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Erich von Mendelssohn – Nacht und Tag

Roman

Verlag der weißen Bücher, Leipzig, 1914


Paul Geheeb
zugeeignet



I.

Otto Mahrensee war vierzehn Jahre alt, als ihm klar wurde, daß er ganz allein stände. In der großen Pause ging er mit seinem Freunde Richard Gruber vom Schulhause aus den Hohlweg am Kapellenberge hinauf. Als sie stehen blieben, um etwas Luft zu schöpfen und dabei zurückblickten, lief gerade Ninon über den Hof zum Nebengebäude, wo sie als Dr. Luttenbachs Schützling wohnte.

Gruber sah ihr nach und sagte:

»Mit der möchte ich nicht verheiratet sein.«

Mahrensee fühlte, wie sein Gesichtsfeld sich verengte. Er griff nach einem Weißdornzweige und zerpflückte die Blätter: Richard verschmähte gleichmütig die Unerreichbare!

Unumstößlich stand jetzt die Wahrheit fest, daß sie verschieden seien! Ach, dann war er nicht nur anders als Gruber, dann war er anders als alle. Wie oft hatte ihn während seiner Kindheit die Ahnung davon bedrückt, aber er hatte sie immer wieder verscheuchen können. Das war jetzt nicht mehr möglich.

Er sah Gruber an, doch dieser wußte nichts von solchen Dingen. Unbekümmert biß er in sein Butterbrot und dachte schon längst an etwas anderes.

Da läutete es zum Unterricht, und die beiden Knaben liefen schnell zum Schulhause zurück. Es war ja die Geschichtsstunde, die der Direktor selbst erteilte.

Als Mahrensee das Klassenzimmer der Obertertia wieder betrat, war es ihm, als ob graue Nebelflocken zwischen ihm und den schwatzenden Kameraden herabschwebten. Die Flocken verdichteten sich zu einer durchsichtigen, aber unübersteigbaren Mauer — — —

Er setzte sich auf seinem Eckplatz und sah auf die anderen. Ihm wurde bewußt, daß er schon oft in sekundenlanger Zurückgezogenheit die Mauer empfunden hatte. Aber stets war er geängstigt bemüht gewesen, sie durch ein lautes Wort umzustoßen. Damit war es vorbei. Jetzt galt es, sich in die Wahrheit zu finden, mochte sie auch hart sein.

Direktor Leutelt trat ein. Achtungsvolles Schweigen empfing ihn. Nur Mahrensee fühlte keine Ehrfurcht. Zu fern stand ihm jener. Ein Lächeln wollte hervorbrechen, aber er unterdrückte es, um den Ernst des Augenblickes nicht zu entweihen.

»Nun, Mahrensee, was haben wir in der letzten Stunde durchgenommen?«

Unter einem wollüstigen Schauer erbleichend blieb der Knabe sitzen, denn was ging ihn die fremde Stimme an, die irgendwoher aus dem verschwimmenden Raume zu ihm drang?

»Mahrensee, kannst du denn nicht hören?«

Jetzt vermochte der Knabe das Lächeln nicht mehr zurückzudämmen.

Aber da geschah das Furchtbare, Unbegreifliche. Dr. Leutelt kam langsam näher. Mahrensee fühlte schneidend den unausgleichbaren Widerspruch zwischen dem neuen Reichtum seiner schwebenden Einsamkeit und der drohenden Brutalität: eine Faust war nahe daran, die graue, schützende Mauer zu zertrümmern.

Nicht aus Furcht vor einem Schlage, wie die entsetzten Kameraden meinten, sondern um ungestört die wirbelnden Gedankenfetzen zu einem Gebäude zusammenfügen zu können, suchte er aus seiner Erinnerung einige Brocken herauf. Aber trotz der äußersten Anstrengung, zusammenhängend zu sprechen, mußte er mehrfach die Augen schließen, um wenig­stens für Sekunden mit sich allein zu sein.

Der Direktor sah ihn befremdet an, glaubte ihn krank und schickte ihn zu Bett.

Als Mahrensee in seinem Dachzimmer lag, wurde ihm dieses klar: er besaß eine eigene Welt, an der kein anderer teilhatte, so wenig, wie er an der Welt der anderen teilhatte. Und das Leben in seiner eigenen Welt war die Befreiung von der stechenden Qual der Augen­blicke, wo er sich hatte vergessen, verraten wollen, um wie die anderen zu sein. Seine Bestimmung, sein Glück, konnte nur darin liegen, wahr zu sein, einsam und stolz hinter der durchsichtigen, aber unübersteigbaren Mauer zu leben.

Plötzlich überfiel ihn die Erinnerung an eine Religionsstunde, wo Dr. Arler die Begriffe vom heiligen Geiste und dem Teufel zu erklären versucht hatte: als eine Welt des Ewigen mit dem störenden Einfluß vergänglicher Körperlichkeit. Was war das unkeusche Nahen des Direktors, die drohende, rohe Gewalt anderes, als eine vergeßbare, sinnlose, unwesentliche Störung seiner eigenen Welt! Und jetzt kamen ungehindert die Erinnerungen an viele Augenblicke, wo er dasselbe empfunden hatte, ohne es sich eingestehen zu wollen. Stets hatte er sich gezwungen, zur Wirklichkeit zurückzukehren. Wirklichkeit, Wirklichkeit, die er eben unwesentlich genannt hatte! Und heiß strömend kamen ihm die Worte: Unwirkliche Wirklichkeit — wirkliche Unwirklichkeit. Das war sein bestimmtes Ziel. Aber es war noch von einem fluoreszierendem Nebel verhüllt.

Doch, er würde den Weg finden.

Und erschöpft, aber glücklich schlief er ein.

Es dämmerte schon stark, als er erwachte. Die Arbeitsstunde hatte wohl schon längst begonnen, aber jetzt stand er ja außerhalb der Schulordnung. Er kleidete sich an und schlüpfte zu Ninon hinüber. Auf dem Hof blieb er stehen, die Rückseite des großen Schulhauses war samtschwarz, nur einige Fenster leuchteten gelb oder bläulich und ihr Schein verlor sich in der Nacht. Zwischen den halbzugezogenen Vorhängen hantierten Menschen — — —

Ninon saß ohne Licht in ihrem Dachstübchen in der Fensternische. Sie hatte den Kopf auf die Sessellehne zurückgelegt. Das dunkelbraune Haar fiel aufgelöst über das breitfaltige Hauskleid. Das Sofa an der Wand war kaum noch zu erkennen.

Mahrensee blieb in der Tür stehen. Ninon sah ihn unbeweglich an. Dann drehte sie langsam ihren Kopf dem Fenster zu, so daß ihre Wange sich an den Sesselrücken schmiegte, und blickte auf die dunklen Tannen hinaus. Das Profil hob sich scharf gegen den Himmel ab.

»Ninon«, sagte er nach einer Weile.

Und dann biß er sich auf die Lippe vor Scham, daß seine Stimme unsicher gewesen war.

Ninon stand auf, zog die Vorhänge zusammen und zündete die Lampe an. Dann setzte sie sich wieder auf den Stuhl in der Fenster­nische.

»Was gibt es?« fragte sie. Er saß auf dem Sofa und schwieg. Plötzlich sagte er:

»Ist es für dich nicht sonderbar, immer allein zu sein? Als einziges Mädchen unter so vielen Jungen, meine ich?«

Sie überlegte. Dann zuckte sie die Achseln:

»Wie kommst du darauf?«

»Mir ist heute eingefallen, daß ich eigentlich auch keinen Freund habe.«

»Du hast doch Max Uglop und Gruber.«

Er wurde lebhaft:

»Ich habe beide sehr gern, weißt du, aber richtige Freunde sind sie nicht.«

Sie hob ein klein wenig den Vorhang und lugte zum Fenster hinaus. Dabei fragte sie:

»Wie denkst du dir einen richtigen Freund?«

Er wurde heiß. Er wollte sagen: Wie dich, Ninon.

Aber als sie ihn ruhig ansah, sagte er:

»Als einen Menschen, der mir nie fremd ist, der gleich versteht, was ich denke. Vor dem ich mich nie schäme, auch wenn ich ganz schmutzig bin.«

»Pfui,« sagte sie. »Man soll sich sogar vor sich selbst schämen, wenn man schmutzig ist.«

Er schwieg lange.

»Eigentlich tue ich es auch«, sagte er dann.
Sie lachte auf:

»Nein, es ist sehr lustig, das einzige Mädchen unter vielen Jungen zu sein: so lange ich will, bin ich wie ein Junge mit dabei, und wenn ich keine Lust mehr habe, werde ich plötzlich Mädchen.«

Nachdenklich erwiderte er:

»Aber ganz wie ein Junge bist du doch nie. Etwas fremd bleibst du immer.«

»Ja, und das ist schön«, sagte sie und warf unwillkürlich einen Blick auf das verhangene Fenster.

Da klang vom Hofgebäude her schrill die Glocke zum Abendessen. Er stand sofort auf:

»Gute Nacht, Ninon.«

Ruhig sitzenbleibend reichte sie ihm nachlässig die Hand. Er drückte sie kurz und ging hinaus.

Aber auf der Treppe blieb er stehen. Reue überfiel ihn, so viel nur halb gesagt zu haben. Er kehrte zögernd zurück und öffnete leise die Tür.

Ninon hatte die Lampe wieder ausgelöscht und die Vorhänge vom Fenster fortgezogen. Mit geschlossenen Augen hatte sie sich im Stuhle zurückgelehnt und ließ sich den Vollmond ins Gesicht scheinen.

Ein Augenblick betrachtete er sie schweigend. Dann senkte er den Kopf und schloß scheu die Tür.

Als er über den Hof zum Hauptgebäude ging, blieb er stehen und sah zwischen den schwarzen Tannenspitzen den Mond, und da überfiel ihn eine solche Sehnsucht, auf eine der Waldwiesen hinauszulaufen, daß er schnell die Treppe zum großen Speisesaale hinaufstieg, um sich nicht ganz zu verlieren.

Seine Kameraden, bis auf die drei Amerikaner, die sich gar nicht um ihn kümmerten, waren befangen, als er sich zu ihnen setzte, und sprachen deshalb lebhaft auf ihn ein, was seine Verwirrung noch erhöhte. Sein hilfesuchender Blick traf auf einmal Uglop, und da war ihm, als würde er bei diesem Verständnis finden. Doch Uglop beugte sich gleich darauf wieder über seinen Teller und aß schweigend weiter.

Aber als sie aufstanden, trat Uglop zu ihm, zog ihn in eine Ecke des Saales und fragte ihn mit einer verlegenen Handbewegung:

»Kommst du mit — hinaus?«

Mahrensee senkte bejahend den Kopf.

Sie warteten, bis die ganze laute Schar sich verlaufen hatte und der Diener die Lampen bis auf eine auslöschte.

Um nicht beobachtet zu werden sprangen sie gleich in den Wald und machten einen Umweg, bevor sie den breiten Hohlweg kreuzten, der über den Hügelzug vom Schulgut zu den nächsten Dörfern ging.

Mitten im Tannenwalde lag ein Stückchen niedrigen Laubgebüsches und durch dieses wand sich ein schmaler Pfad, der zu der Waldwiese führte.

In wenigen Minuten waren die Knaben hier und setzten sich am Rande auf einen umgestürzten Baumstamm. Uglop war außer Atem, denn er war das schnelle Laufen nicht gewohnt.

Der Mond stand jetzt hoch am Himmel, und über die Wiese zogen sich Nebelschwaden.

Auf dem verdorrten Aste einer riesigen Fichte mit gesprungener Borke saßen unbeweglich zwei Käuzchen.

Nach langem Schweigen sagte Uglop: »Ich möchte wissen, wohin man käme, wenn man zwischen den beiden Tannen durchginge und an dem hellen Mondfleck vorbei: Siehst du, dort wird der Wald ganz schwarz.«

»Man kommt auf den Kirschberg,« sagte Mahrensee, »ich bin erst gestern Nachmittag dort gewesen.«

Uglop starrte mit zusammengezogenen Brauen vor sich hin. Dann schüttelte er den Kopf und blickte auf:

»Am Tage kommt man vielleicht auf den Kirschberg. Das ist möglich. Aber nicht in der Nacht. Das kann ich mir wenigstens nicht vorstellen. In der Nacht ist alles ganz anders. — Nein, ich könnte mir denken, daß man nie mehr aus dem schwarzen Walde herauskäme, denn er würde immer wilder werden, und man müßte immer weiter gehen, um das Allerwildeste zu finden.«

Mahrensee war von dem Bilde ergriffen: »Aber die ganze Wildheit würde im Mondlicht ruhig und still sein.« Uglops Gesicht verzog sich schmerzlich: »Das ist es gerade, was ich nicht verstehen kann.« Er dachte nach; dann hob er den Kopf: »Das macht der Mond. Und deshalb lieben wir ihn. Denn über alle Wildheit legt er eine große Einheit, die uns erregt, weil wir uns ihr fremd fühlen und doch an ihr teilhaben wollen. Aber wir wissen, daß morgen wieder ein Tag ist, der alles zerstückt. Deshalb fürchten wir die Sonne.«

Beide schwiegen. Vom Gutsteiche her klang durch die warme Nacht das schwermütige Quaken der Frösche.

Endlich sagte Uglop:

»Am Tage habe ich immer das Gefühl, als ob etwas in mir sich verkrieche, daß ich vor Wut weinen kann. In der Nacht schwillt es dann auf und erfüllt mich ganz. Dann bin ich glücklich. Der Tag ist so dumm und hart — und eigentlich glaube ich nicht recht an ihn.«

Mahrensee erschauerte. Dann packte er vor Erregung den Arm des Freundes und keuchte ihm ins Gesicht:

»Jetzt begreife ich es: der Tag ist der Teufel, und der Mond ist Gott.«

Uglop machte sich von ihm los und stand auf. Er lächelte geheimnisvoll:

»Wir wollen dem Monde einen Altar bauen — für uns allein. Aber niemand darf etwas davon wissen.«

Mahrensee besann sich:

»Mitten auf der Wiese soll er sein.«

Sie standen auf, suchten sich Steine und legten sie in einem kleinen Kreise zusammen.

Dann setzte sich Uglop ins Gras und faltete die Hände vor den Knien. Mahrensee blieb stehen. Auf einmal sagte Uglop:

»Sieh!«

Mitten in dem kleinem Steinkreise saß eine fette, braune Kröte. Sie streckte langsam die Beine aus und hielt sich dann wieder ruhig.

Mahrensee beugte sich über sie und sagte dann:

»Jetzt weiß ich, weshalb ich immer die Kröten geliebt habe — ja, und die Eulen auch.«

Uglop blickte zu ihm auf:

»Weil es die Mondtiere sind. — Und ich verstehe jetzt, weshalb die Erwachsenen Kröten und Eulen nicht leiden können, denn die Erwachsenen gehen nie zum Monde, oder wenn sie es doch tun müssen, reden sie so laut, daß sie ihn nicht sehen. Die Erwachsenen leben nur am Tage.«

Mahrensee dachte an den Vormittag und sagte:

»Die Erwachsenen dienen dem Tage, dem Teufel. Du, ich will nie wie ein Erwachsener werden.«

»Ich glaube auch nicht, daß ich mich je verändere,« sagte Uglop und kaute nachdenklich an einem Grashalm.

»Die Kröte soll unsere Tempelpriesterin sein«, sagte Mahrensee nach einer Weile.

Uglop nickte:

»Aber der Nebel, dieser feine Nebel, der gehört auch dazu. — Ja, er soll die Mondbraut sein«, sagte er bestimmt.

Mahrensee legte sich neben ihn ins Gras: »Das Wort ›Braut‹ war mir immer so merkwürdig. Ein Mädchen, welches noch ganz rein ist und dabei weiß, daß nach einigen Wochen ein Mann bei ihr liegen wird. Eine Frau ist dumm und gleichgültig und verschwitzt. Und ein Mädchen, das gar nichts weiß, ist albern und ekelhaft. Aber eine Braut, siehst du, die schon weiß und doch noch rein ist, die steht so sonderbar zwischen —« er fuhr auf: »Die schwankt zwischen Tag und Nacht.«

Uglop schwieg, Mahrensee fuhr nach einer Weile fort:

»Ob nicht aber das gerade das Heilige ist, vom Tage zu wissen und ihn dennoch zu scheuen? Ich glaube, daß die ewige Braut — ja, das Heilige ist. Denk doch, wie sie zittern muß und wie sie plötzlich errötet, wenn sie sich auszieht und daran denkt, daß ein Mann sie bald einfach ansehen kann.«

»Sie weiß es und glaubt es dabei doch nicht, glaubt es bis zum letzten Augenblick nicht«, warf Uglop hin.

»Sieh, wie weiß der Nebel ist«, sagte Mahrensee. Die beiden Jungen schwiegen, dann sagte Mahrensee: »Was wollen wir über die Sterne sagen?« Uglop dachte nach:

»Die sind ganz anders als der Mond. Sie sind viel weiter. Wir sehen sie, aber ihr Schein hat mit der Erde nichts zu tun. Sie haben keine Braut auf der Erde. Wir dürfen ihnen auch keinen Altar bauen. Sie sind das Allerschönste, aber ganz kalt. Nein, sie gehen uns gar nichts an, aber nur weil sie so hoch stehen.«

»Der Mond wird glühendrot, wenn er untergeht. Ich habe es so oft gesehen. Das ist so menschlich an ihm. Er schämt sich, weil er vor dem stärkeren Tage weggehen muß, obgleich er ganz genau weiß, daß er vielmehr wert ist, als die Sonne«, sagte Mahrensee.

»Ja, die Sterne werden einfach immer blasser und flimmern und sind fort. Es liegt ein so unkränkbarer Stolz darin, still fortzugehen, wenn die laute Vergänglichkeit kommt.«

Da klang vom Waldrande her ein schrilles Krächzen: die Käuzchen waren aufgewacht. Die Knaben fuhren bei den unheimlichen Lauten zusammen und blickten scheu einander an.

Mahrensee faßte zuerst Mut:

»Wir wollen gehen,« sagte er. Es wird auch gleich zur Kapelle läuten.«

Bebend, aber an sich haltend, gingen sie den schmalen Pfad bis zum Hohlweg und liefen dann zum Schulgebäude hinunter.

Sie blieben in der Tür stehen und hörten auf das schnelle Laufen im ganzen Hause.

»Du, Mahrensee, niemand darf etwas davon erfahren«, sagte Uglop.

Mahrensee drückte ihm die Hand. Dann gingen sie hinauf und mischten sich unter die anderen.


II.

Direktor Leutelt ließ Mahrensee nach dem Unterricht zu sich heraufkommen.

Der Knabe öffnete mit Herzklopfen die Tür. Er fürchtete diese verschleierten Augen, die einen nie gerade anblicken konnten. Zwischen den schweren Portieren blieb er stehen, den einzigen Luxusgegenständen in diesem großen Zimmer, an dessen Wänden Bücherregale zur Decke reichten, und wo jeder Tisch, jeder Stuhl unordentlich mit Büchern und Papieren bedeckt war.

Dr. Leutelt lag wie immer seitwärts auf dem Diwan vor dem Schreibtisch und malte in dieser Stellung mit Blaustift Striche und Bemerkungen in ein sauber gedrucktes Buch.

»Du hast wohl keine große Lust zur Gartenarbeit heute nachmittag?«

Der Direktor war also guter Laune. Mahrensee atmete auf und lächelte verlegen statt einer Antwort.

»Deine Mutter will uns wieder auf einen Tag mit ihrem Besuche erfreuen,« sagte der Direktor und blätterte in seinem Buche. »Du mußt gleich nach dem Essen zum Gute hinuntergehen. Um zwei Uhr fährt der Wagen.«

Mahrensee trat näher und reichte ihm die Hand zum Dank. Der Blick des Direktors streifte ihn flüchtig und glitt dann an ihm vorbei in die Luft.

»Ja ja, mein Junge. Viel Vergnügen.« Und mit einem leichten Seufzer griff er wieder nach dem Blaustift.

Mahrensee sprang die Treppen hinunter. Daß seine Mutter kam, bedeutete vertraute Wärme um ihn her, bedeutete das Versinken der grauen Mauer.

Wie fremd war ihm Uglop, als dieser ihm über den Tisch einen Blick zuwarf. Wie unheimlich erschienen ihm diese grauen Augen unter den stets ein wenig zusammengezogenen Brauen.

Mahrensee wandte sich Gruber zu, der neben ihm saß:

»Heute nachmittag fahre ich in die Stadt. Soll ich dir etwas mitbringen?«

»Ja, wenn du nachfragen wolltest, warum mein Rad noch immer nicht fertig ist.«

»Schön. Sonst nichts?«

»Doch — ich habe mir so ein Taschenmesser gewünscht, weißt du, mit so vielen, verschiedenen Klingen und Scheren und allen den Geschichten. Wenn du Zeit hast und es höchstens acht Mark kostet —«

Acht Mark waren ja schon viel Geld, doch Gruber hatte reiche Eltern.

Aber nach Tisch trat Uglop an Mahrensee heran und fragte:

»Du holst deine Mutter ab?«

Man wußte, daß Uglop als ganz kleines Kind beide Eltern verloren hatte. Es wurde sogar behauptet, daß sein Vater vor der Geburt seines Sohnes gestorben sei — ein unheimliches, kaum faßbares Schicksal, daß ganz zu Uglops verschlossenem Wesen paßte.

Mahrensee war so von Gedanken an die lange Fahrt im Sonnenschein durch die freundliche Landschaft eingenommen, daß er sich nicht auf Uglop einzustellen vermochte. Er brachte es nur zu einem fragenden:

«Ja?«

Uglop biß sich auf die Unterlippe und sah zerstreut auf Mahrensees Brust.

»Wie ist das, wenn du deine Mutter triffst?« Mahrensee sah ihn befremdet an:

»Ich freue mich natürlich.«

»Ach —« wie aus Ärger über diesen oberflächlichen Bescheid warf Uglop den Kopf zurück.

»Ich meine —« er bewegte ungeschickt seine Hand in Brusthöhe zwischen sich und dem Freunde hin und her — »wie, fühlst du, daß sie dich geboren hat?«

Mahrensee schwieg.

»Lieben — man kann alle möglichen Menschen lieben. Du weißt, daß du aus ihr herausgekommen bist. Aber es ist einem eigentlich ganz gleichgültig, was man weiß. Wie, fühlst du, daß du in ihr gewesen bist?«

»Doch, das fühlt man. Man ist bei seiner Mutter ruhig und zufrieden, auch wenn gar nichts Besonderes geschieht. Weiß du —« ihm fiel ein erklärendes Bild ein — »als ob man im Winter in einem warmen Zimmer sitzt.«

Uglop zuckte die Achseln:

»Das ist mit einem guten Freunde doch ebenso.«

»Aber bei der eigenen Mutter weiß man, daß einem gar nichts passieren kann. So weit man zurückdenkt, hat sie einen beschützt. Und dazu kommt noch, daß sie einen ganz genau kennt und gleich versteht, was man will — aber die Hauptsache ist doch das Gefühl: es ist meine Mutter, und das ist etwas ganz Besonderes. Man hängt doch mit ihr zusammen; auch wenn man sich über sie ärgert, kann man sich gar nicht von ihr losmachen.«

Uglop sah ihn fragend an. Mahrensee wurde nervös:

»Nein, man kann darauf nicht so einfach antworten.«

Uglop nickte vor sich hin, erst jetzt schien er zufriedengestellt zu sein.

Mahrensee holte schnell seine Mütze und sprang zu den Gutsgebäuden hinunter. Er war nicht so gut gelaunt wie vor einer Stunde. Uglops Frage hatte ihn in Gedankengänge gezwungen, die er nicht verfolgen wollte.

Auf dem Gutshofe wurden gerade die Pferde vor den leichten Jagdwagen gespannt. Einige Pakete wurden aufgeladen — es gab ja immer allerhand in die Stadt mitzunehmen —, dann bestieg ein Knecht den Bock, wobei er Mahrensee auf dem bequemen Sitz im Wagen einen halb vertraulichen und halb verächtlichen Blick zuwarf. Mahrensee rächte sich dadurch, daß er demonstrativ seine sauberen Fingernägel und ungeflickten Stiefel betrachtete. Nachdem so jeder, der Schüler wie der Bauernsohn, seinen Standpunkt präzisiert hatte, stand einem guten Einvernehmen bei der Fahrt nichts mehr im Wege.

Oh, wie Mahrensee diesen Weg liebte. Zuerst an den Ställen und Scheunen vorbei, dann das Wirtshaus und der ganz verwachsene Teich, auf dem jetzt unzählige Enten schwammen. Aber in warmen Sommernächten — und er dachte an Uglop —, in warmen Sommernächten klang der einförmige und traurige Chor der Teichfrösche bis zu den Schulgebäuden hinauf. Und jetzt im Sonnenschein war der Teich so friedlich.

Er schüttelte den Gedanken ab und blickte um sich. Der Wagen hatte bereits ein gutes Stück Weg zurückgelegt, ohne daß Mahrensee es bemerkt hatte. Sie waren jetzt auf dem geraden Stück der Landstraße, an dem die schmächtigen Pflaumenbäume standen. An beiden Seiten stiegen sanft die Felder an. Die Kämme beider Hügelrücken waren bewaldet.

Dann kam die sumpfige Niederung mit dem Erlengebüsch. Vom Wagen aus war sie so leicht zu übersehen, aber — Mahrensee stutzte — wie er einmal unten gewandert war, hatte er sich verirrt. Und dann, dann war plötzlich etwas geschehen — — Wie konnte dasselbe Fleckchen Land so ganz anders sein, ob man darin stand, oder es von oben betrachtete?

Der Tannenwald schloß sich enger zusammen. Hier war die Landstraße immer feucht, denn die Sonne konnte nicht den Boden erreichen. Das Herz des Knaben klopfte, denn bald würde ihn das vertraute Bild aufs neue überraschen, wie der schwarze Wald plötzlich zurücktrat und die weite Landschaft mit den freundlichen Dörfchen vor ihm lag. Drüben ruhten massig die beiden Gleichberge, der eine mit der vorgeschichtlichen Festung gekrönt. Am Fuße des anderen der wendische Ort, wo die Leute eine fremde Sprache redeten und sonderbare Gebräuche hatten.

Und da war der Wagen schon mitten im nächsten Dorf. Mahrensee hatte wieder ein ganzes Stück des Weges versäumt.

Er gab seinen Vorsatz auf, die ganze Fahrt in sich aufzunehmen. Es war so schwer. Jetzt wünschte er sich Uglop herbei. Der hätte ihm sagen können, weshalb immer nur ein einzelner, kleiner Ausschnitt bis zum Bewußtsein drang, und nie das ganze Bild.

Dann die harte Steigung, wo der Fuhrknecht und Mahrensee neben dem Wagen gingen, um den Pferden die Arbeit zu erleichtern. Und wenn man aufwärts schreitet, sieht man nur den Weg vor den Füßen. Aber oben, da tut man einen langen Rundblick, während die Pferde verschnaufen. Wie leicht jetzt die ganze Ebene mit allen kleinen Dörfchen zu übersehen ist, wie scharf grenzen sich die Wälder an die Fluren! Und die Gleichberge haben die Stellung zueinander verschoben. Der Kleine verdeckt fast ganz den Großen. Vom breiten Sattel zwischen ihnen ist nichts zu bemerken.

Und dann ging es munter die sanftgesenkte Straße weiter. Der Bursche knallte übermütig mit der Peitsche und griff nach herabhängenden Äpfeln — — —

Dann das letzte Dorf, wo die Straße immer so schlüpfrig war, daß man beim Radfahren ordentlich acht geben mußte, um nicht auszugleiten. Der Brunnen mit dem langen Schwengel, und hinter dem Dorfe die dichte Gruppe von Kastanienbäumen, unter deren tiefen Schatten die kleine Steinbrücke über den Graben führte. Dann noch den großen Bogen durch den Hochwald, und zuletzt die schnurgerade Chaussee auf die Stadt zu.

Die Stadt! Ein unübersehbares, unruhiges Gewirr von Dächern, aus dem die beiden Kirchtürme emporragten. An allen Seiten kletterten die Ausläufer ein Stückchen an den Berghängen empor, und in der Mitte lag ganz in grünen Baumkronen der Burghügel.

Dort war der Bahnhof, man konnte nach Eisenach, nach Koburg oder nach Meiningen fahren, und dann noch weiter zu den Großstädten und den fremden Ländern — oder aber man ging zu Fuß mit dem gepackten Rucksack die steile Allee hinauf und durch den Buchenwald, und dann, ja dann kamen die schwer ruhenden Berge mit den schwarzen Tannenwäldern und den rauschenden Bächen, den Dörfchen, die sich einer dunklen Talsohle anschmiegten, oder kaum auffindbar hoch oben auf den Bergwiesen lagen — an den Zaunpfählen hingen kleine, roh gezimmerte Bauer mit Dompfaffen — dann kamen die versteckten, und doch so lärmenden Fabrikstädtchen, die abgeholzten Halden, wo die Baumstümpfe mit ihren frischen Schößlingen von Heidelbeerstauden überwuchert waren — der ganze herrliche Thüringer Wald.

Gewiß, die Stadt war ein Ausgangspunkt, von dem aus man verschiedene Wege einschlagen konnte. Man hatte sogar die Wahl, in die dunklen Tannenwälder hinauszuwandern oder die Bahn zu nehmen — zwei große Welten standen einem offen — und solange man selbst dort blieb, war man geborgen, man wußte, wo Fahrradhändler und Konditor, Zahnarzt und Buchhändler wohnten, man kannte den holprigen Markt mit dem Rathaus, obwohl es nicht ganz sicher war, wo alle die kleinen Gäßchen hinführten.

Ja, in der Stadt war man geborgen, fast ebenso wie daheim auf dem Schulgute. Aber was lag dazwischen? Nichts als eine gekrümmte Landstraße, deren Verlauf sich nur mit Anstrengung stückweise ins Gedächtnis rufen ließ, aber ganz konnte man sie sich nicht vorstellen. Und neben ihr an beiden Seiten? Wälder und Hügel, Dörfer und Felder, die jeden Augenblick anders aussahen und anders zueinander lagen, und wenn man mitten in der Niederung mit dem Erlengebüsch stand, war sie wieder so ganz anders, als sie von der Landstraße her aussah. Man konnte sich sogar in ihr verirren und von einer aufsurrenden Schnepfe erschreckt werden.

Da hielt der Wagen am Bahnhof. Jetzt war es mit den Gedanken vorbei, man mußte sich in aller Hast eine Bahnsteigkarte holen, die Taschenuhr regulieren und dann mit dem gleichgültigsten Gesicht von der Welt alles Geflüster und alle neugierigen Blicke erdulden, die der roten Tuchmütze und dem grünen Cape — der Schultracht — galten.

Da bog sich schon der Zug in der Kurve. Mahrensee sah wohl, wie seine Mutter sich aus dem Fenster beugte und ihm zuwinkte, aber im Gefühl der auf ihm lastenden Blicke tat er, als ob er den Gruß nicht bemerkte und ging zunächst zu einem falschen Wagen, um seine Mutter erst zu entdecken, als sie ausstieg und der Ankunftstrubel alle anderen Leute in seine Wirbel gezogen hatte.

Die rote Mütze in der Linken haltend, streckte er die Rechte der Mutter entgegen, aber sie küßte ihn auf beide Wangen. Er ließ die Arme schlaff herabhängen, und es wurde ihm elend bei dem Gedanken, was für eine unglückliche Figur er in diesem Augenblick für einen Zuschauer bilden mußte.

Als sie aber ruhig im Wagen saßen und dem Marktplatz zufuhren, kehrte seine Unbefangenheit zurück.

»Du, Mutter, glaubst du, daß wir Zeit haben, zum Fahrradhändler zu gehen? Gruber bat mich, wegen seines Rades nachzufragen. Und dann noch ein Messer —«

»Natürlich haben wir Zeit, die Pferde müssen sich ausruhen, und ich möchte dich gern einige Stunden allein für mich haben. Auf dem Schulgut bekomme ich dich ja fast gar nicht zu sehen. Bist du immer noch so sehr mit Richard befreundet?«

Er nickte.

»Das freut mich, er ist so ein netter, frischer Junge«, sagte die Geheimrätin bestimmt.

Ihr Sohn sah sie von der Seite an. Ach, Nettigkeit und Frische machte doch nicht den Wert eines Menschen aus. Und dazu noch das gräßliche Wort »Junge«. Der ganze Ausdruck war so demütigend-lobend.

Solange du so über uns sprichst, werde ich dir nichts sagen können, dachte er traurig und erinnerte sich der Freude, mit der er den Besuch der Mutter erwartet hatte. Wie schrecklich war es, jetzt so fremd neben ihr zu sitzen —

»Freust du dich denn gar nicht, daß ich gekommen bin?«

»Doch natürlich,« er zwang sich zu einem Lächeln, »— ich dachte nur an etwas.«

»Ach, du Grübler —« sie sah ihn freundlich an, »woran hast du denn gedacht?«

Er verstand sie, er verstand sie. Er hörte aus dem scherzenden Tone das Flehen heraus, seine Starrheit aufzugeben, und das machte ihn noch verwirrter und unglücklicher. Weshalb stellte sie sich so überlegen, wenn sie dabei doch warb? Weshalb war sie nicht natürlich, weshalb wartete sie nicht, bis er ihr von selbst alles erzählte? Er hätte es dann so gern getan. Aber als seine furchtsamen Augen den ihren begegneten, ergriff ihn solches Mitleid mit der Mutter, die voll Liebe und Erwartung zu ihm gekommen war und jetzt keinen Eingang zu ihm fand, daß er sich zusammennahm.

»Es ist bei uns in der letzten Zeit so furchtbar viel geschehen, daß ich gar nicht weiß, womit ich anfangen soll, damit du alles verstehst. Ich muß es mir erst etwas überlegen.«

Sie streichelte seine Hand:

»Ja, mein Junge, ich will dich auch gar nicht drängen.«

Er errötete. War er ein Betrüger? Jetzt fügte sie sich wieder, wo er das doch nur gesagt hatte, um Ruhe vor ihr zu haben. Wie gut sie war! Er war ihrer unwürdig, das war ganz sicher. Aber er konnte ihr doch nicht seine Sachen erzählen, wenn sie in diesem Tone fragte — obgleich er das Werben aus ihren überlegenen, scherzenden Worten herausgehört hatte. Es wäre eine Entweihung des Mondtempels im Walde, wenn er jetzt — es war ja Tag! Mahrensee zuckte bei dem Gedankensprung zusammen: ja diese Überlegenheit und dieser Scherz, diese ganze Verwirrung, die nur die Scheu, frei über heilige Dinge zu reden, verbergen mußte — das war der Tag. Und wieder begegnete sein Blick dem suchenden der Mutter, und wieder schwieg sie. Er senkte den Kopf.

Da hielt der Wagen vor der Konditorei. Während der Knecht die Pferde quer über den Markt zu einer Ausspannung führte, traten die Geheimrätin und ihr Sohn in den Laden. Der Inhaber, ein rundlicher Mann mit einer nicht ganz sauberen weißen Schürze, verließ sofort seinen Platz hinter dem Ladentisch und den verstaubten billigen Zuckerwaren, um den vornehmen Besuch in das halbdunkle Hinterzimmer zu geleiten, wobei er doch den Schüler vertraulich anblickte.

»Hier gnädige Frau, hier sind Sie ganz ungestört. Was darf ich den Herrschaften bringen? Na, der junge Herr freut sich wohl, wieder einmal die Frau Mama zu sehen.«

Die Geheimrätin bestellte kühl Kaffee und Gebäck, und als der Mann gegangen war, fragte sie:

»Was ist das für ein gräßlicher Mensch? Benehmen sich hier alle so intim?«

Mahrensee hob den Kopf. Seine Niedergeschlagenheit war verschwunden. Seine Mutter verabscheute Aufdringlichkeit, jetzt war eine Verständigung möglich.

»Siehst du, Mutter,« sagte er, »Herr Doktor hat mich an zwei Nachmittagen von der Gartenarbeit dispensiert, damit ich üben kann.«

»Du hast die Musik wirklich noch nicht aufgegeben? Schade, daß du erst jetzt angefangen hast. Ich fürchte, daß es schon zu spät ist. Wenn man Klavier spielen will, muß man eigentlich viel früher anfangen — und eure Gartenarbeit macht die Finger auch sicher steif.«

Er antwortete eifrig:

»Herr Luttenbach glaubt selbst nicht, daß ich jemals mehr lernen werde, als die allereinfachsten Stücke zu spielen. Er sagt, es wäre für ihn deshalb doppelt interessant, mich theoretisch Musik zu lehren. Und mir macht es Freude.«

»Ja, wenn es dir Freude macht — das ist ja die Hauptsache. Aber die ganze Musiktheorie hat doch keinen Selbstzweck, sie ist nur Stütze für das Spiel oder das Komponieren. Theorie allein, gerade Musiktheorie ist so etwas Halbes.«

Etwas Halbes — nur an eine Sache rühren, ohne wirklich in ihr zu sein — eine Angst stieg in Mahrensee auf: dieser Gedanke durfte nicht Zeit haben, sich durchzuringen.

»Gewiß, Mutter. Aber wenn es zum Spielen nun wirklich schon zu spät ist — die Theorie ist doch sicher auch eine gute Stütze zum Verständnis — für Menschen, die nicht durch und durch musikalisch sind«, kam schnell die Antwort.

Seine Mutter nickte:

»Ja, und vor allem zum Behalten. Ich be­dauere jeden Tag, daß wir in meiner Jugend immer nur übten, übten. Hätte ich nur ein wenig Theorie gelernt, würde mir das Auswendigspielen sicher nicht so schwer fallen.«

Sie sah vor sich hin:

»Dann ist es aber auch wieder schön, selbst zu spielen, oder Musik zu hören, ohne von allen diesen gelehrten Dingen etwas zu wissen. Etwas wenigstens muß der Mensch haben, was sich mit dem praktischen Leben nicht berührt, und wo er rein fühlen kann, statt zu verstehen.«

Sie streichelte seine Hand und sah ihn dabei an. Er schlug die Augen nieder, er empfand in sich deutlich den Zwiespalt zwischen der Sehnsucht nach reinem Gefühl und dem Streben nach Klarheit. Er blickte traurig zu seiner Mutter empor.

»Aber mein Junge — ich wollte dir wirklich nicht die Freude an deiner Musiktheorie verderben.«

Er schüttelte lächelnd den Kopf.

»Nein, nein, das war es gar nicht. Ich dachte nur darüber nach. Aber wollen wir nicht vielleicht gehen?«

Sie erhoben sich. Die Geheimrätin bezahlte am Ladentisch, wo der Konditor sich tief verbeugte, und dann traten sie auf den Marktplatz. Da stand noch der kleine Jagdwagen, aber ohne die beiden Braunen. Mahrensee erschrack: wie leblos sah das muntere Gefährt jetzt aus.

Sie gingen zum Fahrradhändler, dessen Werkstätte in einem Keller lag. Der Mann war außerordentlich höflich. Ja, die Herrn Studenten vom Schulgute, das waren gute Kunden. Fast jeder besaß ein Rad, und ihre tollen Fahrten verursachten immer Reparaturen.

Mahrensee war sich seiner Stellung bewußt:

»Hören Sie mal, Gruber läßt fragen, weshalb sein Rad immer noch nicht fertig ist?«

»Der Herr Gruber muß wirklich entschuldigen, aber ich mußte die ganze Freilaufnabe auseinandernehmen. So viel war verbogen und das Kugellager war gesprengt, und dann mußte ich mehrere Speichen neu einziehen. Aber Sonnabend kann es der Herr Gruber abholen.«

»Also schön, aber dann muß es bestimmt fertig sein. Er will es Sonntag brauchen.«

Er sah sich um und erkannte das Rad unter vielen anderen. Es sah so unscheinbar und verrostet aus — Grubers berühmtes kettenloses Rad mit Freilauf und doppelter Übersetzung! Er grüßte flüchtig den Meister und stieg mit seiner Mutter wieder die Stufen hinauf.

»Die ganze Arbeit würde nämlich zwei Stunden dauern,« erläuterte er, »und der Kerl hat das Rad schon drei Wochen lang.«

»Aber weshalb bist du denn nicht energischer aufgetreten?« fragte die Geheimrätin.

»Ach wozu. Ich kann keinen Krach leiden.«

Sie sah ihn von der Seite an. Er hatte die Worte nicht schüchtern und verlegen gesprochen, sondern trotzig und selbstbewußt.

»Also nun noch das Messer für Richard,« sagte sie, nachdem beide eine Weile schweigend nebeneinander gegangen waren, »oder gab es sonst noch etwas?«

Er überlegte. Dann schüttelte er den Kopf.

»Nein, Mutter, das war alles.«

»Brauchst du gar nichts für dich selbst?«

Er lächelte:

»Nein, danke.«

Sie traten also in ein Geschäft für Stahlwaren und Küchenausstattung und verlangten das Messer.

»Ein Jagd- oder Expeditionsmesser, gnädige Frau«, erklärte der tadellos gescheitelte Verkäufer mit unsauberem Kragen und Schutzmanschetten.

»Aber das Ding ist ja viel zu schwer, es wird alle Taschen zerreißen«, sagte die Frau Geheimrätin erstaunt.

»Gerade solch ein Messer wollte Gruber haben«, wandte ihr Sohn ein.

»Willst du ihm nicht lieber sagen, wie unpraktisch es ist? Er kommt ja Sonnabend selbst herein, um sein Rad zu holen, dann kann er es erst ansehen.«

»Ja, wenn du meinst —« aber immerhin verließ er nur zögernd das Geschäft. Es war doch wohl nicht ganz in der Ordnung, mit dem fe­sten Entschluß, ein Messer zu kaufen, in einen Laden zu treten, und dann unverrichteter Sache wieder fortzugehen, obgleich das Messer da war. Und falls das Messer nicht dort gewesen wäre, hätte er bestimmt lieber irgendeinen anderen Gegenstand gekauft, als einfach so Abschied zu nehmen.

Glücklicherweise stand schon der Wagen zur Abfahrt bereit auf dem Marktplatz. Es war wohl auch keine Zeit mehr zu verlieren, denn die Schatten der Häuser wurden lang, und die Dächer wie das höckerige Pflaster zeigten schon einen roten Schimmer und der Himmel wurde durchsichtiger

»Aber jetzt mußt du mir erzählen«, sagte die Geheimrätin.

»Ich habe jetzt ein neues Zimmer«, begann er, »auf der anderen Seite des Hauses, auf den Wald zu, gerade unter dem Dach, weißt du, es ist im Giebel vom Kofferspeicher eingebaut.«

»Brauchte denn Herr Doktor die Kammer?« fragte sie vorsichtig.

