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Maria Nathusius – Tagebuch eines armen Fräuleins

Tagebuch

Maria Nathusius, Tagebuch eines armen Fräuleins, Verlag Richard Mühlmann, Halle, 1857


Plettenhaus, den 2. April.


Liebes Kind, sagte heute meine Tante zu mir, bilde dir nie etwas darauf ein, daß du ein Fräulein von Plettenhaus bist; vergiß es aber auch nie! Trinchen in ihrer Näh-Ecke räusperte sich, die Tante warf ihr einen strengen Blick zu und fuhr fort: dein seliger Großvater war erster Minister und wenn dein seliger Vater – Nicht den Engel geheirathet hätte, – platzte Trinchen dazwischen. Jungfer Katharine, Sie schweigen! sagte die Tante. Trinchen weiß, was die »Jungfer Katharine« zu bedeuten hat, und begnügte sich mit einigen Seufzern. Die Gute! Je höher die Tante thut und in die Luft wächst, je mehr beugt und fügt sie sich, bis sich plötzlich ihre Zunge theilt und sie mit Flammenworten redet. Wie dann der Tante Größe verschwindet, ihre Worte verwehen, wie Nebel vor den reinen Sonnenstrahlen. Ich dachte darüber nach und hörte nicht, was die Tante sprach, sie ward böse und sehr feierlich: – Rang und Stand sind Gottes Ordnung. Die Rose muß ihm als Rose blühen, das Gänseblümchen als Gänseblümchen. Es würde der Rose schlecht anstehen, sich hinabzubeugen zum Schmutz des Angers, und das Gänseblümchen wird sich vergebens bemühen, als eine Rose zu strahlen. So sprach die Tante und noch mehr; als sie schwieg, sang Trinchen leise:


Du bist ein guter Hirt,
Und wirst es ewig bleiben,
O Jesu gieb. daß ich
Dies mög' von Herzen glauben;
Laß hören deine Stimm',
Daß ich davon erwach'
Und als ein Schäflein dir
Gehorsam folge nach.

Ich kenne deine Stimm'
Und hör der Fremden keinen,
Die meine Seele nicht,
Sich aber selber meinen!
Der Miethling hält ohn' dies
In Noth bei mir nicht Stand,
Drum folg ich deiner Stimm'
Und deiner Hirtenhand.

O! daß ich möcht' auf dich,
O Jesu, mein Anliegen
Stets werfen, und in dir
Allein mein Herz vergnügen.
Hingegen stille sein.
Und sorgen ferner nicht,
Weil du als Hirte weiß'st.
Was deinem Schaf gebricht.


Bei diesen letzten Worten rannen der Tante die Thränen über die Wangen. Sie griff nach dem Taschentuch, ihre Finger waren so steif, sie konnte kaum zu den Thränen kommen. Ich kniete vor sie hin und mußte weinen, und Trinchen verließ schnell das Zimmer. Die arme Tante! Schmerzen quälen sie Tag und Nacht. Dazu die Sorge um meine Zukunft. Ich weiß nicht, was sie aus mir machen will. O du lieber Herr, sei auch ihr ein treuer Hirt, nimm die vielen Schmerzen von ihr und die Sorgen, gieb ihrem Herzen Glauben, laß es stille sein und sorgen ferner nicht, weil du als Hirte weißt, was allen uns gebricht.



Den 6. April.


Ich war schon früh auf, stand am offnen Fenster, die Luft so lau, und Duft und Thau und Frühling unter mir. Alles war noch still, nur Jacob stand unten im Garten am frischen braunen Grabeland. Ich lief ihm zu helfen, sein Rücken scheint mir seit einiger Zeit sehr steif und der Spaten schwer in der Hand; wenn es ihm nur nicht wie der Tante geht. Jacob wollte meine Hülfe nicht annehmen, er sah oben nach dem Fenster. Sie schlief noch, und Sünde ist es nicht, wenn ich ihm helfe; habe ich als Kind meinen Garten graben dürfen, darf ich jetzt ein größeres Stück. Er litt es nicht eher, als bis ich Handschuh angezogen und den großen Hut aufgesetzt hatte. Das war eine Lust! ich habe zweimal so flink gegraben als Jacob, dazu sangen die Amseln und Finken im Fliederbusch und die Lerchen hoch in der Luft, und am Himmel zogen lichte Wölkchen. Die Veilchen sahen dunkel aus dem frischen Grün, und die Vergißmeinnicht lichtblau und rosenroth im schimmernden Thau. Den Kastanienbaum aber über uns haben wir wachsen sehen; erst leuchteten die dicken braunen Knospen gegen den tiefblauen Himmel, es war uns, als hörten wir die Käpslein springen und fünf goldene Blättchen dehnten sich der warmen Sonne entgegen. Wenn ich nur wüßte, warum Trinchen jetzt trauriger ist als im Winter, sagte ich zu Jacob; ich kann mich vor Lust nicht lassen; kann es irgendwo schöner sein als bei uns? Jacob schüttelte traurig den Kopf. Unser Haus ist nicht zu groß und nicht zu klein, fuhr ich fort, es liegt auf einem Hügel und ist doch nicht viel daran zu klettern. Dort oben ist Schatten und Buchenwald und hier vorn Wiesen und Sonnenschein. Es ist einsam hier, man hört nur Mücken und Bienen summen, und doch sieht man vom Dorf dort die Schornsteine rauchen und hört in der Nacht den Wächter singen.

Das ist's ja gerade, unterbrach mich Jacob, wir hangen nur gar zu sehr an diesem Stücklein Land! Aber unser Kapitälchen schmilzt, liebes gnädiges Fräulein, der Garten aber wird nicht größer, und, Kindchen, du gebrauchst immer mehr. – Nahrungssorgen? stotterte ich erschrocken. – Haben wir! ja, fuhr Jacob fort, das alte Fräulein darf es nicht wissen. Meine Meinung ist nun die: – Jacob! rief Trinchen am Küchenfenster. Er wischte sich über den Mund und schwieg. Ich werde es aber noch erfahren.



Den 8. April.


Ich saß mit der Tante am offnen Fenster, es war dämmerig, der Abendstern stand am lichten Himmel, der Mond stieg voll und golden über dem feinen Buchengezweig hinauf, der Kinder Lärmen tönte vom Dorf herüber, mir war zu Muth, ich weiß nicht wie. Ich hatte nicht Ruhe in der Stube, ich hätte mögen in den Frühlingsabend hinaus, mit den Kindern lärmen, oder allein unter der Buche sitzen und nach dem Abendstern schauen. Die Tante war erst schweigsam. Du wirst wahrlich dem Trinchen ähnlich, sagte sie dann. Das freut mich! entgegnete ich. Die Tante aber sah wehmüthig aus, mir fiel ein, wie sie vor einiger Zeit erzählte: Trinchen hatte es nie weiter als zu einer Zofen-Schönheit gebracht. Die Tante träumt wachend und schlafend von ihrer Vergangenheit, vom Leben am Hof. Sie ward bewundert und gefeiert, alles ist vorüber. Sie möchte in mir eine zweite Louise von Plettenhaus sehen, sie erzieht daran so lange. Bewege dich nicht so schnell, sagt sie, oder: Sage nicht immer, was du denkst, oder: Wünsche nicht immer etwas vorzunehmen. Nachdem sie mich jetzt eine Zeit lang sinnend betrachtet hatte, sagte sie ganz leise: Das wäre die einzige Rettung! Ich merkte, daß es nur laut gedacht war, sie thut das seit einiger Zeit, besonders wenn sie den Tag viel Schmerzen hatte, und müde und abgespannt ist. Liebe Lulu, sagte sie dann laut, faltete die Hände und schaute nach dem Himmel: ich wünsche und bete jetzt nur, daß du Hofdame wirst. Ich küßte ihr die Hand. Wenn die Liebe zu mir ihr nur nicht so viel Sorge machte. Und warum sorgt sie sich? Ich bin so zufrieden, ich möchte nichts, nichts weiter, als leben wie ich jetzt lebe. Nur eines möchte ich, dem alten Jacob eine neue Livree schenken. Ich verschwieg ihr, daß mir Trinchen erst gestern sagte, ihr einziges Gebet sei, daß ich nicht Hofdame würde, und auch dem Onkel Hofmarschall nicht in die Hände fiele. So beten sie beide für mich, was wird der liebe Gott wohl thun?



Den 9. April.


So schöne Frühlingstage lassen einen nicht ruhen im Haus. Trinchen klagt über mein Zeitverthun. Doch stehe ich früh auf; Trinchen hatte heut zu plätten, Jacob war bei dem Kartoffel-Legen, ich half ihm die Stücken in die Löcher werfen. Wir säen jetzt, wer weiß wie es aussieht zur Ernte! sagte er seufzend. Der Himmel wird wie jetzt über uns sein, und der liebe Herr auch, entgegnete ich. Der Alte wird mich bald mit seinen Seufzern ärgerlich machen. Er wischte sich mit der Hand über den Mund, ein Zeichen, daß er schweigen will. Es that mir fast leid, es wäre jetzt gute Gelegenheit gewesen, seine Geheimnißthuerei zu erforschen. Doch war der Morgen zu schön und ich zu fröhlich. Ich ging, für die Ziege Futter zu holen. Oben an der Weißdornhecke standen die blauen Veronika fußhoch, ich machte mir eine hohe blaue Krone und die Liese hat sich mit meinem Kopfputz ein Gütchen gethan, sie gerieth so in Eifer, daß mir fast um meine Locken bange wurde.



Den 10. April.


Ich war gestern Abend sehr traurig, auch heut Morgen. Trinchen fragte mich, ob mir so ein >Kummerleben gefallen könne? Was soll ich aber thun? Die Tante versichert, ich habe so viel gelernt, um den höchsten Ansprüchen zu genügen. Ich machte gern zuweilen eine englische oder französische Ausarbeitung oder eine Tapisserie-Arbeit, es fehlt mir an Papier und an Wolle und Kannevas. Die Tante findet beides unnütz, Trinchen auch. Was verlangt sie nur? Ich übe täglich zwei Stunden auf dem Klavier, und zeichne auch, außerdem weiß ich nichts vorzunehmen, die Tante versichert, in unserem Stande sei das nicht anders. Trinchen schüttelt den Kopf. Sollt ich mit an Trinchens Chemisettes nähen? Für wen sind die? Für irgend einen Vetter! – das würde sich nicht schicken.



Den 11. April.


Ich ging mit dem Strickzeug am Bach entlang. Unten auf dem Anger war Gänseriekchen mit ihrer ganzen Gesellschaft. Wie die weißen stattlichen Mamas so eifrig mit einander parlirten, und wie die weichen, goldenen Gisselchen so geschäftig an den weißen Blümchen und grünen Gräslein herumputzten. Gänseriekchens Rufen und Schreien klang recht häßlich dazwischen. Sie beklagte sich, wie die Thiere so unartig seien, seitdem ihr Hund gestohlen ist, sie lief von einem Ende zum andern, bald sollten sie dort nicht fressen, bald nicht in den Koth gehen, und während sie für ihre Gänsekinder so große Sorge hatte, kümmerte sie sich nicht um die eigenen, die gar schmutzig am Bache lagen. Warum hast du deine Zöpfe nicht glatt gekämmt und warum hast du dich nicht gewaschen? fragte ich das älteste Mädchen. Sie sah mich sehr dumm an, und ich glaube, in ihrem Gesichte war zu lesen: warum soll ich mich waschen und kämmen? Ich ärgerte mich über das Mädchen, denn das kleine Schwesterchen, das neben ihr auf dem Rücken lag, sich nicht allein aufrichten konnte, ließ sie ruhig weinen und plätscherte gleichgiltig mit den Füßen im Bach. Ich richtete das Kleine auf, es sah entsetzlich schmutzig aus, ich wusch ihm Hände und Gesicht und strich ihm das Haar glatt, da wurde es allerliebst. Das große mußte sich in dem Bach sehen, wie es zottelig aussah, es mußte sich auch waschen und die Zöpfe glatt streichen, und dann wieder sehen, wie es nun aussah. Es lachte mich jetzt freundlich an. Weißt du nun, warum man sich waschen und kämmen muß? fragt' ich wieder. Wenn es nicht blöde war, hätt' es gewiß gesagt: Weil es gut aussieht. Ich freute mich, aber ich muß gestehen, daß es mich ekelte bei der Arbeit, auch konnt' ich mich nicht entschließen, mein Taschenkämmchen dazu zu nehmen. Das Mädchen hat mir versprochen, sich und das Schwesterlein morgen früh zu waschen und zu kämmen.



Den 12. April.


Sie hat es doch nicht gethan und sah so schlimm als gestern aus. Ich hielt ihm eine Strafpredigt und sagte auch Rieken, warum sie die Kinder mehr verwildern lasse als die Gänse. Rieke sang ein Klagelied, wie die Kinder sich so beschmutzen und das Zeug vom Leibe reißen, und sie gar nicht Zeit genug habe, ihre Wildheit zu bändigen. Die Große könnte schon stricken, sagte ich, sie thut den ganzen Tag nichts, und Müssiggang ist aller Laster Anfang. O dazu ist das Mädchen zu dumm, entgegnete Rieke, sie begreift's im Leben nicht, es steckt gar kein Menschenverstand in ihr, Gott sei's geklagt, die Kinder sind dummer wie die Thiere. Ja Fräulein, die Thiere sind nicht dumm, die Große mit den schwarzen Flügeln kennt mich und versteht jedes Wort. So ähnlich sprach Rieke mehr, ich ließ sie ausreden und machte die Menschenkinder rein und glatt, und nahm heut auch meinen Taschenkamm. Dann habe ich zwei Nadeln aus dem Strickzeug gezogen und machte mit dem Mädchen einen Versuch zum Stricken, ich glaube gewiß sie würde es lernen. Das sollte mich gar zu sehr freuen. Als ich zu Hause kam, war die Tante ungehalten über meine langen Wanderungen. Trinchen bat für mich: Wandern durch Wiese und Wald ist ihre Jugendfreude, sie hat sonst wenig hier. Die Tante schwieg und gab damit die Erlaubniß zu ferneren Wanderungen. Aus Liebe zu mir thut sie es, sonst möchte sie mir gern vornehmere Zerstreuungen anbieten.



Den 18. April.


Hinter dem alten Gewächshaus habe ich jetzt meine Schule eingerichtet. O es ist sehr hübsch. Dortchen lernt stricken und die kleine Liese lernt artig sein, und dazu lernen sie beide schöne Verse. Ich bin klein, mein Herz ist rein, niemand soll drin wohnen als Herr Jesus allein. So haben sie beide heute gelernt. Dem Dortchen erklärt' ich, was ein reines Herz sei, so wie die Hände und das Gesicht könnten rein und schmutzig sein, so könnte es auch das Herz. Vor den einfältigen Kindern darf ich auch in meiner Einfalt reden, und ich weiß wohl, daß der Herr dort oben kann meiner Einfalt Kraft geben. O wenn ich doch den Kindern helfen könnte.



Den 20. April.


Meine Schule ist bis zu sechsen angewachsen. Zwei Mütter brachten mir selbst ihre Kinder. Die Tante findet es sehr herablassend von mir, Trinchen lobt mich. Aber nicht deswegen freut es mich allein, ich fühlte mich nie so wohl und freudig. Die Kinder waren zwei Stunden bei mir, zugleich nähte ich an Trinchens Chemisettes. Nachmittag habe ich geübt, gezeichnet, im Hause geholfen, und kam erst spät zu meinen Wanderungen. Trinchen, das Kummerleben soll aufhören, sagt' ich. Mit Gottes Hülfe, Amen, entgegnete sie. Die Tante ging früh zu Bett, Trinchen saß mit mir unter der Buche. Liebe Lulu, du hast bis jetzt noch wenig Lust zu nützlichen Beschäftigungen gehabt, sagte sie. Ich schwieg. Sie hat wohl Recht, mir war es nie angenehm, lange bei einer Arbeit zu sitzen; die Tante sagt zwar, ich habe es nicht nöthig, auch thut Amtmanns Adelheid noch weniger als ich. Das letzte sagt ich Trinchen. Ja wohl ist's betrübt, daß die meisten jungen Mädchen nichts thun, daß so viele junge Kräfte vergebens in der Welt sind. Denke dir, auf welch ein Heer von Nichtsthuern die liebe Sonne scheint. Mir ward bange bei diesen Worten, ich mußte mir gestehen, daß ich ein Mitglied dieses Heeres sei. Der Herr hat jedem jungen Mädchen ein reichlich Pfund gegeben, fuhr Trinchen fort, sie könnten herrlich damit wuchern, aber sie vergraben es tief und lassen die Nesseln und Dornen der Eitelkeit und der thörichten und unreinen Gedanken darüber wuchern. Der Herr wird sie einst zur Rechenschaft ziehen. Trinchen sprach noch mehr, ich will es in meinem Herzen behalten. Sie sagte auch: daß Mädchen, die in der Welt leben und mit der Welt leben, ihre Zeit verthun und verschlafen, wie die thörichten Jungfrauen, das ist nicht zu verwundern; wenn es aber Mädchen, die den Herrn kennen und ihn lieben und ihm dienen möchten, den thörichten Jungfrauen nach­thun, ist es zu verwundern und sehr betrübend. Trinchen ging fort und ich mußte weinen. Was habe ich denn gethan dem Herrn zu Liebe? Nichts, gar nichts. Ich bin des Morgens aufgestanden und habe mich gefreut und gedankt, daß ich lebe und daß ich glücklich bin, ich habe auch gesagt: ich bin zu geringe aller Barmherzigkeit; aber ich habe nichts gethan, ich habe nur gedacht, wie ich den schönen Tag möchte schön hinbringen, und wenn es anders ging, wie ich dachte, war ich verdrießlich, konnte auch unfreundlich sein gegen die, die mich lieben. Ich danke dir, lieber Herr, daß du mir die Augen aufgethan, und nun gieb mir Kraft, dir zu dienen. Aber wie? In der Nacht wacht' ich auf, ich sprach mit Trinchen. Wie kann ich nur ein anderes und nützliches Leben führen? fragte ich. Kind, sorge dich darum nicht, für dich wird der Herr selber sorgen. Er wird dir ein Kräutlein schicken, das heißt: Muß und Noth. Ich verstand sie nicht, doch sollt' ich in der Nacht nicht weiter sprechen. Trinchen will mich demüthig machen, weil sie fürchtet, die Tante macht mich hochmüthig; sie hat es aber gewiß nicht nöthig. Die Geschichte mit dem Kleide wird ihr im Sinne liegen, ich war sehr unfreundlich, aber ich habe mir vorgenommen, ich will mit allem zufrieden sein, was sie mir auch anziehen mag.



Den 22. April.


Der Frühling wird immer prächtiger, alles strebt und treibt der Sonne entgegen, die grünen Erbsenpflänzchen stehen wie die Soldatenreihen auf dem braunen Boden, Gesträuch und Unterholz schimmert wie in lichter grüner Seide, und die Knospen werden sich nicht mehr lange halten können. Jacob war unzufrieden mit meiner Kolonie am alten Gewächshaus; seitdem Lieschen und der kleine David ihm die Sperlinge von den Saatbeeten verjagen müssen, ist er's zufrieden, ja fürstlich will er die Kinder belohnen.



Den 26. April.


Sofie Bischofs kam heut so spät, ich fragte warum? Ich mußte die Chemisettes zu den Herrn Verwaltern tragen, war die Antwort. Welche Chemisettes? Die Jungfer Trinchen meiner Mutter gebracht hat. So ist mir denn ein Licht aufgegangen, alles, alles klar! Nahrungssorgen haben wir, sagt Jacob, Trinchen näht für Geld, die Tante wird getäuscht. Sie würde in Verzweiflung sein, wenn sie wüßte, ich hätte Chemisettes für die Verwalter genähet. Und ich? o ich will nähen, will arbeiten vom Morgen bis Abend und Trinchen die Sorgen abnehmen. Als die Kinder fort waren, trat ich zu Trinchen an den Herd. Wie viel Geld bekommst du für eine Chemisette? fragt ich ruhig. Sie ward feuerroth und sah mich erschrocken an. Ich fühlte mich sehr stolz, ich wußte ihre Geheimnisse und war nicht traurig darüber, nein sehr freudig, daß ich von jetzt an eine wichtige Person im Hause sein sollte, denn ich will Geld verdienen, ich will die Haushaltssorge theilen, ich will die Stütze meiner Tante, die Stütze des ganzen Hauses sein. Trinchen konnte mir nicht widerstehen, ich bin kein Kind mehr, ich mußte alles wissen, ich weiß nun alles. Unser Kapital ist aufgezehrt, der Garten kann uns nicht ernähren. Jacob thut sein Möglichstes, er verkauft Gemüse und feines Obst und Blumen an Oberförsters, und wir bekommen wie die andern Armen des Dorfes das Holz für die Taxe. Trinchen näht für Geld und hat es möglich gemacht, daß Jacob der Tante jeden Morgen ein Täßchen Chololade servirt. Mit Gottes Hülfe soll sie es auch ferner haben, ich werde viel Geld verdienen. Hofdame werde ich nicht. Die Tante hat deswegen an den Hofmarschall geschrieben, die Tante hofft, ich soll dort mein Glück machen und Geld vom Gehalt erübrigen. Trinchen versichert, eine Hofdame mache eher Schulden als Ersparnisse. Sie will mich lieber zur Gouvernante machen bei einer Familie auf dem Lande; hier könnt ich sparsam sein und die Tante unterstützen. Dazu habe ich wahrlich nicht Lust, ich bleibe hier, ich arbeite. Die Armuth soll mich nicht kümmern, ich bin sehr glücklich, es wird schon gehen. Wenn ich täglich zwei Chemisettes nähe, werde ich 4 Groschen verdienen, das ist doch wohl viel Geld? Sollt ich auch in der Schule nicht für Geld stricken lassen? Pläne durchkreuzen meinen Kopf.



Den 1. Mai.


