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Multatuli – Infam cassirt

Novelle

Multatuli, Infam cassirt, Nach einem dramatischen Motiv, Aus: Holländische Novellen, Nacherzählt von Adolf Glaser, Georg Westermann, Braunschweig, 1875



Eine der verbrauchtesten Romanfiguren ist der Musik- oder Zeichnenlehrer, der in irgend einem vornehmen Hause der liebenswürdigen und schönen Tochter Unterricht giebt und das junge Herz für sich gewinnt. Man denke nur an das hübsche Schauspiel »Mathilde« von Roderich Benedix, wo das oft dagewesene Thema mit so ausgezeichnetem dramatischen Geschick behandelt wird. Uebrigens ist dieser Vorfall nicht nur in Komödien und Romanen ein häufig wiederkehrender, sondern er kommt auch wirklich im Leben oft genug vor, und dann gewöhnlich in viel unglaublicherer und absonderlicherer Art; denn in den Romanen wird der betreffende Lehrer doch gewöhnlich als ein Mann von schönem Aeußeren und edlen Geistesgaben geschildert, der sich später als ein großer Künstler entpuppt, oder die Geliebte muthvoll entführt, oder aber sich als verzweifelnder Held todtsticht, während im wirklichen Leben gar oft kein Mensch begreifen kann, was das junge sechzehnjährige Herz an dem spindeldürren Pedanten oder geckenhaften Taugenichts findet. Mitunter capricirt sich solch ein junges Ding auf die verliebte Albernheit und es sind Fälle dagewesen, daß der Gegenstand ihrer Frühlingsneigung sich nicht anders zu helfen wußte, als indem er auf die einträgliche Kundschaft der Schülerin verzichtete und sie am Ende gar bei ihren Eltern selbst denuncirte.

Wenn die Heldin der nachfolgenden Erzählung, die Tochter des Finanzraths von Bremer, sich nun ebenfalls in ihren Musiklehrer Herrn Palm verliebt hat, und wenn diese Liebe sogar den Grundstein bilden soll, auf dem das ganze Gebäude von ernsthaften Verwicklungen, die wir dem Leser vorzuführen gesonnen sind, sich erhebt, so müssen wir im Voraus versichern, daß bei Herrn Palm allerdings mancherlei Umstände mitwirkten, welche Karoline von Bremer rechtfertigen konnten, wenn überhaupt die Liebe junger Mädchen einer Rechtfertigung bedarf.

Erstens war Herr Palm äußerlich wirklich ein vollkommener Cavalier; damit soll nicht gesagt sein, daß er es etwa darauf abgesehen habe, als Mann von Welt und feinen Manieren zu erscheinen; er gab sich im Gegentheil alle Mühe, so schlicht und einfach wie möglich aufzutreten, aber jeder Blick seiner Augen, jeder Schritt, den er ging, und jedes Wort aus seinem Munde bewies, daß er von Jugend an gewohnt sein mußte, in der besten Gesellschaft zu leben und sich mit Sicherheit und Selbstbewußtsein überall zurechtzufinden. Zweitens war auch die Art und Weise, wie Herr Palm nach Hellhausen gekommen war, eine so eigenthümliche; er war daselbst so vollständig unbekannt und ohne allen verwandtschaftlichen Anhang, daß die Phantasie eines jungen Mädchens Spielraum genug hatte, ihn als verwunschenen Prinzen oder was sie sonst Lust hatte zu betrachten.

Man hatte nämlich im vergangenen Winter ein Wohlthätigkeitsconcert arrangirt, zu welchem ein namhafter Pianist aus Brüssel seine Mitwirkung zusagte. Zur Verzweiflung der Unternehmer hatte derselbe an dem Tage, an welchem das Concert sein sollte, seine Ankunft telegraphisch abgesagt und man war rathlos, was zu thun sei. Da war nun Herr Palm, der seit drei Tagen im Gasthofe zur Krone, dessen großer Saal bei dem Concerte benutzt werden sollte, logirt hatte, als Retter des Unternehmens aufgetreten, hatte Beweise einer außergewöhnlichen Künstlerschaft auf dem Piano abgelegt und sich dann erboten, die sämmtlichen Nummern, welche der Brüsseler Künstler zugesagt hatte, in dem Concerte zu übernehmen. Der Saal war an dem Abend sehr gefüllt. Das Publicum nahm die Ankündigung, daß ein fremder Künstler die Stelle des erwarteten Pianisten einnehmen werde, nicht mit besonderer Zufriedenheit auf; kaum aber hatte sich die edle, zwanglose und dabei doch bescheidene Erscheinung des Herrn Palm präsentirt, als ein Flüstern der Ueberraschung entstand und man bereits günstig für ihn gestimmt war. Diese Voreingenommenheit wurde nicht getäuscht und Herr Palm hatte einen vollständigen Erfolg; er mußte am Schlusse des Concertes noch eine kleine Nummer zugeben und wählte dazu eine allerliebste moderne Bravourcomposition, mit deren brillantem Vortrage er die Zuhörer geradezu elektrisirte.

Am anderen Tage empfing Herr Palm die Besuche mehrerer Herren, welche als die Unternehmer jenes Concertes und Freunde der Kunst ihm den Dank der Stadt ausdrückten. Der Finanzrath von Bremer war darunter. Palm konnte in Folge des Concertes einige Einladungen nicht ablehnen; er hatte ursprünglich die Absicht gehabt, nur wenige Tage in Hellhausen zu bleiben, bis zur Erledigung dringender Angelegenheiten, aber man überhäufte ihn mit Aufmerksamkeiten, bat ihn, wenn es seine sonstigen Verhältnisse gestatteten, sich längere Zeit in Hellhausen aufzuhalten und gab ihm auf die zarteste Weise zu verstehen, daß einige junge Damen gern bei ihm Unterricht nehmen würden, so daß er sich bewegen ließ und den Versuch machte, sich daselbst eine Stellung als Clavierlehrer zu gründen.

So war es gekommen, daß Karoline von Bremer, welche ein ziemlich bedeutendes Talent besaß, eine der ersten Schülerinnen Palm's wurde, oft und viel mit ihrem Lehrer zusammenkam und mit ihm in jenen Regionen der Kunst verkehrte, die so gefährlich für jugendliche Gemüther sind und so leicht zu einem Einverständnisse führen, welches gerade deshalb, weil es auf außergewöhnlichen Interessen basirt, einen um so höheren Reiz, eine um so größere Gewalt besitzt.

Wenn nun in anderen Fällen gar häufig die jugendliche Neigung eines eben erst erwachenden Mädchenherzens auf den Irrweg geräth, so war dies hier wenigstens nicht vollständig der Fall; denn obgleich der Rang des Finanzraths von Bremer, der obendrein in zweiter Ehe mit einer verwittweten Baronin von Richthaus verheirathet war, eine Verbindung seiner Tochter mit dem Musiklehrer Palm sehr schwer möglich erscheinen ließ, so fiel dagegen einestheils Palm's Persönlichkeit, sein durchweg distinguirtes Wesen ins Gewicht, und die bekannte Leutseligkeit des Finanzraths ließ am Ende vermuthen, daß von seiner Seite die Hindernisse nicht vermehrt, sondern vielmehr der Weg zum Ziele so viel als möglich geebnet würde. Alles dies wirkte bei Karoline dahin, daß sie ihrer aufkeimenden Liebe nicht entgegenarbeitete und mit vollem und klarem Bewußtsein das Gefühl für Palm sich vertiefen und ihr ganzes Wesen ausfüllen ließ. Uebrigens war zwischen Beiden noch kein Wort der Erklärung gewechselt worden und Palm schien von Tag zu Tage, je mehr ihm Karolinens Liebe klar wurde, um so mehr sich zurückzuhalten und seine eigene Empfindung niederzukämpfen.

Eines Tages kam Palm, wie dies öfters zu geschehen pflegte, zu einer nicht vorher festgesetzten Vormittagsstunde in das Haus des Finanzraths und begab sich sofort in das Musikzimmer. Sophie, das Mädchen der Frau von Bremer, hatte ihn kommen sehen und beeilte sich, Karoline davon in Kenntniß zu setzen.

Inzwischen ging Palm in dem Zimmer heftig bewegt auf und nieder; er hatte eine Rolle in der Hand, die er auf das Clavier niederlegte, während er selbst an das Fenster trat und trübe durch die Scheiben blickte. Er rang nach Fassung.

Ruhig, ruhig, mein Herz, sagte er zu sich selbst; ist es denn ein so gewaltiger Kampf, der dir bevorsteht, und mußt du ihn nicht zu Ende führen? Hätte mein Vater voraus wissen können, welch eine Pflicht er mir auferlegte und hätte ich selbst alle die Folgen, die sich nun für mich ergeben, vorher ermessen können, es würde vielleicht nicht bis zu diesem herben Entschlusse gekommen sein; nun aber giebt es keinen Rückweg mehr und ich muß ertragen, was das Schicksal über mich verhängt.

Eine Weile starrte er wieder vor sich hin.

Karoline! seufzte er dann und eine Thräne trat in sein Auge; aber rasch wischte er dieselbe fort und sagte: Fort mit diesem Namen, einmal noch will ich sie sehen und dann ist Alles auf immer vorbei.

Aus seinem düsteren Nachsinnen riß ihn der Eintritt Sophiens, welche in Karolinens Namen kam und ihn bat, zu entschuldigen, daß das gnädige Fräulein heute leider nicht im Stande sei, mit ihm zu musiciren.

Diese Mittheilung erschreckte Palm so sehr, daß er auffallend rasch die Frage an das Mädchen richtete, ob Fräulein Karoline krank sei, oder weshalb sie auf so ungewöhnliche Art sich dem Unterrichte entziehe.

»Ich weiß wahrhaftig nicht, was dem gnädigen Fräulein fehlt,« entgegnete Sophie, »ich weiß nur, daß sie den ganzen Vormittag geweint hat, mehr kann ich Ihnen wirklich nicht sagen.«

»So gehen Sie zu ihr,« bat Palm, »und sagen Sie dem gnädigen Fräulein, daß ich sie dringend ersuchen lasse, herunter zu kommen, sagen Sie, daß ich eine neue Composition mitgebracht habe, und daß ich heute zum letzten Male – doch nein! sprechen Sie nur von der Komposition.«

Sophie wußte sich die Hast und Erregtheit des Musiklehrers nicht recht zu erklären, aber da sie als Kammermädchen selbstverständlich ihre eigenen Ideen hatte und Palm's Gleichgültigkeit gegen sie selbst schon lange aus einem gewissen Grunde erklärt hatte, so schüttelte sie ein wenig den Kopf und ging dann, um den Auftrag an Karoline auszurichten.

Palm trat wieder an das Fenster und trotz der Unruhe, die sich seiner immer mehr bemächtigte und sein Herz immer stärker klopfen machte, bemerkte er es nicht, daß die sehnlich erwartete Karoline leise von der Seite eintrat; erst als sie an das Instrument getreten war und einige Accorde gegriffen hatte, schrak er auf und drehte sich nach ihr um.

»Vergeben Sie meine dringende Bitte, gnädiges Fräulein,« sagte er; »Sophie theilte mir mit, daß Sie heute nicht aufgelegt seien, Musik zu machen, und dennoch ließ ich Sie bitten, sich hierher zu bemühen, weil ich – ich hatte –« er gerieth in Verwirrung und fand die rechten Worte nicht, um seine Gedanken auszudrücken.

Karoline setzte sich, offenbar in der Absicht, ihm so wenig als möglich in das Gesicht zu sehen, vor das Piano und sagte: »Sophie hat mir von einer neuen Composition gesprochen, und obgleich ich sehr beschäftigt war, trieb mich die Neugierde doch hierher. Wo haben Sie die Composition?«

Palm nahm die Rolle von dem Tische, öffnete diese und stellte sie auf das Notenpult des Instruments.

Karoline versuchte die Composition zu spielen, aber sie fand bald einige Schwierigkeiten, und indem sie Palm bat, ihr dieselbe zuerst einmal vorzuspielen, rückte sie zur Seite, so daß er einen Stuhl vor das Instrument neben ihren Sitz stellen und sich dort niedersetzen konnte, um die Composition zu spielen.

Es war eine Art Elegie, ein kurzes, von tiefstem schmerzlichen Gefühle eingegebenes Tonstück, welches, auch von jeder anderen Hand gespielt, immer eine ergreifende Wirkung hätte machen müssen, von ihm aber in diesem Augenblicke vorgetragen, wie eine tiefe, unbeschreiblich schmerzliche Klage aus wundem Herzen klang. An jedem Tone, den er spielte, hing gleichsam eine Thräne, und als er geendet hatte, saß Karoline in tiefster Seele ergriffen und überwältigt, und die heißen Tropfen rannen über ihre Wangen.

Nach einer Pause sagte sie: »Das ist herrlich, unaussprechlich schön; von wem ist diese ergreifende Composition?«

Palm erhob sich, und indem er das Heft zusammenfaltete, reichte er es ihr und sagte: »Der Name steht außen auf dem Notenhefte.«

Karoline nahm es und las:

»Abschied, dem Fräulein Karoline von Bremer gewidmet von Palm.«

Sie fuhr zusammen. »Was bedeutet das, Herr Palm?« sagte sie und blickte ihn an. Aber sie erkannte in seinen Mienen auch sofort den Sinn jener Worte, und schmerzlich bewegt setzte sie fassungslos im Drange ihrer Empfindung hinzu: »Warum wollen Sie Abschied nehmen? Warum wollen Sie mich verlassen?«

Kaum aber hatte sie dies gesagt, so setzte sie, über und über roth werdend, hinzu: »Ich fühle so sehr, daß ich Ihrer Leitung noch bedarf; Papa würde gewiß sehr bedauern.«

»Ich muß durchaus von hier fort,« entgegnete Palm, »und zwar schnell, so schnell als möglich, wenn es nicht zu spät werden soll,« und er setzte hinzu: »Es sind dringende Angelegenheiten, die mich von hier fortrufen.«

»Und wenn ich Sie bitte, hier zu bleiben, werden Sie mir diese Bitte abschlagen?« sagte Karoline mit Herzlichkeit, indem sie ihm die Hand reichte. Aber Palm wagte weder, ihr in das Gesicht zu sehen, noch die dargebotene Hand anzunehmen.

