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Erich von Mendelssohn – Bilder und Farben

Gedichte

Privatdruck in 150 Exemplaren, Weihnachten 1911


GESCHRIEBEN IN DEN JAHREN 1904-11


RAUSCH

Schwere, blaue Dämpfe steigen auf,
Hüllen tief in Traum den bleichen Knaben,
Der in weichen Kissen ganz begraben,
Nicht mehr fühlt der Stunden schnellen Lauf.


Denn in andre Länder irrt sein Geist,
Schaut gewaltig-reiche Goldpaläste,
Schaut berückend-heiße Freudenfeste.
Als der letzte Schleier auch zerreißt,


Müssen diese Bilder sanft zerfließen:
Aus geheimnisvollen Eisverließen,
Klippen, die zum klaren Himmel ragen,


Klingen Töne, blasse Farben scheinen,
Die zu dumpfen Lauten sich vereinen,
Wie des fernen Meeres Wellen schlagen.


ÜBER DEN WOLKEN

— Du wandertest weit —
— Ich kam zu dir —
— Was zog dich her? —
— Der Goldreif an deiner Stirn,
Dein leuchtend weißes Gewand —
— Du liegst mir zu Füßen —
— O Herrin du —
— So sei denn mein. —


DIE NACHT


Im grenzenlosen, weiten Weltenäther —
Ganz unten, kaum erkennbar, eine kleine Kugel
Schwebt unsre Erde mit dem Mond —
In dunkelvioletter Ferne
Die Sterne, aneinander nur gefesselt
Durch feine, spinnwebgleiche Fäden —
Und eine Silberkugel sinkt
Mit leisem Leuchten langsam durch den Raum.
Berührt sie eine jener Saiten
Erklingt ein wundersamer Ton —


ABENDS AUF DER BRÜCKE


Dunkelrot sinkt jetzt die Sonne —

Auf dem Flusse lischt der letzte Streifen,
Letztes Rosa färbt die zarten Wolken,
Die am Himmel flockig sich bewegen.


Tiefre Farben glühn am Horizonte —

Durch die dunklen Brückenbogen gleiten Dampfer,
Ihre Luken werfen gelbe Scheine
Auf die Wasser, die so eilig flutend
Schimmernd grün die lichte Höhe wiederspiegeln.


Dort der Schattenriß der fernen Türme,
Denen strahlend hell der Abendstern sich nähert.


IM VOLKSGARTEN

Die Wiese ist so grün, so sonnenduft-durchwärmt,
Von freundlich schattenden Kastanien umsäumt,
Und blaue Tauben kommen friedlich angeschwärmt.


In Büschen halb verborgen Bildwerke aus Stein,
Und viele Menschen, die auf Bank und Stuhl verstreut,
Im hellen Sommerkleid der Frühlingsluft sich freun.


Zwei Tauben schnäbeln sich auf einem schattgen Ast,
Das schwache Weibchen gibt mit ausgespreizten Flügeln
Ergebungsvoll sich dem Begehr des Männchens hin.


Ein kleiner Bursch, kaum kann er sicher stehn,
Hat großen Auges sich das angesehn
Und summt ein Kinderlied im Weitergehn.


HOCH IN DEN BERGEN


Strahlend über eisbedeckten Höhen
Steht die Sonne in dem reinen Blau,
Doch des Berges Winde fahren rauh,
Führen feinen Flugschnee in dem Wehen,


Daß er rollend über Hügel gleitet,
Sich vereinend, wieder trennend fließt,
Einem breiten Strome gleich sich gießt
Dorthin, wo sich klar die Ferne weitet.


Leuchtend sinkt der Winterabend nieder.
In des hellen Silberstaubes Fluten,
Wirft die Sonne ihre letzten Gluten.


Vielfach sprühen sie die Flocken wieder,
Daß sie einem Feuerstrudel gleichen,
Bis im Dunkel alle Farben bleichen.


NACHTS AM MEER


Ein blasser Mondesstrahl erhellt das Meer,
Aus fernem Dunkel stürmen her die Wellen,
Und niemand weiß, woher die Fluten quellen,
Der Wolkenhimmel ist der Sterne leer.


Die letzte Woge, die sich brausend bricht
Und dann zerfließend langsam sich vergrollt,
Indem sie Sand und Kiesel mit sich rollt,
Erstrahlt allein in grünlich-weißem Licht.


Und jede zehrt von neuem an dem Strand,
Weiß zärtlich in die Fugen sich zu schmiegen,
Die leise tastend ihre Schwester fand.


In grauer Ferne eine Nebelwand.
Was für Gewässer mögen dort noch liegen,
Wo sich so feierlich die Schleier wiegen?


Über uns schweigende, strahlende Nacht,
Ehrfürchtig sehn zu den Sternen wir auf,
In deren ewigen, kreisenden Lauf
Dringen wir wollen in einsamer Wacht.


Plötzlich erhebt sich ein Meteor,
Vor seinem Leuchten erbleichen die Sterne.
Fliehend aus unermeßlicher Ferne
Er sich in unsere Sphären verlor.


Forschend betrachten die Freunde sein Nahn,
Wollen des Wandernden Wesen erfassen,
Kennen zu lernen des Irrenden Bahn.


Ich aber sah ihn zitternd verblassen,
Einmal noch glühen in Lebensverlangen,
Bis ihn das tröstende Dunkel umpfangen.


LE CIMETIÈRE DE BAGNEUX

Wallst du zu Gräbern, so gehe allein,
Schließe das knarrende, eiserne Tor,
Leg den gewichtigen Riegel davor,
Einsam den Toten die Ehrfurcht zu weihn.


Feierlich ragen die dunklen Cypressen,
Efeu erklimmt die geheiligten Steine,
Schriften dir weisend, du kennst ihrer keine,
Längst im Gedenken der Menschen vergessen.


