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Leonie Meyerhof – Die Wahrheit im Dunkeln.

Novelle

aus: Der Nonnengarten, An Anthology of German Women's Writing 1850 - 1907, Edited by Michelle Stott and Josef O. Baker, Waveland Press Inc., Prospect Heights, Illinois, 1997, S. 173ff.
neu durchgesehen von ngiyaw eBooks, ohne die amerikanischen Kommentierungen.

Sie war also wirklich glücklich!

Hm – eine, wie die andere. Wie hatte er sich nur einbilden können, Anna sei etwas Besonderes! Da glaubt man unter dem Schwarm einmal eine Individualität entdeckt zu haben, die sich um so eigenartiger ausbildet, je länger das Mädchen Mädchen bleibt. Und plötzlich erscheint ein beliebiger Mann und heiratet das eigenartige Mädchen ganz einfach weg, wie die erste beste – und siehe da: verschwunden ist die Eigenartigkeit, verweht sind Prinzipien, langgenährte Ideale, die bisher einen Teil ihres Selbst zu bilden schienen. Die Frau ist fertig. Die Frau, der das rechtzeitige Putzen der Fenster wichtiger ist, als irgend ein Fortschritt im Kulturleben der Menschheit – die Frau, die zufrieden ist, wenn der Mann in guter Laune heimkommt und das Essen lobt, die geduldig mit der Häkelarbeit dasitzt und wartet, bis es ihm beliebt, seinen Skat zu beenden – die Frau, die nie über den Wert dieses Mannes in Zweifel gerät – deren Gedanken überhaupt nicht mehr über die häuslichen und gesellschaftlichen Obliegenheiten hinausstreben ...

Gustav merkte plötzlich, daß er im Begriffe war, sich in einen gehörigen Ärger hineinzureden. Eigentlich konnte er sich nicht verhehlen, daß bei diesem Ärger etwas gekränkte Eitelkeit im Spiele war. Na ja – weiß der Kuckuck, ob das schmeichelhaft ist! Er hatte es wohl gemerkt, daß die geistvollste und liebenswürdigste seiner Cousinen ihn seit zehn Jahren still angebetet hatte – und kaum wendet man den Rücken, so »wird sie glücklich« mit dem Besitzer einer Wäschefabrik! Hätte er damals, vor neun bis zehn Jahren, als auch er für sie schwärmte, zugegriffen – hätte sein flottes Junggesellenleben ihn nicht so bald abgelenkt – aber nein, die Hauptsache war gewesen: er hatte sich an sie gewöhnt. Das häufige Beisammensein nahm in seinen Augen ihrem Verkehr den Reiz, und so verwandelte sich sein Gefühl für sie in kameradschaftliche Freundschaft. Er entsann sich wohl einzelner Augenblicke, in denen sie, wie einst, auf seine Phantasie gewirkt hatte – damals auf der Hochzeit seiner Schwester, als sie das dekolletierte mattrosa Atlaskleid trug, das sie so merkwürdig verschönte – dann in der Zeit, als ihr Vater starb, und so noch ein paarmal. Aber im allgemeinen – er wußte es recht gut: das Blümchen hatte ihm zu nahe geblüht, zu sehr im Bereiche seiner Hand, und es waren so gar keine Hindernisse zu überwinden, gar zu wenig ernstliche Mitbewerber aus dem Felde zu schlagen gewesen, als daß es ihn hätte reizen können, es zu pflücken. Aber er beobachtete sie und sah, daß sie fortfuhr, ihn zu lieben, daß die Gewohnheit, die ihn abkühlte, ihre Neigung warm hielt. Und er ließ sich lieben und war »nett gegen sie.« Er kannte sie so genau. Er begriff, daß, da sie ihn fast täglich sah, sie einfach keine Zeit hatte, kalt zu werden. Ohne Hoffnungen in ihr zu erwecken, schlug er öfter einen wärmeren Ton gegen sie an und neckte sie; dann sah er ihre Augen aufleuchten. Im übrigen wurden sie ausgezeichnet miteinander fertig, tauschten ihre Ansichten aus, sagten sich oft ganz derb die Meinung, und er hätte nie gedacht, daß dieser Zustand sich jemals wesentlich ändern würde.

