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Elsbeth Montzheimer – Märchen.

Märchen

Elsbeth Montzheimer, Märchenbuch, Leipziger Graphische Werke, A.-G., Leipzig-Reudnitz, 1927.
Aus der Privat-Bibliothek von Dr. Klaus Graf, nach der Transkription bei der deutschsprachigen Wikisource, neu durchgesehene und korrigierte Fassung.

Vorwort


Märchen sind Spiegelbilder der Seele. – Und gerade uns Deutschen gelten all die lieben Gestalten der sagenhaften Geister, wie Heinzelmännchen und gütige Feen, als Symbole der edlen Gerechtigkeit, die das Gute belohnt, das Böse aber nach Gebühr bestraft.

So wandern wir auch diesmal mit der Dichterin dieser neuen deutschen Märchen hinein in ein Zaubergefilde, freuen uns mit ihr an den edlen Taten eines gütigen Königs, der seiner Gemahlin aus unbekannten Landen die Zauberharfe und mit dieser die trauernde Mutter wiederbringt, ergötzen uns an der Hilfe des winzigen Erdbeerkönigs, nehmen teil an kühnem Wagemut der beiden Helden, die zur Erlösung der gefangenen Königstöchter ausziehen und den schlimmen Zauberer endlich überli­sten.

Ein eigener Reiz geht bei all diesen hauchzarten Erzählungen von der poetischen Sprache dieser Wundergeister und -tiere aus, ergreifend ist auch die Symbolik in dem Märchen vom Stiefmütterchen, das uns von Mutterliebe und -sorge der zweiten Frau singt und geradezu rührend wirkt.

Kinderaugen werden strahlen, wenn sie von dem dankbaren Heinzelmännchen lesen, das einem armen Goldschmiedegesellen zu Ruhm und Ehren verhilft, weil der Biedere gar so barmherzig  war und mit einem Trunk Wein den Heinzelkönig vom Krankenbett errettete.

Das deutsche Märchen ist ein unversiegbarer Quell reiner Freude, und wohl den Erdenkindern – ob klein, ob groß, – die den Weg ins Reich der Fabel mit frohem Herzen beschreiten.

Möge uns in all den Zeiten, wo der goldene Frohsinn oft so jäh zu verblassen droht, die Märchenpoesie nie ganz verlassen; dann sind wir auch noch glücklich zu preisen!




Die Harfe der Königin.

Es war einmal ein junger König, der von seinem Volk sehr geliebt wurde, weil er gütig und gerecht gegen seine Untertanen war und für jedermann ein freundliches Wort hatte. Ebenso liebte man seine schöne Gemahlin. Er hatte sie erst vor kurzem heimgeführt.

So recht wußte niemand, woher sie stammte. Man erzählte, der junge König habe sie aus den Händen der Sarazenen errettet, die sie vermutlich aus ihrer Heimat entführt hatten; doch die ausgestandene Angst habe ihr die Sprache geraubt.

In der Tat hatte der König Ringolf den Kreuzzug mitgemacht und sich im heiligen Lande mit Ruhm bedeckt. Auch hatte er dort die zarte Jungfrau aus den Händen der Feinde errettet.

Schön und fein wie eine Prinzessin war sie gewesen, und ihr verzweifelter Blick und ihr stummes Händeringen hatten das Herz des Tapferen gerührt, daß er sie mit eigener Lebensgefahr aus der Schar der Sarazenen befreite. Wer sie war, vermochte sie nicht zu sagen, da der Schreck ihre Zunge gelähmt hatte. So nahm Ringolf die Jungfrau mit in seine Heimat, wo er sie zur Gemahlin nahm.

Allmählich kehrte ihre Sprache ein wenig wieder, und zwar dann, wenn sie Lautenspiel vernahm. Der König schenkte ihr darum eine kostbare Laute, die sie trefflich zu spielen verstand. Sie tat letzteres, wenn ihr Gemahl bei ihr war, besonders gern, da sie wußte, daß es ihn erfreute, und weil sie dann nach und nach vermochte, ihm, wenn auch noch mühsam sprechend, etwas von ihrem früheren Leben zu erzählen.

Sie vertraute ihrem Gemahl dann an, daß ihre Mutter eine Königin wäre, ihr Vater gestorben, und daß ihre Heimat voll Sonne sei und der Himmel tiefblau erscheine.

Der König merkte aber bald, wie Feridah, – so hieß seine Gemahlin, – nach solchen Berichten stets traurig ward, obwohl sie es vor ihrem Gemahl zu verbergen suchte. Ja, er bemerkte mit Sorge, wie ein stiller Gram an ihrem Leben zehrte. Sie ward bleicher und bleicher, bis sie eines Tages fiebernd auf ihrem Lager ruhte.

Der König rief die geschicktesten Aerzte an daß Krankenbett, daß sie die Krankheitsursache ergründen möchten, doch sie fanden nicht, was der Königin fehlte.

In der Hoffnung, sie zu erfreuen, ließ er ihre Laute bringen.

Doch kaum erblickte Feridah das Instrument, als sie unruhig ward. Das Fieber steigerte sich, und ihre Lippen bewegten sich unaufhörlich. Endlich ward ihr Flüstern vernehmlich, es war, als habe das Fieber ihre Zunge gelöst. Aengstlich lauschte König Ringolf auf ihre Worte:


»Wo die grünen Palmen fächeln,
Bunte Blumen ringsum lächeln,
Wo Granaten dunkel glühen,
Oleander, Myrten blühen,
Und des Schlosses Hallen schimmern,
Blaue Meereswellen flimmern:
Dorthin, zu der Mutter Haus –
Ziehe Sehnsucht nun hinaus.«


Als der Lauschende das vernahm, ward er sehr betrübt, denn er wußte nun, daß seine Gemahlin Heimweh hatte. Vielleicht war es gar die Ursache ihrer Krankheit, und er wußte nicht einmal, wo diese Heimat, wo daß Schloß ihrer Mutter lag. Doch schon wieder ward die Kranke unruhig, wieder bewegten sich ihre Lippen, und sie rief ängstlich bittend:


»Bringt mir Harfe ›Klingehold‹!
Ihre Saiten sind von Gold;
Weiße Mutterhände gleiten
Ueber diese goldnen Saiten –
Lind und hold wie Aeolsklang.
Mutter, wie ist mir so bang!«


Die Aerzte erklärten, daß diese Fieberphantasien auf Heimweh zurückzuführen seien.

In seiner Angst begab sich der König zu einem Einsiedler, von dem man allerlei Seltsames munkelte. Man sagte, er stiege des Nachts auf einen hohen Felsen, um mit den Sternen Zwiesprache zu halten, und er wisse allerlei Zaubermittel.

Der Alte, der in einer Felshöhle hauste, saß gerade vor einem mächtigen Buche, dessen Seiten mit geheimnisvollen Schriftzeichen bedeckt waren. Sein Gesicht war alt und runzlig, er schien dem König wie Pergament; aber die von buschigen Augenbrauen fast verdeckten Augen blickten lebhaft und nicht unfreundlich auf den Ankömmling, dessen bekümmerte Miene dem Einsiedler nicht entging. Er winkte dem König, sich auf dem einzigen, mit einem Bärenfell bedeckten Ruhesitz niederzulassen, indem er sprach:


»Durch zerklüftet Felsgestein
Drangest du zu mir herein.
Wolltest wohl dein Leid mir klagen,
Deines Herzens Zittern, Zagen?
Königsburg ist nicht gefeit
Vor des Lebens Gram und Leid.«


Der König entgegnete: »Wie, selbst in deine Wildnis drang schon die Kunde von meiner Gemahlin Erkrankung?«

Geheimnisvoll flüsterte der Alte:


»Weht der Wind durch Felsenspalten,
Kann mit ihm ich Zwiesprach’ halten;
Bringt mir Botschaft aus der Welt.
Kommt die Nacht auf dunklen Schwingen,
Kann auch sie mir Kunde bringen
Durch die Stern’ am Himmelszelt.«


Erregt sprang der König auf. »O, Vater Einsiedler, unter den Leuten geht das Gerücht um, du wissest mehr, als alle anderen wissen, weil du hellsehend seiest. Ich sehe, sie haben recht; ich folgte ihrem Rate nicht vergeblich, denn ich weiß jetzt, daß du mir helfen kannst. Meine Gemahlin ist sehr krank, willst du nicht zu ihr kommen oder mir sagen, was ich tun soll?«

Der Alte blätterte in seinem Buche, nickte mehrmals vor sich hin und antwortete:


»Fieber fliegt durch ihr Gebein –
Doch ist’s Fieber nicht allein; –
Müßt vom Heimweh sie befrei’n.«


»Ach, wenn ich nur wüßte, wie ich das könnte!« seufzte der König. »Wenn du alles weißt, so wirst du auch wissen, daß mir die Heimat meiner Gemahlin unbekannt ist.« Er erzählte, was er wußte, auch von Feridahs Verlangen nach der Harfe »Klingehold«.

Der Alte wiegte nachdenklich das Haupt, blätterte abermals in seinem Buche und fuhr fort:


»Einer Zauberharfe Klingen
Könnte ihr Genesung bringen.
Scheust du nicht der Reise Plagen,
Wollt’ ich dir den Ort wohl sagen.
Magst du in die Ferne zieh’n,
Krönt Erfolg bald dein Bemüh’n.«


»Alles will ich tun! Sage mir, wo ich die Zauberharfe finde,« drängte der König.

»Gemach, gemach,« wehrte der Alte. Er musterte und verglich einige Schriftzeichen in seinem Buche, blickte vor sich nieder und flüsterte:


»Mit dem lichten Morgenschein
Zieh’ gen Süden ganz allein.
Steig’ bergab und steig’ bergauf,
Folge breiten Flusses Lauf
Bis ans ferne blaue Meer –
Ragt ein Schloß dort hoch und hehr.
Hörst erklingen süße Weise –
Dieser Ort ist Ziel der Reise.«


Noch immer vor sich hinstarrend, flüsterte der Alte wieder geheimnisvoll:


»Nimm ein Löcklein von dem Haar
Deiner Gattin, und bewahr’
Dieses gut auf weiter Reise.
Merke dir die Sangesweise,
Die ihr trauernd Herz erbaute,
Wenn sie spielte auf der Laute.
Merke auf ihr Fieberlallen
Von der Heimat Marmorhallen,
Von der grünen Palmen Fächeln,
Von der goldnen Sonne Lächeln,
Von des blauen Meeres Weiten,
Von der goldnen Harfe Saiten,
Von den weißen Mutterhänden,
Die ihr Leiden könnten wenden.
Nimm den Ring mit Runenzeichen,
Den die Gattin dir wird reichen.
Einer Frau mit Trän’ im Blick
Bringt dies Kleinod wieder Glück.«



Nach diesen Worten nahm der Alte eine ausgehöhlte Eichel, schüttete ein weißes Pulver hinein und hub nochmals an:


»Nimm jetzt ganz getrosten Mutes
Nur drei Tropfen deines Blutes;
Mit dem Pulver es vermische,
Daß des Fiebers Glut erlische.«



Kein Wort des Einsiedlers hatte der König verloren, und als dieser in heißem Danke die Hände des Alten ergriff und ihm reichen Lohn verhieß, da entgegnete dieser mit leisem Lächeln:


»Mir frommt nicht Lohn noch Gold hienieden,
Doch du, mein Sohn, zieh’ hin in Frieden.«



– Das Mittel des Einsiedlers hatte gute Wirkung gehabt; die junge Königin ward ruhiger, ja sie fiel sogar bald in festen Schlaf.

Der König fand keine Ruhe. Aus dem ganzen Heimwege und am Lager der Kranken hatte er über alles, was der Alte ihm gesagt, nachgedacht. So ungern er auch gerade jetzt seine Gemahlin verließ, so fest war er doch dazu entschlossen, da er überzeugt war, daß es zu ihrem Nutzen sei, und daß er darum sein Vorhaben nicht hinausschieben dürfe.

Als Feridah fieberfrei erwachte, eröffnete er ihr, daß er eine weite Reise antreten müsse, um etwas zu holen, das ihr Freude machen und ihr Gesundheit bringen werde.

Die junge Königin bat, sie nicht zu verlassen, doch da Ringolf ihr gut zuredete, willigte sie endlich ein, indem sie einen kostbaren Ring vom Finger zog. »Nimm dies Kleinod, das ich einst von meiner Mutter erhielt. Möge es dich, mein Gemahl, stets an dein Weib gemahnen, das für dich betet und die Tage bis zu deiner Heimkehr zählt.«

Der König sah gerührt in die tränengefüllten Augen seiner Gemahlin. Dabei fielen ihm wieder die rätselhaften Worte des Einsiedlers ein:


»Einer Frau mit Trän’ im Blick
Bringt dies Kleinod wieder Glück.«



Er bezog sie natürlich auf seine Gemahlin, und das gab ihm frohen Mut.


Im lichten Morgenschein zog König Ringolf gen Süden, Ring und Locke, die Feridah ihm beim Abschied gegeben, wohlgeborgen tragend. Genau den Worten des Einsiedlers entsprechend, nahm er keine Begleitung mit sich. Bergab, bergauf trug sein gutes Roß ihn, dann am breiten Fluß entlang, manche Tagereise weit, bis er endlich in der Ferne das Meer erblickte. Lichtschimmernd lag es bald vor ihm, daß er seine blauen Wellen erkennen konnte.

König Ringolfs Rößlein trabte munter dahin und trug seinen Reiter in ein schattiges Olivenwäldchen.

Hier rastete der König. Er überlegte eben, welche Richtung er einschlagen sollte, um das richtige Ziel zu erreichen, als der laue Südwind einzelne Töne zu ihm trug, die wie Musik klangen.


»Hörst erklingen süße Weise,
Dieser Ort ist Ziel der Reise.«



Diese Worte hatte der Einsiedler gesprochen. Ringolf hatte sie wohl gemerkt. Er erhob sich darum schnell, denn er fühlte, es ließ ihm keine Ruhe, bis er den Ursprung der Musik entdeckt haben werde.


»Tripp, trapp, tripp, trapp,
Wirf Sorgen ab,«



so klang ihm der Hufschlag seines Rößleins jetzt ganz deutlich in die Ohren. Er klopfte den Hals des braven Tieres, das fröhlich wiehernd jetzt auch lauschend die Ohren spitzte. Gleich darauf stieß der König einen Ruf des Erstaunens aus, denn als das Gehölz zu Ende war und er umherblickte, gewahrte er ein prächtiges Schloß. Auf sanft ansteigendem Hügel, von grünen Palmengärten umgeben, ragten seine weißen Marmorsäulen hoch empor, daß sie im lichtflutenden Sonnenschein weiß aufleuchteten.

Er glaubte ein Paradies vor sich zu sehen. So ähnlich mußte auch die Heimat seiner Gemahlin beschaffen sein. Jetzt verstand er ihr Heimweh und ihre Fieberträume. Vielleicht fand er ihre Heimat noch.

Wem mochte dieses prächtige Schloß gehören? Es mußte wohl gar das ihm bezeichnete Ziel sein, denn wieder erklang Musik.

König Ringolf erblickte eine von üppigem Schlinggewächs fast ganz verdeckte Pforte, durch die er, sein Pferd am Zügel führend, kurz entschlossen den Garten betrat, immer der Richtung folgend, aus der die Töne zu kommen schienen.

Jetzt hörte er es deutlich: eine Frauenstimme sang eine fremdartige Weise, und als er die Oleanderzweige des nächsten Gebüsches zurückbog, erblickte er unter einer großen Palme die Singende, ein anmutiges Mägdlein.

Das Rascheln des Gebüsches hatte sein Nahen verraten. Mit einem leisen Schrei sprang das Mägdlein auf, als wolle es entfliehen. Doch Ringolf rief: »Bin ein müder Reitersmann, der dir gewiß nichts zu Leide tun will. Entfliehe nicht, unbekannte Jungfrau, ich bitte dich, stehe mir Rede und Antwort. Sage mir wer du bist?«

Die Jungfrau lächelte sanft:


Die Herrin nennt mich Elligod,
Bei ihr steh’ ich in Lohn und Brot.«



»Ein seltsamer Name,« entgegnete der König. »Aber wer ist deine Herrin?«

Ebenso wie vorher lautete die sanfte Antwort:


»Goldwina heißt die Herrin mein,
Schon lange dien’ ich ihr.
Ihr Schloß liegt dort im Sonnenschein; –
Sie ist die Kön’gin hier.«



»Oh,« rief der König, »wie muß deine Königin glücklich sein! Mir scheint, sie wohnt hier im Paradiese am blauen Meer und unter grünen Palmen in ihrem prachtvollen Schlosse.«

Das Mädchen ward plötzlich ernst. Mit weicher Stimme sprach es, auf das Schloß deutend:


»Goldwina, unsre Königin,
Sitzt trauernd dort mit trübem Sinn;
Hat keine Freud’ an Pracht und Gold.
Ihr Trost ist Harfe ›Klingehold‹.«



Lebhaft unterbrach der König die Jungfrau: »Wie sagst du, ›Klingehold‹ heißt die Harfe? Elligod, ich bitte dich, erzähle mir weiter!«

Elligod nickte.


»Ertönen Kling’holds Wundersaiten,
So sehen bald wir Ruh’ sich breiten;
Goldwinas Augen leuchten hell,
Denn Kling’holds Zauber wirket schnell.«



Gespannt hatte König Ringolf zugehört. Wie wunderbar: von einer Harfe Klingehold hatte seine Gemahlin in ihren Fieberträumen gesprochen. Vielleicht war dies begehrte Instrument dasselbe, von dem auch die Dienerin ihm eben erzählt hatte. Er mußte das ergründen. Darum sagte er: »Elligod, du hast mich neugierig gemacht, daß gestehe ich offen. Zum Lohn für dein Vertrauen, mit dem du mir, dem Fremden, das alles erzählt hast, will ich dir auch eröffnen, daß ich schon in fernen Landen Kunde von der Harfe Klingehold erhielt, ja, daß ich viele Tage reiste, um sie zu finden und ihre Zauberklänge zu vernehmen. Führe mich zu deiner Herrin.«

Erschrocken hörte Elligod diese Worte. »Weh’ mir, daß ich so schwatzhaft war!« rief sie. Sie beteuerte dann weiter, ihre Herrin würde ihr zürnen, wenn sie es wüßte! Kein Fremder dürfe zu ihr, wenn sie auf der Harfe spiele. Dann fragte das Mädchen:


»Doch, Herr, mir jetzo künden wollt,
Wer Euch erzählt von Klingehold?«



»Das ist mein Geheimnis,« lächelte der König. »Vielleicht enthülle ich es noch eines Tages, wenn du mich zu deiner Herrin führst.«

Während Ringolf so sprach, drangen plötzlich wundervolle Töne aus der Ferne an sein Ohr. Er horchte, während Elligod enteilen wollte. »Ich muß deine Königin sehen und ihr Spiel hören,« rief er dann entschlossen. »Nimm mich mit, Elligod, verbirg mich irgendwo! Ich verspreche dir, dich nicht zu verraten!«

Elligod stand unschlüssig. Sie betrachtete prüfend die ganze Gestalt des Fremden, der prächtige Kleider trug und dessen Antlitz Güte und Milde verriet. Von ihm konnte ihrer geliebten Herrin keine Gefahr drohen, so dachte sie, und zog ihn darum durch einen Laubengang, der, von duftenden Schlinggewächsen überwachsen, geradeswegs zu dem Schlosse führte.

Hier zeigte sie auf eine nach dem Meer zu offene Säulenhalle und flüsterte, ihn dort hinter ein Myrtengebüsch führend:


»Ich will Vertrau’n Euch schenken;
Wollt nicht die Herrin kränken.
Bleibt hier verborgen steh’n,
Könnt alles hören, seh’n,
Bis ich auf leisen Sohlen
Dann komme, Euch zu holen.«



Schon war Elligod entschwunden. Der Lauscher lugte vorsichtig durch das dichte Grün. Fast hätte er einen Ruf des Entzückens ausgestoßen, als er nun einen Blick in die Halle tun konnte. Gold und Silber funkelte an den Marmorwänden, an denen auch kunstvolle Mosaikbilder prangten. Kostbare Stoffe bedeckten die Ruhesitze, die ringsum standen. Ein goldner Sessel erschien besonders prächtig, und auf diesem Sessel saß eine wunderschöne Frau in seidenen Gewändern. Ein langer Schleier wallte von ihrem Haupt, auf dem ein goldenes Diadem funkelte. Ihre weißen Hände aber glitten leise, wie unbewußt, aber die Saiten einer zierlichen Harfe, die im Sonnenlicht goldig glänzte, während das bleiche Antlitz der schönen Frau traurig auf das Meer hinaus in die Weite blickte.

Kaum wagte der König zu atmen, so gespannt harrte er der kommenden Dinge, denn die fesselnde Erscheinung dort mußte die Königin Goldwina sein.

Und nun begann diese plötzlich zu singen, erst leise, wie ein träumendes Vöglein, dann lauter, aber so weich und innig, daß König Ringolf plötzlich an den Gesang seiner fernen Gemahlin dachte und auch ganz traurig wurde.

Doch nun verstand er auch die Worte:


»Klingehold, ertöne du,
Bring’ dem armen Herzen Ruh’,
Daß ich Hoffnung zu mir neige
Und der herbe Schmerz dann schweige.
Durch die wüsten Kriegeshorden
Ach, bin kinderlos ich worden,
Denn mein Kind, so hold erblüht,
Nimmermehr mein Auge sieht!
Weilt vielleicht in fernen Landen,
Schmachtet dort in festen Banden. –
Oder muß in Kerkermauern,
Einsam und verlassen trauern;
Oder hat schon gar der Tod
Es erlöst aus aller Not?
Ach, wer kann mir Antwort geben,
Ob mein Kind noch ist am Leben?«



Die weißen Hände hatten zu dem Gesang nur wie vorher ab und zu in die goldenen Saiten der Harfe gegriffen, jetzt spielten sie eine süße Melodie, während Goldwina wieder begann:


»Leise, leise,
Süße Weise,
Sanft erklinge,
Trost mir bringe –«



Atemlos lauschte König Ringolf, denn diese Melodie, welche da jetzt aus den Saiten quoll, kannte er ja. Seine Gemahlin hatte sie auf der Laute gespielt. Aber wie anders klang sie nun von diesen Zaubersaiten, so zauberhaft, daß er begriff, warum man diese Harfe »Klingehold« benannt. Und er gewahrte jetzt, wie die Zauberkraft dieser Töne den Schmerz im Antlitz der Königin Goldwina verschwinden ließ. Ein hoffnungsfrohes Lächeln gab Kunde, daß der begehrte Trost ihr zu Teil geworden war.

Am liebsten wäre der Lauscher hervorgesprungen, um mit Goldwina zu sprechen. Doch Elligods Worte fielen ihm ein. Nein, er durfte des Mädchens Vertrauen nicht mißbrauchen, durfte auch die ahnungslose Frau nicht erschrecken.

Wenn, wie er jetzt fest glaubte, ein Zusammenhang zwischen dieser Frau mit ihrer Zauberharfe und seiner Gemahlin bestand, so mußte er bald auf irgendeine Weise Gewißheit darüber erlange.

Goldwina verließ jetzt die Halle, und im gleichen Augenblick erschien die Dienerin, um den Lauscher aus dem Garten zu führen.

»Elligod!« rief er lebhaft, »du mußt mich zu deiner Herrin führen; es könnte sein, daß ich ihr Wichtiges mitzuteilen hätte.«

Das Mädchen überlegte. Dann eröffnete es dem König, dessen Rang es nicht ahnte, daß er sich einige Tage gedulden müsse, bis es der Königin seine Bitte vorgetragen habe. Goldwina ließe nur Bettler oder allenfalls arme Krämer vor sich kommen, weil sie wohltätig und voller Mitleid für Notleidende sei.

Der König versprach, sich in zwei Tagen wieder unter der Palme einfinden zu wollen, obwohl es ihm schwer ward, sich noch so lange zu gedulden, denn er dachte mit Unruhe an seine kranke Gemahlin.

Als er den Garten verlassen hatte, ritt der König weiter, um eine Herberge zu finden, was ihm denn auch nach einigen Stunden gelang.

Mit ihm zugleich fand sich daselbst ein Mann ein, der totmüde einen schweren Packen schleppte und unter weitem Mantel noch allerlei Dinge trug.

König Ringolf ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein; er erfuhr, daß der Mann ein Krämer war, der von weit herkommend, die Seinen verlassen hatte, um Geld für sie zu verdienen.

Da durchblitzte den König ein Gedanke: Er fragte den Krämer, ob er ihm seine Waren verkaufen wolle. »Mit tausend Freuden!« rief der Gefragte und strich glückstrahlend die Goldstücke ein, die der Käufer ihm großmütig für seine wertlosen Waren bot. Diese bestanden in bunten Bändern und sonstigem Tand zum Putz für Mädchen.

Als der unbekannte Gönner ihm aber gar noch seinen weiten Mantel abkaufte, riß der Krämer die Augen vor Staunen weit auf und machte sich bald davon; aus Angst, der Handel könne dem Käufer wieder leid werden.

Diesem aber schien sein Kauf große Freude zu bereiten; er war fröhlich und wohlgemut.

Am anderen Morgen ging die Sonne eben auf, als ein Krämer mit seinem Packen vor Goldwinas Garten stand; aufmerksam nach dem Eingang spähend. Bald war der gefunden, doch kein lebendes Wesen rings zu erblicken. Es war ein herrlicher Anblick, wie die Sonne, in Millionen Tautropfen sich spiegelnd, Baum und Strauch vergoldete. Der Krämer blieb, in Bewunderung versunken, einige Augenblicke stehen.

Da horchte er auf: Vielstimmiger Gesang war an sein Ohr gedrungen. Er schritt rüstig der Richtung nach, bis die weißen Marmorsäulen des Schlosses durch das Grün schimmerten. Und da: Auf dem grünen Rasenteppich vor der Säulenhalle bewegte sich eine Schar junger Mädchen, die einen anmutigen Reigen schlingend, den Nahenden nicht bemerkten. Jetzt stellten sie sich, das Antlitz der Säulenhalle zugewandt, zu einer anmutigen Gruppe zusammen und sangen, daß es harmonisch zu dem Manne herübertönte:


»Wir grüßen dich, du holder Morgen!
O Licht, verbanne alle Sorgen,
Und laß in deinem goldnen Schein
Auch unsre Herrin fröhlich sein.
Heil Königin Goldwina dir!
Du aller edlen Frauen Zier!«



Eines der Mägdlein, das den Gesang auf der Laute begleitet hatte, entdeckte jetzt den Lauscher und machte ihre Gefährtinnen auf diesen aufmerksam.

Doch schon stand der Krämer vor den Erschrockenen und bot, das Käpplein tief ins Gesicht gezogen, ihnen seine Waren an. Die Lautenspielerin, die niemand anders war als Elligod, musterte den Eindringling zuerst mißtrauisch, doch endlich fand auch sie Gefallen an dem bunten Kram.

Der Krämer mußte aber ein Neuling in seinem Fache sein, wie die Mägdlein kichernd dachten, denn er schenkte ihnen schließlich, was ihnen gefiel, bis ein Ballen geleert war. Nun äußerte er den Wunsch, auch der Herrin dieses Schlosses seine Waren vorlegen zu dürfen, denn er sagte, daß er einige Dinge bei sich habe, die der Königin wohl gefallen könnten.

Elligod überlegte einen Augenblick, doch dann sagte sie:


»Ist’s auch noch frühe Stunde,
Bring’ ich der Herrin Kunde –
Will sagen ihr, was dein Begehr’,
Drum warte, bis ich wiederkehr’!«



Der Krämer vertrieb sich die Zeit des Wartens damit, die jungen, nun ganz zutraulich gewordenen Mädchen über ihre Herrin zu befragen. Er vernahm nur Aeußerungen des Lobes.

Erwartungsvoll lächelte der Mann, als Elligod ihm winkte, und er, gefolgt von den Dienerinnen, die Säulenhalle betrat. Es war dieselbe Halle, in der am vorhergehenden Tage König Ringolf die Königin Goldwina belauscht hatte.

Auch jetzt saß sie auf dem goldenen Sessel. Ihr langer Schleier wallte über ihr Antlitz, das ernst prüfend den Krämer betrachtete, der bescheiden, mit gesenktem Haupte am Eingang stehen blieb.

Jetzt winkte Golwina ihm, näher zu kommen, während die jungen Mädchen sich vor der Herrin tief verneigten, dann ihres Winkes gewärtig, auf den Ruhesitzen an den Wänden Platz nahmen. Nur Elligod blieb in der Nähe der Königin, die den Fremdling anredete:

»Ein Krämer bist du, wie ich schon vernahm,
Der selt’ne Dinge mir zu zeigen kam.«

Der Mann bejahte, sich ehrerbietig vor der hoheitsvollen Gestalt Goldwinas neigend.

Vor der Königin lagen nun des Krämers Waren ausgebreitet. Sie wählte für jede ihrer Dienerinnen ein Stück; das schönste für Elligod, indem sie sagte:


»Für jeden sei es eine Kleinigkeit,
Daß nicht vergeblich her du kamst so weit.«



Der Krämer verneigte sich abermals dankend; dann sprach er demütig: »Und hätte ich die Schätze Arabiens bei mir, fürwahr, mich dünkt, für eine Königin, wie Ihr es seid, wären sie mir noch zu schlecht.«


»Mir frommt nicht Schmuck noch bunter Tand,
Wär’ er auch selbst aus fernstem Land,«



lächelte Goldwina trübe.

Ihr Blick wandte sich zur Seite, wo von einem seidenen Tuch halb verhüllt die Zauberharfe lehnte. Der Krämer war ihren Augen gefolgt. Jetzt rief er lebhaft: »Oh, Frau Königin, welch’ kostbares Instrument habt Ihr dort! Ich würde es Euch mit Gold aufwiegen; sprecht, um wieviel dürft’ es Euch feil sein?«

Ein verweisender Blick traf den Fragenden, und fast herbe lautete die Antwort:


»Meine Harfe Klingehold
Nimmermehr ich missen wollt’,
Denn seit ich mein Kind verlor,
Ich zum Trost sie mit erkor.«



»Verzeiht meine Frage, edle Königin,« suchte der Krämer seine Kühnheit gut zu machen, »aber ich kenne jemand, der ein halbes Königreich für solche Wunderharfe geben würde. Doch ich vergaß über meiner vorwitzigen Frage fast, Euch noch einige besondere Dinge zu zeigen.«

Er zog bei diesen Worten eine kleine Goldkapsel unter seinem weiten Mantel hervor, die er geöffnet Goldwina überreichte. In der Kapsel blinkte nur eine goldblonde Locke. –

Der Krämer sprach kein Wort. Seine Augen dagegen beobachteten verstohlen die Königin; es war, als wolle er in ihren Zügen lesen.

Goldwina blickte starr auf die Haarlocke, dann, wie aus tiefem Sinnen erwachend, strich sie mit der Hand über ihre Stirn und seufzte:


»Diese Locke wunderbar
Mahnt mich an ein teures Haupt,
Das das Schicksal mir geraubt. –
Sag’, wer gab dir dieses Haar?«



»Ihr sollt es erfahren, edle Königin. Doch zuvor betrachtet auch noch dieses

Mit diesen Worten zog der Krämer unter seinem Mantel einen Ring hervor, den er ebenfalls Goldwina reichte.

Sein Blick hing jetzt mit solcher Spannung an dem Antlitz der Königin, als wolle er die geheimsten Regungen ihrer Seele ergründen.

Schneebleich ward die edle Frau und griff nach dem Herzen. Sie wehrte der ängstlich herzuspringenden Elligod, als diese der vermeintlich Ohnmächtigen Hilfe leisten wollte. Dann fragte sie mit bebender Stimme:


»Dieser Ring, o Krämer, sprich,
Sag’, wer hat ihn dir gegeben?
Dieser Ring, er mahnet mich,
Ach, an ein mir teures Leben!«



Die Erregung der Königin schien sich auch auf den Krämer zu übertragen, denn auch seine Stimme bebte, als er jetzt antwortete:

»Erlaubt mir, edle Königin, Euch eine Geschichte zu erzählen: Ein König zog in das gelobte Land, um als Kreuzritter edle Taten zu vollbringen. Dort war es ihm vergönnt, einige Sarazenen zu überwältigen, die ein schönes, aber stummes Mägdlein mit sich führten. Da die Jungfrau vor Schrecken und Angst ganz benommen war, daß der König über ihre Heimat nichts erfahren konnte, nahm er sie mit sich in sein Königreich und machte sie zu seiner Gemahlin. Doch Heimweh nagte an dem Gemüt der jungen Königin, das sie aufs Krankenlager warf. Ihre Sprache kehrte wieder. In wirren Fieberschauern rief sie nach ihrer Mutter und nach einer Harfe mit goldenen Saiten. Da zog der König aus, um eine solche Harfe zu finden, und seht, edle Königin, er fand sie bei Euch!«

Bei diesen Worten riß der Krämer seinen weiten Mantel ab, richtete sich hoch auf und stand in prächtigen Kleidern vor den sprachlosen Frauen.

Elligod stieß einen leisen Schrei aus, als sie die Verwandlung sah, denn sie erkannte den Fremden, dem sie am vergangenen Tage zum Lauschen verholfen hatte.

Doch der König, der seine Krämerrolle gut gespielt hatte, rief: »Ich bin König Ringolf! Die Harfe, nach der meine Gemahlin ruft, heißt ›Klingehold‹, und meine Gemahlin Feridah ist –«

»Meine Tochter!«« rief Goldwina schluchzend. »Mein heiß beweintes Kind! Oh, sie ist also nicht tot oder gefangen –«

König Ringolf hatte vor Goldwina ein Knie gebeugt und blickte voll Teilnahme und Verehrung zu ihr auf: »Nein,« rief er, »sie lebt, und sie gab mir Locke und Ring, als Mahnung, daß sie meine Heimkehr mit Sehnsucht erwarte! Vielleicht ahnte sie, daß ihre Gaben noch größere Zauberkraft besäßen als selbst die Zauberhafte ›Klingehold‹, denn sie halfen die Mutter zu finden, und die Heimat mit den grünen Palmen und dem Marmorschloß am blauen Meer!«

Goldwinas Tränen waren längst versiegt. In mütterlichem Wohlgefallen ruhten ihre Blicke auf der stattlichen Erscheinung des Königs, dessen beide Hände sie ergriff, und der ihr nun von ihrer wiedergefundenen Tochter erzählen mußte. Auch von dem Einsiedler erzählte König Ringolf und von dessen Worten:


»Einer Frau mit Trän’ im Blick
Bringt dies Kleinod wieder Glück!«



Jetzt konnte er diese Worte auch auf Königin Goldwina beziehen.

– Daheim in König Ringolfs Schloß lag die Königin Feridah noch bleich auf ihrem Ruhelager. Das Fieber war gewichen, nur Schwermut sprach noch aus dem schönen Antlitz, des von goldblondem Haar wie von einem Mantel umwallt war. Wann würde ihr Gemahl heimkehren?

Da stieß plötzlich der Türmer in sein Horn, und ein glänzender Zug zog in die Königsburg ein: König Ringolf mit Königin Goldwina und deren Gefolge von Dienern und Dienerinnen, unter denen auch Elligod nicht fehlte.

Die junge Königin ward auf die plötzlich im Schloß herrschende Unruhe aufmerksam.

Da öffneten sich die Türen, und Feridah vernahm die wundervollen Töne der Zauberharfe. Ihre Wangen röteten sich; ihre Augen glänzten vor Freude. Sie richtete sich schnell auf und rief mit weit ausgebreiteten Armen:


»Klingehold, Klingehold,
Deinen Klang ich kennen sollt’!
Ist’s ein Traumbild, oder Kunde,
Von ersehnter Freudenstunde?«



Im gleichen Augenblick betraten Goldwina und König Ringolf Hand in Hand das Gemach: drei glückliche Menschen waren vereint.

