Zum Ersten natürlich, und bis dahin genieße ich meinen Kündigungsurlaub.«

Was denn das für ein Urlaub wäre.

»Das ist eine Freiheit von zwei Stunden täglich, die jedem Angestellten im Kündigungsmonat gewahrt werden muß, damit er sich eine neue Stellung suchen kann. Außerdem habe ich mir meine Neuralgie mal ausnahmsweise nicht verkniffen und habe mich für ein paar Tage krank gemeldet. Scheidung und Offertenschreiben – das nahm viel Zeit weg.«

Und als Olga Näheres über die Art, wie sie sich ernähre, wissen wollte, erfuhr sie von einer seltsamen Odyssee, die wohl geeignet war, ihr Schauer einzuflößen.

Als Gouvernante, wie zu ihrer Mädchenzeit, mochte sie nicht ihr Brot suchen. Die vollkommene Abhängigkeit im Hause einer fremden Familie wäre ihr jetzt unerträglich gewesen, auch hätte sie in ihrer Lage einer in Scheidung befindlichen Frau kaum eine solche Stellung gefunden. Sie hatte sich also, nachdem sie ihr Haus verließ, mit ihren Ersparnissen in eine einfache Pension eingemietet; hier bezog sie das billigste Zimmer – die Mädchenkammer. Wenn man hier auch von dem Brausen der Wasserleitung und anderen unangenehmen Geräuschen des benachbarten Raumes gestört wurde, so konnten einem solche Kleinigkeiten, – wenn man sie für eine große Liebe erlitt, – nichts anhaben ... Hals über Kopf stürzte sie sich in einen Kursus für Buchhaltung, Stenographie und Schreibmaschine. Daneben trieb sie, allein, an der Hand kaufmännischer Sprachbücher, französische und englische Handelskorrespondenz. Sie hatte berechnet, daß ihre Mittel für ein Vierteljahr reichten. Nach sechs Wochen war der »Handelskursus« beendet, und sie ging auf die Stellungssuche. Sie schrieb, lief, annoncierte. Bei einer neugegründeten Zeitung »zur Verbesserung des Wohnungswesens« fand sie ihre erste Stellung. Hier sollte sie die Bücher einrichten. Nachdem sie dies mit Hilfe ihrer jungfräulichen Kenntnisse getan, wurde ihr vom Fünfzehnten zum Ersten gekündigt. Mit großer Freundlichkeit erklärte ihr der Chef, ein blutjunges, korpulentes Herrchen, daß der noch kleine Betrieb es ihm ermögliche, die Bücher nun selbst weiter zu führen. Aber er werde auf sie »zurückkommen«, wenn er ihrer bedürfen sollte.

Bei der »Deutschen Stahlzentrale für die gesamte Metallwaren-Industrie« war ihr nächster Posten. In einem kleinen, schmalen Zimmerchen eines Hinterhauses wurde der stolz betitelte Betrieb geführt. Die Zentrale der Metallwaren-Industrie lieferte während ihres Dortseins einige Roststäbe für eine Gasanstalt. Nach kurzer Zeit erklärte der Chef, er habe sie unter der stillen Voraussetzung engagiert, daß sie sich mit etwas Betriebskapital beteiligen werde; Heirat nicht ausgeschlossen. – Sie ging.

Ein neuer Posten fand sich in einer »Fabrik zur Verwertung von Sägespänen«. Eine neuerfundene Maschine, die den märkischen Sand und die Sägespäne zusammen zu Bausteinen preßte, sollte hier verwertet und vertrieben werden. Die märkischen Gutsbesitzer sollten die Maschine kaufen, weil sie sowohl Sand als Sägespäne hatten. Der Chef hatte Verbindungen in aristokratischen Kreisen, besonders in denen des Landadels. Er sah sehr stattlich aus, glich einem Offizier in Zivil, war groß und kräftig, trug ein feines, englisches Bärtchen, einen sorgfältig geglätteten Offizierscheitel, eine diskrete Perle in einfarbiger Krawatte, hatte ein schneidig schnarrendes Organ und besaß einen kapitalen, echt russischen Windhund »Barseu« – dessen Leben auf 5000 Mark versichert war und mit dem er täglich mittags und abends persönlich auf den belebtesten Korsostraßen des feinen Westens spazieren ging, um auf diese Art für den »Barseu« eine seiner Rasse würdige Gefährtin zu finden. – Es waren noble, große Räume in einer Prachtstraße, die er gemietet hatte. Das Direktionsbureau sollte romanisch eingerichtet werden; vorderhand war es allerdings noch fast leer, – ein alter Tisch, zwei Hocker, eine Kiste und eine Matratze für den »Barseu« bildeten das Inventar ... Erikas Kündigung erfolgte hier, weil sie angeblich zu langsam stenographierte und ungenügend die Schreibmaschine beherrschte. Die letzten vierzehn Tage peinigte sie der Chef, so erzählte sie, mit Vorsatz. Er diktierte viel zu schnell, zankte mit ihr, wenn sie die Sätze mit dem richtigen Kasus schrieb, während er Akkusativ und Dativ manchmal verwechselte. Zum Schluß kam es zu einer heftigen Szene. Als sie einem galoppierenden Diktat seiner schnarrenden Stimme nicht folgen konnte und er sie auf der Stelle zu entlassen drohte, empfahl sie ihm, sich einen Reichstagsstenographen zu engagieren. Der schneidige Chef erklärte ihr wütend, die Geschichte mit ihr sei »mau«, – worauf sie ihm erwiderte, sein Geschäft sei mau.

Er wies ihr auf der Stelle die Tür. Sie klagte vor dem Kaufmannsgericht um den Restgehalt und »verglich« sich mit ihm auf zwanzig Mark.

Damit stand sie im Monat Juli auf der Straße. Eine neue kaufmännische Stellung konnte um diese Zeit nicht gefunden werden, trotzdem sie täglich im Zigarrenladen, an der Ecke, die Zeitung durchsah und Annoncen herausschrieb, was ihr der Besitzer des Ladens gutmütig gestattete. Natürlich befragte er sie um den Zweck dieses Tuns, und sie klagte ihm ihr Leid. Nachdem sie immer elender aussah und schließlich auf seine Frage gestand, daß sie hungerte, bot er ihr einen Ausweg aus ihrer Lage. Seine Familie sei auf dem Lande, er sei Strohwitwer und entbehre »seine Ordnung«, besonders aber die gewohnte »Hausmannsküche«. Ob sie denn kochen könnte? – Nun, wenn man acht Jahre Hausfrau gewesen war, so sei das wohl selbstverständlich. – Ob sie täglich zu ihm kommen wolle, für ihn und sich zu kochen? Natürlich müßte sie gleichzeitig das Aufräumen der Wohnung besorgen, denn »zwei zu halten«, würde nicht lohnen. Dafür wolle er ihr die Kost und drei Mark wöchentlich geben. – – – Als sie das erstemal mit dem Mülleimer in den Hof ging, begegnete ihr die Portierfrau und sah ihr mißtrauisch nach. Am anderen Tag, als sie früh in den Hausflur des Vorderhauses trat und eben die Treppen hinaufgehen wollte, vertrat ihr die Portierfrau den Weg: »Wenn Se hier oben Aufwartefrau sind, denn jehen Se man hintenrum!« Und sie ging hintenrum. – – – Der neue Herr erzählte ihr, während der Mahlzeiten, die sie mit ihm zusammen einnahm, vertrauensvoll seine Geschichte. Er hätte einmal studieren wollen, für die Gewerbeakademie. Leider habe er seine Kariere durch Heirat zerstört. Seine Geliebte, eine Blusennäherin, sei in andere Umstände gekommen, und da habe er als »Schentelmann« gehandelt, als »Kavalier« und sie geheiratet. »Ein Kavalier ist kess«, schloß er. – Sein Äußeres schilderte Erika als das eines Menschen von »zwerghaftem Typ« mit O-Beinen, einer »Stubsnase«, in die es hineinregnen konnte und bürstenartig geschorenem Haar. Eines Abends, als sie sich nach dem Abendbrot anschickte, nachhause zu gehen, und ihm vorher noch das Bett abdeckte, begann er, wie sie sich ausdrückte, – »sexuelle Gespräche zu führen«. Wie eine Frau in ihren Jahren denn ohne Mann leben könne, – was ihn betreffe, so leide er unter der Abwesenheit seiner Frau schon so, »daß es nicht mehr schön sei« usw. Sie, mit ihrer naiven Art, alles buchstäblich und ernst zu nehmen, antwortete ihm in wohlwollend aufklärender Weise »wissenschaftlich« und hielt eine Abhandlung über die Phänomene geschwächter Willenskraft, die dazu angetan wären, Libido zu steigern.

Die Stubsnase blieb verblüfft und behandelte sie aus Verlegenheit grob.

Mitten in diese Situation, an der sie täglich immer schwerer schleppte, kam eine Wendung, die sie als das »Wunderbare« empfinden mußte.

»Zum Ordnen der Bibliothek wird gebildete Dame gesucht.« Sie ging an die Adresse.

Es war ein vornehmes Grundstück im Grunewald, das sie betrat. In einem weiten Park, in dem ein kleiner See eingeschlossen war, auf welchem Schwäne und wilde Enten schwammen, und an dessen Ufern graue und rosenrote Flamingos spazierten, – inmitten eines kleinen Haines herrlicher Kiefer mit pinienartigen Kronen, zwischen denen vereinzelte Buchen rauschten, – lag ein schloßartiges, altes Landhaus. Hier wohnte die Herrschaft, die eine gebildete Dame zum Ordnen der Bibliothek suchte.

Sie war in ungewöhnlich zeitiger Morgenstunde gekommen, um die erste der Bewerberinnen zu sein. Betaut lag der Park, und zart und morgenfrisch wölbte sich der Himmel über dem märkischen Walde. Der frische, leichte Wind spielte mit dem Kiefernduft, trug ihn bald stärker vorwärts und wehte ihn dann wieder zurück. Auf dem Wasser kräuselten sich kleine, silbrige Wellen ...

Während sie in der Halle wartete, fürchtete sie schon, zu so früher Stunde nicht angenommen zu werden.

Aber da kam der Diener zurück und forderte sie auf, ihm zu folgen. Sie wurde in einen weiten Bibliothekssaal geführt. Während sie mit vor Erwartung gespannten Nerven um sich blickte, trat aus der Portiere des Nebenzimmers eine alte Frau, im dunklen Morgenkleid, mit geradem, strengen Faltenwurf, – mit weißen Locken, die silbrig schimmernd bis zur Schulter fielen und leuchtenden Blauaugen, die sie auf Erika ruhen ließ, – der unter diesen Blicken leichter zumute wurde.

Und Frau Dr. Wallentin fand Gefallen an Erika und behielt sie zum Ordnen der Bibliothek ...

Einen ganzen Monat lang durfte sie ihr neues Amt versehen. Es galt, den Inhalt der großen Bücherkisten, welche die beiden Söhne von Frau Dr. Wallentin nach Hause sandten, zu ordnen. Weit über Meere und Länder kamen diese Kisten; und sie brachten nicht nur Bücher, sondern Aufzeichnungen, Aktenmaterial, photographische Aufnahmen, Sammlungen aller Art. Manfreds Material sammelte Tatsachen der sozialen Kultur in Indien, Japan, Amerika, Neuseeland, – Florian, der Jüngere, sandte neue Kundschaft aus den dunklen Gegenden der Erde, berichtete über unzivilisierte und halbzivilisierte Völkerstämme. Die beiden Brüder, der älteste und der jüngste, waren auf Weltreisen, – jeder auf einer anderen Tour. Der eine durchforschte an den Rändern der Erdteile fremde Kulturen, der andere drang mit einer Expedition ins Innere zu Naturvölkern. Der mittlere Sohn, Justus, war zu Hause, als Rechtsanwalt in Berlin tätig und überwachte mit seiner Mutter und seiner Frau, einer schönen Schwedin, die Sendungen. Es schien Erika, als würde da ein gewaltiges Werk vorbereitet, – und ihre geschickten Hände griffen zu, ohne daß sie die Bestimmung ihres Tuns und jenes, dem sie diente, überblickte. Sie hörte nur, daß Manfred, der Älteste, bald erwartet wurde.

Als in einem Monat die Arbeit getan war, sie nicht mehr, allmorgendlich, als Helferin der Familie hinaus, nach dem Grunewaldhaus, pilgern durfte, – da führte sie ihr Schicksal wieder in die Wüste. Wie ein wunderbarer Traum, geträumt im Schatten eines spendenden Baumes, von zärtlichen Lüften umweht, – so blieb ihr die Erinnerung an das Eiland der Schönheit, auf dem sie auf ihrer Wanderung hatte rasten dürfen.

Frau Wallentin hatte ihr beim Abschied freundlich über das Haar gestrichen, das so spröd und eigenwillig um die Stirn herumstand. Sie kannte ihr Schicksal, – auch hier hatte es sich aus dem gepreßten Herzen über die Lippen gedrängt, – und sah ihr ernst und still in das tieferrötende Gesicht. – – Sie lud sie ein, im Herbst die Versammlungen des »Bundes« zu besuchen, und gab ihr die Eintrittskarte für das nächste Jahr. – Ihre Mithilfe am ordnenden Werk entlohnte sie so reichlich, daß Erika ruhig und vorsichtig ihre neue Stellung suchen konnte.

Zum Unterschied von ihren bisherigen Posten kam sie nun in einem Riesenbetrieb unter. Es war ein Hüttenwerk, »Zum Eisenhammer«, in dessen Bureau sie aufgenommen wurde. Sie sah sich da einer komplizierten Buchführung gegenüber und hatte große Mühe, sich zwischen Wechselklagen, Zollberechnungen und komplizierten Kalkulationen zurechtzufinden. Ein Recambio, das ihr präsentiert wurde, machte sie ratlos. Seitenlange Zinszahlenauszüge bekam sie von ihrem unmittelbaren Chef, dem Prokuristen, durchrissen zurück. Dieser Chef behandelte das ganze Personal mit einer Grausamkeit, die Erika »sadistisch« nannte. (Sie wendete mit Vorliebe der Pathologie entlehnte Ausdrücke an, die ihr, als Arztesfrau und als langjähriger Leserin medizinischer Zeitschriften, geläufiger waren als die doppelte Buchführung.) Dieser sadistische Chef überhetzte das Personal, peinigte es auf jede Art. Nach ihrer Beschreibung hatte er ein mächtiges, brutales Gesicht, einen Schädel, dessen Dimensionen dazu herausforderten, sich über die Grenzverhältnisse von Genie und Wasserkopf zu unterrichten, – und kleine, scharfe Augen, die sich in die Opfer einbohrten. Er beobachtete die neue Buchhalterin genau. Nach einiger Zeit bemerkte sie, zu ihrem Staunen, eine Veränderung seines Verhaltens. Er sah ihre Fehler beinah milde nach und half ihr über die Schwierigkeiten durch Belehrung. Es traf sich auch, daß er manchmal, nach Bureauschluß, ein Stück Weges mit ihr zusammenging.

»Ach, – hätte ich mich nur in ihn verlieben können«, berichtete sie seufzend. »Aber ich kann nicht, – kann nicht!« Es lag so wenig Entrüstung oder Widerwillen in diesem Teile ihrer Schilderung, der sich mit den Annäherungen des Prokuristen befaßte, – daß man an ihrem guten Willen, ihn zu lieben und »jenen anderen zu vergessen«, nicht zweifeln konnte. In ihrer überstürzten Art verriet sie mehr, als sie wollte. »Schließlich – bei einem Ausflug an den Scharmützelsee – sagte ich Ihnen das? – wollte er mich küssen – – aber – er roch so wild, so animalisch – – – oh, es war unmöglich. – – – Zudem sah ich plötzlich, – im freien Feld – ein Auto stehen – – und da wußte ich gleich, – daß ich von da aus beobachtet wurde.« – –

Nach ihrer fluchtartigen Rückkehr vom Scharmützelsee war ihre Stellung im Bureau des »Eisenhammers« unmöglich geworden. Der Prokurist behandelte sie wieder mit Grausamkeit, – was blieb ihr übrig, als wieder zahllose Offerten zu schreiben, – jedes handschriftlich, sauber und akkurat. Endlich kamen zur näheren Auswahl zwei Stellungen in Betracht. Bei einer Versicherungsgesellschaft sollte sie mit dem Gehalt von 130 Mark pro Monat angestellt werden, – als Agentin. Dafür war sie verpflichtet, für 13000 Mark monatlich Geschäfte abzuschließen;

für jedes Tausend, das von dieser Summe fehlte, sollten zehn Mark abgezogen werden. Dieser Honorarsatz galt aber nur für die Erwerbung von Policen für direktes Ableben. Bei Er- und Ableben (Lebensfall) mußte sie um ein Drittel mehr Geschäfte machen.

Sie wählte die zweite Stelle, in einer Orgel- und Harmoniumfabrik in Lichtenberg. Beim Engagement sagte ihr der Chef, ein kleiner, dicker Ostberliner:

»Det sach ich Ihnen jleich – pünktlich müssen Se sind.«

Erika: »Wir leben in einer Großstadt, – die Elektrische kann doch mal überfüllt sein.«

Er: »Wenigstens müssen Se Jrund haben.« Morgens um halb acht Uhr hatte sie anzutreten, die Orgeln und Harmoniume abzustäuben, – dann die Abzahlungskunden zu besuchen, um »Reste anzumahnen«. Nachmittags waren die Bücher und die Kontorarbeiten zu erledigen. Sie bekam 120 Mark Gehalt, außerdem zahlte der Chef die Krankenkasse und die Invalidenmarken. Um auch die Fahrkarte nach dem äußersten Osten zu sparen, war sie dahin – in den düstersten Proletarierbezirk Berlins, – übersiedelt.

Hier hielt sie jetzt.

 

* * *

 

Die Abende begannen lang und trüb zu werden. Olga verbrachte sie zumeist zuhause, in ihrer Mietsstube. Sie hatte einen Plan gefaßt, der einen Versuch darstellte, sich eine Existenz zu schaffen. Sie wollte eine Korrespondenz für die Frauenbewegung herausgeben. Hoffmanns Chef war als Verleger für den Plan gewonnen worden und hatte sich bereit erklärt, den Druck zu besorgen. Den Vertrieb sollte sie selbst übernehmen. Zu diesem Zweck würde ihr Zimmer nicht genügen und eine eigene, kleine Wohnung notwendig werden. Sie suchte schon fleißig, natürlich im Vorort, da sie nicht zwischen den vier Mauern eines Gartenhauses, das in Berlin selbst allein in Frage kam, leben wollte. Im Vorort konnte sie wohl eine kleine Wohnung mit freierem Ausblick finden.

Der Vater war von dem Plan verständigt worden, und sie hatte um eine Summe gebeten, mit der sie die ersten Unkosten und die einfachste Einrichtung der Wohnung bestreiten konnte. Ohne weiteres hatte er das Geld gesandt. Es war ein Geschäft wie jedes andere, das sie begann, – warum ihr nicht helfen? Ja, zu ihrem Erstaunen war er erfreut gewesen von dem Plan, denn es hatte ihn gequält, daß das Mädchen, ohne verständlichen Zweck, fern von zuhause, in der fremden Großstadt saß. Nun hatte ihr Dortsein einen Zweck, und darum half er ihr, ihren Plan auszuführen.

Sie begann Verbindungen mit Autoren und Redaktionen anzuknüpfen, wollte nicht eher beginnen, bevor ein fester Kreis von Mitarbeitern und auch von »Abnehmern« gewonnen war. Dabei hieß es erkennen, was die Tagespresse brauchte, vielleicht neue Anregungen geben und Bedürfnisse wecken; andererseits galt es, die Autoren zu interessieren, sie zur Arbeit anzuregen, sie auf Probleme der Frauenkultur, wie sie sich in der Zeit meldeten, aufmerksam zu machen, mit Geschick die geeigneten Persönlichkeiten heranzuziehen. Die Korrespondenz, wie sie ihr vorschwebte, sollte nicht wahllos Artikel, die der Zufall auf den Tisch wirbelte, aneinanderreihen, – sie sollte der Ausdruck einer in sich geschlossenen Anschauung werden. Bei dieser Arbeit half ihr Lore Wigolski. Lange hatte sie eine passende Helferin für die Erledigung der vielen schriftlichen Arbeiten gesucht. Und da sie noch keine eigene Schreibmaschine besaß, war es schwer geworden, eine Kraft zu finden, die ihr nur stundenweise und doch sicher zur Verfügung stand, so oft sie sie brauchte. Sie hatte es mit verschiedenen, kleinen Tippmädchen versucht, – aber die pünktliche und sichere Lieferung der zumeist eiligen Briefe klappte nicht, wie sie mußte. Auf gut Glück war sie, begleitet von Stanislaus, auf eine Annonce hin, auch zu Frau – oder Fräulein – Wigolski gegangen. In einer kleinen Gartenhauswohnung in Schöneberg, vier Treppen hoch, wohnte sie. Ein junges, eben schulentlassenes Dienstmädchen öffnete und führte die Besucher gleich in eine große, lichte Stube, die mit behaglichem Altväterhausrat ausgestattet war. Da standen prächtige, alte Biedermeierkommoden, tiefe Fauteuils und ein bequemes Sofa, wie es in die »gute Stube« einer alten Berliner Familie gehörte, aber mit braunem Tuch neu bezogen; da war auch ein großer, moderner Arbeitstisch, von rotgebeiztem Holz, fast so groß wie ein Zeichentisch, mit Papieren und Maschinenschriftmanuskripten bedeckt. Daneben war ein kleines Tischchen, auf dem, auf einem dicken Schalldämpfer von Kork, die Schreibmaschine stand. Und da war noch ein Möbelstück, das eigentlich nicht in dieses Zimmer paßte:

ein weißes Kinderbett, mit einem Betthimmel von hellblauem Tüll, stand nahe einer schmalen Tapetentür in der Ecke. Über das ganze, behagliche Zimmer waren Blumen verteilt, – auf den Kommoden standen Vasen mit Herbstlaub, Astern und Georginen, und grüne Blattpflanzen reckten sich im Erker der Sonne zu.

Eine schlanke Frau, in knappem, dunklen Tuchkleid, trat ein. Ihr Kopf erinnerte Stanislaus an die Modelle moderner Maler: große, scharfgezeichnete Züge, ein etwas breiter Mund mit zwei prächtigen Zahnreihen, lebhafte, graue Augen, deren äußere Winkel etwas schräg gestellt waren und einen wendischen Einschlag im Blute verrieten, dem man in alten Berliner Familien oft begegnet. Sie sprach mit kräftiger, sicherer Stimme, und der reservierte Zug in ihrem Gesicht verschwand bald. Zwischen den beiden Frauen spann fast augenblicklich, über die geschäftlichen Beziehungen, die sie anknüpften, ein persönliches Interesse seine Fäden, – es war wie eine Ahnung, die die kämpfenden Frauen dieser Zeit oft blitzschnell zu schwesterlichem Erkennen fühlt.

Man einigte sich rasch. Lore Wigolski sollte schon am nächsten Tage zum Diktat kommen. Stanislaus und Olga erhoben sich.

Da hörte man Kinderweinen im Nebenzimmer. Die Tapetentür wurde geöffnet, und das kleine Dienstmädchen rief herein: »Ach bitte, – Frolain, – kommen Se doch mal! Lörchen is so unnütz!«

Aber da drängte es sich schon durch die Tapetentür, – das unnütze Lörchen, – vierjährig mochte es sein – schön,wie ein kleiner Cherub, mit roten Bäckchen, großen, grauen Strahlenaugen und dunkelblonden Locken.

»Mutti – is will mal die Leute sehen«, – damit zappelte sie geradewegs auf die Geschwister zu.

Lore Wigolski lächelte. Es war, als ob über die herben Züge eines Kliemtschen Kopfes das uralte, das ewige Licht – aus dem Antlitz der Kindesmutter genommen – gebreitet würde. So lächelt – besitzfroh – die Mutter, Madonna divina – die das Pfand empfangen, geboren, gerettet weiß ...

Freundlich beugte sich Olga zu dem Kind. Für Stanislaus aber war die Stube mit dem Altväterhausrat verwandelt. Flammend hatte das Licht hineingeschlagen, und im göttlichen Glanz sah er das Püppchen, das Lörchen, die Arme breiten, sah er ein Kind auf kleinen Beinchen schwanken, hörte er das Stammeln der jungen Sprache ... Er durfte die Verklärung erleben, die den Frommen und Gläubigen wird, wenn sie der Mutter mit dem Kinde begegnen, – denn er war einer von ihnen.

 

* * *

 

In diesen langen, einsamen Herbstabenden, die Olga allein verbrachte, irrten ihre Gedanken, wandermüde, als wollten sie rasten, zu den Bildern der Freunde, die vor ihre sehnsüchtig ausblickende Seele traten. Aber da war keines, dem sie hätte frohlockend zuwinken mögen: Tritt näher – du bist es – ich erkenne dich!

Hoffmann hatte wieder geschrieben und seine nahe Rückkehr angezeigt. Als er eines abends bei ihr eintrat und sie sein Gesicht wiedersah – bleich, länglich, bartlos, mit dem sanften und doch glühenden Blick der dunklen Augen, – schien er ihr, wie ein alter Bekannter. Er warf die Lodenpelerine und den Filzhut ab und berichtete, daß er sich erholt hatte, weil er sein Gehirn so richtig hatte ausschlafen lassen. Willig hatte er sich in das Räderwerk des Sanatoriums gefügt und hatte den Tag abschnurren lassen, wie das Uhrwerk es wollte. Ein immer gleicher Turnus von physischen Aktionen, bestimmt, die Muskeln zu üben, die Haut anzuregen, die Gewebe zu festigen und das Blut zu erneuen, – das waren diese Wochen für ihn gewesen; und sie hatten ihr Werk gut getan. So war das Leben eine Weile überlistet worden, man hatte Ohren und Augen verschlossen, um nicht zu merken, wie es hinging.

Aber in den kurzen Intervallen des wachen Wissens – war sie dagewesen, war plötzlich und immer wieder vor ihm gestanden. Und diese sehnsüchtige Spannung, in die ihn dieses Bild, das ihre Züge trug, versetzte, war immer stärker geworden. Dennoch ... er stockte, zögerte, bangte, – senkte den Blick, der sie heischend umfaßt hatte.

Sie begriff – und wie Nebelschwaden, die immer dichter, trüber, schwerer, aus abendlichen Auen steigen, – so stieg Schwermut aus ihrer Seele und breitete sich aus. Wie waren die Worte seines ersten Briefes gewesen? ... »Verwirrung im Felde der Voraussetzungen, – Verwirrung im Gebiete der Objekte«. – Und dann war das Einfältige und Eindeutige dennoch gekommen: die Wünsche, die Wünsche ... Scheu nahten sie sich, – wie er es verheißen – doch unabweislich in ihrem Fordern. Ja, diese scheuen, begierlichen Wünsche umrankten sie liebkosend, – und weckten sie stärker als Taten. Und auch sie hatte Wünsche: – einschläfern, was immer wach lag, sich durchdringen lassen mit jenem köstlichen Frieden der halben Betäubung, den ihr einmal, als sie schwer krank gelegen, das Morphium gebracht, – zum Schweigen bringen, alles – was nicht lügen konnte, – alle diese gesprächigen Zellen ihres so wahrhaftigen Leibes, – die da riefen: »Nein, nein!« ... Diese Rufenden – überschütten – mit einer einzigen, schweren, roten Welle – daß sie verstummten ... Sie sprach mit ihm, ohne den Rhythmus der Stunde zu beschleunigen, und sie fühlte, wie sie mit jedem ihrer gedämpften Worte die Hecke der Wirrnis verdrängte, die sie beide schied. Und sie fühlte, daß sie ihn in Bande schlug ...

Es war tiefe Nacht geworden. Das breite Fenster des Berliner Zimmers war geöffnet, denn der Tag war mild gewesen. Ein paar Straßen weiter war eine Hauptstraße; gedämpft, durch die Gruppen der Häuser, drang ein leises Brausen durch die stille Nacht, – der Atem der nächtlichen Stadt.

Sie traten zum Fenster. Vom blauschwarzen, mondbeleuchteten Himmel hoben sich die dunklen Massen der Dächer ab, und an einigen Stellen flimmerten die Schiefer, wie die vom Mondlicht übersilberte Fläche eines nächtlichen Sees. Man hörte einen verspäteten Singvogel unten im Garten einen kurzen Ton aus der Kehle stoßen, wie im Schlaf.

Hoffmann sagte: »Welch ein seltsames Ding ist es doch, – eine Melodie oder eine Dichtung, eine Skulptur oder ein Gemälde zu finden! Zu finden, jawohl«, wiederholte er. »Denn sie sind da, diese Harmonien ... Im Weltenraum warten sie unser. Im All wartet eine Harmonie, – wie die Figur im Block; und es heißt: wegsprengen, was sie birgt ... Dazu bedarf es – bezauberter Hände,« – seine Stimme sank in ein weiches Geflüster, – »bezauberter Hände! ... Wie schön ist diese Nacht, meine Liebe! ... Ja, – wegbeschwören – – was eine Harmonie verbirgt, – das ist es – – was auch wir tun müssen ... « Sein Arm bebte, als er ihn zagend um ihre Schultern schlang. Er begann leise die Melodie der Baccarole aus »Hoffmanns Erzählungen« zu pfeifen ... die in die Nacht hinein schwoll und wiegend in Dunkel und Schweigen glitt ...

 

Als er sie im Morgengrauen verließ, blieb sie in den Kissen wach. Ermattende Schwere lag über ihren Gliedern ... Und was sie in die entlegensten Winkel der Seele gedrängt, – es meldete und regte sich und kroch heran. Das Bewußtsein, das stark, wie das helle Licht des Tages, über ihren Weg geleuchtet und ihr unzweifelhaft gezeigt hatte, daß er es nicht war, den sie erwarten sollte, – sie hatte es fortgeschoben, verschüttet, mit ihren und seinen Wünschen; – ja vor allem mit seinen Wünschen, die ihre reife Jungfräulichkeit begehrten ... Bedrängt von Scham, gestachelt von stolzem Trotz, der ein ihr bisher unbekanntes, fast verächtliches Gefühl resignierten Ergebens in ihr schuf, versank sie endlich, als der Tag anbrach, in unruhigen Halbschlaf. Sie hörte, im Traum, ein Gefährt rasseln und träumte, daß es auf einer breiten, einsamen, nächtlichen Straße dahinfuhr, und sie dachte, – im Traum – es müsse jene Charette sein, die die Verdammten zum Richtort führte. Und dieses Rasseln erschien ihr, im Traum, in unlöslichem Zusammenhang mit der gespenstigen Verlassenheit ihres Lebens. – –

Sie erwachte, am späten Vormittag, als ihre Wirtin ihr das Frühstück brachte. Und da lag auf dem Tablett ein Rohrpostbrief. Hastig strich sie mit einem in Wasser getauchten Lappen den Schlaf aus den Augen und las, am Bettrand sitzend, Hoffmanns Brief:

Mädchen! Du weißt nicht, was Du mir gegeben hast. Du tatest das Herrliche, ohne darum zu wissen. Und auch ich werde eines Tages vielleicht nicht mehr darum wissen, werde es, mit Blindheit geschlagen, vielleicht vergessen können, eines Tages. Aber heute weiß ich ... Und so sei es gesagt, – wie glitzernd ich bin und befreit und sprudelnd, wie ein Bach, der im ersten Frühling durch den Tannenwald jagt ... Seine Wellen überspringen einander und verstäuben Diamantengesprühe in die selige Luft. Mädchen, das hast Du mir gegeben, Du stolze Spenderin; mir, dem Gedemütigten, der bislang nur, mit verbissenen Zähnen und schamrotem Gesicht, im Schöße der Schande von seiner Mannheit erfuhr ... Nun bin ich so ohne Sorge! Warum bist du nicht da, daß diese Herrlichkeit über Dich auch käme? Und denke ich an Dich, so mahnt es mich, an den Duft der schwarzen, bergenden Frühlingserde, an das Flüstern der bedächtigen Blätter, wenn der Wind über sie streicht, – an das Klirren der weißen Kieselsteine, am Grunde des Baches, wenn die frohen, stürmenden Wasser sie überfluten ... Ach und nie – nie noch war das alles in mir – wie jetzt! – – – Vergiß es nicht, Mädchen, was heute in mir ist, – auch wenn ich es vergesse! Vergiß es nie, – daß heute meine Seele fromm in der Deinen war ...

Ich küsse Deine Lippen, Deine Hände, Deine Knie ... Werner.



FUENFTES KAPITEL
VERSUCHE UND KAEMPFE

 

»Nur der Irrtum ist das Leben,
Nur die Fülle birgt die Klarheit,
Und im Abgrund wohnt die Wahrheit.«

                                                                 Goethe.


Werner Hoffmann hatte mehrere Wochen im Sanatorium zugebracht. Nach dem aufreibenden Existenzkampf vieler Jahre waren diese Monate die erste Erholung gewesen. Dabei hatte er diese Ruhepause seinen Verhältnissen nicht in einer Weise abgezwungen, die ihren Genuß mit neuer Sorge beladen hätte. Er zehrte nicht von irgendeinem zu diesem Zweck mühsam aufgetriebenen Gelde, er bangte nicht, was »dann« werden sollte, – wie die meisten seiner Kreise, die, ohne ein wirtschaftlich gesichertes Endziel ihres Strebens zu sehen, auch zu einer beruhigten und gesicherten Rast keine Gelegenheit haben. Seine Stellung im Verlag, die ihm erst wenig Befriedigung gegeben hatte, festigte sich immer besser, und es lockte sein Interesse, als Hüter an einem jener Tore zu sitzen, durch welches das, was der persönlichsten Erkenntnis des einzelnen geworden, in die Fülle der Gemeinschaft drängte, in ihr zur Wirkung zu gelangen. Dieser Gedanke, den er in seinem Amt ausgedrückt fand, hatte in ihm den ersten Zweifel erweckt, über das Wort, das bisher seine trotzige Parole gewesen:

»Was habe ›ich‹ mit der Gesellschaft zu tun?«

Der Chef seines Verlages hatte ihm bereitwillig den Urlaub zur Herstellung seiner Gesundheit gewährt. Durch Empfehlung war ihm zu sehr ermäßigtem Preise Aufnahme in einer Anstalt geworden, in der die jüngste Heilweise der Moderne, die physikalisch-diätetische Therapie ihre Wunder tat. Müde, unfrei, beladen war er hingegangen, und unbewußt und ungefühlt ging bei einer höchst einfachen, aber glücklich zusammengestellten Lebensweise, bei der besten Ausnutzung von Licht, Luft, Wasser, Elektrizität und bedächtiger Auswahl der Nahrungsstoffe jene Erneuerung mit ihm vonstatten, die zwar nicht den organischen Defekten, wohl aber den von der steeple chase des modernen Lebens an den Nerven Geschundenen wieder zur Häufung neuer Energien verhilft und ihre zeittypisch gewordenen »funktionellen Störungen« behebt.

Er hatte nicht »gedacht« in diesen Wochen, hatte mit vollem Willen alles Grübeln und Sinnieren ausgeschaltet. Ja, er hatte auch nur wenig gelesen, – die Gedichte der Baronin, um ihren Verlagsantrag zu erledigen, sonst fast nichts; und geschrieben hatte er eigentlich nur an Olga, da, fast ohne Willen und Absicht, ihr Bild, in dieser Zeit der Ruhe, stark und fest umrissen vor seine Seele getreten war. Ja, – er sah sie: in ihrem reifen, reinen Werden, sah sie, wie eine Erscheinung, die, hart an der Grenze der zeitlichen Gegenwart, wach und zielsicher in die Zukunft schritt, – eine Wegebahnerin der Kommenden, jener Frauen, die mit instinktstarkem Willen ein ganzes Menschtum forderten, die nicht mehr satt wurden in generativer Beschränkung, die es aber auch nicht ertragen mochten, aus dem Zauberkreis der Gattung ausgeschlossen zu bleiben. So war sie plötzlich vor ihm gestanden, so hatte er sie »gewußt« – erlebt, – ohne über sie viel gedacht zu haben. Wie schon manchmal in seinem Leben war hier ein Bild, ein Gefühl, ein Gedanke entstanden, an dem sein Bewußtsein kein Teil hatte, zumindest nicht das Bewußtsein, wie es deutlich der Tag gibt. So war über ihn auch manchmal, wie eine wahrhaftige Offenbarung, ein Rhythmus, ja ein Gedankenkomplex gekommen, war mit erstaunlicher Deutlichkeit plötzlich vor ihm gestanden; aber nur in guten Zeiten, in denen seine Kräfte geheimnisvoll sich erneuten und häuften, geschah ihm, – wie allen Findern, Erfindern, Propheten und Dichtern geschieht. Darum auch hatte er erkannt – in jener Nacht: die Harmonie – die geschlossene Einheit ist da, – sie wartet im All, wegsprengen, was sie birgt, das ist es. Und in begnadeten Zeiten geschah es, daß die chaotischen Massen, die irgendeine geheimnisumwobene Einheit umgaben, – die zu finden vielleicht einem einzigen Gehirn bestimmt war, – von selbst auseinander rückten, wie Kulissen, die auf den Wink der entscheidenden Hand auseinanderweichen, zur Seite rücken, in die Erde versinken, als Vorhang in die Höhe gehen – und das geordnete Bildnis in ihrer Mitte freigeben.

So war ihm in jenen Wochen geschehen – ohne Wissen und Willen. Die eine Erkenntnis, die er »erfahren«, war Olga. Aber da war noch eine andere, und sie überraschte ihn tief, als sie plötzlich, in unerwarteter Helle, vor seinem Auge stand.

Im Sanatorium selbst hatte er »geschlafen«. Aber schon als er im Bahnzug saß, der ihn fortführte, war eine wundervolle geistige Lebendigkeit über ihn gekommen. Es war, als ob die Energien, die die Kur mit Absicht zum Stillstand verurteilt hatte, nun tausendfältig hereinbrächen; und nicht versplitternd, auseinanderstrebend, – nein, sie fügten sich leichthin zusammen, tummelten sich, wie feurige Genien, die zum Werke strömen. Das fruchtbare Land, das kluge Absicht für eine Weile vollkommen brachgelegt hatte, begann nun zu treiben, die Aussaat, die vordem ermattet in seinem Schoß gelegen, keimte in neuer Frische und trieb ihre Schößlinge – herauf – ans Licht.

 

* * *

 

Mit Stanislaus sprach er sich zuerst über die neugewonnene Erkenntnis aus.

»Sie erinnern sich an unser letztes Gespräch, – damals bei Ihnen – als – als Ihre Schwester hier war? Wir sprachen von – Menschenliebe, wissen Sie es noch?«

Stanislaus lächelte. Er sah friedlich und ruhevoll drein, in letzter Zeit. »Was geht nun wieder in jenem Kopf vor«, dachte er.

»Gewiß erinnere ich mich. Sie vertraten die Ansicht, daß man die Menschen, wie sie da sind, nicht lieben könne.«

»Nicht in Bausch und Bogen.«

»Haben Sie Ihre Ansicht geändert?«

»Nein.« Hoffmann sah ihn ruhig an. In seinem Blick brannte wieder jene sanfte Glut, aber die Schatten, die sonst sein Gesicht verdeckten, waren verscheucht.

- »Nein, ich glaube nach wie vor nicht an die Liebe zur Menschheit, – wie sie da ist, wie sie kreucht und fleucht. Das ist – abgesehen von jenen seltenen Erbarmern, die über die Erde gingen, von jenen großen Gnadenherzen, – ein Demagogenbetrug.«

»Wollen Sie leugnen, daß diese Masse, wie sie da kreucht und fleucht, mit Edelstoffen durchsprengt ist, die nur der richtigen Chemie bedürfen, um frei zu werden?«

»O nein, das leugne ich nicht. Das ist’s ja eben. Der richtige Lösungsprozeß – das ist hier die Aufgabe.« Und da er sah, daß der andere gespannt horchte, fuhr er, mit frohem Feuer im Auge, fort: »Hören Sie! Auf das wertvolle Individuum kommt es an, nicht wahr? Darüber sind wir doch einig.«

»Immerhin auch auf die bestmögliche Gestaltung der Masse.«

»Die ist nur möglich – durch ihre Zusammensetzung aus wertvollen und tauglichen einzelnen. Und diese Möglichkeit ist es, an die ich glaube, die ich liebe – und der ich dienen möchte.«

»An dieser Möglichkeit arbeitet eine starke Partei.«

»Ist sie auf dem Weg?« Gedankenvoll ging er auf und ab. »Ich glaube es nicht. Diese Partei identifiziert sich mit der Masse. Aber nur Münchhausen kann sich selbst beim Schopf aus dem Sumpfe ziehen.«

»Sie wollen sagen –«

»Daß das Volk, die Masse, – wie sie ist, – sich unmöglich über sich selbst erheben kann.«

»Die Masse hat Führer.«

»Ich weiß es. Aber ich vermisse unter ihnen ein Element, das in voller Wirksamkeit bei diesem Werk am Platze sein müßte.«

»Und wer sollte das sein?«

»Das sind – wir.«

»Wir?«

»Ja wir, – die – Intellektuellen.«

»Und warum halten sie – uns – da für so unentbehrlich?«

»Die Intellektuellen müssen den Sozialismus auf ihre Weise mitgestalten; die zerebrale Klärung wird ihn wuchtiger trassieren, als die Tatsachenpropaganda der Masse.«

»Das Volk vertraut sich – uns – aber nicht an; es vertraut sich denen am liebsten, die aus ihm hervorgegangen sind.«

»Zu Unrecht. Ein Hirn, das sich in schwerer, physischer Fron verbraucht, das aus Erbmassen stammt, die durch Generationen diese Übertäubung ihres geistigen Teiles erfahren haben, – wie könnte es schöpferisch neue Gestaltung rufen, – – wegsprengen, was eine Harmonie verbirgt,« fügte er, wie für sich selbst, hinzu.

»Das Volk hat übrigens heute nicht nur Führer, die es aus sich selbst gezeugt hat, es hat auch andere, in Ihrem Sinne.«

»Ja, ich weiß; die ›Akademiker‹ fehlen nicht. Aber sie wirken noch nicht ihrer selbst gemäß, – nicht als Intellektuelle stehen sie am Kampfplatz, – sie ebnen sich zum Volk herab.« Er ging mit erregten Schritten auf und ab: »Stanislaus: ich träume von einer Partei der – der Tauglichsten – der Besten.«

»Und zu diesem Traum brauchen sie –« fragend sah ihn Stanislaus an.

»Die Sozialisierung, ja gewiß, geebnetes Ackerland – als Boden für das Wachstum des einzelnen. Sehen Sie, da bin ich. Nicht aus Liebe, – aus Unliebe bin ich hierher gekommen. Aus Unliebe zum Vorhandenen und – aus heißer Sehnsucht nach – nach einer höheren Möglichkeit des Menschen.« Erregt, mit flammendem Blick, feurig, tief verwühlt in seiner Erlebnis, ging er auf und nieder.

»Ich bin schon lange da«, erwiderte Stanislaus bedächtig und wiegte den Kopf. »Und aus sehr naheliegender Einsicht. Denn gehören nicht gerade wir zu den Besitzlosen? Dabei sind wir nicht eins mit der Armut, wie der Proletarier, nicht gestählt durch sie. Mit unseren vielverzweigten Bedürfnissen sind wir in eine Situation gestellt, die es uns implicite verwehrt, gegen diese fremde und furchtbare Macht, die Armut, Front zu machen, – robust Gewinn zu suchen. Wer sonst als wir müßte ein heißeres Interesse daran haben, auf eine Gestaltung der menschlichen Gesellschaft hinzuwirken, die – Unfallstationen errichtet an allen Stellen, an denen sie gebraucht werden?! Wer sonst?«

Hoffmann schwieg, in Gedanken versunken.

Nach einer Weile sagte er: »Ich will versuchen, mich anzuschließen, – da, wo ich glaube, – daß es gut und nötig wäre.«

»Versuchen Sie es«, sagte Stanislaus. »Ich fürchte nur, daß man es – da – nicht für nötig hält.«

Beide schwiegen. Dann fuhr Stanislaus fort: »Da ist etwas, das ich nicht genau – wahrnehme, nicht ich und nicht Sie. Es ist – wie eine verschleierte Gestalt. Ich sehe die Erscheinung, aber ich könnte die Formen ihres verhüllten Leibes nicht mit scharfen, wahren Linien umreißen ... nicht ich und nicht Sie. Da ist – glaube ich – ein Letztes, das fehlt, Ihnen und mir fehlt – ein letztes, notwendiges Wissen um dieses Ding.«

Hoffmann blieb still. Dann sagte er: »Wer weiß denn um dieses Ding? Wer kann diese Gestalt – kennen? Ahnung – das ist alles.«

»Ahnung – gewiß. Aber Ahnung, die am Wege wird, genügt nicht – fürchte ich, ist nicht die richtige Weiserin.«

»Sondern?«

»Es gibt ahnend Geborene, – Freund, -und das sind nicht Sie und nicht ich. Deren Ahnung wächst dann mit ihnen auf, wird immer leuchtender, – und eines Tages ist sie Wissen geworden. Vielleicht lebt auch der, der um dieses Ding – mit dem wir ringen – weiß, der dann spielend löst, worüber wir grübeln. Solche Gutgeborene sind öfters gekommen!«

»Und zu denen gehören – nicht Sie und nicht ich«, wiederholte Hoffmann Stanislaus’ frühere Worte, und eine leise Bitterkeit zitterte über seine Lippen.

»Wir tun das Unsere, auch das ist nötig.«

Es war still und dunkel im Stübchen. Stanislaus holte die Lampe von der Kommode. »Seit wann sind Sie zurück?«

Hoffmann hatte seinen Hut ergriffen. »Seit zwei Wochen bin ich hier.«

»So lange? Ich bildete mir ein, Sie würden mich nach Ihrer Rückkehr früher finden«, fügte er, gutmütig lächelnd, hinzu. »Haben Sie Olga gesehen?«

»Ich sehe sie jeden Abend«, sagte Hoffmann mit leiser Stimme und blickte zu Boden.

Stanislaus, der eben den Zylinder auf die brennende Lampe preßte, – wandte sich jäh und sah ihn an. »Sie sehen sie –«

»jeden Abend«, sagte Hoffmann und hob den Blick voll zum Gesicht des andern.

Der Lampenschirm von weißem Milchglas schlug klirrend an den Zylinder, als Stanislaus jetzt die Lampe fertig machte.

»Leben Sie wohl, Stanislaus.«

»Gehen Sie schon?«

»Ich gehe ... sie erwartet mich.«

 

* * *

 

In Olgas möbliertes Zimmer trat die Wirtin ein. Es war eine noch junge Frau, von kümmerlichem Aussehen, blaß, mager, dürftig, die immer mit einem schwer verärgerten und fast lauernden Gesichtsausdruck umherging. Sie besorgte, ohne Dienstmädchen, die große Wohnung, deren einzelne Zimmer sie bis auf eines, in dem sie mit Mann und Kindern wohnte, alle vermietete, kochte daneben und gab ihren Mietern neben dem Frühstück auch einzelne Mahlzeiten. Besonders wünschte sie, daß man »das Mittag« bei ihr abonniere. Da dieses »Mittag« aber zumeist aus mehlig wäßrigen Büchsengemüsen mit zweifelhaften Fleischbrocken bestand, hatte sich Olga dazu nicht entschließen können. Man hörte den ganzen Tag Frau Schöcherts Stöhnen, – schwere Seufzer, die an ein Erbrechen gemahnten. Sie war melancholisch veranlagt, mißtrauisch bis zu Verfolgungsideen und schon einmal in einer Heilanstalt interniert gewesen. Die Familie war erst vor kurzem aus der Provinz nach Berlin übersiedelt. Der Mann war in einem Inseratenbureau angestellt, wo er Adressen schrieb, Kuverts zuklebte und Briefe frankierte. Seine Frau hörte es gern, wenn sie mit ihrem vollen Titel angesprochen wurde: Frau Expeditor. Drei kümmerliche Kinder krochen in der sonnenlosen Hinterstube, in Küche und Korridor auf ihren dünnen Beinchen, die an gestreckte Froschschenkel erinnerten, umher, und zumeist hörte man ihr Schreien und Weinen; auch pflegten sie der Mutter, wenn sie in eines der Zimmer ihrer Mieter trat, nachzudrängeln, und schloß sich vor ihnen die Tür, so brach draußen ein ohrenbetäubendes Geschrei aus.

Als Frau Expeditor Schöchert bei Olga eintrat, zog sie die Nase kraus: »Ich rieche Spiiiritus«, sagte sie und blickte sich mißtrauisch um. Olga legte eben die Brennschere, mit der sie ein paarmal durch ihr Haar gefahren war, das in weiten und weich sich biegenden Wellen ihr Gesicht umrahmte, aus der Hand.

»Ich habe nichts gekocht, Frau Schöchert; Sie wissen ja, daß ich morgens mein warmes Wasser von Ihnen bekam.«

Frau Schöchert hatte ihr nicht gestattet, sich selbst Wasser zu wärmen, und nahm ihr für ein Kännchen heißen Wassers zehn Pfennige ab. Tief aufseufzend stellte sie das Tablett mit dem Frühstück, – dünnem Kaffee von graubrauner Farbe und einer kaum be-strichenen »Schrippe« – auf den Tisch; auch Olgas Post lag darauf.

»Mit dem Spiiiritusbrennen werden Sie mir noch die Politur ruinieren«, sagte sie weinerlich und strich mit den Fingerspitzen untersuchend über die Tischplatte.

»Das ist unmöglich, Frau Schö – – Frau Expeditor, – sehen Sie, die Maschine steht ja auf dem starken Nickeltablett.«

»Man braucht sich nicht die Haare zu brennen«, meinte Frau Schöchert, deren Stirnsträhne, in papierne Haarwickel eingerollt, um ihren Kopf gepreßt waren.

Olga war die Reden der Frau schon so gewöhnt, daß sie ihr nicht einmal antwortete; dieses möblierte Elend, das sie in der kurzen Zeit ihres Berliner Aufenthaltes schon in allen möglichen Variationen erfahren hatte, dauerte ja nicht mehr lange. Seit sie hier gekündigt hatte, war es am schlimmsten geworden. Sie griff nach ihrer Post, nahm die Briefe nacheinander zur Hand, ohne sie noch zu öffnen, und betrachtete die Poststempel. Es war wiederholt vorgekommen, daß ihre Briefe, anstatt ihr übergeben zu werden, in der Küche liegen geblieben waren. Als sie einmal, zu bestimmter Zeit, einen Brief erwartet hatte und, nachdem sie den Postboten kommen gehört, nach der Küche gegangen war, ihn zu holen, hatte ihr Frau Schöchert gesagt: die Mieter hätten in ihrer Küche nichts zu suchen, und sie habe zu warten, bis sie ihr die Post bringe. Auch heute wieder fand sie zwei Briefe, die schon am vorigen Abend angekommen waren. Es waren Nachrichten, die ihre Zeitung betrafen, auf die sie ungeduldig wartete. Der Unmut stieg in ihr auf. Trotz ihres Entschlusses, die Frau in der kurzen Zeit, in der sie noch auf eine Gemeinschaft mit ihr angewiesen war, durch nichts zu reizen, konnte sie die Beobachtung, die sie da wieder machte, nicht unterdrücken.

Sofort stieg der Frau die helle Zornesröte in das verzogene Gesicht. »Na nu, wollen Se mir in meinem Hause Vorschriften machen?«

»Meine Post gehört nicht zu Ihrem Hause. Entweder Sie weisen den Postboten direkt zu mir, oder, wenn Sie meine Briefe übernehmen, ist es Ihre Pflicht, sie sofort abzuliefern.«

»Haha! Das wäre ja noch schöner. Übrigens Ihre Post! Da kann sich mancher was denken, wenn ein Fräulein, was anständig sein will, so viele Briefe auf einmal bekommt.«

»Frau Schöchert, nehmen Sie sich in acht!«

»Und überhaupt: Sie haben sich hier als Fräulein angemeldet, – in Ihrem Meldezettel haben Sie geschrieben ›unverehelicht‹ – – und hier – hier – – –« sie wies auf einen Brief, – »hier steht Frau Olga Diamant! – – – Nu ja, in Berlin kommt eben alles Mögliche vor, – auch Falschmeldungen – alle Tage kommt das hier vor, – wo so viel Schwindler sind.«

Die rabiate Dummdreistigkeit der Frau machte es Olga schwer, sie nicht tätlich hinauszubefördern.

»Wie kommt das, wie denn?« bohrte sie weiter, – »nu, geben Se doch gefälligst Auskunft, sonst sage ich das augenblicklich meinem Mann.«

»Mein Mann,« pflegte sich vor seiner keifenden und stöhnenden Lebenshälfte in alle Winkel zu verkriechen; aber den Mietern gegenüber wurde das zusammengedrückte Kerlchen als »mein Mann« und damit als autoritative Instanz dieses Hauses ins Treffen geführt.

Olga hatte die kindliche Idee, die Frau belehren zu wollen. »Sehen Sie, Frau Schöchert – wenn ich Sie und Ihre Verhältnisse vielleicht nicht genau kennen würde, so könnte ich ja ebenfalls einen Brief an Sie schreiben mit der Aufschrift: Fräulein Schöchert; dann würden Sie eben einen solchen Brief bekommen. Wären Sie deswegen eine Schwindlerin?«

»Gelungene Ausrede!« war die Antwort, und ein verzweifelter Seufzer, der aus der Tiefe des Magens zu kommen schien, folgte.

»Übrigens hat das Wort ›Frau‹ hier auch noch darin seinen Grund, daß man heutzutage auch selbständige Mädchen mit dem Titel ›Frau‹ anzureden pflegt.«

»Eine schöne Mode wäre mir das! Haha! Wenn ein Mädel, das sich mit allen möglichen Ker ... Herren abgibt, noch eine ›gnädige Frau‹ vorstellen wollte!«

»Frau Schöchert«, sagte Olga warnend.

»Und daß ich’s Ihnen nur sage,« brüllte die Wütende, –

»Ihre Herrenbesuche dulde ich nicht.«

»Ich habe Ihnen beim Mieten dieses Zimmers gesagt, daß ich Bekannte empfange; und meine Nachbarin hier, das Barfräulein, gibt in ihrem Zimmer einem Mann, der gar nicht einmal gemeldet ist, – Unterkunft, – das wissen Sie sehr wohl.«

»Das geht Sie einen Dreck an. Das ist dem Fräulein ihr Bräutjam! Aber Sie – Sie haben keinen Bräutjam, – zu Ihnen laufen alle möglichen Mannsleute – am hellichten Tag!«

Von dem nächtlichen Besuche Hoffmanns wußte die Wütende nichts, sie hatte nur Koszinsky und Stanislaus kommen sehen. – »Und alle möglichen Frauenzimmer dazu! – Wer weiß, was da vorgeht, – man kennt das schon!«

»Hinaus!« Olga wies, mit funkelnden Augen, auf die Tür und trat dicht vor die Frau, die plötzlich Angst bekam und hinausrannte. Gleich darauf hörte man ihr Gezeter im Nebenzimmer, wo es aber bald von einer brutalen Männerstimme übertönt wurde.

Mit vor Ekel und Erregung zitternden Händen öffnete Olga ihre Post. Nein, das wäre so nicht weiter gegangen. Aber was lag ihr jetzt daran! Die kleine Wohnung im Vorort war gemietet, und am nächsten Ersten zog sie in ihr Heim.

Nachmittags – es war Sonntag – kamen bei den Wirtsleuten Verwandte zu Besuch. Eine jüngere Schwester der Frau, die »Lehrdame« bei einer Schneiderin war, und der Bruder des Mannes, der eine »Besohlanstalt« besaß; ein anderer Bruder der Frau war »Kammerjäger«, das heißt, er besaß ein »Institut zur untrüglichen und radikalen Vertilgung von Schwaben (Russen, Franzosen), Wanzen, Ratten, Motten« ... Die Gevatterschaft rückte mit Kind und Kegel zum Kaffee an, und den ganzen Nachmittag quietschte das Grammophon durch die dünnen Wände. Gemartert, mußte Olga zu Hause bleiben, bis Hoffmann sie abholte; dann flohen sie die gastliche Stätte. Er tröstete sie; was lag ihnen jetzt an diesen Widerwärtigkeiten.

 

* * *

 

Wenige Wochen später stand sie, in ein Tuch gehüllt, auf dem kleinen Balkon ihrer Wohnung; die lag voll nach Süden. Die Häuser gegenüber waren durch Gärten voneinander geschieden. Diese Villengärten hatten auch jetzt, zum Winter, noch grüne Rasendecken, von denen sich der ockergelbe Kies farbenfröhlich abhob. Gegen Westen war die Gegend noch unbebaut, und sie konnte weithin über freie Felder sehen. Immer hatte sich, wenn sie einem Stückchen freier Natur gegenüberstand, ein Glücksgefühl bei ihr eingestellt. Sie bedurfte auch nicht der großen Effekte. Sie hatte wohl die Berge, aber noch nicht das Meer gesehen. Schon wenn sie, in ihrer Heimat, aus dem schmutzigen Städtchen in die dürftige nähere Umgebung, mit ihrem heidenartigen Charakter, herausgeeilt war, hatte sie sich freier gefühlt. In ihrem Vaterhaus waren nur düstere Räume gewesen, und alle Fenster gingen nach dem Marktplatz mit seinem widerlich belebten Getriebe und seinen Schmutztümpeln zwischen dem schlechten Pflaster oder aber, noch schlimmer, – in einen erbärmlichen Hof, mit nassem, kotigem Grund, der von allen Seiten von rußigen Mauern umragt war. Heraus, heraus, – so hatte alles in ihr drängend gerufen, wenn ihr Blick auf diese Umgebung fiel. Und dieser Ruf in ihr hatte sie gedrängt, getrieben, – bis sie wirklich heraus war.