»Er hat seine Bücherkisten und anderen Kram hereingestellt. Jetzt sehe ich die Rhön nur noch Abends bei der Kapelle. Die ist jetzt nie mehr auf dem Kirschberge, sondern immer oben auf dem Kapellenberge, und da sehe ich die Berge über den Tannenspitzen und das Dach vom Schulhause. Und weißt du, wir werden jetzt in den Herbstferien mit Dr. Arler einen Ausflug dorthin machen, .wenn das Wetter so schön bleibt.«

Er hatte hastig gesprochen, und deshalb fragte die Geheimrätin:

»Aber von deinem Fenster hattest du doch immer die Aussicht über das ganze Schulgut bis zum Brummharz, und wenn der Himmel abends klar wurde, hattest du die Rhön. Ist dir denn der Blick auf den steilen Hohlweg und den Wald lieber?«

Er kämpfte in sich. Sollte er mit der schönen und vielleicht nicht ganz unwahren Ausflucht kommen, daß es ihm jetzt mehr bedeutete, dicht vor sich den finsteren undurchdringlichen Wald mit dem lehmigen Hohlweg zu haben, als eine heitere, weite Landschaft zu überblicken? Aber plötzlich sah er Uglops vergrübeltes Gesicht vor sich und da sprach er die Tageswahrheit aus, obgleich er wußte, daß sie seiner Mutter weh tun konnte:

»Wenn Herr Doktor Konferenz oder Besuch hatte, konnte ich nie in mein Zimmer kommen oder war da für viele Stunden eingesperrt. Aber das Schlimmste war, daß er immer genau nachsehen konnte, was ich tat, und dann wollte er eine besondere Freundschaft zwischen uns stiften, er sagte, die meisten Jungen wären ihm so fremd geworden, und deshalb wollte er durch mich erfahren, was sie trieben. Ich stand so dumm halb auf seiner Seite und halb bei den Kameraden. Es war mir so schrecklich, daß ich ihn um ein anderes Zimmer bat. Er hat es mir lange nicht geben wollen, aber schließlich bekam ich es doch.«

»Stehst du dich denn jetzt besser mit deinen Kameraden?«

»Ich bin meistens mit Gruber und Uglop zusammen. Die anderen sind so langweilig.«

»Ja, aber mein Junge — hältst du es für richtig — ist es eigentlich nicht etwas undankbar, die Freundschaft eines bedeutenden Mannes zurückzuweisen, um die Achtung langweiliger Kameraden dafür einzutauschen?«

»Ich weiß gar nicht, ob sie mich achten, ich glaube es kaum. Eigentlich bin ich jetzt ganz allein. Aber so wie es früher war, quälte es mich.«

Er preßte die Lippen zusammen. Die Geheimrätin sah ihm an, daß er ihr manches verschwieg. Vielleicht das Wichtigste. Und dieser Mangel an Zutrauen war ihr unverständlich und schmerzte sie. Mahrensee betrachtete indessen die Basalthänge der Gleichberge, die in der Abendsonne durchsichtig blau leuchteten. Der Buchenwald zu ihren Füßen wurde so warm im rötlichen Hauche. Jetzt würden sich die hellblauen Linien der Rhön aus dem Dunste lösen und nach Sonnenuntergang tiefblau und scharf vor dem blutigroten Himmel stehen. Die andern daheim auf dem Schulgute konnten es sehen, auch die andern, die nie dergleichen bemerkten.

»Wie lange dauern eure Herbstferien?« fragte die Geheimrätin nach einer Weile. Sie mochte ihren Sohn nicht in einer Welt lassen, die er ihr verschloß.

Er wandte sich schnell seiner Mutter zu. Es vergingen Sekunden, ehe jenes Bild in ihm verblaßte, und gleichzeitig fühlte er, daß er ein Unrecht gutzumachen hätte.

»Diesmal sind sie sehr lang, zwei ganze Wochen.« Er fand plötzlich den erlösenden Gedanken, wie er höflich sein könnte: »Wenn du mir erlauben willst, zuerst den Ausflug in die Rhön mitzumachen — es sollen nur einige Tage sein — und dann von Fulda aus mit der Bahn nach Hause zu fahren?«

»Aber gewiß, mein Junge,« sagte sie freundlich. »Das ist ein sehr guter Gedanke, mach erst den Ausflug und komm dann nach Hause.«

Er schämte sich, von ihr nicht durchschaut worden zu sein. Er sann auf ein Mittel, sein Unrecht wieder gutzumachen. Er hätte ihr ja überströmend danken können, aber das kostete ihn zu viel Überwindung, und wäre nur eine neue Lüge gewesen, denn er fühlte sich ihr gar nicht zu Dank verpflichtet. Wie hatte sie ihm dem Ausflug verbieten sollen, auf den er sich schon so lange freute? Und da stieg die Erinnerung an ein peinigendes Erlebnis in ihm auf, das einige Jahre zurücklag.

Er war im Sommer über mit seiner Mutter auf einer der friesischen Inseln gewesen, und die Gruppe von Kurgästen, zu der seine Mutter gehörte, hatte einen Ausflug nach Helgoland beschlossen. Am Tage vor der Abreise erklärte er jedoch, zurückbleiben zu wollen, da seine kleine Freundin nicht teilnehmen konnte. Aber nach einigen Stunden erfuhr er, daß Hertha und ihre Mutter doch mitfahren würden, und in seinem Glück sprang er die Stufen zur Veranda empor und sagte der Geheimrätin, daß er mitkommen wollte. Und sie antwortete: »Ja, glaubst du denn, mir liegt soviel daran, daß du dabei bist? Die Reise ist so teuer —!« Sie brach ab, als sie seine Bestürzung gewahrte, er kam am nächsten Tage mit, und die Fahrt war wunderschön. Zum ersten Male in seinem Leben war er Alken begegnet — ein Pärchen schwamm mit emporgereckten Köpfen ganz nahe am Schiff vorüber, er konnte die weißen Brüste sehen. — Dann tauchte Helgoland selbst auf, zuerst als rötliche Wolke, bald immer fe­ster in den Linien, dann kam das Ausbooten: jeder Mann führte mit beiden Händen nur ein langes, schweres Ruder, und wenn man sich über den Bootrand beugte, war das Wasser ganz durchsichtig, man sah tief unten auf dem Grunde die Steine und zuweilen auch Balken. Mit einem riesigen Elevator fuhr man hinauf zur Insel, die nun wie ein großer Rasen dalag, und Geschütze und geheimnisvolle Stahltüren waren mit Stacheldrahtzäunen umspannt. Ein Stück hatte sich vom Felsen losgespaltet und ragte spitz aus dem Meere empor. Ja, und dann war er plötzlich im Orte unter vielen Menschen und speiste im Saale eines vornehmen Hotels. Er hatte sich zuviel vom Kompott auf seinen Teller genommen, aber als er verzweifelt aufblickte, sagte ihm seine Mutter, er könne es ruhig liegen lassen. Er war ihr so dankbar dafür gewesen — und jetzt saß sie hier an seiner Seite.

»Hör, Mutter,« sagte er, »ich werde dir morgen nachmittag etwas Wunderschönes zeigen. Denk dir, ich habe mir mitten im Walde ein richtiges Haus gebaut.«

»Aber wie bist du nur auf den Gedanken gekommen?« fragte sie eifrig, von seiner plötzlichen Zutraulichkeit gerührt.

Sie fuhren durch ein Dorf, er sah nachdenklich auf die schmierigen Köter herab, die keifend die Pferde umsprangen.

»Es sind noch zwei amerikanische Jungen gekommen, und die haben sich zusammen mit Stonehill eine unterirdische Höhle gebaut, denk dir, in zwei Stockwerken und mit Teppichen und Stühlen. Herr Doktor hat ihnen sogar erlaubt, Strom von der Zentrale hinzuleiten, jetzt haben sie elektrisches Licht. Vorigen Sonntag gaben sie ein Einweihungsfest.«

»Vorigen Sonntag erst, und inzwischen hast du dir dein ganzes Haus gebaut?«

»Aber was glaubst du denn! Sie haben zwei ganze Monate daran gearbeitet, und gleich wie sie anfingen, wollte ich auch ein Haus haben. Aber mitten im Walde, weißt du, es ist kaum zu finden. Man muß zwischen zwei bestimmten Tannen hineingehen. Dann kommt erst der Hochwald, und wo es aufwärts geht, ist dichtes Laubgebüsch, in dem einige kleine Fichten stehen. Vier von ihnen bildeten fast ein Quadrat, die nahm ich als Eckpfeiler. Das Fenster war am schwersten, weil es immer schief hing. Die Wände sind natürlich nicht ganz dicht, aber ich habe alles mit Dachpappe gedeckt. Beim Fenster ist eine Bank, da habe ich die Pfosten einfach in den Boden gerammt. Einen richtigen Stuhl habe ich auch. Im Boden ist eine Grube mit einem Deckel. Das ist mein Keller. Dort habe ich den Spirituskocher, Zucker und Tee und zuweilen bewahre ich dort auch ein Buch auf. Man kann einige Schritte vor dem Hause stehen und sieht es nicht, so dicht ist das Gebüsch. Deshalb habe ich an einigen Bäumen geheime Zeichen gemacht, daß ich den Weg auch bei Nacht finden kann.«

»Geht ihr denn immer noch nachts spazieren?«

Er biß sich auf die Unterlippe. Er hatte wie so oft zuviel gesagt.

Die Mutter bereute, die Worte in einem vorwurfsvollen Tone gesprochen zu haben.

»Erzähle nur weiter«, sagte sie freundlich.

Aber er sah sie traurig an. Jetzt war alles zerstört. Er schwieg.

Seine Art, sich trotzend ihrer Autorität zu entziehen, verstimmte sie.

»Ich will dir etwas sagen, Otto,« ihre Stimme war entschieden, wenn auch mit einem traurigen Beiklang: »Ich habe dich nicht hierher geschickt und bezahle nicht dieses ungeheure Schulgeld, damit du dich hier mit kindischen Streichen krank machst. Was soll denn das auch? Ihr könnt hier doch den ganzen Tag im Freien herumlaufen, nachts sollst du dich ordentlich ausschlafen, damit du zu Kräften kommst. Und dann ist es auch wirklich nicht schön gegen Herrn Doktor, ihn immerfort zu hintergehen — ich sehe überhaupt nicht, was dein Aufenthalt hier für einen Zweck hat, wenn du so lebst.«

Jetzt hatte sie sich ausgesprochen und sah auf das Feld hinaus.

Er hätte ihr antworten mögen:

»Nein, ich kam nicht meiner Gesundheit wegen hierher, sondern weil ich es unter den rohen Jungen in der Stadt nicht mehr aushielt. Ich trotzte dir ab, daß du mich hierher schicktest, denn ich fühlte, ich müßte untergehen, weil ich nicht stark genug war, mich von dem Schmutz zu säubern, der dort täglich an mir emporspritzte!«

Er versuchte diesen Gedanken zu formen, ihn in klare und doch höfliche Worte zu fassen, um das Mißverständnis zu beseitigen, aber es gelang ihm nicht. Er seufzte auf, und da wandte sich seine Mutter wieder ihm zu. Aber sie erwartete vergeblich ein Wort oder nur ein Zeichen von Reue. Da sagte sie hart:

»Wenn das nicht anders wird, muß ich dich wieder nach Hause nehmen. Da kann ich wenigstens darauf achten, daß du nachts nicht fortläufst. Was hat das für einen Sinn, so viel Geld für nichts aus dem Fenster zu werfen?«

Etwas ganz Ähnliches hat sie ja eben schon gesagt, dachte er und sah sie grüblerisch an. Was für Worte brauchte sie doch vorher? Es waren nicht ganz dieselben.

Er fand die Worte nicht in seinem Gedächtnis. Aber indem er nach ihnen forschte, kam er darauf zurück, daß er doch sicher nicht nur seiner körperlichen Gesundheit wegen hierher geschickt worden war. Wenn man auch sie im Auge gehabt haben mochte: Gewiß, damals hatte er immer so furchtbare Kopfschmerzen und so häufig Anfälle von Gelbsucht gehabt. Aber die Hauptsache war doch, daß er damals immerfort das Gefühl hatte, an harte Kanten zu stoßen, bis er sich endlich weh und verletzt ganz in sich zusammenzog und dann auf einmal der Gedanke an das Schulgut auftauchte und er gleich empfand, daß es für ihn das Glück bedeutete, sich frei nach allen Seiten ausstrecken zu können. Hier brauchte er sich nicht scheu zu ducken, hier konnte er etwas werden, hier war etwas, hier mochte er ungestört seinen eigenen Weg gehen und hatte doch Freunde, mit denen er sich aussprechen konnte, Uglop und Gruber — und plötzlich überfiel es ihn: seit einiger Zeit wußte er ja, daß er doch ganz allein stand.

Er fuhr zusammen. Erst jetzt drang zu seinem Bewußtsein die Drohung der Mutter, ihn fortzunehmen. Das war undenkbar, dann war ja alles zu Ende. Hier konnte er sich aus dem Gewirr herausfinden, zu Hause würde er zugrunde gehn. Und er hatte auch Uglop noch nach so Vielem zu fragen.

Das Schweigen durfte nicht andauern. Irgendetwas mußte gesagt werden. Er fühlte, daß dann alle Gefahr vorüber sein würde.

»Ich bin so gern hier,« sagte er stockend und mit niedergeschlagenen Augen. »Ich mache doch auch alle meine Arbeiten und gehe immer früh ins Bett — nur ganz zuweilen, wenn der Mond so schön ist, gehen wir abends noch etwas aus — — —«

Die Geheimrätin hatte ihr Strenge schon längst bereut:

»Ja, mein Junge, du mußt aber einsehen, daß du hier doppelt vernünftig sein mußt, wo ich nicht auf dich aufpassen kann und du selbst die Verantwortung für dich trägst. Du darfst doch das Vertrauen nicht mißbrauchen, das ich dir bewies, als ich dich hierher schickte.«

Wieder das gräßliche Wort »Vertrauen«, dieses ewige Gewicht, das ihm immer sein Heilig­stes abpressen wollte und jetzt sogar aus der Ferne seine Freiheit einzuschränken drohte. Seine Instinkte lehnten sich dagegen auf — aber als er seine Mutter anblickte, fühlte er seine Wehrlosigkeit, denn die Mutter war jetzt weich und betrübt.

Aber die ganze Verwirrung, die durch jedes Wort der Mutter nur tiefer wurde, war ihrer Lösung noch fern. Für den Augenblick mochte es genügen, daß der Friede wieder hergestellt war.

Nicht nur äußerlich. Die Sonne war hinter dem großen Gleichberge versunken, und immer höher hinauf zog sich der Abendschein. Jetzt waren schon die Felder und die beiden Dörfchen im Grau erstorben, und nur der waldige Höhenzug mit den grünen Hängen schimmerte noch. Der alte verlassene Judenfriedhof mit den schweren Grabplatten war voll beleuchtet.

Da kehrte sein Blick zur Mutter zurück. Sie schaute hinaus; auch ihre Gedanken waren dem Tage fern.

Er faßte ihre Hand:

»Sieh dort!«

Zwischen den Gleichbergen hatten graue Wolken ein schweres Tor gebildet, das in eine Schlucht von rosigem Duft führte. Deren Ende war nicht abzusehen: sie ging weich und tief in den Himmel selbst hinein.

Und während die Matten tief grün wurden, in den Dörfern einzelne Lichter aufblitzten und Hundegebell erklang, veränderten die Wolken nicht ihre Form, nur das Grau des Tores wurde schwerer und schwerer, das Rosa lichter und zarter — — bis rötlichgelb über dem Walde der Mond aufstieg.



III.

Am nächsten Abend brach die Geheimrätin wieder auf. Sie hatte dem Unterricht beigewohnt, der Gartenarbeit zugesehen und in der Arbeitsschule ein längeres Gespräch mit Direktor Leutelt und Dr. Arler geführt.

Es war schon zu spät, als daß ihr Sohn sie hätte zur Stadt begleiten können. Wie sie am Wagen noch die letzten Worte miteinander sprachen kam Ninon vorbei. Sie knixte tief, als sie der, Geheimrätin die Hand reichte, aber sie lächelte nicht, sondern sah nur mit ihren dunklen Augen zur Frau empor. Dann ging sie langsam fort.

Eine liebevolle Ermahnung an den Sohn, einen Dank an den Direktor für die erwiesene Gastfreundschaft und der Ausdruck der Freude, wieder einen Tag auf dem Schulgute verbracht zu haben — dann fuhr die Geheimrätin die lehmige, schlechte Straße hinunter, die von grellen elektrischen Lampen an hohen Masten beleuchtet wurde.

Mahrensee ging in sein Zimmer hinauf. Er sah auf den undurchdringlichen Wald, über dessen Kronen die Sterne funkelten. An Ninon mußte er denken, wie sie ohne zu lächeln vor seiner Mutter knixte und sich dann langsam entfernte.

Plötzlich fühlte er, wie ihm das Blut in die Wangen stieg, er zog hastig die Fenstervorhänge zusammen und dann setzte er sich an seinen Tisch und schrieb, ohne nachzudenken, ohne Pause, ohne Plan, fiebernd:

Eine Geschichte aus fernem Lande, aus alter Zeit.

Ich will euch von einem Land erzählen, wo es nicht kalt und unfreundlich ist wie hier — nein, dort spendet die gütige Natur dem Menschen alles, was er braucht; er muß nur zugreifen. Und zugegriffen haben die Menschen: Jahr aus, Jahr ein labten sie sich an den schönen Früchten, an kristallenem Wasser, an Sonnenschein und Vogelsang.

Glücklich waren diese Menschen, das Leben war ihnen ein heiteres Spiel, sie kannten keine Arbeit. Wer hätte sie auch Arbeit lehren sollen?

Aber groß war dieses Land nicht. Es reichte nur bis zu den ewig weißen Bergeshäuptern da drüben. Die ragten stolz in die Höhe, als sagten sie: verträumt nur euer Leben, im Gedanken glücklich zu sein. Es gibt für euch doch eine Grenze; das sind wir, uns überschreitet ihr nicht.

Aber die Menschen verstanden diese Sprache nicht; wohl oft schauten sie nach den weißen Riesenhäuptern in der dunstig blauen Ferne; aber sie waren ihnen nicht wie eine Grenze. Wozu hätten sie fortwandern sollen? Sie hatten hier ja alles, was sie brauchten. Es waren diese Menschen noch unverdorben; keinerlei niedrige Begierde kannten sie, sie waren ja Kinder der Natur.

Sie lebten untereinander, nackt wie die Tiere des Waldes, und doch verunreinigten sie sich nicht untereinander. Sie hatten auch keine Hütten. Sie schliefen im Walde, ohne Furcht vor bösen Menschen und wilden Tieren — die gab es ja bei ihnen nicht; und Tags gingen sie auf die blumigen Wiesen und freuten sich des Lichtes, das sie umgab. Und wenn es sie hungerte, aßen sie von den Früchten des Waldes, und die Vögel kamen, setzten sich auf jede Hand, aßen auch, und niemand scheuchte sie.

Es gab dort keine Krankheit. Krankheit lebt in dumpfer feuchter Finsternis, nicht in Sonnenschein und Glück.

Wenn ein Greis sein Ende nahen fühlte, dann trugen ihn die andern auf die sonnigen Wiesen, und den Blick auf die Sonne gerichtet verschied er, friedlich wie sein Leben.

Es waren die Menschen auch schön, schön wie der lächelnde Tag.

Aber einst wurde ein Knabe geboren, der trug nicht die weichen, lieblichen Züge wie die andern. Wohl war auch er schön, aber es war eine stolze Schönheit, gleich der der Sterne.

Wie die Mutter zum ersten Male in die ern­sten Augen schaute, konnte sie sich nicht freuen; sie wandte den Kopf zur Seite und sagte: »Der ist nicht von uns.« Aber sie verstand selbst nicht, was sie sagte.

Und der Knabe wuchs heran in seiner stolzen Schönheit. Wenn seine Genossen ihn zum Spiele aufforderten, sagte er nichts, blickte sie aber mit seinen ernsten Augen an, da mieden sie ihn. Bald mieden ihn auch die Alten, er störte sie alle durch seinen Ernst.

Wie paßte auch stolzer Ernst in den lachenden Sonnenschein?

Er selbst fühlte es, er mied das Licht. Einsam irrte er nachts unter den Sternen einher, da ward ihm wohl, die waren wie er.

Nachts wanderte er, tags schlief er, und so gewöhnte er sich an die Einsamkeit, daß es ihm gar nicht auffiel, so lange niemand seinesgleichen gesehen zu haben.

Er war aber nicht traurig. Eine ernste Freude ergriff ihn, wenn er die Sterne über sich blinken sah. Er sah ihrer aber nur wenige, nur so viele, als durch die dichten Wipfel des Urwaldes blitzten.

Und endlich, endlich geschah es, daß der Knabe aus den ungeheuren Wäldern, in denen er so lange gewellt, hinaus trat in die weite Ebene.

Da stand das arme Waldkind, das schon so früh, daß es sich noch kaum erinnerte, die Eltern verloren hatte, um bei den Sternen zu sein.

Und nun beugte der stolze Jüngling seinen Leib, der sich vor keinem Menschen noch gebeugt hatte; er konnte den Anblick des ganzen gestirnten Himmels nicht ertragen, er brach zusammen.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als der Knabe aus seiner Betäubung erwachte. Er wußte nicht mehr, was mit ihm in der langen Nacht geschehen, er fühlte nur eins, daß er voll und ganz besessen, wonach er sich so lange gesehnt — die Sterne.

Er hob frei den Kopf und schaute um sich; er war ja von der Last befreit, die er so lange mit sich getragen hatte. Da sah er dieselben Berge, die er in seiner Kindheit geschaut hatte, nur viel näher. Er sah sie in ruhiger Majestät ihre Häupter gen Himmel recken.

Der Anblick schmerzte ihn, er sprach zu sich selbst: »Die trotzen meinen Sternen? Ich muß sehen, wer höher ist, sie oder die Sterne!«

Er machte sich auf den Weg, aber ach, er war nicht gewohnt, viel zu gehen. Planlos hatte er die Wälder durchirrt, es war ihm gleich gewesen, ob er hier oder dort sein müdes Haupt zum Schlummer legte.

Aber er wollte. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, daß etwas über die Sterne sein Haupt recke.

Lange, lange währte es, bis er seinen Fuß an die ersten Erhöhungen, die Vorläufer des Gebirges setzte; große Wälder mußte er durchwandern, Hunger und Durst ertragen, aber er wollte.

Sein schöner Leib wurde von den Dornen zerrissen, die Haut rauh und brüchig vor Kälte, sein lockiges Haar hing in wirren Strähnen herab — aber er wollte.

Endlich war er oben angelangt; er dachte nicht mehr an die Mühen, er dachte nur eins, die Sterne. Er warf keinen Blick auf die Berge unter sich, er fühlte nicht, daß sein nackter, an Wärme gewöhnter Leib auf Eis und Schnee lag.

Die Sonne verschwand. Die eisige Nacht senkte sich herab. Der Jüngling lag noch am Boden, das schöne Gesicht in beide Hände gepreßt. Er wagte nicht, aufzuschauen, er fürchtete, über sich die leere Unendlichkeit zu sehen, zu sehen, daß es keine Sterne über dem kalten Berg gab — er fürchtete, die Scham würde ihn vernichten.

Er schaute auf. Er sah es über sich blinken und wölben; er sah die Sterne.

Und als der neue Tag anbrach, die kleineren Sterne nacheinander langsam verschwanden, da glaubte er nicht mehr leben zu können ohne die Sterne. Er wollte fort von dieser Welt, zu ihnen hinauf!

Er warf einen langen Blick um sich. Er sah die ruhigen weißen Bergeshäupter unter sich; tief unten sah er verschwimmend Wiesen und Wälder, alles in Todesruh.

Die Welt hatte ja alles, was sie brauchte, sie konnte ruhen und genießen.

Aber bei den Sternen war ewiges Leben, ewige Bewegung. Sie winkten ihm zu: »Komm her, komm her!«

Noch einen Augenblick zögerte er, da fiel ein glänzendes Meteor, ein Bote der Sterne. Da rief er laut: »Ich komme!«

Er lief in der Richtung, wo der Stern gefallen war, er sah nicht den drohenden Abgrund, er sah nur die Sterne.

Der Jüngling zerschellte in der Tiefe.

— — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Er legte die Feder hin und bewegte etwas die steifen Finger. Dann warf er sich aufs Bett und preßte die Hände an die Stirn. Nur nicht denken, jetzt nicht grübeln, nur Kühlung, Ruhe.

Und langsam verebbte seine Erregung. Er begann an allerhand andere Dinge zu denken. Er sah auf seine Uhr. Sie war neun. Zwei Stunden lang hatte er also geschrieben und darüber die Kapelle versäumt. Nun ja, es war nicht das erstemal — aber er hatte doch seiner Mutter versprochen ...

Er stützte sich unwillig auf seinen Ellbogen und spielte mit den Fransen der Bettdecke. Solch ein Versprechen ließ sich nicht halten, obwohl er es ehrlich gemeint hatte, als er es ihr gab.

Und war es nicht wichtiger, jenes zu schreiben als zuzuhören, wie Herr Doktor eine langweilige Geschichte vorlas, und dabei einzuschlafen?

Übrigens — er lauschte, erst jetzt begann das Lied, mit dem die Kapelle schloß. Er hatte also noch einige Minuten Zeit. Schnell sprang er auf, ergriff das Heft, lief die Treppen hinunter — sie waren ganz verlassen, nur aus der Küche klang das Gekicher der Dienstmädchen — in Luttenbachs Haus zu Ninons Dachkammer. Er legte das Heft auf ihren Tisch.

Als er wieder auf dem Hofe stand, begegneten ihm die ersten Jungen. Die Kapelle war also vorbei. Er überlegte, ob er durch den Wald hingehen wollte, um sich von hinten her in die Schar zu mischen, wie die andern Herrn Doktor die Hand zu reichen, und zu tun, als ob er dabei gewesen wäre, aber es ekelte ihn davor. Er ging wieder ruhig in sein Zimmer hinauf und legte sich schlafen.

Als er am nächsten Vormittag mit seinem Butterbrot allein im Klassenzimmer war und zum Fenster hinausblickte, schlüpfe Ninon hinein. Sie schob ihm das Heft unter den Arm und flüsterte:

»Das war schön.«

Er lächelte verlegen und suchte nach einer Antwort, aber da war Ninon schon wieder fort.


IV.

Der erste Ferientag!

Man sprang aus dem Bett, lange bevor es zum Aufstehen geläutet hatte. Im Speisesaal waren die Mädchen mit dem Aufräumen noch nicht fertig, aber in einer Ecke wurden schnell einige Tische in Ordnung gebracht und Hafergrütze, Kakao und Brötchen hingestellt; man aß gierig und schaute immer wieder in den dämmernden Morgen hinaus — bedeutete der leichte Nebel schönes oder schlechtes Wetter?

Viel zu spät kamen natürlich die Lehrer. Sie hatten in aller Ruhe das Läuten abgewartet und sich auch dann noch reichlich Zeit gelassen.

In der Küche packten die Mädchen Berge von belegten Butterbroten zusammen.

Die Großen sollten mit Direktor Leutelt eine Radtour nach Oberitalien unternehmen; die Schüler der Mittelklassen hatten sich in Gruppen um andere Lehrer gesammelt, es galt Wanderungen im Thüringer Wald; die Kleinen folgten Dr. Arler in die Rhön.

Und die drei Freunde Gröber, Uglop und Mahrensee schlossen sich dieser Schar an, obwohl sie als Obertertianer eigentlich schon zu den größeren Jungen gehörten.

Voran ging Dr. Arler, an der Hand ein neunjähriges Bübchen. Dann folgte Ninon, von dem ganzen Schwarm ihrer kleinen Verehrer umgeben und den Schluß bildeten die drei Obertertianer, die darauf achtzugeben hatten, daß kein Kind und kein Rucksack im Nebel verloren ging.

Gruber hielt es für notwendig, sich vor seinen Freunden wegen seiner Teilnahme zu entschuldigen. Er steckte seine Mütze in den Gürtel, strich sich das wellige, kastanienbraune Haar aus der Stirn und sagte:

»Ich kann das Herumhetzen nicht leiden. Man sieht gar nichts ordentlich, und wenn man nach Hause kommt, weiß man nur noch, daß man täglich vierzehn Stunden lang in den Bergen herumgegangen ist. Arler nimmt sich viel mehr Zeit und bleibt überall, man sieht wenig, aber was man gesehen hat, das weiß man auch nachher.«

Uglov schaute ihn mit gerunzelter Stirn an:

»Mich macht es krank,« sagte er finster, »soviel flüchtig zu sehen, daß man am Abend im Bett liegt und nur Bruchstücke von der Landschaft im Kopf hat und gar nicht mehr weiß, wie sie zueinander gehören. Wenn ich dann versuche, sie zu ordnen, werde ich so wirr, daß ich vor Aufregung nicht schlafen kann. Und außerdem strengt das viele Gehen mich an.«

Mahrensee sagte nichts; er wußte, weshalb er mitgekommen war. Zum ersten Male in seinem Leben sollte er die Rhön aus der Nähe schauen, und außerdem war ja Ninon dabei. Es verdroß ihn, daß er sie des Nebels wegen nur so undeutlich sah.

Nach zwei Stunden hatten sie die Anfangsstation der Kleinbahn erreicht, und die zwanzig Kinder verteilten sich lärmend auf den Plätzen. Die wenigen mitfahrenden Bauern rückten ärgerlich zusammen.

Bei dem ewigen Geklingel der Lokomotive wurde die erste Mahlzeit eingenommen, und Gruber stellte stolz sein großes Jagdmesser zum Brotschneiden zur Verfügung.

Dr. Arler war guter Laune, wie immer, wenn er nur Kinder um sich hatte. Er strich sich den langen, ungepflegten Vollbart und biß von einer zolldicken Brotscheibe große Stücke ab.

»Du, Onkel Franz,« scholl eine helle Knabenstimme, »ist es war, daß du gar keinen Anzug mit langen Hosen hast?«

»Wozu denn ich?« antwortete er vergnügt kauend, »ich verkehre doch nicht in anständiger Gesellschaft.«

Da krabbelte ihm schon einer auf die Knie, ein anderer umschlang ihn von hinten, von allen Seiten klangen Zurufe, man balgte sich, um ihm nahe zu sein, und nur mit Mühe konnte er sich freimachen.

»Etwas anständigere Gesellschaft bin ich doch gewöhnt«, sagte er lachend.

Ein neuer Ansturm drohte, aber da hielt glücklicherweise der Zug in der Kleinstadt. Man mußte in die Vollbahn umsteigen, und hier, unter größerem Publikum und in mehreren Abteilen getrennt, wurden die Kinder von selbst gesitteter.

Mahrensee hatte sich dem Auftritt ferngehalten. Ihn berührten solche Lärmszenen unangenehm, und der Scherzton, in dem Dr. Arler mit den Kindern verkehrte, war ihm zuwider.

Ninon saß am Fenster und schälte einen Apfel. Jetzt kam Dr. Arler aus einem andern Abteil; das Mädchen bot ihm ein Stück, er setzte sich Mahrensee gegenüber und gab diesem die Hälfte. Dann zog er ein Buch aus der Tasche und begann zu lesen.

Der Knabe betrachtete ihn. Gewiß, er hatte ihn nie anders als in der Schultracht mit Kniehosen und weichem Sportshemd gesehen. Sein roter Schlips war schon recht verbraucht, aber die Hände, die das Buch hielten, waren so sauber und sorgsam gepflegt wie kaum die des Direktors. Der ganze Anzug war gut im Stand gehalten, obgleich er alt und abgerieben war. Mahrensee erinnerte sich, von seiner Mutter gehört zu haben, daß Dr. Arler kein Gehalt bezöge und nur als Freund an der Anstalt wirkte. Er war sicher sehr arm.

Dr. Arler blickte auf:

»Ach entschuldige, willst du auch etwas lesen?«

»Das ist etwas für dich.«

Er reicht ihm ein Buch:

»Danke, Franz«, sagte der Knabe. Wie alle Kleinen und einige der Großen nannte er ihn beim Vornamen.

Aber bevor er zu lesen begann, betrachtete er das Buch. Es öffnete sich leicht, wie Bücher, in denen man oft gelesen hat, aber es war nicht ein Fleck auf den Seiten.

Dann begann er zu lesen. Es war Grillparzers »Libussa«. Aber als er zur Sterndeutungsszene kam, lehnte er sich zurück und schloß die Augen. Es gab also solche Bücher. Es waren nicht alle so voll klaren Geschehens und Wirklichkeit wie die Dramen, die sie im deutschen Unterricht lesen mußten. Es gab Bücher, wo geheimnisvolle Frauen in der Nacht vom Turm zum Himmel emporblickten und schwere, tönende Verse sprachen.

Er stand sacht auf, ohne zu bemerken, daß Dr. Arler sein Buch sinken ließ und ihm nachsah, und ging zu Uglop hinüber, der wie immer ganz allein in einer Ecke saß und vor sich hinstarrte. Er setzte sich neben ihn und las leise, damit kein anderer es durch das Rasseln des Zuges hören konnte:

»Längst Mitternacht vorüber.

Die Sterne gehen scharenweis zur Ruh,

Und ein Gebilde schwindet nach dem andern.

Den Reihen führt der flammende Arktur,

Die Krone sinkt am Himmel, und der Adler

Lenkt nach den Bergen seinen müden Flug.

Und dann

Ob meinem Scheitel

Spannt seine Flügel aus der helle Schwan,

Ein Erbe recht der Sterne, welche gingen

Und wie geschlagne Saiten zitternd klingen,

Kommt an mein Aug’ der Leier Strahl heran!

Hör:

Fuchs, Fisch und Eidechs’ drängen

Die niedre Form dem edlen Vogel nach ...

nein, das ist nichts, aber jetzt:

Die kluge Schlange droht mit fahlem Blinken,

Und auf dem Pfad der königlichen Sterne

Folgt namenloses Volk zu weiter Ferne.

Ist das nicht schön?«

Uglop dachte nach; dann sagte er zögernd:

»Gewiß, das ist schön.«

Mahrensee fand ihn nicht begeistert genug:

»Meinst du nicht, daß so was viel mehr ist als alle Geschichten und Königsdramen?«

Uglop machte eine abwehrende Handbewegung:

»Die Sachen sind doch ganz gleichgültig. Aber siehst du« — er packte an Mahrensees Jacke einen Knopf und sprach gleichsam auf diesen eindringlich ein:

»Solche Verse, wie du eben gelesen hast, die« — er lächelte scheu — »nichts vom Tage haben, als daß sie in Worte gefaßt sind — ich weiß nicht, ob nicht das schon zuviel ist, ob man überhaupt solche Dinge aussprechen darf.«

Mahrensee mußte den Dichter verteidigen — hatte er doch selbst ein Märchen geschrieben.

»Hör einmal, weißt du noch die Worte?«

Uglop (aufblickend):

»Nein.«

Mahrensee:

»Du hast die Worte vergessen, aber nicht das Bild, das sie dir gegeben haben.«

Uglop, gespannt:

»Da hast du recht.«

Aber nach einer Pause sagte er:

»Ich denke es mir so: zuerst hat der Dichter das Bild, dann bringt er es in die Worte, die wir lesen, und erst wenn wir die Worte wieder vergessen haben, können wir das Bild sehen: die Nacht, die Sterne. Aber weshalb muß das Bild erst durch die Worte gehen, die doch sicher dem Tage angehören, und dadurch schon entweiht werden?«

Mahrensee:

»Sonst kann das Bild doch überhaupt nicht festgehalten und anderen mitgeteilt werden.« Uglop sah vor sich hin:

»Aber weshalb soll es überhaupt festgehalten werden? Es geht eigentlich doch keinen andern Menschen etwas an?«

Hierauf wußte Mahrensee nichts zu erwidern. Er saß noch eine Weile schweigend neben seinem Freunde und ging dann zu Dr. Arler zurück.

»Ich kann das Buch jetzt nicht ordentlich lesen,« sagte er, »willst du es mir zu Hause nicht wieder leihen?«

Dr. Arler sah ihn aufmerksam an, nahm aber das Buch nicht:

»Ich will es dir schenken,« sagte er »ich habe es früher gern gehabt, und als ich mir gestern abend etwas zum Lesen für die Reise suchte, fiel es mir zufällig wieder in die Hand. Ich dachte mir gleich, daß es dir jetzt vielleicht Freude machen würde.«

»Du bist so gut, Franz; aber sag doch, weshalb liebst du es nicht mehr?«

»Willst du mir nicht jetzt die Antwort erlassen? Vielleicht kann ich es dir einmal sagen.«

Das war ein ganz ungewohnter Ton. Franz Arler, der immer Hilfbereite, der Freund aller Kinder, der einzige, vor dem niemand Scheu hatte, er, der immer freundlich und gutgelaunt war, er trug etwas Geheimes in sich. Mahrensee fühlte einen ehrfürchtigen Schauer.

Ninon kam und lehnte sich an Arlers Schulter.

»Du. Franz — — —«

Er legte ihr den Arm um den Leib und drückte sie leicht an sich.

Mahrensee wollte nicht hören, was die beiden untereinander zu sprechen hatten. Er stand auf und ging zu Gruber. Auch dieser las eifrig. Es war Bellamys Rückblick aus dem Jahre Zweitausend.

»Es ist doch wunderbar, sich vorzustellen,« sagte er aufblickend, »daß man Unglück und Armut so einfach abschaffen kann. Wenn die Sozialdemokraten wirklich das wollen, dann scheinen sie doch Recht zu haben.«

Mahrensee hörte nicht zu. Ninon hatte seinen früheren Platz Dr. Arler gegenüber eingenommen und blickte durch das Fenster auf den Nebel hinaus. Wenn er doch nicht fortgegangen wäre!

Von den Kleinen her klang unterdrücktes Gekicher oder leises Streiten. Er fragte zerstreut:

»Wollen denn das die Sozialdemokraten?«

Gruber zuckte die Achseln:

»Ich weiß es nicht so genau. Ich werde mir darüber Bücher verschaffen müssen. Denn sieh mal, wenn es wirklich möglich ist, dann muß ich einfach dabei sein!! Denk doch nur: keine Armut mehr und alle Menschen frei und glücklich.«

Mahrensee erinnerte sich dunkel an einige Redensarten von der Konkurrenz als Erzeugerin des Fortschritts, sowie von der schlecht verhehlten Selbstsucht oder den unausführbaren Luftschlössern der sozialistischen Führer. Er fühlte sich aber weder seiner Sache sicher genug, noch hatte er jetzt Lust, sich in eine Debatte einzulassen, und schwieg.

Gruber griff wieder nach dem Buch und las, wobei seine Lippen sich in leisem Sprechen bewegten.

Mahrensee sah in den trüben Nebel hinaus und zuweilen warf er einen kurzen Blick auf Ninon, die ihre Stellung nicht verändert hatte. Die Kleinen waren müde geworden; Uglop saß in seiner Ecke und sah vor sich hin; Dr. Arler war ganz in seine Lektüre vertieft; das Rütteln des Zuges und draußen der Nebel — ach! Hin und wieder stieg ein Reisender ein und zog gähnend die Zeitung aus der Tasche.

Endlich war Bischofsheim erreicht, und damit kam Leben in die Schar. Dr. Arler packte seine Sachen zusammen und half dann den andern. Ninon stand am Fenster und sah zu Sie hatte ihren Rucksack überhaupt nicht geöffnet.

Uglop erhob sich zögernd von seiner Bank und sah fragend um sich ...

Aber schließlich standen doch alle wohlbehalten auf dem Bahnsteig, und Dr. Arler beauftragte Gruber, zur Sicherheit nachzuzählen, ob jemand den Aufbruch verschlafen hatte. Gruber erfüllte gewissenhaft seinen Auftrag und stellte fest, daß alle da waren. So ging man schnell die Straße hinunter zum Gasthaus, denn die gewohnte Mittagszeit war schon verstrichen.

Unterwegs schloß sich Gruber Dr. Arler an.

»Du, Onkel Franz, hast du zu Hause sozialdemokratische Bücher?«

»Ja gewiß; interessierst du dich jetzt für solche Dinge?«

»Ich habe Bellamy gelesen«, gestand Gruber.

»So? Ich glaube übrigens, daß die heutigen Sozialdemokraten Bellamy für recht veraltet ansehen, wenigstens was viele seiner Einzelheiten angeht.«

Franz ist wirklich der einzige Lehrer, mit dem man vernünftig reden kann, dachte Gruber und sagte:

»Ich würde am liebsten ein Buch haben, was nicht als Roman geschrieben ist, sondern ganz richtig.«

»Erinnere mich zu Hause daran, dann können wir zusammen nachsehen, was ich da habe. Wenn dir der Gegenstand ernst ist, solltest du aber auch lesen, was die Gegner des Sozialismus schreiben, denn nichts auf der Welt blendet so leicht, wie gerade der Sozialismus.«

»Hältst du ihn denn für falsch?« fragte Gruber ganz erstaunt.

»Ich bin noch zu gar keinem Schluß gekommen — zur Partei gehöre ich jedenfalls nicht. Aber da dir solche Fragen liegen, kann es dir gar nichts schaden, wenn du wenigstens erfährst, wo eigentlich die Probleme sind. Die schlummern nämlich versteckt wie Dornröschen unter den Ranken der politischen Phrasen.

Der Knabe lachte.

»Ja, Richard, spiel nur den mutigen Prinzen, aber du brauchst dich nicht zu wundern, wenn du dir dabei die Hände zerkratzt.«

Gruber fühlte den Ernst heraus und wurde warm.

»Nein, Franz, das wird mich nicht wundern.«

Unwillkürlich hatte er die Hand ausgesteckt, wie um ein Versprechen abzulegen. Dr. Arler drückte sie freundlich.

»Kinder, eßt euch jetzt satt, es ist das letzte ordendliche Mittagessen in eurem Leben! Und wir haben nicht viel Zeit, wir müssen noch vor dem Kreuzberg in die Holzschnitzereischule.«

Aber dagegen wurde schreiend opponiert, so heftig, wie kauende Kindermünder gegen eine unwillkommene Belehrung opponieren können, und Dr. Arler zog seinen unvorsichtigen Vorschlag vergnügt zurück.

Die Zeit hätte auch kaum gereicht; das Mittagessen währte lange, denn der Reiseplan mußte ausführlich besprochen werden, mannigfache persönliche Wünsche und Neigungen wurden laut, und obwohl niemand außer Dr. Arler die Rhön kannte, und man erst bei ihm Auskunft holen mußte, um ihn mit sachlichen Gründen angreifen zu können, wurde sein Entwurf eifrig kritisiert. Dr. Arler antwortete schmunzelnd auf alle Einwände und ließ die meisten gelten.

Als man aber draußen auf der Landstraße stand, da war es mit der Oppositionslust vorbei und alle folgten lachend ihrem Onkel Franz durch den Nebel aufwärts.

Mahrensee bildete den Schluß der Kette.

Bei Tisch hatte er an der allgemeinen Munterkeit teilgenommen, wenn ihn auch zuweilen ein schwerer Blick aus Uglops grauen Augen abkühlte, aber jetzt — — —

Das war also die Rhön, deren blaue Linien sich vom dunkelglühenden Abendhimmel abhoben. Das war wohl der Berg mit der steilen Kuppe, auf der er so oft hatte stehen wollen, und die Straße führte im Nebel zwischen feuchten Wiesen aufwärts, durch Buchenwald, von dem nur die nächsten Stämme erkennbar waren — von den Kleinen her klang wie immer Geschwätz und Lachen, überlaute Rufe und Fragen.

Auf halber Höhe wurde von der Landstraße abgebogen, die wagerecht weiterging und sich mit den Telegraphenstangen im Nebel verlor, man stieg steiler aufwärts, der Weg führte durch dichten Wald ... wieder freies Feld und plötzlich die Umrisse eines großes Hauses. Es war das jetzt unbewohnte Obdach für die Pilger. Einige hundert Schritt weiter lagen Kirche und Kloster mit den weitläufigen Nebengebäuden. Man war am Ziel.

Die Ehrfurcht vor einer fremden Welt ließ die Kinder schweigen und sich scheu aneinander drücken.

Dr. Arler zog am Glockenstrang. Der Bruder Pförtner begrüßte den alten Bekannten freundlich, doch mit Zurückhaltung. Ja, gewiß möchten alle die Nacht über Herberge haben, aber auf das Abendessen würden sie wohl noch ein Stündchen warten wüssen, man war ja nicht auf so zahlreichen Besuch vorbereitet.

Dr. Arler überlegte einen Augenblick.

»Schön. Laßt die Rucksäcke hier liegen und kommt auf den Gipfel.«

Aber einige der Kleinen waren schon müde. Ninon blieb bei ihnen zurück. Auch Uglop. Ein Mönch wies sie in das Gastzimmer; es hatte Steinfließen und eine gewölbte Decke. Dort mochten sie sich wärmen.