Wer beschreibt die Freude und das Glück des Wiedersehens? Feridahs Sprache war ihr plötzlich voll und ganz wiedergeschenkt, und sie hatte sie nötig, denn es gab nun viel zu erzählen.

Daß die junge Königin gar schnell gesund wurde, kann man denken, zumal Goldwina ihr alle ihre Lieblingsweisen auf Harfe Klingehold vorspielte und ihr sogar dieses herrliche Instrument schenkte. Obendrein versprach die Mutter, noch längere Zeit bei ihr bleiben und sie alle Jahre besuchen zu wollen.

Die treue Elligod und alle Dienerinnen Goldwinas freuten sich ebenfalls sehr des Wiedersehens. Sie schmückten Feridah mit unverwelklichen Rosen aus Goldwinas Gärten, tanzten anmutige Reigen und sangen:


»Reigen, schling’ dich, schling’,
Sorgennacht verging,
Freudensonne scheint,
Kön’gin ist vereint
Mit der Tochter heut’,
Jedes Herz sich freut.
Unser Sang soll schallen!
Heil euch, Heil euch allen!« –



Das war eine glückliche Zeit für alle Bewohner des Königsschlosses, an der das ganze Volk teilnahm.

Die Zauberharfe hatten Goldwina und Feridah nicht mehr zum Trost nötig; sie hielten sie aber stets in Ehren.




Der Erdbeerkönig

Es war einmal ein Mägdelein; kreuzbrav und schön wie der junge Tag, doch es besaß keinen roten Heller, so daß es schon seit mehreren Jahren bei einem reichen Bauern als Magd diente.

Magdalies, so hieß daß Mägdelein, war aber an Arbeit gewöhnt, und so tat sie diese gern, war fröhlich und wohlgemut, trotzdem sie einem gar unfreundlichen Ehepaar diente, denn vom Bauern sowohl wie von dessen Frau bekam sie selten ein gutes Wort zuhören.

Wenn sie aber draußen im Felde oder im Walde war, wo sie allerlei Arbeit für den Bauern zu verrichten hatte, dann sang sie wie eine Lerche, daß es eine Freude war, es zu hören, dann vergaß sie jeden Kummer, der sie etwa drückte.

Sie war gern im Walde. Gar oft im Jahre mußte sie Holz dort holen, daß ihr Rücken zuweilen von der schweren Last schmerzte und blaue Flecken bekam, denn Magdalies war zart und fein gebaut, und ihre weiße Haut gar empfindlich, daher die Bäuerin, die fast so dick wie lang war, die arme Magd oft im Spott »Prinzessin« nannte.

Gar vieles hatte Magdalies außer dem Holzsuchen noch im Walde zu schaffen, denn wenn sie keine andere Arbeit mehr zu besorgen hatte, dann mußte sie von dort herbeischaffen, was die Jahreszeit bot. Beeren und Kräuter, die die Bäuerin in der Stadt verkaufte oder aus denen sie allerhand Heiltränke bereitete, späterhin Bucheckern, Schwämme und trockenes Laub.

Eines Tages nun, als Magdalies wieder im Walde Erdbeeren suchte und dabei fröhlich sang, traten plötzlich zwei Knappen aus dem Gebüsch zu ihr, um sie zu fragen, ob sie nicht den Königssohn gesehen habe. »Wir suchen ihn schon überall,« sprachen sie weiter, »und seine Freunde, die edlen Ritter, durchstreifen den Wald ebenfalls, denn wenn er sich verirrt hat oder ihn ein Unfall betraf, so mögen sie sich auch nicht der Jagd erfreuen.«

Da Magdalies auch keine Auskunft zu geben vermochte, ihnen nur die Richtung, in der die Stadt liegen mußte, zeigen konnte, so waren die Knappen bald wieder im Dickicht verschwunden. Nur fern hörte sie noch Hundegebell; dann war wieder alles still wie vordem. Magdalies suchte weiter Erdbeeren und sang:


»Saß ein Vöglein auf dem Ast,
Fühlte nicht des Lebens Last;
Schmetterte aus voller Brust –
Zuzuhör’n war eine Lust.
Vöglein, Vöglein, Vöglein sing,
Geht die Arbeit dann gar flink!«



Wirklich flog in diesem Augenblick ein Vöglein auf den nächsten Ast und äugte hinab zu Magdalies, die es lächelnd entdeckte, ihm zunickte und ihren Vers wiederholte.

Sie war so mit Erdbeeren, Gesang und Vogel beschäftigt, daß sie gar nicht bemerkte, wie abermals jemand aus dem Dickicht trat.

Erschrocken sah sie sich um, als eine Stimme rief:


»Vögelein, dein Sang stimmt heiter,
Singe noch ein wenig weiter!«



Ein Rittersmann stand in Jagdkleidung hinter ihr. Freundlich sprach er, als er ihren Schrecken bemerkte: »Habe keine Angst, Mägdelein, ich tue dir nichts zu Leide. Sahst du hier schon Ritter oder Knappen?«

»Ja, Herr,« antwortete Magdalies; »sie suchten den verirrten Königssohn. Dorthin, in der Richtung nach der Stadt zu, sind sie gelaufen.«

Wie Magdalies nun sah, daß der junge Rittersmann sie gar gütig anblickte und nicht so stolz war, wie sie sich die Ritter immer gedacht hatte, fühlte sie ihre Angst schwinden, daß sie Mut fand, selbst eine Frage zu tun: »Edler Herr, gewiß seid Ihr auch einer der Freunde des Königssohnes und wollt diesen suchen?«

Der Ritter lächelte. »Du kennst den Königssohn wohl nicht, Mägdelein?«

»Nein, Herr, aber gern möcht’ ich ihn einmal sehen; er soll gut und edel sein, wie die Leute sagen.«

»So, sagen sie das, und glaubst du das auch?«

»Ja, Herr.«

»Ei,« antwortete der Rittersmann, »da kann er sich freuen. Und weißt du, worüber ich mich freuen würde?« Er zeigte auf ihre Erdbeeren und sprach weiter: »Seit Stunden irre ich im Walde umher, habe nicht Speise noch Trank bei mir, da möchte ich fragen, ob ich nicht einige von deinen Erdbeeren essen dürfte?«

»Wenn es Euch freut, gern. Nehmt, Herr.« Magdalies hielt dem Ritter ihr Körbchen mit den roten Früchten hin, denen dieser auch wacker zusprach, während er dazwischen fragte: »Wer bist du? Woher kommst du? Wie heißest du?«

»Ich bin nur eine arme Dienstmagd, Herr, diene bei einem Bauern hier in der Gegend und heiße Magdalies.«

Der Ritter blickte gedankenvoll vor sich nieder; dann hub er wieder an: »Die Beeren deines Waldes munden gut; ich danke dir.«

»O, Herr,« versetzte Magdalies, »der Wald ist des Königs Eigentum, gebührt es da nicht Euch, als einem Freunde des Königssohnes, von den roten Beeren zu essen, soviel es Euch beliebt? Vielmehr muß ich Euch danken, daß Ihr mich nicht zu schlecht hieltet, solche aus meinen Händen anzunehmen.«

»Du bist bescheiden, Mägdelein,« entgegnete der Ritter. »Das gefällt mit wohl. Und wenn du mir das Recht an diesen Beeren zusprichst, so hast du doch die Mühe des Pflückens gehabt. Hier, nimm dieses dafür.«

Er reichte Magdalies ein Goldstück.

Doch erschrocken zurückweichend, wehrte sie: »Nein, Herr, das Geld nehm’ ich nimmer, denn verdient hab’ ich’s nicht, und brächt’ ich’s der Bäuerin, dächte sie wohl gar, ich hätt’s gestohlen.«

»Du brauchst es ihr ja nicht zu geben.«

»O, Herr, wenn ich auch arm bin, aber mein ehrlicher Name ist halt mein bester Besitz, den ich nimmer verlieren möcht’. Und für die Bäuerin, der ich diene, muß ich die Beeren pflücken. So gehört auch ihr, was ich damit verdiene. Laßt mich gehen, Herr, daß ich schnell die versäumte Zeit einhole.«

Der Ritter zog darauf eine Feder aus seinem Barett, die er Magdalies mit den Worten reichte: »So nimm wenigstens dieses Pfand meiner Dankbarkeit hier, das vielleicht einst der Königssohn einlösen wird. Bewahre die Feder auf; und wenn du einmal mit Beeren ins Schloß kommst, zeige dies Ding den Wächtern; dann werden sie dich einlassen.«

Magdalies trat wieder erschrocken zurück. »Ich,« stammelte sie, »ich schlichte Magd sollte mich ins Schloß getrauen? Selbst die Bäuerin, obschon sie etwas vorstellen will, hat mit ihren Beeren das noch nicht einmal gewagt.«

Der Ritter blickte wieder einige Augenblicke nachdenklich vor sich hin, dann befragte er Magdalies über ihre Eltern, ihren Dienst und dergleichen. Er blickte ihr noch lange nach, als sie sich schon längst von ihm verabschiedet hatte.

»Braves Mägdelein,« murmelte er. »Ich hoffe, ich sah dich nicht zum letzten Male.« Dann eilte er den Knappen nach.

Magdalies aber besah sich die buntschillernde Feder und vergaß über dem Anschauen fast, die fehlenden Beeren nachzupflücken.

Die Bäuerin empfing Magdalies am Hoftor, wo sie nach der Magd ausschaute. »Bleibst lang heut’, Mädel,« sagte sie hart. »Hast wohl gar geschlafen? Deine Beerenernte ist heut’ gering.«

Magdalies erwiderte nur sanft: »Nein, Bäuerin, warum sollt’ ich am hellen Gottestag schlafen? Dazu ist die Nacht gut.«

Sie hätte der Bäuerin wohl ganz ruhig von ihrem Zusammentreffen mit dem Ritter erzählt; doch nun wagte sie es nicht, denn sie fürchtete deren Spott und wollte schnell an ihre Arbeit gehen.

Aber die scharfen Augen der Bäuerin erspähten die im Mieder verborgene Feder, nach deren Herkunft sie fragte.

Eine Unwahrheit hätte Magdalies um keinen Preis gesagt, denn sie wußte sehr wohl, daß auch eine sogenannte Notlüge eine Sünde ist, daher berichtete sie endlich zögernd von ihrem Zusammentreffen.

Stirnrunzelnd, die Arme in die Seiten gestemmt, stand die Bäuerin wie eine Richterin vor dem Mädchen, dessen Schönheit neben ihrer eigenen Erscheinung besonders zur Geltung kam, wie sie mit Aerger fühlte.

»Bist ja eine saubere Dirn’!« schalt sie: »Derweilen ich mich daheim schinden muß, tust du schön mit so einem scharwenzelnden Ritter, der meine Erdbeeren verzehrt und sie königlich mit einer wertlosen Feder bezahlt; Ha, ha, ha, ha, ein netter Freund des Königssohnes!«

Tief gekränkt vernahm die Jungfrau diese höhnenden Worte. Sie kannte die Art der Bäuerin nur zu wohl; doch da sie auf der Welt niemanden besaß, der sie in Schutz nehmen konnte, so hatte sie bei andern Anlässen keine Widerrede gewagt, sondern mit Sanftmut alles ertragen. Daß die Bäuerin aber solche Meinung vom dem edlen Ritter hegte, das konnte Magdalies nicht zulassen, und so verteidigte sie ihn mit edlem Eifer, indem sie auch von dem Goldstück erzählte.

Doch nun entbrannte erst recht der Zorn der Bäuerin. Sie machte, da sie sehr geldgierig war, der armen Magdalies die bittersten Vorwürfe, daß sie das Goldstück nicht genommen hatte, auf das die Bäuerin begründeten Anspruch zu haben glaubte.

Nun begannen noch weit freudlosere Tage für die arme Magdalies.

Zwar wurde sie noch oft in den Wald geschickt, um Beeren oder andere Dinge dort zu holen, da der dicken Bäuerin das Bücken gar beschwerlich fiel, aber sie hatte jedesmal ein Verhör zu bestehen, ob sie den Ritter gesehen habe.

Magdalies sang nun noch selten unter dem grünen Laubdach, sondern ließ das Köpfchen oft wie ein betrübtes Vöglein hängen.

Es war seit jenem Zusammentreffen im Walde schon eine geraume Zeit vergangen; das Laub begann sich hier und dort schon gelblich zu färben.

Da kam die Bäuerin eines Tages ganz aufgeregt aus der Stadt zurück. Sie hatte die letzten, von Magdalies noch mühsam gesuchten Erdbeeren dort hingebracht und guten Verdienst damit gehabt.

Nun erzählte sie, daß in der Stadt große Aufregung geherrscht habe, da der König schwer erkrankt sei. Herolde seien durch die Straßen gezogen, die verkündigt hätten, daß seine Leibärzte Walderdbeeren für ihn brauchten. Wer die schönsten zu bringen vermöchte, sollte reich belohnt werden. Da hatte die Bäuerin, wie sie erzählte, kurz entschlossen ihre Beeren im Schloß angeboten, auch versprochen, noch mehr zu bringen. Sie konnte nicht genug beschreiben, wie prächtig schon die Treppen und Gänge gewesen seien. Wenn sie wieder hinkäme, würde sie schon noch mehr zu sehen bekommen, so meinte sie und sagte dann zu Magdalies: »Morgen früh, wenn die Sonne aufgeht, kannst du in den Wald gehen und mir noch ’mal die besten Erdbeeren holen!«

Magdalies erschrak: »Ach, Bäuerin,« entgegnete sie zaghaft, »wenn ich nur wüßte, wo ich noch welche finden könnte, denn die Zeit ist vorbei.«

»Hast doch gehört, Mädel, ’s ist für den kranken König,« erwiderte die Bäuerin scharf. »Hast junge Beine und einen jungen Rücken. Kannst ja meinetwegen noch weiter laufen, wo du noch nicht gesucht hast; denn findest du keine Erdbeeren, so bringst du mich vielleicht noch einmal um ein Goldstück.«

Den Vorwurf wollte Magdalies nicht nochmals hören, und so machte sie sich denn am anderen Morgen, als kaum der Tag graute, auf den Weg in den Wald.

Sie lief und suchte, aber nur hier und da fand sie eine einzelne Beere, so daß sie sich immer weiter und mühsamer durch das Gestrüpp arbeiten mußte, bis sie endlich so weit gelangte, wie sie noch nie gekommen war.

Ermüdet setzte sie sich zu kurzer Rast nieder, ratlos, wohin sie sich wenden sollte, um die gewünschten Beeren zu finden.

Als sie nun so vor sich hinblickte, vernahm sie plötzlich ein Rascheln im Gebüsch. Gleich darauf stieß sie einen leisen Schreckensruf aus, denn was sah sie?

Ein winziges Männlein, kaum ein paar Finger lang, schlüpfte dort heraus, das auf dem Kopfe ein Krönlein trug, das genau einer Erdbeerblüte glich. Aber die Blätter waren aus Gold, und statt der Staubgefäße glänzte ein prächtiger Diamant in der Mitte. Ein erdbeerrotes Mäntelchen umhüllte die kleine Gestalt, die mit possierlicher Würde auf das Mädchen zugeschritten kam, das vor Erstaunen über die wundersame Erscheinung wie gebannt auf diese schaute.

Nun stand das Männlein dicht vor ihr, sie aus kleinen, hellen Aeuglein freundlich anblickend, dann ließ es sich also vernehmen:


»Mägdlein, künde gleich es mir,
Was dich führt in mein Revier?
Sage mir’s nur ohne Scheu,
Was hier dein Begehren sei.«



Einen Augenblick zögerte Magdalies noch; dann faßte sie sich ein Herz und fragte: »Wer bist du denn, du kleines freundliches Wesen?«

Das Männlein heftete einen noch freundlicheren Blick auf die Jungfrau, indem es antwortete:


»Du kennst mich nicht?
Das kann schon sein;
Doch kenn’ ich dich,
Mein Mägdelein.
Ob Sommerzeit
Es war, ob kalt –
Ich sah dich, Maid,
Allhier im Wald.
Doch kamst du nicht,
Um hier zu ruh’n.
Ich kleiner Wicht
Sah all’ dein Tun.«



Bei diesen Worten faßte Magdalies sich ein Herz und erzählte dem Kleinen, was sie heut’ an diese entlegene Stelle geführt habe.

Sie verschwieg nichts und schloß ihren Bericht seufzend: »Ach, du gutes, kleines Wesen, wenn du mir nicht sagen kannst, wo ich noch Erdbeeren um diese Jahreszeit finde, dann muß ich alle Hoffnung, dem armen, kranken König zu helfen, aufgeben, und die Bäuerin jagt mich gewiß obendrein aus dem Dienst.«

Das Männlein betrachtete das schöne, jetzt so traurige Gesicht des Mägdleins forschend, wiegte einen Augenblick anscheinend überlegend sein winziges Köpfchen und sprach weiter:


»Ist’s weiter nichts,
Was du verlangst?
Dann tut’s nicht not,
Daß du dich bangst.«



»Wie, du könntest und wolltest mir helfen?« Magdalies fragte es zaghaft, als wage sie noch nicht, den Worten des Männleins zu trauen.

Doch dieses zog plötzlich aus seinem Mantel einen gar zierlichen, wie ein Zepter geformten, goldenen Stab, an dessen Spitze eine aus einem prächtigen Rubin täuschend nachgebildete Erdbeere funkelte. Den Stab, oder vielmehr sein Zepter schulternd, sprach der Kleine dann würdevoll:


»Du hast mich: wer ich wär’, gefragt,
Und darum sei es dir gesagt:
Zwar bin ich klein, doch sonst nicht wenig,
Bin hier im Wald der Erdbeerkönig.«



Dann, Magdalies winkend, drehte er sich kurz um und schritt eilig voran, der freudig Erstaunten noch zurufend:


»Folge, Mägdlein, schnelle
Mir zur richt’gen Stelle.«



Und, o Wunder! Gar nicht weit von dem Platze, wo sie gesessen hatte, erblickte Magdalies nun, als sie ihrem kleinen Führer folgte, den vom Erdbeerkönig gemeinten Ort.

Rot, wohin sie blickte! Lauter Erdbeeren, und riesengroß, wie sie noch keine gesehen.

»O, lieber Erdbeerkönig,« jubelte Magdalies, »wie herrlich sind diese Beeren! Und noch herrlicher ist es, daß ich sie pflücken darf. Aber wie geht das zu, daß sie so wunderbar gedeihen konnten?«

Der Kleine machte eine geheimnisvolle Bewegung, deutete auf die Beeren und erklärte:


»Erweckt in Frühlings Wonnezeit,
Erblüht in lieblich weißem Kleid;
Im Sonnenschein, im Tau der Nacht
Gereift, gefärbt, gepflegt, bewacht
Von mir und von den Erdbeerelfen,
Die mir, dem Erdbeerkönig, helfen.«



»O, wie gut ist das von dir, du lieber Erdbeerkönig, und was wird die Bäurin sagen, wenn ich heim komme.«

Das Männlein rief mit Eifer:


»Du selbst mußt sie dem König geben,
Dann rettest du sogleich sein Leben.«



Magdalies pflückte nun mit Eifer, wobei sie aber dem guten Erdbeerkönig nicht verhehlte, daß die Bäuerin selbst die Ehre, die Beeren abzuliefern, in Anspruch nehmen würde.

Doch der Erdbeerkönig erwiderte:


»Wer sich tausendmal gebückt,
Diese Beeren hat gepflückt,
Soll durch sie auch sein beglückt.«



Magdalies schien es, als ob jede Beere, die sie pflückte, noch schöner sei als die vorige.

Nicht lange währte es, so hatte sie ihren Korb bis oben voll, was ihr kaum in der besten Erntezeit gelungen war. Unschlüssig überlegte sie, ob sie nicht auch noch ihre Schürze voll pflücken solle, doch der Kleine, als ahne er ihre Gedanken, mahnte jetzt:


»Genug laß sein der Ernte heut, –
Komm morgen wieder, wenn’s dich freut.«



»O, gern komme ich wieder, du gütiger Erdbeerkönig, wenn mich die Bäuerin läßt und ich den Weg wieder finde. Ach ja, ich ginge schon gern zum Könige; das müßte eine Freude sein, ihn gesund werden zu sehen! Und sag’, werde ich mich auch wieder hierher finden können?

Der Erdbeerkönig erwiderte nichts, winkte aber der Jungfrau, ihm zu folgen.

Als sie nun eine Strecke gegangen waren, blieb der Erdbeerkönig plötzlich stehen und sprach:


»Ich führte dich durch’s Waldgehege;
Du bist nun auf bekanntem Wege.«



Magdalies blickte um sich: »Ei,« rief sie erfreut, »da bin ich schon am Ziel!«

Wirklich lag das Anwesen des Bauern ganz nahe, so daß Magdalies sich mit Eile dorthin begeben wollte, nachdem sie dem Erdbeerkönig gedankt hatte.

Doch dieser gebot:


»Stell’ deinen Korb in das Gebüsch;
Dann lauf in’s Haus zum Bauern risch.
Die Bäuerin, – das wirst du seh’n –
Sie muß allein dich lassen geh’n.« –



Magdalies tat, wie der Kleine wollte. Bald war sie im Hause, aber weder den Bauern, noch die Bäuerin erblickte sie, bis ein Stöhnen sie in den Stall führte. Da saß der Bauer, aus einer Kopfwunde blutend. Und wie sah die Bäuerin aus! Ihr Gesicht und ihre Hände waren braun und blau, voller Beulen und Schrunden.

»Was ist geschehen?« rief Magdalies erschrocken.

Da erfuhr sie, da die Kuh plötzlich ganz wild geworden sei und sich losgerissen habe. In dem Bemühen, sie zu bändigen, waren beide arg zugerichtet worden, so daß sie von dem Kampfe noch ganz erschöpft waren.

Magdalies verband dem Bauern seine Wunde, holte auch der Bäuerin Heilsalbe herbei und labte sie beide mit einem kühlenden Tränklein.

Als das Ehepaar drinnen in der Stube war, ging sie furchtlos zur Kuh, die sich willig von ihr wieder anbinden ließ. –

Erst dann fand sie Zeit, von ihrer Erdbeerernte zu berichten.

Die Bäuerin erhob sich hastig, um sich, wie sie sagte, zum Wege in die Stadt zu rüsten, während sie schon gierig ausrechnete, wie reich wohl die Belohnung ausfallen könne.

Doch der Bauer stellte sich ihr in den Weg: »Weib,« herrschte er sie an, »willst in die Stadt, in’s Schloß, so wie du ausschaust? Bist wohl nicht gescheit? Da denken die Leut’ gar, ich hätt’ mein Weib geprügelt.« –

»Denk’ doch an die Belohnung und an den kranken König,« zeterte die Bäuerin. Doch so sehr der Bauer auch sonst das Gold liebte, heute schien ein anderer Geist in ihn gefahren zu sein, denn zornig begehrte er auf:

»Ach was, Belohnung hin, Belohnung her! An deinen Mann denkst du wohl nicht? In’s Haus gehörst du, Weib, deinem kranken Mann seine böse Wunde zu kühlen. Die Magdalies mag meinetwegen die Beeren ins Schloß bringen; du bleibst daheim!«


–     –     –     –     –     –     –     –     –     –    –


Wenige Stunden später hatte Maadalies das Stadttor erreicht. Sie war noch nicht oft in der Stadt gewesen, doch sie nahm sich trotzdem kaum Zeit, sich umzuschauen, denn sie eilte, ins Schloß zu kommen. So blickte sie auch nicht zur Seite, als sie Pferdegetrappel hinter sich vernahm, bis eine freundliche Stimme ihr zurief:

»Grüß Gott, Mägdelein! Kennst du mich noch? Bist doch das Vöglein aus dem Wald, das so schön singen kann und das verirrte Wanderer mit Erdbeeren erquickt?«

Magdalies erkannte den Ritter sogleich wieder; aber wie prächtig erschien er heute hoch zu Roß in reichem Schmuck!

Gern hätte sie seinen Namen gewußt. Sie knixte höflich, doch zu einer Antwort hatte sie nicht Zeit, denn der Ritter fragte: »Hast du auch deine Feder nicht vergessen?«

Die Jungfrau zog diese eilig hervor.

»So ist’s recht, Mägdelein. Was hast du in deinem Korbe?«

Auf diese Frage erzählte Magdalies zutraulich, daß sie Erdbeeren für den kranken König bringe.

»Gut! Ich wollte, du könntest ihn gesund machen!« rief der Ritter erfreut. »Laufe einstweilen ins Schloß; die Feder öffnet dir alle Tore. Ich löse sie ein, denn du wirst mich bald daselbst sehen.« –

Er winkte Magdalies freundlich zu und sprengte davon.

Wer mochte er nur sein? Gar zu gern hätte sie es gewußt.

Nicht lange, so war sie im Schloß.

Doch als sie fragte, ob man sie zum König lassen würde, lachten die Höflinge sie aus.

Magdalies waren die Tränen nahe. Da fiel ihr die Feder wieder ein.

Und siehe da, kaum hatten die Höflinge vernommen, welche Bewandtnis es mit derselben hatte, so waren sie wie umgewandelt.

Durch weite Gänge und prächtige Gemächer ward Magdalies geführt, die kaum wagte, sich umzublicken und nur auf den Fußspitzen zu gehen sich getraute, aus Angst, ihre groben Schuhe möchten etwas verderben.

In einem Gemach berieten eben die drei Leibärzte des Königs über ihren Patienten, als ein Diener meldete, daß ein Mägdelein die herrlichsten Erdbeeren für den König bringe, sie ihm aber gern selbst geben möchte.

Als Magdalies nun vor den Männern stand, die sie ernsthaft ausfragten, woher sie käme und wer sie sei, da ward sie wieder zaghaft, denn zwei der Leibärzte erklärten, daß es nicht anginge, ein fremdes Mädchen vor den König zu führen.

Der älteste der Leibärzte wiegte ebenfalls gedankenvoll sein graues Haupt; dann aber sprach er leise: »Mich will bedünken, daß der Anblick der Pflückerin und Bringerin dieser Beeren, wie ich so köstliche, meiner Treu, noch niemals sah, den König erfreuen dürfte. Vielleicht wohnt schon in den Händen dieses Mädchens, das offenbar ebenso brav als schön ist, eine besondere Heilkraft, die sich auf die Erdbeeren übertrug.« Laut aber sagte er: »Warum willst du deine Beeren dem König selbst geben?«

»Der sie mir schenkte, befahl, daß ich selbst sie dem Könige reichen müsse, so sie ihm helfen sollten.«

»Und wer ist das?«

»Das darf ich nimmer sagen; aber er meint es gut mit dem Könige und mir.«

Der alte Hofmedikus betrachtete Magdalies wohlgefällig, denn trotz ihrer ärmlichen Kleidung war sie schöner wie das schönste Hoffräulein.

Mit sittsam gesenkten Blicken folgte sie den voranschreitenden Leibärzten.

In einem noch weit prächtigeren Gemach lag der König auf einem seidenen Ruhebett, ganz in kostbare Felle und Decken gehüllt.

Ein Diener brachte einen goldenen Teller, auf welchem Magdalies dem Kranken ihre Erdbeeren darreichen sollte.

Von den Aerzten geleitet nahte die Jungfrau sich zaghaft dem Lager, um dem Schwerkranken, der fast kein Glied rühren konnte, die roten Früchte zu reichen.

Bleich und steif lag der König da, der nur mit Mühe die Beeren zu sich nahm. Doch kaum hatte er einen Teil gegessen, als seine matten Augen sich belebten und er eifrig zu schlucken begann, während er den Blick nicht von der schönen Spenderin der Labe wandte.

Als der Teller leer war, richtete sich der Kranke ein wenig auf, durch Zeichen noch mehr von den Aerzten verlangend.

Während er nun den zweiten Teller leerte, färbten seine Wangen und Lippen sich rosig; seine Augen bekamen neuen Glanz, und als kaum die zweite Portion verzehrt war, richtete sich der König plötzlich auf.

Erschrocken wollten die Aerzte ihm diese vermeintliche Anstrengung wehren, doch der König kehrte sich nicht daran, sondern sprach: »Ich bin nicht mehr krank. Ich fühle, wie neues Leben meine Adern durchströmt und das verdanke ich nur diesem Mägdelein, oder vielmehr seinen köstlichen Erdbeeren. Auch meine Glieder haben ihre alte Kraft wiedererhalten; ich glaube, ich könnte wieder gehen wie in gesunden Tagen! Das danke ich nur dieser Jungfrau hier.«

Die Aerzte hörten solche Worte und sahen mit freudigem Staunen, wie der König zusehends kräftiger wurde. Zumal der alte Hofmedikus nickte wohlgefällig mit seinem grauen Haupt, indem er einwandte: »Wir freuen uns von Herzen über diese schnelle Besserung unseres geliebten Landesherrn; doch wollt Ihr, edler König, nicht vergessen, daß wir Euch die Erdbeeren verordneten!«

»Habt mich,« lachte der König gutmütig; »auch schon genug damit gequält! – Aber sagt selbst: Hätte ich alle Erdbeeren aus allen meinen Wäldern verzehrt, sie hätten mir nicht so zu helfen vermocht, als diese hier. – Sprich, Mägdelein, worin soll die dir zustehende fürstliche Belohnung bestehen? Willst du schöne Kleider? Oder Gold? Oder ein Stück Land mit einem hübschen Häuschen und allem Zubehör?«

Der König fragte es freundlich, denn die Maid gefiel ihm gar wohl.

Doch Magdalies antwortete bescheiden: »In Euren Wäldern, edler König, wuchsen diese Beeren, die zu finden mein guter Stern mir half. Aber ich stehe in Lohn und Brot einer Bäuerin, die mich schickte und der ich alles geben muß.«

Während sie noch sprach, waren mehrere Personen in das Gemach getreten, und kaum hatte Magdalies geendet, als eine ihr nun schon bekannte Stimme rief: »Ein braves Mädchen bist du, und meinen Vater hast du auch gesund gemacht!«

Dort stand der Ritter im Kreise mehrerer Edelleute.

Magdalies wagte kaum aufzublicken. Sie begriff erst nicht recht den Sinn dieser Worte, bis es ihr klar wurde, daß der Ritter niemand anders war als der Königssohn selbst.

Er erzählte von seinem Zusammentreffen mit der Jungfrau im Walde und von der Feder, die er nun auch einlösen wolle.

»Mich dünkt,« fuhr der Königssohn fort, »du, mein Vater, und ich sind dem Mägdlein beide unsere Anerkennung schuldig. Ich habe erkannt, daß sie nicht nur die schönste, sondern auch die tugendhafteste Jungfrau ist, die mit je begegnete. Darum, mein Vater, möchte ich dich bitten, sie mir zum Weibe zu geben.«

Magdalies glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Sie sah aber auch, wie der König erschrak und wie die Höflinge erstaunt dreinblickten. Sie ward bald blaß, bald rot. Wie ein Alp legte sich die Schwüle des Gemachs auf ihre Brust.

Nein, sie wollte kein Aergernis machen. Der schöne Königssohn sollte ihretwegen keinen Verdruß mit dem Vater haben.

Sie benutzte einen günstigen Augenblick, um sich davonzustehlen.

Glücklich fand sie den Ausgang des Schlosses und jagte nun, so schnell ihre Füße sie tragen wollten, dem Walde zu.

Hier wollte sie erst ihre Gedanken sammeln, ehe sie das Anwesen ihres Brotherrn betrat.

So saß sie, den Kopf in die Hand gestützt, auf dem bemoosten Waldboden, als sie plötzlich ein feines Stimmchen vernahm:


»Ist dir’s quer gegangen?
Laß den Kopf nicht hangen.«



Vor ihr stand der kleine Erdbeerkönig, sie teilnehmend betrachtend.

Magdalies empfand dies wohltuend. Es drängte sie, alles mitzuteilen, und so vertraute sie denn ihrem sonderbaren kleinen Freunde alles an, was ihr begegnet war. »Ach, lieber Erdbeerkönig,« schloß sie, »nun wird mich der edle Prinz gewiß für recht undankbar halten! Und was wird die Bäuerin sagen, wenn ich ihr kein Geld heimbringe; sie wird mir daß nicht verzeihen.«

Der Erdbeerkönig legte sein winziges Fingerchen an sein winziges Näschen, als ob er über einen Ausweg nachdenke. Dann tröstete er:


»Laß sie toben, laß sie schmälen!
Sie wird nimmer lang dich quälen.
Kehre heim mit frohem Mut;
Wird noch alles, alles gut.«



Magdalies dankte nun dem guten Erdbeerkönig herzlich; und nicht lange, so hatte sie das Haus erreicht.

Die Bäuerin verband eben ihrem stöhnenden Mann seine Wunde.

»Bleibst gar lang’ aus!« empfing sie die Heimkehrende. »Hast gar schwer zu tragen gehabt? Zeig her die Belohnung; die mag den Bauern trösten!«

Als Magdalis nun, vor Angst bebend, bekannte, daß sie nichts heimbringe, da schalt und zeterte die Bäuerin, wie die arme Magd es noch nie gehört hatte. Die Erregte ließ das Mädchen gar nicht zu Worte kommen, sondern rief ihr schließlich zu:

»Und daß du’s weißt: So ein unbeholfen Ding kann ich nimmer brauchen. Kannst morgen früh deine Sachen packen und dir einen andern Dienst suchen.«

Magdalies hörte es mit Schrecken. Wohin sollte sie gehen? Sie wagte keine Bitte, fürchtete sie doch den Spott oder einen neuen Zornesausbruch der Bäuerin. Ebenso fürchtete sie ihre Fragen; denn die Wahrheit hätte sie sagen müssen, und dennoch widerstrebte er ihr, gerade der Bäuerin von den vielen Erlebnissen des heutigen Tages etwas mitzuteilen. So ging sie denn traurig ihrer Arbeit nach, bis sie endlich todmüde auf ihr hartes Lager sank.

Früh am Morgen packte sie ihre wenigen Habseligkeiten zusammen, doch war sie sehr betrübt, da sie nicht wußte, wohin sie sich wenden sollte.

Plötzlich erhob sich ein Getümmel vor dem Hause. Stimmen und Pferdegetrappel wurden laut. Ein glänzender Reiterzug hielt draußen.

Die Bäuerin lief mit hochrotem Kopfe eilig hinaus, da sie nicht anders dachte, als daß der König die ihr bestimmte Belohnung schickte, zumal die Reiter von den Pferden stiegen und ihr entgegenkamen.

»Wir bringen Botschaft vom König. Wo ist die schöne Jungfrau, die ihm die heilkräftigen Erdbeeren brachte?«

So fragten sie, und die Bäuerin, zu der sich nun auch der Bauer gesellt hatte, knixte gar manierlich, während sie eifrig entgegnete: »Die Dirn’ zu rufen, ist überflüssig, denn sie brachte die Beeren in meinem Auftrag und Dienst zu dem kranken König. So nehme auch ich den Lohn dafür in Empfang.«

Gerade trat Magdalies aus ihrem Kämmerlein, um sich von dem Ehepaar zu verabschieden. Sie hatte in dem entlegenen Raume wohl etliche verworrene Laute vernommen, doch keine Ahnung, um was es sich handelte.