»Ich kann nicht,« sagte er mit gepreßter Stimme, »ich darf nicht.«

Karoline wendete sich ab und sprach im Tone tief verletzten Gefühls: »Ich hätte nicht gedacht, daß eine Bitte von mir so wenig über Sie vermöchte.«

Diese Worte drangen dem armen Palm tief ins Herz. »Hören Sie mich, gnädiges Fräulein,« stieß er hervor, indem er mühsam nach Worten rang; »schon lange, bevor ich das Haus Ihrer Eltern zum ersten Male betrat, hatte ich Verbindlichkeiten übernommen, die einem Manne von Ehre heilig sein müssen, Verbindlichkeiten, die ich nicht brechen kann und die mich auf ewig fesseln werden; ich gehöre mir selbst nicht an und obgleich mein Leben hinfort freudenlos und düster sein wird, muß ich Sie doch bitten: lassen Sie mich gehen, und wenn später Ihr schönes Herz nicht ganz von anderen neuen Eindrücken beherrscht wird, so soll es mir zum Troste gereichen, zu wissen, daß Sie sich zuweilen der herrlichen Augenblicke erinnern, die ich hier in Ihrer Nähe verleben durfte.«

Karoline wußte nicht, was sie davon denken sollte. Wenn Palm anderwärts gefesselt war, wenn er sein Herz nicht mehr frei wußte, weshalb denn dieser traurige Abschied, weshalb ein Geheimniß? Ihr eigenes Herz trieb sie weiter, als sie sonst wohl gewagt hätte zu gehen, und zögernd frug sie: »Aber wenn Jemand, der Sie liebt, jemand, an dem Ihr Herz mit Neigung hängt, Sie hier zurückhalten würde?« –

Rasch entgegnete Palm: »Ich liebe Niemanden und Niemand liebt mich; ich darf Niemanden lieben, denn meine Liebe würde für den Gegenstand derselben ein Fluch sein.«

Karoline fühlte sich aufs Neue von tiefem Schmerz durchdrungen; sie sah den Unglücklichen leiden und konnte sich die Ursache seines Kummers nicht erklären; gern hätte sie ihm ihre Liebe bekannt, wäre sein seltsames Verhalten ihr nicht gar zu unerklärlich erschienen, sie wartete auf irgend ein entgegenkommendes Wort von seiner Seite, um ihm dann zu sagen, daß sie alle Hindernisse überwinden und die Seine werden wolle.

Palm ergriff nun die Hand des jungen Mädchens, und indem er dieselbe an seine Lippen drückte, sagte er: »Leben Sie wohl, denken Sie zuweilen an mich, Sie werden mich niemals wiedersehen!«

Nun aber konnte sich Karoline nicht zurückhalten. Schluchzend und mit dem Ausdrucke vollster Leidenschaft rief sie Palm's Namen, und dieser, der bereits an der Thür des Zimmers angelangt war, wendete sich wie von magischer Gewalt erfaßt um, eilte auf sie zu, und indem er sie in schmerzlicher Gluth umarmte, sagte er:

»Ja, Karoline, ich habe Sie lieb; feurig, glühend liebe ich Sie, als das Ideal meiner Träume, als das Ziel meines Lebens, als meine höchste Seligkeit. Diese Gluth brannte in mir und verzehrte mein Herz, und je mehr ich dieses Feuer unterdrücken wollte, um so stärker flammte meine Liebe und meine Raserei empor. Lieben Sie mich denn auch, Karoline? Sagen Sie mir es nur einmal, sprechen Sie es aus, dieses Wort, das mich armen Menschen selig macht! Sagen Sie es, Karoline, haben Sie den unglücklichen Palm lieb?«

Karoline verbarg ihr Gesicht an seiner Brust und konnte nichts weiter hervorbringen, als leise flüsternd den Namen Palm, aber der Ton, womit sie diesen Namen sprach, enthielt Alles und er drang dem Liebenden wie ein Götterwort ins Herz. »Sag' es noch einmal, Karoline,« flehte er, »noch einmal, daß du mich lieb hast.«

Da schlang Karoline ihre Arme um seinen Hals und flüsterte: »Palm, lieber Palm, ich liebe dich jetzt und für ewig.«

Aber kaum hatte sie dies gesagt, als Palm plötzlich wie aus einem Traume erwachte. Er riß sich aus ihren Armen los, schlug sich vor den Kopf und sagte knirschend: »Was thue ich! Ein Schurkenstreich ist es, was ich hier begangen habe!«

»Gott im Himmel!« rief Karoline, die nicht begreifen konnte, was in Palm vorging.

Die Angst, welche sich in ihrem Gesichte ausprägte, brachte Palm rasch wieder zur Besinnung, und mit erzwungener Ruhe sagte er nun: »Vergeben Sie meine unbedachtsame Schwäche, gnädiges Fräulein, es ist wahr, daß ich Sie liebe, aber niemals hätte ein Wort von Liebe über meine Lippen kommen dürfen, da es unsinnig wäre, irgend eine Hoffnung auf dieselbe zu setzen; mein Stand, der Rang Ihres Herrn Vaters, die Ansichten und Erwartungen Ihrer Frau Mutter sind Umstände, die mir jede Hoffnung rauben. Vergeben Sie mir, was ich soeben in der Uebereilung gesprochen habe; vergessen Sie, daß ich Sie liebe, daß ich lebe, und wenn die Nothwendigkeit ein Opfer fordert, so lassen Sie mein gebrochenes Herz das einzige Opfer sein.«

Karoline ließ sich nicht so rasch entmuthigen: »Mein Vater,« sagte sie, »ist ein edler Mann und Sie wissen, daß er, der die Menschen nur nach ihrem Werthe schätzt, Sie hochachtet; weshalb also wollen Sie die Hoffnung aufgeben?«

Palm ließ sich nicht halten; er sagte: »Es ist wahr, Karoline, Ihr Vater ist der edelste Mensch, aber dennoch kann ich nicht bleiben. Leben Sie wohl und vergessen Sie mich.«

Er wollte das Zimmer verlassen, und Karoline, die sein Benehmen durch nichts erklären konnte, stand rathlos, als sich eine Seitenthür öffnete und Herr und Frau von Bremer eintraten.

Palm blieb mit ehrerbietigem Gruße an der Thür stehen, aber es konnte den Eintretenden nicht verborgen bleiben, daß irgend etwas vorgefallen war.

Der Finanzrath betrachtete die beiden jungen Leute aufmerksam und sagte dann freundlich: »Was hat es hier gegeben?«

Auch Frau von Bremer, die es sonst vortrefflich verstand, nicht zu bemerken, was andere Menschen nahe berührte, setzte hinzu: »Weshalb diese Bestürzung?«

Palm faßte sich rasch und versetzte: »Das gnädige Fräulein war so gütig, sich darüber zu betrüben, daß ich ihr die Mittheilung meiner bevorstehenden Abreise machte. Auch Ihnen, Herr Finanzrath, und der gnädigen Frau möchte ich hiermit meinen Dank für alle Freundlichkeit, die Sie mir erwiesen, abstatten, da ich noch heute von hier abreisen werde; dringende Angelegenheiten fordern anderwärts meine Gegenwart.«

Der Finanzrath schien betreten, und nachdem er einige Zeit in Nachdenken versunken war, sagte er: »Das sollte mir herzlich leid thun, Herr Palm; ist an Ihrem Entschlusse nichts mehr zu ändern?«

»Nichts, Herr Finanzrath,« entgegnete dieser.

Frau von Bremer begriff wenig von der tiefer liegenden Bedeutung dessen, was um sie her vorging; sie wendete sich mit den Worten zu Karoline: »Was spieltest du doch vorhin? es war ein schönes Stück, nur etwas düster.« Nachdem sie dies gesagt hatte, trat sie an das Instrument, aber Karoline kam ihr zuvor, und indem sie eilig das Notenheft von dem Pulte nahm, rollte sie dasselbe zusammen und verließ damit das Zimmer, indem sie sagte: »Schön, Mama? Du findest es schön? Ich finde es abscheulich, unerträglich!«

Auch dies war dem Finanzrathe nicht entgangen; er legte einige Briefe und Zeitungen, die er beim Eintreten in das Zimmer in der Hand trug, auf den Tisch und blickte nochmals einen Augenblick in nachdenkendem Schweigen vor sich nieder. Dann wendete er sich rasch zu Palm, der nach einer letzten Verbeugung eben im Begriffe war, das Zimmer zu verlassen, und rief ihm zu:

»Wollen Sie mir einen Gefallen thun, Herr Palm?«

»Wenn es mir möglich ist, gern.«

»Bleiben Sie noch einige Tage hier.«

»Ich kann es nicht,« entgegnete Palm.

»Bis morgen,« bat der Finanzrath.

»Ich kann es nicht,« wiederholte Palm.

»Nun, so versprechen Sie mir wenigstens,« sagte nun der Finanzrath, »nicht abzureisen, bevor wir uns noch einmal allein gesprochen haben.«

Nach einer Pause peinlicher Ueberlegung entgegnete Palm: »Es sei, ich verspreche es Ihnen.«

»Geben Sie mir Ihre Hand darauf,« sagte Herr von Bremer. Palm reichte ihm die Hand, grüßte ehrerbietig und verließ dann das Zimmer.

Mit der größten Unbefangenheit hatte Frau von Bremer inzwischen geklingelt und der eintretenden Sophie den Auftrag gegeben, das zweite Frühstück zu serviren. Dies geschah.

Der Finanzrath nahm Platz, und während er eine Tasse Bouillon ausschlürfte, las er aufmerksam die Briefe, welche angekommen waren, und bei deren Durchsicht er hier und da einige Bemerkungen machte. Ungeduldig beobachtete ihn seine Frau; sie wußte, daß ein Schreiben dazwischen war, welches sie selbst im höchsten Grade interessirte, und sie frug endlich: »Darf ich fragen, ob irgend etwas dabei ist, das auch mich angeht?«

»Es sind lauter dienstliche Angelegenheiten,« erwiderte der Finanzrath; »doch sieh!« setzte er hinzu, indem er zuletzt noch ein zierliches Briefchen ergriff; »irre ich mich nicht, so ist dies, Vetter Karl's Hand.«

»Ein Brief vom jungen Baron von Wiesen?« frug Frau von Bremer, indem sie sehr geschickt scheinbar verwundert war; »da bin ich doch neugierig, zu wissen, was er schreibt, denn seit der Correspondenz in Bezug auf Karoline hat er nichts wieder von sich hören lassen.«

Der Finanzrath schien nicht sehr angenehm überrascht durch den voraussichtlichen Wiederbeginn dieser Korrespondenz, er stand auf, und indem er seiner Frau den Brief übergab, sagte er: »Lies selbst, liebes Kind, ich dachte, die Sache sei längst vollständig aus der Welt, aber freilich,« fuhr er fort, indem er im Zimmer auf und ab ging, während seine Frau den Brief öffnete und las, »man kann es dem jungen Menschen nicht verdenken, denn die Ausrede, daß Karoline zu jung sei, gilt nicht mehr, da das Mädchen achtzehn Jahre alt geworden ist, und es gefällt mir von ihm, daß seine Neigung nicht gar zu flüchtig war, obgleich ich nicht sagen kann, daß ich sonst jemals besondere Vorliebe für ihn gehabt hätte.«

Unterdessen hatte Frau von Bremer den Brief gelesen und faltete ihn wieder zusammen.

Ihr Mann trat zu ihr heran und fragte: »Was enthält der Brief, und was sagst du dazu, liebes Kind?«

Frau von Bremer sah sich um, ob nicht vielleicht ein unberufener Mensch im Zimmer sei, dann setzte sie sich möglichst in Positur und sagte:

»Vor allen Dingen bin ich sehr erfreut, daß meine Ansicht über Vetter Karl die richtige war; du wirst dich erinnern, daß du seine Absicht auf Karolinens Hand als eine vorübergehende Laune betrachtetest, während ich ihn richtiger beurtheilte, und die Consequenz, mit welcher Karl auf seiner Absicht besteht, beweist, daß ich Recht hatte. Meiner Meinung nach werden wir schwerlich für Karoline eine bessere Partie finden; der Baron ist von altem Adel, steht, wie man sagt, in besonderer Gunst beim Könige und wird wegen seines Geistes und seiner Fähigkeiten allgemein gerühmt. Außerdem besitzt er ein ansehnliches Vermögen, und obgleich ich deine Ansichten in dieser Beziehung kenne, so glaube ich doch, du wirst in Bezug auf deine Tochter nicht wünschen, sie einem Bettler zur Frau zu geben.«

»Gewiß nicht,« entgegnete von Bremer mit ironischem Lächeln, »ich möchte Karoline nicht an einen Bettler, aber ich möchte sie an einen braven Mann verheirathen.«

»Ueber das Betragen des jungen Barons kann gewiß nicht der geringste Tadel aufgebracht werden,« meinte Frau von Bremer, »er genießt einen ausgezeichneten Ruf und bewegt sich in allen Kreisen, in denen guter Ton herrscht.«

»Das ist wahr,« erwiederte der Finanzrath, »aber das beweist nichts. Ich habe Menschen gekannt, die in den höchsten Kreisen willkommen waren, aber vergeblich in der Wohnung eines verständigen und redlichen Bürgers Zugang gesucht haben würden, und ebenso erinnere ich mich manches Menschen, den ich von Herzensgrund hochschätzte, obgleich er niemals die Gesellschaften der großen Welt betreten hatte. Wir wollen deshalb lieber einen anderen Maßstab anlegen und für Karoline einen Mann wählen, der kein Hans Narr, kein Schleppenträger und kein Sodomsapfel ist, von Außen schön, von Innen faul.«

Ungeduldig hatte Frau von Bremer bis hierhin zugehört; jetzt sagte sie: »Das ist Alles ganz vortrefflich, aber ich möchte wissen, wie ich alle diese Redensarten mit dem jungen Baron in Beziehung bringen soll.«

»Kurz und bündig,« entgegnete der Finanzrath, »Vetter Karl gefällt mir nicht.«

»Warum nicht, wenn ich fragen darf?«

»Er ist ein Spieler.«

Mit vornehmer Miene entgegnete Frau von Bremer: »Diese Beschuldigung ist mir schon öfter zu Ohren gekommen, und da ich selbst nicht wünschen kann, daß deine Tochter einen Spieler zum Manne bekäme, so habe ich genaue Erkundigungen eingezogen und mich überzeugt, daß, wenn Karl wirklich hier und da spielt, dies doch immer in auserlesener Gesellschaft geschieht, er spielt nur mit jungen Leuten comme il faut und er vergißt nie, was sein Rang und der Name seines Hauses von ihm verlangen.«

»Wenn dies Alles wahr ist,« versetzte Herr von Bremer, »so heißt es nichts weiter, als daß er seine Leidenschaft für das Spiel mit armseligen Standesvorurtheilen zu verbinden weiß, oder findest du einen Unterschied dabei, ob man sein Geld mit Edelleuten oder Bürgersleuten verspielt?«

»In diesem Punkte ist nun einmal nicht mit dir zu streiten,« versetzte Frau von Bremer sehr piquirt, »lassen wir daher dieses Capitel und sage mir einfach, wie du die fragliche Angelegenheit behandeln willst.«

»Vorerst muß ich wissen, wie Karoline darüber denkt,« entgegnete der Finanzrath; »liebt sie den Vetter, in Gottes Namen dann! Liebt sie ihn nicht, so ist die Sache von selbst abgebrochen, denn ich werde mein Kind nicht zwingen.«

»Zwingen!« meinte Frau von Bremer mit einem spöttischen Lächeln; »ich glaube, das wird wohl nicht nöthig sein. Was kann das Mädchen mehr wollen?«

»Wer weiß!« entgegnete der Finanzrath; »aber vor allen Dingen müssen wir sie selbst fragen.«

Frau von Bremer erhob sich und zog die Klingel. Dem eintretenden Mädchen befahl sie, das gnädige Fräulein zu rufen. »Jedenfalls,« meinte sie alsdann gegen ihren Gatten, »wirst du mir Recht geben, daß ein Mädchen in Karolinens Alter noch nicht zu beurtheilen versteht, was zu ihrem Glück gehört. Vor allen Dingen muß ihr zukünftiger Gemahl ein Mann sein, der Ansehen genießt.«

»Daß heißt, der die öffentliche Achtung verdient,« entgegnete der Finanzrath.