Die anderen stiegen durch den Nebel weiter. Es war ja nur eine Viertelstunde bis zum Gipfel. Gin Zickzackpfad führte durch eine Kiefernschonung hinauf, dann moosbewachsene, schlüpfrige Felsbrocken — —

Und auf einmal traten sie aus dem Nebel heraus. Er lag wie leicht schwankendes, trübes Wasser unter ihnen. Vor ihnen standen die drei Kreuze einsam auf dem kahlen Berggipfel.

Dr. Arler hatte Grubers Arm genommen und ging mit langen federnden Schritten neben ihm. Sie sprachen eifrig zusammen. Die Kleinen folgten in einem Abstand.

Mahrensee war allein.

Er ging auf die Kreuze zu. Die braunen, feuchten Balken waren so hoch, daß die drei Menschengestalten in der Luft zu schweben schienen, wenn man zu ihnen emporsah. Christus mit gebeugtem Haupte, der eine Schacher mit verkrampften Gliedern und wild grinsendem Munde, der andere hoffnungsvoll lächelnd.

Und siehe: Der Nebel bildete ein Meer, soweit man blickte, ein sanft wogendes Meer; die höchsten Bergkuppen ragten als zackige Fel­sen­eilande empor, vom Nebel umbrandet. Und jetzt sank die Sonne. Sie warf über die Flut einen hellen Streifen, er wurde dunkler, blutrot.

Und hoch über dem sanftwogenden Nebelmeer in grausiger Starre die drei Gekreuzigten, der Höhner und der Schwache und zwischen ihnen der Gottessohn, der beide verstand und in Schmerzen verschied.

Der Knabe wollte flüchten, er sah noch einmal auf die sinkende Sonne, ihr Rand berührte das Meer — —

Da wallte es auf, Dunstwolken lösten sich, der Nebel stieg und umhüllte den Gipfel mit den drei Kreuzen.

Mahrensee sah sich scheu um, dann ging er hinab, erst langsam, als ob er fürchtete, daß etwas sich von hintenher über ihn stürzen würde, wenn er lief, dann schneller, und zuletzt jagte er atemlos durch die Kiefernschonung, bis trübe die Lichter des Klosters durch das Dämmer drangen.

Als er in die warme Gaststube trat, wo die andern schon beim Abendessen saßen, verschwand das Bild, und nur das Gefühl von etwas Grausigem da draußen tastete sich zuweilen empor.

Er mischte sich munter in das Gespräch — da traf ihn quer über den breiten Tisch ein wunderlich verschleierter, fragender Blick aus Uglops Augen.

Dr. Arler gestattete nur den Obertertianern, noch etwas aufzubleiben; die Kleinen sollten rasch ins Bett, denn morgen mußte früh aufgestanden werden. Er selbst begleitete sie hinauf, um nach dem Rechten zu sehen.

Ninon mußte allein im andern Flügel schlafen. Sie nahm schweigend Abschied.

Jetzt saßen die drei Obertertianer in der Fensternische.

»Weshalb hast du mich vorhin so sonderbar angesehen?« fragte Mahrensee.

»Ich hatte das Gefühl, als ob du etwas mit Gewalt vergessen wolltest«, sagte Uglop, langsam den Blick erhebend.

Mahrensee errötete:

»Woher weißt du das?«

»Ich glaube, wir verstehen uns in Vielem,« sagte Uglop, wieder auf den Boden starrend, »wir sind einander sicher sehr ähnlich. Aber ich kann deine Art nicht leiden, plötzlich lustig zu werden. Du machst dir sicher alles zu leicht. Du spielst mit ernsten Dingen, und deshalb verteidigst du es, wenn andere Menschen es auch tun. Vorhin lasest du mir die Verse vor. Das alles ist sicher nicht richtig. Du findest immer einen Ausweg, über etwas Unangenehmes hinwegzukommen.«

Jeder Satz traf, nur der letzte nicht. Deshalb gab Mahrensee die Antwort:

»Es war nichts Unangenehmes, es war etwas ganz Großes.«

»Dann behalte es für dich — übrigens bist du auch da weggelaufen.«

»Nein, das Weglaufen ist sicher nicht richtig,« sagte Gruber, »gerade da, wo man anfängt, sich unsicher zu fühlen, muß man weiterforschen.«

»Woher hast du das?« fragte Uglop spöttisch.

»Arler hat mir vorhin etwas Ähnliches gesagt,« gab Gruber offen zu. »Und er hat recht: nur dann kann man zur Wahrheit kommen, wenn man sich zwingt, Dinge zu lernen, die einem selbst fremd sind.«

Mahrensee atmete auf; das Gespräch wurde also sachlich und verlor die persönliche Spitze.

Uglop war in sich zusammengesunken und grübelte.

»Kann man das überhaupt?« fragte er dann, »Dinge lernen, die einem selbst fremd sind? Die vergißt man doch gleich wieder, oder man sagt sie her wie auswendig gelerntes Zeug, das einem nichts angeht!«

»Doch, man kann es,« antwortete Gruber frisch. »Und ich will es.«

Er sah selbstbewußt seine Freunde an.

Mahrensee blickte zweifelnd vom einen zum andern. Er war geneigt, beiden zuzustimmen. Jedenfalls stand er selbst wunderlich zwischen ihnen. Aber hatte Uglop sich nicht gerade deshalb gegen ihn gewandt, weil er vor etwas Fremdem geflüchtet war? Und jetzt sagte er ja, daß alles Fremde einen nichts anginge. Nein — der Knabe errötete tief; er war an nichts Fremdem achtlos vorbeigegangen, es waren in ihm selbst Tiefen aufgerüttelt worden, in die hinabzuschauen er nicht wagte, gähnende Klüfte, deren Gründe er nicht kannte — vor sich selbst war er geflohen.

Dr. Arler kam herein. Mahrensee fragte ihn zaghaft:

»Franz, kannst du verstehen, daß jemand etwas Sonderbares erlebt hat oder einen Gedanken nicht fertig denken will, und deshalb« — er sah Uglop an, dieser nickte — »zu lustigen Menschen geht und mitlacht?«

»Nein, man muß es gerade fertig denken«, sagte Gruber und sah Dr. Arler gespannt an.

»Du verstehst ja gar nicht, was ich meine,« sagte Mahrensee schmerzlich.

»Doch natürlich«, fuhr Gruber auf.

Mahrensee schüttelte traurig den Kopf.

Dr. Arler verstand, daß die Knaben ein ern­stes Gespräch geführt hatten, das jetzt im Begriff stand in Gezänk überzugehen. Er strich sich nachdenklich den Bart und sagte:

»Es gibt wohl im Leben eines jeden Menschen eine Periode, wo man an sich selbst so irr ist, daß man wegläuft, sich vergräbt. Und dabei findet man sich gewöhnlich erst wirklich.«

Uglop: »Man muß wohl in die Berge gehen, wo man ganz allein ist und die Menschen vergißt.«

Dr. Arler: »Ja, oder man hat sich in der Einsamkeit verloren und findet sich erst wieder, wenn man unter Menschen ist.«

Gruber (strahlend): »Und für sie arbeitet.«

Es war natürlich eine grobe Geschmacklosigkeit, in ein so ernstes Gespräch eine moralische Phrase zu werfen. Uglop schüttelte mißbilligend den Kopf.

Dr. Arler fühlte die Verstimmung und wollte sie beseitigen:

»Am glücklichsten ist man jedenfalls, wenn man seiner selbst so sicher ist, daß man ebenso gern in Gesellschaft, wie allein in seinem Zimmer oder auf den Bergen ist.«

Mahrensee berührte seinen Arm:

»Franz, aber wenn man sich nie so ganz findet?«

Dr. Arler sah ihm in die Augen:

»Das ist sicher das Schicksal der allermeisten Menschen. Darüber hinweg hilft dann irgendein Betäubungsmittel, wie Vergnügen und Gewohnheit — oder auch Arbeit, die für Viele leider nicht mehr als ein Betäubungsmittel ist.« Gruber:

»Das kann aber doch nicht recht sein, das ist feige und gemein.«

Uglop (nachdenklich):

»Ich verstehe nicht, wie jemand so dumm sein kann, die Zeit mit Vergnügen oder Arbeit totzuschlagen. In einer Minute sieht man schon so viel, daß man kaum je damit fertig wird. Was hat man dann vom Leben gehabt, wenn man so vor sich selbst wegläuft? Dann ist doch alles nur Unsinn und Lüge gewesen.«

Dr. Arler:

»Ja, Max, was für einen Menschen der Sinn des Lebens ist, das muß er mit sich selbst ausmachen. Andere haben kein Recht, da hinein zu reden. Jeder, der ernst sucht, findet schließlich seine Wahrheit, wenn sie auch nur in einer Halbheit besteht, im Aufstellen einer unlösbaren Frage.«

Gruber:

»Aber Franz, du sagtest mir, es gäbe eine objektive Wahrheit.«

Dr. Arler wandte sich schnell ihm zu:

»Ja, für dich.«

Mahrensee fühlte einen Schwindel, der Boden wankte unter ihm, da war wieder die Mauer, die durchsichtige, aber undurchdringliche Mauer aus grauen Flocken, die Mauer, die ihn von allen andern schied. Alles war unsicher, er schwebte hilflos in einem dämmernden, bodenlosen Raume.

»Franz«, rief er angstvoll.

Dr. Arler strich ihm über das Haar. Und da fühlte sich der Knabe auf einmal so warm und geborgen. Er schloß die Augen und lehnte sich an die Schulter des väterlichen Freundes.

»Geht jetzt zu Bett, Kinder,« sagte Dr. Arler, »und sprecht heute abend nicht mehr über solche Dinge« — da traf ihn ein bittender Blick aus Grubers Augen — »wir können morgen weiter darüber reden. Jetzt sollt ihr schlafen.«

Auf der knarrenden Treppe flüsterte Uglop Mahrensee zu:

»Mit Gruber ist es nichts; er wird ein Tagesmensch.«

Aber Mahrensee fühlte jetzt Widerwillen gegen Uglop. Er zuckte abwehrend die Achseln.

Gruber war mit einem Leuchter den langen Korridor vorangegangen und hatte die ihnen bestimmte Kammer gesucht. Er öffnete die Tür und sagte dabei:

»Ist Franz nicht ein wundervoller Mensch?«

Die beiden andern nickten. Aber keiner hatte Lust zu einem Gespräch.

Sie entkleideten sich still. Alle waren ja auch müde, und die schmale hohe Zelle heischte Ruhe.

Mahrensee war als erster unter die Decken geschlüpft und betrachte die beiden andern. Gruber reckte gähnend seinen schlanken sehnigen Körper, Uglop erschien dagegen fast verwachsen. Seine vornübergebeugte Haltung und der tief in die Schultern gezogene Kopf mochten daran schuld sein. Seine Bewegungen waren unbeholfen, hatten nichts von Grubers selbstsicherer Kraft. Mahrensee meinte, daß Uglop eigentlich eine große Brille mit runden Gläsern in Hornfassung tragen müßte. Dann wäre er ein richtiger Gelehrter. Es dauerte übrigens recht lange, bis Uglop schließlich seine Sachen zusammengefunden hatte, Gruber lag nun auch längst im Bett. Endlich löschte er die Kerze aus.

Mahrensee wurde am Morgen durch schwere, feierliche Orgeltöne geweckt. Die andern schliefen noch.

Er sah zum Fenster hin. Der Himmel war blau, aber es fiel kein Sonnenstrahl in die Kammer. Der Knabe stand auf und blickte hinaus: ja, ein vorspringender Gebäudeteil fing die Sonne ab, aber weiter draußen lag die weite Landschaft im warmen Lichte. Die Luft war klar, drüben die Berge mit den Waldstreifen und den kahlen Kuppen, und im Tale einige Dörfer.

Er kleidete sich schnell an und ging hinunter. Ninon saß schon in der Gaststube.

»Wie hast du geschlafen? War es nicht sonderbar, die Nacht ganz allein zu sein?«

Das Mädchen bewegte verneinend den Kopf. Nach einer Weile sagte sie: »Es war schön.«

Mahrensee wollte gern etwas mit ihr plaudern, bevor alle die andern kämen. Aber er war ihr gegenüber immer befangen.

Auf einmal lachte Ninon leise auf:

»Mon Dieu, was machst du für ein Gesicht!«

Mahrensee zuckte zusammen; was war das für ein Einfall, plötzlich mit einem französischen Brocken zu kommen. Aber da erinnerte er sich, gehört zu haben, daß Ninon fließend Französisch spräche. Auch ihr Name — es lag ja überhaupt etwas so Geheimnisvolles über ihr. Man wußte nicht mehr, als daß sie als Waise von Luttenbach adoptiert sei. Früher hatte man viel darüber geredet, aber im Laufe der Zeit hatte man sich an sie und das Dunkel ihrer Herkunft gewöhnt.

Aber jetzt erschien sie Mahrensee wieder so fremdartig und entrückt wie damals, als sie aufs Schulgut kam. Er wurde neugierig — wenn er sie nun fragte, woher sie so gut Französisch könne, das gäbe vielleicht den Schlüssel.

Doch das Mädchen fühlte wohl selbst, eine Entgleisung begangen zu haben. Ihr Gesicht wurde wieder ernst, und sie begann still die Teller auf dem Tisch zu verteilen.

Nach und nach kamen die Kleinen mit Dr. Arler. Die beiden Obertertianer hatten sich verschlafen und mußten geweckt werden. Sie erschienen erst, als die andern mit dem Frühstück bereits fertig waren.

Dann der Aufbruch. Die Kleinen liefen den Berg hinunter, Ninon war mitten unter ihnen, Gruber ging mit Dr. Arler, so blieb Mahrensee nichts anderes übrig, als sich Uglop anzuschließen, wenn er nicht allein bleiben wollte.

Uglop nahm die Annäherung mit einem flüchtigen Kopfnicken entgegen.

Sie gingen eine Weile schweigend neben­einander her, Mahrensee betrachtete die sonnenwarmen Berge, ihre höchsten Gipfel waren ja dieselben, die gestern abend aus dem Nebelmeer als Inseln emporragten, sie waren kaum wiederzuerkennen. Und das Unterkunftshaus für die Pilger, das sie gestern abend gespenstig erschreckte, lag jetzt so friedlich und mit den geschlossenen Fensterläden etwas langweilig am Wege. Sie kamen auf die Landstraße; wie sie gestern abend von ihr abbogen, hatte sie sich geheimnisvoll im Nebel verloren, jetzt führte sie klar in das liebliche Tal hinab.

Er überwandt sich und sprach Uglop an:

»Kannst du eigentlich verstehen, daß es derselbe Weg ist, den wir gestern abend kamen?«

Uglop blieb stehen. Er sah prüfend die Landstraße hinunter, die sie gestern von Bischofsheim gekommen waren, dann auf den weiteren Verlauf, dem sie jetzt folgen mußten, und zuletzt auf den Weg, der rechtwinklig zum Klo­ster hinauf abbog. Mahrensee folgte diesem Blick; jetzt standen die drei Kreuze dünn und strichhaft auf dem mächtigen, breiten Gipfel und hatten nichts Schreckliches mehr an sich. Das Kloster selbst war durch einen Waldstreifen verborgen.

Endlich hatte Uglop sich zu Worten gesammelt:

»Das kann sich gewiß kein Mensch vorstellen, man kann nur nachrechnen, daß es dasselbe sein muß. Aber wenn ich nicht zufällig wüßte, siehst du, daß ich schon gestern hier einmal stand, dann würde ich es ganz bestimmt nicht glauben.«

»Mir ist es auch, als ob ich mich selbst erst überreden müßte, es zuzugeben, obwohl es natürlich ganz sicher ist.«

Uglop setzte sich auf einen Stein und stützte die Wange in die Hand:

»Ja, ja, mir geht es gerade so. Es ist gut, daß du mich darauf gebracht hast.«

Sie gingen weiter. Mahrensee sah, daß die andern schon weit voraus waren, und beschleunigte seinen Gang. Nach einigen Schritten blieb Uglop wieder stehen:

»Hat es eigentlich irgendeinen Sinn, sich vorzurechnen, daß die neblige Landschaft von gestern in Wirklichkeit dieselbe wie die sonnige von heute ist, wenn es einem ganz gegen das Gefühl geht?«

Mahrensee stutzte. Das war wieder das geheimnisvolle Locken auf gefährliche dunkle Moorpfade mit Irrlichtern. Gespannt wartete er, was Uglop weiter sagen würde. Grüblerisch fuhr dieser fort:

»Was ist eigentlich diese Wirklichkeit? Sie ist doch gar nicht zu fassen. Wenn es jetzt regnete, sähe sie wieder anders aus. Eigentlich besteht die Wahrheit über diese Berge in der Landkarte, aber die ist doch wieder nicht mit diesen Steinen identisch. Und dann sehen alle Landkarten verschieden aus, es gibt geologische Karten und Höhenschichtenkarten, die ganz anders sind ...

(Verzweifelt):

Ich finde mich nicht da heraus ...

(Ruhiger):

Nein, es gibt gar keine Wirklichkeit. Der Nebel von gestern und die Berge von heute haben nichts miteinander zu schaffen. Die Wirklichkeit ist nur ein ganz leeres Wort.«

Mahrensee hatte mit klopfendem Herzen zugehört. Jetzt fiel ihm etwas ein:

»Suttenbach sagte mir neulich, daß es die Atome gar nicht gäbe. Sie wären nur als Begriff eingeführt, um sich das Wesen von Verbindungen leichter vorzustellen und mit ihnen bequemer rechnen zu können.«

Sie gingen weiter. Nach einer Weile sagte Uglop:

»Immer wieder das Rechnen. Was hilft es mir, zu wissen, daß dieser Weg eine Meile lang ist? Wenn es steil bergauf geht, ist er ewig lang, wenn es eben ist, ist er kurz.«

Da fand Mahrensee endlich einen festen Halt, und triumphierend sagte er:

»Aber der Weg hat dabei doch eine bestimmte Länge.«

Uglop zuckte die Achseln.

»Mag sein. Aber die geht mich nichts an; ich merke nichts von ihr.«

War es der leuchtende Sonnenglanz auf den Bergen, oder der leise Duft, der aus dem raschelnden Herbstlaube zu ihren Füßen empordrang, oder der hellblaue Himmel, oder Ninon, die mit ihrem Rucksack da vorn ging — Mahrensee fühlte sich dem sonst so vertrauten Gedanken auf einmal so fremd gegenüber.

Er sah Uglop von der Seite an. Wie konnte man nur so brummig vor sich Hinblicken, wenn das Wetter so schön war. Und gestern der Nebel — das lag so weit in der Vergangenheit zurück, man konnte sich kaum mehr dahinein versetzen. Und wenn er sich die Bilder vergegenwärtigte: die Landstraße, die sich im Trau verlor, die feuchten Wiesen, die drei Kreuze über dem Nebelmeer und der blutrote Streifen der untergehenden Sonne, die umbrandeten Inseln — da war es ihm, als ob er sich selbst als einen andern dort oben auf dem Gipfel stehen sähe, einen anderen, den er nicht ganz verstand, und der ihn jetzt nicht mehr viel anging. In seinem Innern klang gleichsam eine Saite, von einem verwandten Tone geweckt. Er wiederholte fiebernd den Gedanken, alles das von gestern gehe ihn nichts an, jetzt sei alles ganz anders, und schaute dabei lauernd in die Falten seines Gedankens. Da saß es ja grinsend: im Kreislauf war er zu Uglops Welt zurückgekehrt. Er biß sich auf die Lippen und sah voll Erbitterung seinen Begleiter an, der von diesem ganzen Kampf nichts wußte und Eigenem nachhing. Nein, er wollte sich von ihm freimachen, mußte sich selbst bezwingen können.

Und der Knabe begann Umschau zu halten und sich über das Erblickte Rechenschaft abzulegen.

Sie gingen jetzt also abwärts, auf das Dorf zu, das dort am Bach lag. Dann würde es eine lange Steigung geben, bis sie den breiten Rücken dort drüben, das Dammersfeld, erreichten. Eigentlich umschlossen die Berge einen großen Kessel, nein, sie lagen zu unregelmäßig zueinander, es war eher ein sternförmiges Tal.

Er kam sich bei diesen Überlegungen auf einmal so lächerlich vor. Etwas war verlogen an dieser Art von Denken. Er hatte im Grunde selbst gar nicht teil daran. War es überhaupt Denken? Nein, es waren nur Worte, weiter nichts. Wenn er denken wollte, formte er nur Worte, es war nichts als ein leises Gespräch mit sich selbst, dem er jeden Verlauf geben konnte, den er wünschte. Es war eine Geschichte — der er ohne Spannung lauschte, weil er sie selbst geschrieben hatte, den Ausgang kannte, und wußte, daß er nach dem Verklingen der tönenden Schlußworte zu seinen eigenen Beschäftigungen zurücckehren würde. Aber unter den kühlen Gedankenreihen, die nie von selbst kamen, sondern die er bewußt in bestimmte Bahnen lenkte — unter ihnen flammte es zuweilen auf, blitzschnell und ihn erschütternd. Nein, wirkliches Denken, das war ganz anders, da rollten sich von selbst die Bilder ab, ungewollt, unhemmbar; die der Vergangenheit schreckend oder beschämend, aber die der Zukunft — die zeigten ihn als Königssohn, der sich die Welt Untertan machte und trotz seines Glanzes ein geheimnisvolles, einsames Leben in halbdunkeln Prunkgemächern führte, nachts auf dem Turm stand und zu den Sternen emporblickte. Oder er blätterte, in Purpurgewänder gehüllt, in alten Folianten, und dabei offenbarte sich ihm eine Lösung — und er verließ heimlich seinen Palast durch die kleine Gartenpforte und irrte durch Wüsten und schaurige Urwälder — — —

Da hörte er seinen Namen. Er stand am Eingang des Dorfes. Gruber lehnte sich aus dem Fenster des Wirtshauses und schwenkte lustig seine Mütze.

Eine kühle, niedrige Stube, ein Geschwirr von Stimmen, die freundliche Bäuerin mit den Milchgläsern, und Ninon die Kleinen versorgend — eine harmlose, muntere, sichere Welt, die nichts von den seltsamen Zweifeln kannte, in die Uglop ihn immer wieder zog. Dort saß er ja, abweisend und in sich gekehrt. Mahrensee beschloß, sich jetzt Gruber beizugesellen.

Obwohl man schon nach einer Rast von einer halben Stunde die Gaststube wieder verließ, schien sich das Wetter verändert zu haben. Die Morgenfrische war verschwunden, die Sonne brannte heiß, die Schatten der Bäume hoben sich dunkler von der blendenden Landstraße ab, die jetzt sogar stark staubte.

»Wenn du morgens fortgehst,« fragte er Gruber, »hast du dann auch immer das Gefühl, eigentlich ganz nah von Hause zu sein, bis du dich hinsetzt oder einkehrst oder sonst auf irgendeine Art den Gang unterbrichst? Dann hat auf einmal die Verbindung aufgehört, ich bin ganz weit fort, und der Rückweg dauert viel länger als der Hinweg.«

»Ja,« antwortete Gruber zerstreut, denn etwas anderes beschäftigte ihn, »sieh mal, die Straße ist ganz blau.« Er hob einen Steinbrocken auf. »Du, das ist ja Basalt.«

Die beiden Knaben beugten sich herab und untersuchten den Bau der Straße genauer.

»Es sind festgewalzte Basaltstückchen und etwas Sand liegt darüber«, gab Mahrensee zu.

Gruber richtete sich auf:

»So eine Straße kann ja überhaupt nicht schmutzig werden, der Regen läuft zwischen den Steinen durch. Hier müßte sich wunderschön radfahren lassen, falls nicht die scharfen Kanten die Pneumatiks runieren.«

Dieser klare und vernünftige Gedankengang imponierte Mahrensee. Er wollte gern mehr von solchen sicheren Dingen hören und fragte:

»Weshalb baut man dann nicht alle Landstraßen so aus Basalt?«

»Es gibt nicht überall Basalt, und denk doch, wie teuer es sein würde, solch eine Menge Steine zu transportieren, hier kostet der Basalt ja gar nichts.«

Damit war also ein Gespräch angebahnt, und Mahrensee wagte sich jetzt vorsichtig weiter.

»Hast du heute mit Arler darüber gesprochen?«

»Worüber?« Gruber verstand ihn nicht gleich.

»Über das von gestern Abend.«

»Ach so. Eigentlich nicht. Franz erklärte mir, was die verschiedenen Parteien wollen. Die Sache ist viel verwickelter, als ich glaubte.«

Mahrensee stimmte dem etwas enttäuscht zu. Er hatte eine tiefere Fortsetzung des ge­strigen Gespräches erhofft.

Doch Gruber fuhr fort:

»Sieh mal, was das für eine ekelhafte Schweinerei ist: die ideellen Forderungen der Parteiprogramme decken nur gemeine Geldfragen. Ich erinnere mich nicht mehr so genau aller Einzelheiten, die Franz mir sagte, aber es ist ungefähr so: das Deutsche Reich muß mächtig und angesehen sein, damit die Leute in Afrika Angst haben, einem deutschen Kaufmann etwas zuleide zu tun, und wenn die Theater und Museen in München gut sind, dann kommen viele Fremde hin, machen Einkäufe und bezahlen viel Geld in den Hotels. Mit der Wissenschaft war es auch so ähnlich. Ja, und dann nennen die Konservativen deshalb die neue Kultur in den Großstädten schwächlich oder sittenlos, weil sie auf ihren Gütern nur patriarchalisch herrschen können. Siehst du, es ist ganz richtig, daß Deutschland sich nicht mehr selbst mit allen Landprodukten versorgen kann, wenn es ein reines Industrieland geworden ist, und ihm bei einem Kriege die Zufuhr aus den Nachbarländern abgeschnitten wird. Aber die Leute, die sagen, daß wir deswegen hohe Schutzzölle haben müssen, damit das Reich in sich stark bleibt, die verdienen ungeheuer durch diese Zölle, weil ihre Preise von Korn und Fleisch nicht durch die billige Konkurrenz des Auslandes herabgedrückt werden. Und die Sozialdemokraten, die für den Fortschritt eintreten und sagen, daß die Konservativen die Armen aushungern, haben auch wieder recht. Nur daß sie dabei selbst die Arbeiter repräsentieren und Geld verdienen, wenn die Industrie sich entwickelt und sie keine hohen Zölle für Lebensmittel zu bezahlen brauchen. Ja, so ungefähr war es.«

»Hat dir Franz das gesagt?« fragte Mahrensee ganz erstaunt.

»Ach, noch viel mehr. Aber ich kann nicht alles so schnell wiedergeben.«

Dr. Arler wußte solche Dinge und war dabei immer freundlich und gut und oft auch lustig. Und jetzt ging er da vorn ganz ruhig neben Ninon. Und mit ihr sprach er wieder über ganz andere Sachen. Wie war es möglich, daß ein Mensch so viel wußte und dabei so ganz einfach lebte?

Er wurde in diesem Gedankengang von Gruber unterbrochen:

»Ist es nicht gräßlich, daß hinter allen großen und schönen Worten so gemeiner Egoismus liegt!«

Und unwillkürlich erwiderte Mahrensee:

»Es scheint fast, daß hinter allem Schönen etwas Gemeines liegt, das ebenso niedrig, wie jenes hoch ist.«

Dann erschrak er über den eigenen Gedanken, so grauenvoll und hoffnungslos war er.

Aber Gruber befreite ihn:

»Es soll aber nicht so sein. Weißt du, ich glaube, das ist eine gute Aufgabe für mein Leben. Ich will mich dafür einsetzen, daß diese ganze Heuchelei aufhört. Entweder sollen die großen Worte wahr sein, oder jemand soll wenigstens den Mut haben, den eigenen Egoismus zuzugeben. Dann ist es verächtlich, aber wenigstens ehrlich. Aber ich glaube, man muß furchtbar viel wissen, um alle Phrasen richtig durchschauen zu können. Sonst macht man sich nur lächerlich.«

»Ja, du bist ein Kämpfer«, sagte Mahrensee im Stillen, und gedachte betrübt der eigenen Schwäche. Würde er sich je zu solch einem großen Entschluß aufraffen können?

Sie gingen auf der steinigen Hochebene, die sich an beiden Seiten des Weges noch etwas wölbte, so daß nichts von den anderen Bergen und den sonnigen Tälern zu sehen war. Hell hob sich der Himmel über das graugelbe Geröll mit dem spärlichen Grase. Der Weg zog sich mattblau in Windungen. Dr. Arler und die Kleinen waren nicht zu sehen, und es war stechend heiß.

»Wollen wir nicht auf Uglop warten?« sagte Mahrensee unvermittelt — die Landschaft hatte ihn in eine andere Stimmung versetzt — »ihm fällt das Steigen schwer.«

Er bereute gleich seine Worte, denn er erwartete, daß sein gesunder und starker Freund sich über Uglops Schwerfälligkeit lustig machen würde. Deshalb fügte er schnell hinzu:

»Es ist einmal ein ehrlicher Mensch, der immer sagt, was er meint —«

»Vielleicht ist es deshalb so schwer, mit ihm umzugehen«, sagte Gruber gedankenvoll vor sich hinblickend.

Mahrensee sah ihn warm an. Die Worte hatten so entsagungsvoll geklungen.

Gruber setzte sich auf einen Stein am Wegrande. Als er Uglop kommen sah, sagte er:

»Wir zwei müssen etwas nett zu ihm sein. Er hat gewiß sonst niemand, der sich um ihn kümmert.«

Mahrensee nickte gerührt.

»Hat er keine Verwandten?« fragte er dann.

»Nein. Er hat mir einmal gesagt, er hätte gar keine. Er hat nur einen Vormund, den er kaum kennt, und den er nur so vom Gericht bekommen hat. Deshalb war er ja auch der erste, der aufs Schulgut kam.«

»Uglop der erste?« sagte Mahrensee erstaunt.

»Irgend jemand mußte doch schließlich der erste sein,« meinte Gruber gutmütig. »Und weil der Vormund nicht wußte, was er mit Uglop anfangen sollte, schickte er ihn gleich nach der Gründung her.«

Mahrensee schwieg verletzt. Es war jedenfalls kein so gleichgültiger Umstand, daß Uglop der erste Schüler war. Obwohl er die These nicht zu widerlegen vermochte, daß irgend jemand schließlich der erste sein mußte, ging sie ihm durchaus gegen das Gefühl.

Uglop kam jetzt mit seinen langsamen, schleppenden Schritten herbei und sah die beiden Wartenden gleichmütig an. Gruber flüsterte aufstehend Mahrensee zu:

»Frag ihn nicht nach solchen Dingen; ich glaube, er hat es nicht gern.«

Uglop schloß sich ihnen ohne weiteres an. Mahrensee war doch etwas gekränkt, daß er ihr freundliches Warten gar nicht beachtete und auch von ihrem Entschluß, nett gegen ihn zu sein, nichts wußte.

Sie gingen eine Weile ziemlich schnell, um Dr. Arler einzuholen, und überschritten dabei die Wasserscheide. Nach und nach öffnete sich vor ihnen ein neuer breiter Talkessel, aber dieser war von dichtem Walde erfüllt, der bis zur halben Höhe der gegenüberliegenden Berge emporkroch.

Dr. Arler war nur einige hundert Schritte vor ihnen. Seine Schar lagerte sich gerade am Rande des Buchenwaldes. Nur Ninon stand aufrecht, mit dem Rücken an einen Stamm gelehnt und sah zum Himmel empor.

»Na, ihr geht eigentlich nicht mit gutem Beispiel voran«, rief ihnen Dr. Arler zu.

Mahrensee sah ihn ängstlich an, war er zornig? Nein, Arler ließ sich wieder ins Raingras zurücksinken und schützte die Augen mit der Hand gegen die Sonne, streckte die Beine weit aus und fragte gähnend:

»Was meint ihr, sollen wir weiterschlafen oder weitergehen?«

Mahrensee warf sich neben ihn ins Gras:

»Du, Franz, ich muß dich nach so furchtbar Vielem fragen«, flüsterte er.

Dr. Arler richtete sich auf; er war auf einmal ganz ernst:

»Ja, mein Junge, was willst du?«

Aber sie waren schon eine Weile im schattigen Buchenwald nebeneinander hergegangen, als der Knabe sich endlich hervorwagte:

»Franz, wie kommst du zur Rhön?«

»Ist sie nicht herrlich?«

Mahrensee nickte:

»Aber für dich ist sie etwas Besonderes.«

»Woher weißt du das?«

Der Knabe sah ihn bittend an: »Das kann ich nicht so sagen, Franz. Ist es nicht richtig?«

Dr. Arler lächelte:

»Ist sie für dich auch etwas Besonderes?«

Mahrensee errötete. Er zögerte mit der Antwort. Dann nahm er sich zusammen:

»Ja.«

Dr. Arler sah vor sich hin. Nach einigen Minuten nahm er vertraulich den Arm seines junges Freundes und sagte:

»Ich will es dir erzählen: Ich war in meinem Studium bei einem toten Punkt angelangt und wußte nicht mehr recht weiter. Eigentlich hatte ich Medizin studiert, aber mich daneben viel mit Philosophie und Nationalökonomie abgegeben. Ich war Mitglied unzähliger Reformvereine und las Haufen von Broschüren — du weißt sicher noch nicht, was es heißt, Broschüren zu bekommen und zu lesen, das kannst du noch nicht wissen — und dabei war ich vollständig überarbeitet und nervös von Lesen, Reden und Zuhören, ich fühlte, daß ich bei diesem Leben vollständig zerflatterte und ein Ende machen müßte. Ich hätte es als eine Erniedrigung empfunden, mich zu spezialisieren oder überhaupt nur meine Zeit mit den tausend Kleinigkeiten zu vergeuden, die jedes gründliche Studium mit sich bringt.

Da fiel mir eines Tages zufällig mein alter Rucksack in die Hand, den ich seit vielen Jahren nicht mehr benutzt hatte, und ich bekam eine solche Lust, wieder einmal draußen herumzustrolchen« — er sprach in leichterem und leichterem Ton — »daß ich mir den schlechte­sten Anzug und die dichtesten Stiefel heraussuchte, mich auf die Bahn setzte und nach Fulda fuhr. Ich wanderte bei strömendem Regen einige Tage in der Rhön herum und kam schließlich aufs Dammersfeld. Dort blieb ich mehrere Monate, las nichts, dachte auch an nichts, half den Kühen beim Weiden, schlief viel und aß viel und wurde dabei nach und nach vernünftig. Als es mir endlich klar geworden war, was ich eigentlich wollte, ging ich zur Universität zurück, arbeitete fleißig, ohne mich viel um Broschüren zu kümmern, und machte mein Examen. Dann war ich mehrere Jahre an verschiedenen Schulen, bis Leutelt mich bat, zu ihm zu kommen. Das ist die ganze Geschichte.«

»Jetzt verstehe ich, was du gestern abend meintest«, sagte Mahrensee still.

Dr. Arler sah geradeaus. Dann wandte er sich wieder freundlich dem Knaben zu:

»Und du?«

»Ach Franz, das ist ganz anders: Ich habe nur abends nach Sonnenuntergang immer die Rhön gesehen.«

»Das ist wohl noch schöner?«

Hier war keine andere Fortsetzung des Gespräches mehr möglich, als auf die Sehnsucht nach dem Abendrot einzugehen. Und dazu konnte Mahrensee sich jetzt nicht entschließen, wo hinter ihm das Summen lebhafter Kinderstimmen klang und Ninons dunkle Augen vielleicht auf ihm ruhten.

Er drückte Arler die Hand und wandte sich scharf um.

Ja, er begegnete Ninons Augen, sie warf ihm einen kurzen, verwunderten Blick zu und ging dann an ihm vorbei. Dann kamen die Kleinen, lachend einander stoßend oder sich zankend, ein sonderbarer Zug im dämmrigen Walde, wo die wagerechten, grünen Aste die grauen Stämme überschnitten — zuletzt die beiden anderen Obertertianer.

Das waren schließlich doch die Kameraden, zu denen er gehörte.

»Was willst du eigentlich werden?« fragte gerade Gruber Uglov.

Dieser schaute flüchtig auf:

»Werden, das klingt ja, als ob ich jetzt noch gar nichts sei.«

Gruber wurde etwas ungeduldig:

»Nun ja, aber ich meine, du kannst doch nicht dein ganzes Leben lang auf dem Schulgut bleiben?«

»Nein,« sagte Uglop zögernd, »das wohl nicht — obwohl ich mir kaum vorstellen kann, daß ich einmal fort muß.«

»Natürlich ist es schön auf dem Schulgute,« erwiderte Gruber, »aber das ist doch alles nur Vorbereitung. Später müssen wir doch etwas Vernünftiges tun. Ich wenigstens weiß jetzt ganz genau, was ich will.«

»So?« sagte Uglov in müdem Erstaunen.

»Ja.« Gruber sah Mahrensee an, aber dieser mißverstand den Blick. Er senkte beschämt die Augen, denn auch er war außerstande, mit bestimmten Zukunftsabsichten aufzuwarten.

»Ich habe eigentlich noch gar nicht so darüber nachgedacht, ob es schön auf dem Schulgute ist,« sagte Uglop unsicher. »Aber ich bin schon so lange da, und alles geht so ruhig weiter — ich weiß gar nicht, wo ich sonst überhaupt leben sollte.«

Gruber stieß mit dem Fuß ärgerlich einen Zweig zur Seite. Gegen diese Schwerfälligkeit war nicht anzukämpfen. Da fing er einen bittenden Blick aus Mahrensees Augen auf — ach, richtig, sie hatten ja einander versprochen, nett gegen Uglop zu sein.

Der gute Junge nahm sich zusammen:

»Aber einmal mußt du ja doch fort, und wie denkst du es dir dann?«

Uglop überlegte sich recht lange die Antwort.

»Meine Eltern hatten immer dasselbe Dienst­mädchen. Sie heißt Marie und ist jetzt schon alt. Zu Weihnachten schreibt sie mir immer eine Karte. Ich würde sie wieder zu mir nehmen und sie alles machen lassen.«

Er war das erstemal, wo Mahrensee ihn etwas von der Kindheit erzählen hörte — ein altes Dienstmädchen, die ihm zu Weihnachten immer eine Karte schickte, das war alles, was Uglop von Liebe und Anhänglichkeit kannte. Und er selbst? Er hatte zu Hause die Mutter, die wohl in jeder Minute ihres Lebens seiner gedachte, sich um jede Kleinigkeit sorgte — und dabei war er bei ihrem letzten Besuche so häßlich gegen sie gewesen. Aber wenn er jetzt wieder zu ihr kam, sollte es anders sein. Wie undankbar er gewesen war! Immer wieder hatte er sie durch Verschlossenheit und Abweisung gekränkt. — Uglop hatte auf der ganzen Welt keinen anderen Menschen als ein altes Dienstmädchen!

Sie traten aus dem Buchenwalde heraus. Der Weg führte abwärts zu einem kleinen Sattel, man blickte in die beiden breiten Talkessel hinab, der linke barg die anmutigen Wiesen und Dörfer, der rechte düstere Wälder, und beide waren von Bergketten abgeschlossen, und dann kam man aufs Dammersfeld, den breiten Bergrücken, der nur auf seinem Kamm einen Waldstreifen trug. Auf den fetten, etwas sumpfigen Wiesen weideten Kühe. Und in einer halben Stunde erreichte man das Wiesenhaus, ein friedliches Gehöft, das für die näch­sten Tage das Standquartier darstellen sollte.

Die Bäuerin stand vor der Tür und sah ihnen entgegen. In einer seltsamen Spannung beobachtete Mahrensee, wie Dr. Arler sie begrüßte, während die Kleinen sofort im Stall, auf dem Heuboden und am Teich auf Entdeckungsreisen ausgingen. Aber das waren nur die freundlichen Worte guter Bekannter, die sich eine Zeitlang nicht gesehen hatten; davon, daß Dr. Arler vor einigen Jahren hier die Richtung seines Lebens bestimmt hatte, war nichts zu spüren. Und dann ging das Gespräch gleich darauf über, wie die vielen Gäste zu beherbergen wären, und wie es um ein kräftiges Mittags­essen, stände.

Ganz verwirrt von diesem heiteren Gleichmut ging Mahrensee einige Schritte zur Seite und legte sich ins Gras. In waldigen Terrassen stufte sich das Dammersfeld zum Talkessel ab.

Da hörte er Dr. Arlers Stimme überlaut nach ihm rufen. Widerwillig erhob er sich und ging ins Haus.

Die anderen saßen schon beim Mittagessen.

Mahrensee sah Dr. Arler an. Er war ja der einzige, der wußte, was jener früher erlebt hatte, ein heiliges Geheimnis verband sie.

Dr. Arler rief ihm ungeduldig entgegen:

»Sieh doch zu, daß du nicht immer zu spät kommst.«

Das war etwas ganz anderes als der Blick voll warmen Vertrauens, den er erwartet hatte. Tief errötend beugte er sich über seinen Teller.

Aber dann wurde er ruhig, unheimlich ruhig. Eiskälte kroch in ihm herauf.

Jetzt waren also alle Bande zwischen ihm und Arler zerschnitten. Nein, es war falsch gewesen, mit einem Erwachsenen Freundschaft schließen zu wollen. Die Erwachsenen waren doch alle einander gleich.

Und obgleich in diesem Augenblick eine blühende Welt in einem Abgrund versunken war, konnten alle andern lachen und schreien und essen, und Arler konnte mittun und ihn selbst fragen, ob er nach Tisch noch einen Spaziergang machen wolle, es wäre ja erst früher Nachmittag. Er anwortete scheu, aber gezwungen laut, um sich nicht zu verraten.

Wie sie aufbrachen, kam Dr. Arler gleich zu ihm: »Ich habe dir nicht weh tun wollen. Wenn wir vier allein gewesen wären, hätte ich überhaupt nichts gesagt. Du wirst schon wissen, was du tust. Aber sieh mal, so lange die Kleinen dabei sind, muß etwas Ordnung gehalten werden, sonst gibt es ein reines Chaos. Aber verzeih mir!«

Mahrensee bekam Tränen in die Augen:

»Franz, es tut mir so leid — —«

Dr. Arler drückte ihm die Hand und ging dann schnell hinaus. Unten rief man schon nach ihm.

Mahrensee blieb noch einen Augenblick in der verlassenen Stube stehen. Nein, Franz war doch nicht wie alle andern Erwachsenen, die würden nie einen Jungen um Verzeihung gebeten haben.

Man wollte nicht mehr weit gehen, nur dorthin, wo einige schroffe Klippen das Dammersfeld gegen Westen abschlossen. Es war ein Weg von einer halben Stunde.

Mahrensee bemühte sich ängstlich, stets dicht beim Haupttrupp zu bleiben, obwohl er lieber mit seinen beiden Freunden gegangen wäre, die wie immer erst in kurzem Abstand folgten. Und Ninon schritt der ganzen Schar voran, auch sie war ihm unerreichbar.

Dr. Arler plauderte mit einigen der Kleinen.

Bei den Klippen gab es eine andere Rast als während der Wanderung am Tage. Man brauchte keine Kräfte zu schonen, keine Zeit zu sparen.

Dr. Arler streckte sich im Grase aus und ließ die Kleinen machen, was sie wollten. Gruber sollte darauf achten, daß sie keinen lebensgefährlichen Unfug trieben. Da auf einem kleinen Hügel ein Stein stand, den einige Jungen annektierten, während andere ihnen den Besitz streitig machten, war bald eine heftige Schlacht um diese wichtige Festung im Gange.

Uglop hatte sich neben Dr. Arler gelagert. Die beiden wechselten zuweilen ein Wort.

Mahrensee erklomm mit einiger Mühe — er war nicht sehr geschickt — den höchsten Felsbrocken und machte es sich dort bequem. Einige Vorsprünge boten seinen Füßen Halt. Er saß wie auf einem Thron und betrachtete den wütenden Kampf. Zuweilen sah er sich nach Ninon um, aber sie war nicht zu erblicken.

