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Milena Mrazovic – Mahmud Bâba. (Vater Mahmud)

Skizze.

Aus: Milena Mrazovic, Selam. Skizzen und Novellen aus dem bosnischen Volksleben, Deutsche Schriftsteller-Genossenschaft, Berlin, 1893



Wenn es je einen Menschen gab, welcher immer vollkommen zufrieden war, so war dies der greise Mahmud Bâba. Er wusste nicht, was Unzufriedenheit war und kannte das Unglück nicht einmal vom Hörensagen. Wo hätte er es auch kennen lernen sollen?

Als man vor ihm einst von dem Elend vieler Menschen sprach, da sass er auf seinem Lieblingsplatz, in dem Geäste einer mächtigen Linde, lange über das Gehörte nachsinnend, ohne dass seine Seele es erfassen konnte. Menschliches Elend? Was war dies doch? Nachdenklich wanderten seine stillen Augen über die ringsum sich ausdehnenden grünen Halden, während seine Hand langsam seinen langen, silberweissen Bart strich.

So lange er sich erinnern konnte, der alte, schweigsame Mahmud Bâba, sass er hier allabendlich an den warmen Tagen in dem Geäste der prächtigen Linde. Ein luftiger Sitz, gross genug um mehrere Menschen zu fassen, war hier aus Brettern zusammengefügt, zu welchem eine schwanke Treppe hinaufführte, die Mahmud Bâba jedoch noch immer mühelos emporkletterte. Der Lindenbaum stand in der Ecke, welche die Landstrasse mit einem klaren, murmelnden Gebirgsbache, der die erstere durchschnitt, bildete; drüben über dem Bache, ebenfalls hart an der Strasse, stand nur wenige Schritte von der Linde entfernt, so dass deren Zweige es noch beschatteten, ein gastliches Dach für Reisende, Mahmud Bâba's Han, die Sehnsucht aller Wanderer. Früh und spät rührte der alte Kafedschija das braune Kaffeepulver in das kochende Wasser für seine müden Gäste. In einen Halbkreis gruppirt lauschten sie schweigsam den Gesängen des greisen Guslar, welche dieser jahraus jahrein, am flackernden Herdfeuer sitzend, zum Ergötzen seiner Zuhörer erschallen liess.

»Mahmud Bâba ist da – es wird wieder Abend«, meinte der Sänger durch das geöffnete Fenster nach der Linde blickend. »Ich will ihm zum Willkomm' nun sein Lied singen:

»Neinia tuke lule,
Neinia take hule
U cara!«

(Nie besass solch' Pfeife
Und so schöne Weiber
Der Kaiser . . . .)

hub er in langgezogenen Tönen an.

Schweigend nickte Mahmud Bâba, als er das Lied vernahm, das der bosnische Barde ihm zu Ehren gedichtet, und das die Reisenden mit sich nun forttrugen in die entferntesten Orte Bosniens, das Lied von Mahmud Bâba's schöner Pfeife und seinen schönen Weibern.

Liebkosend blickte der Greis seine Pfeife an, welcher der duftige Rauch feinen Tabaks entströmte. Mit dem Kopfe von dunkelrothem Thon in der Form einer halberblühten Rose aus Damaskus, mit einem langen Rohre aus Jasmin-Holz, das in einem mächtigen Ansatz von schwarzem Bernstein endete, fand sie nicht ihresgleichen und war, hoch in Ehren gehalten als das Geschenk eines Padischah's, übergekommen von Vater auf Sohn.

Nein, eine solche Pfeife fand man nicht wieder und auch kein solches Weib, wie das Mahmud Bâba's.

Wenige Schritte hinter dem Han, mitten auf saftigem Wiesengrunde, stand Mahmud Bâba's Haus, und hinter dem Vorhang des Fensters hervor lugte das schönste Weib des Landes, jung wie der Morgen, strahlend wie die Sonne, aber mit einer bösen Falte zwischen den schwarzen Augenbrauen.

Und wieder nickte Mahmud leise. Es war die Siebente. So schön waren sie alle gewesen, und als sie welkten, da starben sie, und er nahm sich wieder die Schönste. Ob er wohl auch diese welken sah?

Er sah die böse Falte zwischen ihren Brauen, er sah die Contouren ihrer Hand, mit der sie krampfhaft den Vorhang festhielt und ihn starr anblickte und schüttelte das Haupt. Warum war es doch nicht fröhlich, dieses Geschöpf? Hatte es doch Brod genug, schöne Kleider und zwei Reihen Ducaten um den Hals. Sie sollte lachen, immer lachen.

Neben der Linde stand drüben am Bache der schlanke, junge Asis, welcher den Fremden den Kaffee reichte. Er wusch fast den ganzen Tag die Schälchen in dem klaren Wasser und sah dabei ununterbrochen nach jenem Fenster, dessen Vorhang die Formen eines schönen Armes zeigte. Wie selbstbewusst warf er den hübschen Kopf zurück, so dass die Quaste seines Fes in einem mächtigen Schwunge sich bewegte; wie lachten seine Augen, wie blitzten seine weissen Zähne, – es war eben Asis, der hübscheste Bursche im Umkreise.

Und wieder schüttelte Mahmud Bâba missbilligend das weisse Haupt, als er seine Augen von dem einen zum andern der jungen Leute schweifen liess. Mochten sie auch immerhin Gefallen an einander finden, – einst, wenn er heimgegangen war – –. Tiefer sank das Haupt ihm auf die Brust und der Rauchstrom, der seiner Pfeife entquoll, versiegte allmälig.