Und nun stand sie hier, auf dem Balkon ihrer Wohnung und blickte in die gepflegten, zierlichen Bauten, die die Weltstadt bis hier heraus schob, – blickte in die freien Felder hinüber. Diese letzten Herbsttage waren feucht und für Berlin ungewöhnlich stürmisch. Manchen Augenblick, wenn der Wind um sie herum blies, glaubte sie, so ähnlich, nur noch kräftiger und deutlicher im Geruch, müsse die Luft sein, die über die See strich. Die See! In vier Stunden konnte man sie von hier erreichen! Diese Nähe beglückte sie.

Durch die kahlen Zweige einer Allee, die drüben den Weg begrenzte, sah sie die braune Erde sich ins Weite strecken. Über die Landschaft spannte sich, flach, ein verdunkelter, regenschwerer, herbstlicher Himmel, der, nahe dem Horizont, mit einer Geraden abschnitt. Von da an schlossen sich zarte, hellgelbe Lichtstreifen an das dunkle Grau der Wolkenballen, die in eine breite, gelbleuchtende Fläche, die wie geschmolzenes Gold glühte, einmündeten. Stellenweise war diese leuchtende Masse zerrissen und, flimmernd umrahmt, schimmerten diese Stellen in zartestem Blau. Sie atmete die bewegte, feuchte Luft ein und blickte in den Glanz, bis der Himmel abendlich erlosch. Dann ging sie in ihre Wohnung, die aus zwei Zimmern und Nebenräumen bestand, und mit einfachen, hellen Möbeln, im modernen Geschmack eingerichtet war. Sie betrachtete alles noch einmal, und Dankbarkeit für dies bescheidene Eigentum war in ihrem Herzen. Draußen die blanke Emaillewanne, in die das heiße Wasser sprudelte, so oft man den Hahn aufdrehte, hatte sie ebenso entzückt, wie die Heizung, die ein Handgriff an den weißlackierten Rohren bediente und wie die elektrischen Flämmchen, die sie überall aufblitzen lassen mochte, wo es ihr gefiel; beinahe zärtlich streichelten ihre Blicke das Telephon, den kleinen, zierlichen Tischapparat, – an dessen unsichtbaren Enden die Welt hing ...

Aber nun zur Arbeit. Fräulein Wigolski sollte heute Abend kommen. Wichtige Briefe und ein paar kurze Artikel waren zu diktieren. Auch diese Arbeit, dachte sie, während sie ihre Mappe öffnete, danke ich dir, Weltstadt, du Strenge, du Inspiratorische, du dem Suchenden Gnädige; ich glaube, ich verstehe dich, – Berlin.

 

* * *

 

Zwischen Lore Wigolski und den Geschwistern war bald Freundschaft geschlossen worden. Mit dem ruhigen Freimut, der ihr eigen war, hatte sie ihnen beiden ihr Schicksal erzählt, – ihre Schicksalslosigkeit, wie sie es nannte. Denn sie sah in dem, was ihr begegnet war, keine Entscheidung. Was sie in vollem Bewußtsein gewagt, – es hatte sie aus der Linie der bürgerlichen Sphäre, der sie entstammte, herausgeschoben, aber es hatte ihrem Leben nicht Ziel und Abschluß – sei es durch Erfüllung oder durch Entsagung, – zu geben vermocht.

Das Verhältnis, dem ihr Kind entstammte, war nicht einer unbesieglichen Leidenschaft entsprungen; ihrem heiter-klaren Wesen lag nichts ferner, als sich in einem »Rausch« zu »vergessen«. Die Ruhe, mit der sie das ihren Freunden bekannte, war ihnen beiden ein Neues. Gerade als sie Lores Geschichte erfuhr, grübelte Olga manchmal bis zur Selbstpeinigung über ihr Verhältnis zu Werner. Hier aber hatte ein Weib die Bestimmung seines fruchtbaren Leibes unter bedrohlichen Verhältnissen erfüllt, ohne im Gleichgewicht ihrer in sich selbst wurzelnden Natur erschüttert zu werden.

»Ich habe jahrelang niemanden kennen gelernt«, erzählte sie den Geschwistern. »Niemanden, mit dem auch nur im mindesten eine andere als eine konventionelle Beziehung möglich gewesen wäre. Sollte man das wohl glauben? Ist es nicht die landläufige Meinung aller Leute, Liebe, ja sogar Ehe, sei das selbstverständliche Geschick, das alle hübschen Mädchen erwarte? – Und dabei lebte ich immer in Berlin« Ihr Vater war ein kleiner Kaufmann gewesen, nun tot. Die Mutter lebte bei einem älteren Bruder in Königsberg. Sie hatte der Tochter mit einem Teil ihrer Einrichtung ein eigenes Heim gründen helfen, – da nun, nach dem »Unglück«, an eine normale »Versorgung« nicht zu denken war. Das »Unglück« bestand darin, daß dem einsamen Mädchen, das schon im Hause der Eltern an der Schreibmaschine sein Brot verdiente, eines Tages ein Mann begegnete, der ein freundliches Gefühl für sie faßte. Es war ein Ingenieur, deutscher Abkunft, der seit Jahrzehnten in Amerika lebte. Zu kurzem Aufenthalt in Deutschland, suchte er eine Privatsekretärin und fand sie in Lore. Schon sein Äußeres gewann sie, mehr noch sein fröhliches Wesen. Von hohem Wuchs, mit dichtem, rötlichen Bartgestrüpp, klug, klar und ehrlich, – so trat er in ihr Leben. Daß der Mann sie begehrte und daß er vor dem Antrieb seiner Gefühle nicht »floh«, wie alle anderen, die sie kannte, – die, wenn nicht alles »stimmte«, keinen Glücksversuch mehr wagten, – das hatte Lore, die »Glücksjägerin«, als die sie sich selbst, wenig schonend, bezeichnete, mit einer starken, neuen Freude erfüllt. Mr. Shubert – wie er sich amerikanisiert nannte – war verheiratet, Vater dreier Kinder, und lebte in zufriedener Ehe. Seine Frau, eine Irin, war, nach seiner Erzählung, eine gute Genossin für ihn. Und obwohl Lore wußte, daß Mr. Shubert bald zu den Seinen zurückkehren werde und daß er ihr nichts weiter zu bieten hatte als eine freilich zärtliche Neigung, – ein Gefühl, das er selbst erotische Freundschaft nannte, – gab sie sich ihm.

Als das Kind geboren wurde, war er weit fort. Sie waren in Korrespondenz geblieben, in die zuzeiten große Pausen eingestreut waren, die aber nicht abbrach und die freundschaftliche Herzlichkeit nicht verlor. Als er von ihrer Schwangerschaft und dann von der Geburt des Kindes erfuhr, war der Ton seiner Briefe noch wärmer und herzlicher geworden. Nun hatte er das bisher als Geheimnis gehütete deutsche Erlebnis auch seiner Frau anvertraut. Trotz des Schmerzes, der über sie, wie über jede natürlich empfindende Frau, bei dem Gedanken gekommen war, daß er eine andere begehrt, – in seiner Art geliebt – und besessen hatte, war diese Ehe nicht erschüttert. Denn dieser Mann mit seiner fröhlichen, tüchtigen und starken Art, das Leben zu bewältigen, der ihr nie eine Stunde des Unwillens bereitet hatte, – dieser Mann, das fühlte sie, hatte ihr durch die Hinneigung zu einer anderen Frau nichts genommen. Und um eine Geringe konnte er die immer gewahrte Treue nicht gebrochen haben. Ihn hatte Lores Art an seine Frau gemahnt. Und das Mädchen, das anfing zu verbittern, weil es keinem begegnete, der so aussah wie man sich gemeinhin einen »Mann« vorstellt, – sie hatte dem deutlich frohen Gefühl, das sie zu ihm zog, mit keiner Faser ihres bewußten Willens widerstrebt. – Er sorgte treulich für das Kind. Ein Mehr lehnte sie ab, da sie für sich selbst arbeiten konnte.

Sie erzählte den Geschwistern an einem Abend, an dem sie in Olgas Heim zusammensaßen, dieses so seltsam scheinende und doch so schlichte Begebnis ihres Lebens.

»Wie vielfältig ist alles Sollen, Wollen und Müssen in Fragen des Geschlechtsschicksals eines Menschen«, sagte Olga. »Wie kann man in feste Regeln zwängen wollen, was in unendlichen Formen immer wieder sich offenbart.«

Stanislaus hatte mit glänzenden Augen, in tiefem Schweigen auf Lores Erzählung gehorcht.

»Und nun? Sind Sie froh?« Er fragte es gespannt, mit verhaltenem Atem, als erwarte er eine Entscheidung.

»Sie meinen mit dem Kind? Wie sollte ich da nicht froh sein?«

»Das ist gut, das ist gut«, sagte er freudig und erfaßte unwillkürlich ihre Hand, die sie ihm, mit freundlichem Blick, überließ. »Denn es ist wirklich ein Gutes, ein unzweifelhaft Gutes aus Ihrem Erlebnis geworden, – da Sie es so ganz und heil überstanden haben! Kennen Sie Ardinghello?« fuhr er fort. »Das ist eine kostbare Geschichte von Heinse, einem Zeitgenossen Goethes; da wird von einer ähnlichen – Verirrung etwas Rechtes gesagt.«

Er trat ans Bücherbrett, fand das Buch und die Stelle, die er suchte, und las:

»Und so ward ein süß verlassen Weib glücklich gemacht, und es lebt ein himmlisch Geschöpf auf der Welt mehr, aller Augen zu entzücken.«

Er ließ das Buch sinken und sah sie mit freudigen Blicken an. Olga nahm das Buch, das ihr der Bruder einmal geschenkt hatte, aus seiner Hand, blätterte darin, vertiefte sich in einen anderen Satz und las auch den. »Ein Weib ist doch das armseligste Ding auf Erden ... Gefesselt auf allen Seiten, dürfen wir keinen freien Schritt tun, wo uns der Geist hinleitet, – ohne Schmach und Schande.«

Lore blickte ruhig vor sich hin, ihre großen, grauen Augen leuchteten auf, und sie schüttelte leise den Kopf.

Stanislaus betrachtete sie. Er sah, wie der lichte Schein sich über die strengen Züge ihres Gesichts breitete, die herben Linien des dunklen Teints weich erscheinen ließ. Er sah, wie sich ein Lächeln ihrer Seele offenbarte, ohne eine Bewegung der Lippen, – ein Lächeln, das auf dem Strahl des Auges herangeschwebt kam, aus der Tiefe.

Olga sagte: »Und hat Sie dieses Erlebnis niemals um Ihre Ruhe gebracht?«

Nun ergriff das Lächeln Besitz vom Munde, streckte die breitgezeichneten, geraden Lippen und ließ die weißen Zahnreihen fröhlich blinken. Sie schüttelte den Kopf. »Um meine Ruhe? – so manches Mal. Aber es war immer ein gutes, herzliches und glückliches Gefühl dabei«, sagte sie einfach, mit ihrer starken Stimme.

»Und Sie haben sich nie – unfrei gefühlt?«

»Liebe – und was ihr verwandt ist – darf nie unfrei machen.«

»Und wenn sie es doch tut?«

»Dann muß man laufen, – fortlaufen über alle Berge!«

»Und wenn Sie der Mann im Stich gelassen hätte?« »Nun, rein äußerlich, sozusagen lokal«, sie lachte kräftig, – »hat er mich ja im Stich gelassen. Und innerlich –«

»Nun?«

»Innerlich war ich nie verkettet«, fügte sie leise, bekennend hinzu.

»Er hat aber nie etwas getan, – was Sie schwer enttäuschte«, fuhr Olga fort, und ein fremder, schmerzlicher Zug, den Stanislaus mit Bangen betrachtete, lag auf ihrem Gesicht.

Lore schüttelte den Kopf. »Alles war klar und kam, wie erwartet.«

»Und wenn er Sie getäuscht hätte?«

»Dann hätte ich, da ich ja doch das Lörchen davontrug, – mich wohl von ihm, aber nicht vom Schicksal betrogen gefühlt.«

»Das Lörchen, das liebe Lörchen! – Das ist freilich ein reeller Besitz«, sagte Stanislaus. »Aber das Kind hat viel verloren durch die Trennung der Eltern, durch die Vaterlosigkeit.«

»Ich weiß nicht, ob das so schlimm ist, wie es erscheinen könnte. Der Vater hilft mir ja, dafür zu sorgen.«

»Doch – doch! Es ist nicht gut für das Kind, – glauben Sie es mir! Und nicht etwa aus konventionellen Gründen. Ein Kind braucht einen Vater, – einen ihm immer nahen, dauernden Freund, der ihm hilft, sich zurecht zu finden, in diesem Wirrwarr.«

»Aber ist denn jeder Vater ein solcher Freund?« meinte Olga, »ich zweifele daran.«

»Ich zweifele sicherlich nicht minder,« sagte Stanislaus lächelnd, »ich sage nur: schlimm ist’s für jedes Kind, das solchen Freund, der über seine Jugend wacht, nicht neben der Mutter noch hat ... Nicht gerade der Vater muß es sein«, fuhr er nachdenklich fort. »Der Erzeuger ist wohl der erste für dieses Amt. Aber ist er nicht zur Stelle« – er blickte grübelnd vor sich hin, – »dann kann es auch ein anderer sein.«

»Welcher andere«, meinte Lore, seufzend, »wird wohl gern und dauernd dieses Amt übernehmen.«

Gedämpft, mit schamhaftem Gesicht, erwiderte Stanislaus: »Das wird einer tun, – der – der sein Schicksal mit dem der Mutter verbindet.«

»Der Stiefvater also«, sagte Lore und sah ihn, mit lächelnden Augen, voll an.

»Der Stiefvater – ganz recht!« erwiderte Stanislaus, über dessen Gesicht sich Röte verbreitet hatte, – brach ab und schien seine Gedanken weiter zu spinnen.

Die drei schwiegen. Nach einer Weile fuhr Stanislaus fort: »Es müßte interessant sein, das zu erforschen.«

»Was denn?« fragte Olga.

»Das Schicksal der unehelichen Kinder. – Hier müßte man nach zwei Gesichtspunkten untersuchen«, fuhr er fort, vertieft in sein Thema, – als zeichne er eine Disposition. »Man müßte erstens« – er schob den Daumen vor – »die Entwickelung jener Kinder verfolgen, deren Mütter ledig blieben, – und zweitens«, der Zeigefinger folgte, »die der anderen, deren Mütter später noch zur Ehe gelangten.«

»Du meinst die, die schließlich den Vater ihres Kindes heiraten?«

Zögernd und gedehnt, kam es heraus: »Die meine ich eigentlich nicht, – das heißt auch, aber hier liegt nicht das wesentliche Problem.«

»Sondern?«

»Ich meine – mich interessiert eine besondere Gruppe – – ich meine die – eben die Familie, – in der der Gatte nicht der Vater des Kindes ist, das das Mädchen schon vor der Ehe besaß ... Diese – diese Stiefvaterfamilie, die erscheint mir sehr merkwürdig und sehr beachtenswert«

»Sieh da, – das klingt ja wie ein Plan! wie ein neues Buch!«

»Das wäre schon ein Stoff«, erwiderte er lächelnd, und gedankenvoll vor sich hinblickend, fuhr er fort:

»Einer, der einen fein herausbrächte aus der steriltheoretischen Zerfaserung der Nervenstränge der Moderne – hinein, ins Lebendig­ste. – –«

 

Einige Wochen später schrieb Lore an Olga:

»- – Wer ist ein Freund? Der, dem wir die peinlichsten Erfahrungen mitteilen können, ohne die Befürchtung, in seinen Augen geringer zu werden oder seine Schadenfreude zu erregen. Darum werde ich mit einer Beichte morgen zu Ihnen kommen. Ich habe eine Menge Komisches und eigentlich Trauriges erlebt, – das durchaus erzählt werden will. Also, ich komme morgen, eine Stunde vor Beginn der Arbeit, um Ihnen Dinge zu berichten, – Dinge, über die sich ein zartes Inwendiges (sprich: Inwenjes) um und um wenden könnte.

Um Sie schonend auf das Thema vorzubereiten: ich bin und bleibe eine unverbesserliche Glückssucherin, die sich noch die Nase platt schlagen wird, wenn nicht ein glücklicher Zufall verhindert, daß sie auf besagte Nase fällt, – das heißt irgendein fester Griff die Herunterrutschende auffängt, was nicht erhofft

Ihre

Lore.«

 

* * *

 

Sie kam und erzählte:

»Das Alleinsein ist schwer, – darüber sind Sie mit mir einer Meinung, nicht wahr?«

»Auch Ihnen?«, sagte Olga überrascht. »Jeder jungen Frau; sagt eine es anders, so lügt sie. Allgemein wird in diesem Punkte gelogen.«

»Aber Sie sind doch schon – nicht allein gewesen!«

»Kurze Zeit lebte ich so, wie ein jugendlicher Mensch, dessen Herz und Blut in normaler Verfassung sind, leben soll. Zu schnell war ich wieder allein – und doppelt schwer lagen die Tage und die Nächte auf mir.« Sie schwieg und atmete schwer, und das erstemal sah Olga, wie in dem stolzen, strengen Gesicht die Züge sich senkten, die Schatten sich breiteten, wie die Lippen, in herber Verächtlichkeit, sich aufwarfen. »Mein Leben lang«, fuhr sie fort, – »habe ich niemanden kennen gelernt, – in dem Sinne, wie es ein Mädchen erwartet, – wie man es ein Mädchen als Selbstverständliches erwarten lehrt. Torheit, überlieferte Lüge, verhängnisvoller Betrug! ... Keiner tritt so vor diese Mädchen, wie sie es erwarten, nichts dergleichen. Auf der Straße dreht sich ab und zu einer um, folgt einige Schritte, murmelt schamlose Worte ... Endlich kommt einer – durch den Beruf. Wäre der nicht, so hätte der Heiratsvermittler einige ›zwanglose Bekanntschaften‹ vermittelt, – vorausgesetzt, daß er auf dem Folio der Kundschaft eine Zahl hätte notieren können; sonst auch nicht. – Also bei mir war’s der Beruf, der mir endlich, zufällig, einen Mann präsentierte; und selbstverständlich scheint mir’s, daß auch dieser einzige Fall der gegenseitigen Anziehung nicht glatt lag. Selbstverständlich, daß der Mann längst vergeben war, so daß er nur durch einen – Seitensprung –« ein gewaltsames Lächeln bedrängte ihren Mund, – »für kurze Zeit an meine Seite kam ... ein Wunder war’s daß alles schön war und blieb, – ein wahres Wunder!« Über ihrem gesenkten Kopf, der von den braunblonden Flechten fast gänzlich bedeckt war, lagerte tiefe Traurigkeit.

»Ein Wunder – das Ihre vornehme Selbstbescheidung ermöglichte.«

»Aber was nun!« stieß Lore heraus.

»Sie haben das Kind.«

»Sagen Sie das im Ernst? Sie? Soll das als letzte und endgültige Abschlagszahlung gelten? Für mich rangiert dieser Wert auf einem anderen – ganz anderen – Konto, der das andere, leere Blatt in der Bilanz nicht füllen kann.«

»Sie sind nicht eine, an der das Schicksal vorbeigeht, – es wird Ihnen früher oder später deutlichen und dauernden Besitz geben.«

Lore lachte, mit ihrer tiefen Kraftstimme, aber es klang rauh und unfroh. »Sie zählen also auch zu jenen bequemen Fatumsgläubigen. ›Es‹ wird schon kommen, – natürlich! Ohne daß wir den Finger rühren, – wird das Wunderbare – welches das Natürliche in dieser Welt der Unnatur schon geworden ist – das Notwendige – vor uns treten! Haha!« -sie stieß, mit finsterem Gesicht, ein Lachen aus – »wer’s glaubt, wird selig!«

»Nicht ganz, ohne daß wir den Finger rühren«, sagte Olga, mit Bedeutsamkeit.

»Sehen Sie, das meine ich auch. Ich weiß, daß nichts von selbst kommt – und darum – habe ich mich aufgerafft und – und habe alles – Eklige, das dabei ist, – überwunden – – und habe – was – getan.« Sie betonte und zog das »getan« mit Selbstironie, hinter der schon wieder ihre ursprüngliche, kraftvolle Heiterkeit hervorkam. »Ich hab’s getan«, sagte sie nochmals, warf sich auf das Sofa und lachte tief, laut, aus voller Brust, mit einem Gesicht, aus dem alle Bitternis verschwunden war; nur noch bedingungsloser Lachreiz machte sich geltend. Der Antrieb, die Welt und ihre mißlich-komischen Konstellationen mit Humor zu nehmen, der der stärkste ihres Wesens war, hatte sich auch jetzt wieder über ihre Verdüsterung hochgeschwungen. »Ich hab’s getaan«! Sie vergrub das lachende Gesicht in die Kissen.

Olga setzte sich belustigt in den Schreibtischsessel. »Erzählen Sie Ihre Schandtaten, ich möchte schon gern etwas davon hören.«

Noch immer lachend übers Sofa geworfen, zog Lore einen Brief aus der Tasche und reichte ihr ihn hin. Es war ein Schreibmaschinendurchschlag. Olga überflog ihn:

»Sehr geehrter Herr! Ihre Annonce hat mir, ich muß es gestehen, Eindruck gemacht. Ganz zufällig blieb mein Blick an diesen großen Typen hängen, und je weiter ich las, desto mehr interessierte mich der Inhalt.« ... Die Schreiberin ging dann auf diesen Inhalt – den einer Annonce, in welcher sich der Inserent als ein Herr vorgestellt hatte, der von »traditionellen Moralwerten« nichts wissen wollte, – des näheren ein. Als Antwort hatte sie ein Billett erhalten, das sie in den Wartesaal des Potsdamer Bahnhofs bestellte. Nachdem sie dort dreiviertel Stunden vergeblich gewartet, ohne einen Herrn von der beschriebenen Signatur eintreten zu sehen, – war sie fortgegangen, zur nächsten Filiale eines großen Blattes und hatte da selbst inseriert, daß sie die Bekanntschaft eines gebildeten Mannes suche. »Unabhängige junge Dame usw.« Hierauf hatte sie mehr als dreißig Briefe erhalten, von denen nur einige zur Auswahl in Betracht kamen. Diese Rendezvous’ hatte sie absolviert.

So traf sie, am ersten Tag, einen kleinen, kurzbeinigen Herrn, der ihr gleich versicherte, er wisse, daß der Verkehr mit einer Frau Geld koste; darüber seien die Gelehrten einig; auf ein warmes Abendbrot und eine Flasche Wein käme es ihm auch nicht an. »Das, was Sie sind,« sagte der Kurzbeinige, indem er sie musterte, – »suche ich schon – seit Wochen.« – – Am anderen Tag kam sie mit einem Herrn, in der Uniform eines Freiwilligen, in einer kleinen Konditorei zusammen. (Sie hatte die Rendezvous’ so eingeteilt, daß sie binnen einer Woche die »Reflektanten« kennen lernen konnte.) Beim Zahlen meinte der Freiwillige, ohne besondere Verlegenheit, er habe die Börse vergessen und ersuchte sie »auszulegen«. Auch erbat er, zum Abschied, ihre altmodische, goldene Brosche, – als Pfand, daß sie wiederkomme, wie er scherzhaft meinte. Sie stammelte, es handle sich um ein Familienerbstück, dessen sie sich nicht entäußern könne und machte, daß sie fortkam. – – Ein schneidiger, junger Arzt war der Dritte. Er war brünett, korpulent, unternehmend. »Sie sind pervers, – das kann ich als Arzt auf den ersten Blick konstatieren«, meinte er und zwinkerte sie an; darauf folgte eine Abhandlung, die sich der Wiedergabe entzog. Er bestellte sie »für nächstens« in seine Wohnung, da er lange »Fisematenten« nicht liebe. – Als sie an jenem Nachmittag wieder zuhause war, empfand sie die Einsamkeit wie ein Glück. Dennoch wollte sie noch einmal den Versuch machen und fand sich am nächsten Tag vor einem Postamt ein, wohin sie einen der Unbekannten bestellt hatte.

Ein großer, schlanker, feingekleideter, junger Herr trat bald aus der Tür des Amtes und ging auf sie zu. Er hatte angenehme, ebenmäßige Züge. »Pardon – Lagerkarte 32?« Und, als sie bejahte: – »Ich bitte um Entschuldigung, aber drin im Postamt begegneten mir zwei Kameraden, die ich leider nicht abwimmeln konnte.« Dann traten sie auch schon aus der Tür, und es schien ihr gar nicht so zufällig, daß sie hier waren.

»Welchen Namen, bitte?«

»Weißmann«, sagte sie.

»Zur Leiden«, flüsterte er.

Die beiden Herren traten langsam heran und maßen sie dabei mit langen Blicken. Der eine war ein blonder, großer, massiger Kerl, mit brutalem Gesicht. Der andere – eine Karikatur für den Simplizissimus. Schlotterig, klappernd, mit dandyhafter Eleganz gekleidet, mit verlebtem, verfältetem Gesicht, das nie jung gewesen zu sein schien, das Monokel ins Auge gekniffen. Ein kleines, steifes Hütchen saß ihm auf der Schädelspitze; darunter sahen semmelblonde, kindlich weiche Härchen hervor, – das einzige Erbteil seiner Rasse, das er, in seinen letzten Resten zumindest, bewahrt hatte. Beide hatten Operngläser umgehängt; sie wurden als Kollegen – Assessoren – vorgestellt.

»Loge im Apollotheater,« schnarrte der Klapprige, – »gehst du mit?«

Herr zur Leiden meinte, er würde kaum mithalten, aber vorher könne man noch in ein Café gehen. Sie traten in das Romanische Café und fanden mit Mühe einen Tisch. – Was sie mit den drei Fremden reden sollte, wußte Lore nicht. Man sprach über das Café, die Bedienung.

Herr zur Leiden steckte den Zucker in die Tasche. »Den muß ich meinem Koko mitbringen«, meinte er.

»Haben Sie einen Papagei?« fragte Lore, der schwül zumute geworden war, hilflos.

»Ich habe einen kleinen Vogel, – ist aber kein Papagei.«

Der massige Assessor schlug sich auf die Knie und brach in brüllendes Gelächter aus. – »Nen kleinen Vogel, famos! Pruh!!« Er schüttelte sich, unter schnaubendem Gelächter. – »Sein kleiner Vogel« – er stieß prustend dem Klapprigen in die Seite, – »is ein möchtjes Biest, mein Fräulein« ...

Die Redensart: seinen Ohren nicht trauen – erlebte Lore in diesem Augenblick buchstäblich. Sie traute nicht – ihren Ohren. Sie mußte mißhört haben. Aber da grölte der Massige noch einmal: »Ein möchtjes Biest, mein Fräulein ...«

Nach diesem letzten Rendezvous gab Lore die Versuche dieser Art auf.

 

* * *

 

In niedergeschlagener Stimmung kam Werner. Der frische Zug, den er aus dem Sanatorium mitgebracht, war aus seinem Gesicht schon wieder gewichen. Um die Lippen lag Enttäuschung, und die Augen hatten den frohen, sammetnen Glanz nicht mehr, den sie damals gehabt. Sein Gesicht schien wie ausgebleicht.

Er ließ sich schwer auf einen Lehnstuhl fallen.

»Die sauersten Jahre liegen noch vor uns, meine Liebe.«

»Wieso«, fragte sie.

»Hast du noch Sehnsucht nach einer Zuflucht in einen Glauben? Willst du dich unter das Dach eines Dogmas verkriechen? Schlag dir das aus dem Kopf! – Aber es ist schwer; denn in diesem Lebensalter will sich der Wahn, als müsse man Ziel und Mündung finden, nicht zufrieden geben.« Nervös sprang er auf und ging auf und ab. – »Unsinn, Täuschung, eingeborene Verstellung der inneren Optik! ... Ziel- und uferlos ist alles, alles. Eine Weltanschauung – haha – das ist die drolligste Pygmäenerfindung der zweibeinigen Aufrechtgeher. Das Weltbild auf eine Formel bringen wollen! Und dieser Wahn wird in die Gehirne gepreßt und da aufgezogen, – gezüchtet, vererbt, – ein Verbrechen!«

Wie der Wahn in die Gehirne der Mädchen, das Wunderbare müsse kommen, – dachte Olga.

»Die sauersten Jahre«, wiederholte er, – »sind die, die man durchmachen muß, um diesen eingezüchteten Talmiglauben loszuwerden.« Sein Gesicht verfinsterte sich. »Aus dem kommt alle falsche Begeisterung, – die man dann tappend, irrlichternd wieder an falsche Adressen richtet.«

Und er erzählte, wie er zu dem hervorragendsten Führer der sozialistischen Partei gekommen war.

»Ich sage dir – ein Mensch, ein Mann! Eine Ruhe, eine Wurzelsicherheit, die – einen – wie mich – erschüttern muß. Kein Genie, kein ›Feuergeist‹, ein nüchterner Rundkopf,« – er formte mit hohlen Händen die Konturen, – »klar wie der helle Tag. Sein Wesen – nur mit dem griechischen Wort wiederzugeben: Sophrosyne; Gestalt gewordene Besonnenheit. Der ganze Mann: Balance. Und der Mann kennt nur eine Liebe: die Proles, das Volk, die Masse. Reagiert auf Leute wie mich – mit automatischer Ablehnung; natürlich. Will die Güter der Welt, um sie aufzuteilen, wenn’s sein muß, auf die magerste Einheit bringen; nicht zwecks Akkumulation der Kräfte an besonderen Stellen, – zu einem neuen Adel der Persönlichkeit – nein, ganz regelrecht, wie sich der kleine Moritz den Sozialismus vorstellt: verteilen, – – weil alle ›gleich‹ sind.«

»Alle sind ungleich, sage ich, – das ist das Stupendeste, in die Augen Springendste, Unübersehbarste!«

»Was wollen Sie mit dieser Gesinnung bei uns?«

»Gerade deswegen bin ich hier. Weil alle ungleich sind, müssen Verfälschungen der Erhebung – durch die Verschiedenheit des ursprünglichen Standplatzes – ausgeschlossen sein; ebenes Terrain für alle – zwecks Erkenntnis der verschiedenen Höhen.«

»Sehr gut« sagt er und lächelt – wie der Chirurg, der im Seziersaal, am zerlegten Gehirn, die vermutete kranke Windung findet, – »ausgezeichnet und dann?«

»Dann? Dann, – nach unverfälschter Erkenntnis verschiedener Höhen – verschiedene Verteilung der Güter, Adelsklassifikation, ja nennen Sie es meinetwegen Kastenbildung, bestimmt von der verschiedenen Leistung; – aber – auf nivelliertem Terrain! von Haus aus: gleiche Chancen für alle – beim Auslaufen; ungleiche Chancen, verschiedene Preise – je nach der Tüchtigkeit im Rennen, – am Ziel!«

»Sie kommen mit einem aristokratischen Prinzip und – als Mann von Geist«, sagt er mit dem höflichsten Gesicht.

»Ich komme als natürlicher Verbündeter. Wir Intellektuellen sind längst nicht mehr die Schmarotzer der Theorie; wir sind Arbeiter, wie die Ihren! Stellen Sie uns auf den Posten, – wir gehören zu ihnen. Wir sind es, wir waren es, – die die Massen ursprünglich beunruhigten und damit in Bewegung brachten. Unser Gehirn hat die Hände zur Tat gelenkt. Die bloße Politik des derben Trittes, wie sie heute geübt wird, tut es nicht mehr allein. Stellen Sie uns ein in die Reihen!«

Er antwortet: »Der Sozialismus fusst allerdings auf wissenschaftlichen Theorien, indessen – gerade die verschiedenen Theorien haben sich zu Hypothesen – unsere Feinde sagen: Utopien – zurückentwickelt. Wahr und unanfechtbar, einleuchtend auch für unsere Gegner ist nur eines« – sein Gesicht wird eisern –: »die Politik des derben Trittes«, – – jetzt lächelt er wieder, mit dieser verfluchten Höflichkeit, – »die wir machen und die Ihnen mißfällt.« Hoffman schwieg.

»Und somit?« sagte Olga.

»Somit – gezählt, gewogen und zu leicht befunden; das ist alles.«

 

* * *

 

Versuche und Kämpfe überall. Es war, als stünden alle die Ihren jenseits der Zone der Beruhigten und Gesicherten. Der Briefwechsel mit den Wiener Freunden, der in den ersten Berliner Wochen, da sie zu tun hatte, sich hier einzufinden, gestockt hatte, war wieder aufgenommen worden. Auch von da kamen Nachrichten der Unruhe. Professor Diamant war mit seiner großen Arbeit über Krebsforschung hervorgetreten. Nach der ersten Pause der Verblüffung, die seine durchaus neue Methode der Diagnose, die fast einer Entdeckung glich, erzeugt hatte, brach der Sturm der Gegner los. Seine Methode bezog sich auf die frühzeitige Erkennung innerer Krebsleiden, mittels gewisser Reaktionen. Ja, seine Diagnose ging noch weiter als über die bloße Feststellung des schrecklichen Leidens im Anfangsstadium. Sie unterschied zwischen heilbarem und unheilbarem Karzinom, gab eine kombinierte neue Behandlungsmethode durch Lichtbogenoperation, Fulguration und Radium für die heilbaren Krankheitsformen – und wollte auch die unheilbare in ihren ersten Anfängen erkennen. Den heftigsten Kampf aber rief seine Theorie von der Übertragbarkeit des Krebses durch Infektion hervor.

Edda schrieb noch mehr. Sie sprach von ihrem Bruder Vinzenz, dessen geschäftliche Transaktionen sie und Eva sorgenvoll machten. Eva selbst aber deutete kommende Änderungen an und meinte, es sei nicht unmöglich, daß sie sie bald in Berlin sehen würde.

 

* * *

 

Hoffmanns starke und friedensfrohe Stimmung, mit der er sie werbend umschlossen hatte, wich mehr und mehr einer wachsenden Verdüsterung. Eines Abends bekam sie einen Brief von ihm. Er schrieb von der Baronin, deren Gedichte sein Verlag brachte. »Diese Frau – der Edeltypus der Kaukasierin – verbindet die pompöse Wucht der Sphinx mit der strahlenden Kraft eines befeuerten Ingeniums. Freilich glüht dieses Feuer in tiefster Seelenstille, denn da sprüht und knattert nichts ... Ihren Mann kenne ich nicht, wohl aber einen Verwandten, mit dem sie meist zusammen ist, ein Diplomat und Philosoph. Ich wünsche sehr, Dich den beiden näher zu bringen. Sie haben die Leere, die schon wieder ihre Fänge um mich wirft, verscheucht.«

Wie der Alp einer überschweren Last senkte es sich auf Olgas Seele; als ob sie, über ihre Tragefähigkeit beladen, einen Berg überklimmen sollte, so schien sie sich. Glückshungrig hatte sie den gefährlichen Einsatz gewagt, gefährlich – weil sie sich gab mit ihrer Weiblichkeit; nun wuchs in ihr das Bangen.

Der Brief bat sie, an einem bestimmten Tag im Café zu sein, um die Baronin und ihren Verwandten kennen zu lernen.

 

* * *

 

Das Café, in das sie Werner Hoffmann bestellt hatte, war ein Sammelpunkt nicht nur der Literaten und gewisser Erscheinungen der Bohème, sondern auch der Zugehörigen anderer intellektueller Zonen, – junger Rechtsanwälte und Ärzte, die meist Publizisten »dazu« waren, akkreditierter Pressevertreter, erfolgreicher und erfolgloser Theaterdichter, studierender Japaner, die weiter drin, in Charlottenburg, siedelten; und da im Gebiet dieses Straßensternes einige exotische Gesandtschaften lagen, fand man hier auch junge Diplomaten, zumeist romanischer Nationen, Hispanier, Argentinier, Chilenen. Am Nachmittag war das Bild hier belebt von den beweglichen Gesichtern dieser verschiedenen geistig »Hauptberuflichen«. Gegen acht Uhr abends änderte sich die Szenerie: die »Intellektuellen« gingen, und die begüterte Bourgeoisie von »Berlin W.W.« kam hier herein zum »warmen Abendbrot«; die Herren – stämmige Geschäftsleute, die Damen – zu sehr nach den allerneuesten Moden kostümiert, um elegant zu sein, wie wandelnde Schaufensterpuppen der Warenhäuser anzusehen, – mit reichbelockten Frisuren, riesigen, beladenen Hüten, enggearbeiteten Kleidern, auf verschnürten Formen, mit ihren sämtlichen Schmuckstücken, von nachweislich legitimer Herkunft, bedeckt. Gegen zehn Uhr saßen jene noch hier, – und die »anderen« kamen zurück von den »Stullen«, die sie zwischendurch an minder kostspieligen Stellen genommen, – sie kehrten wieder, zum Café, zu einem Gläschen Curaçao oder zum halben Eis. Und unter die Tiergärtnerinnen und die Zoopuppen mengten sich nun ätherische Gestalten, die mit tiefen, tiefen Blicken zwischen den zwei Zopfschnecken, die die Ohren aus der Welt schaffen sollten, hervorsahen. Da kam, weiß geschminkt, die dämonische »Aspasia«, von der es hieß, sie sei »erotisch unempfindlich«, aber sie inspiriere die sie umgebenden Künstler trotzdem oder gerade deswegen. Mit ihr schritt ein von wildem Locken- und Bartgestrüpp umwallter Feind des Staatsgedankens und zwei Dichter aus der Schule der »Teuflischen«, der eine von satanischer Hagerkeit, der andere kompromittierend dick und gemütlich. Kurz geschorene, reizende, blonde Schwedenmädchen, die in Berlin studierten, flatterten auf und hüllten sich mit Kolleginnen aus dem Zarenreich und deren Genossen in dichte Dampfwolken. Backenbärtige, gelbliche Tartarengesichter mit dem finsteren Blick der russischen Intelliguenza waren da zu sehen und, ein wenig weiter von ihnen, am gemeinsamen, langen Tisch, – mit lauernd beobachtenden Forscherblicken, den Mund zu süßlich feindseligem Lächeln verzogen, – die asiatischen Mongolen, denen die Zoopuppen ungenierte Blicke zuwarfen. Die ätherischen Mädchen in phantastischen Hängern studierten die Kunstzeitschriften, von denen sie ab und zu, wie entgeistert, emporblickten und nur, wenn ein Dichter oder Denker an ihren Tisch trat, hoben sie die Lider und schienen sich mit tiefem, tiefem Blick in dieser Welt zurecht zu finden. Auch ein paar energisch dreinblickende Frauen, die weder zu den Ätherischen noch zu den Zoopuppen gehörten, saßen da, sprachen von Versammlungen und verlangten weniger die Kunstblätter als die literarischen und politischen Monatsschriften.

Olga, die selten hierher kam, hatte in einer Ecke Platz gefunden und wartete auf Hoffmann und die von ihm Angekündigten; auch Stanislaus sollte kommen. Sie trug ihr neues, blaues Tuchkleid, dessen rechteckiger Halsausschnitt mit einer bunten, türkischen Borte abschloß, und, inmitten der breiten, kupfrig schimmernden Wellen ihres Haares, ein rundes Astrachankäppchen, das sie seit Jahren besaß. – Sie ließ die Blicke wandern und sah sich die Leute an.

Nahe der Kasse, am »Privattisch«, saß der Cafetier, ein Mann, dessen Kopf an den eines Spanferkels erinnerte und der, wann immer man in das Café kam, sei es am frühen Vormittag, mittags oder spät nachts, zur Stelle war. Man sah es ihm an, wie sein Beruf ihm schmeckte, wie er sich in Gewissensruhe sonnte, weil, im Café zu sitzen, für ihn im »Geschäft« sein hieß. – Nicht weit davon saß ein schwarzhaariger Literat mit großem, bleichem Gesicht; er hatte hier »warm gegessen« und schwelgte, wie nur je einer am Zahltag. Von weitem sah seine Stirn hoch und blank aus, aber es war nur der ungewöhnlich weit hinten beginnende Ansatz der Haare, die in Büschen bis zu den Schultern hingen, der ihr Dimensionen gab. Die leere Schnitzelplatte stand noch vor ihm, und schon war er dabei, den Kaffee mit reichlichen Mengen Kuchens sich schmecken zu lassen. Er aß mit Wohlbehagen, wie einer, der auf solche Tafelei im Geiste vorbereitet war; er hatte erst kürzlich eine Abfindungssumme von einem Verleger erhalten dafür, daß er von dem Vertrag über die Drucklegung seines philosophisch-lyrischen Werkes »An die Ewigkeit« zurücktrat ...

Im goldstrahlenden Licht, das den weißgetäfelten, mit roten Plüschbänken möblierten, vielfach abgeteilten Saal erfüllte, erschienen Olga plötzlich alle diese bewegten Figuren silhouettenhaft, wie skizzierte und nicht ausgezeichnete »interessante« Schattenrisse; aber nirgends, nirgends – ein wirkliches Porträt, nirgends ein durcharbeiteter Kopf, mit großen, deutlichen Linien, ein echtes Antlitz ...

Plötzlich blieb ihr Blick hängen: wem gehörte nur dieses braune, schwarzbärtige Gesicht mit den eckigen, fast verzerrt erscheinenden Zügen, die an primitive Holzschnitzerei erinnerten. Halt – diesen selben Vergleich hatte sie schon einmal gemacht, als sie, bei einem Sommeraufenthalt bei Verwandten in Böhmen, an allen Kreuzwegen des Dorfes den Statuen des örtlichen Schutzpatrons, des heiligen Nepomuk, begegnete. Der holzgeschnitzte Märtyrer, mit dem in frommem Leiden verzogenen, viereckigen Gesicht, hatte sie an jemanden erinnert, – dem sie einstmals – flüchtig – begegnet war, – – damals zuhause, als sie Koszinsky fand und verlor. Es war Koszinskys ehemaliger Kamerad, Karl Stiller, der hier saß. Seine magere, starkknochige Gestalt stak in einem vertragenen, buntkarierten Anzug; er hatte eine Zeitung in der Hand und sah, über das Blatt weg, starr und müd ins Leere. Unwillkürlich blieb Olgas Blick fest an seinem Gesicht hängen; nach einer Weile drehte er den Kopf, und sah nun plötzlich auch sie. Seine Stirn zog sich gleich in grüblerische Falten und erschien, unter der starren, schwarzen Haarbürste, finster wie ein Wald, über den sich abendliche Gewitterwolken sammeln. Sekundenlang sahen sie einander an, dann wandte sie den Kopf und überließ es ihm, sich zu erinnern. Er grübelte; wo hatte er dieses stark ausgeprägte Mädchengesicht mit den Haaren, die den Kopf umbogen, wie geschmiedetes Kupfer, dieser gebogenen Nase, die doch in diesem Gesicht nicht störte und den klugen, schwarzen Augen schon gesehen? Und er erinnerte sich dunkel, diese selben Augen auch schon wie hinter Schleiern, die sich über ihnen verwebten, erblickt zu haben ... Auf einmal fuhr die Erinnerung durch ihn, wie ein Riß. Die Augenbrauen wurden hoch zur Stirn gezogen, die verkniffenen Lippen lösten sich, ein gutes Lächeln kroch aus den bartumwallten Mundwinkeln und verscheuchte, für einen Moment, die Düsterheit der Stirne.

Entschlossen ging er an sie heran.

»Freil’n Diamant?«

»Herr Leutnant Stiller?«

»Ich bin doch ka Preuß’, Freil’n, daß ich mir den ehemaligen Titel in Zivil konservier’! Wir Deutsch- Magyaren kokettieren nicht mit sowas ... aber was machen’s hier?« Er schüttelte ihr kräftig die Hand und setzte sich, auf ihre Aufforderung, zu ihr.

Sie berichtete ungefähr, was sie hier trieb.

»Und Koszinsky?« fragte er geradezu, obwohl er die Lösung der Beziehung noch mit erlebt hatte. »Verfluchte G’schicht’ war das damals.«

»Er ist auch in Berlin.«

Er dachte nicht anders, als daß sie wieder zusammen waren. »So? Haben’s sich also ausg’söhnt?«

Nun berichtete sie, wie und wo sie Koszinsky in Wien und dann wieder hier begegnet war und wie sie miteinander standen.

»Armer Teufel, armer Teufel«, murmelte er. »Im Grund ein Kerl, dem man die eine Dummheit nicht ankreiden dürft’, auch nicht in Gedanken. – Wie kann es sein,« fuhr er fort – »daß sich in Ihrem Herzen so – so gar nichts mehr regt für ihn?« Und, als sie schwieg und nur mit wehmütigem Lächeln die Achseln hob, begann er, wie in Erinnerung verloren, mit hellem, gutem Gesicht zu erzählen – von damals. Er schilderte, wie Koszinsky, im Rausch der ersten Leidenschaft, fiebernd vor Erwartung nach ihren Briefen, immer aufs Postamt gestürmt war. Manchmal hatte er ihm auch gezeigt, was er ihr schrieb. »Bitt’ Sie, – er war schon so ein Mensch und hat nix Böses dabei g’sehn ...« Stiller sprach noch immer im österreichischen Dialekt, mit der speziellen, slawisierten Rauheit der Provinzoffiziere der Monarchie.

Ich erinner’ mich noch, wie er einmal, statt der Überschrift, nur ein Motto oben g’schrieben hat, – aus – aus dem Westöstlichen Divan war es, wie mir scheint: »Sieh, da war –« – er zog die Worte ehrfürchtig auseinander, – »meine Chiffre leis’ gezogen ... komisch, komisch,« schloß er nachdenklich, – »wie so einem Menschen, wie er, – so was hat passieren können.«

»Ich glaube,« meinte sie, »es gibt in den Seelen der meisten von uns Heutigen – mancherlei Bewegung gegeneinander, – Strömungen vom und zum Ufer.«

»Kann sein – kann sein. Dem Koszinsky fehlt vor allem – das Weib, wissen’s, – so eine ganz eine einfache, schlichte Häuslichkeit, mit Frau und Kindern, – ohne die ein Mann wie unsereiner nicht sein soll, wenn er sich nicht ruinieren will in Mark und Gehirn.«

»Und Sie?« sagte sie lächelnd.

»Ich hab’ ein Weib, – natürlich«, sagte er. »Is ein armes Madel, das an mir hängt und ich an ihr. Nächstens laß ich mich mit ihr trauen, – wegen die Kinder, wissen’s. Is schon a jahrelange G’schicht. Wir haben drei Kinder. Zwei sind bei die Eltern untergebracht, zuhaus in Ungarn; und das dritte« – die Stirn verzog sich sorgenvoll – »is vor a paar Tagen angekommen.«

»Hier?«

»Ja, es is ein Elend. – – Wann sie gesund is, die Meine, schneidert sie; jetzt soll ich uns alle ernähren, – furchtbare G’schicht is das.« Er ballte unwillkürlich die Fäuste, unter der Tischplatte.

»Sie hatten dort eine Stellung bei einer deutschen Redaktion – zuhause?«

»Bitt’ Sie, wie kann sich da eine deutsche, literarische Zeitschrift halten! Die kleine, deutsche Insel da unten, – die Sachsen in Siebenbürgen und die Schwaben im Banat – das is alles. Die sogenannten Deutschen da oben – Budapest, Raab, Preßburg, – die G’sellschaft zählt bei so was wie das, um was wir kämpfen, nicht mit. Denn erschtens sind’s verjudet (pardon) und zweitens spielen’s die Magyarenpatrioten; da heißt einer, zum Beispiel, Salomon Bauchspeck und magyarisiert sich auf Andrassy oder Hunyady oder sonst auf den Namen irgendeines alten Fürsten- oder Grafengeschlechtes. – Den Idealismus da unten im Rassenkampf haben nur wir dort, in der südöstlichen Ecke.« Er machte eine Pause und starrte finster vor sich hin. »Das Blatt’l«, fuhr er fort, »is bald eingegangen, und so bin ich nach Berlin. Leb’ hier als freier Schriftsteller«, – er verzog die Lippen, fletschend, – »saubere Freiheit das. Herumhausieren mit Artikeln – und davon soll man Weib und Kinder und sich selbst ernähren. Nun, ein Glück is zweierlei: erschtens, daß ich meine Spezialität hab’ – die Geschichte der Deutschen in Ungarn, – das interessiert hier, gibt noch viel unbekannten Stoff und findet Abnehmer, wissen’s; und zweitens –« und jetzt hob er unwillkürlich die geballten Fäuste aus ihrem Versteck, unter der Tischplatte, und hielt sie in Kopfeshöhe hoch, – »meine zwei Arbeiterhänd’! Sehen’s, – was ich mir mit’m Kopf nicht d’rspekulier’ und mit’m Hintern – pardon – beim Schreibtisch nicht d’r = sitz’, das schaffen meine Pratzen, – meine echten deutschen Faust’! Die können arbeiten und zugreifen, – wo’s a Brot gibt.« Er ließ die Arme langsam sinken ... »Sehen’s, wenn die Not da in der Wohnung von Küche und Kammer im ›Quergebäude‹ groß wird, – sehr groß – wie jetzt, wo a Kind nach Milch schreit und a arm’s Weib daliegt und sich nicht rühren kann, – sehen’s, da geht man halt taglöhnern, – wo’s was gibt.« Es war trotzig gesagt, fast prahlerisch herausgestoßen; aber der Kopf hatte sich unwillkürlich gesenkt, die Lider beschatteten die ehrlichen Augen, die eben noch wild dreingeblickt hatten, und es schien, als verbreite sich über das braune Gesicht, langsam steigend, eine Blutwelle ... »Aber glauben’s nicht, daß meine Arbeit – die eigentliche – deswegen zurückbleibt, -im Gegenteil: wenn ich auf solche Art hab’ schuften müssen, – sag’ ich mir – justament weiter – durch mußt und wirst! – – Ich schreib’ jetzt ein Drama, – wissen’s, so was Urdeutsches.«

»Ein historischer Stoff?«

»Den hab’ ich auch angefangen, – hab’n aber inzwischen weggelegt. Er is aus der Geschichte der Sachsen – und bei historischen Sachen is der Erfolg riskiert, wissen’s, der Aufführungs- und der Gelderfolg, und den brauch’ ich. Nein, – ich mach’ jetzt was anderes, was Aktuelles. Ihnen kann ich’s ja sagen – Sie werden mir’s nicht stehlen, – also hören’s: ein urdeutsches Stück aus der Gegenwart. Ein neuer, nationaler Held –« er machte eine geheimnisvolle Miene – »denken’s, es wär’ der Graf Zeppelin – steht im Mittelpunkt. In einem echt deutschen Stück«, fuhr er lebhaft fort, »darf aber neben dem heroischen auch das komische Motiv nicht fehlen, wissen’s! Nehmens’ an – dazu lang’ ich mir den Zeitgenossen vom Grafen, – den Schuster Voigt, genannt Hauptmann von Köpenick; fein, was? Natürlich werden die zwei Helden in einen Zusammenhang gebracht ... dazu hat man ja seine Phantasie! Und da gibt’s Episoden – urdeutsch, sag’ ich Ihnen. Erinnern Sie sich an den Meister Hilbrecht, der den Sträfling bei sich aufgenommen hat, – den echten, deutschen Meister Hilf – recht, der so recht und ganz half, – bis die Polizei kam und das Wild weiter jagte?« Er war ganz heiß und froh geworden bei seiner Schilderung. »Und über all dem – der Adler – der greise Graf. – Er flog – flog über Luzern – mit Adlern um die Wette,« – zitierte er ein Gedicht aus der »Jugend«, – »er flog über die Berge der Schweiz; ein Augenblick, wert, miterlebt und« fuhr er pathetisch fort, »auf der Schaubühne dem deutschen Volke erhalten zu werden.« Er war ganz verklärt. – »Wär’ was für unseren Schiller gewesen; aber so was interessiert natürlich die richtigen modernen Literaten nicht« – schloß er mit gereizter Betonung.

In seiner Kraft, die manchmal von naiver Roheit nicht fern schien, mit seinem dampfenden Schnauben, seinem Lebens- und Siegeswillen schien er ihr wie ein echter Nachkomme jener Berserker, die sich durch die deutschen Urwälder Wege gehauen und dem Feind nackt und mit wildem Geheul entgegengestürmt waren ...

Ein langer, hagerer Herr mit schmalem, gelblichem Gesicht und schwarzem Knebelbart, dessen Kopf an die Männerporträts des Velasquez erinnern konnte, drängte sich zwischen den Tischen durch, sah dabei Olga und grüßte sie; zögernd blieb er stehen und kam dann, auf ihren freundlichen Gegengruß, heran.

»Stiller.«

»Doktor Emmerich.«

Es war einer der Ärzte aus dem Sanatorium, in dem sich Hoffmann aufgehalten hatte. Er war mit ihm gleichzeitig abgereist, da er von seiner Stellung zurücktrat und sich selbständig niederlassen wollte. Olga hatte ihn einmal bei Werner angetroffen. Beide hatten erraten, daß er ihre Beziehung erkannte, ohne daß sie sich dadurch beunruhigt fühlten.

Olga interessierte ihn, und so wollte er nicht vorbeigehen, ohne sie zu begrüßen.

»Und unser Freund? Kommt er nicht auch? Ich sehe ihn öfters hier.«

»Doch, ich erwarte ihn hier. Wollen Sie Platz nehmen?« Und sie bog einen der Stühle, die sie umgelehnt hatte, um sie zu reservieren, zurück.

»Wenn Sie gestatten, bleibe ich gern einen Augenblick.«

Mißtrauisch blickte Stiller nach dem neuen Tischgenossen, und seine Stirn war wieder gefältet und finster.

Doktor Emmerich war ein Apostel der lichten Lebensauffassung. Einer, der die Menschen, wie er sagte, liebte; der alle moralischen Mängel als Entartung und Entartung als Krankheit erklärte. »Der ganz gesunde Mensch ist gut und heiter«, – das war sein Glaube; aber freilich, wo gab es solche ganz Gesunde? Auf Olgas Frage nach seinen nächsten Plänen, von denen er bei Werner in ihrer Gegenwart gesprochen, erwiderte er, es schreite alles zur Zufriedenheit und programmäßig fort. Ein passendes Haus für sein neu zu gründendes Sanatorium habe er bereits gefunden, – im Süden, in herrlicher Lage, ganz wie er sich’s gewünscht, – in einer Gegend, in welcher sich auch schon Menschen von besonderer Art angesiedelt hatten, in Askona bei Locarno, am Lago Maggiore. Schon nächster Tage reise er dahin ab.

Er erzählte von der Kolonie der Weltflüchtigen, die da in den Bergen verstreut ihre Hütten gebaut hatten. Sie alle hatten sich von den Überlieferungen der Kultur losgesagt. Sie lebten dort als eine besondere Sekte, den Dorfbewohnern bekannt unter dem Namen »Vegetarii«, – fast ohne Geld, im Tauschverkehr mit den Einwohnern des Dorfes, denen sie ihre selbstgezogenen Früchte brachten, wenn sie von ihnen etwas brauchten. In ihren Hütten und Gärten gingen sie meist nackt. Es gab Leute unter ihnen, die früher mitten am Kampfplatz der Intellekte gestanden – und sich dann weiter und weiter zurückgezogen hatten, scheu und beängstigt zurückweichend vor diesem Getümmel, in dem die Gedanken nicht leicht beieinander wohnten, sondern sich fast so hart stießen, wie die Sachen ... Die meisten waren jetzt religiösen Problemen ergeben.

Olga schüttelte den Kopf.

»Diese Menschen leben doch zumeist von Renten, die ihnen solche, die sich vom Kampfplatz nicht drückten, – übersenden. Heißt das nicht, sich’s recht bequem machen? Ihr Tauschverkehr, den Sie da schildern, ist meines Erachtens eine Torheit. Frau Gräser bringt, wie Sie erzählen, dem Zahnarzt Äpfel oder singt ein Lied als Gegengabe, wenn sie einen Zahn gezogen haben will; wenn der Zahnarzt darauf eingeht, ist das seine persönliche Kulanz. Logisch und berechtigt ist der Vorgang nicht, – denn wie, wenn der Zahnarzt keinen Bedarf an Äpfeln oder an Liedern hat? ... Wie kann man leugnen wollen, daß das Geld, diese universelle Einheit, durch die alle materiellen Werte ausdrückbar sind, das logischste Medium beim Austausch der Güter ist? – – Oder wenn diese Menschen da unten alles, was sie brauchen, selbst verfertigen, – welches Dilettieren in allem Handwerk, welche Vergeudung an Kraft und welcher Mißbrauch des Materials!«

Doktor Emmerich erklärte: »Der Glaube – oder der Wahn – der zu solcher Sektenbildung führt, – liegt vielen Gemütern gänzlich fern, aber nur mit dem Gemüte läßt er sich begreifen ... Glauben Sie aber ja nicht, daß ich etwa im Geiste jener Sekte dort hausen werde«, fuhr er lächelnd fort. – – »Das Plätzchen ist wundervoll gewählt. Mit den Leutchen da werde ich mich wohl anfreunden – wie sollten gerade sie den Arzt und Psychologen nicht interessieren, – im übrigen aber will ich solche Menschen heranziehen, die sich in einem köstlichen Klima, in einer gutgeführten Anstalt physisch und seelisch erholen wollen; und besonders zu dieser seelischen Erholung ihnen zu verhelfen, – soll mir am meisten am Herzen liegen.«

»Aha, – eine Therapie, deren Kurmittel nicht nur Diät, Wasser, Luft, Sonne, farbige Bestrahlung, faradische und andere Ströme, sondern auch seelische Kräftigung umfassen soll, umfaßt Ihr Heilprogramm?« bemerkte Stiller mit gallbitterem Gesicht.

