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Milena Mrazovic – Emin's Glück

Novelle.

Aus: Milena Mrazovic, Selam. Skizzen und Novellen aus dem bosnischen Volksleben, Deutsche Schriftsteller-Genossenschaft, Berlin, 1893



Wer die Tscharschija (Marktviertel) einer kleinen bosnischen Stadt sah, der hat sie alle gesehen. Es sind überall dieselben winkeligen Gassen, welche aus hölzernen mit Waaren vollgestopften Verkaufsbuden bestehen, überall dieselben schwer bepackten Tragthiere mit den scheltenden Treibern; hie und da steht ein Auslaufbrunnen, welcher stets von Mädchen und Knaben umlagert ist, und das ganze, im Sommer von einer ewigen Staubwolke eingehüllt, wird von einem schlanken Minaret überragt.

Gerade so eine Tscharschija war es, in welcher ein junger Mann schon seit frühem Morgen herumschlenderte. Er trug fränkische Kleidung, einen Fes auf dem Kopfe und sah so bestaubt und vernachlässigt aus, als wäre er soeben von einer weiten Reise gekommen. Er mochte ungefähr sechsundzwanzig Jahre zählen, hatte ein einnehmendes, sonnverbranntes Gesicht, melancholische, dunkle Augen und die gravitätischen Bewegungen der Orientalen.

Hadschi Salih, der Pantoffelmacher, Selman Aga, der Seidenhändler, und noch viele Andere hatten schon darüber den Kopf geschüttelt, wer wohl der fremde, fränkisch gekleidete Bursche sein möge, der sich so sonderbar benahm. Wenn er nicht die Gasse der Tscharschija ablief, dabei unverwandt auf den Boden vor sich hinblickend, so stand er gewiss wie angewurzelt dort mitten in der Strasse, so dass die Tragthiertreiber ihn oft unsanft aus dem Wege schieben mussten, und starrte unausgesetzt nach jenem stattlichen Hause, das die Ecke der Tscharschija mit der sie in der Mitte durchschneidenden Seitengasse bildete.

Wer hatte es wohl gesehen, fremden Leuten so in die Fenster zu starren?! Der junge Mann schien mit guter Sitte nicht besonders vertraut zu sein. Was gab es nur auch an dem Gebäude zu sehen? Einfach und schmucklos stand es da mit seinen unvergitterten Fenstern, welche bezeugten, dass hier keine Frauen wohnten.

Und doch schienen gerade diese Fenster des jungen Mannes Aufmerksamkeit in so hohem Masse zu fesseln, und wenn sich die herabgelassenen Vorhänge derselben bewegten, da glaubte er immer ein schnippisches Näschen und ein Paar dunkle, lebhaftblickende Augen zwischen den Stofffalten hervorblitzen zu sehen, und eine Rothe der Erregung huschte über sein Gesicht.

Hadschi Meho, ein alter bosnischer Majstor (Meister), der wie alle seiner Art auch alle Handwerke zugleich verstand und inmitten seines Ladens zwischen den verschiedenartigsten Werkzeugen hockte, hatte das Gebahren des jungen Mannes nachgerade satt bekommen; vielleicht, weil er nichts von all’dem bemerkte, was der Bursche in jenen Fenstern zu sehen vermeinte, vielleicht auch deshalb, weil dieser gerade so vor seinem Laden stand, dass seine Kunden ihn gar nicht sehen konnten; kurz, er entschloss sich, den räthselhaften Fremden anzusprechen, um ihn ein wenig zurechtzuweisen und dachte eben über die Worte nach, die er gebrauchen wollte, als Jener sich plötzlich umwandte und ihm das Wort vom Munde abschnitt.

»Wie geht es Dir, Majstor? Wie geht das Geschäft? Könntest Du mir wohl sagen, wem das Haus da drüben gehört?« fragte er im reinsten Bosnisch.

Der Alte starrte ihn eine Weile an, paffte eine fürchterliche Rauchwolke vor sich hin, strich sich über seinen grauen Bart und sagte dann gelassen: »Das Haus? Einem Hausherrn!«

»So ist es!« meinte der Fremde, bedächtig mit dem Kopfe nickend, als wäre er nun vollkommen informirt. Er hatte eigentlich keine andere Antwort erwarten können.

»Und kannst Du mir auch sagen, wie dieser Hausherr sich nennt?« hub er von Neuem an.

Hadschi Meho blinzelte mit seinen kleinen Aeuglein schlau nach dem Frager, rutschte dann zu seinem Schraubstock, nahm ihn zwischen beide Beine und begann lustig d’rauf los zu feilen.

»Eh, weisst Du, ich weiss gar nichts,« antwortete er endlich; »ich kümmere mich um fremder Leute Häuser nicht. Ich bin auch nicht der Muktar (Gemeindevorstand). Wenn Du nicht weisst, wem das Haus gehört, was schaust Du es dann an, als wolltest Du alle Wanzen darin beschwören? – Was willst Du, Mustafa?« wendete er sich zu einem kleinen Jungen. »Sind die Augengläser Deiner Mutter noch nicht recht? So? zu klein sind sie ihr, und darum trifft sie es nicht durchzusehen? Nun, sie soll sie nicht so weit auf die Nasenspitze setzen und dann darüber hinwegschauen. Und Du, Jussuf? Ist der Regenschirm schon wieder zerbrochen? Nun, ich habe ja schon gesagt, man darf ihn nicht so aufmachen, dass man ein Stäbchen packt und daran so lange zieht, bis es bricht, sondern so . . .«

Puff! flog der Schirm auf und dem Fremden gerade ins Gesicht, so dass seine Cigarette fortgeschleudert wurde und sofort einige Strassenjungen sich darum balgten.

Gelassen zog der Fremde nun seine Dose aus der Tasche, setzte sich zu Hadschi Meho auf den Laden, liess seine Beine über dem Strassenpflaster baumeln und begann unbeirrt sich eine neue Cigarette zu drehen. »Was rauchst Du, Majstor?« fragte er gleichmüthig; »eigene Fechsung? Hm, schlechtes Jahr; riecht ja wie Kukurutzstroh. Versuche meinen Tabak! Echt arabischer, habe ihn eben von dort unten mitgebracht.«

Höhnisch blickte der Alte ihn, wie seinen Tabak, von der Seite an.

»Echt arabisch! Du glaubst wohl, ich hätte noch keinen gesehen, dass ich dieses Brennnesselheu für solchen ansehe? Hat mir doch erst vor drei Jahren mein Neffe aus Mekka Tabak geschickt, den die Chinesen in der Nähe von Afghanistan bauen und der herrlich wie Nelkenöl duftet.«

Der junge Mann blickte mit einem Ruck dem Sprecher in’s Gesicht, lehnte sich dann an einen mächtigen Kohlenhaufen zurück und rief im Tone höchster Ueberraschung aus:

»Dann bist Du ja Hadschi Meho, mein Oheim?«

Der Majstor fuhr bei diesem Rufe zusammen, warf sprachlos einen Blick auf den jungen Mann, griff mit zitternden Händen nach seinem Turban, um ihn fester in die Stirne zu drücken und tastete dann wie rathlos zwischen seinem Werkzeuge herum.

Der Bursche fasste ihn am Arme. »Höre doch, Oheim! Wie kommst Du hierher nach S.? Ist meine Schwester auch hier?«

Der flinke Alte schien die Sprache verloren zu haben. »Deine Schwester?« stammelte er . . . »Ja siehst Du, Emin, wir haben Dir einen langen Brief geschrieben nach Mekka, – in dem stand Alles.« Er wischte sich die Schweisstropfen von der Stirne, als er sah, wie Emin ihn mit grossen Augen anblickte.