»Ein Schwiegersohn, dessen man sich nicht zu schämen braucht.«

»Das heißt,« entgegnete der Finanzrath, »ein Mann, wegen dessen mich mein Gewissen nicht anklagen kann.«

»Es ist schade,« höhnte hierauf Frau von Bremer, »daß du von Adel bist; mit deinen Ansichten würdest du ein ausgezeichneter Krämer geworden sein.«

Der Finanzrath lächelte gutmüthig und erwiederte: »Es ist schade, daß du voll adliger Vorurtheile steckst, liebes Kind, denn ohne diese würdest du die beste Frau von der Welt sein.«

In diesem Augenblicke trat Karoline herein, ging auf ihre Mutter zu und sagte: »Du hast mich rufen lassen, Mama.«

Verdrießlich entgegnete Frau von Bremer: »Du weißt doch, daß ich es nicht gerne höre, wenn du mich Mama nennst, seitdem man jeden Schuhputzer von seiner Mama sprechen hört. – Dein Vater hat mit dir zu sprechen,« setzte sie kurz hinzu.

Karoline blickte ängstlich fragend auf diesen. Herr von Bremer nahm seine Tochter bei der Hand, strich ihr über das Haar und sagte liebreich: »Mich magst du nennen wie du, willst, liebes Kind, denn mir kommt es nicht auf das Wort an, sondern was dein Herz dabei fühlt. Wir wollen mit dir reden; aber du siehst bleich aus, was fehlt dir?«

Zögernd entgegnete Karoline: »Nichts, ich bin ganz wohl.«

»Zum ersten Male kann ich dir nicht glauben,« entgegnete ihr Vater; aufrichtig, Karoline, was fehlt dir?«

Aber Karoline blieb dabei, daß ihr nichts fehle und daß sie ganz wohl sei.

»Ich habe schon seit längerer Zeit bemerkt, daß sie sich sentimentale Manieren angewöhnt, die ich selbst bei meinem Kammermädchen unerträglich finden würde,« bemerkte Frau von Bremer; »die trübseligen Compositionen des Herrn Palm machen dich noch zu einer romantischen Närrin,« setzte sie, zu Karoline gewendet, hinzu.

Der Finanzrath beobachtete Karolinens Züge während dieser Worte und sagte dann zu seiner Frau: »Sei nicht hart gegen das Mädchen!« Dann wendete er sich freundlich zu Karoline und sprach: »Wir haben Nachrichten von Vetter Karl; du weißt, was wir im vorigen Jahre, als er um deine Hand anhielt, geantwortet haben. Damals warst du zu jung. Er wiederholt nun seinen Antrag und kündigt seine baldige Ankunft an, um, wie er sich schön ausdrückt, unsere und deine Zustimmung auf seinen Knien zu erbitten. Was sagst du dazu? Was sollen wir dem Vetter erwiedern, wenn er hierher kommt? Nun nun,« fuhr er fort, als Karoline schweigend vor sich hin sah, »was sollen wir dem Vetter antworten?«

»So antworte doch!« warf Frau von Bremer ungeduldig ein.

Karoline erschrak bei diesem Tone und stotterte halblaut: »Aber der Vetter kennt mich ja gar nicht!«

»Diese Ausflucht kann nicht gelten,« versetzte ihr Vater; »er ist früher bei uns lange genug ein- und ausgegangen, um sich in dich verlieben zu können.«

»Damals war das vielleicht so,« entgegnete Karoline, »aber seitdem habe ich mich verändert. Du sagst es selbst und die Mama sagt es auch oft genug und ich selbst glaube, daß mein ganzes Wesen ein anderes geworden ist.«

»Nun, was das betrifft,« meinte lächelnd ihr Vater, »so wird Vetter Karl gegen diese Veränderung nichts einzuwenden haben. Du bist vom Kinde zur Jungfrau herangereift, bist ernster, nachdenkender geworden, aber Alles dies gereicht dir zum Vortheile.«

Frau von Bremer hatte mit der äußersten Ungeduld diesen Worten zugehört, jetzt konnte sie nicht länger an sich halten und sagte: »Meine Ansicht ist, daß die Veränderung, wovon hier die Rede ist, keineswegs zu Karolinens Vortheil gereicht; übrigens kommt dies hier gar nicht in Frage. Der junge Baron von Wiesen hat sich förmlich erklärt und meiner Meinung nach hat Karoline nun nur zu entscheiden, ob sie Neigung für ihn fühlt.«

Die arme Karoline erschrak bei den entschiedenen Worten ihrer Stiefmutter nicht wenig, aber mit gütigem, mildem Tone nahm ihr Vater wieder das Wort und sagte: »Sei guten Muths, Linchen, und verlasse dich auf die vorsorgliche Liebe deines Vaters, der dein Herz vielleicht besser versteht als du ahnst. Gieb nur ganz ungescheut deine Erklärung in Bezug auf den Vetter. Willst du ihn vielleicht erst näher kennen lernen, bevor du dich erklärst? Verlangst du eine Frist zur Ueberlegung?«

»O nein, nein, das Alles ist nicht nöthig,« fiel hierauf Karoline ihrem Vater rasch ins Wort.

»Nun gut, so sprich deine Ansicht offen aus; kannst du den Vetter Karl lieb haben?«

Karoline blickte ihrem Vater fest ins Gesicht und sagte dann in entschiedenem Tone: »Nein, Vater, niemals.«

»Das ist stark!« rief Frau von Bremer ganz entrüstet, während der Finanzrath ein aufleuchtendes Lächeln der Zufriedenheit nicht verbergen konnte.

»Du mußt uns aber deine Gründe angeben, Karoline,« sagte er, »damit wir –«

»Natürlich,« fiel Frau von Bremer ein, »darum muß ich bitten, denn der Baron ist mein Verwandter.«

»Sprich also, mein Kind, was hast du gegen den Vetter?« frug nun der Finanzrath.

»Ich mochte ihn nie leiden, lieber Vater,« entgegnete Karoline, »und schon damals, als er hier in der Stadt lebte und unser Haus viel besuchte, konnten wir uns nie recht verstehen; ich glaube, es kam daher, weil ich dich, lieber Vater, einmal sagen hörte, der Vetter habe kein gutes Herz.«

»Da haben wir's,« warf Frau von Bremer abermals in höchster Entrüstung ein; »das kommt von der zu weit getriebenen Vertraulichkeit mit den Kindern.«

Der Finanzrath achtete nicht auf diese Bemerkung, er zog Karoline an seine Brust und sagte zu ihr: »Es thut meinem Herzen wohl, daß du offen gegen mich bist.«

Darauf sah er ihr forschend ins Auge, und Karoline, welche diesen Blick verstand, verbarg ihr weinendes Gesicht an seiner Brust. Frau von Bremer sah mit unverhehlter Ungeduld auf diese Scene.

Der Finanzrath begann wieder: »Liebes Kind,« sagte er, »ich wünschte dein Vertrauen vollkommen zu besitzen. Sieh, Karoline, ich weiß, daß etwas zwischen uns steht, daß du ein Geheimniß vor mir hast; weshalb willst du mir nicht vollständig und rückhaltlos dein Herz erschließen? Kenne ich dich doch besser, als du selbst glaubst, und weiß ich doch auch jetzt, was dich drückt und wonach sich dein Herz sehnt! Bist du denn nicht mehr meine gehorsame, aufrichtige Karoline? Aber schweige nur,« fuhr er fort, als Karoline tief gerührt zu ihm aufsah, »ich verstehe dich auch ohne Worte und ich will dein Glück begründen, ohne daß du mich darum bittest. Gehe jetzt auf dein Zimmer, bis ich dich rufen lasse, und sei versichert, daß dein Vater für dein Glück Sorge trägt.«

Noch einen Blick voll inniger kindlicher Dankbarkeit warf Karoline auf ihren Vater, dann verließ sie das Zimmer.

Es war zu verwundern, daß Frau von Bremer sich bis hierher ruhig verhalten hatte. In stummer Verwunderung starrte sie auf ihren Mann und das Mädchen, und kaum hatte letztere das Zimmer, verlassen, als sie ausrief: »Ich falle aus den Wolken! Was bedeutet denn das Alles?«

»Das will ich dir sagen, liebes Kind,« entgegnete der Finanzrath, »während du eifrig beschäftigt warst, auf Karolinens Manieren und ihre Tournüre zu achten, habe ich mich bemüht, des Mädchens Herz zu erforschen und bin zu der Ueberzeugung gekommen, daß dies Herz nicht mehr frei ist.«

»Wie? und der junge Baron von Wiesen?«

»Wird wahrscheinlich so wieder abreisen, wie er kommt; er wird sich anderwärts eine Braut suchen müssen.«

»Du hast also die Absicht, Karolinens heimliche Liebschaft zu begünstigen?« frug nun Frau von Bremer mit dem Ausdrucke äußerster Entrüstung.

»Heimliche Liebschaft?« versetzte ruhig der Finanzrath, »mir ist sie kein Geheimniß, denn ich habe wohl bemerkt, wer Derjenige ist, den ihr Herz erwählt hat.«

»Und darf man den Namen des Glücklichen wissen?«

»Gewiß, Liebe; es ist Palm.«

»Palm?« schrie Frau von Bremer im höchsten Affect.

»Palm,« entgegnete ihr Mann ganz ruhig.

»Habe ich recht gehört?«

»Du hast recht gehört.«

»Palm, der Musiklehrer, der hergelaufene Mensch; ist es denn möglich?«

»Derselbe Palm ist es,« erwiederte der Finanzrath mit aller Ruhe.

»Nun dann,« entgegnete Frau von Bremer, »da eine Stiefmutter nicht das Recht hat, solche wahnsinnige Pläne zu hintertreiben, so steht es wenigstens in meiner Macht, die Hand von deiner überspannten Tochter zurückzuziehen.«

»Thue, was du nicht lassen kannst,« versetzte der Finanzrath.

»Uebrigens werde ich mich auch mit der Erziehung deiner übrigen Kinder nicht mehr befassen,« tobte die entrüstete Dame weiter, »denn ich fühle mich unfähig, deinen Sohn zu einem Stallknecht oder Torfträger, und die Mädchen zu Köchinnen oder Ladenmamsells zu erziehen. So hoffe ich wenigstens der Welt zu zeigen, daß, wenn mein Mann es nicht unter seiner Würde hält, sich zu encanailliren und seine Tochter Schelmen und Dieben in die Arme zu werfen, ich wenigstens stets, bemüht gewesen bin, meiner Familie solch eine Schande und meinem Gewissen solch einen Scandal zu ersparen.«

Damit stürmte sie zur Thür hinaus.

Der Finanzrath sah seiner erzürnten Gattin kopfschüttelnd nach und sagte dann vor sich hin: »Ich kenne Jemanden, der eine sehr hochadelige Dame zur Frau genommen hat und am Ende wohl eben so glücklich geworden wäre, wenn er ein einfaches Bürgermädchen geheirathet hätte.«

Herr von Bremer wollte sich hierauf entfernen, als in demselben Augenblicke sein Secretair, der alte Weiß, ein ehrwürdiger Mann, der seit zwanzig Jahren in Diensten des Finanzraths stand und schon der ersten Gattin desselben treu ergeben gewesen war, eintrat. Der ehrliche Alte besaß das volle Vertrauen seines Herrn und durfte von jeher auch in Privatangelegenheiten ein Wort mit ihm reden.

»Merkwürdige Neuigkeiten, Herr Finanzrath,« sagte er; »denken Sie sich, daß ich soeben durch Zufall Beobachtungen anstellen konnte, die zwei Menschen betreffen, welche Ihnen nicht gleichgültig sind, und deren Geheimnisse vielleicht mit einander in Verbindung stehen. Sie werden verzeihen, wenn ich Ihnen diese Neuigkeit unaufgefordert mittheile, aber ich hielt es für meine Pflicht, Sie sofort davon in Kenntniß zu setzen.«

»Nun, was giebt es denn, alte Seele?« sagte der Finanzrath, indem er sich niedersetzte und dem alten Weiß einen Wink gab, dies ebenfalls zu thun.