Die Sonne sank, duftig und rot färbten sich die Felsen, die Wiesen und die wogenden Wälderteppiche, immer länger wurden die Schatten unten im Tale, die Fenster des Klosters auf dem Kreuzberge blinkten herüber, die drei Kreuze hoben sich scharf vom Himmel ab, und die Halden wurden warm und lieblich. Kuh­glocken. Ein seltsamer, schwerer Atem hob sich von den Wiesen, und durch die klare Luft klang das Geschrei der streitenden Kinder als Jubel.

Und die Sonne berührte den Bergrand, im Tale hob sich die Dämmerung, das Kloster drüben wurde eins mit dem Walde, Nebelschleier zogen sich über die Niederungen. Am rötlichen Himmel funkelte ein Stern, wurde mit dem tieferen Rot heller und heller, strahlend

Dr. Arler rief alle heran. Man sollte zum Wiesenhause zurück. Das Spiel hörte auf. Man stritt nur noch, wer bei dem unentschiedenen Kampfe eigentlich doch als Sieger zu betrachten sei.

Mahrensee trennte sich nur ungern von seinem Hochsitz, aber er fürchtete, sich aufs neue Arlers Tadel zuzuziehen. Es war nicht ganz leicht, vom Felsen wieder herabzukommen, und die Stimmen der anderen verklangen schon, als er den Erdboden erreichte.

Da hörte er seinen Namen leise rufen. Ninon stand neben ihm. Er konnte im Dunkel kaum ihr Gesicht erkennen.

»Was ist das für ein Stern?« fragte sie.

»Es ist Venus«, antwortete er mit klopfendem Herzen.

»Wie hell er leuchtet«, sagte sie und wandte sich langsam dem Weg zu.

»Ja, es ist der allerhellste Stern, aber nur jedes zweite Jahr kann man ihn sehen. Und siehst du dort den rötlichen Planeten? Das ist Mars. Er ist vielleicht bewohnt. Wenigstens könnten dort Menschen leben.«

»Komm«, sagte sie und faßte seine Hand.

Ein heißes Glückgefühl durchrieselte ihn bei der Berührung und er fuhr fort, dem Mädchen alles von den Sternen zu erzählen, was er wußte. Sie hörte ihm still zu.

So gingen sie über die dunkeln Halden. Ihre Füße wurden feucht vom Tau des Grases.

»Woher weißt du das?« fragte Ninon.

»Ich habe immer die Sterne geliebt«, flüsterte er.

»Ich auch«, gab sie zurück und drückte fe­ster seine Hand.

Da lag das Wiesenhaus mit seinen friedlich erleuchteten Fenstern vor ihnen. Die beiden Kinder blieben stehen und sahen noch einmal auf die letzte Glut des Abendrotes, zu dem sich jetzt Venus hellstrahlend senkte.

Ninon lehnte sich an seine Schulter und blickte in das Dunkel hinaus. Dann löste sie ihre Hand aus der seinen und ging langsam auf das Gehöft zu.

Er sah ihr nach, und als sie eingetreten war, warf er sich auf den Boden und küßte ihn, küßte ihn — — Dann sprang er auf und lief in das Haus.

Aber Ninon sah ihn beim Abendessen nicht an, sie war ruhig wie immer.

Dr. Arler verkündete, daß die einzige Fremdenstube für diese Nacht von einigen Touri­sten belegt sei. Sie mühten daher alle zu­sammen im Heu schlafen — was den Kindern außerordentlich lustig vorkam.

Alle auffindbaren Decken wurden auf den Heuboden gebracht, dazu die Capes der Schüler; dicht nebeneinander waren die primitiven Lagerstätten.

An diesem Abend gab es auch für die Obertertianer kein längeres Aufbleiben, alle sollten sich gründlich ausruhen.

Neben Ninon lag Mahrensee.

Das letzte Geflüster verstummte, die meisten schliefen in wenigen Minuten. Zuweilen noch ein schwaches Husten, ein Rascheln im Heu, ein Gähnen, dann war alles still.

Aber Mahrensee konnte nicht einschlafen. Es war ihm, als ob er auf irgend etwas warten müßte. Ninon hatte ihm nicht einmal eine gute Nacht gewünscht.

Da hob sie ganz leise den Kopf. Mit angehaltenem Atem schloß der Knabe die Augen; Ninon küßte ihn aufs Haar.

Er wurde heiß, er hätte sie in seine Arme schließen mögen, aber er wagte nicht sich zu rühren.

Als er merkte, daß auch sie eingeschlafen war, stand er auf und ging zum Fenster hin. Der Mond war aufgegangen. Da konnte Mahrensee sich nicht mehr beherrschen, er mußte in seinem Taumel hinaus. Durchs Fen­ster stieg er aufs niedrige Dach und sprang hinunter. Dann lief er fort, lief den Abhang hinauf und setzte sich erst oben am Waldrande hin.

Jetzt lagen dort die Berge traumesklar um ihn, weich und still.

Und dort war das Haus, es schimmerte im Mondlichte und alle schliefen; auch Ninon.

Er allein war wach, ihm gehörte die helle Mondwelt mit den schlummernden Wäldern und den Nebelstreifen in den Tälern.

Und Ninon war sein.



V.

Und Mahrensee nahm Abschied von Ninon und Dr. Arler — von dem freundlichen Wiesenhause und dem Sonnenschein auf dem Dammersfelde, von tollen Spielen und einsamen Wanderungen durch die feuchten Wälder, von ruhigem Verweilen am Abhang und schimmerndem Abendrot.

Das Wetter war nicht mehr so unverändert strahlend; zuweilen verdeckte eine graue Wolke mit blendend weißen Rändern für Minuten die Sonne. Aus den Wäldern klang ein schweres Rauschen, das beim Nachlassen des Windes in Lispeln überging.

In Mahrensee kämpfte die Wehmut des Fortziehenden mit der Freude des kräftigen Wanderers, der schnell und ohne anzuhalten durch Wälder und Wiesen schritt. Er begann mit halb singender Stimme sich alle Gedichte aufzusagen, die er auswendig konnte, auch die englischen und französischen. Aber als sein Vorrat erschöpft war, sprach er doch in Versen weiter, die der Augenblick ihm eingab; manche von ihnen hatten wohl gar keinen Sinn, waren nicht mehr als ein Spiel wohllautender oder heller Reime, aber es berauschte ihn, ohne Vorsatz, ohne Absicht weiter zu sprechen und das nächste Wort sich schon hervordrängen zu fühlen, während er das eine aussprach. Zuweilen merkte er, wie er ein schönes Wort gleichsam im Inneren zurechtlegte, und auf eine Gelegenheit wartete, es passend anzuwenden. Aber in solchen Fällen empfand er die seltsame Scham des Selbstbetruges und sprudelte die Worte heraus, um keine Zeit zum Überlegen zu haben.

Als er das erste Dorf erreichte, warf er sich ins Gras. Es waren mehrere Stunden vergangen, seitdem er das Wiesenhaus verlassen hatte.

Langsam ging er weiter. Bauern, Hunde, Wagen — er blieb einen Augenblick stehen; an einem Hause las er das Wort ›Posthilfsstelle‹. Er hätte ein Telegramm an seine Mutter aufgeben und noch am selben Nachmittag wieder oben auf dem Dammersfeld sein können. Schon die Möglichkeit erfüllte ihn mit warmer Freude. Nein, er ging weiter. Mit was für Gesichtern würden sie ihn im Wiesenhause empfangen. Es gab keine Rücckehr — niemals gab es eine Rücckehr. Drei vergangene Stunden bildeten einen unübersteigbaren Wall. Wäre er doch nur oben geblieben! Aber damals hatte er nicht daran gedacht. Es hatte ihm die ganze Zeit über fest im Kopf gesessen, daß er den Rest seiner Ferien zu Hause verbringen müßte, so hatte er es ja mit seiner Mutter verabredet, so hatte er es allen gesagt. Der festgesetzte Plan band ihn, hier gab es kein Entweichen.

Also vorwärts.

Zuerst widerwillig, mit zusammengepreßten Lippen; dann kam der trotzige Stolz, sich wieder einmal von allen andern getrennt zu haben, ganz allein eigene Wege zu gehen.

Er hielt sich beim Mittagessen in Gersfeld nur kurz auf, was sollte er in dem freundlichen Städtchen? Oben auf der Wasserkuppe wollte er die Nacht verbringen.

Die Halden färbten sich schon rötlich, als er sich aufmachte. Obwohl er den gewaltigen, wie eine Sphinx festruhenden Bergrücken — der Waldsaum am Fuße mochte den versandeten Sockel darstellen — vom Zimmer des Gasthauses in seiner ganzen Breite und Wucht übersehen konnte, hatte er doch den Kellner nach dem Wege gefragt, denn er wußte von seinen Wanderungen im Thüringer Walde her, daß zwischen Tal und Berggipfel Schluchten und mit Gebüsch bewachsene kleine Plateaus, Wälder und Bodenfalten liegen konnten, in denen man den Überblick verlor. Die höchste Spitze des Berges bleibt wohl meistens sichtbar, aber sie verändert ihre Form, verliert an Schärfe, sinkt gleichsam in sich selbst zusammen, zeigt häßliche Ausbuchtungen — kann sogar ganz verschwinden.

Es führten übrigens zwei Wege zur Wasserkuppe: der direkte Anstieg zum Gipfel, und der Umweg über die Moore, wobei man den ganzen, langgestreckten Gipfel entlang ging.

Mahrensee entschloß sich zum zweiten Weg. Die Moore lockten ihn, er konnte sich nicht entsinnen, je ein Moor betreten zu haben, und dabei weckte das Wort allein die Erinnerung an Märchen von Irrlichtern und schwebendem Schimmer in schwarzer Nacht — — schwankender Rasenboden, der bei jedem Schritte nachgab und einen dennoch trug, wenn man sich nur nicht zu weit vorwagte, und darunter eine kühle, schwarze, zähflüssige Masse von unergründlicher Tiefe.

Vorläufig ging Mahrensee auf einem ganz gewöhnlichen Fahrweg, der zuweilen von einem Rinnsal abgeschürft war. Die Schatten wurden weicher — ja, auf einmal war die Wasserkuppe verschwunden, und von Gersfeld waren nur der Kirchturm und einige Hausdächer sichtbar.

Nach einer halben Stunde begegnete er einem Bauernjungen, der gerade seine Kühe heimtrieb. Glockengeläut im Abendschein! Zuweilen blieb eine Kuh stehen und schnappte noch einige Gräser vom Wegrande, bis der kleine, bissige Hund kläffend auf sie losfuhr und die Kuh sich in komischen Sprüngen, die bald in einen ruhigen Trab übergingen, den andern anschloß.

Er fragte den Bauernjungen, ob er auf dem richtigen Wege zu den Mooren sei. Ja, er konnte gar nicht fehl gehen. Er dankte und schritt schnell weiter.

Bei einer steinigen Halde verlor sich der Weg; einzelnstehende Büsche und Erdwellen versperrten nach allen Seiten den Ausblick, aber er hatte ja die Richtung und brauchte nur geradeaus weiter zu steigen. In einer Stunde mußte er oben sein.

Die Sonne war untergegangen, ohne daß er es bemerkt hatte, die Ränder der grauen Wolken glühten noch tiefrot, aber die Wolken wuchsen an, sie zogen nicht vom Horizont herauf, sondern wuchsen an. Es war, als ob sie ihrer großen Höhe wegen klein ausgesehen hätten und jetzt herabsinkend an Größe zunähmen. Ja, natürlich, er ging beruhigt weiter, der Himmel bildete ja keine Kuppel, an der die Wolken entlang glitten, die Wolken hatten in Wirklichkeit natürlich alle ganz verschiedene Abstände von der Erde, sie mochten sie auch dauernd verändern, mochten höher steigen oder sich senken. Und weshalb sollten sie sich auch durchaus nur unterhalb des Horizonts bilden können und dann herausschweben? Gerade am Zenit könnte doch ebensogut eine Wolke entstehen oder sich vergrößern. Wenn man sich vorstellte, bei hellem Sonnenschein in einem Ballon emporzusteigen, würde man eine große Fläche überblicken und sich dann sehr gut denken können, wie hoch der Luftraum über ihr wäre, in dem die Wolken sich in allen Richtungen srei bewegten. In Wirklichkeit — —

Da war sie wieder, die unfaßbare Wirklichkeit, die man sich immer wieder vorrechnen konnte. Aber jetzt, wo der Himmel ganz bedeckt und düster war, wo sich Dämmern um die Büsche wob und der Wind in einzelnen Stößen die Blätter rascheln ließ, jetzt war es unmöglich, sich irgend etwas anderes über den Wolken vorzustellen wie den Himmel als dunkelviolette, geschlossene Kuppel mit den Sternen.

Hatte Mahrensee sich verirrt? Er konnte keine Andeutung des Weges mehr sehen. Aber das war schließlich kein großes Mißgeschick; er mußte ja bald den Kamm erreicht haben, und dort würde er auf die Landstraße stoßen.

Der Wind nahm an Heftigkeit zu, dabei wurde es auch immer dunkler. Dem Knaben wurde es unheimlich zumute; wenn er in die Moore käme — —

Jetzt war er aus der Gebüschzone herausgetreten, vor ihm lag die kahle Halde, der Kamm hob sich schwarz von den Wolken ab. Aber überall lagen dunklere Flecken, waren es Büsche oder moorige Stellen?

Nein, es waren Felsbrocken, er sah es jetzt deutlich und atmete auf. Solange er sich an sie hielt, war er nicht verloren, konnte er sich immer zu einem von ihnen flüchten.

Der Boden wurde feucht ... schwankte ... Mahrensee fuhr zusammen, mit einem Aufschrei stürzte er zum nächsten Felsen und klammerte sich an ihn.

Als er ruhiger geworden, überlegte er es sich. Nein, es konnte hier nicht so gefährlich sein, denn sonst wäre er bei seinem unbedachten Laufen ganz sicher versunken. Aber es dauerte doch noch eine Weile, bis er sich zum Weitergehen entschlossen hatte.

Er schritt vorsichtig von Grasbüschel zu Grasbüschel, bis er endlich merkte, daß er wieder auf ganz festem Boden war.

Steiler und immer steiler ging es auswärts. Bald mußte der Kamm erreicht sein. Der Wind heulte anschwellend um die kahle Kuppe und sank wieder hin. Zuweilen zerrissen die dunklen Wolken und ließen einen schmalen Streifen des funkelnden Sternhimmels sehen.

Endlich der Kamm — und ein Windstoß, daß Mahrensee sich gegen ihn stemmen mußte. Und schwarze ragende Striche — Telegraphenstangen! Dort war also die Landstraße.

Er hüllte sich fest in sein Cape und zog die Mütze tief ins Gesicht. Mit schräg gehaltenem Kopfe kämpfte er um jeden Schritt, zuweilen drängte ihn der Sturm vom Wege ab — weiter, immer weiter.

An beiden Seiten der Landstraße sah er undeutlich im Dunkel schwarze Strecken sich in die Nacht verlieren; das waren also die Moore! Aber er hatte die Telegraphenstangen, die waren nicht zu verfehlen.

Und auf einmal ein helles Fenster mitten in der Nacht. Umrisse eines großen Schuppens, kleinere Häuser daneben.

Aufatmend klopfte er an. Eine Frau öffnete. Oh, was für eine freundliche Wärme ihm entgegenströmte.

»Wie weit ist es noch bis zur Wasserkuppe?«

»Eine Stunde. — Aber wenn Sie vorlieb nehmen wollen — bei dem Wetter.«

Dankbar nahm er es an. Nein, er konnte nicht mehr weiter. Im selben Augenblick, wo er wußte, daß der Kampf vorbei sein konnte, fühlte er Müdigkeit — und Grauen vor Nacht und Sturm.

Die Frau machte ihm Butterbrot und Tee.

Ja, hier war das Moorhaus; er hatte es gut getroffen, daß es gerade Sonnabend war, wo alle Arbeiter in die Stadt hinunterzugehen pflegten. An einem andern Tage hätte er hier kaum Herberge finden können. Er mußte sich aber mit einem Bett im Schuppen begnügen, wo die Arbeiter sonst schliefen.

Und er erzählte der Frau in der warmen Stube vom Ferienausfluge nach dem Dammersfeld und Dr. Arler. Sie kannte ihn sogar, er war vor einigen Jahren hier gewesen und hatte auch im Moorhaus übernachtet. Es war eine ähnliche Sturmnacht gewesen. Im Herbst war das Wetter auf dem unbeschützten Kamm fast immer so.

Als Mahrensee gesättigt war, begleitete die Frau ihn mit einer sturmsicheren Laterne zum Schuppen hinüber. Hu, wie das blies, der Knabe zitterte und war froh, als sich die Tür der kleinen Kammer hinter ihm geschlossen hatte.

War das nicht doch ein Abenteuer, ein Moormärchen? Er lag in dem rohen Bett irgendeines Arbeiters zwischen grauen Laken, ganz allein in dem großen Schuppen, um dessen Dach der Wind heulte. Und draußen die schwarze Nacht und das weite Moor, tief unten im Tale ein freundliches Städtchen. Er dachte an den Weg, die Kühe und den Sumpf, in den er geraten war, und an die schaurige Wanderung auf dem Kamm. Und jetzt lag er hier in einem warmen Bett, das von einer freundlichen Frau, die er gar nicht kannte, für ihn zurecht gemacht worden war.

Das Rütteln der Tür — es ging in seine Träume über und es weckte ihn am Morgen; er hatte also wirklich eine ganze Nacht auf dem Moore zugebracht!

Draußen noch immer Nebel und Wind, aber doch Tageshelle.

Er lief zum Wohnhause hinüber. Die Frau brachte ihm ein Waschbecken und dann heißen Kaffee. Sie wollte aber durchaus keine Bezahlung annehmen und stand in der Tür und blickte ihm nach, als er weiter wanderte.

Aber das Moor war am Tage gar nicht schön. überall hatte man große Stücke aus dem Boden ausgehoben, Spaten und andere Geräte lagen herum, sauber geschickte Stöße von Torf — und plötzlich sogar arg zerzauste Versuchsbeete, wo man auf Schildchen lesen konnte, was für ein Phosphat hier angewandt war — wie kam das aufs Moor?

Mahrensee beschränkte sich aufs Wandern. Das war an sich eine Lust, auch wenn es nichts Besonderes zu sehen gab.

Und der Nebel — feuchte, ziehende Schwaden, die plötzlich die Aussicht selbst auf den nächsten Telegraphenpfahl verhüllten. Dann konnte man wieder mehrere hundert Schritte weit sehen.

Und auf einmal zerriß der Nebel; er sah tief unter sich das Städtchen im heitersten Sonnenschein — dann schloß sich wieder der Vorhang.

Immer weiter in Wind und feuchtem, ziehendem Nebel — war die Wasserkuppe noch immer nicht da? Nein, er war erst eine halbe Stunde gegangen. Noch einmal ebensoviel oder etwas mehr — dann würde er dort sein.

Aber die halbe Stunde verstrich, eine dritte — Mahrensee ging noch immer auf dem breiten Bergrücken im Nebel weiter. Er war stumpf geworden; nur wenn er für Augenblicke stehen blieb, kam ihm das Bewußtsein wieder, und das verlangte nur das eine: die Wasserkuppe zu erreichen.

Es ging steiler bergan, die Straße teilte sich; der eine Zweig führte abwärts, der andere hinauf. Sollte schon hier der Gipfel liegen?

Mahrensee war etwas enttäuscht. Dann wäre die Nebelwanderung also vorbei, wäre für immer gewesen. Er mochte es noch nicht recht glauben.

Aber dort oben tauchte wirklich das Gasthaus auf — mit vernagelten Fenstern und Türen und wassertriefendem Aussichtsturm.

Der Knabe versuchte sich vorzustellen, daß er jetzt auf dem höchsten Punkte der Rhön stände, unter ihm die anderen Berge, die Täler, Städtchen und Dörfchen lägen, aber es war ihm unmöglich. Er stand nur bei scharfem Winde in dickem Nebel bei einem verlassenen Hause.

Er ging die Straße hinunter. Sobald er den Wald erreichte, hörte der Wind auf, der Nebel wurde dünner, und auf einmal war er in warmem Sonnenschein. Er blickte zurück; dort lag der Nebel, hing fest an den Tannen. Was die Wand verbarg, konnte er nicht sehen. Er wußte aber, es war der Gipfel der Wasserkuppe.

Er ging immer weiter auf der Landstraße, die über Wiesen, durch Buchenwälder und Tannenschonungen führte. Die Sonne wurde wärmer, ja heiß und drückend. Hier unten regte sich kein Wind. Am Himmel war kein Wölkchen — ein herrlicher Herbsttag.

Als er in seinem fröhlichen Wandern die Ebene erreichte und zurückblickte, da lag die ganze Wasserkuppe unverhüllt vor seinem Blick. Er sah den langgestreckten Rücken, den jähen Abfall, am höchsten Gipfel das Gasthaus.

Also dort war er noch vor einigen Stunden gewesen, bei fegendem Nebel und kaltem Winde — —

In einigen Stunden würde er im Schnellzuge sitzen, zu seiner Mutter fahren, vom Fenster seines Abteils aus die ganze leuchtende Pracht der Rhön versinken sehen, kleine Hügel würden ihm den Anblick der ruhigen Kuppen entziehen — — Und gestern war er noch auf dem Dammersfeld gewesen, bei Uglop und Gruber, bei Dr. Arler und Ninon und den lärmenden Kleinen.

Er ging weiter, der Eisenbahnstation zu. Er hatte keinen Willen mehr, er wurde geführt, er wußte nicht, von wem und wohin, aber er ließ es geschehen.



VI.

Ferien zu Hause! Von der Mutter hört man keine Ermahnungen, die beiden großen Brüder sind freundlich, wenn auch etwas herablassend, alles ist darauf eingestellt, es einem behaglich und angenehm zu machen. Die früheren Schulkameraden behandeln einen mit Achtung und Scheu. Das Gymnasium ist wohltuend fremd, man betrachtet im Vorbeigehen das graue Gebäude mit einem wohlwollenden Lächeln, es geht einen gar nichts mehr an, man ist darüber hinausgekommen. Die früheren Lehrer werden höflich begrüßt, aber man steht ihnen nur als Jüngerer dem Älteren gegenüber. Im Stande ist man ihnen gleich, und der liebenswürdig zuvorkommende Ton, in dem man ihre Fragen beantwortet, verrät nicht wenig Selbstbewußtsein. Überall fühlt man noch die Fäden, die einen fest mit der alten Stadt verbinden, aber dabei ist man doch ein halber Fremdling. Selbst kennt man alles, aber man lebt eigentlich in einer höheren Welt, von der die anderen nicht mehr als einige Andeutungen erfahren dürfen.

Und dann kommt bald wieder die Abreise, und auf den nachblickenden Gesichtern liest man gern die Bestätigung, daß man wieder einer abgeschlossenen Welt zufährt, der nur die wenigen Auserwählten angehören dürfen.



VII.

Da ist also wieder das Gut, dort das Schulhaus mit seinen Nebengebäuden, alles unverändert, wie Mahrensee es vor kurzem verließ, und doch liegt eine andere Luft über dem Ganzen. Den Rucksack auf den Rücken ging er mit einer munteren Schar ins Gebirge — jetzt kehrt er im Wagen aus der Stadt zurück, und was dazwischen liegt — mögen der Tage auch nur wenige sein — ist ein Abgeschlossenes, Gewesenes, ein Wellenberg, der einmal da war und für immer versank. Nur die Erinnerung kann ihn wieder erstehen lassen, die Wirklichkeit nicht mehr.

Eine Spanne Zeit verrann.

Ja, und der Laubwald hat seine Blätter verloren. Man kann tief zwischen die Stämme hineinsehen, bemerkt sonst von den Zweigen verborgene Gräben und Hügel.

Neue Schüler sind angekommen, wie nach jedem Ferienschluß. Sie stehen scheu in städtischen Kleidern in den Ecken herum und wagen keinen Schritt zu tun, bis irgendeiner sich ihrer annimmt. Und neue Lehrer sind da — immer die beiden Typen: die jungen, lustigen Leute, die aus irgendeinem Grunde für einige Monate einen Unterschlupf brauchen, bevor sie in den Staatsdienst treten. Sie scheuen sich nicht, nachts in Gruppen in eines der nahen Dörfer zu gehen, um Bier zu trinken und dann singend heimzukehren.

Am geistigen Leben der Schule nehmen sie keinen Teil, kümmern sich nicht um Kapelle und Gartenbau, im Unterricht sind sie gewissenhaft, oft streng und dulden keine Nachlässigkeit. Man munkelt davon, daß solche Lehrkräfte sehr billig seien; es gäbe nur wenige Idealisten wie Onkel Franz, und gute erprobte Lehrer seien teuer, besonders hier, wo sie keine Sicherheit auch nur für die nächste Zukunft haben.

Die Schüler wissen: der Direktor wird sie als neue Helfer an seinem Werke einführen und sie vom zweiten Tage an übersehen, einfach übersehen.

Und dann die andern, die mit den gefurchten Gesichtern und der Begeisterung für die Sache. Irgendwo sind sie als Pfarrer, als Literaten, als Beamte oder freie Existenzen gestrandet, haben in aller Hast irgendein Examen abgelegt und wollen jetzt endlich einmal wirken, wollen bis in die stillsten Stunden und in die Kammern der Schüler dringen, wollen alles verstehen, sich allem opfern, wollen überall helfen, klären, fördern.

Die Schüler wissen: der Direktor wird ihnen mit offenen Armen entgegenkommen, stundenlang mit ihnen spazieren gehen, ihnen vielleicht sogar einmal die Abhaltung einer Kapelle überlassen — bis er eine Störung seiner Kreise wittert und sie langsam zurückdrängt, die Mithelfer zu einfachen Lehrern degradiert, nur, daß sich jedem von ihnen einige Knaben angeschlossen haben, mit denen sie über ern­ste Dinge reden, so wie sie diese im Laufe ihres schweren Lebenskampfes kennen gelernt haben.

Und den ganzen Tag über kehrten Schüler zurück; die älteren, die unter der Führung von Lehrern Touren zu Fuß oder zu Rad unternommen hatten, kamen truppweise mit gebräunten Gesichtern und schmutzigen, defekten Anzügen; die Knaben, die zu Hause gewesen waren, kamen einzeln, manche trugen steife Wäsche zum Schulanzuge.

Dr. Arler war mit den Kleinen schon vor mehreren Tagen zurückgekehrt.

Auf der Treppe begegnete Mahrensee Uglop.

»Ach, willst du mir nicht etwas helfen?«

»Womit denn?« fragte Uglop und ging mit ihm zusammen wieder hinauf.

»Ich habe einige Sachen für mein Zimmer mitgebracht.«

Es waren neue Gardinen, aus einem duftigen hellblauen Stoff, einige Bilder, eine elektrische Birne und vor allem ein Stück schweren, dunkelroten Tuches.

Uglop setzte sich auf den Bettrand und sah zu, wie sein Freund Gardinen und Bilder aufhängte.

»Siehst du,« sagte Mahrensee, als er mit dieser Arbeit fertig war, »die kleine Birne will ich gerade über meinem Kopfkissen haben, damit ich nachts lesen kann, ohne daß man es von draußen steht. Aber das rote Zeug soll eine schöne Draperie herum bilden. Wie macht man eigentlich Falten?«

Uglop wußte es nicht.

Mahrensee wollte es ausprobieren, aber es wurde nie so, wie er es wünschte. Entweder lag der Stoff glatt an oder sah schief aufgehängt aus, das anheimelnde Gewirr von vielen, kleinen Falten, so wie es ihm vorschwebte, bestand immer nur so lange, wie er es mit der Hand festhielt. Er war nahe daran, sein Vorhaben aufzugeben.

»Mach doch zunächst eine Ecke fertig«, sagte Uglop endlich.

Mit Hilfe von unzähligen Nägeln und Reißstiften ließ sich wirklich eine handgroße Rosette herstellen. Aber der Rest des Stoffes hing unglücklich verkrümmt und völlig unverwendbar herab.

»Dann schneid es einfach ab«, riet Uglop dem Ratlosen. Mahrensee zögerte. Es kam ihm unrichtig vor, das schöne Stück Tuch zu zerschneiden. Aber es gab da keinen anderen Ausweg. Und so zerlegte er den Stoff in kleine und große, schmale und breite, viereckige und dreieckige Stücke und fügte eine schwungvolle Falte an die andere. Zwei Kästchen mit Reißstiften gingen darauf. Aber schließlich war die ganze Wand am Kopfende des Bettes von der Draperie bedeckt.

Als Mahrensee zurücktrat und wohlgefällig das Resultat seiner Arbeit betrachtete, sagte Uglop plötzlich:

»Weißt du eigentlich, daß Ninon fort ist?«

Mahrensee fuhr zusammen. Ihre Anwesenheit war so selbstverständlich, daß er ihrer gar nicht besonders gedacht hatte.

»Fort? Was soll das heißen?«

Uglop zuckte die Achseln, streckte sich lang auf dem Bett aus, schloß die Augen und sagte:

»Luttenbach ist mit seiner Frau und Ninon gestern abgereist. Er hat ein Telegramm bekommen.«

Mahrensee hatte alle Freude an seiner Arbeit verloren. Er trat ans Fenster und sah zum Nebenhause hinüber, wo Ninon ihr Kämmerlein gehabt hatte.

»Kommt sie denn nicht wieder?« fragte er nach einer Weile.

»Ich weiß es nicht. Ich glaube es nicht. Wenn man so fortgereist ist, kommt man nie wieder.«

Mahrensee verstand ihn nicht:

»Hat es denn einen Krach gegeben?«

Uglop sah ihn verwundert an:

»Nein — wieso denn?«

»Weil du sagtest: wenn man so fortgereist ist.«

Uglop bewegte verneinend den Kopf und blickte zur Decke empor:

»Wenn man lange an einem Ort gewesen ist und auf einmal fortreist, dann kommt man nicht mehr zurück.«

Mahrensee war nicht mehr ganz auf diese Gedankengänge eingestellt, obwohl sie eine vertraute Saite anklingen ließen, und dazu wollte er sich nicht damit abfinden, daß Ninon für immer fort sei. Er sagte:

»Luttenbach kann doch eine kleine Reise machen. Was ist denn dabei.«

Uglop schwieg.

Mahrensee hatte einen alten Faden wieder aufgefunden und fuhr lebhaft fort:

»Und sieh einmal, man kann sich doch gar nicht vorstellen, daß sie für immer fort sein sollte, da sie doch immer hier gewesen ist.«

Uglop überlegte lange, dann sagte er aufstehend:

»Du hast recht, beides ist gleich undenkbar. Das sind gerade die Dinge, die man nicht begreifen kann.«

Er strich sich langsam über die Stirn und ging hinaus.

Mahrensee hielt es nicht mehr in seinem Zimmer aus. Er lief zu Dr. Arler hinüber.

»Du wieder hier? Wie war es zu Hause?«

Der Knabe schüttelte den Kopf:

»Franz, ist es wahr?«

»Was, mein Junge?«

»Daß Ninon fort ist?«

Dr. Arlers Gesicht wurde auf einmal ganz ernst. »Ja.«

»Kommt sie denn nicht wieder?«

»Es ist möglich, Otto, aber ich glaube es kaum.«

»Wo ist sie denn?« fragte er und fühlte, wie ihm Tränen in die Augen traten.

Dr. Arler sah ihn an:

»Nicht einmal das kann ich dir sagen.«

»Weißt du es auch nicht?«

»Doch, ich weiß es. Aber ich habe versprochen, nicht darüber zu reden.«

Der Knabe biß sich auf die Lippe. Das war wieder eins von den Geheimnissen, die nur den Erwachsenen gehörten. Weshalb eigentlich?

Dr. Arler legte ihm den Arm um die Schulter.

»Mein Junge, es wird ja leider nicht dein einziger Kummer bleiben. Wenn du einmal draußen im Leben stehst, wirst du lernen müssen, noch Schwereres zu ertragen, als die Trennung von einem lieben Menschen.«

Mahrensee machte sich von ihm los; der ganze Knabentrotz brach in ihm auf.

»Franz, was soll das heißen, im ›Leben‹? Ihr Erwachsenen tut immer so, als ob wir hier gar nichts erlebten und das große ›Leben‹ einmal komme. Immer wieder müssen wir das hören.«

Dr. Arler setzte sich.

»Das Wort vom ›Leben‹ ist keine banale Phrase. Es bedeutet: unter eigener Verantwortung zu handeln. Natürlich ist das an keinen Zeitpunkt gebunden — es mag Beamtennaturen geben, die nie die eigene Verantwortung Kennen lernen. Es mag Menschen geben, denen sie angeboren ist. Sie brauchen keine Erziehung von außen her, sie müssen nur immer sich selbst treubleiben, um sich zu entwickeln und etwas zu werden. Vielleicht gehörst du zu diesen. Wir wissen so wenig voneinander, auch wenn wir Freunde sind. Freundschaft bedeutet auch nicht gegenseitige Kenntnis, sondern gegenseitiges Vertrauen. Ich will gern dein Freund sein — besonders falls du jetzt schon draußen im ›Leben‹ stehst — einsam bist.«

Da warf sich der Knabe schluchzend in Dr. Arlers Arme.

Als er nach einer Weile das Zimmer verließ, hatte er das Empfinden, in dieser Stunde seltsam gewachsen zu sein. Ernst und gefaßt kam er zum Abendessen. Aber es fiel ihm hier nicht ganz leicht, seine Würde zu bewahren, denn alle Heimgekehrten erzählten durcheinander ihre Ferienerlebnisse, was er schwer ohne Interesse anhören konnte. Und dann mußten auch die neuen Gesichter unter Schülern und Lehrern abgeschätzt werden.

Als aber das Gespräch auf Luttenbach und Ninon kam, stand er still auf und ging in sein Zimmer.

Er war nicht mehr betrübt und es erschien ihm unbegreiflich, wie er bei Dr. Arler hatte weinen können. Er sah klar. Ninon war also fort. Eine unabänderliche Tatsache. Und er blieb hier zurück. Er hatte sein eigenes Zimmer, wohin er sich in seiner Freiheit immer zurückziehen konnte. Er brauchte nicht wie Gruber und Uglop mit allen andern Obertertianern im großen Saal zu schlafen. Er nahm also in gewisser Beziehung eine Sonderstellung ein. Er wollte sie ausnutzen, wollte mehr lesen als früher, eigentlich hatte er viel Zeit mit Nichtigkeiten verloren, jetzt im Winterhalbjahre hatte er Gelegenheit, es wieder einzuholen.

Wie ärmlich doch diese Gedanken waren. Er fühlte eine Sehnsucht, sich schluchzend auf das Bett zu werfen, er sah sich in Verzweiflung dort auf den Knien liegen — aber es wäre nur Theater gewesen, das wußte er. Und eisig stieg es in ihm auf, er hatte sich nicht nur mit der Welt abgefunden, auch mit sich selbst, er war ebenso nüchtern wie sie. Sehnsucht, Wärme, das waren Dinge, die es nicht gab — —

Aber doch lag in einem Winkel seiner Seele ein Fleckchen anmutiger Landschaft im Sonnenschein. Er wollte es betrachten, durch Worte festhalten, aber da zogen sich graue Schleier darüber.

Und auf einmal wurde ihm bewußt, daß er ganz allein in seinem dunklen Zimmer stand, und er empfand eine wehmütige Freude darüber, daß er sich doch hatte vergessen können.

Aber als er jetzt das Dunkel genießen wollte, begann er wieder in Worten zu denken. Er seufzte und drehte das elektrische Licht an.

Es war ja auch noch mancherlei auszupacken und in Ordnung zu bringen.

Während er unlustig mit dieser Beschäftigung begann, trat Gruber ein:

»Hör, was machst du heute abend?«

Mahrensee blickte ihn verwundert an.

»Ja, Herr Doktor ist natürlich noch nicht gekommen, heute ist keine Kapelle, und Franz sagt, wir sollen tun, was uns paßt, nur nicht zu lange aufbleiben. Weißt du übrigens, daß Luttenbach und Ninon fort sind?«

Mahrensee nickte; ja, er hatte es gehört.

Er fragte:

»Wolltest du hinaus? Es regnet ja.«

»Das tut doch nichts.«

»Ach nein, dazu habe ich jetzt keine Lust,« sagte Mahrensee, »aber weißt du was? Hol doch Uglop herauf und ich mache Tee.«

»Wo ist er denn?« fragte Gruber, die Hand am Türgriffe.

»Sicher im Klassenzimmer, dort hockt er ja immer herum. Ich mache inzwischen hier etwas Ordnung.«

Gruber ging fort und kam nach einer Weile allein zurück.

»Nein, im Klassenzimmer war er nicht, und es hat ihn auch kein Mensch gesehen.«

Mahrensee machte auf einem Spirituskocher Tee.

»Das ist eigentlich viel netter,« sagte er und blickte dabei in die blaugelbe Flamme, »als die dumme Kapelle, die einem den ganzen Abend zerreißt. Siehst du, das Abendessen gehört eigentlich doch noch zum Tage, es ist ja gleich nach der Arbeitsstunde und man könnte noch alles Mögliche vornehmen. Aber man geht statt dessen eine halbe Stunde herum und tut nichts Vernünftiges, und dann kommt die Kapelle wie ein dicker Strich, der alles beendet. Wenn man danach noch etwas tun will, muß man richtig von vorn anfangen.«

Er schenkte ein.

»Zuweilen habe ich mich von der Kapelle gedrückt, und da hat der Tag nicht so einen Einschnitt, verstehst du, er geht ruhig weiter, und plötzlich ist es eben spät geworden, und man geht ins Bett. Einigemal hatte ich mich eigentlich schon gedrückt und bin gerade noch zum Schluß von hintenher hingegangen. Dann ist der Strich in Wirklichkeit nicht da, aber man fühlt ihn doch etwas, das heißt in Wirklichkeit ist er natürlich da, aber man nimmt ihn nicht ernst, er ist äußerlich, er geht einen nichts an« —

Das letzte hatte er unaufmerksam vor sich hingesprochen, denn bei dem Worte Wirklichkeit dämmerte eine unklare Erinnerung herauf, er sah eine Gedankenkette aufzucken, um die aber das Dunkel schwarz zusammenschlug, sobald er sie aufnehmen wollte.

Gruber sah mißvergnügt vor sich hin:

»Ich kann eigentlich diese ewige Drückerei nicht leiden. Wenn man einmal hier ist, soll man auch alles mitmachen. Aber die Leute drücken sich von Gartenarbeit, Dauerlauf und Fußball, wenn das Wetter schlecht ist; in der Arbeitsstunde machen sie Unfug, und weil Herr Doktor zu anständig ist, um bei der Kapelle draußen zu kontrollieren, drückt man sich auch da. Aber so wie du es machst, ist es nun ganz gemein, noch gerade vor Schluß hinzukommen, um beim Gutenachtsagen dabei zu sein.«

Zuerst war Mahrensees ganze Gedankenwelt umgekippt worden, und er hatte Gewissensbisse gefühlt. Aber die wandelten sich in Ärger; jetzt hatte er dem dummen Kerl so ernste Dinge gesagt, und der begriff nichts davon und kam wieder mit seiner Moral. Uglop hätte ihn gewiß verstanden.

Gruber bereute seine Worten, als er ihren Eindruck merkte, und sagte besänftigend:

»Die ganze Kapelle ist natürlich nicht so, wie sie sein sollte. Man sollte wirklich fühlen, daß der Tag nun mit allen einzelnen Kleinigkeiten vorbei ist und daß man jetzt zusammenkommt, um gemeinsam einen großen Gedanken zu hören und damit schlafen zu gehen. Aber Herr Doktor liest leider so schlecht vor und oft so langweilige Sachen. Man denkt an ganz andere Dinge, und wenn die Kapelle draußen ist, schläft man zuweilen ein. Aber ich glaube doch nicht, daß es richtig ist, immer so viel zu kritisieren und zu spotten. Der Gedanke mit der Kapelle ist eigentlich so schön. Man sollte von sich aus etwas mehr auf ihn eingehen oder aber —« er wurde plötzlich heftig — »man sollte zu Herr Doktor hingehn und ihm einfach sagen: ›so, wie die Kapelle jetzt ist, paßt sie mir nicht, darf ich nicht lieber fortbleiben?‹ Ich bin überzeugt, daß er es ohne weiteres erlaubt.«

»Ja, aber du weißt, wie er solche Erlaubnis gibt und wie er einen dabei ansieht.«

»Nein, er würde es ganz ehrlich erlauben und einen nur achten.«

Mahrensee sah die sonderbar ausweichenden Augen des Direktors vor sich. Er schüttelte zweifelnd den Kopf.

Uglop kam herein. Sein Anzug war naß, und er hatte ganz schmutzige Stiefel.

»Ach, ihr habt Tee —«

Mahrensee gab ihm eine Tasse.

»Bist du draußen gewesen?« fragte Gruber.

»Ja, ich war etwas im Walde«, antwortete Uglop und setzte sich auf das Bett.

»Ich schlug Mahrensee auch einen kleinen Gang vor, aber er hatte keine Lust«, bemerkte Gruber.

Uglop sah flüchtig zu ihm auf.

»Schade. Ich hätte gern gewußt, wie es ist, zu dritt im Walde zu sein.«

»Das sind wir doch oft genug gewesen«, sagte Gruber leichthin.

Uglop verzog schmerzlich das Gesicht.

Mahrensee sah ihn an; Uglop hatte gewiß draußen im Walde etwas Köstliches erlebt; er wollte ihn nicht danach fragen, solange Gruber dabei war. Der verstand ja nichts von diesen feinen Dingen und nahm ihnen nur den Hauch.

»Ich würde auch gern ein eigenes Zimmer haben«, sagte Uglop und blickte sich um. »Ich habe gar keinen Raum, wo ich wirklich allein sein kann — ja, den Wald. Im Klassenzimmer sind plötzlich immer andere Menschen und sprechen laut.« Er schwieg.

Mahrensee fühlte ein so tiefes Mitleid mit ihm, daß seine Augen feucht wurden. Uglop, der wie kein anderer Ruhe und Stille brauchte, mußte bei Nacht in den triefenden Wald gehen, um allein zu sein.

»In den andern Giebel sollen auch zwei Zimmer gebaut werden,« sagte Gruber. »Wir können ja Herrn Doktor bitten, daß er sie uns beiden gibt.«

Nur wieder ein flüchtiges Aufblicken; Uglop verfolgte einen anderen Gedanken.

»Oder wenn es dir unangenehm ist, will ich allein zu Herrn Doktor gehen und auch für dich bitten.«

Gruber war immer ein hilfsbereiter Kamerad; aber als der andere auf sein freundliches Anerbieten gar nicht einging, schwieg er verletzt.

Nach einer Weile hatte Uglop sich gesammelt:

»Es ist so, man sieht nichts als Schatten und dunkle Massen, man strauchelt, ist nahe daran, gegen Bäume zu stoßen oder in Gräben zu fallen, man tastet im Ungewissen vorwärts — vielleicht geht man auch nur im Kreise — nasse Zweige streifen einem das Gesicht, und nichts anderes hört man, als das gleichmäßige Aufschlagen der Tropfen auf die herbstharten Blätter. Nur zuweilen ein Laut, ein Flattern in den Kronen oder ein Rascheln in den Büschen, und man weiß nicht, was für ein Wesen dort flüchtete.«

Er hatte in einem singendem Tonfall gesprochen, der auf Mahrensee wirkte. Unwillkürlich kam es heraus:

»Wie schön du das gesagt hast.«

Er errötete, als er sah, wie Grubers Mund sich spöttisch verzog.