»Weisst Du,« hub er wieder verwirrt an, »als Du vor langen Jahren in die weite Welt gingst, um Dein Glück zu suchen, weil wir in B. alle gar so arm waren, und Du Deine Schwester vorher so gut an den reichen Yusbaschi verheirathet hattest, da hatten wir Dir freilich versprochen, sie nie zu verlassen; aber wir sind eben alt geworden, ich und Deine Tante. Nun siehst Du, wie es bei Offizieren schon ist, der Yusbascha musste plötzlich mit seinen Soldaten hierher nach S., und wir gingen alle mit. Nach einer Weile aber hätten wir wieder fort sollen und da – weil – weil wir nun schon so alt sind, ich und Deine Tante, so sind wir – dageblieben.«

Hadschi Meho war feuerroth geworden bei dieser Rede und wischte sich nun mit einem handtuchförmigen Taschentuche ab. Emin bog zwischen den schlanken Fingern aufgeregt ein Stück Blech hin und her, als wäre es Pappendeckel.

»Seit wann ist meine Schwester fort mit ihrem Manne?«

Der Alte bekam jetzt einen unwiderstehlichen Hustenreiz.

»Ungefähr seit einem Jahre,« hustete er.

»Und wohin?«

Nach . . . .« Er hustete so schauerlich, dass man den Namen des Ortes nicht verstehen konnte. »Die Tante, die Tante wird Dir Alles genau erzählen; sie ist da drüben!« Er deutete nach dem Hause, das Emin vorhin so beobachtet hatte.

»Was? in diesem Hause? Wohnt ihr denn dort?«

»Nein, hm, dort wohnt ein – hm – ein Bimbascha; Deine Schwester hat auch dort gewohnt.« Er brach ab und blickte nach der anderen Seite. »Deine Tante dient nur in dem Hause, – Du weisst, wir sind noch immer arm – nur Abends, wenn kein Mondlicht ist, kommt sie heim!«

»Wenn kein Mondlicht ist?« Emin blickte um sich, als erwarte er, von Jemandem für verrückt erklärt zu werden. Er dachte nach. Vielleicht hatte die Tante sich mit seiner Schwester zuletzt nicht gut vertragen, dass sie sich deshalb trennten, dachte er, und den Oheim hatte gewiss deshalb sein plötzliches Erscheinen so verwirrt gemacht.

Er stopfte die Blechstückchen, die er in der Hand hielt, gedankenvoll in eine alte Kaffeemühle, die neben ihm stand und wollte eben lustig d’rauf los drehen, als ihm sie der Alte aus der Hand riss.

»Selman Ageniza’s Kaffeemühle! Was fällt Dir ein, Emin? Du würdest sie schön herrichten!«

»Aber sie ist doch gesund, meine Schwester?« meinte Emin nachdenklich.

»Möchte ich sonst hier sitzen, Junge? Gehe nur hinüber, geh’ zu Deiner Tante. Die Weiber können viel besser reden. Ich glaube, sie wird jetzt ganz allein sein; die anderen sind alle ausgegangen. Gehe nur hinein in den ersten Hof und klopfe dann dreimal an das Thor des zweiten, damit mein Weib glaubt, ich klopfe. Erzähle mir dann, wie sie aussieht.«

Wieder sah ihn Emin erstaunt an, während der Alte trübselig nickte.

»Ich glaube, Du freust Dich nicht besonders, mich wiederzusehen?« warf der Bursche hin, langsam aufstehend.

Statt der Antwort nahm der alte Majstor den Turban vom Haupte und entnahm der Höhlung desselben ein nelkenduftendes Päckchen.

»Drei Jahre lang trage ich dies mit mir herum, – ist auch ein sehr gutes Mittel gegen Kopfweh! – bloss des Freitags rauchte ich eine dünne Cigarette von dem kostbaren Tabak und rief dabei, wie allezeit, Allah’s Segen über den Spender herab!«

Emin dankte mit einer wahrhaft königlichen Handbewegung, liess den Kopf sinken, so dass die Quaste seines Fes ihm bis auf die classische Nase baumelte und schritt, ohne aufzusehen, quer über die Strasse, während der alte Maj­stor, die Augen von Thränen verdunkelt, ein altes, verrostetes Hufeisen sorgfältig einwickelte und der schlanken Habiba vergoldete Gürtelschnalle zum alten Eisen warf.

»Von Schweigen thut der Kopf nicht weh. – sie wird es ihm schon sagen, meine Alte,« dachte er. »Der arme Bursche! Was sucht er nur hier? Ich bin froh, dass ich ihn losgeworden bin mit seinen schrecklichen Fragen.«

Vor dem Thore jenes Hauses angelangt, blickte der junge Mann zu den Fenstern auf, und ein Freudenblitz erhellte sein verdüstertes Gesicht.

»Raifa,« flüsterte er zärtlich, »Du goldenes Röschen! Heisst es doch richtig: Dem Verliebten ist Bagdad nicht weit! Bis in einen anderen Welttheil bin ich Dir gefolgt, und jetzt – –«

Er drückte convulsivisch den Thürriegel in der Hand.

»Ach was,« meinte er, sich selbst zuredend, »lieber die Nase, als das Glück lassen? Man muss versuchen, es einzufangen! Trifft sich doch alles so bequem; die Tante ist sogar hier im Hause. Aber die Schwester?«

Es fiel ihm wieder zentnerschwer auf’s Herz, ohne dass er wusste warum.

Endlich stiess er das Thor auf und trat in den ersten kleinen Hofraum ein. Nirgends war ein Diener zu sehen. Auf dem letzten Absatze der hölzernen Wendeltreppe, welche hinauf zu der Männerabtheilung des Hauses führte, lag eine Katze und schlief. Langsam, sich scheu umblickend schritt er quer hinüber über die glattgescheuerten Quadern zu dem zweiten Thore, hinter welchem die Frauen wohnten und pochte klopfenden Herzens schüchtern an.

»Komme nur, mein Söhnchen,« rief nun eine altbekannte, etwas knarrende Frauenstimme. »Habe Dich schon gehört. Gieb Acht! Ich stehe mit dem Rücken Dir zugewendet beim Brunnen.«

Emin trat nun ein und sah wirklich eine langespindeldürre Frauengestalt, die grossblumigen, Kattun-Beinkleider hoch aufgeschürzt und die Füsse in plumpen Nanule’s (Holzschuhen), in einem kleinen Teiche, in welchem lustig einige Entlein herumplätscherten, bei dem Brunnen stellen.

»Gottes Segen, Tante Umihana!«

Die Frau fuhr bei dem Klange der fremden Männerstimme erschrocken zusammen und verharrte regungslos in gebückter Haltung, dann faltete sie behutsam die Hände in dem Schoosse, damit der Fremde sie nicht sehen könne und blickte, unfähig, ihre Neugierde länger zu bezähmen, vorsichtig über die Schulter zurück, während der junge Mann über die komische Figur in ein lautes Lachen ausbrach.

»Emin!« schrie sie jetzt auf, mit einigen Sprüngen auf ihn zueilend; hoch spritzte dabei das Wasser auf, entsetzt quackten die Entlein, und der der Sitte gemäss schwarzgefärbte Zopf, der ihr wie ein Riesen-Rattenschwänzlein unter dem Kopftuche hervorhing, flatterte in einem weiten Bogen auf.

»O Söhnchen! Hat der Blitz Dich mit sich geführt? Woher kommst Du?«

»Aus Mekka!«

»Wärst Du doch lieber umgekehrt, ehe Du von dort weggingest.«

»Der Gruss ist schön, den Ihr mir bereitet habt, Du und Hadschi Meho,« meinte der junge Mann bitter.

