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Johanna von der Nahmer – Hetärenbriefe

Briefe

Verlag von Wilhelm Friedrich, Leipzig, [1895]



An Therese L......................

»Durch das Feld kamst du geschritten,«
»Roten Mohn im Gürtelband« –
»Aus den weißen Händen glitten«
»Saatenfluten auf das Land.« –
 
»Goldne Saaten trug die Erde« –
»Goldne Saat und roten Mohn,« –
»Jubelnd klang ein mächtig »Werde«
»Königin von Deinem Thron«. –
 
– – – – – – – – – – – – –
»Milde beugst Du Dich hernieder,«
»Legst den Mohn in meine Hand:« –
»Träume, kranke Schwester, wieder,«
»Hältst im Traum »das Glück« gebannt.«





Oskar Panizza

in Verehrung und Dankbarkeit

zugeeignet.




Erster Brief.

Einen Brief von Dir, Geliebter – nach zehn Jahren das erste Wort –

Wie gut Du bist! –

Ein Zufall hat Dir verraten, daß der Liebesdienst, den Du mir erwiesen, Früchte getragen, und nun kommst Du und willst Teil haben an den Erziehungskosten des Knaben, der vaterlos aufwachsen mußte. – Vaterlos? Nein, ich habe so oft in leuchtenden Farben Dein Bild ihm vor die Seele gezaubert, daß er mit Dir groß wurde. –

Zahlen willst Du – mich entschädigen für die Schmerzen und Mühen? –

Du guter, bescheidener Mann, weißt Du denn wirklich nicht, daß Alles, was ich erlitt, tausendfach aufgewogen wurde, durch »das Glück?« – Weißt Du denn nicht, was es heißt, wenn der quälende, verzehrende Durst nach Glück gelöscht wird? –

Ich habe einmal Tage auf einem Wrack zugebracht. – Kein frisches Wasser an Bord. Aber ringsum neckende, kühle, salzige Flut, – dann kam ein Schiff, das frisches Wasser brachte. – Dem Manne, der mir den ersten Becher voll reichte, fiel ich zu Füßen, küßte ihm Hände und Rock. –

Weißt Du noch, wie ich Dir zu Füßen fiel, wie ich Deine Hände küßte. Du Guter, nachdem ich gelernt hatte glücklich zu sein? Liebe hatte ich im Leben genug genossen – übergenug, – aber ich ward immer durstiger.

Und dann – ich ging eines Abends vom Theater nach Hause, – Du geselltest Dich zu mir, fragtest, ob Du mich begleiten dürfest – Zuerst wollte ich nein sagen – Ich liebe es nicht, auf diese Weise Bekanntschaften zu machen, dann nahm ich doch an. –

Un caprice de femme. – Du botest mir den Arm – Wir hatten einen langen Weg vor uns. Ich erzählte Dir alles, was seit Jahren sich in mir angesammelt an Groll gegen die Menschheit, – erzählte Dir, wie ich in blindem, süßem Liebeseifer mich einem Manne in die Arme geworfen, wie er mich gehen geheißen, nachdem sein Verlangen gestillt war; wie ich mich plötzlich einer höhnischen, verständnißlosen Welt gegenübergestellt sah. – – – –             

Wie ich hart und verbittert wurde und mich betäuben und zu rächen suchte –

Du verstandest mich. –

Soll ich Dir weiter erzählen, wie wir in meine Wohnung kamen, wie ich Dir Thee kochte und Du Deine Cigarette rauchtest, wie Du dann mich auf Deine Kniee nahmst, wie ich meinen Kopf an Deine Brust lehnte und wie ich weinte vor Glück? –

Du hattest mich auch lieb, ich fühlte es, – aber Du hattest Frau und Kinder, schöne Kinder und ein Weib das Dich vergötterte; wie gut begriff ich das –

Begriff es später noch besser –

Als der Morgen graute, verließest Du mich. – Du warst nur aus der Durchreise hier. –

Ich trauerte nicht – hatte ich doch das Glück

gesehen. –

Dann – nach Monden fand ich Deine Spur wieder – in mir – o diese Seligkeit!

Doch warum Dir von Etwas schreiben, was selbst Du, mit Deinem feinen Verständniß nicht verstehen kannst? –

Und nun! Soll ich Geld nehmen? Soll meine Liebe verkaufen?

Komme, komme selbst Geliebter, damit ich Dir wieder die Hände küssen kann, Dir danken kann für »das Glück« –

»Das namenlose Glück.« –




Zweiter Brief.

Du willst kommen – in einigen Wochen, wenn Deine Frau im Bad ist. – Ich soll Dich wiedersehen. – Wie soll ich die Wartezeit ertragen? – Dich wiedersehen! Weißt Du was das heißt? Ich bin so genügsam gewesen, – habe von meinen Erinnerungen gelebt, glaubte mit dem Leben abgeschloßen zu haben. –

Und nun schreibst Du mir: »Ich werde bald nach München kommen und freue mich darauf, Dich wiederzusehen und unseren Knaben kennen zu lernen« –

»Unseren« – Ach, er wird Dir gefallen, er hat meine Haarfarbe, aber Deine Augen, aus denen für mich eine Welt von Güte sprach. –

Er trägt Deinen Namen. – Wie manche Nacht habe ich an seinem Bettchen gesessen, habe leise, ganz leise ihm die blonden Härchen aus der Stirne gestrichen und dabei geflü­stert: Albert lieber Albert, dann vergaß ich auf Augenblicke, daß Du fern warst, unerreichbar –

Ach der Hunger, – die Sehnsucht, die uns die Hände aufs Herz preßt und schreit: »ich will, ich will glücklich sein.« Kennst Du sie?

Kaum – Du wirst schnell mit der Erinnerung an mich fertig geworden sein. –

Du bist ehrgeizig. –

In Deinem Beruf findest Du volle Befriedigung. –

Für uns Frauen giebt es nur einen Lebensgrund, die Liebe. – Daß wir, daß Viele uns davon ernähren müssen, ist furchtbar. – Wir sind dann Stümper wie ein Künstler, der für Geld arbeiten muß. – – – – –

Werde ich Dich wirklich wiedersehen?

Doch ich will mich nicht quälen mit den Gedanken, will mich nur freuen. –

Ich habe den Tag, an dem ich Dich kennen lernte, stets festlich begangen – Ich zog ein neues Kleid an und schmückte mein Zimmer mit den schönsten Rosen. – In der Frühe ging ich in die Kirche, in die herrliche Basilika – Einmal im Jahr darf man doch in die Kirche gehen – Dort betete ich für Dich und unseren Knaben. – Dann holte ich ihn und fuhr mit ihm hinaus aufs Land, – wenn das Wetter gut war – es war fast immer gut – der Himmel hatte ein Einsehen – Vielleicht freute es ihn, daß ich in der Kirche gewesen war. –

Wie fröhlich war Albert immer an diesem Tage! – Körbe voll Blumen haben wir gepflückt. – Wenn er müde war setzten wir uns unter einen Baum – dann mußte ich ihm ein Märchen erzählen – ein Märchen, das er nur an diesem Tage zu hören bekam und das ihm von allen das Liebste war. –

Ein Märchen von einem armen Mädchen, das einst in häßliche Lumpen gekleidet von einem bösen Manne durch die Welt getrieben wurde. Durch Dornbusch und Sumpfschlamm mußte sie hindurch. – Wollte sie ausweichen, durch grüne Wiesen oder schattigen Hain gehen, jagten Peitschenhiebe sie wieder zu Schlamm und Dornen zurück – Da trat einst ein hoher Jüngling in leuchtender Rüstung vor sie hin, faßte sie bei der Hand und hieß sie mit ihm gehen. – Ihr Ver­folger warf sich auf sie, doch der Jüngling streckte ihn mit einem Schwertstreich nieder – dann führte er das Mädchen fort – gab ihr neue Gewänder und zeigte ihr einen sonnenbeschienenen Pfad, den sie hinfort gehen sollte. – – – –

Wenn ich geendet hatte fiel Albert mir um den Hals: »Ach Tante« (er weiß nicht, daß ich seine Mutter bin, soll es auch nicht wissen – doch darüber schreibe ich Dir später) und rief mit Thränen in den Augen: Ich will auch so ein Jüngling werden, will auch in die Welt hinaus ziehen und ein Mädchen befreien.« – Du kannst Dir denken mit welchen Empfindungen ich ihn stets in die Arme schloß. –

Ach Albert, wenn ich unseren Knaben an­sehe und an die Nacht denke, die ihn mir geschenkt hat, dann frage ich mich immer, was ich gethan habe, um so namenloses Glück zu verdienen, warum ich vor anderen Frauen so viel voraus haben soll. – Ich habe mich aber auch nach Kräften bemüht, den Unglücklichen und Elenden wenigstens einen Teil meiner Glücksschuld abzuzahlen. –

Wirst Du wirklich kommen? Wirst in dem großen, roten Sammetsessel sitzen?