Mit müder Stimme begann Uglop wieder:

»Und da wurde mir klar, daß wir eigentlich auch am Tage so umhergehen — im Dunkel, ohne mehr als unklare Massen zu sehen, unverständliche Laute zu hören, in steter Gefahr gegen Baumstämme zu stoßen oder in Gräben zu fallen. Ja, auch die nassen Zweige sind da, die einem das Gesicht streifen, ohne daß man ihrer gewahr wird — vielleicht auch die schweren Regentropfen.«

Mahrensee war ganz von dem Bild ergriffen; er hatte Uglops Gedanken völlig verstanden, nur unter den Regentropfen konnte er sich nichts vorstellen. Aber er wollte seinen Freund nicht durch eine unmittelbare Frage aus seiner Stimmung reißen und sagte deshalb:

»Wenn die Regenwolken fortgezogen wären, und der Mond auf die nassen Blätter und die feuchten Stämme und die Waldwiesen geschienen hätte — was dann?«

»Ja,« sagte Uglop schwer, »dann wäre alles anders gewesen, dann hätte es keine Vielfältigkeit gegeben, und ich und der Wald wären eins gewesen und nichts Fremdes hätte mich da beunruhigt und zum Nachdenken gezwungen. — Gute Nacht.«

Er reichte beiden die Hand und ging hinaus.

In Mahrensees Kopf kreuzten sich die Gedanken. Oh, nur ein Wort finden, um schnell das Gespräch auf ein harmloses, unverfängliches Gebiet zu bringen, bevor noch Gruber Gelegenheit hätte, etwas Unschönes über Uglop zu sagen — und Uglops Gedanken aufzubewahren, als Ton, als Bild, als Farbenackord aufzubewahren, um ihn dann in der Nacht wieder hervorzusuchen und zu betrachten — —

Gruber sagte:

»Uglop geht so bestimmt seinen eigenen Weg, daß er ganz sicher etwas erreicht. Vielleicht wird er ein großer Philosoph.«

Mahrensee wurde warm, als er diese Worte hörte, in denen nichts von Spott oder Überhebung lag. Er sagte jetzt nichts, er wartete nur ab, was Gruber etwa noch hinzufügen würde. Und dieser fuhr eifrig fort:

»Ich hatte mir eigentlich gedacht, daß ein Philosoph anders anfinge, weißt du, ich meinte, man müßte zuerst alles lesen, was andere gedacht haben, um zu sehen, wie weit sie recht haben, und dort, wo sie zu irren beginnen, müßte man selbst mit dem Nachdenken anfangen. So würde ich es jedenfalls machen, wenn ich Philosoph werden wollte.«

»Glaubst du nicht, daß man es aber auch wie Uglop machen kann? Sich um nichts anderes kümmern und alles von sich aus suchen?« fragte Mahrensee zögernd. Er war nicht imstande, die Frage selbst zu entscheiden.

»Ja,« erwiderte Gruber selbstsicher, »das geht natürlich auch. Aber wenn man an allen andern so gleichgültig vorbeigeht, wie Uglop es tut, dann macht man zunächst eine ganz überflüssige Arbeit, nämlich das noch einmal auszudenken, was andere früher schon richtig gedacht haben. Und sieh mal, man hat dann gar keine Kontrolle, man weiß nichts von fremden Standpunkten, an denen man immer wieder aufs neue prüfen könnte, ob man recht hat. Man kann in ganz schlimme Sackgassen geraten, was einem nicht passiert, wenn man vorher durchgearbeitet hat, was andere über denselben Gegenstand geschrieben haben —«

Er sprach noch weiter in dieser vernünftigen Art, aber Mahrensee hörte ihm nicht mehr zu. Wenn es auch denkbar war, daß Gruber die Überlegungen selbst hervorgebracht hatte — die klugen Redewendungen konnten unmöglich von ihm stammen. Wo mochte er sie wohl her haben? Ach natürlich von Dr. Arler oder aus dessen Büchern. Und er fühlte einen nervösen Abscheu zugleich mit Bewunderung über die Leichtigkeit, mit der jener sich in neuen Gebieten zurechtfand.

»Man verliert sich in persönlichen Dingen und kommt nie zu objektiven Wahrheiten — —«

Diese Worte hörte Mahrensee wieder. Auf dem Kreuzberge war nur von einer objektiven Wahrheit die Rede gewesen. Jetzt waren es schon mehrere. Aber er hatte jetzt von Grubers angelerntem Geschwätz genug und sagte schärfer, als es seine Gewohnheit war:

»Ich glaube nicht, daß man sich je in persönlichen Dingen verlieren kann. Schließlich ist doch das Persönliche allein das wirklich Wahre.«

Er hatte es nicht so sagen wollen, obwohl es gut klang.

Seine feinen Ohren hörten einen unharmonischen Oberton heraus. Weder diese Sicherheit noch dieses Pathos war ehrlich. Er fürchtete, daß Gruber an die mürbe Stelle in der Schutzmauer pochen würde.

Aber Gruber tat es nicht, sondern sagte ganz ruhig:

»Du hast natürlich soweit recht, als man nur zu etwas Vernünftigem kommt, wenn man das eigene Leben und dessen Aufgabe ernst nimmt. Dann wird ja die Pflicht zu einer persönlichen Arbeit.«

Er war sehr ernst geworden, lehnte höflich eine neue Tasse ab und ging bald darauf.

Mahrensee war endlich allein.

Wie dumm war das gewesen, was Gruber gesagt hatte. Oberflächlich und dazu noch moralisch. Und wie lächerlich, schwulstige Redensarten zu brauchen, die man gerade irgendwo aufgeschnappt hatte.

Aber Mahrensee bemühte sich vergeblich, sich selbst von seiner Überlegenheit zu überzeugen. Im Grunde schämte er sich bitter.

Denn das, wogegen er nur mit Unehrlichkeit hatte aufkommen können, das war Grubers Sicherheit gewesen. Jener glaubte fest, was er sagte, er sah sich nicht selbst, fürchtete nicht, sich lächerlich zu machen, wenn er banal redete, kümmerte sich überhaupt nicht um den Eindruck, den seine Worte hervorriefen, sondern sprach ruhig alles aus, was er für richtig hielt.

Es wäre schön, Gruber zu gleichen, offen und sicher den eigenen Weg zu gehen — oder wie Uglop einsam sich selbst immer getreu zu bleiben — —

Mahrensee warf sich im Bett herum. Er fühlte in sich keinen Halt, nur den Kampf wirrer, heißer Sehnsucht mit kalten, klaren Worten.



VIII.

Mahrensee verließ nach dem Schluß des Unterrichts das große Schulgebäude.

Die Stunde bis zum Mittagessen gehörte ihm, und er wollte den Wald wiedersehen und seine liebe, kleine Hütte.

Der Regen hatte aufgehört, aber schwere, graue Wolken hingen tief am Himmel. Der Lehmboden war schlüpfrig, und überall hatten sich große Pfützen gebildet.

Die Ferien waren also endgültig vorbei, waren es von dem Augenblick an gewesen, wo das Heulen der Dampfpfeife ihn aus dem Schlafe riß. Mechanisch hatte er das Licht eingeschaltet, aber es waren mehrere Minuten vergangen, bevor er sich wirklich an den Gedanken gewöhnte, daß die Schulzeit wieder begonnen hatte und bis zu den Weihnachtsferien dauern würde — drei Monate lang, auf den Tag genau drei Monate lang.

Dieser Umstand war es eigentlich, der ihn jetzt aus dem warmen Hause forttrieb. Gruber hatte vom Abreißkalender die in den Ferien stehengebliebenen Blätter entfernt und dabei seine Kameraden auf das Datum aufmerksam gemacht. Ja, es war der dreiundzwanzigste Oktober. Eigentlich eine sonderbare Ziffer. Die Drei wies mit allen ihren Ausstrahlungen nach links, aber die Zwei setzte weder diese Bewegung fort, noch stellte sie sich ihr entgegen. Sie ruhte ganz in sich auf ihrem breiten Fuße. Sie war nicht steif und tot, nein, es wäre unrecht gewesen, das über sie auszusagen, in ihr lag Leben, aber es zersplitterte sie nicht, war harmonisch gefestigt — ja, wie Gruber.

Mahrensee haßte diese starren Termine, dieses Wissen um Zeitpunkte der Zukunft. Er kannte ja nicht nur den Anfangstag der Weihnachtsferien, er vermochte weiter zu rechnen, Ostern übers Jahr kam das Einjährige, drei Jahre darauf das Abitur — ein unabänderlich fixierter Weg, Einschnitte, Querschnitte durch das Leben, wie die Kapelle am Abend.

Er fürchtete sich natürlich nicht vor den Prüfungen, er würde sie ohne Mühe bestehen, wenn wohl auch nicht ganz so glatt wie Gruber, aber jedenfalls doch leichter als Uglop. Aber diese Dinge durchbrachen so hart das ruhige Weiterschwimmen, das lässige Teiben im Augenblick, zwangen einen gleichsam noch weiter zu denken, an Studium, Doktorexamen, Beruf, Heirat, Kinder, Sterben. Sie zogen einen in das Zahnradgetriebe überflüssiger Notwendigkeiten, hinderten einen daran, einem Gedanken auf seinen Abwegen in immer zarteren Verästelungen zu folgen, und zwangen ihn auf die grobe Hauptstraße zurück, während doch nur die dämmrigen Waldverließe und gewundenen Seitenpfade Reize boten, die Möglichkeit schimmernder Überraschungen in sich trugen.

Sonderbar — er blieb stehen, wenn er sich ein Bild für den Verlauf eines Gedankens suchte, sah er vor sich immer wieder den Wald, den die Landstraße roh durchschnitt, während an beiden Seiten die Geheimnisse lagen. Aber man mußte weiter, hatte keine Zeit, sich überall aufzuhalten. Die Strecke war nicht klein, die in der einen Woche durchwandert werden sollte.

Ja, so waren diese Pfingstferien im Thüringer Walde verlaufen.

Aber ihm hatten sie keine Befriedigung gebracht, nur die Sehnsucht nach dem Unbekannten stärker erregt. Die Zeit hatte gedrängt, ein harter Termin, der keine ziellosen Abschweifungen erlaubte.

Und an einem bestimmten Tage waren die Ferien zu Ende gewesen, ein dicker Strich quer durch das Leben, wie jetzt, wie es der dreiundzwanzigste Dezember sein würde. Diese Bestimmtheit war hart, verletzte tiefer, als die Weihnachtstage an Freude bringen konnten.

Er wollte sich von den ewig wiederkehrenden Gedanken freimachen. Er begann zu laufen, absichtlich unbekümmert um die Pfützen, deren schmutziges Wasser an ihm heraufspritzte. Er lief am Waldrande entlang, bis er vor Herzklopfen stehen blieb.

Und hier waren ja auch die beiden Tannen, die den Weg zu seiner Hütte wiesen. Er trat in den Hochwald und durchschritt ihn hastig, denn dort hinten war durchgelichtet worden, es grüßte nicht mehr der niedere, dichte Laubwald, der seine Hütte verbarg. Ach, es waren nichts als schwanke Stangen, brüchige Stöcke und eine Schicht von braunen, halbverfaulten Blättern auf dem Erdboden. Und die Hütte lag frei und unbeschützt, nackt und kläglich schief.

Er ging zu ihr hin. Die Bretter waren aufgeschwollen, an einigen Stellen hatte sich die Dachpappe gelöst.

Er öffnete die Tür und stieß von innen das Fenster auf. Er mochte sich nicht auf die Bank setzen, sie war so schmierig. Und die Grube im Fußboden, sein geheimer Keller — er hob den Deckel ab, alles war verschimmelt, und einige Asseln flüchteten erschreckt vor dem unwillkommenen Licht.

Da ging er fort, nicht weiter durch den kahlen Wald, sondern den Weg zurück, den er gekommen war. Aber jetzt lief er nicht mehr, sondern schritt bedächtig um die Pfützen herum.

Er brauchte ja keinen Kraftrausch mehr, er hatte jetzt nichts mehr zu verlieren.



IX.

Gruber hatte den Direktor wirklich gebeten, ihm und Uglopp die beiden neuen Dachzimmer zu überlassen, und jetzt war er dabei, sich einzurichten. Seine Eltern hatten ihm einige Gegenstände geschickt, die er in der Kleinstadt nicht in der Ausführung bekommen konnte, die er sich wünschte. Es war ein ganzer Reisekorb voll schöner Dinge.

Mahrensee half ihm beim Auspacken.

»Es ist beinah zu viel,« sagte Gruber, »ich will doch ein Arbeitszimmer und keinen Salon haben.«

Mahrensee fühlte etwas wie Neid bei aller dieser Pracht, an der seinem Freunde nicht einmal etwas zu liegen schien. Aber der hatte ja auch reiche Eltern.

»Schickt dir dein Vater eigentlich alles, was du haben willst?« fragte er und betrachtete die vielen Bücher, die Gruber jetzt dem Korb entnahm und auf den Tisch aufstapelte. Es waren wunderschön ausgestattete Klassiker und dicke, wissenschaftliche Werke über Wirtschaftspolitik.

»Ach Gott, ich bitte ihn nur um Sachen, die ich wirklich brauche, aber er schickt mir daneben immer auch überflüssige Dinge, sieh doch nur —« und er holte ein zierliches chinesisches Deckchen heraus, das für einen eleganten Rauchtisch bestimmt zu sein schien, und warf es achtlos in die Ecke.

»Wie machen wir es jetzt,« sagte er nachdenklich. »An die Längswand kommt natürlich das Bett, die Ecke neben der Tür können wir durch einen dieser leichten Vorhänge abschneiden, dahinter steht dann der Waschtisch. Du, ich habe es: ich rücke den Tisch ganz in die Fensterecke und stelle den Klappstuhl zwischen Tisch und Bücherregal. Dann kann man beim Lesen ein Buch bequem neben sich auf den Tisch legen und sich ein neues nehmen. Oder soll der Tisch neben dem Bücher­regal stehen? Man liest vielleicht aufmerksamer, wenn man am Tisch sitzt, und dabei kann man sich auch Notizen machen. Aber dann brauche ich ja den Klappstuhl überhaupt nicht. Nein, wie ich es zuerst machen wollte, ist es doch besser.«

Mahrensee stand voll Bewunderung diesen gewissenhaften Vorbereitungen zur Arbeit gegenüber, und er half nach Kräften.

Endlich war alles in Ordnung. Die schönen Bücher standen im Regal, ein kleiner polierter Wandschrank — Gruber, der zu solchen Arbeiten sehr geschickt war, hatte ihn selbst in seiner Freiheit angefertigt — hing daneben, ein Teppich bedeckte das freie Mittelstück des Fußbodens, und auf dem Tisch standen in einem Glasbecher, der zu einem Drittel mit grünen Kugeln gefüllt war, Bleistift und Füllfeder. Ja, Gruber besaß wirklich eine Füllfeder.

Es war trotz seiner Kleinheit sicherlich das ordentlichste und hübscheste Zimmer im großen fünfstöckigen Schulgebäude.

Das Tischdeckchen wurde wieder in den Koffer gepackt. Gruber hatte keine Verwendung für solche Luxusgegenstände.

»Wollen wir nachsehen, was Uglop mit seinem Zimmer angefangen hat?« schlug er vor, als er die ganze Einrichtung eingehend gemu­stert hatte und zufrieden war.

Sie gingen zu Uglop hinüber. Aber der hatte nichts geordnet, nichts eingeräumt. Das Feldbett lehnte noch zusammengeklappt an der Wand, ein Tisch stand daneben, ein roh gezimmertes Bücherregal lag auf dem Fußboden. Er selbst kauerte auf einem Stuhl dicht beim Heizkörper.

Mahrensee hatte das Gefühl, aus einer friedlichen Oase in eine trostlose Öde versetzt zu sein. Gruber konnte in einer solchen Lage nicht untätig bleiben.

»Hier ist es ja gräßlich kalt,« sagte er, »warum schraubst du die Heizung nicht weiter auf?«

»Sie ist ganz offen,« antwortete Uglop kläglich, »aber es wird nicht warm.«

Gruber sah gleich, daß der Haupthahn zu tief eingeschraubt war. Er holte sein großes Jagdmesser, mit dessen Hilfe die Sache in wenigen Minuten in Ordnung gebracht war. Fauchend drang der Dampf in den Heizkörper.

Uglop stand auf.

»Das ist schön,« sagte er und reckte sich. »Ich glaubte schon, ich würde es hier immer kalt haben.«

»Bist du denn gar nicht darauf verfallen, die Heizung etwas genauer anzusehen?« fragte Gruber übereilt, denn Uglop war ja immer so schrecklich unpraktisch. Er fügte schnell hinzu:

»Mahrensee und ich wollten dich fragen, ob wir dir vielleicht beim Einrichten etwas beistehen könnten?«

»Wollt ihr wirklich so gut sein?« kam ganz hilflos die Antwort.

Mahrensee sah Gruber an, dieser nickte. Die beiden Knaben verstanden einander vollkommen: hier galt es für sie, ganz nach eigenem Gutdünken das Zimmer für Uglop einzurichten. Er selbst war dabei gar nicht zu gebrauchen.

Das Bett war gleich aufgeschlagen, Tisch, Stuhl und Waschgerät an seinen Ort gestellt worden, aber das Zimmer blieb nüchtern und kahl.

Uglop hatte seinen Freunden wortlos zugesehen. Jetzt wandte sich Gruber an ihn:

»Hast du denn nicht irgend etwas, womit man das Zimmer gemütlicher machen könnte? Bilder oder Decken?«

»Ich glaube nicht, aber wenn ihr nachsehen wollt, ob ihr irgend etwas von meinen Sachen brauchen könntet —«

Die großen Schränke der Schüler standen auf den Korridoren und auf dem Wäscheboden; in den Schlafsälen wie in den kleinen Einzelzimmern hätten sie zuviel Raum fortgenommen.

Alle drei gingen zu Uglops Schrank. Als Gruber ihn öffnete, quoll ihm ein wildes Durcheinander von Kleidungsstücken, Wäsche, Büchern, Stiefeln und andern, im Augenblick nicht erkennbaren Gegenständen entgegen. Gruber wühlte ein wenig in dem Chaos herum, dann stopfte er es resigniert wieder in den Schrank zurück. Uglop sah ihm schweigend zu.

Mahrensee wollte beiden über die peinliche Situation hinweghelfen und sagte:

»Das sind alles nur praktische Sachen, aber könntest du nicht nach —« er verschluckte das Wort »Hause« — »nach Berlin schreiben, daß man dir etwas Gemütliches für dein Zimmer schickt?«

Uglop sah mißmutig vor sich hin:

»Ach nein, ich mag das nicht.«

»Weshalb nicht?« fragte Gruber froh, sich über den Inhalt des Schrankes nicht äußern zu müssen. »Wenn die Leute doch alles für dich bezahlen.«

»Es ist doch nicht ganz dasselbe,« erwiderte Uglop zögernd. »Was ich hier so von der Anstalt bekomme, geht einfach auf die Rechnung, und die wird direkt dem Rechtsanwalt geschickt. Aber in diesem Falle müßte ich selbst an ihn schreiben — nein, das kann ich nicht«, brach er kurz ab.

»Ist er denn unfreundlich gegen dich gewesen?« fragte Mahrensee, unwillkürlich die Stimme dämpfend.

Uglop sah ihn erstaunt an:

»Nein, gar nicht. Das heißt, wir haben nie etwas direkt miteinander zu tun gehabt. Aber sieh einmal, jetzt ist er so weit fort, ich habe ihn seit Jahren nicht gesehen, weiß nichts von ihm — und wenn ich ihm jetzt schreibe, finge er vielleicht an, mich zu fragen und sich überhaupt um mich zu kümmern. Das wäre doch schrecklich. Ich glaube, ich würde dann jeden Tag Angst haben, daß ein Brief käme!«

Unten wurde zur Arbeitsstunde geläutet. Uglop blieb unschlüssig stehen, dann sagte er mit einem geheimnisvollen Lächeln:

»Heute werde ich also zum ersten Male in meinem eigenen Zimmer arbeiten.« Er nickte seinen Freunden zu und wandte sich um.

Gruber sah ihm nach und sagte dann vergnügt:

»Du, Mahrensee, er bemerkt sicher gar nicht, daß er weder seine Bücher noch eine Lampe in seinem Zimmer hat. — Übrigens —« seine Stimme klang ganz sachlich, »wir wollen doch sehen, ob wir ihm nicht irgend etwas Nettes für sein Zimmer verschaffen können. Wenn auch nur einige Kissen oder Gardinen, vielleicht einen kleinen Teppich. Dann wäre es gleich gemütlicher.«

»Ich will meine Mutter um die Vorhänge bitten, wenn du den Teppich übernimmst. — Du, die kleine Tischdecke, die du selbst nicht brauchst, die ist doch schon etwas.«

»Ja gewiß —« Gruber zögerte mit der Antwort — »natürlich mag er sie gern haben, aber ich kann ihm doch nicht gut etwas schenken, weil ich selbst es nicht brauche.«

»Nein, das geht wohl nicht.« Mahrensee schämte sich, etwas so Unzartes vorgeschlagen zu haben.

Von unten her klang die rauhe Stimme des Direktors:

»Was tut ihr denn noch da oben? Es hat schon längst zur Arbeitsstunde geläutet.«

Die Knaben flüchteten leise in ihre Zimmer.

Mahrensee legte schnell ein Lehrbuch aufgeklappt auf den Tisch, um gegen alle Möglichkeiten gesichert zu sein.

Dann betrachtete er sein Zimmer. Gewiß, es war ärmlich, wenn er es mit Grubers Zimmer verglich, aber doch atmete es mehr Leben. Von jedem der vielen Bilder mußte er noch, wo er es ausgeschnitten hatte, und erst die so mühsam hergestellte Draperie! Zu den hellblauen Gardinen hatte er sich nach langem Zaudern entschlossen. Ja, Gruber schrieb einfach nach Hause, er wollte die und die Sachen haben, und bekam sie auch. Aber dadurch hatte sein Zimmer diese kühle Eleganz erhalten.

Er sah nach der Uhr; eine ganze Stunde war schon verflossen, die Hälfte der festgesetzten Arbeitszeit. Wenn er nur sicher vor dem Besuch des Direktors gewesen wäre, hätte er in Libussa lesen können.

Aber so schob er es lieber für die Nacht auf.

Draußen heulte der Wind; die Gardinen bewegten sich. Es war doch gut, in einem warmen Zimmer zu sitzen.

Wieder eine Viertelstunde, die vergangen war? Eigentlich gräßlich, untätig dazusitzen und die Zeit ungenützt verstreichen zu lassen.

Er nahm sich zusammen und beugte sich über sein Lehrbuch. Ach so, es war die französische Grammatik. Er begann zu blättern und hier und da einen Satz zu lesen. Es war recht viel, was er gar nicht oder nur ungenau wußte. Er hatte ja auch nie ordentlich gearbeitet. Das Wenige, was von einem Tage zum andern verlangt wurde, las man schnell in der Pause durch. Das durfte nicht so weitergehn. Er sah nach. Die Grammatik war in sechsunddreißig Lektionen eingeteilt. Wenn er jeden Tag eine richtig auswendig lernte — die Woche hatte sechs Tage, eigentlich nur fünf, denn am Sonnabendnachmittag tat man doch nichts in der Arbeitsstunde — konnte er in sieben Wochen — nein, da blieb ein Tag übrig, er mußte auch am Sonnabend arbeiten, dann würde er genau in sechs Wochen fertig sein. Später sollte ebenso die englische Grammatik — hm, sie war allerdings auch in Lektionen eingeteilt, aber nur in zwölf, und jede von ihnen war viel zu lang, um an einem Tage erledigt zu werden. Er mußte also Unterabteilungen schaffen. Ja, und dann die andern Fächer. Es wäre angenehm, mit der Gewißheit im Unterricht zu sitzen, jede Frage beantworten zu können.

Da schlug die Turmuhr sieben. Noch einige Minuten — weshalb dauerte es heute so lange? — dann läutete es, die Arbeitsstunde war zu Ende. Aufatmend schlug er das Buch zu; jetzt konnte man sich ruhig auf den Treppen zeigen.

Bevor er zum Abendessen herunterging, wollte er doch nach Uglop sehen. Dessen Zimmer war dunkel. Mahrensee ließ die Tür offenstehen; ja, sein Freund saß auf dem Bett und hatte die Beine heraufgezogen.

»Ist es schon so spät?« fragte Uglop erstaunt.

»Ja, es ist sieben. Hast du denn geschlafen?« fragte Mahrensee zurück.

»Nein —«, er streckte die Füße aus und ließ sich langsam herabgleiten. »Es ist doch sonderbar; wenn du mir nicht bestimmt gesagt hättest, daß es schon sieben ist, würde ich meinen, es wäre halb sechs: Ich habe eigentlich gar kein Zeitgefühl«, sagte er nachdenklich.

»Komm«, sagte Mahrensee — er hatte sich ja entschlossen, jetzt systematisch zu arbeiten, und war deshalb allen Zweifeln an der Wirklichkeit der Dinge abgeneigt.

Es herrschte eine gedrückte Stimmung im großen Speisesaal. Man flüsterte nur und bemühte sich, das Klirren der Teller zu vermeiden. Auf dem Podium an der Schmalseite saßen am halbkreisförmigen Tische die Lehrer — schweigend, während sonst gerade daher oft ein herzliches Lachen klang.

Der Direktor saß in ihrer Mitte, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, und blickte über die Köpfe aller Schüler weg ins Leere, während er große Brotbissen in den Mund schob.

Auf das Glockenzeichen hin, das den Aufbruch gestattete, erhoben sich schnell die allermeisten Schüler und eilten hinaus, um in den Klassenzimmern und auf den Treppen zu tuscheln, was wohl für ein Unheil drohte. Aber niemand hatte eine begründete Vermutung.

Die Kapelle begann ganz wie gewöhnlich. Alle Knaben saßen auf den amphitheatralisch ansteigenden Bänken. Kein Lehrer war anwesend — sie wurden, auch Dr. Arler, instinkt­mäßig als Eindringlinge angesehen.

Der Direktor begann mit müder Stimme, ohne jemals vom Buche aufzublicken, eine moralische Geschichte vorzulesen. Sie konnte keinen Eindruck mehr machen, alle kannten die Novelle auswendig, sie hatten sie schon hundertmal gehört, und während die wohlbekannten Sätze in immer gleichem Tonfall an den Ohren beruhigend vorbeiplätscherten, ließ jeder die Gedanken ungebunden umherschweifen. Die Novelle nahm eine Stunde in Anspruch, so lange war man vor jeder Plötzlichkeit gesichert. Die Kleinen legten einer nach dem andern den Kopf gegen die Stuhllehne des Vordermannes und schliefen sanft ein. — Vom Hofplatz her klang zuweilen ein unterdrücktes Lachen und Gekreisch der Mägde — kurz es war alles so, wie es zu sein pflegte.

Die Novelle war zu Ende, der Direktor legte das Buch auf den Tisch, griff mit gesenkten Lidern nach einem zweiten Band und las mit gleichgültigem Pathos ein Gedicht vor, das er ebenfalls schon oft vorgelesen hatte. Er klappte das Buch zu, ein älterer Schüler setzte sich ans Harmonium, man sang stehend ein Lied — — —

Aber dann kam die Unsicherheit. Sollte man wie gewöhnlich zum Direktor hingehen und ihm eine gute Nacht wünschen? Einige machten einen halben Schritt aus den Stuhlreihen hinaus und blieben stehn, andere setzten sich wieder auf ihre Plätze — es war die atemlose Spannung vor etwas Ungewöhnlichem.

So vergingen mehrere Minuten in Ratlosigkeit.

»Meine jungen Freunde,« begann der Direktor endlich — es war sein gefürchteter ironischer Ton, hinter dem sich die in Wochen aufgesammelte Bitterkeit verbarg — »jetzt sind wir also ganz in unserem neuen Hause eingerichtet. Es freut mich, konstatieren zu können, daß mit dem neuen Hause auch ein neuer Geist in uns alle eingezogen ist. Einige der älteren Schüler haben ja eigene Zimmer, um ganz ungestört arbeiten zu können. Einer von ihnen, der erst heute seins bekam, hat schon heute nachmittag mit einem solchen Feuereifer gearbeitet, daß er gar nicht bemerkte, wie er die ganze Zeit über im Stockdunkeln saß.« Der Direktor machte eine Pause. Einige der Kleinen kicherten, aller Augen waren auf Uglop gerichtet, aber dieser blickte unangefochten gradeaus.

»Ein solcher Lohn für das Vertrauen, das ich in euch setze, ist mir natürlich eine Er­quickung. Doch meine ich: ist jemand mit einem solchen Arbeitseifer geboren, könnte er eigentlich ebensogut zu Hause in Berlin sein. Er hat ja keine Erziehung mehr nötig.«

Mahrensee wurde es kalt, das war eine solche Taktlosigkeit gegen den armen heimatlosen Uglop —

Der Direktor schwieg eine Weile, dann fuhr er mit ganz veränderter Stimme fort:

»Die Älteren unter euch werden sich noch an die Zeit im Harze erinnern; wir waren damals nur ein kleines Häuflein, aber ich darf wohl sagen, daß ein ganz anderer Geist von Ordnung und Strebsamkeit unter uns herrschte. Wir wurden zu viele, und vor anderthalb Jahren war die Teilung der Anstalt eine Notwendigkeit geworden, wie in einigen Jahren eine neue Teilung vielleicht eine Notwendigkeit sein wird. Im Harz ließen wir also die unteren Klassen zurück. Eine einheitliche Lebensführung von Angehörigen zu verschiedener Altersstufen ist ja auch schwer einzuhalten.

Dann kam das halbe Jahr, wo wir uns provisorisch unten in den Wirtschaftsgebäuden einrichteten, während das Schulhaus hier oben im Bau war. Schlafräume, Speisesaal und Klassenzimmer lagen alle ziemlich weit voneinander entfernt; es war kein Wunder, daß da etwas Unordnung einriß, obwohl ich wirklich geglaubt hatte, ihr würdet von selbst mehr Disziplin halten.

Und heute ist es ein Jahr her, daß wir hier oben eingezogen« — durch die Schüler ging eine Bewegung: das war also die Veranlassung der heutigen Rede — »es war damals wohl noch nicht alles fertig; während wir hier schon lebten, wurde erst das elektrische Licht eingelegt und die Zentralheizung in Ordnung gebracht, das Dachgeschoß ausgebaut — immerhin waren alle Vorbedingungen gewissenhaften Arbeitens gegeben. Ich glaubte, jetzt würde alles in ruhige Bahnen kommen, jeder würde sich nach Kräften bemühen, das in der Übergangszeit vielleicht Versäumte wieder einzuholen. Aber der eine drückt sich von der Gartenarbeit unter dem Vorwunde, Musik üben zu müssen, der andere aus sonst einem Grunde, alle Lehrer kommen zu mir mit Klagen über Unlust und Schläfrigkeit im Unterricht, von irgendeinem gemeinsamen Geiste ist nichts zu spüren, die Großen sondern sich völlig ab, statt die helfenden Freunde der Kleinen zu sein. In der Arbeitsstunde wird geschlafen — nun, —« er sah mit einem eiskalten Lächeln auf die Schüler — »ich will euch nicht in eurem Vergnügen stören. Heute wird nicht zum Schlafengehen geläutet, bleibt auf, so lange ihr wollt, treibt was ihr wollt, es ist ja nur zu eurem eigenen Schaden. Vielleicht werdet ihr dann morgen zur Besinnung kommen, daß es doch ganz gut ist, wenn man sich an die Schulordnung hält — gute Nacht.«

Er wandte sich um und ging hinaus. Seine Bücher ließ er liegen.

Nun, die Nacht war nicht sehr munter; alle wußten ja, daß es für sie nicht die angenehmsten Folgen haben würde, wenn sie die so liberal gegebene Erlaubnis ausnutzten. Die Kleinen schlichen scheu ins Bett, und erst als sie das Licht gelöscht hatten, begannen sie sich flüsternd voreinander zu rechtfertigen, indem sie nachwiesen, daß jeder einzelne ihrer Fehler an sich eigentlich ganz belanglos oder entschuldbar gewesen war. Die Untersekundaner — sie bildeten die oberste Klasse, da die Anstalt erst im Heranwachsen war, — hatten die — ohne Ironie — erteilte Erlaubnis, nach Gutdünken abends aufzubleiben, um sich zum Einjährigen vorzubereiten. Sie gingen achselzuckend an ihre Arbeit; in einem halben Jahre standen sie im Examen, und da hatten sie an ernsthaftere Dinge als den Geist der Anstalt zu denken.

Die drei Obertertianer mit eigenen Zimmern nahmen wieder eine Sonderstellung ein. Am obersten Treppenabsatz hatten sie einander getroffen und blieben unschlüssig stehen.

»Wir könnten noch gerade Uglops Licht in Ordnung bringen«, sagte Gruber.

Mahrensee unterdrückte ein Lächeln. Ja, ja, es war schon besser, wenn Uglop die Arbeitsstunde morgen wenigstens in einem erleuchteten Zimmer verbrachte. Dann würde der Direktor nichts sagen, er hatte immer eine gewisse Scheu vor Uglop gehabt, dessen Sonderbarkeiten, die ja nie aggressiv waren, wie auf Verabredung von allen übersehen wurden. Höchstens neue Lehrer stießen sich an seinen Kanten, bis sie einsahen, daß es zwecklos war, von ihm irgendeine Anteilnahme zu verlangen.

Da die Drähte in das Zimmer gelegt waren, nahm die Befestigung des Kontaktes und der Lampe Grubers geübte Hände nur eine Viertelstunde in Anspruch.

Jetzt war das Zimmer doch wenigstens hell und warm, wenn auch recht ungemütlich.

»Was sagst du zu dem Krach?« fragte Mahrensee Uglop. Er war doch neugierig zu erfahren, welchen Eindruck der Abend auf den harmlosen Urheber der Verstimmung gemacht hatte. Es war ja immer so, daß eine Kleinigkeit den aufgespeicherten Zorn des Direktors zur Entladung brachte.

»Ich habe anfangs nicht ordentlich zugehört,« antwortete Uglop. »Er hatte eigentlich recht, es war damals im Harz ganz anders. Ich habe noch mehr darüber nachgedacht.«

»Wie war es denn?« fragte Mahrensee; von den ersten Jahren der Anstalt vor seinem Eintritt hatte er sich nie ein rechtes Bild machen können.

»Ja, sieh mal, wir waren damals überhaupt nur ganz wenige, ich kam zuerst, einige Wochen später wurden noch sieben oder acht aufgenommen und dann kam einer nach dem andern dazu. Aber am Schluß des zweiten Jahres waren wir sicher noch nicht zwanzig.

Klassen gab es damals noch nicht, wir waren alle verschieden alt, die Lehrer kamen jeden Vormittag aus der Stadt. Wir hatten alle zusammen Unterricht, und das war eigentlich so, daß der Lehrer etwas erzählte und wir zuhörten. Es gab keine Arbeitsstunde, wir konnten alle tun, was wir wollten, und das ganze Leben war sehr gemütlich. Wir waren immer alle zusammen, Herr Doktor schlief im selben Zimmer wie wir und war furchtbar nett. Man konnte ihn fragen, was man wollte. Es waren eigentlich dauernde Ferien, nur daß man am Vormittage einige Unterrichtsstunden hatte.«

Mahrensee erschauerte; so war die Schilderung in den Schulprospekten gewesen, die ihm die Anstalt als einzige Rettung gewiesen hatten. Auf Grund dieser Bilder hatte er seine Mutter gequält und gequält, ihn aus dem städtischen Gymnasium fortzunehmen, bis sie ihm schließlich nachgab.

»Aber als ich kam, waren doch schon Klassen und alles andere da«, sagte er leise.

»Warst du denn noch mit im Harz?« fragte Uglop.

»Ja, ich kam ein halbes Jahr vor der Übersiedlung.«

»Ich kam direkt hierher,« klärte Gruber die Verwechslung auf. »Ja richtig —« Uglop dachte nach. »Ich weiß nicht mehr so genau, wie alles kam. Die ersten Jahre habe ich ganz genau in Erinnerung, aber dann wurde alles allmählich anders. Es kamen eben mehr und mehr Schüler, wir mußten mehrere Schlafzimmer haben, Herr Doktor nahm sich eins für sich allein, dann kamen Lehrer, die in der Anstalt wohnten, zuerst Dr. Arler, dann auch andere, wir wurden in Klassen eingeteilt, zuerst nur in zwei, dann irgend einmal zu Ostern in die richtigen Klassen. Dann saßen wir auch klassenweise bei Tisch. — Es ist doch sonderbar, daß etwas ganz langsam so anders werden kann.« Er versank in Nachdenken.

»Erzähle doch noch mehr«, bat Mahrensee.

Uglop blickte ganz verwirrt auf.

»Seit wann ist Herr Doktor so, wie er jetzt ist?« fragte Gruber, um seinem Freunde einen festen Handgriff zu geben.

»Das kann ich dir gar nicht sagen,« antwortete Uglop nach kurzem Schweigen. »Ich sehe ihn in zwei ganz verschiedenen Bildern: als den lustigen, älteren Kameraden, der überall dabei war und uns immer in Frieden ließ und half, wenn man ihn darum anging, — und dann so, wie er jetzt ist.«

»Hat es dann einmal einen großen Krach gegeben?« fragte Mahrensee. Diese Erklärung der Veränderung lag am nächsten.

Uglop überlegte:

»Nein, ich erinnere mich nicht an einen Krach. Es ist wohl am wahrscheinlichsten, daß er sich langsam mehr und mehr zurückzog, als die Anzahl der Schüler zunahm. Wir wurden so viele, daß schon wieder neue Schüler da waren, ehe man sich noch an alle Gesichter gewöhnt hatte, die alten Schüler gingen nach und nach alle ab, und ich blieb allein übrig. Was sollte ich auch mit allen den Neuen, die ich gar nicht kannte. Es ist gut, daß ich jetzt ein eigenes Zimmer habe«, schloß er müde.

Mahrensee sah nach der Uhr und stand erschrocken auf:

»Es ist schon halb elf.«

Gruber hatte sich ebenfalls erhoben.

»Heute abend dürfen wir ja aufbleiben, solange wir wollen,« sagte er in einem spöttischen Ton, der Mahrensee ganz erstaunte. »Aber wenn Uglov schlafen will gute Nacht.«

»Gute Nacht«, erwiderte Uglov und begann sich auszukleiden.

Als er die Tür geschlossen hatte, sagte Gruber mit Nachdruck zu Mahrensee:

»Ich fand es grenzenlos gemein von ihm, so über den armen Uglov herzufallen.«

Gruber, der loyale Schüler, der immer den Direktor gegen die Kritiken der Schüler in Schutz nahm, äußerte sich jetzt so über ihn! — Er war also doch durch und durch ein anständiger Kerl.

Aber noch ehe Mahrensee sich darin zurecht gefunden hatte, fuhr Gruner fort:

»Ist es aber nicht köstlich, daß Uglop von der ganzen Sache gar nichts gemerkt hat?«

»Köstlich« war natürlich ein gräßlich affektiertes Wort, aber Mahrensee schob es beiseite, weil ihm etwas Wichtigeres einfiel:

»Ich hatte noch in der Kapelle darüber nachgedacht, ob Uglop es gemerkt hätte, aber ich wurde nicht darüber klar. Deshalb fragte ich ihn jetzt, wie er sich zu dem Krach stellte, aber er kam dann gleich mit der Erzählung über die Schulzeit im Harz, und darüber vergaß ich das andere. — Aber natürlich hat er nichts gemerkt, das ist jetzt ganz klar.«

»Kommst du noch etwas zu mir herein?« fragte Gruber, er war wieder ruhig geworden.

»Ach nein, danke, ich lese vielleicht noch etwas im Bett«, sagte Mahrensee.

»Es ist wohl am vernünftigsten, sich jetzt gleich schlafen zu legen. Wenn man morgen eine Minute zu spät zum Frühstück kommt, ist das Unglück da. — Was es eigentlich für einen Sinn haben soll, an einem Abend das Läuten wegfallen zu lassen, begreife ich nicht. Meint er, daß wir jetzt wilde Orgien aufführen und morgen ganz erschöpft sind?«

Mahrensee zuckte die Achseln.

»Gute Nacht,« sagte er kurz und ging in sein Zimmer. Es tat ihm nun doch weh, den treu­sten Anhänger des Direktors so höhnisch über ihn sprechen zu hören. Er ging schnell ins Bett, drehte die kleine Zweikerzenlampe an und begann in Libussa zu lesen.

Eine Stunde war vergangen, als er plötzlich einen wohlbekannten Schritt hörte. Schnell drehte er die Lampe aus und steckte das Buch unter die Decke.

Es wurde leise an die Tür geklopft:

»Bist du noch wach?«

»Ja, Herr Doktor.«

Der Direktor trat ein und schaltete die große Tischlampe ein. Die offiziellen Kontakte befanden sich in allen Zimmern am Türrahmen.

Das war jetzt ein ganz anderer Mann, als in der Kapelle. Er setzte sich auf den Stuhl und sagte leise:

»Ich bin so traurig über diesen Abend.«

Mahrensees Erinnerung lief blitzschnell zurück. Ja, es hatte eine Zeit gegeben, wo er und der Direktor solche Gespräche führten. Er wußte noch genau, wie erstaunt er, der schüchterne Neuling, eines Tages gewesen war, als er fühlte, wie lieb ihn der Direktor hatte. Damals hatte er sogar »du« zu ihm sagen dürfen. Später hatte der Direktor ihn aufgefordert, ihm zu berichten, was die Schüler trieben, er könnte sie nicht erziehen, wenn er nicht auch das wüßte, was sich vor seinen Augen verbarg. Mahrensee hatte ihm auch einige harmlose Kleinigkeiten wiedererzählt, um ihn nicht zurückzustoßen, aber als der Direktor sich damit nicht zufrieden geben wollte, hatte er sich nach einem mehrtägigen, schweren Gewissenskampfe still von ihm zurückgezogen. Er mochte nicht der Spion seiner Kameraden sein. Der Direktor hatte ihm nicht den gering­sten Vorwurf gemacht, stetig und sanft immer wieder um ihn geworben, ihm die kleine Kammer neben seinem Arbeitszimmer eingeräumt — mit der Aussicht über das ganze Schulgut, bis zu den blauen Linien der Rhön, die sich vom glühenden Abendhimmel abhoben. Aber auch dort hatte Mahrensee es nicht gelitten; das scheinbar vertraute Zusammensein bei völliger innerer Fremdheit, mehr als das, bei der Erinnerung an die erloschene Freundschaft brachte ihn dazu, eines Tages seinen Mut zusammenzunehmen und den Direktor um ein anderes Zimmer zu bitten, er könnte ja seine Kammer, die Keinen eigenen Ausgang hatte, nicht betreten, oder wäre dort auf Stunden eingesperrt, wenn im Direktorzimmer Konferenzen stattfänden. Und der Direktor hatte ihm freundlich, aber mit einem traurigen Blick seine Bitte erfüllt. Jetzt war er zum erstenmal in dem neuen Zimmer, das er bisher immer gemieden hatte. Der Knabe fühlte ein tiefes Mitleid mit seinem Lehrer, und die Reue über sein liebloses Verhalten, die er Tag für Tag zurückgedrängt hatte, brach auf einmal hervor. Er wollte etwas sagen, mit einem Worte sein Unrecht wieder gutmachen — — —

»Ja, ja, mein Junge, schlaf wohl«, sagte der Direktor und stand auf.

»Herr Doktor —« kam es von Mahrensees bebenden Lippen.

»Willst du mir noch etwas sagen?« fragte der Direktor, die Hand schon am Türgriff.

Der Knabe kämpfte schwer. Mehreremal setzte er an, aber brachte nichts heraus.

Der Direktor ließ den Türgriff los, beugte sich über den Knaben und strich ihm über das Haar.

»Gute Nacht, mein Junge, schlaf wohl.«

»Gute Nacht, Herr Doktor«, sagte Mahrensee gequält.

Der Direktor drehte das Licht aus, aber er wandte sich noch einmal um und drückte dem Knaben einen Kuß auf die Stirn. Dann ging er.

Mahrensee setzte sich mit einem Ruck im Bett auf. Sollte er ihm nachlaufen, ihm alles sagen — ja, aber was sollte er ihm eigentlich sagen? Sollte er ihn damit trösten, daß Uglop nichts gemerkt hatte? Oder ihm verraten, daß Gruber böse auf ihn sei?