»Ach, warum kommst Du auch zu einer Zeit, in der uns Gott das Singen verboten hat, aber nicht das Weinen! Sage, was hat Dir Hadschi Meho gesagt?« Sie sah ihn forschend mit ihren hellen Augen an, während es um ihren faltigen Mund zuckte, wie verhaltenes Weinen.

»Gar nichts, es wäre denn, dass ich meine Muttersprache nicht mehr verstünde. Er meinte, Du hättest jetzt Zeit zum Erzählen.«

»Guter Gott, was soll ein Weiberkopf Dich Kluges hören lassen! Doch sage, sieht Hadschi Meho gesund aus?«

»Das frägst Du mich?«

»Weise ist doch Hadschi Meho, der klug und dumm zu gleicher Zeit sein kann! Er sagte Dir also nichts?«

»Nichts!«

Tante Umihana trocknete sich mit dem Kopftuchzipfel die Augen und ging dann mit komisch langen Schritten auf die halbgeöffnete Hausthüre zu, kauerte sich hinter dieselbe auf die Fliesen des kühlen Corridors, während Emin mechanisch vor der Thüre auf der Schwelle in der glühenden Sonnenhitze Platz nahm, so dass Beide nun sich nicht sehen, wohl aber sprechen konnten, was orientalischen Lebensgewohnheiten vollkommen entspricht.

Eine lange, inhaltsreiche Pause folgte jetzt, während welcher Tante Umihana eine mit Wasser und Pflaumen angefüllte Schüssel zwischen die Thüröffnung schob.

»Iss doch, mein Söhnchen, bist wohl hungrig von der weiten Reise? Was suchst Du eigentlich hier?«

»Mein Glück!«.

»Hast dasselbe gesagt, ehe Du vor zehn Jahren nach Mekka gingst. Hoffst Du das Glück zu fangen, wie ich meine Hühner?«

»Mit dem Unterschied, dass das Glück sich nicht beim Schweif fangen lässt, wie Deine Hühner. Ich will eben Acht geben.«

Die alte Frau schüttelte hinter der Thüre traurig den Kopf. Emin sah nur ihre rothgefärbten Fingerspitzen, wie sie nach den Pflaumen in der Schüssel griffen.

»Lass’ Dir vom Unglück jetzt erzählen. Söhnchen. Höre! Fast zehn Jahre sind es auch, seit ich und Hadschi Meho einander nicht gesehen.«

Emin sagte nichts, er war zu verblüfft.

»Ach, Menschen ertragen mehr als eine eiserne Brücke. Lasse Dir sagen! Kurz nachher, als Deine Schwester geheirathet hatte und Du nach Mekka fortgezogen warst, da wurde Hadschi Meho, der Weise, – eifersüchtig.«

Emin’s dunkle Augen begannen zu lachen.

»Oh, honigsüsser Emin, hättest Du’s gesehen! Die Eifersucht stand Meho wie einem Esel ein goldener Sattel. So weise er ist, ein Ziegel fehlt ihm doch an seinem Kopfdache. Da sprach man einst in der Tscharschija, es gäbe Weiber, zu denen verhüllte Frauen auf Besuch kämen, die unter dem Jaschmak (Gesichtsschleier) einen Schnurrbart hätten, und da fiel ihm ein, dass auch zu mir häufig eine grosse, starke Frauensperson käme, und er begann einen abscheulichen Verdacht zu schöpfen. Wie oft sah ich ihn vor der Thür stehen und die ungeheuer grossen Pantoffel meiner Besucherin misstrauisch anblicken. Zuletzt wollte er für die Besucherin nicht einmal mehr Kaffee kochen, und nicht lange dauerte es, da stritten wir uns täglich. Und einmal, in einer Stunde, in der uns Gottes Zorn traf, da sprach der Teufel das Wort aus ihm: »Drei Mal bist Du verstossen, sobald unsere Augen sich wieder begegnen.« *

»O Söhnchen,« schluchzte Tante Umihana in ihrem Winkel, »kaum waren die bösen Worte gesprochen, als jenes grosse Weib über den Hof schritt mit zurückgeschlagenem Schleier, so dass auch mein Mann sie sehen musste. Ich hörte ihn laut jammern aus Reue und fiel auf’s Antlitz, um ihn nicht mehr zu sehen. Doch, was nützte es? Ich zog zu Deiner Schwester, unserer Hatidscha, und nur in dunklen Nächten kehre ich heim in meines Mannes Haus, um das Traurige mit ihm zu beklagen.«

Es war seltsam ruhig in dem sonnenbeglänzten Hofe, wenn Tante Umihana’s knarrende Stimme schwieg. Die Enten trockneten sich auf einem Grasflecken in einer Ecke, hie und da mit den schläfrigen Augen nach den surrenden Mücken schielend. Emin hatte den Kopf an den Thürpfosten gelehnt, den Dampf seiner Cigarette in scharfen Zügen von sich blasend, gedankenlos lauschend, wobei er die Blicke unablässig hinauf nach einem über ihm befindlichen Fenster der Seitenfront richtete, durch dessen herausspringendes dichtes Holzgitter ein weissseidener Aermel hervorlugte.

»Und was ist mit meiner Schwester, wo ist sie?« fragte jetzt der junge Mann.

In diesem Augenblick polterte es gegen das Fenstergitter.

»Aha,« sagte Tante Umihana, höhnisch lachend die Nase hinter der Thüre hervorsteckend. »Hörst Du sie, mein Söhnchen? Gieb mir ihr Glück, ihren Verstand gebe ich Dir umsonst.«

Emin wurde dunkelroth.

»Wer ist das?« fragte er unsicher.

Tante Umihana machte eine wegwerfende Bewegung.

»Lass’ es Dich nicht kümmern. Sie ist die Hausfrau hier, des Bimbascha Frau, ein grünes Ding. Sie ist meine Herrin, – Gott erbarme sich meiner! Lieber eigenen Hafer, als fremder Leute Reis essen!«

»Wer heisst es Dich thun, Tante?«

»Hm, was wollen wir! Waren ja Deiner Schwester lange genug zur Last.«

»Liess sie es Euch fühlen?«

»Bewahre Gott! Wir lebten immer wie Schwestern, aber unsere Beutel waren doch nicht Brüder. Wir zogen mit Hatidscha hierher in diese Stadt, und da Hadschi Meho als Maj­stor hier viel verdienen kann und in unserem Unglücke uns vor einer neuen Veränderung graute, so blieb ich in diesem Hause und Hadschi Meho in seinem Laden; hier können wir uns ganz leicht sprechen, ohne uns zu sehen.«

»Und meine Schwester?« drängte jetzt Emin ungeduldig.

»Sie ist weit fort,« stotterte plötzlich Tante Umihana, »ich glaube, in Konjiza oder Vlaseniza, nun dort irgendwo – ich habe den Namen vergessen – wie eben ein Weiberkopf! – aber zu Hause hat ihn Hadschi Meho auf einen Zettel aufgeschrieben.«

Argwöhnisch blickte Emin die Thür an, hinter welcher sich die Sprecherin verbarg.

»Weisst Du, Tante Umihana,« meinte er, »es ist leichter, eine Lüge zu sagen, als anzuhören.«

»Guter Gott,« jammerte jetzt die alte Frau, »wer sagt Dir, dass ich lüge? Hatidscha ist gesund und erst seit einigen Monaten von hier fort. Weiss Gott, das Scheiden that mir weh – aber unser Unglück! Wirf mit dem Stein nach dem Topf oder mit dem Topf nach dem Stein, es ist dasselbe.«

»Mir ist, als wäre ich eines Narren Bruder,« stiess Emin zornig hervor.