»Ganz genau das ist es«, meinte Doktor Emmerich ruhig. »Die Zukunft des Arztes«, fuhr er fort, »begreift auch diese Mission.«

»Der Arzt als Heiland«, knurrte Stiller ironisch.

»Nicht gerade als Heiland, aber, sagen wir, als der moderne Stellvertreter des Priesters, den die heutige Menschheit sehr notwendig hat, – den Stellvertreter nämlich, nicht den Beamten des Klerus.«

»Also wieder ein neuer Weg zum Heil«, meinte Stiller. »Hirsebrei, Obstbaumzucht, Atmungsgymnastik, mystische Übungen und Nacktkultur – das alles tut’s nicht mehr, es muß auch der ärztliche Seel-Sorger über all dem wachen.«

»Nacktkultur ist durchaus nichts Lächerliches. Nackt laufen in freier Luft, nackt baden, turnen und tanzen würde bald aus unserem Volk etwas anderes machen, als es zum großen Teil heute ist; lächerlich wird die Sache erst, wenn nackte Menschen auf Möbeln in Salons sitzen und da Tee trinken und ästhetische Gespräche führen.«

Stiller beachtete diese Erklärung nicht, die erste Mitteilung Doktor Emmerichs hielt ihn in Atem. »Nach welchen Gesichtspunkten, Herr Doktor Emmerich, wollen Sie für ›seelische Kräftigung‹ Honorar nehmen?«

Doktor Emmerich hatte keinen Augenblick sein heiteres Lächeln verloren. Er erwiderte: »Vor allem will ich ein materiell sehr leistungsfähiges Publikum da hinunterziehen. Als langjähriger Arzt in einem großen Sanatorium habe ich Fühlung mit dieser Klientel.«

Stillers braunes Gesicht war gefältet, wie ein entrollter Fächer und ganz von drohenden Schatten bedeckt. »So, so«, knurrte er.

»Ja; dieses Publikum wird dann da unten in Atem gehalten. Sie zählten ja vorhin schon die Methoden auf: elektrische Ströme, Wasser- und Sonnenbäder, und was sonst noch drum und dran hängt. Besonders mit den billigen Kurmitteln des Wassers, der Sonne und einer entwöhnenden Diät rechne ich. Eine heilsame Frugalität der Ernährung ist aber den Patienten nur dann vertrauenswürdig, wenn man die höchsten Preise dafür nimmt.«

»Wunderbares Prinzip«, kam es pfauchend zwischen Stillers Zähnen hervor.

»Das Haus wird natürlich sehr gut ausgestattet: modernes Inventar, gute, hygienische Betten, W.C., – das fehlt da unten. Und wenn mir das glückt, wie ich es meine,« fuhr Doktor Emmerich fort, und seine bebrillten Augen wurden licht, – »dann kann ich – sozusagen – die leitende Idee meines Lebens endlich ausführen.«

»Und die ist?« fragte Olga.

»Sehen Sie, dann – dann schaffe ich da unten nach und nach eine Einrichtung, die uns fehlt, – eine sehr notwendige Einrichtung: eine Erholungsstätte großen und vornehmen Stils für geistig Arbeitende, – die kein Geld für Erholungsreisen übrig haben und die das völlige Ausspannen bei sehr gutem und sorglosem Leben notwendiger brauchen, wie alle anderen. Denn hier, in ihnen, sind die Kapitalien der Zukunft; das Material, aus dem sie gebaut wird, sind aber diese Menschen selbst. Sie haben nicht ihr Arbeitsmaterial neben sich, wie Tischler und Schuster, – in sich haben sie es, sie selbst sind es, ihr eigener Leib ist die Möglichkeit ihres Wirkens, aus sich selbst heraus holen sie alles. Diese Menschen leben gehetzter und aufreibender wie alle anderen, ihre Existenz bedingt ein ewiges Hasard, wie die des Spielers, nur daß sie positive Leistungen daneben noch erübrigen müssen. Er – übrigen,« demonstrierte er, – »das heißt, – ein Mehr, ein Übriges muß da sein, ein Übriges an Kraft. Darum bedürfen sie – gerade sie – aller Akkumulatoren der Kraft, der Schonung, der Pflege, der Ruhe und – ja und« mit verbindlichem Lächeln wandte er sich zu Stiller – »und der günstigen seelischen Beeinflussung.«

»Das also wollen Sie«, kam es, nach kurzem Schweigen, aus Stillers Munde, und sein Gesicht war glatt und licht, wie ein Sommertag

»Ich habe mir die Sache gut ausgerechnet«, sagte Doktor Emmerich. »Ein reicher Patient – das gibt, bei Weglegung der nötigen Reserven für das Haus, – zwei, vielleicht auch drei Plätze für meine anderen Invaliden. Das Unternehmen ist zwar mein privater Besitz, soll aber verwaltet werden, als ob es einer Genossenschaft diente: alles, was erübrigt wird, kommt dem Hause selbst und dem einen Teil der Insassen wieder zugute.«

Olga hatte fast vergessen, wo sie war, – einen Augenblick war ihr, als ob das Dunkelblau des italienischen Sees, das strahlende Licht jener Landschaft vor ihre Seele getreten wäre.

»Diese Stürmenden, – wollen Sie einfrieden,« sagte sie, »diesen ewig Unsicheren – eine Spanne Sicherheit gewähren. Aber glauben Sie, daß die wirklich – Tüchtigen, die Echten und Starken, die mit dem großen Können und Wollen, – solche Hilfe auch brauchen?«

»Blicken Sie um sich«, sagte Emmerich und senkte unwillkürlich die Stimme. »Nicht gerade hier«, fügte er lächelnd hinzu, da sie die Augen über das Lokal schweifen ließ, »blicken Sie im Leben, in Ihren Kreisen um Sich! Sie werden echtes Können und manches edle Wollen sehen. Aber Sie werden auch sehen, daß dieser Wille fast überall gegen Nervenohnmacht kämpft und sich dabei versplittert und verstäubt, wie Wellen, die auf Felsen schlagen. Daher sind unter diesen geistig Ringenden jene so selten, die – wie soll ich es richtig sagen, – großen Lebenszuständen gewachsen sind: der Liebe, dem sozialen Kampf, dem Erwerbsleben mit seinem brutalen Gedränge, der Anpassung an das Milieu und den Krisen der eigenen Brust in Sachen der Kunst, der Weltanschauung, des inneren Dogmas und der Bedrängung durch eigene Triebe. Darum sehen Sie die einen zu Sklaven ihrer Begierden werden, – andere wieder, die ihre Triebschwäche lähmt.«

Er unterbrach sich. Olga grüßte nach der Tür hin, durch deren Rondell eben Stanislaus eingetreten war. »Der schöne Mensch«, fuhr Doktor Emmerich fort, »wird immer seltener: das ist der, der Gefühlsströme zwischen sich und andere zu leiten vermag, der die Freude in der Welt mehrt. Denn aus der Freude kommt die Kraft und die Tat über sich selbst hinaus ...«

Er machte eine Pause und nickte, wie für sich selbst: »Darum will ich – helfen, soweit ich kann.«

Stanislaus war herangekommen. Der Begrüßung folgte der Aufbruch Stillers.

»Ich muß nach Hause schauen,« sagte er, – »aber ich komm’ dann wieder und find’ Sie dann gewiß noch hier«, fügte er, zu Olga gewendet, hinzu. »Ihnen dank’ ich – dank’ ich, Herr Doktor, – für das, was ich von Ihnen hab’ hören dürfen.«

Er ging. Olga erzählte Stanislaus, der sich seiner nicht gleich erinnerte, wer er war, und berichtete den beiden Männern von seinem Leben.

»Einer von meinen künftigen Gästen, – von denen, die ich vorzumerken habe«, meinte Emmerich.

»Ich fürchte, Ihre Liste wird lang werden«, antwortete Olga.

»Ihren Namen lese ich jetzt oft«, sagte Doktor Emmerich, zu Stanislaus gewandt.

»Im Zusammenhang mit der alten Sache. Mich interessiert die aber momentan nicht mehr. Mein Herz gehört – der neuen.«

»Schriftsteller sind immer um eine Nasenlänge über sich selbst hinaus«, sagte Doktor Emmerich.

Man sprach von Werner Hoffmann. »Kennen Sie ihn?« sagte Stanislaus, mit eindringlicher Betonung.

»Ich glaube,« erwiderte Emmerich und zog sein schwarzes Knebelbärtchen nachdenklich durch die Hand; – »ein möglicher Christus. Kompromißlos wie Ibsens Brand. Eigentlich ein Mystiker, – der nicht weiß, daß er es ist, sehr zum Heil seiner suchenden Seele. Ein Mensch mit heftigen Tatinstinkten, denen sich tausend ererbte Hemmungen entgegenstellen, die ihn hindern, sich selbst auf die Spur zu kommen; der sich suchen wird sein Leben lang; einer, dem jeder Irrtum zur Sünde wird, ... ein Beladener.«

Die Geschwister horchten. Das Gesumme des überfüllten Saales umgab sie, ohne daß sie es hörten. Sie sahen auch nicht mehr die Einzelnen; nur noch die Fülle der bewegten Figuren, die sich im bläulichen Zigarrendampf und im gelben Kunstlicht bewegten, schob sich vor ihren Blicken, wie im Spiegel hin. Die gelben Gardinen des einen Fensters waren noch nicht vorgezogen. Draußen schimmerte die tiefe Nacht, blau, zwischen den fahlen Lichtkreisen der Gaslaternen, dicht und blendend fiel der Schnee, legte sich an die großen Spiegelscheiben, bildete da kristallene Sterne und schimmernde Ballen.

Plötzlich sahen sie Werner, in Begleitung zweier Fremder, über die Straße kommen. Werner, wie immer, in der Lodenpelerine, den weiten Schlapphut tief in die Stirn gedrückt. Gleich darauf waren sie eingetreten und bei ihnen.

»Herr von Bredow, – Baronin Kellenberg«, sagte Werner, nachdem er die Geschwister und Doktor Emmerich vorgestellt hatte.

Die hohe Gestalt der Dame war ihnen schon draußen aufgefallen. Nun, da sie ihren Pelzmantel ablegte und in ihrem breiten Federnhut und im tiefschwarzen, fließenden Sammetkleid vor dem Tisch stand, erschrak Olga beinahe über ihre Schönheit. Auf der hohen, üppigen, von keinem Mieder verschnürten Gestalt saß ein Kopf, mit vollendet ebenmäßigen, ruhigen, großgezeichneten Zügen. »Der Edeltyp der Kaukasierin«, so hatte Werner sie geschildert, und Olga hatte sich dabei nichts denken können. Nun, als sie dieses Gesicht sah, wußte sie, was er meinte. Das war das Antlitz der Europäerin, wie sie ursprünglich gewesen, bevor sie durch gefährliche Kreuzungen das ruhige, große Ebenmaß der Züge verlor und soubrettenhaft verniedlicht, wo nicht verhäßlicht wurde. Kühle, blaue Augen beherrschten das Gesicht, dessen Teint etwas blaß war, ohne daß die zarte Frische des Fleisches davon beeinträchtigt wurde. Die Augenbrauen waren hellbraun, wie das Haar, und lagen als vollendet geschwungene Bogen über den Augen, ja sie schienen etwas hochgezogen, was dem Gesicht den Ausdruck des Staunens, fast der Einfalt, gab, – eine Einfalt, an welche Olga nicht glaubte, und deren Schein ihr nur durch diese Bogen der Brauen erzeugt schien. In diesen Augen aber war noch etwas anderes: ein unaufhörliches Irisieren, das zu der sonstigen Ruhe des Antlitzes nicht paßte und wie künstlich ins Auge gebannt wirkte.

Stanislaus war beim Anblick der Baronin das Wort von der ochsenäugigen Hera in Erinnerung gekommen, – ganz in jenem ehrfürchtigen, mythologischen Sinn, der das große Auge der Göttin durch den Vergleich nicht erniedrigen, nur charakterisieren wollte. Er dachte an die Antiken, die er in Rom gesehen, an Kameen, in die die mächtigen Züge der Hera eingeschnitten waren; aber als er das Profil der Baronin sah, kamen ihm die geheimnisvollen, geradlinigen Züge in den Sinn, die man an uralten, ägyptischen Torsen fand, diese Profile, die tausendjährig und ewig jung, – unbeweglich und doch faszinierend erschienen.

Herr von Bredow war so groß wie die Baronin. Sein Kopf sah eckig und fest aus. Die zierlichen Ohren, deren Knorpelgewinde besonders fein und verschlungen war, saßen tief, dicht über dem Winkel der Kiefer; die Augen, von klarem Grau, lagen unter einer Spur hellblonder Brauen. Der Blick war durchdringend. Die kurzverschnittene Schnurrbartbürste sträubte sich steif und borstig, das gewaltige Gebiß war etwas vorgeschoben und ungleichmäßig. Als er den Hut abnahm, sah man einen fast kahlen Schädel von ungeheueren Dimensionen. Steil wie ein Dachgiebel, stieg die Stirn auf; die tiefsitzenden Ohren ließen sie, seitlich besehen, von mächtiger Weite und Breite erscheinen, – von vorn betrachtet schwang sie sich, in überraschend reiner Linie, wie ein romanischer Bogen. Ohne Hut sah er ganz verändert aus. Olga dachte: wie eine Taschenuhr, wenn der goldumränderte Glasdeckel aufspringt und das Zifferblatt in seiner Kahlheit und Weite sich präsentiert.

Die Baronin sprach wenig, aber mit großer Verbindlichkeit. Sie begleitete ihre Worte mit einem anmutvollen Lächeln und dem Irisieren ihrer Augen. Werner Hoffmann, Herr von Bredow und Dr. Emmerich bestimmten die Konversation, in die Stanislaus und Olga ab und zu eingriffen.

Herr von Bredow, der in diplomatischen Diensten war, sollte in den nächsten Tagen als Gesandtschaftssekretär nach Genua abreisen.

»Habe mir eben Reiselektüre besorgt«, sagte er und zog ein Heft aus der Tasche.

Voll Interesse streckte Werner die Hand darnach aus. Es war eine spanische Grammatik.

»Gibt es eine bessere Gelegenheit, sich Verben einzupauken, als während einer Bahnfahrt?«

Mit bewunderndem Blick gab ihm Werner das Heft zurück. Herr von Bredow ließ sich gleich darauf vom Kellner das Kursbuch geben und sah die Züge nach. Stanislaus bot ihm einen Bleistift und riß ein Blatt aus seinem Notizbuch.

»Danke, ich notiere mir nichts«, meinte Herr von Bredow.

Stanislaus fragte, ob dies aus prinzipiellen Gründen unterbliebe.

»Allerdings«, erwiderte Herr von Bredow. »Die Sinne müssen wach und scharf bleiben, – man darf sie nicht einschläfern, darum auch nicht das Gedächtnis durch Notizen erleichtern. Ich weiß meine Züge«, fügte er lächelnd hinzu ... »Übrigens habe ich keinerlei Grundsätze über das Positive, – über das, was zu tun ist; ich übe mich nur, – soweit ich kann, – im Unterlassen des Überflüssigen.«

»Wenn ich nicht irre, – so haben wir es hier mit einer vorsätzlichen Selbstverordnung zu tun?« meinte Dr. Emmerich forschend.

»Sehr richtig«, gab Herr von Bredow zurück. »Wenn man ein Mensch ist, der seiner Natur nach am liebsten Tat auf Tat setzen möchte, – vielleicht Untat auf Untat« – ein heiseres Lachen klang auf, – »so muß man sein bißchen Moral dahin kommandieren, – das Seinlassen zu lernen ... Kontra dem Impuls – das ist wohl die einzige Erziehung von Menschen mit überschüssigem Aktivitätstrieb.«

»In welcher Schule, wenn ich so fragen darf«, forschte Dr. Emmerich weiter, – »haben Sie dies gelernt?«

»Dieses Axiom ist durch eigene Erfahrung erworben. Die Lehren asiatischer Lebensweisheit, denen ich später begegnet bin, haben mich dann in dieser Meinung bestärkt. Dem Bushido der Japaner, den Schriften des neueren Buddhismus danke ich so manches; freilich bin ich nur ein zerebraler Jünger dieser Schule, – denn aus seiner eigenen Haut kann man leider doch nicht heraus. – – Alle diese Lehren der Lebenskunst,« fuhr er fort, da niemand sprach, »wie sie die moderne, asiatische Philosophie lehrt, laufen darauf hinaus: besser zu leben; nicht etwa edler, nein, – besser. Das alles ist klarste Weisheit der Selbsterhaltung.«

»Warum sollte ein Mensch, der immer kontra seinem eigentlichen Wollen handelt, so viel besser daran sein, als andere«, meinte Werner.

Herr von Bredow sah ihn mit seinem durchdringenden Zentralblick an. »Weil es einem Menschen von direktem Wollen, der die Verhältnisse aller Dinge schändlich mißachtet und immer mit dem Kopf durch die Wand rennt, – schlimm ergeht. Dieser aufs Positive gerichtete Wille wird gestraft, und seine Strafe besteht zumeist darin,« fügte er leise, fast geheimnisvoll hinzu, »daß alle seine Wünsche in Erfüllung gehen, – daß er wirklich alles durchsetzt ... Wünsche sind wie Sklaven, die sich abarbeiten, – bis alles vollbracht ist. Etwas Schlimmeres aber kann einem nicht passieren.«

Herr von Bredow stützte seinen mächtigen Kopf in die Hand und sah mit seinen klaren, grauen Augen vor sich hin. »Dieser gierige, europäisch-amerikanische Willenstrieb ist der Grund, warum uns die Orientalen gering schätzen; ihre durchaus nüchterne Moral verlangt vor allem: innere Abrüstung. Wir – sind dazu zu aggressiv, zu diesseitig, zu selbstgefällig und, vor allem, zu hungrig. Darum erscheinen wir den Völkern des Ostens zerrissen, verschwommen – und immer getäuscht.«

Werner horchte hingegeben. »Ich wußte nicht, daß die buddhistische Lehre im Grunde auf Vernunftsschlüsse hinzielt«, sagte er.

»Die vollkommene Reinigung von sentimentalen Motiven hat die modernisierte Schule des Buddhismus erbracht. Es ist ein nüchterner Kodex edler Lebensführung, den sie umschließt. Milde, Verstand und Wissen, logische Ergebung sind ihre Ziele. Untätigkeit bringt sie nur im Sinne einer Loslösung vom Gemenge weltlichen Getümmels mit sich, – dafür rastlose innere Mission an sich selbst. Das ist ihr Sinn. Und ihr letzter Schluß: das Seelenheil – erreichbar hienieden, – durch Verstand und Maß. Keine geheimnisvollen Riten, keine mystische, sondern eine vernünftige Ergebungstheorie, keine Gottgläubigkeit und auch keine Spekulation auf Nirwana mehr. Eine hochherzige, von Aberglauben gereinigte, vorwiegend intellektuelle Lehre.«

»Geben Sie mir mehr, – noch mehr davon«, stieß Hoffmann hervor, und sein Auge hing, wie der Blick eines Verdurstenden an der labenden Frucht, am Mund der Erzählers.

Mit ernster Freundlichkeit erwiderte Herr von Bredow: »Sie haben mich darnach schon so oft gefragt, mein Freund, und ich konnte Ihnen immer nur Stückwerk geben. Aber es existiert jetzt eine von der buddhistischen Gesellschaft Großbritanniens und Irlands ins Leben gerufene Aktion, die die Verbreitung des modernen Buddhismus bezweckt. Einzelne von ihr entsandte Propagandisten sollen auch schon auf dem Kontinent sein. Ich werde mich erkundigen, wo sie zu finden sind und es Sie wissen lassen. Sie können dann dort direkten Anschluß suchen.«

Hoffmann versank in tiefes Sinnen ...

Olga wandte sich an die Baronin. »Ich habe Ihre Verse im Manuskript lesen dürfen. Ich glaube, Sie sind stark in der Anschauung und ruhig und klar im Wort, – trotz der leidenschaftlichen Gefühle, die Sie ausdrücken.«

Die Baronin neigte dankend den Kopf. Die großen Pupillen, mit der flimmernden Iris, begegneten einen Augenblick den dunklen und doch so klar durchleuchteten Augen des Mädchens.

Herr von Bredow sprach mit Stanislaus über das Problem der Stiefvaterfamilie, das ihn beschäftigte. Er riet ihm eine Reise durch Deutschland und empfahl genaue, statistische Untersuchungen.

Olga sah, wie Stiller wieder eintrat. Er nickte ihr, zu, legte seinen Sommerüberzieher und das steife, schäbige Hütchen ab und nahm in einer entfernten Ecke Platz, wo er einen Berg von Zeitungen vor sich auftürmte.

Als die Baronin und Herr von Bredow aufbrachen, lud die Baronin die Geschwister, Dr. Emmerich und Werner Hoffmann ein, sie zu besuchen. »Sie sind uns ja kein Fremder mehr«, sagte sie zu Werner.

Werners Blicke umglitten scheu die Hoheit ihrer Gestalt. Er neigte den Kopf, wie in Ergebung, als leiste er, einer höheren Macht gegenüber, keinen Widerstand mehr ... Dann ging er an den Kleiderständer und holte den Pelzmantel der Baronin.

Olgas Blick folgte ihm. Plötzlich überkam sie ein Gefühl, wie einen Menschen, den, im Meer, eine hohe Welle erfaßt, die er herankommen sieht, bis sie ihm den Atem und die Besinnung nimmt, während sie ihn brausend überflutet: sie glaubte eine Sekunde lang gesehen zu haben, als streiche Werners Hand, – heimlich und zitternd, – über das schimmernde, schwarze Sealfell des Pelzes, den er dann langsam vom Haken hob ...

Als sie gegangen waren, sprach man von der Ehe der Baronin.

»Sie war die Tochter einer verarmten Offiziersfamilie«, berichtete Werner »und ernährte sich durch Bureauarbeit. Die Entbehrung zwang sie auch, im Kabarett aufzutreten, wo sie ihre Gedichte vorlas. Hier sah sie Baron von Kellenberg. – Sie leben nicht gut zusammen«, fügte er kurz hinzu.

»Woraus schließen Sie das«, fragte Stanislaus.

»Sie sagte mir einmal,« entgegnete Werner nachdenklich, »sie wäre oft böse und gereizt gegen ihren Mann, und darum« – es kam fast drohend über seine Lippen – »möchte sie ihn lieber verlassen.«

»Weil sie böse gegen ihn ist, möchte sie ihn verlassen?« fragte Stanislaus.

»Leuchtet Ihnen das nicht ein,« antwortete Werner, ungewöhnlich schroff, »Menschen, die unser Wesen reizen, passen nicht für uns.«

Niemand hatte etwas zu sagen. Nach einer beklommenen Pause fragte Werner nach Olgas Zeitung; ob denn gute Beiträge zu beschaffen seien. – Sie nannte einige Namen.

»Zuviel vom Frauenklub«, meinte er stirnrunzelnd.

»Welchen Frauenklub meinen Sie?«

»En bloc gesprochen. – – Sie müssen vor allem trachten, – moralische Probleme zu erörtern; aber freilich, hier versagen die Frauen.«

Ein kalter Glanz kam in ihre Augen. Der Kopf, der trübe und schwer gesenkt gewesen, hob sich.

»Dann müssen Sie noch weiter gehen«, sagte sie, mit bebender Stimme, – »und behaupten, daß Frauen auch niemals im Sinn einer tieferen Moral zu verfügen wissen.«

»Wie – persönlich«! Er hob wie abwehrend die Hand.

»Um Phrasen so allgemeiner Art ins rechte Licht zu setzen, ist das notwendig.« Sie rang sich die Worte ab.

»Falsch – falsch«, sagte er und machte wieder die abwehrende Geste.

Ein Schauer überlief sie. Von der fröstelnden Haut drang diese Kälte in ihr Innerstes. »Wie spät ist’s?«, sagte sie müd.

Es war über Mitternacht.

Drüben sah sie Stiller aufstehen und sich ankleiden. Da er zögernd zu ihr hinblickte, verließ sie ihren Platz und ging zu ihm hinüber.

»Auf Wiederschaun, Freil’n! Ich geh jetzt ein paar Stunden schlafen.«

»Für mich wird’s auch Zeit«, sagte sie. »Aber warum nur ein paar Stunden? Sind Sie ein Vormittagsarbeiter? Da dürften Sie nicht so spät im Café sitzen.«

»Bewahre,« sagte er, »ich schlaf wie a Ratz’, wann ich kann. Aber morgen früh,« – er blickte hinaus in das Schneegestöber, – »morgen früh heißt’s, am Platz sein.« Und mit gedämpfter Stimme fügte er, da er ihren fragenden Blick sah, hinzu: »Jawohl, so is es. Da tritt man im Morgengrauen beim Magistrat von Charlottenburg an und laßt sich Schaufel und Besen geben.«

Sie starrte ihn an ...

»Ja, ja,« sagte er, hielt ihren Blick standhaft aus und nickte, – »das ist der gute, liebe Schnee, – der gibt Brot« ... Und er drückte ihr die Hand und ging dem Ausgang zu. An der Tür wandte er sich noch einmal um, als hätte er etwas vergessen und kam zurück. Sie stand noch immer regungslos an seinem Tisch. »Richtig! Wann’s den Koszinsky sehen, Freil’n, – sagen’s ihm, ich bitt’ Sie, er soll nicht bös an mich denken. Ich bitt’ Sie, – sagen’s ihm’s«

»Ich habe ihn lange nicht gesehen. Seine Konzerttruppe gastiert irgendwo in der Provinz.«

»Also, wann’s ihn sehen, – ich bitt’ Sie!« Und er drückte ihr noch einmal die Hand, schlug den Mantelkragen hoch und stapfte hinaus, in die Winternacht.

Olga ging zurück zu ihrem Tisch. Sie setzte sich nicht mehr. Sie nahm ihre schwarze Jacke von schwerem Tuch, die für den strengeren, österreichischen Winter paßte, vom Haken und legte sie mechanisch über einen Stuhl. Einen weißen Seidenschal steckte sie über den Ausschnitt ihres Kleides fest und schlüpfte dann in die Jacke, die der Kellner bereit hielt. Man brach auf.

Stanislaus, der sich an dem letzten Gespräch zwischen Werner und Olga nicht mehr beteiligt hatte, verabschiedete sich hastig. Doktor Emmerich und Werner boten ihr ihre Begleitung an, sie aber dankte und meinte, sie ginge gut und gern allein das kleine Stück Weges zur Hochbahn, die sie dann zum Vorortbahnhof bringe.

Sie eilte davon ... Sie versuchte, ihren schweren Atem niederzuhalten ... Licht, silberig, friedlich fielen die Flocken, legten sich auf ihre Kleider, auf ihr Haar, auf die Brauen und Wimpern ihrer Augen, und sie fühlte, wie sie da zerflossen und kühl ihre brennenden Lider deckten. Und auf einmal kam es heiß und salzig aus der Tiefe ihres verwundeten Herzens und schoß ihr aus den Augen, – strömte unaufhaltsam. – – Schwer hoben sich die schneebedeckten Füße und setzten sich, in einförmigem Marsche, voreinander. Sie ging am Hochbahnhof vorüber, weiter und weiter, planlos durch die nächtlichen, einsamen Straßen. Und laut aufstöhnend, barg sie manchmal ihr heiß überflutetes Gesicht in dem Astrachan ihres alten, kleinen Kindermuffes ...



SECHSTES KAPITEL
FINSTERNIS

 

»So du hundert Meter gehest ohne Liebe,
gehst du in deinem eignen Sterbehemd,
zu deinem eignen Begräbnis.«

                                                                  Walt Whitman.


Die indischen Puris haben nur ein Wort für gestern, heute und morgen. Und so wie dem wunschlos Weisen die Zeit nur ein ungegliedertes Einziges ist, das zu überwinden er eingesetzt wurde, – so dem, dem das Leid die wechselnde Gestalt der Stunden und Tage verwischt. Nichts geschieht in solchen Tagen, auch dann nicht, wenn sie ihre Forderungen mit fest gegen die Erde gestemmten Beinen uns in den Weg stellen, nichts geschieht für unser Bewußtsein, – als daß wir älter werden und täglich dem Dunkel näher kommen. Wozu die Pein, denkt dann das leidende Herz, wozu die Freude, wozu die Tat, da dieses Dunkle dich bald verschlingt, wie alle, alle ...

Die Mächte der Finsternis griffen nach dem getäuschten, einsamen Mädchen. Sie umklammerten sie mit bohrenden Fingern und erschütterten sie bis zu den Wurzeln, aus denen die starke und edle Fügung ihres Wesens erwachsen war. Die gleichende Kraft ihrer Seele, das Schwergewicht, das die Natur ihr, vor vielen anderen, gegeben, das die Gaben ihres Herzens und ihrer Vernunft niemals verflattern ließ, sondern immer stärker und dauernder das Passende zusammengefügt, das triebhaft Wuchernde ausgeschieden hatte, – diese gleichende, schwerende Kraft war aufgehoben, die strengen Bande ihres Seins gelockert und gelöst und ihre Seele preisgegeben dem »dunkelnächtigen Getier«, – den Dämonen, die sie immer enger umzingelten.

Da waren sie alle, die dunklen Gesellen, und stritten um die Herrschaft auf der neu erstürmten Feste. Da war der Zweifel, – an sich selbst und an denen, auf die man vertraut; da war das Übelwollen und sein stärkerer Bruder, der Groll; da war die beleidigte Liebe, mit dem finster verzerrten Gesicht, das sie ihrem Todfeinde, dem Haß, so erschreckend ähnlich machte; da war die Buße und Selbsterniedrigung, der giftrot schillernde Hohn und die Furcht, die gespenstig fahle. Und sie lagerten sich um ihr Herz und drängten hinein, – bis der Dämon mit dem Medusenantlitz, der Liebeshaß, triumphierend als der Mächtigste darin saß ...

Und er zog die Gedanken aus ihrem hellen Reich hinab, in das nächtliche Herz, spannte sie in seinen Dienst, ließ sie unendliche Lasten immer aufs neue wälzen und heben und peitschte sie wirbelnd im Kreise, bis sie der Wirrnis so nahe waren, daß keiner mehr von sich und vom anderen wußte. – – –

 

* * *

 

Werner hatte sich seit jenem Abend nicht wieder blicken lassen, und sie wußte, daß er eine andere liebte und daß sie ihn verloren hatte. Zuzeiten, wenn die Besonnenheit sich über den Aufruhr ihres Herzens schwang, fragte sie sich, warum sie darüber verbittert und verzweifelt war, warum der Groll in ihr wühlte. Aber wie sehr sie sich auch selbst zusprach, wie einer fremden, zweiten Person, die sie von der Notwendigkeit dieses Geschehens zu überzeugen hatte, – es nützte nichts. Die Stunden, wo sie, fahlen Gesichtes, zusammengekauert, frierend, trotz voller Heizung und warmer Tücher, in einer Ecke saß und die bösen Gefühle in ihr hin und her strömten, vom Gehirn zum Herzen und wieder dahin zurück, – häuften sich mehr und mehr. Sie saß da, eine Beute trostloser Gedanken, verwühlt in bohrendes Grübeln und hielt im Geiste jene furchtbarste Zwiesprache, die der machtlos Verirrte mit seinem entdoppelten, zerspaltenen Selbst führt.

Verklagte sie mit dem einen Ich den Mann, bezichtete ihn elender Gefühlsschwäche, des Unvermögens zur Gestaltung und Festigung eines guten Empfin dens, der Beeinflußbarkeit von jedem neuen Reiz, der sein Hirn traf, der Beirrbarkeit der Anschauung, der Direktionslosigkeit, des Mangels an seelischem Orientierungsvermögen, an wegeweisenden, heilen Instinkten, der Triebschwäche, die das Begehren mißleitet und hemmt, kurz des Mangels an starker Menschlichkeit, an ungebrochener Männlichkeit, – so ging sie mit sich selbst nicht schonungsvoller um. Sie nannte sich eine Stümperin, die plump geradeaus ging, die zu schwer und zu ahnungslos war, aus den gewundenen Wegen des Irrgartens der Liebe herauszufinden ins beglückende Freie, – dahin, wo es keinen Zweifel mehr gab, kein quälendes Suchen nacheinander, – wo die Sonne der vollen Gewißheit schien, der ruhenden Zuversicht, der Geborgenheit. Dort war die Heimat, der das Weib zustrebte, – von allem Anfang an bis zu allem Ende, – mochte sich seine Stellung zur Welt durch die Jahrtausende immer wieder verändern, mochte es Sklavin oder Herrin sein, als Traumwesen dämmern oder wachsamen Auges am Strome stehen, mochte es, pflanzenhaft verwurzelt, in seinen Trieben weben oder frei sich sein Teil nehmen am Rechte der Selbstbewegung, – dort, unter jener Sonne friedvoll erfüllter Gefährtenschaft war immer seine Heimat, dorthin, durch alles hindurch, führte sein Weg.

Mit halben Gefühlen, bedrückt von Zweifeln, hatte sie dieses Verhältnis begonnen. Sie war hineingeraten, fast gegen ihren Willen und Vorsatz. Aber dann hatte es sie immer fester gefaßt, – es war ihr gegangen, wie den Frauen zumeist: so, daß sie erst »über der Situation« gestanden, dann mehr und mehr in sie hineingeraten, und sich schließlich von ihr überwältigen lassen. Die »Situation« ist die Liebe ...

Vielleicht, so grübelte sie, hatte sie zu viel verlangt – und darum nichts erlangt? Vielleicht auf falsche Art gegeben, – so gegeben, daß sich darin zeigte, daß sie selbst etwas wollte und brauchte? Hatte gegeben, hingegeben, wie ein Mensch, der in Abhängigkeit geraten ist, – anstatt stolz zu spenden?

Zum erstenmal zeigte sich ihr, wie unter vergrößernder Linse, das, was sie bisher für ein Einziges und Einheitliches gehalten, als hundertfältig zusammengesetzt und gegliedert. Das eigene, leidvolle Erlebnis hatte ihr das Auge geschärft für diese geheimnisvollen, vielfältigen Windungen, die den Boden der Menschenseele durchziehn und im Liebeskampf bestimmend wirken. Schonungslos fragte sie sich, was sie denn, mit bangen Ahnungen von Anfang an, dazu getrieben, sich in die Gefahr zu stürzen. Ja, es war mehr als Ahnung, es war, zu Anfang, manchmal ein erschreckend klares Wissen gewesen, – daß dieses Erlebnis ein Abbiegen von ihrem Wege sei; freilich, der Weg war versandet und einsam, und um die Biegung herum lockte das ewige Grün. – – –

Und der Groll ihrer bittersten Stunden wechselte mit der wehen Sensucht, ihn wiederzusehen. Zärtlichkeit hatte sie gelabt, – nun dürstete sie.

Durfte sie ihn beschuldigen, sie verraten zu haben? Sie gab sich die Antwort: Verrat kann nur begangen werden an dem, der alles gab. Sie, ja sie hatte gegeben – aber nicht alles, was sie zu geben hatte. Niemals hatte sie ihr Wesen sich auflösen gefühlt in Werners Nähe, und sie wußte, daß das große Fühlen, dieses bis an die Wurzeln Erschütternde, nie über sie gekommen war, – nie, dieses Erbeben, das die restlose Wonne begleitet und das der Jubel des Herzens übertönt: – er ist’s, er ist’s! ...

Und so hielt sie zwischen Groll und Weh und Sehnsucht – Abrechnung mit sich selbst. Sie beschuldigte sich des verirrten, selbstsüchtigen Wollens, an dessen Unreinheit, Verschwommenheit und Schwächlichkeit sie nun scheiterte. Gerecht und billig war, was ihr geschah, – so sagte sie sich, während sie tatenlos in ihrer Ecke zusammengesunken saß und fror und grübelte, und die Gespräche, hinter ihrer Stirn, sich endlos spannen. Sie sah ihr blasses, wie erloschenes, verweintes Gesicht im Spiegel und fand es häßlich. Sie litt unter der zunehmenden Kürze der Tage, dem Mangel an Sonne. Unmöglich schien es ihr, ihre berufliche Arbeit zu leisten und, wie sie es bisher getan, ihre kleine Wohnung in Ordnung zu halten; auch zum Mittagessen auszugehen war ihr unerträglich. Sie ertappte sich auf leisem Gemurmel: ... »der Intellekt ist ein Stück weiter als der Wille, – als die moralische Kraft, – das ist’s – – – darum ist alles verzerrt ...«

So suchte sie einen geistigen Schlüssel zu ihrem Erlebnis, weil sie nicht vermochte, es rein als Erfahrung zu bewältigen, – wie der Organismus der Einfachen, für den es geheißen hätte: darüber hinweg – oder daran zugrunde.

Mit stachelnder Selbstverhöhnung rief sie sich die Hindernisse in Erinnerung, die sie bisher überklommen hatte, – um ihren Weg zu gehen, wie sie geglaubt. Sich allen hemmenden Anklammerungen entziehen, sich herauswinden aus allem, was einen lahm legen wollte, – das war, unbewußt vielleicht, der Antrieb ihres Tuns gewesen. Nun wurde sie selbst auf diese Art erledigt. Sie hatte sich hartnäckig und energisch aus ihrer heimatlichen Umgebung losgemacht. Das Bild des einsamen Greises, der ihr Vater war, stieg vor ihr auf und erfüllte ihr geschwächtes Gewissen mit Bangen. Und der drohende Schatten war nicht allein, – die Erinnerung an Koszinsky kam dicht hinter ihm vor ihre erschreckte Seele ... Der hatte sich an sie klammern wollen, daß sie ihm helfen möge, – aber sie – sie hatte ihn fortgeschoben, – er taugte ihr nicht auf ihrem Wege. Nun war er ein Lebendigtoter.

Immer dichter drängten sich die Halluzinationen der Gewissensangst. Vergebens rief die Stimme ihrer Vernunft in das chaotische Wogen ab und zu ihr bannendes Wort: »Du hast getan, wie du mußtest und solltest!« Vergebens, – denn das auf den Tod verwundete Geschlecht hatte die Seele zum Tummelplatz gemacht für die Fiebervisionen der Buße.

Und sprach die Stimme: »Wer sonst hätte dir am Wege helfen sollen, wenn nicht du selbst? Nur indem du dich hieltest gegen alles und alle, konntest du weiter, – in die Nähe deiner wahren Pflichten,« – so stöhnte sie sich die Antwort zu: »Aber dann habe auch die Kraft, die Folgen zu tragen – ohne Reue!«

»Feige wärest du gewesen,« sagte die verteidigende Stimme, »wärest du vor dem Erlebnis, das deiner reifen Weiblichkeit gebührte, gewaltsam geflohen.«

»Feige bist du,« erhob sich die zornige Antwort, – »weil du nun, zu Tode geschwächt, zerbröckelt, gedemütigt bist, – wo du ruhiger und stärker weiter müßtest.«

Bis in die Nächte hinein drängten sich die schreckhaften Bilder. Ihre Träume bekamen eine Lebendigkeit, vor der ihr graute. Sie sah sich auf einer Wanderschaft im Wiener Wald. Hochsommer war’s, und der dichte Laubwald stand in bleierner Schwüle. Sie suchte ein entlegenes Dorf und war vom Wege abgekommen. Das charakteristische Scenarium der Wiener Waldlandschaft entrollte sich hier, zu ihrem Entsetzen. Immer neue Talmulden und Hügelketten breiteten sich vor ihr aus, so oft sie stöhnend eine Höhe überklommen hatte. Immer dichter verschlangen sich die belaubten, sich hoch oben bogenförmig ineinander verflechtenden Äste; niedriges Gestrüpp hemmte den Weg und schlug ihr ins Gesicht. Wie eine ferne Vision stieg in diesem von Hitze dampfenden Laubwald – die Vedute der märkischen Landschaft, die sie liebte, vor ihr auf. Während sie sich, keuchend, weiter rang, vom glühend heißen Sirokko umstrichen und fühlte, wie der Schweiß auf ihrem ganzen Körper immer stärker ausbrach, – dachte sie an die weiten Seen, in deren dunklem Glanz milde das Sonnenlicht spielte, dachte an die Erquickung dieser durchfeuchteten Luft im märkischen Kiefernwalde ... Sie dachte an das Haus der alten Frau Wallentin, die sie manchmal besucht hatte, an dieses Haus im Park, mit den pinienartigen Kiefern, – wie an ein ewig verlorenes Bild. Aber sie mußte weiter, durch eine von Hitze verbrannte Hecke hindurch, die sich ihr immer enger an den Leib drängte und ihr Kleid in Stücke riß ... Schweißgebadet und zitternd erwachte sie.

Bei Tage quälten sie böse Erinnerungen. Es kam ihr ins Gedächtnis, wie sie einmal, in einer Wiener Vorstadt, in einem bescheidenen Schusterladen ein Paar schöne, gute Schuhe gekauft hatte. Sie kaufte sonst nur in großen Geschäften, aber der billige Preis und die schöne Form der Schuhe lockten sie. Sie trat ein, ließ sich ihre Schuhe vom Schuster, einem alten Mann mit sanftem Gesicht, aufschnüren. Seine Augen hatten erfreut aufgeleuchtet, als die Kundin den Laden betrat. Während er ihr die neuen Schuhe probierte, wurde ihr klar, daß sie so viel, wie die Schuhe kosteten, jetzt gerade doch nicht ausgeben durfte. Sie begann, etwas vom Preis herunterzuhandeln. Es glückte ihr. Sie erhielt die Schuhe. Aber als sie ihm das Paket abnahm, sah sie, daß der alte Mann enttäuscht und niedergeschlagen aussah ...

Ohne jeden bewußten Zusammenhang erinnerte sie sich eines Bahnhofsgedränges, in das sie einmal geraten war, – und wie sie dabei, zum Waggon drängend, wie die anderen, einem Buckligen, der neben ihr stand, unbewußt die Ellbogen so fest an die verwachsene Brust gebohrt, daß jener laut aufgeschrieen hatte und ihr klagend, mit weinerlicher Stimme, zurief, er sei eben erst von einer schweren Krankheit aufgestanden ... Warum quälten sie diese Bilder der Buße? – –

 

* * *

 

Schwer und beladen, ging sie über die Straße. Sie schlich gebeugt, in ihrer alten, schwarzen Jacke, dicht an den Gittern der Vorgärten entlang. Manchmal blieb sie stehen, atmete erschöpft; sie ging, als zöge sie die Schwere der Erde nieder. Sie fuhr in die Stadt, um da Besorgungen zu erledigen. Als eine Wüste an Verlassenheit erschien ihr auf einmal das große Berlin, dessen Gleichgültigkeit sie zuerst so deckend und schirmend empfunden. Und was ihr an den Menschen, mit denen sie hier zu tun hatte, früher als beruhigende Sachlichkeit wohlgetan, empfand sie jetzt als Mangel an Wärme und an lebhaftem Gefühl. Und diese Restaurants, – wie hatten sie ihr nur anfangs gefallen können? Sie wich den weiten Speisesälen mit den Plüschmöbeln aus und trat gegen Nachmittag, als es schon zu dämmern begann, in das kleine, schlecht ventilierte Lokal eines vegetarischen Speisehauses, das in einer breiten, vom Verkehr überfüllten Geschäftsstraße des alten Westens lag. Die Luft war hier muffig und dumpf, und es roch nach fetten Gemüsen. Außer ihr waren nur noch wenige Leute hier, einsam an ihren Tischen, wie sie. Ein altes, verwelktes Mädchen saß da, das schäbige Hütchen nach Männerart tief in die Stirn gedrückt, auf der kein Löckchen sich kräuselte, – wohl eine Lehrerin, da sie einen Stoß Hefte neben sich hatte; dann eine alte Dame in Schwarz, die ganz vertieft war in die Lektüre eines theosophischen Blättchens, das hier aushing, und ein dürftig gekleideter junger Mensch, anscheinend ein Student, der eine Portion Gemüse mit Heißhunger verschlang und einen ganzen Korb voll Brot dazu aß.

Die Lampe wurde schon angesteckt, als sie ihr Gericht erhielt. Sie aß und griff dann müde nach einer Zeitung, die neben ihr auf dem Stuhle lag. Das Feuilleton feierte einen Gedenktag, der dem amerikanischen Apostel, dem Dichter Walt Whitman galt. Sie las, worüber er geschrieben, und sie fand auch den Satz: »So du hundert Meter gehest ohne Liebe, gehst du in deinem eigenen Sterbehemd, zu deinem eigenen Begräbnis.«

Da erschrak sie, – und das Blatt entglitt ihren erkalteten Fingern. – – –

 

* * *

 

Eine Schreckensbotschaft rüttelte sie auf. Sie kam aus Wien, von Eva. Im Hause von Gustav Diamant, dem Professor und Krebsforscher, bereitete sich eine Katastrophe vor. Professor Diamant war nicht nur in bezug auf die Frühdiagnose und die Behandlung des Krebses zu neuen Methoden gelangt, sondern er trat auch als Verfechter der sogenannten parasitären Theorie auf. Er behauptete, im Widerspruch zu der großen Mehrheit seiner Kollegen, daß das Karzinom durch einen Parasiten hervorgebracht werde. Seit Jahren machte er Tierexperimente. Es war ihm gelungen, Krebsgeschwülste von einem Tier auf das andere, besonders bei Mäusen, zu übertragen. Die meisten Forscher betrachteten aber auch diesen Vorgang nicht als Infektion, sondern als Fortzüchtung, Transplantation. Das schlimmste aber war nicht die wissenschaftliche Ablehnung seiner Hypothese, – sondern die furchtbare Tatsache, daß er, Gustav, sich selbst krank fühlte, – und den Verdacht eines Krebsleidens an sich selbst ausgesprochen hatte. »Er behauptet,« schrieb Eva, »mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen zu müssen, daß schmerzhafte Druckzustände im Kopf Symptome des schrecklichen Leidens wären und sieht in sich selbst ein Opfer seiner Untersuchungen und einen Beweis für seine Theorie. Er nimmt mit Bestimmtheit an, sich die Krankheit durch Infektion zugezogen zu haben.« Und sie schilderte die ergreifende Tragik seiner Haltung, berichtete, wie der Mann, der sich für todgeweiht hielt, sein Schicksal heroisch trug, in der Hoffnung, daß sein eigener »Fall«, wie er es kaltblütig nannte, das entscheidende Licht in die noch ungelöste Frage bringen und die Wissenschaft überzeugen werde. »Ich habe den Eindruck,« schrieb Eva, – »daß Gustav unter dem Bann eines Gedankens, der sich seiner mehr und mehr bemächtigt, sich zu einer furchtbaren Opferung vorbereitet. Er meint, – es überlief mich kalt, als er davon sprach, – daß gerade in dem Stadium, in dem die Krankheit, seiner Diagnose nach, sich bei ihm befindet, – die mikroskopische Untersuchung von Geschwulstteilen die volle Klarheit geben müsse. Er bedauerte«, schrieb sie, – »in seiner gewohnten kühlen, trockenen Art, daß der Sitz des Leidens nicht in der Bauchhöhle oder in der Niere sei, – denn diese könne man freilegen, und den Patienten dennoch retten, – sondern im Gehirn ...«

Ein Schauer kroch unter Olgas Haar und hob es hoch. Sie stürzte ans Telephon, sie wollte Stanislaus rufen. Aber wie sollte sie das, da er telephonisch nicht erreichbar war? Sofort mußte es geschehen, denn einer von ihnen mußte nach Wien. Sie entschloß sich, Werner anzurufen. Sie vergaß es in diesem Augenblick, vergaß es vollständig, wie sie zu ihm stand. Jetzt war er ihr nur der nächste, der Stanislaus, in dessen Nähe er wohnte, schnell holen konnte.

Sie rief ihn an, in seinem Verlagsbureau. Als er ihre Stimme erkannte und sie sich nannte, antwortete er mit fremdem, eisigem Ton, durch den Furcht und Abwehr durchklangen. Aber als er ihre Gleichgültigkeit für ihn selbst aus dem Gespräch erfuhr, – in dem sie ihm kurz mitteilte, was man ihr aus Wien geschrieben und ihn bat, Stanislaus sofort aufzusuchen und zu ihr zu senden, – da wurde seine Stimme voll und warm, und er sprach zu ihr mit innerster Teilnahme, wie einer, der ihr ein Freund war.

In einer Viertelstunde rief er sie an. Er berichtete, er sei soeben in Stanislaus’ Wohnung gewesen, aber er habe ihn nicht gefunden. Die Wirtin hatte ihm gesagt, Stanislaus hätte vor etwa einer halben Stunde ein Telegramm erhalten und sei fortgestürzt, zu seiner Schwester. Ob er selbst nicht kommen solle?

Sie wußte genug. Sie bat ihn, nicht zu kommen. Kaum hatte sie den Hörer angehängt, als es klingelte. Stanislaus trat ein, mit verstörtem Gesicht, das zerknitterte Telegramm in der Hand:

gustav hat sich erschossen steht mir bei edda

 

* * *

 

In jenen schweren, schmerzlichen Tagen, die nun folgten, erblaßte ihr eigenes Weh. Das, was sie erlebt, – es hatte ja nicht die letzte, die hoffnungslose Nacht über sie gesenkt, die dort über einen gekommen war. Das Grauen vor dem Selbstmord griff an ihr Herz, – und alles in ihr lehnte sich auf gegen diese Tat, die die letzten Ziele selbst setzte, die das dunkle Tor, das zu seiner Zeit sich dem Wanderer ladend erschließt, gewaltsam aufstieß ... Nur einen Grund gab es für solches Tun: hoffnungsloses Siechtum. Aber war das wirklich Diamants Schicksal gewesen? Hatte er selbst sich für unheilbar gehalten, oder, – sie wagte nicht, es auszudenken, – hatte er an mögliche Heilung geglaubt, er, der so manchen von demselben Leiden geheilt, – und trotzdem die Tat getan, – – die Geschwulst in seinem Gehirn darzubieten, – als Triumph für seine Theorie? ... Aber über dieser vernichtenden Frage lagerte das Schweigen. Ob er sich für heilbar oder unheilbar gehalten, verlautete nie. Er hatte keine Zeile darüber hinterlassen, kein Wort mit jemandem darüber gesprochen. Hier war sein Geheimnis.

Stanislaus war nach Wien gereist. Olga kam nicht mit, denn sie fühlte sich jetzt arm an Kraft, sie hatte nichts zu geben. Bangen Gemüts erwartete sie seine Rückkehr. – Sie war ruhiger geworden in diesen Tagen. Ihr eignes Leid hob nicht mehr so sehr seine düstere Gestalt vom hellen Tage ab, – denn noch Dunkleres hatte sich darum gelagert.

Und sie glaubte, überwunden zu haben.

Aber als eines morgens Werner sie zum Telephon rief und sie drängend um eine Unterredung bat, – da merkte sie, daß die dumpfe Stille, die sich über den Aufruhr gelegt, noch nicht dicht und tief genug war. Sie fühlte, als sie seine bittende und warme Stimme hörte, wie erst ein erstarrender und dann ein glühender Hauch ihren Körper überflog, wie das Herz stillstand und der Puls sank, wie das Blut, dumpf aufrauschend, an ihre Stirne schlug. Das »Du«, mit dem er sie ansprach, beleidigte sie, und sie hätte es am liebsten zornig zurückgewiesen. Und während sie seine Bitte ablehnte, fühlte sie, daß sie log, – daß sie selbst ihn sehen und sprechen wollte.

Da sie sich nicht nachgab, so schrieb er ihr:

»In einer großen Not nach Ausdruck hat der Mensch die Sprache erfunden. Entsetzen faßt einem manchesmal darüber, wie hilf- und machtlos dieses Symbol ist. Wie alle Worte und Begriffe versagen, um Gefühle zu klären und wie, wie wir sehen, keinerlei Klärung, Aufklärung, Erklärung durch Worte etwas erzielt, – die nicht durch übereinstimmende Gefühle gegeben ist. Fast könnte es scheinen, als vermöchte dieses Symbol, die Sprache, nichts, als vorhandene Ahnung zu klären, Gleiches Gleichem zu nähern, Ungleiches noch weiter zu trennen ... Und doch muß man trachten, voneinander zu erfahren, – was es auch sei. Erfahren – das ist das höchste erreichbare Ziel, damit sich finde und stärke, was seiner Wesenheit nach zusammengehört.

Unser wesentlich Letztes, Olga, gehört zusammen. Fürchte nicht, daß ich zur Umkehr locke, daß ich zurückbiegen will, was auseinander kam. Ich würde Dich nicht kennen, wenn ich solches versuchte, oder ich würde Dich wissentlich betrügen. Nein, ich sage Dir, wie ich in jenem ersten Briefe sagte: dies wird kein Liebesbrief. Aber schrieb ich Dir damals nicht auch, – verlasse mich nicht, was immer geschehen mag, auch dann nicht, wenn ich eines Tages schuldig werde an Dir? – – –

Und so komme ich jetzt, ein Schuldiger und doch noch Fordernder, – von dem zu holen, was ich Dich bat, mir ewig zu wahren. Keine und keinen wüßte ich, dem ich dieses Unversiegliche so vertrauen wollte, wie Dir. Nun, da wir geschieden sind, nun weiß ich genau, was das Unvergängliche ist zwischen uns. Und ich kann nicht eher ruhig werden, bevor nicht auch Du friedlichen Herzens bist und erkennst, daß unser vermeintliches Irren doch eine volle Frucht trug, – daß uns also doch eine uns verborgene Wahrheit führte. Denn die Früchte des Irrtums sind leer und taub. Das aber, was wir nun heimsen sollen, ist echte und edle Nahrung. Laß mich kommen, damit ich nicht Worte hier aufbauen muß, damit wir uns verstehen durch unsere Nähe, – nun, da wir aus einer Gasse, die nicht ins Freie führte, zurückgefunden haben auf den Weg.«

Sie lachte schmerzlich auf, da sie gelesen hatte; ... und sie konnte nicht verhindern, daß die Tränen wieder heiß aus ihren Augen stürzten ... Er hatte ihr reifes Weibtum begehrt, – und hatte es erhalten. Nun wollte er – wie sagte man doch – ihre »Freundschaft!«

Noch einen Tag lang bäumte sich ihr beleidigtes Geschlecht. Dann war sie ergeben. Mochte denn auch dies noch getan werden.

 

* * *

 

So saßen sie sich denn gegenüber und sie sah, wie schwer er nach Worten suchte. Er war bleicher und schmäler geworden, der sanfte Glanz war nicht mehr in seinen Augen, aber in der Tiefe seines Blickes brannte eine Flamme, die sie bisher nicht gekannt.

Er sagte ihr, daß ihm sein Gewissen ihr gegenüber keine Ruhe ließe.

Sie hatte sich vorgenommen, sich in strenger Zucht zu halten, ihm weder beleidigt noch gebrochen, weder scharf und bitter, noch etwa klagend zu begegnen. Mit starkem Geiste mußte hier gelöst und gehoben werden.

Und so fragte sie, warum er denn ein böses Gewissen habe. Was geschehen sei, war notwendig und darum gut.

Er lächelte wehmütig: »Weißt du nicht, daß ich zu denen gehöre, die auch, wenn sie das Richtige und Notwendige tun, – oder erleiden, – nicht ruhig sind? Immer quält sie der Gedanke: vielleicht hätte es doch auch anders getan – oder erlitten – werden müssen.«

»Es ist gefährlich und unfruchtbar, seinem Ich auf diese Art nachzuspüren. Was geschieht, ist darin beschlossen. Wir entrinnen uns selbst doch nicht.«

»Aber man weiß so wenig von diesem Ich, in dem alles beschlossen ist, wie du mit Wahrheit sagst. Und das ist das Schaurige daran. Denn was ich von mir weiß, das bin nicht Ich, – mein Ich, jenes, das mein Schicksal macht,« – ein hilfloses Lächeln glitt über sein Gesicht, – »ist dort, wohin ich nicht ausblicken kann. Und diese vergebliche Suche ist’s, an der man sich verbraucht.«

Er atmete tief, und sein Kopf sank. In diesem Augenblick empfand sie, daß er weinte, wenn auch keine Träne in sein Auge kam. Sie wußte nun, daß er in schweren Banden war.

»Erzähle«, sagte sie.

Und er erzählte. Es kam aus ihm heraus, ohne jeden Rückhalt. Er sprach vom Tode seiner Liebe zu ihr, als spräche er zu einer dritten Person, die das alles nicht betraf. Mit jener naiven Grausamkeit dessen, der übervoll ist von sich und seinem beständigen Kampf, berichtete, klagte er, – warb er um Trost.

Draußen lagerte sich die Nacht in die Nebel. Wie eine Decke fiel der Schnee über sie, weich, dicht und feucht. Die Finsternis drang immer tiefer in den Raum, in dem die beiden saßen, und verhüllte ihnen ihre Gestalten. Olga entzündete ein Lämpchen auf dem Schreibtisch, das sein Licht unter grünem Schirm sammelte und es schwach in jene Ecke entließ.

Er sprach von der plötzlichen Wandlung seines Herzens. Eines Morgens wachte er auf – und liebte nicht mehr. Es war »abgerissen«, – so nannte er es. Er begriff nicht, warum, und litt darunter. Dieses Magische kam über ihn, und alles war aus. Da trat in dieser Dämmerung seiner Seele, strahlend hell, jene andere Frau. Und er sprach von seiner Leidenschaft, – er schilderte, wie sie jedes andere Gefühl in ihm übertäubte. Nur der Gedanke wuchs und wuchs in ihm, diese Liebe zu erfüllen. Er berichtete auch von seiner Hoffnung. Er glaubte, daß er nicht unerwidert liebe.