Bei dem Gedanken an Gruber wurde er auf einmal ganz kühl. Er ließ sich aufs Kissen zurücksinken. Es war doch unschön vom Direktor gewesen, aber hatte er nicht wieder damit recht gehabt, daß diese Bummelei nicht anginge? Das sagte Gruber ja auch. Und jetzt war auch dieser ihm untreu geworden, weil der Direktor häßlich gegen seinen Freund gewesen war. Und er selbst war so undankbar gegen ihn gewesen, und hatte heute in der Arbeitsstunde auch nichts getan. Doch, er hatte sich entschlossen, von jetzt ab systematisch zu arbeiten.

Die Gedanken verwirrten sich in ihm, lösten sich in Bildern auf. Die Bilder kehrten immer wieder, jagten einander, tauchten bruchstückweise auf und gingen endlich in Träume über.



X.

Die nächsten Wochen verliefen außerordentlich ruhig. Der Direktor selbst verhielt sich sehr zurückhaltend, und die tonangebenden unter den jüngeren Schülern bemühten sich redlich, korrekt aufzutreten. Die Sekundaner kamen ihrer Examenssorgen wegen nicht in Betracht. Das Wetter war dauernd sehr unfreundlich; wenn auch jene Rede des Direktors soweit Eindruck gemacht hatte, daß fast niemand sich vom Dauerlauf und der Gartenarbeit drückte, so ging man doch kaum ungenötigt hinaus, und was sollte man im Hause anderes tun als arbeiten oder wenigstens lesen?

Was die drei, trotz gelegentlicher Verstimmungen doch so eng befreundeten Obertertianer betraf, so führte jeder von ihnen in dieser Zeit sein eigenes Leben. Uglops Zimmer hatte Teppich und Vorhänge bekommen, und er hielt sich seine ganze Freizeit über hier auf, obwohl man nicht recht wußte, was er eigentlich tat; Mahrensee hielt pedantisch das vorgenommene Arbeitsprogramm ein und folgte im allgemeinen dem Unterricht; Gruber machte wie immer gewissenhaft seine Schulaufgaben, ging aber nicht im geringsten über das, was verlangt war, hinaus, sondern verwandte seine ganze Freizeit zur Lektüre politischer Schriften, die er sich teils von seinen Eltern kommen ließ, teils von Dr. Arler borgte. Übrigens war sein Zimmer noch um einige hübsche Gegenstände bereichert; Bilder, Vasen und ein kleiner Mahagonitisch mit winzigen Schubladen waren hinzugekommen. So hatte das chinesische Deckchen endlich einen Platz gefunden.

An Gesprächen über den Direktor beteiligte er sich nicht, weder angreifend noch verteidigend. Er tat eben seine Pflicht und ging sonst seine eigenen Wege.

So verging die Zeit, und auf einmal waren es nur noch wenige Wochen bis zu den Weihnachtsferien.

Der Direktor gab die Handwerksstunden zur Anfertigung von Weihnachtsgeschenken frei, man erzählte einander von den Freuden, die zu Hause bei den Eltern einen erwarteten, jeder hatte ja liebe Menschen, bei denen er das Fest verbringen würde, sogar die Amerikaner waren von irgend welchen entfernten Verwandten oder Freunden ihrer Eltern eingeladen.

Uglop sah gleichgültig auf den Trubel. Er besaß niemand auf der Welt, er mußte die Ferien wie immer mit einigen Dienstboten in der Anstalt verleben. Das, wovon die anderen mit klopfendem Herzen sprachen, war für ihn eine verschlossene Welt, die ihn auch nicht interessierte. Ihn freute nur, daß sich diesmal durch die Ferien nichts in seinem Zimmer verändern würde — wenn er früher allein in dem verödeten großen Schlafsaal zurückgeblieben war, hatten ihn die leeren Betten erschreckt, und es hatte immer mehrere Nächte gedauert, bis ihm die Veränderung vertraut geworden war.

Als Mahrensee von ihm Abschied nahm, fiel ihm etwas ein:

»Du, Uglop, soll ich dir nicht etwas mitbringen?«

Uglops Gesicht wurde von erstaunter Freude erhellt. Er trat unwillkürlich einen Schritt zurück:

»Ja, wenn du so gut sein willst.«

»Aber was soll es so ungefähr sein?«

Uglov überlegte:

»Bitte such irgend etwas aus, was dir selbst gefällt. Ich mag nichts sagen. Ich könnte mich auch gar nicht so schnell auf etwas Bestimmtes besinnen. Dann kann ich mich in den ganzen Ferien darauf freuen und darüber nachdenken, was du mir wohl bringen wirst. — Du, vielleicht etwas für mein Zimmer, das habe ich jetzt so gern.«

Mahrensee war ganz gerührt bei dem Gedanken, daß es so leicht wäre, Uglop zu erfreuen. Als er mit Gruber bei strömendem Regen quer durch den Wald zur Station der Kleinbahn ging, erzählte er seinem Freunde davon. Gruber war ganz begeistert:

»Ich bringe ihm auch etwas mit. Das erwartet er gar nicht.«

Und dann nahm sie und viele andere der Zug auf. Bei jedem großen Kreuzungspunkt wurden sie weniger, zuletzt reiste jeder allein seinem Ziele zu, wo Eltern und Geschwister warteten, wo man nichts als Freude und Vergnügen und sorgsame Liebe zwei lange Wochen hindurch erfahren sollte.

Oh, süße Heimlichkeit des glitzernden Weihnachtsbaumes.



XI.

War das ein herrliches Januarwetter, als die Knaben wieder zum Schulgute zurücckehrten. Nichts mehr von den tiefgehenden, grauen Wolken, die den ganzen Dezember über Regen und kalten Wind gebracht hatten, nein, bei knisterndem Frost leuchtete der zartblaue Himmel über einer freundlichen Schneelandschaft.

Während der Weihnachtsferien war der Umschlag erfolgt.

Schon in den Pausen der ersten Schultage waren die Jungen draußen und prüften den Schnee; zu Schneeballschlachten war er leider zu trocken, aber zum Rodeln und Schneeschuhlaufen — heidi!

Wer zu Weihnachten einen Stahlschlitten als Geschenk erhalten hatte, versuchte ihn natürlich in jeder freien Minute; vorläufig sanken die Kufen noch im weichen Schnee ein, aber sobald man eingefahrene Bahnen hätte!

Die Schneeschuhe wurden vom Speicher heruntergeholt, das Holz mußte gewachst, das Riemenzeug eingefettet werden.

Die drei Amerikaner verbrachten jeden freien Augenblick in der Schreinerwerkstätte. Sie wollten sich selbst einen lenkbaren Schlitten bauen.

Der Direktor war in bester Laune, wie immer beim Schulanfang, und bei Tisch verkündete er:

»Wenn jetzt von allen ohne Ausnahme im Unterricht und der Arbeitsstunde fleißig gearbeitet wird, will ich vorläufig die Gartenbaustunde freigeben. Sobald aber die geringste Bummelei einreißt, hört es auf.«

Der letzte Satz war keine Drohung gewesen, nur ein Scherz. Denn wer hätte wohl die Verantwortung auf sich nehmen mögen, diese Freiheit zu verwirken?

Gleich nach dem Mittagessen begann das muntere Treiben. An jedem Abhang fuhren die Schlitten hinunter. Manche der Knaben schnallten ihre Schneeschuhe an und übten wieder die halb vergessenen Schwünge. Die Amerikaner hatten sich einen schmalen Waldweg ausgesucht, der nach vielen Krümmungen gerade bei dem Schulhause mündete. Bis auf den Bergrücken hinauf schleppten sie in ihren großen Waschkannen Wasser, denn sie wollten eine Eisbahn herstellen. Einige der Kleineren wurden als Hilfskräfte angestellt, für jede Wasserkanne wurde ihnen eine Fahrt zugesichert. Stonehill führte gewissenhaft darüber Buch.

Gruber zog weit über die Felder, die Spur seiner Schneeschuhe kreuzte scharf und zielbewußt das zarte, nervöse Getrippel der Hasen. Früher war er der beste Schneeschuhläufer gewesen und er wollte seinen Ruf auch in diesem Jahre behalten. Deshalb suchte er sich jetzt einen abgelegenen Hügel zum Üben aus.

Mahrensee hatte noch keinen rechten Entschluß gefaßt. Er ging als Zuschauer von einer Gruppe zur andern. Aber er sah nicht nur die heiteren Bilder von frischen Knaben, die sich mit hochroten Gesichtern unbekümmert im Schnee herumbalgten, er sah auch, wie sich in der Ferne jedes Haus und jeder Baum scharf vom Schnee abhob, wie rein alle Farben waren, als ob es gar keine Luft gäbe.

Da kam Dr. Arler mit einigen der Kleinen vorbei:

»Na, ihr Faulpelze,« rief er einigen der Müßiggänger zu, »kommt mit in den Wald, statt hier herumzulungern.«

Jubelnd scharten sich die Kleinen um ihn, aber so leicht kam er doch nicht davon. Zuerst mußte er die neue Bahn probieren, die einige Untertertianer gerade eingefahren hatten.

Mahrensee hätte ihn gern auf der Wanderung durch den Wald begleitet, aber damit hätte er sich ja selbst zu den Faulpelzen gerechnet. Deshalb lief er schnell ins Schulhaus und holte seinen Schlitten. Gerade wie er herauskam, wurde Dr. Arler von einem Untertertianer den Abhang hinuntergelenkt. Auf halber Höhe überschlug sich der Schlitten, und Führer und Fahrgast erhoben sich prustend aus dem Schnee und setzten unangefochten durch die kleine Unterbrechung die Fahrt fort. Dann zog Dr. Arler mit seinen kleinen Freunden in den Wald. Sein langer Bart war noch voll Schnee.

Mahrensee suchte einen Platz für sich allein. In der Nähe der Bahn der Amerikaner ent­deckte er einen stärker gewundenen, aber nicht so steilen Weg und den fuhr er jetzt ein.

Plötzlich hörte er lauten Jubel und kurze Kommandos in englischer Sprache von den Amerikanern her. Er lief schnell dorthin. Sie hatten ihre Bahn fertig von oben bis unten begossen, sie bildete eine glatte Fläche, und der Direktor war feierlich eingeladen worden, die erste Fahrt auf dem selbstgezimmerten Schlitten mitzumachen. Und jetzt hatte er durch einen Boten sagen lassen, daß er gleich käme.

Mahrensee wäre nie auf den Gedanken gekommen — doch früher vielleicht, damals in der allerersten Zeit — aber er hätte es in herrlicher Freundschaft getan. Diese weltmännische Courtoisie der Amerikaner, die im Rahmen einer gewissen Korrektheit immer taten, was sie wollten, und denen der Geist in der Anstalt gar keine Sorgen bereitete, imponierte ihm und machte ihn auf den Ausgang des Abenteuers neugierig. Deshalb fuhr er auf seiner Privatbahn schnell den Berg hinab. Unten hatte sich schon eine große Zuschauermenge angesammelt.

Da kam der Schlitten herabgesaust; Eisstaub sprühte hinter den scharfen Kufen. Stonehill saß mit verschränkten Armen etwas zurückgelehnt und regierte die Lenkstange mit den Füßen. Der Direktor hielt sich am Sitzbrett fest.

Von Bremsen war keine Rede, auch wenn es haarscharf an Bäumen vorbeiging, zeigte sich auf Stonehills Gesicht nicht die geringste Spur von Nervosität und er veränderte nicht seine Haltung. Er lachte nur. Bei den Kurven beugte er sich mit der sicheren Balance des geborenen Sportsmannes ein wenig zur Seite.

In wenigen Sekunden war der Schlitten unten.

Stonehill sprang sofort auf und zog die Mütze:

»Wie war es, Herr Doktor?« fragte er.

»Schön,« sagte der Direktor, nickte seinem Führer freundlich zu und ging wieder ins Schulhaus zurück.

Mahrensee bemerkte Uglop, der sich auch vom lustigen Treiben aus seiner Einsamkeit hatte hervorlocken lassen.

»Hast du Lust, einmal mit mir zu fahren?«

Uglop schloß sich ihm nur zögernd an und nahm sehr umständlich auf dem Schlitten Platz.

Mahrensee wollte sich selbst zeigen, daß er zu fahren verstände, und legte los. Schon bei der ersten Kurve verlor Uglop das Gleichgewicht und rollte in den Schnee, bei der zweiten teilte Mahrensee sein Schicksal. Er war gleich wieder auf den Beinen und sah sich nach seinem Freunde um. Dieser lag noch auf den Knien und schien sich nicht erheben zu können. Mahrensee ließ den Schlitten stehen und stürzte hinauf:

»Hast du dir wehgetan, etwas gebrochen?« fragte er endlich, während er den Verunglückten unter die Arme griff und ihm aufhalf.

Uglop schüttelte wehmütig den Kopf, und dann ging er langsam fort, ohne auch nur den Schnee von seinen Kleidern abzuschütteln.

Mahrensee unternahm noch einige Fahrten, aber jetzt, wo er für einen Augenblick Gesellschaft gehabt hatte, wurde ihm das Alleinsein langweilig. Er ging zu den Amerikanern hinüber.

Hallo, da war ein Leben. Sie bepackten den Schlitten jedesmal mit einem halben Dutzend kleiner Jungen, und Stonehill führte sie in sausender Fahrt talabwärts. Zuerst durften nur diejenigen mitkommen, die Wasser geschleppt hatten; aber sobald alle diese zu ihrem Recht gekommen waren, wurde niemand mehr zurückgewiesen.

»Darf ich nicht einmal lenken?« fragte Mahrensee Stonehill.

»Du?« der Amerikaner sah ihn ganz erstaunt an; die Bitte kam ihm wohl unziemlich vor.

Doch gleich war er wieder liebenswürdig:

»Du magst es natürlich, wenn du willst, aber sieh mal, du kennst diese Art Schlitten nicht, und wenn du auf der glatten Bahn gegen einen Baum stößt, ist der Schlitten entzwei — —«

»Ja natürlich,« antwortete Mahrensee höflich, »dann lasse ich es lieber.«

Und tief durch diesen Mangel an Vertrauen gekränkt, zog er sich zurück. Er hatte auch keine Lust mehr, seine eigene Bahn zu benutzen, und ging in sein Zimmer hinauf.

Er wusch sich und zog einen anderen Anzug an, und begann dann in seinen Büchern zu blättern, um die Scham zu betäuben.

Ach ja, er hatte vor den Ferien gerade die deutsche Literaturgeschichte angefangen, sie war nicht in bequeme Kapitel eingeteilt, deshalb hatte er zehn Seiten als Tagespensum festgesetzt. Er wollte Stonehills Abweisung vergessen, und so begann er mit zusammengepreßten Lippen zu lesen.

Es hatte schon längst zur Arbeitsstunde geläutet, als Gruber eintrat. Er trug ein kleines Paket in der Hand.

»Was hast du denn da?« fragte Mahrensee.

»Sieh mal, das habe ich für Uglop mitgebracht«, und er löste vorsichtig die Papierrolle von einer zierlichen Standuhr.

Mahrensee schrak errötend zusammen.

»Ich habe es ganz vergessen. Und jetzt hat sich der arme Uglop sicher die Zeit darauf gefreut. Er hat nur nicht gewagt, danach zu fragen. — Wie gräßlich!« Er war ganz verzweifelt.

Gruber überlegte einen Augenblick.

»Weißt du was?« sagte er dann, »gib ihm jetzt gleich die Uhr von dir aus, und was du dir dann von Hause schicken läßt, gebe ich ihm etwas später als von mir aus.«

Aber Mahrensee schüttelte energisch den Kopf:

»Nein, Uglop darf man nicht anlügen. Ich will ihm lieber einfach sagen, daß ich es vergessen habe.«

»Das wird ihn sicher schmerzen, « erwiderte Gruber, »sag lieber gar nichts, sondern schreibe sofort nach Hause, und wenn es gekommen ist, dann geben wir ihm zusammen unsere Sachen.«

»Ja, das wird wohl am besten sein«, stimmte Mahrensee zögernd zu.

»Gut, dann packe ich meine Geschichte wieder ein«, sagte Gruber.

»Aber was könnte er nur brauchen?« fragte Mahrensee.

Wenn er doch während der Ferien daran gedacht hätte! Er hatte es ja nicht so leicht wie sein Freund, der einfach alle seine Wünsche seinen Eltern schrieb und immer noch viel mehr als das Erbetene erhielt. Hätte er es nur mündlich seiner Mutter, erklärt, sie hätte ihn sofort verstanden und ihm das Geld gegeben, wenn auch wohl nicht zu einem so teuren Gegenstand wie einer Standuhr. Aber schreiben, die ganze Geschichte ausführlich darstellen — nein, dazu konnte er sich nicht überwinden. Aber da fiel ihm ein, daß er ja von seiner Mutter zwanzig Mark als Taschengeld für das kommende Vierteljahr erhalten hatte. Davon konnte er gut die Hälfte zu einem Geschenk für Uglop verwenden.

»Du, Gruber, ich lasse mir von Jena einfach irgend etwas unter Nachnahme hierherschicken. Ich kenne ja in Jena dort alle Geschäfte und weiß, was sie haben. Dann ist es in drei Tagen hier.«

»Siehst du,« sagte Gruber und hob gleichmütig die Schultern, »damit ist ja alles in bester Ordnung.« Er blätterte eine Weile in dem aufgeschlagenen Buche:

»Bist du immer noch so schrecklich fleißig?«

»Ich arbeite nicht für die Schule,« verteidigte sich Mahrensee. »Ich lerne die Sachen gründlich, weil ich sie für mich selbst wissen will.«

»Ach, ich habe dir gar kein Strebertum vorwerfen wollen. Weshalb sollte man denn nicht für die Schule arbeiten? Ich tue es ja auch.«

Aber hinter dem erzwungen gleichgültigen Tone lag etwas, was Mahrensee ermutigte, die Frage zu stellen, die ihm seit Monaten auf der Seele lag:

»Wie stellst du dich jetzt eigentlich zum Ganzen?«

Gruber warf ihm hastig einen scharfen Blick zu:

»Erinnerst du dich noch, was ich dir nach der Kapelle sagte, wo er so gegen Uglop war?«

»Gewiß —« Mahrensee hielt den Atem an.

Gruber sah vor sich hin, um seine Gedanken zu sammeln.

»Ich habe es dir schon lange sagen wollen,« begann er, »aber ich bin erst heute nachmittag beim Schneeschuhlaufen ganz darüber klar geworden. Siehst du, unser Fehler ist immer gewesen, daß wir auf die Anstalt schimpften, oder uns nicht um die Hausordnung kümmerten, sobald wir auf Leutelt böse waren. Wenn er irgendeine Dummheit begangen hatte, war für uns die Schule lächerlich. Es war falsch von uns, ihn und die Schule immer als ein und dasselbe zu behandeln.«

Das war also der Gedanke, der Gruber monatelang beschäftigt hatte, um sich erst jetzt zur Klarheit durchzuringen. Mahrensees beweglicher Geist sah gleich die notwendige Konsequenz: treu zur Anstalt zu stehen, aber ohne sich vom Direktor persönlich beeinflussen zu lassen. Ihm kam das so ungeheuerlich vor, und gleichzeitig schien es ihm die Lösung vieler schwerer Kämpfe zu sein, daß er diese Folgerung von Gruber bestätigt haben wollte. Deshalb gab er das Stichwort:

»Natürlich kannst du dir ein ideales Bild von der Anstalt machen, so wie Herr Doktor sie sich selbst gedacht hat, und so wie er sie in seinen Prospekten schildert — und im Gegensatz dazu, wie es in Wirklichkeit ist, mit allen Krachs und Plötzlichkeiten. Aber was soll dabei herauskommen? Ich meine, etwas ist nur dann falsch, wenn es etwas Richtigeres gibt. Also was willst du anders machen, worin willst du anders leben?«

Es war eine Falle; denn Gruber gehörte eigentlich noch immer zu den wenigen Musterschülern, obgleich er sich von Direktor Leutelt losgesagt hatte — wenn er sich auch zuweilen kleine Freiheiten nahm, wie zum Beispiel jetzt, die Arbeitsstunde zu verplaudern. Er wußte nichts zu antworten.

Mahrensee bereute tief, seinen Freund aus Berechnung in Verlegenheit gebracht zu haben und sagte, um das Gespräch auf etwas anderes zu lenken:

»Heute war er übrigens sehr nett — ich sah zu, wie er mit Stonehill hinunterfuhr.«

Und da fiel ihm wieder brennend die Zurückweisung ein, die er selbst gleich darauf erhalten hatte. Aber Gruber war jetzt wieder aufs richtige Gleis gekommen:

»Das ist es gerade, was nicht sein sollte. Wir sagen: heute ist er brummig, oder heute ist er nett, und richten uns danach ein. Wir stehen kaum zur Anstalt direkt in einem Verhältnis, sondern nur mittelbar durch ihn. Denk doch nur, wenn wir Taschengeld oder eine Erlaubnis haben wollen! Dann überlegen wir uns nie, ob es gut oder schlecht für die Anstalt ist, sondern wir richten uns einfach nach seiner Stimmung ein und überlassen eigentlich ihm die ganze Verantwortung. Aber hör mal, wir überlassen ihm nicht die Verantwortung aus Vertrauen, sondern nur aus Bequemlichlichkeit. — Nein, wir sollten ganz anders für die Anstalt leben, und das können wir, sobald wir sie nicht mehr in Leutelt verkörpert sehen.«

Mahrensee wollte fragen: »Weshalb sollen wir eigentlich für die Anstalt leben, was geht sie uns an?« Aber dieser Gedanke kam ihm im selben Augenblick so frevelhaft vor, daß er ihn unterdrückte. Statt dessen sagte er ernst:

»Vorhin habe ich Unsinn geredet. Es ist unmöglich, die Anstalt von Leutelt zu trennen. Ich meine nicht nur deshalb, weil er alles ausgedacht hat und in jeder Kleinigkeit darin steckt — es geht einfach nicht.«

Gruber zuckte ungläubig die Achseln:

»Weshalb denn nicht? Erstens kann er alt werden oder sterben oder sonst etwas, und wir hätten einen andern Direktor. — Oder aber, ich kann mir Herrn Doktor doch ohne seine Sonderbarkeiten denken, ohne seine Furcht, etwas geradeaus zu sagen, weshalb er sich hinter dieser dummen Ironie verschanzt, um auch dann unangreifbar zu bleiben, wenn er sich in Unrecht weiß. Denk dir doch einfach Arler hierher als Direktor — das wäre doch etwas ganz anderes!«

»Ja, das wäre wohl etwas ganz anderes«, gab Mahrensee nachdenklich zu. Aber dann fuhr er lebhaft auf:

»Wenn Onkel Franz hier Direktor wäre, dann wäre es eben nicht mehr dieselbe Anstalt ohne ihre Fehler, es wäre eine ganz andere Anstalt, der ganze Geist wäre anders, alles von den Hauptsachen bis zur letzten Kleinigkeit wäre anders. Nur der Name und einige Äußerlichkeiten wären unverändert.«

Woher hatte er diese Überlegenheit, und weshalb kam ihm dieser ganze Gedankengang so selbstverständlich vor? — Ach ja, er hatte es natürlich von Uglov. Als sie im Herbst vom Kreuzberg hinuntergingen, hatte Uglop etwas Ähnliches über eine Landschaft und Karten gesagt. Was war das doch gewesen? — Jetzt hatte er es und fand auch gleich die Konsequenz:

»Sieh mal, Gruber, wenn du dir jede persönliche Rolle eines Direktors wegdenkst, was bleibt dann übrig? Die Tagesordnung und das Haus; aber der ganze Geist ist fort. Das kann doch unmöglich dein Ideal sein.«

»Nein —« Gruber war nah daran, ihm beizustimmen.

»Du kannst es natürlich so einrichten, daß du Herrn Doktor so weit folgst, wie es dir richtig erscheint, und dich gegen ihn stellst, wenn du glaubst, daß er unrecht hat. Aber ihn einfach wegdenken und für die Anstalt an sich leben — das kannst du nicht.«

Gruber sah vor sich hin. Nach einer Weile hob er den Kopf:

»Das, was ich an der ganzen Anstalt liebe, ist ja schließlich doch nur, daß ein einzelner Mann eine solche Sache ganz allein geschaffen hat. Und wenn ich mich über ihn ärgerte, tat er mir eigentlich nur leid, daß er seinem eigenen Werke schadet. Denn was geht die Anstalt an sich mich an?«

Mahrensee errötete; jetzt sprach Gruber ruhig den Gedanken aus, den er selbst vorhin nicht auszusprechen gewagt hatte. Er schwenkte ab:

»Diese Geschichte mit Uglop: — wieso hat er der Anstalt geschadet? Gerade von deinem Standpunkt aus mußt du Herrn Doktor recht geben, denn eigentlich geht es doch nicht an, daß man die Arbeitsstunde verbummelt.«

Er zuckte die Achseln, um anzudeuten, daß er nicht wagte, diese Frage zu entscheiden. Gruber überlegte lange, dann lachte er bitter auf:

»Die Anstalt ist für begabte oder wenigstens eigentümlich geartete Knaben geschaffen, damit sie nicht im Zwange der Staatsschule unterdrückt werden. Ein guter Schüler kann aber nur der sein, welcher ängstlich alle fünf Minuten auf den Stundenplan sieht, um ja keinen Fehlschritt zu tun. Also ein Idiot, dem es in Berlin gerade so gut ginge — nun ja, von Landluft und Gartenarbeit abgesehen. Und Uglop, der einzige, wirklich eigentümlich begabte Schüler hier, sollte nach Leutelts Ansicht nach Berlin zurückgehen, weil er glaubt, seine Taten vor sich selbst verantworten zu können. Und Herr Doktor predigt Abend für Abend, daß es nur darauf ankomme, seine Handlungen vor sich selbst verantworten zu können. Das ist ja eine wunderschöne Katze, die sich recht heftig in den Schwanz beißt, wie der Liberalismus, das heißt der Staat der Individualisten —«

Es kam ihm doch etwas lächerlich vor, die letzten Früchte seiner politischen Lektüre vor seinem Freunde auszukramen. Deshalb schloß er kurz:

»Ich mag nicht glauben, daß die Sache so dumm sein sollte. Es war immerhin sehr nett, daß wir uns vernünftig aussprechen konnten. — Na ja, auf Wiedersehen.«

Er ging. Mahrensee blickte ihm triumphierend nach; er hatte also den so selbstsicheren Gruber durch seine Räsonnements in eine recht arge Verlegenheit gebracht.

Aber dann war es ihm, als ob alle Gegenstände des Zimmers in ihren Umrissen verschwämmen.

Er schämte sich bitterlich. Worüber? Er wußte es nicht. Und doch hatte er das Gefühl, schweres Unrecht begangen zu haben.

Auf einmal sah er sich, wie er mit einem überlegenen Gesicht Gruber gegenüber gesessen hatte, während dieser mit sich rang. Und nicht nur das. Er hatte leichtfertig und klug über Dinge gesprochen, die ihm selbst wert waren, die ihm selbst Kämpfe gekostet hatten. Schon während er sprach, hatte er es gefühlt.

Wie hatte er nur so gemein sein können! Zuerst war er ja ernst gewesen, es hatte ihn mit Stolz erfüllt, daß Gruber sich ihm anvertraute. Und er hatte sein erstes Unrecht begangen, als er nicht wagte, eine Frage gerade heraus zu stellen, sondern irgend etwas sagte, was ihm nicht ernst war.

So war es dann weiter gegangen, er hatte sich in seine Rolle eingelebt, ja, er hatte einen Klugen so lange gespielt, bis er vergessen hatte, daß er eine Maske nur für einen Augenblick hatte anlegen wollen. Gruber hatte ihn nicht durchschaut und war auf alles eingegangen, war durch ihn zu bitterem Hohn getrieben worden.

Ihm fiel der Abend ein, wo er mit Uglop auf der Waldwiese einen Mondtempel gebaut hatte. Wie lange war es her? Ach, nur einige Monate, und viel war seitdem geschehen. Wie sehr hatten sie sich alle verändert! Ja, und heute war er ein Erwachsener gewesen, hatte dem Tage angehört. Seit wann war er so ganz anders? Was lag zwischen damals und heute? Der Ausflug in die Rhön — Ninon — —

Und plötzlich sehnte er sich nach Ninon, die er schon längst vergessen hatte, sehnte sich zurück nach dem Wiesenhause auf dem Dammersfeld, dem Heimwege unter den Sternen.

In seinem Übermaß von Glück war er durchs Fenster hinausgestiegen und hatte die in der Mondnacht schlummernden Berge und Wälder gesehen.

Es war das letztemal gewesen, wo er dem Monde angehört hatte.

Da läutete es zum Abendessen. Ihn überfiel ein Zittern. Dieser schrille Ton, der seine Gedanken durchschnitt! Der Stundenschlag des Tages. Aber er biß sich auf die Lippe. Er hatte es ja nicht besser verdient.

Von der Treppe warf er einen Blick hinaus. Die ganze Landschaft lag im Schneedämmerlicht unter ihm. Die Sterne funkelten rein am Himmel. Venus, strahlender denn je, senkte sich gegen den dunklen Waldsaum.

Er seufzte. Er hatte kein Recht mehr auf sie. Und er ging in den Speisesaal.



XII.

Am nächsten Morgen — das Wetter war unverändert, über dem glitzernden Schnee ein hellblauer, wolkenloser Himmel — trat Gruber an Mahrensee heran:

»Kommst du schnell mit zum Brummharz?«

Dieser Höhenrücken schloß das Schulgut nach der anderen Seite hin ab. Von den Anstaltsgebäuden aus war es ein Weg von einer halben Stunde.

Mahrensee zögerte; er fürchtete, daß es seine Kräfte übersteigen würde, in der Pause hin und zurücklaufen. Und von Zuspätkommen war keine Rede, da Dr. Leutelt selbst die näch­ste Stunde gab.

Da gingen die drei Amerikaner mit ihrem lenkbaren Schlitten vorüber, und sofort war sein Entschluß gefaßt. Sie liefen, so schnell sie konnten, zu den Wirtschaftsgebäuden hinunter und zu dem Obstgarten, aber sobald dann die Steigung begann, fühlte Mahrensee, daß er kaum mit Gruber Schritt halten konnte. Aber dieser sah es und mäßigte sein Tempo.

Endlich hatten sie den Kamm erreicht. Gruber setzte sich auf die Basis des Steinkreuzes, während Mahrensee sich erschöpft in den Schnee warf.

Als sein Herzklopfen nachließ, sah er sich um. Es war wohl der schönste Blick, den er je genossen hatte: greifbar nahe der Thüringer Wald wie die Rhön, die man sonst am Tage kaum in schwachen Umrissen sehen konnte.

In leuchtendem warmen Schwarz lagen die Waldflächen unter den schneeschimmernden, runden Kuppen.

Auf einmal sagte Gruber erschrocken:

»Mahrensee, wir haben nur noch fünf Minuten.«

Da gab es keine Besinnung mehr; sie stürmten den Berg hinunter. Aber als sie erst bei dem Wirtschaftsgebäuden waren, läutete es schon.

Gruber nahm die Hand seines schwächeren Freundes, er zog ihn halb mit sich und versuchte ihn zu beruhigen. Selbst atemlos keuchte er:

»Leutelt kommt oft etwas zu spät.«

Am Fenster ihres Klassenzimmers sahen sie ihre Kameraden stehen; der Direktor war also noch nicht da.

Sie kamen noch rechtzeitig; Gruber lachte und suchte seinen Platz auf:

»Wir sind oben beim Brummharz gewesen!«

Mahrensee wankte zu seiner Bank. Aber kaum hatte er sich gesetzt, als er einen heftigen Stich in der Brust fühlte und ohnmächtig vornüber auf sein Pult sank.



XIII.

Eine leichtere, in der Jugend durch Üeranstrengung zugezogene Herzerweiterung braucht keine Folge für das Leben zu haben. Sie kann sich im Laufe einiger Jahre wieder »auswachsen«, wie die Ärzte sagen. Hauptsächlich ist Ruhe erforderlich, völlige körperliche und geistige Ruhe, daneben kann man die Heilung auch noch durch Umschläge und harmlose Medikamente befördern.

Nachdem Mahrensee einige Wochen in seinem kleinen Zimmer gelegen hatte und wieder so weit war, daß er vorsichtig einige Schritte tun konnte — doch war er noch so schwach, daß er beim ersten Versuche, seine Zähne selbst zu bürsten, vor Herzklopfen einem Ohnmachtsanfall nahe war — wurde er nach Hause geschickt, da ihm in der Anstalt doch nicht die wünschenswerte Pflege zuteil werden konnte.

So saß er schon wenige Wochen nach den Weinachtsferien wieder in der Eisenbahn und sah müde zum Fenster hinaus. Die Telegraphenpfähle sausten zurück, die Häuser folgten ihnen langsamer, aber der Wald und erst die Berge, die gingen ja in der Richtung des Zuges. Die ganze Landschuft war augenscheinlich in einer drehenden Bewegung — wo aber lag das Zentrum dieses Kreises? Und er sank in seinen wohligen Halbschlummer zurück. Er war ja krank, unverantwortlich. Unterricht und Sorgen waren vorbei, vor ihm lagen köstliche Wochen der Ruhe.

Denn Ruhe war ja die Vorbedingung der Genesung. Der Landarzt hatte es ihm schon auf dem Schulgut gesagt, jetzt wiederholte es der Professor in Jena.

Mutter und Brüder wußten es und taten alles, was in ihren Kräften stand, um ihm jede Anstrengung und jede Aufregung zu ersparen.

Was kann es Schöneres geben als eine Krankheit ohne Schmerzen?

Bald brauchte er keine Medikamente mehr einzunehmen, auch die Umschläge waren überflüssig geworden. Er hatte nichts anderes zu tun, als spät aufzustehen und den Rest des Tages fast ganz auf dem Diwan zu verbringen.

Er las etwas, doch nicht viel, denn das Buch zu halten ermüdete ihn. So beschränkte er sich auf ein Träumen hinter halbgeschlossenen Lidern.

Um ihn waren nur freundlich besorgte Gesichter, klangen gedämpfte Stimmen. Seine Mutter war bereit, ihm jeden Wunsch zu erfüllen, aber nachdem sie auf seine Bitte gleich in den ersten Tagen Uglop einen Feldstuhl gesandt hatte, hegte er keine Wünsche mehr. Dieses zeitlose Dahinleben ohne schreckende Termine, ohne Tageseinteilung, ohne Stundenplan war ihm genug. Niemand konnte sagen, wann er wieder so weit hergestellt sein würde, um zur Schule zurücckehren zu können, so daß auch dieses nicht als fester Einschnitt vor ihm lag; Tage und Wochen vergingen wie ein einziger Ferienmorgen, wo man sich unbekümmert im Bett strecken kann und mit einem Scherz empfangen wird, wenn man erst gegen Mittag zum Morgenkaffee kommt.

Zuweilen erhielt er eine freundliche Karte von Dr. Arler, einmal auch eine vom Direktor, und dann kam ein Brief von Gruber. Es war Büttenpapier mit rotem Monogramm auf Bogen und Umschlag.

»Lieber Mahrensee! Ich habe mit der Uhr für Uglop natürlich so lange gewartet, bis dein Stuhl da war. Uglop ist ganz glücklich und bat mich, dir herzlich zu danken. Er wollte dir sogar selbst schreiben — ich bin neugierig, ob er es tut. Die Hauptsache ist ja, daß er jetzt den ganzen Tag in deinem Stuhl sitzt und die Uhr anschaut. Er hat sich immer noch nicht darüber beruhigen können, daß die Zeiger dauernd weitergehen und nicht plötzlich auf einer andern Stelle stehen.

Ich habe jetzt die Politik beiseite gelegt und arbeite Nationalökonomie. Ohne diese Grundlage sind die politischen Grundprobleme nicht verständlich, sofern man sich nicht mit Phrasen begnügen will. Doch spielen auch noch psychologische Dinge in die Politik hinein, weißt du, Weltanschauungsfragen, und ich werde wohl erst noch die Philosophie durcharbeiten müssen, ehe ich die Politik wieder aufnehme.

Im Unterricht geht alles unverändert weiter. Man fängt jetzt schon an, uns mit dem Einjährigen zu drohen. Aber das ist ja für uns eine Kleinigkeit, nur Uglops wegen bin ich besorgt. Das Einjährige müßte er haben, da er doch nie im Leben das Abitur machen kann.

Wie geht es jetzt eigentlich dir? Kommst du wieder hierher?

Dein Richard.«

Ja, ging er wieder dorthin? Er wußte es nicht. Natürlich würde er es tun, sobald er wieder gesund wäre. Darüber bestand gar kein Zweifel. Aber er hatte sich nicht ernstlich mit dem Gedanken beschäftigen können, da niemand zu sagen vermochte, wann es geschehen würde. Er konnte es ausrechnen, wie anderes auch, zum Beispiel, daß er einmal erwachsen sein und später sterben Würde. Aber wozu sollte man sich mit Dingen abgeben, die nicht vorstellbar waren? Nur ein gedankliches Spiel, nicht mehr.

Nein, es war nicht mehr als ein gedankliches Spiel; für sein Gefühl war das Schulgut mit Freunden, Kameraden und Lehrern versunken. Es war gewesen. Und sollte er auch je dorthin zurücckehren, würde es nie mehr dasselbe sein. Nach jedem Ferienschluß war ihm die Anstalt anders erschienen, war er selbst anders gewesen. Wie würde es dann erst nach diesen Monaten sein!

Vergangenes ist nicht mehr, ins Leben zu rufen. Zu Abgeschlossenem findet sich kein Eingang mehr.

Und die Gegenwart? Ja, die stand still. Woche auf Woche verstrich. Die Gegenwart stand so still, daß eine Veränderung kaum vorstellbar war. Wenn auch jeden Tag ein Blatt vom Kalender verschwand, wenn auch der Schnee zu schmelzen begann und der frischgrüne Rasen hervorlugte.

Die Zeit mochte weitergehen, sie betraf ihn nicht. Er stand außerhalb ihrer, denn er stand still.

Doch nicht ganz. Denn sein Zustand besserte sich allmählich. Es kam der Tag, wo der Arzt etwas Bewegung nicht nur für unschädlich, sondern für heilsam ansah.

Er unternahm also kleine Spaziergänge auf Wegen, die keine Steigungen darboten, er las auch gelegentlich, ja zuweilen blätterte er sogar in seinen alten Schulbüchern. Er mußte lächeln, wenn er an sein früheres systematisches Arbeiten dachte: mit solchen Dingen war es vorbei.

Diese Periode seiner Genesung, wo er fast alles tun konnte, wozu er Lust hatte, ohne jedoch im geringsten von Pflichten und Tagesstunden gestört zu werden, war eigentlich noch schöner, als das Liegen während der er­sten Zeit.

Zuweilen begann seine Mutter, durch die stete Besserung erfreut, davon zu reden, daß er hoffentlich bald wieder zu seiner Schule zurücckehren könnte. Aber diese Aussicht hatte ihn so erregt, daß sie erschreckt innehielt.

So verstrich Woche auf Woche. Der Frühling kam warm und duftend.



XIV.

Herthas Vater, der Generalkonsul Faber, war mit seiner Familie von Hamburg nach Meiningen übergesiedelt. Seit jenem gemeinsam verbrachten Sommer an der Nordsee hatte die Geheimrätin mit der Frau Generalkonsul in freundschaftlichem Briefwechsel gestanden.

Als sie für einige Tage nach Berlin reiste, bat ihr Sohn sie um Erlaubnis, Fabers mehrfach wiederholte Einladung annehmen zu dürfen. Gegen einen kurzen Aufenthalt in Meiningen war ja nichts einzuwenden, im Gegenteil, die Mutter wußte ihren Sohn für die Zeit ihrer Abwesenheit lieber im Kreise einer gebildeten Familie, als zusammen mit seinen großen Brüdern unter der Obhut des Dienstmädchens.

So fuhr Mahrensee nach Meiningen.

Am Bahnhof stand ein Wagen, eine richtige Equipage mit zwei unruhigen Rappen und einem Kutscher in Livree auf dem Bock.

Mahrensee stand noch unschlüssig mit dem kleinen Koffer in der Hand und blickte die Straße hinab. Mehrere Elektrische waren schon fortgefahren. — Es war ja wahrscheinlich, daß es Fabers Wagen war, oder sollte es doch ein ganz fremdes Gefährt sein? Dieser Demütigung wollte er sich nicht aussetzen.

Da öffnete sich der Schlag und die Frau Generalkonsul trat heraus, unverändert. Sie schüttelte dem Knaben herzlich die Hand:

»Ach da sind Sie, Otto; wie nett, daß Sie wirklich gekommen sind.«

»Ich danke Ihnen noch einmal für Ihre Einladung«, sagte er offen.

»Sie wissen ja noch gar nicht, ob Sie sich bei uns wohl fühlen werden.«

Er lachte verlegen.

»Müssen Sie eigentlich noch auf Ihre Krankheit Rücksicht nehmen, oder ist es nicht mehr so schlimm?« fragte sie, als sie im Wagen saßen.

»Ich muß mich noch beim Steigen etwas vorsehen, das ist alles«, sagte er.

»Sie können also ruhig kleine Spaziergänge machen und gelegentlich ins Theater gehen?

»Ja. gewiß.«

»Wenn das Wetter so schön bleibt, können wir ja auch nachmittags etwas ausfahren. Ich verspreche mir viel von Ihrer Gesellschaft.«

Sie sah ihn freundlich an und lehnte sich dann zurück.

Mit einer solchen Selbstverständlichkeit war Mahrensee noch nie von einem Erwachsenen als Gleichberechtigter behandelt worden. Ach, hier würde er sich endlich geben können, wie er war, hier brauchte er sich weder zu verschließen noch zu verstellen, und unter beidem unsäglich zu leiden.

Die Wagenfahrt dauerte lange, denn Fabers Villa lag fast außerhalb der Stadt.

Hier reihten sich Gärten an Gärten, manche waren von hohen Steinmauern umschlossen, andere von Eisengittern. Die Fabersche Villa war nur zwanzig Schritte von der Straße zurückgerückt, den Zwischenraum füllten einige gepflegte Blumenbeete aus, aber hinter der Villa dehnte sich ein großer Garten mit hohen schattigen Bäumen. Es war fast ein Park.

Man klingelte draußen an der schmiede­eisernen Gartenpforte, die vom Hause aus elektrisch geöffnet wurde — mit einem leisen Aufschlag sprang der Riegel zurück. Hinter einem Fenster zeigte sich flüchtig ein Dienstmädchen und vergewisserte sich, wer die Ankömmlinge wären.

Die Haustür stand offen, aber niemand zeigte sich auf der Treppe. Mahrensee hatte erwartet, daß Bediente sich eilfertig nähern würden, um ihrer Herrin beim Ablegen behilflich zu sein — das hätte so gut zu der Equipage und dem Kutscher in Livree gepaßt. Er sah die Frau Generalkonsul zweifelnd an, aber diese hatte sich ihres Überzeuges schon entledigt und half jetzt ihm. Sie trug ein dunkelrotes Samtkleid von schlichtem Schnitt ohne irgend welchen Schmuck.

Ein Dienstmädchen kam und fragte, wann das Mittagessen serviert werden sollte.

»Sie wollen sich wohl etwas in Ordnung bringen, aber in einer halben Stunde sind Sie doch fertig, nicht wahr, Otto?«

Er nickte.

»Also schön, wir essen ganz wie gewöhnlich.«

Sie gab den Bescheid mit einer bestimmten Freundlichkeit, der man sich fügen mußte. Mahrensee dachte an Direktor Leutelt. Aber es war doch nicht dasselbe. Man hätte Frau Faber sicher widersprechen können, falls man nur gewichtige Gründe gehabt hätte, ohne befürchten zu müssen, durch eine feige, unangreifbare Ironie entwaffnet zu werden.