»Sei doch ruhig, Söhnchen,« begütigte Tante Umihana, wieder den Kopf hervorsteckend; »sage Hadschi Meho, er möge mich, sobald es dunkel geworden ist, durch Nachbars Jusso nach Hause holen lassen, und dann setzen wir drei uns zusammen und berathen uns.«

»Berathen? Worüber?«

Jetzt ertönte Händeklatschen von dem Fenster herab.

»Nun, sie hat wohl noch Zeit zum Warten,« brummte Umihana Hanuma mit einem Blick nach oben. »Höre, Söhnchen,« schmeichelte sie, »sage Niemandem, wer Du bist, bis wir uns berathen haben, auch nicht, was Du hier beginnen willst: weiss ich doch dies selbst nicht.

Jetzt neigte Emin sich zu der Tante Ohr, ganz leise mit flammenden Augen flüsternd:

»Was ich beginnen will?! Mein Glück will ich suchen, sagt’ ich es doch, – und ich finde es – in Deiner Herrin, in Raifa’s Armen!«

Entsetzt sprang Tante Umihana auf. »Maschallah! Die Sonne hat ihm das Gehirn entzündet!« Sie drängte ihn von der Schwelle weg und in den Hof hinaus, als fürchtete sie, dass er in das Haus eindringe.

»Hadschi Meho soll ihm Alles sagen, ich kann es nicht,« dachte sie. »Der arme Junge, er hat seine Schwester so gerne! Er ist schon jetzt halb verrückt und weiss noch nicht recht warum.« Sie schob ihn immer mehr dem Ausgange zu.

»Gehe doch. Söhnchen! Heute Nacht sagen wir uns Alles. Es könnten Weiber kommen und wenn die Dich hier sähen, uff! Aber sage Niemandem, wer Du bist.«

Der Bursche blickte ihr gerade ins Gesicht, seine Augen funkelten.

»Fürchte Dich nicht Tante, mit Gewalt kann man hier nichts erreichen, das weiss ich. Aber das Glück werde ich doch fangen, wenn . . .«

»Ja, ja, wenn! – Wenn er soviel Mehl hätte, als er Butter nicht hat, würde sich auch der Zigeuner eine Pitta (Pfannkuchen) backen,« spottete die Tante gutmüthig.

»Umihana!« erklang jetzt der zornige Ruf einer hellen Frauenstimme, und man hörte deutlich, wie Jemand auf die Dielen stampfte.

Wie verklärt blickte Emin in die Höhe.

»Geh’ jetzt, Söhnchen, geh,« sagte die Tante, ihn zur Thüre hinausschiebend, »und,« setzte sie laut hinzu, mit einem pfiffigen Blick nach den Fenstern, »hüte Dich vor schmalen Gassen und verrückten Hausbewohnern!«

Ehe der Bursche wusste, wie ihm geschah, stand er wieder auf der Strasse. Etwas wie ein Schwindel kam über ihn, – vielleicht war es die Reise, die Erschöpfung, das eben Gehörte . . . . Emin drückte die Hand an die brennende Stirn; was hatte er nur gehört? Es gab Etwas, was man ihm vorenthielt, aber dieses Etwas?

Wieder schritt er über die Strasse, auf Hadschi Meho’s Laden zu. Als er knapp vor demselben stand, bemerkte er, dass der Laden geschlossen war. Hatte sich der Oheim davon gemacht, um ihm auszuweichen? Fast schien es so, doch wo konnte er ihn finden? Er wollte zu Tante Umihana zurückkehren, um sie um des Onkels Haus zu befragen; in demselben Augenblicke aber sah er verhüllte Frauengestalten in dem Thore des Hauses verschwinden.

Geduldig setzte er sich auf einen Stein vor des Oheims Laden und wartete. Weshalb war er plötzlich unzufrieden? Er hatte Raifa gesucht und sie nun gefunden mit dem Geschicke eines Spürhundes; alles Weitere musste nun aber erst ersonnen werden. Die Schwester hatte er ja ohnedies hier nicht zu finden gehofft, nur das plötzliche Wiederfinden der Verwandten machte ihm Sorge. Warum? Er konnte sich dies selbst nicht erklären.

Unverwandt starrte er nach dem Fenster, zwischen dessen Vorhängen er ein weisses Antlitz hervorschimmern zu sehen vermeinte. Seine Gedanken schweiften nach dem fernen Süden. Er sah die feine, zarte Mädchengestalt mit den Perlen und Dukaten-Schnüren in den schwarzen Haaren und den weissseidenen, flatternden Aermeln unter tropischen Blumen im Garten wandeln, und über ihrem Haupte nickten im Abendwinde Palmen ihre Grüsse zu . . . .

Emin’s Haupt war immer tiefer auf die Brust gesunken, und als der Mond aufstieg, da rüttelte ihn der Nachtwächter auf und führte den Schlaftrunkenen in seine Herberge.

Die Morgensonne fand ihn schon wieder vor Hadschi Meho’s Laden, aber umsonst wartete Emin, dass dieser sich öffnen werde. Seine Nachfragen bei den Nachbarn Hadschi Meho’s blieben, wie vorauszusehen war, unbeantwortet. Man misstraute dem Fremdling selbstverständlich. Sein Versuch, zu Umihana zu gelangen, schlug auch fehl, denn schon beim ersten Thore wiesen ihn mürrische Diener zurück.

Was thun? Woher guten Rath nehmen? Die Gedanken brannten ihm im Gehirn wie glühende Kohlen. Hätte er doch nur die Schwester, wüsste er, wo sie suchen, er sollte gleich Ruhe finden. Es war ihm, als müsste er das Land durchlaufen, um sie zu suchen, aber jenes Fenster bannte ihn an die Stelle. Er musste hinschauen, immer und immer wieder.

»Morgen,« dachte er, »morgen will ich irgend etwas unternehmen.«

Und als die Nacht hereinbrach, da führte ihn wieder der Nachtwächter heim.


* * *


»Umihana! Umihana!« Der Ruf wurde immer ungeduldiger, und die alte Frau stand noch immer traumverloren und starrte die Thüre an, hinter der soeben ihr Neffe verschwunden war. Endlich wandte sie sich mit einem schweren Seufzer, ging in das Haus und stieg langsam die hölzerne, blankgescheuerte Treppe empor.

Mitten in dem weiten Vorsaale stand auf einem persischen Teppiche ein kleines, zierliches Figürchen, mit einer feuerrothen seidenen Dimije (Pumphose) und einem goldgestickten Jäckchen bekleidet, mit flatternden weissen Hemdärmeln, einen kleinen Fes mit einem Rosenbouquet in die Stirne gedrückt, während die schwarzen Zöpfe ihr über den Rücken tief hinabhingen. Sie stand da, die kleinen Fäuste in die Hüften gestemmt, mit funkelnden Augen und zeigte der Kommenden zornig ihre kleinen, weissen Zähne.

»Wen Gott strafen will, dem giebt er Diener,« rief sie der alten Frau entgegen. »Wie darfst Du es wagen, den fremden Mann in meinen Hof zu lassen und Dich mit ihm hinzusetzen?«

»Ich habe geglaubt, dass Du noch immer beim Strassenfenster hinaussiehst, Raifa-Hanum, und es darum nicht bemerken wirst,« gab spottend Umihana ihrer Herrin zur Antwort.

Raifa wurde dunkelroth.

»Beantworte, um was ich Dich frage!«

»Nun, Emin hat wohl ein Recht, dieses Haus zu betreten, er ist mein Neffe und . . . .«

Umihana trat dicht zu ihrer kleinen Herrin, und beugte sich auf sie herab.

»– Und Hatidscha’s Bruder!«

Wieder wechselte Raifa die Farbe, zuckte dann mit den Achseln und schritt, Umihana stehen lassend, durch den Verbindungsgang wieder hinüber nach den Zimmern ihres Mannes, kauerte sich hier auf die längs der Wände hinlaufenden Minder (Sopha) und blickte durch einen Spalt zwischen den Vorhängen auf die Strasse.