Dort, wo sich schattend die Äste neigen,
Treten Gestalten dem Sucher entgegen,
Freundlich die Hände in deine zu legen.


Lösend vom achtlosen Auge die Binde,
Wollen sie dir die Geheimnisse zeigen
Gleichwie die Mutter dem staunenden Kinde.


MONTE CARLO

Es klirrt das Gold auf feinem, grünem Tuche,
Der Kugel folgen gierige Gesichter,
Jetzt fällt sie; manchen Menschenschicksals Richter
Entschied mit unanfechtbar starrem Spruche.


Zum letzten, wol vergeblichen Versuche
Entschließt sich der; der bunte Schwarm wird dichter,
Der ihn umsteht. Im grellen Schein der Lichter
Schleicht jener fort mit unterdrücktem Fluche.


Vielleicht brach eines Lebens Traum zusammen.
Wer weiß es hier! Laßt ihn sich doch verbluten,
Sein Name mag verflattern mit den Winden.


Denn weiter taumelnd durch Genusses Flammen,
In stetig neuer Leidenschaften Gluten
Kann man ja einmal noch Vergessen finden.


TIEFBLAUE SCHATTEN

Die schwere Mittagshitze. Bunte Schlangen ringen
Sich trag empor an ungeheuren Bäumen,
Auf deren Ästen große Vögel träumen
Von hohem Flug; es schüttern ihre Schwingen.


Von einem dunkeln Stamm zum andern schlingen
Lianen sich; und aus des Urwalds Räumen
Tritt jetzt ein scheuer Hirsch, vom muntern Schäumen
Des Baches sich Erfrischung heimzubringen.


Ein Mann und dort ein Weib. In Strähnen fällt
Ihr Haar am nackten Leib herab. Sie hält
An einem Ast sich, bebend, denn noch nie


Hat sie ihm Gleichendes im Wald gesehn.
Gebannt von solcher Schönheit bleibt er stehn,
Er senkt den Jagdspieß, und dann lächelt sie —


Nun bist du wieder da, du schwüle Nacht.
Jasmin und Flieder senden ihre Düfte,
Und unbeweglich ruhn die schweren Lüfte,
Bis sie ein sanfter Regen löset sacht.


Ich fürchte jene freundlich-milde Kühle,
Denn ihrer Träume Bilder sind so bleich;
Des matten Schlummers unruhvolles Reich
Durchirre ich mit heißerem Gefühle.


In solchen Nächten seh ich die Gestalten
Der mein Gewesnen, jene Frohen, Reinen;
Ihr Lächeln glättet meiner Stirne Falten.


Doch wird der fahle Morgen wieder scheinen,
Der klaren Sonne Kraft wird wieder walten,
Und wieder einsam werd ich nach euch weinen.


So laß mich einmal deine Hand noch küssen.
Die nichts von Arbeit und Entsagung weiß.
Du Schöne! Meine Lippen küssen heiß!
Wie lange hab ich dich entbehren müssen.


Dich lieb ich nicht, du unerreichbar Hohe,
Ich wag es nicht. Scheu blick ich zu dir auf.
Laß dieser reinen Ehrfurcht ihren Lauf —
Dein Lächeln liebe ich, du Ewig-Frohe.


Von Reichtum, Glück bist du der Widerschein.
O möge nichts dir dies, du Stolze, trüben:
Der Augen Licht, wie Perlenglanz so rein.


Und deine weiße Hand war einmal mein,
Sie dürft ich küssen, ihre Blässe lieben
Und mit dem Kuß dir meine Jugend weihn.


TRÜBER TAG

In Schleiern war der düstre Tag gelegen,
Die Kiefern tropften langsam in den See.
Ein müdes und entsagungsvolles Weh
Lag auf den nebelgrauen Waldeswegen.


Zum hohen Röhricht ruderte ich dich;
Mit schwachem Knirschen brach der leichte Kahn
Durch Schilf und Schlingwerk eine schmale Bahn.
Die schlanken Halme schlossen wieder sich —


Da brach die Sonne klar und warm hervor,
Und schimmerte in deinen Locken wieder,
In Rot und Gelb erglühte alles Rohr —


Doch dann verblaßte es vor unserm Blick.
Ein schwerer Dunst stieg webend auf und nieder.
In fahlem Dämmer fuhren wir zurück.


Halbdunkel ist der Raum. Wir zwei allein.
Du stehst am hohen Fenster, und im Arm
Liegt dir die Geige. Klar und warm
Erklingt ihr Ton. Jetzt endlich bist du mein.


Die letzten Seidenschleier fallen nieder:
In deiner keuschen Seele letzten Falten
Seh ich das wundersame Leben walten.
O bleibe so, und ich gehör dir wieder.


Du setzt die Geige ab, ein weicher Zug,
Ein seltsam Lächeln wagt sich scheu hervor,
Ein Neigen deines Hauptes sagt genug.


Du liegst zu meinen Füßen, und der Duft
Aus deinen blonden Locken steigt empor.
Ein selig Schweigen senkt sich durch die Luft.


ZWEI FREUNDE


Sie wollen dich in den Kerker führen,
Und du siehst so rätselhaft-ruhig mich an.
Was hast du ihnen nur getan,
Daß solch ein Schicksal sie dir erküren?


Wie ich dich sehe auf deinem Lager liegen,
So müde und doch so jugendlich-schön!
Noch wenig Minuten, dann mußt du gehn
Mit jenen Männern von grausamen Zügen.


Doch du denkst nicht an jenes düstere Haus,
Deinen Mund hör ich liebevoll flüstern und beben,
Und nach mir streckst du sehnsüchtig deine Arme aus.


Meine Hand streift zitternd deiner Locken Zier,
Ein Wiedersehn werden wir nicht mehr erleben,
So küsse ich heiß die Lippen dir.