Darf ich dann wieder vor Dir knieen und meinen Kopf auf Deine Kniee legen und selig sein, ganz selig – untergehen in einem Wonnestrom?

Das klingt Dir sentimental, nicht wahr? Dein starker, stolzer Sinn haßt alles derartige. –

Verzeih' mir diesmal; wenn Du bei mir bist, sollst Du mich auch stark und stolz finden, – stolz mit dem Demut-Stolz eines Weibes, das sich geliebt weiß –

Doch ich quäle Dich, Geliebter – Sei gütig und hilf mir in Gedanken meine Glückslast tragen – Ich erliege fast. – God bless you!




Dritter Brief.

»Es muß einen Gott geben, denn wir brauchen ihn« – Diese Worte, die einst eine Freundin meiner Mutter sprach, haben einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf mich gemacht. – Vielleicht weil meiner kindlichen Auffassungskraft durch Analogie das mangelhafte dieser Beweisführung sofort nahe trat. – Wie oft hatte ich etwas gebraucht, ohne daß es hatte »da sein müssen« oder dagewesen wäre. –

Heute habe ich aber auch die Empfindung: Es muß einen Gott geben, denn ich brauche ihn – Ich muß zu ihm beten können, ihn bitten, mir mein Glück zu erhalten; Mir ist so bange heute – Macht es das Wetter? Ich glaube eher Dein Schweigen quält mich. – Ich weiß Du schreibst nicht gern – »Thaten, nicht Worte« ist Deine Devise – Und doch, es ist so schwer zu glauben, daß das, was wir so gern thun, nicht auch Anderen ein Bedürfniß sei. –

Wenn Du nun kommst und Du liebst mich nicht mehr ? – In zehn Jahren verändert man sich. – Freilich bin ich noch keine alte Frau, bin noch hübsch, wenn ich meinem Spiegel und meinen Verehrern trauen darf. – Und dann, was Dich zu mir zog war ja eigentlich unsere wunderbare Seelenübereinstimmung. – Wir verstanden uns. – Ich habe aber immer gefunden, daß, je älter ein Mann wird, jemehr neigt er sich zu ganz jungen Mädchen, ist es weil er seine fliehende Jugend ersetzen oder weil er seinen Reichtum an Erfahrungen und Kenntnißen erzieherisch verwerten will? –

Wenn es Dir nun auch so geht, wenn ich Dir fremd geworden bin? –

Eins macht mir vor allem Angst, ich schreibe es Dir, weil ich nicht darüber sprechen kann und Du es doch wissen mußt – daß Du es lesen sollst, thut mir weh, ich möchte Dir gerne die Augen zuhalten, wie ich beim Erzählen meine Hände aus Deine Ohren legen würde. Du hast mir damals so manche Schmeichelei über meine weiße Haut gesagt. – Nun trage ich Narben, Liebesnarben, die mir die Geburt unseres Albert brachte – Ich habe geweint darüber –

Ein Weib verliert Alles mit mehr Gleichmut als ihre Reize –

Wenn Du nun enttäuscht bist? – Ich ertrüge es nicht, Dir weniger teuer zu sein, jetzt, als vor zehn Jahren. –

Doch ich thue Dir Unrecht. – Ich bin für Dich sicher das Individuum, nicht der Gattungsbegriff. – Du könntest krank und elend, selbst als Verbrecher zu mir kommen, ich würde Dich immer lieben – solange Du mich liebst. –

Es ist nicht Egoismus, das mich so sehr verlangen läßt von Dir geliebt zu werden – wenigstens nicht Egoismus im gemeinen Sinn. –

Ich habe keinen Gott, keine Hoffnung auf ein zukünftiges Leben – Du bist mir Alles – Gott – Erlöser– Ewigkeit. –

Untergehen will ich in Dir wie der Buddhist im Nirwana. – Ich will mich aber dabei nicht verlieren und so mußt Du mich lieb haben. –

Die Liebe des Mannes ist die Wiedergeburt des Weibes. – Vielleicht hat ein ähnliches Gefühl Christus dazu getrieben, immer und immer wieder die Liebe des Vaters zu betonen. – Auch er war sicherlich eine ergänzungsbedürftige Natur. –

Du begreifst, daß ich, gerade ich, so sehr nach Liebe mich sehne, – daß ich jetzt, wo ich wahrhaft liebe, auch wieder geliebt werden möchte. – Ich habe eine übermächtige Glückssehnsucht in mir. – Nachdem wir uns getrennt hatten, habe ich noch oft versucht, das süße, zarte, schillernde Gebilde einzusaugen. –

Ich fand ja Männer, die mich liebten, wenigstens eine Zeitlang, die zärtlich und gütig waren, vielleicht hingebender als Du – aber selbst bei den glühendsten Umarmungen blieb ich kalt, und zwang ich mich gewaltsam zum Genuße, so war die Folge nur ein tiefer Ekel, eine grause Leere, alles, nur nicht »das Glück«. –

Du bist Mann, Du kannst mir vielleicht Manches nicht nachfühlen, kannst nicht begreifen wie man Alles aus eine Karte setzen kann. – Dein Sinn geht in's Große, Weite – Du begreifst nicht wie man nur einem Gott dienen kann. – Aber Du kennst die Sehnsucht nach Liebe doch auch. – Versuche es, mich zu lieben! – Doch ich rede thöricht. – Die Liebe ist nur schon, wenn sie frei ist. – Wenn man nicht lieben kann, soll man auch nicht lieben wollen. – Es giebt so Vieles, das man nur begreift, wenn man es erlebt hat. – Nur ein Weib, das es durchgemacht hat, weiß, wie hart es ist, den Körper einem ungeliebten Manne preisgeben zu müssen, er mag nun der Ehegatte sein, mit dem man tagsüber in Streit und Gehässigkeit lebt, oder ein Fremder, der mit Geld statt mit Grobheiten zahlt. –

Es giebt in der ganzen »heiligen« Schrift nichts Roheres und Unwürdigeres als die Worte des Apostels Paulus im 1. Corintherbrief K. 7. 1-4 – »Es ist dem Menschen gut, daß er kein Weib berühre – Aber um der Hurerei willen habe ein Jeglicher sein eigenes Weib, und eine Jegliche habe ihren eigenen Mann. – Der Mann leiste dem Weibe die schuldige Freundschaft, desselben gleichen das Weib dem Manne.« Es ließe sich viel darüber sagen, aber nicht in einem Briefe an Dich, Geliebter – da will ich alle Häßlichkeiten des Lebens vergessen.

Schreibe bald, Liebster. –





Vierter Brief.

Von meinem Fenster aus sehe ich herab auf die hin- und hereilende Menge. – Die Straßen haben dasselbe alltägliche Gepräge. – Die Sonne scheint – Hunde und Gassenjungen balgen sich – Weiber mit scharfen, spähenden Gesichtszügen rufen »Erdbeeren, kaaft's Erd­beeren.« – Sinnlos erscheint mir alles, ein unbegreifliches, thörichtes Mühen um Nichts. –

Nur meine Gedanken haben Sinn, haben Zweck – So muß es dem Schmetterling zu Mute sein, der seine Hülle sprengt. – Endlose Möglichkeiten des Glückes breiten sich vor mir aus. – Ein wonnevolles Gefühl tiefster Befriedigung erfüllt mich, drängt mir Thränen in die Augen. – Glücksthränen, die ich lächelnd wegwische. – An meinem Herzen ruht ein weißes Briefblatt mit gleichmäßigen, schönen Schriftzeichen bedeckt. –

Darf ich eine Stelle daraus abschreiben? Aber lies es andächtig so wie ich es thue:

»Unsere Wartezeit wird abgekürzt, mein Liebling, in zehn Tagen schon kann ich bei Dir sein, freue Dich darauf, so wie ich es thue, von ganzem Herzen und von ganzer Seele.« – Ob ich es thue? Wenn Du mich sehen könntest, wie ich am Fenster stehe – so hoch über dem vorüberbrausenden Menschenstrom – allem Elend, aller Herzensnot entrückt. Du würdest wissen, daß ich es thue. – Daß ich meine Gefühle nicht verbergen kann, weißt Du – Wenn ich nur Worte fände, Dir zu sagen, wie ich mich freue – Freuen, ein dummes Wort! – Man freut sich über ein neues Kleid und man freut sich über einen zurückkehrenden Geliebten, nach dem man sich zehn Jahre lang gesehnt hat! – Ich sauge mich an meine Freude fest, wie ich Kinder habe an eine Drange sich festsaugen sehen. – Ich möchte am liebsten mich einschließen, Niemand sehen – Niemand sprechen – bis Du bei mir bist. (Ist es wahr, daß Du kommst?) Zuweilen stockt mir der Atem unter der Qual der Erwartung. – Ich würde verzweifeln wenn ich nicht die Vorbereitungen zu treffen hätte. – Sie geben mir einige Gewißheit, etwas Greifbares. – Ich bereite mich auf Dein Kommen vor, wie die Neophyten auf die Taufe. –

