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Anna Meretta – Mann und Frau des 20. Jahrhunderts

Vortrag

Anna Meretta, Mann und Frau des 20. Jahrhunderts, Vortrag gehalten im Februar 1911 in der Generalversammlung des Vereines »Frauenbund« Brünn und im »Verein für Fraueninteressen« Troppau, Im Kommissionsverlag der Buch-, Kunst- und Musikalienhandlung Otto Gollmann, Troppau.



Hochverehrte Anwesende!

Schon der Titel meines Vortrages verrät den kontemplativen Charakter meiner Darlegungen. Es ist ein Zusammenfassen und Gegenüberstellen von Tatsachen, ein Entgegenhalten von Widersprüchen, das anregen möchte – die einen zur Tat, die andern zum wägen und urteilen. –

Wenn auch mit dem Auge der Frauenrechtlerin gesehen, ist das Bild, das ich Ihnen zu entrollen im Begriffe bin, doch nicht vom engbegrenzten Parteistandpunkt aufgenommen, sondern als ein Kapitel aus der imposanten Entwicklungsgeschichte der Menschheit herausgehoben, ein Kapitel, das erst dann voll und ganz in Ihren Erkenntniskreis tritt, wenn die organischen Zusammenhänge gegeben werden, die dieses Kapitel mit den vorhergehenden verknüpfen, wenn die Ansätze für die weiteren Entwicklungsmöglichkeiten, die die Perspektive in die Zukunft weisen, erkennbar sind. In Erfüllung eines Naturgesetzes auf einander angewiesen, sind Mann und Frau, einander bald suchend und ergänzend, bald fliehend und bekämpfend, doch den Weg der Entwicklung gemeinsam gegangen. Nicht immer im gleichen Tempo, nicht immer in Harmonie. Blicken wir diesen Weg zurück soweit menschliches Erkennen uns den Ausblick eröffnet hat und beginnen unsere Betrachtungen dort, wo sich aus tausend und abertausend kosmischen Umwandlungen die physische Menschenwerdung vollzog, so sehen wir aus dem rohen Kampf der Individuen, der Einzelexistenzen, Geschlechtsverbände auf der Basis ausschließlicher Sinnenliebe sich ablösen. Auf dieser Entwicklungsstufe, da Geschlechtsliebe und Nahrungskampf allein Mann und Frau verbanden, gingen die Daseinsäußerungen der beiden über das Triebhafte nicht hinaus. Höher hinauf, aus der Tierheit emporsteigend, da sich zur Physis – aus ihr geboren – der Menschengeist gesellte, diese veredelnd, wie man ein Edelreis auf einen Wildling pfropft, erwuchs den beiden neben dieser Urkraft, die Mann und Frau zusammenzwang, eine Fülle edlerer, vergeistigter Gefühle. So gross der Gewinn an erhöhten Glücksmöglichkeiten, so gross bei dieser Differenziertheit die Gefahr des gegenseitigen Mißverstehens, kompliziert noch durch die überkommenen, nicht immer überwundenen Reste jener Beziehungen zwischen Mann und Frau, die aus jener Zeitperiode der Menschheitsentwicklung stammen, da physische Kraft allein für den Daseinskampf und somit für das Abhängigkeitsverhältnis der Frau, als der physisch schwächeren, maßgebend war. Im Banne der elementarsten Gewalten, des Hungers und der Liebe, die, in steter Wechselwirkung untereinander, befruchtet durch den Menschengeist, zu immer differenzierteren Aeußerungsformen sich entwickelten, vollzog sich dieser Aufstieg der Gefühle und Beziehungen, die Mann und Frau seit Äonen von Zeiten an einander binden und die kommende Ewigkeiten wohl umgestalten, aber niemals lösen werden. Was sind die Erfindungen, die Errungenschaften der modernen Technik und Wissenschaft, die unser Wirtschaftleben beeinflußen und auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau einwirken, anderes, als Gestalt gewordener Menschengeist; was sind Freundschaft, Edelsinn, Duldung, Selbstverleugnung, Teilnahme, soziales Empfinden, Nächstenliebe, die ganze Skala menschlicher Gefühle, was ist Kunst, als vergeistigte Sinnenliebe. Also: Die beiden breiten Ströme des Lebens, der Hunger und die Liebe, reguliert durch den Menschengeist und doch immer wieder in ihren Zuflüssen gefährdet durch Wildbäche aus der einstigen Tierheit des Menschen, die unbeseelte Sinnenliebe und rohe Gewalt kennzeichnen!

Es ist als ob die Natur, sowie sie bei jeder neuen Menschenwerdung den biologischen Stammbaum rekapituliert, auch das ethische Wachstum des einzelnen mit dem Uranfang menschlicher Gesittung beginnen würde. Also nicht blos in der physischen, auch in der geistigen und ethischen Entwicklung des einzelnen können wir oft eine kurze Wiederholung der ganzen Ahnenreihe mit einem individuell stärkeren oder schwächeren Einschlag dieser oder jener Entwicklungsstufe beobachten. Dieser Vorgang ist die unversiegbare Quelle der zu immer neuer Artung führenden Varianten.

Resümieren wir: Die Entwicklungslinien der beiden Geschlechter laufen parallel auf der primitivsten Stufe; sie entfernen sich von einander infolge der in der physischen Ueberlegenheit des Mannes begründeten Unfreiheit der Frau, deren Entwicklung in ein langsameres Tempo gerät. Durch diese Verschiebung erfährt die Harmonie der beiden die erste Trübung. Dazu tritt in weiterer Folge die wachsende Differenziertheit der Individuen. Dazu tritt, die Harmonie noch mehr gefährdend, der Umstand, daß keine Entwicklungsperiode restlos in die nächste übergeht, sondern Partikelchen längst vergangener Zeitläufe und überwundener Anschauungen in die neue Zeit hinüberfließen und in ihrer unberechenbaren Verteilung und Ansammlung stellenweise zu Disharmonien führen müssen. Dazu tritt der Umstand, dass die Frau durch die Vergeistigung und Ethisierung der Kultur an Bewegungsfreiheit gewonnen, durch die Verweichlichung derselben an Widerstandskraft verloren hat, also – ich denke dabei vor allem an die Mutterschaft – dem Manne gegenüber einerseits freier, andererseits gebundener wurde.