Wenn ich des Abends an dem Fenster stehe,
Allein bin ich in der lauen Sommernacht,
Dann hebt sich hüllend-schwerer Nebel sacht,
Daß ich die trauten Sterne nicht mehr sehe.


Und ich muß jener Wanderungen denken:
Aus lautem Jubel stahlen wir uns fort,
Denn uns gehörte jener reiche Hort,
In der Gestirne Welt uns zu versenken.


Wir suchten ihre Rätsel zu erfassen,
Sie sollten herrlich-tiefe Antwort sagen
Auf unsrer Herzen ungestümes Fragen.


Soll dieses Leuchten jetzt für mich verblassen,
Und werden diese Wolken nie mehr weichen
Von unsres Himmels hehren Wunderreichen?


So ging ich lange glücklich und allein,
Nur Mond und Sterne meine Weggenossen.
Wol wurde manche Träne auch vergossen,
Doch stets umgoldet von der Sehnsucht Schein.


Dann wehten kalte Winde um mich her,
Denn feuchte Sümpfe waren um mich rings.
Ich schloß die Augen, sah nicht rechts, noch links,
Der Blick ward jeder weiten Hoffnung leer.


Dann sah ich dich im Walde hoher Föhren,
Dein heller Ruf zerstreute alles Leid,
Doch andre Stimmen konnten dich betören.


Entrissen warst du mir für alle Zeit,
Dein frohes Lachen dürft ich nicht mehr hören,
Und dann kam jene große Müdigkeit.


DER VERGESSENE LIEBHABER


Die hohe Frau geht langsam zu der Treppe
Und steigt die breiten Stufen sinnend nieder,
Die Rechte spielt mit einem Strauß von Flieder,
Die Linke, mit dem Goldreif, hält die Schleppe.


Dort unten, wo aus Fels besetzt mit Eppich,
Das Wasser in das Marmorbecken fließt,
In dem die Fürstin gern das Bad genießt,
Verbirgt im dichten Laub der Jüngling sich.


Er hatte ihre Locken einst entbunden,
Mit Ranken ihren weißen Leib umwunden,
Jetzt kam er her, sie einmal noch zu sehn.


Sie hebt den Blick nicht auf im Weiterschreiten,
Doch läßt die Hand den Strauß zur Erde gleiten,
Er nimmt ihn auf und wendet sich zum Gehn. —


Im Traume wandte sich mein Geist zurück,
Er sah und faßte tief, was längst vergangen,
Und alte Bilder, alte Worte klangen
Geheimnisvoll von längst versunknem Glück.


Dies schaute ich: ein weites Trümmerfeld
In einer klaren, reinen Winternacht,
Und über uns der Sterne Silberpracht
Mild lächelnd dieser wirren Klippenwelt.


An deiner Seite ging ich schweigend hin,
Dann blieb ich stehn und küßte dir dein Haar,
Dein stiller Zauber freute meinen Sinn.


Versunken ist die Zeit und jenes Land —
Ich weiß nicht, wo und wann es war,
Als wir so lange gingen Hand in Hand.


EIN WINTERTAG


Sie gingen auf der weiten Straße hin,

Der junge Schnee lag flimmernd auf den Feldern.


Die Stadt versank jetzt hinter flachen Hügeln,
In klaren Farben lagen fern die Berge.


Sie gingen langsam, ihre Blicke folgten
Den braunen Spuren eines fremden Wagens.


Sie lächelten, wenn in der Wahl des Weges
Des Einen Wunsch sich dem des Andern fügte.


Die Sonne sank; sie standen in dem Winde,
Der scharf und kalt um ihre Wangen wehte.


Hochaufgerichtet sah sie klaren Auges,

Wie glühend Gold die weiten Flächen leuchten.


In ihrem leicht gewellten braunen Haar
Sah er die letzten Sonnenstrahlen spielen.


Er küßte schweigend ihre schmale Hand.


Ein zartes Wesen neigt mit holder Gabe
Von blauen Blumen sich zum Jüngling nieder,
Im Traume öffnet er die schweren Lider,
Genießt entzückt des schönen Anblicks Labe.


»Nimm diesen Strauß«, so spricht der feine Knabe,
»Bei seinem Anblick forme schöne Lieder,
Verschmähst du ihn, so kehr ich niemals wieder,
Ein kurzer Weg führt mich zu meinem Grabe.«


»Ich will dein Bild in meine Verse weben,
Und so dich an mich fesseln, süßes Kind,
Erwecken sollst du mich zu neuem Leben.«


»Wenn du die Blüten fassest, kommt ein Wind,
Der heißt den Duft aus allen Kelchen schweben,
Kein Suchen kann ihn je dir wiedergeben. —«


Es spielen blaue Falter um den Knaben,
Der wohlig in der Morgensonne liegt,
Ihr feines Flattern ihn in Träume wiegt,
Die gaukelnd seine dunklen Augen laben.


Die nackten Mädchen tanzen nah; ihr Sang
Verscheucht der Schmetterlinge bunte Schar,
Hinweg flieht manches zarte Flügelpaar,
Es hält sie nicht des holden Lächelns Zwang.


Und Mittag läuten aus dem Tal die Glocken,
Der Knabe steht allein mit wirrem Sinn,
Wird ihn das helle Lachen doch verlocken?


Doch nein, er spricht: »Die Falter sind dahin,
Sie summten einst so süß um meine Locken,
Jetzt muß ich einsam meines Weges ziehn.«


Und dieses ist’s, worum ich euch beneide:
Daß eure Meere keine Grenzen kannten;
Wenn kühne Schiffer ferne Länder nannten,
So glaubtet ihr dem leicht geschwornen Eide.


Denn unser Wissen ist uns nur zum Leide,
Seitdem wir jede Sehnsucht von uns bannten,
In jede Ferne unsre Forscher sandten,
Damit die Fremde sich vor uns entkleide.