Hundertmal im Tage male ich mir Dein Kommen aus. – Hier abholen darf ich Dich nicht. – Es ist auch schöner, Dich bei mir zu empfangen. – Du wirst müde sein, armer Mann, müde und hungrig. – Du sollst einen sorglich gedeckten Theetisch finden, wie Du ihn liebst. Einen großen Strauß dunkelroter Rosen darauf – Deine Lieblinge, die Marechal-Niel, stellen wir in's Wohnzimmer. – Diese vornehme Blüte, sich biegend unter ihrem Duftreichtum, erliegend der Last ihrer süßen Geheimnisse, gehört nicht auf den Eßtisch – nicht einmal in Gesellschaft von so vornehmen Delicatessen wie Houssedy und Bader sie liefern – Brutale, rote Rosen vertragen schon mehr als ihre bleiche Schwester, diese Duse unter den Blumen. – Du wirst mich auslachen – aber es thut mir immer weh, wenn ich diese Blüte zum Verkaufe ausgeboten sehe – prostituirt –

–  – –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –

Ich höre Dich schellen – das Mädchen öffnet – »Ist Madame zu Hause?«

»Ja, bitte treten Sie ein.« –

–  – –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –

Nun gehörst Du wieder mir – Du nimmst in dem großen, roten Sessel Platz, während ich vor Dir kniee und Deine Hände küsse. – Acht Tage sind lang; wenn Du Deinen Sinn ändertest? Wenn Du krank würdest? – Ich stürbe, stürbe an getäuschter Hoffnung, an unerfülltem Verlangen – eine Krankheit, für die es kein Heilserum giebt. –




Fünfter Brief.

Wie gut Du bist, Geliebter, mir nochmals zu schreiben – Auch Dich packt jetzt das Fieber der Sehnsucht. – Die Qual des Wartens – Noch vier Tage! –

Das Gedicht, das Du mir sandtest ist sehr schön:


»Durch meine Seele ziehet leis'«
»Von Engelsschwingen sanft getragen«
»Das alte, ewig neue Lied«
»Von Menschen, die zu lieben wagen.«

»So hoffnungsfroh und sehnsuchsstark,«
»Wie Nachtigallen Rosen küssen«
»So ganz umsonst und ohne Grund,«
»Nur weil sie eben lieben müssen.« –


Wie wenige lieben so – Gewöhnlich kommt der Verstand mit all' den schönen und klugen Gründen – Man liebt eine gute Versorgung, einen edlen Charakter – man liebt um glücklich zu werden etc. – aber lieben, rücksichtslos, instinctiv, weil man eben muß, ohne dialectisches »Wie, Wo, Warum! Wer hat heute dazu noch die Kraft? – Wir sind zu gebildet zu solchem rudimentären, nackten Empfinden. –

Herr Amor darf ohne Feigenblatt nicht in's Boudoir unserer Seele kommen – Selbst Leander würde heutzutage kaum ohne Badekostüm den Hellespont durchschwimmen. –

Ich las neulich eine kleine Skizze, die so vollständig mein Gefühl ausdrückt, daß ich versucht bin sie Dir abzuschreiben. –


»Ein heißer Sommertag –
ringsum schwirrende, wühlende
Geschäftigkeit –
Schwüles Zittern der Luft,
Leises, träges Sich-Heben und Senken
Der Blätter an Bäumen und Sträuchern –
Leben überall –
Volles, glutgesättigtes Leben. –
Am Fuße einer Eiche, –
Wir:
Mein Kopf liegt auf Deinem Knie,
Deinen Leib halte ich mit beiden Armen
umschlungen,
Deine Hand liegt auf meinem Mund –
»Still,« –
Und nun schließe ich die Augen – und
drücke mich fest an Dich –
Ich bin glücklich –
Ich liebe Dich
Kein blasses Ideal –
Keinen geträumten Helden.
Dich, eben Dich und wieder Dich –
Alles – Seele und Leib –
So liebe ich Dich –
Ich drücke mich fester an Dich
Und bin glücklich –
Alle Spannung in mir löst sich –
Und aller Widerspruch –
Ich weiß, daß es schön ist zu leben
Und bin glücklich –
Keine Sehnsucht mehr –
Nur ein übermächtiges
Erfülltsein,
Erreichthaben,
Am Zielsein –
Ich bin glücklich –
Kein hastendes, haderndes Verlangen,
Kein Schwanken mehr –
Bin ganz Wille
Ich drücke mich fest an Dich,
So halte ich Dich –
Und bin glücklich –
Ich liebe Dich –«


Ich habe diese kleine Skizze oft gelesen und immer mit steigender, innerer Zustimmung. – Es giebt ja glückliche Menschen, die nur einmal lieben können, die gleich wissen, der oder die ist mein zweites »Ich« –, die heiraten und treu mit einander aushalten bis zur »tieftrauernden Hinterbliebenheit.« –

Zu denen gehöre ich nicht. – In meiner Erinnerung sind eine ganze Reihe Todtenmasken, die ich von meinen verstorbenen Hoffnungen nahm, um neuerstehende damit vergleichen zu können. –

Ich bin mit einer geradezu unglaublichen Einförmigkeit vorgegangen. – Die Procedur war folgende. Ich lernte einen Mann kennen, zuerst war er mir gleichgültig, dann fing ich an, mich für ihn zu begeistern, emsig wob ich schöne Mäntelchen für ihn, behing ihn mit den widersprechendsten Eigenschaften, war selig in dem Gedanken, jetzt endlich mein zweites »Ich« gefunden zu haben – dann kam die Ernüchterung, irgend ein Wort, eine Geste, und der Zauber wich. – Dann war ich wieder allein in einer öden, farblosen, sinnlosen Welt – Wenn Zola seinen Abbé Mouret der Geliebten sagen läßt:

»Tu étais une promesse m’annonçant que tu me ferais connaître un jour, la nécessité de cette création, de cette terre, de ces arbres, de ces eaux, de ce ciel dont le mot suprême m’échappe encore«

so ist das von einer Frau in noch höherem Maße der Fall. – Daß Adam zuerst erschaffen wurde, hatte sicherlich guten Grund – er sollte dem Weibe Erzieher und Führer sein. – Doch ich komme von meinem Thema ab. – Ich wollte Dir nur sagen, daß es wunderbar schön ist, einmal ganz unvernünftig zu lieben, ohne Gründe, einen Mann ohne Mäntelchen. Den man liebt, weil man gar nicht anders kann. – Vielleicht bin ich nur excessiv weiblich und Du ein ganzer Mann. Vielleicht spricht diesmal voll und ganz der Geschlechtstrieb, ohne vom Verstande gemaßregelt zu werden – Denn der Verstand wächst durchaus nicht immer mit den Jahren. – Ich bin wenig­stens viel klüger und überlegener auf die Welt gekommen als ich jetzt bin – Oder ist es die Weisheit unserer Erzeuger, die hemmend auf unseren jungen Seelen liegt? Wie dumm. Dir das Unerklärliche erklären, das Unbegreifliche begreiflich machen zu wollen. –

Etwas schönes will ich Dir erzählen. – Ich habe mir für den 15ten einen großen Korb voll Rosen bestellt. – Damit will ich Dein Lager bestreuen.

Warum sind wir bei den Toten so verschwen­derisch mit Blumen und bei den Lebenden so sparsam – Für Tote passen keine Blumen, nur Immergrün, Lorbeern, Tannen, Cypressen. – Aber die Lebenden? – Das Lager einer jungen Mutter, das Brautbett würde ich mit Blüten bestreuen. –

Nun Du sollst auf Rosen gebettet werden, und dann werde ich Dich in meine Arme nehmen, und werde Dir die Sorgenfalten von der Stirne streichen und Dir ein Wiegenlied singen. Deine Mutter sein – Die Frau ist vor allem Mutter, sie will sorgen, leiden für den Mann – Auch ihren Körper leiht sie ihm oft in dem Sinne, in dem eine schwache Mutter ihrem störrigen, ungestüm verlangenden Liebling ein Spielzeug giebt. –

Wenn Du nur erst hier wärest! Zuweilen meine ich, es wäre besser, ich hätte nie wieder etwas von Dir gehört. – Dieses Hoffen, dieses Warten ist fürchterlich. Ich habe oft Augen­blicke wo ich denke, ich muß mich töten, nur um nicht mehr »erwarten« zu müssen.                  