Die Sache wäre eigentlich traurig, doch folgten Trinchen und Jacob meinem Beispiel, wir haben uns herzlich darüber vergnügt. Die Tante kündigte uns an, sie wollte Visite machen bei Amtmanns, eine gewisse Herablassung sei von Zeit zu Zeit sehr angemessen, Jacob sollte mit den Visitenkarten und der neuesten Livree sich bereit halten, Trinchen soll für unsere Toiletten sorgen. Die Tante hat vergessen, daß diese Livree zu meiner Taufe angeschafft wurde, ungefähr jetzt 18 Jahr, und daß es kaum von Jacob zu verlangen ist, sich vor den Leuten darin zu zeigen. Doch Jacob versicherte uns, er sei bereit, das liebe Fräulein anzumelden, und Trinchen möchte ihm nur um und anthun nach Belieben. Ich wollte mich nicht weniger großmüthig zeigen und übergab mich auch ganz und gar Trinchens kunstfertigen Händen. Während sie aus einem früheren Peignoir der Tante mir eine großblumige Mantille heftete, die breite blaßrothe Schärpe sowie die Manschetten und Taschentücher plättete, der Tante Sammethut bürstete, und mir eine Feder von einem alten Toque der Tante auf den Hut steckte, näht' ich auf Jacobs Kragen und Aufschläge die Ueberreste einer schwarzseidenen Täntelschürze. Die Tante sah noch ganz stattlich in dem spiekerfarbigen Tafftkleid aus, ich aber fand mich sehr wunderlich, als ich mich in dem Spiegel sah; doch schwieg ich, Trinchen schien sich wirklich über mich zu freuen, sie stand so lange in der Gartenthür, bis unser Weg sich in den Wiesen verlor. Ich muß gestehen, ich fühlte mich etwas beklommen, als wir in den Amtshof traten. Der Herr Amtmann stand mit den Verwaltern unter der Linde. Seine Frau und Adelheid saßen oben in der Hausthür. Sie waren heut schon von Tisch, die Tante wählt zu ihren Visiten gewöhnlich die Zeit, wo bürgerliche Leute bei Tische sind. Adelheid kicherte, die jungen Herrn wandten sich um, ich sah etwas angstvoll auf Jacob, der ging aber ganz gefaßt und unbefangen hinter uns, kam jetzt mit seinen besten Manieren und ließ sich von der Tante die Karte geben, um uns anzumelden. Dies war nicht nöthig, der Herr Amtmann kam uns entgegen. Vorher sah ich, wie er den jungen Leuten einen bösen Blick zuwarf. Er sprach mit der Tante von dem Glück und von der Ehre, sie bei sich zu sehen, und küßte ihr die Hand. Mir traten zwei Thränen in die Augen, alle Verlegenheit war verschwunden, ich fühlte nur Dankbarkeit gegen die guten Leute. Aus Mitleid sind sie höflich und freundlich, auch die Frau Amtmännin that der Tante alle Liebe und Ehre an. Die Tante sprach mit Adelheid englisch, sie lobte ihre Fertigkeit und tadelte ihre Aussprache. Die Frau Amtmännin beklagte, daß Adelheid seit dem halben Jahr, wo sie aus der Residenz sei, nie Gelegenheit hatte, englisch zu sprechen, und bat zugleich, ob wir Mädchen nicht zuweilen zu einander kommen könnten. Ich freute mich dazu, die Tante zeigte sich nicht abgeneigt. Sehr gern, sagte sie, wenn Lulu nur nicht bald dem Rufe als Hofdame folgen muß. Oder als Gouvernante, setzte ich schnell hinzu. Es war nicht mein Ernst, aber unwillkürlich mußte ich der stolzen Aeußerung der Tante etwas anderes entgegensetzen. Die Tante sah mich ernsthaft an, doch wandten wir das Gespräch. Die Amtmännin ist eine sehr gutmüthige Frau, sie hat dem Jacob nachher fast eine halbe Kalbsbrust in die Tasche gesteckt. Mir kam es sehr demüthigend vor, und ich möchte gewiß kein Fleisch essen, sollt ich es so geschenkt haben. Trinchen aber spricht anders. Es ist eine Prüfung vom Herrn, so Almosen nehmen zu müssen; wir wollen mit Geduld unsern Nacken beugen und ihm doch sehr danken, wenn er zuweilen solche Hülfe schickt. Die arme Tante! wir fürchten, sie wird auch an den Füßen lahm wie an den Händen, ich bemerkte, wie ihr der Weg nach Amtmanns viel beschwerlicher wurde als sonst.



Den 10. Mai.


Seit acht Tagen regnet es unaufhörlich, im Frühling mag mir das Wetter nicht behagen, ich könnte fast schwermüthig werden. Die Kinder kommen regelmäßig, wir sitzen im alten Gewächshaus, Jacob hat die Lücken vernagelt, wo Regen durchkommen wollte. Die Kinder sind trotz des schlechten Wetters sehr vergnügt. Und ich? – o lieber Herr, ich habe wohl Ursach, vergnügt zu sein. Es ist noch ein Ueberrest vom Kummerleben, sagt Trinchen, je mehr du deine Hände regst, je frischer wird dein Sinn sein. Sie hat Recht, ja ich will vergnügt sein, weil es doch gar zu sündhaft ist, so ganz ohne Ursach so eigentlich aus Langerweile verdrießlich sein zu wollen.



Den 11. Mai.


Es regnet noch immer. Mich kümmert's nicht, wir haben ein schönes Frühlingslied gelernt, auch können wir »Ach bleib mit deiner Gnade« zur Tante Geburtstag zweistimmig singen. Nachmittag habe ich meine Schubladen aufgeräumt, recht gründlich. Trinchen sagt: wie es in den Schubladen eines Mädchens aussieht, so auch in dem Herzen. Ich muß gestehen, da ist's bei mir oft bunt durcheinander. Aber Trinchen hat Recht. O daß ich meine Gedanken könnte im Zaum halten, und mein Herz mit Gottes Wort züchtigen, und ich mein nicht schonete, wo ich fehlte.


O! wie werd' ich der Gedanken, und der Fantasien los?
Meide nur den Müssiggang, wach', und laß dein Herz nicht offen.
Bau nicht Schlösser in die Luft. Will das Herz auf's Eitle hoffen,
Oder sich mit Sorgen quälen; wirf die Sorg in Gottes Schooß,
Denk, er hat es schon versehen, wie es künftig soll ergehen;
Drum so hilft kein eitles Hoffen, glaub', es ist ein süßer Traum.
Ueberfallen dich Gedanken, dämpf und halt sie gleich im Zaum,
Denke, daß die Zeit verdirbt, und viel Sünden draus entstehen;
Schon und hege sie nur nicht; bete gleich, nimm Gottes Wort;
Denk auf das, was himmlisch ist; so zehn Weltgedanken fort.



Den 12. Mai.


Die Nachtigallen haben mich aufgeweckt. Ich lief in den Garten, o welch eine Herrlichkeit! Der Himmel so rein und weit und blau, frisch duftete das junge Birkenlaub, an den dunkelen Tannen hingen hundert und hundert strahlende Diamanten, maigrün schimmerte das Laub der Buchen und golden das der Eichen. Acht Tage hatte der Regen einen Schleier über den Frühling gelegt, darunter aber hat es getrieben und sich geregt und sich entfaltet, der Schleier ist gehoben, das Wunder ist da. Ich stand unter dem Kirschenbaum, leise wehten die silbernen Zweige gegen den tiefblauen Himmel, und der Apfelbaum drüben schimmerte rosig in seinen schwellenden Knospen. Das war ein Leuchten und Schimmern und Blühen, und ein Jubiliren, das hüpft auf den Hecken, in den Zweigen, die Vögel singen, die Käfer schwirren, die Bienen summen. Ich habe mein Herz weit aufgethan, habe tief in den blauen Himmel geschaut. O lieber Herr, möchte doch mein Herz ein rechter Gottesgarten sein, und treiben und blühen und streben himmelan. O ich könnte traurig sein, daß ich so arm, so elend bin, daß in meinem Herzen Nesseln und Dornen der Thorheit wuchern, aber ich bin so glücklich heut, ich habe dich lieb, Herr, und ich darf auch als ein armes hilfloses Kind zu deinen Füßen sitzen, darf tief in deinen blauen Himmel schauen, darf mich freuen an deinen herrlichen Wundern.



Den 24. Mai.


Jacob weiß sich vor Arbeit nicht zu lassen, es treibt und wächst ihm alles über den Kopf. Heute haben wir Kinder ihm die Erbsen gehackt und die Bohnenstangen eingesetzt. Zum Dank bekam jedes Kind eine Schürze voll Salat, der ist bis in die Lüfte geschossen, wir sammt der Ziege können ihn nicht mehr bezwingen. Trinchen hat schon seit zwei Tagen ihr Kopfschmerzentuch um, sie spricht nicht davon, aber wir merken's wohl.



Den 10. Juni.


Ist es möglich? Zwei Thaler sechszehn Groschen habe ich verdient, sie sind mein. Trinchen sah wehmüthig aus, als sie mir das Geld gab, ich aber habe ihr vor Freude die weiße Mütze zerknödert. Dann lief ich zu Jacob, ich mußte etwas Besonderes unternehmen, ich tanzte ihm einen Contretanz vor, er mußte dazu sein Lieblingslied singen: Als die Preußen marschirten vor Prag. Die Melodie paßte gut, ließ er auch einige Takte fort, so machte ich einige Sprünge mehr. Darauf gab ich Jacob 4 Groschen, für 2 Gr. sollte er Kaffeebrod holen, Trinchens Lieblingsessen, für 2 Gr. ein Paket Luisiana. Er rauchte früher selten anders, das sind Erinnerungen aus besseren Zeiten; die Zeiten sollen aber wiederkommen, sollt ich Tag und Nacht arbeiten. Jacob wollte das Geld nicht nehmen, er wollte es nicht so durch den Schnabel jagen, aber er mußte. Es ist ja mein Geld. Was werde ich nun mit dem übrigen machen?



Den 12. Juni.


Trinchen hatte das braune Kreptuch noch immer über der weißen Mütze. Ruhige Morgenstunden, wußte ich, sind das beste Heilmittel, ich stand heimlich auf, sie würde es mir nicht erlaubt haben, ich kochte der Tante Chocolade, für uns drei den Eichelkaffee. Ich bin überzeugt, ich habe das so gut als Trinchen gemacht. Ich wollte mich zum Nähen hinsetzen, doch war es noch dämmerig, ich war zu früh aufgestanden, noch regte sich nichts im Haus und nichts im Garten, nur die Nachtigallen sangen, meine Augenlieder wurden mir immer schwerer, ich schlief auf dem Stuhle ein. Da weckten mich Trinchens Scheltworte. Sie lasse mich allerhand Albernheiten treiben, doch sollte ich ihr nichts in der Küche verderben! Chocolade sei dreimal so viel verbraucht, und sei um kein Haar besser dafür, es sei zum allerwenigsten ein sehr dummer Gedanke gewesen, der mich in der Nacht aus dem Bett getrieben. – Ich war starr vor Verwunderung und vor Zorn, aber ich nahm mich zusammen. Jungfer Katharine! sagte ich nur sehr ernsthaft und verließ das Zimmer. Ich setzte mich unter die alte Buche und habe weinen müssen. Da hat Trinchen nicht mit Flammenworten geredet, es sprach der leidige alte Adam aus ihr. Sie denkt, aus Albernheit habe ich mir den Nachtspaß gemacht, und habe dabei die Chocolade genascht. Es ist entsetzlich, daß ein Mensch so schlecht von mir denken kann! Ich habe nicht frühstücken können, es saß mir wie ein Pfropf im Halse, ich blieb außen und habe Schule gehalten. Aber wunderbar ist's, was ich im Bogatzki aufgeschlagen: Wer sich gern läßt strafen, wird klug werden. Wer aber ungestraft sein will, der bleibet ein Narr, ob er auch ein großer Weltweiser wäre. Darum sollen wir die Bestrafung, ob sie auch nicht so lauter wäre, dennoch annehmen, und keine Disteln und Dornen sein, die den, der sie berührt, alsbald empfindlich stechen. Es kann nichts so böse von uns gesagt werden, das nicht der Wurzel nach noch in uns ist; und ob wir auch wohl unsere Schwachheit selbst erkennen und dawider kämpfen, so geschieht's doch nicht so ernstlich, daß wir immer siegten: daher kommt uns Gott mit einer auch wohl harten Bestrafung von anderen zu Hülfe: denn Gott brauchet auch der anderen Fehler zu unserem Besten. Nehmen wir da alles als von ihm allein an, und kämpfen desto mehr wider dieselbe Schwachheit, daß wir unserem Nächsten nicht ferner anstößig sein, so haben wir gewiß einen Sieg und Segen; werden wir aber ungeduldig, brauchen viel Entschuldigungen, und wollen nichts auf uns sitzen lassen, so machen wir das Uebel ärger, und versäumen unsere und anderer Besserung. Herr, bessere uns, und gieb Geduld. Denn wer dem Leiden will entlaufen, den verfolgt es erst mit Haufen. Hilf so die Lieb in Demuth üben, daß wir auch die uns strafen lieben.

Ich kann mich nicht überwinden, damit einverstanden zu sein. Trinchen sollte mich besser kennen: ich der armen Tante die Chocolade wegnaschen! – Der Pfropf steigt mir bei solchen Betrachtungen immer höher in den Hals und ich habe mich den ganzen Tag mit dem Gedanken beschäftigt, was ich thun solle, um Trinchen von ihrem Unrecht zu überzeugen. Sie hat ihr Kopfschmerzen-Tuch um und sieht bleich aus, sie fühlt vielleicht ihr Unrecht, sie möchte mir nahe kommen, doch habe ich es vermieden.



Den 13. Juni.


Ich konnte gestern Abend nicht einschlafen, es saß mir ein Schwert im Herzen, und als ich einschlummerte, hatte ich einen wunderlichen Traum. Beim Erwachen sah ich nur die Worte: Du sollst deine Feinde lieben. Ich habe mir das nie schwer gedacht, meinte immer, ich sei sehr liebreich und versöhnlich. Ist denn Trinchen mein Feind? dachte ich. O wie schwer ist's, Unrecht leiden. Ich stand auf und sah in ihre Kammer. Der Mond schien in ihr bleiches Gesicht, sie hatte die Hände gefaltet. Ich mußte weinen, ich ging zurück und trat an mein Fenster. Der Vollmond stand am Himmel und goß sein Silberlicht über die ruhende Welt. Ich schaute in das tiefe Blau, ich hätte des Himmels Reinheit und Stille in mein Herz ziehen mögen. Ich habe gebetet, recht innig habe ich gebetet, und da war die Beängstigung von der Brust, mir war wohl. O du lieber Herr, ich schäme mich und gräme mich, daß ich nicht wollte so Geringes leiden, daß ich den Tag lang nur an mich selbst gedacht, nicht die Kraft hatte, deiner zu gedenken. Alle Unruhe ist vorüber, ich wußte auch, was ich zu thun hatte. Ich legte mich wieder, ich schlief ruhig, früh stand ich auf, kochte Chocolade und Kaffee und schlief nicht wieder ein. Als Trinchen aufstehen wollte, bat ich sie freundlich, es nicht zu thun, sie sei krank, und wenn ich es auch nicht recht mache, so wolle ich doch heut die Wirthschaft besorgen. Sie sah mich groß an, dann nahm sie meine Hände, küßte sie und weinte. Ich habe mit geweint. O lieber Gott vergieb mir, daß ich Arges von ihr dachte, sie hat mich eigentlich viel zublieb, denkt zu gut von mir, mehr als ich es werth bin. Zur Morgenandacht stand sie auf, mußte sich aber wieder legen.



Den 20. Juni.


Mir ist so bange, als ob mir ein Unglück nahe wäre. Trinchen liegt seit acht Tagen am Katarrhalfieber. Seit gestern ist sie etwas besser. In den acht Tagen mußt' ich dreimal die junge Schneiderfrau besuchen. Sie liegt seit 21 Wochen an der Auszehrung, Trinchen war oft bei ihr und hat sie gestärkt und getröstet. Sie fragt mich jedesmal, ob Trinchen nicht bald käme. Der Herr wird mich doch nicht sterben lassen als bis sie wieder bei mir ist, sagte sie gestern. Es thut mir so leid, ich bin so stumm und weiß nichts zu sagen, höchstens kann ich ihr ein Kapitel aus der Bibel oder einen Liedervers vorlesen. Doch auch darüber freut sie sich, und jedesmal wenn ich eintrete, lächelt sie mich an. Sie wird aber immer schwächer, und mir ist bange, sie stirbt, ohne Trinchen wiedergesehen zu haben.



Den 28. Juni.


Gestern Abend wurde ich wieder aus dem Bett geholt. Der Schneiderin ältestes Töchterchen stand weinend vor der Thür. Die Mutter stirbt, Jungfer Trinchen möchte kommen, sagte sie. Trinchen konnte nicht aufstehen, es war unmöglich, sie schickte mich. Der Herr stärke dich, wir vermögen nichts als durch ihn, sagte sie. Das Kind war schon vorangelaufen, ich stand erst auf dem Hügel unter der Buche. Ich hatte noch nie einen Menschen sterben sehen, mein Herz schlug heftig. Und was sollt' ich der Armen sagen? Ich wußte nichts. Ueber mir funkelten die Sterne am klaren Himmel, ich kniete nieder, ich schaute hinauf. Ich sprach den Glauben. Da ward mein Herz immer voller. Du lieber Herr, du bist zu uns gekommen aus deinem schönen Himmel aus lauter Liebe allein, du wolltest uns Frieden bringen, du bist für uns gestorben, hast dich für uns geopfert, auf daß unsere Sünde von uns genommen würde. Du hast die Pforten der Hölle überwunden und uns den Himmel aufgethan. O lieber Herr und Heiland, komm jetzt und hilf einer Sterbenden. Ich trat in die Krankenstube. Die Mutter lag bleich im Bett, Vater und Kinder standen dabei. Jungfer Trinchen nicht? sagte leise die Kranke. Was soll Jungfer Trinchen? fragte ich freundlich. Mir helfen, ich muß sterben. Menschen können dir nicht helfen, sagte ich, unser lieber Herr und Heiland kann dir jetzt allein helfen, wir wollen ihn bitten, daß er zu uns kommt. Die Kranke nickte. Lieber Herr komm, sagte ich, – mir ward so wunderbar und auch die Kranke lächelte. Ich sprach den Glauben, sie sprach ihn leise nach, ihre Stimme ward immer matter, mir ward wieder bange. Ich kniete nieder, Vater und Kinder mit mir, wir sangen: Jesus meine Zuversicht. Die Kranke sah immer seliger aus; wie hat es mich durchbebt, daß er uns geholfen, o möcht ich es nie vergessen. Sie war gestorben während des Singens, ich weinte mit dem Vater und den Kindern und ging bald fort. Unter der Buche habe ich noch lange gesessen, es war still, sehr still, die Sterne funkelten, ich vergaß die Gegenwart, es war, als ob ich tief in die Zukunft hineinschaute, als ob mein Leben schon hinter mir läge. Glück und Unglück schienen mir so gleich, Trinchens kummer- und thränenreiches Leben so reich. Ich ging durch den Garten, die Rosen blühten, die Linden dufteten, wie schön und süß ist eine blühende Rose. O glücklich sein ist auch schön, könnt ich doch Trinchen und die arme Tante glücklich sehen.



Den 18. Juli.


Der Onkel Hofmarschall hat geschrieben, so kurz und hart, die Tante ist gebrochen. Gott Lob, daß Trinchen wieder wohl ist. Er nennt es eine Thorheit, daß die Tante mich zur Hofdame bestimmt, viele junge Mädchen des Landes, Töchter verdienstvoller Männer streben danach vergebens, er schlägt mir eine Gouvernanten-Stelle vor, bei einer Frau von Schlichten in Braunsdorf. Trinchen ist nur der Tante wegen betrübt, mit der Sache ist sie einverstanden. Das wird morgen ein trauriger Geburtstag werden.



Den 17. Juli.


Ich legte den Rosenkranz um Trinchens Sandtorte und meine gestickte Haube dazu. Jacob brachte das Tafelbouquet wie er es immer noch nennt, es war alles bereit, die Tante zu ihrem 45jährigen Geburtstag zu begrüßen. Ich bin an diesem Tage noch nie so traurig aufgestanden, und doch ist er nie schöner gewesen. Rosen- und Lilienduft mischt sich mit den Lindenblüthen, der Buchen Wipfel schmiegen sich weich und rund an den glänzenden Morgenhimmel. Die Kinder kamen blank gewaschen und gekämmt in den Sonntagskleidern, ich gab jedem einen Blumenstrauß in die Hand und nahm selbst den größesten. Ich hatte wie immer an dem Tage das weiße Mullkleid angezogen, obgleich es sehr kurz ist. Als die Tante auf ihrem Lehnstuhl saß, setzten wir den Tisch vor sie hin, wir stellten uns in einen Halbkreis und sangen: Ach bleib mit deiner Gnade. Im Anfang war mir das Weinen so nahe, doch Trinchen sang mit heller Stimme vor, und es ging auch mit mir besser. Der Tante liefen die Thränen über die Wangen, ich kniete vor sie, ich küßte ihre Hände und bat sie getrost zu sein. Sie strich mir das Haar aus der Stirn, sah mich freundlich an und sagte: Ja, es wird dir noch gut gehen.



Den 20. Juli.


Es wird mir sehr schwer. Doch wie mein Gott will, ich glaube jetzt, daß er mich so führen will. Michaeli gehe ich. Mit meinem Gehalt kann ich das Fehlende im Haushalte beschaffen, Jacob und Trinchen werden bessere Tage haben. Die Tante ist auch ruhiger, sie nennt es nicht Gouvernante, sondern Gesellschafterin. Ich soll mit einer sechszehn- und einer siebzehnjährigen Tochter englisch und französisch sprechen, zeichnen und Klavier spielen, aber auch an ihrer Geselligkeit theilnehmen. Außerdem habe ich ein zwölfjähriges Töchterchen zu unterrichten. Das letzte wird mir Freude machen; vor den großen fürcht' ich mich, wenn sie nur nicht klüger sind als ich.



Den 10. August.