Scharf und grell, wie eine moderne Lichtmaschine, die Überhelle verbreitet, so leuchtete er hinein in das Chaos seiner Gefühle. Ein einziges Mal unterbrach ihn Olga. Sie fragte ihn, ob er seiner Gefühle diesmal denn so sicher sei, ob er nicht glaube, sich zu täuschen. Da sagte er ihr, – er hätte nur einen Wunsch: sich zu binden mit allen Fesseln. Er wollte kein »Freier« mehr sein. Er wünschte, daß sein Wille ewig so gebunden bliebe, wie jetzt.

Sie fragte ihn, ob er dann an Ehe dächte, und er sagte, daß es seiner Wünsche höchstes Ziel wäre, die geliebte Frau frei zu wissen von den sie jetzt fesselnden Banden und sich ihr zu verschreiben auf Leben und Tod. Da rüttelte der Gram an ihrem Herzen und ließ sie erschauern, und Scham überflammte sie, weil er solches von ihr niemals begehrt hatte.

Und dann sprach er davon, daß die Frauen die Größeren und Stärkeren wären. Und als sie wehmütig den Kopf schüttelte, da faßte er ihre Hand und sah ihr ins Auge: »Nie bist du mir so groß erschienen, – nie so weit die Grenzen deiner Persönlichkeit, – als eben jetzt, – heute.« – – Und er fuhr fort: »Glaube mir, wenn ich dir sage, daß wir zusammen bleiben müssen, – auch weiterhin.«

Sie senkte den Kopf. »Und wenn es keine Freude für mich ist?«

»Du kannst es jetzt noch nicht als Freude empfinden; aber ich glaube, daß es gar nicht von deinem freien Willen abhängt, ob wir verbunden bleiben oder nicht. Für Menschen unserer Art ist es bezeichnend, – daß sie immer wieder zusammentreffen. Die Leidenschaft kann da eine kurze Unterbrechung bringen. Dann zieht sich der betroffene Teil für eine Weile schmerzlich zurück ... Aber der Kreis, der Menschen unserer Art verbindet, schließt sich immer wieder, – trotz aller Kreuz- und Quersprünge darin. Glaube mir das!«

Einen Augenblick meinte sie den Boden unter den Füßen zu verlieren. Sie hob die Hand an die Augen, und über ihre Lippen stahl sich flüsternd das Wort: »Einsam, einsam«. Und dieses Wort durchflog die Wälle seiner Selbstsucht und schlug da eine schwere Bresche.

Scheu erfaßte er ihre Hand: »Das ist jetzt dein Los. – Gehe nur weiter, – immer weiter!«

 

In der Nacht, die diesem Gespräch folgte, kam das Bewußtsein ihrer Verlassenheit wieder aus der Tiefe herauf. Riesenhaft, schwer, kalt und hart wie Erz, fahl wie der Tod, – so stand es über ihr. Jammer durchfraß ihr Inneres, und eine schwählende Begier kam über sie, – eine Begier, hinaus auf die Gasse zu laufen und sich dem ersten Besten in die Arme zu werfen. Plötzlich hatte sie die Vision der nächtlichen Friedrichstraße, – sie sah sie, wie sie den Tag vortäuschte, mit ihrem Menschengewühl, im Lichte der Bogenlampen. Und diese Vision genügte, um sie vor Ekel frieren und zittern zu machen. Aber – verzehrend, versengend, – jagte es sie aus dem Bett.

Mitten im Zimmer stand sie. Im großen Spiegel sah sie sich selbst, im Mondlicht irrend, als weißen gespenstigen Schatten. Das Bett in der Ecke leuchtete herüber; die Decke hatte sie mit zu Boden gerissen, als sie heraussprang, und so sah sie das weiße Laken fest ausgespannt, und es schien ihr starr, wie ein Bahrtuch und das ganze Lager wie ein Totenbett. Endlich legte sie sich auf den Divan nieder; noch grübelnd, verfiel sie in Halbschlaf. Sie sah sich auf der Erde kauern, vor einer schwarzen, verhüllten Gestalt, und jeden Augenblick erwartete sie, getreten zu werden. Und sie spürte die Furcht und die Erniedrigung im Traum. – Wie gelähmt, vermochte sie am anderen Morgen nicht den Tag zu beginnen und suchte ihr Bett auf.

Nein, sie hatte sich getäuscht, sie kam darüber nicht weg. Verlassen und einsam – für ewig ... Und sie war keine von den Frauen, die, mit trockenen Lippen, still und allein durchs Leben gingen und irgendeiner fremden Sache fleißig und nüchtern dienten, mit kühlem Kopf und selbstlos resigniertem Gemüt. Nein, so war sie nicht. Sie – sie war eine Fordernde, eine Begehrende; und gerade darum war sie gezüchtigt worden ... Sie lehnte sich auf, sie stöhnte unter ihrem Geschick. Geistig lösen und heben –, das hatte sie noch gestern gewollt. Und heute, da sie sich hier, bei hellem Tag, ohne krank zu sein, ohne Schlaf zu suchen, auf ihrem Lager hin und her warf, – wie stand es heute mit ihrer Macht, geistig zu lösen und zu heben? Überrädert war sie. Wie konnte sie je wieder aufstehen, heil, mit gesunden, regen Gliedern?

Und dabei war sie sich doch klar geworden, daß Werner für sie nicht der war, der die letzten Bande ihres Wesens gelöst hatte. Er war es nicht – und doch verzweifelte sie, da sie ihn verlor, – denn die Verlassenheit öffnete sich vor ihr, wie ein dunkler Abgrund, gespenstisch und unentrinnbar, wie das Grab. – – –

Am selben Tag kam Stanislaus zurück. Er war erstaunt und besorgt, als sie ihm erst nach zweimaligem Läuten, in eine Decke gewickelt, mit hängendem Haar, öffnete, und als er sah, daß sie aus dem Bett kam.

»Es ist nichts«, sagte sie und kleidete sich hastig an, während er in ihrem Arbeitszimmer wartete. Auch der staubbedeckte Schreibtisch mit den unberührten Papieren, den uneröffneten, dicken Manuskriptbriefen, den ungelesen aufgehäuften Zeitschriften, sagte ihm mehr als genug. Er beschloß, diesmal nicht zurückzuweichen und mutig an die Wunde zu rühren.

Sie kam herein, und ungeduldig und angstvoll fragte sie ihn, wie die Dinge in Wien ständen.

Er berichtete, daß gestern Gustavs Begräbnis war.

Und er erzählte von der Panik, die er da angetroffen hatte. Mit dem Tode Gustavs war Eddas ganze Existenz zusammengestürzt.

»Vermögen hat der Professor, wie du weißt, nie gehabt. Was er verdiente – und darüber hinaus, – wurde verbraucht. Versichert war er nicht. Die einzige Geldquelle war seine tägliche Arbeit. Alles, was die Ordination, die Visiten, die Kollegien und die glänzend bezahlten Operationen einbrachten, – das alles mußte hineingeschüttet werden in den Rachen, der alles verschlang: den Hausbrauch.«

»Aber Eddas Vermögen?«

»Ja, – hier liegt der Hase im Pfeffer. Damit hat der arme Gustav auch gerechnet. In seinem Testament bittet er sie um Verzeihung, daß er ihr den Ernährer nehme ... er empfiehlt ihr, von den Zinsen ihres bei ihrem Bruder angelegten Vermögens bescheiden zu leben, – bis sie in anderer, besserer Obhut sei, als die seine war.«

»Nun – und?«

»Ja – die Sache liegt so: der Bruder Vinzenz scheint bedenklich zu wackeln. Er hat die Zinsen, die Edda immer persönlich einkassierte, schon in letzter Zeit sehr unregelmäßig bezahlt; Gustav wußte nichts davon. Sie verlangte nun jetzt, er solle ihr das Vermögen herauszahlen, – und das kann oder will er nicht.«

»Wie soll das nun werden mit ihr?«

»Ich habe ihr geraten, vor allem dem Moloch ihres Haushalts keine weiteren Opfer zu bringen. Verkaufen, auflösen, einschränken.«

»Und dann?«

»Dann – muß sie einen Erwerb suchen. Und da für sie Arbeit zu finden in Wien besonders schwer sein dürfte, so soll sie nach Berlin kommen. Hier wird sich schon etwas Passendes für sie bieten.«

»Sie kann zeichnen,« sagte Olga bekräftigend, – »sehr gut und sehr originell Moden zeichnen, aber –« forschend wandte sie sich dem Bruder zu, – »du erzählst mir diese Geldgeschichten, die zwar wichtig für Edda sind, – indessen« – –

»Ich kann mir wohl denken, was du sonst noch erfahren willst; ... was ich da zu berichten habe, – ist so schwer zu fassen, daß ich kaum weiß, wie ich es schildern soll.«

Eine Weile blieben sie stumm, dann fragte Olga mit leiser Stimme:

»Was sagt man über Gustavs Tod?«

»Das Motiv ist ja allbekannt, – – – aber – du willst wissen, – wie nun die Wissenschaft Stellung nimmt zu – zu seiner Krankheit?«

Sie nickte stumm.

»Man hat ihn seziert«, berichtete Stanislaus; seine Stimme wurde plötzlich flüsternd und hob doch jedes Wort scharf heraus.

»Natürlich,« sagte sie, – »und man hat gefunden, daß er recht hatte? Man hat das Karzinom untersucht, – vielleicht sogar den Parasiten gefunden?«

Eine lange Pause folgte diesen Fragen ...

»Man hat – sein Gehirn – – untersucht,« – Stanilaus stockte.

»Nun – und?«

»Und hat gefunden, – daß es ein Irrtum war.«

»Ein Irrtum – seine Theorie? Nun, darüber werden seine Kollegen wohl noch lange weiter streiten, das dachte ich mir. Also an seinem eigenen Karzinom war auch nicht mehr zu erkennen, als an anderen Krebsgeschwülsten?«

»Es ist noch anders, als du glaubst, – aber –« er sah sie fest an – »das ist ein Geheimnis, hörst Du?«

»Was für ein Geheimnis, was meinst du?« fragte sie.

Stanislaus schwieg, als sammle er sich für das, was er zu berichten hatte; ... endlich sagte er: »Sein Famulus – wie heißt er doch?«

»Du meinst den Pankratius – Pankratius Kaff?«

»Ja den ... also der hat mit einem anderen Arzt, – einem Freund und Kollegen von Gustav, einem Professor, der in dem ganzen Kampf auf Gustavs Seite war, – die Sektion vorgenommen, und sie haben gefunden,« – seine Stimme formte die Worte mit spitzer Eindringlichkeit, – »sie haben gefunden – daß – daß überhaupt kein Karzinom und auch kein Tumor da war – – –.«

In erstarrendem Schweigen saßen beide.

»Wie ist das zu verstehen?« sagte sie endlich. »Das ist nicht anders zu verstehen, als daß Gustav, der doch ein tüchtiger Arzt war, der als hervorragender Diagnostiker sich wiederholt bewährt hat, – sich in seinem eigenen Fall so tief verirrt hat, daß man nicht mehr weiß, ob man diesen Irrtum nicht als fixe Idee bezeichnen soll.«

»Kein Karzinom, – kein Tumor, – überhaupt keine Geschwulst –« flüsterte Olga, – »was sonst?« »Nichts – nichts ... ein etwas blutarmes Gehirn, – eine nicht bedeutende Degeneration des Nervensystems, konstitutioneller Art, – wie mir gesagt wurde; es hat sich um ein Druckgefühl im Kopf bei ihm gehandelt, um Schwindelzustände; und nicht eine Geschwulst war die Ursache, – sondern Nervosität, – Erschöpfung, hervorgerufen durch Überarbeitung. Es soll das richtige ›Ringgefühl‹ gewesen sein, an dem er litt, das manche Neurastheniker auch um den Leib herum spüren; andere wieder im Kopf; zu denen gehörte er; ... vier Wochen völliger Rast und guter Erholung, und die Symptome, die er – verkannte, – wären fort gewesen.«

In langem Schweigen verblieben beide. Nach einer Weile nahm Stanislaus das Abendblatt vom vergangenen Tag, das unberührt auf den anderen Zeitungen lag, zur Hand.

»Im Abendblatt von gestern, da muß vom Begräbnis berichtet sein.«

Und kaum hatte er das Blatt entfaltet, so fand er die gesuchte Nachricht unter den Telegrammen.

»... Der Selbstmord des verdienstvollen Forschers hat schmerzliches Aufsehen erregt. Am offenen Grabe sprach, außer den ersten Kapazitäten der Wiener Fakultät, auch Professor Vacheron vom Institut Pasteur in Paris, neben anderen ausländischen Kollegen des Verstorbenen. Unter allgemeiner Spannung, –« so lautete das Telegramm des Wiener Korrespondenten, »trat dann auch Professor Petersen vom Krebsinstitut in Kopenhagen an das offne Grab und feierte den zu früh Verstorbenen als den Begründer der experimentellen Krebsforschung. Die Witwe, deren Schönheit viel bemerkt wurde, stammt aus hochangesehener Wiener Fabrikantenfamilie. Sie lebte mit dem großen Gelehrten in glücklichster Ehe und brach unter dem unerwarteten Unglück beinahe zusammen. Beileidsdepeschen aus allen Teilen der zivilisierten Welt trafen im Trauerhause ein. Die amerikanische Kolonie, unter der der verstorbene Forscher zahlreiche Schüler besaß, hatte eine Deputation zum Begräbnis entsandt.«

Olga unterbrach sein Vorlesen: »War Mr. Macpherson auch unter der amerikanischen Deputation?«

»Du meinst den Amerikaner, der damals abends mit im Champagnerkeller war?«

»Ja, den langen Amerikaner, Mr. Macpherson, den der Kaff in Wien herumführte.«

»Von Mr. Macpherson war die Rede; aber er war nicht beim Begräbnis, er ist längst wieder in Amerika.«

»Sage doch,« fuhr Olga nachdenklich fort, »wie ist das möglich, – daß man hier den Toten so feiert als Begründer der Krebsforschung, – da doch – –« sie stockte.

»Der war er,« sagte Stanislaus, er hat die hervorragendsten Tierexperimente gemacht, die ganz Neues brachten. Hier steht es ja, – höre weiter, was Professor Petersen sprach:

»Ihm ist es nach rastloser, theoretisch-hypothetischer Forschung als erstem gelungen, aktiv und passiv Mäuse zu immunisieren und zu heilen, und ich habe auf seiner Klinik auch bei Menschen Erfolge gesehen, die, – neben manchen Versagern – nur durch die ungewöhnlich sichere und frühe Diagnose erzielt werden konnten.«

Stanislaus ließ das Blatt sinken.

»Neben manchen Versagern«, flüsterte Olga ... »Weiß man denn – das Resultat – der Sektion?«

»Das soll Geheimnis bleiben«, erwiderte Stanislaus und sah sie ernsthaft an. – – –

 

Der Bruder blieb zum Abendessen bei ihr. Sie holte aus ihrer kleinen Speisekammer Wurst, Brot und Butter und kochte Tee. Er bewunderte, wie immer, ihr hübsches Junggesellinnenheim, wie er es nannte, und ließ ihr trauriges Kopfschütteln unbeachtet.

»Hast du Frau Lore, – ich meine Fräulein Wigolski, – nicht gesehen?«

Sie gab zu, in den letzten Tagen nicht gearbeitet zu haben und auch sonst mit Lore nicht zusammen

gekommen zu sein.

»An Lore hättest du dich aber halten müssen in dieser Zeit,« sagte er, »nur an sie; sie wäre dir zur Seite gestanden.«

Als sie sah, daß er so unvermittelt an ihr Erlebnis rührte, ging sie darauf ein, es so mit ihm zu besprechen, als hätte sie sich ihm längst anvertraut.

Er meinte, Werners Gefühlsumschwung überrasche ihn nicht; er sei einer, der von Weib zu Weib müsse, und zwar nach ähnlichen Gesetzen, wie jene es waren, die Hegel geformt: so, daß immer These und Antithese aufeinander folgten. Nur die gegensätzlichsten Typen würden ihn anziehen, und so würde er zwischen den Extremen seiner eigenen Begier hin und her schwanken. Aber warum sollte sie sich von dieser wilden Beweglichkeit seiner Natur aus den Angeln heben lassen? Warum die natürliche Schwerkraft ihres eigenen Wesens ins Unrecht setzen?

Seine Ratschläge wiesen sie auf völlige Lösung. Neuen Büchern, neuen Menschen, neuen Hoffnungen sollte sie sich eröffnen und, da der Verkehr mit einfachen, starken und organisch weisen Naturen das Heilsamste in solchen Kämpfen, wie in jeder Lebenslage sei, so hätte er gedacht, daß sie sich Loren anvertrauen würde. Er wenigstens empfange im Verkehr mit solchen Menschen etwas wie Ahnungen seiner eigenen Kraft und wie die Hoffnung eines endlichen Einklangs aller Strömungen des Willens und des Intellektes. »Nur ein Mensch, der solche Gefühle in uns löst,« sagte er mit Nachdruck, »ist unser echter Gesellschafter. Werner aber hat das Gegenteil an dir getan,« fuhr er fort; »er hat von Anfang an deine Kräfte nicht nur nicht gelöst, sondern im Gegenteil gehemmt, ins Stocken gebracht, angezweifelt und damit paralysiert. Dieses Panikhafte des Entwurzelten, das sein eigenes Geschick ist, hat er auch über dich gebracht.«

Es schien ihr, als ob Stanislaus mit diesem Worte eine Schuld auf Werner wälzen wollte, und unabweislich kam das Gefühl über sie, ihn vor dem Bruder zu verteidigen, sich selbst zu beschuldigen. Und sie breitete die Ergebnisse der zerfleischenden Selbstverwühlung ihrer letzten Tage vor ihm aus. Sie schilderte, wie sie den Boden unter den Füßen verloren, und sprach von den Qualen ihrer Tage und Nächte, aber nur, um ihre eigene Haltlosigkeit daran zu schildern; sie erzählte von der schwarzen Angst, in der sie sich verloren hatte.

Nachdenklich erwiderte er, ob sie denn dieses Erlebnis für einen Zufall halte, und, ohne ihre Antwort abzuwarten, sprach er davon, daß auch in diesem erschütternden Auf und Nieder der menschlichen Gefühle ein periodisches Gesetz vorwalte. »In Abständen, deren Spatien seit Urzeiten festgelegt sind, – sowie die Perioden, in denen sich Jahr und Tag, Werden und Vergehen, Blühen und Welken abspielen, – in solchen Spatien, deren Höhepunkte miteinander im Zusammenhang stehen wie die höchsten Flächen kommunizierender Gefäße, erneuern sich Hoffnung und Entsagung, Verzweiflung und Lebenskraft. Alles kommt und geht in Takt und Rhythmus, und was du für Unordnung und Chaos hältst, ist nur der Auftakt zu neuer Einheitlichkeit. Darum, wenn wir dieses wissen, kann es nicht allzu schwer sein, aus der Verschüttung sich selbst wieder zu erheben.« Und nachdenklich flocht er in seine Rede die ewigen Zeilen: »Denn so lang du das nicht hast, – Dieses Stirb und Werde, – Bist du nur ein trüber Gast, – Auf der dunklen Erde.«

Aufmerksam, hingebend hatte sie gehorcht. Es schien ihr, als hätte sie ihn niemals besser überblickt, als wäre sie bislang vor ihm gestanden wie vor dem Gestrüpp eines Baumes, den man, auf seinen Wurzeln stehend, nicht in seiner Form erkennen kann. Nun aber hatte sie erhöhten Grund unter den Füßen, und sie sah den Baum, ein wenig von der Höhe, ein wenig von der Weite; sie sah, wie rund und voll seine Krone war, wie geschlossen und dennoch frei sein Geäste, sie sah das frische, dichte Blattwerk, das ihr von unten nur wie Gestrüpp erschienen war, glänzend und wohlgereiht an den Zweigen, und sie sah die Knospen, die aus dem Holze hervordrängten und Früchte versprachen.

»Ich glaube, ich habe dich verstanden«, sagte sie mit leiser, aber fester Stimme. »Nur so lange, meinst du, können wir uns empören, uns aufbäumen und verzweifeln, als wir glauben, Zufälligem ausgeliefert zu sein, von irgendeinem unberechenbaren, feindlichen Willen niedergetreten zu werden. Sobald wir aber, – so meinst du doch wohl, – die logische Notwendigkeit unseres Erlebens begreifen, dann müssen wir es als ein Verdientes und Gerechtes empfinden.« Fragend sah sie ihn an.

Er nickte ihr zu. »So ist es.«

»Aber du hast eines vergessen«, sagte sie.

»Und das wäre?«

»Das ist jene Ergebung, zu der zu gelangen eines gehört, was über aller Vernunft und aller Logik steht, – und«, sie zögerte einen Augenblick, »was mir fehlt.«

Er blickte sie fragend an und wartete darauf, daß sie ihr Bekenntnis vollende. Sie fuhr fort:

»Ich habe oft darüber nachgedacht, was wohl das Wort des Evangeliums bedeuten mag: ›So dir jemand einen Streich auf die linke Backe gibt, reiche ihm auch die andere dar.‹ Und ich weiß, daß dieses Wort nur der verstehen kann, der das eine hat, was zu jeder Ergebung gehört: die Demut, – die mir fehlt.«

»Du irrst,« fiel er ihr ins Wort, »auch der Sinn dieses Spruches ist logisch erschließbar, und selbst die Gnade der Demut kann über ein Herz kommen, das die Dinge restlos vernünftig anschaut.«

»Und wie willst du diesen Spruch mit Vernunft erschließen?«

Er schob die geleerte Teetasse zurück und sah sie voll an.

»Der logische Sinn ist so augenfällig, daß ich darüber staune, daß er es für dich nicht ist. Die Mahnung kann natürlich nichts anderes bedeuten, – als: laß es nicht als Übel gelten, was jener tut, – denn«, er suchte nach Ausdruck, – »denn – der Augenblick tut das mit ihm, – sein unsterblich Teil ist nicht dabei. Dieses Unsterbliche aber«, seine Stimme hob sich energisch, »dieses sollst du schauen. Und zum Zeichen, daß du sein Ewiges nicht vergessen hast, – trotzdem er selbst es verleugnet, – so hebe seine eigene Tat auf – und«, seine Stimme war stark und streng geworden, »reiche ihm auch die andere Wange dar. Damit sprichst du zum Schicksal: wie es ist, ist es gut.« Überzeugt sah er sie an.

Einen Augenblick hatte Olga die Empfindung, als wäre sie bei dieser seltsamen Zwiesprache mit dem Bruder von unsichtbaren Händen erfaßt und gerüttelt worden. Wie gelähmt war das lebendigste Organ ihrer Seele, – ihre Vernunft, – in ihr gelegen, und in wuchernder Wildnis war das Zaubergeranke der Triebwelt immer dichter darüber gewachsen. Der Bruder aber hatte sie gefaßt und hatte sie gerüttelt, – wie man einen Menschen rüttelt, der eben ertrinken wollte und den man aus dem Wasser rettete ... Sie hatte zutiefst begriffen, was er ihr, in knappen Andeutungen, gegeben. Sie verstand auf einmal, – daß Resignation und Demut wohl Erscheinungen der Gnade sind, aber keiner überirdischen Gnade. Sie verstand, daß es Begnadung der höchsten Vernunft war, zu sagen: wie es ist, ist es gut ... Aus der neuen Bewegung, die endlich die Erstarrung in ihr gelöst hatte, hob sich, mit junger Kraft, der Antrieb, der einzig das Leben erhält: das Vertrauen zu dem eigenen Schicksal, die Überzeugung, daß es nach logischen Gesetzen abgelebt wird, daß der Sinn der eigenen Bestimmung sich unweigerlich erfüllt. Sie begriff, daß der Kampfplatz, auf dem ihre Kräfte sich würden bewähren müssen, nicht draußen, sondern drinnen lag. Mit blitzartiger Schnelle dachte sie in diesem Augenblick daran, daß es Menschen gab, die ihr Schicksal sofort verstanden, die seine Hand sogleich erkannten, sowie sie von ihr berührt wurden. Solch eine war Eva Nestor und auch Lore Wigolski. Jene waren mit Widerständen, die sich um sie türmten, fertig geworden, ohne einen Tropfen ihrer Kraft einzubüßen, sie aber hatte sich beim ersten Zusammenstoß beinahe verblutet, – weil sie mit sich noch nicht fertig gewesen, wie jene anderen, die in besserem Gleichgewicht geboren waren.

Sie wollte nun noch erfahren, ob Stanislaus es verurteilte, daß sie sich in diese Gefahr begeben, daß sie mit dem Feuer so gefährlich gespielt hatte, trotz aller warnenden Mahnungen ihrer Seele.

»Mädchen,« sagte er, »wie sehr hast du die Orientierung verloren! Nun siehst du gar ein Unrecht darin, daß du dich in den Frühling hinauswagtest? Wie feige müßte man sein, sollte einen die Gefahr schrecken, wenn auch nur ein einziger solcher Frühlingstag winkt. Ich war einmal in Dresden«, fuhr er fort, und natürlich auch in dem berühmten Zwinger, dem großen Barockpalast. Die weiten, wundervollen Gärten standen gerade in voller Blüte, und man bekam da hübsche Ansichtskarten, die den »Zwinger im Frühling« darstellten. Später habe ich oft an diese Worte denken müssen, nur daß ich sie verkehrte – auf den Kopf stellte: denn überall, wo ich um mich blickte, sah ich, wie die Blüte gehemmt, wie die frohen Triebe der Jugend gefesselt waren, überall sah ich – den Frühling im Zwinger. Wohl dir, daß du einen einzigen Frühling diesem Zwinger entronnen bist!

»Wenn du so denkst, dann mußt du auch meinen Gram begreifen darüber –, daß ich diesen Frühling verloren, – verloren, – vielleicht verscherzt habe.«

»Dieser Ausspruch läßt erkennen, daß du noch immer glaubst, daß es irgendwie in deiner Macht gelegen hätte, das Verhältnis zu erhalten und zu einem glücklichen Ende zu führen. Das ist aber falsch, durchaus falsch; denn so wenig praktische Erfahrung ich auch habe,« er lächelte, während sich sein Gesicht mit dunkler Röte überzog, – »so bestimmt kann ich dich versichern, daß man sich die Liebe von niemandem erobern oder verscherzen kann. Denn die Zellen lieben sich und nicht die Willen, die Zellen ziehen sich an oder stoßen sich ab! – – Auch ist zwischen zweien immer ein bestimmter Vorrat zu verbrauchen. Du kannst ihn nicht erneuern, um länger zu fesseln, und du kannst keine Bande lösen, solange dieses Quantum nicht verbraucht ist ... Warum aber sollst du«, fuhr er lebhaft fort, »an solchen Erfahrungen verlieren, anstatt zu gewinnen, einschrumpfen, anstatt zu wachsen? Warum dich verbittern und verringern lassen?«

»Weil sich nicht leugnen läßt, daß bei solchen Erfahrungen, sie mögen nun erlaubt sein, im höheren Sinne, oder nicht, und sie mögen so logisch und notwendig sein, wie sie wollen, – Verschiedenes angeflogen kommt, was beschmutzt und erniedrigt.«

»So? Du magst recht haben. Aber dann mußt du dich erst recht rühren, mußt dich fleißig um deine eigene Achse drehen, darfst das, was dir angeflogen kam, nicht auf dir fest und starr werden lassen. Du willst doch leben bleiben, oder nicht?«

Da rüttelte er schon wieder, sie fühlte, wie es ihr durch und durch ging.

»Ja, ich will leben!« rief sie mit leidenschaftlicher Inbrunst.

»Nun, wenn man überhaupt leben bleiben will, dann muß man sich auch rühren. Sich benehmen wie eine Leiche und doch leben bleiben wollen, doch – wie soll ich sagen, – weiter konsumieren, – das geht nicht an, das erscheint mir geradezu inkorrekt.«

Da lachte sie, und sie hörte dieses Lachen, und sie fühlte es auch. Sie fühlte, wie diese Welle von Fröhlichkeit plötzlich aus ihrer Seele herausschoß, wie ein starker Sprudel, Schlacken und Steine mitreißend und herausschleudernd.

Er sprach weiter. »Wenn du in diesen Tagen so verstimmt warst, so war es – weil dich der Mut verließ. Es gibt keinen andern Grund für uns Menschen, zusammenzubrechen. Jede Art von Trauer, von Angst, ja selbst von physischer Schwäche, die zum Zusammenbruch führt, ist Mutlosigkeit, Mutlosigkeit des Körpers oder der Seele; und nicht an Todesangst leiden wir so sehr wie an dieser bleichen Furcht vor dem Leben. Diese Angst aber ist der Todfeind des Menschen. Da kenne ich ein tiefes Wort von Maxim Gorki: ›Sobald die Menschen sich fürchten, verfaulen sie, wie die Birken im Sumpf.‹ – Darum heißt es gerade im kritischen Moment, gerade wenn es schief geht, – sich doppelt zusammenraffen und so handeln, als ob wir sehr mutig wären. Die Menschen stürzen und verfaulen am ersten, wenn sie sich nach einer Katastrophe verkriechen, sich seelisch verlumpen.« Ernsthaft sah er sie an: »Man muß sich erziehen, so zu handeln, – als ob alles glatt gegangen wäre. Das ist eine Suggestion, die man dem Schicksal gibt, – und das Schicksal ist suggestibler, als wir glauben.« Er ging auf und ab und fuhr nachdenklich fort:

»Du leidest jetzt? Das ist nur richtig und begreiflich. Warum aber dich unter deinem Leid verkriechen? Dieses Leid ist eine Frucht, die du ernten mußtest, – das ist immer noch besser,« fügte er leiser hinzu, »als wenn auf deinem Acker überhaupt nicht gesät worden wäre.«

Er zog aus der Tasche seines Rockes ein Heft der »Jugend« und warf es auf den Tisch.

»Da, – das war heute nacht, im Bahnzug, meine Lektüre, und da ist etwas drin, was für dich paßt. Hör’ gut zu!« Und er las ihr vor:

 

»Die Zeche« 1

 

Und hast du’s verschuldet, daß Reue dich zwickt –

Nur nicht um die Zeche herumgedrückt!

Und krallt dir Vergeltung durch Panzer und Hemd,

Eine Bärenbrust büßend entgegengestemmt!

Sei lederzäh, keine wimmernde Puppe!

Ei, wer sie verzehrte, berappt auch die Suppe.

Wie den Kellnern nach eingenommenen Mahlen,

Ruf’ ehrlich dem Schicksal: »Bitte! Zahlen!«

 

So sprach Stanislaus an diesem Abend zu seiner Schwester, und noch als er ging, mahnte er sie eindringlich: »Also vergiß nicht, – sei lederzäh, keine wimmernde Puppe! Eine Bärenbrust – du weißt schon.«

Er ging und nahm die Gespenster mit; ihr Heim war frei. Sie irrte nicht mehr darin, wie eine hilflose Gefangene. Die Dämonen waren wie ausgeräuchert. Was für Kräfte waren es doch, die das Gift aus ihr herausgeholt hatten? Die Welt war ihr in Finsternis gehüllt gewesen, wie in einen undurchdringlichen, schwarzen Mantel. Nun aber schien es ihr, als wäre der Mantel abgeglitten.

Ruhig und friedlich ging sie zu Bett. Zum erstenmal dachte sie wieder an ihre Freunde. Sie wollte Lore bald wiedersehen. Plötzlich fiel ihr ein, daß sie von Erika wochenlang nichts gehört hatte. Sie hatte sich auch nicht um sie bekümmert. Wie, wenn sie ihr helfen könnte, wie heute der Bruder ihr geholfen? Freilich hatte die dort dem Schicksal noch mehr zu bezahlen als sie, – mehr vielleicht, als sie besaß, – war überverschuldet, vielleicht bankerott. Und an den anderen dachte sie, dessen Zeche auch nicht im reinen war. Weder Erika noch Koszinsky wußten von ihrer neuen Wohnung. Koszinsky war verreist, auf der Tournee mit seiner Kapelle, aber Erika hätte sie nicht ganz vergessen dürfen, auch wenn sie sich selbst nicht meldete. Sie beschloß, ihr am nächsten Tag zu schreiben.

Der nächste Tag kam. Olga hatte, nach langer Zeit, tief und traumlos geschlafen. Sie erhob sich und fühlte ihre Kraft und fühlte, daß sie des Lebens froh war. Sie ordnete ihre Wohnung und wirbelte all den Staub auf, den sie in den letzten Tagen hatte liegen lassen. Dann setzte sie sich an ihren Arbeitstisch und öffnete die angesammelte Post. Sie beschloß, Lore noch für den heutigen Tag zu sich zu rufen. Auch erinnerte sie sich, daß sie den Brief an Erika sofort schreiben müßte. Da klingelte es, es war der Telegraphenbote. Von Edda, dachte sie, und riß das Telegramm eilig auf. Sie erschrak, als sie das Bild der geschriebenen Worte erfaßt hatte, sie erschrak tief. Das Telegramm war von der alten Wirtschafterin des Vaters. Es meldete seine schwere Erkrankung und forderte sie auf, nach Hause zu kommen.

Dorthin also sollte sie jetzt. Ihre erste Verwirrung klärte sich schnell. Sie erkannte, daß es notwendig war, daß sie zu dem Vater reiste, wenn er, schwerkrank, sie rief. Diese verlassene Heimat, dieser Greis, das war mit ihr verbunden, das ging sie an. Alles in ihr drängte zu schneller Erfüllung ihrer Pflicht. Ihr bangte vor Taten oder Unterlassungen, die die Reue mit sich führten. Sie begann sofort, zu packen. Einen Augenblick dachte sie daran, ihr ganzes Arbeitsmaterial mitzunehmen, gab aber diesen Gedanken schnell auf und beschloß, für die Zeit ihrer Abwesenheit die Redaktion ihrer Zeitung in Lores Hände zu legen.

Nachdem sie eingepackt hatte, fuhr sie zu Stanislaus, um ihm die neue, trübe Nachricht zu bringen und das Nötige mit ihm zu besprechen.

 

* * *

 

Zu eben dieser Zeit, da Olga daran dachte, sich nach Erika umzusehen, suchten auch die Gedanken Erikas wieder den Weg zu ihr. Es waren keine besonderen Gründe, die Menschen, die einander nahegekommen waren, hier wochenlang trennten, – es war Berlin. Wer in dieser riesigen Maschinerie seinen Platz hatte, mit dem machte der Apparat seine Bewegungen, und in seinen weitausgreifenden Umdrehungen entfernten sich jene Teile, die sich eben noch berührt hatten, nicht selten weit voneinander. In Berlin hatte jeder einen ausgefüllten Tag, selbst Müssiggängern wäre hier die Zeit nicht immer reichlich geworden. Dazu taten schon die großen Entfernungen das Ihre. Wer nun aber hier einem Erwerb nachging, wer irgendwie in der Kette eingeschaltet war, der konnte nur nach genauer Berechnung zu Begegnungen gelangen.

Erika saß fest in dem Räderwerk, und ihre Tage vergingen wie Umdrehungen, von denen eine der anderen gleicht,- »Mahle, Mühle, mahle.« Aber während sie mit der äußersten Schicht ihres Wesens das Gewinde, dessen Bedienung ihr zufiel, um Brot zu erlangen, regelmäßig und sorgfältig abhaspelte, wuchs in ihrem Innern alles weiter, was sie dahin verpflanzt hatte. Hier war üppiger Boden für wilde Schößlinge, die wurzellos aufsproßten, keimlos und unfruchtbar, groteskes, gezacktes Gewächse, jenen Kakteen zu vergleichen, die nur mit dem Blattstiel in der Erde stecken und blinde Triebe hervorbringen und wuchernde Säfte.

Sie plante Veränderungen; in ihrer neuen Stellung fand sie keine Ruhe. Sie hörte auch nicht auf, die Annoncen in den Zeitungen zu verfolgen und schrieb ihr regelmäßiges Quantum von Offerten. Schon war sie auf dem Sprunge, mit einem Ingenieur, der eine »Hausdame« suchte, in die Tropen zu gehen, wo er ein Flußgebiet regulieren und Brücken bauen sollte. Erika verfolgte solche Möglichkeiten fast bis zum letzten Abschluß, um sich dann, scheinbar ganz plötzlich, zu besinnen, daß sie hier ihre »Hoffnung« festhielt, daß hier ihr »Glück« wohnte. – – – Mit einem Teil ihres Wesens wagte sie die verschiedensten Versuche, Betäubung zu finden, wenn sich der Hunger meldete, der echteste Hunger, der nicht zu verleugnende, – der Hunger des jungen Weibes.

Dann folgte sie diesem Betäubungstrieb mit demselben automatischen Eifer, mit dem sie ihre Offerten schrieb und auf ewiger Stellensuche war. Sie machte Sonntags einsame Ausflüge in die Umgebung Berlins, kehrte dann nicht selten in irgendeinem ländlichen Wirtshaus ein, aus dem Musik herausklang, und saß da, ein weiblicher Sonderling, trank ein Gläschen Bier und mengte sich schließlich unter die Tanzenden. In ihrem Lodenrock und ihrer leinenen Hemdbluse, das Jägerhütchen auf dem Kopf, so drehte sie sich unter den Bauern. Sie tanzte mit allen Burschen, die sie neugierig aufforderten, und bemühte sich, an jedem etwas Besonderes zu sehen. Sie vergaß aber nie, wann der letzte Zug oder das letzte Schiff ging, die sie wieder nach Berlin zurückbrachten und enteilte, geheimnisvoll, wie Aschenbrödel.

Dann gab es Sonntage, wo sie keine Ausflüge machte; sie hatte noch eine andere Zufluchtsstätte in letzter Zeit gefunden. Sie ging zu den Versammlungen der Heilsarmee. Ernsthaft hörte sie dem Vortrag zu. Und mit einer Inbrunst, die sich von der ihrer Umgebung wenig unterschied, sang sie im Chorus mit:

 

»Und nach vollbrachtem Kampfe

Tragen wir die Kron’

Im neuen Je-ru-sa-lem.

Mit unserem treuen Jesus,

Mit unserem Gottessohn

Im neuen Je-ru-sa-lem.«

 

Und sie hatte sich sogar eine Brosche mit dem Bildnis des himmlischen Bräutigams angeschafft. – – –

Aber diese Mittel versagten. Die Stunden, wo die bleiche Verzweiflung sie umklammerte, wurden immer häufiger. »Ich bin krank,« dachte sie dann, »ich muß zum Arzte gehen.«

Eines Tages führte sie diesen Vorsatz aus. Sie hatte manches von einem besondern Verfahren gelesen, durch welches kranke Seelen geheilt, wankende ins Gleichgewicht gebracht werden sollten. Und es war eine Art von Neugierde, die sie immer heftiger trieb, sich diesem psycho-analytischen Verfahren zu unterwerfen. Wenn es wirklich wahr war, daß Unbewußtes, Unterbewußtes auf diese Art ans Licht gehoben würde, dann würde sie ja erfahren, was auf dem tiefen, dunklen Grunde lag, dessen Strömungen sie trieben. – Sie ging zu einem berühmten Psychiater.

Durch eine lange Flucht von Räumen, die in ihrer ausstellungsmäßigen Eleganz einen fast unbewohnten Eindruck machten, wurde sie von einem ältlichen, hageren Fräulein in schwarzseidenem Kleid bis an die Tür des Ordinationszimmers geführt. »Herein«, rief eine scharfe, helle Männerstimme auf ihr zaghaftes Klopfen.

Der Doktor saß an seinem Schreibtisch. Er funkelte sie mit seinen bebrillten Augen an und strich ein paarmal, mit gefälteter Stirn durch den grauen Knebelbart, ehe er sie Platz nehmen hieß. Dann machte er eine ermutigende Handbewegung und forderte sie auf, alles zu erzählen, was sie auf der Seele habe.

Eine Erleichterung kam über sie, daß sie endlich einmal wieder sprechen durfte. Sie mischte mit einem beinahe freudigen Gefühl die mannigfaltigen Farben, die sie für ihr Gemälde auf der Palette hatte. Der Doktor hörte genau zu.

»Sie haben,« – sagte er, als sie mit hastigen, beteuernden Worten geendet hatte, – »Sie haben – peinliche, geschlechtliche Erlebnisse verdrängt, ohne sie restlos bewältigt zu haben.« Er machte eine Pause. Sie hing atemlos an seinem Mund. »Sie haben sozusagen – die inneren Augen über diesen Erlebnissen zugedrückt, – nicht wahr?«

Sie senkte den Kopf.

»Es gilt, – Ihnen die Augen zu öffnen, – und das verdrängte Erlebnis in seiner wahren Gestalt ans Bewußtsein zu rufen. Da Sie gewisse Eindrücke nicht auf gründliche Art abreagieren konnten,« fuhr er nun geläufig fort, – »setzten sich diese in Vorstellungen um, die der Wirklichkeit nicht entsprachen.« Er begann sie nach einer besonderen Technik auszufragen, über wichtige und unwichtige Ereignisse, kreuz und quer, er zog in seine Fragen die Träume mit hinein und notierte sorgfältig, was sie ihm berichtete.

»Die Zwangsneurose, an der Sie leiden, hängt nicht selten auch mit Verlagerungen der geschlechtserregbaren Körperzonen zusammen«, sagte er, und untersuchte sie auch nach Art des Frauenarztes.

»So weit ist alles in Ordnung,« konstatierte er, ich werde Sie also nur psycho-analytisch zu behandeln haben. Der Symptomkomplex ist deutlich; aber die hysterische Affektpsychose ist heilbar. Er betonte das Wort. »Ich werde Ihnen ein paar Suggestionen geben.«

Er ließ sie dann in einem tiefen Fauteuil Platz nehmen, umklammerte ihre Arme und drückte sie fest an die Lehne des Sessels.

»Sie sind ganz ruhig, Sie werden müde werden, Sie werden schlafen wollen.«

Dabei begann er mit leisen, weichen Griffen über ihre Stirn zu streichen.

»Ihre Glieder werden schwer, – Sie sind müde, – Sie schlafen schon, – – Sie werden die Augen nicht wieder öffnen, bevor ich es nicht befehle. Sie werden gut aufhorchen jetzt!«

Seine Stimme stieg an, wurde noch heller und stärker.

»Sie sind im Grunde ganz gesund, – Sie haben nur durch Verschweigung und durch Verheimlichung Ihrer Unlustgefühle in der Ehe sich in einen krankhaften Zustand gebracht, – verstehen Sie? Ihre Psyche neigt zu Verheimlichungen vor sich selbst, zu Täuschungen, die Sie sich selbst vorspiegeln.«

Gedämpfter, milder fuhr er fort: »Sie haben die Neigung, sich interessant zu machen, und es wird Ihnen immer schwer, objektiv die Wahrheit zu sagen, – aber Ihr Charakter, Ihre Intelligenz sind intakt,« er sprach wieder scharf und überzeugt, – »darum werden Sie den Wahn aufheben.«

Und nun begann er, mit eindringlichen Worten, die ganze, aus der Luft gegriffene Phantasterei ihrer sogenannten großen Liebe ihr klar zu machen. Dann machte er eine lange Pause.

»Schlafen, – schlafen Sie«, sagte er leise und strich unaufhörlich über ihre Stirn.

Unendlich wohl taten ihr diese weichen Striche und diese Stimme, die erst so energisch hell gesprochen, und die sich dann in weichem Geflüster verlor ...

»Sie sind jetzt wach, – obwohl Sie schlafen, Sie sind jetzt wahr, obwohl Sie schweigen«; raunte die Stimme. »Die Lüge, an der Sie sich selbst berauscht haben, ist fort. – Sie wissen jetzt ganz gut,« die Stimme stieg an, wurde kräftig, befehlend, »daß Sie zu dem betreffenden Herrn in Wahrheit gar keine Beziehungen haben, – gar – keine – Beziehungen! – Sie öffnen die Augen!«

Er strich ihr fest über die geschlossenen Lider, »Sie erwachen, – Sie stehen auf!«

Die Sitzung war beendet, der Arzt entließ sie. Sie sollte widerkommen, wenn sie ihn brauchte.

Es war ihr leicht und frei zumute, als sie hinaustrat. – – – Dieses Gefühl der Leichtigkeit blieb ihr noch einige Tage. Sorgsam bewahrte sie alles im Gedächtnis, was der Arzt gesagt hatte. Es war also ein Wahn, ein Selbstbetrug, eine Phantasterei gewesen, das Ganze, das sagte sie sich nun stündlich vor.

Aber während ihr Verstand immer wieder den Inhalt dieser Vorstellungen betrachtete, wuchs aus jenem dunklen Grunde, mit dessen Strömungen sie verbunden war, ein Schwarzes und Namenloses. Die Kur war glänzend geglückt, der große Psychiater hatte den Wahn verdrängt, was zurückblieb, war – die Wahrheit.

Und sie sah nun die Wahrheit. Sie sah, wo sie stand, sie sah die Sackgasse, in die ihr Leben eingelaufen war. Wie hohe, graue Mauern umstarrte sie die Hoffnungslosigkeit. Großer Gott, wohin war sie geraten! Wo war ein Ausgang? Nirgends, nirgends; denn ein Zurück gab es nicht, auch graute ihr jetzt noch deutlicher wie bisher vor ihrer früheren Heimat, aus der sie entlaufen war. Warum, o Allmächtiger, hatte sie sich dort zugrunde richten lassen, warum mußte erst diese wahnwitzige Ausgeburt ihrer kranken Seele kommen, um sie von da herauszuführen, – als es viel zu spät war. Mit Schrecken und Grauen trat sie jetzt die täglichen Sklavendienste an, zu denen sie verurteilt war. An die Galeere geschmiedet, hoffnungslos, auf ewig. Es gab kein Wunderbares, an dessen Phantom sie sich, wie früher, bis zu wilden Rauschzuständen betäuben konnte. Es gab nichts als die Öde für sie, für immer und ewig. Ja, der Wahn war »verdrängt«, – sie sah klar.

 

* * *

 

An einem schönen Sonntagnachmittag machte sie sich auf, Olga aufzusuchen. Es war ihre letzte Zuflucht. Sie fuhr aus dem Osten, der am Sonntag seine Stimme nicht hatte, die Stimme der Arbeit, aus diesem Osten, mit seinen grauen Proletarierhäusern, zwischen denen sie nun seit Monaten lebte, mit seinen Butterläden und Destillen, mit seinen breiten, staubigen Alleen, mit seinen Fabrikschloten und eisernen Krähnen fuhr sie hinüber, in das schönere Berlin. Als sie von der Höhe der Stadtbahn die grüne Quadriga des Brandenburger Tores und die goldleuchtende Statue der Göttin hoch oben auf dem Siegesdenkmal sah, die ihren Kranz triumphierend zum Himmel schwingt, da schien es ihr, als käme sie aus einer Verbannung, ein fremder Gast. Es dämmerte schon, als sie am Bahnhof Tiergarten ausstieg. Sie wollte, nach langer Zeit, wieder einmal zu Fuß durch den Tiergarten gehen, bis hinüber zum Gartenufer. Sie dachte immer noch, Olga wohnte in der stillen Seitenstraße in der Nähe des Lützowplatzes.

Es war ein klarer, milder Wintertag ohne Schnee, die Luft hatte etwas Erquickendes in ihrer reinen Frische. Sie kam zum Landwehrkanal, auf dem die kleinen Dampfer mit der Schlepperflotille lagen und blieb einen Augenblick auf der Brücke stehen und sah in das Wasser, das unter der Freiarchenbrücke tobend aus der Schleuse strömt. Plötzlich dachte sie, daß alle Not ein Ende hätte, – wenn – wenn sie es nur wagte; es brauchte ja nur einen einzigen, kleinen Schwung. Sie erschrak vor der Gefahr dieses Gedankens und eilte hastig fort. Aber ihr Gehirn arbeitete weiter. – – Ich werde einen Zettel hinterlassen, wenn ich Olga nicht finde, und darauf werde ich schreiben: »Ich konnte nicht anders.« Sie wiederholt immerwährend diese pathetische Formel. »Ich konnte nicht anders, – ich konnte nicht anders, – wenn ich Olga nicht finde. – – –«

Aber warum sollte sie sie denn nicht finden? Da war sie schon in der Straße, in der sie wohnte. Das Treppenhaus war schon erleuchtet, aber die Fenster von Olgas Zimmer waren dunkel. »Finsternis«, dachte sie, und es wallte wieder schwarz in ihr auf, und ihr war, als sei sie nun an der Grenze ihres Lebens. Aber hinauf, hinauf.

Während sie dem Haustor zuschritt, folgte ihr jemand dicht auf den Fersen. Und diesmal war es keine Wahnvorstellung, sondern Wirklichkeit. Beim Haustor bemerkte sie ihn. Und gleich zuckte die alte Idee in ihr auf: »Er läßt mich beobachten.« Wieder vermengten sich Wahn und Klarheit. Sie ging weiter, stieg langsam die Treppen hinauf. Der ihr auf den Fersen folgte, blieb unten im Hausflur stehen.

Er war aus einer Nebenstraße auf den Lützowplatz getreten, als er auf dem breiten Weg, der quer über den Platz führt, Erika vor sich gehen sah. Er erkannte sie sogleich, nach der Schilderung, an ihrer Lodenjoppe, ihrem Jägerhütchen. Ihre Bewegungen erschienen ihm charakteristisch, es war etwas Hastendes und doch Tapferes darin. Da wandelte sie, – die Äffin halb, halb Heldin war, und hatte denselben Weg wie er. Koszinsky war von seiner Tournee zurückgekehrt, und diese Stunde führte ihn, wie Erika, zu Olga. So mußte er ihr auf dem Fuße folgen, bis sie in das Haustor eintrat; unwillkürlich blieb er unten stehen; er erwog, ob er hinaufgehen sollte, trotzdem jene da war. Da hörte er, wie sie oben läutete. Er hörte die Stimme der Wirtin, die ihr an der Tür mitteilte, daß Fräulein Diamant längst nicht mehr hier wohne; und die die neue Adresse nannte, draußen im Vorort, in Friedenau.

Und da kam sie auch schon über die Treppe zurück; langsam und schwer ging sie; im Schatten des Treppenhauses verborgen, sah er, im Licht der elektrischen Lampen, voll ihr Gesicht, und er erschrak über das, was darin eingezeichnet war. Sie trat aus dem Hause, und er folgte ihr. Folgte ihr, quer über den Lützowplatz, über den breiten Weg. Nun trat sie in die dunkle Allee längs des Kanals. Sie bog ab, nach links, ging mit immer schnelleren Schritten bis hinunter zur Freiarchenbrücke, – dort stand sie zögernd still. Dann ging sie auf die Brücke. In der Mitte blieb sie stehen und beugte sich über die Brüstung. Und auch er stand, wie gefesselt, verborgen in der Dunkelheit. Nachdem sie eine Weile bewegungslos gestanden und ins Wasser gestarrt, ging sie weiter, – bog nun auf der anderen Seite des Ufers nach rechts hinauf. Ihr Gang wurde leichter, sie hastete vorwärts. Jetzt ging sie so schnell, daß er Mühe hatte, ihr zu folgen; sie lief ja beinahe, hier in der Finsternis. Längst waren sie an jenen Stellen des Kanals vorbei, wo die Böschung weich und niedrig, mit Rasen bewachsen, abfällt; hier war schon der steinerne Quai, von dem, in bestimmten Entfernungen, Treppen zum Wasser hinunterführen.

Und da – auf einmal – da setzte sie über das niedrige Gitter und lief flugs auf die Treppe zu. Ehe er recht begriff, ob er auch richtig gesehen, war sie unten. Er sah im Schein der Laterne die erhobenen Arme, er hörte den klatschenden Aufschlag, mit dem der Körper ins Wasser fiel. Da war auch schon sein Mantel zur Erde geworfen, er folgte ihr, – aber nicht auf dem Wege über die Treppen, er lief direkt über die glatte, steinerne, gewölbte Böschung, lief mit den großen Sprüngen des Militärs und sprang, mit gestreckten Armen, ihr nach. Und kaum schlug er ins Wasser, so sah er auch schon, dicht neben sich, ihren Kopf auftauchen, vollbelichtet vom Schein der Laterne, – sah das Gesicht, – unkenntlich geworden vom Krampf der Todesangst. Sie war ein einziges Mal erst untergetaucht, als er sie erfaßte. In der Sekunde, da sie unter Wasser gewesen und dann wieder an die Oberfläche gekommen war, hatte sie den Himmel gesehen mit den schimmernden Sternen – – – leben, leben! Da erfaßte sie eine Hand. War das die Rettung?! – – – Sie umklammerte seinen Hals, sie umschlang ihn mit den Beinen, und er fühlte, wie sie beide untergehen mußten, auf diese Art. Er rief ihr zu, sich ruhig aufs Wasser zu legen und sich ihm zu überlassen, aber sie umstrickte ihn nur um so wilder. Schon erwog er, ob er nicht zu dem letzten verzweifelten Mittel, das die Rettung möglich machte, greifen und ihr jenen Schlag auf den Kopf geben sollte, der Ertrinkende in Betäubung versetzt und es dem Schwimmer dann möglich macht, sie herauszuziehen. Aber es kam nicht so weit. Plötzlich lockerten sich ihre ihn fest umschnürenden Glieder. Sie war bewußtlos geworden. Da kam es über ihn wie Glück, – nun konnte es gelingen. Neue Kräfte strömten ihm in die Glieder, stählten und streckten sie. Er machte kräftige Tempi mit den Beinen und dem einen Arm, faßte sie mit der anderen Hand im Genick, an den Kleidern, und schleifte sie behutsam übers Wasser. Keinen Augenblick sank ihr Kinn bis in die Flut, so fest und stark hielt er sie hoch.

Und sie nahmen alles mit, diese dunklen Wasser, alle Sünden der Vergangenheit. Der Mensch, der da mit zwei Beinen und einem Arm die schwarze Fläche teilte und mit dem anderen Arm seine Beute hielt, dem der Krampf schon langsam in diesen Arm kroch, und der nun glücklich die Stufen wieder erreicht hatte, – für den war dieses nächtliche Bad ein heiliger Zauber, wohl heiliger noch, als es die Wasser des Jordans waren, wenn sie die Sünden der Getauften mit sich nahmen und sie fortspülten, ins Meer der Verges­sen­heit. – – –

Er trug sie über die Stufen hinauf und legte sie bei der Laterne, die das Bild ihres Kampfes beschienen hatte, zur Erde.

Sie hatte nicht viel Wasser geschluckt. Dennoch reinigte er mit dem vom Taschentuch umwickelten Finger kräftig den Rachen. Dann setzte er sich auf das niedrige Geländer der Rasenfläche und legte die leichte Gestalt quer über seine Knie, auf den Bauch, so daß Kopf und Rumpf nach unten hingen. Das Wasser tropfte ab. Er drückte regelmäßig gegen ihren Rücken. Nachdem er dies rhythmisch einige Minuten lang getan hatte, legte er sie auf die Erde nieder, holte den Mantel, der ein Stück weiter unten so da lag, wie er ihn abgeworfen hatte, schob ihn ihr als Rolle unter den Kopf. Dann führte er ihre Arme langsam nach oben – führte sie wieder zurück und drückte sie kräftig aber schonend gegen den Brustkorb. Zischend hörte er die Luft in die Lungen einströmen.

Als er diese Bewegungen etwa dreißigmal ausgeführt hatte, begann sie zu atmen und schlug die Augen auf.

Nun zog er den Mantel vorsichtig unter ihrem Kopf weg und hüllte sie hinein. Dann hob er die leichte Gestalt, ohne Mühe, auf seine Arme. Während er mit ihr weiterging, fielen ihr die Augen wieder zu, und er fühlte, wie sie zitterte.

Niemand war in der ganzen Zeit durch die nächtliche Allee gekommen. Der Himmel schien glänzend, wie schwärzlich-violettes Glas und wölbte sich über den Bäumen. Der abnehmende Mond lag, als blanke Sichel, schräg zwischen unzähligen Sternen.

Die nächste Brücke führte hinüber auf den Lützowplatz. Dort standen Automobile. Er blieb diesseits, im Dunkel, und pfiff. Sofort kam eine Autodroschke heran. Er stieg ein und bettete sie bequem. Keinen Augenblick dachte er daran, irgend jemand zu alarmieren. Er brachte sie zu sich, auf seine Stube, entkleidete sie vorsichtig und hüllte sie in einen Bademantel; dann trug er sie in sein Bett, rieb ihre eisigkalten Glieder, bis sie warm wurden; aber er duldete nicht, daß sie sprach. In nassen Kleidern, wie er war, nur mit dem trockenen Mantel darüber, entzündete er einen Spirituskocher auf dem Tisch und kochte Punsch; sorgfältig hielt er die Tasse an ihre Lippen und ließ sie in kleinen Schlucken davon trinken. Dann hieß er sie schlafen. Erst als er ihre tiefen Atemzüge hörte und ihre Stirn feucht wurde von Schweiß, während die Wangen sich röteten, zog er sich um. Dann trank er ein Glas Punsch und legte sich in warmen, trockenen Kleidern auf das schmale Sofa zum Schlafen nieder. – – –

 


 

 

SIEBENTES KAPITEL

ERFUELLUNGEN

 

 

 

»Zwei Schwingen führt ja stets die Zeit,

Sie nimmt mit einer, gibt mit einer;

Ist heute dein Besitz auch kleiner –

Zwei Schwingen führt ja stets die Zeit.«

Halm.