Auf Grund dieses Rückblickes, der die Zusammenhänge mit der Gegenwart, die Lösungen scheinbarer Widersprüche andeutet, lassen Sie uns unsere Betrachtung über Mann und Frau des 20. Jahrhunderts beginnen.

Sehen wir uns vor allem in den untersten Volksschichten um. Mann und Frau genießen dort dieselbe Ausbildung, d. h. oft gar keine, oder das Mindestmaß, die Volksschule; Fachausbildung ist dort selten und ungenügend. Der junge Mann, der in der frühesten Jugend oft dieselbe Arbeit im Hause leisten muß wie das Mädchen, der seine Mutter in der Erfüllung doppelter Pflichten, als Hausfrau und Erwerbende, – sei es als Wäscherin oder Bedienerin, Fabriks- oder Heimarbeiterin – Uebermenschliches leisten und die Familie häufig neben einem dem Trünke ergebenen Gatten von ihrer Hände Arbeit allein erhalten sieht, derselbe junge Mann ist von Geringschätzung erfüllt dem Weibe gegenüber. Diese geringe Wertung der Frau verschiebt die scheinbar gleiche Lebensausrüstung zu Gunsten des Mannes. Minder gewertet als Mensch, im Lohnkampf trotz gleicher Leistung benachteiligt, vor dem Gesetze verkürzt, als Geschlechtswesen nach drei Fronten in der Defensive – den Angriffen des Mannes, ihrer eigenen, durch die geringe oder ganz fehlende häusliche Zucht oft ungezügelten Leidenschaftlichkeit gegenüber, sowie den Konsequenzen eines eventuellen Fehltrittes gegenüber, die zu tragen meist ihr allein überlassen bleibt, – sehen wir die Frau unter erschwerten Bedingungen denselben Kampf kämpfen wie der Mann. Wenn auch nicht immer mit Erfolg, so doch mit einem größeren Kräfteverbrauch, als der Daseinskampf des Mannes erfolgt. Und doch ist diese Frau in den Augen des Mannes ihrer Sphäre eben »nur eine Frau«, d. h. ein Wesen, das nicht an seine Vollkommenheit heranreicht, das aber trotzdem dazu da ist, ihm den Lebenskampf zu erleichtern. Derselbe Mann, dessen Selbstgefühl es zuläßt, daß seine Liebste oder Ehefrau für ihn sorgt, ja der sich mitunter von ihrer Hände Arbeit ganz erhalten läßt, spricht oft genug im Tonfall der Geringschätzung von Weiberarbeit und Weiberwert. Immer wieder können wir das an den Soldatenliebschaften beobachten. Gewiß auch die Leichtgläubigkeit der Mädchen ist zu verurteilen; doch ihre Verliebtheit, die zu wecken der Mann alle Verführungskünste anwendet, ist immerhin ein Milderungsgrund, während ich beim Manne, der oft mit dem Vorsatz, sein Eheversprechen nicht zu halten, nur auf materiellen Vorteil ausgeht, um dessentwillen ihm Mädchenehre und Mädchenglück feil sind, einen Entschuldigungsgrund nicht finden kann. Auch bei der Eheschließung jener Kreise sind weniger die Gefühle als die Ersparnisse des Mädchens maßgebend, daher im Volke die häufige Altersüberlegenheit der Ehefrau. Durch die emsigste Arbeit kann sie es oft zur alleinigen Erhalterin, niemals aber zum gesetzlichen Oberhaupt der Familie bringen, selbst dann nicht, wenn Verdienst und Lebensfreude des Mannes im Alkohol aufgehen. Gewiß, auch der Mann des Volkes ist ein Arbeitstier und hat hart zu kämpfen; doch erschwert er sich und den Seinen die wirtschaftliche Position oft genug durch seine Alkohol-Liebhaberei. Dort wo geordnete Verhältnisse herrschen, finden wir speziell unter dem Volke viel Familiensinn auf Seite des Mannes, der sich in großer Liebe zu den Kindern und treuer Kameradschaft der Frau gegenüber äußert. Zu vollkommener Harmonie zwischen den Beiden kommt es aber auch da selten, weil der Mann, trotz seiner sozialen Gleichheitsbestrebungen außerhalb der Ehe, in der Ehe seine Vorliebe für das Prinzip der Unterordnung der in seinen Augen doch nicht ganz gleichwertigen Frau beibehält. Woher diese geringere Wertschätzung der Frau trotz ihrer zu mindest gleichen, zumeist größeren Leistungsfähigkeit gerade in Kreisen, die notgedrungen mit materiellen Werteinheiten messen und urteilen? Aus der geringen Selbsteinschätzung der Frau dem Manne gegenüber, aus ihrer gewohnheitsmäßigen Unterordnung unter stärkere Muskeln und einen oft schwächeren Geist und Willen. Es ist ein Bild aus den Kindheitstagen der Menschheit, das wir im Volke wiederfinden, Nachklänge aus der Zeit des Faustrechtes, im Rythmus modernen Wirtschaftslebens zu einer für ein ethisch und sozial empfindsames Gemüt quälenden Disharmonie gefaßt. Gewiß, es giebt auch Fälle, da der Mann unter dem Egoismus der Frau zu leiden hat, aus denen unsere Gegner so gerne Kapital schlagen; doch gehören diese Fälle zu den Minderheiten. Wenn ich mich mit dem Hinweis darauf begnüge, geschieht es aus dem Grunde, weil hier Durchschnittsverhältnisse besprochen werden. Gewiß hat die Sozialdemokratie das Selbstbewußtsein der Frau gehoben, doch nur den andern Gesellschaftsklassen gegenüber; ihre Männer sind bemüht, auch die materielle und soziale Lage der Frau zu verbessern, doch weniger durch Preisgabe eigener Geschlechts-Vorrechte. Am besten hat ihr seinerzeitiges Verhalten in der Stimmrechtsfrage bewiesen, daß auch bei den Männern dieser Klasse, unter denen die relativ meiste Sympathie für die modernen Forderungen der Frauen zu finden ist, dieselbe nur soweit reicht, als das eigene Interesse des Mannes mit in Betracht kommt.