Und wollen wir in neue Welten schauen,
So müssen wir sie selber uns erbauen,
Denn draußen finden sie sich nicht.


Wir jubeln so wie ihr zum ersten Licht
Das endlich lockend auftaucht an dem Strande,
Und rudern mit euch zu dem neuen Lande.


AN DER ESJA

Und Nebelschleier zogen durch die Nacht —
Die Pferde gehen langsam ihren Gang —
Noch nicht am Ziel, wie ist der Weg so lang.
Kalt flackernd zeigt das Nordlicht seine Pracht.


Ein Lichtlein zeigt, daß dort ein Bauer wacht.
Sein Hof liegt traulich an dem Felsenhang.
Tief unter uns ein schrill zerrißner Klang:
Es ist das Meer, das einsam weint und lacht.


Wie lange werden wir noch weiter reiten
Auf schmalem Pfade in der großen Stille?
Erstorben ist in uns der eigne Wille,


Wir lassen unsre Pferde weiter schreiten
Und wiegen uns in gleichem Takt mit ihnen.
Sie müssen uns als kluge Führer dienen.


KRISUVIK

Leise rollt die Welle an den Strand.
Bringst du aus der Heimat frohe Kunde,
Bringst du Grüße mir aus teurem Munde
Hierher, wo ich Glück und Frieden fand?


Möven flattern um die Felsenwand,
Wale tauchen auf vom Meeresgrunde,
Und der Mittagssonne warmen Stunde
Freut ein Seehund sich am Klippenrand.


Und so weit getrennt durch Ozeane,
Die sich zwischen mir und jenen breiten,
An des Eismeers Grenze, wo Vulkane


Diese Insel aus den Fluten hoben —
Noch verstummte nicht des Feuers Toben —
Denke ich zurück an alte Zeiten.


ERIKA

Der Schnellzug rast; im Abteil dumpfe Schwüle,
Cigarrendunst. Die Luft ist bleiern schwer.
Man schweigt und träumt. Kein leichtes Wort fällt mehr,
Und alle warten auf des Abends Kühle.


Durch Tunnel geht die Fahrt; von hohen Dämmen
Schaut man tief unten Städte, Flüsse, Wiesen,
Und aus der Ferne grüßen Bergesriesen,
Es leuchtet rot der Schnee auf ihren Kämmen.


So schwand der Tag und so des Südens Farben.
Noch eine Nacht, dann hält der kalte Norden,
Gewohnten Lebens Öde uns umfangen.


Die Tage bunter Bilder voll erstarben.
Was ist aus allem Hoffen nun geworden?
Nur neuer Schmerz und neues Lustverlangen.


TANZ


So laß mich ewig, ewig weiterschweben,
In deinem Arme fühl ich mich geborgen.
Umrauscht, betäubt von wildem, heißem Leben
Versinken in den Staub die schweren Sorgen.


Nur diese Nacht noch, die so schwer und schwül!
Fern zucken Blitze, und der Donner grollt.
O schlüge doch der Strahl in dies Gewühl,
Daß Dach und Pfeiler krachend niederrollt.


Wenn morgen dann die bleiche Sonne scheint,
Wird sie an deine Brust geschmiegt mich finden.
Im starren Tode selbst sind wir vereint,
Das wirre Haar geschmückt mit Blumenwinden.


Du schmiegst dich müde in die weichen Kissen,
Ich scheuch den Schlaf, betrachte immer wieder
Die weiße Brust und die geschloßnen Lider,
Vertraute Züge muß ich da vermissen.


Du bist mir—Mädchen — plötzlich ganz entrissen,
Es bricht ein Schein durch deine zarten Glieder,
Ich sinke betend auf die Knie nieder
Und nie Geahntes glaube ich zu wissen:


Des Weibes Urform strahlt im fahlen Licht,
Das flimmernd jetzt aus deinem Körper dringt,
Und mich betäuben zeitenlose Träume.


Da schließen sich die unermeßnen Räume,
Der Ewigkeiten schwerer Ton verklingt.
Und wieder schaue ich dein Angesicht.


— Fürstenkind, Königssohn, wo gehst du hin?
— Weiß nicht, was zu sagen, doch leicht ist mein Sinn —
— Wo sind deine Eltern und wo die Gespielen?
— Hab keine Eltern. Vom Baume fielen
Goldene Früchte wie Träume so schwer —


So war denn alles nur ein Traum gewesen,
Wo bunte Farben sich zusammenfanden
Zu seltsam wirrem Spiel, und wir gestanden,
Daß wir uns tief getäuscht in unserm Wesen.


Der Zweifel hob sein keckes Haupt empor:
Wer bin ich, wer bist du? Und jene Bilder
Der frohen Zeiten stimmten uns nur milder,
Nur müdes Lächeln lockten sie hervor.


Wir waren nicht allein. Die schweren Ketten
Vergangnen Lebens und der Menschen Kreise
Umfaßten uns; wir konnten uns nicht retten


In eine Welt, wo wir nach eigner Weise
Abschüttelten vergangner Zeiten Bürde,
Daß jenes schöne Trugbild Wahrheit würde.


Ein holdes Wunder bist du uns gewesen,
Das uns verborgner Welten Schönheit wies,
Und immer Neues, Tiefres uns verhieß.
Du lehrtest in der eignen Seele lesen.


Beglückend war es, deinem Wort zu lauschen,
Das schwer und seltsam unsre Ohren rührte,
Und uns zu jenen dunklen Wäldern führte,
Wo schwarze Wasser unter Felsen rauschen.


Und sprachst du auch nur über Lebensdinge,
Die uns vertraut aus täglicher Gewöhnung,
Betrachteten wir sie auf andre Weise.


Dem, was du rührtest, gabst du neue Krönung,
Es war, als ob ein neuer Glanz umfinge
Das, was du zogst in deines Lebens Kreise.