 


 

Olga reiste in dem schlesischen Winter, an das Krankenlager ihres Vaters. Lang und ermüdend war die Nachtfahrt in der dritten Klasse. Während der kleinen Strecke, von der österreichischen Grenze an, war die Reise am unerträglichsten. Seit sie in Deutschland lebte, hatte sie vergessen, daß es solche Eisenbahnwagen gab. In dem schlechtgeheizten, übelriechenden, engen und dunstigen Coupé war sie erst mit einer Schar slovakischer Bauern zusammengepreßt. An einer Umsteigestelle wurde das Coupé leer. Sie fand aber auch dann keine Ruhe, da ein unaufhörliches Getöse von aneinander klirrenden Metallteilen den Raum erfüllte. In ihrer Verzweiflung rief sie den Schaffner und bat ihn, zu untersuchen, woher dieser wahnwitzige Lärm käme. Der Mann kroch unter die Bänke und probierte an verschiedenen Schrauben herum, dann erklärte er ihr, daß eiserne Bestandteile des Wagens, welche durch Schrauben gehalten würden, lose seien und bei jeder Umdrehung der Räder donnernd an die Schienen schlügen.

Im Morgengrauen kam sie an. Die lehmigen, ungepflasterten Straßen waren von dicken Kotwällen verbarrikadiert. Die von Kohlenstaub und Fabrikrauch verdorbene Luft kroch ihr bei jedem Atemzug beißend in die Kehle. Ihre kleine, verschabte Reisetasche in der Hand, eilte sie, mit angstvoll klopfendem Herzen zu Fuß ihrem Vaterhause zu, das ihr noch finsterer als sonst seine trübe Front wies. Die alte Salke wußte, daß sie mit dem Frühzug kommen würde, und preßte wartend den Kopf an die Fensterscheibe. Olga erkannte trotz des Zwielichtes, unter dem wollenen Kopftuch das gespenstig verschrumpfte Gesicht der Alten. Sie winkte hinauf, und gleich antwortete ihr ein deutliches Nicken. Bald hörte sie die schweren, schleifenden Schritte, der Schlüssel wurde knarrend herumgedreht, und das Tor wich zurück, in den finsteren Flur.

»Olgaleben!« – – – Die knochige Hand tastete nach der ihren. »Gelöbt is Gott – Se sind daham!« – – – Und dann stiegen sie zum Krankenzimmer des Vaters hinauf.

Sie erkannte nicht gleich, ob er lag oder saß. Er war in einen tiefen Fauteuil gebettet. Eine Menge Kissen stützten den Rücken, die Beine lagen, in der Höhe des Sessels, ausgestreckt, auf hoch aufgetürmten Matratzen. Seit das Wasser in ihnen war, konnte er sie nicht mehr hängen lassen und hielt es auch liegend im Bett nicht aus. Seine ehemals so lange Gestalt schien zusammengeschrumpft, der Rest seines grauen Haares war schneeweiß geworden und hing lang und wirr unter dem schwarzen Sametkäppchen hervor; die wie mit einem grauen Hauch überdeckten Augen flackerten hilflos, und alle Züge des Gesichtes verliefen spitz in tiefen Furchen.

»Gut, du kommst«, sagte er mit fremder, hohler Stimme.

Er faßte krampfhaft ihre Hand und ließ sie eine ganze Weile nicht wieder los.

»Ich hätt’ ka Ruh’ gehabt, mei’ Kind,« flüsterte die hohle Stimme, – »wenn du nicht gekommen wärst.«

Sie versicherte ihm, während sie sein abgezehrtes Gesicht küßte und die Tränen herunterwürgte, daß sie schon längst gekommen wäre, wenn er sie nur hatte früher rufen lassen. Sie erzählte auch, daß Stanislaus in wenigen Tagen nachkäme. Der Alte nickte nur, apathisch, mit dem Kopf. –

Olga sah sogleich, daß die mühevolle Pflege des Schwerkranken von ihr und der alten Salke allein nicht geleistet werden könnte. So besorgte sie einen Wärter. Der war nun Tag und Nacht um den Kranken, gab bei jedem Besuch des Arztes seine Meinung ab und hörte nicht auf, täglich den immer näher rückenden Termin des Endes zu prophezeien. Die alte Salke bemerkte auch, daß er sich Kleinigkeiten aus dem Besitze des Kranken nach und nach aneignete und erzählte es Olga klagend. Auf die Wäsche des Kranken schien er es abgesehen zu haben, die Taschentücher wurden immer weniger. Auch die Tabakpfeifen, die auf einem Brett aneinandergereiht waren, verschwanden nach und nach; und eines Tages war sogar das Gebiß des alten Mannes, daß er sich manchmal noch einsetzen ließ, nicht zu finden. Dieser schwarzhaarige Wärter, mit dem gleichzeitig schlauen und verdrossenen Gesichtsausdruck, mit der kolossalen Hakennase, unter den dichtbebuschten Augen, erinnerte an eine unheimliche Dohle, die hier auf die letzte Beute lauerte.

»Weggetragen haben se euch alles, – grad’ wie der do – – –« sagte die alte Salke, mit wiegendem Kopf und blickte Olga vorwurfsvoll an. Dann hob sie die Achseln, spreizte die Finger mit dem Ausdruck von Hilflosigkeit und wiederholte nachdrücklich: »Weggetragen – alles ...«

Schwer und bang waren besonders die Nächte. Der Kranke kam fast nicht mehr zu Ruhe. Unablässig verlangte er seine Lage zu verändern, mußte immer wieder vom Bett in den Lehnstuhl und von da wieder zurück getragen werden. Die Tochter stand am Fußende des Bettes. Ab und zu sah er sie mit starren, umflorten Augen an und sagte dann erkennend: »Mei Kind ...« Im übrigen fragte er nach nichts, was ihn sonst interessiert hatte. Mit keinem Wort fragte er nach dem Leben der Kinder, während der letzten Zeit.

So ist es, wenn es zur letzten, dunklen Reise geht, dachte Olga, – da hat kein anderer Gedanke mehr Platz.

Der alte Mann starb schwer. Angstvoll wehrte er sich gegen den Tod. In den letzten Nächten stieß er immer wieder einen Klagelaut hervor »o je, o je« – dessen dumpfe Monotonie Olga mit Grauen erfüllte. Einmal erfaßte er ihre Hand und sagte: »Verzeih’ mir.« Es überlief sie kalt; was hatte sie ihm denn zu verzeihen? Sie küßte die fahle Stirn, auf der die Schweißtropfen perlten und deren eisige Kälte sie mit ihren Lippen fühlte. »O je, o je!« sagte der Kranke. Es war keine Auflehnung mehr in diesem Klagelaut; er klang so abgewandt von allem, so wissend hoffnungslos, so sterbensbang ... Als der Morgen dieses Tages graute, floh sie aus dem Krankenzimmer. Sie lief durch das Städtchen, bis hinaus auf die öde Heide und dann im selben Tempo wieder zurück. An diesem Morgen kam Stanislaus an. Der Vater erkannte ihn nicht mehr. Er lebte noch einen Tag und noch einen Teil der Nacht. Die Kinder wichen nicht von seinem Lager. Um jene Stunde, da Tag und Nacht miteinander ringen, führte seine Seele den letzten Kampf. Im Morgengrauen sahen sie, daß eine völlige Veränderung der Gesichtszüge des Kranken eintrat. Die Augen schienen aus ihren Höhlen zu quellen, der Unterkiefer sank herab, das Atmen wurde röchelnd, es klang, als ob zwischen zwei Mühlsteinen etwas Sprödes zermahlen würde. Der übermüdete Wärter lag und schlief, die alte Salke saß zusammengebrochen in einer Ecke, und die Tränen strömten endlos aus ihren halbblinden Augen. Endlich stieß der Kranke einen tiefen Seufzer aus, hob noch einmal mit letzter, krampfhafter Anstrengung den Unterkiefer, formte die Lippen, über die ein letzter Laut kam, – ein hohles O, und der Ansatz des Wortes »je« – dann streckten sich seine Glieder, der Atem wurde schwächer, die Augen drehten sich in den Höhlen, – der Kiefer fiel herab.

 

* * *

 

Aus dem unerwartet schneidenden Weh, das durch das Sterben des Vaters über die Geschwister gekommen war, rüttelte sie die Notwendigkeit, eine Menge von Entschließungen zu treffen. Sie verkauften den ganzen Besitz dem Prokuristen, der das Geschäft in letzter Zeit allein geführt hatte. Von dem ehemals großen Vermögen war nur noch ein Rest vorhanden, der unbegreiflich gering schien. Stanislaus versuchte es, aus den Büchern über das Zusammenschmelzen des Vermögens Aufschluß zu erlangen, aber, was in den Büchern stand, das stimmte. Er begriff, daß der Verlust in jenen Posten steckte, die hinter den Büchern geblieben waren. Diese Unterschlagungen waren in so vorsichtigen Tritten ausgeführt, daß sie keine Spuren hinterließen, auf denen man ihnen hätte nachgehen können. Und auch von diesem Vermögensrest, der als Buchwert vorhanden war, mußten sie sich, beim Verkauf, noch große Abzüge gefallen lassen. Der Vater hatte ein Testament hinterlassen, des Inhalts, daß bei der Realisierung des Vermögens Olga bis zur Höhe ihrer Versicherungssumme die Erbin sei. Der Rest sollte zwischen ihr und dem Bruder geteilt werden. Diese Summe kam immerhin bei der Erbschaft heraus. Was darüber hinaus jedem als Anteil zufiel, war nicht viel mehr, als Stanislaus für sein Buch eingenommen hatte; und so sah er, daß er mit seiner Arbeit doch auf einem festeren Grunde stand, als mit der ehemals ausgesprochenen Absicht – zu erben.

Nachdem die peinlichen Verhandlungen des Geschäfts- und Hausverkaufes überstanden waren und hier alles aufgelöst war, was sie jemals mit diesem Städtchen verband, nachdem sie auch noch die alte Salke bei einer ihrer Nichten untergebracht und ihr für den Rest ihres Lebens eine bescheidene Leibrente gesichert hatten, zogen sie wieder fort, – und die letzte Spur des Nestes, dem sie entstammten, war nun für sie verweht.

Olga fuhr nach Berlin zurück. Stanislaus beschloß, eine Reise durch Deutschland zu machen, um in verschiedenen größeren Städten, wie auch auf dem flachen Lande, statistisches Material über die Lebens- und Sterbeverhältnisse der unehelichen Kinder zu sammeln und besonders unter den verschiedenen Gruppen der Unehelichen zu unterscheiden. Vor allem war es die soziale Gruppe der Stiefvaterfamilie, deren Struktur er untersuchen wollte.

 

* * *

 

Viel Arbeit erwartete sie in Berlin. Ruhiger, sicherer, stärker als früher, nahm sie sie auf. Sie wußte nun, daß sie hier zuhause war. Zum erstenmal hatte sie das Gefühl einer klaren Lebenslage.

Bald nach ihrer Rückkehr erhielt sie einen unerwarteten Besuch. Koszinsky und Erika standen zusammen an ihrer Tür, und sie hörte, was sich zwischen ihnen begeben hatte. Sie sah in Erikas freudestrahlende Augen – und erkannte, daß das Wunderbare dicht neben der Finsternis seinen Platz hat. Seit jener Nacht, da Erika in dem schwarzen Wasser des Landwehrkanals den Tod gesucht und auf so wunderbare Art zu neuem Leben bestimmt wurde, waren der Retter und das gerettete Geschöpf verbunden geblieben. Es wäre ihm unsinnig erschienen, sie wieder aus den Augen zu verlieren. Er betrachtete sie wie ein ihm anvertrautes Gut, wie ein letztes Pfand des Schicksals, mit dem es ihn noch einmal erproben wollte; in seinem schon wie erstorbenen Willen war eine neue Saat aufgegangen, – ihm war, als verpflichtete ihn dieses Vertrauen des Schicksals fest auf sich selbst. Sie wieder fühlte, wie ihr geknebelter, mit den Füßen getretener Liebeswille befreit war. Nun endlich hatte er ein Objekt, das kein Phantom war und sich ihr nicht entzog. Sie ging seit jener Nacht wie eine Verklärte. Der Wahn, den ihr schon der Psychiater ausgetrieben, hatte nun den letzten Boden verloren, und die schwarzen Wasser des Landwehrkanals hatten nicht nur ihn, sondern auch sie gereinigt. Da sie dem Tode so nahe gewesen, genoß sie nun das neugeschenkte Leben mit jedem Atemzug. Sie betrachtete sich als sein Geschöpf, als ihm gehörig, in jedem Sinn. Er hatte nach kurzem, leisen Sträuben, – nach dem schwachen Versuch männlicher Defensive – nach und nach jeden »Widerstand« aufgegeben. Dieses Geschöpf, das er sich da aus dem Wasser gezogen, das sich nun in seinem Leben fest einnistete und den leeren Platz in seinem Schicksal keck besetzte, dieses Geschöpf war ihm offenbar bestimmt. Mehr und mehr schien es ihm, als ob sie ihm auf rätselhafte Weise teuer geworden wäre. Immer wieder tauchte die Erinnerung an das Köpfchen mit dem verzweifelten Ausdruck der Ertrinkenden, das sich damals aus der dunklen Wasserfläche hob, vor ihm auf, und um nichts in der Welt hätte er diesen Ausdruck je wieder an ihr sehen mögen. Wenn sie nur durch ihn und bei ihm glücklich sein konnte – wie sie nicht aufhörte zu beteuern, – so mochte es denn so sein. Und er ertappte sich darauf, wie er manchmal, wenn er, spät nachts, allein von seiner musikalischen Kaffeehaustätigkeit nach Hause kehrte und an sie, – die ihm zugeworfen worden, durch rätselhafte Fügung, – dachte, wie er dann jene Worte vor sich hinsummte, die seine erste Sehnsucht begleitet hatten: – – – »Sieh, da war – meine Chiffre leis’ gezogen.«

Mit dieser Kaffeehaustätigkeit waren Erika und Olga gleichermaßen unzufrieden. Eifrig beratschlagten sie zusammen, wie man den Mann aus dieser Lebenslage in eine andere bringen könnte. Olga berichtete, daß sie das schon vergeblich versucht hatte. Sie sagte, ihre Meinung ginge dahin, daß Koszinsky mit seinen großen Sprachkenntnissen sich durch kaufmännische Tätigkeit ganz gut nach und nach eine Stellung im Leben schaffen könnte. Aber es sei vergebene Liebesmüh, ihm in dieser Hinsicht zuzureden, denn er wolle davon nichts wissen.

Der Gedanke an eine kaufmännische Tätigkeit Koszinskys schlug sofort bei Erika ein.

»Und was wetten Sie, meine Liebe, daß ich ihn dazu bringe«, rief sie und war gleich Feuer und Flamme für diese Idee.

Sie gab nicht nach, sie belagerte und bedrängte ihn, sie verfolgte ihn mit Annoncen, die sie aus Zeitungen herausschnitt und die er schließlich, von ihr gedrängt, durch Offerten beantwortete. Sie blieb bei ihm, wenn er sie schrieb und ließ nichts passieren, was nicht »tadellos korrekt« war. Der Erfolg blieb nicht aus. Eine große Zuckerfabrik, die nach dem Auslande exportierte und einen Korrespondenten fremder Sprachen brauchte, stellte ihn in ihre Dienste. Erika jubelte: das hatte sie erreicht!

Und so taten diese beiden, diese Törichten, diese Verirrten, diese beiden Sündhaften und Entgleisten, – so taten sie aneinander, was keiner der Gerechten und Klugen an einem von ihnen vermocht hatte. – – –

Da war noch ein anderer Gast, der sich meldete: Werner kam zu Olga als einer, der ihrer bedurfte. Sie erschrak, als sie ihn wiedersah; es schien, als wäre jeder verbindende Strang zwischen seinen vielfachen Willensstrebungen durchschnitten. Er kam zu ihr, wie ein Flüchtiger.

In langer, wirrer Rede erzählte er ihr wieder von seiner Leidenschaft. Aber er hatte nicht mehr als einziges Willensziel den Wunsch, verkettet zu bleiben. Die Gunst der schönen Frau hatte ihm nicht die erhoffte Seligkeit gebracht; denn da war etwas – Dunkles – Ungreifbares. Sie, die er besaß, schien ihm immer wieder in neue, rätselhafte Fernen zu entgleiten. Oft, während er durchglüht, fiebernd, aufgelöst in seiner Leidenschaft, zu ihren Füßen sank, begegnete er, wenn er die Stirn aus den Falten ihres Kleides hob, einem eisigen, in die Ferne gerichteten Blick, der über ihn hinweg sah, weit hinweg. – – – Dabei drängte sie ihn zu einer entscheidenden Aussprache mit ihrem Gatten. Er schreckte davor zurück, weil er wußte, daß, wenn der Ehebruch zwischen ihnen beiden zugegeben würde und als Grund der Scheidung festgestellt war, sie keine Ehe miteinander schließen konnten.

»Ich wünsche auch gar nicht, daß der Ehebruch zugegeben wird«, sagte sie, und in ihren irisierenden Augen tanzten geheimnisvolle Fünkchen. »Nein, ich wünsche nur einen endgültigen Abschluß dieser Ehe. Man kann ja die Eifersucht des Barons heraufbeschwören: dann wird er selbst die Scheidung wollen. Bei der Scheidungsverhandlung kann man ja den Ehebruch immer noch in Abrede stellen.«

»Meineid?« flüsterte er und sah sie starren Blickes an. Sie lächelte nur, hob gleichmütig ihre tief abfallenden, romanischen Schultern und strich ihm mit den langen, weißen Händen übers Haar.

»Eines Tages wird er dich bei mir attrappieren, mein Guter, – und dann muß die Situation noch anders gelöst werden.«

Mehr und mehr empfand Werner den Unsegen dieser Leidenschaft, aber er fühlte sich gebannt, und seine Fluchtversuche endeten kläglich.

Da kam Olga zurück nach Berlin. Als er ihr wieder gegenüber saß, in ihr tiefes Auge blickte, ihre reife Seele wieder fühlte, da war ihm zumute, wie jenem Peer Gynt, der sein Kaiserreich, das er verlassen hat, zu spät erkennt.

Er kam wieder, öfter und öfter. Der Winter ging zu Ende, da stürzte er eines Abends zu ihr, wie ein Verzweifelter, der den letzten Versuch der Befreiung macht. Er erzählte ihr, daß er manchmal das Gefühl habe, in die Fänge eines abenteuerlichen Fabelwesens geraten zu sein, das mit ihm ein behexendes Spiel trieb. Er dächte schon an Opium oder an Haschisch, denn so ginge das nicht länger. Nur eine Rettung gäbe es für ihn: daß sie ihn wieder aufnähme! Und nicht nur als Freundin, als teilnehmender Mensch, – nein, – wieder ganz an ihr Herz, – an ihr reines, großes Frauenherz.

»Nur du bist meine Zuversicht«, sagte er mit beschwörender Stimme.

Da war sie wieder in dem gefährlichen Wirbel, da rauschte und brauste es um sie herum, und sie fühlte, wie es zur Tiefe zog ...

Sie beschloß, jede Entscheidung abzulehnen und ihn mit ihrer ganzen Kraft dazu zu bringen, diese Verbindung zu lösen, ohne sich wieder in neue Gefahren zu stürzen; denn eine Gefahr war für ihn, das wußte sie nun, jede Hingabe an ein anderes, menschliches Ich.

Dieser da hätte allein sein müssen.

Sie saßen zusammen in ihrem Zimmer; nebenan stand die Balkontür offen. Es war einer jener ersten, verfrühten Vorfrühlingstage im Februar, denen oft noch Schnee und Regen folgt. Plötzlich, gegen zehn Uhr, abends, hörten sie beide, unten vor dem Hause, – Werners Namen rufen. Eine Frauenstimme rief, gedämpft und doch deutlich, zu den erleuchteten Fenstern hinauf: »Werner!« Und dann klang es noch einmal, stärker: »Werner!« Er erschrak und wurde totenbleich. Olga trat hinaus auf den Balkon, der im Dunkel lag. Unten, in der einsamen, fast ländlich stillen Straße sah sie, im Schein der Straßenlaterne, die Baronin stehen. Sie trug einen langen Mantel, von weich fließendem, schwarzen Samet. Der weiße Hermelin des Kragens und der breiten Armstulpen leuchtete. Der Kopf war in einen schwarzen Schleier gehüllt, und ihr blasses, großes Heraantlitz schimmerte marmorweiß daraus hervor. Hoch aufgerichteten Hauptes, in befehlender Haltung stand sie unter der Laterne und rief immer wieder zu den erleuchteten Fenstern hinauf – »Werner! Werner!«

Gebannt stand Olga auf dem finsteren Balkon und starrte hinunter. Dann hörte sie, wie unten das Haustor aufgeschlossen wurde. Die Männergestalt, die heraustrat, blieb im Dunkel stehen. Die Baronin wandte langsam den Kopf und streckte den Arm aus. Olga sah, wie der Mann danach griff und sie an sich riß, dann verschwanden sie beide im Dunkel.

Und sie kehrte vom Balkon in ihr leeres Zimmer zurück. – – –

 

* * *

 

Frau Edda, in Wien, rüstete zum Abbruch. Als sie die Katastrophe, die so plötzlich über sie gekommen war, begreifen lernte, – da faßte sie einen Entschluß: sie wollte vergessen. Nicht das Gehirn, nicht die wache Vernunft konnten solch letztes Vergessen üben; aber in der abgründigsten Tiefe der Seele sollte versenkt und begraben sein, was ihr Leben zerstören mußte, wenn es gespenstig durch ihr Erinnern wandelte ... Sich zusammenraffen, frei von lähmendem Gedenken, – das war das einzige, was sie tun durfte, wollte sie nicht zugrunde gehen.

Ihre Lage war schlimmer, als sie im ersten Augenblick ausgesehen hatte. Ihr letzter Rückhalt war ihr Vermögen, welches in der Fabrik ihres Bruders Vinzenz angelegt war. Vinzenz aber machte kein Hehl daraus, daß er in kritischer Lage sei. Eines Tages fuhr er »zur Auffrischung seiner Nerven« wieder einmal mit seinem Automobil davon. Er wollte in zwei bis drei Tagen zurück sein; er kam nicht wieder. Dafür, an seiner Statt, nach einigen Wochen ein Brief aus Amerika, – wohin er sich »zurückgezogen« hatte. Fabrik und Villa wurden versteigert und der Konkurs über sein Vermögen verhängt. Eddas Geld war fort, wie das vieler anderer. Reisenleitners Frau, Eva, ging fürs erste mit ihrer kleinen Tochter zu ihrer Mutter, die wieder in Genf lebte. Edda sah nun keinen anderen Ausweg als den, zu dem ihr Stanislaus geraten hatte.

Sie verkaufte ihre Möbel und den größten Teil ihres Schmuckes. Die Summe, die sie dadurch in die Hände bekam, war ihr einziger und letzter Besitz. Dann bereitete sie sich vor, nach Berlin zu fahren, um da »einen Beruf zu suchen«, wie sie ihren Bekannten erzählte, während sie hilflos und ungläubig den schönen Kopf schüttelte.

Pankratius riet ab; es sei ein hoffnungsloses Experiment. Sie solle hier abwarten, bei ihm und Kathi, bis sich ihr Schicksal – woran er nicht zweifle, – wieder günstig wende.

Er hatte sich mit Kathi verlobt; trotz ihres anfänglichen Sträubens war sie ihm, nach und nach, sanfter entgegengekommen. Sie war ihrer aufgedrungenen Mädchenschaft herzlich müde ... »Mein ganzes Leben lang hab’ i’ mi g’forchten, daß i’ den da krieg – und jetzt sag i’ richtig – von selber – ja.«

»Par dépit,« dachte Edda, – »so geht es.« Sie hätte es als Demütigung empfunden, die Gastfreundschaft des Pankratius, mit dem sie immer auf Kriegsfuß gestanden, anzunehmen und blieb bei ihrem Berliner Plan.

Kurz bevor sie reiste, erhielt sie einen Brief aus Amerika; der war nicht, wie sie zuerst dachte, von ihrem Bruder, – es war Mr. Daniel Horatio Macpherson, der ihr schrieb. Vincenz hatte ihn aufgesucht, und er versprach, für ihn zu tun, was in seiner Macht lag; vor allem aber – der Brief wand sich nicht eben geschickt um das, was er im Grunde sagen wollte, herum, – vor allem aber legte er sich ihr zu Füßen. Wann und wo immer sie über ihn verfügen wollte, – er wäre bereit. Nachdenklich hatte Edda gelesen. Sie rümpfte die Nase und schüttelte den Kopf. Ihre im Grunde durchaus unsinnliche Natur, deren Neigungen in bloßer Gefallsucht gipfelten, – die vielleicht auch noch durch ihr dürftiges Eheleben stumpfer geworden war, – sträubte sich gegen die Wünsche des Amerikaners.

Und so kam auch sie nach Berlin. Olga hatte sie gebeten, bei ihr zu wohnen, aber nachdem sie ihr kleines Logis besehen hatte, lehnte sie ab, weil da doch kein Platz war. Man mietete sie auf einem möblierten Zimmer ein. Jetzt hieß es, Brot für Edda zu finden. Die Geschwister gingen systematisch ans Werk. Man sandte ein gutverfaßtes Rundschreiben an alle Redaktionen, welche Modeberichte und Modebilder brachten, legte einige frühere Veröffentlichungen von Eddas Entwürfen bei und betonte diskret die Tatsache, daß es sich um die Witwe des jüngst verstorbenen großen Gelehrten handle. Neben mancher Ablehnung, – weil der Posten schon besetzt sei, – kam auch hier und da eine halbe Zusage. Die Dame wurde gebeten, sich um eine bestimmte Stunde in der Redaktion einzufinden. Da diese Stunde gewöhnlich am Vormittag lag, so war das Problem für Edda nicht leicht zu lösen. Sie lag in dem schlechten Bett der Berliner möblierten Stube, – oh, wie bereute sie, nicht wenigstens ihr Bett aus dem Schiffbruch gerettet zu haben! – sie lag da, und die Sonne funkelte durch die Jalousienstäbe, ihre Strahlen brachen sich im Messingleuchter auf dem Nachttischchen; aber Frau Edda umklammerte, halb schlafend, ihre kleine Uhr, öffnete ab und zu die wie zugeklebten Augenlider und warf einen Blick auf das Zifferblatt in ihrer krampfhaft geballten Hand. Endlich entwand sie sich, matt und gequält, dem Bett. Das tägliche Bad, die Übungen, das alles mußte entfallen. In dieser »Hetzjagd« war dazu keine Zeit. Sie sollte sich selbst frisieren, und es fiel ihr schwer und machte sie nervös. Trotzdem warf sie, wenn sie mit der Toilette fertig war, einen befriedigten Blick in den Spiegel, denn die schleppenden, schwarzen Kleider und der wallende Witwenschleier ließen sie noch schöner erscheinen.

Ratlos, mit einem Gefühl des Unbehagens und der Ablehnung stand sie vor dem Phänomen: Berlin. Diese gräßlichen Entfernungen, dieser beängstigende Verkehr, diese nach ihren Begriffen geschmacklos gekleideten Frauen und vor allem die Hast, mit der hier jeder seinen Geschäften nachjagte, – das alles flößte ihr Widerwillen ein. Ach, wie sehnte sie sich nach Wien! Nach dieser eleganten Residenz, die Großstadt war und in der doch alles im behaglichen Tempo der Kleinstadt vor sich ging. Nach diesem Wien, wo man sich kannte, wo man sich zu bestimmter Stunde mit Sicherheit im Café traf, wo die Bezirke, in denen man »zu tun hatte«, so hübsch eng arrondiert waren, daß man sie bequem erreichte, – nach Wien, wo sie ihren Fiaker und ihr elegantes Heim besessen hatte. Es war ihr ganz schrecklich, sich durch das Gedränge der Berliner Hauptverkehrsstraßen zu Fuß durchzuwinden, oder gar die gefährliche Jagd auf einen Omnibus zu machen, auf den sie so schlecht hinaufspringen konnte, weil der Zugang nicht, wie sie es von Wien gewohnt, seitlich, sondern hinten war. Wie schwer war es, die nötige Beweglichkeit aufzubringen, um hier die Verkehrsmittel richtig zu benutzen, – wo sie doch ihre lange Schleppe zu halten, dabei ihre Pakete selbst zu tragen hatte. Sogar das Telephon war ihr hier, wo sie auf die öffentlichen Sprechstellen angewiesen war, ein Greuel. Sie fand sich in der Zelle beengt, wußte nicht, wohin sie den Schirm, das Täschchen, die Pakete legen und wie sie es vermeiden sollte, mit dem riesigen Hut, den sie auch in der Trauer trug, an allen Seiten anzustoßen. Es kamen ihr Tränen in die Augen, wenn sie sich erinnerte, wie sie zuhause telephoniert hatte, – an dem kleinen, maurischen Taburett, auf dem der Tischapparat stand, behaglich im Schaukelstuhl zurückgelehnt, oder im Bett, wohin ihr das Mädchen den Apparat mit der entsprechend langen Schnur bringen mußte. Oh, wie sie die Armut haßte und fürchtete! Nein, Armut und Frau Edda, – das waren zwei Dinge, die nur das grausamste Schicksal zusammengepreßt hatte. Sie lehnte sich gegen diese neue, harte Armut mit der ganzen Revolution der Dame auf, – der Dame, wie sie als höchstes Zuchtprodukt europäischer Höflichkeit geworden war. Ihre tausend wirklichen Bedürfnisse, ihre physische Konstitution, ihre Rasse, ihr persönlicher Habitus konnten sich mit den Forderungen der Entbehrung und der Beschränkung nicht abfinden. Wenn sie sich auch, da sie ihre Lage ja genau überblickte, so weit einschränkte, als sie nur irgend konnte, so blieben doch eine Menge Bedürfnisse, denen sie, wie sie glaubte, überhaupt nicht ausweichen konnte, so zum Beispiel ihr ständiger Verbrauch an Toiletteartikeln, welcher regelmäßige Einkäufe in der Drogerie mit sich brachte. Auch konnte sie doch nicht anders, – wenn sie sich so elend fühlte, daß sie nicht mehr weiter konnte, – als eine Droschke heranrufen, oder ab und zu in ein Café gehen. Das »deutsche Essen« hatte sie anfangs, mit Ausrufen des Widerwillens, als minderwertig, geschmack- und reizlos abgelehnt. Sie behauptete, hier zum Hungern verurteilt zu sein. Nach und nach aber lernte sie die großen Restaurants kennen, die »Freßtempel«, wie sie sie nannte. Sie sah da, zu ihrem Staunen, eine Auswahl an Gerichten geboten, von der man in einem Wiener Restaurant keine Ahnung hatte. Sie wunderte sich über die kleinen Preise, mit denen diese Gerichte angeboten waren. Es wurde für sie eine Art von heimlichem Vergnügen, die Mahlzeiten, die sie ursprünglich bei ihrer Zimmerwirtin abonnieren wollte, in jenen Restaurants zu nehmen. Wenn sie durch das Vestibül eines solchen »Tempels« rauschte, kam das Behagen der früheren Wohllebigkeit über sie. Sie bestellte auserlesene, feine, kleine Gerichte, – es war ja alles so billig! Dann staunte sie, wenn die Rechnung immerhin sechs bis sieben Mark betrug.

Mit ihrer Suche nach einer Existenz hatte sie bis jetzt noch keinen Erfolg gehabt.

Der Frühling sollte bald kommen. Edda war gewohnt, ihn im Süden zu erwarten. Sie war schon als Mädchen mit ihrer Mutter regelmäßig gereist. Sie hatte Italien, Dalmatien, die französische und die österreichische Riviera kennen gelernt. Ja einmal hatte sie eine Seereise gemacht, die sie bis nach Konstantinopel führte und hatte da mit den türkischen Frauen zusammen gebadet. Sie hatte erfahren, daß nichts ihrem geschwächten Körper so wohl tat, wie das Klima dieser südlichen Striche und vor allem die milden Bäder jener Meere. Und während sie jetzt den Vorfrühling in Berlin verbringen mußte, in der Hetzjagd nach Arbeit, im Gedränge der Armut, dachte sie, mit fast krankhafter Sehnsucht, an die flimmernde Luft von Fiesole und Capri, an die linden Wellen im Bosporus und im Seebad von Rimini. – – – Und trotzdem sie nicht die geringste Möglichkeit hatte, zu reisen, ließ sie sich von vielen Pensionen und Badeorten des Südens, die nun täglich in den großen Tagesblättern ihre Annoncen erscheinen ließen, Prospekte kommen. Gierig las sie diese verlockenden Schilderungen und stapelte alle diese Drucksachen sorgfältig auf, als dächte sie, sie vielleicht doch noch gebrauchen zu können.

Sie klagte Olga und Stanislaus ihr Leid, und die beiden seufzten darüber. Aber was sollten sie ihr raten? Olga versuchte, wenigstens ihre Antipathie gegen Berlin zu verscheuchen, indem sie sich Mühe gab, sie Berlin verstehen zu lehren. Sie führte sie in die Umgebung hinaus, an die Seen, in die frühlingshaften Wälder. Sie besuchte mit ihr Versammlungen und Veranstaltungen, in denen um neue Kulturforderungen leidenschaftlich gerungen wurde. Sie machte sie, an einem Abend in der Dämmerung, auf den einzigen Stimmungszauber aufmerksam, der über einem der stärksten Verkehrspunkte der Stadt lag: sie zeigte ihr den Potsdamer und Leipziger Platz zur Zeit, da die ersten Lichter entzündet wurden, mit seinen in weiter Runde aufgebauten Palästen, – wies sie hin, auf jene kolossalen, mit Ornamenten stilisierten Pfeilerfassaden des Domes einer modernen Gottheit, den Messel dahin gestellt hatte, – sie deutete hinüber auf das massige Gebäude des Potsdamer Bahnhofes mit seiner Flankierung der Vorort-, Ring- und Wannseebahn, ließ sie die lange Kette von Gartenorten ahnen, die sich von hier aus nach Südwesten zogen und dem Großberliner ermöglichten, draußen im Freien und doch auf der Höhe der Wohnungskultur sein Heim zu besitzen. Sie zeigte ihr das vergessene Stück Romantik, das da, mitten im Getöse des Potsdamer Platzes, lag, jene Mauern, hinter denen der flüchtige Passant sicherlich nicht das vermutete, was sie bargen, – den alten Dreifaltigkeitskirchhof, dieses verschonte Kirchengelände, das sich gegen profane Bebauung noch siegreich gewehrt hatte.

In Edda aber drangen diese Reize nicht ein. Nur in einem Punkte interessierte sie Berlin: als Hochburg der Frauenbewegung. Ihre Bewunderung hatten jene Frauen, die um Unabhängigkeit kämpften. Und dieser Kampf erregte ihr zugleich auch Schauer. Arbeiten, – das wollten diese alle. Sie begriff die Motive vollkommen. War man stark genug für den Kampf da draußen, – dann freilich brauchte man nicht irgendeinem Daniel Horatio gefällig zu sein ...

Aber mit der großen Ehrlichkeit ihrer Natur gestand sie sich, daß es für sie nur einen Beruf gab: eben den, – gefällig zu sein, den Glanz ihrer Reize verschwenderisch leuchten zu lassen, und dafür entgegenzunehmen, was sie so reichlich an irdischen Gütern brauchte. Erst Berlin hatte ihr die Augen geöffnet, was es für sie bedeutete, von der Teilnahme am Getümmel der Straße befreit zu sein. Immer würde es Frauen geben, – so sagte sie sich, wenn sie, nachdenklich, von einer Versammlung jener anders Gearteten nachhause kam, – immer würde es Frauen geben, wie sie, beladen mit allen Schwächen und gerüstet mit allen Reizen des Geschlechtes, weder fähig noch geeignet, in robuster Arbeit verbraucht zu werden, sondern dazu da, – pour faire plaisir aux hommes, wie der Franzose es artig nannte ... Schon wenn sie in einer Droschke rollte, deren vier Räder sie über das Niveau der Straße hoben und sie durch das Chaos sicher zu ihrem Ziel dirigierten, – schon dann empfand fand sie diese starke Erleichterung, nicht mitten drinnen zu sein, – im Fußvolk. Und nach und nach, je mehr sie litt, – schien ihr kein Preis zu hoch, diesen Zustand zu erkaufen. – – –

Eines Tages hatte sie sich wieder in einem Verlag vorzustellen. In der Gegend des Alexanderplatzes lag das Bureau.

Es wurde ihr übel und schwindelig zumute, als sie durch das Volksgedränge dieses Riesenplatzes durchsteuerte. Das brauste und wogte um das kupferne Koloß der »Berolina« herum, – vor den breiten Fronten des Polizeipräsidiums und eines populären Kaufhauses – und war doch die Öde selbst. Endlich war sie bei der großen Querstraße, die sie suchte. Erst weit unten fand sie die Nummer. Erschöpft ging sie die dunkle Treppe eines alten Hauses hinauf und stand bald im Bureau.

Ob der Herr, zu dem sie geführt worden war, der Chef oder nur ein Stellvertreter des Chefs war, wußte sie nicht. Es war ein Herr in dunklem Salonrock, mit langem, braunen Vollbart und etwas bleichem, gedunsenen Gesicht. Er schielte ein wenig, und seine Blicke bohrten sich, mit gekreuzten Strahlen, auf ihre Erscheinung. Er bot ihr einen Stuhl an; sie dankte, blieb stehen und reichte ihm eine Mappe, die ihre Modezeichnungen enthielt; während er darin blätterte, durchrieselte sie Entsetzen: die Hände, die in ihrer Mappe blätterten, waren Mißgeburten. Die linke Hand hatte vier Finger von abnormer Länge und Dicke, krallenartig gekrümmt, und einen verstümmelten Daumen; von den Fingern der rechten Hand waren die mittelsten kürzer als die äußeren, und sie lag auf dem Papier der Mappe, wie ein groteskes Gewächs aus dem Meeresgrund. Und was das Schrecklichste war, – diese beiden entsetzlichen Hände waren überladen mit Ringen. Da war ein großer Siegelring, ein goldener Trauring, ein Doppelreifen mit Brillanten besetzt und noch andere. Ein krampfhaftes Gelächter wollte aus ihrer Kehle heraus, wenn sie sich erinnerte, daß auch sie einst viele Ringe anzustecken geliebt hatte.

Der Herr hob den schwammigen Kopf, mit dem wallenden Bart, von der Mappe, und wieder zuckten die schielenden Blicke an ihr herum.

»Sie sind die Witwe des Professors Diamant?«

Sie neigte den Kopf.

Ohne die Blicke von ihr zu lassen, deutete er auf die Mappe. »Es sind da sehr talentvolle Sachen darunter, – Ihrer Anstellung wird nichts im Wege stehen, gnädige Frau. Welches Honorar beanspruchen Sie?« Dabei saß er noch immer in seinem Sessel, während sie, in ihrer ganzen Höhe, blendend schön in der dunklen Umrahmung ihrer Trauerkleider, vor ihm stand. Sie sagte, sie wüßte nicht, welches Honorar angemessen sei, er möchte das doch selbst bestimmen.

Der Herr erhob sich und reichte ihr die zugeklappte Mappe. »Ich werde Ihnen die Honorarvorschläge und die Arbeitsbedingungen, die Bureaustunden usw. in einem Briefe mitteilen lassen. Immerhin«, – seine etwas krächzende Stimme wurde glatter, – »hängt das doch auch sehr von Ihnen ab.« Er trat noch einen Schritt näher auf sie zu, – es wurde ihr bang und unheimlich zumute. Das düstere Berliner Zimmer war von einer einzigen Auerlampe erhellt, die an einem Wandarm über dem Schreibtisch hing und von einem grünen Papierschirm bedeckt war. Das Licht sammelte sich auf der Platte des Schreibtisches und hatte da die gräßlichen Hände beleuchtet. »Es hängt von Ihnen ab«, sagte der Herr, – trat noch näher auf die langsam Zurückweichende zu, und da, – da ereignete sich das Entsetzliche: er hob die Hand, – eine dieser beiden Mißgeburten, – er hob sie bis zur Höhe ihres Antlitzes – und fuhr ihr damit ins Gesicht. Ehe sie es verhindern konnte, war die Hand, die gräßliche, streichelnd an ihrer Wange herabgeglitten, und sie hörte die krächzende Stimme: »Es hängt von Ihnen ab.« – – –

Sie floh die Treppe hinunter, warf sich in das nächste Automobil, das ihr begegnete, und raste ihrer Wohnung zu. Dort stürzte sie zum Waschtisch und rieb mit aller Kraft ihr Gesicht ab, während die Tränen ohnmächtigen Zornes aus ihren Augen schossen. – – –

Einige Tage später kam ein Brief – aus Amerika. Ein kindischer und unbeholfener Brief; ein Brief, der davon sprach, daß unten, an der Côte d’Azur, nahe von Beaulieu, eine Villa stehe, eine zumeist vereinsamte, aber ganz reizende und komplett möblierte Villa, und daß der Schreiber des Briefes der Glücklichste wäre, diese Villa dazu verwenden zu dürfen, ihr, – Mrs. Diamond, – einen bescheidenen Frühlingsaufenthalt zu bieten. Würde sie es dann gestatten und hätte sie nichts dagegen, so würde er, – Daniel Horatio, – sich irgendwo in der Nähe niederlassen und ebenfalls die Reize des südlichen Frühlings genießen. Wenn sie ihn Ärmsten nicht vergessen habe, – »if you have not forgotten poor me,« – dann möge sie ihm doch ein Kabeltelegramm senden, – ein Ja oder ein Nein. Sei es ein Ja, – »which would bring the happiest hour of my life,« – so würde sie umgehend weitere telegraphische Nachrichten von ihm erhalten. – –

Bald darauf gab es in New York einen Glücklichen. –

Frau Edda aber erhielt die angekündigte telegraphische Nachricht und, zehn Tage später, ein Reisebillett von Cook für den Luxuszug Berlin-Genua. Gleichzeitig überbrachte der Bote einer deutschen Großbank ein großes, versiegeltes Leinenkuvert, an dessen Kopf eine vierstellige Zahl prangte, – die nötigen Mittel für die Vorbereitungen zur Reise.

Und so sagte sie dem grausamen Berlin und den Verwandten ihres verstorbenen Mannes Lebewohl. Sie besorgte noch schnell die wichtigsten Einkäufe – neue, helle Kleider, die die Witwentracht ablösen sollten – und Mantel und Mütze fürs Automobil ...

Sie fuhr über München, und die Nacht im Schlafwagen des Luxuszuges war die erste, in der sie wieder fest und glücklich schlief. Am anderen Tag sauste sie über den Brenner, hinunter zur italienischen Grenze, und blickte befriedigt hinaus auf die Berge Tirols, die stellenweise noch von Schnee bedeckt waren, über denen sich aber ein klarer, verheißender Himmel spannte. Dann kam die große Grenze zwischen Winter und Frühling: der lange Tunnel vor Genua. Und als aus der runden Höhle des Berges der Luxuszug herausschoß, da war er auch schon mittendrin im goldensten Glanze. Strahlendes Wetter erwartete sie in Genua. Ein kleines Appartement, bestehend aus zwei Zimmern mit Bad, war im Palasthotel für sie reserviert. Die wenigen Tage, bevor das Schiff aus New York kam, verbrachte sie mit Einkäufen und mit Ausflügen in die Umgebung. Ganz glückselig genoß sie alles, was sie so schmerzlich entbehrt hatte. In großen Garben kaufte sie Blumen ein, Magnolien, Gardenien und Rosen und füllte damit alle Vasen ihrer Zimmer. Die Zeit wurde ihr gar nicht lang, während sie in alten Palästen herumstrich oder in der eleganten Viktoria des Hotels hinausfuhr nach Pegli oder nach Nervi.

Als das Schiff ankam, wartete sie an der Landungsbrücke. Sie erkannte sofort, als der Ozeandampfer, mit auslaufenden Turbinen, in den Hafen einfuhr, die hagere Gestalt, die an Größe selbst die ihre überragte, mit dem langgezogenen, schmalen Kopf. Er lehnte an der Reling des Promenadendecks. Unter seiner Reisemütze zeigten sich die rötlichen Haare, und sein fast geschabt rasiertes, schmales Gesicht mit den wasserblauen, runden Augen schien ihr wie eine gute Erinnerung, die heute zu den ihr am meisten vertrauten gehörte.

Mit Mister Macpherson wurde auch the Car und dessen Bedienung ausgeschifft. Mit breitem Grinsen, das über seinem schwarzen Gesicht aufging, wie der Mond über der dunklen Erde, verneigte sich Billie vor der neuen Herrin. – –

Sie fuhren sofort von Genua weiter. Und als der Kraftwagen auf die Höhe der schönsten Straße der Welt, – der Corniche, – hinaufgesaust war, als sie unten, glatt und weit, in goldfunkelnder Bläue das Mittelmeer liegen sahen, während über ihnen die breiten Wipfel der Pinien rauschten, – da kam eine so helle Freude über Frau Edda, daß sie sich unwillkürlich dankbar, und glücklich, in den auf der Lehne ihres Sitzes breitliegenden, langen und knochigen Arm hineinbettete. Köstlich empfand sie den scharfen Anhauch der Luft, die sie sausend durchschnitten. Ihr Gesicht glühte, und eine wohlige Müdigkeit kam über sie. Daniel Horatio nahm mit der Linken aus der Tasche seines Mantels eine Automobilbrille, schob sie ihr, geschickt, auf die Nase und wagte es dabei, die Hand jenes Armes, in dem sie ruhte, sanft gegen ihre Schulter zu drücken. »Sleep, dear, – you will be tired.« Um sie vor dem scharfen Luftzug zu schützen, hob er die Hand dann von ihrer Schulter und hielt sie dicht vor ihre Wange. Und während sie ihr Gesicht mit Behagen an das weiche Wildleder seines Handschuhes schmiegte, verfiel sie tatsächlich in leichten Schlummer und hörte noch, im Halbschlaf, die Worte, die Daniel Horatio, indem er sein Gesicht zu dem ihren neigte, zärtlich in ihr Ohr flüsterte: – »I am a gentleman and I am clean.« ...


 

 

ACHTES KAPITEL

BEGEGNUNGEN

 

 

 

»Wie konnt ich ahnen,

Daß seine Bahnen,

Sich einen sollten

meinen Wegen? ...«

Rückert.

 


 

Mit einer großen Aktenmappe unter dem Arm ging Stanislaus eines abends nach Schöneberg. Er hatte nun das Material für seine Untersuchung über die Stiefvaterfamilie beisammen. Nun ging er mit einem großen Stoß Notizen, die er, nach seiner neuen Gewohnheit, verarbeiten wollte, indem er daraus einen ersten, zusammenhängenden Entwurf diktierte. Und zu wem anders hätte er gehen sollen, wenn er diktieren wollte, – als zu Lore Wigolski? ...

Ein Lächeln ging licht über ihrem Gesicht auf, als sie ihm die Tür öffnete. Er fragte gleich nach Lörchen! Aber die war mit ihrer Duenna auf Reisen, zu Besuch bei der Großmutter in Königsberg. Lore war allein zu Hause.

»Wollen Sie nicht erst ein wenig von Ihrer Arbeit erzählen, bevor Sie Wort für Wort diktieren?« fragte sie. Das frohe Lächeln hielt noch immer ihre Lippen geöffnet.

»Gerne, gerne«, sagte er, preßte seine Aktenmappe gegen die Brust und dachte nach.

Es war gegen Abend, und sie zündete die Petroleumlampe an, die, verhängt von einem gelben Schirm, mildes, gedämpftes Licht verbreitete.

»Ich habe drei Gruppen von unehelichen Kindern gefunden, – verstehen Sie! ... Da sind erstens solche, die bei Verwandten der Mutter, etwa in der Familie der Großeltern, untergebracht werden; die Sterblichkeit, – und diese war der Maßstab meiner Untersuchung, – ist hier nicht viel anders, wie bei den ehelichen Kindern.«

Sie saß lächelnd, horchend und nickte leise.

»Dann sind solche, die zu fremden Familien in Pflege kommen, – und diese,« er zog die Stirn in Falten, »diese haben eine doppelt so große Sterblichkeit.«

»Gibt es noch unglücklichere Würmer?« fragte Lore.

Er sah sie ernsthaft an. »Ja, Frau Lore, es gibt Kinder, die noch schlimmer daran sind, als solche, die zu fremden Familien in Pflege kommen.«

»Das sind wohl die, die in Findel- und Waisenhäusern untergebracht werden?«

Er schüttelte den Kopf. »O nein, die sind verhältnismäßig sogar sehr gut dran. Wissen Sie – welche Kinder das schlimmste Loos haben?« Und zaghaft, als habe er Angst, sie zu verwunden, – brachte er es heraus: »Das sind die Kinder – die allein unter der Fürsorge der Mutter aufwachsen ... aus ihren Reihen kommt das große Heer der ungelernten Arbeiter und der Kriminellen, – sie weisen die größte Sterblichkeit und die geringste Militärtauglichkeit auf.«

»Wie kommt das?« fragte Lore, und ihr Gesicht hatte einen bestürzten Ausdruck.

»Das kommt daher,« sagte er erklärend, »daß es eine zu große Aufgabe für die Mutter ist, das Kind ohne jede Hilfe durchzubringen. Wenn sie fort muß, um zu erwerben, so bleibt das Kind natürlich allein ... außerdem ist es doch natürlich – daß – hm, hm,« er hüstelte verlegen, – »daß der Vater des Kindes – im Leben einer vereinsamten Frau – nicht der letzte – Geliebte bleibt ... da kommt sie denn, ehe sie sich’s versieht ... von einer Hand in die andere ... und wenn sie nun auch wirtschaftlich keinen Boden unter den Füßen hat – so läßt es sich denken, daß sie nicht selten in immer tiefere Lebenslagen gedrückt wird.«

Lores Gesicht glühte, dunkler Purpur war ihr bis unter die Haare gestiegen. Sie atmete schwer. Endlich sagte sie leise, flüsternd: – »Das ist dann freilich schlimm für die armen Kinder« ...

»In der Tat,« sagte Stanislaus, »ich habe hier eine umfangreiche Statistik gemacht«, – – er zog einen Stoß Blätter aus der Aktenmappe, suchte darin und legte ein mit Ziffern beschriebens Blatt heraus. »Sehen Sie, ich habe hier statistische Aufzeichnungen, die noch mehrere Gruppen umfassen als die hauptsächlichsten, die ich Ihnen eben aufgezählt habe, – hier haben Sie zum Beispiel«, er deutete auf eine Ziffer, »die Gruppe der Kinder, deren Mutter stirbt. Das sind Vollwaisen. Sehen Sie hier deren Sterblichkeitsziffer,« – er fuhr mit dem Finger über das Papier, – »und hier jene andere, – die der Kinder, welche allein der Mutter überlassen bleiben. Sie sehen: Die Vollwaisen haben eine geringere Sterblichkeit, – als die der Mutter allein überlassenen Kinder.«

Sie blickte schweigend auf die Ziffern. »Das ist schwer begreiflich«, sagte sie dann. »Die Mutter gilt doch als die beste Pflegerin des Kindes; sie soll es doch auch nähren.«

»Ja – wenn sie ihr Kind nährt und pflegt, ist das freilich das Beste! Mutter und Kind sollen zusammen bleiben, – natürlich, – das ist das große Gebot; aber – es muß außerdem noch einer da sein, der das Futter heranbringt für beide ... Freilich«, fügte er dann nachdenklich hinzu, »steht es nicht für alle Zeiten fest, daß das gerade der Vater tut ... Es könnte wohl so kommen, daß die Gesellschaft ihren großen Vorteil darin sieht, sich dieses kostbare Material zu retten und der Mutter mit dem Kinde direkt beizuspringen ... Aber die Mutter allein – die Schwangere, die kürzlich Entbundene, die Nährende, die oft zu keinem Beruf Vorgebildete, – die kann nur in seltenen Fällen für alles das aufkommen, was einem Kinde gebührt, damit es heil in die Höhe wachse.« Und mit sachlich ruhiger Stimme fuhr er fort: »Infolge unserer guten Waisenpflege ist für die ganz verwaisten Kinder tatsächlich besser gesorgt als für die meisten von denen, die eine verlassene Mutter hilflos durchs Leben schleppt.«

Sie blickte traurig, hob dann langsam den Kopf und sah ihn voll an. »Da ist wohl mein armes Lörchen auch sehr schlimm dran?«

Er stutzte erschrocken, dann schüttelte er hastig den Kopf. »Aber Frau Lore – wie können Sie das alles – so persönlich nehmen! Bei Ihnen liegt doch die Sache ganz anders. Hier,« er deutete auf die Akten – »hier diese Untersuchungen, die sind an der Masse der Halt- und Hilflosen gemacht ... Sie, Sie stehen doch ruhig und sicher, Ihrem Lörchen wird ein Heim und ein Halt nicht fehlen; – freilich«, fügte er zaghaft hinzu, – »der Vater fehlt auch ihm, und das ist immerhin schlimm für ein Kind; aber das kann ja auch sein, wenn die Mutter verwitwet.«

Lore fuhr sich mit der Hand über die Stirn. » Sehen Sie, ich habe mir gerade im Gegenteil gedacht: die Kinder, die außerhalb jener – anerkannten Ehe geboren werden, welche doch oft aus allen möglichen Gründen, die mit – mit der freien Wahl zweier Menschen nichts zu schaffen haben, – geschlossen wird, – sehen Sie, – ich dachte mir, diese Außerehelichen, die so der freien Wahl ihr Leben verdanken, – gerade das ist eine besondere, – wie soll ich sagen – eine besondere ...«

»Auslese,« fiel er ihr ins Wort – »das ist es auch. Die Unehelichen sind oft biologisch das wertvollste Material, und daß sie in so hohem Prozentsatz zugrunde gehen, ist meist nur die Schuld der Verhältnisse, in die sie nach ihrer Geburt gestoßen werden. – – Wissen Sie aber, Frau Lore,« fuhr er lebhaft fort, – »welches die wirkliche Elite unter den Unehelichen und unter den Geborenen überhaupt ist?«

»Nun?« fragte sie gespannt.

»Das sind die Kinder, – die, trotzdem sie unehelich geboren werden, – doch noch in einer Familie aufwachsen, in einer Familie von Vater und Mutter – – nämlich – in der Stiefvaterfamilie.«

»So,« sagte sie und horchte hoch auf.

»Ja,« fuhr er fort, »wenn die Mutter später einen anderen Mann heiratet, dann ist das Kind zumeist geborgen. Hier liegen tatsächlich«, er fuhr mit den Fingern über seine Statistik, »die günstigsten Verhältnisse.« Er blickte in seine Akten: »Was Berufsausbildung und Militärtauglichkeit betrifft, so kommt diese Gruppe den Ehelichen am nächsten.«

»Aber, warum sagen Sie,« meinte Lore nachdenklich, – »daß diese Kinder zumeist auch eine biologische Elite darstellen?«

Er lächelte ... »Liebe Frau Lore, – denken Sie doch mal, – was für ein Prachtweib muß so eine Frau sein, die – die, – trotzdem sie nach unseren heutigen verschrobenen Moralbegriffen eine – Gefallene ist,« – er sagte es lachend und ohne Scheu, – »die also, trotzdem sie eine – solche – Gefallene ist,« – nun lachten beide, – »doch noch geliebt und geheiratet wird.«

»Eine große Ehre,« sagte sie, noch immer lachend, – »und welche eine Hoffnung für so eine arme Gefallene!« Das Lachen verschwand nicht von ihrer beider Gesichtern.

Er fuhr fort: »Und selbstredend hat so eine Prachtfrau wieder ein Prachtkind, – es ist da also eine Art Auslese – sozusagen automatisch wirksam.«

»Und es entsteht nicht selten eine Prachtfamilie auf diese Art, nicht wahr?«

»Na,« meinte er mit verlegenem Gesicht, und griff nachdenklich an sein Ohrläppchen, »manchmal kann sich der Herr – Stiefvater – was biologische Pracht anbelangt, nicht gerade als Mehrer der Familienschönheit betrachten ... – aber – das ist ja auch gar nicht seine Aufgabe.«

»Und was ist seine Aufgabe?« forschte Lore. »Oh – das ist eine feine Sache.« Er stützte den Kopf in die Hand und blickte ein wenig über die Ränder des Zwickers. »Bedenken Sie, wie viel mehr dieser – Wahlvater – für die Mutter zumeist empfindet, als der wirkliche Vater des Kindes. Ich habe hier auch Material gesammelt,« er drückte mit der Hand gegen die Akten, – »darüber, wie die Ehen mit dem sogenannten Schwängerer ausgehen, – der irgendwie gezwungen oder beeinflußt wird, das schwangere Mädchen zu heiraten. Zumeist tut er das, um die Alimentation zu ersparen. Diese erzwungenen Ehen« fuhr er ernsthaft fort – »werden zumeist sehr unglücklich. Das Kind wird da sehr oft als Last empfunden, man haßt es, als die unglückliche Ursache der ganzen, erzwungenen Situation. Ganz anders aber liegt die Sache in den Ehen mit dem – Wahlvater, dem Stiefvater. Er ist der Mutter mit dem Kinde begegnet –«, seine Stimme wurde tief und war von einem fremden Ton, den sie noch nie an ihm gehört, durchbebt, – »und hat beide – frei gewählt. Er liebt nicht nur die Mutter, – nein, er liebt auch das Kind.«

Mild und lösend drangen diese Worte in sie. Ihr war auf einmal, – als wäre sie nicht mehr allein, nicht mehr suchend, nicht mehr zu neuer, abenteuerlicher Fahndung genötigt. Und das Gefühl wurde in ihr stark: hier ist Schutz, – guter, guter Schutz. Sie schloß die Augen und ihr war, als hätte sie eine Vision: sie sah sich im Gedränge, – geschoben, gestoßen, hastend, suchend, – und da kam einer – ein einziger unter allen – und bot ihr seinen Arm. Sie sah den tiefen Ernst auf seinem Gesicht, sie fühlte, wie er ihren Arm leise gegen seine Brust drückte, und auf einmal wußte sie, daß er ihr diesen Arm nicht nur geliehen, sondern gegeben hatte. Sie schlug die Augen auf und sah, im Schein der Lampe, voll in sein Gesicht. Sie sah, wie seine Augen auf ihrem Antlitz ruhten und sie sah, wie sein Gesicht durchleuchtet war von Liebe. Oft hatte sie, in letzter Zeit, vergeblich versucht, sich an sein Gesicht genau zu erinnern, nun war es ihr, als ob sie ihn – erkannte. Einen Augenblick schien es ihr, als wäre sie ihm schon einst – irgendwo – irgendwann einmal begegnet, – als hätte sie das alles schon erlebt, – was sie eben jetzt erlebte, – und sie hätten sich jetzt – nach langer, langer Trennung – wiedergefunden und hätten sich, in vielen Verhüllungen, entdeckt, – erkannt. Sie sah die mächtige Biegung der Stirn, sah, wie edel und steil die Nase sich zum Munde streckte, sah, wie verschönt das Gesicht von dem großen Gefühle war, das es durchleuchtete, wie eine Flamme ein transparentes Gehäuse durchschimmert, – und sie erkannte ihn ...