Wenden wir uns nun dem entgegengesetzten Pole zu, den oberen Zehntausend. Gleicht das Leben der Proletarierfrau dem eines überbürdeten Lasttieres, so spielt die Frau der obersten Stände, sei es die legitime oder illegitime, – wenn wir an Durchschnittsverhältnissen festhalten – im Leben des Mannes jener Kreise die Rolle einer kostspieligen Sache, eines Luxusgegenstandes, um einen Gemeinplatz zu gebrauchen. Im Gegensatz zur Proletarierfrau produziert sie nicht ökonomische Werte, sondern konsumiert nur, oft in einem Ausmaß, daß selbst ein mitgebrachtes Heiratsgut die Erwerbstätigkeit der Proletarierfrau nicht aufwiegt. Ihren Lebensinhalt bilden Toiletten, Feste, Wohltätigkeits-Bazare, konventionelle Formen, Aeußerlichkeiten; sie ist das Aushängeschild für den Reichtum, die Stellung, die Gesinnung ihres Mannes, die sie – ohne individuelle Zweckbestimmung – zu repräsentieren hat. Jede ernste Arbeit ist bei ihr verpönt, wird lächerlich gemacht oder höchstens als Liebhaberei geduldet; bezahlte Arbeit zu leisten, gilt als Standesverletzung. Diese ihre Lebensbestimmung bildet die Richtschnur für die Mädchenerziehung jener Stände, die, Salonfähigkeit und gesellschaftliches Prestige als Endziel betrachtend, den Gipfel ihrer Vollkommenheit in der äußeren Form erblickt, unter der sie die innere Hohlheit verbirgt. Es ist nur eine naturgemäße Folge dieser Erziehung, daß Frauen jener Kreise, falls Zeitfragen in ihren Gesichtskreis treten, diese für sie nur einen amüsanten Unterhaltungsstoff bilden, dem sie cynisch oder sarkastisch-kritisch gegenüberstehen. Es ist nur folgerichtig, daß in einer Welt, in der die Form dominiert, die Ehe, mag sie aus was für einem Grunde immer geschlossen worden sein, doch nur zur Form herabsinkt, über die hinweg sich Mann und Frau zur Befriedigung ihrer erotischen und nicht erotischen Sehnsüchte außerhalb derselben skrupellos hinwegsetzen. Eine geistreiche Aristokratin kennzeichnet diese Verhältnisse mit den Worten : »Man heiratet eine Frau, lebt mit einer andern und liebt nur sich selbst!« – Daß die typische Religiosität jener Kreise sie an dieser oft einzigen Persönlichkeitsäußerung nicht hindert, ist ein Beweis, daß ihre Religiosität, so tiefwurzelnd sie scheint, doch nur in der Oberfläche verankert ist, daß Menschen, deren ganzes Leben von Aeußerlichkeiten beherrscht ist, eines tiefgehenden Gefühlslebens verlustig werden und endlich, daß die Repräsentanten jeder dogmatischen Religion, deren Machtbestrebungen sich mit denen der obersten Kreise begegnen, Inhalt und tiefern Sinn von Gesetzen und Einrichtungen ignorierend, gern ein Auge zudrücken, wenn nur die Form gewahrt bleibt. Die Erziehung des Mannes der oberen Stände, die wohl eine einstige Berufstätigkeit ins Auge faßt, wobei immerhin nur gewisse Erwerbsmöglichkeiten als standesgemäß gelten, ist infolge ihres Endzweckes von der der Frau wesentlich verschieden und bahnt die erste Disharmonie zwischen Mann und Frau an Ob nun der Beruf dieser Männer das Mittel zum Zweck, zum Geldverdienen ist, ob er einen geschäftigen Müssiggang darstellt, ob- der Mann von seinem ererbten oder dem durch Heirat erworbenen Gelde seiner Frau lebt, in welchem Falle er sich wenig vom einfachen Soldaten, der sich von seinen Liebchen füttern läßt, vom Trunkenbold, der von dem Verdienst seiner Frau lebt, unterscheidet, immer ist es die Anhäufigung des Kapitals ohne oder bei relativ geringer Arbeitsleistung und die damit verbundene Unterwertung, ja Mißachtung der Arbeit, die Unmoral im ethischen Sinne zeitigt und auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau unheilvoll und zerstörend wirken muß. Der Mann, der die Frauenarbeit im allgemeinen mißachtet und bei seiner eigenen Frau für standeswidrig hält, der sich Frauengunst kauft wie ein Automobil oder einen Rennstall, der degradiert die Frau zur Sache, zwischen ihm und jenen Frauen, die diese Entwürdigung nicht fühlen, können nur Beziehungen gedeihen, die eine viel tiefere Entwicklungsstufe der Menschheit werden ließ und die Rückständigkeit auf einzelnen Linien, Tradition genannt, inmitten hochentwickelter Kulturkomplexe erhalten hat. Sowie die Proletarierfrau durch Hebung ihres Selbstbewußtseins dem Manne gegenüber auch in seinen Augen an Wertschätzung gewinnt, so wird die Frau der oberen Stände erst dann eine Höherwertung erfahren, wenn sie, mit der orientalischen Lässigkeit brechend, sich zum Arbeitsprinzip bekennt und durch ihre Lebensweise auch den Mann zu dessen Anerkennung zwingt. Man wende nicht ein, daß eine solche Evolution nur vom Manne kommen müßte; die Frau ist das juvenile, begeisterungs- und entwicklungsfähigere Element. Zahllose Energien schlummern in ihr, die konventionelle Schranken niederhalten; es wird der Tag kommen, da auch die Frauen jener Kreise den Mut finden werden, sie niederzureißen.

