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Lina Morgenstern – Die Wehrpflicht der Frauen

Essay

aus: Frauenleben, Blätter zur Vertretung der Frauen-Interessen, Hrsg. von Helene Littmann, VI. Jahrgang, Nr. 5, August 1894


Die Frauenbewegung muss es oft von ihren Gegnern hören, dass der Mann schon um deswillen Bevorzugung verdiene, weil er der Wehrpflicht nachkommen und das Vaterland im Falle des Krieges vertheidigen muss, wobei er sein Leben einsetzt.

Darauf wäre anzuführen, dass die Frau, welche als Mutter dem Staate die Söhne und Töchter gibt, bei deren Geburt auch ihr Leben einsetzt und ein schwereres Dienstjahr durchzumachen hat, von dem die Männer gänzlich befreit sind.

Abgesehen hiervon ist es aber auch der Wunsch der Frauen, bei gleichen Rechten auch entsprechende Pflichten im Staate zu übernehmen, nur dass diese selbstverständlich, der Eigenart ihres Geschlechtes entsprechen müssen.

Es wurde daher für erwachsene Mädchen ebenfalls ein obligatorisches Dienstjahr vorgeschlagen, welches sie wie den jungen Mann ausrüsten soll mit körperlicher Kraft, Energie, Ausdauer, Unterwerfung unter das Gesetz, um sich für ihren Beruf als Staatsbürgerin vorzubereiten.

In diesem Dienstjahre, das von der Regierung als ihre absolvirte Militärpflicht angesehen sein soll, würden sie freilich nicht die Waffen führen lernen, um zu tödten, sondern sie würden unterrichtet werden und Uebungen machen müssen, um für Hebung der Volksgesundheit zu wirken, Kranke und Verwundete zu pflegen, Gesunde, Kranke und Genesende zu speisen und durch angemessene Kinderpflege und Erziehung dem Staate ein gesundes, starkes Geschlecht zu erziehen. — Sie würden aber auch noch die Anleitung zur socialen Hilfe erhalten, um nach zurückgelegtem Dienstjahr auch noch weiterhin, über den häuslichen Beruf hinaus, ein Arbeitsfeld zu suchen, auf dem sie Gemeinnützigkeit und Wohlthätigkeit üben, oder wirthschaftlich und wissenschaftlich sich betheiligen können, um dem Elend der Menschheit entgegen zu arbeiten.

Dieses Dienstjahr, welches sich auch, auf zwei ausdehnen könnte, soll zugleich, das ganze weibliche Geschlecht heben, indem es für den natürlichen Lebensberuf der Frau vorbereitet.

Die Abhärtung und Kräftigung des eigenen Körpers, die strenge Disciplin des Geistes, der Unterricht in Gesundheits- und Krankenpflege, in Ernährungs- und Wirthschaftslehre und in Kindererziehung und -Pflege würde zugleich die beste Vorbereitung für den häuslichen, wirtschaftlichen und mütterlichen Beruf der Frau geben, der Volkswohlstand und die Gesundheit der Massen würde gehoben, die Sittlichkeit gefördert, die Ehe glücklicher werden, wenn die erwachsenen Töchter nicht mehr in Unkenntniss und um deswillen in Hilflosigkeit bei Beginn körperlicher eigener und fremder Leiden bleiben oder in dieser Unkenntniss und Hilflosigkeit in die Ehe treten, um die Zahl derer zu vermehren, die durch sogenannte Frauenleiden zu Grunde gehen.

Das Dienstjahr soll die Frau mit Wissenschaft und Kraft ausrüsten für den Mutter- und Pflegerinnenberuf, um der Stamm tüchtiger Geschlechter zu werden; diejenigen aber, denen das Mutterglück versagt ist, für den Dienst in Staat und Gemeinde und für diesen, wie für ihr Privatleben stark und muthig zu machen.

