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Lina Morgenstern – Der Humanismus und die Frauen.

aus: Frauen-Werke, Blätter zur Vertretung der Fraueninteressen, Herausgegeben von Helene Littmann, Nr. 2, VI. Jahrgang, Kornenburg, Mai 1894, S. 27 ff.


Eine Umschau in der Gegenwart erfüllt uns mit dem stolzen Bewusstsein, einem Jahrhundert anzugehören, welches mehr als jedes frühere die Humanitätsbestrebungen zur Verwirklichung bringt.

Es sind nicht mehr einzelne Charaktere, bevorzugte Stände, hervorragende Nationalitäten, nein, es ist die ganze Menschheit, welche immer mehr nach Klarheit und Freiheit des Gedankens ringt, es ist die ganze Menschheit, welche Theil nimmt an dem Kampfe um die höchsten Lebensgüter, es sind nicht einzelne Glieder des Volkes, welche Gewohnheit, Vorurtheil und fremde Beeinflussung abschütteln wollen, vielmehr pulsirt und arbeitet es in jedem Gliede und trägt bei, den Gährungsprocess zu entwickeln, welchem der reine Humanismus, die Gerechtigkeit für Alle, entsteigen soll.

Drei Hauptmomente sind es, welche wesentlich die Gesammtheit in ihren unaufhaltsamen Fortschritten fördern:

Es ist die Ehre der Arbeit, die Arbeit in der Gemeinsamkeit und die Theilnahme der Frauen an den Culturarbeiten.

Die Arbeit war Jahrhunderte lang das Aschenbrödel, deren sich die bevorzugten Stände schämten, die sie unterdrückten und niedrig hielten, und von dessen Sklavenhänden sie dennoch gern jeden Schmuck des Lebens empfingen. Aber so lange die Arbeit als verachtete Magd betrachtet wurde, vermochte sie weder ihre Künste, noch ihre Schönheit zu entfalten. Erst als sie der Prinz Humanismus befreite, ihr den Ehrenplatz in der Gesellschaft gab, da stand sie in ihrem bezaubernden Liebreiz da! Man beeilte sich, sie anzuerkennen, ihr zu huldigen; neidlos bekannten die bis dahin bevorzugten Stände ihre Macht und siehe, der Befreiten verdanken wir die grossartigsten Erfindungen, die segensreichsten Unternehmungen, die gemeinnützigsten Werke auf dem Gebiete von Industrie, Kunst und Kunsthandwerk und im Handel.

Der unterdrückte Arbeiterstand hat aufgehört – und ein rechtschaffener, tüchtiger Arbeiter zu sein, scheut sich heut Niemand mehr!

Niemals und zu keiner Zeit hat eine solche Ausgleichung der Stände stattgefunden, als in der unseren, wo die Vereinsthätigkeit nach allen Richtungen sich entfaltet und die Arbeit in der Gemeinsamkeit zum vollen Ausdruck kommt, wo Einer den Andern zu fördern sucht, eine Mehrheit sich schnell zusammenfindet zu einem guten Zwecke, um für diesen zu wirken, in Selbstlosigkeit und Hingebung, wo Einer für Alle einsteht.

Wenn der künftige Geschichtsforscher die Culturzustände unserer Zeit wird beschreiben wollen, muss er den Spuren des Vereinslebens nachgehen. Da sind es nicht mehr Religionsgesellschaften und abgesonderte Coterien, die sich abschliessen von der Allgemeinheit, um von ihrem Kreise aus auf die Gesellschaft zu wirken, es sind vielmehr gleichstrebende Menschen ohne Unterschied des Standes, der Religion, ja oft ohne Unterschied der politischen Bekenntnisse, die sich vereinigen, wenn es gilt, Bürgertugend und Patriotismus zu üben, Bildung und Belehrung zu verbreiten, Kranke zu pflegen, Arme zu unterstützen oder Gemeinnütziges auszuführen. Und von dieser Arbeit in der Gemeinsamkeit sind auch die Frauen nicht mehr ausgeschlossen; es ist dies eine hohe Errungenschaft der Zeit, oder vielmehr unseres Geschlechts in der Jetztzeit, denn wir haben es uns selbst erkämpft, schwer erkämpft, unsere Gegner waren nicht allein die Männer, unsere Gegner waren auch die in Vorurtheilen und Gewohnheiten gross gewordenen Frauen.