Der Mittelstand, der dort, wo er an die untersten Volksschichten sich anschließt und dort, wo er in die obersten übergeht, diesen beiden ähnliche Verhältnisse aufweist, zeigt doch im Kern ein wesentlich anderes Gepräge. Auch hier finden wir, wenn wir Durchschnittsverhältnisse betrachten, im sozialen und wirtschaftlichen Leben und somit auch im Verhältnis zwischen Mann und Frau – inmitten hochentwickelter Kulturzustände – die Harmonie der beiden empfindlich störende Atavismen. Die Frau des Mittelstandes hat im Gegensatz zur »Dame« arbeiten und im Gegensatz zur Proletarierfrau an ihren Leistungen sich einzuschätzen gelernt und doch versagt ihr der Durchschnittsmann die Anerkennung, die Gleichwertung. Woher das? Es ist ein wirtschaftliches und ethisch-psychologisches Problem, das es da zu lösen gibt. Wirtschaftlich von der weiblichen Konkurrenz bedrängt, der die veränderten Produktionsverhältnisse diesen Konkurrenzkampf aufgezwungen haben, infolge des freiwilligen und unfreiwilligen Zudrängens der Frau zu außerhäuslichen Berufen um sein häusliches Behagen besorgt, ist es der Selbsterhaltungstrieb, der den Mann instinktgemäß, also mit Außerachtlassung der Beweggründe und Umstände, die das Vorgehen der auch nach Selbsterhaltung trachtenden Frau diktieren, zur Abwehr drängt und überall dort, wo ein Ueberwiegen der Instinkte ein soziales Empfinden nicht aufkommen läßt, zum Widersacher der Frau macht. Die Frau, bei der sich, vom Kampf und Streit der Außenwelt durch Jahrhunderte ausgeschlossen und auf die vier Wände des eigenen Daheims beschränkt, eine überreiche Gefühlskultur entwickelt hat, tritt in den Existenzkampf und lernt – sich den Weg dahin erst bahnend – ihre Leistungsfähigkeit auch auf jenen Gebieten kennen, die der Mann bisher als sein unbestrittenes Privileg behauptet hat. Sie erkennt aber auch die Liebesleere in der Welt männlicher Gesetze und Einrichtungen und indem sie mit einer Hand nimmt, was bisher sein ausschließlicher Besitz gewesen – Männerberuf und Männerrecht – gibt sie doppelt und dreifach wieder, mit dem angesammelten Gefühlsreichtum die Liebesleere füllend, wo sie schafft und wirkt. Ihr Haus sind nicht mehr die vier Wände, ihr Haus wird die ganze Welt! Wenn sie auch den Höhenflug wagt, so hat sie doch nicht die Fähigkeit verloren, im bescheidenen Kreise Glück zu suchen und zu verbreiten. Aber ihr Liebesquell ist reicher geworden durch die Kraftprobe, ihre Tatkraft, von Liebe beseelt, verlangt mehr denn je nach dem gleichgestimmten Weggenossen und in der Lebensgemeinschaft mit ihm die Ergänzung des eigenen Ich's suchend, findet sie in 9 Fällen unter 10 einen im Alltag, im Vorgestern stecken gebliebenen Egoisten, der mit seiner Wissenschaft und Technik Himmel und Erde beherrscht, dabei aber nach der Gebärmaschine und Haushälterin von anno dazumal raunzt. Es nützt nichts, daß ihm die Frau beweist, auch sie verstände hauszuhalten– besser vielleicht als ihre Großmutter, die sich nicht erst argentinisches Fleisch erobern mußte, um billig einzukaufen; dass auch sie Mutter sein will, wenn auch nur von einem halben oder einem viertel Dutzend Kinder, da Wissenschaft und Hygiene sie gelehrt haben, das halbe Dutzend auch zu erhalten und nicht die Hälfte davon für Seuchen und Bazillen zu gebären, wie ihre selige Großmutter. Es nützt nichts, die Herren, ob sie nun Gruber, Mayer oder – anders heißen, 's ist immer dieselbe Marke, sie lassen nicht locker; denn die Frau von heute kann mehr noch als weiland ihre Großmutter, die nur soviel lernte, als dem Großvater angenehm war. Sie kann nicht nur lieben und wirtschaften, sie kann auch künstlerisch schaffen; sie kann auch tradieren, kurieren, plaidieren, politisieren, Geld verdienen, sie kann auch erfinden. Dies aber soll sie nicht, denn sie ist ein Weib und Madame Curie gehört nicht in den salle d'academie; diese geheiligten Hallen der Wissenschaft dürfte sie höchstens als Scheuerfrau betreten. Der Fall Curie ist ein Dokument von Despotismus und Engherzigkeit des Mannes, dessen sich unsere männlichen Urenkel schämen werden. Nicht die Frau, die modern denkt und fühlt, entfremdet sich dem Manne, sondern er, der im 20. Jahrhundert lebt und wirkt und im 13. lieben möchte, schafft die Kluft zwischen den beiden. Tief und schmerzlich empfindet sie die Frau, die das Naturgesetz, das sie an den Mann bindet, nicht aufheben kann und will. Dieses wirtschaftliche und ethisch-psychologische Problem erzeugt einen Widerstreit der Gefühle, eine vorübergehende Disharmonie zwischen Mann und Frau, die den Uebergang zu neuen, höheren Harmonien bildet, die dann einsetzen werden, bis auch der Durchschnittsmann sich zu der Erkenntnis durchgerungen hat, daß es seiner Würde keinen Abbruch tut, wenn an der Spitze der Gesellschaft nicht ein führendes Geschlecht, sondern führende Persönlichkeiten stehen. Dieser Kampf der Geschlechter, der im Mittelstande wenn auch nicht an Zahl der Kämpfenden, so doch an Intensität des Kampfes am lebhaftesten wogt und sich von der Passivität der oberen Zehntausend und der Resignation der Proletarierfrau vorteilhaft unterscheidet, dieser Kampf ist es, der uns die neue Harmonie am frühesten verheisst. Wenn wir auch nur den Auferstehungstag vorbereiten und nicht erleben werden, die Morgenröte zu sehen wird uns vielleicht doch beschieden sein. Mag die Zahl der Männer, die gleich uns denken und fühlen, noch gering sein, in unseren Söhnen wird die Saat aufgehen, die wir in ihre Herzen pflanzen.

