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Grete Meisel-Heß – Die Lösung

aus: Eine sonderbare Hochzeitsreise – Neue Novellen

Szelinski & Comp., Moderner Verlag, Wien, o. J.

Da war kein Ausweg mehr.

Das war das Chaos – unentwirrbar, unentrinnbar.

Da blieb nur der letzte grausige Sprung – mittendurch - ins Nichts.

Sie hatte ihr ganzes Vermögen verloren. Die Bank, wo ihr verstorbener Gatte es angelegt hatte, war an einem einzigen fehlgeschlagenen Industrieunternehmen zugrunde gegangen. Sie stürzte krachend zusammen und unter ihren Trümmern lagen zerschmetterte Leichen.

Ganz Europa blickte auf die Katastrophe, welche die weitesten Kreise in Mitleidenschaft gezogen hatte und durch eine erschreckende Anzahl voll Selbstmorden illustriert worden war.

Auch ihr blieb nichts anderes übrig als der Selbstmord.

Erst nach langen dumpfen Wochen war sie zu diesem Bewußtsein gekommen. Anfangs hatte sie das nicht begriffen. Denn sie hatte doch weiter ihre hübsche, kleine Wohnung, die warmen, behaglichen Zimmer, – das treue Mädchen, das sie bediente. Aber plötzlich war kein Geld da. Es kam auch keines. Ja so, die Bank hatte ja falliert. Und sie hatte ihr ganzes Vermögen verloren.

Ihre Familie war die einer Stiefmutter, die, ebenfalls verwitwet, mit ihren Kindern in der Provinz lebte. Dahin konnte sie nicht.

Also hieß es irgendeine Stelle suchen, von der sie leben konnte. Denn man mußte doch ein Einkommen haben - monatlich, regelmäßig, sicher.

Irgendeine Stelle … die suchen alle »gebildeten« Frauen, die plötzlich verarmen, ein bißchen Klimpern, Stümpern und Tändeln – damit sollen diese Unseligen aus den verschossenen Erzadern der Welt das Gold herausklopfen, das man braucht, um diese Zellen zusammenzuhalten.

Und in diesem »irgendeine Stelle« liegt der ganze Jammer der unqualifizierten Arbeit.

Sie hatte also begonnen, die Annoncen zu lesen; »Komptoiristin mit böhmischer Sprache …«, »Damen mit großem Bekanntenkreis …«, »Fräulein, bewandert in Kinderpflege …«, »Redegewandte Verkäuferin aus der Metallwarenbranche …«, »Feine, verläßliche Stütze …«, »Sympathisches Fräulein zu einzelnem Herrn …«, »Jeune et jolie ménagère …«, »Bescheidenes Fräulein – – – zu vier Kindern – – – Lyzealunterricht – – – dreißig Kronen …«

O Elend, Elend! Schlaff sanken ihre Hände herab. Die Augen wurden leer.

Auch an ihre Malerei dachte sie. Aber damit hatte sie noch nie Geld verdient. Wohl hatte sie erstaunliche Fortschritte gemacht in den wenigen Jahren, seit ihr Gatte gestorben war. Früher hatte sie die Pflege des kränklichen Mannes zu sehr in Anspruch genommen. Dann, als sie einsam zurückblieb, war sie sich ihrer jungen Kraft bewußt geworden und des sehnlichen Wunsches ihrer Kindheit, und sie war die Schülerin eines lange verehrten Meisters geworden – stolz und froh, daß er sie angenommen hatte. Sie hatte auch hie und da schon ein bescheidenes Bildchen ausgestellt und freundliche Worte geerntet. »Ihr Zeichentalent ist bedeutend,« hatte der Meister gesagt, »und gerade das ist selten; aber es fehlt Ihnen noch an Sinn für das Malerische – für interessante, malerische Probleme. Sie sollten dem nachgeben und dann etwas Größeres arbeiten – etwas, das man nicht übersehen kann …«

Auch das war vorbei, es gab für sie nichts mehr zu tun - nur noch zu leiden. Der Schlag, der sie so unerwartet getroffen, hatte das Leben in ihr zum Erstarren gebracht, mit toten Blicken sah sie zu, wie die hübsche, warme Wohnung langsam zersprengt wurde, erst kam das Silber fort – der Flügel – die Teppiche – die Bilder – dann die überflüssigen Möbel.