Als sie nun die Männer in prächtiger Kleidung gewahrte, wollte sie erschreckt wieder zurückeilen; doch schon hatte einer von ihnen, ein Ritter, sie gesehen. »Dort ist die Jungfrau; ich kenne sie wieder!« rief er, das widerstrebende, ganz verwirrte Mädchen zur Bäuerin führend. Diese blickte nicht eben freundlich auf Magdalies und zeterte wieder: »Ich sage es euch nochmals, daß der Lohn mir zukommt!«

Aber jetzt lachte der Ritter gar lustig auf: »Hahaha, Bäuerin, da möcht’ sich der Königssohn wohl bedanken, Euch zum Weibe zu begehren! So hört denn: Der König schickt mich und das Gefolge, um diese Jungfrau hier zum Königshof zu entbieten, weil sein Sohn, unser Prinz Arnulf, sie zum Weibe begehrt!«

Der Bauer und die Bäuerin machten große Augen. Die Bäuerin schnappte vor Erstaunen ein paarmal nach Luft, um dann noch röter als die rötesten Erdbeeren zu werden, als sie sah, wie der Ritter sich jetzt ehrerbietig vor Magdalies verneigte, ihr in wohlgesetzter Rede des Königs Botschaft nochmals verkündend.

Magdalies traute ihren Ohren kaum und wagte nicht aufzublicken, als sie zaghaft erwiderte: »O, edler Herr, treibt keinen Scherz mit mir! Es kann doch nimmer dem Könige recht sein, eine so arme niedere Magd, wie ich es bin, zur Schwiegertochter zu bekommen. Ich will keinen Unfrieden zwischen ihn und seinen Sohn bringen.«

Doch schnell nahm der Ritter das Wort: »Ehrenwerte Jungfrau, der König ist durch Eure Erdbeeren gänzlich genesen. Er hat Euch gestern nach Eurem Verschwinden durch Boten überall suchen lassen, und etliche sind Euch denn unbemerkt bis hierher gefolgt, um uns heute den Weg zu weisen. Draußen steht ein Zelter für Euch bereit. Und nun rüstet Euch! Wir geben Euch das Geleit. Der Prinz erwartet seine Braut vor der Stadt, um sie ins Schloß zu geleiten.«

Dann winkte der Ritter einem Pagen, der ein großes und ein kleines Bündel brachte. Der Ritter übergab beides der Bäuerin, die gierig danach griff.

»So,« sprach er, »das kleine Bündel ist für Euch. Der König schickt es, damit Ihr nicht leer ausgeht. Ihr mögt den Sonntagsstaat für Euch und Euren Mann nachher auspacken. Jetzt helft hurtig dieser Jungfrau, daß sie die Kleider, die der König ihr in dem großen Bündel schickt, sogleich anlege, damit die Brau des Königssohnes würdig geschmückt in die Stadt einziehe.«

Die Worte klangen so befehlend, daß die ganz eingeschüchterte Bäuerin nur kleinlaut ihren Dank, aber kein Wort der Widerrede zu sprechen wagte.

Nicht lange, so trat Magdalies abermals aus ihrem Kämmerlein heraus. Doch welche Veränderung war mir ihr vorgegangen! Die Männer verneigten sich ehrerbietig und bewundernd vor der glücklichen Jungfrau, die mit königlichem Anstand, schöner als je, und geschmückt wie eine Prinzessin, daherschritt.

Führwahr, selbst die Bäuerin mußte zugeben, daß weit und breit keine schönere Edeldame gefunden werden könne als die ehemalige Magd, die nun so plötzlich zu solch’ hoher Ehre gelangt war.

Nachdem Magdelies sich freundlich und ohne Groll von dem Bauern und Bäuerin verabschiedet und ihren Zelter bestiegen hatte, erreichte sie mit ihrem Gefolge bald die Stelle, an welcher der Königssohn, ebenfalls hoch zu Roß und mit glänzendem Gefolge, sie erwartete.

Im Schloß wurde die Jungfrau von dem nun ganz gesunden König mit allen Ehren empfangen, und es fand bald eine glänzende Hochzeit statt.

Als diese festlichen Tage vorüber waren, da bat die nunmehrige Prinzessin Magdalies ihren Gemahl, dem sie natürlich alles erzählt hatte, mit ihr den Erdbeerkönig aufsuchen zu wollen, um ihm, dem sie doch eigentlich beide ihr Glück verdankten, vereint ihren Dank auszusprechen.

Mit Freuden erfüllte der Königssohn diesen Wunsch seiner Gemahlin.

Fröhlich wie die Kinder gingen sie durch den Wald. Magdalies mußte singen, wie damals, als der Prinz sie zuerst daselbst gefunden hatte. Zwischendurch rief sie wieder und immer wieder nach dem Erdbeerkönig, bis dieser endlich vor dem jungen Paare stand, das ihm nun von seinem Glück erzählte und seinen Dank ausdrückte.

Der Erdbeerkönig hörte es mit wohlgefälligem Kopfnicken an. Dann zog er unter seinem Mäntlein zwei köstliche Erdbeeren hervor, die eine Magdalies, die andere dem Prinzen reichend, während er sprach:


»Mögt’ essen diese Beeren,
Die aller Krankheit wehren,
Euch langes Glück bescheren!«



Mit diesen Worten verschwand er; aber seine Prophezeiung erfüllte sich. Beiden war viel Glück beschieden.

Als nach Jahren der alte König abermals erkrankte, eilte Magdalies wieder in den Wald, um den Erdbeerkönig noch einmal um die heilkräftigen Erdbeeren zu bitten. Doch sie fand weder den Gesuchten noch seine Wunderfrüchte. Der König wurde diesesmal nicht wieder gesund.

Nach seinem Tode wurde sein Sohn König.

Und so ward aus der armen Magd Magdalies eine Königin, die lebenslang von ihrem ganzen Volk geliebt und geehrt wurde, weil sie den Armen und Kranken half, so viel sie vermochte.




Die wilde Marinka

Vor vielen Jahren lebte ein Graf, Udo von Wolfenstein, der ein gar schönes Töchterlein hatte. Marinka hieß das Mägdlein, das das einzige Kind des Grafen war.

Weil Marinka keine Brüder besaß, ihre Mutter ihr aber viel freien Willen ließ, so lernte sie schon früh, mit ihrem Vater hinauszureiten in Wald und Feld, was ihr größtes Vergnügen war. Ebenso verstand sie bald mit der Armbrust zu schießen wie ein Bube, und kaum erwachsen, übte sie mit ihrem Vater das Waidwerk aus und ritt mit ihm zur Reiherbeize.

Die Gräfin sah dies alles zwar nicht gern, da sie fürchtete, solche mehr den Männern obliegende Tätigkeit würde sich für eine Jungfrau nicht geziemen und deren Sittsamkeit beeinträchtigen, doch Marinka wußte durch Schmeicheln und Bitten, oder gar durch eigenwilligen Trotz immer mehr ihren Willen durchzusetzen, je größer sie wurde.

Zu spät sah die Gräfin ein, daß sie früher zu nachsichtig gegen die Tochter gewesen war, und selbst der Graf wünschte öfter, Marinka möchte nun als erwachsene Jungfrau mehr Geschmack an weiblicher Tätigkeit finden.

Nähen, Spinnen und feine Stickereien, wie auch die sonstigen Pflichten und Beschäftigungen einer vornehmen Dame damaliger Zeit waren Marinka ein Greuel; sie blieb darum auch ungeschickt darin. Wollte man sie zu solchen Arbeiten zwingen, so warf sie bald das Spinnrad um oder zerriß die Fäden, sprang ungeduldig auf und rief eigensinnig:

»Mag nicht nähen und mag nicht spinnen,
Mag nicht hocken im Zimmer drinen,«

und husch war sie hinaus, ehe man sich dessen versah, um gleich darauf über Stock und Stein davon zu galoppieren.

Ja, ruhig zu reiten, wie früher, das genügte Marinka bald nicht mehr. Sie ward vielmehr immer tollkühner und wagehalsiger, trieb übermütig ihr Roß mit der Gerte an, daß es hochaufbäumend wie toll mit ihr dahinraste, und es schier verwunderlich war, wenn Roß und Reiterin jedesmal mit heilen Gliedern wieder heimkehrten.

Weniger verwunderlich schien es, daß man im Schloß und der ganzen Umgegend das schöne Grafenkind nur die »wilde Marinka« nannte. Sie wußte das, machte sich aber nichts daraus, trieb es vielmehr immer toller, ja, lachte, daß ihre weißen Zähne blitzten, wenn die Leute, sobald sie in Sicht kam, sich erschreckt bekreuzten und irgendwo am Wege Deckung suchten.

Eines Tages nun, da die »wilde Marinka« diese Bezeichnung wieder so recht verdiente, humpelte ein altes Weiblein über den Weg. Marinka sah es, kehrte sich aber nicht daran.

»Alte, weich’ mir aus!« rief sie befehlend.

Die Alte schien nicht zu hören, trottete vielmehr gleichmütig vor Marinka her.

»Mein Roß ist ungeduldig, Alte, ich warn’ dich!« Ganz nahe war Marinka der Alten auf den Fersen. Diese blickte sich jetzt erschreckt um, rieb sich den aufwirbelnden Staub aus den rotgeränderten Augen und wollte aus dem Wege humpeln. Doch schon lag sie da. Das Pferd hatte sie zur Seite gestoßen.

Davon gestoben waren Roß und Reiterin; letztere hatte den Unfall kaum beachtet, vielleicht nicht einmal bemerkt.

Die Alte suchte ihren Krückstock, der ihr entfallen war. Ihre Glieder waren heil. Auch Ihre Zunge schien keinen Schaden erlitten zu haben, denn während die Gestürzte sich mühsam erhob, murmelte sie allerlei böse Worte.

Und nun stand sie kaum wieder auf den Füßen, als sie in der geballten Faust drohend den Krückstock erhob und der längst nicht mehr sichtbaren Reiterin kreischend nachrief:


»Wilde Marinka! – Stachlicher Dorn! –
Jagt auch dein Roß, als fühlt’s Gerte und Spor’n,
Ist doch noch schneller mein’ Rache und Zorn. –
Wilde Marinka, sei jetzt auf der Hut:
Kränkst du mich nochmals, geht’s nimmer dir gut.
Rächt sich dann furchtbar die ›Alte‹ – die Ut’!«



Hätte Marinka diese Worte vernommen und die bösen Blicke der Alten sehen können, wäre ihr das Lachen vielleicht vergangen. So aber war sie übermütig und guter Dinge. Sie lachte vor sich hin; es klang silberhell, und ihre Augen blitzten dabei wie die eines Kobolds, als sie ihr Roß an der Mähne zupfte und fragte: »Hast du’s geseh’n, Salto, was du angerichtet? Es war doch zu lustig, ha, ha, ha, wie die alte Ute beinahe einen Purzelbaum schlug. Aber gräm’ dich nicht, mein braves Tier; weißt ja, die Katzen fallen immer weich, und die alte Ute, von der die Leute munkeln, daß sie eine Hexe sei, soll sich des nachts in ein Kätzlein verwandeln können.«

Salto spitzte die Ohren und nickte mit dem Kopfe, als ob er die Worte verstanden hätte.

Und recht hatte Marinka: der alten Ute, die so einsam in ihrem Waldhüttlein hauste, ging jeder gern aus dem Wege. Ja, man bekreuzte sich bei ihrem Nahen noch eifriger als bei dem der »wilden Marinka«.

Niemand begriff, daß Marinkas Vater den Sohn der alten Ute als Koch angenommen hatte, noch dazu, da er ganz verwachsen war.

Aber freilich, in seiner Kunst war er Meister, und der Graf schätzte ein gutes Mahl gar sehr.

Hanko, so hieß der Koch, wußte, daß er bei seinem Herrn in Gunst stand. Die Küchenjungen und das Gesinde merkten es auch, denn Hanko führte ein strenges Regiment, dem sich alle fügen mußten. Der Graf gab stets dem schlauen Hanko recht; wem das nicht paßte, der mußte sich eben einen anderen Dienst suchen.

Nur Marinka kehrte sich nicht daran. Sie behandelte den Koch, den sie nicht leiden konnte, nicht respektvoller als die Küchenjungen, die manchen Verweis von ihr erhielten; ja, es war nichts Ungewöhnliches, daß sie ihnen oder selbst dem allmögenden Hanko eine nach ihrer Meinung mißratene Speise einfach vor die Füße warf.

Sie hatte es bisher ungestraft tun dürfen, denn des Vaters Zorn ob ihres unartigen Benehmens war bald verraucht, und des verwachsenen Hanko Zähneknirschen beachtete sie nicht.

Nun begab es sich eines Tages, daß beim Grafen ein großes Gastmahl hergerichtet ward, zu dem mehrere Freier Marinkas als Gäste erschienen. Es waren Grafen und Ritter, die von Marinkas Schönheit, aber auch von ihrem Spitznamen gehört hatten und sich überzeugen wollten, wie viel Wahres an dem Gerede der Leute sein möchte.

Das Mahl verlief auch zur Zufriedenheit der Gäste, die von Marinkas Schönheit ganz entzückt waren, denn das Grafenkind schien sein ungestümes und wildes Wesen völlig abgestreift zu haben. Marinka war heiter und voll muntrer Einfälle, so daß die Freier geneigt waren, den Leuten, die die Tochter ihres Gastgebers »wilde Marinka« nannten, ernstlich ob ihrer anscheinenden Ungerechtigkeit zu zürnen.

Eben ward der letzte Gang, Marinkas Lieblingsspeise, nämlich ein Ragout, oder wie man damals sagte: Gemengsel von Wildfleisch mit feiner Gewürztunke, serviert. Es schien den Gästen zu munden.

Doch Marinkas spitzes Zünglein schmeckte prüfend; sie runzelte die weiße Stirn, stocherte auf ihrem Teller herum, schmeckte nochmals und erhob sich dann zum Erstaunen der Tafelrunde. Sie nahm ihren Teller mit sich, festen Schrittes dem Vorgemach zuschreitend, in dem Hanko eben einige Fruchtschalen ausschmückte. Er blickte die Nahende nicht eben freundlich an, da er gerade im Begriff war, die schönsten Ananaserdbeeren zu schmausen.

»Hanko!« Es klang vorwurfsvoll.

»Was begehrt Ihr, Gräfin?«

»Wo ist das Fleisch der Birkhühner, die ich selbst erlegte und gerade darum für diese Speise bestimmte? Kein Bröcklein davon ist darin.«

Hanko machte ein mürrisches Gesicht. »Die Küchenjungen müßt Ihr dafür schelten, Gräfin, weil sie vergaßen, das Geflügel zu rupfen und auszunehmen. Und ich wußte vor Arbeit nicht, wo mir der Kopf stand, sonst hätt’ ich die Birkhühner im Kessel gleich vermißt.«

Marinka kräuselte spöttisch die Lippen. In gereiztem Ton erwiderte sie: »Mich dünkt, Hanko, weniger deine viele Arbeit als deine Kleinheit trägt die Schuld an dem Versehen. Man soll dir künftig eine Leiter an den Herd stellen, damit du sehen kannst, was du in deinen Töpfen kochst!«

Mit ebenso bösem Blick, wie kürzlich Frau Ute, sah Hanko zu Marinka hin, die das nicht bemerkte. »Meine Gestalt, Gräfin dürfte euch nicht kümmern; freut Euch, daß Ihr tadellos gewachsen seid. Und ich denk’, auch ohne die Birkhühner ist Eure Lieblingsspeise trefflich geraten!«

Sprachlos ob der in trotzigem Ton erteilten Antwort stand Marinka einen Augenblick regungslos, denn ihr erschien Hankos Kühnheit ganz unerhört. Obendrein merkte sie, wie jetzt neugierige Köpfe durch die Tür spähten. – Die Gäste hatten gewiß Hankos Worte auch vernommen; das ärgerte Marinka noch mehr und raubte ihr den letzten Rest Selbstbeherrschung und Ueberlegung.

»Wie?« herrschte sie den Koch an, »du wagst, mir so zu antworten? Da, nimm dein ›treffliches‹ Gericht!« Und krach – flog der Teller mit dem Essen direkt vor Hankos Füße. Marinka aber verließ, ohne den Gemaßregelten noch eines Blickes zu würdigen, stolz wie eine Königin das Gemach.

Hanko jedoch murmelte zähneknirschend: »Wilde Marinka, warte, das gedanke ich dir! Wohl zum letztenmal kränktest du mich ungestraft.«


Wenige Stunden später saßen die drei Freier ganz heimlich in eifriger Beratung beisammen.

Die Gemütlichkeit des Festes war durch Marinkas ungezogenes Benehmen, dessen Zeugen die Gäste zum Teil gewesen waren, recht gestört worden.

Marinka war dann ohne irgendwelche Entschuldigung einfach in ihrem Zimmer geblieben und nachher fortgeritten. Graf und Gräfin hatten vergebens versucht, ihren Zorn und ihre Empörung über der Tochter Benehmen zu verbergen, zumal Hanko sogleich um seine Entlassung bat.

Ein Goldstück des Grafen und dessen Zureden schienen den Gekränkten zwar zu beruhigen, doch hatten die Gäste sich bald in ihre Gemächer zurückgezogen, um den Fall noch zu besprechen. Ihre gute Meinung von der Grafentochter war mit einem Schlage dahin. Sie waren alle drei einmütig entschlossen, auf die Werbung um die »wilde Marinka« zu verzichten. Nur wollten sie jeder erst einen schicklichen Vorwand suchen, um den Grafen Udo von Wolfenstein nicht durch plötzliche Abreise zu kränken.

»Nein,« sprach der erste Freier, der schon etwas bejahrte, aber sehr begüterte Ritter Dirk von Dirksberg, »wie konnte ich so töricht sein, um solch ungeberdiges Fräulein werben zu wollen. Mord und Totschlag hätt’ es da bald auf meiner Burg gegeben, wenn ich bedenk’, daß das spitze Zünglein der ›wilden Marinka‹ auch meiner ehrenwerten Frau Mutter nicht geschont haben würde, zumalen Frau Gerlindes Rücken vom Alter gebeugt und ähnlich dem des Hanko geworden ist.«

»Ihr könntet recht haben,« entgegnete der stattliche Graf Kunibert von Weichselburg. »Auch ich hätte wohl schweren Stand mit dem wilden Fräulein vom Schloß Wolfenstein bekommen, denn mein Besitz liegt nahe dem breiten Weichselfluß, in waldloser Gegend, wo es kaum Wild gibt. Höchstens hätte die ›wilde Marinka‹ dort dann und wann einen Fischreiher erlegen können.«

»Ei, da konnte sie sich ja einen solchen einmal zur Fischjagd abrichten,« spöttelte Graf Eitel von Eulenstein, der jüngste und wohlgelittenste der drei Freier. »Die Eulen und Käuzchen in der Nähe der Burg Eulenstein werden frohlocken, wenn sie erfahren, daß sie vor den Pfeilen der ›wilden Marinka‹ sicher sind.«

Als alles im Schloß längst der Ruhe pflegte, schlich eine kleine Gestalt aus einem Hinterpförtlein dem Walde zu. Hanko war es, der lautlos wie ein Kätzlein dahin eilte, bis er endlich die Hütte der alten Ute erreicht hatte.

Frau Ute schlug die knochigen Hände zusammen, als sie ihren Sohn mit finsterm Antlitz über die Schwelle treten sah. Da sie aber nun von Hankos Kränkung vernommen hatte, ballte sie die Faust und rief gellend:


»So schlimm hat die Wilde mein Söhnlein gekränkt  –
Das wird ihr fürwahr diesmal nimmer geschenkt!«



Hanko nickte seiner Mutter Beifall, indem er sich schadenfroh die Hände rieb und murmelte: »Ja ›wilde Marinka‹, ich habe mir manche Kränkung von dir gefallen lassen, aber heut’ hast du meine Gestalt geschmäht, hast mich vor allen lächerlich gemacht, und das vergeb’ ich dir nimmermehr!« Dann wandte er sich zu Frau Ute und fragte: »Was soll ich tun, Mütterlein?«

Die Alte tätschelte Hankos Wangen, indem sie kicherte:


»Jetzt, Hanko, mein Söhnchen, – hi – hi – gib acht,
Merk’ auf, was ich sag’, dann wird Rache vollbracht:
Aus neunerlei Kräutern koch’ schmackhaft ein Süpplein,
Das reiche zum Imbiß dem garstigen Püpplein.
Es wird davon sanft – hi – hi – wirst es bald seh’n,
Hi – hi – alle Wildheit wird dann wohl vergeh’n.
Nur ein Tag im Monat vergönnet ihm sei,
Wo Püpplein des Zaubers werd’ ledig und frei;
Doch ist er vergangen, der einzige Tag –
Kehrt wieder der Zauber, nichts bannen ihn mag.
Die neunerlei Kräuter hab’ ich schon im Haus.
Du ›wilde Marinka‹, dein Glück ist jetzt aus:
Die Hexe, die Ute, dir’s jetzo gedenkt,
Daß oft du ihr Söhnlein und sie hast gekränkt!«



Geschäftig kramte die Alte dann in ihrem großen Kräutersack, wahrend Hanko einen in engem Käfig kauernden Raben neckte. Dann griff er hastig nach den dargereichten Kräutern. Mutter und Sohn flüsterten beide noch miteinander, dann huschte letzterer wieder in den dunkeln Wald hinaus dem Schlosse zu.

Nichts regte sich hier. Leise wie ein Mäuslein schlich der Koch in die Küche, wo es bald nach einem absonderlichen Kräutersüpplein roch.


»Heut’ mundet mein Süpplein sonderlich,« dachte Marinka, als sie ihren Morgenimbiß verzehrte; »Hanko wollte mir sicherlich einen Beweis seiner Kochkunst geben.«

Gleich danach ging Marinka zu ihren Eltern, um ihnen, wie sie das gewöhnt war, ihren Morgengruß zu entbieten. Sie fand beide im Burggärtlein.

Doch plötzlich ward ihr so eigen, ihr war, als ob alle ihre Glieder zusammenschrumpften.

Entsetzt sprangen die Eltern herzu, als sie die unheimliche Veränderung im Aussehen ihrer schönen Tochter gewahrten, die plötzlich nichts Menschenähnliches mehr in ihrer Gestalt hatte.

»Marinka, wo bist du?« schrie die unglückliche Mutter auf, als sie statt der Tochter einen hohen Busch Rittersporn umklammert hielt.

Ja, auch der Graf ward kreidebleich vor Schrecken, als er das Unfaßliche sah. Dort, wo seine Tochter gestanden, mitten im Wege, stand festgewurzelt urplötzlich der über und über mit den zierlichen blauen Blumen bedeckte Busch.

Er rieb sich die Augen, fühlte die Blätter an, rief angstvoll den Namen seiner Tochter, es half nichts: er und seine Gemahlin mußten sich mit der unfaßbaren Tatsache vertraut machen, daß Marinka einem unheilvollen Zauber verfallen und in jenen Rittersporn verwandelt war.

Wer aber konnte das Schreckliche vermocht haben? Die gebeugten Eltern legten sich verzweifelt diese Frage vor. Einen Augenblick dachten sie wohl an die alte Ute; doch sie verwarfen diesen Gedanken gleich wieder, denn solche Zauberkräfte standen ihr unmöglich zu Gebote, sonst – meinten sie – würde sie doch längst den Höcker ihres Sohnes weggezaubert haben. Hankos offenbares Erstaunen über den »Rittersporn«, zu dem man ihn führte, bestärkte das gräfliche Paar in dieser Ansicht.

Freilich konnte Hanko erstaunt sein, denn seine Mutter hatte ihm nicht gesagt, welcher Art die Wirkung des Kräutersüppleins sein würde. Er hatte nur irgendeine Verunstaltung der »wilden Marinka«, etwa durch einen Höcker oder dergleichen, erwartet. Diese gänzliche Verzauberung kam ihm selbst überraschend. Nicht etwa, daß er Marinka bedauert hätte, doch das böse Gewissen schaffte ihm Unruhe.

Die drei Freier verließen nach diesem, allen unerklärlichen Ereignis das Schloß, in das nun eine fast unheimliche Stille einzog. Die Gräfin saß fast den ganzen Tag bei dem Rittersporn, der mit größter Sorgfalt gepflegt ward, damit er nicht etwa eingehen möchte. Dieser aber, oder vielmehr die verzauberte Marinka, merkte mit Verzweiflung ihre Hilflosigkeit und der Eltern Schmerz, denn sie sagte sich, daß sie durch ihr wildes Wesen wohl alles verschuldet habe.

O, wie gern hätte sie jetzt gesponnen oder genäht, wie gern in der Kemenate der Mutter gesessen! Aber es war zu spät.


Auf Burg Eulenstein saß Graf Eitel von Eulenstein in eifrigem Gespräch mit einem jungen Verwandten, dem er immer wieder von den Ereignissen auf Schloß Wolfenstein und von der »wilden Marinka« erzählen mußte, bis Graf Eitel lachte: »Schade, daß der wilden Gräfin nun kein Freier mehr nützen kann, sonst könnte der edle Junker Albrecht von Löwensprung gleich seinem Ohm als Bewerber um die Hand der Schönen gen Wolfenstein ziehen.«

»Das will ich auch, Ohm!«

Der Eulensteiner lachte, daß es dröhnte.

»Du willst auf dem Wolfenstein um einen Strauch Rittersporn werben? Das kannst du bequemer haben: Drunten im Burggärtlein muß auch irgendwo solch’ blaues Zeug stehen; – vielleicht ist’s gar eine verwunschene Prinzessin. Geh’ flugs und wirb um sie.«

»Laßt den Spott, Ohm. Mir träumte diese Nacht, ich hätte die ›wilde Marinka‹ erlöst. Ich will versuchen, ob ich nicht ein Mittel erfahre, solchen Traum zur Wirklichkeit zu machen.«

Sprachlos vor Erstaunen musterte der Graf das edle Jünglingsantlitz, das ihn so offen anblickte.

»Meiner Treu’, von größerer Torheit hörte ich nimmer,« brummte der Eulensteiner dann.

Doch alles Abreden half nichts, Albrecht ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen. Der Ohm gab ihm noch alle gewünschte Auskunft und ließ ihn endlich ziehen.

Albrecht von Löwensprung war ein armer, verwaister Verwandter des Grafen, der ihn wie einen jüngeren Bruder hielt und im Grunde Freude an dessen kühnem Jugendmut hatte. Er geleitete Albrecht mit einigen Knappen eine Tagereise weit, dann begehrte der Jüngling, allein und in einfachstem Wams zu Fuß weiter zu wandern. So geschah es.

Viele Stunden war er gegangen. Die Sonne neigte sich schon zum Untergang, und Albrecht hoffte, noch vor Abend den Ausgang des Waldes und das Ziel seiner Wanderung zu erreichen. Seine Hoffnung, irgendwo eine Quelle zu entdecken, erfüllte sich nicht.

Die Vögel hüpften in den Zweigen, nach einem Plätzchen für die Nachtruhe suchend, und äugten neugierig hinab auf den einsamen Wanderer. Dieser rastete endlich, müde und durstig. Er hatte nur hin und wieder einige reife Erdbeeren gefunden.

Da, ganz dicht an seinem Platz entdeckte er etwas, das er noch nicht gesehen. An einem eigenartig gewachsenen Strauch gewahrte er eine einzelne Beere, die ihm durch ihr absonderliches Aussehen auffiel. So groß wie eine Kirsche, hing sie auch an langem Stiel wie solche, schillerte aber in allen Farben und war durchsichtig wie Glas. O, sie mußte saftig und durststillend sein!

Ehe Albrecht noch überlegte, was er tat, hatte er die Beere schon im Munde. Sie schmeckte köstlich; er fühlte sich merkwürdig erfrischt.

Da plötzlich saß dicht vor ihm auf dem nämlichen Strauch ein Rotkehlchen, das anmutig zwitscherte.

Doch was war das? Albrecht verstand aus diesem Vogelsang ja plötzlich Worte:


»Tirli – die Beere ›All’sverstund‹
Hast du, o Jüngling, funden!
Sie wächst nur alle hundert Jahr’
Und reift in wenig Stunden.
Tirli – tirli – Beer’ ›All’sverstund‹
Ist wertvoll ungemessen:
Verstehst nun jede Vogelsprach’,
Weil du die Beer’ gegessen.
Tirli – tirli –, tu’ niemand kund,
Und schweig’ von Beere ›All’sverstund‹.«



»Ei, mein Vöglein, ich danke dir,« lächelte Albrecht ganz beglückt. Vöglein nickte ihm zu und flog weiter.

Albrecht fühlte jetzt vor Freude weder Durst noch Ermüdung; er hätte nur gern wegen der Richtung Bescheid gewußt.

Da schimmerte Gemäuer durch das Grün. Vielleicht waren Menschen dort, die er fragen konnte.

Kaum hatte er einige Schritte in jener Richtung getan, als er dicht vor sich im Gestrüpp wieder ein Vöglein erblickte, das sein Liedlein sang. Auch jetzt verstand er Worte:


»Tiu – tri – tiu – dort im Walde, schau, schau,
Haust einsam im Hüttlein ein’ arglist’ge Frau.
Vor ihr und dem Sohne sei recht auf der Hut,
Und merk’, was Frau Ute und Hanko wohl tut.«



Das Vöglein wer längst davongeflogen. Albrecht war überzeugt, daß es jene Hütte gemeint hatte, der er nun ziemlich nahe war. Seine Neugierde war erwacht.

Vorsichtig näherte er sich. Da gewahrte er draußen neben der niedrigen Tür in engem Käfig einen Raben. »Krah – krah –« rief der, als wolle er den Junker rufen. »Warum soll ich nicht hingehen?« dachte dieser. »Vielleicht erzählt mir der Schwarzrock auch wichtige Dinge.«

Und richtig: kaum war Junker Albrecht nahe genug, als der Gefangene rief:


»Frau Ute, die Hexe, ist waldwärts gangen
Und ließ mich ohn’ Futter hier draußen hangen;
Sie sperrt’ mich zur Kurzweil ins Bauer eng,
Darin ich mit Kummer der Freiheit denk’.
Zur Strafe für früheres Stehlen und Lungern
Läßt oft sie mich jämmerlich darben und hungern.

     Krah – krah – krah – krah –
     Komm schnell ganz nah,
     Mach’ auf mein’ Tür –
     Ich lohn’ es dir.«



Albrecht tat, wie der Rabe bat. Der flog nun schnell von der Hütte fort, bis dahin, wo der Wald sich lichtete, aber dichtes Unterholz Deckung bot. Der Junker folgte eilends. Da begann der Rabe wieder:


»Hexenbrut
Ist Frau Ut’
Und ihr Sohn –
Kennst ihn schon?«



Albrecht verneinte. Darauf schnarrte der Rabe noch eifriger:


»Hat Höcker im Rücken
Und sitzt voller Tücken.
Ist just nicht gar groß,
Doch dient er im Schloß;
Führt’s Kochregiment.
Brät, kocht, bäckt ohn’ End’:
– Mit schneeweißen Schürzen –
Manch’ Braten mit Würzen,
Geflügel und Suppen,
Auch Karpfen mit Schuppen,

Gemüs’ und Rouladen,
Pasteten und Fladen.
Der Hanko versteht’s,
Denn trefflich gerät’s.«



Der schwarze Gesell flatterte erregt mit den Flügeln, hüpfte auf einen anderen Zweig und krächzte dann gallig:


»Frau Ute, die geizige Hex’, kann wohl lachen,
Schleckt oftmals ganz heimlich gar leckere Sachen.
Die gibt ihr der Koch;
Das merk’ ich ja doch.
Ich Schwarzrock rab – rab –
Krieg’ nie etwas ab,
Trotzdem sie versprochen
Mir lang’ einen Knochen.«



»Armer Pracher im Federkleid,« lächelte der Junker. »Wart’ nur, wenn ich erst ins Schloß komme, will ich für dich sorgen. Sollst an meinem Fenster stets einen Knochen finden, wenn Frau Ute dich nicht wieder einfängt.«


»Schwarz ist Nacht und mein Gefieder –
Sieht bei Tag mich nimmer wieder.
Soll mich niemals wieder fangen
Und ins enge Bauer hangen.
Willst ins Schloß, beeil’ den Schritt;
Rab’, – krah – krah – verrät dich nit.«



lautete die Antwort des Schwarzen, der jetzt höher hinauf hüpfte, gleich aber wieder von seinem hohen Posten zu Albrecht hinflog und ängstlich mit den Flügeln schlagend mahnte:


»Schnell buck’ dich
Und duck’ dich
In Eile, – krah – krah –!
Die Fraue,
Die schlaue
Hex’ Ute ist nah.«



Albrecht tat, wie der Vogel riet, und konnte eben noch im Zwielicht die Alte erkennen, die in einiger Entfernung zwischen den Bäumen daherkommend ihrer Hütte zuschritt.

Kaum war sie den Blicken der beiden Beobachter entschwunden, als der Rabe trieb:


»Nun schnelle von dannen –
Vorbei an den Tannen,
Krah – krah bis zum Steg –
Dort siehst du den Weg.«



Noch ein Stück flog der Rabe mit, bis er krächzte:


»Schreite weiter diesen Pfad,
Kommst zum Schlosse sonst zu spat,
Flieht sonst letzter Tagesschimmer; –
Brauchst mich Schwarzgesellen nimmer.«



Wirklich war es inzwischen ziemlich dunkel geworden, so daß Albrecht schnell von seinem gefiederten Führer schied. Er überlegte, als er so dahinschritt, auf welche Art er sich wohl am besten im Schloß einführen könnte, da er sich nicht gleich als Verwandten des Grafen zu erkennen geben mochte. Auch glaubte er klüger zu handeln, wenn er zunächst den Zweck seiner Reise verschwieg, denn nach allem, was er durch den Ohm sowohl im allgemeinen als auch durch die Vögel vorhin im besonderen erfahren hatte, traute er weder dem Koch noch der alten Ute viel Gutes zu.

Nun hatte er das Schloß erreicht. Es war ein stattlicher Bau, aus dessen Tor eben zwei Jünglinge traten, die in erregtem Gespräch begriffen den Nahenden nicht gewahrten.

»Mich hat der böse Hanko gestäupt, weil ich vergaß, das Fleisch am Spieß zu drehen!«, rief der eine der Jünglinge erregt, während der andere ihm entgegnete: »Und mich ließ er gar fasten, weil ich das Feuer zu arg geschürt, daß die Supp’ überkochte. Da war es doch besser, wenn die wilde Marinka schalt oder uns gar das Essen vor die Füße warf. Die war dabei wenigstens nicht so schlimm anzuschauen wie der Koch, vor dem man sich schier fürchten könnt’, wenn er so wütend die Augen rollt.«

Jetzt sahen sie Albrecht, der ihre Worte gehört hatte und auf seine Frage nun erfuhr, daß beide bisher Küchenjungen im Schloß waren und eben aus dem Dienst liefen.

»Der Hanko mag sehen, wo er Ersatz herbekommt, oder fortan allein kochen,« lachten sie schadenfroh.

Albrecht ließ sie ziehen. Ihm war die Begegnung wie eine Schicksalsfügung, denn er wußte jetzt genau, wie er handeln wollte.

Auf dem Hofe begegnete ihm ein Knappe, den er kurzweg fragte, ob man in der Burg einen Gehilfen für die Küche brauche. »Ei freilich,« lachte der, »das trifft sich gar gut.«


Nun war Albrecht schon bald zwei Wochen im Schlosse als Gehilfe für die Küche angestellt. Hanko fand zwar, daß er noch sehr unbeholfen sei, trotzdem er älter war, als sonst seine Gehilfen zu sein pflegten. Auch hatte er so eine eigene Art, die dem Koch fast ein Gefühl der Scheu einflößte und ihn bisher hinderte, den Gehilfen schlecht zu behandeln.

Dieser machte sich gern an dem verzauberten Rittersporn zu schaffen, den er verstohlen immer mit wachsamen Augen betrachtete, mit dem er heimlich flüsterte.