Nun kann ich Dir auch nicht mehr schreiben – Du erhieltest keinen Brief mehr. –

Nicht wahr. Du kommst und liebst mich noch wie vor 10 Jahren, so heiß, so ungestüm, so zart und gütig, wie auf der ganzen Welt nur mein Albert, mein großer Albert lieben kann. – Meinen kleinen Albert hätte ich fast ver­­­­­­­geßen. – Wir können aber alles besprechen, das ist besser als schreiben. Der liebe Gott, der Mann für alles, der Packträger des Himmel's, möge Dich sicher zu mir geleiten – Du meinst »Er« will nichts von mir wissen? – Ach, ich liebe ihn ja auch, verehre ihn – nur habe ich keine Vorstellung von ihm – Denke an mich, Du Lieber, Gütiger. –




Sechster Brief.


Aus Vaters-Noth
Und Mutter-Weh,
Aus Liebesthränen
Eh' und je,
Aus Lachen und Weinen,
Wonnen und Wunden,
Hab' ich des Trankes
Gifte gefunden!


Tristan's überherrliche Worte tönen heute in mir fort. –

Du bist da – ich habe Dich wiedergesehen, habe an Deiner Brust gelegen und Deine geküßt. –

Das Glück ist da – aber nicht der Frieden, die Sicherheit des Besitzes, die ich erhoffte –

Seit ich Dich wiedergesehen, weiß ich erst was Liebe heißt. –

Komme bald zu mir Geliebter – Komme und höre wie es im Innern tönt und braust, eine Musik so mächtig, so fein und zart, so scheu und so überquellend, flutend und stürmend –

Komme, helfe sänftigen mit Deiner starken Hand und Deinen gütigen Augen. –

Lache nicht, daß ich auch jetzt noch schreibe, da Du doch hier bist – Du kennst meine zitternde Ungeduld – meine Befangenheit in Deiner Nähe. –

Aus dem Papier bin ich ganz ich, mein eigenes, stolzes Selbst, das Liebe fordern darf –

Du bist Mann, groß und stark; Du wirst auch in den mächtigsten Liebesstürmen Dich selbst nicht verlieren. – Trage mich nun auch; übernimm die Verantwortung für mich; rechtfertige mich vor mir selbst, rechtfertige es, daß ich es wage an ein übermenschliches, überherrliches Glück zu glauben –

An das Glück von Dir geliebt zu werden – Komme – – – – – – – – – – –




Siebenter Brief.

Ich kann nicht warten, bis ich Dich heute Abend sehe, um Dir für Deine köstliche Gabe zu danken, – Die herrlichen Veilchen! – Hast Du Dich an meine Vorliebe für dieselben er­innert? – Weißt Du, wie sehr ich sie liebe? – Und nun dieser wundervolle, große Strauß! – Ich habe ihn mit beiden Händen an mein Gesicht gedrückt, habe die Blüten geküßt, ihren Duft eingesogen. – Dann habe ich ihn auseinander gepflückt, habe in den Blüten gewühlt, wie Kinder im Sand wühlen. – Dann band ich die grünen Blätter zusammen. – Ich liebe diese ernsten Gesellen fast noch mehr als die Blumen selber, sie sind so charactervoll, so abgerundet, nicht zerrissen und hart wie die Rosenblätter. Mit einer gewissen, überlegenen Güte nehmen sie die schüchternen, blauen Blüten unter ihren Schutz. – Die Veilchen empfangen das Sonnenlicht erst durch sie, wie ich die Lebensfreude durch Dich, mein Liebling! – Ich habe die Blätter allein in eine Schale gesetzt. – Sie atmeten förmlich auf, endlich ganz unter sich zu sein, – nicht mehr gestört, von dem aufdringlichen Geplauder der blauen, neugierigen Dinger, die sich immer unter ihnen hervorzudrängen suchen. –

Komme frühzeitig heute Liebster, – Schenke mir wenigstens eine viertel Stunde, bevor wir ins Theater gehen. – Ich habe Dich 10 Jahre lang entbehren müssen und jetzt quälen mich jede zehn Minuten, die Du Freunden oder Geschäften widmen mußt. –

Ich kann es nicht glauben, daß Du in meiner Nähe bist, daß in wenigen Stunden ich Dich umarmen werde, daß ich dann meine Lippen in Deine Haare drücken darf, wie jetzt in die Blumen. – Ist es nicht herrlich, in Glück und Veilchen zu wühlen? – Daß Du in den zehn Jahren nicht anders geworden – immer noch derselbe gütige, warmempfindende Liebling bist, das ist das Wunderbare. –

Wir sind nun schon 8 Tage zusammen und Du bist nicht kälter geworden, hast noch dieselbe zarte Rücksicht für mich wie früher. – Wenn ich nur Dir gegenüber freier und mutiger sein könnte. – Ich möchte Dir so gerne sagen, wie lieb ich Dich habe, wie ich nur in Dir lebe. –

Wenn ich allein bin, erscheint mir Alles ganz einfach, dann leihe ich Dir dieselben Empfindungen, die ich habe und dann stehen wir auf dem gleichen Standpunkt und mit Seinesgleichen kann man frei reden. – Bist Du aber bei mir, so schwindet alle Zuversicht, meine Seele fühlt die Nähe ihres Herrn und möchte ihr Antlitz verhüllen. – Dann ist es mir, als wenn ein tiefer, seliger Zauber mich umgäbe, den ein einziges Wort unheilvoll unterbrechen könnte. – Habe ich Dich zu lieb? – Sei gut mit mir, hilf mir diese Angst überwinden, lehre mich Dir gegenüber frei und zuversichtlich sein wie ein frohes Kind. – Ein vollkommen reines, durch keine Reflexion getrübtes Glück war unser erstes Wiedersehen. – Da konnte ich nur fühlen, nicht kritisieren. – Die furchtbare Spannung löste sich. – Die Qual der Erwartung war verschwunden, die sich in dem Maße ge­steigert hatte, in dem die Länge der Wartezeit abgenommen. – Du hieltest mich im Arm mit so herzlichem Druck. – Aus Deinem »liebe, liebe Anna« klang so viel Glück und Befriedigung, daß ich gar nicht anders konnte, als alle Sorgen bei Seite werfen. –

Jetzt beschleicht mich hie und da ein leises Angstgefühl, als ob ich auf einer abschüssigen Bahn wäre. – Wirst Du nicht müde werden immer von mir zu hören: »ich liebe Dich«? Das mühelos Errungene schätzt ihr nicht. – Doch nein, ich will nicht grübeln. – Jetzt gehörst Du mir, noch mir. Und der Gedanke ist Glück. –

Jetzt weiß ich, warum der liebe Gott die Menschen geschaffen hat – damit sie glücklich sein sollen, und nicht damit sie ihn bewundern sollen, wie es im Katechismus heißt. – Wer einmal von Herzen glücklich war, hat seinen Daseinszweck erfüllt. –

Auf heute Abend freue ich mich ganz besonders. – Mit Dir zusammen die Meistersinger hören zu dürfen, ist eine große Gunst des Schicksals. –

Wie oft habe ich mich gesehnt:

»Am stillen Herd in Winterszeit«

»Wenn Burg und mir eingeschneit«

mit Dir zusammen zu sein, und mir immer dabei gesagt, daß ich Dich nie, nie wieder sehen würde, daß nur eine vorübergehende Laune Dich mir in die Arme geführt habe. –

Doch ich muß aufhören; Du hast sonst nicht Zeit den Brief zu lesen. –

Komm frühzeitig, ich zähle die Minuten. –




Achter Brief.

Heute Nacht hatte ich einen Traum, der mich jetzt im Wachen noch ängstigt. – Wir waren zusammen in der Wüste, weit und breit nichts wie Sand; vor uns lag eine Sphinx, die mit ihren mächtigen Tatzen nach Dir schlug, wenn Du sie berühren wolltest. – Du wurdest böse, so zornig sahst Du aus, daß ich mich fürchtete; plötzlich lachtest Du laut auf – den drohenden Tatzen ausweichend, setztest Du Dich mit einem raschen Sprung auf den Rücken der Sphinx. Dann bandst Du ihr mit einem großen, weißen Tischtuch die Augen zu; nun lag sie regungslos da, liebkosend streifte Deine Hand ihren Kopf – Dann sahst Du mich an, fremd, feindselig fast. – Mit einer gebieterischen Handbewegung hießest Du mich gehen – Ich lief und lief mit einer furchtbaren Angst im Herzen, bis ich zusammenbrach. –

Was bedeutet der Traum? Unheil?