Jetzt stand nur noch ihr Schlafzimmer. Und auch das sollte morgen fortgetragen werden, da das »Viertel« zu Ende ging und sie die Wohnung räumen mußte.

Da war sie hinausgegangen auf die Straße. Es war ein strahlend goldener Herbsttag. Mitten in den eleganten flutenden Korso der Großstadt war sie hineingetaucht, – und da hatte sie gefühlt, wie die Wellen über ihr zusammenschlugen. Da um sie herum war das Brausen des Lebens. Sie aber hatte kein Teil daran.

Denn in ihr war alles tot und still.

Und während sie durch die glänzenden, bewegten Straßen ging, sah sie nur immer einen einzigen, weißen, unbeweglichen Punkt. Durch die bunte, rauschende Menge schritt sie hindurch – und da wurde er größer und größer. Und näher und näher kam sie dem Ziel: das war fahl und endlos, sanft und still – eine weiße, selige Öde …

Wie lange dieser Spaziergang dauerte, wußte sie nicht.

Endlich überraschte sie der Abend. Sie spürte eine feuchte Kälte ihre Kleider durchdringen, bleiche Auerlichter leuchteten trüb durch den Nebel, der die Stadt durchdrang und alles Bunte, Glänzende, Verschiedene mit grauer, feuchter Eintönigkeit umhüllte.

Da lenkte sie die Schritte nach Hause.

Vorher aber ging sie in ein hellerleuchtetes, glänzendes Stadtgeschäft und kaufte die Waffe. Ihr Portemonnaie war schwer von Silbergeld. Es war der Erlös für die kleine Salongarnitur, die sie gestern davongetragen hatten. Viele, viele silberne Gulden rollten über den Ladentisch, als sie den Revolver bezahlte. Hastig strich sie sie zusammen: war sie denn nicht närrisch? Das war doch viel schweres Geld, das sie da hatte, eine lange, blinkende Reihe von Gulden – zwanzig, fünfundzwanzig, dreißig, sechsunddreißig silberne Gulden, die waren schwer im Kleide zu schleppen.

Sie lachte plötzlich laut auf, zahlte, ergriff das kleine, leichte Päckchen und ging schnell davon.

Aber in der dunkeln, einsamen Straße, die sie nach Hause führte, strömten ihre Tränen – verborgen unter dem dichten Schleier – lautlos und ununterbrochen, bis sie ihre Wohnung betrat.

Sie sperrte auf. Und aus den halbausgeräumten, frostigen Zimmern kam ihr wieder das Grauen entgegen. Ganz allein war sie in der Wohnung, denn das Mädchen hatte sie längst verlassen.

Sie öffnete schnell das Bett und warf die Kleider ab. Ihr Körper zitterte vor Kälte. Das Geld und die Waffe legte sie auf den Tisch neben dem Bett; dann zündete sie die Kerze an, versuchte wie alle Abende, bevor sie sich niederlegte, ob der Gashahn und die Türen gut versperrt und die Fenster fest verschlossen waren. Sie rüttelte an den Fenstern und sah dabei in die stille Gasse hinaus. Die lag ganz einsam da. Nur ein Schatten streifte drüben an der Wand vorbei. Sie war so allein in der Wohnung – und die lag im Parterre. Ein Angstgefühl schlich an sie heran.

Zitternd legte sie sich zu Bett. Wie war das weich und warm und federnd, eine Nacht noch sollte sie darin schlafen. Und morgen … sie tastete nach dem Revolver, nur nicht jetzt in der schwarzen Nacht, morgen früh, im Lichte der Sonne!