Wenn ihn nun vor dreiviertel Jahren seine Firma nicht nach Italien geschickt hätte, damit er die Einrichtung der elektrischen Beleuchtungsanlage für die Stadt L. leite – würde Anna dann ledig geblieben sein? Nach einvierteljähriger Abwesenheit hatte er ihre Verlobungsanzeige erhalten. Nein, diese Überraschung! Anna verlobt – das konnte er sich gar nicht vorstellen. Noch dazu war der Bräutigam irgend so ein »Kaffer,« auf den er sich durchaus nicht besinnen konnte, obwohl der neue Vetter ihm schrieb, er erinnere sich sehr wohl des Herrn Ingenieurs und habe schon im Bürgerklub mit ihm Skat gespielt. Damals hatte er dieselbe unangenehme Ärgerempfindung gehabt, wie heute. Solch eine Geschmacklosigkeit, sich so mit dem ersten besten zu verloben! Er war auch nicht zur Hochzeit gekommen, obwohl er leicht um eine Woche Urlaub hätte einkommen können. Aber nun erst recht nicht! Diese eigentümliche herbe Anna, seine Freundin und Kameradin, ganz konventionell im Brautkleide an der Seite des frischrasierten, befrackten »Kaffers« im Kreise der gerührten Verwandschaft vor den Altar treten zu sehen – nein – ist nicht – danke bestens! So ein Blödsinn – wie hatte sie das nur tun können! Aber sie war ja glücklich!

Schönes Glück mochte das sein. Vielleicht hatte sie sich in dem Vierteljahr ihrer Ehe schon in ihre neue standesamtlich vorgeschriebene Liebe hineingewöhnt. Die Gewohnheit tat bei ihr ja so viel! Möglicherweise auch hatte sie ihm nur aus Trotz gesagt, daß sie glücklich sei. Ja, eigentlich war das anständigerweise die einzig mögliche Antwort auf seine heute vormittag gestellte Frage gewesen. Bist du glücklich? Dumme Frage – wirklich geschmackvoll! Allerdings hatte er dabei gelacht ... Aber hätte sie etwa »Nein« sagen sollen? Auch sie hatte gelacht und war rot geworden und hatte in einem sehr munteren, fast übermütigen Tone erwidert:

»Natürlich bin ich glücklich!«

Ja – natürlich!

Aber die Farbe hatte sie doch gewechselt, als sie ihn so plötzlich vor sich gesehen nach der dreivierteljährigen Trennung. Noch im Reiseanzuge war er heute vormittag bei seiner Tante, Annas Mutter, erschienen, und kaum, daß er mit der freudig Überraschten ins Plaudern geraten, so tönt draußen die Schelle, und eine wohlbekannte Stimme fragt: »Ist Mama zu Hause?« Und im selben Augenblick hatte die alte Kathrine auch schon gerufen: »Ach Herr Jes der Herr Gustav is komme!« Und da war sie hereingestürmt, erst ganz blaß, dann ganz rot, aber sehr erfreut, sehr ... Und so jung geworden! Merkwürdig, wie jung eine siebenundzwanzigjährige Frau ist im Vergleich zu einem siebenundzwanzigjährigen Mädchen. Ordentlich hübsch und frisch – komisch!

Und dann hatten sie geschwatzt, und er hatte die geschmackvolle Frage getan, und schließlich hatte sie ihn zum Abendessen zu sich eingeladen. Fritz würde sich auch so herzlich freuen . ..

Fritz? Ah richtig, Fritz war der Kaffer.

»Du, dann komme ich aber ein bißchen früh,« hatte er, Gustav, gesagt, »damit wir ordentlich plaudern können« – ohne den Kaffer, hatte er in Gedanken hinzugefügt. Denn Fritz pflegte erst um halb acht aus der Wäschefabrik nach Hause zu kommen.

Der Märzabend war schon heraufgedämmert, als Gustav die Straße kreuzte, um sich zu seiner Cousine zu begeben. Schien ein recht stattliches Haus zu sein, und die Straße konnte sich auch sehen lassen. Der »Kaffer« war also eine gute Partie gewesen. Na, und da hatte die Tante jedenfalls zugeredet.