In neuester Zeit hat sich der Gesichtspunkt geltend gemacht, dass die Frau als Pflegerin dem Staate ebenso wichtig und bedeutungsvoll sein kann, als der Mann, der das Vaterland mit den Waffen vertheidigt. Blicken wir z. B. auf die Wirksamkeit des deutschen Frauenvereines für Krankenpflege in den Colonien, welcher es sich zur Aufgabe macht, berufstüchtige Schwestern nach Afrika zu senden und folgen wir der Aufgabe, wie dem Schicksal dieser Schwestern, so werden wir zu der Ueberzeugung kommen, dass das, was sie opfern, wagen, thun und dulden einen Heldenmuth voraussetzt, der dem des grössten männlichen Helden nicht nachsteht. Der Unterschied zwischen dieser sich aufopfernden Nächstenliebe der Frauen und den in den Kampf ziehenden Soldaten ist der: Die Soldaten werden im Frieden geschult, in Waffen geübt, um, wenn es zu einem Kriege kommt, die Gegner zu tödten, weil sie die Söhne einer feindlichen Nation sind, und die Regierungen sich bekämpfen. Um dem Vaterlande zu dienen, erfordert es nun ihre Pflicht, das fünfte Gebot: »Du sollst nicht tödten«, welches ihnen als ein göttliches und heiliges von Kindheit an eingeprägt wurde, unbedingt zu brechen. Die Frauen, welche als Krankenpflegerinnen nach Afrika gesandt werden, verlassen ihr Vaterland, setzen sich der beschwerlichen Reise nach einem fernen Welttheil aus, kommen in ein unwirthliches Land, in ein Klima, von dem sie wissen, dass die meisten Europäer demselben unterliegen — und dennoch, sobald eine derselben ihren Tod im Dienste der Nächstenliebe gefunden hat, findet sich sofort eine andere junge Kraft, die opfermuthig als Nachfolgerin die Heimat verlässt und nach dem anderen Erdtheil die lange beschwerliche Reise unternimmt, um dort die Pflege zu üben. Wie schön und erhebend wäre es, könnten die Colonien auf friedlichem Wege begründet werden z. B. durch Hinsendung von Frauen, deren Deutschland mehrere Millionen besitzt, welche hier vergebens Arbeit suchen, welchen die Aufgabe würde, die Jugend der wilden Völkerschaften zu erziehen, die Erwachsenen zu lehren, ihre wilden Leidenschaften zu zügeln, die Frauen zu unterrichten in Wirthschaft, Kochen und in allen häuslichen und Handarbeiten.

Bis jetzt haben die Neger uns Europäer und die Amerikaner nur als Barbaren zu betrachten Gelegenheit gehabt, indem sie als Sclaven aus ihrer Heimat verschleppt oder in ihrem Lande als solche behandelt und vielfach gemisshandelt wurden. Die Amerikaner sind zu der Einsicht gelangt, die Befreiung der Sclaven als das allein Menschliche anzusehen; der Norden hat für diese Idee gekämpft und das Blut seiner freien Söhne hingegeben und hat glänzend den Sieg der Nächstenliebe und Gerechtigkeit über den Süden errungen, aber eine Frau war es, welche zuerst die Begeisterung entflammte und den Abscheu vor den Sclavenhaltern erweckte, es war Frau Becher Stowe mit ihrem weltberühmte Buche »Onkel Toms Hütte«.

Sowohl die amerikanischen als auch die englischen Frauen haben zur Befreiung der Sclaven wesentlich beigetragen und englische Frauen waren es auch, die 1881 das Werk der Friedensbestrebungen auf dem ersten internationalen Congresse für »peace and arbitrage« einleiteten, zu dem jetzt in allen Ländern die bedeutendsten Staatsmänner und Gelehrten gehören.