»Und jetzt will ich Sie noch schnell in Ihr Zimmer führen. Kommen Sie hier herauf.« —

Das Zimmer war groß und elegant, wenn auch etwas unpersönlich möbliert. Die Fenster gingen auf den Garten zu. Dieser war so dicht verwachsen, daß sein Ende nicht zu sehen war. Auf dem Nachttisch neben dem Bett stand eine elektrische Lampe mit grünem Schirm.

»Wenn Sie abends etwas zum Lesen haben wollen,« sagte Frau Faber, »müssen Sie es sich von unten holen. Mein Mann und ich haben uns nie einigen können, welche Bücher in einem Fremdenzimmer stehen sollten, um für jeden unserer Freunde etwas zu bieten. Und eine ganze Bibliothek kann man ja nicht gut herstellen. Gleich nebenan haben Sie das Badezimmer. Der Gasofen ist so einfach, daß Sie allein mit ihm fertig werden können. Also auf Wiedersehen in einer halben Stunde.«

Sie nickte ihm zu und ging.

Eine halbe Stunde — er war nicht gewohnt, so viel Zeit auf seine Toilette zu verwenden. Langsam packte er seine Sachen aus und legte jedes Stück auf seinen Platz. Dann stand er am geöffneten Fenster und blickte hinaus.

Plötzlich bekam er Lust, seinen neuen Sonntagsanzug anzulegen — den mit langen Hosen —, um ganz frisch gekleidet unten zu erscheinen. Wenn er sich beeilte, würde die Zeit noch gerade dazu ausreichen.

Auf der Treppe begegnete er den beiden Zwillingen. Natürlich waren sie seit jenem Sommer gewachsen, er hatte sich das gar nicht überlegt. Jetzt trugen sie schon Zöpfe. Sie mochten zehn Jahre alt sein.

Sie waren durch das unerwartete Zusammentreffen ebenso verlegen wie er.

»Wo ist euer Eßzimmer, « fragte er, um irgend etwas zu sagen.

»Das ist gleich hier, komm nur —«

Und die zierliche Gerta öffnete die schwere Tür zu einer Halle, in der Palmen und ein schwarzer Flügel standen. Ein mattes Licht kam von der Decke her.

»Mutter hat den Flügel hierher stellen lassen, weil man hier besser hört«, erklärte die kerngesunde, rotbackige Luise.

»Wo stand er denn früher?« fragte Mahrensee.

»In ihrem eigenen Zimmer, aber da nahm er auch zuviel Platz weg.«

Dieses Gespräch führte ein vollkommenes Vertrauen herbei, und sie betraten als gute Freunde das Speisezimmer.

Der Generalkonsul saß schon am Tisch und las in der Zeitung. Als er Mahrensee eintreten sah, ging er ihm entgegen und begrüßte ihn herzlich. »Aber wie ist es, Sie trinken wohl keinen Wein?«

»Auf dem Schulgut ist es natürlich verboten, und deshalb tun wir es auch in den Ferien nicht. Ich meine — — —«

Er brauchte seinen Standpunkt nicht zu entschuldigen; der Generalkonsul hatte schon geklingelt und ein alkoholfreies Getränk bestellt.

Seine Gattin kam aus dem Nebenzimmer:

»Da sind Sie, Otto. Wir dürfen Sie doch noch so nennen?«

»Aber gewiß, gnädige Frau.«

»Dann auch nichts von gnädiger Frau. Für Sie bin ich Frau Faber.«

Man stand um den Tisch herum. Nur die Zwillinge hatten ihre Plätze eingenommen.

»Wo bleibt Hertha? Es ist langweilig, daß die Schule so weit fort ist«, sagte der Generalkonsul etwas ungeduldig.

Hertha, richtig; sie würde jetzt schon groß sein. Wohl vierzehn Jahre — —

Da kam sie. Ein übermütiges Schulmädchen in einfachem, blauem Kleide, an den Fingern noch Tintenflecke.

Als sie Mahrensee erblickte, wurde sie rot, dann ging sie auf ihn zu und drückte ihm kräftig die Hand.

Die Unterhaltung bei Tisch war sehr munter. Hertha erzählte Schulerlebnisse, von denen Mahrensee nur wenig verstand, da ihm ja die Namen von Herthas Lehrern und Mitschülerinnen unbekannt waren. Es selbst berichtete von der Anstalt, den eigenen Zimmern, und wie wohnlich sie eingerichtet wären, von ihren Ausflügen und Radtouren, und zuletzt vom Schneeschuhlaufen und Schlittenfahren, von jenem Laufe zum Brummharz und seiner Erkrankung, die jetzt endlich vorbei war.

Nach Tisch saß man ein halbes Stündchen im Zimmer der Hausfrau und trank Kaffee.

»Sie rauchen dann wohl auch nicht?« fragte der Generalkonsul.

»Nein, eigentlich nicht«, antwortete Mah­rensee. Er hatte noch nie geraucht, obwohl es die andern Jungen in den Ferien offen taten — und zuweilen auch heimlich auf dem Schulgut.

»Jedenfalls stehen hier immer Zigaretten zu Ihrer Verfügung, sie sind ganz leicht.«

Wenn er Lust hatte, mochte er hier sogar rauchen, ohne deshalb auch nur verwundert angesehen zu werden.

»Also Otto, was tun wir jetzt mit Ihnen?« sagte Frau Faber. »Mein Mann pflegt sich für eine Stunde hinzulegen, und ich muß Besorgungen machen. Das ist für Sie wohl etwas zu langweilig. Wollen Sie nicht vielleicht mit Hertha einen Spaziergang unternehmen? Von hier aus sind Sie ja in einigen Minuten auf freiem Felde. Was meinst du, Hertha?«

»Fein.«

Ein Schulmädchenausdruck, nun ja. Aber die Aussicht auf einen Spaziergang mit Hertha allein hatte für Mahrensee doch viel Verlockendes.

Sie machten sich auf den Weg; Hertha nannte ihrem Begleiter die Namen der Besitzer der verschiedenen Villen. Als sie zu dem Äckern hinauskamen, wo gerade die ersten, grünen Spitzen im Winde schwankten, schwiegen beide lange.

Erst, als sie auf die Landstraße einbogen, und unter ihnen die Stadt in leichten Dunst lag, fragte Mahrensee leise:

»Was hast du alles seitdem erlebt?«

Sie sah ihn ganz erstaunt an, dann ließ sie den Kopf sinken und fragte ebenso leise zurück:

»Und du?«

Er antwortete nicht. Da schob sie ihre Hand in die seine. So gingen sie schweigend weiter.

Ohne daß es eines Wortes bedurft hätte, schlugen sie einen kleinen Feldweg ein, der über eine Erdwelle führte. Jetzt konnten sie nicht mehr die Stadt sehen; sie waren allein.

»Ich habe so viel erlebt,« sagte er jetzt, »ein Vierteljahr nach dem Sommer an der Nordsee kam ich ja aufs Schulgut. Damals war es im Harz, wo die unteren Klassen noch immer sind. Da war ich plötzlich allein unter vielen fremden Jungen. Ich hatte meine Mutter gebeten und gebeten, mich hinzuschicken, aber als sie dann gleich am Abend des ersten Tages wieder fortreiste, mußte ich doch weinen. Und ich kannte auch gar nicht die Räume in dem großen Hause, weißt du, es war ein ganz altes Gebäude, das weit außerhalb der Stadt lag, mit vielen Korridoren und Treppen und Winkeln Ich drückte mich überall herum, und wo ich eine Tür öffnete sah ich erstaunte Gesichter.

Plötzlich kam ein Junge auf mich zu, der einen Kasten in der Hand trug. Er fragte mich: ›Wollen wir das zusammen spielen? Ich habe es heute bekommen und weiß noch gar nicht, wie es ist.‹ Ich war nämlich an einem Sonntag gekommen, und deshalb kannte ich meine Klassenkameraden noch nicht. Ja, ich war natürlich ganz glücklich, als der Junge so zu mir kam, und wir gingen in ein leeres Klassenzimmer. Ich weiß nicht mehr genau, was es für ein Spiel war, irgendein Brettspiel oder Geduldspiel. Jedenfalls haben wir uns lange damit beschäftigt, und als wir endlich fertig waren, fühlte ich mich gar nicht fremd mehr. Dann führte er mich im Hause herum und erklärte mir alles. Die Klassenzimmer lagen jenseits eines Hofes, der immer schmutzig war; man mußte in Holzschuhen hinüberlaufen. An einer Querseite des Hofes standen Ställe. Im Schweinestall waren furchtbar viele Ratten. Später sind wir abends von hinten her in den Schweinestall gestiegen und haben mit Luftgewehren nach den Ratten geschossen. — Ja, der Junge hieß Erhardt Müller.«

«Ist er noch da?« fragte Hertha.

»Nein, schon lange nicht mehr. Wir kamen später auch nur wenig zusammen, weil er eine Klasse unter mir war. Ich habe ihm aber nie vergessen, daß er sich meiner so nett annahm, als ich ganz fremd und allein da war.«

»Und wie ging es dann weiter?« fragte Hertha und drückte warm seine Hand.

»Ach weißt du, da war so furchtbar viel Neues, an das ich mich gewöhnen mußte. Am selben Abend noch die Kapelle. Ich dachte natürlich, sie würde religiös sein. Aber der Direktor las irgendeine Geschichte vor und dann ein Gedicht, und zuletzt sang man ein Lied. Damals wunderte mich der Name »Kapelle« und erst, wie ich mich schon längst daran gewöhnt hatte, erfuhr ich, daß er wie so vieles andere einfach aus dem Englischen herübergenommen wurde. Die ganze Idee einer solchen freien Schule auf dem Lande stammt ja aus England.

Nach und nach bekam ich die Schultracht und alle diese besonderen Dinge wie Arbeitshose, Sandalen und Holzschuhe — weißt du, um über den Hof in die Klassenzimmer zu gehen.

Zu den anderen Jungen blieb ich immer etwas fremd. Ich fühlte mich ihnen gegenüber noch lange als ›Neuer‹, obwohl noch viele nach mir kamen und früher als ich mit allen vertraut waren. Und schließlich waren so viele fortgegangen und neue Lehrer waren gekommen, daß ich auf einmal zu den wenigen ›Alten‹ gehörte, die noch mit im Harz gewesen waren. — Ein halbes Jahr nach meinem Eintritt zogen wir ja auf das Schulgut in Thüringen, wo wir jetzt noch sind.«

»Aber warum wolltest du eigentlich von Hause fort«? fragte Hertha.

Er überlegte:

»Ich habe es damals immer gesagt, daß die Jungen in der Stadt so ekelhaft wären, und natürlich waren sie es. Aber es kam noch mehr hinzu. Sieh mal, meine Mutter«

»Deine Mutter?« fragte Hertha erstaunt und blieb stehen.

»Ich dachte deine Mutter wäre so fein und gut. Das habe ich immer gehört.«

»Das ist sie auch,« sagte Mahrensee eifrig. »Aber gerade weil ich das wußte, war es mir so gräßlich, daß wir einander nicht verstanden. Weißt du, sie ließ mich eigentlich tun was ich wollte, und hat mir ja auch erlaubt, in die Anstalt zu gehen. Aber sie wollte immer wissen, was ich dachte, und in allem dabei sein.

Und man kann doch einem Erwachsenen nicht alles sagen. Sie hat nie verstanden, daß man viel leichter erzählt, wenn man nicht gefragt wird. Damals sah ich das noch nicht so klar, ich war nur unglücklich und oft ganz verzweifelt darüber, daß meine Mutter so klug und gut zu mir war, und ich sie so sehr liebte und ihr dabei immer wehtat. Wir sollten uns über alles immer aussprechen. Und man kann sich doch nicht plötzlich hinsetzen und sich aussprechen. Schon, daß man es soll, macht ja jede Aufrichtigkeit unmöglich. Ich sah schließlich gar keinen andern Ausweg, als fortzukommen. Eigentlich gibt es ja gar keine langsame Entwicklung, daß man erst neun Jahre auf der Schule ist, und dann vier auf der Universität und so ruhig weiter, mit Beruf und Familie. So etwas gibt es gar nicht. Einige Monate oder Jahre gehen ruhig. Dann kommt plötzlich irgend etwas, was alle Pläne umwirft und man steht vor etwas ganz Neuem. Und sobald man sich daran gewöhnt hat, kommt wieder etwas ganz anderes, und man muß wieder von vorn anfangen — — —«

Er brach ab, da er merkte, daß Hertha ihm nur zerstreut zuhörte. So schloß er:

»Als dann auf einmal der Gedanke an das Schulgut da war, setzte ich alle meine Hoffnung darauf. Ich glaubte, dort ganz offen leben zu können. Ganz so war es natürlich nicht. Ich stand immer etwas allein unter den andern, und jetzt bin ich ganz heraus und weiß gar nicht, wie es weiter gehen wird.«

»Wirst du nicht mehr dorthin zurückgehen?«

»Ich weiß es gar nicht. Das ist alles noch ganz unbestimmt.«

Sie gingen eine Weile schweigend. Noch immer hatten sie einander an den Händen gefaßt. Endlich fragte Hertha:

»Und wie standest du jetzt zu deiner Mutter?«

»Eigentlich gar nicht. Sie war furchtbar gut zu mir und hat mich gepflegt. Es war ja wie eine lange Ferienzeit, wo man sich nur erholen soll. Die ganze Zeit ist mir überhaupt so schnell vergangen —«

Sie setzten sich auf eine Holzbank, die ganz allein zwischen den Feldern stand. Nach einer Weile sagte Hertha:

»Mutter will immer, daß etwas Besonderes aus mir wird.«

»Sagt sie dir das?« fragte Mahrensee.

»Nein, sie sagt es natürlich nicht, aber ich merke es immer. Sie erwartet es eigentlich von jedem Menschen, der mit ihr verkehren will.«

Ja, das hatte Mahrensee so wohltuend empfunden, aber doch fühlte er unklar, daß eine solche Behandlung des eigenen Kindes zu Konflikten führen konnte.

»Ich will doch gar nicht protzen,« begann Hertha wieder, »aber weshalb muß ich allein von allen Mädchen in der Schule in einem geflickten Kleide herumlaufen, wo ich doch weiß, wie reich meine Eltern sind, wir sollen uns keinen Luxus angewöhnen. Aber wenn ich zu etwas besonderem Lust habe, Theater oder Musik oder Büchern, kann ich alles haben. Sie erlaubt es mir nicht nur, sondern treibt mich so an, daß ich selbst alle Lust verliere.«

»Sie wünscht, daß du gleichgültig gegen äußere Dinge bist, aber geistig alles hast, was du willst?« fragte Mahrensee vorsichtig.

»Ja.«

»Ist sie selbst so?«

»Nein, eigentlich nicht. Das heißt, sie will wohl so sein. Sie geht immer in ganz einfachen Kleidern, aber es sind furchtbar teure Stoffe. Sie fährt oft zu ganz armen Malern, bei denen es schmutzig ist, und hilft ihnen. Weißt du, sie hat immer einen oder mehrere, die jährlich auf ihre Kosten in Paris oder Rom studieren. Es macht ihr auch gar nichts aus, sie ins Theater einzuladen und dann sitzen sie in ihren alten Kleidern neben ihr in der Balkonloge, und es ist ihr ganz gleichgültig, was unsere eleganten Bekannten dazu sagen. Die meisten Leute, die in unser Haus kommen, sind arme Künstler. Vater ist auch immer nett zu ihnen, aber er sucht sie nicht auf. Er tut im stillen sicher auch viel für sie, und schließlich kommt alles Geld ja von ihm. Aber wenn jemand Mutter enttäuscht, weißt du, nicht nur in der Arbeit, sondern so, dann ist sie mit dem fertig.«

»Gefällt dir das alles nicht?« fragte Mahrensee erstaunt. Er war von Herthas Schilderung ganz hingerissen.

»Natürlich finde ich es wunderschön und viel anständiger, als immer nur so fein herumzulaufen. Ich habe auch nie eine Frau gesehen, die so viel arbeitet, wie Mutter. Sie interessiert sich für jedes Bild und jedes Buch und jedes Erlebnis, das ihren Freunden begegnet, und in den Sachen, in denen sie nicht genug weiß, nimmt sie noch jetzt Unterricht wie ein Schulmädchen. Ich denke mir immer, daß ich ebenso werden will wie Mutter. Aber trotzdem möchte ich gern nett angezogen sein und nicht immer das Gefühl haben: jetzt erwartet sie wieder etwas Besonderes von mir. Ich kann eigentlich nie harmlos sein und tun, was ich will. Immer muß ich daran denken, daß sie mich beobachtet.«

»Aber sie sagt dir nichts?«

»Nein, sie läßt uns tun, was wir wollen, und fragt auch nachher nichts. Aber sicher denkt sie darüber nach, wo wir gewesen sind. Sie will uns gar nicht beeinflussen, sondern uns noch mehr zu selbständigen Menschen machen. Nur hat sie Furcht davor, daß wir eitel werden.«

»Und dein Vater?«

»Er läßt alles geschehen und ist immer freundlich zu uns. Er ist herzensgut, aber er weiß, daß Mutter klüger ist als er. Ich glaube, er bewundert sie heimlich. Jedenfalls mischt er sich nicht in ihre Sachen, sie auch nicht in die seinen. Sie leben überhaupt wie gute Freunde zusammen, und hängen nicht so ekelhaft aneinander, wie andere Ehepaare. Dann hat Vater auch seine eigenen Geschichten, für die er sich besonders interessiert, wie seine Kupferstichsammlung.«

Die Wolken verzogen sich langsam. Die Sonne kam hervor und die feuchten Äcker leuchteten zart und warm.

Hertha stand auf:

»Ich glaube, wir müssen jetzt gehn; wir sind recht weit von Hause fort.«

»Wirklich?«

Er hatte gar nicht das Gefühl gehabt. Aber wie er jetzt zurückdachte — ja, sie waren gegangen und gegangen.

»Aber nicht denselben Weg zurück,« bat er. »Das ist immer so traurig.«

»Ja.« Sie überlegte einen Augenblick. »Wenn wir hier rechts gehen, müssen wir wieder auf die Landstraße kommen.«

Sie brachen auf. Aber der Weg führte nur zu einem verschlossenen Kornschuppen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als den schmalen Pfad am Graben entlang zu nehmen. Hier konnten sie nicht nebeneinander gehen; sie blickten sich in die Augen, als sie die Hände lösten, und Hertha dann vorausschritt.

Als sie wieder auf einen Weg kamen, fanden die Hände einander nicht mehr. Dann die Landstraße mit Bauernwagen und Radfahrern — —

Da lag wieder die Stadt tief im Talkessel unter ihnen in einem bläulichen Dunst. Die Sonne verschwand hinter einer schweren Wolkenwand, deren äußerer Rand goldig leuchtete. Sonst war der Himmel rein und klar.

Es dämmerte, als sie vor der schmiedeeisernen Gartenpforte standen, und die Fenster der Villa waren schon erleuchtet. Mahrensee hatte gerade noch Zeit, sich etwas zu säubern, dann war es Zeit zum Abendessen.

»Habt ihr einen schönen Spaziergang gemacht?« fragte Frau Faber.

»Wir waren ganz weit draußen; eben sind wir erst zurückgekommen.«

»Und so ein Gang ist Ihnen nicht zu viel?« fragte der Generalkonsul etwas besorgt.

»Nein, nein. Wir gingen auch ganz langsam.«

Hertha kam etwas zu spät; sie hatte ein anderes Kleid angezogen.

Mahrensee saß neben ihr. Und auf einmal fühlte er, wie ihr Knie sanft das seine berührte. Die Wärme flutete ihm bis ins Gesicht hinauf. Unter dem Tisch vereinigten sich ihre Hände.

»Ich muß jetzt noch schnell einige Briefe schreiben,« sagte Frau Faber. »Aber ich möchte Sie gern bitten, mir dann etwas Gesellschaft zu leisten, Otto. Vielleicht sehen Sie sich inzwischen unseren Garten an. Wir haben ja Mondschein.«

Mahrensee wandte sich ruhig Hertha zu:

»Willst du mit?«

Sie nickte.

Die Wiese lag weich atmend im Mondschein; aber unter den Bäumen war es fast dunkel. Eine Amsel sang schwermütig süß.

Und zwei junge Menschen gingen eng verschlungen auf dem knirschenden Kiesweg.

Sie setzten sich in die kahle Laube.

»Ich habe immer den Mond geliebt,« sagte Mahrensee leise, »alles, was man am Tage nicht zu sagen wagt — —«

Er brach ab. Seine Hand zitterte in der ihren.

Mahrensee schloß die Augen. Als er sie wieder öffnete, blickte Hertha ihn an. Sie lächelte.

»Hertha, du —« sagte er flehend.

Sie strich ihm sanft über das Haar und blickte wieder zum Mond empor.

Er sah sich um. Die Rückseite der Villa war samtschwarz, nur einige Fenster leuchteten gelb oder bläulich, und ihr Schein verlor sich in der Nacht. Zwischen den halbzugezogenen Vorhängen hantierten Menschen. Aber niemand sah sie, niemand wußte von ihnen. Da zog er sie an sich, und ihre Lippen vereinigten sich in einem ungeschickten, feuchten Kusse.

Das erstemal, daß er ein Mädchen geküßt hatte. Der Garten schimmerte im Mondlicht, schwermütig süß sang die Amsel — —



XV.

Nach den Osterferien war Mahrensee auf das Schulgut zurückgekehrt. Trotz seiner langen Versäumnis war er in die Untersekunda versetzt worden; seine Lücken sollte er in Privatstunden ausfüllen.

Die Lehrer wußten, daß er sich noch zu schonen hätte, und nahmen jede nur mögliche Rücksicht auf ihn, dispensierten ihn von allen nicht gerade unbedingt notwendigen, schriftlichen Arbeiten oder gaben ihm längere Fristen. Übrigens stand er, dank seiner systematischen Arbeit im Winter, mit seinen sprachlichen Kenntnissen über dem Durchschnitt der Kameraden. Und von der praktischen Arbeit war ja seine ganze Klasse befreit, damit sie die Zeit zu privater Vorbereitung auf das Einjährige verwenden konnte.

Er bemühte sich, in dem Unterricht und seinett Privatstunden keinen Anlaß zu Klagen zu geben, nahm sich auch sonst keinerlei Freiheiten heraus, die Anstoß hätten erregen können.

Alles tat er ohne Anteilnahme, mechanisch, und wenn er sich dem äußeren Rahmen anpaßte, war es nur, um Ruhe für sich selbst zu haben. Er konnte jetzt keine Störungen von außen her brauchen. Auch von seinen Freunden hielt er sich fern.

Es war so seltsam, wieder auf dem Schulgut zu leben, noch dazu als Schüler unter denselben Kameraden, nachdem er diesen Lebens­abschnitt schon völlig abgeschlossen hatte, nachdem er mit Hertha über die Felder gewandert war — — —

Nein, er war nur Gast, er gehörte nicht mehr hierher.

Und das Schulgut selbst, das er jetzt auf einsamen Wanderungen durchstreifte — war es mehr als eine Erinnerung an heimliche Ausflüge in der Nacht über die Feuerstiege, an Ninon, an die Freunde, an die Waldwiese mit dem Mondtempel? Ach, jetzt hatte der Mond für ihn eine andere Bedeutung bekommen.

Sein Leben hatte jetzt eine andere Richtung erhalten. Es konnte geschehen, daß er, von einem Spaziergang zurücckehrend, sich an den Schreibtisch setzte und etwas niederschrieb. Und wenn er diese Blätter wieder vornahm, dann verbesserte er zuweilen Ausdrücke, bis die Zeilen dieselbe Stimmung atmeten, die ihn bei der Niederschrift beherrscht hatte.

Auch wenn er korrekt in einer Unterrichtsstunde saß und nur gelegentlich einen verstohlenen Blick hinauswarf, konnte der Gegensatz zwischen seiner Stellung als unfreier Schüler und dem Verlangen, genießend, ziellos umherzuschweifen, so stark auf ihn wirken, daß sehnsüchtige Erinnerung, Hoffnung und leere Wirklichkeit zu einem Gedichte wurden.

Da kamen die Sommerferien. Er verbrachte sie mit seiner Mutter am Meere.

Es war ein kleiner Ort an der Ostsee; zwischen Kiefernwald und dem Strande lagen einige Häuser — bescheidene Pensionate, Kramlädchen und Fischerhütten. Man wurde von keinem mondänen Badeleben behelligt.

Mahrensee höhlte sich in einer steilen Düne aus dem harten Sand eine Nische aus, und dort saß er täglich viele Stunden, hörte dem Wellenschlage zu — oft spritzte der Gischt der Brandung bis zu ihm hinauf — und ließ seine Gedanken in die Weite flattern.

Oder er ging mit seiner Mutter spazieren; sie nahm dann seinen Arm, denn er war ja ihr großer Junge, der durch seinen Fleiß überraschend schnell alle Versäumnis nachgeholt hatte und jetzt vor einem Examen stand. Sie sprachen vernünftig und als gute Freunde über ernsthafte Dinge. Sein Bruder Herbert konnte auch nicht immer in Jena studieren, er müßte doch einige Jahre an einer größeren Universität zubringen. Ostern machte Robert sein Abitur, sein Studium würde auch viel kosten. Er wäre gut, Ottos hohes Schulgeld etwas zu sparen. Die Geheimrätin hatte schon ihr kleines Kapital zuweilen angreifen müssen. Natürlich wollte sie ihn nicht zwingen, die Anstalt zu verlassen, solange er sich dort wohlfühlte, und am allerwenigsten würde sie ihn nach dieser Freiheit veranlassen, wieder in eine Staatsschule zu treten. Vorläufig kam ja noch das Einjährige, das sollte er natürlich von seiner Schule aus machen. Aber wenn ihm dann selbst nach einiger Zeit, vielleicht nach einem Jahre, nicht mehr so viel am Aufenthalt auf dem Schulgut gelegen war, sollte er es sich doch überlegen, ob er sich nicht mit Hilfe von Privatstunden bequemer auf das Abitur vorbereiten könnte. Nebenbei mochte er sogar schon einige Vorlesungen an der Universität hören, dazu genügte ja jetzt schon das Einjährige. Damit hatte er auch die Möglichkeit, sich etwas umzusehen, bevor er sich zu einem Fachstudium entschlösse. Und vor allem würde es ihr pekuniär eine große Erleichterung sein. Denn später würde ja auch sein Studium große Summen verschlingen. — Sie sagte ihm das alles jetzt schon, damit er es sich ganz in Ruhe überlegen könnte.

Sie spannen so gemeinsam bald die eine und bald die andere Möglichkeit weiter. So viele lagen offen.

Wenn er wieder allein in seiner Nische über der Brandung lag, dann wurde ihm das ziellose Fluten und Rauschen des Meeres und der weite Horizont zur Melodie seines eigenen Lebens.



XVI.

Nach den Sommerferien wurde es natürlich ganz anders; die Untersekundaner waren nicht nur vom Gartenbau entbunden, um sich privat auf das Examen vorzubereiten — jetzt redete man überhaupt nur noch vom Einjährigen. Der ganze Unterricht wurde darauf zugeschnitten, die Lehrer versäumten nicht, aus ihren eigenen, schon recht weit zurückliegenden Erfahrungen gute Ratschläge zu erteilen oder humoristische Examensanekdoten zu erzählen.

Daß Dr. Leutelt keine Rücksicht auf ein bevorstehendes Examen nahm, war selbstverständlich. Er behandelte in dieser Zeit die Geschichte Europas nach der Reichsgründung, obwohl für den staatlichen Schulplan, an den er sich im großen ganzen auch halten mußte — jedenfalls war die, Prüfung auf diesen zugeschnitten —, die Weltentwicklung mit dem Deutsch-Französischen Kriege ihren definitiven Abschluß gefunden hatte. Der Direktor hatte den Vorstellungen der Fachlehrer nachgegeben — das Prüfungsresultat des letzten Jahrganges war alles andere als glänzend gewesen —, daß gegen alle seine Prinzipien jetzt mehr Wert auf positive Kenntnisse, als auf Verständnis gelegt, und daß vor allem unter Verzicht auf alles übrige der eigentliche Examenstoff gründlich eingepaukt würde. Aber er selbst machte in seinen Stunden keine Zugeständnisse an die Praxis. Er stellte den Schülern für ihre Privatarbeit seine historische Bibliothek zur Verfügung. Sein Angebot wurde jedoch kaum benutzt, da kleine, bequeme Repetitorien schon längst Eingang gefunden hatten.

Der Direktor kümmerte sich in dieser Zeit überhaupt weniger und weniger um die Schüler. Es war schon lange her, daß es irgendeinen Krach gegeben hatte. Auch die Ordnung ließ wieder stark nach, ohne daß er es zu bemerken schien. Er machte den Eindruck, als ob er ganz von Gedanken bewegt wäre, die nichts mit der Schule zu tun hatten. Andere behaupteten — irgend jemand hatte einen Brief auf seinem Schreibtisch liegen sehen — daß eine neue Teilung der Anstalt bevorstände, und daß dieser Plan ihn völlig in Anspruch nähme.

Von Uglop abgesehen, der den ganzen Trubel teilnahmlos an sich vorbeigleiten ließ, kannten die Untersekundaner keine Schläfrigkeit im Unterricht und kein Durchplaudern der Arbeitsstunde mehr; für sie stand zu viel auf dem Spiele. Ein Examensdurchfall — das durfte einfach nicht geschehen. Das wäre ein Schandfleck, den man nie im Leben wieder abwaschen könnte.

Ja, das »Leben«. Dieser Begriff bekam mehr und mehr Farbe. Einige Knaben sollten gleich nach dem Examen die Anstalt verlassen, um sich praktischen Berufen zu widmen. Sie sprachen gern von ihren Zukunftsplänen. Aber auch die andern, die bis auf weiteres auf der Schule bleiben sollten, standen unter der Suggestion dieses Wortes. Es lag so nahe, weiterzurechnen, daß drei Jahre nach dem Einjährigen das Abitur folgen würde, dann Studium und Doktorexamen. Man stand auf der Schwelle zum Erwachsenen, und dieser Umstand mußte jeden mit Ernst erfüllen. Mit allen Kindereien war es nun vorbei; die große, die wirkliche Verantwortung, nicht nur die in Direktor Leutels Ansprachen nach der Kapelle, zog herauf.



XVII.

»Entschuldige, daß ich dich störe, aber hast du einen Augenblick für mich Zeit?« fragte Gruber, als er in der Arbeitsstunde mit seinem Macaulay bei Mahrensee eintrat. »And when he came, the queen would give him all the documents — ich kann das beim besten Willen nicht verstehen. Wenn es hieße: if he had come und so weiter, dann würde ich es begreifen.«

»Nein, das ist ganz richtig,« erwiderte Mahrensee und beugte sich über den Text. »Wenn er kam, pflegte die Königin ihm alle Dokumente zu geben. Wart mal —« und er blätterte in der englischen Grammatik, die er noch immer fast auswendig kannte — »da hast du es.«

»Ich wußte gar nicht, daß will ›pflegen‹ bedeuten kann.«

»Doch in diesem Sinne. Die Konstruktion ist, glaube ich, sogar ganz gewöhnlich.«

»Dann ist die Sache ja klar,« sagte Gruber, »ich danke dir.« Aber er blieb ruhig sitzen.

Mahrensee betrachtete ihn schweigend. Er hatte das Gefühl, daß die Bedeutung des englischen Satzes für Gruber diesmal nur ein Vorwand gewesen sei, um einen Anlaß zu einem Gespräch über ernstere Dinge zu haben.

Gruber fragte leichthin, wobei er sein Buch auf den Tisch legte:

»Du bist jetzt nicht mehr so viel mit Arler zusammen?«

Mahrensee verstand nicht, worauf sein Freund hinaus wollte, und antwortete deshalb vorsichtig:

»Nein, er hat jetzt auch so viel zu tun und ist oft fort — aber du hast ganz recht, seit meiner Geschichte im Frühjahr sind wir einander etwas fremd geworden. Dazu kommt natürlich auch, daß wir keinen Unterricht mehr bei ihm haben.«

Gruber ging nicht unmittelbar darauf ein, er sagte:

»Wenn nicht unser ganzer Aufenthalt hier eine groteske Phrase sein soll, muß irgend etwas von uns aus geschehen. Wenn ich in den Ferien die offiziellen Schulberichte lese, habe ich ein Gefühl der Scham, das bis zur körperlichen Übelkeit geht. Früher haben wir es uns in solchen Fällen sehr leicht gemacht. Leutelt war uns lächerlich oder verlogen, und damit war die Sache erledigt. Aber lächerlich und verlogen, oder wenigstens gedankenlos waren wir, nicht er. Sein Schicksal ist eher tragisch. Jedenfalls ist es typisch für einen Idealisten, der am Stumpfsinn seines Menschenmaterials strandet. Das heißt, an uns. Es ist dahin gekommen, wo es unter diesen Umständen kommen mußte, als er endlich einsah, daß sein ursprünglicher Gedanke sich nicht verwirklichen ließ — denk doch daran, daß es jetzt seit langer Zeit keinen Krach gegeben hat, obwohl die Unordnung jetzt so groß ist, wie noch nie. Wie hätte er nicht noch vor einem Jahre gerast.«

Mahrensee sah ihn befremdet an.

»Verstehst du nicht, was ich meine?« fragte Gruber. »Er läßt alles gehen und im Sande verlaufen, weil er vor der Wirklichkeit resigniert hat; das einzige, was ihm noch geblieben ist, sind die Schulberichte, in denen erscheint die Anstalt, wie er sie hatte haben wollen. Er hat eine vollkommene Scheidewand zwischen dem, wie es ist, und dem, wie es sein sollte, errichtet. Und um in seiner Vorstellung nicht gestört zu werden, läßt er sich von der Wirklichkeit so wenig wie möglich anfechten, das heißt, er hat sich ganz zurückgezogen, sorgt nur für das Äußerliche und kümmert sich um den Geist in der Anstalt gar nicht mehr. Das ist der ausweichende Blick, wenn er mit einem redet, das ist seine Ironie, die wir immer Feigheit nannten. Weißt du, der Mann tut mir leid, wie kaum ein anderer. Und eigentlich schäme ich mich auch, denn wir sind gemein gegen ihn gewesen. Wir haben das ganze lustige Landleben und die Freiheit hier richtig ausgekostet, aber wir haben immer ingnoriert, daß alle diese Dinge doch nur Grundlagen für etwas anderes sein sollten, nämlich die Vorbedingung zur Entwicklung starker Charaktere, die nicht in der materiellen Seite des Lebens die Hauptsache sehen. Alles, was er uns in dieser Richtung sagte oder vorlas, haben wir überhört oder lächerlich gemacht, weil es uns unbequem war. Und jetzt denken wir auch nur an unser Examen und reden von der Zukunft — es ist eine scheußliche Undankbarkeit. Aber wenn man in den Ferien zu uns sagt: ›So, Sie sind auf dem Schulgut?‹ dann fühlten wir uns geschmeichelt und kamen uns als ganz besondere Kerle vor. Dabei haben wir nie eigentlich gearbeitet, im Unterricht haben wir geschlafen, von der Gartenarbeit haben wir uns nach Möglichkeit gedrückt, weil Leutelt so anständig war, zu glauben, daß wir auch ohne Zwang und ohne stete Beaufsichtigung unsere Pflicht tun würden. Jetzt, wo wir vor dem Examen stehen, fangen wir wie Korpsstudenten an, zu arbeiten, aber das ist doch wirklich keine Arbeit um ihrer selbst willen.«

»Aber was willst du dann tun?« fragte Mahrensee: er hatte schon längst gemerkt, daß sein Freund mit einem bestimmten Vorhaben zu ihm gekommen war.

»Ich habe es mir endlos überlegt,« sagte Gruber, »und bin zu folgendem Schluß gekommen. Ihn zu bitten, uns stärker zu beaufsichtigen, wäre lächerlich und würde die ganze zu Grunde liegende Idee verzerren. Es bleibt also nichts anders übrig, als selbst Justiz zu halten. Ohne eine Einmischung seitens Leutelts oder der Lehrer schließen wir uns zusammen, zu einer Art Klub. Ich habe zunächst nur an die Untersekundaner gedacht, vielleicht machen die anderen Klassen es uns nach. Es gibt kein Drücken von Dauerlauf mehr, kein heimliches Trinken und Rauchen auf den Dörfern, überhaupt keine Bummelei und Unordnung. Wer sich nicht der Disziplin fügt oder sich unkameradschaftlich benimmt, wird ausgeschlossen, und das muß so streng gehandhabt werden, daß dann auch niemand mehr ein Wort mit ihm sprechen darf. Andrerseits wollen wir einander auch mehr bieten, als es bisher geschehen ist; jeder von uns hat ja irgend welche besonderen Interessen. Ich denke an Vorträge und Ausflüge, oder man liest vor, wenn man etwas Schönes gefunden hat. Sieh mal, alle diese Sachen würden undurchführbar sein, wenn sie Schulinstitutionen wären, aber wenn wir sie von uns selbst heraus machen, dann gehen sie. Wie denkst du darüber?«

Mahrensee war ganz begeistert:

»Ich mache sofort mit.«

»Schön. Dann will ich die andern fragen, wie sie sich dazu stellen.«

»Sie werden alle mitmachen,« sagte Mahrensee mit Überzeugung. »Allen ist der jetzige Zustand irgendwie ekelhaft.«

»Das weiß ich, sie haben bloß keinen Ausweg gesehen. Ich will Herrn Doktor bitten, uns zu erlauben, daß wir noch heute nach der Kapelle zusammen aufbleiben. Aber sonst soll nicht von der Sache zu Außenstehenden geredet werden.«

Er ging, und er mußte wohl die Zustimmung seiner Kameraden gefunden haben, denn beim Abendessen waren alle etwas verlegen und zurückhaltend wie vor einem großen Ereignis. Gruber wurde in bestimmter Form nach nebensächlichen Einzelheiten gefragt, sonst unterhielt man sich im Flüstertone.

Nach der Kapelle waren alle im Klassenzimmer versammelt und warteten auf Gruber. Er war beim Direktor, um die Erlaubnis für das längere Aufbleiben zu erwirken.

Endlich kam er.

»Ich habe ihm gesagt, daß wir als Klasse mehr Geselligkeit pflegen wollten. Er hat uns erlaubt, einen Abend in der Woche bis elf Uhr zusammenzubleiben, vorausgesetzt, daß sich keine Störungen ergeben. Übrigens will er uns ein eigenes Zimmer zur Verfügung stellen, wo wir uns auch eine kleine Bibliothek einrichten könnten.«

Ein Klubzimmer! Das gab Bewegung. Jeder erbot sich, zur Einrichtung beizutragen. Vermutungen wurden laut, welches Zimmer wohl in Frage kommen könnte. Nur Uglop saß still in seiner Ecke.

Als wieder Ruhe eingetreten war, sagte Gruber:

»Hat jemand vielleicht irgend etwas zu sagen oder vorzulesen, was nicht zur Schule gehört, damit ein Anfang gemacht wird?«

Mahrensee wurde plötzlich rot:

»Wenn ihr einen Augenblick warten wollt — —«

Schnell ging er in sein Zimmer und kam mit einem Heft zurück; er setzte sich ans Katheder:

»Es sind einige Gedichte,« sagte er, »die ich in diesem Frühjahr geschrieben habe. Es kennt sie noch kein Mensch, aber euch kann ich sie wohl vorlesen.«

Dieses »euch« war eine solche Ehrung, daß alle eine würdevolle Haltung einnahmen. Mahrensee las:

Fort! Gib mir Flügel —
Fliegen will ich,
Hoch über Meer und Land.
Weit, weiter.
Ich trage in mir das köstliche Pfand —
Wo finde ich ihn, es zu geben?
Fort, weiter!
Unten verschwimmet die Welt.
War ich doch unten!
Nein, nein —
Höher hinauf.
Zur Sonne, zur Mutter —
In glühender Umarmung
Stürbe ich so gern.

Er sah antwortheischend um sich, und doch fürchtete er sich vor einem Urteil. Einige räusperten sich schon, sie hielten es für ihre Pflicht, etwas zu sagen. Doch Gruber kam ihnen zuvor:

»Ich meine, wenn jemand so freundlich ist, uns eigene Gedichte vorzulesen, dann wollen wir ihm dafür danken, aber nicht kritisieren. Hast du vielleicht noch etwas, Otto?«

»Ja«, sagte er ganz glücklich über diese vornehme Entgegennahme, und er las:

Schulstunde.

Die Sonne lacht draußen so heiter,
»Komm, komm heraus!«
Ich kann nicht.
Hier sitz ich und warte.
Die Bäume winken,
Der Himmel ruft:
»Komm, berg dich in meinen Schoß.«
Ich komme zu dir.
Bald schlägt die selige Stunde —
Dann eil ich hinaus.
Jm duftigen Walde
Ruhe ich aus.
Die Wolken eilen —
Könnt ich doch mit —
In fernste Fernen.
Die Vögel singen
Voll Liebe und Lust.
Die Bäume neigen ihr Haupt zu mir,
Doch jetzt —
Wieder zurück in den Zwang.
Zu neuer Arbeit —
Die einzige Hoffnung,
Die einzige Freude.
In deinen Schoß mich zu bergen,
Herrlichster Wald!



Harfenlied.

Schlag’ an die Saiten meines Herzens,
Spiel’ auf der Harfe der Seele,
Grausames Schicksal.
Immer dieselben Töne,
Dieselben Ackorde von Liebe und Leid —
Bald leiser, bald lauter —
Jetzt braust es so auf —
Jetzt weint es leise,
Aber dieselben Ackorde.
Die Harfe klingt und ich singe mit.
Doch ach, es fehlen die Worte
Ich kann nur weinen und küssen.
Und kein Mund ist da,
Den ich küssen kann
So wein’ ich
Und die Harfe, sie klingt.
Du greifst zu stark,
Schicksal —
Die zartesten Saiten.

Du küßtest heiß mich, leichter Tänzer,
Du wolltest heben mich empor zum Licht;
Doch ach, zu plump sind meine Glieder,
Als daß ich folgen könnte dir.
Nur bitteres Verlangen wecktest du,
Mit dir zu schweben über lichten Höhen,
Ich schaue auf zu dir aus meinem Leide,
Ich leide, weil ich nicht gleich dir sein kann.
Und jetzt entschwindest du über den Wolken,
Nicht taugt die Nähe dir von unsrer Erde,
Dort droben sind dir gleichende Genossen.
Heiß brennt dein Kuß auf meiner Stirn.

Er steckte sein Heft in die Tasche und ging zu seinem Platz hinunter. Jetzt nur keine Bewegung zeigen, nichts von den inneren Stürmen verraten! Es fiel ihm nicht leicht — — —

Gruber hatte ihm einen forschenden Blick zugeworfen. Er wollte über die peinlichen Minuten hinweghelfen:

»Ich glaube, wir machen für heute abend Schluß, oder ist noch irgend etwas klarzustellen?«

Gewiß, das Klubzimmer mußte doch noch ausführlicher besprochen werden. Während der Vorlesung waren Verschiedenen gute Gedanken gekommen. Und dann sollte jedes Vergehen gleich mit Ausschluß bestraft werden? Genügte für kleinere Übertretungen nicht auch Suspendierung für eine Woche oder eine Geldstrafe, die der Klubkasse zugute käme?

Aber als die Uhr elf schlug, unterbrach Gruber alle Verhandlungen. Sie hätten nur bis dahin Erlaubnis, aufzubleiben, jetzt sollte man unverzüglich ins Bett gehen und morgen in der zweiten Pause zum Dauerlauf antreten.

Die Jungen trennten sich; auf der Treppe gab es noch ein eifriges Geflüster.

Gruber drückte Mahrensee die Hand:

»Wie nett das von dir war —«

Aber Uglop schüttelte nachdenklich den Kopf, als er an dem Dichter vorüberging.