»Asis!«

Der Bursche fuhr bei dem Rufe des Alten zusammen, das Lächeln erstarb plötzlich auf seinen Lippen und fast schien es, als erblasse er. Mit einem Sprunge setzte er über den Bach, kletterte die Stiege zu dem Sitze Mahmud Bâba's hinauf und gehorchte mit einer fast fieberhaften Hast jedem seiner Winke. Er füllte die kostbare Pfeife von Neuem mit edlem Trebinjer, entzündete sie, und als sie der Greis an die Lippen setzte, da stürzte der Bursche wie gejagt wieder hinab und begann wie geistesabwesend die reinen Schälchen von Neuem auszuspülen.

Und als der Rauch der einzigen Pfeife wieder emporstieg in das Blätterwerk der Linde, da war auch schon Mahmud Bâba's Wunsch erfüllt. Das schöne, finstere Antlitz dort hinter dem Vorhange hatte sich erhellt und der leichtsinnige Bursche blickte ernst.

Blieb überhaupt je ein Wunsch Mahmud Bâba's unerfüllt? Der Barde drinnen am Herdfeuer sang von längstentschwundenen Zeiten, von des jungen Mahmuds Schönheit und Tugend, und dann von des Greises Weisheit, Kraft und Gesundheit. Die schönsten Weiber waren sein, der reichste Besitz und die kostbarste Pfeife.

Langsam blickten Mahmud Bâba's stille Augen im Kreise umher. Wogende Getreidefelder und saftig grüne Matten stiegen ringsum an, um oben auf den Höhen in Wachholdergesträuch und Buschwerk zu enden. Alles sein, so weit er blickte, und sein blieb es, bis er da oben auf der Höhe lag bei den alten Bogumilen, deren mächtige Stein-Sarkophage durch die Sträucher halb versteckt auf ihn herab lugten.

Kannte er nicht jeden Stein weit und breit, nicht jedes Gebüsch an dem gleich einem silbernen Bande sich dahinschlängelnden Bache noch als zartes, aufstrebendes Pflänzchen? Der ihm über den Weg kriechende Käfer, der Vogel hoch oben in der Luft, sie alle schienen ihm traute Bekannte aus ferner Jugendzeit. Er sprach mit der Blume, dem Wind, und sie gaben ihm Rede und Antwort und erzählten ihm Geschichten aus ferner, grauer Zeit, lange bevor er selbst noch die Herrlichkeit der Natur geschaut.

Er betete sie an, die Natur, wenn er Gott anzubeten vermeinte, und so oft er den Kopf fromm zu Boden neigte, da küsste er die Erde heiss, inbrünstig.

Der gute, alte Mahmud Bâba, er war der grösste Freigeist, der grösste Revolutionär, ohne dass er die leiseste Ahnung von all' diesen Dingen gehabt hätte.

Er fühlte sich König auf seinem Boden. Es gab kein Gesetz, das er anerkannte, denn er bedurfte keines.

Und wenn einst seine Zeit kam, dann wollte er sich ruhig hinlegen zu den alten Bogumilen, die vor ihm sein Land besessen und dem Flüstern des Grases lauschen. Nur seiner Pfeife noch galt seine einzige Sorge. Mit ihr in der Hand wünschte er zu sterben, doch Niemand nach ihm sollte mehr einen Zug aus ihr thun.

War er denn schon wirklich beim Ende angelangt? Sinnend strich er sich den weissen Bart. Auch der Sänger suchte ein Ende zu Mahmud Bâba's Lied, und weil es noch keines, gab, so dichtete er sich immer ein anderes. Was sang er doch heute? – Von einem ungetreuen Weibe und einer – vergifteten Pfeife . . . .

Mahmud Bâba lächelte über des Sängers Fantasie, die den Tod immer als das Schrecklichste hinstellt. Und fast wünschte er, es möchte ihn dieser ereilen, wenn er so selig müde war, wie heute.

Wie süss war doch heute die Pfeife, wie schön die immer glänzender werdenden Augen seines Weibes, wie herrlich die Welt! Wie in flüssiges Gold getränkt lagen die Aehrenfelder vor ihm, einen schweren, berauschenden Duft athmeten die sonst so bescheidenen Wiesenblümchen, und brennend drangen die Strahlen der ihrem Untergange sich nähernden Sonne durch die klare, heisse Luft.

Mahmud Bâba wendete das Antlitz dem strahlenden Tagesgestirne zu. Wie verklärt leuchteten seine Augen. Allmählich färbten sich die auf dem tiefblauen Firmamente flatternden Wölkchen dunkelroth. Noch einige Minuten, und der glühende Feuerball versank hinter dem Grat des Berges.

Sehnsüchtig streckte der Greis seine Arme nach der Sonne aus. Es war ihm, als sähe er sie zum letzten Male,

»Nein, nein, nicht zum letzten Male! Ich werde Dich wiedersehen, Quelle des Lebens, wenn ich aus des Grabes Dunkel auferstehe! Ich werde Dich wiedersehen mit den ersten Frühlingsblumen, welche aus meinem Leibe emporspriessen!! . . . . . .«

Und die Sonne sank unter, und Mahmud Bâba's stille Augen schlossen sich.

Klirrend fiel die geliebte Pfeife aus der kraftlosen Hand hinab in den Bach, zu Füssen des todesblassen, zitternden Burschen und zerbrach.

Es sollte Niemand mehr aus ihr rauchen – – – –

– – – – – – – – – – –

Und der Vorhang drüben an dem Fenster öffnete sich weit, und das schöne, junge Weib lachte, – lachte wie es Mahmud Bâba gewünscht hatte.