Es ist ein längst überwundener Standpunkt zu sagen: »Die Frau schweige in der Gemeinde.« Die Geschichte hat zum Oefteren gelehrt und gerade der hier von mir angeführte Fall beweist es wieder, dass aus dem Lager der zum Schweigen Jahrhunderte lang Verurtheilten sich das Wort zur rechten Zeit hören lässt, welches zur energischen That entflammt,

Nach dieser scheinbaren Abschweifung kehre ich zum Dienstjahr der Frauen zurück; während der Militärdienst, der Umgang mit Waffen, das Kriegshandwerk den Mann energischer macht, soll das Dienstjahr der Frauen dieselben mitfühlender, zartsinniger, fürsorglicher fremden Leiden gegenüber machen, sie sollen in werkthätiger Liebe erstarken in dem Pflegedienst, den sie Gelegenheit haben werden, während ihres ganzen Lebens an Angehörigen und Schutzbefohlenen zu üben.

Als Probieranstalten für das weibliche Dienstjahr würden geeignet sein: Kinderasyle und Krippen, Pflegestätten, Krankenhäuser, Genesungshäuser und Anstalten der Hygiene, d. h. der Gesundheitspflege zur Kräftigung des eigenen Körpers. Solche Kasernen der Gesundheitspflege, in denen der weibliche Rekrut während des Dienstjahres wohnen soll, im Fall dies nicht im elterlichen Heim durchgeführt werden kann — sollen alles umschliessen, was zur Gesundheitspflege gehört: Turnhalle, Bade- und Schwimmbassin, geräumigen Garten und Hof. Vor allem auch eine Küche, in welcher gelehrt wird, für Gesunde, Kranke und Genesende zu kochen. In dieser Kaserne für weibliche Rekruten müssten die besten Vorrichtungen der Ventilation, der Desinfection, der Heizung, der Beleuchtung und der Zeiteinteilung gegeben werden. Was nun den Unterricht und die Uebungen des weiblichen Rekruten anbelangt, so wäre ein Plan auszuarbeiten, um die Zeit so einzutheilen, dass ohne Ueberanstrengung der theoretische Unterricht, die körperlichen Uebungen und das Hospitieren in den Pflegestätten durchgemacht werden kann.

Jedes Mädchen bis zu seinem vollendeten 18. Jahre sollte zu dieser Wehrpflicht herangezogen werden, ob reich oder arm, vornehm oder untergeordnet.

Für arme Mädchen, die auf Erwerb angewiesen sind, würde sich ein Modus finden lassen, 1., dass sie schon nach vollendeter Schulzeit, also im fünfzehnten Jahre ihr Dienstjahr zurücklegen dürfen und 2., dass sie während desselben entschädigt werden, 3., aber auch, dafür besondere Leistungen übernehmen. Gerade für das arme Mädchen würde dies Dienstjahr eine Vorbereitung für seinen Erwerbsberuf bilden, das ihm Kenntnisse gibt, die es sonst nicht erlangen würde, als durch langjährige, traurige Erfahrungen; das vornehme und reiche Mädchen aber würde durch das Dienstjahr von Selbstsucht und Engherzigkeit, von Müssiggang und unnützem Leben abgezogen werden, um zu lernen, Pflichten für die Gesellschaft, für das Vaterland, für die Hilfsbedürftigen und Elenden zu übernehmen. Mögen unsere Staatsbehörden das weibliche Dienstjahr nicht als Fantasterei abweisen. Es würde eine nach Millionen zählende Armee von Helferinnen schaffen, welche im Frieden wie im Kriege bereit sein würden, die Volksgesundheit zu heben, die Gesittung zu verbreiten, Wunden zu heilen, Kranke zu pflegen und ihre Kinder zu tüchtigen Bürgern zu erziehen.

Der Nationalverein zur Hebung der Volksgesundheit ist es, von dem zuerst in seinem Organe »Der Menschenfreund« in einem Aufsatze von Dr. Hans Schmidtkunz, Privatdocent in München, die Anregung ausging, ein weibliches Dienstjahr einzuführen. Die Frauengruppe des Nationalvereines wird es sich nun zur Aufgabe machen, unter Leitung seiner Vorsitzenden, das weibliche Dienstjahr zu organisiren. Wir erbitten und erhoffen die Theilnahme und Unterstützung aller denkenden Frauen und Männer.

L. Morgenstern




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