Lassen Sie mich noch bevor ich meine Schlussfolgerungen ziehe, einzelne Gebiete beleuchten, auf denen der Kampf am heftigsten geführt wird, auf dem Widersprüche uns am mächtigsten bewegen.

Zäh wogt der Kampf zwischen Mann und Frau auf dem Gebiete des Bildungs- und Erziehungswesens, zäh und kennzeichnend für die Disharmonie zwischen den beiden und die Verschiedenheit der Standpunkte, von denen aus er geführt wird. Einerseits die treibende Kraft der wirtschaftlichen Bedrängnis, das erwachende Rechtsgefühl der Frau, das sich auf sich selbst Besinnen, das Wachsen und Erproben der eigenen Kraft, das bewusste Streben nach neuen Zielen; andererseits ein selten rückhaltsloses, oft bedingtes, meist widerwilliges Anerkennen der bisher latent vorhandenen, nun frei gewordenen Frauenwerte, ein teils hilfsloses Tasten und Versuchen, die neue Erscheinung in die alte Weltanschauung einzureihen, teils eine ängstliche Abwehr der feindlichen Invasion auf bisher allein beherrschtem Boden. Und all dies Missverstehen dem Umstand entsprungen, dass Mann und Frau nicht gemeinsam entscheiden, was beide gemeinsam trifft. Aus dem Gegeneinander ist ein Nebeneinander geworden, dem ein Miteinander an der Arbeit folgen muss, wenn es nicht nur einen gutem Klang sondern auch einen wirklich praktischen Erfolg geben soll. Der Mann verweist die Frau immer wieder auf die Jugenderziehung als ihr ureigenstes Arbeitsfeld, das aber nicht sie allein, sondern auch Schule, Kirche und Staat einflussnehmend beherrschen, verweigert ihr aber Sitz und Stimme in den Körperschaften, die diesen Einfluss üben und vertreten. Er hat auf die Frau nicht gehört, als sie warnend ihre Stimme erhob gegen die Massenerrichtung von Lyzeen und muss nach Jahrzehnten kapitulierend zugeben, dass er für eine Luxus- und Reicheleut-Schule, die keinem praktischen Bedürfnis entspricht, indem sie weder eine Berufs- noch die richtige Abschlussbildung für Mädchen vermittelt, Tausende von Subventionen vergeudet hat. Die Prophezeiungen der Frauen sind eingetroffen; die Unterrichtsverwaltung erkennt endlich die Mängel, die wir schon längst gesehen haben. Wir sind begierig, wie die Unterrichtsverwaltung sich aus dieser Sackgasse herausfinden und ob sie künftighin die Lehre beherzigen wird, über Frauenbedürfnisse Frauen mit entscheiden zu lassen. Es wäre zu wünschen, dass die Ergebnisse der kürzlich stattgehabten Enquete, die sich mit der Ausgestaltung des Lyzeums beschäftigte, recht bald zu einer zeitgemässen Reform desselben auf der Basis der Zweistufigkeit, für die sich die Mehrzahl der Enqueteteilnehmer ausgesprochen hat, führen würden.1 Die minderwertige Vorbereitung für die Hochschule, für die sie den Lyzeistinnen die Berechtigung erteilt hat, anerkennend, muss sich die Unterrichtsverwaltung, wenn sie das Lyzeum nicht fallen lassen will, wohl oder übel zu einer Ausgestaltung des Lyzeums verstehen. Fügen wir aber nur 1 Jahr an das 6 klassige Lyzeum an, so haben wir die Lehrzeit der Realschule erreicht. Warum den kostspieligen Umweg schaffen, wenn man durch Koedukation billiger Vollwertigeres erreichen kann. An allen gewerblichen Hochschulen, an vielen Bürger- und Landvolksschulen, an den Hochschulen ist die Koedukation ohne Schaden für beide Geschlechter durchgeführt; nur an der Mittelschule wird die Weiblichkeit gerettet und der Männlichkeit nur dann kein Abbruch getan, wenn die Mädchen nur hospitierend dem Unterrichte beiwohnen. Diese Halbheit, die einst das Zudrängen der Mädchen zu den Mittelschulen verhindern sollte, wurde jetzt verschärft, statt ergänzt, jetzt, da durch die Freigabe sämtlicher Fachschulen an die Frauen ein Ueberfluten der Mittelschulen weniger zu befürchten steht als früher. Die Verschärfung soll deshalb erfolgt sein, weil – wie mir ein Schulmann sagte – die Czechen die Erlaubnis zum Hospitieren missbraucht haben, indem an manchen czechischen Gymnasien mehr Hospitantinnen als Schüler waren. Ich finde, dass die Czechen die Erlaubnis nicht missbraucht, sondern die Deutschen sie nicht ausgenützt haben.