Dieser ließ sich mit der Bedachtsamkeit seines Alters auf einen Stuhl nieder und begann: »Sie wissen, Herr Finanzrath, daß heute der letzte Tag des Monats ist. Ich hatte mir das Nadelgeld für Fräulein Linchen in schönen blanken Münzstücken ausgesucht und wollte es hinauf auf ihr Zimmer bringen. Da fand ich sie denn in tiefster Betrübniß sitzen, und als ich mich theilnahmvoll nach ihrem Befinden erkundigte, suchte sie mir auszuweichen, bis sie mit einem Male sich mir alten Manne an die Brust warf und laut schluchzend sagte: Sie sei so unglücklich, wie sie nie zu werden geglaubt habe. Ich bezwang meine Rührung und sagte, indem ich sie abwehrte: Ei, ei, gnädiges Fräulein, Sie sind doch das kleine Mädchen nicht mehr, das der alte Weiß so oft auf seinen Knieen geschaukelt hat, fassen Sie sich und sagen Sie Ihrem Herrn Vater, was Ihnen fehlt, ich wette, er giebt Ihnen Alles, was Sie wünschen, und da möchte ich doch einmal sehen, ob Sie sich noch unglücklich fühlen werden.«

Der Finanzrath nickte und wollte von seinem Stuhle aufstehen, der alte Weiß aber sagte: »Hören, Sie noch einen Augenblick, es kommt noch eine zweite Neuigkeit. Gleich nachdem ich von Fräulein Linchen wegging, verfügte ich mich zu Herrn Palm, um demselben das Geld für den Musikunterricht zu bringen. Er war gerade beschäftigt, alle seine Sachen zu packen und erzählte mir, daß er heute noch von hier abreise. Auch er sah dabei so betrübt und unglücklich aus, daß ich mich nicht enthalten konnte, ihm zu sagen: Weshalb wollen Sie von hier fortgehen, wo so viele Menschen Sie herzlich lieb haben? Bleiben Sie hier und sprechen Sie mit dem Herrn Finanzrath, daß er etwas für Sie thut und Ihre Stellung bei uns befestigt; ich sollte doch meinen, ein Mann wie Sie müßte überall zu Ansehen kommen können. Darauf aber schüttelte er den Kopf, sprach von unglückseligen Verhältnissen, von Rang, von Geld und dergleichen und wollte sich auf nichts einlassen; doch sagte er mir, daß er dem Herrn Finanzrath versprochen habe, noch einmal zu einer Unterredung zu kommen und daß er mir in einer halben Stunde folgen werde. Darauf hielt ich es denn für meine Pflicht, meine Neuigkeiten noch vorher schnell auszukramen und Ihnen Alles, was ich gesehen und gehört habe, zu berichten.«

»Daran haben Sie wohl gethan, alter Weiß,« entgegnete freundlich der Finanzrath, »obgleich Ihre Neuigkeiten für mich eigentlich keine solchen sind, denn ich weiß die Quelle der Betrübniß meiner Tochter und ich kenne auch die Ursache, weshalb der brave Palm von hier fort will. Bitte, gehen Sie jetzt, und sagen Sie meiner Tochter, daß ich sie sprechen will und daß sie hierher kommen möge.«

Der alte Mann nickte beifällig und verließ das Zimmer, während der Finanzrath nachdenkend sitzen blieb.

Einige Sorge machte ihm die Angelegenheit doch, denn der erfahrene und weltkundige Mann konnte sich nicht verhehlen, daß die Entscheidung, welche er jetzt treffen wollte, eine wichtige und folgenschwere sei. Aber er hoffte Alles von dem edlen Charakter Palm's, den er hinlänglich zu kennen glaubte, und er erwog dabei, daß die Hoffnung auf das Glück der beiden liebenden Herzen alle weiteren Schritte, welche etwa zur vollständigen Erfüllung nöthig sein würden, erleichtern werde.

Fast zu gleicher Zeit traten Karoline und Palm in das Zimmer, Beide überrascht und Palm sichtlich in höchst schmerzlicher Erregung.

Der Finanzrath begrüßte ihn voller Herzlichkeit und redete ihn mit den Worten an: »Ich danke Ihnen, Herr Palm, daß Sie meiner Bitte Gehör geschenkt haben, obgleich Ihre Zeit kurz gemessen ist. Um Sie nun nicht länger als nöthig ist aufzuhalten, gehe ich sofort auf den Kern des Gegenstandes ein, über welchen ich mit Ihnen sprechen wollte.«

Ohne dann auf die Verlegenheit zu achten, die sich der beiden jungen Leute im höchsten Grade bemächtigte, nöthigte er Palm zum Sitzen, und zog Karoline neben sich auf das Sopha.

»Ich habe Sie als Mann von Charakter kennen gelernt,« begann er darauf, »und wenn ich auch noch Nichts über Ihre Herkunft und Vergangenheit erfahren habe, so ist doch die Achtung, die Sie sich in Hellhausen allgemein erworben haben, Bürgschaft genug, daß kein Makel von der Zeit vor Ihrer Hierherkunft auf Ihnen lasten wird. Sie besitzen Kenntnisse und Bildung in außergewöhnlichem Grade und ich wäre stolz, einen Mann wie Sie zum Sohne zu haben. Antworten Sie mir daher ohne Umschweife auf das, was ich Sie fragen werde. Ich wiederhole, daß ich Sie immer als Ehrenmann betrachtet und Ihnen als solchem mein Haus geöffnet habe. Sagen Sie mir daher jetzt offen und ehrlich: Lieben Sie meine Tochter?«

Diese plötzliche, in solcher Weise völlig unerwartete Frage brachte Palm vollständig außer Fassung. Er stotterte: »Verzeihen Sie, Herr Finanzrath –,« aber indem er nach Worten suchte, fiel sein Blick auf Karoline, die ihn mit einem unaussprechlichen Ausdruck von liebender Besorgniß anblickte, und unfähig sich länger zu beherrschen, stieß er rasch die Worte hervor: »Ja, ja, ich liebe sie unaussprechlich!«

Karoline verbarg ihr Gesicht beim Anhören dieser Worte an der Brust ihres Vaters und dieser fühlte, wie ihr Herz in höchster Wonne heftig pochte.

Gerührt drückte er sie an sich, und indem er sich erhob, wendete er sich mit den Worten zu Palm: »Machen Sie mein Kind glücklich und ich werde es nie bereuen, meine Einwilligung zu dieser Verbindung gegeben zu haben.«

Man hätte erwarten sollen, daß diese Sprache dem Liebenden wie Sphärenmusik geklungen habe, aber dem Anscheine nach wirkte sie völlig anders und es verging eine unheimliche Pause.

Vergeblich versuchte Palm zu Worte zu kommen, er war in der furchtbarsten Stimmung. Der Anblick Karolinens, die von Glück strahlte und deren Herz heftig pochte, die gütigen Worte ihres Vaters, Alles dies lag sichtlich mit Zentnerschwere auf ihm und machte ihm doch auch wieder jede Einsprache für den Augenblick unmöglich. Rathlos starrte er vor sich hin und es konnte Karolinens Vater nicht entgehen, daß eine Reihe peinlicher Gedanken den Armen marterte.

Er hoffte ihn zu beruhigen, indem er sagte: »Geben Sie jetzt keinem anderen Gedanken Raum, und überlassen Sie es mir, in ruhigen Augenblicken mit Ihnen zu überlegen, was weiter für die Zukunft zu thun ist. Hoffentlich werden Sie Ihre Abreise, aufgeben und Hellhausen nicht verlassen, um so weniger,« setzte er in scherzendem Tone hinzu, »da meine Frau den Besuch eines Verwandten erwartet, den sie Ihnen zum Nebenbuhler bestimmt hat.«

Er sagte dies lächelnd, und als Karoline ihn fragend ansah, fuhr er fort: »Ja, ja, sieh nur erstaunt d'rein. Es ist unser Vetter, der junge Baron von Wiesen, den sie erwartet und von dem sie ja wünscht, daß er dir als Bräutigam willkommen sein möge.«

Der Finanzrath hatte auch dies leichthin gesagt, aber seine Worte machten auf Palm einen unerwartet erschreckenden Eindruck.

»Wer?« sagte er, »etwa der Baron Karl von Wiesen, der früher im Militärdienste stand und vor zwei Jahren seinen Abschied nahm?«

»Ganz richtig, derselbe,« entgegnete etwas erstaunt der Finanzrath; »kennen Sie ihn?«

»Und er ist es, den Frau von Bremer zu Karolinens Gemahl bestimmt hat?« frug Palm rasch weiter.

»Derselbe,« versetzte der Finanzrath, während Karoline ebenfalls ganz erstaunt auf Palm hinsah.

Dieser aber schien einen mächtigen inneren Kampf durchzumachen, und nachdem einige Minuten vergangen waren, wendete er sich mit den Worten an den Finanzrath: »Allerdings werde ich meine Reise aufschieben und ich denke nicht mehr daran, Hellhausen heute noch zu verlassen. Aber jetzt muß ich um Entschuldigung bitten, wenn ich Sie verlasse, mein Kopf schwindelt und ich muß hinaus in die Luft, um einer Erregung, die mich fast zu ersticken droht, einigermaßen Herr werden zu können.«

Damit ging er und der Finanzrath versicherte die sehr betroffene Karoline, daß seine Achtung vor dem jungen Manne durch dessen allerdings etwas seltsames Benehmen nicht vermindert sei, da er als die Ursache desselben die Bedenken betrachten müsse, die einem Ehrenmanne immer kommen, wenn er dem Gedanken Raum geben muß, daß nicht er das Loos der Geliebten, sondern diese das seinige bestimme. Karoline schüttelte schmerzlich den Kopf, aber sie vertraute den Worten ihres Vaters.


* * *


Hellhausen war eine kleine angenehm gelegene Stadt, in welcher man ein höchst gemächliches Leben führen konnte. Es gab weder sehr arme, noch sehr reiche Leute dort, weder große Fabriken, noch eine Universität, noch eine Garnison, und nur ein Theil der höheren Verwaltung war daselbst stationirt.

Ganz besonders gern wählten pensionirte alte Staatsdiener und Officiere die Stadt Hellhausen zu ihrem Aufenthalte, und so lebte auch daselbst seit einiger Zeit der alte General Richthaus, der Schwager der Frau von Bremer und rechtmäßige Onkel von mütterlicher Seite des Barons Karl von Wiesen. Als der junge Baron schon früher einmal eine Zeitlang in Hellhausen sich aufhielt und bereits auf die Hand der heranwachsenden Karoline reflectirte, war der General noch nicht dort. Er zog sich erst später nach Hellhausen zurück. General Richthaus war ein echter Soldat von altem Schrot und Korn, der weder an seiner Frau Schwägerin, noch an seinem Neffen besonderes Wohlgefallen hatte. Er kam fast nie in das Bremer'sche Haus, aber wo er am dritten Orte mit dem Finanzrathe oder seiner Tochter zusammentraf, zeigte er stets viel Freundlichkeit für Karoline und es war daher zu erwarten, daß er die Absichten seines Neffen in dieser Beziehung gewiß sehr billigte.

Einige Tage nach den zuletzt geschilderten Vorgängen traf Karl von Wiesen bei seinem Onkel ein, und obgleich der alte General diesen Besuch zu keiner Zeit besonders gern gesehen hätte, so ließ er sich denselben doch in Hinblick auf die Absicht gefallen und machte ein möglichst freundliches Gesicht.

Der junge Baron hatte diesmal einen Bedienten bei sich, der schon im Hause seines Vaters gewesen und, einige Jahre älter als Baron Karl, großen Einfluß auf diesen hatte. Franz, so hieß derselbe, war ein durchtriebener Bursche voller Schlauheit und immer bereit, den jungen Baron in seinen Thorheiten und Ausschweifungen zu unterstützen. Dem General war das Gesicht dieses Menschen sofort verdächtig und es währte nicht lange, so hatte er die Ueberzeugung gewonnen, daß ein großer Theil von Karl's Fehlern auf Rechnung seines nichtsnutzigen Bedienten kam.

Als daher der junge Baron am Tage nach seiner Ankunft ausgegangen war, um im Hause des Finanzraths seinen Besuch zu machen, ließ der General den Bedienten zu sich rufen, um eine Art Verhör mit ihm anzustellen.

»Wie lange dienen Sie bei meinem Neffen?« frug er ihn.

Der dreiste Bursche sah dem General ziemlich unverschämt in das Gesicht und entgegnete: »Wir sind zusammen aufgewachsen.«

»Nun,« meinte der General, »jedenfalls waren Sie früher wie er damit fertig, denn wie mir scheint, sind Sie doch eine ganze Reihe von Jahren älter. Sie haben wohl auch Karl's Vater gekannt?«

»Gewiß,« versetzte Franz, »er hat mich oft genug Taugenichts genannt.«

»Danach frage ich nicht,« sagte hierauf in streng militärischem Tone der General, »ich verlange nur über das Auskunft, wonach ich mich erkundige. Sie wissen ohne Zweifel, wie lange der alte Baron todt ist?«

»Fünfzehn bis sechzehn Jahre,« sagte Franz nach einigem Nachdenken.

»Ist er an einer Krankheit gestorben?« fragte der General weiter.

Mit unverschämtem Lachen versetzte Franz: »An Gesundheit sicher nicht.«

»Ich will wissen, woran er starb,« sagte hierauf der General mit einer Stimme, die dem dreisten Burschen denn doch imponirte.

»Was soll ich sagen,« sprach er, »er ist an zu weit getriebenem Ehrgefühl gestorben.«

»Stellen Sie meine Geduld nicht länger auf die Probe,« drohte ihm jetzt der General, »und erzählen Sie kurz und bündig, was an dem letzten Tage vor dem Tode des Herrn von Wiesen vorgefallen ist.«

Mit einer Miene, die halb Verschmitztheit, halb Frechheit ausdrückte, begann Franz zu erzählen: »Des Morgens um ein halb fünf Uhr stand er auf und zog Strümpfe und Stiefel an; ich war nicht dabei, aber ich schließe es daraus, weil er wenige Augenblicke später gestiefelt und gespornt zum Vorschein kam.«

»Kerl!« rief hierauf der General, »ist denn gar nichts mit Ihm anzufangen? Will Er wohl einfach den Hergang erzählen!«

»Kann ich es ändern?« erwiederte Franz. »Nicht Jeder ist zum Erzähler geboren und ich habe mich noch nie für einen solchen ausgegeben; ich erzähle also so gut ich kann.«

»Nun so fahren Sie in drei Teufels Namen fort,« wetterte nun der General, der es einsah, daß mit dem unverschämten Burschen nichts anzufangen sei.

»Der alte Herr,« so fuhr nun Franz zu erzählen fort, »war am Abend vorher sehr verstört von einer Gesellschaft bei Hofe zu Hause gekommen; ich hörte, daß er Streit gehabt und daß am folgenden Tage ein Duell stattfinden sollte; ich weiß dies allerdings nur durch Ueberlieferung, denn ich hatte an demselben Tage mit dem jungen Baron Arrest im Gartenhause, weil wir Aprikosen gemaust hatten.«

»Lassen Sie die Aprikosen und erzählen Sie von dem Duell,« mahnte der General.

»Den folgenden Morgen,« erzählte Franz weiter, »ging also der Baron um fünf Uhr aus dem Hause und wurde schon um halb Sieben tödtlich verwundet zurückgebracht. Er hatte eine Kugel in der Brust.«

»Starb er kurz darauf?« fragte der General.