Richtig, dort sah sie es wieder, dieses ihr so verhasst scheinende Gesicht mit jenen unausstehlichen, traurigen Augen. Seit einem Jahre hatte sie sich von der Erinnerung daran nicht losmachen können, hatte es vor sich gesehen im Wachen und im Traume, und nun hatte sie es plötzlich lebendig vor sich.

Sie eilte an ein Hoffenster und rief einen kleinen Jungen herauf.

»Siehst Du den Mann dort drüben, Suljo?« fragte sie ihn. »Ja? Nun sage den Dienern unten, Bajro, Mujo und den Anderen, sie mögen achten, dass dieser Mensch nicht mehr in unseren Hof kommt, sonst . . . .«

Sie gab dem Jungen keinen besonders sanften Klaps gegen die Ohren, worauf er diensteifrig davonlief.

Und Raifa kauerte sich wieder wie ein Kätzchen hinauf auf den Divan, unaufhörlich nach jenem blassen, jungen Mann blickend, der wie todtmüde. auf einem Steine vor Hadschi Meho’s Laden sass.

»Raifa-Hanum,« sagte jetzt Tante Umihana eintretend, »Besuch ist da! Die kleine Tifia mit ihrer Schwiegermutter. Sie hat heute den schönen Fes auf mit den vielen Dukaten und der Brillant-Agraffe vorne. So komm’ doch!«

»Ich will nicht,« schrie Raifa, wie ein unartiges Kind um sich schlagend. »Sie sollen sitzen und sich in Kaffee ersäufen, aber ich geh’ nicht, ich mag nicht!«

Und wieder blieb sie allein. Es wurde dunkler und dunkler in dem Gemach, die Nacht brach ein, der Muezzin rief die erste Gebetstunde vom nahen Minaret, und noch immer starrte die kleine Frau hinüber nach dem armen Emin, dessen Augen schon längst zugefallen waren.

Laut weinend warf sie sich auf das Minder und schlug mit den Fäusten auf die weichen Polster.

»Warum lässt er mich nicht in Ruhe, warum folgt er mir sogar bis hierher? Ich könnte ihn tödten vor Wuth, vor Hass!«

»Der Herr ist soeben vom Talum (Manöver) gekommen,« sagte jetzt Umihana, die lautlos eingetreten. »Es sind noch andere Herren mit ihm, Du kannst nicht mehr hier bleiben, Raifa-Hanum.«

Zitternd vor Aufregung liess sich die kleine, so schrecklich hassende Hanum hinüber nach dem Haremlik führen, verkroch sich hier in eine kleine Kammer und begann von Neuem zu weinen.

Wenn der Bimbascha nach mir frägt,« stiess sie schluchzend hervor, »so sagt, ich mag ihn nicht sehen; ich bin krank, sterbenskrank. Ufff!«

Und sie weinte so lange, bis sie einschlief.

»Die grösste Strafe Gottes für einen Mann ist doch einer Mutter »einziges Töchterlein,« wie Raifa eines ist,« brummte Umihana.


* * *


Am nächsten Morgen sass Raifa unter Kissen halb vergraben und die Stirne mit einem dicken Tuche umwunden in der Kammer, und vor ihr kauerte der Bimbascha, ein stattlicher Mann in der kleidsamen Uniform der türkischen Offiziere, mit einem kohlschwarzen Schnurrbart, ebensolchen Augen und blitzenden weissen Zähnen, auf dem Teppich, schlürfte seinen Morgenkaffee und dampfte dazu aus einer langen Studentenpfeife, die er von einem deutschen See-Offizier in Konstantinopel erhalten hatte.

»Was fehlt Dir, Kleine,« fragte er gutmüthig. »Kopfweh? Hast Du also einen Kopf? Schau, Schau! Soll ich den Hetschim (Arzt) fragen? Nein? Wovon bist Du denn krank geworden?«

»Frage nur Umihana,« hauchte die Hanum, während es weinerlich um ihren Mund zuckte. »Dieses Weib wird mich noch zu Tode ärgern. Aber freilich, ich darf nichts sagen, sie ist hier die Herrin.«

Der Bimbascha schwieg, und dies reizte die Kleine.

»Sie hat mir gestern gesagt, dass ich immer zum Fenster hinaussehe,« zankte sie; »als ob ich den Leuten mein Gesicht sehen liesse!«

»Hm,« meinte der Bimbascha, »Du siehst ja auch zum Fenster hinaus, und zwar zu meinen unvergitterten Fenstern.«

»Und ist das etwas Schlechtes?«

»Nein, hm, aber man pflegt es nicht zu thun, und Sitte und Gesetz sind fast dasselbe.«

Jetzt brach sie in Thränen aus, so dass er erschrocken auffuhr.

»Also ich bin keine anständige Türkin, weil ich hie und da heimlich auf die Strasse sehe? Ich soll immer hier in dieser Kammer auf dem Boden sitzen und nur die zahnlose Umihana anschauen? Oh, Du quälst mich zu Tode, Du und Umihana. Ihr wartet nur, bis ich sterbe, damit wieder Hatidscha zurückkommt.«

»Uch!« jammerte der Bimbascha, »was fange ich mit dem verrückten Weiberkopfe an! Raifa! Dummes Kind, so hör’ doch!« Sie hatte sich mittlerweile in die Kissen vergraben, und so packte er sie am Arme und schüttelte sie tüchtig.

»Meinetwegen kannst Du auf die Strasse schauen, so viel Du willst; Umihana darf Dir nichts sagen, hörst Du?«

»Ich kann nicht!« stöhnte Raifa.

»Was kannst Du nicht?«

»Auf die Strasse schauen!«

»Ja, warum denn wieder nicht?«

Raifa richtete sich auf, wischte sich die Thränen ab und sagte ernsthaft:

»Es steht jetzt immer ein Mann unten und schaut herauf.«

»Das kann ich ihm nicht verbieten.«

»Aber er schaut herauf, um mich zu sehen, Sabit Beg.«

Der Bimbascha verschluckte die Antwort.

»Gieb eben Acht,« meinte er endlich.

»Aber ich will nicht, dass er heraufschaut,« begann sie von Neuem im höchsten Falsett, »ich will ihn nicht sehen, ich mag nicht.«

»Ich kann ihn doch deshalb nicht in Haps (Gefängniss) schicken!« Ganz trostlos sah der Bimbascha seine erkaltete Pfeife an.

Raifa beugte sich nach vorne und blickte ihn so fürchterlich ernst an, dass er kaum das Lachen verbeissen konnte.

»Weisst du auch, wer der Mann ist?«

»Jok (nein), meine Taube.«

»Es ist jener Eheschliesser aus Mekka, jener Lump, der mich nicht freigeben wollte, und wer weiss, was er jetzt will!«

Jetzt lachte der Bimbascha laut.

»Aber meine Raifa, ein Trinkgeld wird er von Dir haben wollen. Er ist ein Bosniak und kehrt heim. Was ist da weiter?«

»Einer blinden Katze winkt man umsonst«, zürnte die Hanum und vergrub ihren Kopf wieder in die Polster.

Kopfschüttelnd stand der Bimbascha auf und ging hinaus. Draussen stand Umihana.

»Sei nicht böse, Herr,« sagte sie demüthig, »aber sie sieht wirklich zu gerne zum Fenster hinaus; die Augen leuchten ihr dann immer, wie vor einer heissen Pogatscha.«

»Lass sie doch,« wehrte er ab.

