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Moritz Jókai – Die Unterhaltung wider Willen

Novelle

Moritz Jókai, Die Unterhaltung wider Willen, Übertragung von Sigmund Bródy, Aus: Novellenschatz des Auslandes, Herausgegeben von Paul Heyse, Zwölfter Band, Rudolph Oldenbourg Verlag, München, o. J., S. 145ff.



Der alte Baron ließ sich nicht lange bitten und begann seine Erzählung:

Nicht wahr, theure Freunde, ihr alle kennt die Gräfin Repey; die jüngere, die jüngere – mit der Alten haben wir nichts zu schaffen – den kleinen Kobold, meine schwarzäugige Prinzessin! Ja, meine! Wenn sie mein wäre! Ihr alle müßt sie kennen, habt ihr doch genug nach ihr geseufzt, – ganz so wie ich.

Doch der Glückliche war nur ich, meine Wenigkeit! Bin ich doch eine ganze Nacht hindurch in Einem Wagen mit ihr gefahren! Zwar war auch die Gesellschafterin im Wagen, doch das thut nichts, es ist eine Begünstigung, das lass' ich mir nicht nehmen. Aber der Teufel hole derartige Begünstigungen!

Eines Abends kommt ihr der unglückliche Gedanke, daß morgen in Arad Ball sein werde, und daß sie auf diesem Balle um keinen Preis fehlen dürfe. Sogleich läßt sie anspannen. Außer mir war Niemand bei ihr. Bitte, lieber Baron, begleiten Sie mich nach Arad.

Lieber Baron, lieber Baron! Was hätte ich ihr darauf antworten sollen? Gräfin, ma déesse, es ist finster wie in einem Ofenloch, man sieht keine drei Schritte weit, der Wagen stürzt um, und wir brechen das Genick. Drei Flüsse müssen wir passiren, und es wäre ein Wunder, wenn zwei derselben gute Brücken hätten. Gräfin, wir ertrinken. Dann führt unser Weg durch einen großen, verflucht wilden Wald, in diesem Walde hausen Tag und Nacht Räuber und Mörder – Gräfin, man tödtet uns! Ich allein kann Sie nicht beschützen. Und müssen wir denn gerade jetzt fahren? Morgen nach dem Thee setzen wir uns in den Wagen. Mittags sind wir in Arad, und bis Abends ist die Toilette fix und fertig. Gräfin, fahren wir morgen!

Alles umsonst, sie war fest entschlossen, heute noch fortzufahren. Ihr kennt sie ja, je mehr man ihr von etwas abredet, desto hartnäckiger will sie es. Sie will nicht Alles auf den letzten Moment verschieben, sie will sich von den Beschwerden der Reise ausruhen, – »ich kann doch nicht zu Tode gerüttelt, echauffirt, brisirt und maltraitirt vom Wagen schnurstracks auf den Ball gehen.« Und dann gehört es zu ihren liebsten Passionen, Nachts zu reisen, das ist so schön, so romantisch. Die Sterne, die Frösche, die Mondscheinbeleuchtung. Aber Alles war nur Ausrede; nicht Sterne, nicht Frösche, eine ihrer verflucht liebenswürdigen Capricen war's, und die – ihr Alle wißt es – müssen erfüllt werden, koste es, was es wolle.

Enfin, was hätte ich thun sollen? Entweder mit ihr gehen, oder im Castell bleiben – eine verfluchte Alternative. Ich wählte natürlich das Erstere, und zum Dank für meinen Entschluß erlaubte sie mir, ihr vis-à-vis im Wagen zu sein.

Was wahr ist, ist wahr; es war eine verflucht göttliche Unterhaltung! Die Gräfin erdrückte mich fast mit ihren Gunstbezeugungen, erst eine Schachtel, dann den Muff, dann ein Reisenecessaire und zuletzt ein paar Kollis. Hierauf schlief sie ein. Ich konnte sie fragen, was ich wollte, sie antwortete mir nicht. Sie schlief, Freunde, sie schlief! Nur hie und da, wenn der Wagen über einen Stein fuhr, hob sie sich jäh in die Höhe, öffnete die Augen: Wo ist mein Reisenecessaire, wo der Muff, haben Sie sich nicht auf die Schachtel gesetzt? Um Gottes willen, geben Sie nur Acht, lieber Baron! – und damit schlief sie wieder ein. Später begann auch die Gesellschafterin Theil an der Unterhaltung zu nehmen, sie wimmerte zum Erbarmen, sie hatte Migräne – ich schloß die Augen, als schliefe ich.