»Ja, des Nachmittags um halb Zwei, nachdem er noch mit drei Officieren viel gesprochen hatte; es war auch ein Stabsofficier darunter.«

»Das war der Major von Huser,« warf hier der General ein; »und was geschah weiter?«

»Es ist mein Verdienst,« versetzte Franz, »daß ich dem Herrn General darüber etwas mittheilen kann, denn wenn ich damals nicht durch's Schlüsselloch gesehen und gelauscht hätte, so wüßte ich nichts davon, weil Niemand von den Bedienten zugelassen war und daher keiner den anderen etwas erzählen konnte. Ich sah also, wie der Stabsofficier vor dem Bette in die Knie sank und heftig weinte. Der verwundete Herr von Wiesen reichte ihm darauf die Hand und sagte –«

»Weiter, weiter,« unterbrach hier die Ungeduld des Generals den Erzähler; »was sagte er? Das gerade muß ich wissen.«

»Er sagte, daß er Durst habe.«

»Ach, das meine ich nicht,« entgegnete der enttäuschte General, »fahren Sie fort.«

»Man reichte ihm zu trinken; er richtete sich in seinem Bette auf, umarmte den Stabsofficier und sagte leise: Wir wollen in Frieden scheiden, ohne Vorwürfe. Aber der Stabsofficier wollte sich partout nicht beruhigen lassen und rief immerzu: Kannst du mir vergeben, Wesen? Worauf der Baron lächelnd sagte: Gerne, gerne! Und darauf ersuchte er einen der anderen Officiere, den kleinen Karl zu rufen, was denn auch sofort geschah. Der kleine Karl kam vor das Bett und weinte heftig, und nachdem sein Vater ihn zu beruhigen gesucht hatte, wendete er sich an den Stabsofficier, dessen Namen ich nicht recht verstehen konnte, und sagte zu diesem: Mache dir keine Vorwürfe wegen meines Todes; es war ein ehrliches Duell und du hättest eben so gut fallen können, wie ich, aber um Eins bitte ich dich: nimm dich meines nun ganz verwaisten Knaben an und sei ihm ein Vater. Der Stabsofficier brach hierauf aufs Neue in Schluchzen aus und rief: Das schwöre ich dir! Worauf der Baron von Wiesen freundlich lächelte, ihm noch einmal die Hand reichte und darauf starb.«

»Es ist gut,« sagte hierauf der General, der offenbar von der Erzählung ergriffen war; »aber nun noch eine Auskunft und zwar die wichtigste. Haben Sie den Stabsofficier nie wieder gesehen und nichts von ihm gehört?«

»Ich habe ihn nie wieder gesehen,« versetzte Franz, »er soll ein halbes Jahr danach ebenfalls gestorben sein. In der Küche erzählte man damals, er habe mit seinem Sohne, der einige Jahre älter war als Baron Karl, und ein großes musikalisches Talent hatte, eine Reise ins Ausland unternommen und die Anordnung hinterlassen, daß er den jungen Baron nach seiner Zurückkunft zu sich nehmen werde; da er aber niemals zurückgekehrt ist, konnte daraus nichts werden,«

»Und sein Sohn?« frug hierauf der General.

»Von dem habe ich niemals etwas gehört,« erwiederte Franz.

Der General schien hierüber etwas erstaunt.

»Haben Sie denn nicht einen gewissen Herrn Gustav von Huser gekannt?« fragte er.

»Huser?« entgegnete Franz rasch, »sehr gut, er war ja der beste Freund des jungen Barons, der von langer Zeit her immer in seiner Nähe lebte.«

»Und was ist aus ihm geworden?« fragte hierauf rasch der General.

»Nicht viel Gutes,« erwiederte Franz mit eigentümlicher Geberde, »wenigstens nichts, was man besonders rühmen kann; er war leichtsinnig, das heißt, eigentlich war er es nicht; er spielte, das heißt, er spielte eigentlich nie, ausgenommen Clavier, das spielte er den ganzen Tag; es ist eine eigene Sache, aber jedenfalls nahm es ein schlimmes Ende mit ihm.«

»Armer Gustav!« sagte der General zu sich selbst, und indem er sich wieder zu Franz wendete, fuhr er fort: »Sagen Sie mir Alles, was Sie über die Sache wissen.«

»Was soll ich Ihnen erzählen, Herr General?« versetzte Franz; »ich selbst weiß weiter nichts, als daß er in Meinungsverschiedenheiten mit dem Staatsanwalt gerieth, die sehr übel aufgenommen wurden, und da man ihn mit Unvorsichtigkeiten, falschen Wechseln und dergleichen in Beziehung brachte, so können Sie schon denken, daß ihm schließlich das Gesetz über den Hals kam.«

»Demnach muß er vorher in schlechte Verhältnisse gerathen sein?« meinte hierauf der General; »und doch glaubte ich, daß ihm sein Vater etwas hinterlassen habe. Auf welche Weise brachte er denn sein Geld durch? Wenn er nicht spielte, oder mit leichtsinnigen Weibern große Summen verschwendete, so begreife ich nicht, wie er so tief hineingerathen konnte.«

»Das ist es eben,« entgegnete Franz, »was ich, selbst nicht begreifen konnte; er spielte nie, bekümmerte sich gar nicht um Frauen, sah immer düster und mißvergnügt aus, mir war er unausstehlich, ein langweiliger Patron, der meinem Herrn allezeit Moralpredigten hielt und mich gern aus meinem Dienste gebracht hätte.«

Der General hatte mit immer größerer Verwunderung zugehört und konnte sich nicht zusammenreimen, wie Gustav von Huser's Schicksal sich so traurig gestaltet hatte. Er hatte jedoch Erfahrung genug, um einzusehen, daß irgend etwas Räthselhaftes in dieser ganzen Angelegenheit zu Grunde liegen müsse, und er gelobte sich, die Sache näher zu untersuchen. Er hatte eben so wohl Karl's Vater, den Baron von Wiesen, wie den Major von Huser als junge Officiere genau gekannt und wußte im Allgemeinen, auf welche Weise Beide zu dem unglücklichen Duell getrieben wurden. Die Einzelheiten waren ihm jedoch nicht bekannt gewesen, da er später nichts darüber erfahren. Als die beiden Söhne seiner Freunde mit einander dienten, hatte der General von Richthaus bereits seinen Abschied genommen, aber er lebte damals noch nicht zurückgezogen in Hellhausen, sondern auf Reisen. Auf diese Weise war er über die Vorfälle in dem Leben des jungen Huser gar nicht unterrichtet.

Er entließ den Bedienten und dieser machte sich rasch aus dem Staube.


* * *


Karl von Wiesen war unterdessen in das Haus des Finanzraths von Bremer geeilt und hatte dort seiner Tante einen Besuch gemacht. Diese war ihm sofort mit der Nachricht entgegengekommen, daß ihr Mann den unbegreiflichen Entschluß gefaßt habe, seine Tochter mit einem anderen Manne und zwar mit dem Musikmeister Palm zu verloben.

Karl hörte dies natürlich mit großer Bestürzung an und wußte anfänglich gar nicht, was er dazu sagen sollte.

»Ich versichere Sie, lieber Neffe,« sagte Frau von Bremer, »daß Ihre Entrüstung nicht größer sein kann, als die meinige. Sie wissen, wie viel ich auf Sie halte und ich gebe Ihnen mein Wort, daß diese Verbindung ein Lieblingsgedanke von mir war. Ich habe meinem Gemahl die Albernheit seiner Handlungsweise vorgehalten, ich habe mich auf das Urtheil der Welt berufen, auf die Meinung der Gesellschaft, des Hofes; ich habe ihn verspottet, habe geschmollt, geweint, es half Alles nichts; man macht mich lächerlich in diesem Hause und die einzige Antwort, die ich erhalte, ist Palm, Palm und immer wieder Palm; er ist so gut, so brav, so verständig. So gieb ihm doch eine Stelle in deinem Bureau, aber wirf deine Tochter nicht an ihn weg, sagte ich; es half Alles nichts. Ach, lieber Neffe, ich bin nicht glücklich! Mein Gatte ist sonst ein guter Mensch, aber er hat so etwas Triviales, etwas Bürgerliches in seinen Neigungen und begeht fortwährend Ungeschicklichkeiten, die mir das Leben verbittern.«

»Beruhigen Sie sich, beste Tante,« versetzte der junge Baron, »vielleicht gelingt es mir doch noch, Karolinens Herz zu erobern und dann wird Herr von Bremer gewiß von seinem Wunsche dieser Ihnen verhaßten Verbindung abstehen.«

»Auch ich habe noch nicht alle Hoffnung verloren,« entgegnete Frau von Bremer, »denn ich kann nicht begreifen, wie man eine Neigung empfinden kann für einen Menschen, der gar nicht von Geburt ist. Versuchen Sie es, lieber Neffe, Sie kennen ja die Ueberlegenheit, die ein junger Mann von unserem Stande einem bürgerlichen Freier gegenüber hat, und ich sollte denken, mit Ihrer Erziehung, Ihrer Tournüre, Ihren Mitteln kann es Ihnen nicht schwer fallen, diesen anmaßenden Musikanten in Schatten zu stellen.«

Kaum hatte Frau von Bremer diese Worte gesprochen, als nach vorherigem Anklopfen die Thür geöffnet wurde und der Musiklehrer Palm wie der Wolf in der Fabel hereintrat.

Die stolze Dame erschrak etwas über dieses unvermuthete Zusammentreffen, aber sie verlor fast ihre ganze Haltung, als sie die Wirkung beobachtete, welche das Eintreten Palm's auf ihren Neffen ausübte.

Wie von einer giftigen Schlange gestochen, sprang der junge Baron von seinem Sitze auf und mit dem Rufe: »Huser!« blickte er erbleichend auf den Eintretenden.

Dieser blieb ganz kalt, und nachdem er Frau von Bremer stumm begrüßt hatte, sagte er in ruhigem, aber festem Tone: »Herr Baron von Wiesen, ich muß Sie augenblicklich sprechen, und bedaure, wenn ich hier störend eingetreten bin, da mein Anliegen keinen Aufschub leidet und ich Sie in Ihrer Wohnung leider nicht mehr fand.«

Frau von Bremer war empört über die Kühnheit des in ihren Augen gänzlich unverschämten Musikers. »Welche Impertinenz!« rief sie, während sie Palm mit wüthenden Blicken musterte, dann erhob sie sich und sagte äußerst spitz zu dem jungen Baron: »Kommen Sie, lieber Neffe, und lassen Sie sich mit diesem Menschen weiter nicht ein.«

Dabei sah sie Palm von oben bis unten verachtungsvoll an.

Der junge Baron schien jedoch anders über die Sache zu denken. »Gestatten Sie mir, liebe Tante,« sagte er, »daß die Unterredung hier stattfinden darf; ich folge Ihnen sofort,« und als er sah, daß sie zögerte, wiederholte er dringender: »Ich bitte, lassen Sie uns allein und erwarten Sie mich in kurzer Zeit.«

Frau von Bremer sah kopfschüttelnd von Einem zum Anderen und wußte nicht, was sie von dem jungen Baron denken solle. Endlich kam sie zu der Ueberzeugung, daß er der Anmaßung Palm's als Cavalier sofort mit Züchtigung entgegentreten werde, und ihre Anwesenheit bei dieser Scene dann allerdings nicht wünschenswerth sei. Sie verließ daher mit hochgehobenem Haupte das Zimmer und die beiden jungen Männer blieben allein.

Karl sah beschämt und verlegen vor sich nieder, während Palm in schmerzlicher Entrüstung ihn anblickte.

»Du hast mir gelobt,« sagte Palm, »mir nie wieder in den Weg zu kommen, und dennoch sehe ich dich hier; allerdings begegnest du mir ohne deine Absicht, denn du selbst hast nichts weniger vermuthet, als mich hier zu treffen; aber komm, hier ist nicht der Ort, um uns weiter zu besprechen; begleite mich in meine Wohnung, um, wie ich hoffe, nie wieder in dies Haus zurückzukehren.«

Karl von Bremer mußte das Haus seiner Tante selbst nicht für den geeigneten Ort halten, um die Sache zu erledigen, denn ungeachtet seiner Verabredung mit ihr, stimmte er Palm bei.

Sie verließen Beide das Haus des Finanzraths und begaben sich, ohne ein Wort zu reden, nach Palm's Wohnung.

Dort setzten sie sich nieder und Palm begann das Gespräch mit den Worten: »Ich weiß, weshalb du hierhergekommen bist; du hegst die Absicht, dich mit Karoline Bremer zu verloben und ihre Stiefmutter unterstützt deinen Wunsch. Vielleicht weißt auch du dagegen schon, daß ich Karoline liebe und daß sie mein Gefühl erwiedert. Niemand hier ahnt, weshalb ich auf ihren Besitz, der das Glück meines Lebens ausmachen würde, verzichten muß, du allein weißt es und gerade, weil du es weißt, verlange ich von dir, daß du selbst ebenfalls deine Absicht auf ihre Hand aufgiebst und dich von hier entfernst, ohne weiter an diese Verbindung zu denken.«

Der junge Baron hatte aufmerksam zugehört und entgegnete: »Ich kann mich von meinem Erstaunen noch gar nicht erholen, daß ich dich hier und als meinen Nebenbuhler wiederfinde. Ich muß gestehen, deine Dazwischenkunft ist mir allerdings höchst fatal, denn die Verlobung mit Karoline war für mich aus vielen Gründen ein sehnlicher Wunsch. Du sagst, daß Karoline deine Neigung theilt; unter welchem Vorwande glaubst du alsdann, dich von hier entfernen und sie freigeben zu können?«

»Ich habe Ausflüchte gesucht,« erwiederte Palm, »den Rang ihres Vaters und andere Verbindlichkeiten meinerseits vorgeschützt, aber laß uns davon gar nicht reden, was kümmert dich mein Schicksal; versprich mir vielmehr, deine Absicht aufzugeben und nicht länger an eine Verbindung mit ihr zu denken.«

Der Baron vermied es, hierauf eine bestimmte Antwort zu geben.

»Wenn ich dir sage,« fuhr Palm fort, »daß ich, das Mädchen liebe, so wirst du vielleicht begreifen, welch ein Opfer es mich kostet, von hier fortzugehen, und du weißt es, wem ich dies Opfer bringen muß, aber du wirst auch zugeben, daß gerade ich dich zu gut kenne, um dir Karoline anvertrauen zu können; unmöglich kann ich sie verlassen ohne die Gewißheit, daß du deine Absicht aufgegeben hast.«

Diese Worte schienen große Wirkung auf den Baron hervorzubringen. Gustav hatte dies vorausgesehen, denn er wußte, daß er von jeher die Ueberlegenheit eines älteren Bruders gegen Karl besaß. Karl's bodenloser Leichtsinn wich wieder einmal einer Anwandlung von Reue. »Verzeihe mir, Gustav,« sagte er, »du hast Recht und ich werde deinen Willen vollführen. Das Beste wird sein, ich verabschiede mich brieflich von meiner Tante, indem ich ihr mittheile, daß ich gesonnen sei, in Folge der Eröffnungen, die mir hinsichtlich Karolinens gemacht worden, von meiner Werbung abzustehen.«

Gustav blickte beruhigt bei diesen Worten auf und der Baron setzte noch hinzu: »Verlasse dich darauf, daß dies Alles so geschieht und vergieb mir nochmals Alles, was ich an dir verschuldet habe.«

Nachdem er dies gesagt hatte, reichte er Palm die Hand und dieser schlug beruhigt ein. »Ach!« seufzte Palm, »welch unseliges Geschick hat es gewollt, daß Alles, was uns Beiden zum Segen werden soll, sich in Fluch verkehrt! Leb wohl denn, auf Nimmerwiedersehen, ich verzeihe dir nochmals um Karolinens willen.«

Darauf verließ der Baron Palm's Wohnung und begab sich nach dem Hause seines Onkels, fest entschlossen, sein Versprechen sofort zu erfüllen.