Obgleich der Geist des Christenthums das Weib durch den Mariencultus verherrlichte und die Ehe durch die Monogamie von der Sinnlichkeit des Orients befreite, so wurde der weibliche Beruf doch allmälig als ein allein in der Häuslichkeit und den Wirthschaftssorgen aufgehender betrachtet, dem kaum ein Antheil am Gemeinwohl, an den höheren Aufgaben der Menschheit gegönnt war, ja denen man möglichst früh selbst die Kindererziehung durch die Klöster entzog.

Die Gewohnheit, diese Feindin der Vernunft, wiegte mit der Zeit die Frauen in einen Halbschlummer der Gleichgiltigkeit für eine weitere Bestimmung, die Männer aber Hessen gern das Vorurtheil zur eingeführten Sitte werden, welches sie als die bevorzugte Hälfte des Menschengeschlechts, mit ganz anderen Anlagen zum Denken und Handeln hinstellte, allein berufen, positives Wissen zu erringen, in jeder Beziehung und allseitig sich und ihre Kräfte entfalten zu dürfen, während sie es als ihr angeborenes Recht betrachteten, das Weib in vollständiger Unmündigkeit und Abhängigkeit, in engster Begrenzung ihres Thuns und Seins zu halten. Noch heute steht in unserem Staate der Intelligenz das Weib vor dem Richter unter Vormundschaft des Mannes, sie ist dem unzurechnungsfähigen Kinde durch das Gesetz gleichgestellt.

Allein die welterschütternden Gewitter, welche durch unser Jahrhundert ihre Stimme oft ertönen liessen, rüttelten mit ihrem Donnertone auch das Weib aus seiner Trägheit und Indolenz.

Einzelne Weckerinnen und Vorkämpferinnen erstanden und riefen es hinaus in die Welt:

Sind wir denn nicht die Gefährtinnen, die Mütter der Männer? Nähren wir unsere Töchter nicht mit demselben Herzblut wie unsere Söhne? Weshalb sollten wir jene geboren haben, um allein für sich, das Recht freier Entwickelung aller Seelenund Leibeskräfte und das Recht freier Selbstbestimmung zu beanspruchen?

Sieht nicht gerade das Mutterauge die Mädchen sich in den ersten Jahren ebenso schnell entfalten wie die Knaben? Weshalb sollten plötzlich ihre Geistesanlagen versagen? Weshalb ihre, Entwicklungsfähigkeit aufhören oder eine einseitige Richtung aus Naturbestimmung nehmen?

Der Ruf nach Befreiung von Vorurtheil und Gewohnheit ertönte immer lauter in der Frauenwelt, und wenn auch Spott und Hohn die Stachel waren, mit denen man die ersten Vorkämpferinnen der Frauenfrage zurückzuscheuchen suchte sie standen fest und wankten nicht, sich bewusst, dass sie nicht für ihr eigenes Geschlecht allein, sondern für die Cultur und das Wohl der Menschheit kämpften, welche von dem Zusammenwirken beider Geschlechter abhängen. Dass die Bestrebungen der Frauen vollkommen den Zeitforderungen entsprechen und zugleich weder der weiblichen Natur noch der weiblichen Würde widersprechen, lehren die gewonnenen Resultate und zeigen die Bahnen, welche die denkenden und handelnden Frauen einschlugen. Da ist kein Feld bearbeitet worden, das nicht segensvoll auf das Haus und die Familie zurückwirkte. Kinderpflege, Erziehung, Fortbildung in wissenschaftlicher und künstlerischer Beziehung, für den Beruf und für den Erwerb, Armenpflege, Volkswirthschaft.

Die Pflege für Kranke und Verwundete im Kriege, der sich die Frauen mit so anerkennungswürdiger Hingebung und Ausdauer unterzogen hatten, zeigte, dass auch in den Zeiten, wo die Männer zu den Waffen zu greifen gezwungen sind, Furcht und Schrecken verbreitend, die Frauen sich vereinigen, um den humanen Standpunkt einzunehmen und Thaten der Liebe und Barmherzigkeit zu üben für Freund und Feind. Auch hier aber war es kein Stand, der sich abschloss oder besonders auszeichnete, sondern es war der edlere Theil der gesammten Frauenwelt, welche gemeinsam und friedlich zusammenstrebte.

Auch die Fürstinnen unseres Vaterlandes sind der Frauenbewegung nicht fern geblieben, auch sie vertreten den Humanismus und stehen an der Spitze gemeinnütziger und wohlthätiger Vereine, überall bereit, das Gute zu fördern, das Grosse und Edle mit aufzubauen.




Lina Morgenstern - Der Humanismus und die Frauen.

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