Trinchen ist unermüdlich, meine Ausstattung zu besorgen, es kommen Schätze zum Vorschein, die ich nie gekannt habe. Die gute Tante hat mir auch ihren Sammethut geschenkt, die Feder von der Toque ist darauf gesteckt, er sieht sehr anspruchsvoll aus. Ich arbeite jetzt wenig, weil Trinchen wünscht, daß ich noch Ferien mache. Ich wandere meine Lieblingsgänge, ich zeichne die schönsten Punkte und male sie. Die Bildchen sollen in der Ferne mein Zimmer schmücken, sie sind sehr niedlich. Meine Schule versäume ich nicht. Dortchen kann mit mir um die Wette stricken. Auch sind die Kinder ordentlich und rein. Trinchen hat mir versprochen, die Kinder zu sich kommen zu lassen, auch Jacob will sich ihrer nöthigenfalls annehmen. Sie sind beide so gut, sie wollen mir den Abschied erleichtern. Mit Adelheid spreche ich viel englisch, der Tante ist diese Uebung ganz recht.



Den 24. August.


Der Onkel hat freundlicher geschrieben und einen vollständigen Anzug für mich geschickt. Das braune Taftkleid steht mir gut, das Zeug war so reichlich, daß der Rock lang genug gemacht werden konnte, ich sehe noch einen halben Fuß größer darin aus. Ich freue mich über den Anzug, Trinchen fürchtet, daß ich gar zu eitel werde.



Den 6. September.


Die Zeit rückt immer näher, mein Herz wird immer schwerer, ich habe sehr viel zu thun, ich übe noch und lerne, ich habe Furcht, daß ich nicht genug weiß, die Tante ist öfters böse darüber. Aber so allein zu ganz fremden Leuten, – ich werde dort nicht auf so sanften Pfaden wandeln, sagt Trinchen. Das beste ist, daß ich nicht allein gehe, nein nicht allein.


Allein und doch nicht ganz alleine
Bin ich in meiner Einsamkeit,
Denn wenn ich ganz verlassen scheine,
Vertreibt mir Jesus selbst die Zeit.
Ich bin bei ihm und er bei mir,
So kommt mir gar nichts einsam für.



Den 12. September.


Mein Herz ist immer sehr voll, ich weiß nicht recht was ich thun soll. Ich packe ein und suche zusammen, Trinchen sagt, ich dürfe das nicht alles mitnehmen; ich möchte das ganze liebe Plettenhaus mitnehmen, und die Tante und Trinchen und Jacob dazu.



Den 16. September.


Das ist ein Morgen voll Glanz und Pracht. Die Astern schimmern in den buntesten Farben, die Verbenen legen sich brennend roth an den grünen Rasen, die Geranien spiegeln sich im klaren Teich. Und der Wald! Ich ging den Herrenstieg, er war so still, meine eigenen Fußtritte hörte ich leise auf dem Moose. Ein Specht klopfte an die festen Buchenstämme, daß es laut hin wie durch eine Kirche hallte. Ja die Buchen wölbten sich wie zu einer Kirche und es ist sehr feierlich im Wald. Ich pflückte mir thauig Epheu und Farren und trat oben auf der Trifft aus dem tiefen kühlen Schatten in den lichten Sonnenschein. Wie glänzend lag das weite Thal unter mir, links Wenderhof und die Wiesen und drüber die lichten Höhen im warmen Duft, rechts Waldstein auf dem Berge, durch die hohen Kirchenfenster fiel das Licht, und Thürmchen und Giebelspitzen der Kirche zeichnen sich scharf am blauen Himmel. Der Schäfer saß wie gewöhnlich unter der alten Hainbuche und seine Herde weidete am Hange und manch weißes Wollen-Flöckchen hängt an dem rothen Hanebutten-Gesträuch. Ich setzte mich auf meinen Stein, die Mücken tanzten, eine große Hummel summte vor mir auf einer hohen Distel, der Heerde Geläut klang hin und wieder sanft dazwischen, so habe ich lange gesonnen und konnte mich nicht trennen. O lebe wohl, du liebe Heimath.



Den 4. October, Abends spät.


Mein Koffer ist gepackt, alles liegt bereit, meine Glieder beben vor innerem Frost und Bangigkeit und Wehmuth, ich weiß nicht was. Der Regen fällt in Strömen. Amtmanns sind sehr freundlich, daß sie mich nach der Bahn fahren lassen, auch haben sie mir neulich zu Adelheids Geburtstag ein graues Deckentuch geschenkt, so fein haben sie es angefangen, daß es der Tante nicht unangenehm war. Die gute Tante! ob sie schläft? Gewiß nicht. O Herr, Du wirst ihr gnädig sein, denn sie hat viel geliebt; o lieber Herr, mache sie stark, gieb ihr Frieden, mache auch mich stark, sei mein treuer Führer.


Jesu, geh voran
Auf der Lebensbahn,
Und wir wollen nicht verweilen,
Dir getreulich nachzueilen,
Führ' uns an der Hand
Bis in's Vaterland.

Soll's uns hart ergehn.
Laß uns feste stehn
Und auch in den schwersten Tagen
Niemals über Lasten klagen,
Denn durch Trübsal hier
Geht der Weg zu Dir. – Amen.



Den 5. Oktober.


Wir mußten um 5 fort, um den Bahnzug zu treffen. Der Regen fiel noch in starken Güssen. Ich trat an der Tante Bett, um Abschied zu nehmen. Jacob blieb im Vorzimmer, Trinchen stand bei uns, wir weinten alle. Verzeiht mir all den Kummer, den ich euch gemacht, habt Dank für alle Müh und Arbeit. Wie weh ist scheiden, wenn man sich lieb hat. Ich werde einsam sein, sie werden einsam sein. Das Leben ist von unserem Leben, wenn Sie fort sind, liebes Fräulein, sagte Jacob. Und wie wird mir sein? Ich lehnte mich in die Wagenecke und, weil ich die Nacht nicht geschlafen, schlummerte ich ein. Wenn wir durch einen angeschwollenen Waldbach fuhren, wachte ich auf, dann hörte ich Regen auf die Blätter rauschen, es war mir so kalt in den Gliedern und um das Herz. Als es dämmerte, verließen wir Hügel und Holzland und kamen in die schlichte Korngegend, auch hatte es aufgehört zu regnen. Die Dörfer sehen hier öde aus, nur Häuser, ohne Bäume, und heute alles grau gewaschen. In einem solchen grauen Orte war die Station, wo wir unseren Wagen verließen. Im Wartezimmer fanden wir einige Postillone und Bauern. Jacob bewachte mich wie ein Küchlein, ließ mir auch Thee geben, doch trank ich nur eine Tasse und ließ ihm das übrige. Nach einiger Zeit fuhren Wagen vor, viele Herren traten ein. Sie schienen uns anzustaunen, flüsterten miteinander, mir ward ängstlich. Jacob sagte: sie denken, daß hier eine Prinzessin incognito reist, das passirt nicht alle Tage. Ich mußte lachen. Als aber die wunderbare Maschine mit mir fortbrauste, und mich von Jacob und von allem, was ich lieb in der Welt habe, in so gewaltiger Eile entfernte, wollte mir das Herz springen. Doch nahm ich mich zusammen, ich wollte nicht zu weichherzig sein. Ich unterhielt mich mit einer Dame und fragte auch nach den Stationen, um die rechte nicht zu verfehlen. Das Anstaunen und Flüstern hörte nicht auf, einige Leute, die in den Pausen auf dem Perron gingen, schauten immer neugierig oder lachend in den Wagen. Ich überlegte was so auffallendes an mir sein könne; da die gute Frau mir gegenüber selbst oft verlegen nach mir umsah, durfte ich nicht zweifeln, daß ich der Gegenstand der Aufmerksamkeit sei. Mein blau quarirtes Kleid könnte es sein, Trinchen hat es durch einen schwarzen Atlasstreif verlängert, ebenso die Aermel, aber es war verdeckt durch das graue Deckentuch; es konnte nur der Hut sein. Es war mir fatal, daß Trinchen die Feder daran gesteckt hat, doch hat sie eine schlechte Stelle damit verdeckt. An einem einzelnen Gasthaus mußt' ich aussteigen. Meine Schüchternheit wollt' ich überwinden. Ich ließ mir meine Sachen geben; als auch die Schaffner über mich zu lächeln schienen, that ich sehr vornehm, die Tante hat mir das gerathen. Das half. Der eine trug mir sogar meine Reisetasche in die Wirthsstube. Ein Wagen war noch nicht hier, der Zug brauste fort, ich war mutterseelenallein in der kalten Wirthsstube und schaute hinaus in die graue, öde, verregnete Welt. Da ward es mir zu eng in der Brust, der Mund zuckte zum Weinen, mit Gottes Hülfe hab ich's überwunden.

Allein und doch nicht ganz alleine.

Nur Geduld, – auch hier in der fremden, öden Welt ist der Herr, auch hier hat er Herzen, in denen er wohnt, er wird dir auch Herzen zuführen, denen du vertrauen kannst, o ja er wird's schon machen, nur Geduld. Ich schwankte, ob ich mir Kaffee sollte geben lassen, über die Mittagszeit war ich hinaus, doch fürchtete ich die Ausgabe und aß mein Butterbrot. Die Tante hatte geglaubt, man würde mich hier feierlich empfangen, mich erquicken und dann weiter bringen; ich glaubte es auch. Es war die erste Täuschung, ich fürchte, es werden mehr folgen. Nach einiger Zeit kam ein Wagen, ein häßlicher, schmutziger Korbwagen, ebenso sahen Pferde und Kutscher aus, ich glaubte kaum, daß es der Wagen der Frau von Schlichten sei, doch er war es. Meine Sachen wurden verpackt, der Kutscher wies mir den Platz auf der hintern Bank an. Neben mir lag ein alter grauer Herrenmantel, neben dem Kutscher lag ein ähnlicher nur mit schottischem Zeuge gefuttert. Ich fragte den Kutscher, wessen Mantel das sei. Er entgegnete, daß der neben ihm dem Herrn von Schaffau, dem Bruder der Frau von Schlichten gehöre, und der neben mir Vollbergern, dem Bedienten, und daß wir beide abholten vom nächsten Orte. Es war mir sehr demüthigend, daß ich neben dem Bedienten sitzen mußte, es schwoll mir der Kamm, aber im Stillen war ich froh, daß die Tante dies nicht alles sehen mußte. Nach einer halben Stunde kamen wir in eine Art von Thal, ein großes Dorf, Graubergen, legte sich an kahle Sandhügel, die hin und wieder durch Steinbrüche zerrissen sind. Am Ende des Dorfes war das Schloß. Wir hielten still, es währte wohl eine Viertelstunde, da erschienen mehrere Herren in der hohen Bogenthür, darunter ein alter und ein junger in Reisekleidern. Ich wunderte mich, daß der junge der Herr war. Er ist sehr groß und schlank und sieht sehr vornehm aus, außerdem gefiel er mir wahrlich sehr wenig. Er ward von zwei Herren an den Wagen geleitet, sie begrüßten mich. Die beiden Fremden sprachen mit mir vom schlechten Weg und Wetter; Herr von Schaffau sah augenscheinlich sehr ärgerlich aus, er sprach mit mir kein Wort, nahm dem Kutscher die Zügel aus der Hand und konnte kaum erwarten, daß der Bediente sich neben mich setzte. Ich habe es überwinden müssen und wer weiß was folgt. Viele adelige Leute sollen sehr stolz und hochmüthig gegen ihre Gouvernanten sein. Wir hatten kaum das Dorf verlassen, da fing es leise an zu regnen, bald aber immer stärker und stärker. Herr von Schaffau that den Mantel über die Ohren und kümmerte sich nicht um uns. Ich fürchtete für meinen Hut, ich nahm ihn ab, steckte ihn unter die Decke und that ein Taschentuch um den Kopf. Bei dieser Gelegenheit sah ich mich zum erstenmal genauer nach meinem Nachbar um, wie war ich erfreut, in ein altes, freundliches Gesicht zu sehen, das mich sehr an Jacob erinnerte. Er suchte mich vor dem Regen zu schützen, und überhaupt war er der erste Mensch, der mir Theilnahme zeigte, das that mir wohl. Der Weg wurde immer schlechter, die Räder versanken fast in den Gleisen und wir kamen nur Schritt vor Schritt von der Stelle. Als der Wagen wieder einmal nahe am Umwerfen war, schrie ich auf. Herr von Schaffau sah sich verwundert um. Ich nahm mich jetzt zusammen, war auch ganz resignirt; ich war durchfroren, müde und hungrig, es war mir wirklich gleich, da auch noch im Dreck zu liegen. Als es dämmrig wurde, zeigte mir Vollberger Braunsdorf. Es liegt an demselben kahlen Höhenzug, doch ist er hier mit Obstbäumen bepflanzt. Das Schloß ist ein altes Gebäude mit zwei kleinen runden Thürmen und von hohen Baumwipfeln umgeben. Vollberger erzählte mir, daß es ein Park sei, der den schönsten Wald ersetze. Der Regen hatte indessen aufgehört, die Wolken zertheilten sich, und der Mond stieg golden über den dunkeln Bäumen auf, das war mir ein gutes Vorbedeuten. Wir fuhren auf den Schloßhof. Der eine Flügel des Schlosses war hell erleuchtet, es sah prächtig aus und mein Muth ward immer frischer. Beim Aussteigen hatte ich meinen Hut wieder aufgesetzt, ich sah deutlich, wie Herrn von Schaffau's Blicke unzufrieden darauf ruhten, ich werde doch sehen, ob ich die Feder abnehmen kann. Er sprach jetzt einige gleichgültige Worte und schien sich zur Höflichkeit zu zwingen, ich habe dies sehr kurz erwiedert. Im hohen Hausflur verließ uns Vollberger, um für mich jemand zu holen. Herr von Schaffau geleitete mich die Treppe hinauf, Diener liefen hin und her, und Tanzmusik schallte aus den innern Räumen. Herr von Schaffau sagte, und wie mir schien, etwas ironisch: Das sind Ihnen wohl angenehme Töne? Ich wußte nicht gleich etwas zu entgegnen, denn so besonders angenehm sind mir die Töne nicht. Sie tanzen gern? fuhr er fort. Ich habe nie getanzt, sagt' ich jetzt; doch fiel mir ein, daß ich unbedacht gesprochen, ich fügte also hinzu: wenigstens nur allein oder mit Amtmanns Adelheid. Das klang gewiß recht albern, Herr von Schaffau machte auch ein besonderes Gesicht. Ein etwas spitz aussehendes blondes Mädchen kam eilig an, führte mich auf mein Zimmer und versprach, sogleich Licht und Feuer zu besorgen. Sie kam aber nicht, und ich hatte Zeit, mich im Zimmer umzusehen. Ich erkannte, daß ich mich in einem von den Thürmen befand, zwei Fenster waren ganz mit Epheu bewachsen, durch die beiden andern fiel das helle Mondenlicht. Wenn mich Hunger und Kälte nicht gequält hätten, würde mir Einsamkeit und Ruhe in diesem eigen­thümlichen und so traulichen Stübchen sehr wohl gethan haben. Mein Zustand war mir unerträglich; drüben aus den hell erleuchteten Fenstern drang die rauschende Musik zu mir, auch sah ich die Schatten von Tanzenden vorüberschweben; alles war belebt und unterhalten, ich war vergessen und ganz einsam. Da klopfte es leise an die Thür. Ich rief: herein. Ein Herr trat ein, ich erkannte beim Mondenlicht Herrn von Schaffau's hohe Gestalt. – Lucie? fragte er. – Haben Sie kein Licht? setzte er verwundert hinzu. Noch nicht, entgegnete ich, und im Ton der Stimme war gewiß meine Stimmung deutlich zu lesen. Er verließ mich schnell und nach einiger Zeit hörte ich laute Stimmen auf dem Corridor, die Thür ward mit Geräusch geöffnet, eine Dame in einem schweren Seidenkleide rauschte herein, ein Bedienter mit einem Armleuchter folgte ihr. Es ist eine Türkenwirthschaft im Haus! schalt sie: weder Licht noch Thee noch sonst etwas! Sie schickte den Bedienten fort und gab ihr Mißfallen über den unbehaglichen Zustand, in welchem sie mich fand, ferner zu erkennen. Ich küßte der Dame die Hand und fragte, wem ich für so viel freundliche Theilnahme zu danken hätte. Ich bin Tante Julchen und die Schwägerin der Frau von Schlichten, sagte sie, und da sich meine Schwägerin gerade um Ihren Zögling wenig zu bekümmern pflegt, haben Sie mehr mit mir als mit ihr zu thun. Lucie! rief sie jetzt: – da steckt das närrische Ding wieder hinter der Thür! Sie holte oder zog vielmehr ein Kind herein und stellte mir meine Schülerin vor. Ich erschrak fast vor des Kindes Häßlichkeit. Ein mageres, gelbes Gesicht, die dunkeln Augenbraunen waren fast zusammengewachsen, ebenso dunkele Augen sahen finster und mißtrauisch darunter hervor. Die runde aufgeworfene Nase und der große, fein geschlossene Mund gaben dem Gesicht etwas Verbissenes. Dies Aussehen und die Worte der Tante gaben mir augenblicklich die Ahnung, daß dies Kind von der Mutter stiefmütterlich behandelt werde. Mein Herz war bewegt, als ich mich zu ihr beugte und fragte, ob sie wohl gern mit mir sein würde. Lucie wandte sich und die Tante entschuldigte sie, als sie ohne ein Wort oder einen Gruß das Zimmer wieder verließ. Ihre Aufgabe wird es sein, sagte sie unter anderem, und die scharfe Stimme, die scharfen Züge und die spitze Nase schienen mir bei diesen Worten sanfter und milder zu werden: Ihre Aufgabe wird es sein, die Liebe dieses Kindes zu gewinnen, es sieht in dem kleinen Herzen anders aus als es scheint. Uebrigens, mein Kind, sie sah mich prüfend an, scheinen Sie mir noch sehr jung. Achtzehn Jahr, war meine bescheidene Antwort. Sie sehen fast noch jünger aus, und – nun machen Sie nicht zu viel Ansprüche, ich habe nichts dagegen, daß Sie sich gerade tragen, von einer Erzieherin verlangt man das: aber den Kopf und das Auge könnten Sie etwas mehr neigen, thun Sie es wenigstens, wenn Sie sich meiner Schwägerin präsentiren. Ich fühlte, was sie sagen wollte, es war dasselbe, als ob Trinchen mich zur Demuth ermahnte. Ich will es in diesem Sinne aufnehmen. Ich dankte ihr herzlich für den guten Rath, sie strich mir freundlich über die Stirne. Wollen Sie schnell Toilette machen, so helfe ich Ihnen und führe Sie zur Gesellschaft, sagte sie mütterlich; ich aber dankte für heute, was sie erklärlich fand. Nach kurzer Zeit brachte man mir Thee, und ich fühlte mich am warmen Ofen bald sehr erquickt und erwärmt. Jetzt ist's Mitternacht, ich habe noch lange am Fenster gesessen, der Mond war von der belebten Seite des Schlosses hinüber nach der stillen gewandert, er erhellte sie mit seinem Silberlicht, auch die hohen schönen Bäume und den Rasen des Parkes. So liegt ein Tag hinter mir, es ist mir als wäre es eine lange Zeit. Viel habe ich erlebt und ist noch dunkeles um mich herum. O Herr, schaffe Licht, o Herr, wende mir das Herz des Kindes zu, gieb mir Kraft zu meinem Beruf, gieb mir Demuth, alles zu tragen, was du mir auflegst, laß mich immer bedenken, daß alles von Dir kömmt, nichts von den Menschen.



Den 6. October.