Mit einem Vorgefühl von etwas Neuem, Ungewohntem stieg er die breite Treppe empor und schellte im ersten Stock. Anna in unbekannter Umgebung, in modernen, eleganten Zimmern – zu wunderlich!

Einstweilen konnte er noch nichts beurteilen. Der Vorplatz war dunkel, das Gas noch nicht angesteckt. Er sah einen Spiegel aufglänzen und hängte Hut und Überrock tastend daneben; dann fühlte er einen Teppich, entdeckte etwas Langes, Dunkles, offenbar eine Bank oder eine Truhe, und ließ sich bei Frau Anna melden.

Das Mädchen öffnete ihm die Tür zu einem großen Raum, in dem er zunächst nichts wahrnahm, als zwei breite Fenster voll lichtgrauer Dämmerung; gegen diese Fenster zeichneten sich einige Gegenstände als schwarze Silhouetten ab, alles übrige verschwamm in einem undeutlichen Gewirr von unbestimmbaren Farben und Formen. Es war Gustav unklar, ob er allein sei oder nicht.

»'n Abend, Anna,« sagte er gedämpft und vorsichtig, »bist du eigentlich hier?«

Plötzlich stand sie vor ihm. Woher sie gekommen war, wußte er nicht, vielleicht aus dem anstoßenden Zimmer, dessen fehlende Zwischentür, wie er wahrzunehmen glaubte, durch einen Vorhang ersetzt war. Der dicke, durchs ganze Zimmer gebreitete Teppich hatte ihren Schritt unhörbar gemacht.

»Guten Abend, Gustav!«

Er tastete nach ihrer Hand.

»Noch immer die alte Vorliebe fürs Dämmerstündchen?«

»Wie du siehst. Entschuldige nur – draußen auf dem Vorplatz ist wohl auch noch alles dunkel? Soll ich Licht bringen lassen?«

»Ach nein – laß doch. Wir haben ja manchmal so miteinander in der Dämmerung geplaudert – nicht?«

»Hm ... Komm, hier ist ein gemütlicher Sessel, ich setze mich aufs Sofa.«

Da er ihre Hand noch festhielt, zog sie ihn nach einem apart möblierten Winkel des Zimmers, wo ein schräg gestelltes Sofa und einige Sessel um ein Phantasietischchen gruppiert waren. Von alledem überzeugte Gustav sich mehr durch den Tastsinn als durch das Gesicht. Er ließ sich in dem Sessel nieder und fühlte an den Seitenlehnen, daß der Bezug von Seidendamast war. Anna hatte sich aufs Sofa gesetzt und befand sich nun völlig im Dunkeln; kaum daß Gustav eine hellere Stelle als ihr mutmaßliches Gesicht bestimmen konnte.

»So, nun erzähl' einmal von Italien.«

»Was soll ich da erzählen! Viel Schmutz, viel Grazie, eine himmlische Bedürfnislosigkeit und Leichtlebigkeit ...« »Viel schöne Frauen?«

»Nicht mehr als hier,« sagte er kurz und trocken, als wollte er jede weitere Frage nach diesem Gegenstande abschneiden. »Aber hör' mal, ich finde es, aufrichtig gestanden, viel wichtiger und interessanter, von dir zu reden.«

»Von mir? O –! warum denn?«

»Na, zum Kuckuck!« In deinem Leben sind doch wohl etwas bedeutendere Veränderungen vorgegangen, als in meinem.«

»Nun ... was denn! Ich habe mich verheiratet; ist das etwas so Merkwürdiges?«

»Gott – Anna! Sei doch nicht so affektiert!« »Affektiert?«

»Was denn sonst! Ich weiß wohl, daß das Heil des Menschengeschlechts nicht davon abhängt, ob du verheiratet bist oder nicht, aber für dich selbst bleibt es deshalb doch eine höllisch ernsthafte Sache ... Übrigens – mir ist es auch nicht gleichgültig.«

Sie waren beide einen Augenblick stumm. Sie sahen einander nicht – sie ahnten sich nur. Es waren nur zwei Stimmen, die miteinander verkehrten; die wachsende Dunkelheit hob gleichsam die Idee des Körperlichen auf, so daß nur die geistige Persönlichkeit blieb. Und an diese geistige Persönlichkeit konnte man sich ohne die beklemmende Scheu wenden, die uns so oft beim Anblick desjenigen, zu dem wir sprechen, bei der Beobachtung seines Mienenspieles, seiner Gebärden ein aufrichtiges Wort in den Mund zurückdrängt.