Vom Dauerlauf war Mahrensee seines Herzens wegen natürlich befreit, aber er fand sich am nächsten Morgen doch pünktlich vor dem Schulhause ein, um wenigstens seinen guten Willen darzutun.

Nur Uglop fehlte noch.

Aus den Fenstern blickten schon neugierige Gesichter; die ganze Institution des Dauerlaufes war schon halb vergessen. Was fiel denn den Untersekundanern ein, sich bei dem strömenden Regen draußen hinzustellen?

Uglop kam nicht. Einige Jungen liefen ins Haus zurück, um ihn zu holen; endlich erschien er mit ganz erstaunten Gesicht.

»Mach doch schnell,« rief Gruber ihm ungeduldig entgegen. »Weshalb kommst du denn zu spät?«

Uglop verstand die Situation gar nicht:

»Zu spät?«

»Wir haben schon lange genug gewartet; wir wollen um die Wirtschaftsgebäude herum laufen.«

»Ja, dann tut es doch;« er begriff gar nicht, was das Vorhaben der andern ihn anging.

»Mensch, du sollst mit«, schrie Gruber ganz wütend. Uglop sah ihn unsicher an:

»Ich —«

»Idiot! Kommt!« Und Gruber stürmte davon, daß die Wasserlachen aufspritzten. Alle andern Untersekundaner folgten ihm.

Uglop sah ihnen nach und wandte sich dann um. Mahrensee trat an ihn heran:

»Du hättest doch mittun sollen.«

»Ach, du bist es. Weißt du, es kam alles so plötzlich. Ich hatte gar keine Zeit, es mir zu überlegen.«

»Aber hättest du dir erst überlegen müssen?«

»Ja, daß ich auch dabei sein sollte.«

Mahrensee seufzte. Wenn er nur einen Weg gefunden hätte, nach diesem Bruch wieder zwischen Uglop und Gruber zu vermitteln.

Der Klassenklub kehrte von dem Dauerlauf zurück. Mahrensee empfand bitter, wie verächtlich die Blicke der Kameraden auf Uglop und ihm ruhten. Und man tuschelte — hatten die während des Laufes etwas verabredet?

Zu weiterem Überlegen war keine Zeit, denn es läutete zum Unterricht. Hei, mochte das eine Freude für den Lehrer gewesen sein, wie aufmerksam und peinlich korrekt die sonst so lässigen Untersekundaner sich benahmen.

Als die Stunde vorbei war und man sich unsicher von den Plätzen erhob, klang plötzlich scharf Grubers Stimme:

»Ach, darf ich euch bitten, noch eine Minute dazubleiben.«

Alle setzten sich, die Luft war schwül. Gruber ging zum Katheder:

»Ich möchte nur Uglop fragen, ob wir in Zukunft ein etwas loyaleres Verhalten erwarten dürfen.«

Aller Augen wandten sich Uglop zu. Er spielte nervös mit einem Bleistift und sah dabei mit zusammengezogenen Brauen vor sich hin.

In dem furchtbaren Schweigen verrannen einige Minuten. Endlich blickte er auf:

»Ich will dir etwas sagen, Gruber, ich hatte dich wohl nicht richtig verstanden, und es tut mir eigentlich auch leid. Aber daß du gleich Idiot sagtest —«

Gruber schüttelte unwillig den Kopf.

»Das Persönliche gehört nicht hierher. Da ich dich aber öffentlich beschimpft habe, bitte ich dich jetzt ebenso öffentlich um Verzeihung. Jetzt gilt nur die Frage, ob wir von jetzt ab auf mehr Kameradschaftlichkeit rechnen können.«

Uglop hob die Schultern und sah sich fragend um. Was wollten denn die Leute eigentlich von ihm. Einige kicherten. Der Kontrast zwischen Gruber und Uglop war zu komisch.

Gruber biß sich auf die Lippe.

»Also nicht. Dann bitte ich, darüber abzustimmen, ob Uglop noch länger Mitglied des Klassenklubs sein darf.«

Aber jetzt war es für Mahrensee zuviel; waren das dieselben Menschen, die gestern abend andächtig seinen Gedichten gelauscht hatten? Er brauste auf:

»Das ist eine Gemeinheit; ihr wißt doch alle, wie Uglop ist.«

Die beiden ehemaligen Freunde standen mit heißen Gesichtern einander gegenüber. Die andern duckten sich, einige wurden bleich.

»Wie kommst du dazu —« schrie Gruber und trat einen Schritt vom Podium herunter. Er hatte seine Haltung verloren.

»Wenn der Klassenklub so ist, dann pfeife ich auf ihn,« sagte Mahrensee ruhiger. »Ihr könnt mich gleich mit ausschließen. Komm, Max.«

Uglop wandte sich in der Tür noch einmal um:

»Aber ich bitte euch, was soll das alles, ich verstehe gar nicht —«

»Komm jetzt schnell«, zischte Mahrensee. Uglop schüttelte melancholisch den Kopf und ließ sich hinausführen. Sie gingen in den Speisesaal und setzten sich zum Frühstück. Mahrensee war zu erregt, als das er seinem Freunde Aufklärung über das, was vorgefallen war, hätte geben können.

Es dauerte recht lange, bis auch die andern kamen. Ernste Gesichter, niemand würdigte die beiden Ausgeschlossenen eines Wortes, niemand reichte ihnen den Brotkorb oder den Kakao. Für die Mitglieder des Klassenklubs existierten sie einfach nicht mehr.

Sogar während der Stunden war die Kälte zu spüren, aber in den Pausen war sie ganz unerträglich, und Mahrensee atmete auf, als der Unterricht endlich vorbei war und er sich zurückziehen konnte.

Er schloß sich sofort Uglop an und begleitete ihn hinauf.

»Was sagst du dazu«, fragte er nach längerem Schweigen.

»Ich weiß nicht recht,« antwortete Uglop zögernd. »Es war mir so peinlich, zuzuhören, wie du deine Gedichte vorlast.«

Ach, daran dachte Uglop! Gar nicht an den Krach. Mahrensee errötete. Wie anständig war es, diese lauten Tagesdinge einfach zu übersehen. Wenn er es doch selbst gekonnt hätte! Er fragte:

»Weshalb peinlich?«

»Ich will es dir sagen. Mir sind zuweilen auch schöne Worte eingefallen. Besonders wenn ich allein im Walde umherwanderte. Aber wenn ich dann in Versuchung kam, sie niederzuschreiben, schämte ich mich einfach. Es mußten ja bestimmte Worte werden, und alles Schwebende und Unsichere war fort. Etwas Hingeschriebenes ist starr, auch wenn die Worte schön sind.«

»Aber sieh mal, Uglop, diese Starrheit ist notwendig, sonst kann ja nichts festgehalten werden. Sonst verfliegt alles wieder.«

»Was hat denn das für einen Sinn, solche Sachen festzuhalten? Du bewahrst nicht die Stimmung auf, sondern ihre Mumie.«

Hierauf wußte Mahrensee eine Weile nichts zu erwidern. Endlich raffte er sich auf und schüttelte energisch den Kopf:

»Dann sind wir vielleicht ganz anders. Bei mir wird das Gedicht ganz langsam zu bestimmten Worten. Es ist einfach da, ob ich es hinschreibe oder nicht. Wenn ich es dann wiederlese, kommt trotz der kalten und bestimmten Worte die Stimmung wieder heraus. Und dann habe ich sie für immer, sie kann mir nie verloren gehen.«

»Kannst du denn aus jeder Stimmung ein Gedicht machen?« fragte Uglop erstaunt.

Mahrensee zögerte:

»Nein, wohl nur die allerwenigsten formen sich zu Worten.«

»Da hast du es,« sagte Uglop befriedigt. »Ich schreibe lieber nichts hin und lasse alles wiederkommen, wie es mag. Dann ist gar nichts fest — ich finde es so schöner und reicher. Weißt du, ich war einmal in einem Symphoniekonzert und hörte das Heraufdämmern, Aufjauchzen und Verklingen der verschiedenen Themen, und wie sie sich vermischten und in einem Brausen untergingen, das wieder neue erregte. Ich war ganz betäubt von diesem unendlichen Chaos, das so viele Möglichkeiten enthielt. Viel später sah ich einmal eine Partitur — hast du eigentlich noch Musikunterricht?«

»Nein, seit Luttenbach fort ist, auch nicht mehr.«

»Aber du verstehst mich. Ja, und in der Partitur war jeder, jeder Ton aufgeschrieben. Es war gar kein unendliches Chaos — ich hatte nachzählen können, wieviel Töne es im ganzen waren. Ich finde, jeder Augenblick im Leben ist reicher, alles, was Kunst heißt, ist beschränkt, aber was man so einfach sieht oder hört, das ist wirklich eine Unendlichkeit, die man nicht zusammenzählen kann. Es hat keine Partitur, es ist viel, viel reicher ohne Noten oder Worte.«



XVIII.

Mahrensee pflegte nun mit steinhartem Gesicht in der Klasse zu sitzen — er wollte jedenfalls nicht den ersten Schritt zu einer Versöhnung tun. Er kam sich in der Rolle eines Exilierten recht interessant vor.

Leider vergaß sich Uglop fortwährend. Oft geschah es, daß er sich ganz harmlos an ein Mitglied des Klassenklubs wandte. Natürlich war ein hochmütiges Gesicht die ganze Antwort, und es vergingen immer erst einige Minuten, bis Uglop die Situation begriffen hatte.

Der Klassenklub hatte also wirklich sein eigenes Zimmer bekommen und es prachtvoll ausgestattet. Sogar ein Diwan fand sich dort. Mahrensee warf zuweilen durch die halboffene Tür einen Blick auf diese strahlende Welt, die ihm verschlossen war.

Es ergab sich von selbst, daß er sich eng an Uglop anschloß. Mit jeglicher Examensarbeit war es jetzt für ihn natürlich vorbei. Er folgte im Unterricht und machte sorgfältig die Hausaufgaben, um sich vor dem Klassenklub keine Blöße zu geben. Aber weiter ging er nicht.

Dagegen versuchte er, Uglop zu helfen. Die Blamage hätte auch auf ihn abgefärbt, wenn Uglop als einziger das Examen nicht bestand.

Aber es war nicht leicht, mit Uglop zu arbeiten, denn es fehlte ihm jegliches Kombina­tionsvermögen. Er sah dankbar zu Mahrensee auf, wenn dieser sich seiner annahm, aber es war ihm unmöglich, eine auswendig gelernte Regel auch in den einfachsten Fällen praktisch anzuwenden. Mahrensee behandelte ihn wie ein Kind, mit unendlicher Geduld kam er immer wieder auf Dinge zurück, die er schon hundertmal mit ihm durchgesprochen hatte. Einige Brocken blieben immerhin hängen, und es war nicht ganz ausgeschlossen, daß Uglop doch das Examen bestand.

Uglop selbst schien an dieser systematischen Arbeit Vergnügen zu finden. Sie war ja für ihn etwas ganz Neues. Aber als Mahrensee anfing, mit ihm die Literaturgeschichte durchzugehen, da schob er das Buch beiseite und sagte traurig:

»Was sind das eigentlich für Sachen, die wir so lernen! Für jedes Buch einen Namen und eine Jahreszahl zu wissen, und Übersicht und Ordnung zu haben. Und dann ist alles tot und wir sind gebildet. Weißt du, jeder Bauernjunge ist reicher als wir, für den gibt es noch unbenannte Welten, die in geheimnisvollen Nebeln ruhen. Wir wissen alles, können uns überall zurechtfinden und sind bettelarm. Wir wissen auf einem Friedhof Bescheid.«

Mahrensee mußte ihm Recht geben:

»Weißt du, ich war auch ganz erstaunt, als ich zum ersten Male merkte, daß Goethe und Byron nicht nur Namen waren, sondern ganz bestimmte Menschen mit Erlebnissen und Berufen. Und daß auch ihre Bücher unter besonderen Umstünden geschrieben worden waren, und an bestimmte Personen anknüpften.«

»Aber ist so ein dummes Examen wirklich wert, daß man sich seinetwegen alles zerstören läßt?«

»Wollen wir das lieber lassen. Hast du Lust zu Mathematik?« fragte Mahrensee, der sich für den Freund verantwortlich fühlte.

»Ja, lieber Mathematik.«

Aber wenn die Bücher geschlossen waren, dann lebte Uglop auf und Mahrensee schämte sich seines Tageswissens und seiner Klarheit. Denn Uglop sah alle die Dinge, an denen die andern mit einer überlieferten Redensart hinweggingen, und damit hielt er Mahrensee in steter Spannung, in Zweifel an der lauten Wirklichkeit, und hinderte ihn daran, sich bequem mit den Rätseln abzufinden.

Doch den Mondtempel hatte Uglop längst vergessen, und Mahrensee mochte an jene Zeit nicht zurückzudenken. Sie lag wie ein köstliches Juwel in einer dunkeln Höhle verborgen, man konnte nicht mit groben Schritten dorthin gelangen. Nur in den stillen Stunden auf seinem Zimmer, wo seine Gedichte sich formten.

So vergingen die Wochen, die Monate — Weihnachten kam heran. Man reiste nach Hause.

So, Fabers sind nach Italien übergesiedelt? Ja, der Zustand der kleinen Gerta machte einen jahrelangen Aufenthalt in einem warmen Klima notwendig. Also auch Hertha war unerreichbar — obgleich Mahrensee in der Bahn fiebernd an ein Zusammentreffen mit ihr gedacht hatte. Ach, das gehörte der heißen, flutenden Vergangenheit an, nicht der kühlen Gegenwart, wo man vom Examen sprach und sich gemessen und ernst bewegte, wo vernünftig mit Mutter und Brüder Zukunftspläne besprochen wurden.

Aber wenn er allein in seinem Zimmer saß und ihm bewußt wurde, wie gefroren sein Herz war, konnte er sich schluchzend aufs Bett werfen und um die versunkene Kindheit weinen, die er noch nicht ganz verloren zu geben wagte. Doch niemand durfte etwas davon wissen; er war ja ein großer Junge, der vor dem ersten, wichtigen Lebensabschnitt stand.

Und nach Weihnachten wieder auf dem Schulgute — die Klassengenossen blieben in ihrer Ignorierung Mahrensees und Uglops fest — nichts als leere, gleichgültige Tagesarbeit und Sehnsucht nach jener Zeit, wo noch der Mond eine Welt mit schwebendem Schimmer erfüllte, wo er Ninon von den Sternen erzählt hatte —

Oder mit Hertha über die Felder wanderte und in der Laube saß.

Die Zukunft? Etwas Unsicheres, Unwirkliches — —

Nichtigkeit erfüllte die Tage, zielloses, verkrampftes Verlangen die Nächte.



XIX.

Wie lange war es her gewesen, daß Direktor Leutelt nach der Kapelle sein Buch auf den Tisch legte und mit gesenkten Lidern zu sprechen begann? Sollte es plötzlich nach aller Ruhe einen neuen Krach geben?

»Ich wollte euch nur die Mitteilung machen daß sich eine neue Teilung der Anstalt als notwendig erwiesen hat. Unser Schulgut soll den Mittelklassen verbleiben, und Herr Dr. Arler wird die Freundlichkeit haben, mich dauernd hier zu vertreten. Die obern Klassen gehen mit mir in die Rhön, wo ich ein früheres Kloster erworben habe. Im großen ganzen wird unser Leben dort dasselbe sein wie hier, nur daß wir dort noch größeres Gewicht auf die selbständige, wissenschaftliche Arbeit legen werden.

Ich kann damit aber leider nicht sagen, daß gerade die ältern Schüler dieses Vertrauen verdienen, das ihnen noch eine größere Freiheit einräumen soll. Es wird euch allen bekannt sein, daß eine Klasse sich ganz besonders zusammengeschlossen hat, angeblich um den Gemeinsinn zu pflegen. Ich habe es ihr gestattet, habe ihr sogar ein besonderes Zimmer eingeräumt. Nun, was dort vor sich geht, kann ich nicht wissen, da ich von dem Vorstand dieses ›Klubs‹ ausdrücklich gebeten wurde, ihn in seinem Treiben nicht zu stören. Was ich aber weiß, ist, daß dieser kameradschaftliche Klub eine empörende Herzlosigkeit gegen zwei der eigenen Kameraden gezeigt hat, indem er sie vollständig isolierte. Ich habe das übrigens nicht von den davon Betroffenen erfahren, die leider auch nicht mir genug Vertrauen entgegenbrachten, sondern weiß es durch Dritte und eigene Beobachtungen. Aber es ist doch so, nicht wahr, Mahrensee?«

Eine Sekunde lastendes Schweigen. In Mah­rensees Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Jetzt hatte er die Gelegenheit zu einer Genugtuung. Er sah zu Gruber hinüber, aber diesem geschlossenen Gesichte war nichts abzulesen. Er sah aber auch, wie alle gleichsam von Gruber abrückten, ihn feindselig betrachteten, denn er war augenscheinlich der Unterliegende, von dem man sich zeitig losmachen mußte.

Uglop sah gleichmütig vor sich hin.

Da wußte Mahrensee, was er zu tun hatte, er sagte klar und bestimmt, aber die Hand, mit der er sich an der Stuhllehne festhielt, zitterte:

»Ja, es ist so, aber ich bin selbst ganz allein schuld daran.«

Er setzte sich wieder und atmete schwer auf. Jetzt war es also geschehen. Der Direktor schien durch diese Antwort überrascht zu sein.

Da sprang Gruber auf.

»Nein, ich bin schuld; darüber will ich mich mit Mahrensee allein aussprechen. Aber die Unterstellung, daß unser Klassenklub —«

Dr. Leutelt verlor seine Selbstbeherrschung:

»Was ist das für eine Frechheit. Willst du augenblicklich hinausgehen.«

Gruber erhob sich und verließ den Saal. Der Direktor wurde wieder ruhig:

»Ich hoffe, daß derartige Dinge hier nicht mehr vorkommen,« sagte er und schwieg einen Augenblick, um seine Gedanken zu sammeln. — »Gute Nacht«, brach er dann kurz ab.

Mahrensee ging in sein Zimmer hinauf. Dort erwartete ihn Gruber.

»Entschuldige, daß ich zu dir gekommen bin, aber in einer Viertelstunde gehe ich von hier fort.«

»Du gehst wirklich?«

Gruber nickte. Die ehemaligen Freunde betrachteten schweigend einander.

»Soll ich dir deine Sachen einpacken und nachschicken?« fragte Mahrensee leise.

»Ja, wenn du so gut sein willst.«

Neues Schweigen.

»Grüß die andern von mir. Mit dem Klassenklub ist es jetzt wohl vorbei. — Es war damals gemein von mir, und ich habe es jeden Tag bereut. Aber ich glaubte, es wäre richtig, weißt du, der Sache wegen.«

Mahrensee lächelte glücklich.

»Wirst du noch lange hier bleiben?« fragte Gruber.

»Nein«, antwortete Mahrensee unwillkürlich.

Gruber setzte sich.

»Es hat ja nicht viel Zweck mehr, über das Vergangene zu reden. Und wie das mit meinem Examen wird, weiß ich auch nicht. Vielleicht ist es jetzt schon zu spät, mich noch wo anders zu melden.«

»Wenn du jetzt zu Leutelt gingest und nur ein Wort sprächest, wäre alles wieder in Ordnung. Ihm tut es sicher schon längst leid. Dann könntest du mit deinem Abgang wenigstens bis nach dem Examen warten. Es sind ja nur noch zwei Monate.«

»Ich weiß das alles, aber ich gehe nicht zu ihm. Also leb wohl; wir werden einander sicher wieder treffen. — Ich will doch noch schnell zu Uglop gehen.«

Ein Händedruck, und er war fort.

Es war so warm um Mahrensee her geworden; den Kopf zwischen die Hände gestützt, blieb er an seinem Tisch sitzen. — Solche Dinge waren also noch möglich —

Aber er wollte seinen Freund noch einmal sehen, ihn vielleicht zur Bahn begleiten. Er ging zu Uglops Zimmer hinüber. Dort würde Gruber wohl noch sein.

Ja, er stand am Fenster. Uglop lag im Schaukelstuhl und hielt die Arme hinter den Kopf verschränkt, er sprach gerade.

Mahrensee trat leise ein und setzte sich aufs Bett. Ein Gespräch darf man nicht stören.

Gruber lächelte freundlich, als er ihn eintreten sah, dann wandte er sich wieder Uglop zu. Dieser sagte:

»Ich weiß, woran du scheitern wirst, Richard. Du spielst mit Größen, die du dir nicht mehr vorstellen kannst, die du dir nur errechnest. Und du tust es in einer Weise, als ob es Wahrheiten wären. Und dabei sind es nur leere Worte. Faßbar, wahr ist nur das Vorstellbare. Was darüber hinausgeht, ist spekulative Spielerei, die aber, ernst genommen, zu gefährlicher Lüge wird. Du kannst dir keine Million Menschen vorstellen, und keine hunderttausend Quadratkilometer, und mit solchen Zahlen mußt du als Politiker dauernd jonglieren. Unser Vorstellungsvermögen für Zahlen hört schon bei der Acht auf, höhere Zahlen können wir uns allerdings noch vorstellen, wenn sie übersichtlich gruppiert sind. Aber dann liegt schon ein blitzschnelles Rechnen unserer Vorstellung zugrunde. So, wenn du neun in drei Gruppen von je drei zerlegst. Ich habe es mit Streichhölzern ausprobiert. Leg dir einmal hundert Markstücke in einem Quadrat hin, dessen Seiten zehn sind — wenn du auch in einer Sekunde nachrechnen kannst, daß es wirklich hundert sind, du vermagst es doch nicht zu glauben. Schon da setzt die Lüge ein, der Unterschied zwischen Zahl und Vorstellung. Und du willst mit Millionen spielen! Bleib du in deinem eigenen kleinen Kreise, Richard, du wirst dann sehen, wie unermeßlich groß er ist. Als Politiker gleichst du einem armen Schauspieler, der vor einem dummen Publikum abends den Millionär darstellt, und dann nachts in seiner Dachkammer ein Butterbrot mit Käse verzehrt.«

»Uglop, ich muß es. Mich drängt alles dahin. Wenn ich jetzt an Berlin denke, an die Straßen, das Leben, die Versammlungen — — —«

»Kannst du dir Berlin anders als auf der Karte vorstellen? Zerfällt es nicht in lauter kleine Stücke, wenn du es bildhaft sehen willst? In Stücke, die du dir mühsam ins Gedächtnis zusammenflickst?«

»Wir wollen nicht mehr darüber reden, Max. Es führt zu nichts. Ich muß es versuchen. — Aber es freut mich, daß du mich auf deine Weise gewarnt hast.«

Uglop starrte vor sich hin. Mahrensee erhob sich:

»Richard, ich wollte dich fragen, ob ich dich nicht zur Bahn begleiten darf?«

»Willst du es wirklich? Jetzt mitten in der Nacht?«

Mahrensee nickte.

»Ich möchte auch gern mitkommen,« sagte Uglop langsam. »Wir drei gehören ja eigentlich zusammen.« Gruber lächelte:

»Ihr guten Jungen. Aber wir müssen dann sofort gehen.«

Sie gingen in Capes und Mützen, also zu einer längeren Wanderung ausgerüstet, vor aller Augen die Haupttreppe hinunter. Sie hatten nichts zu verheimlichen.

Der Himmel war bewölkt, der Boden hart gefroren; aber es lag kein Schnee.

»Jetzt ist es also vorbei«, sagte Gruber und sah vom Hohlweg aus noch einmal zum Hauptgebäude zurück.

»Für mich eigentlich auch,« sagte Mahrensee. »Ich will nur noch das Examen abwarten.«

»Ja, deiner Mutter wegen,« fügte Gruber ernst hinzu. »Ich verstehe es gut.«

Sie gingen schweigend weiter durch den dunkeln Wald.

Nach einer Weile sagte Uglop leise:

»Weil wir jetzt zum letzten Male so zusammen sind, will ich euch sagen, wie ich zu allem kam. Ich war einmal in Berlin im Alten Museum. Dort ist eine ägyptische Grabkammer wieder aufgebaut. Man steht am Eingang zu der schwarzen Gruft und denkt sich, wie der dunkle Gang in vielen Windungen immer tiefer und tiefer in den Felsen hineinführt bis zum heiligen Sarkophage. Aber dicht daneben ist die Wand, und ich sehe also, daß die Tiefe der Höhle nur einige Ellen ausmacht, denn man hat ja die Museumswand nicht durchbrochen, sondern nur das Portal so geschickt angelehnt, daß man die Rückwand der Schatten wegen nicht sehen kann. Damals kam mir der Gedanke: was ist wohl wahrer, die Museumswand, oder der lange, dunkle Gang in vielen Windungen? Was meint ihr?«

Mahrensee schwieg. Aber Gruber sagte:

»Das eine ist eine wunderschöne Illusion, das andere die Wirklichkeit. Aber über den Begriff der Wirklichkeit werden wir uns ja nie einigen.«

»Doch, wir werden es einmal, wenn du dich müde an großen Zahlen gesehen hast. Denn was du Wirklichkeit nennst, ist nichts weiter als eine Konvention. Jetzt nennt man eine Art Darwinismus die Wirklichkeit, den ganzen Kram der Naturwissenschaften. Wer nicht an ihre Dogmen glaubt, ist ein Narr, ein Ketzer. Denn sie werden ja schon in der Schule den Kindern eingeimpft, niemand denkt daran, sie nachzuprüfen. Sie umschließen ja die Wahrheit, die endgültige Wahrheit. Ihre Dogmen erklären alle Erscheinungen genau so restlos, wie die mittelalterliche Kirche es mit ihrem Apparate von Heiligen, Teufeln, Himmel und Fegefeuer tat, wie es die Dämonen der Neger, wie es das Carma auf Ceylon, Avalokitesvara in Tibet tut. Die naturwissenschaftliche Kirche hat mit ihren Dogmen die katholische aufgelöst, es ist genau so eine Hierarchie, genau so unduldsam. Gestattet das Forschen nur ihren Pfaffen; die andern mögen die grundfesten Wahrheiten als selbstverständlich glauben. Die Zeitung ist die Bibel dieser neuen Religion, die von allem schwatzt, alles zu wissen vorgibt und die den Fortschritt feiert. Eine Generation, die aus einem Zeitungsblatt von vier Zeilen die wichtigen Weltgeheimnisse eines ganzen, ganzen Tages zu erfahren glaubt, verdient keine bessere Religion. — Aber in einigen hundert Jahren wird man das Gedankengebäude des naturwissenschaftlichen Systems mit demselben mitleidigen Achselzucken abtun, das wir für die logischen Spielereien der Scholastik allein noch übrig haben. Denn dann wird man ja eine neue endgültige Wahrheit gefunden haben — mit Pfaffen und Dogmen und allem, was sonst zu der jeweiligen Wahrheit gehört. — Nein, Richard, deine Wirklichkeit ist unwirklich; im Unwirklichen mußt du die Wirklichkeit suchen.«

Mahrensee fuhr auf:

»Unwirkliche Wirklichkeit, du, das habe ich auch einmal schon gehabt — ja, damals.«

Er schwieg ganz betäubt. Die Mauer, die durchsichtige, aber undurchdringliche Mauer. Ihm schwindelte.

»Wo suchst du denn die Wahrheit, Max?« fragte Gruber leise.

»Ich suche sie gar nicht; wer die Wahrheit sucht, kommt doch nur zu neuen Dogmen. Ich suche nur die Möglichkeit eines Lebens, in dem ich nicht mehr als unbedingt nötig von der jeweiligen Wirklichkeit belästigt werde.«

»Du kannst aber doch nicht leugnen« — Gruber mochte sich noch nicht besiegt geben — »daß die Naturwissenschaft uns alle Erfahrungen verschafft hat, die uns das Leben täglich bequemer machen, uns Zeit zur Arbeit lassen.«

Uglop sagte hierauf:

»Ist die drahtlose Telegraphie ein größeres Wunder, als das Sehen der Augen? Und die Arbeit —« Er zuckte die Achseln.

Gruber biß sich auf die Unterlippe.

Jetzt traten sie aus dem Walde heraus. Drüben blinkten schon die erleuchteten Fenster des Dörfchens.

»Da muß ich noch etwas erzählen,« sagte Mahrensee. »Es ist aus meiner Kindheit wohl überhaupt meine frühste Erinnerung. Ich war damals vier oder fünf Jahre alt und hatte eine Ohrenkrankheit. Ich weiß noch ganz genau, daß mir die Ohren ausgespritzt wurden, und daß an jedem Morgen etwas Gelbes auf dem Kopfkissen war. Wahrscheinlich Eiter. Das ist ja auch ganz gleichgültig. Das Sonderbare aber war, daß ich jedes freundliche Wort als wüstes Schimpfen und Schreien hörte — natürlich war meine Mutter freundlich zu mir, alle waren es. Aber ob man mich anredete, oder überhaupt nur im Zimmer sprach — meine Ohren dröhnten von dem gräßlichen Geschrei. Natürlich waren sie einfach überempfindlich. Aber wenn ich das Gesicht des Sprechenden nicht sah, dann dachte ich es mir gleich böse und wütend und zitterte fortwährend in tödlicher Angst. Sah ich es aber ganz harmlos und liebevoll, dann wußte ich erst gar nicht, was los war, und wenn ich dann endlich begriff, daß nur meine kranken Ohren jeden Laut so ins Schreckliche umformten, dann atmete ich auf, wie aus einem Traum erwachend. Und das wiederholte sich jeden Tag unzählige Male. — Ich werde diese Zeit nie vergessen, und die Angst vor lauten Stimmen und unfreundlichen Worten verfolgt mich noch immer. Damals erfuhr ich, wie wenig den Sinnen zu trauen ist.«

»Man soll es so machen,« sagte Uglop; »wenn man ganz einfach sieht, soll man sich bemühen, sich vorzustellen, daß man durch ein Fernglas blickt. Wißt ihr, so mit festumgrenztem Sehfelde und ungewohnter Vergrößerung und Perspektive. Wenn man sich darin geübt hat, so zu sehen, dann wird einem klar, wie unwirklich auch das ist, was man mit eigenen Augen gerade vor sich sieht.«

»Und ich weiß noch etwas aus meiner Kindheit,« sagte Mahrensee. »Damals als wir nach Deutschland zogen, wurde alles Überflüssige verkauft, wozu sollte man sich mit den unzähligen Sachen schleppen? Wir hatten furchtbar viel Spielzeug; das wurde mit versteigert, und jeder von uns bekam ein Sparkassenbuch von dem Gelde. Unsere liebsten Sachen behielten wir natürlich. Aber das andere wurde eben versteigert. Ich weiß noch ganz genau, wie ich neugierig um den Tisch herumging, wo alle die Sachen ordentlich mit Zetteln und Nummern lagen, die noch vor einigen Tagen mir gehört hatten. Jetzt wagte ich nicht, sie zu berühren. Ich war gar nicht traurig, mich von meinem Spielzeug zu trennen, nein, das war ich gar nicht, aber ich konnte nicht begreifen, wieso die Sachen nicht mehr mir gehörten — nicht einmal meine weißen Ratten.«

»Da hast du es,« sagte Uglop. »Im Grunde sind solche Dinge auch ganz unerklärlich.«

Gruber machte eine ungeduldige Bewegung.

»Wo werden wir einander wiedersehen?« fragte Mahrensee nach einer Weile.

»Ja, wo?« erwiderte Gruber. »Aber wir wollen einander versprechen, später einmal wieder zu dreien zu leben. — Wie sonderbar zu denken, daß diese ganze Zeit, dieser Abend dann so weit zurückliegen wird.«

Mahrensee traten Tränen in die Augen. Er trocknete sie heimlich.

Da hatten sie das Dorf erreicht. Es war höchste Zeit. Der Zug kam schon.

Gruber stieg ein:

»Ich danke euch, daß ihr mich herbegleitet habt. — Morgen früh bin ich in Berlin! — Lebt wohl!« —

»Berlin, ja —« Uglop sah dem forteilenden Zuge nach. »Vielleicht kommt er in Berlin zur Besinnung.«

Sie machten sich auf den Heimweg.

»Wie hast du es heute so gut aussprechen können?« fragte Mahrensee — vor ihm lag als dunkle Masse der Wald.

»Durch dich ist mir so viel klar geworden,« antwortete Uglop, »durch deine Hilfe bei der Examensarbeit. Ich werde nie verstehen, daß du in dieser Art arbeiten kannst und dich trotzdem für ernste Dinge interessierst. Beides liegt so scharf getrennt dicht nebeneinander in dir. Bald bist du der eine, bald der andere. Aber es wird nicht immer so weitergehen können, einmal wirst du dich entscheiden müssen, oder du kommst zu irgendeinem Kompromiß, einem sonderbaren Ausgleich.«

»Durch die Examensarbeit?« fragte Mahrensee leise. Das andere tat so weh und war so hoffnungslos.

»Ja, die sinnlosen Übersichten und Anordnungen, die man macht, damit die Dinge nicht mehr aus dem Dunkel auftauchen und wieder schwebend verschwinden. — Ich sagte dir einmal, es wäre die Ordnung eines Friedhofs. Ich habe mehr darüber nachgedacht, und es ist doch nicht ganz so. Denn unter ihren Sargdeckeln leben die Dinge dennoch weiter für den, der die Grabschriften übersieht. Weißt du, die Oberfläche der Erde ist ausgemessen und steht auf den Karten, aber die Erde ist tief, du! Und niemand weiß, wo sich in der Tiefe alle Wurzeln kreuzen. Es wird mich viel Zeit kosten, das Examen wieder zu vergessen und mich zurückzufinden, aber dann werde ich keine Grabinschriften mehr lernen.«

»Dann tut es mir leid«, sagte Mahrensee.

»Nein, ich bin dir nur dankbar. Nicht nur deiner Hilfe wegen. Sonst wäre es mir wohl nie so klar geworden, wie hohl jedes Wissen ist. Jetzt habe ich es an mir selbst erfahren.«

Als sie den Wald erreichten, sagte Uglop:

»Siehst du, Berlin — ich stand einmal auf dem Leipziger Platz, es war Abend und ganz leichter Dunst. Eben hatte man die Laternen angezündet, und die Fenster von Wertheim leuchteten herüber. Ich stand lange auf der Verkehrsinsel und dachte: wo gehen alle die Straßen hin, die Elektrischen, die Automobile, die Menschen? Niemand weiß es. Und jeder, jeder Mensch trägt ein Schicksal in sich, sieht und erlebt so viel in jeder Sekunde. Hat Sorgen und Erwartungen oder ganz einfach Gedanken. Die vielen Häuser, jedes ist eine Welt für sich mit einer seltsamen Geschichte. Und es wurden immer mehr Menschen, immer mehr Schicksale, die an mir vorbeifluteten. Wer kann sich unterfangen, das alles zu einem Bilde, einer Klarheit zusammenzufassen — alle diese geheimnisvollen Ströme in ein Bett zu leiten? Und als mich schwindelte, da kam gerade ein Zeitungsmann vorbei und ich kaufte mir ein Blatt. Auf vier Seiten stand da alles, nach Ländern und Schichten und Parteien geordnet, alles was ein ganzer Tag auf der ganzen Welt gebracht hatte. Damals durchschaute ich die Zeitung und ihre Religion — wenn es mir auch erst jetzt ganz klar geworden ist. Ich weiß noch, daß mir damals übel wurde, ich war nahe am Erbrechen. — Bald darauf kam ich aufs Schulgut, und dann war ja alles ganz anders.«

Es begann zu schneien, langsam fiel Flocke um Flocke auf den hartgefrorenen Weg.

Nach einer Weile sagte Mahrensee:

»Weißt du, etwas anderes, und doch Ähnliches — als ich so zu lernen anfing, da war die Welt für mich natürlich feststehend, sie war eben so, Veränderungen hatte es nur früher gegeben, jetzt hatte ich das endgültige Resultat. Aber dann kam das eine und das andere, die Menschen, die ich kannte, veränderten sich oder starben sogar, alles verschob sich — aber das war noch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste kam erst in der Schule. Eigentlich stand gar nichts fest, sogar die chemischen Formeln waren nicht genau, sondern nur annähernd richtig. In Wirklichkeit waren sie noch viel komplizierter. Und die Geschichte war auch nicht so einfach. Über jede Kleinigkeit fanden sich ganze Bibliotheken, und was diese Spezialbücher als letzte Details gaben, das kann noch näher untersucht werden. Und dann konnten dieselben Sachen von ganz verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet werden und gruppierten sich immer anders. Es blieb gar nichts Festes übrig, nichts Absolutes.«

»Wann ist dir das klar geworden?« fragte Uglop und sah auf.

Mahrensee überlegte.

»Ich hatte es immer schon gefürchtet,« sagte er dann, »aber es mir selbst nicht zugeben wollen. Und ganz will ich es mir immer noch nicht eingestehen. Aber es ist doch wohl so. Ja, es wurde mir klar, als Gruber etwas über Ninon sagte, was ich nie hätte sagen können. Da merkte ich, daß auch wir verschieden wären und —« plötzlich fuhr er jäh auf, »du, damals kam mir das mit der unwirklichen Wirklichkeit!«

Uglop antwortete nicht gleich; dann sagte er:

»Und das ist die Lösung, die Unwirklichkeit verändert sich nicht, denn sie ist unserer eigener Kern.«

Mahrensees Mund verzog sich; was sollte das! War es mehr als ein schönes Wort? Wohin konnte es führen? Gruber reiste nach Berlin, dem funkelnden Leben entgegen, der Wirklichkeit, dem Kampfe — — —

Und der Schnee fiel dichter und dichter. Es war späte Nacht, als die beiden Knaben das Schulgut wieder erreichten.



XX.

Nach Grubers Abgang fiel von selbst die Schranke, die Mahrensee und Uglop von den andern getrennt hatte. Der Klassenklub wurde stillschweigend aufgelöst, jeder holte sich aus dem Klubzimmer die Gegenstände, die er geliehen hatte, und das Zimmer selbst wurde wieder zur Verfügung des Direktors gestellt.

Aber jetzt kam das Examen wirklich. Es hörte auf, ein Schreckgespenst der Zukunft zu sein, man stand ihm Auge in Auge gegenüber und hatte sich mit ihm in offenem Kampfe abzufinden.

Und eines Tages setzte man sich auf die Bahn und fuhr in die Provinzstadt, wo die Prüfungskommission zusammengetreten war. Auf ausdrücklichen Wunsch des Direktors trug man die Schultracht mit den Kniehosen und roten Tuchmützen. Und das genügte, um die Schüler im Laufe einiger Stunden zu stadtbekannten Figuren zu machen. Sie fühlten es selbst sehr gut, und es belustigte sie, sich mit ihrem auffälligen Benehmen noch gerade an der Grenze des formell Unangreifbaren zu halten.

Daß auch Uglop noch knapp die Prüfung bestand, konnte er nur seinem Glück danken, daß er gerade nach den Dingen gefragt wurde, die Mahrensee ihm eingetrichtert hatte. Vielleicht hatten auch seine unerschütterliche Ruhe und sein Gleichmut den Lehrern imponiert.

Den andern war das Examen viel leichter gewesen, als sie es sich vorgestellt hatten. Man hatte ihnen ganz unnötigerweise Angst gemacht, meinten sie übermütig.

Das Examen — das übrigens gerade in die Zeit der Osterferien fiel — war also endgültig bestanden, man hatte nach Hause telegraphiert und telegraphische Glückwünsche erhalten, und gerade als man sich überlegte, wie man die letzten drei Ferientage, natürlich zusammen, verbringen sollte, lief vom Direktor Leutelt die Nachricht ein, daß er in den Ferien die Übersiedlung in die Rhön bewerkstelligt hätte. Sie sollten zum Schulanfange direkt dorthin kommen.

Also das Leben auf dem Schulgute war ebenfalls abgeschlossen. Auch darin bedeutete das Examen einen Abschluß und ein Ende.

Die neuen Obersekundaner benutzten die drei Ferientage zu einer Wanderung durch den Thüringer Wald, von dem sie auch Abschied nehmen mußten. Es war ein langsames Schlendern ohne Übereilung, sie berührten kaum einen Ort, der ihnen nicht von früheren Touren her bekannt war. Ja, ja, jetzt waren sie erwachsen, viel war vorbei, ein großer, bunter Abschnitt des Lebens, aber die Erinnerungen an die tollen Streiche der Kindheit waren unterhaltsam und zuweilen wehmütig.


XXI.

Auf einer Bergkuppe lag das wunderschöne alte Klostergebäude. Man mußte erst den steilen Weg hinunter, ehe man sich auf den Wiesen tummeln konnte. Es war nicht mehr möglich, für eine Viertelstunde in den eigenen Wald hinauszulaufen; hier umgaben Staatsforsten die Schule, man wagte kaum einen Zweig abzubrechen.

Da hielt man sich lieber ans Gebäude selbst.

Und da war viel zu entdecken; die doppelte halbverfallene Schutzmauer atmete noch die Romantik des Mittelalters. Von den Ecktürmen aus überschaute man das weite Land bis zur Rhön, es waren feuchte, fruchtbare Wiesen und große Wälder. Die hohen Zimmer mit Steinboden und tiefen Fensternischen — richtige Zellen. Und vor allem der Torweg, der Ziehbrunnen und ein geheimnisvoller Gang, der leider verschüttet war. Die breite Bergterrasse aus schweren Steinfliesen.

Aber bald waren alle diese Dinge vertraut und selbstverständlich geworden und man begann sich nach der Freiheit auf dem Schulgut zu sehnen. Hier war man immer beobachtet, weil alle immer so dicht beieinander waren.

Dr. Leutelt zog sich ganz von den Schülern zurück; war sein Ehrgeiz erfüllt, die Anstalt jetzt voll ausgebaut zu sehen, und wollte er sich in seiner Vorstellung vom eigenen Werke nicht durch die Wirklichkeit stören lassen?

Der Unterricht wurde strenger gehandhabt, als jemals früher. Jetzt wäre ein Klassenklub überflüssig gewesen. Man begann schon vom Abitur zu reden. —

Vom Gartenbau war nur noch eine Andeutung übrig, denn es fehlten die großen Felder; hier hatte man nichts als ein kleines Eckchen unter der Mauer.

Was sollte Mahrensee hier? Er fragte es sich, wenn er abends am Fenster saß und wie ein Page sehnsüchtig in die Ferne hinausblickte. Gruber war fort, Uglop lebte ganz für sich, er hatte niemand mehr.

Und wozu sollte er hier eingesperrt sein, wenn er als freier Mensch leben konnte. Er hatte ja sein Examen, er brauchte keine Schule mehr, er gehörte zu den Großen. Seine Mutter hatte ihm selbst gesagt, daß er sich privatim auf das Abitur vorbereiten könnte.

Lieber auf einmal den großen Schritt tun, als hier die Zeit verlieren.

Draußen wartete etwas auf ihn; hier war er fertig. Nein, er hatte wirklich keine Zeit zu verlieren, draußen wartete das Leben.

Und doch zitterte er, als Dr. Leutelt ihm mitteilte, daß seine Mutter ihn abgemeldet hatte. Er hatte sie ja selbst darum gebeten.

Jetzt war es also unwiderruflich geschehen.

Am letzten Abend stand er auf der Terrasse und sah die Sonne untergehen. Seine Augen verfolgten sie angestrengt, bis der letzte Rand hinter dem Waldsaum verschwunden war. Er blieb noch eine Weile stehn, dann biß er sich auf die Lippe und ging hinauf, um seinen Koffer zu packen, Stück für Stück.

Dichter Nebel herrschte am nächsten Morgen, als seine Kameraden ihn zur Bahn begleiteten, und es wurde erst klar, als er weit, weit draußen irgendwo zwischen zwei Großstädten im Schnellzuge sein Mittagessen einnahm. Es war ihm nicht einmal vergönnt gewesen, die Kindheit langsam entschwinden zu sehen, auf einmal stand er in einer großen, klaren, fremden Welt, in der er sich zurechtfinden mußte.

Die Nacht war verstrichen, jetzt kam der Tag.