»Nein Herr, wie man den Teig macht, so wird die Pitta.«

»Bis Abend, wenn ich heimkehre, wird sie wieder vernünftig sein.«

»Glaubst Du, Herr? Oh, sie ist ein Kind, und deshalb mag ich sie auch leiden, – aber unsere Hatidscha – –«

»Kismet,« murmelte er und ging rasch davon.

Eine Weile darauf sass Raifa bereits wieder auf dem Minder vor dem Strassenfenster und starrte in Emin’s eingesunkene Augen, der schon wieder vor seines Onkels Laden kauerte.

»Wir sind Todfeinde,« dachte sie schaudernd.

Sie sah die Strasse hinab nach den hochbeladenen Tragthieren, nach den Läden mit den schönen Dingen. Sie wollte an etwas Anderes denken und ertappte ihre Augen und Gedanken doch immer bei Emin.

»Wenn ich ihn doch nicht mehr sehen würde, wenn Sabit Beg mich doch von diesem schrecklichen Menschen befreite!« stöhnte sie.

Sie rührte weder Speise noch Trank an, und als wieder der Abend herabsank, da fand sie Umihana in Weinkrämpfen.

Als der Bimbascha diesen Abend nach Hause kam, fragte er nach Raifa-Hanum.

»Sie weint noch immer,« sagte Umihana. »Wenn ein Weib weint, so frage sie doch, was sie will!«

»Du hast Recht,« sagte Sabit Beg, »sage Raifa, dass sie morgen nicht mehr weinen wird.«

Der Bimbascha hielt, was er versprach. Als die Sonne wieder am Himmel stand, weinte Raifa nicht mehr. Der Stein vor Hadschi Meho’s Laden war leer, Emin verschwunden.

Seit Raifa-Hanum’s Thränen jedoch versiegt waren, begannen die Tante Umihana’s zu strömen.

»Was ist doch nur mit meinem Söhnchen vorgefallen und mit Hadschi Meho? Keiner kümmert sich um die alte Umihana! Könnte ich nur hinüber nach dem Laden schauen, doch ich fürchte, ich könnte Hadschi Meho dabei sehen. Den Leuten hier kann ich auch nichts sagen, die lachen mich nur aus. Maschallah! Ich habe eben kein Glück! Und wenn ein goldener Ochse vom Himmel fiele, er würde mir doch nur das Dach einschlagen.«

Mehrere Tage verstrichen, ohne dass sich auch nur das Mindeste geändert hätte. Raifa’s quecksilberne Lebhaftigkeit war verschwunden, ihre funkelnden Augen ermattet. Stumm und bleich sass sie tagelang vor jenem Gassenfenster, bis der Bimbascha des Abends nach Hause kam, der sich das veränderte Wesen seiner Frau nicht erklären konnte. Auch auf ihm schien etwas zu lasten, denn die Falte zwischen seinen schwarzen Augenbrauen wurde täglich tiefer.

Hadschi Meho’s Laden war wieder offen, und der alte Majstor noch mürrischer als früher. So oft Jemand in seine Nähe kam, blickte er auf, fragend, erschrocken. Die junge Hanum sah wieder und immer wieder nach jenem Laden, und da schien manchmal ein blasses Gesicht vor ihr aufzutauchen mit todtraurigen Augen. – –

Plötzlich stiess sie einen grellen Schrei aus, ihre Finger krampften sich in den Vorhang ein, und entsetzt starrte sie einen Trupp Soldaten an, deren einer, ein junger Mann, gesenkten Hauptes dahinschritt. Sie hatte in ihm Emin erkannt.

»Was that Sabit, was that ich?« schrie sie auf. »Die Schwester und den Bruder, beide habe ich unglücklich gemacht.«

Der Schrei hatte Umihana herbeigerufen. Mit einem Griffe hatte Raifa den Vorhang zur Seite gerissen und zeigte mit zitternder Hand auf Emin hinab. Umihana beugte sich nach vorn, und fuhr sofort, wie vom Schlage getroffen, zurück.

Ihre und Hadschi Meho’s Augen, welcher zufällig nach den Fenstern geblickt, hatten sich begegnet, – Tante Umihana war unwiederruflich verstossen.


* * *


»Also Raifa ist fort?«

Bimbascha Sabit Beg sass in der Mitte seines Vorsaales auf dem Teppiche und richtete mit unsicherer Stimme, der er umsonst Festigkeit zu geben bemüht war, diese Frage an Umihana, die, den Rücken ihm zugewendet, auf dem obersten Treppenabsatz kauerte.

»Ach Herr, wenn der Winter ins Land kommt, mag die Sonne scheinen, so warm sie will, sie kann es doch nicht wehren. Raifa war seit einigen Tagen schon, als ob ein Dschin (böser Geist) sie vertauscht hätte. Und gestern Abend erst! Sie weinte und lachte und erzählte dabei, wie ihr Vater, der reiche Muhamed Beg, gelobt hatte, nach Mekka zu pilgern, der Tod ihn aber früher ereilte und sie feierlich dem Sterbenden versprechen musste, an seiner statt die heilige Kaaba zu besuchen. Und als sie in Mekka war, da musste sie eine Scheinehe eingehen, denn Mädchen dürfen die heilige Kaaba nicht sehen. Man kann in Mekka um ein Bakschisch für jeden Finger eine Schaar solcher Scheinehemänner bekommen, die dann das Mädchen wieder verstossen, wenn sie die Kaaba gesehen. Die Leute leben davon, wie bei uns die Papudschijas vom Pantoffelflicken. Sie nahm auch so einen Scheinehemann, den sie nie gesehen und der sie auch nie sehen sollte, aber dieser wollte zuletzt die Verstossung nicht aussprechen. – – So erzählte gestern Raifa.«

»Das weiss ich Alles,’’ brummte der Bimbascha.

»Und dann erzählte sie, wie sie auf dem Schiffe von Stambul herwärts Dich, o Herr, sah, wie Du ihr gefielst – –«

Der Bimbascha räusperte sich geräuschvoll.

»Lass es gehen, Umihana, es ist nun doch nicht mehr zu ändern. Wo mag sie nur hin sein, ohne mich zu fragen?«

»Hättest Du sie doch strenger gehalten, wenn Du sie schon zum Weibe nahmst, Herr!«

»Ein gutes Pferd braucht keine Zügel.«

Umihana weinte still. »Lasse mich auch fort aus diesem Hause. Ich will zu Hatidscha.«

Er blies eine mächtige Dampfwolke vor sich hin.

»Wenn sie es erlaubt! Hatidscha wollte ja, dass Du bei mir bleibst, – um mich an sie zu erinnern.«

»O Herr, ich kann doch nicht bleiben; Hadschi Meho – Tröste mich nicht Herr,« schluchzte sie; »leicht ist’s im Sommer die Spatzen zu füttern! Du hast zwei Weiber und ich keinen einzigen Mann.«

»Dass Gott erbarm’! Von meinen zwei Weibern sind mir nur zwei Sorgen geblieben. Aber – so lange ein Kopf, giebt es dafür einen Fes! Du brauchst ja nur wieder zu heirathen und –«

Umihana schlug ihre mageren Hände über dem Kopfe zusammen, während eine helle Röthe ihr faltiges Gesicht färbte.

»Maschallah, Herr, was sagst Du? Sind wir denn bei den gottlosen Persern, die nur so heirathen und verstossen? Und glaubst Du auch, für die alte Umihana möchte sich auch so schnell Einer finden? Ach Herr, ich weiss, ich werde meines Meho Stimme nicht mehr hören, er ist mir ein fremder Mann nun, der mich in Ehren nicht mehr sprechen darf, und ich will nicht die Scham verlieren und die Schande aufheben.«

»Unsinn«, brummte der Bimbascha; »aber damit kommen wir nicht weiter; wüsste ich nur, was mit diesem Kindskopf, mit Raifa, ist!«

»Das weisst Du noch nicht? O Herr, dazu zu kommen, braucht es doch nicht weiter, als von der Nase bis zum Munde. Ich wollte bis heute nichts sagen, weil ich ja die Dümmste im Hause bin, und weil ich mir dachte, – unter Blinden drücke nur ein Auge zu.«

Sabit Beg hatte die Pfeife aus dem Munde gelegt und sah sie erwartungsvoll an.