Der Knappe Gunzo, derselbe, den er zuerst im Schloß getroffen, erzählte ihm oft von Marinka und dem Tage ihrer Verzauberung.

Gerade ein Monat war seit jenem Schreckenstag vergangen. Albrecht war, wie er dies schon öfter getan, früh mit Tagesanbruch ins Burggärtlein geschlichen, um nach dem Rittersporn zu sehen, der noch über und über blühte und der jetzt zum Schutze von einem Gitter umgeben war. Er hatte den Strauch kaum erreicht, als er an diesem eine auffallende Veränderung gewahrte, und urplötzlich stand statt des Rittersporns eine schöne Jungfrau im Gitter.

»Bin ich es denn? Wich der Zauber so plötzlich? O Wonne! O, wie will ich nun eine andere werden! Aber wer hilft mir aus dem Gitter, daß ich zu den Eltern eilen kann!«

Bei diesen Worten der vom Zauber befreiten Marinka sprang Albrecht herzu und half mit starkem Arm der Jungfrau aus dem Gitter heraus.

Das war nun ein Jubel im Schloß über die vermeintliche Erlösung der jungen Gräfin. Es wußte ja niemand außer der Hexe Ute und ihrem Sohn, daß es nur der eine Tag im Monat war, an dem nach Ausspruch der ersteren der Zauber weichen sollte.

Immer wieder mußte Albrecht erzählen, wie die Entzauberung von ihm entdeckt wurde. Alle waren heute besonders freundlich zu ihm; Graf und Gräfin und ihre schöne Tochter hatten ihm herzlich gedankt, weil er das Wunder der plötzlichen Entzauberung zuerst entdeckt und der Jungfrau so schnell aus dem engen Gitter geholfen hatte.

Nur Hanko blickte den Jüngling heute mißtrauisch und finster an. Was führte der Kochgehilfe im Schilde? Warum war er schon so früh zu dem verzauberten Rittersporn gegangen?

Hanko fühlte sich durch dies alles beunruhigt. Er beschloß, auf der Hut zu sein. Seine Laune ward auch nicht besser, als er nun mit dem Gesinde bei einem extra guten Mahl saß.

Albrecht mußte alles herzutragen, wobei Hanko sich von ihm bedienen ließ. Er glaubte, Albrecht damit zu ärgern, doch dieser schien das gar nicht zu merken, sondern war guter Dinge.

Als Gunzo nun seinen Becher auf das Wohl der schönen Marinka leerte, tat Albrecht das gleiche und sprach: »Fürwahr, schön ist die junge Gräfin. Ihr Wuchs ist so schlank wie der einer Tanne, ihre Augen glänzen schöner als Diamanten, ihr Mund rötet sich lieblicher als Rubinen –«

»Und der deine ist schwatzhafter als der einer Elster,« fiel ihm Hanko höhnisch ins Wort. »Wie darfst du, ein armseliger Küchengehilfe, dich unterfangen, von einer Grafentochter also zu reden, als ob du ihresgleichen wärst?«

»Und wenn ich’s wäre,« brauste Albrecht jetzt auf, »was ginge es dich an?«

»Willst du dich noch gar wie ein Pfau blähen?« lautete Hankos giftige Gegenrede.

»Laß deine bösen Reden, Hanko,« unterbrach da Gunzo den Koch; »die sind nicht so kurzweilig als die deines Küchengehilfen. Soll er dir vielleicht auch davonlaufen wie deine Küchenjungen?«

»Mag er,« zischte Hanko, doch mehr konnte er nicht sagen, denn kreidebleich kam ein Diener angestürzt, der atemlos meldete, daß Marinka plötzlich wieder in einen Rittersporn verwandelt sei.

Albrecht hörte es mit Entsetzen, während Hanko scheu um sich blickte, was dem nunmehrigen Küchengehilfen nicht entging.

Droben im Saal aber, wo Marinka eben noch glücklich bei ihren Eltern gesessen und ihnen Besserung gelobt hatte, lag wirklich ein Busch Rittersporn.

Um ihn nicht welken zu lassen, blieb nichts übrig, als ihn sofort wieder im Burggärtlein in das Erdreich zu setzen, doch diesmal ohne Gitter. Dafür sollte er nun Tag und Nacht bewacht werden.


Albrecht war jetzt fester als je davon überzeugt, daß die Hexe Ute und Hanko an dem Zauber schuld seien, daß er auch den Koch noch stärker beobachten müsse als bisher. Aber wie sollte er erfahren, was er tun mußte, um die Verzauberte zu erlösen? Wohl war die alte Ute schon öfter heimlich gekommen, vermutlich, um sich allerlei gute Leckerbissen von Hanko zustecken zu lassen; doch so aufmerksam Albrecht auch gelauscht, nie hatte er aus beider Gesprächen etwas Auffälliges vernommen. Den Raben vermochte er nirgends zu entdecken, so oft er ihm auch die versprochenen Knochen in sein Kammerfenster legte.

»Aber was sollte der schwarze Vogel denn auch noch erzählen?« dachte Albrecht. »Er hat sicherlich ausgeplaudert, was er wußte. Auch wird er längst weit, weit fort sein.«

Albrecht war nach solchen Erwägungen am Abend des ereignisreichen Tages recht niedergeschlagen und ratlos, zumal er merkte, daß Hanko ihm nunmehr feindlich gesinnt war. Sicherlich würde dieser nun noch vorsichtiger sein. Er hatte sich mit finsteren Blicken sogleich zur Ruhe begeben, dem Küchengehilfen befehlend, für Ordnung in der Küche zu sorgen.

Die flinken Mägde halfen Albrecht gern, und so konnte denn auch dieser bald sein in entlegenem Turm befindliches Kämmerlein aufsuchen.

An Schlaf mochte er noch nicht denken, da so viele Gedanken auf ihn einstürmten, er auch in Unruhe war, die alte Ute könne gerade an diesem Abend wieder mit Hanko zusammentreffen. Vielleicht hatte der Koch sich nur zum Schein so müde gestellt.

Eben legte Albrecht wieder einen Knochen in sein Fensterlein, dabei in den Abend hinausblickend, als er Flügelschlag vernahm und gleich darauf einen Freudenruf ausstieß, denn vor ihm auf dem Fenstersims saß der Rabe. Er pickte ein paarmal eifrig an dem Knochen, als ob er nur darum gekommen sei, dann schnarrte er:


»Frau Ute hat den Fuß verstaucht,
Heut’ niemand sie zu fürchten braucht.

Denn Hex’ muß fein im Hüttlein bleiben;
Brauchst drum den Schlaf nicht zu vertreiben.
Auch Hanko läuft heut’ kaum zu ihr –
Ich sah, er schläft wie ’n Murmeltier.«



Freudig erstaunt hörte Albrecht diese Mitteilung an, dann antwortete er lächelnd: »Mir scheint, du bist der Weiseste unter deinesgleichen, denn du weißt mehr, als ein gewöhnlicher Rabe sonst wissen dürfte. Vielleicht ist dir auch bekannt, daß ich schon oft vergeblich nach dir ausschaute?«

»Konnte mehr dir noch nicht sagen,
Hätt’ sonst Botschaft dir getragen!«

ließ sich der Rabe hierauf wieder vernehmen, nachdem er sich nochmals an dem Knochen gütlich getan hatte. Dann wandte er sich abermals zu Albrecht, ihn schlau anäugend:


»Heut’ war ich im Gärtlein drunt’
Schon zu früher Morgenstund’.
Hatte dort so meine Schliche:
Wollte seh’n, wenn Zauber wiche.
Sah auch dich, mein Junkerlein,
Dann die Jungfrau schön und fein,
Die Hex’ Utes Zauber traf,
Als des wilden Wesens Straf’.«



»Das wußtest du und sagtest es nicht früher?« Der Rabe nickte bedächtig, tat ein paar derbe Schnabelhiebe auf den Knochen und antwortete dann dem Fragenden:


»Hast mich eifrig nicht befragt,
Hätt’ vielleicht sonst mehr gesagt,
Oder – mich gehüllt in Schweigen.
Schwatzhaft soll man nie sich zeigen!
Meine Freiheit dank ich dir,
Drum erfährst du mehr von mir!«



»Wie gut von dir, lieber Rabe,« lobte Albrecht den Schwarzgesellen. »Bitte, erzähle mir, was du weißt und wie es kommt, daß die schöne Marinka wieder dem Zauber verfallen konnte, nachdem er so plötzlich von ihr gewichen war?«

Der schwarze Erzähler steckte einen Augenblick den Kopf in die Federn, als ob er nachdenke, dann erfolgte die Antwort:


»›Einen Tag im Monat sei
Sie den Zaubers ledig, frei!‹
Hab’s gehört, wie Ut’ es rief,
– Tat nur so, als ob ich schlief’, –
Bis mich Hanko unsanft weckte,
Schadenfroh mich Armen neckte.
Gönnt’ auch ihm ein Kräutersüpplein,
Wie er’s gab dem Grafenpüpplein,
Das solch Süpplein hat gegessen;
Doch dies gänzlich mußt’ vergessen,
Daß der Täter straflos wäre –«



»Ist das wahr?« forschte Albrecht erregt, und der Rabe antwortete wichtig:


»Hab’s erlauscht, ›auf Rabenehre‹,
Wie’s geflüstert hat Frau Ut’,
Doch ich Schwarzrock hör’ gar gut!«



Der Vogel machte eine Pause, dann probierte er seine Schwingen, drehte den Kopf nochmals zu Albrecht und krächzte:


»Morgen ha’n wir Vollmondschein,
Geh’ da früh ins Kämmerlein.
Auf dein Lager gleich dich strecke;
Hab’ ich Botschaft, ich dich wecke.«



Fort war der Rabe, ehe Albrecht sich dessen versah. Hätte er auch noch viel fragen mögen, so vertraute er jetzt seinem kleinen Helfer und war überzeugt, daß er durch ihn mit der Zeit alles Wichtige erfahren werde.

Am nächsten Abend tat er, wie der Rabe ihm geraten, und lag bald in sanfter Ruhe. So mochten einige Stunden vergangen sein, als ein Vogelschnabel an sein Fenster pochte und eine Albrecht wohlbekannte Vogelstimme rief:


»Krah – krah – krah!
Rab’ ist da –
Poch – poch – poch,
Schläfst du noch?«



Der Gerufene wischte den Schlaf aus den Augen und sprang schnell zum Fenster. Erfreut streichelte er das schwarze Gefieder seines Getreuen, indem er flüsterte: »Hab’ Dank, du unermüdlicher Gesell; ich tue gern, was du mir rätst.«

Der Rabe drängte:


»Waldauf, waldab
Flog Rab’, rab – rab –
Daß er dir sag’,
Was frommen mag:
Frau Ut’ schleicht leis –
– Es niemand weiß –
Jetzt durch den Wald
Zum Söhnlein bald.
Am Runenstein
Sie wartet sein!
Noch ist es Zeit,
Ich geb’s Geleit.
Beeil’ den Lauf –
– Eh’ Mond geht auf –
Daß wir geschwind
Die ersten sind.«



Das Ziel ihres Weges war nicht weit vom Schloß, doch ganz abseits gelegen, so daß nicht leicht jemand dorthin kam. Woher der Rabe wußte, daß Ute und Hanko dort sich treffen würden, wollte Albrecht erfahren, doch sein Begleiter antwortete nur:


»Wir Vögel Frag’ und Antwort tauschen
Von wicht’gem Ding, das wir erlauschen.«



Ein dichtes Haselgebüsch verbarg beide jedem Blick, so daß selbst Hexenaugen die Lauscher kaum entdecken konnten.

Nicht lange brauchten diese zu warten, so humpelte die Hexe heran, und bald danach erschien auch der Koch. Beide ließen sich am Runenstein, einem uralten Felsblock, nieder, wo die Lauscher jedes Wort vernehmen konnten. Sie sprachen natürlich sogleich von Marinka und ihrer kurzen Entzauberung, welches Gespräch die Alte öfters durch ihr höhnisches »Hi–hi–hi« unterbrach, während Hankos Lachen »Hä–hä–hä« dazwischen hörbar ward.

Eben erzählte letzterer von seinem Wortwechsel mit Albrecht, und wie der gerade bei der Entzauberung des Rittersporn zugegen gewesen sei. »Kannst du ihn nicht aus dem Wege schaffen, Mutter?« schloß er seinen Bericht. Doch die Alte antwortete listig:


»Hab’s längst gemerkt, daß du ihn hassest
Und wissen möcht’st, wie du ihn fassest.
Ich weiß es wohl in ein’gen Wochen –
Solang’ Geduld. – Ich hab’s versprochen,
Daß ich bis dann ein Mittel finde,
Wie ich auch ihn mit Zauber binde.«



»Hä–hä–hä!« lachte Hanko böse, »nach ihm wird niemand fragen, oder die schöne Marinka müßte es tun, wenn ihr Befreier bei ihrer nächsten Entzauberung fehlt. Weißt du, ich hoff’, die Marinka wird nie erlöst; sie mag nur ein Rittersporn bleiben und meinetwegen auch im Winter blühen. Vielleicht gibt’s auch nicht einmal ein Mittel, das sie befreien könnte.«

Die Alte wiegte den Kopf, dann fuchtelte sie mit ihren knochigen Fingern in der Luft herum und antwortete schadenfroh:


»Ein Mittel gäb’s, doch ist er gut,
Daß es nur kennt die alte Ut’.«



»Sag’s mir’s doch auch,« drängte Hanko, »hätte meinen Spaß daran.« Da hub die Hexe also an:


»Was man braucht, es niemand weiß,
Höre zu, – ich sag’ dir’s leis:
Nur drei Blumen Rittersporn,
Und drei Stielchen Rosendorn,
Holderbeer’n und Eibenwurz,
Drei Kamill’n und drei Nasturz.
Dann drei Veilchenblätter grün,
Drei Ranunkeln, die nicht blüh’n.
Auch drei gelbe Arnika –
Dies gepflückt, wenn’s niemand sah,
Just bei hellem Vollmondschein –
So würd’ Zauber wirksam sein.
Dann müßt’ man zum Kochen schnell
Wasser hol’n vom Waldesquell –
Alles darin sorgsam brühen –
Mit dem Sud zum Strauche ziehen,
Diesen damit gießen an –
So wär’s Rettungswerk getan,
Hi–hi–hi, wohl niemand kommt
Darauf, was zur Rettung frommt.«



Albrecht mußte alle Willenskraft zusammennehmen, um sich nicht durch einen Freudenschrei zu verraten. Endlos schien es ihm, bis die beiden unheimlichen Gestalten sich entfernt hatten; denn was sie noch weiter zu besprechen hatte, interessierte den Junker nun nicht mehr, da er das Wichtigste wußte.

Er sah endlich die Hexe heimwärts trotten und ebenso Hanko zum Schlosse zurückschleichen.

Als keinerlei Entdeckungsgefahr mehr drohte, rief Albrecht: »O, lieber Rabe, wie froh bin ich und wie danke ich dir, daß du mich hierher geführt hast! Hilf mir nun auch die Kräuter finden und den Waldquell, damit ich die heutige Vollmondnacht zu meinem Rettungswerk ausnutzen kann.«


»Daß du mich Schwarzrock hast befreit,
Hast du gewiß noch nicht bereut.«



schnarrte der Vogel selbstzufrieden und setzte dann pfiffig hinzu:


»Die alte Hex’ gar giftig war,
Als mein Entrinnen ihr ward klar –
Krah, krah, wie würd’s uns übel gehn,
Hätt’ sie uns beide jetzt gesehn!
Nun hurtig, komm’ in tiefen Wald;
Was du bedarfst, zeig’ ich dir bald –
Vergessen haben wir kein Stippchen –
Hex’ Ut’ – wir schlagen dir ein Schnippchen.«



Lautlos wie Schatten glitten der Junker und der Rabe dann durch den Wald dahin, bis alles Nötige gefunden war.

Doch nun schien guter Rat teuer, denn worin sollten sie das Quellwasser schöpfen? Weder Albrechts Mütze noch seine Schuhe erwiesen sich als dazu geeignet.

Da fiel sein Blick auf ein ausgehöhltes Stück eines Baumastes, der vom Sturm abgebrochen vor ihm lag. Mit geschickter Hand und großer Kraft brach er das Stück so ab, daß der Stumpf ein Gefäß mit festem Boden bildete, das gleich einem Kruge das Wasser in sich aufnahm.

Im Schloß war alles dunkel und still, als Albrecht mit seinem kostbaren Gepäck dort anlangte. Alles hatte er im Walde gefunden, nur die drei Blumen vom Rittersporn nicht. Er mußte sie vom verzauberten Busch holen.

Aber wie an den Wächtern vorbei gelangen? Doch der Rabe, der nicht von Albrecht gewichen war, wußte Rat:


»In’s Gärtlein flieg’ ich leis, rab – rab,
Pflück’ ungesehn drei Blumen ab,«



und fort war er, ehe Albrecht noch etwas entgegnen konnte. Rasch war er wieder zurück, drei Blumen Rittersporn im Schnabel tragend, die er Albrecht gab, wobei er wohlgefällig schnarrte:


»Die Wächter waren eingenickt;
Hätt’ ungestraft noch mehr gepflückt.«



Ohne Säumen flog er dann nochmals fort und kam sogleich mit der Botschaft zurück:


»Der Hanko schläft, bleibst ungestört,
Drum schnell an’s Werk, dich niemand hört.«



Weiteren Dank nicht abwartend, hatte der treue Gehilfe sich schon davongemacht, so daß Albrecht flugs in die Küche schlich, wo er, wie es Hanko vor Wochen getan, heimlich seine Kräuter und Blumen kochte, bis es ebenfalls ganz appetitlich duftete.

Nun war das Werk getan. Er goß die Flüssigkeit wieder in seinen Astkrug und schritt leise ins Burggärtlein. Dort waren die beiden schlaftrunkenen Wächter eben erwacht. Der eine, der Knappe Gunzo, fragte den Nahenden befremdet: »Was schaffest du zur Nachtzeit im Burggärtlein?« Doch der andere Wächter wollte Albrecht einfach festhalten. Da schrie er auf und schlug wütend um sich, denn ein Rabe hatte ihn ins Ohr gebissen. Woher der so plötzlich gekommen, ahnte der Gebissene nicht. Er lief dem Uebeltäter, der längst entschlüpft war, suchend nach, während Gunzo erstaunt sah, wie Albrecht, den günstigen Augenblick benutzend, den Inhalt seines sonderbaren Gefäßes auf den Rittersporn goß.

Im nächsten Augenblick stand die erlöste Marinka vor den sprachlosen Männern. Sie reichte Albrecht die Hand, während sie sprach: »Du hast mich erlöst; ich kenne dich wieder. O, wie danke ich dir!« Sie war so mädchenhaft holdselig und sittsam, wie auch Gunzo das Grafenkind nie gekannt hatte.

Albrecht und die beiden Wächter geleiteten die erlöste Jungfrau sogleich zu den überglücklichen Eltern, wo die Grafentochter und Gunzo bezeugten, daß Albrecht die wilde Marinka erlöst habe.

Der Junker wollte in seinem edlen Herzen der Rache nicht Raum geben und über die Urheber des Zaubers schweigen.

Doch Hanko verriet sich selbst durch die Wut, mit der er von den Ereignissen erfuhr und mit der er sich auf Albrecht stürzen wollte.

Der Graf schöpfte nun Verdacht und drängte Albrecht, ihm alles zu enthüllen, was dieser denn auch tat. Der Graf, der fürchtete, daß Ute und Hanko nun erst recht Rache üben könnten, ließ beide ins Gefängnis werfen, wo sie über ihre Schandtaten nachdenken konnten.

Es kam nun eine glückliche Zeit für die Schloßbewohner. Albrecht mußte mit an der Tafel sitzen, und ein neuer Koch ward angestellt. Der Graf und die Gräfin waren glücklich, ihr Kind befreit und so zum Vorteil verändert wieder zu haben. Kein böses Wort, kein Tellerwerfen, kein wildes Reiten mehr! Alles war günstig verändert, und Albrecht fest entschlossen, um das Grafenkind zu werben.

Er tat es, als bald darauf ein großes Freudenfest gefeiert wurde, zu dem auch Graf Eitel von Eulenstein sowie der Dirksberger und der Weichselburger geladen waren.

Bisher hatte Albrecht noch als einfacher Kochgehilfe ergolten.

Wer beschreibt nun das frohe Erstaunen, als der Graf von Eulenstein ihn als Verwandten begrüßte und alle erfuhren, daß Marinkas Befreier ein Junker Albrecht von Löwensprung sei. »Und wär’ er auch nur ein Kochgehilfe gewesen, so hätte ich ihm zum Dank meine Tochter gegeben,« sprach der Graf von Wolfenstein. »Doch nun ist er mir als Eidam doppelt willkommen.«

Der Eulensteiner freute sich herzlich über das Glück seines jungen Verwandten, der nun, wie er zugeben mußte, keine Torheit durch seine Werbung beging.

Marinka nähte, stickte und spann nun gern. Daß ihr am linken Fuß die kleine Zehe fehlte, tat dieser Tätigkeit keinen Abbruch. Es kam durch das Abpflücken der drei Blumen Rittersporn zum Erlösungswerk; es blieb ihr das stets eine Mahnung, daß sie nie jener Prüfungszeit vergessen konnte.

Daß der Rabe fortan immer die leckersten Knochen und sonstigen Lieblingsfutter bekam, so oft er sich in der Nähe des Schlosses blicken ließ, ist selbstverständlich. Er stolzierte dort gern auf und ab und schnarrte dann vergnüglich:


»Krah – krah – rab – rab – ich Schwarzgesell’
Krächz’ heut’ – krah – krah – gar froh und hell.
Auf Rabenehr’! es freut mich baß,
Daß ich erlebte solchen Spaß –
Fürch’t jetzo nimmermehr Hex’ Ut’. –
Dem jungen Paar geh’s immer gut.
Und kommt Marinka mal in Zorn –
Denk’ schnell sie an den Rittersporn!«




Was Hannchen im Walde erlebte.

Hannchen, das Kind einer armen Witwe, mußte eines Tages einen Botengang in das Nachbardorf tun.

Das Osterfest war nahe, darum beeilten sich Baum und Strauch, ihre grünen Knospen zu entfalten, dazu zwitscherten die Vögel muntere Frühlingslieder.

Hannchen beachtete all dieses Frühlingsweben, denn sie war ein aufgewecktes Kind, das viel Sinn für Gottes schöne Natur hatte. Als sie den Wald erreichte, galt es, auf den Weg zu achten. Eilig schritt sie weiter.

Da hämmerte der Specht in einer Buche und rief dazu:

»Käferlein, Larven, kommt schnell heraus!
Möchte euch haben zum Osterschmaus!«

Doch Hannchen mußte weiter. Aber siehe da: In einem Haselbusch hüpfte ein Fink, der mit drollig schnarrendem R vergnüglich zwitscherte:


»Trief, trief, trief,
Lenz lang schlief,
Doch jetzt holleria –
Preis ihm! Er ist da!«



Hannchen zog ihr Vesperbrot hervor und streute dem Vöglein Bröckchen hin, ehe sie weiter ging.

Nicht lange, so erblickte sie eine reizende Blaumeise, der sie ebenfalls im Vorbeigehen einige Krümchen hinwarf. Meislein hüpfte zutraulich näher, dabei zwitschernd:


»Hab’ Dank, liebes Kind;
Jetzt duck’ dich geschwind!«



Was sollte das bedeuten? Aber gehorsam folgte sie Meisleins Weisung.

Wie Hannchen nun vorsichtig durch das Unterholz spähte, was erblickte sie da? Ein wunderhübscher Hase kam eilig durch den Wald daher, aber nicht auf allen Vieren, sondern gar zierlich auf den Hinterläufen. Auf dem Rücken trug er einen Rucksack. Schon wollte Häslein an dem Gebiet der Meise vorbeieilen, als diese den seltsamen Schnelläufer mit aller Kraft ihrer Vogelkehle anrief, so daß sich folgendes Zwiegespräch entspann:


Meise: »Du gehst auf die Reise?«
Hase: »Ei freilich, Frau Meise.«
Meise: »Willst weit du noch heute?«
Hase: »Besuch’ viele Leute.«
Meise: »Was trägst du im Bündel?«
Hase: »Manch’ Ei für die Kindel.«



Häslein schob bei diesen Worten die Hülle auseinander, um der Fragenden den Inhalt zu zeigen. Hannchen machte bei dieser Gelegenheit natürlich einen noch längeren Hals als die neugierige Meise, um alles recht deutlich sehen zu können. Da leuchteten ihr dann die bunten Eier in allen Farben des Regenbogens entgegen.

So etwas Schönes hatte Hannchen noch nie gesehen, denn daheim hatte sie zu Ostern kaum einmal ein weißes Hühnerei gefunden. »Ei, wie wunderschön!« jauchzte sie daher in begreiflichem Entzücken.

Häslein hüpfte erschrocken hinter den nächsten Baum und äugte verstohlen durch das Gestrüpp.

Aber Hannchen erschrak nicht minder über ihren unbedachten Ausruf. Doch jetzt galt es, Mut zu fassen.

»Ich tue dir kein Leid, lieber Osterhase!« rief sie leise. Da ließ der gute Kinderfreund schnell eine Anzahl der bunten Eier aus seinem Rucksack in das Moos rollen, deutete mit dem Pfötlein darauf hin und rief im Davonhüpfen:


»Die Eierlein
Sind alle dein;
Mein Angebind’
Für’s brave Kind!«



Hannchen konnte es kaum fassen, daß die herrlichen Eier für sie sein sollten. Und das Schönste war dabei, daß der Osterhase selbst sie ihr gespendet hatte, den einmal zu erblicken schon oft ihr Wunsch gewesen war. Ihre Dankesworte hörte Häslein wohl nicht mehr, denn es war nirgends zu erblicken. Auch Meislein wandte suchend das Köpfchen und zwitscherte:


»Ziziderie, ziziderie,
Osterhase nicht mehr hie!«



Hannchen barg vorsichtig die schönen Eier in ihrem Körbchen; sie mußte jetzt eilen, in das Nachbardorf zu kommen.

Auf dem Heimweg von ihrem Botengang dämmerte es schon, als sie wieder durch den Wald kam, doch sie fürchtete sich nicht, denn ihr war dort ja nur Gutes begegnet.

Da gewahrte sie ein früher nie bemerktes Hüttchen, fürchtete daher, sich verirrt zu haben. In der Hoffnung, dort jemanden nach dem rechten Wege fragen zu können, ging sie näher. Aber konnten denn Menschen darin wohnen? Sonderbarerweise schien das Hüttchen immer kleiner zu werden, je näher Hannchen kam.

Sie sah jetzt auch, daß es nur aus Birkenstämmen und Moos bestand und ein einziges winziges Fenster besaß. Im Hüttchen hockte auf dem Erdboden ein winziges Männlein mit langem grauen Bart. Inmitten zahlreicher Farbentöpfe hantierte es eifrig mit einem großen Pinsel. Gleichzeitig hörte die kleine Lauscherin seinen seltsamen Sang:


»Oster-Oster-Osterzeit,
Eierlein macht euch bereit!
Seid der Kinderlein Verlangen,
Sollt in bunten Farben prangen.
Osterzwerg hat viel zu tun;
Osterhas’ läßt ihn nicht ruh’n,
Kommt mit seinem Rucksack oft,
Weil er neue Füllung hofft,
Die er zu den Kleinen bringt.
Hei, jetzt kommt er! – Wie er springt!«



Und jetzt kam Osterhäslein mit leerem Rucksack angehüpft. Hannchen belauschte nun beider Zwiegespräch:


Hase: »Osterzwerg, bin wieder zur Stelle!«
Zwerg: »Sehe ich, du Wandergeselle.«
Hase: »Osterzwerg, siehst du hier leeren Rucksack?«
Zwerg: »Osterhas’, bist ein wirklicher Schlucksack,
          Quälst den Alten bis aufs Blut,
          Bis er dir den Willen tut.«



Fast hätte Hannchen sich wieder durch einen Ausruf des Entzückens verraten, als der gute Zwerg die schönsten Eier aus seinem Vorrat nahm und den Rucksack so voll packte, daß die Lauscherin fürchtete, der vierfüßige Kinderfreund möchte unterwegs einen Teil verlieren. Der rief eben noch:


»Hopp, hopp, hopp über Stock und Stein,
Dank, dank, dank, liebes Zwerglein mein!«



Hannchen stand noch einen Augenblick unschlüssig, was sie tun sollte. Der Zwerg tat ihr leid. Gern hätte sie ihm geholfen, aber dazu fühlte sie sich viel zu ungeschickt. Der kleine Farbenkünstler handhabte den Pinsel so geschickt, daß der förmlich zu tanzen schien. Der fleißige Osterzwerg erwies sich hier als Kinderfreund, also würde er ob ihres Eindringens gewiß nicht zürnen.

Schüchtern pochte sie an die kleine Tür, die sich von selbst öffnete. Der Zwerg schien über ihre Anwesenheit nicht böse zu sein, denn er winkte ihr freundlich, näher zu kommen. Sie grüßte den Kleinen ehrerbietig. Wie fleißig er doch ohne Aufhören schaffte; das Kind stand bewundernd. Dann faßte es sich ein Herz und bat: »Lieber Osterzwerg, sage mit doch den Weg nach meinem Dorf; ich muß mich verirrt haben, und Mutter ängstigt sich, wenn ich so spät heimkomme.«

Osterzwerg schob die Hornbrille hoch und antwortete:


»Kenne dich und kenn’ dein Haus;
Such’ dir nur ein Ei hier aus.«



Da zeigte Hannchen die vom Osterhasen erhaltenen Eier und erzählte, wie sie dazu gekommen war. Doch als der gute Zwerg seine Aufforderung wiederholte, suchte sie sich bescheiden das allerkleinste und in der Farbe unscheinbarste Ei aus.

Da nickte der Zwerg zufrieden lächelnd und riet:


»Leg’s nicht zum großen Hauf’;
Heb’s ganz besonders auf.«



Hannchen folgte gewissenhaft dieser Weisung, dankte auch dem Spender dieser Gabe herzlich.


»Bescheid’nes Kind
Nach Hause find’t,«



lautete Osterzwergs Antwort. Dann warf er ein leuchtend rotes Ei auf den Weg, wo es weiter rollte.


»Mein Eilein, springe munter,
Zu Hannchens Hütt’ hinunter!«



rief er dem flinken Dinge zu, dann zu Hannchen gewandt, rief er:


»Verlier’s nicht aus den Augen;
Zum Führer mag es taugen,
Das bunte Rund-Gesellchen;
Nun folge schnellchen, schnellchen!«



Hannchen konnte kaum dem guten Osterzwerg danken, denn das Ei rollte so hurtig weiter, daß sie laufen mußte, als ob sie das Osterhäslein selbst gewesen wäre, um das rote Ding nicht aus den Augen zu verlieren.

Ehe Hannchen wußte, wie es zuging, hatte sie mit ihrem seltsamen Führer die Hütte ihrer Mutter erreicht. Das Ei hüpfte sogleich über die Schwelle in das Stübchen hinein gerade vor die Füße von Hannchens Mutter, die eben von der Arbeit heimgekehrt war und es kaum wagte, das bunte Ding anzufassen.

Als Hannchen nun folgte und der Mutter ihre Erlebnisse berichtete und ihre Ostereier zeigte, da schlug die Frau die Hände über dem Kopf zusammen, immer rufend: »Hannchen, Hannchen, mein Lebtag hab’ ich so etwas nicht gehört!« Dann legte sie die zwei Eier ganz besonders sorgfältig fort und sagte: »Die zwei darfst du nimmer aufschlagen; die heben wir zum Andenken auf. Die andern magst du essen, sonst nimmt’s gar der Osterhas’ übel.«

Am anderen Morgen wurde Hannchen durch das Geläut der Osterglocken geweckt. Daher kleidete sie sich schnell an, um zur Kirche zu gehen. Die bunten Eier lagen vor ihr, so daß sie sich wieder daran erfreuen konnte.

Als aber die Mutter nochmals nach den beiden andern Eiern sah, da schrie sie vor Entzücken und Erstaunen auf, denn die Eier hatten sich in Gold verwandelt.

Nun brauchten Mutter und Kind keine Not mehr zu leiden. Sie taten aber beide viel Gutes, besonders alljährlich in der Osterzeit in dankbarem Gedenken an jenen Ostertag, der ihnen einst so viele Freude gebracht hatte.




Springmännchen und Goldfasan.

Es war einmal ein sehr weiser König, der zwei Söhne hatte. Der Aelteste, Prinz Balduin, war sehr mutig, hatte Freude an Ritterspielen, glänzenden Festen und Veranstaltungen; doch wurde er immer hochmütiger und prachtliebender.

Der jüngere Sohn, Prinz Immo, war sanft und still. Obwohl nicht minder tapfer als sein Bruder, sah er neidlos dessen Triumphe beim Turnier und festlichen Auszügen. Er selbst liebte das Waidwerk im grünen Walde mehr als das festliche Gedränge der Ritterspiele.

Wenn seines Vaters Untertanen ihm begegneten, nickte er ihnen freundlich zu. Die Leute verneigten sich tief vor ihm und sprachen zueinander: »Das ist unser guter Prinz Immo. Gott segne ihn.«

Sehr gern aber saß Immo im Kreise weiser Männer und ließ sich aus alten Pergamenten belehren, wodurch er seinem Vater eine besondere Freude bereitete.

Beide Königsöhne wollten auf Abenteuer ausziehen. Der König hörte das mit Sorge, denn er fürchtete, daß beide dabei zu Schaden kommen könnten. Doch dachte er endlich: »Vielleicht werden meine Söhne in der Fremde ihren Charakter und ihre Befähigung noch mehr als daheim zeigen, und ich werde je nachdem, wie sie sich in der Welt draußen bewähren, vielleicht genau ermessen können, wen ich später zu meinem Nachfolger machen kann.«

Er sprach lange und eindringlich mit Balduin und Immo, ermahnte sie nochmals zu allem Guten, besonders auch zu brüderlicher Treue und Einigkeit, und winkte ihnen darauf, ihm zu folgen.

Durch weite Säle und Gänge des Schlosses führte er sie zu einem ganz versteckten Gemach, das sie noch nicht kannten, dort also sprechend:

»Liebe Söhne, ich will euch nun einen besonderen Beweis meines Vertrauens geben, indem ich euch zwei Dinge anvertraue, die bisher kostbare, unersetzliche Schätze für mich waren, und die ihr hoffentlich unversehrt wieder heimbringen werdet, denn sie können euch lebenslang von Nutzen sein.«

Der König öffnete eine Truhe und ließ die Prinzen hineinsehen.

Sie erblickten zwei kleine Gegenstände: einen winzigen, aus Gold gefertigten Fasan und eine unscheinbare, ganz eingetrocknete Springwurzel.