Im Berufsleben kann nur vollkommen freie Konkurrenz die richtige, auf der Befähigung basierende Auslese schaffen. Die Bekämpfung der Frauenarbeit durch schlechte Bezahlung ist ein unehrenhafter Kampf, in dem der Mann den kürzeren zieht. Auf den Schützen springt der Pfeil zurück; denn bei gleicher Bezahlung würde man die Frauen nur dort dem Manne vorziehen, wo sie Besseres leisten. Der prinzipielle Vorbehalt gewisser fetter Pfründen für den Mann selbst bei minderer Qualifikation und besserer Bezahlung desselben, als sie die Frau besitzt mit der Begründung der grösseren Bedürftigkeit des Mannes als des Familienerhalters, vollzieht sich meistens nach dem Grundsatz »Gewalt geht vor Recht« und wird solange währen, als die Frau nicht über den Stimmzettel verfügt. Nur bei gleicher Befähigung hat die Bedürftigkeit zu entscheiden und sollte in konsequenter Verfolgung der angewandten Logik durch den Trauschein erhärtet werden. Es soll ja auch vorkommen, dass die Frau eine Familie zu erhalten hat. Dass die Wertung der weiblichen Leistungen, selbst wenn sie nicht in so verbohrter, ganze Beweiskomplexe ignorierenden Weise Prof. Grubers erfolgt, so oft ein dem Tatbestand und dem weiblichen Empfinden widersprechendes Resultat liefert, liegt darin, dass der Mann so gerne unter dem Gesichtswinkel des alten Weibideals wertet und misst. Einen Beweis hierfür bietet die Kritik Prof. Strygowskis der Wiener Ausstellung »Die Kunst der Frau«, eine Kritik, die beissend, voll Vorbehalte und widerwillig Anerkennung zollt, dabei aber den Vorwurf erhebt, dass die Werke der modernen Künstlerinnen jene Eigenart vermissen lassen, die das alte Weibideal charakterisieren. Er verlangt Unmögliches: Dass die moderne Frau ein Ideal verherrlicht, das für sie keines mehr ist, da sie einem neuen zustrebt. Dazu ein Deuteln und nicht Verstehenwollen der Absichten, die die Veranstalterinnen geleitet haben, wo doch die einzig richtige Deutung so naheliegend ist : Zu zeigen, was Frauen bisher auf diesem Gebiete geleistet haben.

Werfen wir nun einen prüfenden Blick auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau in der Ehe. Eine leider so häufig anzutreffende Erscheinung ist es, dass wir den Mann im Lager der Modernisten, die Frau unter den Einfluss des Klerus finden. Während der Mann gegen die Macht der Finsternis ankämpft, lässt sie die Frau zu der andern Tür herein. Während der Mann gegen Enzyklika und Modernisteneid zetert, schickt er seine Töchter in Klosterschulen und Klosterpensionate, wo die zu religiösem Mystizismus neigenden Mädchen leicht ungesunder Frömmelei verfallen, lebenslustige aber die Heuchelei lernen müssen. Aber es ist eine so bequeme Frau, die in religiöser Gottergebenheit Unrecht hinnimmt, wenn der Mann Vertrauen fordert, das er nicht erwidert. Ein akademisch gebildeter Mann, dessen Frau ich für die Frauenbewegung gewinnen wollte, sagte mir: »Oh wir sind mit unsern Frauen, so wie sie sind, ganz zufrieden!« Leider hatte ich nicht mehr Gelegenheit, an die Frauen die Gegenfrage zu richten. Dieser Ausspruch ist ein Beweis, dass der Mann die Frauenfrage nur von dem Standpunkt beurteilt, ob sie ihm angenehm ist oder nicht. Zu dem geflissentlichen Festhalten in einer reaktionären Gedankenwelt gesellt sich meist ein ängstliches Fernhalten der Frau von jeder politischen Betätigung. Es ist als fürchte der Mann das Besitzergreifen der Frau von bisher allein beherrschten Domänen in Haus und Welt. Diejenigen, die über das weltfremde Motu proprio des in Dogmen erstarrten Papstes, das der Geistlichkeit die Fühlungnahme mit der fortschreitenden Geistes- und Kulturentwicklung verbietet und sie damit zu geistigem Tode verurteilt, missbilligend die Köpfe schütteln, denjenigen möchte ich zurufen: »Ist das nicht ein motu proprio krassester Rückständigkeit, wenn Ihr Euern Frauen die Teilnahme an allen zeitbewegenden Fragen unmöglich macht, insbesondere wenn sie ihren eigenen Interessen gelten?!« Der Fleischboykott in Krems wurde in der ganzen Presse verherrlicht; man fand die Strassendemonstrationen der Frauen durchaus nicht unweiblich, weil sie die im Leben des Mannes so wichtige Magenfrage beeinflussten. Dieselben Demonstrationen unserer Frauen zu Gunsten des Stimmrechtes, also in ihrem ureigensten Interesse, wären mit einem Sturm der Entrüstung beantwortet worden. Es ist nicht nur die Angst um erbgesessene Rechte, es ist auch die Angst, das Weibchen zu verlieren, das den Mann anlockt mit all seinen Reizen konzentrierter, nicht durch Geistes- und Berufsarbeit abgeleiteten Sinnlichkeit. Aus dieser Rüstkammer ist auch jene Logik geholt, deren sinnlicher Untergrund nicht zu leugnen ist und die Prof. Gruber sagen läßt: »Eigentlich sollten unsere jungen Mädchen wie die jungen Kühe und Stuten geweidet werden.« Wie die Pilze würden bei dieser Mästung auf die Geschlechtsfunktion die Tarnovskas und Steinheils in die Höhe schießen und mit dem Ueberschuß künstlich gezüchteter und unbefriedigter Geschlechtlichkeit den Mann vollends zum Sklaven seiner Sinne machen. Dann würde das »gefährliche Alter« nicht 10, sondern 30 Jahre währen. Das neue Buch der Karin Michaelis ist übrigens eine glänzende Widerlegung von Grubers Theorie. Wievieler Mutterschaften würde es bedürfen, um diesen Liebesparoxismus abzuleiten; das würde zu einer Nachkommenschaft führen, die der Mann allein heutzutage gar nicht erhalten könnte. Ich muß es mir versagen, hier auf das obengenannte Buch des näheren einzugehen. Nur eines ist wichtig: Die Feststellung von einer Frau, daß auch die Frauen unter den Anfechtungen des Blutes zu leiden haben; nur werden – zum Unterschiede vom Manne, Ausnahmen immer zugegeben – die ernst arbeitenden und willensstarken Frauen damit fertig, die andern unterliegen wenigstens nicht ohne Kampf. Darin aber hat K. Michaelis unbedingt recht: Nicht Schönheit, nicht Klugheit, nur die Harmonie bedinge das Eheglück! Und wie gelangen wir zu dieser Harmonie? Wenn die Menschheitsentwicklung der beiden zur Lebensgemeinschaft Verbundenen sich gleichmäßig, mit einander vollzieht, wenn alles, was in den Gesichtskreis der beiden tritt, ein gemeinsames Erleben wird, gemeinsam verarbeitet, neue Motive ergibt in der Harmonie der beiden. Ein Stillstand dieses Entwicklungsprozesses, der Gleichgültigkeit zur Folge hat und die beiden an einander ermüden läßt, kann ebenso den Tod der Liebe bedeuten, als wenn eines der beiden in seiner Menschheitsentwicklung zurückbleibt und dadurch einen Mißton schafft, der zu schmerzlichen Dissonanzen ausarten kann. Aus dem Miteinander wird dann ein Nebeneinander, oft ein Gegeneinander. So kommt es, daß Liebesehen nach Jahren in Brüche gehen, weil die Beteiligten, bei der Eheschließung auf einander gestimmt, ihren Entwicklungsweg nicht gemeinsam, nicht im gleichen Tempo genommen haben. Was sich bei dem Heraufgang der Geschlechter durch das Zurückbleiben der Frau vollzieht, sehen wir oft genug und immer wieder bei einzelnen Ehen sich wiederholen. Ich will nicht mißverstanden werden und erwähne, daß es keine Harmonie wäre, wenn das Verhältnis der gleichwertigen Lebensgefährten der zärtlichen