»Was wolltest Du nicht sagen?«

»Was? O mein Lämmchen, mein schöner Bimbascha! Vielleicht hätte ich es Dir sagen sollen, aber Allah wollte es nicht. Es war, als hätte mich Jemand auf den Mund geschlagen, und Hadschi Meho versteckte sich auch, als es zum Sprechen kommen sollte. Wir fürchteten uns eben vor Unglück. Aber jetzt mag der Schlüssel auch gehen, wohin die Truhe gegangen ist! Sahst Du nicht jenen jungen Mann, wegen dessen Raifa’s Thränen so reichlich flossen und den Du nun unter die Soldaten gesteckt hast? Nun, wegen seiner ist Raifa davongelaufen. Ja, mein Bimbascha, Gott theilt das Glück anders aus, als der Koch die Suppe.«

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Die Diener wussten sich die Vorgänge im Hause nicht zu erklären. Es war Alles so mäuschenstill, so geheimnissvoll; die Herrin, welche sonst den ganzen Tag, gegen die Fenstergitter gepoltert hatte, war plötzlich verschwunden, Umihana war fortgegangen und, wie sie sagte, für immer; selbst Hadschi Meho’s Laden drüben hatte sich von Neuem geschlossen, und der Bimbascha selbst sass seit Vormittag oben auf seinem Zimmer, ass nichts, sprach kein Wort, sondern rauchte nur aus seiner langen Pfeife.

Der Bimbascha benahm sich wirklich sehr merkwürdig. Zuerst dachte er mit gerunzelten Brauen über seine Lage als verlassener Ehemann nach, und schliesslich wartete er auf einen rettenden Gedanken. So sass er und dampfte schwere Wolken vor sich hin, bis endlich das Zimmer ganz davon erfüllt war, und er in Träumereien versank.

»– Was war es doch für ein reizendes Häuschen inmitten von dichtem Gebüsch und einer hohen Mauer, da draussen an der Berglehne, ausserhalb der Stadt! Zwischen dem blühenden Nachtschatten stand eine hohe, schlanke Frau, mit bleichem Antlitz und verhülltem Haupte wie eine Wittwe, jene Frau, die er ins Herz getroffen, als er die lachende Raifa heim gebracht von seiner Reise, als zweite Gattin . . .«

»– Sie wollte so lange einsam leben, beten und fasten, die stolze Hatidscha, bis der gute Gott ihn ihr wieder zurückbrachte.«

»– Wie schön war es doch damals, als er mit Hatidscha Hochzeit machte! Der grüne Junge, der Emin, hatte dazu geholfen, sie zu entführen.«

Jetzt öffnete sich die Thüre und Emin trat ein.

»Können meine Gedanken zaubern,« dachte der Bimbascha, »ist er es wirklich oder ist’s ein Traumbild? Wie gross und stattlich er geworden, wie ernst er blicken kann, wie schmuck ihm doch die Uniform mit dem rothen Gürtel steht! Ist es sein Geist, der mich zu seiner Schwester führen will? Ich will versuchen, ihn anzurufen!«

»Willkommen, theurer Bruder, bist Du vom Himmel gefallen? He, Bajro, Mujo, faule Schlingel, bringt Kaffee für Bruder Emin und führt die zwei besten Pferde aus dem Stalle, eines für mich, das bessere für Emin. Sprich nicht, wenn Du nichts Gutes zu sagen hast. Denn ich will heute noch glücklich werden und Du sollst wieder helfen! Was schaust Du mich denn an, wie ein Fleischer den Hammel?«

Der junge Mann hatte sich vor ihn hingepflanzt und warf ihm fürchterliche Blicke zu.

»Hier ist ein Säbel und hier mein Kopf! Schlage mich todt, Mörder meines Glücks! Von den Soldaten musste ich es hören, dass Du der ehemalige Yusbaschi, der Mann meiner Schwester bist, und sie draussen irgendwo eingesperrt hältst. Sie haben mich verspottet!!«

»Wen? Mich? Da hätten sie ganz Recht gehabt.«

»Ja, spotte nur, Wütherich! Du hast mir alles Schlechte angethan, aber der Tod heilt jede Wunde. Auch mein Weib hast Du mir gestohlen!« donnerte er.

Der Bimbascha schlug sich vor die Stirne. »Das mir dies nicht früher einfiel! Also Du bist jener Scheinehemann Raifa’s aus Mekka, der sie nicht freigeben wollte, und den ich unter die Soldaten stecken liess?! Wie konnte ich das ahnen?! Nun, wenn Du mich jetzt ärgern willst, zahle nur lieber Reugeld. Sage, wie kamst Du zu jenem Handwerk?«

Emin wurde plötzlich ganz kleinlaut.

»Ohne Flügel fliegt auch der Adler nicht«, meinte er achselzuckend, »ich hatte gerade kein Geld und wollte mir welches verschaffen. Ich sah sie einmal in einem Garten unter den Palmen herumgehen, – ach, sie war schön, wie ein Gedicht von Hafis! Tags darauf wurde ich gerufen, um sie zu heirathen, – natürlich wollte ich dann aus dem Scheine Wahrheit machen und sie nicht freigeben.«

Der junge Mann liess sich auf den Divan nieder und bedeckte das Gesicht mit den Händen, zwischen deren schlanken Fingern langsam Thränen n hervortropften.

»Hättest Du nur erlebt, was ich erlebte, Sabit Beg! Als ich damals ihren Leuten sagte, sie nie verstossen zu wollen, da kam sie herausgestürzt aus den Frauengemächern, wie ein böser Geist. Schimpf auf Schimpf schlug mir in’s Gesicht, bis ich das sie erlösende Wort mit zerrissenem Herzen sprach, schwörend, ihr folgen zu wollen, und wäre es um die ganze Erde. Aber nicht genug! Die Leute im Marktviertel, sie verhöhnten mich noch, und meine Genossen verstiessen mich aus ihrer Zunft.«

»Dass ich von alledem nichts hörte,« warf der Bimbascha ein.

»Ja, das Elend der Armen und die Schande der Reichen hört man immer spät,« lächelte Emin bitter. »O, könnte ich Raifa, die Süsse, die Einzige, doch quälen, strafen, ohne sie weinen zu machen!«

»Würde ihr auch so nicht schaden, Bruder. Das Vergnügen der Katze bezahlt immer die Maus, und Raifa ist ein Kätzchen mit scharfen Krallen. He, Mujo, Bajro, Faullenzer, stehen die Pferde endlich bereit?!«

Der Bimbascha sprang auf, schnallte sich den Säbel um und zog Emin vom Minder auf.

»Komm Bruder! Noch steht die Welt und alle sind darin, die Du suchst. Komm!«

»Wohin?«

»Wohin uns das Glück führt.« Sabit Beg focht fröhlich mit der Reitgerte in der Luft herum,

»Weisst Du noch Emin, wie Du mir damals halfst, Deine Schwester zu entführen? War der Tag nicht so herrlich, wie heute? Komm nur, komm; wir wollen wieder zusammenstehen!«

Und er zog Emin hinab auf die Strasse, wo die kleinen feurigen Araber bereits ungeduldig ihrer harrend den Boden scharrten. – –

Die Sonne, welche sich schon stark ihrem Untergange entgegenneigte, warf ihren ganzen goldigen Glanz auf jenes freundliche, weissgetünchte Häuschen an der Berglehne, das vorhin in des Bimbascha Träumen so plötzlich aufgetaucht. Unter einer Baumgruppe, deren Zweige ebenso die Strahlen der Sonne, als die hohe Mauer lästige Blicke abwehrten, sassen zwei Frauen, sich zärtlich umschlungen haltend.