Auf einmal blieb der Wagen stehen und begann sich auf die Seite zu neigen, ganz so, wie wenn er Lust hätte, sich ein wenig zur Ruhe zu legen.

Die Gräfin erwacht und fragt mürrisch, was geschehen sei?

Der Kutscher springt von seinem Sitze und nähert sich dem Wagenfenster.

Gnädige Frau, fast scheint es, daß wir uns verirrt haben.

Was thut's? versetzte die Gräfin, ist kein Weg vor uns? Nur vorwärts.

Ja, ja, das ginge schon, aber . . .

Nun, der Weg führt ja doch irgendwo hin?

Doch ich fürchte, er führt uns zu einem nicht gar sichern Orte.

Du bist ein Tölpel. Jeder Ort ist sicher. Wo sind wir?

Im Szalontaer Walde.

Nun, hat denn dieser Wald kein Ende? Wenn ich mich recht entsinne, kann man ihn in zwei Stunden, so der Länge wie der Breite nach, durchschneiden.

Doch der Kutscher fürchtet – wagte ich zu bemerken.

Bezahlt man ihn deßhalb, damit er fürchte?

Er fürchtet, daß Ihnen, Frau Gräfin, etwas Unangenehmes arriviren könnte.

Was geht das ihn an?

Oder daß die Pferde . . .

Nun, das ist ja seine Sache.

Da in diesem Walde sich arme Bursche aufzuhalten pflegen –

Komisch! Ist denn unser Kutscher kein armer Teufel?

Ja, ja, doch er meint jene armen Bursche, die einem die Pferde und nicht selten auch den Wagen wegzunehmen pflegen. Gräfin, ma déesse, das ist kein Spaß. Man kann uns die Pferde, das Leben und auch noch etwas Anderes rauben. Wenn ich nur meinen Revolver bei mir hätte.

Damit man Ihnen auch den raube – scherzte der kleine Dämon, und darauf öffnete sie den Kutschenschlag und sprang – noch bevor ich sie daran verhindern konnte – graziös aus dem Wagen.

Ah, welch herrliche Nacht! Wie der Wald duftet und die Glühwürmchen leuchten! Sehen Sie nur, Baron!

Sehen? Was soll ich sehen? Es ist ja stockfinster. Ich bemerke gar nichts.

Nichts? schimmert uns dort zwischen den Bäumen nicht ein Licht entgegen?

Mein Blut erstarrte. Wir befanden uns in der Nähe irgend einer Räuberhöhle. Auch der Kutscher hatte das Licht bemerkt und erklärte uns nun in einem Tone, als schnürte man ihm die Kehle mit einem Stricke zusammen:

Gnädige Frau, das ist das Wirthshaus, wo sich die armen Bursche aufzuhalten pflegen.

Das ist ja köstlich. Kutscher, nach dem Wirthshaus! Wir wissen ohnehin nicht, wo wir übernachten sollen.

Ich verzweifelte. Ums Himmels willen, Gräfin, was beginnen Sie? Das ist eine berüchtigte Räuberhöhle, wo man uns Alle umbringen wird, wo der Wirth im Einverständniß mit den Mördern ist, wo man schon so viele Reisende getödtet hat. Erst jüngst las ich in der Zeitung . . .

Das teuflische Wesen unterbrach mich mit einem lauten Gelächter. Das seien nur Märchen – meinte sie – und wer wird sich vor eingebildeten Spukgestalten fürchten! Wenn irgendwo in der Umgegend ein Hotel wäre, dann würden wir gewiß dort einfahren; doch Noth bricht Eisen, für heute müßten wir mit dem Wirthshaus verlieb nehmen. Damit befahl sie dem Kutscher, ihr langsam mit dem Wagen nachzukommen, sie wolle zu Fuß vorausgehen und ihm den Weg zeigen.

Alle Einwendungen, alle mit der größten Glaubwürdigkeit erzählten Räubergeschichten waren vergebens: sie drohte uns, wenn wir sie nicht begleiten wollten, allein in die Csárda zu gehen.