Innigkeiten entbehren würde, die die Frau mit der ganzen Kraft ihrer Glücksbedürftigkeit verlangt und mit der ganzen Intensität gesteigerter Liebesfähigkeit erwidern will, Innigkeiten, die der Mann so häufig glaubt, nur bei der Geliebten finden zu können und auf der Suche darnach oft in die Gosse gerät. So wenig sich die Frau, die freieste, entwickelste, aus dem Reich der Liebe verdrängen läßt, so sehr hat sie das Bestreben, dieses Reich zu einem Heiligtum zu machen, in dem Erotik und Psyche sich zu suprimster Liebesseligkeit vermählen, aus der die Erotik allein mit all ihren absteigenden, ins Tierische führenden Verästelungen für immer verbannt wäre. Da gilt es Gegensätze und Widersprüche aufheben und zwar: Daß gleichwertige Frauenarbeit unterm Preis bezahlt wird und Preisgabe der Frauenehre den Hungerlohn ergänzen muß; daß Männer, die die ganze Stufenleiter niedrigster Erotik durchgewandert sind mit der Gebärde der Selbstverständlichkeit gleich widersprechend Unberührtheit von ihren Lebensgefährtinnen fordern, als ihre angeblich unbezähmbare Physis Unberührtheit konsumiert hat, daß sie die verachten, denen sie die Achtung geraubt haben; daß Frauen sich von den Opfern männlicher Unbeherrschtheit mit Abscheu abwenden, während sie Mitleid empfinden und hilfreich die Hand bieten sollten. Die unerbittlichsten Richterinnen fand ich in Bürgerkreisen unter kinderreichen Frauen, die ihre Sinnlichkeit in zahlreichen Mutterschaften erschöpft haben und nun den Zusammenbruch einer Frauenexistenz nicht begreifen können, die moralisch belastet ist durch ihre Erzeuger und das Milieu, das ihre Kindheit umgeben hat, da Brutalitäten Gewissenloser – der Welt verborgen – ihr Zerstörungswerk begonnen haben.

Noch eines: Grubers kathegorischer Imperatif war wohl Wasser auf die Mühle der Deutschnationalen. Mit schmerzlicher Betrübnis muß es jede deutsche Frau erfüllen, daß es gerade unsere deutschen Männer sind, die wähnen, für ihre Erhabenheit die Folie der in der freien Entfaltung gehemmten Frau zu bedürfen, die ihr Volk nur zu retten glauben, wenn die Frau nichts als kocht, wäscht, Kinder kriegt und säugt, eventuell nationale Handlangerdienste verrichtet. Sie vergessen, daß nicht jene Kreise die ihre Töchter studieren lassen und gegen die der Waffengang Grubers vornehmlich gerichtet war, das Kräftereservoir bilden, aus den ein Volksstamm sich erneuert und ergänzt, sondern der breite Strom jener Schichten, wo die Säuglingssterblichkeit, wo der Alkoholismus des Mannes, wo Unwissenheit, Heim- und Nachtarbeit der Mütter den Nachwuchs dezimieren; wo die Frau en masse Menschenmaterial produziert, das an der doppelten Kraftvergeudung der Mutter dahinsiecht und zugrunde geht, wo die Frau mit dem von der Kinderüberproduktion geschwächten Körper unter den ungünstigsten Verhältnissen ohne erworbene Berufsqualifikation erhalten muß, was sie gebiert. Das ist mißbrauchte Frauenkraft, die zu erhalten eine Kulturtat wäre, erreichbar nur durch soziale, nicht dem Zeitgeist widersprechende Maßnahmen. Hier wäre der Hebel nicht blos polemischer Kritik anzusetzen. Aber es ist so bequem, alle Verantwortung für die Rassenhygiene auf die Frau abzuwälzen, so bequem zu retten, wenn der andere ins Wasser muß. Dabei trinkt man behaglich im Trockenen »immer noch eins«, böhmisches Bier mit Vorliebe und ergötzt sich rasseverbessernd und volkserhaltend »in französischen Salons«, merkt aber nicht, daß die Nationalen- und Partei-Gegner mit doppelter Streitmacht anrücken, weil deren Frauen im öffentlichen Leben an ihrer Seite stehen.