Wenn Du bei mir wärest, würdest Du mich auslachen und mir auch leise über die Haare streifen – Daß Du gerade heute fort sein mußt! – Ein Blick in Deine frohen, neckenden Augen würde meine Angst verscheuchen. –

Weißt Du, daß Albert Dich sehr lieb hat. Dich bewundert; wie stolz und glücklich wäre er, wüßte er, daß Du sein Vater bist! –

Es ist traurig, daß Du nicht bei mir wohnen kannst. Die Leute würden natürlich darüber reden – Deine Frau erführe es vielleicht. – Sie würde unglücklich werden, sie liebt Dich ja, wenn auch nicht so wie ich. –

Doch eine Nacht, eine selige Nacht lang habe ich Dich gehabt – Du warst müde von der Reise und gerade das machte es doppelt reizvoll Dich zu pflegen.

Jetzt liege ich die halbe Nacht wach und sehne mich nach Dir. –

Ich nehme oft mein Kopfkissen in die Arme und versuche mir einzubilden, ich dürfe Dich in den Schlaf wiegen. – So unglücklich war ich in einem solchen Moment, daß ich dichtete – bei mir der höchste Grad von Schmerz. – Du wirst vielleicht lachen über die Verse! Du kluger, klarer Mann. – Wenn ich Deine Frau wäre, immer bei Dir, würde ich vermutlich auch klug und verständig werden, würde vielleicht lernen, Dir tapfer in die Augen zu sehen. – Ich habe ein wenig die Situation im Gedicht geändert, das Gefühl bleibt dasselbe. –


»Verlassen ist das Haus am Meer
Umspült von Wellen klar –
Das Ehebett ist kalt und leer
Darin ich selig war.« –

»Jetzt lieg' ich Nachts wehklagend da
Und netz' mein Lagerkiß' –
Als Liebster ist der Schmerz mir nah'
Und herbe Kümmerniß.« –

»Als Frucht reift einzig Sehnsucht nur,
Die Brüste hängen leer,
Verwischt ist Deiner Küsse Spur,
Mein Glück versank im Meer.« –


Gottlob, Du bist nicht tot – Und so lange Du lebst kann ich Alles ertragen – Warum wollen die Menschen mir mein Glück nicht gönnen? –

Ich glaube, in späteren Zeiten wird man es sehr merkwürdig finden, daß man die Liebe einzuengen und zu zügeln versuchte – Amor in Frack und weißer Binde als Freier, das ist an­ständige Liebe – Daß der Hochzeitsfrack sehr oft zum Nessusgewand wird, kümmert Niemand. –

Wie schön wäre es, wenn wir uns auf eine Insel der Südsee flüchten könnten. – Am Tage würde ich arbeiten für Dich und Nachts würdest Du in meinem Arme schlafen, und – unglücklich sein – ohne Caviar und Cursberichte, ohne Havannah's und Umsturzvorlage. –

Das Weib ist recht gut als Beilage, aber als einziges Gericht? Da könnte der Mann ver­hungern. – Wie anders wir – Uns ist der Mann Alles – der einzig vernünftige Daseinsgrund. –

Eva nahm den Apfel nicht aus Neugierde, sondern um Adam einen neuen, eigenartigen Genuß zu bereiten. – »Apfel im Feigenblatt oder im Schlafrock« Toute même chose; um dem Manne eine Freude zu machen, scheuen wir auch das Fegfeuer nicht. –

Von der Eva bis zur Arria, ja bis zur Maria, überall läßt sich dasselbe Prinzip, derselbe Hang zur Hingebung, zur Selbstopferung nachweisen. – Hat der liebe Gott das so eingerichtet der allerheiligsten Jungfrau wegen, um dem dienstthuenden Engel die Verkündigung zu erleichtern? –

Adieu – Schlaf wohl Liebling! –

Morgen – –




Neunter Brief.

Wie wenig man sich selbst kennt! Im letzten Brief schrieb ich Dir: »So lange Du lebst kann ich Alles ertragen.« Und nun finde ich es unerträglich, daß Du gestern Abend bei dem kleinen Souper, das Du gabst, so freundlich gegen Frl. S. warst. – Als Wirt mußtest Du es eigentlich sein. – Doch bilde ich mir ein, Deine Aufmerksamkeiten hätten mehr dem Weibe als dem Gaste gegolten. Bin ich eifersüchtig? – Ich weiß doch, daß man sehr freundlich gegen Leute sein kann ohne sie zu lieben, ja ohne daß sie einem nur im Geringsten wert sind. – Und doch kann ich es nicht ertragen, wenn Du gegen andere gut bist. – Wenn Du sie herzlich anschaust, schüttelt mich der Neid, harte Fäuste drücken auf mein Herz und lange spitze Finger zerren an meinem Gehirn. –

Wenn ich Dich nur wenigstens hätte allein Sprechen können! Aber es war nicht möglich Hermann's Begleitung abzuschlagen. –

Wie gemein und niedrig ist die Eifersucht. – Als wenn Jemand auf mir kniee und mich im Schmutz festhalte, so ist mir zu Mute. –

Ich weiß, es ist unklug von mir, darüber zu sprechen – es kann nur dazu dienen, Dich böse zu machen, Dich mir wirklich zu entfremden. – Eine Liebe, die bei der Eifersucht an­gelangt ist, ist aller Würde bar, ist ein Geständnis der eignen Schwäche, und Schwäche ist nie bewunderungswürdig, auch beim Weibe nicht. –

Die Natur ist brutal, sie liebt es, wenn sie die Menschen sich hülflos winden sieht unter der Knute der Eifersucht und der züngelnden Feuer­peitsche. – Geprügelt, gejagt, gesteinigt, gehetzt bricht unsere Seele zusammen, während ihre Peinigerin ihr hohnlachend zuruft: »Warum hast Du Dich nicht gewehrt, warum hast Du Dich nicht umgekehrt und hast mich ins Gesicht geschlagen? – Dann hättest Du gesiegt.« –

Warum? Warum? Warum? –

Doch ich werde pathetisch und der Grund ist so lächerlich, so klein. –

So häßlich erscheine ich mir selber. –

Komm zu mir, hilf mir! –




Zehnter Brief.

Wie gut Du bist! – Du hast nicht einmal gezankt, wie Du kamst; hast nur meine Hände gefaßt und sie gekreuzt, als wenn Du mich »schließen« wolltest – hast mich mit lachenden Augen angesehen und gesagt: »Eifersüchtig bist Du, Schatz? Wie eine simple Ehefrau? Ist das Deine Größe? – Das verdient Strafe. – Du wirst mit mir für 3 Tage ins Gebirge reisen, dort kannst Du büßen. – Jetzt will ich Dir ein Kreuz schlagen, damit der böse Feind für ewige Zeiten verbannt bleibe.«

Packtest meinen Kopf mit beiden Händen und küßtest mich auf Nase, Mund und Ohren. – Dann setztest Du Dich in den großen roten Sammetsessel und ich kniete vor Dir und beichtete – und wurde wieder groß und rein, denn Du warst bei mir. – Alles verdanke ich Dir. – Ein unendliches, sittliches Wachstum. – Wenn ich es nur ordentlich ausdrücken könnte. – Ohne Dich bin ich wie ein Schiff ohne Treibkraft; mit Dir geht es in rasender Eile vorwärts über blaue, tanzende Wogen, in eine lichte Ferne. – Ich bin eine so arme Natur, eins von jenen Wellenmädchen, von denen Wagner sagt, daß sie die Seele erst durch den Mann empfangen. – Deshalb mußt Du mich auch lieb haben, lieber als Alles auf der Welt, denn nur, wenn es geliebt wird, empfängt das Weib eine Seele. – Weil ich so arm bin, deshalb möchte ich Dich ganz besitzen, Dich ganz erschöpfen, deshalb bin ich auf Deine Vergangenheit eifersüchtig, eifersüchtig auf die Zukunft. – Die letzte Liebe löscht die vorhergehenden aus. – Wenn Du wieder lieben solltest, wäre ich verloren. – Ich weiß, es ist Egoismus, daß ich so vollständig Dich umfassen will, Dich abschließen von der übrigen Welt. – Warum kann ich nicht begreifen, daß Du, der Mann, viel größer bist als ich? Warum quält mich der Gedanke, daß wir in vielen Punkten uns nicht berühren? Du lachst und drückst meinen Kopf auf Deine Kniee nieder, legst Deine Hand auf meinen Mund. – Und jetzt, wo ich schweigen muß, wird mir manches klar. – Vielleicht fragen wir zu viel, und überhören dabei die Antwort. – Vielleicht giebt es einen andern Weg die Dinge zu verstehen, als bloß durch den Verstand. – Man fühlt sich eins mit dem Wind, mit dem Meeresrauschen und kann sich doch nicht mit ihnen verständigen. – Wie freue ich mich auf unsere Gebirgsreise. – Erinnerungen will ich sammeln für die Zeit, wenn ich wieder allein bin.