»Seht,« sprach der König, »das sind die beiden Schätze, die ich euch anvertrauen will. Der kleine Goldfasan ist ein Zaubervogel, der, wenn das Zaubersprüchlein erklingt, zu der Größe eines Fasanen wächst und dem Besitzer goldene Federn und goldene Eier spendet, so oft dieser es heischt. Die Wurzel hat andere Zauberkräfte. Sie wandelt sich auf ihr Zaubersprüchlein hin in ein Männlein, das ›Springmännlein‹ heißt und seinem Besitzer mit Rat und Tat beisteht, wenn er dessen bedarf. Balduin, du als ältester meiner Söhne, tritt zuerst zur Truhe und wähle dir einen von beiden Schätzen.«

Da lachte Balduin, ergriff den goldenen Vogel und sprach: »Mit Verlaub, mein Vater, ich halte es mit dem Goldfasan, denn ein Königssohn muß mit Glanz und Pracht in die Welt ziehen, und was den ,guten Rat’ anbelangt, so habe ich ja mein gutes Schwert, das ist mein bester Ratgeber.«

Ernst sprach der König: »Ich ahnte es, mein Sohn, daß du so wählen würdest, doch bedenke wohl, daß du mein Geschenk nicht zur Ueppigkeit und Eitelkeit mißbrauchen sollst. Auch verachte niemals einen guten und weisen Rat und verlaß dich nicht allein auf dein Schwert. Oft im Leben wird die Gewalt durch kluge Erwägung besiegt.«

Dann wandte sich der König zu Immo: »Und nun, mein Jüngster, nimm die Gabe, die dein Bruder verschmähte; möge sie dir Segen bringen.«

Immo ergriff die Wurzel. Dann ein Knie vor seinem Vater beugend, sprach er:

»Ich danke dir, mein Vater. Mein Bruder erriet wohl, daß diese Gabe mir die willkommenste sein würde! Ich will sie zu deiner Freude gebrauchen. Ich begehre nur, als einfacher Knappe gekleidet hinauszuziehen. Eitler Prunk lockt leicht Räuber an. Ein gutes Schwert und mein treues Rößlein seien meine Begleiter.«

Den König freute diese Gesinnung seines jüngsten Sohnes. Er prägte beiden sorgfältig ein, wie sie die Zaubergaben zu gebrauchen hätten, die ein jeder von ihnen dann gut verbarg.

Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, nahmen sie Abschied von ihrem Vater sowie von den Getreuen und verließen das Schloß.

Gegen Abend erreichten sie ein Gehölz, durch das sie hindurchritten, hoffend, alsdann ein Wirtshaus zu erreichen, in dem sie übernachten konnten.

Doch nichts war rings zu erblicken, nur immer wieder neuer Wald.

Da hörten sie ein ängstliches Flattern in einem Baum. Immo bemerkte ein Vögelchen, das sich an einer Leimrute gefangen hatte. Mit großer Vorsicht befreite er das Tierchen, das sich nun auf seine Schulter setzte und in sein Ohr zwitscherte:


»Tiri, tiri, o Königssohn,
Will di, will di nun gleich zum Lohn
Ein Obdach zeigen;
Mußt aufwärts steigen.«



Immo winkte seinem Bruder, und als beide noch ein kleines Stück bergauf ritten, lag eine Köhlerhütte vor ihnen.

Der Köhler fand sich bereit, ihnen Obdach zu geben, wenn sie mit einem Strohlager vorlieb nehmen wollten. Er ahnte natürlich nicht, daß er zwei Königssöhne beherbergen sollte, wenn er auch Balduins kostbare Kleidung mit einigem Erstaunen musterte.

Sein Weib brachte Brot, Milch und Käse und sorgte, daß es auch den Rossen an nichts mangelte. Balduin schlief, trotz des ungewohnten Lagers, bald ein, doch Immo setzte sich zu dem Köhler an das Herdfeuer und ließ sich von ihm etwas erzählen.

Der Köhler, welcher Immo für den Knappen Balduins hielt, berichtete ihm denn auch ohne Scheu, was der Königssohn wissen wollte, der nach der Gegend fragte, nach der Ausdehnung der Wälder und was sonst jemanden interessieren konnte, der auf Abenteuer ausziehen wollte.

Als der Köhler letzteres merkte, ward er plötzlich ganz vertraulich und sagte: »Drei Tagereisen von hier liegt das Falkenschloß. Ganze Scharen von Falken umkreisen es tagaus, tagein; das sind verzauberte Menschen, die in die Gewalt des Zauberers gelangten, der im Falkenschloß haust. Sie wollten alle die beiden Prinzessinen erlösen, die dort oben irgendwo gefangen gehalten werden. Ein Hirte verirrte sich einmal in der Nähe des Falkenschlosses und hörte daselbst den Gesang der Prinzessinnen. Da hat er nirgends mehr Ruhe gefunden. Er ist oft wieder zum Falkenschloß gewandert, bis niemand ihn wiedersah. Gewiß ist auch er dem Zauberer verfallen und von ihm in einen Falken verwandelt worden.«

Immo hörte diese Erzählung mit Staunen. Gern hätte er noch mehr erfahren, doch der Köhler mußte noch allerlei Arbeiten verrichten; darum mochte er ihn nicht zurückhalten. Er nahm sich aber vor, ihn noch über das Falkenschloß zu befragen, ehe er von dannen ritt.

Zunächst teilte er seinem Bruder alles mit, der sogleich erklärte, unbedingt zum Falkenschloß ziehen zu wollen.

Am nächsten Morgen ließen sich die Brüder von dem reichbelohnten Köhler noch ein Stück Weges geleiten, wobei sie sich alles erzählen ließen, was ihr Begleiter noch wußte, obwohl das nicht mehr viel war. Er berichtete, daß ein riesiger Greif die Jungfrauen bewachen solle und daß Gewalt ihn nicht besiegen könne. Vielmehr sei nur der des Sieges sicher, der neben Tapferkeit über das Zauberschwert verfüge. Wo das zu finden sei, vermochte er aber nicht zu sagen.

Die Prinzen dankten dem schlichten Manne, der beim Abschied sie noch ernstlich warnte, sich nicht unvorsichtig in Gefahr zu begeben.

Die Brüder dachten über seine Warnung nach. Ihr Vater fiel ihnen ein und ihre Pflicht, ihn vor Kummer zu bewahren.

Immo sprach: »Wohl zogen wir aus, um Abenteuer zu suchen, doch bat auch der Vater uns, unnütze Gefahren zu meiden. Um seinetwillen wäre es vielleicht besser, wir suchten uns andere Abenteuer, denn wer tröstet den alten Mann, wenn auch wir als Falken verwandelt dem Verhängnis anheimfallen?«

»Hast du Furcht, so kehre heim,« antwortete Balduin. »Ich aber reite zum Falkenschloß.«

Da entgegnete Immo: »Dann komme ich mit dir, mein Bruder, denn ich verlasse dich nicht. Daß ich die Gefahr jedoch nicht meinetwegen meiden will, habe ich dir wohl schon öfters bewiesen.«

So ritten die Brüder denn dem Falkenschloß entgegen. Immo riet, zuerst das Zauberschwert zu suchen, das seiner Meinung nach sich in der Nähe des Schlosses befinden mußte. Doch Balduin wollte davon nichts hören, so daß Immo fürchtete, seines Bruders ungeduldiger Tatendrang würde alles verderben und sie beide ins Unheil stürzen.

Nach drei Tagen kamen sie an einen hohen Berg. Der Köhler hatte ihnen den Weg, so gut er es wußte, beschrieben; sie vermuteten nun, nicht mehr weit von ihrem Ziel entfernt zu sein.

Müde und hungrig, wie sie waren, spähten sie nach einem Obdach, wo sie sich zu ihrem Vorhaben stärken konnten.

Endlich entdeckten sie einen Lichtschein, der aus einer menschlichen Behausung kommen mußte. Vielleicht war es die Herberge, von der der Köhler ihnen gesprochen hatte.

Mit Mühe bahnten sie sich einen Weg durch das Gestrüpp, bis sie endlich vor der Tür des alten Gebäudes standen. Auf ihr Pochen trat ihnen eine Frau entgegen, die auf ihre Frage antwortete, daß sie die Frau des Wirtes sei, und daß das Haus die Herberge sei, in der sie übernachten könnten.

Zwar war es nur ein elendes Kämmerlein, in dem die Königssöhne Unterkunft fanden, aber sie schliefen doch fest bis zum nächsten Morgen.

Die Sonne war schon aufgegangen, als sie erwachten und sich besannen, wo sie waren.

Bald saßen sie in der ärmlichen Wirtsstube, wo ein kräftiger Imbiß von der Wirtin aufgetragen wurde. Als die Brüder nun ihre Wirtin nach dem Falkenschloß befragten, ließ die Frau vor Schrecken fast die Schüssel mit Mehlbrei fallen. Sie schlug die Hände zusammen und zeterte: »Ich plag’ meinen Mann alle Tag’, daß ich’s nimmer ansehen kann, wie die schmucken Ritter ins Elend ziehen, und daß ich fort von hier will, und ihr kommt nun so weit her, um euer junges Leben zu verlieren? Noch keiner ist zurückgekehrt, der dorthin zog, wo der höchste Berg liegt. Ach, es werden der Falken immer mehr! – Alle fanden ihr Elend und fielen in die Gewalt des Zauberers. Ich warne euch, kehret heim; denn die Jungfrauen könnt ihr nimmer erlösen!«

Balduin aber antwortete: »Frau Wirtin, Ihr meint es gut, das merk’ ich, aber die armen Gefangenen werden es Euch wenig danken, wenn Ihr all die Retter fernhalten wollt. Sagt, wer sind die Jungfrauen?«

»O, Herr Ritter, mein Mann hat mir verboten, es zu erzählen, weil er denkt, die Retter würden dann eher von dem Wagnis ablassen.«

»Wenn Euer Mann das glaubt, so kennt er wenigstens mich schlecht,« lautete Balduins Antwort. »Erzählt flugs, Frau, wer die Jungfrauen sind, denn wenn Ihr’s nicht tut, dann reite ich noch schneller zum Falkenschloß, um es vielleicht dort zu erfahren.«

»Das würde Euch schwerlich gut bekommen! Aber, Herr, wenn Ihr darauf besteht, so hört: die Jungfrauen sind Schwestern, und die Töchter eines mächtigen Königs, der das Falkenschloß sogar einst belagert hat, um die Mägdlein zu befreien. Alles war umsonst; sämtliche Mannen wurden in Falken verwandelt, und der König selbst entging mit knapper Not dem gleichen Schicksal. Seitdem hat der König keinen Angriff wieder gewagt.«

»Aber das Schwert, sagt, Frau Wirtin, wo findet man das Zauberschwert?« mischte Immo, der schweigend zugehört hatte, sich jetzt in das Gespräch.

Die Wirtin, ebenfalls glaubend, den Knappen des unbekannten Ritters vor sich zu haben, antwortete geschäftig: »Wollt Ihr’s dem edlen Ritter suchen, dann müßt Ihr die Bäume nahe dem Falkenschloß danach durchforschen. Dort soll es zu finden sein; mehr weiß ich nicht. Muß es doch noch kein Ritter gefunden haben, sonst wär’ längst der Zauberer besiegt worden. Laßt ab von Eurem Vorhaben und kehret heim, wenn Euch Euer Leben lieb ist; den Jungfrauen und den Falken ist nimmer zu helfen.«

Doch die Brüder beschworen die Wirtin, ihnen nun alles zu sagen, was sie noch wisse, so daß die Frau ihnen endlich noch weiter erzählte: »Es geht die Mär, der mächtige Greif, der die Jungfrauen bewache, schlafe nie, weil Zauberglöcklein, die in einem Baum hingen, ihn mit ihrem Klingen stetig wach erhielten. Auch erzählt man, der Zauberer selbst sei ein Greis mit einem ellenlangen Bart und einem greulichen, riesenhaften Höcker. Nur wer mit einem Hieb des Zauberschwertes diesen Höcker vom Rumpf zu trennen vermochte, könne den Bösewicht besiegen. Das würde schwer sein. Aber den Vogel Greif zu töten, sei noch weit schwieriger, denn es heiße, seine löwenartige Mähne müsse mit einem kühnen Streich des Zauberschwertes abrasiert werden und seine Flügel ebenso. Dann könne er vielleicht besiegt werden.

Wehe aber dem, den seine Klauen packten, oder den ein Schlag seines Schweifes träfe! Er müsse sein Leben lassen. Daß ist alles, was ich weiß,« schloß die Wirtin ihren Bericht.

Die Brüder dankten der Frau und belohnten den Wirt reichlich, der bald darauf in die Stube trat, um zu melden, daß die Rosse aufgezäumt seien. Auch er riet den Brüdern erschrocken zur Heimkehr, da er vernahm, daß sie zum Falkenschloß wollten. Da er aber das Vergebliche seiner Warnung einsah, beschrieb er ihnen den Weg dorthin, der sie bis zum Abend in die Nähe des Unglücksschlosses, wie er ihr Ziel nannte, führen würde.

Stunden um Stunden waren beide nun bergauf geritten, und sie mußten dem Ziel schon nahe sein, als Immo erklärte, daß es nun die Zeit sei, das Geschenk des Vaters, die Zauberwurzel anzuwenden, um den Rat des Springmännchens zu hören.

Balduin antwortete, ungläubig lachend: »Was soll das Männlein, wenn es wirklich erscheint, wohl vom Falkenschloß wissen? Laß mich zuvor mein Sprüchlein sagen; will erst sehen, ob der Goldfasan seine Schuldigkeit zu tun vermag. – Wer weiß, ob ich nicht seine Gaben brauchen kann.«

Balduin zog den Goldvogel aus seinem Versteck hervor, setzte ihn, wie sein Vater es ihm eingeprägt hatte, in einen niedrigen Baumast und sprach, mit den Armen dreimal die Bewegung des Fliegens nachahmend:


»Lieber Vogel schüttle dich,
Sträube dein Gefieder;
Reichlich fallen laß auf mich
Goldne Federn nieder!«



Erwartungsvoll blickten beide auf den kleinen Vogel. Und siehe da: Plötzlich reckte und dehnte er sich, als ob er lebe; er wuchs zusehends, und sein Gefieder gleißte, daß die Brüder kaum hinzusehen vermochten. Jetzt war er so groß wie ein wirklicher Goldfasan. Da wiederholte Balduin nochmals das Zaubersprüchlein, und nun flogen die glänzenden Federn wie ein Goldregen hernieder.

Balduin konnte sie kaum so schnell zusammenraffen. Sein Erstaunen machte ihn ganz sprachlos. Es ward noch größer, als nun auch ein schweres, goldenes Ei hinab fiel. Dann schrumpfte der Vogel wieder zusammen, bis er war wie zuvor. Balduin sprach mit lauter Stimme das Danksprüchlein:


»Dank dir, Dank, mein Goldfasan –
Sollst nun wieder Ruhe ha’n;«



worauf er die kostbare Gabe seines Vaters verbarg, ebenso seine goldenen Schätze.

Nun zog auch Immo seine Zauberwurzel hervor, um ihre geheimen Kräfte kennen zu lernen. Da drang plötzlich ganz deutlich Gesang von Frauenstimmen zu ihnen herüber.

Balduin stutzte, ergriff seines Bruders Arm und rief hastig: »Bruder, hörst du’s? Die Jungfrauen im Falkenschloß singen. Wir müssen ganz nah’ sein. Komm’ ohne Säumen!«

Und ohne sich noch einmal nach Immo umzublicken, bestieg er sein Roß, eilig davonreitend. Immo mußte ihm wohl oder übel folgen, da der Uebereifrige für seine Warnrufe taub war.

Eilends verbarg der Jüngling seine kostbare Wurzel, dem Bruder über Stock und Stein auf den Berggipfel folgend.

Es dauerte auch nicht lange, so entdeckte er Gemäuer, zugleich auch Balduin, der nahe demselben entlang ritt.

Ein finsterer Bau war es, der kaum Fenster zu haben schien. Aber nicht von dort erklang der Gesang, vielmehr kam er aus einem Turm, welcher nahe dem Falkenschloß auf erhöhter Stelle lag. Sonderbarerweise war er rings von sumpfigem Wasser umgeben und nur durch eine lange, vom Schloß aus dorthin führende Zugbrücke zugänglich. Jetzt hörten beide den Gesang und auch die Worte deutlich:


»Es rüttelt der Wind und der Sturm
Allstündlich wohl hier an dem Turm,
Doch Mauern und Tor sind gar fest. –
Wir Armen, wir sind hier gefangen
Und schau’n nach dem Retter mit Bangen
Nach Norden, nach Süd, Ost und West!«



Ach, der Gesang klang gar traurig, aber so süß und flehend, daß die Brüder wohl jetzt verstehen konnten, wie so viele Ritter und auch der Hirtenknabe von ihm bezwungen, ihr Rettungswerk versuchten.

Immo verlor die Ueberlegung trotzdem aber nicht. Er zog nun an einem verborgenen Plätzchen, im tiefen Schatten der Bäume, die Zauberwurzel hervor, um den Rat des Springmännchens zuvor zu befragen, trotzdem er in Unruhe war, weil Balduin, seiner abermaligen Warnung ungeachtet, in stürmischer Ungeduld dem Schloß nahte.

Immo legte die Wurzel ins Gras, machte, wie des Vaters Anweisung es heischte, drei Sprünge und rief dann mit gedämpfter Stimme:


»O Springmännchen, erscheine,
Und künde mir sofort:
Ob klug ist, was ich meine?
Erschein’ an diesem Ort!«



Da bewegte sich plötzlich etwas im Grase, und aus demselben hüpfte ein kaum schuhhohes Männlein, das eigentümlich anzusehen war: Ein Bart aus seinen Wurzelfasern wallte fast bis zu den Füßen, die in winzigen Schnabelschuhen steckten, während aus dem braunen Antlitz zwei kohlschwarze Augen den Jüngling nicht unfreundlich, aber ernst anblickten. Mit den wurzelartigen Händen fuchtelte der Kleine in der Luft herum, machte drei Sprünge, bis er dicht vor Immo stand, und sprach dann vernehmlich:


»Laß den Bruder dein
Kämpfen jetzt allein,
Denn für dich ist’s noch nicht Zeit!«



Als der erstaunte Immo sich einigermaßen gefaßt hatte, antwortete er: »Aber wie dürfte ich denn meinen Bruder in der Gefahr allein lassen? O, Springmännlein, dein Rat scheint mit herzlos.«

Da antwortete der Kleine:


»Später, später richt’,
Was der Springmann spricht!
Will bewahren dich vor Leid!«



»Darf ich denn meinen Bruder nicht warnen? Darf ich ihm nicht suchen helfen, daß er das Zauberschwert finde?«

Das Männlein schüttelte sein Haupt, sprang wieder ein paarmal herum und hub abermals an:


»Immo, höre mich:
Schwert ist nur für dich,
Weil du’s brauchest mit Bedacht.
Tollkühn ist nicht gut –
Hilft dann auch kein Mut;
Tu’ dein Rettungswerk zur Nacht



»Soll ich nun tatenlos hier wie ein altes Weib hocken und von meinem Bruder für feige gehalten werden? O, liebes, gutes Springmännchen, rate mir doch, wie ich das Werk beginnen und durchführen soll.«

Springmännchen hüpfte wiederum und ließ sich nochmals also vernehmen:


»Halte bis zur Nacht
Mit Geduld hier Wacht;
Dann zur rechten Stunde
Bringt dir Springmann Kunde.
Glaub’, was Springmann spricht;
Immo, zweifle nicht!« –



Noch drei Sprünge, und Springmännlein war verschwunden.

Immo sprach mit bewegter Stimme den vorgeschriebenen Dank:


»Springmann, Dank, für deinen Rat;
Will ihm folgen früh und spat!«



Nachdenklich steckte Immo wieder die Wurzel zu sich, indessen sein Herz traurig war. Und doch mußte er tun, wie das Männchen ihm geraten hatte.

Voll Angst um seinen Bruder spähte er durch die Bäume, doch von Balduin war keine Spur mehr zu entdecken. Er war augenscheinlich ohne Ueberlegung, und trotz aller Warnung, sich auf seinen Mut und sein gutes Schwert verlassend, in das Zauberschloß gedrungen.

Der Gesang im Turm ließ sich nur noch gedämpft vernehmen. Immos Herz war von großem Mitleid für die armen Opfer des Zauberers erfüllt, denn er ward nun auch auf die zahlreichen Falken, die in den Mauernischen saßen oder das Schloß umschwirrten, aufmerksam. Er wagte es jedoch nicht, des Springmännleins Gebot zu übertreten, hoffte auch, sein Bruder werde wieder zu ihm zurückkehren, da dieser doch genau von der Gefährlichkeit und Nutzlosigkeit seines blinden Eifers unterrichtet war. Immo sagte sich, daß Balduin, wenn die Kampfeslust ihn übermannte, sich auch von ihm nicht würde zurückhalten lassen. Er selbst würde dann höchstens sein Schicksal teilen müssen, ohne ihm helfen zu können, während er, wenn das Wagnis im Besitz des Zauberschwertes gelang, mit den übrigen Opfern auch seinen Bruder retten zu können hoffte. Er vertraute nun auf Springmännchens Hilfe.

Balduin war unterdessen, trotz aller Warnung, auf eigene Kraft vertrauend, und ehrgeizig hoffend, seinem Bruder mit dem Rettungswerk zuvorzukommen, durch das große, in das Schloß führende Tor geschritten. Das Klirren seiner Waffen und seiner Sporen war das einzige hörbare Geräusch ringsum; alles schien wie ausgestorben. Nur die Falken machten sich bemerkbar.

Es schien Balduin, als wollten sie ihm den Eingang in das Gebäude wehren, denn sie umflatterten ihn ängstlich kreischend.

Aber auch das beachtete Balduin in seiner Verblendung nicht; er schritt furchtlos weiter, obwohl es zu dämmern begann. »Wenn ich nur den alten Zauberer erblicke,« so dachte er, »dann ist sein Höcker geliefert. Mein gutes Schwert spaltet am Ende ebensogut wie das Zauberschwert einen Menschen.«

Vom Hof betrat er einen weiten Saal, dessen prunkvolle Einrichtung er kaum beachtete. Seine Aufmerksamkeit galt einer etwas geöffneten Tür. Lichtschein drang durch die Spalte. Vorsichtig sich nähernd, lugte er in das Gemach, kein Auge von dem eigenartigen Anblick wendend: ihm den Rücken zukehrend, saß an einem Herd ein Mann, dessen riesengroßer Höcker ihn sofort als den Zauberer erkennen ließ. Er rührte unablässig in einem über dem Feuer hängenden Kesselchen, in dem irgendeine Masse kochte.

Jetzt sah Balduin deutlich, wie der Zauberer von Zeit zu Zeit aus einer Truhe eine Handvoll Gold nahm, das er in den Kessel tat. Dabei hörte der Lauscher ihn murmeln:


»Brodle, Goldbrei, zische, zische,
Daß sich alles gut vermische:
Löwenzahn und Fingerhut,
Schierling, Gold und Drachenblut.
Silber, Kupfer, nochmals Gold
Daß das Werk gelingen sollt’.
Schmiede für zwei Jungfräulein
Aus dem Brei zwei Schlößlein fein,
Leg’ eins vor jed’ Mündlein schwer –
Daß das Singen es verwehr’. –
Brodle, Goldbrei, zische, zische –
Daß sich alles gut vermische.«



Gierig suchte der Alte wieder in der Truhe, doch er fand augenscheinlich kein Gold mehr, denn er murmelte abermals:


»Truhe ist von Golde leer –
Braucht’ ein Klümplein Gold noch sehr, –
Rotes, goldnes Glitzergold –
Lohnt’s gern dem, der’s bringen wollt’.«



Da kam Balduin eine kühne Idee: Wie, wenn er den Zauberer durch anscheinende Gefälligkeit zu überlisten suchte? Vielleicht kam er dadurch leichter zum Ziel? Gold besaß er ja genug. Zwar widerstrebte diese Handlungsweise seinem ritterlichen und kampfeslustigen Sinn, da er sie hinterlistig nennen mußte und er am liebsten dem Feinde gleich in offenem, ehrlichem Kampf entgegengetreten wäre, wie das sonst seine Art war. Aber es galt ja, den bösen Zauberer zu überwinden und damit viele Menschen zu retten; vor allem mußten auch die armen Jungfrauen vor noch größerer Schmach bewahrt werden.

Also verursachte Balduin ein Geräusch, daß der Zauberer sich umwandte, wobei er natürlich den Königssohn erblickte. Dieser wich vor dem über alle Begriffe häßlichen und boshaften Gesicht des Zauberers unwillkürlich einen Augenblick zurück, doch schnell gefaßt, sprach er: »In der Wildnis verirrt, erblickte ich das Schloß hier, wo ich hoffte, ein Obdach zu finden. Ihr seid gewiß ein Alchymist; das Gold dort im Kessel verrät es mir. Ich hab’ auch meinen Spaß daran. Darf ich Euch als Dank für ein Nachtquartier vielleicht dabei behilflich sein? Man braucht dazu viel Gold. Ich habe solches.«

Gierig hafteten des Alten böse Blicke auf dem Sprechenden. Seine kralligen Hände streckten sich aus: »Gebt her, schnell, das kann ich brauchen.« Die Augen glühten, und unersättlich schien seine Goldgier geworden.

Balduin gab bereitwillig, was der Goldfasan ihm gespendet.

Als der Zauberer sich über den Kessel beugte und eifrig rührend an nichts zu denken schien als an seine Beschäftigung, da zuckte einen Augenblick Balduins Hand nach dem Schwert. Doch schon richtete sich der Zauberer wieder auf; der günstige Augenblick war vorbei.

Aber jetzt fiel Balduin das Goldei ein. Er holte es hervor, ließ es aber zur Erde gleiten. Gierig bückte sich der Zauberer tief, um das rollende Ding zu erhaschen. Im gleichen Augenblick sauste Balduins Schwert mit gewaltigem Hieb gegen den Höcker des Zauberers.

Aber so wuchtig das Schwert auch herniedergesaust war, daß es wohl gleich zwei Höcker hätte abrasieren können, dem Zauberer verursachte es nur eine unbedeutende Wunde und – prallte ab.

Zu spät ward Balduin inne, daß ein Zauberer nicht mit einem gewöhnlichen Schwert überwältigt werden konnte. Er schlug zwar noch einmal los, doch wie eine Katze sprang der Zauberer empor, umkrallte den Hals des wie wahnsinnig mit dem Schwert um sich schlagenden Angreifers und rief wutschnaubend:


»Du böser, hinterlist’ger Schalk,
Nimm deinen Lohn und – sei ein Falk’



Mit Grausen fühlte Balduin sich gedankenschnell in den genannten Vogel verwandelt, der gleich darauf mit einem Klageschrei durch das einzige kleine Fenster davonflog.

Was half es dem armen Verzauberten nun, daß er nicht nur bereute, so eigenmächtig und tollkühn vorgegangen zu sein, sondern auch den Bruder verlassen zu haben.

Nun flog der Falke umher, um den Bruder zu warnen und ihm den Goldfasan zu bringen.

Endlich entdeckte er den Gesuchten unter den Bäumen. Er flog dicht zu ihm hin und rief:


»Bruder, lieber Bruder mein,
Gehe nicht ins Schloß hinein,
Eh’ das Zauberschwert ist dein!«



Immo fuhr erschrocken aus seinem Sinnen auf. Ach, er begriff alles. Voll Mitleid sprach er dem armen Bruder Mut zu und sagte ihm, was Springmännchen ihm versprochen. Der Falke hörte aufmerksam zu. Dann öffnete er eine seiner Krallen, ließ den kleinen Zaubervogel dicht vor Immo hinabgleiten und sprach:


»Nimm ihn ohne Sorgen,
Halte ihn verborgen.«



Immo nahm den Schatz mit Seufzen. Darauf flog der Falke still in den nächsten Baum.

Da war es Immo, als ob ein Ton wie das Klingen eines Glasglöckleins an sein Ohr schlüge. Vielleicht war es irgendein Zeichen. Springmännchen wartete vielleicht schon auf seinen Ruf. Er verfuhr mit der Wurzel genau wie vor einigen Stunden. Kaum hatte er sein Zauberverslein beendet, als auch der Kleine schon vor ihm stand, also sprechend:


»Menschenleer sind Schloß und Hallen,
Alles rings in Zauber fallen.
Doch der Greif und Zaub’rer wacht
Alle Tag’ und alle Nacht,
Daß kein Feind sich nah’ der Pforte
Zu dem bösen Zauberorte;
Denn der Zauberglocken Klingen
Künden gleich von allen Dingen.
Ich will dir das Mittel zeigen,
Daß die Glöcklein stille schweigen.
Auch den Ort will ich dir künden,
Wo das Zauberschwert zu finden!«



Springmännchen winkte darauf Immo, ihm zu folgen, ihn durch Zeichen zur Vorsicht ermahnend.

Es war nun ziemlich dunkel; die Sichel des Mondes verbreitete unsicheres Licht. Immo mußte aufpassen, seinen kleinen Führer nicht aus den Augen zu verlieren.

Je näher sie dem Schlosse und dem Turme kamen, desto lauter vernahm Immo das wunderbare Klingen, das von abgestimmten Kristallglocken herzurühren schien.

Springmännchen sprang, wie er immer tat, ehe er etwas sagte, mehrmals vor Immo auf und nieder; dann bedeutete er dem Prinzen abermals vorsichtig zu sein, und sprach leise:


»Dem Rettungswerk es jetzo gilt,
Bist du, mein Prinz, dazu gewillt?«



Als Immo bejahte, fuhr der Kleine fort:


»Nun wappne dich mit festem Mut,
Dann winket dir Gelingen gut.«



Nach diesen Worten hüpfte es behende weiter, sich immer nach Immo umblickend, ob dieser auch folge, indessen das Klingen der Glöcklein immer lauter wurde.

Jetzt stand Springmännchen vor einem hohen Baume still, und nun sah Immo, emporblickend, wie in seinen Zweigen unendlich viele große und kleine Glasglöcklein hingen, die sanft leuchtend die wundervollen Klänge hervorbrachten. Hier machte der Kleine halt, während Immo keinen Blick von ihm verwandte. Sonderbar erschien ihm Springmännchens Gebahren. Der tanzte erst dreimal um den Baum herum und sprang dann mit kühnem Satz in den untersten Zweig, ein Reislein von diesem pflückend. Danach klomm er behende von Ast zu Ast und berührte jedes Glöcklein mit dem Reis. Als dies geschehen war, rief er, noch droben sitzend, in gedämpftem, doch Immo noch verständlichem Tone, während er allerlei geheimnisvolle Zeichen und Bewegungen gegen die Glöcklein machte:


»Glöcklein, dürft nicht klingen,
Soll das Werk gelingen! –
Wind, ach lieber Wind,
Geh’ zur Ruh’ geschwind;
Schlüpf’ dort in die Hecke,
Daß den Greif nichts wecke,
Daß kein Glöcklein klinge,
Und das Werk gelinge.«



Sofort verstummte ein Glöcklein nach dem andern, und ein kühler Windhauch streifte an Immo vorbei, der Hecke zu. Dann sprang das Männlein zur Erde, dem Prinzen durch Zeichen bedeutend, am Baume auf ihn zu warten. Immo sah ihn davonhüpfen; er schien sich dem Turm zu nähern, der in nächtliche Schatten gehüllt unheimlich emporragte. Doch gleich war Springmännlein zurück. Mit der üblichen Vorbereitung flüsterte der Kleine:


»Liegt der Greif in Schlaf und Traum;
Nah’ getrost dem Zauberbaum.
Klimm’ hinauf, mein Immo du;
Wind und Glöcklein sind zur Ruh’ – –
Siehst das Schwert du hangen? –
Hol’s jetzt ohne Bangen.«



Immo blickte angestrengt in die Höhe. Und siehe da: wirklich hing dort im Baum mitten unter den Zauberglöcklein das Zauberschwert, dessen scharfe Klinge der Jüngling nun deutlich aufblitzen sah.

Ohne Besinnen erklomm er gewandt den Baum, bis er das Schwert erreicht und aus den Zweigen gelöst hatte. Wieder unten angelangt, folgte er schnell dem voranspringenden Männlein, das ihn nun denselben Weg führte, den Balduin wenige Stunden zuvor in kühnem Wagemut gegangen war.

Der Falke saß indessen auf seinem Baum, hatte alles gehört und flog nun mit ängstlichem Flattern den beiden nach. Doch das Tor war schon wieder hinter dem ungleichen Paar geschlossen.

So vermochte der Verzauberte hier nichts zu helfen, wie er gehofft hatte.

Vor der Tür desselben Gemachs, wo Balduins Kampf stattgefunden hatte, blieb Springmännlein stehen, indem es flüsterte:


»Jetzt sei auf der Hut; –
Führ’ die Klinge gut.
Triff den Höcker gleich
Mit gewalt’gem Streich.«



Geräuschlos sprang die Tür auf. Dort am Herd stand der schreckliche Zauberer und schmiedete mit dröhnenden Hammerschlägen an zwei Goldschlößlein. Das dadurch verursachte Geräusch sowie der Eifer, mit welchem der Zauberer seiner Beschäftigung oblag, ließ ihn den Eintritt Immos überhören.

Mit gezücktem Schwert stand Immo hinter ihm, gewandt den richtigen Augenblick benutzend, als der Zauber sich über sein Werk beugte.

Die scharfe Klinge des Zauberschwertes sauste, mit gewaltiger Kraft geführt, auf den Höcker hinab, daß dieser zu Boden rollte.

So wuchtig war der Hieb geführt worden, daß das Schwert noch tief in den Kopf des Zauberers drang, diesen mitten durchspaltend, was dem Zauberer das Leben kostete.

Dieses erste Werk war vollbracht; doch nun folgte das schwerere: der Weg in den Turm.

Springmännchen hüpfte voran, durch weite Säle und Gänge, die alle hell erleuchtet waren.

Endlich standen sie vor einer schweren eichenen Tür, deren mächtige Bohlen zeigten, daß sie den Ausgang bilden mußten. Immo öffnete die rostigen Riegel mit Mühe. Nun lag die lange Zugbrücke vor ihm. Springmännchen hüpfte wieder und raunte dann:


»Prinz, dem Greifen wild
Jetzt dein Kämpfen gilt;
Zück’ mit Mut dein Schwert,
Denn der Preis ist’s wert.
Trenn’ die Flügel schnell,
Seiner Kräfte Quell.
Dann die Mähne glatt,
Das macht Greif wohl matt.
Dann flugs, ohne Grau’n,
In den Rachen; traun,
Eh’ noch weicht die Nacht,
Ist das Werk vollbracht.«



Mutig schritt der Königssohn voran, bis er das Tor des Turms erreicht hatte.

War der Zauberer schon schrecklich anzuschau’n gewesen, so übertraf der Anblick des Greifen diesen noch an Furchtbarkeit. Ein schmaler Lichtstreif fiel aus dem Turm auf den schrecklichen Wächter der unglücklichen Königstöchter herab.

Immo sah, wie das Ungetüm regungslos, jedenfalls schlafend, dicht vor der schmalen in den Turm führenden Pforte lag. Der Kopf, die Mähne, der Schweif glichen dem des Löwen, während die mächtigen Flügel und die furchtbaren Krallen eher dem Adler anzugehören schienen.

Immo faßte das Zauberschwert recht fest, während er sich vorsichtig dem schrecklichen Tiere näherte. Kein Zweifel, es schlief; die verstummten Glasglöcklein hatten ihre Wirkung getan. Als Immo ganz nah war, holte er zu einem mächtigen Hieb aus, der auch den einen Flügel gänzlich vom Körper trennte. Aber nun erwachte der Greif auch mit schrecklichem Geheul.

Doch schon sank der zweite Flügel, von wohlgelungenem Streich getroffen, hernieder.

Ehe der Unhold zum Sprunge auf seinen Angreifer fähig war, hatte Immo schon die Mähne mit sicherem Griff erfaßt, so daß sie im nächsten Augenblick neben den Flügeln am Boden lag. Fauchend, mit weitgeöffnetem Rachen vorwärts springend, versuchte der Greif nun, dem kühnen Jüngling die furchtbaren Krallen in den kampfesmächtigen Arm zu schlagen und seinen Schweif um des Prinzen Körper zu ringeln.

Doch tief in den gewaltigen Rachen tauchte die Klinge des Furchtlosen, daß ein mächtiger Blutstrom aufspritzte.