Die kleine Gräfin wäre es auch fähig gewesen.

Als wir der Csárda näher kamen, schlugen Töne einer Zigeunermusik an unser Ohr.

Mon Dieu – rief ich – sicher sind die Räuber der ganzen Umgegend hier versammelt.

Sehen Sie, scherzte die Gräfin, wir wollten einen Ball besuchen und kommen gerade zu einem. Welch glücklicher Zufall!

Damit eilte sie nach der Thüre.

Auf einen Moment fiel mir ein, es wäre das rathsamste, Kehrt zu machen, sie hier zu lassen und das Weite zu suchen – doch das hätte sich nicht geschickt, und dann konnte ich es auch nicht. Mamsell Cesarine, die Gesellschafterin, hatte sich an meinen Arm gehängt und wollte mich nicht loslassen. Das arme Wesen war schon halb todt vor Furcht. Sie zitierte wie Espenlaub.

Schon von Weitem konnten wir das wilde Geschrei, mit dem die im Wirthshause Anwesenden ihren Tanz begleiteten, vernehmen. Das Alles schreckte die Gräfin nicht, muthig öffnete sie die Thüre und trat ein.

Es war ein langes, rauchgebräuntes Zimmer, in das wir eintraten. In meinem ersten Schrecken glaubte ich etwa fünfzig springende und singende Banditen vor mir zu sehen. Später, als ich mich ein wenig erholt hatte, zählte ich sie, und es stellte sich heraus, daß sie alle zusammen nur neun waren, den Wirth und die drei musizirenden Zigeuner mitgerechnet. Doch auch fünf sind genug! Ich wünschte sie alle ins Land, wo der schwarze Pfeffer wächs't.

Fünf riesige, starke Bursche. Ihre Köpfe berührten fast die Zimmerdecke. Ihre Pistolen – jeder hatte eine – lagen in einem Winkel. Ich bemerkte sie auf den ersten Blick.

Nun, wir werden von Glück sagen können, wenn wir diese elende Räuberhöhle hinter uns haben. Als die Bursche uns bemerkten, unterbrachen sie ihren Tanz und blitzten uns mit ihren großen, feurigen Augen an. Unsere Kühnheit hatte sie überrascht.

Meine kleine Gräfin näherte sich ihnen nun und redete sie mit ihrem zauberischen Lächeln folgendermaßen an:

Verzeiht uns, daß wir euch in eurer Unterhaltung stören. Wir haben uns auf unserem Wege verirrt, und da wir in dieser Finsterniß nicht weiter fahren können, bitten wir euch, uns für diese Nacht ein Lager zu gönnen.

Als sie ausgesprochen hatte, näherte sich ihr einer der fünf Banditen – es war der schönste und schlankste unter ihnen – kräuselte seinen gewichsten Schnurrbart in die Höhe, nahm seinen kleinen Hut vom Kopfe, schlug seine Sporen zusammen, daß sie laut klirrten, und erklärte, indem er sich leicht verbeugte, der lächelnden Gräfin, er finde ihr Erscheinen nicht im mindesten störend, vielmehr fühle er sich dadurch beglückt und geehrt. Er, Fekete Joszi (mir rieselte es eiskalt über den Rücken: Fekete Joszi, der berühmte Räuber), zahle heute die Zeche und nehme sich daher als Wirth die Freiheit, zu fragen, mit wem er zu sprechen die Ehre hätte.

Noch bevor ich der Gräfin ein Zeichen geben konnte, daß sie ihren Namen ja nicht verrathe, hatte die Unachtsame schon geantwortet: Gräfin Repey aus der nächsten Nachbarschaft.

Den Namen habe ich das Glück zu kennen. Der alte Graf schickte mir einmal eine Kugel nach, doch traf er mich nicht. Belieben Sie sich zu setzen, Gräfin.

Angenehme Bekanntschaft!

Die Gräfin setzte sich auf die Bank. Fekete nahm an ihrer Seite Platz. Mich hieß er nicht einmal sitzen, wie wenn ich gar nicht anwesend gewesen wäre.

Und wohin geht die Fahrt in so später Nachtzeit?

Nicht sagen, nicht sagen! winkte ich ihr mit den Augen.

Nach Arad zum Casinoball. (Adieu, Ballkleid, adieu, Pretiosen!)