So gingen ihre Wege nun zusammen,
Sie scheuten nicht der langen Straße Wirren,
Nun doch vereint nach solch verschlungnem Irren,
Nach Träumen und nach wilder Liebe Flammen.


So ganz allein! Der Schrei der lauten Menge
Ist hier verstummt, ein fernes Rauschen dringt
Zu ihrem Ohr; das Meer, das kämpft und ringt
Mit hartem Fels, jauchzt seine Sturmgesänge.


Nun scheint der Mond, sie kommen an den Strand,
Und ruhen aus im milden Zauberlichte,
Wie Kinder, fröhlich lächelnd, Hand in Hand.


»Wir sind am Ziele«, sprach die Frau, »nun richte
Das Haus mir auf auf dieser heilgen Erde,
Wo ich empfangen und gebären werde.«


War alles nur ein Traum?
Was auf verborgnen Wegen,
Auf sanft verhüllten Stegen,
Dem Wandrer trat entgegen,
War alles nur ein Traum?


War alles nur ein Traum?
So buntbewegtes Leben,
Das Glück und Schmerz gegeben,
Und soviel hohes Streben,
War alles nur ein Traum?


War alles nur ein Traum?
Auch jene heißen Küsse,
Verschwiegner Nacht Genüsse,
Der ersten Liebe Süße,
War alles nur ein Traum?


ULRIK BRENDEL

Und frei und immer freier sich verschwenden,
Ist das nicht Glück und Ziel und stolzer Traum.
Ihr Armen, eingesperrt in engem Raum,
Ergreifet ohne Scheu die reichen Spenden.


Nehmt hin! Ich öffne meines Schatzes Hülle.
Genießt! Und schämt euch nicht des raschen Griffes.
Juwelen liegen hier des reinsten Schliffes,
Nie schautet ihr des gleichen Glanzes Fülle.


Nicht nur der Sonne, auch des Mondes Strahlen
Erweckt das Leuchten dieser seltnen Steine.
Trinkt reifer Trauben Saft aus den Pokalen.


»Doch rot wie Blut sind diese süßen Reben,
Wer lieh so schwere Düfte diesem Weine?«
Fragt nicht; die Antwort kann ich euch nicht geben.


Nicht Purpurmantel, noch Priestergewand
Bezeichnete seinen äußeren Stand.
Doch war er euer König.


Trieb mit jedem von euch verwegenes Spiel,
Gab Gunst und Mißgunst, wie’s ihm gefiel:
Ein stolzer, herrlicher König.


Bei Nacht schleicht er fort auf verborgenem Weg,
Es strauchelt sein Fuß auf dem schlüpfrigen Steg,
Ein armer, verlassener König.


Klangen nicht fernher verworrene Rufe,
Menschliche Stimmen zum friedlichen Tal?
Stetig vermehrt sich der Suchenden Zahl.
Soll ich zurück zum beengten Berufe?


Auf nun mein Pferd! Laß klirren die Hufe,
Zeig deine Stärke ein einziges Mal;
Flüchten laß uns vor der lastenden Qual,
Brauch deine Kräfte zu edlem Behufe.


Daß uns des Meeres Getöse versöhne,
Jene dort dürfen uns niemals erreichen,
Fernestem Strand zu will ich entweichen —


Immer noch klingen die schmerzlichen Töne,
Klagender Menschen Geschrei zu mir her:
»Bleibst du uns ferne, kommst niemals mehr?«


Ich baute die Hütte an felsigem Strand,
Unter ihr rollte und brauste das Meer,
Über ihr jauchzte der Seevögel Heer,
Allen Winden hielt sie stand.


Des Sturmes Nacht kam und riß alles mit hin.
Balken zerbrachen mit lautem Gestöhn,
Mövengeschrei klang wie grausam Gehöhn,
Wo blieb meiner Müh Gewinn?


Sah alles mit an, und weiß ward mein Haar,
Zerstört meines Lebens vertrautester Ort,
Muß wieder wandern, geh ruhelos fort,
Bleibe trotzdem der ich war.


Und hundert Masken trug ich in dem Spiel,
Das ich mit euch und eurer Liebe trieb.
Ich wagte viel, ich wußte, in mir blieb,
Was unverrückbar strebt nach großem Ziel.


Damit ich jeglichem von euch gefiel,
Ward ich an meinem eignen Schatz zum Dieb,
Vergaß ich das, was mir am meisten lieb,
Sah selber, wie mein stolzer Bau zerfiel.


In eurem Kreise hab ich mich verloren,
Wer bin ich eigentlich, so frag ich mich,
Gestehe zu, daß ich es nicht mehr weiß.


Und Scham und Schande brennen ja so heiß,
Erlang ich wieder, was jetzt von mir wich?
Werd ich zu neuem Leben noch geboren?


Laßt mich allein. Alleinsein ist so gut,
Denn an mir selber läßt hier nichts mich wanken.
Allein mit den ureigensten Gedanken,
Bin ich mir selber jetzt mein höchstes Gut.


Ich lasse wahllos Bilder sich verspinnen,
Ganz ohne Scheu in langer bunter Reihe.
Fort falsche Scham, aus seinem Schlaf befreie
Ich jahrelang zurückgehaltnes Sinnen.


Glaubt mir, so find ich manche tiefe Wahrheit.

Die ich so lange nicht zu denken wagte,

Als scheute sie der starren Ordnung Klarheit.


Und was in schweren Nächten an mir nagte,
Was schreckend lugte aus zerschlißner Hülle,
Tritt stolz heraus in neuen Reichtums Fülle.


Das ist zuviel, das durftest du nicht sagen!
Gar manches trug ich, zuckte scheu zusammen
Bei scharfem Hiebe, dämpfte selbst die Flammen,
Die aufzulodern drohten. Jene Klagen


Die ich der dunklen Nacht nur anvertraute,
Sind jetzt verstummt; an meines Stolzes Grabe
Sitz ich nicht trauernd mehr. Der schwache Knabe
Ging unter wie der Traum, den er sich baute.