»Warum antwortest du nicht?« fragte Gustav nach einem Weilchen in unsicherm Tone. Er hatte plötzlich die Empfindung, als sei Anna geräuschlos verschwunden.

»Nun – ich dachte, es sei dir vollkommen gleichgültig,« tönte es aus dem Winkel, und der Stimme war deutlich die Anstrengung anzuhören, mit der die Sprecherin sie zur Ruhe zwang. »Wie wir miteinander stehen ... Ich wüßte nicht, in welcher Weise meine Verheiratung irgend eine – Änderung in unserm freundschaftlichen Verkehr herbeiführen sollte.«

»N – ein, das – davon red' ich ja auch nicht. Aber unter guten Kameraden ... Es kann mir doch als Freund nicht einerlei sein, was mit dir vorgeht – ob du dich glücklich fühlst. – Ach, das ist dumm! Glücklich! Das ist so ein Wort, das alles und nichts und wenig und viel bedeuten kann. Ich meine vor allen Dingen, ob du deinen Mann liebst.«

»Wenn ich ihn nicht möchte, hätte ich ihn natürlich nicht genommen.«

»Anna!« sagte er verdrießlich. Dann nach einer Weile: »Ach was, indiskret oder nicht. Früher warst du offener gegen mich. Vielleicht ist das ein Zeichen, daß du inzwischen deinen Mann lieben gelernt hast, und daß du – Vergangenes ... Nein, ich will dich nicht erinnern ...«

Jetzt hörte er ein unregelmäßiges, beklommenes Aufatmen, ein Rascheln ihres Kleides, als rücke sie noch weiter von ihm hinweg.

»Also gut; ich – ich sage ja gar nichts. Aber wenigstens kannst du mir doch erzählen, wie alles gekommen ist.«

»Ich denke, Mama hat dir geschrieben – »

»Ja, die äußeren Vorgänge – wo ihr euch kennen gelernt habt, und wie er dann immer öfter ins Haus gekommen ist – und wie er sich schließlich erklärt hat – in der Trambahn, nicht wahr? Sehr originell!«

»Die Trambahn war leer – wir waren die einzigen – »

»Nun, und da – als er es sagte – wie war dir denn da zumute?«

»Ich freute mich,« sagte sie leise.

»So –? Du freutest dich! Warum freutest du dich denn?«

»Weil –« sie flüsterte es fast – »weil ich nicht geglaubt hätte, daß mich jemand so lieb haben könnte.«

»Ach du lieber Gott! Ja – ich möchte doch wissen, inwiefern du weniger Liebe verdienen solltest, als irgend eine andere!«

»Es – schien doch so – ich glaubte Grund genug zu haben, daran zu zweifeln ...«

»Anna! Nein – deshalb? Weil – weil ich – ein Esel war, deshalb, Anna?« »Was – sagst du denn da – » keuchte sie zitternd.

»Ich sage, daß ich unzurechnungsfähig war – daß ich mich um mein eigenes Glück betrogen habe! Glaubst du denn, daß das, was ich erlebe, Glück ist? Augenblicksgenuß, Betäubung – sieh, daß ist es, so ein Junggesellenleben! Und du – all die Jahre –«

»All die Jahre!« wiederholte sie mit leidenschaftlicher Bitterkeit. »Ja – und du sagst das so, als wüßtest du, was das heißen will: warten – warten – auf dies eine Wort; nur einen Gedanken haben, nur einen, und auf den sein ganzes Leben stellen! Nein, das weißt du nicht – kein Mann weiß, wie das aufreibt und zehrt und alle Kräfte da drinnen in sich hineinsaugt, dies fürchterliche Warten!«