Nun, dann hat Sie ein für uns glücklicher Zufall hieher geführt. Wir geben ebenfalls einen Ball, und wenn die Frau Gräfin unsere Einladung nicht verschmäht, glaube ich ihr eine köstliche Unterhaltung versprechen zu können. Wir haben prächtige Zigeuner, der Csárdas, den sie spielen, durchströmt wie Feuer die Adern. Zigeuner, das Lied von der schönen Frau! Und daß du es gehörig spielst!

Der Unverschämte fragte gar nicht länger, sondern wie die Musik begann, legte er seine Hand um die Hüfte der schönen Gräfin und schwang sie in die Mitte des Zimmers.

Ein anderer der impertinenten Jungen sprang dann zu Mamsell Cesarina und packte sie – so wie sie war, halb ohnmächtig vor Schreck und Aufregung – unter dem Arme, drehte sich einige Male mit ihr im Zimmer herum und überließ sich dann einem Andern. So ging's fort, das arme Fräulein befand sich in einer unerträglichen Lage.

Doch ganz anders meine Gräfin! Wie wenn sie in Arad auf gewichstem Fußboden tanzte, so voll Lust drehte sie sich im Wirbel. Nie war sie schöner, verführerischer, als in dieser Stunde. Ich habe schon so manchesmal ungarisch tanzen sehen, im Theater und auf Bällen, doch wie die Beiden den Csardas tanzten, daran werde ich Zeit meines Lebens denken.

Anfänglich führte der Betyar seine Tänzerin mit majestätischen Schritten einige Male durchs Zimmer, sein Blick war stolz und seine Bewegungen imposant; dann auf einmal sprang er in die Mitte hinein, schrie laut auf, und wilder, immer wilder klang die feurige Ungarweise. Langsam und mit zierlichen Schritten begann ihrerseits die Gräfin den Tanz; wie ein Schmetterling, der jede Blume berührt, doch auf keiner sich niederläßt, so schwebte sie hin. Hie und da beugte sich der Bursche zu ihr hin, als wollte er sie umarmen, dann blieb er auf einmal stehen, warf den Kopf zurück und drehte sich mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit auf eine andere Seite – während die bezaubernde kleine Fee bald auf ihn losstürmte, als wollte sie sich an seine Brust stürzen, bald sich zurückzog und ihn hierhin und dorthin lockte. Nur der Blick ihrer Augen zeigte, daß sie ein Paar bildeten. Endlich drehte sich der Betyar ganz um, stellte sich vor den Zigeuner, und als wollte er in seinem Ingrimme ganz allein tanzen, kehrte er seiner Tänzerin den Rücken – dann wieder sprang er auf einmal zurück, die Hände begegneten sich, und wie der Blitz drehte er sie im Kreise. Mir schwindelte fast.

Ich fürchtete nur immer, der unverschämte Bursch würde sich in seiner Begeisterung irgend etwas Unziemliches gegen die Gräfin erlauben. An Gelegenheit dazu fehlte es ganz und gar nicht. Die Gräfin war ganz in seiner Gewalt; was hätte er, ohnehin schon ein Kind des Todes fürchten sollen? Eine Missethat mehr oder wenigen was thut's? Ich war entschlossen, sobald er die Gräfin nur auf eine unschickliche Weise berühren würde, sogleich zu den Pistolen zu springen und ihn wie einen Hund niederzuschießen. Was lächelt ihr? Parole d'honneur, ich war fest dazu entschlossen!

Doch, was ich befürchtete, geschah nicht. Der Räuberhauptmann führte die Gräfin höflich zu ihrem Sitze zurück, küßte ihr ehrerbietig die Hand und wandte sich dann, indem er seine Hand auf meine Schultern legte, mit den vertraulichen Worten zu mir:

Und Sie alter Herr, Sie tanzen nicht?

Schrecklich! Zu mir »alter Herr«!

Danke, ich kann nicht tanzen.

So – das ist was Anderes. Und damit kehrte er zur Gräfin zurück.

Verzeihung gnädige Frau, daß wir zum Empfange hoher Gäste nicht gehörig vorbereitet sind. Begnügen Sie sich mit dem, was wir haben, es ist zwar nicht viel, doch desto besser.

Darunter verstand er das Abendessen.