Wir gehen aber in ein ganz abgelegenes Dörfchen, nicht wahr? wo wir Niemand treffen werden. – Wir machen lange Spaziergänge – Du wirst den Arm um mich legen und mich führen als sei ich schwach und krank – es ist wundervoll, schwach zu sein und gehegt zu werden.

Wenn wir müde sind, setzen wir uns ins Gras unter einen schönen, großen Apfelbaum, den wir plündern. – Du legst Deinen Kopf in meinen Schoß und ich spiele mit Deinen Haaren wie Du es so gerne hast. – Zuweilen blickst Du auf und machst mein Herz schneller klopfen vor seligem Bangen – und dann. – Doch das muß ich Dir in Versen sagen, meine Prosa ist zu brutal dazu:


»In dämmrungsdüst'rem, heil'gem Haine,
Verwaist von Glut und Sonnenscheine«,
Von Nachtigallen Sang erfüllet ,
Hast Du mein Herzeleid gestillet. –

Auf weichem Moose zärtlich bettet,
In starken Armen festgekettet,
Dem Himmel Wonnen zu entlehnen,
Mich liebelind Dein heißes Sehnen. –

Die Bäume wölben sich zu Hallen,
Aus Blüten Weihrauchdüfte wallen,
Mit frommen Schauern, heil'gem Bangen
Will ich des Herrn Leib empfangen.« –


Wie einen das Glück überwältigen kann! Jetzt wo ich schreibe, muß ich fast um Atem ringen, so sehr erfüllt mich die Erwartung, die Vorfreude. – Und schon hinkt auch die Reflexion herbei. – Wirst Du Dich mit mir allein nicht langweilen?




Elfter Brief.

Nach all dem reichen Glück unserer kleinen Reise soll ich Dich nun fort lassen, – soll allein zurück bleiben, allein mit meinen Erinnerungen, die den Inhalt meines Lebens bilden. – Denn man hat nur das wirklich erlebt, woran man sich erinnern kann. – Ich habe als junges Mädchen Stunden gehabt, die sehr genußreich gewesen sein müssen, so sagt mir mein Verstand, vielmehr meine Logik. – Aber meine Erinnerungen wissen nichts davon – d. h. sie bringen mir nicht den Duft des Genußes wieder, wie es bei der einen Nacht war.

Und nun unsere Reise – ist es möglich so selig zu sein, kinderthöricht und kinderfröhlich. – Wie sorglos wanderten wir durch Wald und Wiese, über die ernsthaftesten Dinge sprechend um dann plötzlich einander lachend in die Arme zu fallen und zu küssen. – Die Weisheit des Lachens! Die Philosophie des Glückes! – Und nun soll alles zu Ende sein – Noch ein festes »morgen« und dann nie mehr »das Glück.« Ich muß Dir heute von meinem Schmerz schreiben, damit Du mich trösten kannst, – Whatever is, is right – sagt Pope, der Dichter-Philosoph. – Vielleicht trifft es auch hier zu. – Denke, wenn Du immer bei mir bliebest und ich würde Dir langweilig werden. – Oder ich würde mich an Dich gewöhnen, sodaß mein Herz nicht mehr zum Zerspringen klopfte, wenn Du zu mir kämest – Wie arm würde ich dann sein. – Die Gewohnheit ist das Grab der Liebe – Der große Ethiker Kirkegaard hat gewiß auch dasselbe gefühlt und geahnt als er seine Verlobung löste, trotzdem er seine Braut sehr liebte und ihr auch treu blieb sein Leben hindurch. Aber mehr noch als seine Geliebte liebte er seine Liebe und er fürchtete, die Geliebte könne die Liebe töten – trotzdem hat er eine sehr geistreiche Rechtfertigung der Ehe vom aesthetischen Standpunkt aus geschrieben, ein Beweis mehr, daß Reden leichter ist als Handeln. – Du lachst – Du weißt, daß ich trotz all meiner Philosophie wieder nächtelang werde auf und abwandern, daß ich werde weinen und den lieben Gott anflehen, »gieb mir mein Glück wieder –« Ich habe so viel Genußfähigkeit, deshalb habe ich das Recht zu genießen. – Warum giebst Du dem Hungrigen einen Stein und dem Satten Brot? Und doch sicherlich – besser Sehnsucht ohne Befriedigung als Befriedigung ohne Sehnsucht.

Und dann, unsere Liebe verlieren wir ja nicht, nur die sichtbaren Zeichen derselben – Und wozu wäre der Glaube da? So lange ich glaube, daß Du mich lieb hast, bin ich selig – Ich lebe ja nur in Dir, in Deiner Liebe. –

Was uns verbindet, ist so zart, so unfaßbar, daß ich es Dir nicht mit Worten klar machen kann – Es ist das, was den Tag von der Nacht unterscheidet, das Leben vom Tod. – Es ist im tiefsten Sinn des Wortes das Sein. –

Wenn Cartesius vom Mann (denn sicherlich hat er nur an diesen gedacht, wie auch Paulus unter dem »Menschen« stets den Mann versteht) sagt »cogito, ergo sum,« so gilt mit gleichem Recht vom Weibe: »amo ergo sum.« Frankreich, das Weib unter den Völkern, das die Liebe viel besser versteht als die denkenden Deutschen, sagt richtig: le soleil et la lune.

Auch getrennt von Dir, lebe ich doch in Dir fort – Jede gute That, jede geistige Bereicherung wird mich Dir näher bringen – Das Licht, das ich im Herzen trage, wird mir alles andere erhellen. –

Das Bitterste ist, daß ich so wenig für Dich thun kann. – Briefe in langen Zwischenräumen das ist Alles. – Und ich möchte doch Tag und Nacht für Dich arbeiten. – Deine Frau ist eine vorzügliche Hausfrau, die Dich hegt und pflegt, die die kleinen, intimen Angelegenheiten viel besser zu ordnen versteht als ich. – Und doch meine ich, es müßte meiner übergroßen Liebe gelingen auch da mich einzuleben, dem Kochen und Abstauben Geschmack abzugewinnen – Das Weib hat nicht eine so starke Individualität, daß man mit derselben ihr auch die Lebenskraft zerstört wie beim Mann. Es ist nun einmal anders bestimmt – Deine Frau besitzt Dich, kraft Eherings und Priestersegens, und ich? – ich bin eine Bettlerin, die am Wege sitzt und harrt auf »das Glück« – umsonst und – doch – »Du liebe Anna« –

Um dieses kleinen Wortes willen segne Dich Gott, unser Gott, der Gott der Liebe und des Friedens. –




Zwölfter Brief.

Es giebt für mich keinen traurigeren Anblick als mächtig tobende Wellen, die an den Quaderwänden eines Quais sich nutzlos abmühen. – An Felsen sich wundreiben das ist Glück, dagegen aber abgleiten an dem glatten Gesicht der Convenienz, des Vorurteils – – –

Eine solch' arme Woge bin ich. –

Ich hatte mit heißer Sehnsucht auf Deinen Brief gewartet, auf ein Wort, das mir meine Last tragen helfen sollte. –

Und nun – – Du bist glücklich zu Hause angekommen. – Deine Kinder haben Dich jubelnd umringt – Deine kleine Frau hat Dich freudig und liebevoll empfangen. – Und Du machst Dir nun Vorwürfe, daß Du sie betrogen hast, während Du hier in München warst – hast vielleicht auch Sorge, sie könnte etwas erfahren oder aus unserem Briefwechsel Verdacht schöpfen. –

Und nun dankst Du mir in schönen, wohlgesetzten Phrasen für meine Liebe und Teilnahme und nimmst an, daß ich es selbstverständlich finden werde, bei Seite geschoben zu werden. –

»Du bist so gut, so selbstlos« etc. etc. – Kannst Du Dich gar nicht in meine Gefühle hinein denken. Dir gar nicht vorstellen wie es mir zu Mute sein muß? – Und dann – entbehrst Du mich gar nicht? wirst Du Dich gar nie darnach sehnen zu erfahren, wie es mir geht? Wir brauchen nicht oft zu schreiben – halbjährlich, jährlich, wie Du willst – nur nicht ganz abbrechen – nicht ganz! –

Und nun muß ich um Alberts willen, noch betteln – Du hast keinen Sohn – Gieb ihm Deinen Namen, Deinen ehrlichen Namen. –

Du brauchst ihn nicht ins Haus zu nehmen, brauchst ihn nur gerichtlich anerkennen zu lassen. – Auch Geld brauchst Du nicht zu geben. Ich habe genug um ihn erziehen zu lassen. –

Deine Frau braucht Alberts Herkunft nie zu erfahren, er kann ja für irgend ein elternloses Kind gelten. – Wenn Du es für gut findest, will ich darauf verzichten ihn je wieder zu sehen. – Er vergöttert Dich, wenn Du ihn hie und da im Institut aufsuchst, wird er für Alles entschädigt sein. – Ich kann heute nicht mehr schreiben. Mein Kopf ist so schwer – ich kann nicht denken. – Schreibe mir bald, daß Du mich lieb hast – ein klein wenig lieb, und daß ich Dir wieder schreiben darf, in langen Pausen. – Ich will ja brav sein und meine Schreib­lust im Zaum halten. – Versuche es, mich zu verstehen. –




Dreizehnter Brief.