Als ich erwachte, schien die helle Sonne in das Fenster. Ich merkte, daß ich die Zeit verschlafen: doch regte sich im Schlosse noch lange nichts. Ich stand am offnen Fenster nach der Parkseite und entzückte mich an dem ungewohnt prächtigen Anblick. Ein Rasengrund zieht sich weit hin, Baumgruppen treten vor und treten zurück, und legen sich auch rechts an die Höhen. Die Sonne blitzte über die Wipfel, es war nicht zu sehen, ob es ihr Gold sei, oder der Herbst, der sie bunt geschmückt. Unter meinem Fenster blüht ein Beet von Monatsrosen, sie mischen ihren Duft mit dem Duft der Reseda. Ganz nahe dabei führt eine kleine Brücke zu einem dunkelen Parkweg unter Ahornen hin. Ich zögerte nicht lange, ich ging hinunter, um dem blitzenden Morgen näher in das Angesicht zu schauen. Von einem Pavillon sah ich hinab auf Dorf und Schloß und die ganze Gegend, sie ist nicht so einförmig, als sie gestern bei dem schlimmen Wetter mir erschien; nein, sie schien mir ein freudiges Willkommen zuzurufen, ich zage nur und wage es noch nicht zu erwiedern. Werde ich hier schwere oder frohe Tage sehen? – Als ich zurückkehrte, begegnete mir die blonde Sofie auf dem Korridor. Schon so früh auf? fragte sie verwundert, und Sie haben noch kein Frühstück. Ich entgegnete, daß ich gern früh aufstehe, daß ich aber niemand dadurch störe, weil ich gewohnt sei, erst später zu frühstücken. Ich erkundigte mich zugleich nach den Sitten und Verhältnissen des Hauses, so viel sie mich angehen. Wann ich Frau von Schlichten sprechen könne; ob es Sitte, daß ich allein oder mit der Familie frühstücke; und so ähnliches. Sofie erzählte mir mehr als ich hören wollte. Die Sachen, die ich hörte, waren nicht geeignet, mir Muth zu machen. Tante Julchen steht an der Spitze des Haushaltes, sie hat zu schalten und zu walten. Frau von Schlichten interessirt sich für solche Dinge nicht. Sie bemüht sich indessen, um der beiden Töchter willen ihr Haus auf alle Weise zu beleben, und versteht das vorzüglich. Eigentlich aber gehört das Gut ihrem Bruder, dem Herrn von Schaffau; der ist weder mit Tante Julchen noch mit der Schwester einverstanden, und niemand begreift, warum er die Frauenwirthschaft hier duldet. Seit einem halben Jahr ist er von längern Reisen zurück. Bei seiner Abreise waren die Fräulein beinahe Kinder, jetzt ist er mit ihnen unzufrieden, es ist nicht daran zu denken, daß er Thekla, das älteste Fräulein heirathet, obgleich es Frau von Schlichten sehr gewünscht. Er ist ein strenger und ernsthafter Onkel, man fürchtet, er wird die Damen nicht lange hier dulden, wenn sie sich nicht bekehren lassen. Er wohnt mit seinen Leuten im hinteren Flügel des Hauses, und ebenso wie die Herrschaften verschieden sind im Schlosse, so sind es auch die Dienstboten. Vollberger besonders ist ein alter Aufpasser, ein Heuchler und dabei ein Allmächtiger, und wie Tante Julchen in diesem Flügel alles vermag, so treibt es drüben Vollberger. Zwei größere Gegenfüßler giebt es auf der Welt nicht; wenn der Alte auch seine Meinung nie verriethe, man riecht ihm das schon an. Tante Julchen aber bleibt mit ihrem Urtheil hinter dem Berge. Von drüben und besonders von Vollbergern (denn er steht im Verdacht, daß er dem Herrn immer alles berichtet hat) ist's ausgegangen, daß die letzte Gouvernante das Haus verlassen mußte. Der Tante war es eigentlich recht, denn sie war zu häßlich mit der kleinen Lucie, und mit den beiden ältesten Fräulein trieb sie nur Narrheiten; aber daß Herr von Schaffau gegen sie war, hielt die Tante zurück, ihr auch entgegen zu sein, und sie ärgerte sich, daß Herr von Schaffau seinen Zweck erreichte. Dagegen hat die Tante jetzt durchgesetzt, daß Sie hergekommen sind und nicht eine ältere Dame, die Schwester des Herrn Pastors hier im Orte, ein sehr gelehrtes Frauenzimmer, dabei aber eine Betschwester und eine simpele Person, die sich für die jungen Damen des Hauses gar nicht paßt. So sprach Sofie und noch mehr. Herrn von Schaffau's Betragen ist mir hiernach erklärlich, ich aber befinde mich in einem Labyrinthe. Wenn es Ihnen hier gut gehen soll, müssen Sie es mit Tante Julchen und uns halten, rieth Sofie. Ich sann einen Augenblick, dann sagte ich: Habe Gott vor Augen und im Herzen, – ich werde meine Pflicht thun, und ob es mir dann gut oder übel gehen soll, das ist des Herrn Sache. Sofie sah mich an und seufzte. Im Grunde haben Sie Recht, sagte sie. So ist im Haus wohl keine Morgenandacht? fragte ich zögernd. Ach du lieber Gott, nein! entgegnete sie, auf dieser Seite wenigstens nicht; ich glaube, daß der Herr mit seinen Leuten so was vornimmt, und der neue Pastor hier möchte gern die neue Methode aufbringen, damit kommt er bei uns aber schlecht an. Weil er vor vierzehn Tagen so schrecklich gekanzelt hat, und Fräulein Julchen sagte: lauter Anspielungen auf uns, – da hat sie verboten, es darf von uns keiner wieder in die Kirche gehn. Nun, oft sind wir freilich auch nicht hingekommen, setzte Sofie hinzu, und wenn ich zum heiligen Nachtmahl gehen will, thue ich es drüben in Remkersdorf bei meinen Eltern. – Ich brach die Unterhaltung ab, ich wußte genug fürs erste um darüber nachzudenken; doch war dies nur der kleine Anfang des Tages, ich sollte noch mehr erfahren. Nachdem ich nun meine Sachen im Stübchen geordnet, auch angefangen, an die Tante zu schreiben, war es fast Mittag geworden, und Sofie erschien, wie sie mir versprochen, mich zu Frau von Schlichten zu rufen, die mit den Töchtern und Gästen zum zweiten Frühstück versammelt war. Einige alte Onkels und junge Vettern sind hier, um die Hühnerjagd zu genießen, auch fehlt es nicht an Damen, und täglich giebt es hier oder auf den Nachbargütern eine Festlichkeit. Die untere Etage ist sehr prächtig, Teppiche und Vasen und seidene Meubles überall. Ich stand bange im Vorzimmer, durch die geöffnete Thür hört' ich das Geplauder vieler Stimmen, es ist sehr schwer allein unter so fremde Menschen zu treten. Trinchens Worte standen tröstend vor meiner Seele: Wenn der vornehmste Herr mit dir ist, kannst du getrost überall erscheinen, mit seinen Waffen gewaffnet, das ist Demuth und Liebe, bahnst du dir überall den Weg. So bange ich war, trat ich getrost ein. Fräulein Julchen kam mir entgegen, es entstand ein Schweigen, man sah mich neugierig an, ich wurde vorgestellt. Frau von Schlichten begrüßte mich mit einer gewissen Holdseligkeit, die mir aber nicht wohl that. Darauf traten Thekla und Rosalie zu mir, es sind beides sehr schöne Mädchen, nur etwas zu klein, dünkt mich. Nachdem sie einiges mit mir gesprochen, stand ich allein. Tante Julchen wandte sich zuweilen zu mir und forderte mich zum Essen auf. Ich hatte jetzt Gelegenheit, die Leute anzusehen und anzuhören. Es waren fast nur Damen, die Herren waren auf der Jagd. Ein junger hübscher Mann ward von den Damen des Hauses Vetter und von den Fremden Herr von Reinberg genannt, er führte das Wort, er erschien mir aber so albern, ja roh und gewöhnlich, daß ich mich wunderte, wie die jungen Damen seine Witze belachen konnten. Ein älterer Herr mit einem großen Schnauzbart, trieb es noch ärger, dabei hatte er eine gewisse Vertraulichkeit mit den Damen, die mir zuwider war. Trinchens Schilderungen von der Welt standen in Wirklichkeit vor mir. Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz. Nach einiger Zeit hörte man langsame Schritte im Vorzimmer. Onkel Schaffau! sagten die jungen Damen, und zu meiner Verwunderung ward plötzlich ein anderer Ton angestimmt, nur der alte Herr hatte Lust, derselbe zu bleiben; doch mußte er sich der Ruhe und dem Ernst des Herrn von Schaffau auch fügen. Ich bat Tante Julchen, mir gelegentlich meine Beschäftigung anzuweisen, und für jetzt zu erlauben, meine Lucie aufzusuchen. Sie war außerordentlich freundlich gegen mich, und wenn ich nicht gefürchtet hätte, daß sie es dem Herrn von Schaffau zum Trotz gethan, würde es mir noch mehr zu Herzen gegangen sein. Ich fand Lucie meinem Zimmer ganz nahe, in einem Zimmer, das von den drei Schwestern bewohnt wird. Ich that alles, was man thut, um Kinderherzen zu gewinnen, und ich bemerkte mit großer Freude, daß sie etwas unbefangener wurde. Plötzlich sagte sie: Werden Sie morgen ebenso liebenswürdig sein als heute? Ich erschrak vor dem scharfen unkindlichen Ton, mit welchem sie sprach. Mit des Herrn Hülfe denke ich mit jedem Tag liebenswürdiger zu werden, entgegnete ich ernst. Mit des Herrn Hülfe? fragte sie verwundert. Verstehst du nicht, was das heißen soll? fragte ich. O ja, aber – sie schüttelte mit dem Kopfe. Ich trat mit ihr an das Fenster. Siehst du den hochgewölbten Himmel, die strahlende Sonne, die prächtigen Bäume, die lieblichen Blumen? Der das alles gemacht hat, kann der nicht auch unsere Herzen schaffen wie er will? Gewiß! rief Lucie hastig. So werde ich ihn bitten, fuhr ich fort, daß er mich liebenswerth macht und werde ihn bitten, daß er mir dein Herz und deine Liebe schenkt. Bei den letzten Worten war ich sehr bewegt, ich drückte das Kind in meine Arme und einen Kuß auf ihre Lippen. Sie sah mich sinnend an, dabei schimmerten die dunkelen Augen feucht und ihre Züge kamen mir jetzt gar nicht häßlich vor, nein rührend und lieblich. Wir gingen zusammen in den Garten. Weil die Sonne so hell schien, setzte ich den Hut auf, und nahm anstatt des schweren Deckentuches meine Musselin-Man­tille. Lucie sah mich groß an. Wie sehen Sie nur aus? sagte sie. Nun wie? fragte ich etwas verlegen. Wie Donna Petronella in der Preziosa, entgegnete sie hastig und freudig, als ob sie es besonders getroffen. Der Vergleich war mir nicht lieb, sie hatte mir schon vorher von Schauspielern erzählt, die im Dorfe seien und wo sie Preziosa gesehen. Hatte sie meine Gefühle auf meinem Gesichte gelesen? sie setzte schnell hinzu: die ist auch sehr schön. Ich schämte mich meiner Empfindsamkeit, scherzte über die Sache und wir gingen in den Garten. Auf einem lieblichen Platz unter Ahornen saßen wir, ich hatte von dem sehr schön gefärbten Laub für Lucie einen Kranz gewunden, da hörten und sahen wir die Gesellschaft aus dem Schlosse sich uns nähern. In einiger Entfernung blieben sie stehen. Ich weiß nicht, ob ich feiner höre als andere Leute, ihre Absicht war es gewiß nicht, daß ich es hören sollte, meine Toilette aber war der Gegenstand ihres Witzes. Sie sieht wie eine Theaterprinzessin aus, sagte Thekla nach andern Bemerkungen. Es ist eine eitele, alberne Person! fügte Herr von Schaffau hinzu. Lucie las bange und theilnehmend den Eindruck dieser Worte in meinen Zügen. Ich ward feuerroth und nahm unwillkürlich den unglücklichen Hut ab, Lucie setzte mir den Ahornkranz auf, schmiegte sich an mich und sagte zärtlich: Sein Sie nicht traurig. Ich küßte des Kindes Stirn, als ich aufblickte, stand Herr von Schaffau vor uns. Er schien sich über unsere Vertraulichkeit zu wundern und wandte sich dann sehr freundlich zu Lucie. Ich weiß nicht, warum sein hartes Ur­theil mir am wehesten gethan. Tante Julchen folgte ihm auf dem Fuße, sie stellte sich wie schützend mir zur Seite, doch fühlte ich den blitzenden Gesichtern und den übermüthigen Stimmen an, daß ihre Autorität einen Angriff jetzt nicht verhindern könne. Ein ältliches Mädchen kam zu mir und sagte sehr freundlich: Was haben Sie da für einen reizenden Hut! Ich sah sie an, als wie die Tante that, wenn sie: Jungfer Katharine! sagte. Ja ein reizender Hut, wiederholte der alte Herr mit dem Schnurrbart, aber welche Mode ist es, mein Fräulein? es ist so etwas Eigenthümliches, Piquantes. Ich fühlte wie es an meinem Herzen drängte und Zorn und Stolz sich regten; ich richtete mich hoch auf. Ich bedaure das nicht sagen zu können, entgegnete ich ruhig, das Studium der Moden ist mir nie interessant gewesen. Man schwieg. Ich sah eine sichtliche Veränderung auf den Gesichtern. Der alte Herr aber fuhr fort: Gut gesagt, mein Fräulein, ich mache Ihnen mein Kompliment! aber leere Versicherungen! Auf Ehre, sollten Sie nicht eben so gut als diese Damen mit dem Modejournal geliebäugelt haben? Ich versichere, daß ich es heute zum erstenmal vor mir sehe, entgegnete ich mit gleicher Ruhe. Alle Wetter! rief der Alte und lachte laut. Mir war aber das Weinen nahe, ich fühlte mich selbst so häßlich in dieser Weise, und nahm mir vor, lieber alles über mich ergehen zu lassen, als mich so zu wehren. Ich nahm Lucie bei der Hand, verbeugte mich und verließ schnell den Platz. Man konnte mir das nicht verargen, ich hörte auch laut Tante Julchens scheltende Stimme, und bald kam Thekla hinter uns und fragte ziemlich verlegen, ob ich nicht am Spaziergange theilnehmen wolle. Meine Thränen waren jetzt wirklich hervorgebrochen, ich fühlte mich sehr unglücklich, ich bemühte mich, ihr ein freundliches Nein zu sagen, und eilte mit Lucie nach Hause. Lucie begann jetzt auf eine sehr unkindliche Weise über die Schwestern und über die ganze Gesellschaft zu sprechen. Sie ist wahrlich über ihr Alter hinaus. Jetzt wüßt' ich, was ich zu thun hatte; es ward mir selbst schwer, aber ich suchte zu entschuldigen die, die mir wehe gethan. So redete ich mir selbst zu, versöhnlich zu sein, und ich fühlte, wie der Stachel sich nach und nach im Herzen löste. Jetzt konnt' ich bitten: Komm, heiliger Geist, hilf mir! jetzt konnt' ich so freudig von meinem Herrn und Heiland sprechen, ich sprach vom Verzeihen, von der Feindesliebe, wie er uns geliebet hat und noch liebt, da wir doch gar kalt und lieblos unsere Herzen von ihm wenden. Ich sagte ihr, wir wollten beide den Herrn bitten, daß er unsere Herzen ganz und gar hinnähme, daß wir ihm zu Liebe alles könnten, auch die lieben, die uns wehe thun. Lucie hörte aufmerksam, wenn auch verwundert, zu; als Sofie kam, um sie zu holen und ihre Toilette zum Mittagstisch zu ordnen, gab sie mir die Hand und sah mich sehr freundlich an; das that meinem Herzen wohl. Nach einiger Zeit kam Sofie wieder, auch mir behilflich beim Umkleiden zu sein, und als ich wenig Lust dazu zeigte, erzählte sie mir, daß meine Vorgängerin stets die ausgezeichnetste Toilette gemacht. Sie wollte noch mehr von ihr erzählen und zwar nur übele Sachen, ich bat sie zu schweigen, weil ich es für eine Sünde erachte, so etwas anzuhören; dagegen würde ich sehr gern Gutes von den Hausbewohnern hören. Ach das sind noch unschuldige Weltansichten, sagte Sofie, Sie werden hier etwas anderes lernen. Ich freute mich jetzt, Trinchens gute Lehren in Anwendung zu bringen, und that das mit meinen schwachen Kräften. Sofie ist ein offenes und gutherziges Mädchen; sie sah ein, wie unrecht und häßlich es ist, Böses von Menschen zu reden und solche Reden mit anzuhören. Ich sagte ihr, wir wollten uns gegenseitig stärken, nicht in diesen Fehler zu verfallen, besonders um Lucie's willen, weil deren Seelenheil jetzt mit auf unserer Seele ruhe. Nicht ein liebloses Wort dürfe sie aus unserem Munde hören, denn der Herr Christus sagt: wer einen von diesen Kleinen ärgert, dem wäre besser, daß ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde, da es am tiefsten ist. O lieber Herr, segne diese Worte, besonders segne sie an mir selbst, gieb mir Kraft zu meinem schweren Beruf, aber schönen Beruf. O dürft ich dir dies Kind zuführen! Dies Streben und diese Hoffnung soll mir Ersatz sein für vieles, das ich hier entbehren muß. Mit versöhnlichen und großmüthigen Gedanken ging ich in den Speisesaal, doch hatte ich sie kaum nöthig; auch Sofiens Bemühungen um meine Toilette waren unnöthig, niemand kümmerte sich um mich. Ich fand meinen und Lucies Platz am Ende der Tafel, neben uns saßen zwei Knaben. Gebetet wurde nicht, und ich schäme mich, daß ich nicht den Muth hatte, es für mich zu thun. Die Knaben unterhielten uns sehr gut; besonders der ältere, Vetter Alfred, ist witzig und angenehm, wir vergaßen die großen Leute und waren vergnügt in unserem Reiche; ich mußte sogar meine Jugend ermahnen, weil wir die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf uns zogen. Herrn von Schaffau's prüfende Blicke ruhten oft auf mir, doch schien er nicht unzufrieden mit unserer Fröhlichkeit, übrigens soll sein Urtheil, seine Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mir gleichgiltig sein; ein Mensch, der ungerecht und gewissenlos in Worten und Urtheilen, hat keine Autorität für mich.

So dachte ich bei Tisch und fand in diesen Gedanken eine Genugthuung für das mir angethane Unrecht. Doch sollt' ich bald andere Gedanken haben. Nach Tisch versammelten sich die jungen Leute, um Charaden und Bilder aufzuführen. Herr von Tülsen, der alte Herr mit dem Schnurrbart, forderte mich dringend auf, daran theilzunehmen. Ich dankte. Er fragte mich nach dem Grund. Ich entgegnete ihm, daß mir die Sache zu unbekannt sei. Er sprach weiter mit mir, er fragte, ob ich mit Absicht meine Toilette so eigenthümlich wähle. Trinchen hat mein weißes Kleid mit einem schön gestickten Bettumhang verlängert und garnirt. Ich bemerke wohl, daß ich anders aussehe, als die Damen hier; es bedrückt mich auch, der Gegenstand ihres Spottes zu sein; doch soll es mich nicht unglücklich machen. Ich entgegnete Herrn von Tülsen, daß ich von Jugend auf gewöhnt sei, mich seltsam angezogen zu sehen, und meine Umgebungen hier würden sich daran gewöhnen müssen, da ich für jetzt keine Aenderung treffen könne. Herr von Tülsen that darauf sehr freundschaftlich, sagte mir mit großer Unverschämtheit Schmeicheleien, sodaß ich sehr froh war, als Herr von Schaffau diese Unterhaltung unterbrach. Ich entfernte mich von ihnen. Groß und Klein war mit Vorbereitungen zu den Vorstellungen beschäftigt. Ich setzte mich in ein tiefes Bogenfenster, zog die dunkeln Gardinen etwas vor, und war nun allein mit dem hellen Mondenlicht und dem herrlichen Asternstrauß, den mir Sofie vorgesteckt.

Es war mir weh um das Herz, ich hatte Heimweh. Ich schaute auf den Mond und dachte, wie seine Strahlen auch auf dem lieben Plettenhaus jetzt ruhten, ich schloß die Augen, ich hätte einschlafen mögen und die fremde Welt um mich vergessen und mich nach der lieben Heimat träumen. Da hört ich Geräusch neben mir, ich wandte mich um und sah Herrn von Schaffau an meiner Seite. Er sah ernst und doch freundlich aus. Die Worte, die er sprach, weiß ich nicht ganz genau; er bat um Verzeihung, daß er mir heut Morgen weh gethan, und bat, ihm nicht zu mißtrauen und fest überzeugt zu sein, daß er es treulich mit mir meine. Mich rührten diese Worte, es war mir, als ob er mir nur zu verzeihen hätte. Er fragte dann, ob ich Heimweh habe und traurig sei; ich konnt' es nicht leugnen. Ob ich mich an das Landleben gewöhnen würde? Ich sagte ihm, daß ich noch nie eine große Stadt gesehen. Er wunderte sich, nannte mich glücklich und scherzte dann darüber. Ich habe ihm von Haus erzählen müssen und ward vergnügt, obgleich ich gestehen muß, daß sein Wesen mir mehr Furcht als Vertrauen einflößt. Lucie holte mich zu den Vorstellungen. Ich sah prächtige Dinge, aber unangefochten. Es war mir sehr gleichgiltig, daß Tante Julchen mich den anderen gegenüber heben wollte, in meinem Herzen war es still. Aber wehmüthig machte es mich, Lucies Randglossen zu hören, sehr scharfsinnig, aber sehr bitter sprach sie ihre Urtheile über die Gesellschaft aus. Ich konnte nichts entgegnen, meine Weisheit war heut zu Ende, und mich quält der Gedanke, ob ich wohl meinem Berufe gewachsen bin.



Den 7. October.