Ein prächtiges Bankett, das kann ich sagen! Ein kleiner Kessel, gefüllt mit in Stücke zerschnittenem Lammfleisch, wurde auf den langen Tisch gestellt, und um den herum lagerte sich die ganze Bande.

Ein Teller wäre um die Welt nicht zu sehen gewesen, mit Hülfe von einem Stück Brot und einem Taschenmesser fischte jeder das Fleisch aus dem Kessel.

Meine kleine Gräfin aß, als hätte sie schon drei Tage nichts Warmes vor sich gehabt. Der Räuberhäuptling selbst suchte ihr die besten Bissen heraus und schnitt ihr ein Stück Weißbrot nach dem andern ab. Sie hatte trefflichen Appetit.

Auf einmal bemerkte der Bursch, daß ich am Mahle keinen Antheil nahm. Anfangs zog er seine Augenbrauen drohend zusammen, doch bald legte sich sein Zorn, und lächelnd fragte er mich, warum ich nicht esse?

Essen Sie, essen Sie, alter Herr. Das macht fett; gestohlenes Fleisch giebt Kraft.

Der Schurke genirte sich gar nicht. Eine verfluchte Naivetät!

Ich danke, es ist mir zu sehr paprizirt.

Der Wein wurde natürlich in Kulatsch servirt. Gläser kennen derartige Leute nicht. Fekete Joszi trank zuerst nach Bauernart selbst, dann wischte er die Oeffnung der Flasche mit seinen Hemdärmeln ab und reichte die Flasche der Gräfin hin, die sie auch bereitwillig annahm, an die Lippen setzte und einen herzhaften Schluck that. Freunde, denkt euch nur, sie trank, und noch dazu recht viel.

Jetzt kam ich wieder an die Reihe. Trinken Sie, altes Herrchen (jetzt gar schon Herrchen), trinken Sie. Sie schlafen sonst ein.

Danke, ich darf nicht trinken. Ich lebe homöopathisch.

Ach – lachte er – ich verstehe. Similia similibus. (Selbst lateinisch versteht er.) Auch ich halte die homöopathische Kur, gestern schadete mir der Wein, und heute kurire ich mich mit Wein.

Ich war fest überzeugt, sie wollten uns erst trunken machen und uns dann das Leben nehmen. Und wie die trinken können! Fünf waren sie, und ein Faß Wein wurde ausgetrunken. Und dabei wankten sie nicht einmal, als sie vom Tische aufstanden.

Als die Anderen die Zigeuner tractirten, näherte sich der Räuberhauptmann wieder meiner Wenigkeit.

Ei, alter Herr (hol' dich der Teufel mit deinem ewigen »alter Herr«!), Sie trinken, essen und tanzen also nicht? Womit pflegen Sie sich denn die Zeit zu vertreiben? Spielen Sie Karte?

Damit nahm er ein Spiel Karten aus der Tasche.

Jetzt will Der erfahren, wie viel Geld ich bei mir habe.

Auch das nicht. Nie gespielt, antwortete ich.

Nun, ich will Ihnen ein Spiel sogleich beibringen. Es ist außerordentlich leicht. Also sehen Sie. Eine Karte lege ich hieher, eine hieher. Auf die setzen Sie, auf die ich, und wessen Figur früher zum Vorschein kommt, der hat gewonnen.

Der Unverschämte wollte mich in Landsknecht unterrichten. Als hätte mich die Erlernung dieses Spieles nicht meine zwei Güter gekostet. Und doch mußte ich mich von ihm unterrichten lassen.

Was hätte ich thun sollen? Ich mußte mich niedersetzen und mit ihm Karten spielen. In der Tasche hatte ich einiges Silber- und Kupfergeld, das, dachte ich mir, will ich riskiren.

Was? Sie wollen doch nicht um Kupfergeld mit mir spielen? Für wen halten Sie mich, Herr? Hier ist die Bank. Damit warf er einen ganzen Haufen nagelneuer Ducaten auf den Tisch.

In meiner Brieftasche hatte ich einige Goldstücke.