Heben wir aus der ganzen langen Betrachtung das Wesentlichste hervor, so ergibt sich folgendes skizzenhafte Gegenwartsbild: Trotz der leider noch großen Menge teilnahmsloser Frauen, doch ein immer fühlbarer werdendes Anwachsen weiblicher Kraft und Intelligenz, zum Teil anerkannt und gefördert, zum Teil abgewiesen und zurückgedrängt vom Manne; ein Besitzergreifen der Frau von fast sämtlichen Arbeits- und Interessengebieten, behindert durch den wirtschaftlich sich verkürzt fühlenden Mann; ein Erkennen neuer Pflichten, ein Durchdringen der neuen Tätigkeitsgebiete mit dem Geist weiblicher Liebe und Hilfsbereitschaft. Auf dem Arbeitsfeld der Wohlfahrtspflege, dem wenigst umstrittenen, ein langsames Näherrücken, das Anbahnen einer Verständigung zwischen Mann und Frau. Bei beiden größere Lebensansprüche, ein komplizierteres Empfinden, die geringere Geneigtheit zur Eheschließung mehr auf Seite des gut situierten Mannes. Ein Aufschwingen zu hoher geistiger, insbesondere wissenschaftlicher Produktivität beim Manne oft neben vollkommen veralteter Anschauung über das Weib und sein Verhältnis zu ihm. Daneben doch schon ein vereinzeltes Zusammengehen der beiden in der neuen Harmonie, ein Suchen nicht mehr nach dem Weibchen, sondern nach der gleichgestimmten Lebensgefährtin mit den volleren Akzenten gereifterer Persönlichkeit – bei Eheschließungen sogar manchmal auf Kosten der Altersminderheit der Frau. In all dem Widerstreit des Wünschens, Drängens, Trachtens doch schon die vernehmlich klingende Note nach einer neuen Verständigungs- und Gemeinschaftsform.

Wenn ich bei Zeichnung dieses Bildes, Mann und Frau als einen Teil des Weltganzen, inmitten von Natur- und Kulturströmungen, in ihrer Wechselwirkung aufeinander, mehr Schatten- als Lichtseiten der eingehenden Betrachtung unterzog, geschah es nicht aus dem Grunde weil mir die Lichtseiten verborgen blieben. Zu allen Zeiten selbst zu Zeiten niedrigsten Kulturstandes hat es relativ genommen lichte Höhen gegeben, die die weite Fläche, den Durchschnitt, der mir heute als Maßstab galt, überragt haben. Die führenden Geister sind solche Höhen, die den Nachzüglern die Wege weisen. Jeder Aufstieg eröffnet weitere Perspektiven. Schon sehen wir Frauen nicht blos unter den Nachzüglern sich träge vorwärtsschiebend, sondern drängend und stürmend den

Höchsten nahe, schon sehen wir weitschauende Männer den Vorwärtsstrebenden hilfreich die Hand bieten: schon sehen wir einzelne auf lichter Höhe, Hand in Hand wandelnd mit dem gleich- gesinnten Weggenossen, deren durchgeistiges doch lebenswarmes Antlitz den Glücksfrieden jener Seelenharmonie verrät, um den dort unten die in greller Disharmonie noch ringen. Kein Schemen ist es, ein kraftvolles Bild von Fleisch und Blut. Nicht in einem verklärten Sichgenießen erschöpft sich ihre Kraft, sondern im gemeinsamen Suchen nach neuer Wahrheit und neuen Wegen. Und rückblickend auf die Kämpfenden, erfaßt sie die unbesiegbare Sehnsucht, ihnen zu helfen, sie emporzuziehen zu lichten Höhen. Es ist ihr eigenes Vergangenheitsbild, das sie dort unten erblicken, erkennend um wieviel reicher und bewußter ihr Gegenwartsglück geworden ist, das die Zukunft auch den letzten dort unten verheißt. Denn es ist Bewegung in der Masse, die jener Unzufriedenheit entspringt, die bessern und reformieren will. Ebenso wie wir auf der Weltbühne die letzten Akte des Religionshaders durch die Unduldsamkeit der Kirchenfürsten beschleunigt sehen und einer Zukunft entgegenblicken, da jede Religion als Privat- und Gefühlssache des einzelnen unter Verzicht auf die Weltherrschaft Achtung und Duldung findet, ebenso winkt dem Nationalitätenkampf der internationale Frieden, der nicht auf eine Vernichtung der Nationen gerichtet ist, sondern auf ein friedliches Nebeneinander mit der größtmöglichen Entwicklungsfähigkeit jeder einzelnen Nation – nicht expansiv sondern inklusiv. Es ist ein Deutscher, Müller-Lyer, der diesen Gedanken, der, so oft wir Frauen ihn aussprechen, von den Deutschnationalen als uferlose Phantasterei verworfen wird, in seinem eben erscheinenden Werke, »Sinn des Lebens und die Wissenschaft«, entwickelt. Der leitende Gedanke dieses Buches ist: Der Zusammenschluß der ganzen Menschheit zu immer größeren Verbänden auf der Basis gegenseitiger Hilfe und friedlicher Organisation bis zu dem Gipfel der höchsten für uns erkennbaren Vollendung, dem vollkommenen, aus Vollmenschen gebildeten Staat.

Nicht uferlos ist der gleiche Idealismus der Frau, wenn auch nicht heute, nicht morgen, so doch in weiterer Zukunft erfüllbar. Erfüllbar auch jener Traum, da das Bild würdiger, bewußter, gewollter Eintracht zwischen Mann und Frau nicht blos die Lebenshöhen, sondern auch den Lebensdurchschnitt füllen wird. Von der Naturbeherrschung zu der Kulturbeherrschung ist's nicht mehr so weit, als es uns scheint. Männer und Frauen von heute, lassen sie uns die Zeit vorbereiten, da glücklich sein glücklich machen bedeutet – auch für den Durchschnittsmenschen!




1 Die Präsidentin des Bundes österr. Frauenvereine, Frau Marianne Hainisch, berichtet über die Ergebnisse der Enquete, der sie als Experte beigewohnt hat, in der Februarnummer der Zeitschrift »Der Bund«, die ich hiermit der besonderen Aufmerksamkeit sämtlicher Mütter, die Töchter haben, empfehle.