Sein Rächer bin ich jetzt. Sieh, blutrot steigt
Am Morgenhimmel eine neue Sonne,
Vor der sich deine kleine Seele neigt.


Doch mich erfüllt sie nur mit neuer Wonne,
Und schöne Menschen schweben zu mir nieder.
Ich war so schwach, nun nehmt mich zu euch wieder.


HERBSTGEDICHTE

Was hab ich dir getan? Aus dunklen Fluten
Taucht jäh dein Haupt empor, gespenstig bleich.
Mahnst du an Zeiten, wilder Freuden reich?
Vergeblich locken deiner Augen Gluten.


Ich seh, daß deine weißen Füße bluten,
Für solchen harten Kies sind sie zu weich.
Sink unter in dem mondbeglänzten Teich,
Auf dessen Grunde deine Glieder ruhten.


Denn ich bin nicht mehr dein. Die große Macht,
Die mit uns spielend uns zusammenführte
Zu jener einen, ewig-trunknen Nacht —


Sie riß dich fort von mir. Ich blieb zurück,
Kein Flehen, keine heiße Träne rührte
Sie jemals noch. Fahr hin wie jenes Glück!


Jetzt schließt du wieder zu die goldne Pforte
Und läßt mich ganz allein in meinem Gram.
Ja, du entwichst mir immer, wenn ich kam.
Du gibst ein Lächeln, rätselhafte Worte —


Und ich besuche die vertrauten Orte,
In meiner Seele brennt die wilde Scham
War wirklich es zuviel, was ich mir nahm,
Griff ich zu hastig nach dem reichen Horte?


Laß mich nicht immer bittend draußen stehn,
Erhöre eines armen Pilgers Flehn,
Der durch so weite Länder ziehen mußte


Und nirgendwo sich anzusiedeln wußte.
Soll wieder ich den Wanderstab ergreifen,
Darf niemals eine schwere Flucht mir reifen?


Weich und gedämpft klingt der Hufschlag der Pferde,
Blätter bedecken die heimlichem Pfade,
Seltsame Düfte enthaucht die ermüdete Erde,
Schattenlos liegen der Seen Gestade,
Sehnsuchtsvoll, daß nun Winter es werde.


Klar ist die Luft, aber lau und matt.
Früchte wie Samen und Blüten verschwendet.
Hat denn zu heiß uns die Sonne geblendet?
Jetzt sind wir jeglichen Lebens so satt.


Sommerpracht sank, neuen Wegen
Schauen wir Zwei fremd entgegen.


FRAUEN

EINER ÄGYPTISCHEN KÖNIGSTOCHTER


Als ich durch jene kühlen Säle schritt,
In denen man die Trümmer aufgenommen,
Die uns aus alten Zeiten überkommen,
Mein Blick zu einem Mädchenhaupte glitt.


Inmitten roher Blöcke liegt es da,
Geziert mit reiner Jugend Wundergaben,
Ein Künstler mußte es geschaffen haben,
Der tief in dieses Kindes Augen sah.


Noch spielt dasselbe Lächeln um den Mund,
Du Königskind! das sonst die Völker führte,
So schautest du in der Vasallen Rund.


Das war dein Schicksal? Eine Sage singt,
Daß Bürgerkrieg zu Mord die Herzen schürte,
Von deinem Ende keine Kunde klingt.


Ich trat in dein Gemach; ein feiner Duft
Von welkem Herbstlaub strömte mir entgegen,
So liegt er auf verschlungnen Waldeswegen,
So weht er in der klaren Höhenluft.


Auf diesem Bilde hat dein Blick geruht,
Die Wände tönen deine Schritte wieder,
Der Spiegel schaute deine weißen Glieder,
Und deiner dunklen Augen stille Glut.


Durchs Fenster spielt der Abendsonne Schein,
Als sucht er deines Haares blonden Schimmer,
Er irrt dann scheu umher im öden Zimmer


Und stirbt enttäuscht im starren Tannensaum.
Aus feuchter Tiefe hebt sich weiß und rein
Der Wiesennebel wie ein süßer Traum.


TAGLIED


Du gabst mir deiner Jugend lichte Blüte,
Und wie des weißen Leibes reine Zier,
So galten Lächeln, Tränen einzig mir;
Du gabst dich ganz in Schweigen und in Güte.


Daß ich in meinen Armen dich behüte,
Kamst du, und treuen Schutz versprach ich dir.
Nun geh ich fort, und Mädchen, du bleibst hier,
Ich geh, denn sieh, das Morgenrot verglühte.


Leb wohl! Zum letzten Male rühren meine Lippen
Dein Haar und deine Brust. Die Träume starben,
Die wir uns träumten unterm Licht der Sterne.


Wohin führt mich der Weg? Zu Eislands Klippen,
Sucht er des Südens warme, müde Farben?
Wo endlich in der weiten, blauen Ferne?


IM ATELIER


So stehst du oben in dem schwarzen Kleide,
In starrer Haltung. Walzertöne klingen
Aus dunklem Eck. Dein Abbild wird gelingen,
Es eilt der Künstler, daß das Werk nicht leide.


Ein seltsam Träumen nur vereint uns beide.
So weit entrückt erscheinst du mir den Dingen,
Die sonst uns beide banden. Andre Wege gingen
Wir nun. Wie glitzert dein Geschmeide!


Herrin und Weib! Und ich zu deinen Füßen,
Du, die wir suchten, um dir zu entfliehn,
Im steten Kampf, dem wir erliegen müssen.


Dein Lächeln bricht den Bann. Mir ward verliehen,
Als tiefsten Sehnens Sinnbild dich zu grüßen,
Laß mich zum Dank dir deine Hände küssen.