Aber wie viele gute Vorsätze waren in seinem Leben schon durch die Umstände verhindert worden! Wie oft schon hatten die Folgen früherer Thorheiten eine Umkehr auf dem Wege des Leichtsinns unmöglich gemacht! So geschah es auch jetzt.

Mit dem festen Entschlusse, Hellhausen ohne Verzug zu verlassen, gab er Franz den Befehl, Alles zur Abreise vorzubereiten, aber dieser hatte sich kaum von seinem Erstaunen über diese unerwartete Aenderung in dem Lebensplane seines Herrn etwas erholt, als er ihm in eindringlicher Weise die Thorheit und gänzliche Unausführbarkeit seiner Absicht darstellte.

Was wäre das? Die Heirath sollte nicht zu Stande kommen? Der Baron wollte unverrichteter Sache abreisen? Und die Wechsel, die nur im Hinblick auf die bevorstehende Verlobung hinausgeschoben waren, wer sollte die bezahlen? Dachte denn der Baron nicht daran, daß er keinen Tag mehr seiner Freiheit sicher war, daß er nur durch die öffentliche Verlobungsanzeige die bereits längst ungeduldigen Gläubiger einigermaßen beruhigen konnte? Es war ganz unmöglich, daß er seinen Plan aufgeben konnte. Oder hatte er einen Nebenbuhler, der ihm im Wege stand? So mußte auf Mittel gedacht werden, ihn zu verdrängen, sei es durch List oder durch Gewalt. So schnell wenigstens durfte man sich nicht aus dem Felde schlagen lassen, da Alles, Leben, Ehre, Freiheit auf dem Spiele stand. Es war doch nicht das erste Mal, daß der Baron und sein schlauer Diener sich in schwierigen Lagen befanden! Galt es also, hier einen Gegner zu bekämpfen, so mußte dies mit allen Waffen der Intrigue und schlauen Berechnung geschehen. Wie dies möglich sei, darüber war der in allen Sätteln gerechte Franz zwar nicht sofort mit sich einig; ob man Händel mit ihm suchte, oder ihn durch Verleumdung unmöglich mache, sollte der Baron selbst entscheiden, aber von einem Aufgeben des Heirathsprojects, weil sich Hindernisse entgegenstellten, von einem feigen Zurücktreten, weil vielleicht ein Anderer das Herz des jungen Mädchens bethört hatte, durfte in keinem Falle die Rede sein!

So ungefähr lauteten die Argumente des durchtriebenen Bedienten und der Baron sah schließlich ein, daß Franz Recht habe und daß er ein Dummkopf gewesen sei, sich verblüffen zu lassen. So viel war klar, wenn es ihm gelang, den Nebenbuhler zu verdrängen und unschädlich zu machen, so war das Feld für seine eigenen Operationen offen, und, wie die Tante meinte, konnte es bei seiner Erziehung und seiner Tournüre nicht fehlen, daß Karoline ihm schließlich doch noch ihr Herz schenken mußte. Und lag die Wendung der Angelegenheit zu seinen Gunsten nicht vollständig in seiner Hand? Allerdings mußte er dabei einen Schurkenstreich begehen, aber wer konnte ihm dies beweisen? Die Sache war ganz ungefährlich, weil Niemand die Umstände kannte und kennen konnte. Daß er selbst sich sagen mußte, es sei von den vielen schlechten Streichen, die er begangen, der allerschlechteste, das machte ihn allerdings einen Augenblick bedenklich, aber was konnten alle Bedenklichkeiten helfen! Geschehen mußte etwas, und durch feige Rücksichten konnte man sich unmöglich aus der Verlegenheit helfen; es galt also einen raschen Entschluß und er faßte ihn.


* * *


Eine Stunde später befand sich der Baron im Zimmer des Finanzraths von Bremer und machte diesem eine eben so wichtige, wie überraschende und erschütternde Mittheilung.

Der Baron erzählte nämlich, daß der Mann, der unter dem Namen Palm als Musiklehrer hier in der Stadt lebe und die Liebe des Fräuleins von Bremer genommen habe, ihm von Jugend auf bekannt sei. Derselbe heiße nicht Palm, sondern Gustav von Huser und sei Officier gewesen. Er sei zwar ein Mann von großen Fähigkeiten und habe sich auch stets so betragen, daß er, als er noch Officier war, sich die Liebe und Achtung aller Cameraden erworben habe. Leider, so setzte der Baron hinzu, halte er es jedoch für seine Pflicht, dem Finanzrathe die Mittheilung zu machen, daß der gewesene Officier, der unter dem Namen Palm sich auch in Hellhausen die allgemeine Achtung erworben habe, vor mehreren Jahren infam cassirt worden sei.

Daß diese Mittheilung den Finanzrath im höchsten Grade verwirrte und außer sich brachte, ist selbstverständlich. Die Aussage des Barons, der dieselbe auf sein Ehrenwort machte, zu bezweifeln, war nicht gut möglich und der Finanzrath beeilte sich daher, seiner Tochter Karoline die furchtbare Nachricht mitzutheilen.

Karoline nahm die Nachricht zwar mit tiefem Schmerze, aber doch ruhiger auf, als ihr Vater erwartet hatte. Sie schien auf etwas Derartiges gefaßt zu sein. Daß sie den Ueberbringer derselben, den Baron von Wiesen, der ihr vorher gleichgültig gewesen war, von diesem Augenblicke an haßte und verabscheute, war eben so natürlich, wie es begreiflich war, daß sie den Glauben an Palm's Unschuld nicht aufgab.

Konnte nicht ein Mißverständniß den Geliebten in Verwicklungen gebracht haben, die ihn schuldiger erscheinen ließen, als er war? Und wenn er sich einen Fehltritt hatte zu Schulden kommen lassen, war es nicht eine harte Strafe für ihn, daß er sein Lebensglück dafür einbüßte? Wenn irgend Jemand ihn entschuldigen durfte, so war sie es, die er liebte, auf deren Besitz er freiwillig verzichtete, weil er sie nicht mit in sein Unglück ziehen wollte. Mit einem Male wurde ihr Alles klar. Sie erinnerte sich seiner Zurückhaltung, der Seelenkämpfe, die er ihretwillen bestanden hatte, und sie beschloß, ihm in diesem Punkte nichts nachzugeben. Selbst wenn sie auf das Glück des Lebens verzichten mußte, wollte sie ihm doch ihre Liebe bewahren und ihm treu bleiben bis zum Tode.

Mit diesem Entschlusse zog Karoline sich am Abend still trauernd zurück; sie fühlte, daß Niemand, selbst nicht ihr Vater, sie in ihren Gefühlen verstehen konnte und sie verschloß dieselben daher in ihrer Brust, ohne durch ein Wort oder eine Thräne zu verrathen, wie sehr sie litt.

Ein Entschluß aber stand in ihr fest: sie mußte Palm noch einmal sehen, von ihm Abschied nehmen und ihm Alles sagen, was sie über ihn und über die Meinung der Welt dachte.

Ohne irgend Jemand ein Wort davon zu sagen, führte sie am anderen Tage ihren Entschluß aus. Sie begab sich nach einer schlaflosen Nacht in Palm's Wohnung. Dort fand sie ihn beschäftigt, Briefe zu schreiben und sich zur Abreise vorzubereiten. Heftig überrascht sprang er auf und sagte: »Was führt Sie hierher, Karoline? Welch ein Grund kann Sie zu solchem Schritte veranlassen! Was ist vorgefallen? Wollen Sie mir den Schmerz der Trennung unerträglich machen?«

»Ich komme,« entgegnete Karoline, »um Ihnen zu sagen, daß Ihr Geheimniß verrathen ist, aber daß Sie für mich nicht ehrlos sind, wenn auch die Welt Sie dafür hält. Ich mußte Ihnen das sagen, lieber Palm, denn ich weiß, daß es ein Trost für Sie ist und Ihnen die Bürde erleichtert, die Sie durch das Leben zu tragen haben. Glauben Sie nicht, daß ich zu Ihnen gekommen bin, weil ich das, was der Baron von Wiesen meinem Vater mitgetheilt hat, nicht für wahr halte; im Gegentheil, Ihr Betragen gegen mich ließ mich vermuthen, daß irgend ein räthselhafter Umstand, ein düsteres Verhängniß in Ihrem Leben walte, und nun ist das Räthsel gelöst. Aber eben darum mußte ich Sie noch einmal sehen und von Ihnen Abschied nehmen und Ihnen sagen, daß ich an Sie glaube und das Urtheil der Welt nicht theile, und daß ich überzeugt bin, Sie würden nicht für ehrlos gelten, wenn es nach dem höheren Rechte ginge, obgleich Sie nach den Gesetzen der weltlichen Vorurtheile vielleicht Ihre Ehre eingebüßt haben.«

Palm war bleich geworden wie der Tod, und seine Augen starrten das junge Mädchen mit Entsetzen an.

»Also der Baron Wiesen hat Ihrem Vater gesagt,« stieß er knirschend hervor, »daß man mich infam cassirt hat und daß meine Ehre vor der Welt verloren ist?« Dann blickte er gerührt in Karolinens Auge und sagte: »Dank Ihnen, herrliches Mädchen, für Ihr Vertrauen, dessen ich nicht werth bin. Ja, Karoline, ich bin ausgestoßen aus der Gesellschaft der Menschen, bin gebrandmarkt und darf es nicht wagen, meine Augen bis zu Ihnen zu erheben, die so rein und so hoch vor mir steht, wie ein Engel des Himmels.«

»Wenn Sie wüßten, was ich gelitten habe,« seufzte Karoline, »diesen Kampf durchzukämpfen bis zu dem Punkte, auf dem ich jetzt stehe! Ich komme, um Abschied von Ihnen zu nehmen und Sie sollen es jetzt von mir hören, daß ich Sie lieb habe, so lieb, wie ich es in den Tagen des Glücks selbst nicht wußte. Als ich zuerst die furchtbare Wahrheit erfuhr, da überraschte sie mich wie ein Donnerschlag, aber ich bin in einer Nacht, die ich seitdem verlebt habe, fest in mir geworden, und Karoline, die gestern noch ein Kind war, steht jetzt ruhig vor Ihnen und hat abgeschlossen mit allen Lebenshoffnungen. Anfänglich hatte ich den Gedanken, zu Ihnen zu eilen und Ihnen zu folgen, wohin Sie gehen würden, denn eben so gut, wie ich Hunger, Elend und selbst den Tod mit Ihnen getheilt haben würde, hätte ich auch mein Theil an Schande auf mich genommen, ich weiß ja, daß Sie kein Verbrecher sein können und daß Sie nur in einen Zwiespalt mit den Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft verwickelt sind. Ich würde stolz gewesen sein, auf diese Weise mit Ihnen die Ehrlosigkeit zu tragen, aber ich darf meinen Vater nicht vergessen, und darum will ich auf meine Liebe verzichten und Abschied von Ihnen nehmen.«

Palm hatte mit immer größerer Rührung den leidenschaftlichen Worten des geliebten Mädchens zugehört, er hatte sie in seine Arme gezogen und sagte jetzt: »Sie haben Recht, Karoline, Ihr Vater würde das Unglück nicht überleben, wenn Sie ihn um eines ehrlosen Menschen willen verlassen könnten. Die Kindesliebe ist die heiligste Pflicht, folgen Sie ihr und Gott wird Sie dafür segnen. Wie könnte unser Bund ein glücklicher sein, wenn der Fluch Ihres Vaters darauf lastete? Lassen Sie mich allein diesen Fluch tragen, denn mir wird Ihr Vater mit Recht fluchen, als dem Störer Ihres Friedens.«

»Nein, Palm,« erwiederte Karoline fest, »das soll er nicht, das darf er nicht; ich werde ihm sagen, wie edel Sie sind und er wird mir glauben. Aber zuvor beantworten Sie mir die Frage: Warum sind Sie, was die Welt ehrlos nennt? Haben Sie sich wirklich einen Vorwurf zu machen?«

Als Palm eine Weile schwieg, fuhr sie eindringlicher fort: »Begreifen Sie meine Frage recht. Ich will wissen, wie ich an Sie denken muß, wenn wir geschieden sind, um uns niemals wiederzusehen. Ob ich Sie als ein Opfer armseliger Vorurtheile betrachten oder mit Ihnen über einen längst gefühlten Fehltritt trauern soll. Sagen Sie mir daher, ob Sie schuldig oder unschuldig sind.«

»Ich bin unschuldig,« entgegnete Palm mit überzeugender Festigkeit; »ich schwöre es bei unserer Liebe!«

Mit einem tiefen Athemzuge sagte hierauf Karoline: »Gott sei dafür gedankt, denn wenn gleich meine Liebe auch dem Schuldigen zu eigen geblieben wäre, so ist es doch besser so. Und nun lassen Sie uns Abschied nehmen. Jenseits, wo die Vorurtheile der Menschen schwinden und die Herzen nach ihrem wahren Werthe bestehen, sehen wir uns wieder, und dort wird unsere Liebe erkannt werden, wie wir sie in unseren Herzen tragen.«

Sie schlang hierauf ihre Arme um seinen Hals, preßte ihr von Thränen überströmtes Gesicht an das seinige und küßte ihn zu wiederholten Malen. Sie konnte vor Schluchzen kein Wort mehr hervorbringen und das Lebewohl erstarb auf ihren zitternden Lippen. So riß sie sich los und eilte zur Thür hinaus.

Auch Palm hatte im Uebermaße des Schmerzes kein Wort mehr hervorbringen können. Was in ihm vorging, war mehr, als selbst das muthigste Männerherz ertragen konnte.