Sie schrie ihren Schmerz in das Dunkel hinein, in dieses verständnisvolle, barmherzige Dunkel, das ihr Erröten und Erbleichen und ihre heißen, in Tränen schwimmenden Augen verbarg. Es tat ihr so wohl, alles das einmal zu sagen, ihm zu sagen, der sie jahrelang, ohne es zu wollen, gemartert hatte – und doch nicht ihm, nur seinem Geiste, seiner Stimme. War er selber wirklich in diesem Dunkel verborgen? Es war wie ein Traum, so unwirklich – nie hatte sie so ihre ganze Seele hingegeben, wie in diesem Augenblick.

»Aber wenn du so empfandest,« stammelte er erschüttert, »wie konntest du dann dem andern ...«

»Verstehst du das nicht?« unterbrach sie ihn von neuem. »Nein – das ist ja auch nicht möglich. Ich war so matt geworden nach all dem vergeblichen Warten, und so bescheiden. Das große Glückswunder mit Geben und Nehmen blieb ja aus – schließlich war ich mit dem Geliebtwerden zufrieden. Die Ansprüche verringern sich –. Sollte ich mich nicht wenigstens lieben lassen, so lange es noch Zeit war? Wenn es auch nur ein Surrogat ist, ein leiser Geschmack von dem großen Glücke ... Sieh – so lasse ich mich denn lieben. Alles andere fehlt: der geistige und seelische Gleichklang, der Jubel beim bloßen Hören seines Schrittes – ach mein Gott! Ja, das fehlt. Von allen den Dingen, die mein eigentliches inneres Leben ausmachen, hat er überhaupt keine Ahnung. Achtung – ja, Achtung habe ich vor ihm. Er ist ein grundguter Mann, auch ein tüchtiger Mann, und dann kann er lieben, ganz und ungeteilt – nicht, wie du, mit Vorbehalt, mit tausend nervösen Bedenklichkeiten, die dich nie zu einem volltönigen Gefühle kommen lassen. Und darum – wenn ich noch einmal zu wählen hätte ...«

Sie hielt an. Bis jetzt hatte sie nackte Wahrheit gesprochen; jetzt fühlte sie, daß die jahrelang zurückgedämmte, plötzlich hervorbrechende Bitterkeit ihr eine Unwahrheit auf die Lippen legen wollte.

»Wenn du zwischen ihm und mir zu wählen hättest –?« fragte er fast atemlos, als hinge wirklich seine Zukunft von ihrer Antwort ab. Sie schwieg. Sie hörte ihre eigenen Worte noch in sich und um sich nachhallen.

»Siehst du – siehst du – du fürchtest dich vor der Lüge!« fuhr er bebend vor Aufregung fort. »Wenn du zwischen uns zu wählen hättest – keinen Augenblick würdest du dich besinnen, nach dem zu greifen, was dir seit Jahren als das Ziel deiner Träume vorgeschwebt hat. Bilde dir doch nicht ein, daß der Verstand dich bestimmen würde! Du kannst nur dem Gefühl folgen. O – ich kenne dich besser, als du glaubst! Allerdings – klüger wäre es, den zu wählen, den das Schicksal dir ohnehin gegeben hat. Ich – was bin ich – du weißt ja nicht, was in allen den Jahren mit mir vorgegangen ist, in denen du mich und mein Leben zu kennen glaubtest. Ich bin nur eine Ruine von allerlei Gefühlen und Gefühlchen. Ich weiß nicht einmal, ob ich dir treu sein könnte, und trotzdem gönne ich dich diesem Manne nicht, diesem – Pardon! Ich war und bin nicht glücklich – werde es auch nie sein. Und dann – weißt du, was ich glaube? Niemand wird mich so lieben, wie du mich geliebt hast.«

»Nein – niemand,« sagte sie leise, und atmete tief auf.