Der helle schöne Sonntags-Morgen verscheuchte diese Gedanken. Ich habe meine Hände gefaltet und lange in das tiefe Blau geschaut. Herr, lehre mich den Weg, den ich wandeln soll. Ich zog den Vers: Darum spricht der Herr: wer glaubet, der fleucht nicht. Denn allein die Anfechtung lehrt aufs Wort merken. – Ja Herr, ich glaube, du wirst mir durchhelfen, ich will nicht nachlassen, dich zu bitten. Ich war sehr freudig. Sofie trat ein, ich hätte gern ein Kapitel in der Bibel mit ihr gelesen, doch fürchtete ich, voreilig zu sein. Lange werde ich mich freilich nicht halten können, und ich zweifle nicht, Lucie und Sofien zu gewinnen, – lieber Herr, mit deiner Hülfe. Ich forderte Lucie auf, mich in die Kirche zu begleiten; sie versicherte, die Tante hätte es ihr verboten. So ging ich für heute allein, und eigentlich sehr gern. Ich war noch vor dem Läuten auf dem Kirchhof, wie still lag der Sonnenschein auf den Gräbern, einzelne Rittersporn und gelbe Todtenblumen standen zwischen dem gelblichen Grase, ich wandelte von Stein zu Stein, von Kreuz zu Kreuz, und machte Bekanntschaft mit der stillen Gesellschaft. Aber zugleich auch mit den Lebenden im Dorfe. In dem Haus, las ich, wird eine Mutter, dort ein Vater, dort werden Kinder betrauert. In einem ganz frischen Grabe ruhet eine Wittwe, die fünf Kinder zurückgelassen. Ihr armen Waisenkinder, ob es euch auch wohl so gut geht, als es mir ging, ob ihr auch so treue Liebe gesunden habt, als ich sie fand? Ich legte eine Aster auf dies bescheidne Grab, dachte dabei, ob ich den Waisenkindern nichts könnte zu Liebe thun. Beim ersten Glockenton ging ich in die Kirche, es war so still und rein, licht und ein rechtes Gotteshaus. Die Stühle sind von dunkelem geschnitzten Eichenholz, der Schloßstuhl ganz besonders schön. Das schönste aber sind zwei Seitenbilder des Altars, links ein knieender Ritter, fünf Söhne hinter ihm, rechts die Edelfrau mit fünf Töchtern. O wie schön, eine fromme und demüthige Edelfrau zu sein. Wenn ich bedenke, wie diese waren, und wie es jetzt auf dem Schlosse aussieht! Wir sangen: Nun bitten wir den heiligen Geist. Ich habe es recht von Herzen mitgesungen, ja er kann auch hierher kommen und den rechten Glauben und den Herrn Jesum Christum und Frieden bringen. Während des Gesanges war Herr von Schaffau hereingekommen, ich hatte es nicht bemerkt. Kurz vor der Predigt aber erschien Fräulein von Ramberg mit vielem Geräusch. Sie ist es, die meinen Hut schön fand und sich dem Herrn von Schaffau zu Liebe täglich mit Tante Julchen zankt, auch deswegen vielleicht das Verbot, nicht in die Kirche zu gehen, übertreten hat. Ich mußte mich recht zusammen nehmen, so albernen zerstreuenden Gedanken nicht nachzuhängen, die Predigt half mir. Vom heutigen Evangelium Luc. 14 war es der 11te Vers, darüber er besonders sprach: Denn wer sich selbst erhöhet, der soll erniedrigt werden, und der sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden. Ein niedriger Weg will mir nicht in den Sinn, und ich möchte doch nicht, daß Noth und Muß, wie Trinchen mir immer prophezeiht, mich erst dahin bringen. Nein, freiwillig möchte ich dem Herrn alles zu Füßen legen. Wie bin ich dankbar, den Prediger hier gefunden zu haben; es war das, was uns fehlte in der Heimath. Trinchens Gebete sind erhört, ich werde hier nie verlassen sein; wenn es mir im Schlosse bange wird, gehe ich nach der kleinen Pfarre. – Herr von Schaffau stand wartend an der Thür, doch blieb ich, ich wollte nicht mit ihnen gehen. Erst als alle Leute die Kirche verlassen hatten, trat ich heraus. Ich konnte mich von dem friedlichen Platz kaum trennen. Wie lieblich liegen Kirche und Pfarre hier auf der Höhe, gerade dahinter auf einem Angerhügel stehen zwei alte Linden, und eine Kastanienallee führt weiter in die Kirschplantage. Ich hätte das Bild gleich zeichnen mögen, doch fehlten mir Bleistift und Papier. Als ich den Fußpfad nach der Pfarre zuging, prüfend, ob ich nicht heut meinen Besuch dort machen könne, öffnete sich die kleine Hängethür, die nach dem Garten führt, und ein Kinderköpfchen nach dem andern lauschte herum. Ich begrüßte sie, sie kamen näher, ich setzte mich auf einen Grabstein, und bald hatte ich fünf liebliche Kinder um mich, die sehr vertraulich fragten und plauderten. Ich hörte, daß Papa Amtsgeschäfte habe, Mama in der Küche sei und schnell Mittagsbrot koche, und Herr Heber der Hauslehrer dort die beiden kleinsten Schwesterchen im Garten warte. Ich versprach sie bald zu besuchen, küßte die Kindlein alle und ging durch den Park zurück. Dort oben war es lichter stiller Sonntag, hier unten war es wüst und laut. Die Leute im Haus sind eifrig beschäftigt, heut Abend soll wieder Tanzvergnügen sein, selbst aus der Nachbarschaft erwartet man Gäste. Aus dem Frühstückszimmer tönte lautes Lachen und Scherzen. Im Vorzimmer legte ich Tuch und Hut ab, ich sah mich in dem hohen Spiegel und es bewegte mich freudig, es war mir, als ob ich einem der Edelfräulein in der Kirche gleich sähe. Trinchen hat aus dem schwarzseidenen Mantel der Tante, da sie doch nie im Winter ausgeht, mir ein Kleid gemacht, es ist etwas eng und schlank, dazu die weiße Spitze am Hals, es sieht mittelalterlich aus. Herr von Tülsen empfing mich. Mein Fräulein, heut sehen Sie wie eine barmherzige Schwester aus. Ich wollte, ich wäre es, entgegnete ich freundlich. Um des Himmels willen, fuhr er fort, man merkt, daß Sie aus der Kirche kommen. Aber da haben wirs, und ich sage Ihnen, wenn Sie noch öfters den Teufelsprediger hören, so wirds gefährlich für Sie. Er sprach nun in sehr leichtfertiger Weise über Predigt und Gottesdienst. Die meisten jugendlichen Zuhörer schienen sich darüber zu amüsiren und sahen nur zuweilen scheu nach Herrn von Schaffau, der ziemlich in unserer Nähe stand, aber so im Gespräch vertieft, daß er diese Unterhaltung nicht hörte. Ich sah mich um, ob niemand diesen Gotteslästerer unterbrechen würde. Plötzlich sagte er: Mein Fräulein, Sie sind ja so still? Ich entgegnete, daß ich vor Schrecken still sei, weil ich so etwas noch nie gehört. Er erröthete, das machte mir Muth. Glauben Sie nicht, daß ich ein schlechter Christ bin, sagte er. Sie sind gar kein Christ, sagte ich ernsthaft. Er wollte sich vertheidigen, sprach, daß er ein Freund sei von geistreichen Predigten, von schönen Kirchenmusiken. Es freute mich, daß sein hohles Geschwätz gar hohl klang, keinen Eindruck auf die Zuhörer machte. Ich aber ließ mich weiter nicht mit ihm ein, nur als er unsere Choräle Schlaflieder nannte, stand ich auf und fragte, ob ich ihm den spielen und singen dürfte, den wir heute in der Kirche sangen. Ich zog Forte und Piano zugleich, um den Orgelton nachzuahmen, und spielte in vollen Accorden und sang: Nun bitten wir den heiligen Geist. O ja, ich fühlte die Kraft des heiligen Geistes, er selbst schien an die Herzen der Zuhörer zu rütteln, Geplauder und Lachen waren verstummt; als ich aufhörte, sah ich nur erstaunte Gesichter. Herrlich, herrlich! begann Herr von Tülsen. Ich hörte nicht nach ihm. Rosalie legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte: wie schön. Tante Julchen lobte mich sehr laut, sie that es, um mich den andern gegenüber zu heben. Herr von Tülsen ist auf ihrer Seite, er versicherte, meine Stimme sei eine Fünftausendthaler- Stimme, er wünsche nichts mehr, als mich den Romeo singen zu hören. Er bat mich, noch ein anderes Lied zu singen, ich hatte fast Lust, der Aufforderung zu folgen. Es that mir augenblicklich wohl, vor diesen Leuten etwas zu gelten, o ich schäme mich sehr. Herr von Schaffau, der die Lobeserhebungen der Tante Julchen schon mit sehr gleichgültigem Gesichte angehört, sah mich prüfend an. Ob sie doch nicht eine eitele alberne Person ist? las ich in seinen Zügen. Ich fühlte wohl, daß ich es sei, doch sollte es jetzt niemand merken. Ich schlug Herrn von Tülsen die Bitte ab, auch die Symphonie zu spielen, ich sah wie die jungen Leute sich zum Spaziergang rüsteten und verließ mit ihnen und Lucie das Zimmer. Recht sehr viel thörichte Gedanken kamen mir darauf in den Sinn, o gewiß müssen wir immer auf unserer Hut sein und bitten: Führe uns nicht in Versuchung, der Versucher ist gar schlau. Ob es wirklich ein Unrecht ist, seiner Stellung gemäß in der Welt aufzutreten und sich von ihr geachtet zu sehen? so sprach er: die Tante hat es mir zur heiligen Pflicht gemacht, dies nicht aus den Augen zu verlieren, sie hat mich versichert, daß ich sonst in meiner Stellung auch nichts nützen würde. Das schien mir sehr richtig, wenn ich keine Autorität im Hause habe, kann ich auf meine Schülerinnen nicht wirken. O nein, alle Täuschung ist vorüber, die einsamen Stunden haben mir wohl gethan, müßt ich doch nicht wieder hinein in den Strudel. O lieber Herr, gieb mir ein starkes Herz, gieb mir Kraft, dich stets neben mir zu fühlen.



Brief von Lulu nach Haus.


Theure Tante! Heute will ich den Brief vollenden und ihn morgen zur Post schicken, damit Du endlich von mir hörst. In meinem Stübchen wirst Du heimisch sein, ich kann nur noch einmal versichern, es fehlt mir an keiner Bequemlichkeit. Daß ich mir mein Haar allein mache, darf Dich nicht betrüben; ich mache es schnell und gut, ja wenn Sofie die Arbeit später, wenn sie mehr Zeit hat, auch übernehmen wollte, ich würde es nicht leiden. Nun hört vom Sonntag, Jacob soll es auch mit hören, das war großartig. Ich möchte, liebe Tante, Du hättest es mit ansehen können, wie Frau von Ramberg im blauen Stoffkleid und goldgelben Paradiesvogel. Ach nein, ich preise Dich glücklich in Deiner Friedenswelt. Sage aber Trinchen, daß Sofie die weiße Feder vom Hut genommen und ein nelkenrothes Band an die Stelle geheftet hat. Er war zu auffallend, so sieht er weniger anspruchsvoll und doch sehr gediegen aus. Meine übrige Garderobe ist ausgezeichnet, ist auch ausreichend genug. Mit den Damen hier wetteifern zu wollen, wäre eine Thorheit, sie machen oft dreimal täglich Toilette. Sofie kam den Sonntag Nachmittag, um mir beim Ankleiden zu helfen, sie war fast erschrocken, daß ich nichts von einem Ballkleid auszuweisen hatte; doch staunte sie, als ich des Onkels Staatskleid hervorbrachte. Sie steckte mir weiße Georginen in das Haar und vor die Brust, das sah prächtig zu dem schimmernden Goldbraun. So konnt ich auch einmal von der Treppe und durch die Zimmer rauschen. Mehrere Diener in Livree standen im Vorzimmer, später habe ich einen ganz genau copirt und schenke ihn Jacob, er mag daran sehen, wie seinesgleichen jetzt aussieht. Weihnachten hoffentlich kann ich ihm etwas Livree schicken, aber sagt ihm das nicht. Uebrigens ist außer Vollberger niemand unter den Leuten, der so gebildet und gewandt ist, das sage ihm, liebe Tante. Als ich zur Gesellschaft kam, war ich ganz geblendet von der Pracht der Toiletten und von der Ausstattung der Räume. Die alten Damen in Stoffkleidern, Federn und Aufsätzen, die jungen Damen in Flor und Krepp und Blumen, das war ein feierliches Flüstern und Complimentiren. Die Herren mit weißen Kravatten und Handschuhen, gingen leichtfüßig über den glatten Fußboden, auf dem Orchester wurden die Geigen versucht, ich muß gestehen, es wurde mir ganz feierlich zu Sinne, voll Respect wagt' ich nicht durch den Saal zu schreiten und gab mich willig unter Lucie's Schutz, die mich hinüber zu den jungen Damen führte. Liebes Trinchen, wird Dir bange? O nein, die Versuchung ging vorüber, ich habe nicht getanzt. Weißt Du warum? ich wurde nicht aufgefordert dazu, wenigstens nicht eher als bis die feierliche Stimmung überwunden war. Ich sah, wie die alten Damen ihren Töchtern voran sich zierlich durch den Saal bewegten, wie die Töchter dann immer lebhafter wurden, wie toll durch den Saal flogen und dann mit fliegender Brust vor mir standen. Könnt ich Dir den Blick beschreiben, mit dem sie auf mich herabsahen, von oben herab und mitleidig, das machte mich stolz, ich that das Gelübde, nie zu tanzen. Nein nicht deswegen, liebes Trinchen, habe ich es gethan, nein ich gedachte Deiner Schilderungen von Tanzgelagen, ich fühlte, daß man nur so auf dem breiten Wege tanze, es war mir, als sähe ich Satan den Reigen führen, daß er mit all dem Schimmer und dem Glanze Stricke lege, um Seelen zu umgarnen. Liebes Trinchen, Du warst um diese Zeit gewiß allein in Deinem Kämmerlein, Du hast gerade für mich gebetet und auch: Führe sie nicht in Versuchung! Ich fühlte plötzlich eine wunderbare Kraft in mir, ich sah keine Herrlichkeit mehr, ich sah nur ein elend vergänglich Wesen, und die Menschen kamen mir ganz wunderlich vor, und unheimlich ihr tolles Treiben. Jetzt kam Herr von Tülsen, mich aufzufordern, ich dankte. Auch andere jüngere Herren folgten ihm, ich dankte. Ich wollte den Saal verlassen, doch bat mich Lucie dringend, zu bleiben, bis die Eistorten kämen. Ich blieb in meiner stillen Ecke, schob mir noch einen Blumenhalter vor, um ungesehen zu sein, und hing meinen Gedanken nach. Lucie saß in der andern Ecke des Sofas, die Eistorten kamen lange nicht, Lucie schlief ein, mir brauste die Tanzmusik immer ferner vor den Ohren, die Augenlieder wurden mir immer schwerer, ich schlief auch ein. Herr von Tülsen weckte uns mit lautem Lachen. Ich bitte Sie, wie können Sie hier schlafen! Warum nicht? entgegnete ich. – Mitten in dem Lärm? – Es war mir als einem, der außen Sturm und Unwetter hört und im sichern warmen Stübchen sitzt. – Er wollte meine Tanzlust noch ferner ergründen, ich wich ihm aus. Rosalie und einige fremde Damen traten zu uns, ihre Toiletten waren vertanzt, ihre Züge abgespannt, wir machten ihnen Platz auf dem Sofa. Hätte mich im Anfang so viel Schein verführen können, jetzt würde ich enttäuscht worden sein. Es giebt nichts traurigeres als eine vertanzte und überwachte Gesellschaft, besonders wenn man sie mit frischem Muth ansieht, wie ich es konnte. Ich war sehr vergnügt aufgewacht und bedauerte mit Lucie nur, die Eistorten verschlafen zu haben. Herr von Schaffau, der dies hörte, versprach gütigst, uns den folgenden Tag davon zu besorgen. Herr von Tülsen sah ihn erstaunt an und wandte sich leise zu mir und Rosalie. Unser Herr Wirth hat heute eine Rosenlaune, sagte er ironisch, was mag ihn nur hier fesseln? Sonst hat er uns die Ehre seiner Gegenwart bei ähnlichen Gelegenheiten nicht geschenkt. Das glaube ich wohl, sagt ich. – Wieso? – Weil er sich hier langweilt. – Danke schön für das Compliment! sagte Herr von Tülsen lachend. Ich schwieg. Ich war vielleicht voreilig gewesen, aber, liebe Tante, ich habe mich dadurch in Respekt gesetzt. Rosalie sprach, daß ich eigentlich Recht habe, und Herr von Tülsen begann ähnliches zu Philosophiren. Ich aber wünschte ihnen bald einen guten Morgen und verließ mit Lucie den Saal. Als die Sonne am höchsten stand, traf ich meine Damen im Frühstückszimmer. Frau von Schlichten hatte bestimmt, daß mit heute die Conversationsstunden beginnen sollten. War in der Nacht mir die Gesellschaft traurig vorgekommen, so jetzt noch trauriger. Die Herren hatten das beste Theil erwählt, sie gingen auf die Jagd, die Damen aber, sehr langweilig und abgespannt, protestirten gegen das englisch sprechen. Herr von Tülsen stimmte ihnen bei, er versteht kein Englisch. Die Unterhaltung drehte sich um den vergangenen Abend. Thekla und Fräulein von Ramberg entwickelten großen Witz, indem sie die Gesellschaft Revue passiren ließen. Mir schwoll der Kamm. Lucie hörte alles, ja sie lachte mit. Ich fühlte, daß es hier Pflicht sei, als Gouvernante aufzutreten. Liebe Tante, Du hast stets an meinem Talente dazu gezweifelt, aber Trinchen hat Recht: wem der Herr ein Amt giebt, dem giebt er auch Verstand; ich habe mich wieder sehr in Respect gesetzt. Herr von Tülsen kam mir zu Hülfe. Was sagen Sie zu diesem Durchhecheln? wandte er sich scherzend zu mir, finden Sie es nicht abscheulich? Gewiß! entgegnete ich ruhig. Nun ich bin überzeugt, daß Ihre Freundinnen Ihrer jetzt eben so zärtlich gedenken, wandte er sich lachend zu den jungen Damen, damit können Sie sich trösten. Meinen Sie, daß wir Veranlassung dazu gegeben? fragte Thekla spitz. Das ist gleich, entgegnete ich, es kommt nur auf die Gewissenlosigkeit der Urtheilenden an. Ja auf die Lust zum Scandalisiren, fiel mir Herr von Tülsen in das Wort, bedenken Sie, daß sich die Damen drüben in Graubergen ebenso langweilen als Sie, und wundern Sie sich nicht, wenn sie sich ebenso unterhalten. Sie sollten darüber nicht scherzen, unterbrach ich ihn, ich finde die Sache zu ernsthaft. Ernstlich darüber zu reden überlasse ich Fräulein von Ramberg, sagte Herr von Tülsen, die liebt die Behandlung solcher Kapitel, bitte erklären Sie uns doch das betreffende Gebot. Sie irren sich, ich bin hier nicht Gouvernante, sagte das Fräulein spitz. So darf ich es, nahm ich mit einiger Würde das Wort. Wie lautet das achte Gebot? Du sollst nicht falsch Zeugniß reden wider deinen Nächsten. Was ist das? Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unsern Nächsten nicht fälschlich belügen, verrathen, afterreden, oder bösen Leumund machen; sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren. – Frau von Schlichten mit einigen älteren Damen traten ein und unterbrachen uns. Sie hatten Migräne und waren sehr übler Laune. Zum Gegenstand der Unterhaltung nahmen sie ganz wie die Töchter die gestrige Gesellschaft, aber viel schärfer waren sie. Es war zu auffallend. Wie die Alten sungen, zwitschern die Jungen, flüsterte uns Herr von Tülsen zu. Thekla und Rosalie lachten. Wollen Sie den Mamas nicht auch das achte Gebot vorsagen? fragte Thekla. Ich sah sie ernsthaft an und brach das Gespräch ab. Theuerste Tante, Du siehst, daß ich meiner Würde nichts vergebe, sie aber auch am besten behaupte, wenn ich suche, würdig vor dem Herrn zu leben. Betet für mich, – o welch ein Trost ist mitten in diesem Gewühl Eurer gedenken zu können, Eures lieblichen Stilllebens und Friedensortes. Auf Weihnachten freue ich mich, eine große Kiste hoffe ich zu schicken, Jacob muß sie sicher mit der Karre holen. Gott befohlen, theuerste Tante, ich küsse Dir die Hand. Der Herr stärke Dich mit Gesundheit und Frieden! Trinchen, mein allerbestes Trinchen, grüß ich tausendmal. Jacob behütet mir doch meine kleine Kolonie? Wenn auch David auf den Buxbaum tritt, Buxbaum ist nicht mehr Mode. Denke, eine große Eistorte schickte Herr von Schaffau mir und Lucie auf die Stube, ich habe dabei den Vollberger copirt, die Schlüssel in der Hand, es ist ein Bildchen für Jacob. Ich möchte, die Torte würde in seinen Händen zu einer wirklichen. Tausend Grüße von Deiner              lieben Lulu.


Noch einen Spaß muß ich Dir erzählen, liebes Trinchen, aber Du mußt nicht böse sein über meine Albernheit. Fräulein von Ramberg fragte mich, warum ich eigentlich nicht tanze. Du mußt wissen, sie hat Dein Amt übernommen, mich demüthig zu machen, doch thut sie es auf andre Weise, und ich sträube mich gewaltig. Ich entgegnete ihr, daß ich nie Gelegenheit gehabt, mit meines Gleichen Tanzunterricht zu haben. Wen nennen Sie denn Ihres Gleichen, wenn man fragen darf? sagte sie. Nur Familien, welche zweiunddreißig Ahnen aufzuweisen haben, gab ich zur Antwort, meine Tante sei äußerst gewissenhaft darin, und unser erster Familienschmerz sei gewesen, daß ein naher Vetter kürzlich eine Gräfin K. geheirathet habe. – Zweiunddreißig Ahnen! und eine Gräfin K. eine Messalliance? – Ohne Zweifel, sagt' ich stolz, vor nicht länger als hundert Jahren lebte diese Familie in einem Bäckerladen.



Den 10. October.


Es schwirrt noch immer im Haus; ich kümmere mich wenig darum. Im Küchengarten traf ich Tante Julchen an der sonnigen Weinwand. Sie sammelte die letzten süßen Beeren, ich half ihr und sprach dabei von Lucie. Ich bat sehr, sie nicht so viel an den Gesellschaften der Großen theilnehmen zu lassen, und sie auch heut nicht mit nach Graubergen zu nehmen. Die Tante sah mich verwundert an: Soll das Kind allein hier bleiben? Ich bleibe auch, war meine Antwort. Die Tante küßte mich auf die Stirn, so ist's brav, sagte sie und schenkte mir zur Belohnung die schönste Weintraube. Auch steht es uns frei, für uns Kinder dem Hasen etwas abzujagen, scherzte ich. Das will ich gewiß, entgegnete sie. Sofie soll mir gleich noch an der linken Seite eine Tasche nähen, dann wird eingesackt. Die Tante ist heftig und etwas roh, aber sie gefällt mir am besten von allen den Damen hier. Es thut mir leid, daß sie gegen Herrn von Schaffau so feindlich ist, und daß ich die Ursache bin. Ich sah ihn nie anders als sanft und gütig gegen sie; daß er so entschieden einen andern Weg geht, ist ja der Halt und Trost für dies Haus, sollte Tante Julchen das nicht fühlen? Sie ist sonst so vernünftig, ist so unzufrieden mit Frau von Schlichten und mit den großen Töchtern, sie hat Lucie, die arme verlassene Lucie, so lieb, und sieht, wie seine Liebe und Sorgfalt für dies Kind sich mit der ihrigen vereinigt. Als sie mir neulich sagte: ich solle seine Grobheit mir nicht zu Herzen nehmen, und ihn dabei einen Frömmler und einen Sauerseher nannte, entgegnete ich ihr, daß es mir sehr wehe thäte, das zu hören, da Herr von Schaffau so nachsichtig, mit mir sei. Ich bat sie, mir das drückende Gefühl, die Ursache von Zwietracht im Hause zu sein, zu ersparen, und sagte, ich möchte am wenigsten sie, die ich so herzlich lieb hätte, jemanden Unrecht thun sehen. Ich küßte ihr die Hand bei diesen Worten, sie fühlte meine Aufrichtigkeit und küßte mir freundlich die Stirn. Ich meine es nicht schlimm, sagte sie, und ist er großmüthig, will ich es auch sein. Punktum. Sie hat mir bei dieser Gelegenheit auch die Erlaubniß gegeben, Lucie mit in die Kirche zu nehmen, und versicherte dabei, ich solle ja nicht glauben, daß sie etwas gegen Gottesfurcht habe.