Meine Bitte kannst Du nicht erfüllen, es würden für Dich verschiedene Verpflichtungen daraus erwachsen, die lästig werden könnten. – Zudem bist Du nicht einmal überzeugt davon, daß Albert wirklich Dein Sohn ist! Du willst ihm Geld geben, viel Geld; damit, meinst Du, könne er sich später eine Frau erkaufen. – Wo Geld ist, würde nach dem Namen nicht viel gefragt. –

Unsere Korrespondenz ist unklug – Du findest es für besser, ganz abzubrechen. – Wenn ich in Not gerate soll ich Dir schreiben. – Im Uebrigen bist Du mir herzlich dankbar für manche schöne Stunde.               – – – – –

Und nun sitze ich hier und grüble und kann zu keinem Schluß kommen. – Entweder bist Du früher unwahr gewesen, oder – Du bist es jetzt. – Vielleicht unbewußt. Du bist in hohem Grade Stimmungsmensch, empfindest jetzt als Unrecht, was Dir vor Kurzem natürlich und groß erschien. – Du bist nicht mehr Du selbst, frei von Beeinflussungen. Du siehst Alles mit anderer Leute Augen. – Daß es aber dazu kommen könne, hätte ich nie gedacht. – Ich glaubte Dich fest und klar über Dich selber, so klar, daß Du nie etwas thun würdest, was Du nachher negiertest. – Ich hätte es begriffen, wenn Du mir geschrieben, daß Du mich innerlich überwunden habest. – Denn daß ein Mensch über den Anderen hinauswächst, ist selbstverständlich möglich, ohne daß irgend ein Teil Schuld trüge. – Und ich kann langweilig sein, kann Andere in Grund und Boden bohren. – Ich hätte besser zum Professor der Philosophie gepaßt, als zur Hetäre. –

Schwerfälligkeit ist ein Fluch für eine Frau. Der Mann läßt sie gar zu gerne zu seinem Vergnügen auf dem Seile tanzen, um, wenn sie herunterfällt und sich den Hals bricht, lächelnd den Hut zu ziehen und achselzuckend zu sagen – bedaure sehr, meine Gnädige – Sie hätten aber das Ereignis voraussehen können. Ich hätte auch wissen müssen, daß Niemand ernstlich mit einer Hetäre ein Verhältniß eingeht. – Einer solchen gegenüber giebt es keine Verantwortlichkeit, kein Gebot der Ehre. –

Ich habe nun Alles verloren. – Ich stehe in einer Wüste, ringsum tote, finst're Nacht. – Du hast wohl nie eine Vorstellung von der Tiefe meiner Liebe gehabt? – Ich habe kürzlich bei Heine eine Stelle gelesen, die Dir besser meine Gefühle wiedergiebt, als ich es mit meinen ungelenken Worten vermag. –

Er schreibt: »In der Jugend ist die Liebe stürmischer, aber nicht so stark, so allmächtig wie später. Auch ist sie in der Jugend nicht so dauernd, denn der Leib liebt mit, lechzt nach leiblichen Offenbarungen in der Liebe, und leiht der Seele allen Ungestüm seines Blutes, die Ueberfülle seiner Sehnenkraft. Später, wo diese aufhört, wo das Blut langsamer in den Adern sintert, wo der Leib nicht mehr verliebt ist, liebt die Seele ganz allein, die unsterbliche Seele, und da ihr die Ewigkeit zu Gebote steht, da sie nicht so gebrechlich ist wie der Leib, nimmt sie sich Zeit und liebt nicht mehr so stürmisch, aber dauernder, noch abgrundtiefer, noch übermenschlicher« – –

So hatte ich mir unsere Liebe gedacht.

Ich hielt das für undenkbar, daß Du je Dich ganz von mir lossagen würdest. Aeußerlich wollte ich Dich freigeben – Deine Frau, Deine Kinder sollten nicht leiden – aber ein zartes, undefinirbares Band sollte zwischen uns bleiben – hast Du ein Licht erlöschen sehen? Welcher Unterschied noch zwischen dem letzten schwachen Schein, dem Glimmen des Dochtes und der, dem Erlöschen folgenden Finster­niß, –

Das Schlimmste ist, daß ich so liebeleer geworden bin, daß ich Tage habe, an denen ich Dich hasse – Dich hasse, weil Du mir meine Liebe gemordet hast, meine große, süße, übermenschliche Liebe. –

Wo ist meine Liebe? –

»Wie kann etwas sterben, das unsterblich ist?« Ach Du bist nicht gestorben. Du bist nur krank geworden – unheilbar, aussätzig. – Und nun soll ich Dich pflegen, ich, die ich alles Kranke hasse, – kranke Leiber, kranke Seelen. – Auch meine Liebe für Albert hat sich in Haß verwandelt. – Er war mir ja nur wertvoll als ein lebendiges Zeugniß Deiner Liebe. – Und Du hast mich nicht geliebt, nicht so, wie ich glaubte.

Alles ist so klein geworden. Du, ich, unsere Erinnerungen – die Welt. –

Es giebt nichts mehr, kein Ziel, kein Streben. Was könnte Wert haben für mich ohne Dich! Selbst im Himmel würde ich stets an Dich denken, wäre böse aus die heilige Jungfrau, wenn Du sie liebevoll anblicktest. –

Wenn Albert mir nicht leid thäte, würde ich ihn töten, ihn und mich. – Wozu weiter leben nachdem das Leben sinnlos geworden ist? – Wenn ich Dich nur hassen könnte, aber Du bist ja edel, unendlich viel besser als ich. – Du bereust Deine Sünde. – Und ich? wenn am jüng­sten Tage der liebe      Herrgott mich strafend zur Rede stellt, werde ich sagen: »himmlische Majestät«, es thut mir leid, aber ich kann nicht bereuen. – Ich kann nur Sie bedauern, weil Sie nie so selig gewesen sind als ich.« –

Wenn ich nicht weiter zu leben vermag, so schreibe Dir keine Schuld zu. –

Auch im Tode küsse ich Dir die Hände und danke Dir für »das Glück«, das namenlose Glück. –




Brief von Anna an Therese.

Wei oft hast Du mich ausgelacht. Du Glückliche, und hast mir prophezeit, daß ich mit meinem bornirten Idealismus kläglich Fiasco machen werde! – Es ist wirklich so weit gekommen. Ich habe Alles verloren. – Das Resultat meines ganzen Lebens ist ein großes Null. – Ich habe nicht einmal mehr so viel Energie, zu Dir zu reisen und in Deinen Armen mich auszuweinen. – Bei Dir würde ich vielleicht neue Kräfte, neuen Mut finden. – Selbst jetzt in meinem Schmerz denke ich mit Entzücken an Dich, fühle wohlthuend den Druck Deiner festen, weißen Hand. – Mit tausend Freuden erinnere ich mich an eine Landpartie, die wir vor einigen Jahren zusammen machten. – Wir gingen durch üppige Kornfelder, Du schrittest auf dem schmalen Weg voraus und ließest die goldenen Aehren durch Deine schlanken Finger gleiten, sodaß es aussah, als neigten sie sich zu Dir. – Du hattest ein weichwallendes, weißes Kleid an, mit einem breiten grünen Gürtel, in dem ein großer Strauß roter Mohnblumen steckte. – Durch Dein samtweiches Haar hatte ich eine Hopfenranke geschlungen. – So botest Du ein Bild, das im Sonnenlichte berauschend war. – Wie ich Dich beneidete um Deine Gesundheit, Deine Kraft, Deine Schönheit, die wirkte wie ein feuriger, alter Wein. – Später, im Wald, saß ich Dir zu Füßen, ich hatte Deine Hände über meine Schultern gezogen und lehnte meine Wange daran. Du bogst Dich zu mir herab und küßtest mich: »Armer, kleiner Narr, denkst du wieder einmal an ihn, den herrlichen, der größer ist als alle anderen Männer? – Wie schade, daß ich ihn nicht gesehen habe, – vielleicht hätte er auch mich gefesselt und hätte mir zu dem Ernst verholfen, den Du so oft an mir vermissest.« –

In dem Augenblick zuckten Deine Hände; aufblickend sah ich Graf S. auf uns zukommen.