»Du bist viel besser und glücklicher, als ich ...« »O nein – nein ...«

»Anna,« sagte er mit gebrochener Stimme, »wenn ich – mein Leben nochmals von vorn an beginnen könnte ...«

Draußen erklang die Schelle, und im selben Augenblick öffnete sich mit leisem Geräusch, das trotzdem Gustav und Anna emporschrecken ließ, die Zimmertür. Ein gelber Lichtschein drang ein, das Mädchen erschien mit einer Lampe und stellte sie auf den Tisch. Dann zog sie die dreiarmige Gaskrone herunter, zündete die drei Flammen an und trug die Lampe wieder hinaus.

Verwirrt blickten Anna und Gustav einander an, scheu und ernüchtert. Was der jungen Frau zuerst auffiel, war das dreifache Glanzlicht, das die sich spiegelnden Gasflammen auf Gustavs beginnende Glatze malten. Diese Glanzlichter schienen die dünn gewordene Schonung von Haaren gänzlich zu ignorieren, die sich als schmale Halbinsel vom Hinterkopfe gegen die Stirn zu erstreckte, denn durch die einzeln stehenden Haare schimmerte ungeniert die glattgespannte Kopfhaut mit dem dreifachen Lichtreflex.

Und Gustav sah Annas vom Weinen verschwollene Augen und die leichtgerötete Nase, die sie mit dem Battisttüchlein bearbeitete, und sein Blick überflog das fremde, modern möblierte Zimmer mit der aufdringlich neuen Ausstattung – für ihn ohne jede Bedeutung, ohne Erinnerungen. Und beide schämten sich, daß sie so viel gesagt hatten, ja, es schien beiden, als hätten sie mehr gesagt, als wahr und berechtigt sei. Anna war es, als ob jene Augen, die so nüchtern durch den goldenen Nasenklemmer blickten, ihre Seele nackend gesehen, und sie begriff nicht, wie sie sie so hatte preisgeben können.

Sie lächelte gezwungen und verlegen. Immer schwerer und erkältender lastete die Beschämung auf ihrem Herzen. Während sie einige Staub-Atome von dem gestickten Plüschdeckchen des Tisches entfernte, sagte sie mit dem Bemühen, einen leichten Ton anzuschlagen: »Was sich wohl Fritz dächte, wenn er wüßte, daß ich so sentimental werden kann! Na – er würde jedenfalls erraten, daß nicht jedes Wort ernst zu nehmen ist, das ich in solchen Augenblicken spreche.« –

Gustav lachte und nahm seinen Kneifer ab, um die Gläser abzureiben.

»Mir geht's auch nicht besser. – Wenn ich für jede Äußerung, die ich in solchen Augenblicken tue, hinterdrein einzustehen hätte – ich würde schön in die Patsche kommen.« Man karikiert sich da sozusagen selber. – Scheint ein Familienfehler zu sein.« –

Er lachte abermals, setzte das Pincenez auf und erhob sich.

»Hübsche Räume scheinst du zu haben – sehr nett. – Was ist denn das da für ein feines Ölbildchen? Ein echter, alter Niederländer oder eine Kopie?«

Die Tür öffnete sich und ein derbgebauter, staubblonder Mann von vierzig Jahren, mit kleinen, gutmütigen hellen Augen und starken Backenknochen trat ein, küßte Anna ungeniert auf den Mund und streckte Gustav freundlich die Hand entgegen.

»Aha, da haben wir ihn ja, den Vetter Elektrotechniker! Willkommen daheim! Hast du denn auch was Gutes für ihn zum Nachtessen, Frauchen?«

»Versteht sich, etwas Feines!« sagte sie in demselben muntern Tone, mit dem sie heute morgen gesagt hatte: »Natürlich bin ich glücklich!«

»Siehst ja so komisch aus!« meinte Fritz, indem er Anna aufmerksam ins Gesicht blickte. »Du hast doch nicht etwa geweint?«

»Geweint?« fragte sie lustig zurück. »Das fehlte noch! Einen Schnupfen hab' ich!«

»Kopfweh?«

»Ach bewahre!«

»Nach Tische,« wandte Fritz sich von neuem an Gustav und rieb sich lächelnd die Hände, »machen wir drei einen Skat. Hab' ich ihr schon beigebracht – talentvolles Frauchen, he?«

Und mit glückstrahlendem Gesichte zog er sie an sich.