Den 15. October.


Der Tag war zu schön. Die Nebel kämpften lange mit der Sonne, endlich stand sie am reinen Blau. Auch ich habe die Nebel unter mir, alle Zerstreuung ist überwunden. O wie elend, traurig, nichtig ist das Treiben unter mir; o Herr, laß mich immer deine Nähe so rein und kräftig fühlen wie heute. Ich habe gebetet für Lucie, für die Tante, für Rosalie. Ich ward sehr kühn, ich hatte den Muth, mit Sofie und Lucie die erste Morgenandacht zu halten. Meine Zuversicht gewann mir die Herzen, ich habe das Vaterunser laut gebetet und aus der Bibel gelesen Matth. 5. und mit ihnen gesungen: Ach bleib mit deiner Gnade. Darauf sagt' ich, wir wollten nun getrost an unser Tagewerk gehen, aber für einander beten, daß wir möchten sanftmüthig und barmherzig und reines Herzens und friedfertig sein. Ich konnte kaum reden, so war mir das Herz bewegt, Sofien gingen die Thränen über die Wangen. Ich weiß wohl, das will nicht viel sagen, sie ist sehr von sich eingenommen. Ich begann mit Lucie die Stunden heut weit freudiger, es war mir, als ob ich liebevoller, geduldiger und sie weit aufmerksamer sei. Es war mir lieb, daß ich von den Conversationsstunden im Frühstückszimmer befreit wurde, die Herrschaften wollten spazieren fahren. Ich fahre auch so gern spazieren, und sie nahmen mich noch nie mit: da glückt' es mir heut. Ich trat mit Lucie aus dem Portal, eine große Droschke stand vor der Thür, eine kleine Ponies-Equipage wurde auf dem Hof umhergefahren. Lucie und ich setzten uns hinein, das war herrlich, Lucie nahm die Zügel, wir fuhren im Kreise umher, ich glaube, ich würde auch bald fahren lernen. Als die Herrschaften aus dem Haus traten, stiegen wir schnell ab und liefen in den Garten. O wie schön war der Tag, so friedlich und so leuchtend, ich hätte mögen auffliegen mit meiner Seele. Wir sind durch den Park getanzt und weiter hin bis zur Höhe in der Kastanienallee. Die glänzenden braunen Früchte lagen unter dem goldenen Laub. Mir kam die Lust zum Spielen an, auf einem weichen moosigen Plätzchen steckt ich kleine Zweige mit rothen Hanebutten und machte davon eine Hecke, die Kastanien wurden ausgesucht, in Heerden getheilt, da gab es Kühe und Kälber, und Hund und Schäfer, Lucie's Fantasie ging prächtig darauf ein, das war eine Viehweide. Darauf kamen wir aber zu verzauberten Prinzen und Prinzessinnen, suchten Steine zu Grotten, es war eine Märchenwelt, daß wir sangen, sprangen und fröhlich waren. Als Lucie immer eifriger ward und mich entbehren konnte, setzt' ich mich auf den nahen Kirchhof, um das Bild, das mir so wohl gefiel, zu zeichnen. Es ging unerwartet gut, ich konnte sogar noch den blauen Himmel anlegen und die Kastanien im Hintergrund, bis leider Herr von Tülsen uns störte. Er war wegen Kopfweh nicht mitgefahren und versicherte, er sei dreimal vergebens den Park durchlaufen, um uns zu suchen. Die meisten Gäste sind jetzt abgereist, die unliebenswürdigsten sind geblieben, Frau von Ramberg mit der Tochter, Herr von Tülsen, der ist mir besonders zuwider. Ich ging mit ihm zu Lucie, er begann sich lustig über uns zu machen. Ich sagte ihm etwas eifrig: das wisse nur ein kindlicher Sinn zu würdigen, er sei freilich kein Kind mehr. Darauf sprach er einige sentimentale Worte als: ich verkenne ihn, und setzte sich sehr vertraulich zu uns. Ich war froh, daß unsere Gesellschaft eben die Allee entlang kam. Die Wagen hielten still, Herren und Damen stiegen aus. Frau von Schlichten sah mich scharf an, ich weiß nicht warum. Tante Julchen freute sich über den Spielplatz, Rosalie auch, nur Thekla sprach wie Herr von Tülsen. Lucie sagte sehr impertinent: nur ein kindliches Herz wisse das zu würdigen und sie habe kein Herz. Ich schämte mich im Stillen, daß ich eine so gelehrige Schülerin hatte, die meine Worte so gut zu benutzen wußte; aber Thekla ging scherzend weiter; sie hatten sich alle entschlossen, durch den Park zurückzugehen. Mir that der kleine Ponies-Wagen leid, ich deutete Julchen an, ob wir nicht darin nach Hause fahren könnten. Herr von Schaffau erlaubte es gern, ja er fuhr uns selbst und schickte den Kutscher fort. Das war eine herrliche Fahrt, wir fuhren ja nicht nach Haus, nein durch den Park wieder zurück auf die Höhen und weiter und weiter. Ueber die gelben Felder hatte der Herbst einen seidnen Schleier gewebt, die schrägen Sonnenstrahlen schimmerten darauf in Regenbogen-Farben, und die Ferne war so duftig und der Himmel so blau und die Bäume so bunt. Wir waren sehr vergnügt. Herr von Schaffau hat auch mein Bild geprüft, Lucie zum Zeichnen und Malen ermuntert und uns beiden, wenn wir fleißig sind, feine Aquarellfarben und schöne Papiere versprochen. Er hat Lucie sehr lieb, und ich glaube, dies ist der einzige Punkt, in dem er mit der Tante Julchen übereinstimmt. Deswegen vielleicht erträgt er ihre Härten; ohne ihren Schutz wäre das Kind im Hause verloren. Ich habe Frau von Schlichten noch nie mütterlich gegen sie gesehen, die Schwestern gehen ihren eigenen Weg, – und Lucie ist wahrlich ein reich begabtes Kind. Sie war wieder so witzig im Wagen, aber nicht über andere Leute, sie hat mir versprochen, sich davor zu hüten. Wir lachten heut über uns selbst, ich war albern genug. Herr von Schaffau ist sehr nachsichtig und that, als ob nichts Besseres von uns zu verlangen sei. Bei Tisch aber hat er mir leise mit dem Finger gedroht, als wir da noch übermüthig waren. Ich ward gleich etwas vernünftig und dankte ihm die Warnung. Und nun lebe wohl, du schöner Tag, ich lege mich zur Ruh und bin dankbar – dir, lieber Herr.


Breit aus die Flügel beide,
O Jesu, meine Freude,
Und nimm dein Küchlein ein;
Will Satan mich verschlingen,
So laß die Englein singen:
Dies Kind soll unverletzet sein.



Den 23. October.


Je höher du auf Berge steigest, je tiefer mußt du wieder hinab in das Thal, sagt Trinchen. Ich habe sehr tief, sehr tief hinab gemußt. Der folgende nach jenem schönen Tage war trüb, aber ich stand eben so fröhlich auf, hielt freudig mit Sofie und Lucie die Andacht und dann den Unterricht. Als ich zur Konversationsstunde, ich glaube zum erstenmal mit rechter Lust hinunter wollte, ward ich zu Frau von Schlichten gerufen. Sie empfing mich in ihrem Kabinet mit einem so eiskalten Gesicht, daß es mir schaurig um's Herz ward. Schon bei Ihrem ersten Eintritte, Fräulein von Plettenhaus, – sagte sie mit scharfer Stimme und mit etwas geschlossenen Augen, überzeugte ich mich, daß es sehr unpassend war, Sie als Gouvernante hierher zu schicken. Ihre Tante hat die Thorheit gehabt, Sie als Hofdame zu erziehen, und eine solche kann ich nicht gebrauchen. Doch, glaube ich, würden Sie mit der Zeit gelernt haben, wohin Sie gehören, und ich rede jetzt nur von Ihrer Leichtfertigkeit, die nicht in mein Haus paßt. Ich erschrak sehr bei diesen Worten, sie fuhr fort: Sie wissen, warum die letzte Erzieherin das Haus verlassen mußte. Ich schüttelte den Kopf. Schon wieder eine Lüge? sagte Frau von Schlichten spöttisch: beinahe vierzehn Tage sind Sie mit Sofie zusammen und sollten das nicht wissen? Ich konnte mich nicht halten. Ich fühlte, wie ein gewisser Zorn mein Herz erregte. Ich war nie gewohnt mit Untergebenen solche Dinge zu reden, sagte ich stolz, ich bitte das Mädchen selbst zu fragen. Ist gar nicht nöthig, entgegnete sie kühl, ich pflege nicht die Klatschereien meiner Leute zu untersuchen. Das ist jetzt nur Nebensache. Ihre Vorgängerin in der Erziehung wurde verabschiedet wegen ihrer Leichtfertigkeit. Ich fürchte die Wiederholung ähnlicher Auftritte und warne Sie hiermit. Während wir spazieren fahren, geben Sie sich ein Rendezvous mit Herrn von Tülsen, ein schönes Resultat für die kurze Zeit Ihres Hierseins, die arme Lucie scheint vom Regen in die Traufe gekommen. – Mir vergingen die Gedanken, ich weiß nicht, was sie noch sagte, nur endlich, daß ich sie jetzt allein lassen möge. Ich ging auf mein Zimmer, Sofie kam mir schon entgegen. Was sagen Sie nun? ist das nicht eine gottlose Frau? – Ich sah sie verwundert an. – O ich stand mit Betti im Schlafzimmer und habe jedes Wort gehört. Sie sprach nun wirres Zeug, ich war zu kraftlos es ihr zu verbieten, aber hörte auch nicht viel. Herr von Tülsen soll mit seinem Reichthum Rosalien heirathen, – Thekla ist halb und halb mit dem Vetter Reinberg verlobt, der ist ein armer Gardelieutenant, Onkel Schaffau soll Thekla, den Liebling der Mutter, versorgen, – und noch anderes und anderes, mich aber geht es nichts an, es ist mir wie ein wüster Traum. Lucie holte mich zu den Konversationsstunden, ich folgte ihr willenlos. Ich ward feuerroth, als mich Herr von Tülsen schon an der Thür empfing, als ich mich von ihm wandte, trafen mich Herrn von Schaffaus Blicke eben so strenge, als die seiner Schwester, das that mir sehr weh. Frau von Schlichten saß zum erstenmal in unserem Kreise, tadelte Aussprache und Ausdrücke an meinem Englisch und bewachte mich mit scharfen Augen. Thekla und Fräulein von Ramberg sprachen nur in unverständlichen Reden und lächelten viel. Mir ward es immer bänger, ich fühlte, ich würde nicht lange mehr das Weinen unterdrücken können, und verließ das Zimmer. Frau von Schlichten folgte mir, erreichte mich im Vorzimmer und sprach wahrhaft zornig zu mir: Spielen Sie nicht die Unschuldige, die Beleidigte! Schändliche Koketterie! pfui, schämen Sie sich! Wenn Herr von Schaffau nicht zu uns gekommen wäre, hätte sie vielleicht noch mehr gesagt. Ich eilte weinend davon, Lucie wollte mit mir, ich bat sie, mich allein zu lassen, und ging in den Garten. Das war bis jetzt die schwerste Stunde meines Lebens. Dichter Nebel hing in den Zweigen, grau war alles und öde und leer, ich ging unter den Platanen hin und her, das Laub rauschte unter meinen Füßen, das Schloß sah mich unheimlich an. Einer Waise Pfad ist hart, hat Trinchen oft gesagt, ja sehr hart. Den Waisen-Trost aber, den sie mir gesagt, konnt ich jetzt nicht finden, der Himmel war dicht verhangen, ich konnte nur weinen. Ueberall sah ich Dunkel und Trübsal. Aus Trinchens Briese geht hervor, daß die Tante diesen Winter kränker ist, sie sehnt sich nach mir, und ich muß hier Geld verdienen und Kummerbrot essen. Es rauschte hinter mir, ich sah Herrn von Schaffau mit dem Jagdhund unter die Ahorne treten, es war mir, als ob ich ihm meinen Kummer sagen dürfe, aber nein, ich konnt es nicht. Ich ging ihm aus dem Weg. Auf halber Höhe nach der Kirche, an einer Fliederhecke war es sehr still, nur die Roth­kehlchen hüpften in den Zweigen und sangen leise. Sie unterhielten mich, ich schaute ihnen zu, wie sie mit den feinen Köpfchen und den schwarzen Aeuglein nach mir sahen. Sind sie auch Waisenkinder? Nein sie haben einen Vater im Himmel, ohne Ihn fällt kein Sperling vom Dache, – und seid ihr denn nicht vielmehr denn sie? – Ich weinte, aber nun andere Thränen. O du lieber Herr, bin ich denn verlassen? Nein, nein, wenn sie mich hier verstoßen, der Herr weiß schon, wo ich künftig wandeln soll, ich bin getrost und hoffe auf ihn. So selig habe ich mich noch nicht gefühlt, als dort oben an der einsamen Hecke, bei den kleinen Roth­kehlchen. Ich habe Frau von Schlichten verziehen, von ganzem Herzen, ich habe für sie gebetet zum erstenmal, ich habe gebetet für alle Seelen da unten in dem stummen grauen Haus, ich habe gebetet, es möchte Licht da werden und Frieden kommen. Die Dämmerung war gekommen, durch den Nebel leuchtete ein Lichtchen, es war vom Pfarrhaus und schien mich gar freundlich einzuladen. Zur Gesellschaft konnt' ich nicht, es war größere Tafel, Gäste aus der Nachbarschaft wurden erwartet, ich sah, wie die Lichter nach und nach aus der dunkelen Steinmasse auftauchten. Das Lichtlein aus der Pfarre war mir einladender, dazu begann das Abendläuten, durch den dichten Nebel klang es weich hindurch, mit recht aufgethanem Herzen trat ich ein in die Pfarre. Die ganze Familie war in der Wohnstube versammelt, sie feierte die Dämmerstunde, es war ein liebliches Bild. Der Vater saß am Instrument und schien gesungen zu haben, drei Kinder standen neben ihm, die beiden jüngsten hatte der Hauslehrer auf den Knieen, und zwei größere Töchter halfen der Mutter Strümpfe von den Formen ziehen. Der Herr Pastor begrüßte mich freundlich, er kannte mich aus der Kirche, auch die Kinder hatten mich nicht vergessen, sie waren sehr harmlos; die Frau Pastorin aber empfing mich mit großer Höflichkeit. Da ich kein Arbeitszeug mit hatte, bot ich mich ihr zur Hülfe an. Sie machte viel Umstände, die großen Löcher in den Strümpfen schienen sie zu geniren. Sie klagte, wie die sieben Kinder ihr sehr viel Arbeit machten, sie nie fertig damit würde. Ich bat, die Strümpfe stopfen zu dürfen. Sie sagte wieder sehr verbindlich, daß meine feinen Hände wohl nie so grobe Strümpfe angefaßt. Die Höflichkeit mißfiel mir erst, sie scheint aber nicht böse gemeint. Der Herr Pastor entgegnete scherzend, liebes Kind, so hast du das Verdienst, es dem Fräulein gelehrt zu haben. Darauf gab sie mir die nöthigen Sachen, und ich begann eifrig meine Arbeit. Das war eine Lust, ich fühlte mich bald ganz heimisch, der Vater erzählte, die Kinder hörten zu, ich durfte auch erzählen, dabei hatte ich die Freude, das Strumpfgebirge vor mir immer mehr verschwinden zu sehen, und die Frau Pastorin schien sich auch zu freuen. Als die Zeit ihres Abendessens kam, wollt' ich fort, sie baten mich zu bleiben. Die Mutter verließ die Stube, der Hauslehrer nahm wieder die kleinsten Kinder auf den Schooß, das ist sehr hübsch, aber auffallend war mir sein Wesen. Linchen, das älteste Töchterchen, erzählte mir, daß sie seit einem Jahre Klavier spielte und vor einiger Zeit zu des Vaters Geburtstag »Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren« gespielt hätte. Ich forderte sie auf, es mir vorzuspielen, das that sie. Wir stimmten erst leise ein, dann immer lauter, und aus meiner Brust klang das Lied in vollen Tönen. Der Herr ist ja so sehr freundlich, ich fühlte mich so glücklich in diesem lieben stillen Haus, sein Geist wehet darin, er soll mich stärken in meiner Schwachheit. Der Herr Pastor brachte mich zu Haus, ich habe ihn gebeten, mein rechter Beichtvater zu sein. Ich sagte ihm, daß seine Schwester meinen Platz würde besser ausgefüllt haben, er müßte dafür mir theilnehmend und rathend zur Seite stehen und mich stärken in meiner Schwäche. Er war sehr freundlich, versprach mir alles, gab mir guten Rath, besonders soll ich Herr n von Schaffau's Wünsche vor Augen haben, er meint es gut, aller Wohl im Hause liegt ihm am Herzen, nur große Liebe und Geduld ist es, daß er so nachsichtig so manches im Hause duldet. Seit den Monaten, daß er von seinen Reisen zurück ist, hat er schon manches geändert, auch die gefährliche Gouvernante von den Kindern entfernt. Sein höchster Wunsch ist, ihre Herzen dem Herrn zu gewinnen, Tante Julchen ist sein offner Feind, Frau von Schlichten sein heimlicher. Er bricht nicht mit ihnen, um nicht ihnen allein den Einfluß über die Kinder zu überlassen. Das habe ich mir ungefähr aus den Worten herausnehmen können. Das zu hören rührte mich sehr. Ich will auch Geduld und Liebe im Herzen haben, und nicht ermüden, die Herzen zu gewinnen, und nicht ermüden, zu beten für mich und für uns alle. Als wir aus dem Ahorn-Gebüsch traten, lag diese Seite des Schlosses hell erleuchtet vor uns, die Musik tönte nieder, die Schatten flogen. Ich war froh, daß ich nicht hinein mußte, ich ging oben in mein Thurmstübchen. Da habe ich mich im Stillen gesammelt und meine Gedanken gerichtet zu meinem lieben Herrn. O wie ist doch alles so nichtig, jeder irdische Schmerz, jede Unannehmlichkeit, wenn der Herr uns zur Seite steht. Die Welt vergeht mit ihrer Lust, Sein Wille aber bleibet in Ewigkeit. Ich habe innig beten können, auch für die, die dort unten im lauten Rausche sich betäuben; ich habe nicht Furcht vor Frau von Schlichten und allen den stolzen vornehmen Leuten, nein Liebe und Theilnahme. Was sie mir auch zufügen, der Herr kann alles zum besten führen; ich fürchte wohl, ich werde hier nicht lange bleiben, aber verlassen werde ich dennoch nicht sein. Sehr lange hatte ich so nicht gesessen, als ich Tante Julchens schnelle Schritte hörte. Sie war verwundert über mein Ausbleiben und versicherte, daß ich ihr Sorge gemacht. Sie nahm es nicht übel auf, als ich es ihr erzählte, wie ich sehr traurig war und im Pastorhause Trost gefunden. Sie strich mir über die Stirn und sagte: Das Gewitter scheint vorüber, Herr von Tülsen hat nicht nach Ihnen gefragt, ist sehr lebendig gewesen, besonders mit Rosalie. Meine Schwägerin aber ist thöricht, der Alte heirathet weder Sie, noch Rosalie. Nur nehmen Sie sich in Acht, solche Sachen könnten öfter kommen, Sie passen eigentlich nicht für uns. Ich bat, von jetzt an immer gleich nach Tische mit Lucie die Gesellschaftszimmer verlassen zu dürfen, ich wolle hier oben mit Lucie leben, Lucie's Liebe und meine Pflicht und mein Stillleben solle mir über all das bunte Treiben gehen. Sie sah mich etwas zweifelhaft an. Gute Vorsätze – sagte sie. Ja Vorsätze, fuhr ich fort, aber beten Sie für mich, daß ich's durchführe, auch ich habe Sie täglich in mein Gebet geschlossen. Ich konnte ihr dabei recht vertrauend in das Auge schauen und küßte ihr aufrichtig und zärtlich die Hand. Sie sind eine Schwärmerin, entgegnete sie; wenn Sie es aufrichtig meinen, habe ich nichts dagegen. Acht Tage sind seitdem vergangen, sehr fleißig und regelmäßig. Frau von Schlichten scheint sich von meiner Aufrichtigkeit zu überzeugen, sie ist wieder freundlicher. Herr von Tülsen aber ist derselbe Unleidliche, wenn er auch kaum ein Wort mit mir spricht.



Den 2. November.


Unser Haus ist stiller geworden, Frau von Ramberg mit der Tochter und Herr von Tülsen waren die letzten, die gestern abreisten. Herr von Tülsen wird Weihnachten wieder erwartet. Die Damen unten sind abgespannt und nervös. Vor Langerweile, sagte Tante Julchen. Rosalie sitzt Stunden lang, die Arme in die Mantille gewickelt, während Thekla im Damen-Conversationslexicon liest, oder Briefe an den Vetter schreibt. Frau von Schlichten hat viel Migräne und ist verstimmt, mir und Lucie wird es unten bange, hier oben aber leben wir lustig zusammen. Die Tante hat uns nach großen Bitten das Zucker- und Kaffee-Departement übertragen. Ich versicherte, wenn ein Mädchen sich früh an kleine praktische Beschäftigungen gewöhne, lerne sie sich daran freuen, und das sei später ein Schatz für das ganze Leben und eine Mauer gegen Migräne und Langeweile. Ich sprach so vernünftig und ganz in meinem Amte, daß ich mich selbst darüber freute. Die Tante mußte mir Recht geben, so sind wir jetzt die Königinnen aller Zuckerdosen, der Schlüssel zum Schrank begleitet uns als Heiligthum, zu Zeiten wird geklopft, gerieben, geordnet, Tante Julchen rühmt unsere Sparsamkeit. Unser Trachten ist nun nach dem Dessert- und TheeDepartement, ich zweifle nicht, daß wir es erlangen. Großartige Pläne knüpfen sich daran, wir wollen die Theekuchen und Apfeltörtchen selbst backen, die Küchenschürzen werden schon genäht. Tante Julchen wunderte sich, als sie uns die Leinwand dazu geben mußte, – die Arme, sie weiß nicht, welche Feinde sie großmüthig beschenkt, und was mit diesem Leinen bezweckt wird.