Wohl hatte Immo nach allen Mut und alle Kraft zusammenzunehmen, um das immer noch gefährliche Ungeheuer vollends zu töten, ehe es ihm mit seinen Krallen oder dem Schweif verderblich werden konnte. Ihm war, als ob seine eigene Kraft sich verdoppelte, ja, verdreifachte, ein Umstand, den er nebst seiner eigenen Anspannung aller Kräfte hauptsächlich dem Zauberschwert zuschrieb, und jedenfalls auch mit Recht. Er bedurfte solcher Kräfte aber auch, das erkannte er, denn die Anstrengung war nicht gering, bis das Tier endlich getötet zu seinen Füßen lag.

Erst jetzt wagte Immo, sich nach seinem getreuen Springmännchen umzublicken, und er konnte einen Jubelruf nicht unterdrücken, als er sah, wie der kleine Mann eben mit aller Kraft einen mächtigen Schlüssel aus einem Mauerloch hervorzog, den er durch ein Zeichen zu nehmen aufforderte. Dann, nach den üblichen Sprüngen, hub er an:


»Hast besiegt den Greif zur Nacht;
Hält nun niemand hier mehr Wacht.
Nun verliere keine Zeit,
Bis die Mägdlein sind befreit,
Bis die Falken auch gerettet,
Die nur so lang’ Zauber kettet,
Als die beiden noch gefangen;
Drum an’s letzte Werk ohn’ Bangen.
Hier der Schlüssel sprengt das Tor –
Steig getrost im Turm empor.«



Immo nahm mit freundlichem Dank den Schlüssel und sprach:

»Du, mein liebes Springmännlein, was du mit bisher geraten, war gut, so will ich auch nun mit Freuden an das letzte Werk gehen. Ohne deine Hilfe hätte ich dieses Ziel nie erreichen können. Werde ich dich noch hier finden, wenn ich die Jungfrauen befreit habe?«

Da antwortete Springmännlein mit fröhlichem Hüpfen:


»Springmann harret dein,
Bis es Zeit wird sein.
Hörst du die Jungfrau’n singen?
Sollst die Schönste dir erringen.«



Wenige Minuten später hatte Immo den Schlüssel im Torschloß umgedreht und schritt die enge Steintreppe zum Turmgemach empor.

Springmann hatte recht gehabt: die Jungfrauen sangen; aber es war nicht mehr jenes Klagelied, das er schon gehört, sondern es war, als ob sie einem Dritten antworteten, denn der Prinz vernahm ihre Worte:


»Deine Botschaft wir vernahmen,
Daß heut’ zwei zur Rettung kamen.
Du bist einer von den beiden,
Mußtest bitter für uns leiden;
Doch dein Bruder Immo wert
Schwang mit Mut das Zauberschwert.
Unser Dank werd ihm zuteil;
Unserm Retter Immo Heil!«



Jetzt sprang die Tür zum Turmgemach auf, und Immo trat über die Schwelle. Er sah zuerst die beiden schönen Jungfrauen, die Hand in Hand an dem engen Fenster standen und Zwiesprache mit einem draußen am Eisengitter kauernden Falken hielten. Immo begriff gleich, daß sein Bruder die Freudenbotschaft gebracht hatte.

Als Immo nun das Zauberschwert klirren ließ, wandten sich die Jungfrauen erschrocken um. Doch ein Blick auf den Jüngling ließ sie erkennen, daß sie ihren Retter vor sich hatten.

Jetzt erst gewahrte Immo, daß jede der beiden Gefangenen um einen Arm ein starkes Seil geschlungen trug, dessen Ende fest in das Gemäuer gefügt war.

Ehe der Jüngling aber diese letzte Fessel der armen Jungfrauen löste, rief er dem Falken, der noch immer draußen am Fenster saß, zu:


»Mein Bruder, warn’ die Falken alle,
Daß keiner aus der Höhe falle.
Such’ jeder schnell sich festen Grund,
Denn jetzo naht die Rettungsstund’.«



Mit lautem Freudenschrei flog der Falke eilends davon, um den Auftrag auszuführen, indessen Immo sich ritterlich vor den Königstöchtern verneigte, die mit züchtig niedergeschlagenen Augen vor ihm standen.

Sie waren beide sehr schön. Die Aelteste, Edelgarde, die dem Falken erst voll Mitleid nachgeblickt hatte, war vielleicht die Schönste; dennoch hafteten Immos Blicke an der jüngeren Schwester, Irmtraute, weil der Ausdruck ihres Antlitzes besonders große Herzensgüte zeigte. Jetzt sprach er:

»Edle Jungfrauen! Als euer Retter nahe ich euch. Vergebt mir, daß ich hier eingedrungen bin und euch vielleicht erschreckt habe, anstatt, wie es euerm Range entsprach, mich zuvor bei euch anmelden zu lassen. Doch«, fuhr der Prinz lächelnd in seiner Rede fort, »woher sollte ich eine Dienerin oder einen Pagen nehmen? Alles ist verzaubert, wie ihr wißt, und so mußtet ihr mit der Botschaft eines Falken vorlieb nehmen, der, wie ich glaube, seines selbstgewählten Amtes zu eurer Zufriedenheit gewaltet hat. Und nun will ich eure Fesseln zertrennen, damit euch und den Falken Freiheit und Erlösung zuteil werde.«

Doch ehe Immo noch zum Zauberschwert griff, um die Stricke zu zerschneiden, gewahrte er Springmännchen an seiner Seite, der ihm zuwinkte und nach der üblichen Vorbereitung also sprach:


»Nimm fest das Schwert,
Doch nimmer schneide –
Der Springmann wehrt,
Weil’s sonst zum Leide.
Berühr’ den Strick
Mit flacher Klinge;
Im Augenblick
Dies Freiheit bringe.« –



Immo tat, wie ihm geheißen. Kaum hatte das Zauberschwert den Strick berührt, als die Knoten auch schon von selbst aufsprangen und beide Jungfrauen befreit waren.

Sie folgten mit ihrem Befreier nun schnell dem voraneilenden Springmännlein, das munter die Treppe hinabhüpfend, unten vor dem Tor vergnüglich zu tanzen begann, als die drei auf der Zugbrücke angelangt waren.

Nun eilten sie schnell, immer ihrem kleinen Führer folgend, in das Schloß, wo im größten Saal eine stattliche Anzahl Ritter ihrer harrte, die nun in lauten Jubel ausbrachen. Es waren natürlich die in Falken verzaubert gewesenen Prinzen sowie deren Knappen und Pagen, die nun ihre natürliche Gestalt wiedererhalten hatten.

Voran schritt Balduin den dreien entgegen und fiel seinem Bruder um den Hals, heiße Dankesworte stammelnd. Dann kamen alle die anderen, so daß Immo bald von den dankbaren Jünglingen wie von einer Mauer umgeben war, die alle ihm die Hände entgegenstreckten und ihren Dank auf die verschiedenste Weise zu bezeugen suchten. Bescheiden wehrte Immo alle Ehren von sich ab, indem er erklärte, daß er allen Erfolg nur dem guten Springmännlein, seinem treuen Ratgeber, und dem Zauberschwert verdanke. Nur mit Hilfe dieser beiden Bundesgenossen habe er den Zauberer und den Greif besiegen können. »Glück ist mir aus ihrem Wirken entsprossen,« schloß Immo seine Rede.

Dann winkte Springmännlein dem Prinzen, der seinem kleinen Freunde folgte, bis dieser draußen im Schatten der Bäume halt machte. Immo dankte dem guten Springmännlein nochmals von Herzen für seine treue Hilfe. Doch der kleine Mann winkte abwehrend und ließ sich also vernehmen:


»Was Springmann half, das tat er gern,
Er wollte nützen seinem Herrn,
Weil er erkannt sein treu’ Gemüt,
Aus dem ihm noch viel Glück erblüht.
Jetzt ist’s für Springmann Zeit zu geh’n
Doch muß ihn Immo recht versteh’n:
Sobald er ruft, wird Springmann wach
Und dienet ferner seiner Sach’. –
Eh’ Springmann schlüpft ins Wurzelkleid,
Empfange Immo noch Bescheid:
Bevor man scheidet aus dem Schloß
Mit Mann und Roß und Dienertroß,
Mach’ jeder vor dem Abschied halt
Am Zauberbaume alsobald,
Und Immo mög’ zum Angedenken
Ein Zauberglöcklein jedem schenken.
Und jedes mahne beim Erklingen
Zur Wachsamkeit in allen Dingen.
Doch meinem lieben Immo wert
Gehöre auch das Zauberschwert.«



Nach diesen Worten dankte Immo nochmals seinem kleinen Freunde, doch er erhielt keine Antwort, und als er sich niederbeugte, lag vor ihm die unscheinbare Springwurzel. Er hob sie sorgsam empor, indem er sie fast zärtlich betrachtete, dann barg er den wertvollen Schatz mit größter Vorsicht in seinem Gewande.

Inzwischen hatten die Knappen und Pagen aus den reichen Vorräten in Küche und Keller ein Mahl bereitet, das sie eben, als Immo den Saal betrat, auf goldenen Schüsseln und in silbernen Kannen auftrugen. Ein jeder durfte ungestraft davon genießen, denn mit der Vernichtung des Zauberers und des Greifen hatte jeder verderbliche Zauber seine Macht verloren; das wußten die Beteiligten sehr wohl. Dennoch wollten alle, sobald es völlig Tag geworden war, den Ort ihrer Leiden verlassen, um zu den Ihrigen heimzukehren.

Es wurde beschlossen, daß die beiden Brüder mit einer kleinen Anzahl der Geretteten den Königstöchtern das Ehrengeleit in deren Heimat geben sollten.

All waren froh und glücklich; sie hofften nun auf ein Wiedersehen mit den Ihrigen.

Jubel herrschte im Lande der Königstöchter, als die Prinzessinnen mit ihrem Retter und ihrem Ehrengefolge in das elterliche Schloß einzogen, wo diesem Freudentag bald die glänzende Hochzeit folgte; denn der König gab freudig seine Zustimmung, als Balduin die schöne Edelgarde, Immo aber die liebliche Irmtraut zur Gemahlin begehrte.

Als aber die Brüder mit ihren Gemahlinnen wieder zu ihrem Vater heimkehrten, da jubelte das ganze Land, und der alte König hieß hochbeglückt seine Kinder willkommen.

Als er alles erfahren und eingesehen hatte, daß auch Balduin durch die Erlebnisse geläutert worden, veranstaltete er ein großes Fest, bei dem er dem Volk verkünden ließ, daß er sein Land einst zwischen seinen beiden Söhnen teilen werde.

Es folgten nun viele glückliche Jahre, und als später Balduin und Immo das Land erhielten, lebten sie alle in Glück und Frieden, geliebt und geehrt von ihren Untertanen.

Balduin brauchte den Goldfasan nur zur guten Zwecken.

Immo hielt das Zauberschwert in Ehren, besonders aber die Springwurzel, denn Springmännlein hielt Wort und erschien, so oft Immo seines Rates bedurfte.




Stiefmütterchen

Irmela hatte gar früh ihre gute Mutter verloren und darum eine Stiefmutter bekommen, was ihr großen Kummer bereitete, da alle Muhmen und Basen ihr begreiflich zu machen suchten, daß eine Stiefmutter etwas sehr Schlimmes sei. Auch in vielen dem Mägdlein bekannten Märchen kam etwas Aehnliches vor, so daß es ordentlich Angst vor der neuen Stiefmutter hatte und dieser aus dem Wege ging, so viel sie konnte.

Doch gar bald merkte Irmele, daß die Stiefmutter nicht so böse war, denn sie erhielt von dieser wie sonst gutes Essen, bekam auch nicht, wie sie gefürchtet, viel Prügel, sondern wurde bei etwaigen Anlässen zur Strafe nur liebevoll ermahnt und gerecht bestraft.

Als sie trotzdem in ihrer Zurückhaltung gegen die zweite Mutter beharrte, sah sie oftmals deren Blicke traurig auf sich gerichtet, bis sich Irmelas Herz endlich der trefflichen Frau zuwandte.

Nicht lange währte das Glück. Das Mägdlein ward schwer krank.

Die Mutter pflegte es so aufopfernd, daß sie selbst der heimtückischen Krankheit verfiel.

Als das Kind genesen war, trug man die gute Stiefmutter zu Grabe; sie war ein Opfer treuerfüllter Pflicht geworden.

Nun erkannte die Genesene erst recht, wieviel sie in dieser Mutter verloren; sie betrauerte die Entschlafene von ganzem Herzen, und es blieb fortan ihr einziger Wunsch, selbst einmal verwaisten Kindern eine zweite Mutter zu werden, um diesen alle Liebe zu geben, die sie der Beweinten noch schuldig geblieben war.

Irmela war zu einer schönen Jungfrau erblüht, der viele Freier nahten, ohne daß sie bisher einem ihr Jawort zu geben vermochte, denn in ihrem Herzen lebte immer noch der Wunsch aus ihrer Kinderzeit.

Da kam eines Tages ein Bewerber um ihre Hand, dessen Gemahlin gestorben war. Dieser bat sie inständig, seine zweite Gemahlin zu werden, da er sich so einsam fühle und vor allem seine beiden Kinder der Mutter entbehrten.

Da willigte die Jungfrau ein, beglückt, daß ihr Wunsch sich erfüllen sollte. O, diese Kinder, die sie noch nicht kannte, wollte sie mit ihrem ganzen Herzen lieben, wollte ihnen eine gute, treue Mutter werden.

Die Hochzeit ward gefeiert, und das nunmehrige Stiefmütterchen war auf dem Wege zum neuen Heim.

Man durchritt das letzte Stück Wald, als Stiefmütterchens Gemahl plötzlich in die Ferne deutend sagte: »Dort kommen Rainer und Sitta, unsere beiden Kinder. Wohin mögen sie wollen? Sollten sie so ganz allein zu unserem Empfang herbeieilen?« Da bat Stiefmütterchen: »Laß mich ihnen entgegengehen, mein Gemahl, indessen du uns hier erwartest.«

Der Vater willigte ein. So wandelte die schöne, junge Frau den beiden entgegen, die Hand in Hand daherschritten.

Der ältere Knabe pflückte dem jüngeren Schwesterchen Blumen und schien sich überhaupt als ihren Beschützer zu betrachten, da er den Arm um ihren Hals legte und Sitta sich ängstlich an den Bruder schmiegte, als die hohe Frauengestalt plötzlich vor ihnen auftauchte. Vier Blauaugen blickten zu der Unbekannten auf, die, ihre Hände auf die blonden Scheitel legend, fragte: »Liebe Kinder, ihr kommt ganz allein durch den Wald, wohin wollt ihr?«

»Fort,« antwortete der Knabe zutraulich, »wir bekommen nämlich heut eine Stiefmutter, und die ist gewiß garstig mit uns, wie unsere alte Barbe meint, und da wollen wir fortlaufen!«

Erschrocken vernahm die Fragende diese Antwort. »Dachtet ihr nicht daran, wie sehr ihr hiermit euren Vater und eure neue Mutter betrübt?« fragte sie mit sanfter Stimme, ohne sich zu erkennen zu geben.

»Nein, daran dachten wir nicht,« bekannte Rainer freimütig, »aber wir mögen doch keine Stiefmutter, wir wollen lieber mit dir gehen, denn du bist nicht garstig, und dich mögen wir leiden.« Bewundernd blickte der Sprechende bei diesen Worten zu dem gütigen Antlitz auf und in die Augen, in denen es feucht schimmerte.

Eben wollte Stiefmütterchen die Kinder in ihre Arme ziehen und ihnen sagen: »Ich bin ja eure neue Mutter, und ich will euch sehr lieb haben; habt auch ihr mich recht lieb,« da kam der ungeduldige Vater, aus dessen Munde sie die Wahrheit erfuhren.

Da entwanden sich die Kleinen erschrocken den Armen des Vaters, und anstatt sich dieser Mutter zu freuen, blickten sie vorwurfsvoll zu ihr auf und seufzten: »Warum hast du uns dies nicht gleich gesagt? Hätten wir das gewußt, hätten wir dich nicht so, gern gemocht.«

Und diesen Worten entsprechend gestaltete sich das Verhalten der Kinder: Klein-Sitta sah in der neuen Mutter eben stets nur die »Stiefmutter«, und die alte Barbe bestärkte sie in diesem Vorurteil.

Aehnlich ging es dem Knaben, der bei der törichten Barbe immer verderblichen Hinterhalt fand.

Es kostete der Mutter manche heimliche Träne, doch ihre Geduld erlahmte nicht, denn zuweilen schien es, als ob in den Kindern die Liebe zu Stiefmütterchen erwachen wolle. So verging die Zeit.

Eines Tages, als die Eltern nicht daheim waren und die Kinder in Frau Irmelas Gemächern spielten, rannten sie in tollem Lauf gegen ein kostbares Kristallgefäß, daß es zur Erde fiel und zerbrach. In ihrer Angst liefen die kleinen Uebeltäter zu Barbe, die sogleich händeringend kreischte: »Ihr armen Kinder, wie wird es euch ergehen, wenn die Mutter sieht, daß ihr eines ihrer schönsten Hochzeitsgeschenke zerstört habt; gerade dieses Stück hält sie besonders wert!« Das tat den beiden sehr leid; sie hätten die Mutter gern um Verzeihung gebeten, doch Barbes Worte: »Ihr armen Kinder, wie wird es euch ergehen,« gellten fort und fort in ihren Ohren, so daß das keimende Vertrauen zur Stiefmutter wieder erstickt wurde; ihre Angst wuchs.

Da liefen sie, weil ihnen nichts Besseres einfiel, fort, hinaus in den Wald, immer weiter und weiter. Sie merkten nicht, wie die Bäume mißbilligend ihre Wipfel schüttelten, merkten nicht, wie sie drohend ihre grünen Arme ausstreckten, sie flohen, bis sie an einen Wegweiser kamen. Was da oben stand, vermochten sie nicht zu entziffern. Aber plötzlich knarrte es in seinem alten Holz, und aus diesem Knarren hörten sie es deutlich heraus:


»Wohin des Weges, Kinder, sagt,
Warum daheim euch’s nicht behagt,
Daß ihr zur Fern’ die Schritte lenkt,
Wodurch ihr eure Mutter kränkt?«



Eine Antwort bekam der Wegweiser aber nicht, denn mit scheuem Blick auf den Fragenden machten die verblendeten Kinder einen weiten Bogen um ihn herum, ihren Pfad unbekümmert weiter verfolgend.

Im Tannengeäst saß eine Drossel im schwarzen Federröcklein, die äugte verwundert auf die eilenden Kinder herab, die auf dem schmalen Wege einen Augenblick ausruhend, jetzt ihren Anruf vernahmen:


»Türi – türo –
Was lauft ihr so?
Seid wohl auf der Flucht?
Daheim man nach euch sucht! –
Türi – türo –
Was lauft ihr so?«



Ja, Drossel hatte ganz recht, die Kinder liefen töricht und blindlings waldein, gar nicht bedenkend, wohin der Weg sie führte und was sie eigentlich im Walde wollten. Ihnen schien es gleichgültig, was Bäume, Wegweiser, Vögel und der ganze Wald von ihnen dachte, ja, daß selbst die alte Unke sich über sie zu wundern schien, die, an einer feuchten Stelle unter einem Wegerichblatt hervorglotzend, den voranschreitenden Rainer fragte:


»Jung’ – Jung’ – Jung’ –
Sag’ wohin
Unk – unk – unk –
Steht dein Sinn?«



Da murrte Rainer, der ewigen Fragerei überdrüssig: »Du alte Unke, wer wird so neugierig sein? Was verstehst du von Stiefmüttern, vor denen man fortlaufen muß!«

»Sollen wir nicht umkehren?« fragte Sitta zaghaft. Doch Rainer schüttelte den Kopf: »Wir werden schon irgendwo hinkommen.«

Eigentlich war das nun zwar nicht besonders weise, denn »irgendwohin« mußte man allerdings gelangen. Aber Sitta, gewohnt, des Bruders Ueberlegenheit anzuerkennen, folgte gehorsam.

Und wirklich, als die Kinder jetzt um ein Gebüsch herumbogen, erblickten sie etwas ganz Wunderbares: eine Felswand lag vor ihnen, die ein mächtiges Tor bildete.

Als beide ein Stückchen in dieses Tor hineingingen, gewahrten sie etwas noch viel Wunderbareres: nämlich ein Schloß, das, aus mächtigen Felsquadern erbaut, mit jener Felswand verwachsen zu sein schien.

Mit ungemessenem Erstaunen schritten die Kinder bis zur Freitreppe, die in einen von Felsensäulen getragenen Vorbau führte. Aber was für Säulen waren das? Viel, viel dicker als die dicksten Waldbäume ragten sie mächtig empor, daß das Dach sicher auf ihnen ruhte. Und nun trat eine Frauengestalt ihnen entgegen, mit gütigem Antlitz, in langem, lichtblauem Gewande, die den kleinen Flüchtlingen winkte.

Eingeschüchtert, und doch voll Vertrauen, folgten beide der Voranschreitenden bis in ein prächtiges Gemach, in dem ein einladendes Mahl bereitstand. Obwohl die Kinder zu gern gewußt hätten, wer ihre freundliche Wirtin sei, wagten sie doch nicht zu fragen, und bei der angenehmen Beschäftigung, der sie gleich darauf oblagen, trat auch ihre Neugierde in den Hintergrund, denn Fleisch, Brot und Milch sowie die köstlichen Erdbeeren mundeten doch zu gut, besonders wenn man so hungrig war. Ihre gastliche Wirtin hatte augenscheinlich Vergnügen an ihrem Appetit und sagte, als die gesättigten Kinder ihr dankten:


»Preist’s als Glück, daß ihr gefunden
Meine stille Waldesklause,
Seid hier sicher vor Gefahren
In der Treue festem Hause.«



Die Kinder verstanden zwar den Sinn ihrer Worte nicht recht, aber sie fühlten sich sehr wohl bei dieser Frau und empfanden, daß diese es gut mit ihnen meinte. Darum folgten sie ihr auch schnell, als sie, abermals voranschreitend, ihnen winkte.

Nun standen sie in einem Garten, in dem lauter blaue Blumen blühten: Augentrost, Vergißmeinnicht, Immergrün und Enzian, daß es aussah, als läge dort ein Stück Himmel.

»Warum hast du lauter blaue Blumen hier in deinem Garten?« fragte Rainer endlich, seinen Blick zutraulich zu der Frau emporhebend, die ernst lächelnd antwortete:


»Reicher Segen blauer Sterne
Blüht in meinem Garten immer,
Blau ist das Symbol der Treue,
Denn sie liebt den blauen Schimmer.«



Bald standen sie an einem Weiher, dessen Wasser so klar war, daß man bis auf den Grund sehen konnte.

Verwundert bemerkten es die Kinder, und Rainer fragte: »Was ist das für ein Wasser?«

Da blickte die schöne Frau lange und ernst in die Kinderaugen, und in ihrer Antwort lag ein vorwurfsvoller, eindringlicher Ton, als sie, auf das Wasser zeigend, sprach:


»Ach, Tränen sind es, ohne Zahl,
Die auf der Welt in Herzensqual
Von zweiten Müttern sind vergossen,
Wenn Kinderherzen fest verschlossen
Und trotzig abgewendet blieben,
Statt solche Mütter auch zu lieben,
Auf daß sich ihre Herzen einen,
Und sie nicht ferner Tränen weinen.«



Rainer und Sitta empfanden den Vorwurf, so daß sie beschämt in die klare Flut schauten und dabei vor sich hin seufzten: »Ach!«

So leise es den Kinderlippen auch entschlüpft war, die Treue hatte es dennoch vernommen, so daß sie nach dem Grunde des Seufzens fragte.

Da sahen die Kinderaugen scheu zu ihr auf, und stockend, von heißen Tränen unterbrochen, gestanden die Geschwister der gütigen Fee alle ihre Versäumnisse gegen die Mutter und erzählten, warum sie dem Elternhause entlaufen waren. Zuletzt folgte in zagender Scheu die Frage: »Sind denn wirklich auch von unserer Mutter Tränen in diesem Wasser?«

Da nickte die Treue; ja, sie erzählte den Kindern, daß sie alles, was diese ihr mitgeteilt hatten, schon gewußt habe, daß sie auch hoffe, die Kinder würden sich nun bessern und ihrer Mutter hinfort nur Freude machen.

Beide versprachen es eifrig; sie hatten wirklich den besten Willen. Ihre Tränen versiegten schnell, als sie jetzt, die Blicke hebend, am gegenüberliegenden Ufer des Weihers ein noch nicht bemerktes Blumenfeld entdeckten, das wie eine Insel rings von Wasser umgeben erschien, und das, von lichten Sonnenstrahlen beleuchtet, in wundervollem Blau herübergrüßte. Ehe sie noch fragen konnten, hob die Treue sie in einen bereitstehenden Nachen, der ganz von selbst, pfeilgeschwind über das Wasser gleitend, im nächsten Augenblick schon an der Blumeninsel hielt.

Die Treue führte die Kinder nun dicht an die blaue Fläche, und was sahen sie? Lauter Stiefmütterchen, in den schönsten blauen Farben, daß es war, als schauten tausend und abertausend blaue Augen die Kinder an.

»O, lauter blaue Stiefmütterchen!« jubelten sie, »und so viele, viele – warum hast du ein so großes Feld davon?«

Da blickte die Treue wieder ernst auf die Kinder nieder und sagte:


»So viel treue zweite Mütter
Ich auf meinen Wegen finde,
So viel solcher lieber Blumen
Auf der Insel mir erblühen,
Daß sie mir ein Zeichen werden,
Wie viel Treue wohnt auf Erden,
Wohnt, gepaart mit Mutterliebe
In den Herzen zweiter Mütter



Da schoben sich die warmen Kinderhände zutraulich in die ihrer Gönnerin, und nochmals Besserung versprechend, stiegen die Geschwister wenige Minuten später am andern Ufer wieder aus dem Nachen, um sich zur Heimkehr zu rüsten. Sie wollten nun so schnell wie möglich wieder zu Hause sein, hatten sie doch die Scheu vor der Heimkehr fast gänzlich verloren.

Die schöne Frau gab ihnen noch ein Stück Weges das Geleit und beschrieb ihnen den Weg genau. Bevor sie sich von ihnen verabschiedete, zeigte sie auf den ihren schön geformten Arm umschließenden eigenartig gearbeiteten Goldreif, indem sie sprach:


»Seht hier den Reif von echtem Golde
Wie fest umschließt er meinen Arm,
Ein Sinnbild wahrer echter Treue,
Die gleich sich bleibt in Freud’ und Harm;
Die fest auch glaubt an gutes Wollen,
Dem Mißtrau’n wehrt, der bösen Saat.
Gelobt es mir bei diesem Reifen,
Daß ihr voll Treu’ der Mutter naht.«



Bei diesen Worten nahm sie die Hände der Kinder, sie auf dem Goldreif vereinend, und beide gelobten es freudigen Herzens. Hierauf klatschte sie in die Hände. Da kam ein schneeweißes Täubchen angeflattert, das sich auf die Schulter seiner Herrin setzte. Erstaunt sahen es die Kinder, aber noch erstaunter waren sie, als die Treue in die Luft greifend, plötzlich zwei lichtblaue Bänder in der Hand hielt, die sie leicht um Täubchens Füße schlang. Jedem Kinde eines dieser langen Bandenden in die Hand gebend, sprach sie:


»Band in lichter Bläue
– Zeichen wahrer Treue –
Soll euch der Führer sein;
Durch des Täubchens Schwingen
Soll es heim euch bringen,
Eh’ der Abend bricht herein.«



Sie ermahnte die Geschwister noch, die Bänder nicht loszulassen, denn wenn sie ihnen etwa in tändelndem Spiel entglitten, mußte Täubchen in ihr Schloß zurückfliegen und durfte sie nicht weiter führen. Dann sei sie, die Treue, machtlos, ihnen weiteren Schutz zu gewähren.

Alles gut zu beachten, versprachen die beiden, und wenn sie, als sie eilig dem Täubchen folgten, wirklich einmal stehen blieben, um einen Falter, eine schöne Blume oder was es sonst war, zu betrachten, so brauchte Täubchen nur zu rufen:


»Krrruh – kurruh –
Kinder lauft zu!«



und die Ermahnten folgten diesem Ruf.

Ein gutes Stück Weges hatten die beiden zurückgelegt, denn trotzdem es zu dämmern begann, leuchtete Täubchens Gefieder gar hell vor ihnen her, selbst die Bänder schienen sich in durchsichtige Strahlen zu verwandeln. Das machte den kleinen Wanderern Spaß. Sie schlangen spielend den leuchtenden Schmuck um Hände und Arme, daß Täubchens Mahnung öfters nötig wurde; aber beide hielten wenigstens ihre Bänder fest.

Doch jetzt lief ein wunderschöner Käfer gerade vor Rainer quer über den Weg, daß der Knabe sich neugierig bückte, denn einen so eigenartigen Sechsfüßler hatte er noch nie gesehen. Das Tier glich einem Hirschkäfer, war aber ganz gelb und glänzte dabei, als sei er aus Gold.

Rainer konnte sich an dem prächtigen Tiere nicht satt sehen, er versuchte, es zu fangen, doch aalglatt entglitt es seiner Hand, geschwind weiter laufend.

Er folgte in hastigen Schritten; der Eifrige schien für alles taub.

Vergebens mahnte Täubchen, vergebens flehte Sitta: er hielt zwar das Band fest, lief aber immer noch dem kleinen Waldwunder nach, bis dieses plötzlich verschwunden war.

Mit beiden Händen bog er Gras und Farnkräuter auseinander, fühlte er im Moose, der Flüchtling war nicht zu entdecken.

Da hörte Rainer nochmals der Schwester ängstlichen Ruf; ihm fiel zugleich die Mahnung der Treue ein, darum sprang er nun eilig durch das niedrige Unterholz, um Sitta schnellstens einzuholen.

Doch wo war denn sein Band? Ach, erst jetzt bemerkte er mit Schrecken, daß es ihm bei seinem unbesonnenen Suchen nach dem Käfer entglitten war; keine Spur des glänzenden Streifens war zu entdecken.

Eine tödliche Angst befiel ihn: wie, wenn er die Schwester nun nicht wiederfand? Vielleicht ließ auch sie, um ihn zu suchen, die gute Taube und das Wunderband im Stich? Ach, was hatte er da angerichtet! Nochmals hörte er den Ruf, und da schimmerte es auch hell durch das Grün, daß er beglückt diesem hellen Punkt zusteuerte. Doch fast erschrocken blieb er beim Näherkommen stehen, denn das, was er da sah, war ja gar nicht sein Schwesterchen, sondern eine hohe Frauengestalt, deren Aeußeres ihm noch mehr Verwunderung einflößte, als der Anblick des Käfers dies getan hatte. Genau so gelb wie das Käferkleid war nämlich das Seidengewand der Frau, das in glänzenden Falten geschmeidig von ihren Schultern herniederfloß, während das rote Haar ebenfalls gleißte.

Wie sie nun so mit den weißen Armen winkte und ihre grünlich schillernden Augen auf den Knaben heftete, glich sie einer goldenen Schlange; ihre Stimme fragte lockend: »Wohin geht denn dein Weg, mein Knabe?«

»Nach Hause will ich,« lautete Rainers kurze Antwort, denn ihm flößte die Erscheinung Unbehagen ein.

Diese schien das nicht zu bemerken, denn sie fuhr in eindringlichem Tone fort: »Und so allein geht das Bürschchen durch den Wald? War niemand bei dir?«

»Doch,« nickte Rainer, »mein Schwesterchen, aber ich verlor es aus den Augen und suche es eben.«

»Ei, das trifft sich gut,« ließ die Frau sich vernehmen, »ich sah das Kind und will dich zu ihm führen.«

Sie nahm einfach den Knaben bei der Hand, ihn mit sich ziehend, und er folgte, da er das Schwesterchen doch wiederfinden mußte.

Freilich, so weich und warm wie die Hand der Treue war die seiner Führerin nicht; ihre Finger waren knochig, und an ihrem Arm glänzte auch kein so schöner Goldreif, als die Treue ihn trug. Doch das war ja Nebensache; wenn die Frau ihn nur wieder zu Sitta führte, so mochte der Druck ihrer Finger ihn schmerzen, ihm galt es gleich.

Und wirklich! Da, – als beide um einen Felsblock bogen, kam Sitta, verweint, aber noch ihr Band haltend, daher, geführt von der guten Taube. Glückselig ob des Wiederfindens umarmten sich die Geschwister, aber selbst jetzt hielt die Kleine ihr Band sorglich fest. Dann erst gewahrte sie Rainers Begleiterin, die einige Schritte zurückgeblieben war und mit eigentümlichem Gesichtsausdruck die kleine Szene beobachtet hatte.

Auch Sitta fühlte bei ihrem Anblick ein rätselhaftes Unbehagen, doch das kostbare Seidenkleid flößte ihr trotzdem Bewunderung ein, und als die Fremde auch sie fragte, wohin sie wolle, antwortete sie freundlicher, als vorhin der Bruder.

»Also nach Hause wollt ihr, Kinder, wirklich? Ei, ei, – und fürchtet euch nicht vor Strafe?«

»Weißt du denn, warum wir fortgelaufen sind?« fragte Rainer erstaunt, denn er hatte dieser Frau kein Wort davon erzählt. Ob sie auch so allwissend war wie die andere im blauen Gewande?

»Freilich weiß ich das; ich sah zufällig durchs Fenster, als ihr das Gefäß zerbrochen hattet, und hörte recht gut, was eure Kinderfrau sagte.«

Scheu betrachteten die Geschwister die rätselhafte Frau, doch Sitta flüsterte: »Laß uns fort, Täubchen wartet.«

Wirklich ertönte auch eben das »Krrruh – kurruh – Kinder lauft zu!« warnend, fast ängstlich.

Als die gelbe Frau das Vorhaben der Kinder erkannte, lachte sie: »Es scheint mir fürwahr possierlich, daß zwei Kinder nicht schnell genug heim kommen können, um ihre Strafe zu empfangen.«

»Wir haben sie verdient und wollen sie gern tragen,« erklärte Sitta jetzt mutig, »und unsere Mutter hat uns lieb, sie darf nicht noch mehr um uns weinen.«

»Glaubt ihr wirklich, daß eure Stiefmutter um euch weint?« fragte die Gelbe spöttisch, »wer sprach euch denn solches Märlein vor?«

»Die gute blaue Frau, die Treue, hat es uns gesagt,« bekräftigte Rainer jetzt bestimmt, »und was die sagt, das glauben wir.«

»O, ihr Leichtgläubigen!« Die Unbekannte sprach es, dabei listig von der Seite blinzelnd. »Glaubt mir, eure Stiefmutter ist froh, daß sie euch los ist.«

»Aber die Treue sagte doch ganz anders; nein, du gelbe Frau bist garstig, du weißt gar nicht, wie gut unsere Mutter ist,« antworteten beide.

Doch die Unbekannte schien nicht empfindlich zu sein; sie versuchte die blonden Köpfe zu streicheln und raunte: »Ihr verblendeten Kinder, wenn ihr mir nicht glaubt, werdet ihr euer Wunder erleben.«

So und ähnlich fuhr sie fort, während sie den Kindern folgte, bis diese wieder in ihrer guten Meinung wankend wurden.

»Ja, wer weiß, vielleicht hat diese Frau doch recht,« dachten sie endlich. Und als sie noch ein Stück Weges in ihrer Begleitung gemacht hatten, seufzten sie: »Ach, wie wird es uns daheim ergehen!«

Mit triumphierendem Lächeln erlauschte die Gelbe diese Seufzer; sie wußte nun, daß ihre bösen Reden nicht ohne Wirkung geblieben waren. Die Kinder waren ihr verfallen, weil sie vergaßen, was sie unlängst der Treue gelobt hatten.