 

* * *

 

Als er diesmal von Schöneberg nach Hause ging, hatte er nichts diktiert; aber sie hatten ernsthaft beschlossen, das am nächsten Tag nachzuholen; heute – hatten sie Besseres zu schaffen gehabt ...

Mit glücklichem Gesicht ging er durch die nächtlichen Straßen. Eine Melodie summte ihm durch den Kopf, und er suchte Worte als Text. »Wenn ich bei meiner Christel bin«, so hatte Goethe gesungen, – wie wird mir da so froh zu Sinn.

Erlöst fühlte er sich, – erlöst von dem Druck, der auf seiner Mannheit gelastet hatte. Daß ihm dieses je beschieden sein konnte, – nie hatte er es gedacht. Und daß er nicht nur eine Frau bekam, eine Frau von edler Art, – nein, auch eine Frau, die einen solchen Schatz, eine solche Mitgift ihr eigen nannte: ein wirkliches, lebendiges, fix und fertiges, wohlgeratenes Kind. Oh, was bedeutete dieser Schatz, diese Mitgift gerade für ihn! Er hatte es ihr schon heute gesagt, – ernst – Aug’ in Aug’ – nach der ersten, großen, seligen Freude, nachdem er das Wunderbare, das unsagbar Herrliche erlebt hatte ... Er hatte ihr gesagt: »Wir werden kein Kind haben, – denn ich habe nichts zu vererben.« Da hatte sie mit ihrem kräftigen, frohen Lachen geantwortet und hatte gesagt: »Wir haben ja ein Kind.«

»Ein richtiges, lebendiges Kind«, flüsterte er jetzt vor sich hin. »- Lörchen Wigolski,« – so konnte sie nicht auf die Dauer heißen; das tat nicht gut; »Lörchen Schubert,« – ein Lächeln glitt über sein Gesicht, – »Gott sei Dank, ausgeschlossen; aber Lörchen Diamant, – das mochte taugen.« – – –

An diesem Abend saß er wieder vor seinem Tagebuch. Er schlug das Heft auf – und kaute an der Feder. Sein Gesicht, von dem das Lächeln nicht wich, hatte einen verlegenen Zug. Hin und her drehte er den Federstiel in den Händen, – wahrhaftig, er schämte sich vor dem Buch, – er wußte nicht, wie er es – gestehen sollte. Aber ein Vers wollte ihm nicht aus dem Sinn, er flüsterte ihn immer wieder vor sich hin: »Durchsüßet und geblumet ...« Dann ging er zum Bücherregal, um den Vers auch wörtlich zu finden. Freund Walther von der Vogelweide, der wußte doch, wie man – solche Dinge – – sagte. Er legte das Buch vor sich hin und schrieb:

»Durchsüßet und geblumet sind die reinen Frauen.« Hier stock’ ich schon, – – sollte er nicht besser schreiben: die neuen Frauen? – – Pfui, Pharisäer! Nun gerade:

»Durchsüßet und geblumet sind die reinen Frauen«, – die Feder kratzte eifrig, und Blicke ins Büchlein wurden geworfen, – »So Wonnigliches gab es niemals anzuschauen«, – sein selig verklärtes Gesicht beugte sich fast zärtlich zu dem Papier, – und weiter kritzelte die Feder, – »In Lüften noch auf Erden, – noch in allen grünen Auen« ...

 

* * *

 

Während nun hier ein Schicksal in freundliche Bahnen bog, wurde ein anderes an gefährliche Klippen gedrängt.

Eines Tages kam Werner zu Olga, – bleich, verstört, zerrüttet.

»Es ist geschehen«, sagte er dumpf und preßte hilfesuchend ihre Hände.

»Was ist geschehen?« fragte sie, von banger Ahnung erfüllt.

Stammelnd berichtete er ... Der Gatte der Baronin habe das Verhältnis entdeckt.

»Wie konnte das sein, – und was soll nun werden?«

»Wie es sein konnte, das weiß ich nicht. Es war gestern in meiner Wohnung. Sie sagte, – wir wären in voller Sicherheit. Plötzlich – spät abends, wird an der Glocke gerissen – gegen die Tür geschlagen ... Wir schaffen kaum die nötigste – Ordnung, – als er auch schon an der Tür des Zimmers steht und Einlaß erzwingt.«

»Und nun?«

»Er hat mich gefordert ... morgen früh ...«

»Du sollst -?!«

Er lachte krampfhaft auf und fuhr sich mit der Hand in die Haare. »Ja, ja – bei der Tragödie darf das Satyrspiel nicht fehlen. Ich soll mich mit ihm schießen, – jawohl.«

»Willst du das wirklich?«

»Was bleibt mir andres übrig?« Und finster fügte er hinzu: »Mir kann es recht sein.«

»Werner,« sagte sie angstvoll – »du hast doch nicht die Absicht – den Mann der Baronin wie – wie einen Feind – aus der Welt zu schaffen?«

Starren Blickes sah er sie an. Dann schüttelte er den Kopf und sagte mit fester Stimme ... »Nein, ich habe nicht die Absicht, kann sie auch nicht haben, denn ich weiß nur schlecht Bescheid mit der Pistole.«

»Und er,« flüsterte sie, »wird er? – – «

»Das bleibt ihm überlassen«, sagte er fest.

Dunkel – wie ein schon vergessener Traum – stieg die Erinnerung in ihr auf: wie auch sie einmal einer Pistole mutig die Brust geboten ...

Am nächsten Tag, um die Mittagsstunde, als sie schon lange angstvoll wartete, stand er an ihrer Tür. Er war heil und unversehrt. Aber sein Gesicht schien blutlos, und sein Auge flackerte irr.

»Werner,« flüsterte sie, »ist es vorbei?«

»Es ist vorbei«, sagte er mit fremder, heiserer Stimme. »Es ist alles vorbei.«

Und dann erfuhr sie, was geschehen war ... Werner hatte in die Luft schießen wollen ... Aber als der Pulverdampf sich zerteilte, da sah er, drüben, den Gegner zurückgesunken, in den Armen seiner Zeugen.

»Ich habe ihn getötet«, flüsterte er. Und dann erzählte er noch mehr. Wie ein Gezeichneter war er durch die Straßen getaumelt, – hin, zu ihr, der Geliebten. Er traf sie und sagte ihr, was geschehen war, – sagte ihr, – daß sie nun frei war ... wie sie es gewollt. Da war in ihren großen Sphinxaugen ein Feuer entbrannt.

War es ihr Wille gewesen, – der in ihm gewirkt, – gegen den seinen ... oder war es doch auch sein Wille gewesen – verborgen dem wachen Sinn und nur wirkend in jener dunkelsten Tiefe, in die kein Auge blickt? ...

»Geh jetzt,« hatte sie ihn gebeten, »und komm wieder – in zwei Stunden, nach meiner Wohnung.«

Zwei Stunden war er in den Straßen umhergeeilt – und dann in das Haus gegangen, – in dem der Tote schon lag. Als er sich scheu der Tür näherte, da hatte ihm, bevor er noch die Klingel berührte, die Jungfer der Baronin geöffnet und ihm einen Brief hinausgereicht ... Er öffnete die zur Faust geballte Hand. Hier – hier – war der Brief.

Sie strich die zerdrückte Papierkugel glatt und las: »Die Tat ist geschehen, die geschehen mußte und doch nicht geschehen durfte. Ich eile zu dem – der solche Taten nicht setzt – und den ich liebe.«

Sie begriff nicht. Stumm hielt sie das rätselhafte Papier in der Hand. Da brach es aus ihm heraus. »Oh, verstehst du nicht – verstehst du nicht?! Ich – ich mußte die Tat begehen, – – – damit sie frei wurde – für einen anderen.«

»Aber du wolltest ihn doch nicht töten«, sagte Olga.

»Nein, ich wollte es nicht, – ich weiß nicht, – ich glaube, ich wollte es nicht ... Aber hätte ich ihn nicht getötet, so wäre ich doch derjenige gewesen – durch den ihre Ehe gelöst wurde – und der Name des – anderen – wäre frei geblieben. Kein Gesetzesparagraph hätte verhindert, daß eine neue Ehe – dort – geschlossen wurde. Keine Schmach hätte diese neue Ehe befleckt, und keine Bürde wäre auf sie geladen worden.«

Wie ein schwerer, wallender Vorhang, – so rauschte das Geheimnis zurück. Sie begriffen beide. Sie wußten alles, – auch wer jener andere war. Sein Bild stand in diesem Augenblick vor ihrer beider Seelen. Sie sahen ihn, wie sie ihn damals gesehen, – an jenem Abend, da er mit der Baronin und mit ihnen zusammen war. Wie wenn auf eine dunkle Bühne plötzlich, auf eine einzige Stelle, volles Licht fällt und eine Gestalt beleuchtet, die hier im Dunkel gestanden und nun allen sichtbar wird, – so sah ihn Olga. Sie erinnerte sich an den fast kahlen Schädel von ungeheueren Dimensionen, an jene Stirn, die steil, wie ein Dachgiebel, aufstieg und sich schwang, wie ein romanischer Bogen. Sie erinnerte sich an den durchdringenden Blick – und an die Worte, die jener Mann über das Wollen gesprochen und über die Wünsche, die sich abarbeiten für dieses gefährliche Wollen, wie die Sklaven. Sie erinnerte sich, was er über die Orientalen gesagt, – über ihre nüchterne und entsühnende Moral der inneren Abrüstung.

Und sie wußte, daß sich ihre und Werners Gedanken an diesem Bilde, das plötzlich, im vollen Licht, inmitten der dunklen Szene stand, begegneten ...

Sie war es, die aus dem betäubungsähnlichen Zustand zuerst erwachte. Sie raffte sich auf.

»Jetzt gilt es zu retten – was noch zu retten ist.«

»Und was sollte das sein, was hier noch zu retten wäre?« fragte er, mit verzerrtem Lächeln.

»Das bist du«, sagte sie. »Du mußt fort und sogleich.«

»Fort, warum?« Langsam nur drang durch die Nebel die Vorstellung zu ihm, die sie ihm klar machte: daß er verfolgt würde, – wegen Totschlags im Duell, – und daß er darum fort müßte, heute noch, sofort.

Er weigerte sich, vor den Folgen der Tat zu fliehen.

»Willst und kannst du denn bleiben, – jetzt, – hier – wo du solches erlebt hast?«

Die Scham des Mißbrauchten stieg ihm glühend zu Gesicht. »Fort, fort«, dachte nun auch er. Aber wohin? Nach der Schweiz, nach Italien, Amerika? Und ohne Mittel?

Sie grübelten beide. Plötzlich durchschoß sie ein Gedanke. »Ich weiß, wohin du gehst!« Und entschlossen teilte sie ihm ihren Plan mit. Er sollte zu Doktor Emmerich nach Ascona. Dort war er geborgen und konnte abwarten, bis er sich selbst wieder helfen konnte. Doktor Emmerich würde ihn aufnehmen.

Er ließ alles geschehen, wie sie wollte. Er blieb in ihrer Wohnung, während sie hastig den Hut aufsetzte und forteilte zu der Bank, bei der sie ihr Depot hatte. Sie hob einen Betrag ab. Die Filiale, bei welcher ihr Depot lag, war in einem großen Kaufhaus. Gerade gegenüber den Schaltern der Bank waren jene des Reisebureaus. Hier erfuhr sie, wann der nächste Zug ging, der nach der Schweiz Anschluß hatte. Dann nahm sie ein geschlossenes Automobil, fuhr zu ihrer Wohnung zurück und hieß den Chauffeur warten. In wenigen Minuten kam sie mit Werner wieder. Er hatte seinen breiten Filzhut tief in die Stirn gedrückt. Sie fuhren direkt zur Bahn. Ohne Gepäck reiste er ab.

 

* * *

 

Noch lag der Schreck über dieses gewaltsame Ereignis in Olgas Seele. Aber sie hatte keine Zeit, sich ihren bangen Gefühlen hinzugeben. Die Arbeit an ihrer Korrespondenz häufte sich immer mehr, und Lore mußte jetzt täglich kommen, ihr zu helfen. Und Lores Augen wurden immer froher und ihr tiefes Lachen immer herzlicher. Stanislaus kam, mit merkwürdiger Zufälligkeit, immer gerade dann, wenn Lore gehen sollte, – die er dann natürlich begleitete ... Der Bruder erschien ihr plötzlich sonderbar jung und lebhaft, elastisch und verschönt. Seine Kleidung wurde sorgfältig, beinahe elegant; er hatte sich einen neuen, dunkelblauen Anzug bei einem teueren Schneider machen lassen.

»Ist er auch richtig, – sitzt er gut?« fragte er die Schwester, als er sich darin präsentierte.

»Aber sehr«, sagte sie und wunderte sich nicht wenig. »Warum denn nicht schwarz, jetzt, in der Trauer?«

»Dafür genügt die Florbinde um den Arm,« meinte er, – »übrigens habe ich mir außerdem – auch noch einen schwarzen Anzug bestellt; Smoking« ...

Bald wußte sie, wie es mit beiden stand.

»Nur noch ein wenig sicherer stehen,« sagte Stan, – »soweit wir ›Freien‹ es überhaupt können; nur noch mehr Überblick über die Einnahmen, – geregelte Mitarbeit da und dort – Vollendung des Buches – ein neues Auflagenhonorar, dann sei es gewagt.« Und er arbeitete mit »Dampfkraft«, wie Lore erzählte, und stieß die Kapitel seines neuen Buches eines nach dem anderen heraus.

Nachdem Olga so viel über die Lage der Unehelichen zu hören bekam, fiel ihr ein, daß das Thema sich vorzüglich für einen Vortrag im »Bunde« eigne. Stanislaus war einverstanden und bat sie, sich für ihn mit Frau Dr. Wallentin in Verbindung zu setzen. Er hatte, solange er arbeitete, keine Zeit, irgendwelche »Schritte zu unternehmen« – außer die täglichen Schritte nach Schöneberg.

»Wie ein Kokon muß man sich einspinnen,« sagte er, – »will man ein Buch herausbringen.« Und er spann sich ein, und es gab jemanden – in Schöneberg – der ihm dabei half.

Olga schrieb an Frau Dr. Wallentin und erhielt bald Antwort.

»Sehr liebes Fräulein Diamant, ich möchte über die Arbeit Ihres Bruders, die mich in hohem Grade interessiert, recht ausführlich mit Ihnen sprechen, und vor allem möchte ich Sie endlich einmal wiedersehen. Es ist schon eine kleine Ewigkeit her, seit wir uns zuletzt begegnet sind. Vielleicht kommen Sie beide eines Nachmittags zu mir heraus in den Grunewald?«

Und da Stanislaus noch immer keine »Schritte unternahm«, so ging sie allein.

Es war richtiger Frühling geworden, auch in Berlin. Der Park um die Villa blühte ... Der See funkelte in goldenen Reflexen, als hielte er alle Strahlen der Sonne gefangen.

Olga saß mit Frau Wallentin auf der Terrasse, unter dem Dach der Markise, am runden Teetisch, und sie blickten in die wiegenden Wipfel der Kiefern und in das zarte Laub der Buchen.

»Ich habe mich in letzter Zeit dem Bunde wenig widmen können«, sagte die alte Frau. Sie schenkte selbst den Tee ein. Wie liebte Olga diese edlen, durchstrahlten Hände, wie dankte sie im Herzen dieser alten Frau dafür, daß sie ihr und allen, die sie kannten, ein wunderbares Märchen kündete, – daß sie ihnen allen zeigte, wie schön das Alter sein kann. Selten nur war sie herausgekommen, trotzdem sie wußte, daß sie kommen durfte. Zuviel der Störung und der Verstörung hatte sie erlebt in all der Zeit, und schamhaft hatte sie sich dann vor dieser Lichten verborgen.

Jetzt, wo sie wieder bei ihr saß, dachte sie, daß man immer nur zu den Menschen gehen sollte, in deren Nähe man selbst schöner würde, – ruhiger und reiner in der Linie. Hier schien es ihr, als ob ihre Seele mit gebändigtem Feuer, wie ein Vogel, der sich sicher in reinen Lüften wiegt, frei und leicht ihres Weges flöge ... Und so, wie es Menschen gab, – so dachte sie, – die alle Schichten eines anderen Seins in wilde Wirbel brachten, bis es Aufruhr und Lava gab, – so andere, die die Elemente sänftigten, die Dämonen bannten, – in deren milder Sphäre Vollbringen wohnte. Und Goethes erhaben-demütiges Danklied kam ihr in den Sinn: » ... Spähtest, – wo die reinste Nerve klingt.«

Sie hatte Frau Wallentin nicht gesehen, seit sie nach Hause gereist war, und auch vorher, während der Bitternisse, die sie erlebt, – nur selten. Sie erzählte ihr, daß der Vater nun tot war.

»Und nun bleiben Sie hier – bei uns. Denn wir brauchen Sie«; und mit innigem Lächeln nickte sie ihr zu.

Olga berichtete von Stanislaus und seinem neuen Buch. Frau Wallentin riet, den Vortrag bis zum Herbst zu verschieben. Denn da er das Buch noch nicht abgeschlossen habe, so würde es zu spät in der Jahreszeit werden, um mit einem Vortrag herauszutreten. Aber sie wollte erfahren, was er gesammelt hatte, und Olga mußte ihr versprechen, dem Bruder zuzureden, daß er sie bald aufsuchen möge.

Dann erzählte Olga von Erika, – der einstigen Helferin beim Ordnen der Bibliothek. Stumm und bang horchte die alte Frau, als sie von jenem Abend sprach, an dem Erika sterben wollte, und ein großes Leuchten brach aus ihren Augen, als sie hörte, was dann geschehen war.

»Die Welt ist voll von Wundern,« sagte sie leise, – »ihr Glücklichen – ihr Jungen, vergeßt das nie.« Ein wehmütiges Lächeln umschattete ihren Mund.

In Olga stieg die Sorge auf, ob die alte Frau sich gesund fühle, und sie fragte, warum sie sich dem Bunde weniger gewidmet habe. »Es ist doch nicht – weil Sie behindert waren?«

»Ich war behindert – aber durch etwas sehr Glückliches«, sagte Frau Wallentin. Ihre blauen, tiefen Lichtaugen strahlten auf. »Mein Sohn Manfred ist endlich gekommen.«

Und sie erzählte ihr von ihm.

Sie berichtete – nicht als ob sie die Mutter wäre. Sie sprach mit der glücklichen Begeisterung, mit der ein junges Mädchen von dem Manne spricht, der seine Träume verwirklicht. Sie erzählte, – daß er ein Mensch war, der nach einem vorgefaßten, festen Plan systematisch ein Lebenswerk baute. Er hatte ein Programm von Taten, für deren Beendigung ein Menschenleben nicht ausreichte.

»Aber was tut dies,« warf sie mit frohem Lächeln ein. – Sind wir denn nicht da, um unsere Taten an andere weiter zu geben? Und nun gar er! Sobald seine Pläne ›selbständig laufen‹, wie er es nennt, dann überläßt er sie ihrem Schicksal und nimmt das nächste Werk in Angriff.

Manfred hatte erst Medizin und dann Nationalökonomie und Philosophie studiert. »Und doch ist er kein Gelehrter – wie Erasmus von Rotterdam«, berichtete die Mutter, lächelnd. Und ernst fügte sie hinzu: »Er ist ein Organisator ... Ihn beschäftigte alles, was die Welt vollkommener macht. Zehn Jahre hat er damit zugebracht, die Erde zu bereisen. Und während er wanderte und das Leben der Völker durchforschte – ging er zu den Einzelnen – zu den Großen, zu denen, die die Welt vorwärtsrücken. Diese Größten – ob sie Einsame waren oder Gefeierte, – die hat er in aller Herren Länder aufgesucht, – und hat sie verknüpft – zu einheitlicher Tat.«

Es war eine Organisation gewaltiger Namen, eine Organisation der bewegenden, geistigen Kräfte dieser Welt, die er, in aller Stille, geschaffen hatte. Eine Zentralstelle zur Durchforschung der Probleme der Entwickelung sollte gegründet werden. Jetzt erst, nach zehnjähriger Vorbereitung, ausgerüstet mit diesem Stabe glänzender Namen, die allein jene Autorität erringen konnten, die notwendig war, um der Organisation zur Macht zu verhelfen, – sollte das Zentralkomitee öffentlich begründet werden. Und Frau Wallentin erzählte, daß das Unternehmen eingeteilt war in die verschiedensten Kulturkreise, mit einzelnen, stofflich verschiedenen Arbeitsbezirken. Die bewegenden Probleme der Welt galt es, nach dem Standpunkt internationaler Kenntnis, zu sichten. Auf dem Gebiete der sozialen Gestaltung, der Organisation der Völker, der Verbindung der Intellekte, der Revision der moralischen Gesetze, auf denen die Menschheit fußen konnte, galt es, zu wirken. Und im Mittelpunkt der ganzen, globischen Zentralisation stand ein Komitee zur Erforschung der Gesetze der Deszendenz und der Variation, – eine wissenschaftliche Kommission, die die sozialen und die biologischen Gesetze untersuchte, durch welche die Erzeugung hochwertiger Menschen gesichert schien. Von diesem Zentralgedanken ausgehend, hatte auch die Mutter jenen Bund begründet. Der Grundgedanke, der sie und die Söhne leitete, war der, daß alle Kulturtaten unendliche Zersplitterung der Kräfte, solange mit sich bringen müßten, – solange nicht der Mensch selbst auf der Höhe der Art stand. Aus dem Bereiche des Zufälligen, des oftmals Schädlichen und die Entwickelung der Art Hemmenden, – sollte die Zeugung des Menschen zu einer Tat werden, aus der immer wieder nur höheres Leben entstehen konnte. Die Gesetze der Hygiene mußten zu diesem Zweck ebenso revidiert werden, wie die der sozialen Bedingungen, innerhalb welcher Menschen aufwuchsen. Die Abschaffung schädlicher Fortpflanzungssitten und die Festigung der Rechte, die eine gesunde Selektion verbürgten, standen an erster Stelle des Arbeitsprogramms.

Und die Mutter sprach auch von den Ahnen ihres Sohnes. Zwei Varianten waren es, die in dieser Familie immer wiederkehrten; die Bedenklichsten und die Waghalsigsten. Gelehrte und Revolutionäre wurden in dieser Familie immer wieder geboren. Manchmal auch schlossen sich diese Strebungen in einer Gestalt zusammen, und es entstand einer, der sich auflehnte und dennoch bedenkend seine Taten formte, den das Feuer der eigenen Seele nicht über die wahre Natur der Dinge hinwegtäuschen konnte, der sie ansah mit der nüchternen Ruhe des Forschers und sich doch nicht beruhigte darüber, daß sie so waren, wie sie waren, – sondern, – in Ahnung ihrer höheren Formen – weiter und immer weiter ging ...

Olga hatte gehorcht; sie hatte alles umschlossen, alles geborgen. Die Stunde war glücklich. Nicht immer war die Seele so weit, so frei, so hingegeben, – daß sie horchen konnte, wie heute, an diesem goldenen Tag.

»Da kommt Manfred«, sagte die alte Frau. Die Gittertür zum Park war geöffnet worden, er kam über den Weg dem Hause zu.

»Ein hoher Mann«, dachte Olga. Er grüßte hinauf. Sie sah, daß sein blondes Haar schon silbern schimmerte. Sie sah, als er näher kam, daß er die blauen, tiefen Lichtaugen der Mutter hatte. Dann verschwand er im Haus und stand bald darauf bei ihnen, auf der Terrasse.

»Ein hoher Mann«, dachte sie ... Seine Augen – wie liegen sie sehend auf den Dingen – auf den Bildern dieser schönen, rätselvollen Welt. – – – Und wie gläubig sind seine Augen – als ahnten sie die letzten Dinge, – die letzten, – leuchtenden Dinge, – – die diese rätselvolle Welt durchstrahlen ...

Die Stunde war glücklich, golden war der Tag. Die Seele so weit, so frei, so hingegeben, – als flöge sie, in gebändigtem Feuer, frei durch den unendlichen Raum, – als wiege sie sich, wie der sichere Vogel, im goldenen, goldenen Himmelsblau ...

Sie blieben zu Dritt. Sie sprachen. Sie sah seinen Mund, von keinem Bart verborgen, sie sah diese reinen Linien um den Mund. Wie klar, wie licht war es um diesen Mund ... Die Stunde war glücklich, – sie verstand, sie verstand. Sie erkannte: Das vollendete Ebenmaß; die ausgewogene Kraft; nichts schwankte, nichts taumelte. Sie verstand diesen Blick, – diesen Ruf im Auge, – der die Gedanken der anderen beschwingte ... Das war ein gütiges Rufen und ein mildes Horchen im Auge ... Wie hob es die arme, erdenschwere Seele, – machte sie mutig, wissend um sich selbst, mutig und frei, – frei, dass sie sich wiegte, – wie der Vogel im goldenen Äther. Es war ein glücklicher Tag. – – –

 

* * *

 

Stanislaus erfuhr von ihr, wem sie begegnet war, und ihre Schilderung machte ihn hochaufhorchen. Wenige Tage später erhielt sie eine Nachricht von Frau Wallentin, die für Stanislaus von großer Bedeutung war. Frau Wallentin teilte ihr mit, daß Manfred seinem Unternehmen ein publizistisches Organ angliedern müsse und daß er ihrem Bruder den Vorschlag machen wollte, in diese Redaktion einzutreten. Nun setzte sich Stanislaus mit Dr. Wallentin in Verbindung und besuchte ihn bald darauf.

Er hatte ihr versprochen, sie gleich nach seiner Rückkehr aus dem Grunewald, noch am selben Abend, aufzusuchen. Sie saß in ihrer Wohnung und wartete. Was würde er sagen? Ob er so dachte wie sie, ob er erkannte, wie sie, – daß hier einer war, wie sie noch keinem begegnet waren? Manfreds Bild stand vor ihrer Seele – die hohe Erscheinung, – das blond­silberne Haar, – dieses Leuchten um den Mund ... sie preßte die Hand auf ihr Herz. Dieses Bild wich nicht aus ihrem Erinnern; immer wieder sah sie ihn und hörte im Geist, wie er mit seiner Mutter und mit ihr gesprochen, – deutlich stand sein Wesen vor ihr, in seiner klaren Ruhe, mit seiner menschlich gütigen Verbindlichkeit, die sich mit dem edlen Stolz seiner Haltung so seltsam einte. Wie eine sanfte Glut strömte es ihr aus dieser Vision entgegen, als hätte das innere Feuer, das von ihm ausstrahlte, sie ergriffen. Und je mehr sie sich in dieses Erinnern verlor, desto mehr empfand sie eine fremde, süße Auflösung, die sie bis heute nicht gekannt, – eine junge und jubelnde Sehnsucht ...

Stanislaus kam. Sie sah an seinen glänzenden Augen, daß er Gutes erlebt hatte. Er erzählte ihr freudig, daß Dr. Wallentin ihn als Redakteur für das neue Blatt, das in Form einer Monatschrift erscheinen sollte, verpflichtet habe. Es war ein Triumph für sie, daß der Bruder auf dieser für ihn so unverhofft glücklichen Tatsache nicht lange verweilte und von dem Manne sprach, – von dem er erfüllt war, wie sie.

»In ihm«, sagte er, »sehe ich zum erstenmal den vollkommenen Weltmann, – natürlich nicht im Sinne jenes Salonwortes, das heute jeder Geck für sich in Anspruch nimmt. Nein, er ist,« – vertieft ging er im Zimmer auf und ab, – »er ist der Mann der großen, weiten Welt.« – – – – Er ging, mit gesenktem Kopf, die Hände in der Tasche, mit eiligen Schritten durch das Stübchen, als rekonstruiere seine Phantasie das Bild, das sie empfangen. »Einen solchen Mann«, sagte er, »muß man vor allem an seinem Werke sehn. Er ist einer der Helden, die man bei ihrer Arbeit aufsuchen muß.« Er blieb stehen und hob den Kopf.

»Ich habe mit ihm mehr als zwei Stunden über sein Werk gesprochen. Er setzte mir auseinander, in welchem Sinne er das Blatt leiten will. Die Dinge sollen untersucht werden, – auf ihre Natur hin – verstehst du wohl.« Er sah die Schwester fragend an und fuhr eindringlich fort: Das heißt: wir wollen in diesem Blatt nicht uns selbst und unsere Nuancen entfalten, – die Objekte sollen darin ausgebreitet werden, treulich und ihrer Natur gemäß. Und es soll untersucht werden, wohin wir auf Grund der vorhandenen Tatsachen zu steuern haben. Die Mitarbeiter gehören allen Kulturländern an; Persönlichkeiten, – aus aller Welt, – bilden den Ausschuß dieser internationalen Liga. Es sind Staatsmänner und Schriftsteller, Naturforscher, Soziologen, Philosophen; und außer den europäischen Staaten sind Indien, China, Japan, Amerika, Neuseeland vertreten.

Olga fragte, auf welche Art diese Liga in der Öffentlichkeit auftreten wolle.

Zuerst werden eine Reihe von Vorträgen und internationalen Kongressen veranstaltet. Die Gesellschaft tritt in Aktion mit der ausgesprochenen Absicht, alle Ziele zu verfolgen, welche zur Hervorbringung eines menschlichen Leistungsadels führen. Man geht politisch vor: wenn man durch große Kongresse die öffentliche Meinung beeinflußt hat, so tritt man an die Körperschaften solcher Staaten heran, die für kulturelle Reformen in Frage kommen. Man gründet überall Zentralstellen zur Verständigung der Kulturvölker, zum Zwecke gemeinsamen Vorgehens; anstatt der groben Partei- und Nationalpolitik, die heute zumeist getrieben wird, will man den Gedanken einer intellektuellen Weltpolitik durchzusetzen suchen. Die Staatsgewalt soll diesem Gedanken erobert werden. Darum mußte diese erlesene Schar verbündet zusammentreten ... Und er nannte ihr die Namen der großen Dichter und Künstler, der großen Staatsmänner, der Forscher ...

»Übrigens hat Dr. Wallentin noch einen jüngeren Bruder, der Anthropologe ist und gleichzeitig auf anderen Wegen eine Weltreise machte, aber zu demselben Zweck. Während Wallentin, der ältere, soziale Tatsachen sammelte und gruppierte, hat der jüngere Wallentin das Problem von der ethnischen Seite untersucht. Die Lebensverhältnisse auch noch unbekannter Völker soll er untersuchen, – auch das wird zu dem Werke gebraucht.« Er schwieg eine Weile, in Gedanken tief versponnen, dann fuhr er fort: »Dieses Werk zu erdenken, ist allein schon ein Wunder. Scharf umgrenzt steht das Ziel da, –« er sprach wie für sich selbst und blickte ins Weite, als sähe er eine noch ferne Gestalt, – »das Ziel, welches heißt – die Welt politisieren, in dem Sinne, daß menschlicher Adel erwachsen kann ... Mehr schöne Menschen, – das ist die Forderung, an deren Nichterfüllung die Welt krankt. Von hier aus muß das Werk der Reformation einsetzen.«

Wie? In Olga drängte eine Erinnerung ans Licht, und sie sprach sie aus. War das nicht derselbe Gedanke, der einstmals Werner zum Sozialismus geführt hatte? Ersehnte nicht auch er eine Gestaltung der Dinge, die, indem sie das Terrain für alle ausglich, – scheinbar nivellierte, – gerade dadurch eine individuelle Wertung ermöglichte, indem die Besten und Tauglichsten erst auf diesem nivellierten Boden in ihren verschiedenen Höhen erkennbar wurden? Die Bedingungen, unter denen ein generativer Adel der Menschheit sich bilden konnte, systematisch schaffen zu helfen, – war das nicht auch sein Gedanke gewesen?

Und auch Stanislaus entsann sich; ja, es war ein Gedanke, der in der Zeit lag; auf verschiedenen Wegen drängte man dahin, – den Menschen zu heben, – seine Person selbst, – vom Keim an. Er erinnerte sich, wie sie sich beide, suchend, tastend um das Problem gemüht hatten, das ihnen erschienen war, wie ein verschleiertes Bildnis, und wie er, Stanislaus, zu Werner gesagt hatte: »Nicht ich und nicht Sie können die Gestalt dieser verhüllten Erscheinung erkennen ... da ist ... ein letztes, das fehlt ... Ihnen und mir fehlt ... ein letztes Ahnen, – ein Wissen um dieses Ding« ... Und wie sie vom ahnend Geborenen gesprochen, – auch daran erinnerte er sich, – der allein löste, worüber sie grübelten.

Und beide, Olga und Stanislaus, sprachen es fast im gleichen Augenblick aus, – daß Werner hierher gehört hätte, – hierher als Schüler, hierher zu Manfreds Werk. Werner – wo war er? Gelandet, – gestrandet?

Aber sie wollte noch mehr hören von dem, was Stanislaus heute erfahren hatte. Und er erzählte von der imposanten Kleinarbeit, die als Mittel zum großen Zweck hier im Gange war: »Durchforschen und erfahren, sichten, gruppieren, registrieren, – die Dinge ansehen, rein auf ihr Wesen hin, mit Zurücksetzung aller subjektiven Färbung. Eine systematische Riesenuntersuchung der Tatsachen; und dann die Gruppierung dieser Tatsachen, die Schichtung, – immer höher und höher,« – er machte mit der Hand ansteigende Bewegungen, – »wie eine Pyramide sich verjüngend, – bis hinauf zur Spitze der Forderung: des positiven Programms.«

Er konnte kein Ende finden, – und sie horchte.

»Dabei ist diesem Manne alles Schwelgen im Unklaren, alles romantische Träumen zuwider.«

»Diese Abneigung soll ja auch seine Ehe geschieden haben«, sagte Olga.

»Seine Ehe?«

»Ja, er ist verheiratet, und jetzt, als er zurückkam, hat man sich beiderseits zur Scheidung entschlossen.« Sie erzählte, was sie im Bunde von der Gattin Dr. Wallentins gehört hatte. Wie hieß sie doch? – Frau Lucinda Wallentin.

Stanislaus fuhr fort: »In dieser romantischen Selbstbenebelung der Menschheit sieht Dr. Wallentin das Haupthindernis ihres Fortschreitens. Dieser dämmernde Selbstbetrug, in dem sich ganze Zeiten gefallen, die sich in verschleierter Unklarheit über das Wesen der Tatsachen hinwegtäuschen wollen, ist für ihn der Wegebahner der furchtbaren Machtherrschaft des Unsinns. Seiner Meinung nach ist dies der Grund, warum die Menschheit als großes Ganzes noch immer dumpf ist, dumpf und verschlafen, – und warum es nur wenige gibt, die die Wege erkennen, die sie gehen muß. Freilich, um diese dämmerigen Schleier entbehren zu können, bedarf es der Gehirne, die in gutem Zustand geboren sind ... Durch diese Riesenuntersuchungen, die fortlaufend und systematisch über alle Tatsachen der Entwickelung geführt werden sollen, soll die intellektuelle Weltanschauung aus der Zone der grünen Theorien herausgelöst und praktisch vollstreckbar werden.« Und begeistert fuhr er fort: »Mit diesem Manne zu sprechen, – welch ein Glück! Es war einer der seltenen Fälle, daß zwei Menschen, ohne jede Unterstreichung, ja ohne jeden Nachdruck, fast ohne Kommentierung, sich aussprechen und verständigen konnten.« Er blieb vor der Schwester stehen.

»Im übrigen ist Dr. Wallentin selbst kein Agitator. Denn Agitation ist nicht zu denken, ohne daß die persönliche Ansicht die besprochenen Fragen tendenziös färbt, – und ohne daß man das vorhandene Publikum auf irgendeine Weise zu Taten drängt, deren Notwendigkeit zu begreifen es meist noch nicht Zeit gehabt hat. – Das ist nicht seine Sache. Er sammelt ruhig sein Riesenmaterial und spannt das Netz seiner Erkenntnis weiter. Diese anschauliche Ausbreitung überhebt der Agitation. – Sie wirkt von selbst, wirkt durch ihr tatsächliches Material und wirkt um so stärker, je weniger demagogisch sie auftritt. – Sie wendet sich nicht an das momentan und zufällig vorhandene Publikum, – sondern an jenes – das später – und nicht zufällig – vorhanden sein wird. – Welch eine Tat,« fuhr er fort, »welch ein Wunder des Willens, – des geschulten Willens, der« – nachdenklich suchte er im Gedächtnis, – »der die Aufträge der Intelligenz auch zu erfüllen vermag, – wie es bei Feuchtersleben heißt.« – – –

Das Erlebnis dieser letzten Tage war so groß für Olga, daß ihr die Welt darin versank. Es war ihr endlich ein Mensch begegnet, – – dem nichts mehr »fehlte«, um ein Mensch zu heißen ... Hier also war die Grenze des Zwischenreichs – nach oben – überschritten ... Hier waren keine Absonderlichkeiten, hier waren die urtümlichen Eigenschaften hoher Menschenart voll entwickelt, durchbildet und funktionsfähig. Hier waren Instinkte, die zur Erhaltung des Lebens strebten, und ein Heroentum, das sich über die staubige Erde schwang, vereint. Plötzlich erinnerte sie sich der Worte, die ihr Cousin, Professor Diamant, bei jenem letzten Mahle in Wien gebraucht hatte. »Zeig’ mir einen modernen Gedankenheros,« so ungefähr hatte er wohl gesagt, – »der sich nicht versteigt auf irgendeiner Martinswand, – von der ihn kein Gott herunterholt! ...« Gerade diese Gegenwart, in der sie lebte, war überfüllt von solchen, die tollkühn ins felsig Zerklüftete kletterten, – ohne die Führung wegeweisender Instinkte; die dann hilflos irgendeinen spitzen Grat umklammerten, – nicht weiter konnten, – stürzten, – spurlos verschwanden. Hier aber war einer, der sich ins Unwegsame gewagt hatte und sich doch nicht – verstieg.

 

* * *

 

Nach einigen Wochen, während welcher Stanislaus, der sein Buch beendet hatte, mit Dr. Wallentin das Bureau der Redaktion organisierte und auch Olga öfters hinausgekommen war zu ihrer alten Freundin, – während das Bild ihrer erfüllten Sehnsucht sich immer stärker in ihrem Herzen festigte, kam die erste Nachricht von Werner; seltsam mutete an, wovon er berichtete.

Kurz nachdem er nach Askona gekommen war, wo er im Hause Dr. Emmerichs alles fand, um die betäubten Kräfte seiner Seele wieder zu beleben, hatte er eine Nachricht erhalten – von einem, von dem er sie am wenigsten erwartete. Herr von Bredow hatte ihm geschrieben. Auf Umwegen, da er seine direkte Adresse der Berliner Post nicht angab, erreichte ihn der Brief. Bredow schrieb ihm, – er habe, teils aus den verdeckten Reden der Baronin, teils durch direkte Nachforschungen, erfahren, was sich zwischen ihm und jener Frau begeben, in welcher Weise die Baronin über Werner einen Weg gesucht hätte, der zu einem mit Bredow vereinten Leben führen sollte. Er habe sie geliebt, aber niemals daran gedacht, sie aus ihrer Ehe an sich zu reißen. Da sie nun kam und frei war, so hätte er freilich geglaubt, am Ziel seiner Wünsche zu stehen, bis – bis er erfuhr, mit welchen Mitteln dieser Weg geebnet worden sei. Als er endlich die volle Wahrheit, nach langem Forschen, herausgefunden, da hatte die Vereinigung mit jener Frau aufgehört, für ihn ein Glück zu bedeuten. Er habe, sobald er alles gewußt, nicht anders gekonnt, als sich von ihr zu trennen, und es sei für ihn ein moralisches Müssen, Werner dies mitzuteilen. Gleichzeitig gab ihm Herr von Bredow noch eine andere bedeutsame Nachricht. »Sie haben mir seinerzeit«, so schrieb er ihm, – »von Ihrer Sehnsucht nach einem gedanklich-religiösen Ziel gesprochen, nach einer Art philosophisch vernünftiger Andachtslehre. Ihre Sehnsucht nach ›Gott‹ kann keine der europäischen Kirchen, – die mit einem persönlichen Gotte rechnen, – Ihre Sehnsucht nach einem moralischen Dogma, in dem alles beschlossen ruht und aus welchem heraus die Lösungen menschlicher Wirrnisse erwachsen, konnte auch keine der modernen, reformatorisch-sozialen Bewegungen stillen. Und waren Sie schon damals eines solchen Glaubenszieles bedürftig, so wird es heute, wo Sie schwere Verwundung erlitten haben, ein noch stärkeres Bedürfnis für Sie sein, im Schoß einer Lehre, die hohe Vernunftausblicke mit religiöser Sammlung eint, Frieden zu finden. Das philosophische Kloster ist übrigens nicht nur Ihrer Sehnsucht ein Ziel, sondern es ist eine Art Zeitbedürfnis für alle die, die mit den Riten der bestehenden Kirchen nichts mehr zu schaffen haben und dennoch nach einer Stätte suchen, wie sie bisher nur die Klöster boten. Für alle die muß ein neues Klosterleben geschaffen werden, das als Zuflucht, als Stätte der Andacht für sie bereit steht, – in welchem die leidende Seele Genesung und Frieden findet, sich aus dem Getümmel des weltlichen Kampfes zurückziehen kann und doch keinerlei Dogmen, die gegen die klare Vernunft verstoßen, sich verschreiben muß. Hoch ist der Wert der Andacht. Das Gebet ist eine Sammlung der innersten Kräfte, eine Dämpfung gefährlicher Wünsche, – denn nur der erlaubte Wunsch wagt es, Gebet zu werden. Sie fragten mich damals, als wir uns in Berlin begegneten, wie und wo Sie an die europäische Sekte des Neubuddhismus, von welcher ich Ihnen berichtete, Anschluß finden könnten? Ich wußte Ihnen damals nichts Genaues zu sagen. Heute, da wir uns wieder begegnen – – kann ich Ihnen die gewünschte Mitteilung geben. Drei Deutsche, die in Indien das gelbe Kleid der Buddhistenmönche nahmen, haben in der Nähe von Lugano das erste europäische Buddhistenkloster gegründet. Suchen Sie diese Männer auf, es wird Ihnen nicht schwer fallen, sich ihnen anzuschließen, – denn die Fäden Ihres Schicksals laufen, wenn mich nicht alles trügt, gerade dahin ...« Der Luganer See war in der nächsten Nähe von Werners jetzigem Aufenthaltsort Ascona, am Lago Maggiore, und er hatte nicht gezögert, die Besiedelung bald aufzusuchen. Von den strahlenden Gestaden des Sees ein wenig entfernt, verborgen im Gebirge, standen einige Blockhütten – die erste Niederlassung des indo-europäischen Ordens. Die gewünschte Aufnahme war ihm bewilligt worden, – in wenigen Tagen wollte er ganz dahin übersiedeln.

»Wie bedeutsam ist es doch,« schrieb er, »daß gerade die Hand jenes Mannes, die unsichtbar und ohne ihren Willen beteiligt war, mich in den Abgrund zu stoßen, daß gerade jene Hand mir den Weg weisen muß zu neuem Leben!« ... Dann berichtete er über die Hauptgedanken der Lehre, wie sie ihm in Novaggio bei Lugano von den deutschen Buddhisten erläutert worden war. Vor allem erkenne diese Lehre keinen persönlichen Gott an. Es wäre kaum irgendein Grund, sie überhaupt als Religion zu bezeichnen, sondern es gebührte ihr der Name einer rein philosophischen Weltanschauung, wäre nicht der Umstand, daß der Geist, der in diese Lehre hinabtaucht, geläutert und erhoben, von religiöser Andacht dem Dasein gegenüber erfüllt, sich aus ihr erhebt. Die drei deutschen Mönche sind Kolonisten eines Vereins, der seinen Sitz in London hat und sich »The followers of the Buddha« benennt. Kein geheimnisvolles Ritual sei vorgeschrieben; die Erörterung philosophischer Fragen und die moralische Selbsterziehung seien die wichtigsten Prinzipien des Vereins. Dieser modernistische Buddhismus trage einen wissenschaftlich-rationalistischen Zug, den eine starke, sozialistische Unterströmung begleite. Die Übersetzung alter, orientalischer Texte, sowie religiös-philosophischer Vorträge und gewisse Übungen der Versenkung der Seele in sich selbst gehörten mit zu der Beschäftigung der Kolonisten. Der zentrale Glaube, nach welchem die Lebensführung gerichtet werde, sei die altarische Lehre: daß das Seelenheil nur durch die höchste Entwickelung des Verstandes zu erreichen sei, daß nur die Unwissenheit von der richtigen Vorstellung der Dinge trenne und jene Disharmonien erschaffe, an denen sich die Menschheit verblute. Diese Erziehung des Geistes sei die eigentliche Tugend, die hier gepflegt werde; ein Leben in Zurückgezogenheit, in andächtiger Vertiefung in die höchsten Gedanken, – das sei der Weg zu diesem Ziel. Die wahren Strebungen dieser Lehre seien also gerade entgegengesetzt jener gewöhnlichen, europäischen Auffassung, die da behauptet, der Buddhismus erstrebe den geistigen Tod. Schon der beständige Kampf, die moralischen Grundprobleme der Welt zu vertiefen, erfordere unausgesetzte Übung der Vernunft, die von jenem Zustande seelischen Verdämmerns, den man hinter dem Buddhismus vermute, am sichersten bewahre. Der Neu- Buddhismus kenne auch kein Nirwâna, wie es die Europäer verstehen; die stille Andacht, welcher die Seele sich ergibt, bringe sie allerdings einem Zustand näher, der die Bilder der Welt und ihre lauten Kämpfe zurückweichen lasse. »Geh’ an der Welt vorbei – es ist nichts« ... Über dieses Nichts, als endliches Ziel, schwankten die Meinungen der verschiedenen Sekten. Jedenfalls sei der Begriff ein so transzendenter, daß er das Streben der Jünger nach Vervollkommnung nicht beeinflusse.

Ursprünglich sei ein einziger, deutscher Mönch an das Ufer des Luganer Sees gekommen. Eine kleine Blockhütte war für ihn errichtet worden; dann aber hatte er zwei seiner Schüler deutscher Abstammung zu sich kommen lassen, und nun wurden noch einige Holländer und Engländer erwartet. Die Blockhütten würden denn auch vermehrt. So scheine sich diese Niederlassung in Mitteleuropa zu festigen und zu verbreitern. Er selbst sei bereit, in diese Gemeinde als Kolonist einzutreten. Kein Gelübde werde ihn binden. Wohl werde von ihm erwartet, daß er sich zum Buddhismus ausdrücklich bekenne, aber erst nach einer vorbereitenden Zeitspanne, die er als Schüler in der Gemeinde verbringe. Um die mönchischen Grade zu erringen, müßte er später nach Indien gehen und dort, in alten Klöstern, den Buddhismus an seinen Quellen studieren; aber so weit sei es noch lange nicht; immerhin – so schrieb er – fühle er sich heute freier, als er jemals war; Beruhigung habe sich über ihn gebreitet. Seit der Zeit, da er den Brief des Herrn von Bredow erhalten, habe die böse und giftige Wunde aufgehört zu schwären, – er fühle, wie sie sich schließe ... Und daß ihm hier, in der Sonne des Südens, eine solche Zuflucht beschieden sei, in der sein bestes Teil sich weiter zu entwickeln vermöge und Friede und tiefste Stille, fern vom Getöse der Städte, fern vom Kampfplatz sozialen Ringens, ihn erwarte, das sei für seine Seele heute ein überaus glückliches Wissen. Ob es wohl immer so sein würde? Ob er vom Schüler zum Jünger und vom Jünger zum Mönch weiter steigen würde, – er wisse es heute noch nicht ...

Als sie den Brief gelesen hatte, blieb sie lange in Gedanken versunken. Dann schüttelte sie den Kopf. Daß ihm diese Zuflucht, diese Weltflucht, jetzt erwünscht war, begriff sie wohl. Aber ihr war, als dürfte gerade er dem Kampfplatz nicht für immer entweichen. Und es war ein tröstlicher Gedanke für sie, – daß zum mönchischen Grad noch ein weiter Weg war, – und daß sie wußte, daß Werners Seele ein neues Kleid nicht allzu lange trug ...

Dann beantwortete sie seinen Brief. Auch sie hatte eine Begegnung zu melden, – und wem hätte sie sie freier bekennen dürfen, als gerade ihm? Mit dem durch den erhobenen Zustand geschärften Blick ihrer Erkenntnis schilderte sie die teure Gestalt.

» ...Weißt Du noch, wie ich Dir in jenem ersten Brief das Bekenntnis meines frömmsten Glaubens schrieb? Ich ahnte, daß es ein Begegnen gibt, welches das Ich, das tausendfältig gebundene, aller seiner Bande entbindet, weil es den einzigen Genossen sah ... Diese Begegnung war nun in meinem Leben ... Und die stillste Ahnung der Seele, – vom Bild des Einzigen, der für sie die Höhe des Geschlechtes bedeutet, – sie ist erfüllt. Ich schrieb Dir damals, daß kein Besitz, ja kein Begehren diese Begegnung begleiten müsse. Heute? Denke ich an ihn, so kommt es aus meinem Herzen wie ein unaufhaltsames, süßes Verströmen ... Ich schließe die Augen, und sein Bild steht vor mir. Und sehe ich im Geist sein schimmerndes Haar, die lichte Klarheit, die um seine Lippen lagert, die tiefe Bläue seines Auges, – vernehme ich, mit geschärften Sinnen, die gütigen Rufe seiner Blicke, so scheint es mir, als wäre ich fern von allem Wünschen, und nur ein Glück, das ich bestaune, ist dann in mir: meine Wege führten mich in den Kreis seiner Bahn ... Wohl frage ich mich wie Du: wird es immer so sein? Wird die Seele von dem Erlebten dauernd erhoben bleiben? Oder wird sie wieder dem Dunkel verfallen, – dem dunklen Zwange der Leidenschaft? ... Wer kann darüber grübeln?« – – –

Sie schloß den Brief. Sie schauerte; eine Seligkeit, die ihr unendlich schien, ergoß sich in ihr Herz; wie Ewigkeitsahnen überkam es sie ...


 

 

NEUNTES KAPITEL

DER KREIS LUCINDA

(Ein Intermezzo)

 

 

 

»Herbei, Herbei! Herein, herein!

Ihr schlotternden Lemuren, –

Aus Bändern, Sehnen und Gebein

Geflickte Halbnaturen.«

Goethe.


 

In Dr. Wallentins Organisation bildete sich ein Arbeitsausschuß, dem auch die Geschwister angehörten. So kamen sie viel hinaus in die Villa im Grunewald und lernten nach und nach auch die andern Mitglieder der Familie kennen. Eine fröhlich-freundschaftliche Beziehung entspann sich zwischen Olga und Manfreds jüngerem Bruder, – dem mittleren der drei, Dr. Justus Wallentin. Justus und seine schöne Frau, Inge Brénhoff, fanden Gefallen an ihrer klaren Art, an der Logik ihres Wesens, die unbestechlich ihre Wege ging, was immer sich auch auf ihnen verwirrend aufpflanzen mochte. Justus war Rechtsanwalt und Helfer seines Bruders. In seinen scharfen, klugen Augen glänzte das Weiße wie blankes Porzellan, darüber zog sich die Stirn, mit immer gespanntem, interessiertem Ausdruck. Inge, seine Frau, eine Dichterin des jungen Schwedens, war eine große, schlanke Blondine mit hellen Augen, die mutig in die Welt strahlten. Sie galt in Schweden als die Vertreterin der radikalen Bewegung im Frauenlager und als die erklärte Bekämpferin der erotischen Doppelmoral. Durch ihr Wirken war sie, gleich den Geschwistern, mit der alten Frau Wallentin in Berührung gekommen. Der »Bund« hatte sie seinerzeit zu einem Vortrag nach Berlin geladen, und bei diesem Berliner Aufenthalt hatten sich Justus und das schöne Mädchen gefunden.

Eines Tages war Olga wieder bei Manfred Wallentin. Sie hatten in längerer Aussprache festgelegt, in welchem Umfange und in welcher Weise das Material, das die Bewegung der Frauen betraf, in dem neuen Blatt vertreten sein sollte.

Manfred deutete auf einen großen Stoß von Zeitungsausschnitten.

»Es ist unmöglich, mit alledem fertig zu werden. Das alles geht uns an, müßte geordnet und bearbeitet sein.« Dieses Ausschnittmaterial war zudem aus Zeitungen verschiedener Sprachen. Manfred hatte schon öfter erwähnt, daß er eine weibliche Kraft, die dem Bureau ganz zur Verfügung stände, für diese und ähnliche Arbeiten aufnehmen möchte; so groß die Verlockung für Olga war, sich ihm zu jeder Hilfe bei seinem Werk anzubieten, so konnte und wollte sie doch nicht ihre Korrespondenz im Stich lassen, auch war sie nicht sprachkundig genug, um diesen Platz vollkommen auszufüllen. Inge, die Schwägerin, half fleißig, aber sie war nebstdem Gattin, Hausfrau im entfernten Berlin und vor allem Schriftstellerin, die den größten Teil ihrer Zeit über ihrem eignen Werk verbrachte. Da war Olga ein Gedanke gekommen: hier war ein Platz für Eva, – Eva Nestor. Seit sie in Genf lebte, hatten sie schon mehrere Briefe gewechselt, und erst vor kurzem hatte Eva sie gebeten, für sie eine Annonce aufzugeben, durch die sie in Berlin eine passende Stellung suchen wollte, von der sie mit ihrem Kinde leben konnte. Olga hatte dies noch nicht getan, weil sie noch nicht ganz klar wußte, was sie eigentlich für Eva suchen sollte. Hier war ein Platz für sie. Heute hatte sie Manfred diesen Plan mitgeteilt, hatte ihm Eva geschildert. Erfreut, bat er sie, ihr gleich zu schreiben. Da sie ihm Evas Lage nicht vorenthielt, setzte er auch gleich die Höhe des Gehaltes fest. Sorglos konnte nun Eva mit ihrer Kleinen leben, und sie würde diesen Platz vortrefflich ausfüllen, – das wußte Olga.

Eine leise Wehmut beschlich ihr Herz, als sie in Manfreds Arbeitszimmer über diesem Plan einig wurden. Nun würde also nicht mehr sie, nun würde eine andere – Eva, – hier an diesem Tisch sitzen, der schräg gegenüber von Manfreds Schreibtisch stand; nun würden die Blicke einer anderen auf seinem Gesichte ruhen. Während sie so dachte, trug Manfred einige Notizen in ein Heft ein, und ihre heimlichen Blicke konnten sich nicht losreißen von dem Glanz seines Haares, der da über der dunklen Platte des Schreibtisches lag. Sie sah sein halbbelichtetes, geneigtes Gesicht, die Augen blieben unter den gesenkten Lidern; und klopfenden Herzens wartete sie darauf, daß er den Kopf heben und seinen Blick, dessen tiefes Strahlen sie immer wieder erschütterte, ihr zuwenden würde. Eine andere sollte hier sitzen ... war es nicht gut so? Sie fühlte, daß sie sich nicht ruhig an die Arbeit verlieren konnte, – hier, in seiner Nähe.

Als sie Manfreds Arbeitszimmer verließ, ging sie hinüber, in den Salon der alten Frau. Frau Wallentin erwartete sie, wie immer, am Teetisch. Justus war da, und Inge, und auch Stanislaus wartete hier auf eine Unterredung mit Manfred.

Es war da noch eine Dame, die sie bisher nicht hier gesehen hatte. Diese Dame wurde als Frau Wallentin vorgestellt. Es war eine große, schlanke Erscheinung mit blassem, ovalem Gesicht, das einen gespannten, matten Ausdruck hatte, der an übernächtliche Ermüdung erinnerte. Ein irritierter, beinahe gekränkter Zug lag um den Mund. Das Gesicht mochte einst reizvoll gewesen sein; besonders rein war die Profillinie. Sie war schwarz gekleidet, das Kleid zeigte einen streng stilisierten Schnitt, die Ärmel flatterten weit, fast flügelartig. Auf dem Kopfe trug sie eine runde, schwarze Kappe, auf der zwei Rabenflügel, weit auseinandergefaltet, flach auflagen.

Während Olga zum Büffett ging, um von da eine Teetasse für sich zu holen, folgte ihr Justus und flüsterte ihr zu: »Lucinda«.

Frau Lucinda Wallentin verabschiedete sich bald. Bevor sie ging, lud sie die Geschwister dringend ein, sie zu besuchen. »Jeden Donnerstag Abend«, sagte sie mit ihrer flüsternden Stimme, die sich nie zu voller Kraft erhob.