Den 12. November.


Lucie sagte heute zu mir: Ist es nicht eigentlich ungerecht, daß mich der liebe Gott so häßlich gemacht hat und meine Schwestern so hübsch? Ich entgegnete ihr, daß es eine Thorheit der Welt sei, Schönheit für ein Glück zu achten, obgleich sie es täglich vor Augen habe, daß Schönheit meistens Ursache zum Unglück ist. Ein reines Herz und fromm vor dem Herrn leben sei dagegen ein weit sicherer Weg zum Glücke; ich fragte, ob ich ihr das mehr erklären solle. Nein, sagte sie, ich weiß wohl, Thekla und Rosalie sind nicht glücklich, ich bin es jetzt schon mehr, und weiß, daß ich es immer mehr werden kann, trotz meiner Häßlichkeit. Liebe Lucie, sagte ich, bete zu unserem lieben Herrn, daß er dir ein reines Herz schenkt, daß er selbst einzieht, daß seine Sanftmuth, seine Liebe, seine Demuth dir aus den Augen strahlen, so wirst du so schön sein, daß deine Schönheit selbst die Kinder der Welt überwindet, und dein Glück wird so groß sein, daß alles, was sich dir nahet, den Segen dieses Glückes genießt. Ich erzählte ihr noch von der nahen Adventszeit, wie wir uns schmücken müßten, den Herrn zu empfangen. Sie hat sich an mich geschmiegt und mit dem Kopfe genickt. Der Herr möge uns segnen.



Den 21. November.


Es regnet und regnet schon die ganze Woche. Seit Montag sind wir nicht außen gewesen, ich nur einmal im Regen, selbst die Parkwege sind nicht zu passiren. Die Verstimmung unten ist sehr groß, Frau von Schlichten will durchaus nach Berlin, Herr von Schaffau wünscht, sie möchten es einen Winter hier versuchen. Er thut alles Mögliche, sie zu unterhalten, er hat angefangen den Dunallan vorzulesen, auch muß ich öfters spielen und singen. Mit Lucie singe ich zweistimmig: Müde bin ich, geh zur Ruh, – darüber hat selbst Frau von Schlichten sich gefreut. Tante Julchen bewundert in großer Liebe alles, was Lucie thut. Lucie aber beginnt stolz zu werden, sie neckt die Schwe­stern mit dem Nichtsthun und mit der Langeweile, und ist in höchster Freude über die vielen Weihnachtsarbeiten. Im Thurmstübchen sieht es oft aus wie in einer Schneiderei, Tante Julchen hat in allen Garderoben nach alten Sachen gesucht, die von uns zerschnitten werden, zwanzig Kindern soll zu Weihnachten bescheert werden. Wir gehen nie zum Lesen hinunter ohne den großen Nähkorb, Thekla witzelt darüber, Rosalie aber hat schon öfters geholfen. Morgen nach der Kirche haben wir die Erlaubniß, zu Pastors gehen zu dürfen, Lucie wünscht sehr Umgang mit Linchen und Mariechen, sie hörte mit Verwunderung, daß Linchen schon sechs kleinen Mädchen Strickunterricht giebt. Von meiner Kolonie hörte sie früher. Sie wünscht etwas ähnliches zu thun, doch treibe ich sie nicht und denke dabei an Trinchen, wie sie über solche Dinge zu reden pflegt.



Sonnabend, den 1. December.


Der erste Schnee ist gefallen, die Erde ist weiß, auch ist es ziemlich kalt; Tante Julchen fragte sorglich, ob ich ohne Mantel in den Garten wolle. Ich wurde etwas verlegen, ich sagte: ich habe keinen, sei aber hart gewöhnt. Sie borgte mir eine wattirte Jacke, ich war ihr sehr dankbar; sie fragte, ob ich sie wohl geschenkt nähme, ich freute mich wirklich sehr. So gebrauche ich keinen Mantel, sagte ich, und das Geld – Das Geld? fragte die Tante. Ich fühlte plötzlich das Vertrauen, ihr meine Geldsorgen mitzutheilen. Aus Trinchens letztem Briefe geht hervor, daß sie Mangel haben und sich nach Weihnachten und nach meiner Sendung sehnen; auch gestand ich der Tante Julchen, daß meine Schuh sehr zerrissen und ich kein Geld zu neuen habe. Sie schalt mich, ihr das nicht eher gesagt zu haben, und kam bald mit 50 Thalern an. Ich weiß nicht, wie mir zu Muthe war, es ist ein seltsam Ding um das Geld; was war ich plötzlich mächtig, was konnt' ich alles thun. Ich schloß die Thür, um ungestört zu überlegen. Einen Mantel habe ich, da ich die Jacke erhielt, nicht nöthig, die zwanzig Thaler also konnt' ich Trinchen schicken; außerdem dachte ich noch fünfzehn Thaler, dann für Jacob einen Livreerock und für Trinchen einen Merino-Oberrock. Ich mußte nur erst mit Vollbergern sprechen, wie viel solch ein Rock kostet. Ich lief schnell zu ihm, und wie immer war er sehr bereit mir zu dienen. Aber wie erschrak ich, als ich den Preis eines neuen Rockes hörte. Ich hatte zwar gewünscht, dem guten Jacob etwas Besonderes zu schicken, und hatte dadurch den Preis so gesteigert, aber auch, als ich das letztere aufgab, und wir einen zweiten Ueberschlag machten von ganz grobem Tuch, war es noch ziemlich viel. Vollberger machte mir den Vorschlag, das Tuch auf Rechnung zu nehmen und später zu bezahlen. Ich wies das entschieden zurück; mir würde nicht wohl sein dabei, und Trinchen hätte es dem Rocke angesehen. Ich ging seufzend fort, um mir die Sache zu überlegen. Der gute Vollberger, nach einiger Zeit kam er, nun, so fein und zierlich wie er ist, bracht er es an. Längst hat er vom Herrn von Schaffau einen Rock zum Verschenken erhalten; wenn ich diesen Rock gelb füttern und mit neuen Aufschlägen versehen ließe, würde er prächtig für Jacob sich schicken. Freilich verdient er zwei neue, wenn ich noch keinen, setzte er hinzu. Er schätzt Jacob hoch, seiner großen Treue und Aufopferung wegen; ich nahm in Jacobs bescheidenem Sinn den Rock mit Dank an. Ich denke mit Entzücken daran, wenn Jacob zu Weihnachten der Tante Chocolade servirt. 3 Pfund Chocolade will mir Vollberger für die Tante besorgen, auch den braunen Merino für Trinchen, er kömmt öfters nach der Stadt. Meine Schuh werde ich hier machen lassen, in der Stadt sind sie noch einmal so theuer, Sofie hat einen Vetter, der sehr geschickt sein soll. So ist vorläufig alles besorgt, ich bin sehr glücklich darüber. Ein expresser Bote hat Geld und Brief zur Post getragen, gerade zum ersten Adventssonntag kömmt es an, o könnt ich dabei sein!


Lulu an Trinchen.


Liebes Trinchen! Der Herr meint es mit Deinem Waisenkinde sehr gut. So viel Geld kann ich Dir schicken; verdient hab ich es nicht, aber danken will ich ihm dafür tausendfach. Diese Stunde wiegt viel Sehnsucht und Thränen nach Euch auf. Sonst geht es mir gut, sehr gut. Die Adventszeit kommt, die herrliche Zeit! mein Herz ist zum Ueberlaufen, ich möchte springen, und möchte wieder still die Englein singen hören. Sage der Tante, daß ich im Ueberfluß lebe, und meine Stellung ganz nach Wunsche sei. Liebes Trinchen, wirst Du bange, daß es mir zu gut geht? Ach nein, von den schweren Stunden sag ich nur nichts; aber sei getrost, der Herr läßt mich nicht im tiefen Thal, wenn ich mich auch selbst hinabgestürzt. Sei fröhlich, feiere eine fröhliche selige Adventszeit, gedenke meiner, ich singe mit Dir:


Wie soll ich dich empfangen,
Und wie begegn' ich dir.
O aller Welt Verlangen!
O meiner Seele Zier!
O Jesu, Jesu, setze.
Mir selbst die Fackel bei,
Damit, was dich ergötze,
Mir kund und wissend sei. Amen.


Und nun lebt wohl, grüße die Tante, grüße Jacob, schreibe bald und viel, die Briefe mache nicht frei. Beikommende Vanille-Kuchen habe ich mit Lucie selbst gebacken, sie sind nach Deinem Recept, es freut mich, Euch Lieben davon schicken zu dürfen. Tante Julchen weiß es, sie läßt der Tante auch ihre besten Empfehlungen sagen. Denke Dir, diesen Brief schickt Vollberger mit einem expressen Reitenden zur Post. Er grüßt auch Jacob schön.

Deine liebe Lulu.



Den 2. December, Erster Advent


Ich stand früh auf, der Vollmond stand mit vielen Sternen am lichtblauen Himmel. O liebe, selige, heilige Adventszeit, bringe mir ein so reines Herz, als der reine Himmel über mir, und fülle es mit lichtem Himmelsfrieden und mit stiller Freude.


Nichts, nichts hat dich getrieben
Zu mir vom Himmelszelt,
Als das geliebte Lieben,
Womit du alle Welt
In ihren tausend Plagen
Und großen Jammerlast,
Die kein Mensch kann aussagen,
So fest umfangen hast.


Das haben wir heut in der Morgenandacht gesungen, und haben es uns in das Herz gesagt. Der Herr Pastor hat noch mehr gesagt, seine Adventsrede war sehr schön und mächtig. Sofie war sehr bewegt davon, sie sagte mir, sie möchte dem Herrn gern etwas zur Adventsgabe bringen, ihr Herz könne sie ihm nicht bringen, das sei zu unrein, sie wolle ihm bringen Eitelkeit und Schwatzsucht und Zorn und Neid, und streben, daß es Weihnachten besser darin ist. Lucie aber sagte mir darauf leise, sie wolle dem Herrn bringen: daß sie Mutter und Schwestern liebe und für sie bete. Ich erschrak fast, das zu hören, daß sie es als ein Opfer nannte. Doch ist es leider wahr. O lieber Herr, hilf ihr, und hilf mir und uns allen. Den Nachmittag haben wir die zwanzig Waisenkinder hier gehabt und haben ihnen Maaß genommen, drei von den Kindern sind dabei, auf deren Mutter Grab ich im Herbst die Aster legte, ich habe sie ganz besonders angesehen. Wir haben auch eingeübt mit ihnen: Vom Himmel hoch da komm ich her. Jeden Sonntag sollen sie jetzt kommen, damit sie Weihnachtslieder unter dem Weihnachtsbaume singen lernen. Lucie war sehr eifrig, ich glaube doch, wir werden bald mit einer Schule anfangen.



Dienstag, den 11. December.


Herr von Schaffau beklagte sich heut über den dünnen Kaffee, den er jetzt trinken müsse. Ich war erst verlegen, doch merkt' ich bald, daß es Spaß sei, und vertheidigte mich so gut ich konnte, auch kam mir Lucie zu Hülfe, die Sache ward friedlich beigelegt. Er ist sehr gütig. Einen großen bequemen Vorrathsschrank ließ er uns machen, der steht auf unserem Korridor, an jeder Seite hängt eine Küchenschürze und wir haben jetzt wahrlich oft stundenlang zu thun. Trinchens Vanille-Kuchen gefallen besonders sehr, wir müssen sie wöchentlich backen. Gestern erfuhr ich von Vollberger ein Geheimniß, das der Sache die Krone aufsetzt. Der Onkel läßt Lucie zum Weihnachten eine Kochstube einrichten, hier oben ganz in unserer Nähe. Lucie soll sich in der großen Küche nicht aufhalten. Daran habe ich schon wieder herrliche Pläne geknüpft. Wir wollen hier kochen lernen, indem wir für alte und kranke Leute kochen. Es Wird mir ordentlich schwer, Lucie nichts davon zu sagen; ich besprach es mit Vollberger und der ist verschwiegen wie das Grab. Vollberger ist recht brav, aber wunderlich ist's, daß er, wenn andere dabei sind, thut, als ob er mich nicht kennt; er will mir bei seiner Gegenpartei hier im lebhaften Flügel nicht schaden durch seine Freundschaft, sagt er, und nennt es Schlangenklugheit. Sollte Herr von Schaffau deswegen auch so veränderlich gegen mich sein? Oft ist es mir, als ob er zufrieden mit mir sei, und sich ausgesöhnt hatte mit meinem Hiersein, und neulich hat er mir in Tante Julchens und seiner Schwester Gegenwart sehr Unrecht gethan. Ich kann nicht zweifeln, daß er es treulich mit mir meint, da er es mit allen Menschen treulich meint; und wenn Vollberger seine Härte tadelte (er hatte sie zufällig mit angehört), so war es mir nicht recht, ich sagte ihm: Jacob würde nie über seine Herrschaft gesprochen haben.



Den 12. December.


Wir haben auch am Mittwoch die Kinder hier gehabt, sie würden die Lieder sonst nicht lernen, und außerdem macht es uns große Freude. Tante Julchen hat heut zugehört, sie will in diesen Tagen mit uns nach der Stadt, um Spielsachen und allerhand an den Weihnachtsbaum einzukaufen. Ich freue mich sehr dazu. Ich werde auch einkaufen, ich habe noch Geld. O ich möchte viel einkaufen, ich möchte allen etwas schenken, aber allen möcht ich auch die selige Weihnachtsfreude in das Herz schenken. O ich bin sehr reich. Wenn ich in der Dämmerung allein in meiner Stube sitze, da ist's, als sähe ich die Lichter glänzen und höre die Englein singen, und mein Herz ist sehr voll, ich weiß nicht, was ich thun möchte, und ich kann doch nichts weiter, als das heilige Kind lieben und es anbeten. Aus lauter Liebe ist es zu uns gekommen, können wir ihm denn nichts zu Liebe thun? Ich habe zu den Kindern heute davon gesprochen, was wir ihm wohl zu Liebe thun könnten. Rosalie und Thekla sahen gerade hinein, als ich so sprach; sie kamen aus Neugierde und Thekla sah etwas spöttisch aus. Ich aber ließ mich nicht stören, o nein, ich konnte immer wärmer und wärmer reden, ich sagte ihnen, die Leute, die das Christkindlein nicht lieben, seien sehr unglücklich; wenn sie auch reiche Leute wären, sie wären doch arm; und wenn sie noch so gelehrt wären, so wären sie doch sehr thöricht; und wenn sie vor der Welt sehr angesehen wären, so wären sie doch nur sehr gering; und wenn sie auch noch so viel schenken und geschenkt bekommen, sie haben doch keine wahre Weihnachtsfreude. Was die Welt sich schenkt, ist nur vergänglich Wesen, und hängt oft mehr Trauer als Lust daran; was aber das Christkindlein uns schenkt, bleibt ewig das Beste, es ist Friede und Freude und Seligkeit. Wir wollten nun dem Christkindlein unser Herz aufthun und es aufnehmen mit seinen schönen Gaben, und es bitten, daß es möchte in viele, viele Herzen einziehen und ihnen eine selige Freude bringen. Ich weiß nicht, ob es ganz passend war, so zu reden, aber ich konnt' es nicht lassen. Und als nachher Thekla gereizt zu mir sagte: ob es recht sei, den Dorfkindern so etwas zu sagen und dadurch unehrerbietige Anspielungen auf die Herrschaft zu machen? da konnt' ich nicht schweigen; nein, ich habe ihr recht warm und eindringlich gesagt, daß ich wohl nicht von der Herrschaft gesprochen, daß ich sie selbst aber für arm und unglücklich erachte, wie ihre Tage leer und nutzlos dahingingen und ihr Leben Täuschung und Thorheit sei. Sie sagte kurz, sie würde auf ihre Weise selig werden. Nein, sagte ich, Sie werden nicht selig werden, Sie wollen auch nicht selig werden, Sie denken nicht an Ihre Seligkeit und an die Ewigkeit. Sie gehen auf dem breiten Wege, der zum ewigen Verderben führt. O Sie haben wohl die Erkenntniß, Thekla, aber die Welt hat Ihr Herz bestrickt, und die Welt vergeht mit ihrer Lust, wer aber den Willen Gottes thut, der bleibet in Ewigkeit. Die Welt ist eine schlechte Freundin, sie bietet Ehre, die dem Weisen eine Schmach ist, sie bietet Lust, die sich nur zu bald in Jammer verwandelt. Thekla unterbrach mich, sie wollte so etwas nicht hören. Rosalie aber entgegnete: Warum nicht? daß wir es nicht hören möchten, ist ein Zeichen, wir fühlen uns getroffen; ich will es gern hören. Das war mir eine große Freude, ich mußte an Trinchens Worte denken: Auch den Frauen und Mädchen ist eine große Kraft gegeben; wenn sie nur predigen wollten den Kindern und ihres Gleichen, in aller Liebe und Demuth, aber in aller Zuversicht, der Segen würde größer sein als sie ahnen. Der Herr hat sich ein Lob bereitet aus dem Munde der Unmündigen. O lieber Herr, ich bitte dich um die rechte Demuth und um die rechte Kraft. Als Thekla uns verlassen hatte, sagte Rosalie, sie möchte gern Friede und Freude und Seligkeit im Herzen haben, sie wisse nur nicht, wie das anfangen. Ich entgegnete, ich sei selbst zu schwach, um ihr den Weg zu zeigen, sie möchte aber nur mit recht demüthigem Herzen in der heiligen Schrift forschen und lesen, was der Herr Christus und seine Apostel sagen, und jeden Sonntag in die Kirche gehen, unser Herr Pastor wisse das Wort Gottes sehr schön auszulegen. Rosalie entgegnete: sie habe jetzt öfter versucht in der Bibel zu lesen, es sei ihr aber dabei bange geworden, es sei da vom ewigen Verderben und vom Teufel die Rede und würde soviel zum Seligwerden verlangt, ihrer Meinung nach könne kein Mensch selig werden. O liebe Rosalie, sagt' ich, Sie sind auf gutem Wege, ja wohl könnte kein Mensch selig werden, wenn unser Herr Jesus Christus sich nicht für uns geopfert hätte, ja wohl müßte uns bange sein, wenn nicht seine unermeßliche Liebe auf sich nähme unsere Sünde. Das sollen wir recht fühlen, erleben und glauben, um diesen Glauben sollen wir den Herrn und Heiland selbst bitten, das ist ein seliges Geheimniß, eine wunderbare Kraft, eine große Freudigkeit, ein himmlischer Friede, eine Seligkeit. Bitten und immer wieder bitten, und glauben und vertrauen, der Herr hört uns, er kann uns nicht lassen, er kommt und nimmt Raum in unseren Herzen. So sprach ich mehr in Herzensfreudigkeit. Ich dachte wieder an Trinchen: Wenn die Gläubigen nur selbst gläubiger wären, aber sie hängen nur noch zu sehr von der Welt ab, und wenn sie von dem reden, was ihnen das Theuerste und ihrer Seele Leben ist, so thun sie es so zimperlich und kleinlaut, als ob sie selbst der Welt gegenüber kein groß Recht hätten und selbst der Stärkung bedürften. Wir kennen wahrlich unsern Herrn noch nicht, und die Macht seiner Starke. Jetzt aber will ich Muth haben, was auch kömmt, du bist meine Hilfe für und für.


Ihr dürft euch nicht bemühen,
Noch sorgen Tag und Nacht,
Wie ihr ihn wollet ziehen
Mit eures Armes Macht;
Er kommt, er kommt mit Willen,
Ist voller Lieb und Lust,
All Angst und Noth zu stillen,
Die ihm an euch bewußt.


Jetzt ist die Adventszeit, die Rüstzeit, jetzt sollen wir mehr als je ihn einladen, ihm unser Herz aufthun. Es ist mir, als ob ich mich dem lieben heiligen Kindlein noch mehr als ein armes schwaches Kind nahen dürfe, als dem verklärten Herrn, dem Welterlöser. Rosalie will jeden Sonntag mit uns in die Kirche gehen, sie fragte auch, wann unsere Morgenandacht wäre, als sie aber die frühe Stunde hörte, versicherte sie, so früh nicht aufstehen zu können, ihrer Nerven wegen, sie wäre dann den ganzen Tag abgespannt. O liebe Rosalie, Sie werden dem Herrn noch mehr opfern als eine Stunde Schlaf, ich weiß es im voraus. Er gebe seinen Segen. Amen.



Den 13. December.


Wir haben ein Komplott gegen Tante Julchen, sagt' ich heut leise zu Vollberger, wir siegen, passen Sie auf. Nicht doch, Fräulein! sagte Vollberger warnend, fangen Sie so etwas nicht an, damit thun Sie uns, hier im stillen Flügel, keinen Gefallen, nichts von Komplott. Ich mußte lachen. Vollberger, nicht hinter dem Rücken kämpfen wir, es ist alles offen und ehrlich, und wir kämpfen und siegen auch nicht allein, es ist der Herr dort oben. Aber Tante Julchen wirds nicht lassen können, sie muß am heiligen Abend in die Christmette und dem lieben Kindlein selber frohe Lieder singen. So ist's gut, ich habe nichts dagegen, sagte der Alte.



Den 14. December.


