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Leonie Meyerhof-Hildeck – Frauenhaar

Novellette

Frankfurter Dichterbuch, Herausgeber Theo Schäfer, Carl Fr. Schulz Verlag, Frankfurt am Main, Weihnachten 1905, S. 284ff.

Schon bei Erwachen entdeckten wir am Fehlen des gelben Sonnenstreifens am Fensterpfosten neben dem geschlossenen Laden, daß das gute Wetter uns verlassen hatte. ...

Eine Stunde später lehnte Elisabeth neben dem Fenster und blickte still in den Regen hinaus. Die Berge waren verschwunden; das Walterdenkmal war eine hellgraue Silhouette auf hellergrauen Grunde.

Elisabeth stand mit der ihr eigentümlichen etwas geduckten Kopfhaltung, als erwarte sie, daß jemand ihr ein Krönchen auf die schönen kupferfarbigen Haare drückte. Selbst der Regentag legte ihr einen mattleuchtenden Schein darauf.

Sie sagte: »Sieh, wie der Regen hängt. Schnurgerade wie ein japanischer Perlenvorhang. Am Boden entladen sich die Schnüre, aber oben werden immer neue Perlen aufgefädelt ... Meinst Du, daß es heute noch aufhört? Nein,« antwortete sie sich selbst. Und von der monologhaft träumerischen Sprechweise überraschend in einen trockenen Vernunfton übergehend, fügte sie hinzu: »Das Einzige was an einem solchen Tage übrig bleibt, ist, sich shamponieren zu lassen.«

Ich lachte und ging mit ihr. Wir fanden einen vertrauenerweckenden Laden. Drinnen hatten wir eine Zeitlang wartend zu sitzen, da der Friseur noch mit einer anderen Kundin beschäftigt war. Ich sah ihr Gesicht im Spiegel; es war weder jung noch schön, aber die langen braunen Haare gefielen mir. Bereits gewaschen und getrocknet, hingen sie ihr locker, weich und ganz glatt rings um den Kopf über Schultern und Rücken herab und verdeckten einen Teil der Stuhllehne. Nun nahm der Friseur einzelne Stränge auf und drehte sie, daß sie, weich um seine Hand geschlungen, aufglänzten; es war, als winde er einen flüssigen Stoff zu einer festen Masse zusammen.

Da ich Elisabeth etwas zuraunen wollte, winkte sie mit den Wimpern, so daß mein Blick dem ihren in die Tiefe des Ladens hineinfolgte.

Dort war es dämmerig. Erst nach einigen Augenblicken entdeckte ich zwei Personen, die vor einem Türvorhang standen. Dieser Vorhang öffnete sich von Zeit zu Zeit; ein älterer Frauenkopf erschien für einen Augenblick und schaute sorgend-zärtlich auf einen der zwei Dastehenden.

Dieser Eine, der auch unser Interesse fesselte, war ein kleiner Verwachsener von etwa zwanzig Jahren.

Zwei große gepolsterte Krücken unter seinen Achselhöhlen hielten ihn aufrecht. Er sah bleich, zart, aber nicht eigentlich krank aus. Die tadellose Frisur seines dunklen Haares, die peinlich korrekte Wäsche, der elegante Tuchanzug hoben ein wenig den Eindruck der unglücklichen Persönlichkeit.

Neben ihm, noch tiefer im Schatten, stand ein alltäglich aussehender zweiter junger Mann und flüsterte dem Buckligen von Zeit zu Zeit etwas zu.

Der aber antwortete nicht. Seine großen, dunklen, von Entzücken leuchtenden Augen hingen an dem Haar der Frau im Frisierstuhl. Das ganze Gesicht mit den scharfen Zügen und den hervortretenden Backenknochen glänzte in stillem, schüchternem Glück. Er stand unbeweglich. Das gelegentliche Wispern seines Gefährten war der einzige Laut im Laden; sonst war es ganz still, so daß man das gleichförmige Rauschen des Regens hörte. Der Friseur, ein älterer Mann von verschlossenem Wesen, hantierte lautlos, wortlos. Von den zwei Gestalten vor dem Vorhang schien er keine Notiz zu nehmen; nicht einen Blick wandte er dorthin.