Im nächsten Augenblick schlüpfte die Gelbe durch das Buschwerk, den beiden höhnisch nachwinkend.

Die Geschwister aber schlichen nun müde und einsilbig weiter, so sehr Täubchen auch mahnte, denn ihre Zuversicht war entschwunden.

Da lief eine goldig schillernde Eidechse über den Weg, nach der Sitta sich schnell bückte, unmutig ausrufend: »Warum sollen wir so eilig heim, da es hier im Walde so viel Wunderbares gibt?« Während dieser Worte entglitt ihr das lässig gehaltene Band, was sie nicht sogleich bemerkte, denn im selben Augenblicke tummelte sich eine ganze Schar solcher Gold­eidechsen spielend vor den Geschwistern. Täubchen jedoch flog davon, traurig girrend:


»Krrruh – kurruh –
Muß zur treuen Fru, –
Melden was geschehen,
Was ich mußte sehen:
Wie die Kinder treulos sprachen,
Untreu ihr Gelöbnis brachen.«



Wohl erschrak Sitta sehr, als sie merkte, daß Band und Taube entschwunden waren, doch die letzten Worte der treuen Führerin hörten beide nicht, da sie viel zu eifrig den wunderbaren Geschöpfen folgten.

Sie verloren denn auch sehr bald den rechten Weg, daß sie endlich weinend nicht aus noch ein wußten; dazu ward es dunkler und dunkler.

Dicht vor ihnen lag ein düsterer Teich, an dessen Rande die Erlenbüsche eigentümlich rauschten. Es klang fast wie eine Lockung, doch sie wurde von einem Frosch übertönt, der aus Leibeskräften rief:


»Quak – quak – brekquequequix –
Fort! – Fort! – hier wohnt die Nix’.«



Da erschraken die beiden gar sehr, liefen in der ersten besten Richtung weiter, bis sie ganz erschöpft in das Moos sanken.

Wohin sollten sie sich nun wenden? Ihr Weinen half ihnen nichts; als sie aber wieder um sich blickten, leuchtete es seltsam durch das Dunkel: es waren glänzende gelbe Nachtfalter, die die Kinder umgaukelten. Diese, ihre Müdigkeit vergessend, suchten sie zu haschen. Sie folgten den Wanderfaltern, die alle an einer bestimmten Stelle haltmachten; es war ein Gebäude, wie die Kinder gerade noch erkennen konnten.

Doch ihre Hoffnung, es möchte das Schloß der Treue sein, wurde getäuscht. Dünn und gebrechlich erschienen die Säulen der Vorhalle, als ob jeder heftige Windstoß das ganze Bauwerk wie ein Kartenhaus umwerfen könne, und häßlich gelb waren die Schlingpflanzen, die überall wucherten.

Es blieb den Geschwistern aber kein anderer Ausweg, als hier um Obdach zu bitten, wollten sie nicht im Walde vielleicht elend umkommen.

Die Schmetterlinge zeigten ihnen schon den Weg; eine Zickzacktreppe führte hinauf bis an das ebenfalls sehr gebrechlich erscheinende Tor. Das flog im gleichen Augenblick auf, als die Kinder es erreichten, und schloß sich ebenso schnell wieder hinter ihnen.

Erschrocken blickten sie auf, als plötzlich die gelbe Frau vor ihnen stand, sie mit spöttischem Gruße bewillkommend. Ohne eine Antwort abzuwarten, führte sie beide in einen prächtigen Saal, dessen Decke von noch dünneren Säulen getragen wurde, und dessen Wände und Polster genau so gelb waren wie das Kleid der Frau.

Auch hier stand ein gedeckter Tisch bereit, doch so großen Hunger die Kleinen auch verspürten, es schmeckte ihnen nichts, obwohl der gelbe Honig, das goldgelbe Brot und der gelbe Eiertrank tadellos waren.

Nach dem Essen streckten sie sich todmüde auf die ihnen zur Ruhe angewiesenen Polster und schliefen, bis die helle Morgensonne sie weckte.

Da öffnete sich die Tür, und die listigen Augen der gelben Frau lugten um die Ecke.

Die Geschwister wußten noch nicht, wer ihre Wirtin eigentlich war, doch sprangen sie auf, um sie zu begrüßen.

Sie zog beide Geschwister ohne viel Worte mit sich in den Garten, der sich weithin erstreckte; doch wie sonderbar war der beschaffen! Alles gelb, wohin das Auge blickte: Goldregen, Hahnenfuß, Löwenzahn, Arnika, Strohblumen und andere gelbe Blumen, daß es den Augen ordentlich weh tat.

Rainer verlieh seinen Gedanken zuerst Worte, indem er enttäuscht ausrief: »Ach, dein Garten ist wüst, – den mag ich nicht anschauen. Hast du keinen Weiher und keine blauen Stiefmütterchen wie die Treue?«

Da ward das Lächeln der Frau sauer, als ob sie Essig geschluckt hätte, und schrill klang ihre Stimme, als sie jetzt antwortete: »Ei, mein Söhnchen, meine Pflegeschwester hat es dir wohl angetan mit ihrem langweiligen blauen Garten? Ich könnte auch einen solchen haben, wäre ich nicht meiner Pflegemutter entlaufen. Ja, ihr Kinder, ich habe es ähnlich gemacht wie ihr selbst. Eure blaue Freundin und ich wuchsen bei einer alten, ernsthaften Frau auf, bei der Weisheit, die sehr eifrig bemüht war, uns zum Wohle der Mitmenschen zu erziehen. Auch ich mußte damals blaue Kleider tragen, denn ich sollte ebenso wie meine Pflegeschwester umherziehen und die Menschen treuer und besser machen. In unserer freien Zeit mußten wir beide unserer Pflegemutter helfen, Schicksalsfäden zu spinnen, die sie gebrauchte, um Eigenwillen, Oberflächlichkeit und andere Fehler der Menschen damit zu binden; sie hat die Schicksale vieler Menschen in andere, bessere Bahnen geleitet. Ich aber konnte der alten wunderlichen Frau die Sache nie recht machen; ich hatte auch zu ihren Arbeiten keine Lust, was gingen mich die Schicksale der Menschen an? Genug, ich entwischte eines schönen Tages, schuf mir ein Heim nach meinem Geschmack, lebte frei, wie ich wollte, kurz, ich wurde das gerade Gegenteil meiner Pflegeschwester.«

»Dann bist du wohl die Untreue?« fragte Rainer erschrocken, – und als die Gefragte mit einem leichtfertigen »Ja« antwortete, ergriff er schnell die Hand des Schwesterchens, um so schnell wie möglich dem unheimlichen Bereich der Schlimmen zu entfliehen.

Doch schon vertrat die Gefürchtete ihnen schadenfroh den Weg. »Wer mir verfallen ist, den gebe ich nicht wieder frei, ihr seid untreu geworden, darum seid ihr nun in meiner Macht, und zwar so lange, bis ihr mir gesagt habt, wie viele Blumen in meinem Garten blühen. Kommt!«

Es half kein Bitten, kein Weinen; sie zog die Kinder unsanft an einen Sumpf, auf dem häßliche gelbe Blumen wucherten.

»So, ihr fragt nach meinem Weiher. Hier ist er; das sind Tränen, die aus Zorn, Bosheit, Heuchelei und dergleichen mehr von den Menschen vergossen worden sind. Und seht ihr, dort stehen auch Stiefmütterchen, alle gelb, so wie ich es liebe, und die zeigen, wieviel böse Stiefmütterchen es gibt, denn allemal, wenn ich eine solche finde, wächst hier eine neue Blume hinzu.«

»Die Treue hatte viel mehr Stiefmütterchen,« flüsterte Sitta dem Bruder zu, und dieser antwortete ebenso: »Ja ich glaube es jetzt auch, daß es viel mehr gute Stiefmütter gibt als böse.«

Die Untreue bekam vor Aerger über diese Worte ein ganz gelbes Gesicht und herrschte die Kinder an: »So, nun zählt!«

Die Kleinen fingen schluchzend an; aber alle Augenblicke verzählten sie sich, und wie sie von vorn anfingen, war hier eine Blume welk geworden, dort eine neue aufgeblüht, und so kamen sie nicht zustande mit ihrer Arbeit.

Am Abend frohlockte die Untreue: »Ihr werdet noch bis zum jüngsten Tage zählen können, – niemals könnt ihr frei werden.« Und als die Kinder sie inständig baten, sie doch fort zu lassen, antwortete sie höhnisch: »Habe ich euch darum mit Goldkäfern, Eidechsen und Schmetterlingen hergelockt? Nein, ich lasse euch nicht frei, eure Stiefmutter müßte euch denn erlösen; aber die wird sich wohl hüten, um euretwillen sich in Gefahr zu begeben.« –

Es waren seit dem Verschwinden der Kinder schon mehrere Tage vergangen, die den trostlosen Eltern wie eine Ewigkeit erschienen, denn alles Forschen und Suchen war bisher erfolglos geblieben.

Soeben ritt der Vater mit einigen Knechten in die umliegenden Dörfer, um daselbst nochmals zu forschen, und Frau Irmela saß bleich und verweint am Fenster. In den letzten Nächten war kaum Schlaf in ihre Augen gekommen, so daß ihre Lider jetzt schwer herabsanken.

Wie lange ihr Schlummer gewährt hatte, wußte sie nicht, doch wundersam gestärkt erwachte sie plötzlich durch den Gesang einer Schwarzdrossel, die, auf einem Holderbusch dicht vor dem Fenster sitzend, schon eine Weile die Schläferin anäugte. Nun flötete sie:


»Türü – türo – tüu –
So höre, gute Fru, –
O höre, hör’ mir zu,
Türu – türo – tüu.«



Als Frau Irmela sich erstaunt hinausbeugte, – wippte Frau Drossel gar wichtig mit dem Schwänzchen und schmetterte:


»Türitri – türio – türiei –
Sind im Walde die törichten zwei,
Sind gefangen und wünschen sich frei, –
Türitri – türio – türiei.«



Da ward Frau Irmela sehr erschrocken und seufzte laut: »Ach, wenn du mir den Weg zeigen willst, liebe Drossel, will ich mit dir gehen, um die Verlorenen zu suchen.«

Schnell warf Frau Irmela dem Vogel einige Atzung hinaus, versah sich selbst mit dem Nötigsten, steckte auch ihren goldenen Patenbecher, ein ihr besonders wertvolles Andenken, zu sich und eilte bald, unbekümmert um Frau Barbes Zetern, in den Wald.

Schwerer und schwerer ward Frau Irmelas sonst so leichter Schritt, als sie viele Stunden gewandert war, denn ihr hoffender Mut schwand, da alles Rufen, Suchen und Forschen vergeblich blieb.

Da stieß sie einen Ruf des Erstaunens aus, denn dicht vor ihr schimmerte es blau durch das Gebüsch, und als Irmela das Grün zurückbog, fiel ihr Blick auf eine schöne Frauengestalt, die eben beschäftigt war, ein umgebogenes Bäumchen wieder aufzurichten. Sie schaute mit milden blauen Augen zu der Wandermüden auf, die ihr vertrauensvoll von ihrem Gram erzählte und sie angstvoll fragte, ob sie die Kinder nicht gesehen habe.

Die blaue Frau, die natürlich niemand anderes war als die Treue, erzählte der Betrübten, was sie von den Kindern wußte.

Frau Irmela hörte erbleichend, daß diese trotz der besten Vorsätze in die Hände der Untreue gefallen seien, und sagte schnell, daß sie die Kinder befreien wolle, wenn sie nur den Weg zu deren Aufenthaltsort wüßte.

Da erzählte die Treue ihr die Geschichte ihrer einstigen Pflegeschwester, wie sie die Kinder von der Untreue selbst erfahren hatten; nur daß sie noch berichtete, wie ihnen, die man beide die »Treue« nannte, einst der gelbe Neid begegnet sei, dessen bösen Einflüsterungen es gelang, die andere ihrer Pflicht abwendig zu machen.

Während beide Frauen so durch den Wald dahinschritten empfand Frau Irmela deutlich, wie die Nähe ihrer holden Begleiterin ihr neuen Mut und neue Kräfte verlieh, so daß alles Zagen von ihr gewichen war, als die Treue stehen blieb und, auf das eben erreichte, vom letzten Abendschein beleuchtete Haus der Untreue deutend, also sprach:


»Ueber dieses Hauses Schwelle
Mußt du ungeleitet schreiten,
Auch allein, Stiefmütterchen,
Sei getrost, ich harre dein.
Kann dir doch vielleicht noch nützen,
Du getreue, zweite Mutter,
Ob auch Untreu’ Schlimmes sinnt:
Sei getrost, Stiefmütterchen!«



Frau Irmela stieg mit erwartungsvollem Herzklopfen, aber doch von froher Zuversicht erfüllt, die Zickzacktreppe hinan.

Da trat ihr die gelbe Untreue hämisch lächelnd entgegen. Frau Irmela fragte nach den Kindern.

»Ha, ha, ha, eine Stiefmutter will ihre nichtsnutzigen Stiefkinder erlösen,« gellte die höhnische Entgegnung so laut, daß Rainer und Sitta sie deutlich vernahmen und herbeieilten, um zu Frau Irmela zu flüchten.

Einen Augenblick sah die Untreue der kleinen Szene beglückten Wiederfindens zwischen Mutter und Kindern zu, dann entriß sie die Kleinen mit hartem Griff den Mutterarmen, und hart klangen ihre Worte: »Halt! Noch seid ihr nicht aus meinem Bann erlöst, denn ebensowenig, wie ihr meine Blumen zählen könnt, wirst du, Stiefmutter, deine Aufgabe lösen: Irgendwo im weiten Walde sprang mein Goldreif von meinem Arme; ich suchte ihn vergeblich, den mußt du mir verschaffen.«

Wohl war es ihr sehr hart, die Kinder noch länger der Willkür der schlimmen Frau preisgegeben zu wissen, doch wollte Frau Irmela nicht rasten, bis sie das Rettungswerk vollbracht hatte.

Beide Hände streckte sie der Treue entgegen, erzählte ihr alles, fragte, welche Bewandtnis es mit dem Goldreif habe, und bat dann um Rat und Hilfe.

Die Gütige versprach, ihr beizustehen, zeigte auf ihren fest um den Arm geschmiedeten Goldreif und gab die Auskunft:


»Sie trug den gleichen Reifen
Als Pflegeschwester mein,
Solang’ sie treu den Pflichten
Blieb makellos und rein.
Doch als sie untreu wurde,
Sprang ihr der Reif entzwei,
Sprang hüpfend fort; im Dickicht
Fand ihn die Wasserfei.
Sie nahm das Kleinod mit sich,
Den Reif von Golde schwer,
Barg ihn in Wassers Grunde, –
Kein Aug’ erblickt ihn mehr.
Im dunklen Nixenweiher
Liegt er seit jener Nacht,
Im tiefen, tiefen Walde,
Wo Nixe ihn bewacht.«



»Ich bitte dich, du allzeit Getreue, zeige mir den Weg zu jenem Nixenweiher und sage mir, was ich tun soll, daß die Nixe mir den Goldreif gibt,« flehte Frau Irmela, und ihre Führerin nickte Gewährung, sie weiter und weiter in das Waldesdunkel hineinführend.

Aber auch ihre Gegnerin schlummerte nicht. Mit höhnischem Lächeln schlich sie in der Nacht an den Sumpf in ihrem Garten, wo zu dieser Zeit immer ihre Lieblinge, die Irrlichter, zu tanzen pflegten.

Die gelbe Gestalt winkte dem größten der Irrlichter, das gehorsam wie ein Hund sogleich herangehüpft kam. Mit beschwörender Gebärde raunte die Untreue:

»Wachse und glühe und bleib’ mit zur Seite,
Sei mir im Walde willkomm’nes Geleite.«

Hochauf reckte sich das Irrlicht, um dann in unruhigen Sprüngen bald sich duckend, bald hell aufleuchtend, seiner Herrin zu folgen, die sogleich im dichten Walde verschwand. Einmal glaubte sie, Frau Irmela in der Ferne zu erspähen, da zischte sie:

»Flimm’re, du Irrlicht, in flackerndem Tanze,
Hüpfend und gleißend in wechselndem Schein;
Führ’ in die Irre den nächtlichen Wand’rer,
Weitab vom Ziele noch tiefer waldein.«

Frau Irmela machte ihre Gefährtin auf den hüpfenden Lichtschein aufmerksam und bat, man möge doch zu jener Stelle eilen. Aber die Treue hob warnend die Hand, zog Stiefmütterchen nach der entgegengesetzten Richtung und mahnte:


»Untreu’ – Irrlicht – sind Gefährten,
Die wohl gerne sich gesellen!
Hüte dich vor ihnen beiden,
Wo sie deinen Weg verstellen.

Hüte dich vor ihren Ränken,
Ihrer Tücke, ihrem Flirren, –
Laß ihr Gleißen dich nicht kümmern,
Geh’ den rechten Weg ohn’ Irren.«



Immer dunkler ward das Dickicht, bis die Führerin erklärte, daß sie dem Nixenweiher ganz nahe seien.

Der Nixe im Weiher war es in dieser Nacht besonders behaglich zumute; sie ließ ihre weißen Arme vom Wasser benetzen und spielte mit einem schweren Goldreif.

Jetzt gerade versenkte sie den Schatz wieder in die Tiefe, legte das Haupt auf ein Wasserrosenblatt und flüsterte:


»Rauschet, ihr Erlen
Leis in der Nacht;
Rauschet und säuselt,
Unke hält Wacht.
Wiege mich in Schlummer
So lieblich und schön
Durch eurer Lieder
Flüsternd Getön;
Wiegt mich, ihr Wellen,
Schwarz wie die Nacht, –
Nixe will träumen,
Unke hält Wacht.«



So sanft auch die Erlen rauschten, und so leise die Unke auch ihr »unk – unk –« rief, der Nixenschlummer währte nur eine kurze Spanne Zeit, denn Frau Irmela stand jetzt am Ufer des Weihers, der Nixe ihre Bitte vortragend.

Die Wasserfei glaubte zu träumen, denn außer der Untreue, die mit ihren Irrlichtern hier öfter vorbeikam, und außer den zwei wandermüden Kindern, die sie vor Tagen erblickt hatte, war seit langer Zeit niemand in ihre Nähe gekommen.

Die Arme im Nacken verschlungen, blinzelte die Nixe zu der jungen Frau hinauf.


»Du suchst den Reifen schwer von Gold,
Dies Kleinod ich dir geben sollt’?
Gib mir ein andres Kleinod schnell,
Den Patenbecher blinkend hell.«



Kalt wie Wasserflut klangen die Nixenworte, daß Frau Irmela erschauerte. Ach! gerade dieses Andenken herzugeben, ward ihr schwer, doch zog sie den Becher sogleich hervor, indem sie antwortete: »Nimm ihn, Nixe, denn die Kinder sind mehr wert als schnödes Gold. Gib mir den Reifen.«

Die Nixe griff hastig nach dem Becher, ihn sofort in die Tiefe versenkend. Dann sprach sie wie vorhin:


»Für den Becher hier von Gold
Ich den Reifen geben sollt’?
Größ’rer Schatz der Reif mir war,
Gib mir noch dein goldnes Haar.«



Stiefmütterchen erschrak, denn diesen Schmuck des Hauptes gibt wohl niemand gern her.

Aber trotzdem. Seufzend nahm sie den von der Nixe dargereichten messerscharfen Binsenhalm in Empfang, mit dem sie in Ermangelung einer Schere ihr Haar abschnitt.

Kaum hatte die Nixe es erhalten, als sie, mit kaltem Blick die Opfermutige betrachtend, ihr zurief:


»Im Nixenteich die Wasserfei
Gibt ihren Goldreif noch nicht frei, –
Sie heischt dafür der Dinge drei!« –



Händeringend stand Frau Irmela am Ufer, ratlos stammelnd: »Was ich besaß, gab ich dir, willst du vielleicht noch meine goldnen Nadeln?«

Verächtlich blickte die Nixe auf den Schmuck. Dann fuhr sie fort, – und es klang hohl wie das Gurgeln des Wassers:


»Der Reif in sich’rer Tiefe ruht, –
Zeig’ erst noch größern Opfermut,
Gib mir von deinem Herzensblut



Als die Nixe untertauchend, im nächsten Augenblick den Goldreif verlockend emporhielt, ergriff Frau Irmela entschlossen eine der langen Nadeln, um sie in ihr Herz zu stoßen.

Doch in diesem Augenblick höchster Lebensgefahr wurde ihre Hand von der starken Hand der Treue ergriffen und abgelenkt. So stach sich Stiefmütterchen nur in die Hand, und einige rote Blutstropfen fielen ins Wasser. Der Nixe Macht war gebrochen. Sie war im Wasser verschwunden; am Ufer aber lag der Goldreif. –

Die Untreue hatte mit ihrem Irrlicht den nächtlichen Wald kreuz und quer durchwandert und war gerade von fern Zeugin gewesen, als Stiefmütterchens Nadel das Herz suchte.

Triumphierend, mit schadenfrohem Gelächter war sie Ihrer Behausung zugeeilt, wähnend, daß die ihr unbequeme Frau ein Opfer ihres Wagemutes geworden wäre. Sie rüttelte die Kinder unsanft aus dem Schlaf und schrie ihnen zu: »Eure Mutter gab der Nixe ihr Herzblut, sie ist tot, darum wartet nicht mehr auf Erlösung, sondern beginnt euer Tagewerk.«

Rainer und Sitta weinten bitterlich, als sie solches vernahmen, und schluchzten: »Wir sind an allem schuld!«

Aber kaum hatten sie also geklagt, als Stiefmütterchen, von der Treue geführt, über die Schwelle trat. Noch bleich und mit abgeschnittenem Haar erschien Frau Irmela ihnen fremd, aber da blickten schon ihre gütigen Augen tief in die Kinderherzen hinein, während ihre Arme die reuig Schluchzenden umschlangen, und ihr Mund flüsterte: »Habt mich lieb, Kinder, seht, ich habe euch erlöst.«

Dann trat sie festen Schrittes zu der gelben Frau, reichte ihr den Goldreif und sprach: »Ich hielt mein Wort; nun halte du das deine

Erdfahl vor Schrecken hatte die Untreue alles gesehen und gehört. Da trat die Treue hervor, deren schöne blaue Augen die einstige Pflegeschwester sowie auch die Kinder fest anblickten, während sie sprach:


»Seht, welch treue zweite Mutter,
Die voll Mut ihr Leben wagte,
Um zwei Kinder zu erlösen!
Tief im Grund des Nixenteiches
Lag der goldne Reif begraben,
Der als Lösungspreis erkoren.
Ihren goldnen Patenbecher
Gab sie hin als Opfergabe, –
Doch war Nixe unersättlich,
Heischte auch die goldnen Haare,
Und zuletzt sie gleich dem Vampyr
Selbst ihr Herzblut noch begehrte.«



Kein Wort wagte die Untreue zu erwidern, sie sank wie vernichtet in sich zusammen, als die Treue mit erhobener Stimme fortfuhr:


»Untreu sein,
Schafft nur Pein,
Bringt manch Leid und Schmerzen,
Friedlos macht’s die Herzen.
Aber Treu’
Schenkt stets neu
Glück und Ruh hienieden,
Und gibt Herzensfrieden!«



Jubelnd dankten Rainer und Sitta dem treuen Stiefmütterchen und ihrer Gefährtin, beiden aufrichtig Besserung gelobend.

Glückselig, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen, schritten alle vier bei dem ersten Morgenstrahl durch den Wald.

Plötzlich sprang an ihnen ein Goldreif vorüber. Die Treue hob ihn auf, es war wirklich der Reif der Untreue, der noch die Spuren vom Schlamme des Nixenteiches an sich trug.

Doch als die Treue ihn mit ihrer Hand berührte, schwanden auch diese häßlichen Zeichen einer sündigen dunklen Zeit. Die Treue streifte das Kleinod schnell über Frau Irmelas Arm, und da sie ganz in der Nähe der Heimat angelangt waren, nahmen sie bewegten Abschied. Noch lange fühlte die treue zweite Mutter den herzlichen Abschiedskuß der Freundin, noch lange glaubte sie die liebe, sanfte Stimme zu hören:


»Will, Stiefmütterlein, dir zum Angedenken,
Als Lohn der Treue den Goldreif schenken;
Er sei dir auf fernerer Lebensbahn
Ein Pfand meiner Freundschaft, ein Talisman,
Der niemals vom Arme der Pflichttreuen springt,
Der immer nur Segen und Glück dir bringt!«



Frau Irmela fand noch ihren geliebten Patenbecher, auf dem altgewohnten Platze stehend, als letzten Abschiedsgruß der Treue vor.

Die Prophezeiung derselben erfüllte sich an Frau Irmela. Noch viele glückliche Jahre lebte Stiefmütterchen mit Gemahl und Kindern zusammen in Liebe und Treue verbunden. Rainer und Sitta machten ihrer zweiten Mutter hinfort nur Freude. O, wie oft schauten sie auf Frau Irmelas kurze Haare, dachten an den verschwundenen köstlichen Haarschmuck und bemühten voll Reue doppelt, ihr Dankbarkeit und Liebe zu zeigen.

Nur langsam wuchsen die Haare wieder, aber endlich umgaben sie noch prächtiger, noch länger als früher die edle Gestalt.

Und wenn irgend einmal etwas Irmela bekümmerte, so betrachtete sie nur ihren Goldreif, dann war ihr jedesmal, als höre sie die Stimme der geliebten Freundin:

»Sei getrost, Stiefmütterchen!«




Das dankbare Heinzelmännchen

Zu jener Zeit, als es noch Heinzelmännchen gab, da lebte in Köln am Rhein ein Goldschmied namens Anselm Schmitz, der sich bei seinen Mitbürgern großen Ansehens erfreute, denn er galt als streng rechtlicher Mann, der überdies in seinem Handwerk der geschickteste Meister weit und breit war. Er wohnte auf altererbtem Grund und Boden, und sein Haus mit den spitzen Giebeln und bleigefaßten Fen­stern, hinter denen Lavendel und Rosmarin dufteten, blitzte von oben bis unten vor Sauberkeit. Das machte, weil dort Regina, des Meisters einziges Töchterlein, schaltete und waltete, die trotz ihrer Jugend – sie zählte kaum achtzehn Jahre – mit Hilfe der alten, treuen Brigitte alles so hielt, wie es die verstorbene Mutter bei Lebzeiten getan. Was Wunder, daß das Mägdlein des Vaters Augapfel war und alles Gold und Edelgestein, das Meister Anselm zu verarbeiten hatte, ihm nicht so kostbar dünkte als sein einziges Kind, zumal dieses außerdem nicht nur hübsch, sondern vor allem sittsam und bescheiden war.

Eines Tages gab es einige Aufregung in Mei­ster Anselms Hause, denn der Stadtbüttel war gekommen, um ihm im Namen des hohen Rates der guten Stadt Köln sogleich auf das Rathaus zu entbieten.

In der Werkstatt schüttelten beide Gesellen verwundert die Köpfe. Konrad, der kürzlich erst zugewanderte älteste Geselle, lachte hämisch: »Wer weiß, vielleicht wollen sie dem Meister gar an den Kragen; wird auch kein Engel sein.«

»Schäm’ dich, Konrad,« fiel Wendelin, der Jüngere, ihm ins Wort, »wüßt’ nicht, aus welcher Ursach’ du von unserem ehrenwerten Meister also reden dürftest; magst vielleicht von dir auf andere schließen.«

Wendelin, der sich nach dieser Antwort eben bückte, um des Meisters Schemel aufzuheben, sah Konrads giftigen Blick nicht; er ging fleißig und geschickt wieder an seine Arbeit, ohne sich weiter um den anderen zu kümmern, der mürrisch dreinschaute und sich nicht beeilte, in seinem Tagewerke weiter zu kommen.

Regina dachte natürlich, während sie das Mittagsmahl bereitete, auch immer wieder nach, was man wohl auf dem Rathause so eilig von dem Vater begehren möchte.

Endlich hörte sie des Vaters Schritte. Sie eilte aus der Küche und stand bald, das rosige Ohr dicht an die Tür der Werkstatt gelegt, und – horchte. Da fühlte sie sich im Augenblick am Kleide gezupft, daß sie sich erschrocken umwandte. Nichts war zu sehen; sie mußte sich geirrt haben. Doch da wisperte es vom dunkeln Treppenwinkel her ganz deutlich:


»Aber, Reginchen,
Neugierig Trinchen, –
Horchst an der Tür? –
Dacht’s nicht von dir!« –



und dann war’s, als ob ein kleines Etwas wie ein Wirbelwind auf winzigen Holzpantöffelchen, klick-klack, klick-klack, die Treppe hinab über den Flur bis in den Keller hinunter sauste.

Sie eilte hinab.

An der Kellertür rüttelte sie beherzt; die war ordnungsmäßig verschlossen. »Ich muß mir das eingebildet haben; vielleicht war’s auch das böse Gewissen,« suchte Regina sich das Unbegreifliche zu erklären und begab sich wieder hinauf in die Wohnung, um das Essen anzurichten.

Als Vater und Tochter nach dem Mahle allein waren, erzählte Meister Anselm sogleich, daß man ihn so eilig aufs Rathaus berufen habe, um ihm mitzuteilen, daß der hohe Rat ihm eine große Ehre zugedacht habe. Ein benachbarter kunstsinniger Reichsfürst habe den hohen Rat ersucht, von dem geschicktesten Goldschmied der guten Stadt Köln ihm eine kostbare güldene Kette fertigen zu lassen. Der hohe Rat habe nun einstimmig ihn, den Meister Anselm Schmitz, als den dieser Ehre Würdigsten befunden und ihm heute in aller Form den Wunsch des Fürsten in allen Einzelheiten eröffnet. Natürlich habe er, Meister Anselm, sich hocherfreut bereit erklärt, sein bestes Können daranzusetzen, um seinen fürstlichen Auftraggeber sowohl als auch den hohen Rat zufriedenzustellen. Letzterer, so berichtete der Goldschmied weiter, wolle dem Fürsten ein Ehrengeschenk stiften, und zwar in Gestalt eines kostbaren Gürtelschlosses für seine hohe Gemahlin. Es solle ein Wettbewerb sämtlicher Gesellen stattfinden, und wer von ihnen binnen drei Wochen das schönste Gürtelschloß angefertigt habe, der dürfe eine besondere Auszeichnung erwarten.

Und in der Werkstatt Meister Anselms ward nun gezeichnet, gestrichelt, probiert, gehämmert, geschmiedet, daß es eine Freude war, bis sich endlich die einzelnen Glieder der schweren Goldkette so kunstvoll und eigenartig ineinander zu fügen begannen, wie es bis dahin selbst Meister Anselm noch nicht fertiggebracht hatte.

Wendelin, der nach bestem Können dem Meister dabei zur Hand war, entwarf dazwischen Muster um Muster zu seiner eigenen Preisarbeit, schmiedete und schmiedete; aber so, wie die Sache ihm vorschwebte, wollte sie ihm nie gelingen. Und doch! Wie viele Hoffnungen knüpfte er an einen Erfolg! Schon fünf Tage der gestellten Frist waren um, und noch immer hatte Wendelin das Modell zu einem Gürtelschloß, wie er es sich vorstellte, nicht fertiggebracht. Wie konnte sein Gesellenhammer auch so feine Gebilde der Kunst schaffen wollen.

Wendelin ward ganz traurig. Meister Anselm bemerkte es und sprach abends zu Regina: »Fleißiges Tagewerk schafft durstige Kehlen; hole uns darum heute zu gutem Gelingen vom alten Aßmannshäuserwein herauf. Eine Kanne für mich, eine für Konrad und eine für Wendelin; du weißt schon, Reginchen. Halt, du magst meinetwegen auch dem Wendelin den Schlüssel anvertrauen, er wird den lange nicht gebrauchten Hahn auch besser drehen können, als Weiberhände dies vermögen.«

Wendelin, der dem Meister schon oft beim Weinabziehen und bei allerlei Hantierung im Keller geholfen hatte, stand denn auch nach wenigen Minuten vor dem Faß, das alsbald von seinem kostbaren Inhalt der ersten Kanne spendete, ebenso der zweiten, die er schnell zu den Wartenden hinauftrug.

Nun war er wieder unten, um bescheiden seine Kanne nur zum Teil zu füllen.

Eben drehte er den Hahn zu, als er hinter sich ein eigentümliches Klappern vernahm, so etwa, als ob ein Mäuslein in Holzpantöffelchen angesprungen käme; dazu wisperte es:


»Kluck, kluck, kluck, kluck, kluck
Läuft es in den Krug, –
Hast noch nicht genug!« –



Wendelin spähte erschrocken bei dem unsicheren Licht der Oellaterne in die Dunkelheit, doch konnte er nichts entdecken.

Doch da war wieder das Klappern – jetzt ganz nah – klick-klack, klick-klack –, und dabei hörte der Ueberraschte nun ganz deutlich ein feines Stimmchen:


»Schlipp-schlapp, schlipp-schlapp,
Schleicht sich heran
Tripp-trapp, tripp-trapp,
Der Heinzelmann,
Klipp-klapp, klipp-klapp,
Auf Klappersohlen,
Gripp-grapp, gripp-grapp,
Sich Wein zu holen.«



Wendelin, obwohl keineswegs furchtsam, erschrak nun doch ein wenig, bekreuzte sich und leuchtete dann schnell hinter sich.

Da, ein ganz, ganz kleines Männlein war’s, mit grauem Hängebart, einem ledernen Wämslein und ebensolchem Käpplein. Die Füßchen steckten in den niedlichsten Holzpantöffelchen, die Wendelin je gesehen, und die kleinen Hände hielten ihm ein silberglänzendes Kännlein entgegen, während der Kleine flehte:


»Von dem Wein
Schenk’ mir ein
Ein paar Schluck –
Kluck, kluck, kluck!«



»Es ist ja mein Eigentum, darum darf ich’s schon gewähren,« dachte Wendelin und entgegnete freundlich: »Weiß ich auch nicht, wie du hier in den Keller gelangtest, und wer du bist, so geb’ ich dir doch gern, was du erbeten hast. Du hast wohl großen Durst?«

Das Männlein schüttelte den Kopf, hob abermals sein Kännlein hoch und tuschelte:


»Heinzelkönig ist so krank,
Davon ward mir Kunde;
Brauchte guten Wein zum Trank
Gleich in dieser Stunde.
Heinzel-Heinzel-Heinzelmännchen
Wünscht sich darum Wein im Kännchen.«



Ohne Zögern goß Wendelin nun den für ihn bestimmt gewesenen Trank in das blinkende Gefäß, und merkwürdig: so klein dieses aussah, schien es doch, als ob es nie voll würde; denn es schluckte den ganzen Inhalt aus des Gesellen Kanne, daß auch kein Tröpflein für diesen darin blieb.

Heinzelmännchen deutete mit bedauernder Gebärde auf des Spenders Kanne und ermunterte Wendelin:


»Sollst nicht leer ausgahn,
Oeffne schnell den Hahn;«



doch der Angeredete erwiderte: »Ich bin ja nicht krank wie dein König und will meines Meisters Eigentum in Ehren halten; habe auch keinen so großen Durst. Einem Heinzelmann zuliebe litte ich gern welchen, denn, wie du wohl weißt, schätzt man in unserer Stadt dein Völkchen sehr.«

Und weil der Wendelin nun unversehens ins Erzählen gekommen war, so erfuhr der kleine Mann bald alles, alles; selbst das, was niemand ahnen sollte: daß es nämlich sein größter Wunsch sei, einmal um Regina werben zu dürfen. Er habe aber, fuhr er fort, als armer Geselle wenig Aussicht, sein Ziel zu erreichen, und wolle darum mit Fleiß und Eifer vorwärtsstreben.