MARGRETLEIN


Siehst fremdes Glück an dir vorüberrauschen
Und hältst dich still zurück im Hintergrunde,
Empfängst du von den Andern frohe Kunde,
Verstehst du milde lächelnd ihr zu lauschen.


Doch selber darfst du keine Küsse tauschen,
Noch kam dir nicht die freudenreiche Stunde;
Es kreist der Kelch in deiner Freunde Runde,
Du wehrst es ab mit ihm dich zu berauschen.


Du Feine lerntest zeitig zu entsagen
Und ohne Murren all dein Leid zu tragen,
Denn Großmut ist dein allertiefstes Wesen.


Nie klang von deinen Lippen schmerzlich Klagen,
Doch mußte ich in deinen Augen lesen:
»Wann wird denn endlich meine Stunde schlagen?«


KOPENHAGENER CAFÉS


CAFÉ BERNINA

Wird denn das Leben ewig um mich fluten,
Mir stetig wechselnde Gesichter zeigen
Im buntbewegten, muntern Freudenreigen,
In dem die Schwachen rettungslos verbluten?


Auch mich umspielten einst dieselben Gluten,
Und jenes freie Lachen war mir eigen,
So mag ich jetzt mich nicht zum Boden neigen,
Auf welchem damals Andre vor mir ruhten.


Vielleicht kann ich das alles einst erfassen;
Jetzt schleich ich müde durch die dunklen Gassen,
Mich blendet euer strahlend-helles Licht.


Und ich ertrage euer Mitleid nicht,
So darf ich mich vor euch nicht sehen lassen,
In meiner Einsamkeit will ich euch hassen.


CAFÉ BRISTOL


Im Gasthaus sitz ich, blicke durch die Scheiben:
Der Nebel auf dem Rathausplatz wird dichter,
Nur trübe dringen durch den Dunst die Lichter,
Erhellen ein geschäftig-reges Treiben.


Doch ich darf ruhig in der Stube bleiben,
Als wär ich Aller hoch-erhabner Richter,
Seh lächelnd Jener frierende Gesichter,
Und daß sie die erstarrten Hände reiben.


Aus stiller Ecke auf den Trubel schauen,
Kein Hoffen, keine Freude oder Grauen,
Nur laue Wärme wird mir stets zu Teil.


»Bezahlen!« Mit emporgeklapptem Kragen
Geh ich hinaus, um auch mein Glück zu wagen,
Und eine Dirne bietet sich mir feil.


STIMMEN

DER ENTDECKER UND SEINE MANNSCHAFT


Der Entdecker:

»Hier nicht rasten, weiter muß ich gehen,
Farbengluten, die ich träumend schaute,
Welten, wie mein Geist sie sich erbaute,
Habe ich noch immer nicht gesehen.«


Die Mannschaft:

»Herr! Den Erdkreis haben wir durchmessen,
Seine Wunder sind dir offenbart.
Laß uns nach der jahrelangen Fahrt
In der Heimat unsre Mühn vergessen!«


Der Entdecker:

»Ja, es sind dieselben Sternenzeichen,
Rückgekehrt bin ich zum Jugendland,
Nehme Abschied von den Wunderreichen.«


Und er schützt die Augen mit der Hand,
Fühlt der heißen Wangen Rot erbleichen.
— Lichter grüßen freundlich von dem Strand.


DER BÜSSER

Aus prunkendem Schloß bin ich hierher verbannt,
Wo langsam die leeren Stunden verrinnen.
Gezwungen zu einsamem Leben und Sinnen,
Umgeben vom blendenden Meere von Sand,


Versuchte ich anfangs mit heißem Begehren
In düsterer Höhle die Schriften zu lesen,
Erfassen zu lernen mein innerstes Wesen,
Die Flammen zu löschen, die wild mich verzehren.


Umsonst sind die Stunden der Buße verflossen,
Ich konnte das Klopfen des Herzens nicht dämpfen,
Vergebens die reuigen Tränen vergossen.


Jetzt ruhe ich müde nach fruchtlosem Kämpfen.
Ich hebe noch einmal die knöcherne Hand
Und segne der Jugend hellschimmerndes Land.


DER LIEBHABER

Ich möchte deinen weißen Bußen küssen,
In deiner Locken Fluten will ich wühlen,
Der heißen Wollust Flammenqualen fühlen,
Und niemals wieder von dir scheiden müssen.


Lösch aus der hellen Kerze störend Licht,
Zum Liebeslager laß dich endlich tragen,
Du siehst, ich will, ich kann nicht mehr entsagen.
Du schüttelst nur dein Haupt: noch nicht, noch nicht!


Was willst du mehr? Ich lieg zu deinen Füßen.
Du zögerst noch? Ist es noch nicht genug?
Was für ein Unrecht hab ich noch zu büßen?


DAS MÄDCHEN

O sprich nicht mehr, so kann ich dich nicht hören,
Der Wohllaut deiner Stimme reißt mich fort.
Was kamst du her an diesen stillen Ort,
Um meinen Mädchenfrieden zu zerstören?


Vergib mir. Nein, laß mich dir immer lauschen.
Du füllst mit seltnen Schätzen meinen Sinn.
Oft geh ich langsam an dem Strande hin
Und neuer Welten Töne hör ich rauschen.


Mit feinen Ketten hast du mich gebunden,
Die leise klirren, wenn ich fliehen will.
So beug ich mich; mein Stolz ist überwunden.


DER WÜSTLING


Ein Abend ganz für mich. Mit schweren Schritten
Verläßt die Dienerin den Raum. Mit Zigaretten
Und dunklem Wein allein. In blauen Ketten
Zieht sich der Rauch. Ich lausche noch den Tritten —


Sind das nicht Schatten, die vorüber glitten?
Gesichter bleich, als ob von Totenbetten
Sie wieder auferstanden. Euch zu retten
Vermag ich nicht, so Schweres auch gelitten


Ihr um mich haben mögt. Nicht einmal fragen
Will ich euch, wo ihr herkommt, was ihr wollt.
Geht nur vorbei mit euren stummen Klagen.