Zitternd legte ich das eine auf eine Karte. Die Karten wurden gemischt – und ich gewann. Der Räuber zahlt. Um keinen Preis getraute ich mich, das Gewonnene zu mir zu schieben, ich ließ es als Einsatz. Ich gewann neuerdings. Ich zog's wieder nicht ein. Ich gewann zum dritten, vierten, fünften und sechsten Male – dicke Schweißtropfen bedeckten meine Stirne. Es gehört nicht eben zu den Annehmlichkeiten der Lebens, von einem Räuber Geld zu gewinnen. Auch der siebente Einsatz war mein. Ich zitierte wie Espenlaub. Warum hatte ich das verfluchte Glück nicht in Preßburg auf dem Landtag? Inbrünstig betete ich zu Gott: Herr, befreie mich von diesem Gelde, giebt daß auch der Räuber einmal gewinne. – Alles umsonst, auch daß achtemal war ich es, der gewann. Jetzt bin ich schon ein Kind des Todes, der Räuber meinte lächelnd: Altes Herrchen, Sie müssen verliebt in die schöne Gräfin sein, sonst hätten Sie nicht so viel Glück im Spiele. – Der Unverschämte will mich noch chikaniren. Als er zum neunten Male mischte, schlug mir das Herz, als wollte es zerspringen. Da haben wir's, wieder gewonnen! Fekete schlug hierauf mit seiner Faust auf den Tisch, daß alle Goldstücke in die Höhe sprangen, und erhob sich von seinem Sitze. Alter Herr, wenn Sie so fortfahren zu gewinnen, könnte ich in einer Stunde das ganze Biharer Komitat verlieren, rief er lachend und steckte das ihm noch übrig gebliebene Geld in die Tasche. Ich wagte es zitternd, ihm die gewonnene Summe anzubieten. Stolz, wie ein Hidalgo, blickte er mich an. Für wen halten Sie mich, Herr? Stecken Sie Ihr Geld ein, oder ich werfe Sie damit zur Thüre hinaus. Herr des Himmels, was soll ich nun mit diesem Gelde beginnen, mit diesem Gelde, für das man gewiß schon Jemanden ermordet, und für das man auch mich ermorden wird! In meiner Bedrängniß warf ich es, so viel es war, den Zigeunern hin. Doch sogleich bereute ich diesen dummen Streich. Dadurch verrieth ich ja, daß ich reich bin, daß mir am Gelde nichts liegt.

Sogleich umschwärmten mich die Zigeuner und baten mich, ihnen mein Lieblingsstück zu nennen, sie wollten mir es vorspielen, wie ich es noch nie in meinem Leben gehört. Ich schickte sie zur Gräfin, anderes konnte ich mich nicht von ihnen losmachen.

Die Gräfin ließ sich nicht lange bitten, sondern stimmte mit ihrer Sirenenstimme eines ihrer Lieblingsvolkslieder an, daß mir das Herz im Leibe zu lachen begann, daß ich ganz vergaß, wo ich mich befand, und wie toll zu applaudiren begann, als säße ich in meiner Parterreloge zu Pest.

Der Räuberhauptmann applaudirte ebenfalls und erbot sich hierauf – wenn die Gräfin zuhören wolle ihr nun sein Lied vorzusingen.

Und er begann eines jener wildwachsenden Lieder, wie man sie in jedem Dorfe, an jeder Straßenecke hören kann. Roger sang besser, der Junge war eben kein Meister im Singen.

Dann wandte er sich zu mir. Jetzt ist die Reihe an Ihnen, alter Herr; Sie müssen uns doch Ihr Stückchen vorsingen.

Ich kam in schreckliche Verlegenheit. Ich . . . singen! Singen in dieser schrecklichen Bedrängniß, ich, der außer dem Liede »So lebe wohl, du stilles Haus!« in meinem ganzen Leben kein anderes habe lernen können? '

Ich . . . ich kann nicht singen . . . ganz und gar nicht! (Der Teufel von einem Weibe, der uns auch jetzt in diese schöne Klemme gelockt, pflegt gewöhnlich schrecklich zu lachen, wenn ich unbewußt eine Opernarie zu summen anfange. Ich habe eine heisere, krächzende Stimme; ein Pfau singt besser.)

Die Gräfin bat mich in französischer Sprache, ja nachzugeben und etwas zu singen, meine Weigerung könne sonst uns Allen Unheil bringen.