Das Heinzelmännchen wiegte nachdenklich das Haupt hin und her, zwinkerte dann vertraulich mit den Augen und kicherte:


»Wen, denkst du wohl, ich kürzlich – lauschend – traf?
Regina, sie, die sonst so lieb und brav!
Ich schlich herfür‚ –
Vertrau’s nur dir.« –



Wendelin aber entgegnete: »Und wenn sie auch gehorcht hätte – Regina Schmitz bleibt doch die beste, tugendhafteste und begehrenswerteste Jungfrau von ganz Köln.«

Das Heinzelmännchen nickte beifällig:


»Auf Wiedersehn und vielen Dank
Für deinen, kluck-kluck, Labetrank. –
Ich kenn’ den Weg hier um die Fässer;
Verrat’ mich nicht, das taugt dir besser;«



und davongeschlüpft war das Heinzelmännchen, ohne daß der Zurückbleibende hätte sagen können, wo es geblieben sei. Nur ganz entfernt glaubte er noch das Klappern der Holzpantöffelchen zu vernehmen.

Konrad ließ es an Sticheleien nicht fehlen, als Wendelin in das Wohngemach trat. »Hast wohl erst alle Fässer durchgekostet und sogar schon deinen Krug auf dem Wege leergetrunken? Scheinst ein Heimlicher zu sein,« lachte er spöttisch; doch Meister Anselm fuhr dazwischen: »Laß deine spitzen Reden, Konrad; ich wollte, ich hätte mein Lebtag nur solche Gesellen gehabt, wie der Wendelin einer ist. Mir scheint, als wären seine Gedanken nicht bei der Sache.«

»Ihr könnt recht haben, Meister,« nickte Wendelin zerstreut, »ich glaube, ich habe im Keller schon geträumt.«

»Dann geh’ und schlaf’ aus,« lachte der Goldschmied, »hast heut zu eifrig geschafft.«

Der folgende Tag war ein Sonntag voll Sonnenschein. Da wanderte der aus der Kirche kommende Wendelin bis hinaus zu seinem Lieblingsplätzchen jenseits der Stadtmauer, wo das Zwitschern der Vögel und das Rauschen der Bäume ihn so traulich begrüßten. Zu seinen Füßen breitete sich der grüngoldige Rheinstrom majestätisch aus. Wendelin blickte, an Regina denkend, hinab, als wolle er bis auf den Grund des Wassers sehen; dann seufzte er: »Könntet ihr Rheinwellen mir doch sagen, wo ich die in eurer Tiefe ruhenden Schätze zu finden vermöchte, von denen alte Sagen künden!«

Da hörte er leise seinen Namen rufen und gewahrte freudig erstaunt das ihm schon so vertraute freundliche Gesicht unter der Zipfelmütze, welches aus einer Mauerspalte hervorlugte.

Wendelin begrüßte das Männchen herzlich, das mit warnend erhobenem Fingerlein mahnte:


»Laß des Rheines Schätze ruhn,
Frommt dir jetzo bess’res Tun.
Gold macht glücklich nicht allein,
Hat oft trügerischen Schein.
Arbeit, Fleiß, Geschicklichkeit
Sind ein Gut, das mehr erfreut,

Das noch mehr als Gold dich ehrt
Und dein Glück gar bald vermehrt.
Obendrein auch bringt es schon
Selbstverdienten goldnen Lohn!«



»Liebes Heinzelmännchen,« pflichtete Wendelin bei, »du hast recht; mein Wunsch war töricht. Aber ich bin so niedergedrückt, denn meine Geschicklichkeit will jetzt nimmer ausreichen, die Vorbilder auszuführen, die ich in Gedanken vor mir sehe!«

Heinzelmännchen blickte so freundlich, daß Wendelin zu fragen wagte: »Aber sage mir, wie kamst du, liebes Heinzelmännchen, am hellen Tage hierher an das Stadttor?«

Kichernd verschwand der Kleine plötzlich im Geröll, um gleich darauf an einer andern Stelle auftauchend, zu antworten:


»Heinzelmann hat allerorten
Wohl bei Tag und auch bei Nacht
Seine Fensterlein und Pforten,
Wo er heimlich lauscht und wacht:
Sieht dann, wo die Menschen bleiben,
Was sie tun und was sie treiben. –«



»Demnach ist euer Reich wohl sehr groß?«


»Heinzelreich ist nimmer klein,
Reicht tief drunten bis zum Rhein,
Wo im Grund die Nixen wohnen
Bei versunk’nen Königskronen.«



Ganz leise flüsterte er weiter:


»Heute, wenn zur Mitternacht
Alles schläft im Goldschmiedhaus,
Nur noch wachen Ratt’ und Maus:
Schleiche dann zum Keller sacht.«



»Wie sollt’ ich da hinunterkommen?« wandte Wendelin ein. »Regina hält ihn stets verschlossen.«

Da raunte Heinzelmännchen:


»Heinzel-Heinzel-Heinzelmann
Alle Türen öffnen kann –«



und war verschwunden, ehe Wendelin noch etwas entgegnen konnte.

Pünktlich um Mitternacht schlich Wendelin vorsichtig, damit der nebenan schnarchende Konrad nicht erwache, aus seinem Kämmerlein die Bodentreppe hinab, bis er endlich voll Erwartung vor der Kellertür stand.

Plötzlich sprang die schwere Tür lautlos auf; da stand Heinzelmännchen mit einem winzigen Grubenlichtchen vor ihm und leuchtete kichernd in Wendelins Antlitz.


»Bist wohl gar erschrocken,
Weil ich komm’ auf Socken?«



Wendelin nickte lachend, während das Männlein tuschelte:


»Klipper-klapper-Heinzelschuh’
Stören leicht der Schläfer Ruh.«



Geräuschlos schloß sich die Kellertür, indessen die beiden hinabstiegen. Zu fragen wagte der Jüngling nichts; sein Herz pochte vor Erregung und Erwartung, als Heinzelmännchen an der dicken Mauer ein Hämmerlein aus seinem Wämschen zog und dreimal leise an die Wand pochend sagte:


»Felsblock in der Mauer weiche, –
Zeig’ den Weg zum Heinzelreiche!«



Und wirklich! ein Knirschen ward hörbar, dann drehte der Quaderstein sich so gehorsam, als wäre er eine gut geölte Tür, daß eine in die Tiefe führende Felsentreppe sichtbar wurde.

Einen Augenblick zögerte Wendelin, dem voraneilenden und ihm winkenden Männchen zu folgen, doch dann stieg er unentwegt mit hinab. Die Felsentür hatte sich längst hinter ihnen geschlossen. Bald nach rechts, bald nach links, bald breit, bald eng wand sich die Treppe abwärts, bis sie hart vor einer Felswand plötzlich ein Ende hatte. Nach drei Hammerschlägen öffnete sich auch diese, und Wendelin ward von seinem kleinen Führer in einen großen Raum gezogen, vor dessen blendender Helle er einige Augenblicke die Augen schließen mußte. Als er sie wieder öffnete, sah er sich in einem hochgewölbten Felsensaal mit wunderbar schimmernden Säulen. Hunderte von Grubenlichtern und Tausende der schön­sten, feingeschliffenen Edelsteine hingen an langen Goldketten von der Decke und den Säulen frei herab. Sie spiegelten sich in den mannigfachsten Farben in den wie Kristall schimmernden hohen Wänden und verbreiteten dadurch strahlenden Glanz, als ob die schön­sten Sterne direkt vom Himmel in diese Tiefen hinabgesunken seien.

Als Wendelin, sprachlos vor Entzücken, weiter um sich schaute, sah er rings an den leuchtenden Wänden winzige Stühlchen aus Silber stehen, und auf erhöhtem Platz entdeckte der Ueberraschte eines von purem Golde, das von rotseidenem Baldachin überdeckt war. Er wollte eben eine Frage tun, als Heinzelmännchen flüsterte:


»Bleib’ nur stehn,
Wirst schon sehn.«


Da nahten plötzlich Hunderte solcher Männlein wie sein kleiner Gönner, jedes ein Grubenlichtchen und ein Hämmerchen am Wämschen tragend. Fröhlich sangen sie:


»In felsigen Gründen
Voll Zacken und Schründen
Wir hackten und schliffen,
Wir schürften und griffen.
Für jetzt ist beendet das saure Werk,
Drum freut sich des Ausruh’ns der Heinzelzwerg.«


Da kam von der anderen Seite ein ähnlicher Zug winziger Männlein, die ebenfalls sangen:


»Bei Menschen wir nähten –
Und halfen und spähten,
Wir spannen und stickten –
Und brauten und flickten;
Ja, halfen den Menschen an allen Enden
Mit flinken, geschicktesten Heinzelhänden.«


Kaum waren die letzten Worte verklungen, als abermals von einer anderen Seite her eine Schar des kleinen Völkchens herangesprungen kam, die kichernd sich also vernehmen ließ:


»Wir waren bei Menschen,
Die Hilfe nicht wert,
Und machten zum Schabernack alles verkehrt:
Wir stahlen und neckten,
Verwirrten, versteckten,
Zerbrachen, verstopften,
Zerstachen und klopften.
Denn das sind von alters her stets wir gewohnt:
Daß Böses bestraft wird, doch Gutes belohnt!«


Sie kicherten und tuschelten miteinander, als sie den schier gänzlich verwirrten Gesellen in ihrer Nähe erblickten; doch schienen sie ihm wohlgesinnt, denn sie klatschten vergnüglich in die Hände und setzten sich behaglich auf ihre Stühlchen.

Plötzlich sprangen sie wie auf Kommando auf, in strammer Haltung stehen bleibend, denn es nahte der König der Heinzelmänner.

Mit großer Würde schritt er daher, ein goldenes Krönlein im weißen Haar und angetan mit samtenem, ganz mit Edelsteinen besetztem Mantel, dessen Schleppe drei Heinzelmännlein trugen. Dann folgten sechs Heinzelmänner, sie halfen dem König auf seinen Thron und setzten sich auf sechs Stühlchen ihm zur Seite, während die drei Schleppenträger sich auf den Stufen zu Füßen des Königs niederließen.

Des Königs Blicke glitten prüfend über die Versammlung, um sogleich auf Wendelin und seinem Führer haften zu bleiben. Lebhaft winkte er den beiden, und wohl oder übel mußte der Jüngling nun dieser Aufforderung folgen. Die Verlegenheit Wendelins schien dem Könige nicht zu mißfallen, vielmehr schaute die kleine Majestät wohlwollend zu dem Eindringling auf, als dessen Gefährte eifrig erklärte:


»Habe hier den Menschen funden,
Dessen Wein dich ließ gesunden.
Fand ihn wert, ihn dir zu zeigen,
Ließ hinab ihn darum steigen.«


Da nickte der König beifällig, erhob seinen langen goldenen Stab, zum Zeichen, daß niemand gegen seinen Befehl Einspruch erheben dürfe, und antwortete würdevoll:


»Führe ihn zum Dank sogleich
Weiter durch das Heinzelreich
Bis zur dunklen Felsenkammer;
Schenke dort ihm einen Hammer.
Laß des Goldes Funken sprüh’n,
Unterweis’ zum Danke ihn
– Zum Beweise unsrer Gunst –
In der höchsten Goldschmiedkunst.
Zeig’ mit bestem Gold der Berge
Ihm die Kunst der Heinzelzwerge.«


Wendelin stammelte wie im Traume einige Dankesworte, und Heinzelmännchen führte seinen Schutzbefohlenen aus dem Felsensaal durch mehrere kleinere, aber ebenso prächtige Räume, in denen überall ähnliche Silberstühlchen standen.

Nun waren sie in der Felsenkammer, in der alle Geräte zu finden waren, die ein Goldschmied zu seiner Kunst gebrauchte.

Hei, wie behende das Männchen da herumhantierte, um alles zum Werke vorzubereiten: Hämmerlein, Feilen, Punzen, Stichel und dergleichen auszuwählen und das Feuer unter dem Tiegel zu schüren, damit der Goldbrei wohlgerate. Hierbei gab der Kleine manchen Rat zu geschickter Arbeit und sagte dann:


»Golderz liegt in Erdentiefen,
Wo einst Feuergeister schliefen;
Traf ihr Odem Felsenquadern,
Ward er gleich zu Goldesadern,
Die der Zwerg in Nacht und Dämmern
Sucht – poch, poch – mit flinken Hämmern.
Schürft pick, pick:
Goldesklumpen
Wie ein Humpen
Schwer und dick.«


Mit Erstaunen sah der Gesell, wie der Kleine bei den letzten Worten wirklich einen Goldklumpen aus einer Felsenspalte holte, den er vor den Jüngling hinlegte, indem er sprach:


»Wählte, Knabe,
Diese Gabe
Mit Bedacht.
Gibt zum Glück
Meisterstück –
Drum hab’ acht!«


Und nun ging’s an die Arbeit. Potztausend, war das ein Vergnügen, dem flinken Heinzelmännchen zuzuschauen und seinen Anweisungen zu folgen!

Obgleich Meister Anselm der tüchtigste Goldschmied weit und breit war, so konnten seine Leistungen mit denen des Heinzelzwerges doch nicht verglichen werden, das wurde dem Zuschauenden und begierig Lernenden sogleich klar, als der kleine Lehrmeister ihn nun unterrichtete.

Aber was für wunderfeine Hämmerlein waren das auch. Wendelins Augen blitzten, und seine Wangen glühten vor Eifer; und zufrieden nickend sah Heinzelmännlein, wie geschickt der junge Gesell alles angriff. Das begonnene Gürtelschloß, das Wendelin, bevor er in den Keller gestiegen war, zu sich gesteckt hatte, erschien ihm nun plump, wenn er es mit den kunstvollen Arbeiten der Zwerge verglich, und er war seinem neuen Lehrmeister für jeden Tadel dankbar.

Aber wie glücklich war er nun erst, als der Kleine ihm den besten Hammer, dazu Feilen und anderes Handwerkszeug schenkte. Dabei sprach er:


»Schmied, Geselle, poch, poch, poch!
Laß den Hammer klingen,
Fleiß’ge Hände doch, doch, doch
Dir den Preis erringen!«


Der Goldbrei zischte, und der Hammer pochte mit Wendelins erwartungsvollem Herzen um die Wette, als nun das neue Gürtelschloß entstand, das dem seinen glich und doch so ganz, ganz anders erschien, gerade so, wie es seinen Gedanken vorgeschwebt hatte. Aber er lernte.

Wie lange der Geselle hier unten geweilt, wußte er nicht, ihm schienen es Minuten; doch endlich erklärte Heinzelmännchen, daß es Zeit sei zum Aufbruch. Als er des Eifrigen Bedauern bemerkte, tröstete er:


»Darfst noch zweimal wiederkommen, –
Zweimal um die Mitternacht, –
Dann ist Lehrzeit wohl vollbracht.«


Ehe Wendelin noch wußte, wie ihm geschah, fühlte er sich mit fortgezogen und stand bald auf der obersten Kellerstufe, wo sein kleiner Führer, ehe er die Tür schloß, noch flüsterte:


»Mitternacht darfst nicht verpassen,
Will dich wieder ein dann lassen.«


Fort war er, indessen Wendelin im fahlen Dämmerschein des erwachenden Tages in sein Kämmerlein tappte, um bald darauf in tiefem Schlaf sich für den kommenden Arbeitstag neue Kräfte zu holen. Zur gewohnten Zeit aufstehend, hätte Wendelin glauben können, alles geträumt zu haben, wenn ihn die in seinem Wams verborgenen Arbeitsgeräte nicht eines besseren belehrt hätten.

In der folgenden Mitternacht ging es so wie in der ersten, nur mit dem Unterschied, daß der Gesell diesmal noch um ein gut Teil geschickter im Morgengrauen sein Lager aufsuchte; denn das Heinzelmännchen hatte ihm wieder neue Handgriffe gezeigt und ihn nicht nur am Gürtelschloß, sondern auch an einer kunstvollen Kette arbeiten lassen, damit der Heinzelkönig, für den diese bestimmt war, sehen möchte, daß er sein Gunst keinem Unwürdigen zugewandt habe.

Endlos schien dem Gesellen der Tag vor der dritten Mitternacht, obwohl ihm die Arbeit nur so von den Händen flog und Meister Anselm seine stille Freude an dem geschickten Gehilfen hatte, der ihm schon als Lehrling wert gewesen war.

Um so mehr verdroß ihn nur Konrads mürrisches Wesen und des jungen Gesellen wenig gute Arbeit. Selbst bei seiner Preisarbeit, zu der auch ihm Meister Anselm bereitwillig das Gold gegeben hatte, zeigte er sich lässig, denn sein Gürtelschloß, das er allerdings niemand zeigte, machte in seiner Fertigstellung wenig Fortschritte, obwohl er den Tag über in unbewachten Stunden heimlich daran arbeitete. Auch er wollte den Preis erringen, um dann um Regina werben zu können. Doch war ihm diese nicht etwa um ihrer guten Eigenschaften teuer wie dem Wendelin, nein – er sah in ihr nur das wohlhabende Meistertöchterlein und glaubte ein sorgenloses Plätzchen im Leben gewinnen zu können. Dem Wendelin, dessen Wünsche er ahnte, wollte er schon den »süßen Brei seiner Hoffnung« gehörig versalzen, dachte er hämisch.

Am Abend dieses Tages, da Wendelin sich schon in unruhiger Erwartung der dritten Mitternacht befand, äußerte Meister Anselm wiederum den Wunsch, mit seinen Gesellen einen guten Trunk zu tun. Wendelin erklärte sich sogleich bereit, den Wein zu holen, doch Konrad, der guten Wein gern trank und einen heimlichen Extraschluck für sich erhoffte, sprach eifrig: »Laßt heute einmal mir das Vertrauen zuteil werden, Meister, daß ich Euch Wein holen darf.«

»Meinetwegen,« brummte Meister Anselm, »füll’ uns auch drei Krüge, doch diesmal nur vom vorigen Jahrgang Geisenheimer, gleich das erste Faß vornan; du kannst nicht fehlen.«

Unten angelangt trank Konrad tüchtig aus der ersten Kanne, ehe er sie ganz füllte; ebenso ging’s mit der zweiten.

Als er aber die dritte, für ihn selbst bestimmte füllen wollte, murmelte er: »Der alte Aßmannshäuser mundete mir fürwahr kürzlich besser.«

Ohne Besinnen schlich er dorthin, wo das Faß mit dem begehrten Weine stand. Und kluck-kluck – klang es in der Kanne und floß gleich darauf in Konrads gierige Kehle.

Aber da hörte er ein Geräusch hinter sich, daß er sich scheu umblickte; zugleich ließ sich ein Wispern vernehmen:


»Guck, guck, – schlürfst Wein, –
Schluck, schluck, – so fein?
Gripp, grapp, – hipp, happ, –
Gib mir was ab.«


Dabei stand ein winziges Männlein hinter ihm, das mit beinahe naseweiser Selbstverständlichkeit ein leeres Krüglein emporhielt.

Konrad fühlte an seine Stirn: gaukelte der schnell getrunkene Feuerwein ihm schon seltsame Bilder vor, oder war dies rätselhafte Geschöpf wirklich aus Fleisch und Bein? Da hörte er’s wieder, und noch deutlicher und dringlicher:


»Gripp, grapp, – hipp, happ, –
Gib mir was ab!«


Nein, das war doch zu toll. Erschreckt ob des ungelegenen Beobachters schloß er den Hahn so flüchtig, daß er noch tüchtig tropfte, und herrschte den Kleinen an: »Was erfrechst du dich, kleiner Kobold, du bist wohl einer Schaubude entlaufen und willst gar hier stehlen? Pack’ dich, sonst werd’ ich den Meister rufen.«

Das Männlein kicherte boshaft, machte dem Konrad eine lange Nase und rief enteilend:


»Wer ein Heinzelmännchen kränkt,
Daran bald mit Reue denkt.«


»Ein Heinzelmännchen bist du?« lallte Konrad erschrocken, indem er dem Männlein nachsprang; doch dieses war schon verschwunden; er glaubte es noch die Kellertreppe hinaufspringen zu sehen.

Mit rotem Kopf, zwei vollen und einem leeren Kruge stolperte Konrad wieder ins Wohngemach, wo Meister Anselm ihn befremdet anblickte. »Kommst ja, wie kürzlich der Wendelin, mit einem leeren Kruge?« forschte der Goldschmied. »Hab’ ihn verschüttet, derweilen ich stolperte,« log Konrad.

Als der Rausch verflogen war, glaubte er dem Meister gegenüber sich in ein besseres Licht setzen zu müssen, und bat darum, noch bis Mitternacht in der Werkstatt arbeiten zu dürfen.

Wendelin hatte mit Schrecken bemerkt, daß sein Mitgesell noch arbeitete, als er um Mitternacht zum Keller eilte; da galt es doppelt vorsichtig sein!

Doch der andere spitzte die Ohren, weil er ein leises Knarren auf der Treppe zu hören glaubte.

Hastig riß er die Tür der Werkstatt auf, um eben noch den um die Ecke verschwindenden Wendelin zu erspähen. Neugierig und schadenfroh zugleich folgte er dem Enteilenden ohne Besinnen und sah, wie dieser im Keller verschwand.

In ohnmächtigem Aerger rüttelte Konrad an der wieder fest verschlossenen Tür – wie war der Gesell da hineingekommen? – Plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke: der Wendelin war neulich mit leerer Kanne und so merkwürdig einsilbig aus dem Keller gekommen – da war ihm gewiß auch solch ein kleiner Wicht begegnet.

Ohne zu überlegen, nur von Schadenfreude getrieben, pochte er an Meister Anselms Schlafgemach: »Meister, kommt schnell in den Keller; der Wendelin zecht dort mit den Heinzelmännern Euern Wein!«

Der Goldschmied öffnete sofort. »Mir scheint, dir ist’s nimmer recht im Oberstüblein,« lautete die Antwort; »dir ist wohl der »verschüttete« Wein in den Kopf gestiegen?« Doch überzeugte sich der Meister endlich, daß Wendelin tatsächlich nicht in seinem Kämmerlein war.

Im Keller entdeckte er nichts; keine Spur von dem Gesuchten sowohl als auch nur das kleinste Zipflein vom Zipfelmützlein eines Heinzelmännchens.

Da rief der Meister plötzlich: »Laß sehn, was ist denn da los?« Er leuchtete gerade bei dem Faß mit dem guten Aßmannshäuserwein herum, von dem her ein eigentümliches Glucksen ihn aufmerksam machte. Fast hätte er aber vor Schrecken die Laterne fallen lassen, denn ach – tropf – tropf – floß das köstliche Naß aus dem Hahne, und eine mächtige Lache hatte sich rings um das Faß gebildet. »Du selbst warst der heimliche Zecher,« donnerte jetzt der Meister den Gesellen an, der mit schreckensbleicher Armsündermiene wie das leibhaftige böse Gewissen dastand. Winselnd und mit schlotternden Knien bat der so unvermutet Ueberführte um Verzeihung; er ahnte dumpf, daß seines Bleibens in diesem Hause nicht mehr lange sein würde, wenn er den Meister nicht versöhnte.

Unterdessen schmiedete Wendelin im Heinzelreiche an mancherlei schönen Dingen, auch an einem goldenen Becher, der für die Nixenkönigin zum Geschenk bestimmt war. Dabei mahnte Heinzelmännchen nochmals, über alles, was er hier unten gesehen und gehört, zu schweigen, was der Jüngling auch versprach. Schwer ward es ihm, sich endlich von seinem kleinen Gönner zu trennen.

Ohne eine Ahnung, was sich unterdessen im Goldschmiedhaus begeben, stieg er die Kellertreppe hinauf, an der er herzlichen Abschied von dem Kleinen nahm, dessen letzte Mahnung noch lautete:


»Hüte dich vor Konrads Tück’,
Denn er neidet dir dein Glück.«


Konrad, den der Aerger nicht viel in dieser Nacht schlafen ließ, fuhr im Morgengrauen aus unruhigem Halbschlummer und vernahm nun deutlich Wendelins tiefe Atemzüge. Drei Nächte hindurch war nicht viel Schlaf in dessen Augen gekommen, was Wunder, daß er trotz der vielen Eindrücke auch dieser letzten Nacht fest schlief, sein Traum ihn aber so lebhaft in das Heinzelreich zurückführte, daß er sich bei der Arbeit wähnend im Schlafe sprach. Wie ein Dachs auf der Lauer, so spitzte Konrad die Ohren, die er an die Bretterwand lehnte; da verstand er’s ganz deutlich:


»Klopp – klipp, klopp – klipp,
Gelingen gib;
Du Hämmerlein jetzt springe,
Daß Gold gar hell erklinge,
Damit der gute Heinzelmann
Sich mit mir herzlich freuen kann.«


Wie eine Katze schlich Konrad in das Kämmerlein des Arglosen; denn daß dieser mit den Heinzelmännchen in Verbindung stand, ward ihm jetzt unzweifelhaft klar. Sicherlich trug er irgendwelche Schätze bei sich, das mußte er auskundschaften. Eine Ausrede, falls der Schläfer erwachen sollte, hatte Konrad schon in Bereitschaft, während er in fieberhafter Hast des Nebenbuhlers Wams durchsuchte.

Er machte sich nicht klar, ob er die Sachen stehlen wollte; nur finden mußte er sie.

Und richtig! Trotzdem Wendelin, durch des Kleinen Mahnung gewarnt, die Sachen gut verborgen zu haben glaubte, fand Konrad doch endlich wenigstens den Hammer und die anderen kleinen Werkzeuge, sowie das erste Gürtelschloß. Mehr entdeckte er jedoch nicht. -

Froh über den Fund holte er in der Werkstatt sein Gürtelschloß hervor. Den eigenartig geformten kleinen Hammer schwingend, wiederholte er dabei in spöttischem Tone den von Wendelin erhorchten Vers.

Doch kaum hatte er begonnen: »Klopp, klipp – klopp, klipp,« – als er entgegen allem Reim rief: »Au!«; denn anstatt auf das Gold, hatte er sich derb auf die Hand geschlagen. Stöhnend rieb er die schmerzende Stelle, um trotzdem weiter zu arbeiten.

Doch merkwürdig: ob er den Vers sprach oder nicht, der Hammer schlug immer daneben; und schließlich, als Konrads Lippen ein wilder Fluch entfuhr, sauste er so ungeschickt auf die Mitte des Gürtelschlosses nieder, daß dieses ganz verbogen wurde.

»Das ist ja ein Teufelshammer,« dachte Konrad, das Werkzeug grimmig in die Ecke schleudernd; mochte Wendelin es dort suchen und glauben, die Heinzelmänner hätten es versteckt.

Als Regina mit dem Vater bei der Morgensuppe allein war, fragte sie ihn, warum er ihr so spät in der Nacht den Kellerschlüssel abgefordert habe. Sie erfuhr von ihm alles, was in diesen ereignisreichen Stunden geschehen war, besonders aber von seinem Verdruß über Wendelin, der ihm die Auskunft über sein Verbleiben in dieser Nacht freundlich, aber bestimmt verweigere.

Da schaute Regina noch ernster drein, und als sie am Nachmittag in ihrem Kämmerlein spann, brauchte sie den Faden nicht zu netzen, denn das taten ihre Tränen, die über ihre Wangen perlten.

So schien es denn, als habe sich eine düstere Wolke über den Frieden des Goldschmiedhauses gebreitet: Meister Anselm war grübelnd und wortkarg, Konrad blickte finster, fast grimmig drein, und Regina erschien stiller als sonst; – und Wendelin? Nun, dem war just auch nicht nach Lachen zumute, denn das Zürnen seines Meisters, den er, der Elternlose, fast wie einen Vater liebte und verehrte, ging ihm nahe. In seinem Herzen war der hoffnungsfreudige Sonnenschein fast völlig ausgelöscht, als er seine kostbaren Werkzeuge vermißte, die er endlich verwundert aus der Werkstattecke hervorholte.

Er konnte sich anfangs die Sache nicht erklären, bis er an Heinzelmännchens Warnung dachte, und Konrads feindselige Blicke und dessen große Beule auf der Hand ihn das Richtige ahnen ließen, da er wußte, daß die Heinzelmännlein unberufenes Hantieren mit Heinzel-Werkzeugen an dem Betreffenden zu rächen pflegten.

Meister Anselm mußte seine Kette abliefern, die bis auf das letzte Verschlußglied fertig war; aber sonderbar, gerade dieses wollte ihm nicht gelingen. Wendelins mehrmals angebotene Hilfe hatte er herb zurückgewiesen, da des Gesellen Verschlossenheit ihn immer mehr gegen diesen erbitterte.

Noch spät nach Feierabend arbeitete der Goldschmied allein in seiner Werkstatt und hämmerte drauflos. Er schürte die Flammen unter dem Tiegel, doch immer verlöschten sie wieder.

Der Meister bückte sich nach dem Schüreisen, als sich im dunklen Herdwinkel etwas bewegte. Herzhaft griff er darnach, glaubend, daß es eine Ratte sei. Wirklich hielt er auch etwas Zappelndes in der Hand, doch entgeistert starrte er seine Beute an, die mit kläglichem Stimmlein flehte:


»Meister Anselm, laß mich los,
Du zerreißt mir Wams und Hos’!«


Doch ungerührt hielt der Goldschmied mit eiserner Faust den Besitzer des Stimmleins fest, diesen fragend, wer er sei. Doch die beinah trotzige Antwort kündete:


»Nur ein freier Heinzelmann
Rede stehen will und kann.«


»Aha, du Schelm, also ein Heinzelmann bist du!« frohlockte Meister Anselm, sich das langbärtige Männlein, das nur noch heftiger zappelte, betrachtend. »Hast mir wohl gar mein Feuer verdorben?« Da entwand sich der Kleine mit geschicktem Ruck der fesselnden Hand und hüpfte behende auf das obere Herdgesims, mit seinen Zeigefingern die entsprechende Bewegung zu seinen Worten machend:


»Aetsch, ätsch – Meister Schmitz, kannst mich nun nicht mehr quälen,
Bin dennoch entschlüpft; darfst mich nimmermehr schmälen.
Dein Feuer hab’ oft ungesehn ich geschürt,
Nur heute hast du meine Ungnad’ verspürt.«


»Wodurch habe ich denn diese verdient?«


»Zürnst zu Unrecht dem Gesellen,
Weil er Auskunft dir verwehrt;
Darfst kein schlimmes Urteil fällen,
Weil er tut, was ich begehrt.
Wendelin hat Herz wie Gold,
Drum sind ihm die Heinzel hold.«


Mit großen Augen vernahm der Meister diese Rede, und nach einigem Hin- und Herfragen wußte er zwar nicht das ganze Geheimnis, aber doch so viel, daß der Gesell seine Geschicklichkeit nicht dem Teufel, sondern dem Wohlwollen der Heinzelmännchen zu verdanken hatte.

Als der kleine Mann längst entschlüpft war, glaubte Meister Anselm immer noch dessen letzte Worte zu hören:


»Der ehrliche Wendelin gab seinen Wein,
Bescheiden bedacht nur auf dich;
Der heimtück’sche Konrad zecht lieber allein,
Ich sah, wie zum Festwein er schlich.« –


Dem Meister ward weich ums Herz. Ja, ja, der Kleine hatte recht, der Wendelin war seine Zuneigung wert; und wie Gold im Tiegel, so schmolz auch urplötzlich aller Groll gegen den Jüngling dahin, dem er selbst immer das Sprichwort: »ein Mann, ein Wort« eingeprägt hatte.

Des Goldschmieds Arbeit gelang nun bestens.


* * *


Der wichtige Tag war da. Daß der Meister und Wendelin nach kurzer Aussprache unter vier Augen nunmehr mit heiterem Antlitz zusammen in der schon vollzähligen Versammlung des hohen Rates und aller dabei Beteiligten erschienen, sah der dorthin vorausgeeilte Konrad mit scheelem Blick.

Meister Anselms Freude war nicht gering, als sein Meisterwerk, die Kette, allgemeines Entzücken und großes Lob hervorrief.

Darauf traten die Gesellen mit ihren Gürtelschlössern an.

Konrad drängte sich als einer der ersten mit seiner ungenügenden Arbeit hervor; endlich als letzter kam Wendelin heran, der mit erwartungsvollem Herzklopfen sein Kunstwerk überlieferte.

Ein allgemeines »Ah!« der Bewunderung hallte durch den Saal, denn ein so wunderfein gearbeitetes Gürtelschloß hatte man noch nicht gesehen.

Eben verkündete nach kurzer Beratung der hohe Rat, daß Wendelins Preisarbeit die schönste und er darum zum »Meister« zu machen sei, als Konrad, voller Neid alle Besinnung verlierend, rief: »Das Schloß, das ich gesehen habe, war ein anderes; und dieses hat er mit dem Teufel im Bunde geschmiedet, und – ha – ha – laßt euch nur mal seine neuen Werkzeuge zeigen.«

Ein Gemurmel des Entsetzens erhob sich, und obwohl Meister Anselm den Verdächtigten sehr in Schutz nahm und solche Anschuldigungen gegen seinen Lieblingsgesellen als boshafte Lügen bezeichnete, erklärte der hohe Rat doch, daß Wendelin seine Unschuld beweisen müsse.

Der erschrockene Jüngling hoffte fest, das zu können, ohne sein dem Heinzelmännchen gegebenes Wort zu brechen, denn sein kleiner Gönner hatte gewißlich nichts mit dem Teufel zu tun.

Frohlockend brachte Konrad die in Wendelins Habe glücklich aufgestöberten Werkzeuge herbei; doch der älteste, Wendelin wohlgesinnte Ratsherr schlug vor, dieselben in Verwahrung zu nehmen, bis der Geselle mit seinem früheren Gerät einen goldenen Meßkelch und ein silbernes Kruzifix gefertigt habe; denn wenn er das vermöchte, läge seine Unschuld am Tage, da der Teufel über so heilige Dinge keine Macht habe.

Und so geschah es: Wendelin machte sich mit gutem Mute an das Werk; ihm schien es, als sei die Zauberkraft des Heinzelhammers in sein altes Arbeitsgerät gefahren; in Wahrheit war es aber seine bei den Heinzelmännlein erworbene Geschicklichkeit, daß die Vertrauensmänner, die seine Arbeit überwachten, zufrieden und erstaunt erklärten, daß die Sachen Kunstwerke ersten Ranges und Zierden der Altäre würden.

Wirklich hatten sie recht, denn als nicht lange darauf der hohe Rat Kruzifix und Kelch in Empfang nahm, ward des Gesellen Kunst hochgepriesen, zumal er damit seine Unschuld glänzend bewies.

Was hatte Konrad nun von seinen Ränken? Er mußte erfahren, daß das Böse, das er dem Mitgesellen hatte antun wollen, für diesen zum Guten ausschlug; und obendrein wurde er nicht nur aus Meister Anselms Haus gejagt, sondern mußte sogar mit Schimpf und Schande bedeckt auf Befehl des hohen Rates die Stadt verlassen.

Wendelin ward sehr bald Meister und führte als Meister Anselms willkommener Schwiegersohn Regina als seine Hausfrau heim. Er hat noch lange Jahre im Verein mit Meister Anselm die schönsten Erzeugnisse der Goldschmiedekunst geschaffen. Sie gelangen immer, ob er die Heinzelwerkzeuge benutzte, die er wiedererhalten hatte, oder nicht.

Heinzelmännchen bewahrte ihm sein Wohlwollen, und wenn es sich einmal blicken ließ, tat es seinem Schützling nur Gutes, weil dieser unentwegt sein Wort hielt.