EIN DICHTER

So soll ich denn nur einen Schatten lieben,
Den Duft aus einer weißen Blume Blüte.
Ganz achtsam fein, damit ich den noch hüte,
Den Rest der Freude, der mir noch geblieben.


Ihr zarten Kinder mit den blassen Wangen,
Die nie ihr jung beim muntern Spiel gewesen,
Euch gebe ich mein letztes, tiefstes Wesen,
Nach eurer Nähe brennt nur mein Verlangen.


In eure Märchenaugen laßt mich schauen,
Den Duft aus euren seidnen Locken trinken,
Ihr könnt euch nahen mir ohn jedes Grauen:


Ich liebe euer Bild, das in mir lebt,
Es läßt in eine andre Welt mich träumend sinken,
Wo eures Wesens Schönheit mich umschwebt.


DER EINSAME


Bald werden die Kastanienbäume blühn,
Im warmen Winde weht das neue Leben,
Ich steh am Fenster, seh mit heißem Beben
Die weißen Frühlingswolken ziehn.


Ist denn mein ganzes Leben schon vollendet,
Kann meine Jugendkraft durch nichts gesunden,
Daß nur das Sinnen an vergangne Stunden
Mir blieb, in Träumen dessen, was gewesen?


Doch laute Worte mögen sie zerstören,
Von Solchen, die nicht jene Tiefen fassen
Und auf verklungne Stimmen nicht mehr hören.


So soll man jenes stille Reich mir lassen,
Erinnerungen, die nur mir gehören,
Und die von selber langsam schon verblassen.


HOMME DE LETTRES

Paris. Ein Tanzlokal. In einer Ecke
Sitz ich und schlürf Absinth. Den bunten Bildern
Nur zuzuschauen ist Genuß. Es mildern
Den starken Strich Gekose und Genecke.


Aus meiner frohen Knabenzeit erwecke
Ich diesen Tag: wir gingen einmal wildern,
Ein Freund und ich, und unser Jagdglück schildern
Wir uns am Abend an der Rotdornhecke.


Ich hörte seine, hörte meine Worte
Als die von Fremden, und zum grauen Räume,
Zum bodenlosen wurde mir die Nacht.


Jetzt nicht mehr Kind, an einem andern Orte
Fühl ich das Gleiche. Wie aus süßem Traume
Bin plötzlich ich in Dämmerung erwacht.


DER VERWUNDETE

O laß die Leidenschaft jetzt aus dem Spiel,
Zerstöre nicht den Zauber dieser Stunde,
Denn deine Freundschaft gab mir doch so viel,
Jetzt reißt du unzart auf die alte Wunde.


Denn bebend war ich einstens dir genaht,
Mit stillen Händen gabst du mir den Frieden,
Und wiesest mir so liebreich jenen Pfad,
Den ich seit jenen Tagen stets gemieden.


Jetzt willst du wieder Gluten in mich gießen,
Die ich in langem Kampfe überwand,
Die Schatten, die dann endlich mich verließen,


Willst du aufs neue rufen in das Land,
Wo eine schöne Ruhe eingezogen,
Besänftigend so wilden Meeres Wogen.


DER EIGENE

Des Weibes Wunderwelt willst du mir lehren,
Du sprichst von stillem Glück und großem Frieden,
Wie er mir anders niemals sei beschieden?
Doch deiner Rede muß ich nunmehr wehren.


Mein Weg war steil; mir folgten Viele nicht,
Und auf der Höhe war ich ganz allein.
Wol ist es sonderbar, allein zu sein,
Doch spielt hier oben ein gar seltsam Licht,


In dem die Dinge andre Form gewinnen,
So daß sie fahl und blaß und farblos scheinen,
In deinen immer fieberheißen Sinnen.


Du siehst auf meiner Wange Tränen rinnen?
Doch nicht um deine Schmerzen darf ich weinen,
Denn keine Bande kann uns je vereinen.


DER GEFANGENE


Einst war ich frei —
Wie seltsam sind die Ketten, die mich binden,
Sie schimmern wie von edelstem Metalle.
Die Augen schweifen durch die Säulenhalle,
Ich sehe Schnörkel sich an Schnörkel winden,
Und so vergeht der Tag in engem Einerlei.
Noch kann ich nicht mich in dies alles finden,
Denn schwer erhebt man sich von tiefem Falle.
Jetzt dröhnt des Wächters Schritt mit dumpfem Schalle,
Bald wird der letzte Sonnenstrahl verschwinden —
Einst war ich frei —


DER LETZTE


Und brausend, rollend wallen auf die Wogen —
Ich stehe an der Klippe jähem Rand,
Die Wolken jagen. Wie ein Feuerbrand
Versinkt die Sonne. Dämmrung kommt gezogen.


O stürmt nur, stürmt! Die letzte Schutzwehr wich.
Dort kämpft ein Nachen. Willst du noch zu mir,
Du schlankes Mädchen? Ha, des Wassers Gier
Reißt dich hinab. Ich klage nicht um dich,


Du bleiches Antlitz. Deinen schönen Mund
Hab ich geküßt. Jetzt schleudern dich die Fluten
In wirrem Wirbel. Deine Arme bluten,
Die mich umschlungen hielten. Sinkt zum Grund,


Ihr blendend-weißen Glieder. Dort und dort,
Ich kenne euch, die ihr jetzt leblos treibt.
Von allen denen, die gewesen, bleibt
Nur Einer: ich. Treibt fort, treibt fort!


Nur Meer und Sturm, soweit die Augen sehn,
Ihr kommt zu mir, ich weiche nicht zurück.
Erfüllt mein heißes Sehnen nach dem Glück,
In solchem wilden Kusse zu vergehn!