Da ich den Wunsch, mit Dir allein zu sein, sehr deutlich in seinen Zügen lesen konnte, stand ich auf und ging fort, um Blumen zu pflücken. – Er grüßte höflich und ließ sich mit einem sehr befriedigten Gesicht zu Deinen Füßen nieder. – Ich ging tiefer in den Wald hinein und setzte mich unter eine alte Eiche. – Ich versuchte es mir vorzusagen, daß ich auch glücklich sei, ich liebte ja auch, wenn auch nur eine Erinnerung.

Aber soviel ich mich quälte, ich konnte nicht glücklich sein, ich sehnte mich nach Wirklichkeit, nach Alberts Händen, nach seinen Lippen, vor allem nach seinen Augen, die begehrend und verheißend zugleich sein können. –

Ich beneidete Dich um Deinen Grafen, der mir doch gleichgültig war und der Dich glücklich machte. Aus der Ferne klang Dein helles, warmes Lachen zu mir herüber. – Ich weinte heiße, große Thränentropfen, sie fielen in's Moos, auf einen kleinen, lebenslustigen Käfer, der mit knapper Not sich aus dem Schmerzensmeer rettete. –

Ach die Sehnsucht! Du kennst sie nicht, ma belle amie, meine schöne, leuchtende Mohnblume – das Leben hat Dir alles gebracht, noch ehe Du begehrtest. Und mit Recht – Menschen wie Du, starke, gesunde, frohfühlende Menschen – Menschen die an einen heißen Sommertag erinnern, die haben das Recht über das Glück und die Liebe zu herrschen. – Beide scheuen alles halbe, krankhafte, schwankende. – Wäre ich ein Mann geworden, wie glücklich hättest Du mich gemacht. –

Damals blieb ich nicht lange allein. – Du mochtest ahnen wie es um mich stand. – Ihr kamt, mich zu holen. – Dein Graf hatte ein gutes Herz und freute sich über unsere innige Freundschaft. – Wie Du mich dann in Deine Arme nahmst, da wurde ich wieder froh und zufrieden. – Damals hatte ich noch die Kraft, in Deiner Gesundheit zu gesunden. – Damals hatte ich noch Erinnerungen, hatte ich einen Gott, dem ich im Stillen dienen konnte. – Aber jetzt bin ich haltlos. – Ich schrieb Dir, daß Albert wiederkommen wolle. – – Er hat auch Wort gehalten – wir haben wundervolle Wochen zusammen verlebt und – – Du denkst, jetzt könne ich wieder weiter leben mit meinen Erinnerungen. –

Ich weiß nicht, ob Du mich verstehen wirst, wenn ich Dir sage, daß ich Alles verloren habe. – Das vor Kurzem genossene Glück und die selige Nacht, die ich vor Jahren durchlebte. – Alles – Du bist viel klüger als ich. Du nimmst die Menschen wie sie sind, und wenn Du Genuß von ihnen hattest, so frägst Du wenig nach ihrem sonstigen Thun und Lassen. – Du hast den Stolz einer starken, selbstherrlichen Natur, die sich immer wieder aus sich selbst ergänzt, während ich stets einer Ergänzung von Außen bedarf. – Ich habe immer einen ganzen Vorrat von aesthetischen und geistigen Anforderungen, einen ganzen schwerfälligen Apparat, um das leichteste aller leichten beschwingten Dinge, das Glück, einzusaugen. Ich werfe mit dem Lasso nach Schmetterlingen. – Ich weiß, daß es so ist und kann doch nicht an­ders. –

So habe ich auch Albert ermüdet. – Er sah in mir das kluge, geistreiche Weib, das anbetend ihm zu Füßen lag und Weihrauch und Myrrhen darbrachte. – Er konnte nicht widerstehen, mich aufzuheben und meine Huldigungen anzunehmen. – Eine Zeitlang – dann wurde er müde. – Müde und tugendhaft. –

Er legt die Sache freilich anders dar. – Er hat hier mit mir gesündigt und will nun in den Armen seines reinen Weibes wieder genesen. – Er bereut und will nun ein neues Leben führen. –

Daß er unsere Liebe als Unrecht empfindet, das ist es, was ich nicht überwinden kann. – Für mich war sie die Verklärung, die Heiligsprechung meines ganzen Seins.

Ich glaubte, daß er sie auch so auffasse und daß er die Schönheit, die aesthetische Berechtigung unserer Beziehungen vor der ganzen Welt hatte rechtfertigen können. – Statt dessen würde er sicherlich nur Spott und Geringschätzung für mich haben – wenn Jemand ihn zur Rede stellte. – »München ist eine leichtfertige Stadt, wenn man dahin kommt« etc. etc. Er liebt seine Frau nicht mehr – er achtet sie, sie ist gut und treu (Kunststück, einem Manne wie Albert treu zu bleiben!) Aber geistig ist sie beschränkt und hat für seine Individualität kein Verständnis und keine Achtung. – Sie würde ihm natürlich eine Szene machen, würde sich wahrscheinlich scheiden lassen wollen. –

Das Alles hatte ich geglaubt, würde er tragen können. – Was man vor sich selbst verantworten kann, das kann man auch vor der Welt verantworten. – Er hat aber, wie ich jetzt glaube, die ganze Zeit über ein Gefühl von Unrecht, von »Verführtwerden« gehabt. – Manches, das ich früher nicht beachtete, macht es mir jetzt klar. –

Du begreifst trotz Deiner übersprudelnden Lebenslust, Deiner gesunden Rücksichtslosigkeit doch fein und tief. – Du wirst meinen Kampf verstehen. –

Ich habe keine Achtung für Albert mehr. – Er ist feig – und ein feiger Mann ist unter allem Häßlichen das Häßlichste – für mein Gefühl. – Und doch kann ich nicht loskommen von ihm! – Ich weiß, wenn er wieder zu mir käme, ich wäre im alten Bann. – Alles unschöne wäre vergessen. – Ich habe nicht die Kraft wieder auf die Suche zu gehen nach einem neuen Ritter ohne Furcht und Tadel. Es giebt große Männer, aber – die lieben eine Hetäre nicht, sagst Du. – Möglich. – Siehst Du, überall grinst mir das Verhängnis entgegen. Das Leben, die schöne, große Puppe, die ich liebte und so sorgfältig hegte und pflegte, ist zerbrochen. – Die Schnüre sind zerrissen, die Glieder hängen schlaff und lassen sich nicht mehr in die Höhe bringen. – Nun bleibt nur eins – sie wegzuwerfen. – Ich habe den Selbstmord nie für etwas Großes angesehen. – Es ist eine Verneinung des Persönlichkeitsbewußtseins – mit seltenen Ausnahmen. – Du sollst mich nicht bewundern, nur bemitleiden. – Ich bin auch feige. – Ich kann nicht mehr in diesem furchtbaren Zwiespalt leben. – Gott segne Dich, Geliebte, Du frohes, starkes Weib – aus Sonnenstrahlen und Mohnblüten geschaffen. – Wenn ich noch Kraft hatte, ich käme zu Dir, legte meinen Kopf in Deinen Schooß und küßte Deine Hände, die schlanken, weißen Hände, die ich so liebe.

Warum bin ich nicht ein Mann geworden?




Brief von Hermann an Albert

Lieber Freund!

Ich wurde vor einigen Tagen in die Wohnung unserer Freundin gerufen. – Ich fand sie und ihren Knaben leblos im Bett. – Der Arzt den ich rufen ließ, constatirte Tod durch Kohlengas. – Auf ihrem Schreibtisch lag ein Brief an mich adressirt, worin sie mich bat jeden Verdacht an Selbstmord niederzuschlagen. – Vermutlich aus Furcht, es könnten Dir Unannehmlichkeiten erwachsen, –

Sie bittet mich, für ein anständiges Begräbniß Sorge zu tragen und Dir die bezüglichen Rechnungen zuzustellen. – Sie meint es würde Dir Freude machen, etwas für sie zu thun. –

Ihr kleines Vermögen hat sie armen gefallenen Mädchen vermacht. –

Ich habe die Begräbnißkosten bezahlt und auch einen Grabstein bestellt – mit ihrem Lieblingsspruch: »Homo sum, humani nihil a me alienum puto.«

Die Quittungen sende ich Dir, um den Wunsch der Verstorbenen zu ehren. – Du kannst für den Betrag Messen lesen lassen – für Dich.