Ihr Herz klopfte stark und unruhig in der Finsternis. Grüne und rote Kugeln tanzten vor ihren Augen. Aber sie wurden blasser, und endlich war alles fahl – weiß – verloren – – – –

Plötzlich hörte sie ein Geräusch. Kam das nicht vom Fenster? Nein, das kam da vom Tische her. Ein schwarzer Schatten stieg riesengroß in der weißen Öde empor.

Das war ein schwarzer, riesiger Mann mit Augen wie Feuerkohlen. Er stand mitten in ihrem Zimmer und spielte mit roten und grünen Kugeln. Dann – horch! Er trat zum Schranke, riß alle Laden auf und durchwühlte sie … er suchte nach Geld. – »Da ist es, lieber Mann, neben dem Bette auf dem Tische – – – viele glänzende, silberne Gulden – schweres – zentnerschweres Silber – – soviel – – – nimm es fort – aber töte mich nicht! – – – -«

Zu spät! Ein Messer blitzt durch die Luft. Er tritt an ihr Bett, sie will schreien, herausschreien all das namenlose Entsetzen – – – da dringt der Stahl hart und eisig in ihre Kehle, ein Blutstrom schießt empor – –

Mit einem gellenden, entsetzlichen Schrei fuhr sie empor. Hin zum Fenster stürzte sie und riß es auf. Das Morgenlicht strömte herein und der Tag überflutete sie mit seinem Glanz.

Bebend und schluchzend sank sie zu Boden, und in namenloser Seligkeit streckte sie die Arme zum Licht.

Heiliges Leben – heiliges Leben! – – –

Halb weinend und halb jauchzend richtete sie sich auf. Sie betastete ihren jungen Leib, der war warm und lebendig und ihr köstlich Eigentum.

Und die Gruft, in der sie gelegen seit Wochen, seit der Schlag auf sie niedergesaust, die war zersprengt.

Der Wille war auferstanden. Da stand sie – noch immer bebend vor dem Schrecken des fürchterlichen Gesichtes – vor dem Grauen des Todes, an dem sie vorüber gegangen … Sie sah sich selbst in dem großen Spiegel, in ihrem weißen, wallenden Hemd.

Sich selbst – sich selbst hatte sie wieder – die süße Wärme, das klopfende Herz, den blühenden Leib, die strahlenden Augen, die ins Licht blicken durften, in die goldene Sonne!

Und der schwere, schwarze Vorhang, der sich auf sie niedergesenkt hatte vor vielen Wochen, rauschte zurück.

Und sie sah das Leben, sie sah die wahre, große Gefahr, der sie entronnen war: die lag nicht im Verluste des Materiellen.

Aber sie lag in der Zerknickung des Willens, des Willens zum Kampf, zur Aktivität!

Und sie begriff. Wenn der wieder in uns aufersteht und seine Locken schüttelt, dann sind wir gerettet, dann finden wir Mittel und Wege uns zu erhalten und durchzusetzen.

Lichtüberflutet stand sie da, das Gesicht überströmt von seligen Tränen. Durch das offene Fenster brauste der Morgenwind und ließ ihre Haare flattern. Und plötzlich sah sie das Bild, das sie lange gesucht, das malerische Problem, das ihr Meister von ihr gefordert: ein Weib, wie sie selbst, so nackt, so jung, so arm und umtost vom Sturm, der sie an den Haaren zerrt. Aber in ihren Augen sprüht der Triumph und gegen Wind und Wetter schwingt sie hoch in der Luft einen grünen Zweig.

Das wollte sie ihrem Meister sagen, für den sie seit Wochen verschollen gewesen, – gleich heute. Sie wollte ihm erzählen, was über sie gekommen war, und wie sie schon beinahe in dem Chaos versunken gewesen, weil sie nirgends die Lösung gefunden.

Nun war sie ihr dennoch gekommen, von wo sie sie am wenigsten erwartet: aus Traumland, wo die geheime Wahrheit der Dinge wohnt, die, uns selbst verborgen, sich nur über die Schwelle des Bewußtseins wagt, wenn Wünsche und Begierden schlafen.

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