Als sie gegangen war, sagte die alte Frau: »Das ist die Gattin meines Sohnes Manfred ... vielmehr die einstige Gattin, denn sie sind jetzt geschieden.«

»Sie müssen wissen,« fügte Justus hinzu, »daß diese Scheidung nichts anderes bedeutet als eine Formalität; denn die beiden waren schon, bevor Manfred noch auf Reisen ging, auseinander. Lucinda legt aber großen Wert darauf, den Verkehr mit der Familie aufrecht zu erhalten, – sie hat auch eine Anhänglichkeit an meine Mutter, die von ihrer Entfremdung mit Manfred unberührt blieb.«

»Arme Frau«, dachte Olga. »Sie hat diesen Mann besessen und hat ihn wieder verloren.«

Sie erfuhr an demselben Abend, woran diese Ehe gescheitert war. Als sich Manfred und Lucinda kennen lernten, – im Hörsaal für Philosophie – waren sie so nahe aneinander, als junge Menschen, die ihre wahre Gravitation noch nicht wissen und die eine Neigung zueinander fassen, es sein können. Dann waren sie allmählich gewachsen – und jeder in einer anderen Richtung. Zusammen gedachten sie in ihren Studien weiter zu gehen und rückten nur immer ferner voneinander ab. Beide glaubten an einen sinnvollen Weltplan, nur hieß er für Lucinda »Bestimmung, Fatum,« – für Manfred »Notwendigkeit«; wo sie Zwecke sah, erkannte er Ursachen. Und in aller Zwecklosigkeit sah er dennoch ein Erhabenes, weil in seinen Folgen Berechenbares. Diese seine Überzeugung von der Zwecklosigkeit, aber strengen Folgerichtigkeit allen Geschehens, von dem Fehlen eines absichtsvollen Weltgeistes, – ließ sie schauern und fliehen. Ihm bedeutete der Naturgeist – Gott, erhaben in seiner Kälte und Absichtslosigkeit, in seiner ehernen Folgerichtigkeit, die denen, die ein Vertrauen zur Logik der Tatsachen gewannen, ein sicheres Welt- und Lebensgefühl übermittelte; sie konnte nicht bestehen, ohne an Determinationen zu glauben, die apriorisch die Erscheinungen schoben.

So erzählte die alte Frau Wallentin von den Kämpfen, die Manfreds und Lucindas Jugend erfüllt hatten. Mehr und mehr hatte sich ihrer beider Wahl als ein Irrtum enthüllt. Dazu kam noch eines: Lucindas Unvermögen zur Produktion der stärksten weiblichen Gefühle. Frauenliebe war ihr fremd. Nur in eine geistige, von den Nerven abgestimmte Beziehung konnte sie überhaupt zu Menschen geraten; aber Affekte der Leidenschaft, des Gemütes oder der Sinnlichkeit vermochte sie in sich nicht zu erzeugen, – eine Erscheinung, die indirekt auf eine Verbildung des sympathischen Nervensystems zurückgeführt wurde. Dazu kam noch, ihre Vorliebe zu solchen, die gleich ihr, an einem Defekte litten, der sich in einer Verbildung des geistigen und seelischen Lebens kund gab, die ein Manko oder eine Wucherung in ihrem innersten Nerven- und Seelenleben bargen.

Als Olga dies hörte, war sie verblüfft: dieser Zustand bedeutete ja eine Reinkultur dessen, was ihr Cousin Diamant – in freier Bildung des Begriffes – als – – lemurisch bezeichnet hatte.

Sie müßte Lucindas Einladung annehmen, meinte Justus; in ihrem Salon würde sie erst sehen, – wie notwendig Manfreds Werk sei, – wie notwendig es ist, die Gesetze festzulegen, die die Entstehung von mehr normalen, tauglich-ganzen Menschen gewährleisten.

»Die Überladung der Gesellschaft mit Minderwertigen, Lächerlichen, in ihren vitalsten Instinkten Zerbrochenen, – dort, im Salon Lucinda, finden Sie sie aufs lebendigste veranschaulicht.« So lockte sie Justus. »Freilich ist dort nur eine gewisse Auslese jener Minderwertigen und Verbogenen zu finden, – nämlich die intellektuelle Auslese. Die brutalen, gefährlichen Entartungen, – Verbrecher und Ganznarren – finden Sie natürlich dort nicht; nur jene, die, in ihrem Instinktleben lädiert, dabei dennoch – zu denen gehören, deren Leben unter dem Zeichen irgendeiner geistigen Strebung steht. Kommen Sie doch am Donnerstag, ich führe Sie dahin, – Sie werden Wunder sehen! Wir bleiben nicht lange, – ist auch nicht nötig. Ich führe Sie im Flug durch den Salon Lucinda, – erkläre Ihnen alles und alle, denn ich kenne sie; ich führe Sie, – wie Mephisto den Faust durch die Walpurgisnacht!«

Bis spät nachts dachte Olga über diese Ein­ladung nach. Schon im Bette liegend, wollte ihr das Bild Lucindas und ihres mutmaßlichen Kreises nicht aus dem Sinn ... »Warum nicht hingehen«, dachte sie, – »auf nach Lemuria!« – – –

Es war ein Donnerstag, und sie standen vor dem Eingang eines eleganten Mietshauses am Kurfürstendamm, wo Lucinda wohnte. Sie erwarteten Justus. Stanislaus hatte seine Braut mitgebracht, worum er gleich bei der Einladung gebeten worden. Da kam auch Justus mit Inge, die schon von fern ihnen zulachte.

Während sie über die breite Treppe des Vorderhauses hinaufgingen, fragte Justus: »Sie haben gewiß von den Polizeihunden gehört, nicht wahr?« Und, als man bejahte, fuhr er fort: Natürlich, – die Welt ist jetzt voll von deren Ruhm. Von diesen genialen Züchtungsprodukten biologisch hochwertiger Paarungen habe ich unter der Bezeichnung reden hören: »Hunde von Blut und Passion.«

Man war zwei Treppen hoch gestiegen und stand still, um Atem zu schöpfen.

»Und diese Bezeichnung trifft den Nagel auf den Kopf. Sie werden gehört haben, wie diese Tiere von Blut und Passion selbst dann, wenn Schüsse und Keulenhiebe sie bedrohen, nicht abzuschrecken sind von den Taten, zu denen ihre genialen Instinkte, ihre hochentwickelten Sinne sie führen.«

Man stand oben im Flur der dritten Etage.

»Und wissen Sie, warum ich Ihnen das sage? Weil Sie jetzt das gerade Widerspiel davon sehen werden. Sie werden hier Wesen sehen, – scheinbar ohne Blut, ohne Passion, ohne echten Affekt und erschreckbar selbst durch jeden Alarmschuß, den das Leben abgibt.«

Er hatte inzwischen geklingelt, und ein Diener öffnete. Man legte in der Garderobe ab. Trotz der vorgerückten Jahreszeit schien der Jour Lucindas sehr gut besucht, denn die Garderobe war voll von Hüten, Schirmen, Stöcken, leichten, sommerlichen Umhüllen.

Sie traten in einen großen Salon, der eine Art von Ateliereinrichtung hatte. Verschiedene antike Stücke waren da zusammengestellt, verschleierte Ampeln beleuchteten die Szenerie. Auf einem Sockel, in der Mitte des Saales, thronte ein indisches Götzenbild, von grotesker Scheußlichkeit, mit glühenden Smaragdaugen. An einer Wand hing, allein für sich, ein riesiges Pentagramm, aus schwarzem Tuch geschnitten. Der Diener ging herum und reichte auf einem Tablett Gläser, die mit einer grünlichen Flüssigkeit, in der ein Strohhalm steckte, gefüllt waren. »Man trinkt hier Absinth«, flüsterte Justus.

Lucinda stand in einer fernen Ecke des Salons und nickte den Eintretenden flüchtig zu.

»Es darf Sie nicht wundern, wenn sie Ihnen nicht entgegenkommt, das tut man hier nicht. Jeder bleibt sich selbst überlassen, und es ist seine Sache, Anschluß zu finden oder auch nicht; es bilden sich hier zumeist Kreise, in die Aufnahme zu finden man versuchen kann; jeder kann das halten, wie er will; in dieser Beziehung ist man hier gänzlich ungeniert.«

Lucinda war diesmal in einem weißen Gewand, von mönchischem Schnitt, das mit einem schwarzen Strick gegürtet war. Das Haar hing in zwei Zöpfen, die seitlich über den Ohren geflochten waren, vorn über die Schultern herunter. Um die Stirn war eine schwarze Binde gelegt und fest um den Kopf gespannt. Ein großer, dunkler Edelstein, von tropfenförmiger Gestalt, – es mochte eine schwarze Granate sein, – war an die Binde genäht und hing auf der Stirn bis zur Nasenwurzel herab.

An den ersten Salon schloß sich noch eine Flucht von Zimmern, die alle ähnlich möbliert waren; nirgends sah man ein modernes Möbelstück. Alte, zum Teil sehr kostbare Stücke aus vergangenen Epochen füllten die Räume. Das letzte Zimmer hatte keine Einrichtung. Die Wände waren mit schwarzem Samt, der Boden mit einem weichen, schwarzen Veloursteppich bespannt. Die Decke schien in Flammen zu stehen: sie war mit einem blutroten, schleierartigen Gewebe verhängt, hinter dem rote Lichter magisch glühten. Einige Gestalten, in wallenden Gewändern, hielten sich da an den Händen und bildeten einen Kreis, in dessen Mitte eine in rote Schleier gehüllte Frau einen phantastischen Tanz vollführte ... Im übrigen saßen und standen die Gäste in Gruppen herum.

Seltsam unwirklich schien Olga das Ganze ... es sah dem Lebendigen ähnlich, – aber so, wie etwa die Vorgänge, die sich auf der Leinwand des Kinematographen abspielen ...

Die Neuangekommenen gingen zwanglos durch die Zimmer. »Sehen Sie dort unter der großen Palme, umgeben von ›Freunden‹, jenen dicken, blassen Herrn mit dem langen, wirren Haar, im Frack? Es ist – der Dichter des Schreckens und – des guten Tons.«

»Wie ist das zu verstehen?«

»Er schildert Visionen, in denen grauenhafte Vorgänge der menschlichen Seele, durch absonderliche Vorkommnisse gespenstiger Art, dargestellt sind; daneben verherrlicht er in langen, philosophischen Artikeln gewisse Gepflogenheiten des guten Tons, der Konvention. Zum Beispiel hat er neulich ein langes Feuilleton über die Sitten geschrieben, die den Frack und die Schleppe als Gesellschaftstoilette vorschrieben; – – sein Kreis fußt auf der Überzeugung, daß es vor allem die Reize der verschiedenen Torturen sind, aus welchen die höchsten, menschlichen Offenbarungen kommen. Man bedauert in diesem Kreis die Abschaffung der wirklichen Tortur und macht flagellantische Übungen; böse Lästerzungen haben dafür einen anderen Namen ... Diese Gesellschaft bildet einen geschlossenen Zirkel, der sich die ›Gestrengen‹ nennt. Dann gibt es noch eine andere Sekte, deren Mitglieder diesen Salon besuchen. Sie nennen sich die ›Gläubigen‹ und sitzen dort auf jenem Divan – dicht unter dem Pentagramm.« Eine Schar weiß gekleideter Männer und Frauen lagerte hier auf Schemeln, Matten und Kissen.

»Es ist eine Sekte, die sich zur Wiederbelebung mystisch religiöser Ritualien zusammengefunden hat. Wohl gemerkt: es handelt sich nicht etwa um alte religiöse Ideen, – sondern um religiöse Gebräuche, die hier, in geheimnisvollen Sitzungen, geübt werden; sie machen – bei Musik – gymnastisch-religiöse Übungen; ihr Programm ist die Wiederbelebung jener Kulte, die von Körperverrenkungen begleitet sind.«

Im nächsten Salon saß, in der Mitte des Zimmers, ein junger Herr. Er trug einen Samtrock, eine kostbare Brokatweste und gestreifte Hosen; ein Backenbart umrahmte sein gerötetes Gesicht. Der Herr hatte drei Tischchen vor und neben sich. Auf dem mittleren lag ein Prachtband, aus dem er Gedichte vorlas. Auf dem Tischchen links stand ein Glas Absinth und ein Armleuchter mit sieben brennenden Wachslichtern; auf dem Tischchen, das er zur rechten Seite hatte, lagen noch mehr Prachtbände aufgestapelt.

»Dieser Herr liest hier seine Gedichte im Manuskript«, erklärte Justus.

»Im Manuskript? – Das sind ja dicke Bände?«

»Ja, diese Gedichte gelangten nicht zum Druck, – die Zeit ist nicht reif dafür. Das Innere der Prachtbände sind weiße Blätter, auf denen die Gedichte eigenhändig vom Verfasser niedergeschrieben sind.«

Die Gesellschaft setzte sich in die Nähe des Dichters und hörte dem Vortrag zu. Die alltäglichsten Worte waren da seltsam verbogen. Hatte die eine Zeile eine lange Reihe von Versfüßen, so war die nächste nur von einem Ausruf gebildet. Zwischendurch gab der Dichter Kommentare. »Der Reim ist, wie Sie wissen, eine gemeine – oh, eine gemeine Sache, darum wird der Dichter ihm aus Leibeskräften ausweichen ...« Nicht weit von dem Dichter saß eine schöne, junge Frau, die ihm mit großen, hingegebenen Augen lauschte.

»Viktoria,« sagte der Dichter und räusperte sich, »ein Glas Tee.«

Die schöne, junge Frau stand eilends auf, winkte dem Diener und brachte das Gewünschte.

»Das ist seine Frau«, erklärte Justus.

»Wie ist es möglich,« sagte Olga, »daß dieses herrliche Geschöpf so – hingegeben lauscht?«

»Das hat einen geheimnisvollen Grund«, sagte Justus.

»Wollen Sie uns den nicht anvertrauen?«

Justus neigte sich vor und flüsterte, hinter der verhaltenen Hand: »Sie ist dumm.«

In einer andern Gruppe saßen junge Damen mit glatt gescheitelten Haaren, die über den Ohren in riesigen Schnecken lagen, mit weit aufgerissenen, extatisch funkelnden Augen, von dürftigem, fast schwindsüchtigem, körperlichen Habitus. Zwischen ihnen ein junger Mann, der ein Buch vor sich liegen hatte, das er Seite für Seite mit ihnen durchging. Die Damen machten sich Notizen. »Kiebitze der Literatur«, erklärte Justus. »Selbst steril, verfolgen sie, bis in die kleinste Zuckung, das Schaffen der anderen.«

Einsam in einer Ecke saß eine lange, hagere, düster drapierte Gestalt. Erst bei näherem Hinblicken merkte man, daß es eine Dame war. Ein riesiger, schwarzer Kater saß auf ihrem Schoß, und sie streichelte ihn, während sie vor sich hinstarrte.

»Eine archaistische Malerin«, erklärte Justus. »Sie haust allein in einer Villa, mit allerlei abenteuerlichem Getier, Katern, Uhus, Affen, man spricht sogar von Schlangen. Sie hat einen Kreis von Anhängern, die sich zur Bekämpfung der konstruktiven Perspektive in der Malerei und zur gesellschaftlichen Rehabilitierung der Perversionen zusammengetan haben ... sie stellen eine Sezession aus dem Zirkel der ›Gestrengen‹ dar.«

Man ging weiter, in das nächste Zimmer. »Dort drüben«, Justus deutete in eine Ecke, in der eine Gruppe von Divans stand, auf denen Gestalten lagerten, – »sehen Sie in jener üppigen Blondine im weißen, griechischen Kleid eine Dame, deren Ehrgeiz es ist, – Hetäre zu sein. Sie wird von der jüngeren Literatur adoriert. Sie akzeptiert aber nur Liebhaber, die unter unmißverständlichem Panier ihr nahen. Die Herren, die um sie herumliegen, sind augenblicklich ihre Günstlinge. Es sind dies: ein Anarchist (jener Herr mit dem wirren Bart, der die Hand, als Faust geballt, in der Hosentasche hält), ein Nazarener (der junge Mann mit den dünnen, braunen Locken und dem verklärten Blick), ein Wanderdichter (jener stattliche, stramme Bursche, der keine Einkünfte hat, weil er nichts tut, als seine Gedichte abzufassen, und der daher als Logierbesuch bei seinen verschiedenen Bekannten lebt, was ihm den Namen Wanderdichter eintrug), und schließlich ist da noch ein vierter Freund jener göttlichen Aspasia –«

»Und wer ist dieser Herr? Er gleicht nicht den anderen Freunden der Dame?«

»Aber er ist ihre Voraussetzung: es ist ein wohlsituierter Weinhändler aus dem Osten.«

Ein einsamer, junger Mann vergnügte sich in einer Ecke damit, buntfarbige Glaskugeln in die Luft zu werfen. »Dieser Mann hat eine interessante Geschichte«, erzählte Justus. »Hören Sie: Er ist der Sohn eines vielfachen Millionärs, und er ist an einem sonderbaren Leiden erkrankt. Es überkam ihn ein Zustand völliger Wunschlosigkeit – es gab nichts mehr in der Welt, was diesem jungen Mann noch wünschenswert schien. Darüber verfiel er in schwere Melancholie. Zeitweise hat er die Vorstellung, als wäre er in einen luftleeren Raum gebannt und muß dann eine Heilstätte aufsuchen; nach einigen Wochen wird er dann immer wieder, auf seinen Wunsch, entlassen, da er ja nicht gemeingefährlich ist. – Das Spiel mit gläsernen Kugeln, – diese Illusion des Farbigen und Glänzenden, – ist das einzige, was ihm blieb.«

In diesem Augenblick rauschte eine hohe Frauengestalt durch den Saal, in schwarzen, schleppenden Gewändern.

Olga erschrak, das war, – das war ja die Baronin ...

»Diese Dame ist zum Kabarett zurückgekehrt, – ihr Gatte, ein ältlicher Aristokrat, wurde kürzlich im Duell erschossen. Seitdem tritt sie, wie früher, als ›Diseuse‹ im Kabarett ›die Unterwelt‹ auf ...«

Bei einem Kreise, in dem es laut und gesprächig zuging, saß, etwas abseits, ein jüngerer Herr, der eine große Schale mit Nüssen vor sich hatte, die er schweigend knackte und verzehrte. Ein großer Stoß von Nußschalen häufte sich vor ihm auf einem Tisch.

»Dieser Herr wird ›der tiefe Schweiger‹ genannt. Er mischt sich fleißig in Gesellschaft, gibt aber nirgends seine Meinung ab. Das hat ihm den Ruf großer Weisheit eingetragen. Im übrigen geht von ihm die Märe, daß er ein kolossales Werk – zwar nicht schreibt, aber – denkt: ›die Metaphysik der Ellipse‹; die letzten Lebensrätsel sollen in dem, was er darüber – denkt, gelöst sein ... Im Gegensatz zu ihm sehen Sie dort diesen jungen Mann, der begeistert von seiner Arbeit erzählt. Er hat kürzlich ein dickes Buch veröffentlicht, in dem er ein durchaus neues, philosophisches System darstellt. Das Buch ist mit den merkwürdigsten Zeichnungen, die der Laie überhaupt nicht versteht, ausgestattet.«

»Und was ist das für ein System?« »Dieser Mann hat eine merkwürdige Dreiheit im Weltall beobachtet, die sich schon in der Gestalt des Menschen ausdrückt. Er sieht drei Symbole am Körper des Menschen: Antlitz, Herz und Hinterteil. Im Gesichte sieht er die Reflexionsfläche, im Herzen die große Leitungszentrale und in jenem anderen Körperteil die magische Sammelstelle der Schwerkraft. Von überall her strömen ihm Beweise, die diese Offenbarung bestätigen. Er hat dieses System durchaus komplett aufgebaut. Nachdem er nun das philosophische Werk veröffentlicht hat, schreibt er noch an einem dreiteiligen Roman, in dem diese Idee in menschlichen Schicksalen symbolisiert werden soll.« – – –

Man ging weiter. »Sehen Sie dort jenes hagere Paar,« fuhr Justus fort, – »Mann und Weib? Diese beiden Leute haben sich in einem Sanatorium für Magenkranke kennen gelernt. Sie sind philosophische Prediger, und sie predigen: Brechung des Willens, – Befreiung vom Triebleben ...«

»Wo haben sie sich kennen gelernt?« fragte Stanislaus, der nicht genau verstanden hatte.

»In einem Sanatorium für Magenkranke. Sie leiden beide an schweren Verdauungsstörungen.« Man ging weiter.

»Diese zwei langen, schlanken Burschen da drüben sind Zwillinge, ein Malerpaar; gänzlich arme Jungens. Sie konnten ihre Studien nur fortsetzen und Maler werden, weil sie in bürgerlichen Kreisen eine ganz seltene Gastfreundschaft genossen; eine ganze Schar von Leuten sorgte für sie und hielt sie über Wasser.«

»Wieso erfreuten sie sich solcher Beliebtheit?«

Diese beiden Brüder sind Mystiker. Will man sich auf billige Art mit dem Sirius in Verbindung setzen, – so verhelfen sie einem dazu. Das Bürgertum, das es liebt, ab und zu in höhere Sphären gehoben zu werden, ohne doch zu aufreizenden Konflikten oder zu schwerem Kopfzerbrechen genötigt zu sein, – schätzt die Richtung, in der sich diese beiden bewegen, über alles.

»Jene hübsche, junge Dame dort«, er deutete weiter, »hat erst kürzlich ein schweres Unglück zu verwinden gehabt – und sucht hier Trost.«

»Was ist ihr zugestoßen?«

»Ihr Geliebter hat sie verlassen.«

»Und warum das?«

»Er entdeckte bei ihr einen Pickel auf der linken Lende; es war im Frühling.«

»Dieser Pickel war wohl das Anzeichen einer bösen Krankheit?«

»I bewahre, ein ganz harmloser Pickel, wie man sie im Frühling dutzendweise hat, aber ihr Geliebter war eine so feinfühlige Natur, daß er über diesen Pickel nicht hinweg kam; er verließ sie.«

Sie waren beim Tanzsaal angelangt. Einsam drehte sich darin ein Fräulein, das aussah, wie die Verkörperung des letzten Erschöpfungsseufzers einer zum Ende ihrer Kraft gelangten Epoche. Ein junger Mann mit finsterem Gesichtsausdruck sah ihr zu.

»Sind Sie zufrieden, Gregers?« flötete die tanzende Dame.

»Nicht intensiv genug«, antwortete der Finstere, der, in vernachlässigter Kleidung, mit langen Haaren und wirrem Bart dastand.

»Er nennt sich Gregers, obwohl er Grünemann heißt. Sein Ehrgeiz aber ist – ein anderer Gregers Werle zu sein und überall auseinander zu sprengen, was Menschen verbunden hält. Der Dreizehnte bei Tisch zu sein, das befrachtet er als seine Mission; Situationen, in denen es nichts zu sprengen gibt, erscheinen ihm höchst banal.«

Eine Dame trat an den Flügel. Sie sang mit voller, tiefer, gut geschulter Stimme; aber es war schauerlich, sie anzusehen; denn ihr Kopf glich einem Totenschädel, über den nur die Haut gespannt war. Herrlich war ihr Gesang, – aber ihr weit geöffneter Mund, aus dem die Töne drangen, bot einen erschreckenden Anblick.

»Was bedeutet das alles?« fragte Olga.

»Wir haben heute den dreizehnten Mai,« erklärte Justus, mit einer Stimme, die plötzlich prophetisch erhoben klang, – »das ist jener Tag, den die Römer feierten, um die Seelen jener wesenlosen Geister, die als Gespenster umherirrten und die Lebenden beunruhigten, – zu beschwören ... es ist heute das Fest der Lemuren ...«

Olga war es, als sei jede Kraft in ihr vernichtet, als wäre jede Energie verzehrt, – als hätte diese Atmosphäre sie in sich aufgesogen ... Der Angstschweiß stand ihr auf der Stirn. »Was bedeutet das?« fragte sie nochmals. Wieder erhob sich die Stimme des Justus zur Deutung, aber die Sängerin mit dem Totenkopf sang immer lauter, immer stär-ker – – – bis Olga erwachte.

Sie rieb sich die Augen, sprang aus ihrem Bett; eilig zog sie die Jalousien hoch. Draußen strahlte die Maiensonne, und ihr Gold floß in breiten Strömen in den jungen Morgen ...


 

 

ZEHNTES KAPITEL

PRUEFUNGEN

 

 

 

»Sinke nicht – und wenn der ganze Orkus auf dich drückte.«

Kleist.

 


 

Olga hatte sich beeilt, Eva die gute Mitteilung zu machen. Sie schrieb ihr von der Stellung, die sich ganz ohne Mühe für sie gefunden hatte. Eva brach sogleich ihren Aufenthalt in Genf ab und eilte, mit kurzem Aufenthalt in Stuttgart, ihrer Vaterstadt, nach Berlin. In Stuttgart brachte sie bei nahen Verwandten vorläufig ihre kleine Tochter unter, die sie holen wollte, wenn sie in Berlin erst seßhaft war.

Sie war dieselbe. Die Grazie ihres Wesens strahlte unverändert aus jeder ihrer Gesten, – die heitere Freiheit ihres Gemütes aus all ihren Worten. Von ihrer Ehe und deren jähem Abschluß sprach sie mit der überzeugten Beruhigung eines Menschen, der eine lösende Katastrophe erwartet hat, ohne sie zu beschleunigen, und der erleichtert aufatmet, als sie endlich eintrifft.

»Wissen Sie noch, wie wir davon sprachen, daß man bei solchen entscheidenden Lösungen etwas – wie eine unzweideutige Erlaubnis abwarten müsse, bevor man sie unternähme?« fragte sie und wandte ihr ruhig heiteres Antlitz der Freundin zu. »Zu groß wären sonst die Selbstvorwürfe. Nur, was man tun muß – darf man tun ... Da haben Sie wieder meine große Weisheit.« Und sie erhob sich, und die schlanken zierlichen Glieder schienen sich zu strecken, – wie erlöst.

Es war der Tag, an dem die erste Sitzung der redaktionellen Kommission stattfand. Man sollte im reservierten Klubzimmer eines Cafés zusammenkommen. Olga ging nicht mit Eva zusammen, – denn sie hatte eine Karte erhalten, auf welcher Dr. Wallentin sie bat, eine Stunde vor Beginn der Sitzung ihn in jenem Café zu treffen, nicht im reservierten Klublokal, sondern vorn, im allgemeinen Saal des Cafés. Sie ging also früher fort, und Eva, die vorläufig bei ihr wohnte, sollte zur Stunde der Sitzung nachkommen und auf diese Art gleich in ihr neues Amt eingeführt werden.

Diese Karte war schon am Morgen gekommen und hatte ein brausendes Frohgefühl in die Seele des Mädchens ergossen. Ihr war, als ob ihr Blut mit wunderbarer Leichtigkeit durch ihre Adern perlte ... Länger als sonst dauerte es, bevor sie sich nachmittags zum Ausgehen fertig machte. Sie hatte sich für die Zeit der Trauer zwei schwarze Kleider machen lassen, und nun zog sie das schönere bedächtig an. Die weiche Seide, von mattem, glanzlosen Schwarz schmiegte sich, in fließenden Falten, die schleppend zur Erde fielen, an ihren Leib. Aus dem viereckigen Ausschnitt hob sich der schlanke, sehnige, edel geschwungene Hals, vom leuchtenden Weiß der Rothaarigen. Das Gesicht war in letzter Zeit voller geworden, die scharf geschwungene Nase war nun entsprechend umrahmt, und der Kopf schien, gerade durch sie, von unverkennbarer Bedeutung. Die schwarzen Augen glänzten, als wäre frischer Tau auf sie gefallen. Das Haar trug sie schon längere Zeit nicht mehr schlicht geknotet, sondern in breiten Flechten, unter denen hervor sich schimmernde Wellen um das Gesicht drängten. Wenn ihr dieses Spiegelbild jetzt zulachte, so konnte es an jenes andere ihrer frühen Jugend nur gemahnen, wie an eine dürftige Skizze ihres eigenen Wesens, die nun endlich Bildnis geworden, reif in Form und Farbe, durchleuchtet vom Glanze frauenhafter Blüte.

Sie kam noch vor der festgesetzten Zeit. Aber das schadete nichts, sie konnte ja warten. Sie setzte sich in eine Ecke des kleinen Saales, nahm Zeitungen zur Hand und behielt dabei die Tür fest im Auge. Warum, warum hatte er sie hierher gebeten? Sie allein, bevor man sich mit den anderen traf? Durch jene Tür würde er nun gleich eintreten. Ihre Nerven spannten sich in Erwartung, ihre geschärften Blicke würden seinen Schatten erkannt haben, wenn er an den hellen Gardinen, die die Spiegelscheiben verhüllten, vorübergeeilt wäre. Das Rondell drehte sich fast unaufhörlich, Leute traten ein, – Leute ... Nie war es ihr so klar geworden, wie übervoll die Welt von häßlichen und dürftigen Menschen war, als heute, wo sie in dem Dreieck des Rondells die eine Gestalt sehen sollte, – die keiner zu vergleichen war. Da kam ein Herr, der hatte freundliche und kluge Augen von ähnlichem Blau, wie er, aber die Lippen des Mundes waren wulstig aufgeworfen und von den gewöhnlichsten Trieben geformt. Da kam ein anderer, – die Konturen seines vollen, grauen Haares unter dem weiten Filzhut, erinnerten, einen schattenhaften Augenblick lang, an jenen anderen Kopf, – aber wie hätte der auf solcher Gestalt wohl sitzen können? Es kamen Leute – kurze und lange, dünne und dicke, blonde, schwarze und graue, aber keiner, keiner- von seiner Art. Es schien ihr, als gehöre er einem Geschlecht an, das die Merkmale des lichten Rassenideals mit reinster Vergeistigung gepaart hatte, und nun, wie eine fremde Art, herausleuchtet aus der Menge. Und eine bedrückende Angst senkte sich plötzlich auf sie: – wie würde sie die Häßlichkeit, die Dürftigkeit dieser Welt ertragen, wenn – wenn jenes Bild – ihr wieder daraus entschwand? Ein namenloses Bangen erfaßte sie und machte sie schwindeln. Jenes Bild aber – sie hatte es gesehen! War denn das nicht schon ein Wunderbares, – war denn das nicht eine seltene Erfüllung? Mußte man nicht am Leben irre werden, wenn man dem Bildnis seiner Sehnsucht in eben diesem Leben niemals begegnete? Wenn es aber geschah, – wenn diese wunderbare Bestätigung einem wurde, – mußte dann nicht der Glaube kommen, der große Glaube an die Idee der Möglichkeit höchster Vervollkommnung? Und hatte man erst diesen Glauben – war man denn da nicht frei geworden, – losgelöst vom zufälligen Spiele des Schicksals, das einem in diesem einen, kleinen Leben herumwirbeln mochte auf krause und scheinbar sinnlose Art? Nur der bestätigte Glaube an das Idol der eigenen transzendenten Sehnsucht, – nur der war der sichere Wegweiser im Labyrinth.

Sie hatte die Blicke von der Tür gewendet und sie auf eine illustrierte Zeitung gesenkt, die sie in Händen hielt. Plötzlich fiel ein Schatten auf das Blatt, – wie ein glückliches Erschrecken ging es durch ihr Wesen, wie ein Riß vom Herzen in die Glieder ... Manfred stand an ihrem Tisch. Sein Gesicht lachte ihr zu, und während er seinen Mantel ablegte und dem wartenden Kellner übergab, entschuldigte er sich für die kleine Verspätung.

Er hatte sie hierher gerufen, um mit ihr einen Plan zu besprechen, der schon geklärt sein sollte, wenn die Sitzung zusammentraf: er wünschte möglichst bald in dem neuen Blatt einen Artikel von ihr zu bringen, betitelt »Die Freiheit der Frau«.

Sie horchte und wurde nachdenklich. Dieses Thema, – – war sie wohl diesem Thema gewachsen? Sie bat ihn, ihr das Thema deutlicher zu machen.

»Die Freiheit, die ich meine – – Sie können sich denken, daß es nicht etwa die Freiheit ist, mit der man auf Frauenversammlungen irgendein politisches Recht im Schweiße seines Angesichtes erkämpft ... obwohl die Erkämpfung solcher Rechte auch zur Sache gehört. Aber die Freiheit, die ich meine,« er stockte, und sein vollkommen geformtes Antlitz, dem ihren so nahe, blieb ihr einen Augenblick nachdenklich zugewendet, – »die ist eine, die alle jene Kämpfe um positive, materielle Güter erst sinnvoll machen soll.« Und ernst und aufmunternd forderte er sie auf: »Umgrenzen Sie mir das Problem.«

Er neigte ihr den Kopf zu, und die Lichtströme seiner Augen nahmen ungehindert den Weg in die ihren. Er fuhr fort: »Gestalten Sie das Problem der – fast möchte ich sagen, der esoterischen Frauenbewegung wenn das Wort esoterisch nicht gerade für mich«, er seufzte – »einen unerquicklich mystagogischen und anrüchigen Klang hätte. Aber abgesehen von dieser suggestiven Färbung, die das Wort gerade für mich hat, – hat es hier Geltung. Jawohl, – umgrenzen Sie mir das Problem der esoterischen Freiheitsregung der neuen Frau!«

»Und warum – ich?«

»Sie – nur Sie. Denn wer sonst? Da wäre noch meine Mutter, aber sie kann diesen Gedanken nicht mehr das Blut der Jugend geben. Neben ihr sind nur Sie – die einzige, – – die davon etwas weiß, die einzige, die darüber etwas sagen kann.«

Sie lächelte: »Sagen kann; das vielleicht, aber schreiben, ich?« Und fast schamhaft wiederholte sie: »Sagen könnte ich es vielleicht.«

Er lachte, – ein herzliches, vollkommenes, von keinem verdeckten Geheimnis verfärbtes Lachen. »Nun dann sagen Sie es, – und dann – dann können wir ja stenographieren.«

So gingen sie in die Heiterkeit ein. Aber im Ernst sagte sie dann wieder: »Ich darf das heute noch nicht versprechen, – denn ich weiß nicht«, ihre Augen bekamen plötzlich wieder jenen Schleier, der sich manchmal, wenn sie die Fährte ihrer Gedanken suchend verfolgte, über sie senkte, – »ich weiß nicht, – ob ich selbst in dieser Freiheit bin ... Erst – wenn ich das deutlich fühle, – dann erst werde ich Worte finden dafür.«

Also darum hatte er sie gerufen. Auch er glaubte, daß dies der wahre Grund gewesen, warum er sie hier, eine Stunde vor der Begegnung mit den anderen, sehen wollte. War es aber auch der einzige Grund? War es nicht vielleicht auch, weil er sich freute, sie zu sehen, weil es ihn lockte, dieses Mädchen näher zu kennen? Er wußte schon viel von ihr; mit seinem erkennenden Auge, seiner inneren Erfahrung, die die Seele der Organismen ahnte, – verstand und ahnte er auch sie. Er erkannte: sie ist durch Kampf geworden, – so wie sie ist. Gekämpft hat sie auf allen Linien ihres Lebens. Und es war edle Art, die solche Kämpfe – so bestand. Wäre sie ihm doch vor Jahren begegnet! Da hätte dem Kampf seine ganze Seele gehört. Heute – heute hatte seine Seele ein anderes Ziel, heute, da die Stürme hinter ihm lagen. Seit seine Scheidung von Lucinda ausgesprochen war, seit er diese unerträglich zweideutige Atmosphäre aus seinem Leben gebannt hatte, da war es wie eine letzte Griechensehnsucht in ihm, – nach der heiteren Vollendung des harmonisch Geborenen. Dies hier, was er vor sich sah, – war vielleicht ein Größeres. Auf einen anderen, – einen jüngeren vielleicht, – und doch ihm ähnlichen – mußte jenes Mädchen wie eine lebendige und feurige Lehre wirken, eine große und seltsame Belehrung vom Werden dieser neuen, noch geheimnisvollen Weiblichkeit, die da in die Zeit hineinwuchs ... Und plötzlich dachte er an seinen Bruder Florian, – den jüngsten ... Er aber? ... Es lag wohl an ihm. Vielleicht konnte seine Sehnsucht überhaupt nicht mehr jung und leidenschaftlich emporschlagen. So stark, so jung, wie sie es einzig mußte, sollte er sich die letzte Sehnsucht erfüllen dürfen, – seine Art zu bewahren, im Schoße eines Weibes ...

Zu schnell verflog diese Stunde. Er sprach mit ihr über die große Aufgabe, die er sich und anderen gestellt hatte. Die Macht des Unsinns, der sieghaft noch immer seine Herrschaft übte, zu brechen oder doch zu schwächen. Dazu bedarf es eines Hochdrucks von Intelligenz. Und da der Grad der intellektuellen Potenz sowohl im Komplex des Individuums als in dem der Art beschlossen lag, hieß es, die Vorgänge des körperlichen Lebens ganz ebenso ergründen, wie jene des sozialen und des immateriellen Gefüges der Welt. Nun, da der Stab der Helfer gebildet war, nun schien das Werk keine Utopie mehr. –

Die Uhr war acht. Manfred grüßte zur Tür. Einer der Herren, die zur Sitzung kamen, war eingetreten. Man erhob sich und ging hinauf in das reservierte Klubzimmer. Im Verlauf einer Viertelstunde waren die Erwarteten fast vollzählig zur Stelle.

Da war ein Gelehrter, ein älterer Mann, der ein großes Werk über soziale Ökonomie geschrieben hatte, dann ein Physiologe, der für die Regeneration der Menschen durch Verbreitung einer Ernährungswissenschaft auf chemischer Grundlage kämpfte ... Justus war gekommen und Stanislaus. Nachdem der Arzt und der Nationalökonom ihr Programm entwickelten, ging man zur Abteilung für Technik über. Hier war alles schon beschlossen. Ein junger Mann mit großem, kahlen Kopf und heiterem Gesicht, sehr hellblond, stellte den Antrag, eine Rubrik des Blattes zu bennenen: »Register des Unsinns«. Hier sollte jeder Unsinn, der die soziale, generative, moralische und ästhetische Entwicklung der Menschheit bedrohte, gleich in seinen ersten Äußerungen eingefangen und gespießt werden. Die barbarischen Atavismen der Zeit, – hier wollte man sie ins Netz kriegen und, entsprechend präpariert, zur Schau stellen.

Stanislaus übernahm die Redaktion des Blattes und sollte später als Herausgeber zeichnen. Es war beinahe ein zu großes Amt, das auf ihn gelegt wurde, wenn er daneben auch noch weiter produktiv bleiben wollte. Hier wäre ein Platz für Werner gewesen, dachte er, für Werner, der ein scharfer Leser war. Aber der saß nun im gelben Kleid und grübelte über den Rätseln des Daseins. – Besondere Beachtung sollte, neben allen anderen Künsten, der Schauspielkunst geschenkt werden. Und neben deren Kritik sollten von Zeit zu Zeit Aufsätze über das Wesen dieser Kunst von einem der ihrigen veröffentlicht werden. Auch er war da: ein so vollkommener Schauspieler, daß er nichts mehr Theatralisches in seinem Wesen hatte; dieser schlanke, kaum über Mittelgröße ragende Körper, der wie ein dämonisches Instrument des Geistes schien, – wie der wahre Mittler zwischen Geist und Erscheinung, – hatte die freie Gebärde des vollkommen vergeistigten Instinktes. Dieser Mann, den die Gegenwart als den größten seiner Zunft pries, und der die beherrschte Haltung des immer Gefeierten hatte, war in enger Fühlung mit Manfreds Lebensplan. Manfred erklärte, warum die Schauspielkunst hier besonders beobachtet werden sollte: »Diese Kunst veranschaulicht den äußeren Adel der menschlichen Erscheinung, – die höchste Möglichkeit der menschlichen Gestalt – und die reine Idee aller Affekte.« Vergleichende Sprachforschung sollte gepflegt werden, und, vor allem, vergleichende Völkerkunde. Hier fehlte noch Florian. Seine Rückkehr wurde erwartet. Aber nicht nur der Ethnologe der Gesellschaft sollte Florian sein, – nein, er würde in diesem Blatt die Stimme der Zukunft, die Stimme der Forderungen, die Stimme kosmopolitischer Wünsche laut werden lassen. Denn dieses war die wahrhafte Stimme jenes jüngsten Bruders, Florian. An dieser Stelle sollte sie – neben seinen Erfahrungen – hörbar werden.

Olga erinnerte sich, was ihr die Mutter der Wallentins von Florian erzählt hatte: Er hatte nicht aus eigenem Antrieb daran gedacht, Anthropologe zu werden. Mit revolutionärem Ansturm war er nach vollendeten Studien, ein Jugendlicher, zu des Bruders reifem Werk gestürmt. Der aber hatte ihm geboten: erst das Auge zu schärfen, für die Dinge, die sind, bevor er an die Propaganda der Dinge, die werden sollten, denken dürfe. »Das Auge schulen, – es ruhen, ruhen lassen – die Erscheinung ergründen, die da ist«. Und darum hatte er ihn dahin gesandt, wo es zu schauen gab, wo alles, was er sah, mit ursprünglichem Blicke gefaßt und gewertet werden mußte.

Zum Schlusse wies Manfred auch Olga ihren Platz an. Frau Wallentin und sie sollten über jene Fragen berichten, die große Schichten der Frauen bewegend hoben. Besonders sollte diese Frauenfrage unter dem Gesichtspunkt der Weibesfrage und ihres Zentralsten: des Mutterproblems, erörtert werden.

Für die Strebungen der Frauenbewegung trat Manfred nur bedingungsweise ein; er wünschte die wirtschaftliche Selbständigkeit der Frau – aber – ergänzt durch Frauenschonung und Frauenschutz, zur Zeit der Belastung durch die Vorgänge der Fortpflanzung. Ja, er verlangte die gesellschaftliche Sicherung der Frau als Pflegerin und Erzieherin der Generation. Natürlich sollte die Frau ihr Leben nicht etwa nur auf ihren Gattungszweck einstellen, – da das höchste Gut der organischen Welt: das Gehirn, auch bei ihr entwicklungsfähig und vielfach hochentwickelt war. Nur vor der Schädigung durch grobe Brotfrohn wollte er sie behütet wissen. Die Frauenarbeit in ihrer heutigen Form, die besonders die Kräfte der Proletarierfrau zerrieb, betrachtete er wie ein gefährliches Medikament, das man einem kranken Gesellschaftskörper zuführt, weil man die eigentliche Methode seiner Heilung noch nicht weiß. Diese Methode aber würde dahin streben, – daß das echteste Recht des Weibes, das Recht auf Mutterschaft, jedem dazu tauglichen Weibe gesichert würde. Dann erst wird die Frau nur zu jenen Berufen streben, die ihre Lebenskraft und ihre Lebensfreude erhöhen, anstatt sie zu zermürben.

Olga erwiderte: »Das war von jeher, wenn auch unbewußt, die geheimste Strömung der Bewegung. Um bewußt zu werden, mußte sich die Bewegung im Kreise drehen: sie ging aus – von der Stellung der Frau als Weib, gelangte zu ihrer Situation als Erwerbende und geistig und wirtschaftlich Selbständige und kehrte zurück – zum Mutterproblem.«

Nun war noch über die Technik der Redaktion zu sprechen. Hier hätte man die neue Helferin gebraucht. Wo war sie? Olga machte sich Vorwürfe, in der frohen Hast, mit der sie vom Hause weggeeilt war, Eva nicht deutlich genug über den Weg zum Vorort hierher unterrichtet zu haben. Nun hatte sie sich verspätet, weil sie den Weg nicht kannte, und würde wohl kaum noch kommen. Ihr Blick glitt über die Runde von Männern, unter denen sie die einzige Frau war. Sie saß Manfred gegenüber. Plötzlich, zum erstenmal, überkam sie der Gedanke: Warum – warum ist er allein? Seine Verbindung mit Lucinda war längst ein leerer Schein gewesen. Warum fehlte diesem Mann bis heute die Gefährtin? Auf seinen weiten Reisen in allen Zonen der Kultur, hätte er sie da nicht finden müssen? Ihre Gedanken waren plötzlich versponnen in diese Frage. Die eigentliche Sitzung war beendet, aber man blieb noch zusammen. Sie grübelte ... Warum war er – allein? Aber freilich, wo war die Gefährtin für ihn? Diesen Mann konnte zum zweitenmal kein Mißgriff beirren. Wo war die Ergänzung für ihn, – wo eine Weiblichkeit, rhythmisch in Blut und Geist, wie sie allein neben ihm zu denken war? ...

Es klopfte. Ein bescheidenes, aber doch ein deutliches Klopfen war es. Manfred ging zur Tür und öffnete.

Eva Nestor stand vor ihm, und Olga sah sie – sah sie, mit großen, erstaunten, mit wissenden Augen, – als hätte sie sie das erstemal gesehen, – sah sie neben jenem Manne, der für sie der vollkommenste des Geschlechtes war ...

 

* * *

 

Der Sommer war vergangen, für Olga – überwunden. Stanislaus und Lore hatten kürzlich geheiratet, und Stanislaus verwurzelte sich tief in sein Gatten- und Vaterglück. Jetzt rüsteten auch noch zwei andere zu dauernder Bindung. Koszinsky sollte für seine Firma nach Buenos Aires gehen, um eine deutsche Filiale des Geschäftes da zu leiten. Er nahm Erika mit. Und da sie drüben keinen Anstoß erregen wollten, so gingen sie vorher, brav, zum Standesamt. Olga, Stanislaus und seine Frau wohnten der Zeremonie bei. Nachher ging man zu fünft in ein kleines Restaurant, zum gemeinschaftlichen Mittagessen.

Erika strahlte vor Glück. In ihrem neuen, grauen Kleid sah sie wirklich wie eine Jungvermählte aus. Es war, als ob alles, was vordem ihr Leben bedrängt hatte, in dem schwarzen Wasser des Kanals geblieben wäre. Aus Koszinskys Gesicht war der unstäte Zug gewichen. Seine Miene war ernst, zufrieden, und um seinen Mund, verborgen in dem blonden Spitzbart, lagerte ein Zug von heimlicher Heiterkeit, den er früher niemals gehabt.

Erika war entzückt von der neuen überseeischen Aussicht.

»Nach Buenos Aires – denken Sie nur, in dies herrliche Klima, diese fremden, interessanten Verhältnisse!« Sie schwärmte begeistert.

»Erinnern Sie sich, Koszinsky,« – sagte Olga – »wie es einstmals ein – Traum von Ihnen war, sich irgendwo auf einer grünen Insel im blauen Meer niederzulassen – irgendwo fern von Europa – und dort als Farmer zu leben?«

Woher nahm sie den Mut, ihn an jene Stunde zu mahnen?! Die Gegenwart war es, die ihr diesen Mut gegeben. Ungescheut durfte sie jetzt, heute, auch dieses Bild heraufbeschwören. War denn das nicht wirklich sein Schicksal gewesen? War er nicht erst hinausgeschleudert worden ins Uferlose und hatte sich dann doch auf einem Stückchen grünenden Landes gerettet? ...

Koszinsky nickte, mit rückschauendem Erinnern ...

»Das schönste ist doch – daß Kasimir« – Erika behandelte den Namen als ihr unzweifelhaftes Eigentum – »in ganz selbständiger Stellung da hinüber kommt. Er soll ja nicht nur die Filiale leiten, sondern den Austausch der Produkte vermitteln – sein Chef will seiner Fabrik ein Ex- und Importgeschäft anschließen und läßt ihm freie Hand. Und denken Sie,« fuhr sie eifrig fort, »wie man dabei den deutschen Interessen dient!«

Koszinsky dämpfte ihre kühnen Hoffnungen. »Wenn es mir nun nicht gelingt, Erika?« Und ernsthaft setzte er hinzu: »Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als zu den Siouxindianern überzugehen, um mich im blutigen Krieg gegen die Bleichgesichter auszuzeichnen. Es ist nicht unmöglich, daß ich es vom gewöhnlichen Krieger dann bis zum Häuptling bringe und etwa als ›große Wolke‹ viel von mir reden mache. Auf diese Art wirst du dann doch noch die Frau eines angesehenen Mannes.«

»Sehen Sie, so spottet er immer. Aberich mache mir nichts daraus, und es ist doch gut, daß er auf dem – Wege ist. Und sicher ist es auch kein Unsinn, daß er sich als Kaufmann da drüben auch noch spezifisch deutsche Verdienste erwerben kann,« sie blieb dabei, – »die auf solchen Plätzen auch anerkannt werden« ... Mit dieser immer gleichen Beharrlichkeit ihres Wesens, mit der sie jetzt diese neueste Idee verfolgte, hatte sie den Mann auf die Linie einer bürgerlichen Existenz gebracht.

»Sie sieht sich im Geist schon als Frau Generalkonsul«, erklärte Koszinsky. – – –

So schloß sich überall zusammen, was sich im Leben ergänzen, vielleicht vollenden konnte. Nur sie, sie allein stand außerhalb all dieser Ringe. So hatte auch das Schicksal – wenn man jene geheimnisvolle Schiebung einer höchsten Logik, die die Dinge in sich tragen, und die in ihren Geschicken fortwirkt, so nennen wollte – jene bedeutsame Konfrontation herbeigeführt – zwischen Manfred und Eva. Mit erkennenden Augen, mit der sich selbst hochhaltenden Art der seltenen Persönlichkeit, so waren sie einander damals gegenübergestanden. Welch Rätselvolles lag doch in solcher Begegnung. Zwei kreuzen ihre Wege zur bestimmten Sekunde, und diese wird ihr Schicksal. Sie kann aber auch das Schicksal eines Dritten werden, – des Ausgeschlossenen ... Olga wußte, daß, da sie diesem Mann begegnet war, – kein Mensch von anderer Art als von seiner, jemals die Einsamkeit von ihr nehmen konnte. – Und da dieser Eine die Genossin gefunden, die nicht sie war, so betrachtete sie ihr Urteil als gesprochen. Seine schnelle Entscheidung für Eva, die Olga in der Minute ihrer ersten Begegnung erkannt hatte, – sie war den Instinkten höchsten Lebenstriebes entsprungen. Denn unter allen Frauen, wahrlich, war diese eine, die er spät gefunden, die einzige, die das angestammte Seine vollenden, erhöhen konnte. Im Sturm einer Minute hatten sie einander erkannt ... diese beiden, von der Natur so wohl Erdachten.

Einmal, bald nach dieser Begegnung, da hatte Manfred ihr – Olga – sein Herz ausgeschüttet, hatte ihr bekannt, wie er Eva sah. »Ich hörte einmal eine tiefe Deutung der Gestalten der Sixtinischen Kapelle. In den Figuren unterhalb der Bilder der Schöpfungsgeschichte, – in den Dreiecken zwischen den einzelnen Tableaus – waren Sie schon in Rom? Nein, das müssen Sie nachholen, – – in jenen vermittelnden Figuren sah der Kritiker die Freudigkeit der Götter, die Weisheit der Propheten, die Tiefe der Sybillen, und die Liebe der Mütter gestaltet. Und sie, Eva, – hat sie nicht die Freudigkeit der Göttin, die Tiefe der Sibylle und das Herz einer Frau?«

Aber sie war nicht nur freudig, tief und liebreich, sondern die hohe Vernunft, die all ihr Leben sie getragen, führte sie auch hier. Als er sich ihr mit junger Sehnsucht näherte, vergaß sie doch nicht, was ihr fast erratendes Wissen um die Dinge ihr mitgeteilt hatte, – daß dieses Mannes Erlebnis mit dem Weibe sich unterordnen müsse seinem Erleben am Werke. Und sie wußte, daß sie nur dann sein werden und sein bleiben dürfte, wenn seine Bestimmung zum Werke darunter nicht litt. –

Unter all den Halben, Geborstenen, Geschwächten, die ihm im Leben begegnet waren, faszinierte ihn diese einzige durch die hohe Vernunft, die aus ihrem Wesen strahlte. Wie waren hier selbst jene Triebe, deren Wesen Begierde ist, geedelt und hochgezogen, wie war sie doch so »berechnend« im sibyllinischen Sinn! Glücklich ergab sie sich seinem und ihrem Begehren, – sah sie doch darin ihre endliche Bestimmung. Aber über allen Leidenschaften, die ihrer starkströmigen Natur fröhlich entsprangen, stand, wachsam, eine erhabene Besonnenheit, die das Leben beschützt und mehrt. –

Von diesem Schauspiel, das sich vor Olgas Augen abspielte, drohte ihr der Fall. In tiefem Bangen sah sie sich vor ein Schicksal gestellt, das ihren Willen überwuchs, und das Dogma dieses Willens, – den Pfeiler, an den sie sich, lebendig rankend, immer gehalten, – zum Sturze brachte. Dieser Grundpfeiler ihres Willens war der Antrieb – zu wachsen, bis an die letzten Grenzen des Maßes, das die Natur ihr zugebilligt. Darum durfte sie – so hatte sie in Zeiten schwerster Not erkannt – nicht sinken durch dunkle Erlebnisse. »Sinke nicht – und wenn der ganze Orkus auf dich drückte.« Dieses Wort der Amazone Penthesilea war auch das ihre. Und – horch! – war hier nicht die wahre Prüfung der Frau, – jener Frau, die der Zukunft gehörte, – war dies nicht die wahre ›Freiheit der Frau‹ – daß sie eine Ungebrochene bleiben mußte, und eine Wachsende, so schwer und dunkel auch ihr Weibesschicksal sich über ihr zusammenballte? Ach, wie war sie dieser Freiheit doch so fern. In schmerzlichem Erleben glitten die Kräfte. Aber sie eilte ihnen nach, raffte sie zusammen; brauchte sie denn nicht ihre ganze Seelenmacht, da doch an jedem Wegende ein Schicksal von ihr besiegt sein wollte?

Sie rang mit sich, – diese beiden ihr teueren Menschen – beide lieben zu können. Aber es schien, als wäre die Stunde, wo solches Lieben freien Herzens möglich war, noch nicht gekommen. Der Ertrag ihres heldenmütigen Versuches aber war, daß sie, wenn auch nicht die Vereinigung der beiden, so doch jeden einzelnen weiter liebte, sie beide weiter sah, im Licht ihrer besonderen Art. – – – »Liebe darf niemals unfrei machen«, so hatte einst Lore, die ja auch zu jenen gehörte, die ihre Füße sicher setzen, gesagt. Sie lächelte schmerzlich, wenn sie dieses Wort überdachte. Jene höchste Weiblichkeit, die ein Dichter der Zeit auf den Mars verlegt hatte, jene Numenfrauen, – die vielleicht konnten dies Wort zur Wahrheit führen. Sie aber fühlte sich als Übergangene, – dies war ihr wiederkehrendes Los; auf totem Gleise fuhr ihr Leben dahin, und ihr war, als müsse sie dieses Todesbewußtsein erdrücken.

In dieser Zeit hatte sie eine dichterische Offenbarung. Da das gesprochene Wort und nicht die Feder ihr Instrument war, blieb diese Offenbarung als reines Erlebnis in ihr. Es war dieses: Sie erlebte neu die tiefe Idee, die sich an der Mythe von Königin Dido erhalten hat. – – –

– – – Unter die geringe Art der Phönizier, die am nordafrikanischen Strande siedelt, tritt der Held, – eine Gestalt des Lichtes, der Sohn aus edlem Stamme, – Aeneas. Die Königin – Dido, die Städtegründerin, die Selbsteigene – die Emanzipierte! – wird von der Liebe getroffen. Daß sie es bis heute nicht war, – es hatte seinen Grund darin, daß sie edler Mannheit nicht begegnete. In Didos Seele wohnt der Frohsinn, die Tapferkeit, die Tatkraft, und wie eine rote, blätterreiche, tief in ihren Kelch hinein verdunkelte Rose ist ihr Herz. Nicht umsonst heißt sie die »vollherzige Dido«. Sie reitet mit Aeneas zur Jagd, sie gibt sich ihm hin – oh, die Welt ist ein Strahlenmeer geworden für die Königin Dido. »Brennend vor Liebe durchschweift sie ... die Stadt.« Und nun erlebt sie – die Königin: das schwärzeste Weibeslos. Der Held verläßt sie, – überläßt sie denen, die um sie sind – den Geringen. Über die zur Tat geborene, selbsteigene Dido, kommt das Leid, das zermalmende. Das Leben bedroht sie mit der Schmach der Lächerlichkeit. Ein nomadischer König, Jarbas, strebt nach ihrer Hand. Der Geringe, den sie verschmäht, soll sich wieder in ihren Umkreis wagen dürfen, da sie dem Hohen so nahe, so nahe war? – Unter der Sonne Afrikas friert die Königin Dido, eisige Verzweiflung durchdringt sie immer tiefer.

»Wäre zum wenigsten mir ein Denkmal unserer Liebe, Ehe du fliehest, gewährt, und spielte ein kleiner Aeneas Mir im Palaste herum, der dir doch gliche von Antlitz, Ach, nicht schien ich mir ganz die Gefangene oder die Witwe!«

Aber ohne ein Pfand ihrer Liebe ihr zu lassen, ist der Held enteilt, – für immer. Nur, weil sie so friert, weil sie sich langsam zu Tode friert, kann es geschehen, daß sie den Scheiterhaufen für sich errichten läßt, Dido, die Königin, die Städtegründerin, die herrlich Selbsteigene, – die ein zu Tode frierendes Weib ward, da der Held sie verließ ...