»O, Hatidscha, theure Schwester,« sagte die Jüngere, deren Edelsteinschmuck gleich den Thränen in ihren Augen glänzte, »dass ich Dich kränken musste, möge mir Gott verzeihen! Unwiderstehlich zog es mich zu Dir, die ich doch meine Feindin nannte, um Dir zu sagen, dass Gottes Strafe mich schon ereilt, und ich unglücklicher bin als Du!«

Begütigend streichelte Hatidscha Raifa’s heisse Wangen.

»Die Zeit heilt und Gott macht gesund,« tröstete sie. »Du musst eben auch ertragen lernen, dass nicht jeder Wunsch erfüllbar und nicht jedes Glück ganz ist.«

»Aber ich will nicht leiden,« flammte Raifa auf, »und auch Dich will ich nicht mehr weinen sehen; Hatidscha, – ich will nicht.«

»Daran erkenne ich mein gehorsames Weib Raifa,« sagte jetzt eine dröhnende Stimme. Erschrocken sahen die Frauen auf und erblickten auf dem Gartenwege vor sich den Bimbascha, wie er leise herangeschlichen kam, und hinter ihm einen blassen, jungen Soldaten.«

»Emin!« der Ruf ertönte gleichzeitig aus dem Munde beider Frauen; während aber Raifa ihr Antlitz mit den Händen bedeckte und sich abwandte, stürzte Hatidscha auf den Bruder zu, der sie mit den Armen auffing.

»Da finde ich Dich also,« wandte sich Sabit Beg mit gerunzelten Brauen, die Arme kühn in die Seite gestemmt, an Raifa. »Davonzulaufen hinter meinem Rücken, – weisst Du nicht, dass Du dafür in die Hölle kommst? Ungehorsames Weib! Gehe, wohin Du willst, – Du bist von mir verstossen für ewig!! – – –«

Sonderbar! Es hatte in Aller Augen so freudig aufgeleuchtet, als Sabit Beg mit ziemlichem Effekt diese inhaltschweren Worte sprach. Die Verstossene stand einen Augenblick schweigend da, die Arme über dem Busen gekreuzt und ging dann langsam, gesenkten Hauptes weiter in den Garten hinein.

Der stattliche Bimbascha blickte ihr lächelnd nach, kehrte sich dann zu Hatidscha und die Hand auf ihre Schulter legend, sah er ihr bittend in das ernste Antlitz.

»Wenn ich spät komme, nun so ist es eben die höchste Zeit! Es war ein Kinderspiel, und auch des schönsten Spieles wird man satt. Zürne nicht mehr, komme wieder zurück Hatidscha, – mein Haus steht verwaist und erwartet Dich!« –

Ueber das bleiche Antlitz der schönen Frau zog ein rosiger Freudenschein.

»Allah sei gepriesen,« sagte sie einfach.

»Sieh’, Hatidscha, wieder ist Emin hier, da ich Dich nun gleichsam zum zweiten Male heimführe.«

Sie blickten sich um, Emin war verschwunden. Dagegen hörten sie unterdrücktes Schluchzen, Segenswünsche und Gejammer wirr durch einander. In der Nähe stand der alte Majstor Hadschi Meho unaufhörlich schnupfend und sich die Augen wischend, und unweit von ihm die lange, hagere Figur Umihana’s eingehüllt in eine verschossene, grüne Feredscha und den Kopf mit dem Jaschmak dicht verhüllt. Sie gestikulirte ebenso heftig, als sie des Himmels Segen über den Bimbascha und Hatidscha herabrief.

Diese konnten sich des Lachens nicht erwehren.

»Also alles ist von mir weggelaufen und zu Hatidscha geflohen!« rief Sabit Beg gut gelaunt. »Komm’ doch einmal her, alte Umihana, und höre auf zu heulen. Möchtest Du wohl wieder mit Deinem alten Hadschi Meho verheirathet sein?«

»Ob ich möchte Herr! Es ist nicht so leicht, in einem alten Dorfe eine neue Sitte einzuführen.«

Hadschi Meho horchte hoch auf.

»Nun,« begann jetzt Sabit Beg mit leichtem Schmunzeln, »Hatidscha und der gute Meho mögen verzeihen, – hm, Ihr habt wohl nichts dagegen, wenn ich Umihana als meine Frau anerkenne – hm – –«

Seitwärts aus dem Gebüsche her erscholl schallendes Gelächter, in das selbst Hatidscha einstimmte.

»Was ist da zu lachen?« schnaubte der Bimbascha mit erkünsteltem Zorn. »Liebe um Liebe und Käse um Geld, so geht es zwischen mir und Umihana.«

Diese stand verschämt da und zupfte verlegen an ihrem Gesichtsschleier, der von ihren Thränen ganz durchnässt ihr am Gesichte klebte und das Komische ihrer Erscheinung noch erhöhte. Eines Bimbascha Frau noch zu werden, hätte sie sich nicht träumen lassen.

»Ist das wahr?« fragte sie Hadschi Meho heimlich, ganz entsetzt.

»Gewiss,« gab sie würdevoll zurück, »man stellt doch keine Butter zum Feuer, wenn man nicht schmelzen will.«

»Morgen,« sagte jetzt Sabit Beg kategorisch, »morgen will ich vor dem Kadi oder vor wem Ihr sonst wollt, wiederholen, dass ich Umihana zu meiner Frau erwählt. Und dann« – der Bimbascha schluckte einen Lachanfall tapfer hinunter – »will ich denn in Gottes Namen Hadschi Meho wieder so zu seiner Frau, als Umihana zu ihrem Manne verhelfen.«

Ein Freudenschrei erfolgte, dem ein Lachchor antwortete. Tante Umihana hing Meho halb ohnmächtig im Arme.

»Oh«, meinte dieser, seine nun bald wiedergewonnene Gattin zärtlich auf die Füsse stellend. etwas gekränkt über den Heiterkeitsausbruch, »auch das schiefste Thor lässt man sich vom Winde nicht gerne davontragen.«

Während Hatidscha ihre Tante beglückwünschte, drohte der Bimbascha mit erhobenem Finger lächelnd nach jener Richtung des Gartens, woher vorhin das übermüthige Lachen erschallt war.

Zwischen den Büschen hindurch lachte ihm das muthwillige Kindergesicht Raifa’s entgegen, und neben ihr stand Emin, dessen strahlende Mienen deutlich sagten, dass er das Glück, welches er so lange gesucht, nun endlich gefunden hatte.




* Nach dem hanefitischen Ritus hat bei den Muhamedanern der Gatte das Recht, das Band einer giltigen Ehe durch Verstossung aufzulösen. Die Verstossung ist entweder »ridschii«, widerruflich, oder »baïn«, unwiderruflich. Letztere muss drei Mal ausgesprochen oder die Zahl »drei« dabei ausgedrückt werden. Jede Verstossung kann auch an den Eintritt einer Bedingung oder eines künftigen Zeitpunktes geknüpft werden, und besteht die Ehe in einem solchen Falle so lange fort, bis diese Bedingung oder dieser Zeitpunkt eingetreten ist. Will der Mann seine baïn verstossene Frau wieder zurücknehmen, so kann dies nur dann geschehen, nachdem die Gattin an einen anderen Mann in giltiger Ehe verheirathet war und von diesem auch »baïn« verstossen wurde.