Das fehlte mir noch. Was hätte ich thun sollen. Mit den Pfeilen des Schreckens im Herzen, mit der Todesfurcht in der Kehle begann ich meinen Part: »So lebe wohl, du stilles Haus!« sang ich herzergreifend und ohrenerschütternd. Bis in die Mitte des Liedes ging es noch ganz leidlich, doch als ich in der dritten Strophe durch einen unglücklichen Zufall einen jämmerlichen Gixer machte, konnte sich die Gräfin nicht länger halten und brach in ein krampfhaftes Lachen aus. Auch die Banditen begannen zu lachen, und endlich stimmte auch ich in den Chorus ein; trotzdem ich gar keine Ursache hatte, lustig zu sein.

Hierauf begannen sie wieder zu tanzen – die Gräfin war unermüdlich. Bis früh Morgens tanzte sie in einem Zuge. Erst als die Sonne schon durchs Fenster hereinblickte, unterbrach sie die Belustigung und bat ihren Tänzer – da es schon hoch an der Zeit sei – die Pferde einspannen zu lassen.

Jetzt kommt erst das Wahre – dachte ich mir – Gott sei unseren armen Seelen gnädig!

Der Räuber ging hinaus, weckte den Kutscher, den Bedienten, ließ anspannen und meldete uns dann, der Wagen stehe zur Abfahrt bereit.

Sie wollen uns gewiß unterwegs umbringen.

Mit noch größerer Furcht, als ich ausgestiegen, stieg ich in den Wagen ein. Es schien mir sehr verdächtig, daß sie mir die Börse nicht abverlangt hatten.

Der Räuberhauptmann stieg ebenfalls zu Pferde und begleitete uns bis zur Landstraße. Dort zeigte er uns den weiteren Weg, grüßte, wünschte uns eine angenehme Unterhaltung und ritt zu seinen Gefährten zurück.

Erst als wir in Zeried angekommen waren, athmete ich frei auf. Ich begann sogleich der Gräfin Vorwürfe zu machen, wie unbedachtsam sie gehandelt, welcher Gefahr sie eben nur durch meine imponirende Autorität entgangen. Wäre ich nicht gewesen, wer weiß, was man der Gräfin angethan hätte. Und diese Entwürdigung! Bis Tagesanbruch mit Betyars Csárdas tanzen.

Sie hörte mir ruhig zu; erst als ich mit meinen Vorwürfen fertig war, fragte sie mich:

Apropos, lieber Baron, sind Sie nicht schläfrig?

Nicht im mindesten, antwortete ich mürrisch.

Dann haben Sie die Güte, mir das Lied vorzusingen, das Sie vorhin nicht zu Ende gebracht haben. Ihr könnt euch denken, wie schläfrig ich sogleich war.

Bis zu unserer Ankunft in Arad schmeichelte ich mir immerwährend, die Gräfin werde die Geheimhaltung dieses Abenteuers mit einigen süßen Gunstbezeugungen erkaufen müssen. Doch wie irrte ich mich! Um sechs Uhr kamen wir in Arad an, in einer halben Stunde wußte es die ganze elegante Welt. Selbst diesen kleinen Profit raubte sie mir.

Sie war die Schönste auf dem Balle. Sie tanzte zwar nicht und verzichtete so auf ihre besten Triumphe – dennoch war sie die Ballkönigin. Sie entschuldigte sich bei Jedem mit ihrer Müdigkeit. Das will ich glauben! In einer Nacht achtzehn Csardas zu tanzen! Ich hatte nicht getanzt und war doch verflucht müde.

Ich eilte sogleich ins Spielzimmer. Heute ist dir das Glück hold, heute mußt du's wagen – dachte ich mir. An einem Tische spielte man Landsknecht. Heute werd' ich euch rupfen, ihr Gimpel! Ja, verflucht habe ich sie gerupft, ich verlor meine ganze Baarschaft und machte noch eine Ehrenschuld von tausend Gulden.

Ein halbes Jahr nach dieser Begebenheit las ich in den Tagesneuigkeiten eines unserer politischen Blätter: Fekete Joszi, der berühmte Räuberhauptmann, sei in Szegedin zum Tode verur­theilt worden, wo auch dieses Urtheil standrechtlich an ihm vollzogen wurde.

Ich eilte sogleich zu der kleinen Gräfin und erzählte ihr die interessante Neuigkeit.

Schade! – sprach sie, das Zeitungsblatt aus der Hand legend, er tanzte entzückend.