Auch jetzt, da er die Bezahlung entgegennahm und der Dame in Hut und Mantel half, wurden nur die nötigsten Worte gewechselt. Nur der Bucklige sprach jetzt leise mit seinem Gefährten. Sobald aber Elisabeth auf dem Sessel Platz genommen hatte, schwieg er wieder und blickte gespannt nach ihrem wundervollen Haar, dessen dicke, dunkelrote Wellen sich unter den Händen des Friseurs aus ihrer Fesselung befreiten und elastisch und eigenwillig, wie Metallfäden, auseinanderstrebten.

Das junge Mädchen duckte sich noch tiefer als sonst, in Beklemmung unter dem intensiven Blicke, den sie auf sich ruhen fühlte, obwohl sie ihn von ihrem Platz aus schwerlich sehen konnte.

Unter dem Kamme des Friseurs sprühte das Haar elektrisch auf; einzelne kupfergoldene Fäden spreizten sich weit vom Kopfe ab und stellten sich wagrecht.

Dann wurde das Waschmittel darübergegossen; der Schaum gab unter den Händen des Friseurs glatte, schlüpfende Laute. Während des Reibens und Trocknens schloß der Verwachsene die Augen. Regungslos hing seine kleine Gestalt zwischen den Krücken. Ich warte! sagten die gesenkten Lider. ...

Den Kopf von weißen Tüchern umwunden, gegen den Trockenapparat zurückgelehnt, warf das Mädchen mir beklommen fragende Seitenblicke zu. Ich hätte ihr sagen mögen: jetzt blickt er dich nicht an; ich hätte eine Unterhaltung anknüpfen mögen, ihre Gedanken auf Anderes zu lenken. Aber die Schweigestimmung des Raumes hatte sich auf uns gelegt. Nach wenigen Worten riß das Gespräch ab. Wir gaben es auf und schwiegen, wie die Menschen, die zu diesem Ort gehörten.

Der Friseur blickte in den Regen hinaus. Von Zeit zu Zeit griff er unter das Tuch, um zu fühlen, ob die Haare trocken seien. Dann endlich rückte er den Apparat hinweg und hob das weiße Tuch.

In einer flimmernden, welligen Flut ergoß sich das dunkle Kupfer des Haares über den weißen Mantel, auf des Mädchens schmale Schulten; seine Spitzen rollten und kräuselten sich in Locken und Löckchen; auf dem Scheitel bäumte es sich in zwei lockeren Polstern empor und quoll gegen Stirn und Schläfen, nur einen schmalen Streifen Gesichtes freilassend.

Der Friseur hob es an beiden Seiten auf, lies es wieder fallen und wohlgefällig durch die Finger gleiten.

Drüben knarrte die Krücke und gab auf dem Fußboden einen kurz schreienden, ächzenden Ton.

Aufgeregt flüsterte der Begleiter, aber der Bucklige hörte nicht. Ein glückseliges Lächeln war auf seinem Gesichte aufgegangen und vertiefte sich immer mehr. Mit strahlenden Augen trank er den Glanz des üppigen, königlichen Haares – diesen Glanz, der aus dem Haare selbst zu stammen schien, den der Tag war zu arm an Licht, um so viel zu geben.

Nie habe ich eine größere Seligkeit auf dem Gesichte eines Unglücklichen gesehen.

Und ich begriff, daß dies die Art war, in der der Enterbte die Schönheit der Frauen genoß. Die einzige Art vielleicht. Ihm mußte sie genügen. Und er gab sich ihr ganz, mit tiefer Entzückung, mit selbstvergessenem Aufgehen in einem Teil lebendiger Schönheit.

Und die Menschen des Ladens gönnten es ihm. Ob er zu ihnen gehörte als Sohn, als Freund – ob er nur ein Fremder, ein um Schönheit Bettelnder, zu ihnen gekommen war – wer weiß es? Sie schenkten ihm, was ihn beglückte, gaben ihm das, was er still und bescheiden von seinem engen Lebenswinkel aus genießen konnte. ...

Als wir gingen, wagte das Mädchen nur flüchtig zur Seite zu blicken. Das Glück auf dem Gesicht des Armen war erloschen, aber seine großen dunklen Augen folgten ihr, so lange ich ihn beobachten konnte.

Nun trug sie wirklich ein Krönchen auf dem Kopfe. Den Leuten, die an uns vorübergingen, blieb es unsichtbar – ich aber sah es.



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