Zehnmal schwebte ein Wort auf seinen Lippen, das Wort, das ihn rechtfertigen und ihm die Achtung der Geliebten verdoppeln mußte, aber er sprach es nicht aus, denn seine Lippen verschloß eine heilige Pflicht. Als aber Karoline hinweggegangen war, übermannte ihn die ganze Gewalt seines furchtbaren Geschicks, und schwindelnd suchte er nach einem Halte, da seine Knie ihm den Dienst versagten. Er sank auf einen Stuhl und starrte regungslos und halb von Sinnen vor Jammer lange Zeit vor sich hin.

Wie lange es währte, bis Palm plötzlich aus diesem Zustande herausgerissen und in seinem Hinbrüten durch den Eintritt eines Mannes gestört wurde, wußte er nicht. Matt und von innerem Wehe zerrissen, erhob er die Augen, als er Jemand vor sich stehen sah, der ihn ganz erschreckt mit forschenden Blicken betrachtete. Es war ein ehrliches altes Soldatengesicht, welches er vor sich sah und aus dessen Munde ihm jetzt die Worte entgegenschallten:

»Ich bin der General Richthaus, ein Freund Ihres verstorbenen Vaters, des Majors von Huser.«


* * *


Gustav mußte sich mehrmals mit der Hand über die Stirn streichen, denn es war ihm, als habe er sich nur im Traume mit seinem eigentlichen Namen anreden hören. Er blickte dem Sprecher in das Gesicht und wußte nicht recht, was er auf die Anrede antworten sollte.

Der General aber ließ ihn nicht lange in dieser Verlegenheit, er sagte: »Mein Gott, wie sehen Sie aus? Da bin ich wohl gerade zur rechten Zeit gekommen, denn in einer solchen Stimmung, wie sie Ihr Gesicht verräth, werden oft die verzweifeltsten und übereiltesten Entschlüsse gefaßt.«

Er nahm hierauf einen Stuhl und setzte sich nahe zu Gustav hin. »Sie wissen nicht,« begann er hierauf wieder, »welch ein lieber Freund mir Ihr Vater war, denn ich war schon Jahre lang in einer sehr entfernten Garnison, als die unglückselige Katastrophe eintrat, die ihn aus seiner Carrière riß und auch wahrscheinlich seinen Tod verursacht haben wird. Ich bin ein alter Kerl und verstehe mich nicht auf sentimentale Gefühlsangelegenheiten, aber für einen alten Cameraden, den ich lieb gehabt habe und der mir seit frühester Jugend als ein Bruder galt, kann ich mehr thun, als mancher, der sich auf schöne Redensarten versteht. Ich wiederhole Ihnen, junger Mann, der Major von Huser war mein Freund, mein Bruder, und wenn sein Sohn will, so vertrete ich Vaterstelle an ihm und stelle Alles, was ich bin und habe, gern zu seiner Verfügung. Ich gelte etwas in der Welt, habe Freunde und Geld genug, um etwas durchzusetzen, wenn es sich darum handelt, einem tüchtigen Kerl auf die Beine zu helfen, und da dachte ich denn, ich wollte zu Ihnen gehen und zu Ihnen sagen: Reden Sie mit mir, wie mit einem Vater, sprechen Sie sich offen aus und sagen Sie mir, ob ich etwas für Sie thun kann.«

Gustav hörte den ehrlichen Worten des alten Mannes mit tiefer Rührung zu. Das war nun schon die zweite treue Seele, die er in seinem Unglücke fand; aber ach! auch hier hoffte er nicht auf Hülfe, auch hier kostete es ihn Ueberwindung, das zu thun, was er für das Rechte hielt, und er entgegnete: »Nehmen Sie meinen besten, herzlichsten Dank, Herr General, für die Liebe, die Sie meinem armen Vater bewahrt haben, und für das edle Anerbieten, welches Sie mir stellen. Wie glücklich wäre ich, einen Freund wie Sie zu besitzen, wenn ich die Freundschaft edler Männer annehmen dürfte, aber für mich giebt es einmal keine Hoffnung und keine Umkehr mehr auf dem Wege, der mich immer tiefer ins Unglück führt.«

»So leicht werden Sie mich nicht zur Retraite zwingen,« entgegnete hierauf der General, »und wenn Sie sich weigern, offen gegen mich zu sein, so will ich es einmal versuchen, anders zu manövriren, um Sie doch noch zur Capitulation zu bewegen. Lassen Sie also einmal sehen. Ich habe seit jenem unglücklichen Duell, über welches ich überhaupt erst spät ungenügend unterrichtet wurde, nichts mehr von meinem Freunde Huser erfahren; er war für mich verschollen und nur selten noch stieg der Wunsch in mir auf, doch einmal etwas Näheres über ihn und seinen Sohn zu wissen. Nun ist vor wenigen Tagen mein Neffe Karl von Wiesen hier angekommen, der sich um die Tochter des Finanzraths von Bremer, dessen zweite Frau, Gott sei es geklagt! meine Schwägerin ist, zu bewerben; ich mochte den Jungen nie leiden, denn er ist zu schwach, um schlecht, und doch zu schlecht, um anders zu sein; aber es gefiel mir von ihm, daß er auf das prächtige Mädchen sein Augenmerk gerichtet hatte, obwohl ich ihm auch hierin nicht traute, denn der Finanzrath ist ein reicher Mann und Karoline eine brillante Partie. Bevor ich noch Gelegenheit fand, mit meinem sauberen Herrn Neffen in Ruhe ein Gespräch über Familienangelegenheiten und alte Erinnerungen einzuleiten, erfuhr ich von dessen Bedienten, der mir ein ganzer Schurke zu sein scheint, einige Einzelnheiten über den Tod des alten Barons von Wiesen und zugleich in Bezug auf meinen Freund Huser, daß er todt, und sein Sohn gezwungen gewesen sei, die militärische Carrière zu verlassen. Rund herausgesagt, der Kerl theilte mir mit, daß Lieutenant Huser in Folge von allerhand Geschichten mit Wechseln und dergleichen cassirt wurde, dabei aber waren seine Mittheilungen so unklar und voll räthselhafter Widersprüche, daß ich mich damit nicht beruhigen wollte. Ich hatte nun die Absicht, mich bei meinem Neffen selbst danach zu erkundigen, kaum aber habe ich dies nur versucht, so vermehren sich die räthselhaften Widersprüche und Unklarheiten. Karl sagt mir, daß sein ehemaliger Freund Huser und der hier am Orte seit einiger Zeit lebende Musiklehrer Palm ein und dieselbe Person seien. Er sagt mir ferner, daß er dem Finanzrathe Aufschluß darüber gegeben habe, daß Palm, der mit Karoline von Bremer ein Liebesverhältniß habe, eigentlich der infam cassirte frühere Lieutenant von Huser sei, und um die Sache nun vollends noch verwickelter zu machen, giebt sowohl der schurkische Bediente wie sein Herr die Auskunft, daß Huser eigentlich niemals gespielt, noch sonst irgendwie verschwendet hätte, während mein Neffe, so viel ich durch Briefe, die von seinen Gläubigern bereits an mich gerichtet worden, erfahren habe, von jeher als Spieler verrufen ist und sich fortwährend in den Händen von Wucherern und Betrügern befindet. Zum Teufel, sagte ich mir, dahinter steckt ein Geheimniß, das ich, als Freund der beiden unseligen Cameraden, erforschen muß. Ich komme also nun zu Ihnen, um die Lösung all' dieser Räthsel zu erfahren. Wollen Sie mir dieselbe verweigern?«

Gustav seufzte tief auf, dann suchte er sich zu sammeln und sagte endlich: »Ihr offenes wohlwollendes Entgegenkommen, Herr General, thut mir wohl und ich möchte Ihnen gern Alles sagen, was mir auf dem Herzen lastet, aber wenn Sie selbst das Andenken meines Vaters so hoch halten, daß Sie seinem Sohne Ihre Freundschaft entgegenbringen, selbst auf die Gefahr hin, daß diese einem Unwürdigen zu Theil werde, wie viel mehr muß das Gedächtniß an diesen theuren unglücklichen Vater mir über Alles heilig sein. Als der Baron von Wiesen in jenem unglücklichen Duell von meinem Vater tödtlich getroffen war, verzieh er ihm sterbend, aber er nahm ihm den Schwur ab, seinem Sohne ein Vater zu sein. In der festen Absicht, diesen Schwur zu erfüllen und den Sohn des getödteten Freundes wie seinen eigenen, ja noch herzlicher zu lieben, begab sich damals mein Vater mit mir auf die Reise, welche nöthig war, um ihn für die erste Zeit zu entfernen. Unglücklicherweise erkrankte mein Vater, noch ehe wir zurückkamen, und auf seinem Todesbette nahm er mir das heilige Versprechen ab, Karl von Wiesen als meinen Bruder zu betrachten, dessen Wohl mir höher stehen müsse, als mein eigenes. Er sagte mir damals – und obgleich ich fast noch ein Knabe war, prägten sich doch seine Worte unauslöschlich in mein Herz – daß ich keine höhere Verpflichtung kennen dürfe, als für den Sohn seines Freundes, den er getödtet habe, zu leben und zu sterben. Dies, Herr General,« so schloß Gustav, »ist Alles, was ich Ihnen sagen kann. Wohl ist mein Schicksal schrecklich und mein guter Vater konnte nicht ahnen, welch eine Bürde er mir mit jener Verpflichtung auferlegte, aber ich darf mich ihr nicht entziehen, komme auch, was da wolle.«

Der General versank eine Weile in tiefes Nachdenken, dann entgegnete er: »So soll denn dies unselige Duell, dessen Ursache eigentlich nur eine Uebereilung war, die forterbende Quelle unglücklicher Verwicklungen sein! Donnerwetter! Ich bin zwar Soldat und weiß, was point d'honneur ist, aber solchen Fällen gegenüber möchte ich selbst dafür stimmen, daß das Duell ein für allemal als ein Rest barbarischer Unsitte ausgerottet würde. Hören Sie,« fuhr er dann gemächlicher fort, »auch die Pietät für unsere Verstorbenen kann zu weit getrieben werden, und ich fürchte, Sie sind in diesen Fehler verfallen und opfern einem Unwürdigen mehr, als Sie selbst Ihrem Vater gegenüber verantworten könnten. Doch sehe ich das Alles noch nicht völlig klar und schone gern Ihr Geheimniß. Die Welt steckt voller Vorurtheile. Wenn ein junger Mann im Leichtsinne seiner Jugend gefehlt hat, so mag er bereuen, so viel er will; ist seine Schuld einmal öffentlich bestraft, dann wenden sich Alle von ihm ab und machen ihm den Wiedereintritt in ein geregeltes Leben unmöglich. Was Sie aber auch begangen haben mögen, ich müßte Welt und Menschen nicht kennen, wenn ich nicht die Ueberzeugung hegte, daß Sie dennoch ein edler Mensch sind. Und Karoline! das liebe prächtige Mädchen, o, ich kann es mir denken, daß sie Ihnen zugethan ist! Wohlan denn, versuchen wir wieder gut zu machen, was gefehlt ist; lassen Sie mich wenigstens Alles wissen, was Ihrer Cassation zu Grunde lag, das ist ja doch kein Geheimniß, und vielleicht kann ich Ihnen einen guten Ausgang verbürgen. Das müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn Sie nicht noch immer zehnmal besser wären, als mein Hansnarr von Neffen, den meine hochnasige Schwägerin protegirt. Erzählen Sie mir die officielle Ursache Ihrer Cassation, denken Sie, Sie reden mit Ihrem Vater und verschweigen Sie mir nichts. Weiß Gott, ich habe Sie jetzt schon lieb, als wären Sie mein Sohn.«

»Sie wollen wissen, was meine Cassation veranlaßt hat,« erwiederte zögernd und stockend der unglückliche Gustav. »Es war eine Wechselfälschung vorgegangen und der Verdacht blieb auf mir haften. Ich konnte nicht leugnen und sah zu spät ein, wie schlimm die Sache lag. Das ist Alles, was ich Ihnen darüber sagen kann.«

»Gut,« entgegnete der General, »es ist aber nicht Alles, was ich darüber wissen muß, und ich versichere Sie, daß ich nicht eher ruhen werde, bis die Sache aufgeklärt ist. Mögen Sie nun schuldig oder unschuldig sein, ich werfe mich als Ihren Sachwalter auf. Sind Sie unschuldig, so muß Ihnen eine öffentliche Rechtfertigung zu Theil werden; haben Sie sich aber in jugendlicher Unbesonnenheit eines Verbrechens schuldig gemacht, so wird es ja auch noch Mittel geben, der unverdient großen Strafe, die über Sie hereingebrochen ist, ein Ziel zu setzen und Sie ein neues Leben beginnen zu lassen. Leben Sie also einstweilen wohl bis auf Wiedersehen.«

Damit verließ der General den jungen Mann und eilte sofort nach seiner Wohnung, um seinen Neffen dort in ein scharfes Verhör zu nehmen.

Er würde jedoch mit all' seiner soldatischen Derbheit und dem Eifer, der ihn für Palm beseelte, kaum zu seinem Ziele gekommen sein, wäre nicht ein anderer, unerwarteter Beistand erschienen.


* * *


Als der General nämlich in seine Wohnung kam, fand er dort eine merkwürdige Verwirrung. Sein Neffe hielt sich verborgen und der verschmitzte Diener, der ganz die gewohnte Keckheit verloren hatte, bat den alten Herrn sofort, ihm für einige Augenblicke Gehör zu schenken. So seltsam dies dem General auch schien, war es ihm doch im Augenblicke nicht unerwünscht, da er hoffte, durch den Diener noch Eins oder das Andere über die Streiche des Herrn zu erfahren.

Er ließ ihn daher vor und Franz machte dem General nun die Eröffnung, daß sein Herr sich in der peinlichsten Lage befinde, da ein schlimmer Gläubiger von ihm soeben mit einem Verhaftsbefehle hier eingetroffen sei und geschworen habe, sich nicht eher zu beruhigen, bis er entweder sein Geld habe, oder die Gewißheit, daß der Herr Baron sich mit der Tochter des reichen Finanzraths von Bremer verlobt habe. Mit dieser Aussicht, so setzte Franz hinzu, habe sein Herr seit längerer Zeit mehrere Gläubiger vertröstet, derjenige aber, welcher ihn jetzt verfolgt habe, sei nach der Abreise mißtrauisch geworden. Er habe den Verdacht gehegt, die ganze Verlobungsreise des Barons sei nur Schwindel, der eine Flucht zur wahren Absicht habe. Deshalb hatte er sich gleich auf die Reise begeben und drohte nun mit sofortiger Verhaftung, wenn seine Bedingungen nicht erfüllt würden.