Olgas Traumleben hatte alle ihre Schicksale begleitet. Was dunkel oft in ihrer Seele noch war – der Traum erschloß es zu letzter Klarheit. So träumte sie auch jetzt: Dido stand auf dem Scheiterhaufen, den sie zu magischem Gebrauch errichten ließ. Und sie – sie selbst war die brennende Königin. Kaum faßten die Flammen ihre Kleider, so entfloh sie. Sie sah sich im Traum, flammenlohend, über einen Hügel laufen; immer näher kam sie der Klippe am Gipfel, und von da erblickte sie das Meer, das rettende Meer, in das sie sich stürzte. Nicht, daß sie ertrinken mußte, dachte sie, – nein, nur, daß die Glut gelöscht wurde, das war es, was sie wußte, als sie jenen Sprung tat, im Traume. – – –

Sie erwachte, mitten in der Nacht, allein, mit ihrer Herzensnot. Draußen spannte sich ein sternenklarer Sommernachtshimmel. Sie blickte von ihrem Bett aus in das blaue Feuer der Venus; nicht ihr, nicht ihr schien dieser Stern. – – –

Eva, die jetzt mit ihrem Töchterchen nahe dem Grunewald wohnte, besuchte sie. Wie immer, so wirkte die Heilsamkeit ihres Wesens auch heute. Sie hob ihren Mut, ihren Glauben an ein logisches Geschick, das auch ihr bestimmt sei. Sie sänftigte den Aufruhr, und als sie sie friedlicher wußte, umschlang sie sie, und wagte es, zu gestehen, was Olga doch bald erfahren mußte: daß sie von Manfreds Liebe ein Pfand trug.

 

* * *

 

»Sinke nicht – und wenn der ganze Orkus auf dich drückte«, – das sprach die irrende, einsame Stimme. Stirb, du begehrendes Ich, stirb und werde – ein anderes. Auf, du entbehrende Seele – auf zur heldischen Tat: zur Tat der Freude darüber, daß die Art, die du als die höchste kennst, unter dem Herzen einer Frau geborgen liegt. Auf zur Freiheit, du Ringende, zur höchsten Freiheit. Stirb und werde. – – –

Hier war eine glückliche Mutter: Eva. Aber auch eine verlassene Mutter – die vom Elend spricht, welch ein Hohn, welch eine Lüge. War nicht jede Verlassene, eine kaiserlich Besitzende, die vom Geliebten das Kind empfangen? Verlassen, – das war nur jene, die so stand – wie sie stand. Und wußte sie denn, wohin sie noch mußte? Auf welche fremde, öde Straßen mochte sie ihr Weg noch führen, – – ehe sie an einem Punkt, der fern in der Ewigkeit lag – den Geliebten wiedersah.

Wie? Verirrten sich ihre Träume? War die Seele so geschwächt, daß sie sich dennoch an das Märchen klammerte, an das Märchen vom ewigen Begegnen, vom ewigen Wiedersehen, bis es, im Stadium der Vollendung, Vereinigung wurde?

Sie wollte fort. Stanislaus und Lore hatten ihr zugesprochen, eine Italienreise zu machen. Auch Manfred hatte ja gesagt, daß sie dieses nachholen müßte. Ihre Korrespondenz warf ihren Lebensunterhalt ab; sie konnte wohl ihr kleines Vermögen jetzt angreifen und das Blatt, mit Lores Hilfe, eine Zeitlang auch von ferne leiten. Fluchtgedanken trieben sie nach Italien, aber es war keine Lust und keine Sehnsucht dabei. Auch fürchtete sie sich, im geheimen, vor dieser geplanten Reise. Die Worte des Antonius, die er zu Tasso spricht, kamen ihr in den Sinn: »Schmerz, Verwirrung, Trübsinn harrt in Rom auf dich ...« Sollte sie fort? War es geboten, war es erlaubt? War es Feigheit, daß sie fliehen wollte, oder war es Feigheit, daß sie blieb, – weil sie nicht fort wollte, ohne – ihn – noch einmal gesehen zu haben?

Sie konnte ihn jetzt nicht sehen. Manfred war auf einer Reise nach London. Dorthin hatte er einen internationalen Kongreß einberufen. Abend- und morgenländische Gelehrte, vorwiegend Physiologen und Staatsmänner, sollten auf diesem Kongreß über jene Probleme beraten, welche eine internationale Intellektspolitik forderten, und deren Verwirklichung durch die Verschiedenheit der Rassen verhindert war; ohne die überragende biologische Position der weißen Rasse durch Mischung zu gefährden, mußte doch eine verbindende Brücke über diese verschiedenen Völker geschlagen werden.

Sollte sie fort? Trübsinn harrt in Rom auf dich ... War es Feigheit, wenn sie reiste, Mut, wenn sie blieb, – oder umgekehrt? Sie war beirrt und sah den Weg nicht klar.

 

* * *

 

– – – Im Unwetter eilt Olga über die Straßen. Große Wassermengen bedecken die Wege. Der Regen strömt im Wolkenbruch. Die Blitze, diese flinken, funkelnden, zornigen Gesellen, stürmen im Zickzack über das Firmament. Jeder tritt, angekündigt von einem Donnerschlag, einen Augenblick lang, zackig und glühend, in Erscheinung und verschwindet wieder, als stürme er durch den Weltenraum.

Diese Regenmassen der letzten Tage hatten einen Damm unterwaschen, – einen Damm, auf dem ein Eisenbahnzug – von Vlissingen nach Berlin fuhr. Der Damm war zusammengebrochen und jener Zug entgleist ... Sie jagt über die Wege, sie watet durch das Wasser. Die tiefer gelegenen Plätze in Friedenau sind überschwemmt. Sie wird naß bis zu den Knieen hinauf, sie schürzt das Kleid, so hoch sie kann, und watet weiter, um nur den Bahnhof zu erreichen. Endlich ist sie im Zug. Am Bahnhof Grunewald angelangt, sieht sie sich vergebens nach einem Wagen um. Es ist keiner da. Im Unwetter verfolgt sie die Spuren des verwüsteten Weges durch den Wald. Und dann, dann steht sie endlich am Hause. In ihren nassen, triefenden Kleidern eilt sie hinauf. Frau Wallentin kommt ihr entgegen, – gebeugt – eine alte, alte Frau. Sie zieht sie in die Arme, und das Mädchen läßt hier ihre Tränen fließen. Dann nimmt sie die Mutter an der Hand und führt sie hin, bis an die Tür jenes Zimmers, – in dem Manfred den Tod erwartet ...

Der Zug, der einige Teilnehmer des Kongresses von Vlissingen nach Berlin bringen sollte, war entgleist. Als man Manfred nach Hause brachte, war er ein verlorener Mann. Äußerlich unverwundet, hatte er innere tödliche Verletzungen davongetragen. »Hoffnungslos«, sagten die Ärzte.

Die Mutter hat leise die Tür geöffnet, aber Olga tritt nicht ein. Sie bleibt im Nebenzimmer, hinter der Portiere, die sie behutsam beiseite schiebt. Sie will sich nicht an sein Lager drängen, dort ist nicht ihr Platz. An seinem Bett sitzt Eva. Sie will nur noch einmal die geliebten Züge schauen. Und zum zweitenmal sieht sie einen Menschen sterben. Sie sieht, wie er die Augen aufschlägt und wie ein letzter, goldener Strahl daraus zu Eva gleitet. Sie sieht, wie Eva sich über ihn beugt, wie er seine Hände hebt, – wie sie auf ihrem Leibe ruhen ...

So steht sie an der Tür, so blickt sie, zum letztenmal, in das Antlitz, – über das sich die Schatten lagern, die bald für immer bedecken, was sie geliebt. – – –

 

* * *

 

Manfreds sterbliche Reste wurden in das Krematorium von Gotha überführt und dort verbrannt. Dann wurde die Urne mit seiner Asche provisorisch beigesetzt, – verwahrt. Die endgültige Bestattung sollte von einer besonderen Manifestation der Kulturwelt begleitet sein. Noch waren die Teilnehmer des Kongresses, den Manfred einberufen, in Europa, als die Kunde von seinem plötzlichen Tode bekannt wurde. Sofort bildete sich ein Komitee, welches sich die Aufgabe stellte, die Mitglieder des Kongresses in möglichst großer Zahl zu Manfreds Begräbnis zu führen.

Und sie kamen. Sie strömten herbei – hunderte von Menschen, die an den Spitzen der geistigen Entwicklung der Welt standen. Hunderte von Trägern internationaler Kulturgedanken kamen, seine Asche zu bestatten. Es war ein Zug, wie man ihn noch nie gesehen, – ein Zug von Menschen, deren Haltung und Antlitz der Geist die entscheidende Form gegeben, deren Stirne vom Werke leuchteten. Ein Teil des großen Parkes war von einem Gitter umfriedet und bestimmt worden, die Urne zu bergen. Ohne jede religiöse Zeremonie bewegte sich der Zug vom Hause bis zu jenem Teil des Parkes.

Das Unwetter hatte ausgerast, und einer jener goldenen Oktobertage überleuchtete Himmel und Erde. Unter einer breitkronigen Rotbuche war ein überwölbter Sockel, von weißem Marmor, errichtet worden, einer Art von steinernem Schrank, in dem die Asche in einer antiken Urne, die Manfred selbst von einer Weltreise mitgebracht, und deren schwärzliche Bronze die Jahrtausende patiniert hatten, beigesetzt wurde. Es war dies in jenem Teil des Parkes, der an herrlichen Gewächsen am reichsten war. In edler Anlage schloß sich hier dichtes Baumwerk zusammen, Kiefern, Taxus, Lebensbäume, und Zypressen; Kirschlorbeer und Rhododendron rankten sich in geschützten Lagen. Neben jungen Blautannen glühten die granatroten Beeren des Ilex. Moos bedeckte die Erde und den Ansatz der Bäume, und hohe Farne schmiegten, wie tröstend, ihre zärtlichen Spitzen an das marmorne Gehäuse, das in tiefer Nische die Urne barg. Hier rankte echter Wein, von dichten Büscheln roter Kletterrosen durchglüht. Bunte Nesseln leuchteten neben den Farnen und eilten von hier den Sträuchern zu. Weiße Palmlilien hoben sich in schlanker Schwermut aus dem dichten Dunkel des Gartens, und auf kletterndem Gesträuch, wiegten die Passionsblumen ihre rosa, lila und weißen Köpfe, mit ihren sechs- und achtblättrigen Blüten schimmernd, wie entflohene Sterne,

Ein großer Dichter trat vor. Sein bartloses, feierliches Antlitz, mit der gewaltigen Stirn, erinnerte an das Haupt eines jungen, geistlichen Sehers, dem in der Stille seiner Zelle Offenbarung wurde. Mit schöpferischen Worten zauberte er das Bildnis des Toten herauf. Er sprach von den erschließenden Augen, die liebreich auf den Dingen geruht. Er stellte sein festliches Wesen vor die Seele der Trauernden. In dem jähen Tode des Freundes sah er ein Symbol, wie es das Schicksal nicht sinnfälliger erdenken konnte: ein Symbol für den tollen Zufall der Vernichtung, der das Hohe auf dem Wege zur Vollendung immer wieder zerschmettert. »Der Neid der Götter schlug hier wieder einen nieder, der die Menschheit in ihre Nähe zu rücken sich vermaß. Ein Ritter, der den leuchtenden Degen schwang, ward hier niedergestreckt. Er starb in der letzten Stunde vor der wohlbereiteten Tat, nachdem er den Ertrag seines Lebens in von ihm gewählte und geeinte Hände gelegt. Von hier aus wird das verwahrte Pfund erwachsen, bis es jene Gestalt erreicht, die die Sehnsucht des Toten war, die ihm vorgeschwebt, deren Bild ihn auf langer Wanderschaft geführt ... Wie eine sagenhaft ritterliche Gestalt, so wird uns, im trüben Tag irdischen Wirkens, sein Bild umschweben ...« Als die letzten Worte verhallten, fluteten aus der Verborgenheit des Parkes die erhabenen Klänge des Trauermarsches, der Siegfrieds Tod begleitet. Und die Töne folgten dem Zug, als er sich langsam in Bewegung setzte und dem Hause zuging. – – –

Einsam, in der strahlenden Herbstsonne, blieb die Urne in ihrem steinernen Gehäuse, und die Buche ließ das Blut ihrer Blätter über dem weißen Marmor rauschen. Zärtlich schmiegten die Farne ihre gefiederten Spitzen an den leuchtenden, kalten Stein; der frische Herbstwind strich durch die bunten Nesseln und fuhr flüsternd weiter, bis er die Sterne der Passionsblumen wiegte und dann aufstieg, in die Kronen der Bäume, denen er raunend erzählte, was sich unten, an dem einsamen Stein, begeben ...

 

* * *

 

Tage verstrichen, Tage, in denen die Seele sich tief und willig ihrem Weh verkettet ... Da kam ein Brief von Werner.

Er erzählte von seinem Leben in der Blockhütte ... Zwei Stunden täglich arbeitete er auf dem Acker- und Gartenland, das die Hütten einte, und dessen Ertrag die Ansiedler zum größten Teil nährte. Reichte die Ernte nicht aus, so half der europäische Verein, denn Bettelmönchtum lag nicht im Sinne neubuddhistischer Reform. Vor der Aufnahme hatte er ein tiefschürfendes philosophisches Verhör zu bestehen gehabt. Wie er jetzt erfuhr, hatte ein besonderes Schreiben des Herrn von Bredow seine Aufnahme begünstigt. Die ganze übrige Zeit – außer jener zweistündigen Gartenarbeit, – gehörte den Jüngern, zur Versenkung und zum Gespräche über die tiefsten Fragen. So hatte er den Sommer verbracht, und geistliche Stille hatte sich über seine Seele gebreitet. Manchmal freilich geschah es, daß es wie ein Aufschrecken, wie eine plötzliche Unruhe immer noch über ihn kam; er glaubte dann hinhorchen zu müssen, – hin, nach der Welt des Kampfes, in der die Muße nur in spärlichen Mengen gewährt ist und in der die höchsten Preise andere sind als die, die ihm jetzt beschieden sein mochten ... Dann fragte er sich wohl, ob nicht seinem scheinbar so einfachen Leben, doch ein Gedanke von Künstlichkeit, ja von Gewaltsamkeit zugrunde lag, – ob nicht dieses absichtsvolle Vermeiden aller Möglichkeiten des Glückes, – dieses ängstliche Erdrücken aller Wunschkeime – – eine Gewalttat war, die dem Gang des Lebens in die Zügel fiel? ... Gewiß, das Ziel war ein hohes: Ruhe des Herzens ohne die Mitwirkung anderer zu erobern; so wurde man frei ...

Hier sank der Brief aus Olgas Händen. Ein Gedanke durcheilte sie, ließ sie den Kopf starr aufrichten, als lausche sie einer verborgenen Stimme ... Wie? War denn nicht gerade das auch die Freiheit, um die sie rang, – hier, mitten am Kampfplatz? »Ruhe des Herzens ohne die Mitwirkung anderer zu erobern« – war das nicht auch gerade die neue Aufgabe der Frau? Jahrtausendelang hatte die Frau nur dann im Frieden geruht, wenn ihr das Schicksal zuteil wurde, ihr Leben mit anderem Leben aufs engste zu verknüpfen. Außerhalb dieser Ruhe war für sie – Vogelfreiheit gewesen, Verfolgung, Rastlosigkeit und Gram. Aber die neue Frau – die auf ihr Selbst verwiesene, – die hatte eine neue Ruhe zu erobern, deren Seele mußte es lernen, stille und friedlich zu sein, regsam und frei zu bleiben, – auch ohne die Mitwirkung anderer ...

Werner sprach auch über das Geheimnis, das ihm ihr letzter Brief vertraut hatte. Es schien, daß die Gestalt Manfreds – das Schriftbild des teuern Namens grub sich brennend in ihr mühsam bezwungenes Herz, – stark vor sein inneres Auge getreten war ... »Ein vollkommener Mensch ist der,« – so schrieb er – »dessen Erscheinungsform dem Urbild seiner Idee am nächsten kommt. Denn die Urbilder allein sind die letzten Wesenheiten der Dinge. Die Vielen und Meisten, in sich selbst Zerstückelten, in sich selbst Vielfachen, entfernen sich mehr und mehr von ihrem eigenen Urbild, von dem letzten Gedanken, der ihrer Erscheinung zugrunde liegt; selten taucht Einer empor, der den Sinn seines Wesens erfüllt. Ist Dir das unsagbare Glück begegnet, die Gestalt Deiner Sehnsucht leibhaftig zu sehen, Deinen Weg mit dem jener Erscheinung zu kreuzen, so vergiß niemals dieses wunderbare Geschehen immer nur als Glück zu werten. Einerlei ob der Besitz der geliebten Person damit verbunden ist oder nicht. Öffne diesem einzigen Gedanken Dein Herz, und alles triebhaft Undeutliche wird friedlich und deutlich werden, und alle verstreuten und spukenden Kräfte werden das Zentrum suchen. Du wirst Dich dann stark fühlen – Du wirst Dich fühlen. Du bist dann. Es ist Dir, als müßtest Du Dich einer Führung überlassen, die als höhere empfunden wird. Du bist scheinbar unbeteiligt mit dem Willen, das heißt, Du spürst ihn nicht. Du gelangst in einen wahrhaft seligen Zustand, – wenn selig als das Wort gefaßt wird, das von Seele stammt ... Nur jene Reinigung des Herzens läßt Dir das geliebte Bildnis so hell erstrahlen, daß es Dein bleibt auf allen Wegen ...

Gedanken der innigsten Versöhnung mit dem Leben sind in diesen Zeiten, die ich hier verbringe, über mich gekommen. Ich sehe einen beruhigenden Sinn in allem mir früher so sinnlos scheinenden Walten, und einzig der Glaube an diese kristallene Vernunft, die auf dem Grunde der Dinge wirkt, – einzig dieser Gedanke läßt mich das Leben ertragen – ja lieben. Es ist die Flucht vor den Irreführungen des Treibens der Welt, die diese beglückende Hellsichtigkeit in mancher Stunde im Gemüt entstehen läßt – ich weiß es. Aber manchmal überkommt mich dennoch, – ich nach sagte es Dir schon, – etwas wie bange Sehnsucht nach jenem verwirrenden Brausen, – nach der dumpfen Musik des tätigen Lebens. Fast sehne ich mich dann, den geraden und glatten Weg, den ich nun wandle, wieder zu verlassen und an jenen vielfach verkreuzten Pfaden, – von neuem – irrend – die Richtung zu suchen. Stimmen erheben sich, Stimmen der Verführung, Stimmen, die zur Unrast der Welt hinlocken und zu wagemütiger Beteiligung an den Gefechten des Tages. Dann sage ich mir wohl: ist das eine Antwort, die ich hier erhielt, – oder ist es nicht eine neue Frage jener ewigen Sphinx? ... Weißt Du, was die Koralle im Meer bedeutet? Darwin erzählt, daß jene Korallenriffe die letzten Anstrengungen untersinkender Kontinente sind, – ihre Häupter über Wasser zu halten. Und ich? Habe ich nicht das Atmende und Lebende und Zuckende meiner Seele zu rosiger Versteinerung gerüstet? Eine letzte Anstrengung untersinkender Kontinente? ... Die Sphinx blickt mich an mit toten, steinernen Augen ...«

Und Olga dachte: Weit – weit ist der Weg nach Indien. Die gelbe, mönchische Toga, die er jetzt nur geliehen, – sie zu erwerben wird ihn einer hindern: sein Genius, – sein Dämon? Wer wollte das entscheiden. – – –


 

 

ELFTES KAPITEL

SAMMLUNG

 

 

 

»Wer frei von hinnen geht,

Der ist’s in Ewigkeit.«

Rückert.

 


 

Die goldenen Oktobertage waren vorüber. Der November war da, und dicht lagen die milchweißen Nebel vor den Fenstern und machten sie undurchsichtig. Für kurze Minuten nur hob und verteilte sich diese brauende Nebelmasse. Und wenn Olga jetzt an Italien dachte, so wuchs ihr die Sehnsucht danach, die Sehnsucht und der Mut. Jetzt band sie hier nichts mehr, – jetzt war sie frei. Wohl war diese Freiheit noch nicht jene fröhliche, jene warme, die neue Gestaltung ruft. Es war eine Freiheit, die sich manchmal wie Eis um das Herz legte, – niemandem gehörig, von niemand gefesselt und durch keinerlei menschliche Bande mit einem bestimmten Orte verknüpft, – so mochte sie gehen oder bleiben, – so war sie frei. Das war freilich noch nicht jene Freiheit, – von der er gesprochen. Mit wehmütiger Inbrunst barg sie das Bild, dessen Glanz auf ihr Leben gefallen war, tief in ihrem Herzen. Sie verschloß es da so fest, wie jene uralte, bronzene Urne verschlossen war. Leuchtend und unnahbar baute sie in ihrem Herzen, weiß und steinern, ein Grabmal um diesen teuren Überrest ihres Glückes, und ihr rotes Blut rauschte darüber, – wie das Laub einer einsamen Buche ...

Wenn sie jetzt an Rom dachte, so war es nicht mehr mit den Worten aus dem Tasso: »Schmerz, Verwirrung, Trübsinn harrt in Rom auf dich.« So hatte sie nur denken können, solange es hier Stunden gegeben, auf denen das Licht ihrer Liebe lag. Jetzt? Wo konnte sie einsamer sein, wo konnte die Trübsal sie schneller erreichen als hier? Sie dachte jetzt mit anderen Worten Goethes: »Trübe der Himmel und schwer auf meine Scheitel sich senkte, – farb- und gestaltlos die Welt um den Ermatteten lag ...« Und eine unüberwindliche Sehnsucht nach dem »Glanz des helleren Äthers« wurde immer stärker in ihr.

Stanislaus riet dringend zur Reise. Er ahnte, was sie hier gelitten, und er wußte, daß ihre empfängliche Seele jetzt Sonne und wieder Sonne brauchte, um aufzuleben; und da es nicht die Sonne eines glücklichen Schicksals sein konnte, so mochte es der Glanz der südlichen Landschaft sein, von dem er für sie Erweckung zu neuem, starkem Lebenskampf erwartete. Sie sollte sich um die Führung ihrer Korrespondenz keine Sorgen machen, Lore war gut informiert, würde ihr die wichtigsten Einläufe nachsenden und den Vertrieb geschickt besorgen. Sie sollte nicht zögern und reisen, nicht für wenige Wochen, nein, dem ganzen, deutschen Winter sollte sie entfliehen und erst im Frühling oder im Sommer, mit neuen Kräften, wiederkehren. Olga meinte, es sei nur selbstverständlich, daß Lore unter solchen Verhältnissen Mitbesitzerin der Korrespondenz würde. Stanislaus schob jede endgültige Regelung dieser Frage hinaus; nach ihrer Rückkehr würde sich das finden.

Der Plan der Reise gewann immer festere Gestalt. Wenn Olga zu ihren Wegen nach der Stadt meist nur die Mittagsstunden benutzen konnte, nach Hause kam, mit kalten, nassen Füßen und bald nach dem Mittagessen die Lampe anzünden mußte, da schoben sich ihr zauberhafte Szenerien, wie Luftspiegelungen, vor die Seele. Da war das Meer, das sie nie gesehen, – tiefblau funkelnd, mit zart bewegten Hügeln, aus deren geborstenem Kamm es weißlich schäumte, – mit Dampfern und Seglern auf dem Rücken und Vogelscharen über sich, deren geschlossenen Flug sie wie eine dunkle, sich bewegende Linie zu sehen glaubte. Sie sah eine Küste, mit hellen, flachgedeckten Häusern, frohlockend im Sonnenlicht. Die schlanken Kegel der Zypressen und die raumheischenden Kronen der Pinien, die nachbarliche Verschlingung nicht dulden, hoben sich vom Horizont. Sie sah Oliven und Reben flinkfüßig über wellige Hänge klettern und über allem, zitternd und schwingend, das weiße, durchsichtige Licht des Südens.

Und dabei saß sie in einer Berliner Vorortsstube bei der Lampe oder eilte, in Nässe und Kälte, mit schweren Kleidern, durch die Straßen. Und sie blickte auf einen kleinen Sonnenfleck, der manchmal längere Zeit auf dem Boden der Loggia blieb, und ihre Phantasie weitete ihn und spannte ihn über das Firmament. Die Sonne, die Sonne – das war jetzt für sie das gelobte Land. War es Manfreds Tod, oder waren es die Worte aus Werners Brief, die ihre Seele gereinigt hatten von jenem »dunklen Zwang«, die sie hochgehoben hatten über das wühlende Leid, welches vordem ihren Lebenswillen zu begraben drohte? Über dem Leid, das sie jetzt empfand, lag ein Hauch von Frieden, – Wehmut war gekommen und hatte Erbitterung, Auflehnung und den finsteren Gram verdrängt. Nur für Stunden kam noch diese Bitterkeit über sie, die einem Schicksal galt, das sich durch keinen Besitz gefestigt fühlte. Sie ging nun diesen Winter nach Italien, – wie sie im vorigen nach Schlesien gereist war. Ob ihr Weg sie in Schnee und Winter oder zum Lichte des Südens führte, – wen ging es an, wer fragte danach! Verlassen damals, vereinsamt heute und niemand gehörig, heute wie damals. Aber mit wiederkehrender Kraft schwang sie sich mutig über solche Stimmungen, die sie verdüsterten. Sie bemühte sich, die Wohnung zu vermieten, und nach kurzer Zeit gelang es ihr. Nun hieß es, die Möbel in Aufbewahrung geben. Ein Teil kam zu Stanislaus und Lore, der Rest, für den dort kein Platz war, zum Spediteur. Es war eine lästige Arbeit für sie, all ihre Habe vom kleinsten bis zum größten Gegenstand, durch ihre Finger gehen zu lassen und bei jedem Stück zu überlegen: wohin damit, – was brauche ich davon, was kann ich entbehren, wohin lege ich dies und wohin jenes, damit ich es auch seinerzeit wiederfinde. Ihre überflüssige Garderobe verpackte sie in Koffer, und als sie nach einiger Zeit merkte, daß sie doch noch manches Stück daraus brauchte, da lagerten die Koffer schon im Keller des Spediteurs, und sie mußte hinuntersteigen und allein in dem weiten, dunklen Keller in ihren Koffern nach den gewünschten Sachen suchen; und weil ihre Seele noch wund und empfindlich war, so prägten sich solche Szenen der Düsterheit, die Zeugnis ablegten von zerrissenem Besitz, von Mühsal und Einsamkeit, schmerzlich in sie ein.

Aber trotz aller Bedenken und Beschwerden sollte die Reise angetreten werden, – denn sie schien »erlaubt« – in dem Sinne, wie Eva das Wort verstand; ja sie erschien geboten.

Sollte sie über Genua, Mailand oder Verona fahren, die Strecke über den Simplon, den Gotthardt oder den Brenner wählen? Fuhr sie über den Gotthardt, so war sie den italienischen Seen nicht fern. Sollte sie Werner aufsuchen? Auch diese Frage tauchte auf, aber sie verneinte sie schnell. Der mußte noch lange sich selbst allein überlassen bleiben, und ihr Erscheinen wäre ein heftiger Eingriff in den geschlossenen Zustand seines jetzigen Daseins gewesen. Wäre Edda noch in Genua gewesen oder selbst an der azurischen Küste, so würde sie den Weg über Genua gewählt haben, um sie hier zu treffen. Aber Edda lebte in Paris, wo Mr. Macpherson sie im Frühling abzuholen pflegte, um dann bis zum Herbst mit ihr im Car durch Europa zu reisen. In seine Heimat war sie ihm nicht gefolgt, denn es hätte weder seinen noch ihren Wünschen entsprochen, in Heimlichkeit neben der gesellschaftlichen Sphäre, in der er zuhause war, sich zu verbergen ... So traf sie ihn nur, wenn er in Europa war und lebte in der übrigen Zeit in Paris, im Rahmen der Gesellschaft, die der Witwe des berühmten Gelehrten Tür und Tor geöffnet hatte. Ihre sehr diskret gepflegten Beziehungen zu dem amerikanischen Millionär, von denen man munkelte, begegneten hier gefälliger Nachsicht und vollem Begreifen. Man fand sie »belle à miracle«, und das vornehme, kleine Hotel, das sie mit ihrer Dienerschaft bewohnte, wurde von den Angehörigen der besten Kreise, in die sie die Familien hervorragender Ärzte eingeführt hatten, gern besucht. So war auch dieses Leben – nach zwei Seiten hin, – befriedigend geordnet ...

Eva wohnte nun nicht mehr in der Nähe des Grunewalds, sondern war mit ihrem Töchterchen ganz ins Haus von Frau Wallentin übersiedelt, deren letztes Sehnen an der Heimkehr ihres Sohnes Florian und dem werdenden Leben hing, das Eva unter dem Herzen trug.

Als Olga abreiste, war ihr Zustand schon weit vorgeschritten und das Bildnis der hoffenden Frau, die auf dem Bahnsteig stand und so lange mit dem Tuche winkte, als der Zug zu sehen war, war das letzte, das Olga aus jener Stadt, die ihr fast eine Heimat geworden, mitnahm.

 

* * *

 

Noch in München, wo scharfe Herbststürme wehten und der Regen täglich ein paarmal den Menschen auf die Köpfe fiel, wollte die Schwermut nicht von ihr weichen. Aber als sie sich am ersten Morgen in Florenz die Augen rieb, – das Licht in klarer Stärke durch die Fenster hereinbrach, und über dem lauten, bunten Straßenleben die Sonne so festlich glänzte, als hätte sie sich zu ihrem besonderen Willkomm gerüstet, da fiel mit einem Schlage alles, was ihr Wesen bedrückt und niedergeschwert hatte, von ihr ab. Die Reaktion ihrer Natur auf die Atmosphäre des Südens, auf dieses Klima, diese Luft, dieses Licht, diese starken Farben und scharf umrissenen Formen, war eine vehemente.

Stufenweise begann sie sich in den großen Kunstepochen, deren Monumente Florenz umschloß, zurechtzufinden. Sie begann mit Giotto, stieg weiter hinauf zu den Entzückungen des Fra Angelico, schwang sich in die reineren Höhen des Ghirlandajo; von Bruneleschi kam sie zu Michelozzo, und von da erst näherte sie sich zagend den Höhen Michelangelos. Hier, in Florenz, sah sie zum erstenmal die Entwürfe zur Sixtinischen Kapelle, und ihr Herz klopfte höher, wenn sie an Rom dachte. Aber mehr noch als die Schätze der Museen und die Wucht der Paläste gab ihr die Umgebung. Dieser Kranz von Bergen, dicht mit kleinen Dörfern und Villen besäet, überragt vom alten Fiesole, von Obst, Oliven und Reben beladen, die jetzt in herbstlicher Glut standen, von Zypressen und Pinien gekrönt, – dieser Kranz, der sich da um die Stadt herumschloß, übertraf all ihr Erwarten. Als sie hoch oben in Fiesole, auf dem uralten Platze stand, auf dem das Etruskische Museum steht, vor sich die große Treppe sah, über welche gerade ein Kapuzinermönch hinunterging, als sie diese weite Hügellandschaft in deren Mulden Florenz liegt, überblickte, da schien sie sich selbst wie von einem Alpdruck erlöst. Sie war den ganzen Nachmittag in den etruskischen und römischen Ruinen und in dem kleinen antiken Museum da oben herumgestiegen, und der Sinn, der sie befähigte, diese alten Schätze zu betrachten, war ihr ein durchaus neuer. Niemals hatte sie gedacht, daß man einen versteckten Sinn für Archäologie urplötzlich in sich entdecken könnte. Vielleicht war es nur ein hohes körperliches Wohlbefinden, das sie befähigte, ihre Augen auf den Dingen ruhen zu lassen und liebevoll ihren Formen nachzugehen. Manchmal war ihr, als sähe sie das helle Antlitz Manfreds, welches sie mahnte: betrachte – betrachte liebevoll die Erscheinung ... Wenn sie nun an ihn dachte – wie er gelebt und wie er gestorben, – dann war es ihr, als ob auch über diesem jähen Verschwinden eine geheimnisvolle Logik des Schicksals läge ... Denn von dem bestehenden Heute zum kommenden Morgen, zu seiner Zeit, war – so schien es ihr – ein zu weiter Weg, um ohne Stufen genommen zu werden. Zwischen der Gegenwart und zwischen dem neuen Tag, den er sah, mußten Übergänge liegen, damit sein Werk zu reiner Wirkung gelange.

Und seine Erscheinung war aufgeleuchtet und verschwunden, wie die Fata Morgana eines möglichen Zieles, zu dem der Weg noch weit war ...

 

* * *

 

Sie hatte das Weihnachtsfest in Rom verlebt. Die Regenzeit verbrachte sie mit der Besichtigung der Sammlungen, der Raffaelischen Loggien und Stanzen und – immer wieder – der Sixtinischen Kapelle. Träumend stand sie vor der Weisheit der Sibyllen, oder betrachtete, mit dem Spiegel über dem Kopf, die Anmut Evas, die Gottvater, mit gnädiger Erlöserhand, aus der Rippe des schlafenden Adam herauswinkt. Und Adam selbst, – wie liegt er leblos auf der Böschung der runden Welt, ein armer Koloß, bevor ihn nicht der ausgestreckte Finger des heranschwebenden Herrn berührt und er, noch verfangen im Schlafe des Unbewußten, langsam zur Welt erwacht.

Einmal, als sie hier stand und wanderte, wurde gerade ein Trupp Engländer hereingeführt. Noch bevor das Pfefferminzplätzchen, das sie zur Erfrischung genommen hatte, auf ihrer Zunge zerschmolz, gingen sie, mit dem Urteil »a nice place« und unter Mitnahme einiger Steinchen aus dem »Müsaik«, die sie von dem Fußboden, der gerade restauriert wurde, emsig auflasen, wieder dem Ausgang zu ... Zu längerem Aufenthalt hatte sie sich in einer Pension eingemietet. Wäre sie nicht ganz allein hier gewesen, so hätte nichts sie vermocht, sich täglich mehrmals mit dieser fremden Schar zu Tisch zu setzen. Hier in dieser göttlichen Stadt – hier hätte man mit einem Gefährten wandern müssen ... Wie hätte man dann in den kleinen Trattorien, draußen vor den Toren, festlich speisen können! Ein Greuel waren ihr diese von maskenhaftem Lächeln begleiteten Gespräche, die an der Table d’hôte geführt wurden und allesamt zu dem einen Zweck verschworen schienen: nichts zu sagen. Ihre Nachbarin bei Tisch, eine ältere Tochter Albions, fragte, als sie hörte, sie sei Österreicherin, nach der Affäre Vecsera ... »oh – she was a girl without principles« ... Nach und nach erschien sich diese Intellektuelle geistig wie ein Fisch auf trockenem Sande und sehnte sich manchmal nicht wenig, nur eine Stunde mit einem Menschen so reden zu können, wie sie es gewohnt war; hier in der Ferne erst, erhielt die deutsche Metropole, die Hochburg geistigen Ringens, für sie die rechte Perspektive.

Freilich, – im Sonnenglanz auf dem Forum umherzuwandern und da mit dem »neu entdeckten Sinn« das alte Rom im Geist aufzubauen, das war freilich auch ein ganz besonderes Glück. Sie durchquerte die weiten Stätten mit den erhabenen Trümmern. Von hoch oben – durch den Titusbogen – waren die Sieger eingefahren. Stehend lenkten sie das Gespann über die alte, heilige Straße. Das Haus der Vestalinnen, klosterhaft abgeschlossen, ragt noch als große, runde Backsteinruine. Die Marmorblöcke weiter oben – Trümmer des Augustustempels. Links haftet das Auge an den acht Säulen des Saturntempels, alle ähnlich verfallen, als hätten sie am selben Tage zu bersten begonnen. Von ihren plumpen, jonischen Kapitalen flüchtet der Blick auf das edle, korinthische Gebälke der drei verschwisterten Säulen, die vom Tempel des Kastor und Pollux geblieben sind. Mächtige Tuffquadern liegen unter einem Bretterdach geborgen, wie Blöcke, mit denen Riesen gespielt, – Reste des Altares des Vulkanus; und im Comitium der alten, republikanischen Gerichtshalle sind noch die Bogenfenster, zugemauert, erhalten. Noch leuchtet auch der köstliche Marmorboden der Basilica Aemilia.. Schmale Durchgänge und Pfade führen durch alle diese Trümmer immer wieder zur Via Sacra ...

Hier ging sie Stunden und Stunden. Sie lehnte sich an die Rostra, die Rednerbühne, welche Cäsar errichten wollte und die Augustus ausgeführt. Hier stand sie, nahm mit den Augen das im Lichte strahlende Bild, diesen ungeheuren Platz voll von Ruinen, zwischen denen sich ihr immer geübterer Blick immer besser zurechtfand. Nicht selten dachte sie dann auch an das, was sie zu sagen hatte, später sagen würde, – zuhause. Und an die Brüstung der Rostra gelehnt, formte die Rednerin der jungen Zeit manchmal halblaut ihre Gedanken, – über die mögliche Freiheit des weiblichen Schicksals. – – –

Sie war erfreut, als sie endlich einen längeren Brief von Stanislaus erhielt. Bisher hatten sich seine Nachrichten auf kurze Mitteilungen beschränkt. Das Erscheinen seines Buches über die Stiefvaterfamilie und der neuen, von Manfred gegründeten Zeitschrift, deren Chefredakteur er war, hatten ihn voll in Anspruch genommen. Der freundliche Hafen, in den sein Schicksal eingelaufen war, bot aber wohl eine gute Stätte für ihn, denn schon bereitete er wieder ein neues Werk vor.

Er berichtete, daß sein erstes Buch über die Probleme der Moderne bald in neuer Auflage erscheinen sollte, und daß er eben dabei war, diese Neuauflage zu bearbeiten. »Es muß eine verbesserte Ausgabe werden«, schrieb er; denn wo er in der ersten Bearbeitung angegriffen hatte, mußte er erklären und ergänzen. Man hatte sein Buch als eine Absage an die Moderne aufgefaßt. Dieser Meinung mußte er entgegentreten. Klarer als früher erkannte er die tiefsten Werte jener neuen Epoche. Hinter der angeblichen Ziellosigkeit, die panikartig heute diese Streiter durcheinandertrieb, erkannte er doch ein starkes Zielwandern, eine unaufhaltsame Bewegung, die den Weg zur Höhe suchte. »Wo wäre eine Epoche,« so schrieb er, – »in der eine ganze, große Schicht so sehr gegen sich selbst rang, wie unsere Schicht – in unserer Gegenwart. Diese Halbnaturen«, so schrieb er, »sind heute so zahlreich, weil in einer Generation Erfüllung nicht möglich ist. Aber Bewegung ist da, die vorwärts schiebt, verdrängt und ausliest. Und wenn man genau hinsieht und hinhorcht, so merkt man ordentlich, wie es in den Gelenken dieses großen Lebewesens – welches eine Generation einer bestimmten Kulturschichte respräsentiert – kracht, wie es sich dehnt, wie es wächst ... Es bleibt noch das schwerste Bedenken: daß die Intellektualität auf Kosten der Instinktkraft steigt. Das wäre freilich schlimm. Denn kein Homunkulus, und sei er noch so kunstvoll gegliedert, ersetzt die Weisheit von Fleisch und Blut. Aber ich – glaube – kann ich nur sagen, denn zum Wissen dieses Dinges ist noch weit, – ich glaube und ahne, daß auch dies nur ein Übergangsstadium, eine aufhaltende Biegung des Weges ist, und daß der vollkommene Intellekt überhaupt nur durch das Medium hochentwickelter Instinktkraft wird. Darum Züchtung und Förderung dieser Kraft, – – doch hier beginnt ein neues Lied – Manfreds große Lehre.« – – – Dann sprach er von seinem neuen Buche. Diesmal waren es Gestalten, die ihm vorschwebten und ihre lebendigen Schicksale von ihm verlangten. »Als Träger der Handlung sehe ich Einen aus der jungen Generation hochassimilierter, weltbürgerlich freier Juden. Ich sehe ihn als eminenten Vertreter intellektuellen Ringens. Sein Herz birgt noch die alte Inbrunst vom Sinai – seine Seele liebt vielleicht die Gesänge, zu denen an den Wassern des Euphrat die Harfen tönten, – von Tränen betaut, – aber seine Vernunft klettert kühn auf die Gipfel westlicher Kultur, bis zu Darwin, Nietzsche und Kant.«

So schrieb er, glühend von Plänen. Und dieser Ausdruck geistigen Ringens – er war einzig auch ihre Sprache und lockte ihre Sehnsucht, wieder dort zu stehen, wo der berauschende Kampf mit den eigenen Kräften ihrer wartete. Dort war die Sphäre, in der sie wurzelte, – nur dort. Die Skrupel, die die geistig Arbeitenden fast nie verlassen, wenn sie auf dem Wege sind, auszuruhen, zu genießen, meldeten sich; aber sie war klug genug, um zu wissen, daß ihre Energie, die über ihre Kraft von den Vorgängen der letzten Zeit beladen gewesen, erst noch schlafen mußte, ruhig liegen, wachsen, sich im Schlafe erneuern und vor allem – reifen, ohne aktives Tun, wie die Frucht am Baum reift, während sie sich der Sonne überläßt. Auch sie mußte sich noch hier der Sonne des Südens überlassen, bevor sie, eine stärkere, heimwärtszog.

 

* * *

 

Es ging schon zum Frühling zu, als sie wirklich das blaue Meer sah. Auf der Felseninsel öffneten sich schon die Knospen der Kakteen und Agaven, die aus dem Gestein wuchsen, Limonen- und Orangenbäume standen im neuen Grün und rüsteten für die Blüte; die Pinien hatten zarte, helle Spitzen. Hier auf Capri wollte sie noch längere Zeit bleiben.

Am liebsten stieg sie vom hochgelegenen Ort hinunter, kletterte gewandt über den Rücken der Berge, bis ganz dicht ans Meer heran.

Und hier sah sie eines mittags, während sie sich sonnte, einen jungen Mann, dessen Gesicht eine Ähnlichkeit mit irgend jemand hatte, den sie kannte, ohne daß sie sich besinnen konnte, wer es war. Dieses ovale, gebräunte Gesicht, mit dem schwarzen Spitzbart und den sanften, mandelförmigen, dunklen Augen, erinnerte sie an – – – Sie suchte in ihrem Gedächtnis. Und plötzlich wußte sie es: an die alte Frau Ullmann, die auf Krücken ging, und die sie im Bunde getroffen. Der junge Mann ging; aber wenige Tage später traf sie ihn wieder, – an der Seite einer zierlichen, kleinen Frau, mit runden, geröteten Wangen und einem Paar Augen, die ordentlich wild funkelten, ohne den friedlichen Ausdruck, den das Gesicht sonst trug, zu gefährden. Wenige Tage später erhielt sie ein Kärtchen: »Gnädiges Fräulein! Ich habe erfahren, daß Sie hier sind. Verzeihen Sie uns, meiner Frau und mir, die Kühnheit der Annäherung. Aber wir kennen seit langem Ihren Namen und würden es zu schätzen wissen, Sie begrüßen zu dürfen. Bruno Ullmann.«

Zwischen Olga und diesem jungen Paar entspann sich nun ein reger Verkehr. Das also war der einzige Sohn Frau Ullmanns, von dem jene ihr erzählt hatte. Bald erfuhr sie die Geschichte dieses Paares und wurde Zeugin ihrer Lebensweise. Sie hatten lange in einem Dorf in den Apeninnen gelebt, – aus dem einfachen Grunde, weil sie nur ein Einkommen besaßen, von dem anderwärts kaum ein Mensch, wenn auch auf die bescheidenste Art, leben konnte. Erst in letzter Zeit hatte die Mutter ihr Vermögen besser angelegt und konnte dem Sohn eine größere Rente gewähren. Nun lebten sie auf Capri, unten an der Marina piccola, in einem Häuschen, dicht am Meer. Sie hatten da eine winzige Wohnung gemietet und mit dem allernotwendigsten Hausrat ausgestattet. Seltsam erschien es Olga, daß dieser junge Mann sich von der Heimat fernhielt, ohne den Versuch zu machen, einen Erwerb zu finden. Aber als sie das Paar längere Zeit beobachtet hatte, wußte sie, daß er zu jenen gehörte, an welche normale Forderungen zu stellen anormal wäre. Stundenlang lag Bruno am Balkon im Streckstuhl, oder er lagerte zwischen den Klippen. Langweile kannte er nicht. Seine Seele war friedlich. Ab und zu schrieb er ein Gedicht nieder, mit dem er keinerlei Absichten hatte, wie sie Schriftsteller sonst zu haben pflegen. Und dann war er ein Freund der Vögel. Sie hatten einige Käfige, voll dieser bunten Sänger, die Bruno zum Teil vor den Capresen gerettet hatte; wenn im Netz, das die Insel umspannte, die Wachteln schluchzten, oder gar die Höheren aus dem geflügelten Reich, Lerche und Nachtigall, ihre klagenden Stimmen hören ließen, so war er eifrig dabei, sie zu befreien, sie für einige Tage in sein Vogelhaus zu bringen und sie dann auffliegen zu lassen, wie weiland Lionardo da Vinci ...

Seine Frau Susanne war vor allem Hausfrau. Sie räumte, kochte und schaffte den ganzen Tag. In der kleinen Wohnung herrschte eine Ordnung, die in Wahrheit das gewöhnliche Beiwort »peinlich« verdiente. Wenn sich ein Gegenstand im Gebrauch auch nur im mindesten verschob, gleich mußte er wieder in die einmalfestgesetzte Lage gebracht werden. Diese peinliche Hausfrau hatte Schicksale hinter sich, die nichts weniger als geeignet schienen, sie zu dem zu machen, was sie war. Als Kind schon wurde sie in die Tiefe gestoßen. Aus ursprünglich wohlhabend bürgerlicher Familie, war sie durch den Tod der Eltern früh verwaist. Eine Tante in Amerika hatte sie zu sich genommen. Dort, wo die Kinderarbeit erlaubt ist, hatten die kleinen Finger der kaum Zwölfjährigen in einer Zündhölzerfabrik ihr Brot verdient. Aber das kleine Geschöpf dachte nicht daran, sich hier zufrieden zu geben. Sie hatte Talent für Gesang und Tanz und arbeitete sich aus der Fabrik zum Variété hinauf. Hier hatte sie einmal eine mimische Szene, in der eine so starke dramatische Begabung sich ausdrückte, daß ein einflußreicher Theatermann, der zugegen war, sie von da fortnahm und sie für die Bühne ausbilden ließ. Susanne war ein überwacher Intellekt, ein ungebärdiges, unbeeinflußbares Temperament und zum übrigen von einer Art Exaktheitswahn beschwert. Mit all diesen Eigenschaften zusammen vermochte sie sich am Theater nicht zu halten. In schweren Zeiten, da sie ohne Brot war, geriet sie auf dunkle Wege, -schließlich in die Hände eines Mädchenhändlers, der sie in ein Haus nach Tunis brachte. Von hier entfloh sie, auf einem europäischen Schiff, dessen Kapitän sie sich zu Füßen geworfen hatte. Bruno hatte sie in Berlin kennen gelernt. Dort war sie im Geschäft eines Tapazierers und Dekorateurs untergekommen. Mit augenblicklichem Entschluß hatte er in ihr seine Herrin und darum seine Gefährtin erkannt und gefunden. Und wirklich war diese Ehe eine selten glückliche. Es fehlte ihr nur eines, um vielleicht ganz eine Ehe zu heißen, – die Reibung der Persönlichkeiten aneinander, die die beste Schule des Lebens ist, für die – die sie bestehen. Diese beiden Leutchen tolerierten gegenseitig alle ihre Sonderlingsgewohnheiten. Susanne hatte niemals, auch in der tiefsten Tiefe, in die sie das Schicksal gestoßen, ihre kompromißlose Herrschsucht eingebüßt, die sich mit vollkommener Güte in ihr einte. Sie hatte auch nie ihre exakte Hausfrauennatur verleugnen können. Nie die Umständlichkeit, mit welcher sie von kleinen Dingen sich große Wege versperren ließ. Hier, als unbedingte Herrscherin eines Mannes, dessen Leben sie, mit seinen Neigungen rechnend, leitete, als absolute Regentin einer winzigen Häuslichkeit, war sie an ihrem Platz. Zwischen all den vielen kleinen Obliegenheiten, mit denen sie ihr Leben belud, verfolgte sie zeitweilig auch Pläne größerer Art; so war sie jetzt entschlossen, den Haushalt auf Capri bald aufzugeben und nach Berlin zurückzukehren. Hier wollte sie sich in der Kunstfertigkeit der Dekorateurin weiter bilden und mit der ihr eigenen Geschicklichkeit im Arrangieren von Stoffmassen Brot für sich und Bruno schaffen.

Da waren sie wieder, denen Olga entflohen zu sein glaubte, – jene, die innerhalb der Zone der bürgerlichen Welt doch ihre eigenen Wege liefen, – manchmal krumme und absonderliche Wege, – die nicht mitten durchs Leben durch, sondern neben dem Leben lagen ... Und doch – sie waren ihr verwandter als andere, und sie hatte sie auf ihrer Wanderschaft schon ehrlich entbehrt.

Die Ostertage waren vorbei. Olga genoß noch, im April, die phantastische Pracht der Rosenblüte, die in riesigen, leuchtenden Büschen stand. Duftströme überfluteten Campanien. Über den Mauern der Gärten, zwischen denen sich die engen, krummen Gäßchen durchwinden, reckten und rankten sich Wein und Lorbeer, Kaktus und Myrte. Der Himmel hing hoch, und war nächtlich besternt, daß er erschien, wie ein schimmerndes Riesennetz, auf dunklem Grunde.

Da kam ein Brief von Frau Wallentin. Ob sie denn nicht bald wiederkäme? Und Eva habe einen Sohn geboren, ein schönes, starkes Kind; und beide wären wohl.

Und da war auch in ihr, in Olga, etwas, das geboren werden wollte, – aber nicht in diesem Blütenlande; eine andere Wiege brauchte das. Jener Gedanke, den Manfred in sie versenkt hatte, – war langsam, keimend, in ihr gewachsen, – und wollte zutage treten.

So entsagte sie dem südlichen Frühling, der ihre Seele in Träumereien hielt und rüstete zur Heimkehr.

 

* * *

 

Wie Bangigkeit kam es über sie, als sie in München wieder auf deutscher Erde stand. War sie auch stark genug, – zurückzukehren? Ihr war, als brauchte sie noch einige Tage einsamer Sammlung.

Sie fuhr über Thüringen und unterbrach hier ihre Reise. Sie wanderte von der Bahnstation, auf der sie ausgestiegen war, bis zu dem Städtchen, in dem sie nächtigen wollte; über ein weites Hügelland, mit flachen Mulden, Schonungen, Wiesen und Wäldern, wanderte sie; Gold und Sonne, in frischer Waldluft war alles. Die Zweige der Birken schienen in der feuchten Luft rötlich-violett und hoben sich von dem herben Grün der Tannen. Zeitweilig schwieg der Tannenduft, und der der Kräuter wurde stark. So wanderte sie einen halben Tag.

Sie begegnete einer Schule, einer Kinderschar, die von ihren Lehrern hinausgeführt wurde. Und die Kinder sangen das erwartende Lied:

 

»Lasset uns singen,

Lasset uns springen,

Frühling – Frühling – wird es nun bald!«

 

Am Abend in ihrem Zimmer trat sie ans offene Fenster. Mild und duftschwer strömte ihr die Luft entgegen. Sie blickte hinaus in die Tannen, die das Haus im Halbkreis umgaben. Am Nachmittag waren die Stämme und die Kronen in eins geschlossen gewesen. Abends aber waren die Stämme wie verschwunden und nur die Wipfel rotgolden überstrahlt, daß alle Zweige sich gesondert in die Stille streckten. Jetzt, in der Nacht, erschienen die Tannen, die das Haus in entferntem Bogen umgaben, wie ein dunkler, hoher Wall, aus dem sich nur der Zackenrand ihrer Spitzen heraushob. Vom Fenster aus blickte sie auf eine kleine Wiese, die von den Tannen umgeben war. Links drüben war eine Fahrstraße, auf deren anderer Seite ein weiter Bergrücken anstieg, ein sanfter Hang, über den das Städtchen hinaufkroch; da lehnten sie dicht aneinander, die spitzgiebeligen Thüringer Häuschen, kletterten aus ihrer Mulde heraus, beengt, als suchten sie sich übereinander herauszudrängen, bis sie, in immer schmäleren Reihen, immer vereinzelter, an dem Berghang den Atem verloren und stillehielten; über ihnen aber stieg, wie eine hochgewölbte Riesenbrust, die Wiese auf, die sich auf der Höhe in den Tannen verlor.

... Und während sie so am Fenster lehnte, hinaushorchend in den nächtlichen Wald, eins mit ihrer Einsamkeit, da kam es wie Wehmut über sie, – Wehmut aus dem weiten All. War denn Leid das ewige Erbe der Welt? Und ihre innerste Stimme wurde laut und rief ihr die Antwort zu: Die Freude ist die Seele der Welt. Dieses Leid überwinden, überwachsen, – das ist die Aufgabe der ringenden Kreatur. Wann wird sie gelöst sein, diese Aufgabe? ...

Horch, – das war Gesang. Das scholl aus der Weite gedämpft, verschleiert, kam näher und näher, wurde lauter und heller. Und da – drüben auf der Fahrstraße, – da schob sich ein Trupp kleiner Leutchen durch die Dunkelheit und an den Stöckchen, die die Kinder hoch hielten, hingen bunte Papierlampions. Die Kinder waren es, die Schulkinder, die nach Hause zurückkehrten. Und sie sangen das Lied, – das Lied der Jugend, – der wachsenden Zukunft ... »Frühling – Frühling – wird es nun bald ...«

 

* * *

 

Wie war sie froh, ihr Inkognito los zu sein, nicht mehr, wie unter fremdem Namen, als Pensionsgast an langen Tischen zu sitzen, leere Gespräche höflich anhören und die eigenen Gedanken verbergen zu müssen. Als sie Berlin wieder betrat, – da staunte sie: das war ja etwas wie Heimatsgefühl, das sie hier empfand. Nie vorher hatte sie gedacht, daß es irgend wo ein »Zuhause« für sie gab. Sie wohnte zuerst bei Stanislaus und Lore. Erst später wollte sie wieder eine eigene Wohnung nehmen, ihre sieben Sachen zusammensuchen und wieder aufstellen. Sie fand Stanislaus in gefesteter Stimmung, in zärtlicher und heiterer Vereinigung mit seiner Frau und, – wie er sagte, – »dick befreundet« mit Lörchen. Lore hatte wie früher ihr gutes, kräftiges Lachen. Der Glanz ihrer grauen Augen war noch heller geworden, wie ihr ganzes, brünettes Gesicht. Sie war üppiger und frauenhaft ruhig. Sie ging, wie vorher, ihrem Beruf nach, und die Sorge für das Familieneinkommen verteilte sich auf sie beide. Zufrieden waren diese beiden, daß sie zusammensaßen, fest verbunden und verbündet, daß sie sich verständigten in gemeinsamer Sprache, und daß sie in diesen lieben, heimischen Winkel alles hineintragen konnten, was sich von außen zu ihnen drängte, was sie empfingen und sammelten wie die Fischer, die ihre Netze ins Meer werfen.

Und dann gab es ein Wiedersehen draußen im Grunewald. Mit großer Sehnsucht strebte Olga ihrer alten und ihrer jungen Freundin zu.

Sie war noch immer schön und licht, die alte Frau, nur in ihren Augen lag gebannt ein Leid, – dem sie nicht vergönnte, überzuströmen, – denn Florian sollte heimkehren! ... Sie dachte jetzt viel an das Dunkle ... Olga fand sie bei der Lektüre eines theosophischen Werkes.

»Es ist gut gemeint«, sagte die alte Frau und deutete auf das Buch, – »es ist wunderbar erfunden: das Leben eine Sparkasse, deren Einlage man bei der – Wiederkehr als Kapital vorfindet und behebt ... Ausgestattet mit dem früher erreichten Entwicklungsgrad, tritt man ein neues Leben an ... Die Vergangenheit, die man im Verlaufe seiner früheren Lebensläufe erwarb, – entscheidet über die Qualifikation der Materie, die gegenwärtig der Träger des Ich ist ... Sehr gut gemeint, – sehr wunderbar ausgedacht! Wer nur daran glauben könnte! Schade, schade ... ich kann es nicht.«

So war nicht einmal ihre heiße und bange Liebe zum Leben imstande, diese greise Denkerin zu dem Selbstbetrug zu verführen, dem sich so mancher junge Geist als einer genehmen Benebelung wollüstig ergibt.

Und da war noch eine Begrüßung. Im Hause Frau Wallentins wohnte Eva mit ihrer Tochter – und mit ihrem jüngst geborenen Sohn. Ein schönes Kind, das aus blauen Augen lachte ...

»Der kleine Aeneas«, schoß es Olga durch den Sinn, als sie Manfreds Sohn sah. Eva hob das Kind aus der Wiege und reichte es ihr. Und da – da – als sie den kleinen Manfred in den Armen hielt – da überstürzte sie eine heiße Freude, die sie nie für möglich gehalten: die Freude, daß dieses Kind geboren war. Sie dachte an die einsame Urne im weißen Stein, und Inbrunst kam in ihr Herz, daß dieses warme Leben gerettet war, aus dem Dunkel. Geborgen war es, das kostbare Erbe. Sie preßte ihre Lippen auf die kühlen, zarten Wangen des Kindes, die sich anfühlten, wie das Fleisch einer jungen Frucht. Zärtlich atmete sie den warmen Duft ein, der diesem kleinen Körper entströmte.

Und nun wußte sie auch, daß sie selbst genesen war, daß sie frei war, – endlich frei.

 


 

Endnote

 

1 E. R. Gehre