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Robert Müller – Die Gralsschar des Geistes

Essay

aus: Das Ziel, Jahrbücher für geistige Politik, Herausgegeben von Kurt Hiller, Vierter Band, Kurt Wolff Verlag, München, 1920, S. 13 f.

Wer außerhalb der Not und der Gefahr in jedem Sinne stünde, der könnte vielleicht an dieser Zeit doch noch sein Gefallen finden. Von der Zukunft aus wird sie sich reichhaltig genug erweisen. Freilich ist dann schon vieles geklärt und abgefallen, was heute noch dauernd und unendlich wichtig erscheint. Das Interessante an einer Epoche sind aber die Momente des Umschlagens. Mit dem Kopfe dabei zu sein, aber gleichsam der physischen Mitleidenschaft entzogen, wer soviel Kraft nach außen und Disziplin nach innen aufbringen könnte, der wäre wohl der rechte Mann im dringenden Augenblicke.

Und auf einen solchen Mann sind die Dinge, aber auch die Geister zugeschnitten. Nur der unübersehbare technische Apparat verhindert, daß er glänzend und meteorhaft emporsteigen kann, wie seine historischen Vorgänger, die Cäsar, Cromwell und Napoleon. Den technischen Anforderungen ist ein einzelner nicht mehr gewachsen; und so muß wohl die Epoche einen anderen Ausweg suchen, als den cäsarischen oder napoleonesken Menschen.

Der Massenbegriff hat sich unserem Leben, wie es scheint für immer, aufgeprägt. Trotz Krieg, Revolution und Seuchen muß mit einer rapide zunehmenden Bevölkerungsdichte der Erdoberfläche gerechnet werden, zugleich mit einer, in alle Lebensgewohnheiten des Einzelnen einschneidenden Verdichtung des technischen Netzes und der Ordnung. Das gigantische Individuum, in dem alle Fäden der Kulturwelt zusammenlaufen, wird von diesem vielseitigen Lebensdrucke zur Fazette-Erscheinung umgeschliffen werden. Der großen Masse wird mit einem Worte zwar nicht ein überragender Einzelner, aber eine kleine Masse von auffallender Schärfe, Aktivität und intellektueller Energie gegenüberstehen; ein vielgliedriger Napoleon, ein Format der Intensität in einer Kette von Exemplaren. Wahren wir die historische Orientierung und nehmen wir unseren Horizont jenseits der revolutionären Provinzialismen an, die sich bald heut, bald morgen, bald hier, bald dort ausbilden und nach 14 Tagen wieder eingehen, so erkennen wir in der ganzen letzten Bewegung der Kulturmenschheit nicht allein das Prinzip der Masse, sondern, antitoxinbildend, wie die Natur nun einmal ist, auch das Prinzip einer kleinen Gegenmasse. Der Weltkrieg war garnicht das Ergebnis einer militärischen Kastenwirtschaft, sondern das Denkprodukt einer sich aus den Völkern abspaltenden Intellektualität, und zwar bei den Italienern genau so wie bei den Franzosen und Deutschen. Die ganze geistige Mobilmachung war in allen Ländern von wortstarken, sehr sensitiven, logisch-phantastischen, auf Kraftfragen spekulierenden Intellektuell organisiert.

Die Revolution war zwar ein Jochabschütteln der ausgebeuteten und geschlachteten Massen; aber der Geist dieser Revolution, der das brutale und schlichte Schütteln sofort in seine Energiespeicher umlud, stammt von Intellektuells.

Überall sehen wir vor den Massen, die heute genau so stumpf, trächtig, gutmütig und berserkerisch sind wie zur Zeit Amenhoteps oder Oktavians, jene intellektuellen Pilotenschwärme. Nur das Zahlenverhältnis ist größer; die Rechnung blieb gleich, als beide Seiten der gleichen Multiplikation unterworfen wurden. Es ist nicht der Kampf der Massen um die Herrschaft; es ist vielmehr der Kampf übersteigerter, geschraubter, spitzfindiger Intellektuellenkomplexe um die – immer dienende – Masse.

Man betrachte nur die Kämpfe innerhalb des sogenannten Marxismus. Die Typen stehen sich erbittert gegenüber. Unauslöschlicher als zwischen Knecht und Herr ist der Haß zwischen Herr und Herr, Herren und Herren. Die Dogmen, die Schlagworte, die Leitartikel, die Parteigründungen, die geschaffen werden, existieren ja in der Masse garnicht. Die Masse statiert, wie früher bei den überragenden Einzelnen, auch jetzt wieder in den Schlachten intellektueller Kollektivgehirne.

Die Bevölkerung der Erde, besonders in den sogenannten Kulturländern, vermehrt sich. Die Bildung wird häufiger und, in den schon gebildeten Schichten, sophistisch, überspitzt, ein glühender Energiebrocken, der in den Gehirnen gewaltsame Feuerbilder nach außen strahlt. Die Masse, die den bedeutenden Einzelnen immer mehrfacher liefert, bis er in geistigen Horden auftritt, verharrt dumpf unter Leitung derer, die sie nach oben ausstößt, haßt, liebt, fürchtet, verachtet und bedient.

Aber unter den geistigen Horden untereinander gehen Kämpfe. Sie sind der Inhalt der Geschichte des XX. Jahrhunderts.

Nicht ein Napoleon, aber eine Napoleonhorde dürfte diesen Abschnitt vor der großen Krise allgemeiner Erschöpfung und Verbiedermeierung bereinigen. Nicht ein Einzelner; aber eine Schar starker, disziplinierter, harter, planender, durchgekelterter, sachlicher, weltgewandter Männer kann allein aus der Not herausführen, nicht ein Einzelner, nicht eine Masse.


Robert Müller - Die Gralsschar des Geistes

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