Der General nahm diese Nachricht mit innerlichem Behagen auf, denn er ahnte, daß ihm das Mittel in die Hand gegeben sei, das Thun und Treiben seines Neffen einmal bis auf den Grund zu durchschauen. Er erkundigte sich noch, wie hoch ungefähr die Schulden des jungen Barons sich beliefen, und nachdem er erfahren hatte, daß der saubere junge Herr seit Jahren eine Menge von Verbindlichkeiten aller Art mit herumschleppe und nachgerade nur noch durch die sinnnlosesten Ausflüchte seine Gläubiger hinhalte, war sein Plan gefaßt. Zuvörderst stellte er dem schurkischen Bedienten die Alternative, sofort den Dienst bei seinem Neffen und die Stadt zu verlassen, oder sich auf ernstere Maßregeln gefaßt zu machen. Franz sah ein, daß das Spiel seines Herrn verloren und seine Rolle ausgespielt sei; er wählte daher eine schleunige Entfernung. Der General gab ihm noch einige derbe Ermahnungen mit auf den Weg, dann ließ er seinen Neffen zu sich kommen.

So abgefeimt und gerieben Karl von Wiesen auch war, fühlte er doch seinem Onkel gegenüber eine nicht geringe Beklemmung und er glaubte denselben am besten für sich zu gewinnen, wenn er die Rolle des reuigen Sünders ihm gegenüber durchführe. Hing doch für den Augenblick Alles davon ab, daß der Onkel durch eine Gutsage oder wenigstens durch eine Unterredung mit dem Besitzer des Wechsels die drohende Gefahr abwende, und da Karl schon seit Jahren gewohnt war, immer nur daran zu denken, sich aus augenblicklichen Verlegenheiten zu helfen, sei es auch, indem er sich für die Zukunft um so größere Bedrängnisse auflud, so hatte er auch jetzt keinen anderen Gedanken, als sich um jeden Preis der Hülfe des Generals zu versichern.

Er begann deshalb diesem von seinen Hoffnungen auf Karolinens Hand zu reden und versicherte ihn, daß er nach seiner Verheirathung ein ganz anderes Leben beginnen und ein sparsamer tüchtiger Mensch werden wolle. Sein Plan sei, sich irgendwo anzukaufen und dann im Schooße einer glücklichen Häuslichkeit nur dem Glücke seiner Karoline und in der Dankbarkeit für den Onkel zu leben.

Diese wohlgedrechselten Redensarten übten jedoch auf den General nicht die geringste Wirkung aus. »Ich kenne das,« sagte er, »und weiß, wie es um solche Besserung steht. Auf mich hoffst du vergebens, und wenn du keine anderen Ressourcen hast, so kannst du dich nur ruhig einstecken lassen, denn ich werde das brave Mädchen sogar noch warnen, daß sie nicht in ihr Unglück rennt, wenn sie überhaupt nach dem, was vorgefallen ist, noch Lust verspüren sollte, auf deine Freierei einzugehen. Uebrigens traue ich das dem Mädel nicht zu; ich bin im Gegentheil fest überzeugt, daß sie lieber ledig bleibt, als dich zum Manne nimmt.«

»Nun wohlan, Onkel,« entgegnete hierauf in theatralischem Schwunge der Baron, »wenn mir gar keine Hoffnung gelassen und jeder Ausweg mir unbarmherzig abgeschnitten wird, so bleibt nur die letzte Wahl und ich schieße mir eine Kugel durch den Kopf.«

Nun hatte ihn der General da, wo er ihn haben wollte.

»Es giebt noch einen anderen Ausweg,« sagte er, »der dir vielleicht willkommen sein wird, und den ich um so mehr für dich geeignet halte, da ich Geschichten aus früherer Zeit auf der Spur bin, die dich so sehr compromittiren, daß in der That gar keine Rettung für dich mehr möglich wäre, wenn ich mich nicht ins Mittel lege; ich meine die Geschichte mit Gustav von Huser und den falschen Wechseln, wegen derer er in Verdacht gerieth.«

Als er diese Worte sagte, sah er seinem Neffen scharf ins Gesicht, und sein Verdacht, daß dieser auch bei jener Geschichte betheiligt sei, bestärkte sich. So viel Mühe sich Karl auch gab, gleichgültig zu scheinen, wollte es doch nicht recht gelingen; sein wirrer Blick, die zusammengepreßten Lippen verriethen, daß des Generals Vermuthung auf der rechten Spur sei. Dieser faßte daher den Entschluß, rasch mit der Sache zu Ende zu kommen und fuhr fort: »Ich will dir einen Vorschlag machen, aber merke wohl auf und bedenke, daß dies der einzige und letzte Weg ist, der dir offen steht. An ein Bleiben hier im Lande ist für dich nicht zu denken. Karoline wird dich nicht zum Manne wollen und wenn die Geschichte einmal über dir zusammenbricht, so wirst du sobald nicht wieder auf freien Fuß kommen. Höre also wohl zu: Wenn du mir binnen jetzt und einer Stunde schriftlich eine genaue Auseinandersetzung der Vorfälle giebst, die den armen Huser durch deine Schuld ins Unglück gestürzt haben, so verspreche ich dir, mich mit dem Blutsauger, der mit dem Verhaftsbefehle dir gefolgt ist, sowie mit deinen anderen Gläubigern so weit zu arrangiren, daß du ungehindert von hier fortgehen kannst; außerdem biete ich dir Mittel, um nach einem fremden Lande zu gelangen, wo du dann leben magst, wie es dir gefällt, hier aber soll die Schande, die du deiner Familie machst, ein Ende nehmen, das sag' ich dir, als der Bruder deiner verstorbenen Mutter. Ich verlange vollkommene Offenheit in deinem Bekenntnisse, und du hast die Wahl, dich durch die Weigerung derselben völlig zu ruiniren und in das Gefängniß zu bringen, oder dir wenigstens die Freiheit zu erhalten und anderwärts nach deinem Gutdünken weiter zu leben. Gehe jetzt und fasse einen raschen Entschluß. Ich erwarte deine Mittheilung.«

Bleich und niedergeschmettert verließ Karl das Zimmer seines Onkels.


* * *


Am folgenden Tage saß der Finanzrath von Bremer mit seiner Frau in deren Zimmer und war so niedergeschlagen, daß er es kaum über sich vermochte, auf die fortwährenden Vorwürfe der Dame hie und da ein Wort der beruhigenden Gegenrede zu erwiedern, als sich der General von Richthaus anmelden ließ. Das Kammermädchen Sophie, welches die Meldung brachte, setzte hinzu: der Herr General sei bereits seit einer Stunde bei dem gnädigen Fräulein, da er diese zuvor allein zu sprechen verlangt habe. Als sie dies sagte, lächelte Sophie verschmitzt, und ohne Zweifel hätte sie trotz des Verbotes und eines Trinkgeldes vom General gern noch mehr ausgeplaudert, wenn die gnädige Frau sie nicht gar zu unfreundlich angefahren und gefragt hätte, was sie zu gaffen habe, sie solle den Besuch einlassen.

Uebrigens war dieser Besuch etwas so Unerhörtes, daß beide Gatten sofort vermutheten, es müsse Ungewöhnliches vorgefallen sein, was den alten Herrn herführe.

»Aber was fehlt Euch denn, warum so traurig, Schwager?« frug lachend der General nach den gewöhnlichen Begrüßungen. »Ihr seht ja aus, als ob Euch ein großes Unglück betroffen hätte.«

Der Finanzrath seufzte und sagte nur: »Meine arme Karoline!«

»Ist munter und vergnügt,« fiel ihm der General ins Wort, »ich habe sie soeben gesprochen, sie war zwar auch sehr niedergeschlagen, das scheint eine Art Epidemie hier im Hause zu sein, aber ich habe sie aufgeheitert; sie ist jetzt so fröhlich wie ein Zaunkönig.«

»Scherzen Sie nicht, Schwager,« entgegnete der Finanzrath.

»Das Mädchen hat ja auch alle Ursache, fröhlich zu sein,« fuhr der General fort, »ich habe ihr einen Bräutigam mitgebracht.«

»Hat sie sich endlich eines Besseren besonnen,« entgegnete hierauf rasch Frau von Bremer, »nun, dann ist ja Alles geordnet und mein Mann hat Grund genug, über meine Wahl und das ganze Arrangement zufrieden zu sein.«

»Wie meinen Sie das, liebe Schwägerin?« frug etwas verwundert der General.

»Wie anders, als daß Ihr Neffe, der Baron von Wiesen, sich mit Karoline verständigt hat. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß mein Mann mit Vergnügen bereits seine Zustimmung gegeben hat.«

Und ich gebe Ihnen die Versicherung,« versetzte der General, »daß Herr von Bremer seine Zustimmung zu dieser Verbindung zurücknimmt und daß seine Tochter den Baron von Wiesen verabscheut.«

»Lächerlich!« entgegnete voll Verachtung Frau von Bremer.

»Aber ich weiß noch immer nicht,« begann nun der General, »weshalb der Herr Finanzrath eigentlich so niedergeschlagen ist.«

»Mein Gott,« antwortete Frau von Bremer, »er hat sich einige Vorfälle sehr zu Herzen genommen. Ein Taugenichts hat sich in unser Haus geschwindelt und sich um Karolinens Hand beworben, obgleich er nicht vom Adel war.«

»Das bedeutet doch nichts,« meinte der General, »ich habe ein Huhn gekannt, das regelrecht von dem Hahn abstammte, der in der Arche des Morgens den Noah weckte, und dennoch –«

»Mein Gott!« fiel ihm Frau von Bremer in die Rede, »was gehen uns Ihre Hühner an?«

»Nun ja,« versetzte der General, »ich wollte nur sagen, daß das Hühnchen pickte, aß, trank, Eier legte und starb, genau wie gewöhnliche Hühner, deren Voreltern damals in der Sündfluth ertranken; ich will damit nur andeuten, daß der Adel nichts zur Sache thut; aber Sie sagten, der Mann sei ein Taugenichts, das ist schlimmer, und was nun weiter?«

»Er hatte durch schöne Worte und sentimentale Musikcompositionen das arme Mädchen so für sich eingenommen, daß sie gegen meinen mütterlichen Rath sich in den Menschen verliebte und – genug, es wäre in Folge der Schwäche meines Mannes eine Mesalliance zu Stande gekommen, wenn nicht unser Neffe, der Baron von Wiesen, als rettender Engel erschienen wäre und meinem Gemahl die Augen geöffnet hätte. Jener Mensch ist ein erklärter Schurke, der bereits früher dem Gesetze verfallen war, ein ehrloser Wicht.«

»Und aus Dankbarkeit soll Karoline den rettenden Engel nun heirathen?« versetzte der General. »Ich bedaure, daß ich dagegen Protestiren muß, da ich einen anderen Bräutigam für sie mitgebracht habe. Sie wissen, liebe Cousine, daß ich reich bin, und wahrhaftig, das Mädchen ist lieb und gut genug, um einen so alten Kerl, wie ich, noch selbst auf den Gedanken zu bringen, sie heimzuführen. Aber das ist nichts; ich bin doch zu alt für das prächtige junge Mädchen und da habe ich denn meinen Sohn mitgebracht, ja, seht mich nur erstaunt an, ich rede die Wahrheit; aber damit Ihr nicht denkt, es trete da plötzlich das geheim gehaltene Product einer geheim gehaltenen Liebe zum Vorschein, will ich Euch nur sofort mittheilen, daß ich den Sohn eines verstorbenen Cameraden, der mir so lieb war wie ein Bruder, adoptirt habe.«

Erstaunt blickten Herr und Frau von Bremer auf.

»Wie?« sagte der Finanzrath, »und wer ist es?«

»Daß er würdig ist, mein Sohn zu heißen, versichere ich Sie, und wenn Sie das Nähere wissen wollen, so lesen Sie vor allen Dingen diesen Brief;« damit reichte der General dem Finanzrathe einen Brief und wendete sich inzwischen zu Frau von Bremer:

»Der junge Mensch, den ich als Sohn adoptirt habe,« sagte er zu dieser, »hat sich mein Herz durch eine edle That gewonnen, wie man sie kaum für möglich halten sollte. Er hatte nämlich von seinem sterbenden Vater die Verpflichtung übernommen, den Sohn eines von diesem im Duell getödteten Officiers mit brüderlicher Liebe zu bewachen und Gut und Ehre für denselben einzusetzen. Unglücklicherweise war sein Schützling, obgleich von altem Adel, ein ganzer Taugenichts, der Alles verspielte und verthat und schließlich den Namen seines Freundes bei einer Wechselfälschung mißbrauchte. Der Freund hätte den ganzen Schwindel aufdecken und sich retten können, aber dann wäre der ihm anvertraute Schützling ohne Gnade verloren gewesen, und somit entschloß sich der Edle, lieber seine eigene Ehre zu verlieren und zu Grunde zu gehen, als den ihm von dem sterbenden Vater anvertrauten Cameraden seinem wohlverdienten Schicksale zu überantworten.«,

»Das ist wirklich sublim!« warf hier Frau von Bremer ein, »und wenn dies der Jüngling ist, den Sie adoptirt haben, so wünsche ich Ihnen von Herzen Glück.«

»Er ist es,« entgegnete der General, »der brave edle Mensch wird meinen Namen und mein Vermögen erhalten, und er ist es, den ich Karolinen als Bräutigam mitgebracht habe. Sie müssen schon vorlieb mit ihm nehmen, liebe Schwägerin, da Ihr rettender Engel auf- und davongeflogen ist, nachdem er mir den Brief hinterlassen, den Ihr Gemahl eben liest.«

Indem er sich nach diesen Worten zum Finanzrath wendete, sagte er: »Was sagen Sie dazu, Schwager?«

»Ich kann mich noch gar nicht von meinem Erstaunen erholen,« versetzte dieser. »Lieber Freund, wie vielen Dank sind wir Ihnen schuldig!«

Nach diesen Worten überreichte er seiner erstaunten Frau den Brief, den er soeben gelesen hatte.

Der General aber eilte inzwischen zur Thür hinaus und kam gleich darauf wieder herein, an der einen Hand die von Glück strahlende Karoline, an der anderen Hand Gustav von Huser führend, und indem er den Letzteren vorführte, sagte er: »Ich habe die Ehre, Ihnen hier meinen Sohn, den Baron von Richthaus vorzustellen.«

»Aber mein Gott!« rief Frau von Bremer, »das ist ja der Musikmeister! Das Alles ändert doch nicht, daß der Herr noch immer infam cassirt ist!«

»So lange ihn der König nicht rehabilitirt, allerdings!« erwiederte der General, »aber daß dies geschieht, lassen Sie meine Sorge sein.«

Karoline aber setzte hinzu, indem sie ihrem Vater um den Hals fiel: »Ich habe ihn lieb, mag er heißen, wie er will, und sein, wer er will; für mich war er nie ehrlos.«