Gestern fuhr Tante Julchen mit mir und Lucie nach der Stadt. Sie ist sehr gut, daß sie mich mitnahm. Thekla hatte gesagt: wenn mein ro­ther Sammethut in Gesellschaft mit der Tante grüner Atlasjacke zur Stadt führe, würde sie nicht von der Partie sein, Rosalie blieb wegen Kopfweh, so fuhren wir drei allein. Wir waren sehr vergnügt, ich gewinne die Tante immer lieber, sie hatte auch den Schlingel, den Vollberger, wie sie sagte, mitgenommen, er sollte uns nützlich sein. Er aber möchte sich auflösen in Dienstfertigkeit gegen sie. Mich hatten sie in einen Pelz gewickelt, das war sehr angenehm, denn der Wind strich scharf über die Schneefelder, und wir hatten bald rothe Nasen. In der Stadt wurde ich vom Laufen und Staunen warm, so etwas habe ich noch nicht gesehen. Es war ein Spaß, von Laden zu Laden, Tante Julchen versteht das Einkaufen prächtig, ich hatte mich kaum in einem Laden umgesehen und mich in Verwunderung versetzt, da mußt ich schon weiter. Für Rosalie ist ein schöner Mantel gekauft, auch ein dunkelblauer Sammethut, ich mußte beides anprobiren, und muß gestehen, ich hätte beides gebrauchen können. Aber freilich nur in einer Hinsicht, in Hinsicht des Ueberflusses. Ach nein, Trinchens Antwortbrief für das Geld wärmte mich mehr als der weichste Mantel, kurz und gut, ich mache mir nichts daraus, gar nichts; vielleicht kann ich mir künftigen Winter einen kaufen. Das Merinokleid für Trinchen habe ich gekauft, es ist sehr hübsch. Für meine drei Waisenkinder habe ich Strumpfgarn gekauft, Sofie will mir noch stricken helfen. Lilas Seidenzeug zu den Morgenschuhen für die Tante, und Pergamentpapier, um Lesezeichen zu malen. Das war von meinem Geld; aber Herr von Schaffau hatte uns noch viel Geld mitgegeben, und als die Tante einige Besuche machte, gingen wir mit Vollbergern in einen Spielsachen- und in einen Honigkuchen-Laden. Nun wir sahen alle drei wunderlich aus, als wir durch die Straßen gingen, und manch Kind hat uns lüstern angestaunt. Es hat mich sehr unterhalten, wie die Kinder vor den Buden und vor den Laden stehen und durch die Straßen trippeln, Neugierde und Erstaunen und freudiges Erwarten in den Zügen. Ja ein stiller Zug des Erwartens, des Sehnens und der Freude geht durch die ganze Welt, die Menschen wissen nur nicht, woher dieser Zug kommt. Wir kamen ziemlich spät zu Hause. Unterwegs konnte ich nur an die Trommeln und Flinten und Puppen denken, und sie im Geist ordnen und vertheilen. Ich muß gestehen, daß mich auch die herrliche Tappisserie-Wolle und die schönen Stickmuster beschäftigten, die ich andere kaufen sah; meine Weihnachtsgeschenke kamen mir gar zu winzig vor, ich hätte gern einige hübschere dazwischen geschoben, doch beruhigte ich mich mit Trinchens Warnung: nicht zu viel zu unternehmen, und durch äußere zerstreuende Arbeiten den Adventsegen nicht zu schmälern. Ich habe für jeden etwas, die Bildchen sind sehr niedlich, besonders das für Tante Julchen: Lucie in der Kinderstube. Nur für Herrn von Schaffau habe ich nichts. Ich habe reiflich überlegt, doch wäre es nur lächerlich, er zeichnet und malt selbst weit schöner. So ist das also beigelegt, und ich denke nur an die Kinderbescheerung. In meiner Stube war die Niederlage, ich habe mit Lucie bis elf Uhr ausgepackt, geordnet und Zettel daran gesteckt. Tante Julchen und Herr von Schaffau waren anfänglich dabei, doch haben sie sich nicht darein gemischt. Ich hatte gefürchtet, daß wir zu viel Spielsachen und Honigkuchen eingekauft hätten, und nun scheint es fast, als fehlte es für die Kinder noch an einigen nöthigen Stücken; doch hat Herr von Schaffau uns versprochen, alles Nöthige zu besorgen. Uebrigens hat er für zwei Groschen Honigkuchen davon gegessen, ich finde das etwas viel.



Sonnabend, den 15. December.


Es ist sehr gut, daß ich nicht noch neue Arbeiten angefangen habe, es findet sich noch manche unerwartete ein. Die Frau Pastorin besonders nimmt meine Zeit in Anspruch. Ich bin oft da und bin gern da, und es ist mir, als ob ich eine Verpflichtung fühle, der Wirthschaft etwas aufzuhelfen. Die Frau ist herzlich gut, aber mit den sieben Kindern fängt sie es nicht recht an, wenn auch Herr Heber ihr manches abnimmt, es ist doch kein Fertigwerden. Die Kinder laufen theilweise noch in den Sommerkleidern, ich habe heute einen alten Schlafrock vom Henn Pastor und einige Kleider der Mutter untersucht, um den Kindern etwas Warmes daraus machen zu können, doch reicht es nicht hin. Herr Heber erinnerte sich an einen sehr hübschen Gingham-Vorhang, der oben vor dem Kleiderrück in der Fremdenstube hängt, eigentlich ganz unnütz; wir nahmen den guten Rath an, so hoffe ich, soll die Equipirung noch in Gang kommen. Die armen Pastors! die Stelle ist zu geringe, der Kinder zu viel, Schulden will der Herr Pastor natürlich unter keiner Bedingung machen, da ist oft Noth. Mir ist als müßt' ich das alles mittragen, es ist mir so heimisch bei ihnen, es erinnert mich an unser Haus: immer Noth, aber immer der liebe Gott, ja, je mehr Noth, je mehr der liebe Gott. Auch für eine Weihnachtsbescheerung wird der liebe Herr sorgen. Herr Heber hat neulich einige Soldatenbilderbogen gekauft, wir haben sie zusammen ausgemalt und auf Pappe geklebt, Stützen dahinter, es ist eine stattliche Armee für die Jungens. Lucie hat mir einige alte Puppen geschenkt, unter meinen Händen sind sie frisch geworden, die kleinen Mädchen werden eine große Freude haben. So habe ich für jeden etwas, meine Bilder spielen eine Rolle dabei. Mit meinen Arbeiten bin ich ziemlich fertig, in künftiger Woche werden Vanillekuchen und allerhand Zuckerwerk gebacken und der Schmuck zu den Weihnachtsbäumen gemacht. Unten in den Fremdenzimmern wird gefegt und gelüftet, Frau von Schlichten hat sehr viel Gäste eingeladen, zum Ersatz für die Residenz. Herr von Schaffau hat es nicht erlaubt, früher dahin zu gehen; aber gleich nach dem Feste wird dahin übersiedelt. Wo wir bleiben, Tante Julchen, Lucie und ich, ist unbestimmt. Es wird von Herrn von Schaffau abhängen, Frau von Schlichten wünscht nicht, daß wir mit ihm zusammen sind, erzählte mir die Tante. Ich sehe den Grund nicht ein, die Feindschaft scheint mir gar so schlimm nicht mehr zu sein.



Den 16. December.


Ein schöner und reicher Sonntag. Als wir sonntäglich geschmückt unsere Morgenandacht beginnen wollten, trat Rosalie ein. Ich habe ihr still die Hand gereicht und wahrlich sehr warm für sie gebetet. Sie hat mit uns gesungen: Auf, auf ihr Reichsgenossen, und ging auch mit uns zur Kirche. Der Herr Pastor redete so schön wie nie, es scheint mir zwar jedesmal so. Er sagte, wie wir den Herrn zu empfangen nicht nur unser Herz bereiten müßten, auch unser Haus, nicht nur im Herzen dem Herrn dienen, sondern auch durch unsern Wandel ein kräftig Zeugniß geben. Die Predigt war mir eine große Stärkung, ich habe mir jeden Punkt tief in das Herz geprägt. Doch nicht ich allein. Als wir uns heut zu Tische setzen wollten, wir sieben waren es nur, niemand Fremdes, da sagte Herr von Schaffau mit fester und doch auch bewegter Stimme: Wir wollen doch von heute an immer, ehe wir uns zu Tische setzen, den lieben Gott um seinen Segen bitten. Darauf sprach er selbst das Tischgebet, die Damen falteten die Hände, sie waren gewiß sehr erstaunt. Herr von Schaffau nahm nach einer Pause das Wort und schien besonders freundlich und liebevoll gestimmt. Gebetet haben wir wohl immer still für uns, es geschah aber immer mit einer gewissen Verlegenheit, daß die Nichtbetenden dadurch meinen mußten, es sei mehr unpassend als recht. Ich habe mir heute über die Familie etwas erzählen lassen. Vollberger war spät hier, er ist sehr treu, und ich hörte nicht aus Neugierde, nein aus wahrhaftem Interesse. Herr von Schlichten hatte ein kleines Gut in der Mark, erzählte Vollberger, und Tante Julchen ihr Theil daran. Er wirthschaftete so schlecht, daß, als er starb, auch das Theil der Schwester mit angegriffen war. Herr von Schaffau nahm sich nun der Wirthschaft an und arbeitet seit sechs Jahren daran, das Gut schuldenfrei zu machen, um seiner Schwester ein, wenn auch nur kleines, doch eigenes Einkommen zu übergeben. Tante Julchen fühlt sich natürlich an die Schwägerin gekettet, ja sie hat oft unzart genug ausgesprochen, daß ihr nicht allein das, was sie hier empfinge, zukäme, sondern daß sie von Rechts wegen noch mehr fordern könnte. Als Herr von Schaffau vor 6 Jahren beide zu sich nahm, war er noch jünger und der älteren Schwester gegenüber nicht recht selbständig, er konnte es nicht hindern, daß sie ein ähnliches Leben hier anfing wie es dort gewesen war. Es ging freilich im großen Ganzen hier ordentlich zu, und daß da fast immer noch ein Dutzend mit an unserem Tische saßen, machte uns noch nicht arm, sagte Vollberger, und was da lüderliche Leute waren, durften nicht her, aber unserem Herrn war das Treiben doch nicht recht. Vor zwei Jahren ward Frau von Schlichten krank, und lange krank, da hörte die Wirth­schaft von selber auf, und Herr von Schaffau ging später nach England. Ich aber blieb hier, und drüben der Amtsverwalter, um nach dem Rechten zu sehen, denn wenn die Katze nicht zu Hause ist, springen die Mäuse über Tisch und Bänke. Und richtig, kaum war der Herr fort, da stellten sich nach und nach die Gäste ein, Frau von Schlichten erholte sich merklich, die beiden ältesten Fräulein wurden mit einemmal Damen, und es ging lustig her. Der Herr Amtsverwalter wollte den Hafer für die fremden Pferde nicht mehr liefern, auch nicht immer Butter und Federvieh für die Gäste, ich konnte das Getreibe mit den Fräuleins und der Gouvernante nicht mit ansehen und schrieb an den Herrn. Wie der Wind war er da, es wird nun im März ein Jahr. Sie machten hier gleich etwas andre Miene, unser Herr aber auch. In England soll besondere Luft wehen, die hatte ihn mächtig gestärkt, mit einemmal hatte er der Schwester gegenüber Muth. Er war zwar sanft und liebevoll, aber er setzte seinen Willen durch. Die schlimmen Gäste mußten fort, auch die Dienstboten nach und nach, und plötzlich wurde auch die Gouvernante in einen Wagen gepackt und Hals über Kopf nach der Bahn gefahren. Frau von Schlichten ist zu schlau, sie suchte gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Tante Julchen aber brannte los, sie nannte den Herrn einen Pietisten, einen Kopfhänger, einen Geizhals, und mich einen Heuchler und Angeber. Sie weiß wohl, daß der Herr zu großmüthig ist, sie zu verstoßen, da sie doch jetzt arm ist wie eine Kirchenmaus. Gleich im Frühjahr hat der Herr unsern neuen Pastor hergerufen, den kennen Sie und wissen, wie er hier zum Haus stimmt, seine Schwester sollte unsere Fräulein etwas in Zucht nehmen, aber Frau von Schlichten mit ihrer List und Tante Julchen haben es mal durchgesetzt. – Ich seufzte bei diesen Worten, es ist wahrlich ein drückendes Gefühl, der Zankapfel in einem Hause zu sein. Vollberger errieth meine Gedanken und fuhr fort: Jetzt ist's anders, Sie brauchen nicht bange zu sein. Lucies Liebe zu Ihnen hat den Herrn mit Ihrer Jugend und Unerfahrenheit ausgesöhnt, hat ihn auch mit Tante Julchen näher gebracht, kurz die Sachen stehen hier sehr gut. Im Frühjahr aber giebt es Revolution; in Plüggen, auf dem Sandgütchen, werden jetzt Einrichtungen gemacht, es wäre auch recht gut, wenn unserer lustigen Gesellschaft dort in der Stille der Brotkorb etwas höher gehängt wird; unser Herr ist Vormund, er kann es einrichten wie er will. Als Thekla kleiner war, glaubte Frau von Schlichten, es gäbe eine Frau für den Bruder. Nachdem sie nun sieht, woher der Wind weht, soll die arme Rosalie wenigstens ihr den reichen Schwiegersohn bringen, die folgt der Mutter wie ein Schäfchen, und Herr von Tülsen mag für manches arme Fräulein unwiderstehlich sein. Meinen Sie nicht, Fräulein? setzte er fragend hinzu. Mir ist Herr von Tülsen sehr zuwider, sagte ich aufrichtig, und wahrlich Geld könnte mich nie bestimmen, einem Manne meine Hand zu reichen. Und was denn? fragte er weiter. O er müßte viel weiser und frömmer sein als ich selbst, ich müßte hoch hinaufsehen zu ihm, wie ein schwaches Kind, und müßte mich stärken an seinem Glauben und an seiner Liebe. Arm könnte er immer sein, ja ich würde das fast vorziehn, denn ich sah in armen Häusern bis jetzt mehr Glück als in reichen. Ich würde gern für Geld nähen und Schule halten, auch selbst meinen Garten graben und pflanzen, gewiß lieber als mich im Gesellschaftszimmer aufzuhalten und so thörichtes Wesen ansehen zu müssen. Ich glaube das wohl, entgegnete Vollberger ernst, der Herr bescheere Ihnen einen solchen Mann. Ich wurde sehr roth, ich hatte die Worte so unbewußt hingesprochen und fühlte jetzt, wie unpassend es war. Trinchen würde mich eine arge Schwätzerin nennen, und ich könnte dem Vollberger böse werden, wie er es so fein anfängt mich auszuforschen. Doch meint er es gut, er hat mir noch manchen guten Rath gegeben, was ich thun soll, wenn die Gäste kommen. Ich bekümmere mich nicht um sie, ich feiere mit Lucie im stillen Flügel ein seliges Weihnachten; wenn ich hinuntergehe, lasse ich meine Seele oben und lasse die Menschen dort unten wie Schattenbilder an mir vorüberschweben. Aber ich möchte wohl, sie wären erst wieder fort, und ich wünschte, sie reisten alle nach der Residenz und ließen uns hier, dann sollten den Festtagen recht fleißige Tage folgen. Kochstube, Nähschule, Wirtschaften, dann Frühling, dann Gartenarbeiten.



Den 22. December.


Seit gestern haben wir Ferien gemacht, ich bin den ganzen Tag im Gartensaal, die Tische sind gedeckt, die Sachen darauf, der Baum geschmückt, noch habe ich aber zu ordnen und zu thun, und es ist mir im festlichen Zimmer sehr feierlich und selig zu Sinne. Die Krippe für Lucie ist sehr lieblich, der Gärtner hat mir einen reizenden kleinen Garten gemacht, auf den Stall habe ich ein Strohdach gemacht, und alle Figuren habe ich gemalt, ziemlich ist's fertig. Heute hört ich Wagen fahren, Kleider rauschen, Thüren klappen, das Haus ist belebt, die Gäste angekommen. O wie sicher fühlt ich mich und abgeschlossen von der Welt. Ich habe die Erlaubniß, bis Weihnachten nicht bei Tische zu erscheinen. Bei Pastors habe ich noch viel zu thun. In der Dämmerung wollt ich dahin, vorher ging ich an der stillen Fliederhecke auf und ab. Allein wandern ist schön, besonders in so schöner Zeit. Nach einiger Zeit sah ich eine Gestalt den Weg kommen, bald erkannt ich Herrn von Tülsen, auch hört ich ihn rufen, als ich sehr schnell fortlief. In der Pfarre nimmt die Arbeit nicht ab, sie nimmt zu, jedesmal wenn ich komme, sind der lieben Frau Pastorin neue Berge aus der Erde gewachsen. Ich habe gerathen, sie nicht zu berücksichtigen, der Herr Pastor ist meiner Meinung, wir wollen die Tage in Frieden feiern, morgen ist Sonntag noch dazu. Die Kinder sind kaum noch zu bändigen, welch ein fröhliches Wirren und Schwirren ist da im Haus, und dabei ein Friedenswehen. Der Herr Pastor steht mit lichten Augen darüber; wenn der Frau Pastorin Berge viel Schatten werfen möchten, da bringt er Licht, und sie nimmt's so gern. Wir saßen bis eilf sehr fleißig, der Herr Pastor las uns das Leben der heiligen Monika vor, dann brachte er mich heim; im Schloß war es so lebhaft und in der Pfarre so still.



Den 24. December.


Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Jauchzet, ihr Himmel, freue dich, Erde, lobet, ihr Berge, mit Jauchzen; denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.

So ist's, kein Mißton kann an mein Herz dringen, hier Weihnachten, dort unten Unruhe. Gäste kamen noch zum heiligen Abend an, der gethaute Schnee hatte die Wege fast unfahrbar gemacht, oben an der Angerbrücke ging das Wasser über, Herr von Schaffau ritt selbst hin, um Gefahren vorzubeugen. Es hätte uns beinahe verstimmt. Er hatte versprochen, mit uns spazieren zu gehen, wir waren wunderbar genug bald nach drei Uhr mit allem fertig, wir hatten die Wette gewonnen, er mußte eigentlich sein Versprechen halten. Lucie hat den Onkel sehr lieb, sie sprang hoch auf, als sie ihn etwas später sehr schnell durch den Garten eilen sah, um uns aufzusuchen. Wir waren in der Nähe eines Tannenwäldchens, liefen hinein, versteckten uns, und als er schnell vorbei wollte, schüttelte Lucie den weichen Schnee von den Zweigen und hielt ihn auf. Bald aber begannen die Glocken zu läuten, die Kirche leuchtete durch den Abend, und ein Licht nach dem anderen kam vom Dorf herauf. Wir gingen auch, wir traten in den Stuhl, und – Tante Julchen war schon da! Die silbernen Armleuchter brannten vor dem Altar, und die alten Ritter und Edelfrauen schienen lebendiger als je. Wir sangen die frohen Weihnachtslieder, viele Kinderstimmen tönten durch, ja daß auch ganz kleine süße Stimmen dazwischen lallten, störte nicht. Fräulein von Ramberg, Rosalie und noch einige Damen waren später gekommen und gingen mit den andern. Wir weilten unter Glockengeläut auf dem Kirchhof, bis die Lichter überall verschwanden, dann eilten wir fort. Herr von Schaffau führte Tante Julchen und auch mich, ich habe sein Gesicht noch nie so hell glänzen sehen, er sah glücklich aus wie andere Kinder. Er sagte mir, daß er sich besonders auf das freue, was ihm das Christkindlein im Gartensaal bescheere. Ich erschrak erst, doch dacht' ich, er macht nur Spaß, denn für ihn hatt' ich ja nichts. Lucie und ich wir zogen schnell unsere weißen Kleider an und steckten Orangeblüthen in das Haar, wir wollten zu dem Feste auch festlich geschmückt sein. Dann eilten wir und zündeten die Lichter an. Rosalie half uns, wie sie wirklich auch beim Nähen sehr fleißig war. Die Ecke, wo ich für Lucie und die anderen meine Bescheerung hatte, war mit einem Tuch verhangen. Jetzt hörten wir trippeln und flüstern, die Thür ward geöffnet, der selige Augenblick war da, auf den wir uns gefreut, für den wir mit emsiger Hand geschafft. Freudestrahlend trat die kleine Gesellschaft ein, wir führten jedes nach seinem Platz und dann sangen wir: Vom Himmel hoch da komm ich her, und dann: O du fröhliche, selige Weihnachtszeit. Rosalie und Lucie und ich und Sofie sangen mit einigen großen Kindern die zweite Stimme, es klang herrlich in dem hohen Saal. Darauf folgte das freudige Staunen und Bewundern der schönen Gaben, ich war mit den Kindern so sehr beschäftigt, daß ich es nicht merkte, wie sich der Saal auch mit den großen Gästen angefüllt hatte. Herrn von Tülsens unangenehme Stimme hätte mich fast stören können, doch ließ ich mich nicht stören. Lucie hatte eine große Freude über die Krippe, das Transparent: Ehre sei Gott in der Höhe! schimmerte hell zwischen den dunkelm Topfgewächsen, auch Große freuten sich, und ich theilte den Damen meine Bildchen aus. Als die erste Unruhe vorüber war, und ich allein an der Krippe stand, trat Herr von Schaffau zu mir. So habe ich gar nichts bekommen? sagte er leise. Er sah wirklich wie traurig aus, und sah mir dabei so tief in die Augen, als ob er mein Herz prüfen wolle. Sollte er glauben, ich trage ihm etwas nach? Ich weiß nicht, was ich bei seinen Worten empfand, ich sah ihn an, ich hätte ihm so gern etwas geschenkt. Gewiß hat er mich schon durchschaut, ehe ich sprach; denn Freundlichkeit flog über sein Gesicht. Als ich ihm sagte, wenn ich dürfte, möchte ich ihm etwas schenken, entgegnete er: Bitte, malen Sie mir das Plettenhaus. Ich versprach es ihm freudig. Tante Julchens laute Stimme rief uns zur Bescheerung nach oben, da erst fiel mir lebhafter ein, daß gewiß auch für mich etwas dabei sei, und mit einiger Erwartung trat ich in den hellglänzenden Saal. O ich bekam zu viel, Mantel und Hut sind für mich, ein Kleid, Taschentücher und Handschuh, und Farben und Papier, und Pinsel und schöne Bücher. Ich wußte nicht, was ich dazu sagen sollte; Farben und Papier aber, muß ich gestehen, freuten mich am meisten. Lucie und ich baten uns wieder von der Tafel los, wir hatten mehr Lust uns mit unseren Herrlichkeiten zu beschäftigen. Frau von Schlichten nahm das sehr gnädig auf, sie sah es gerade, daß Herr von Tülsen mich zu Tische führen wollte und ich dankte. Vollberger versorgte uns mit Essen, wir waren bald fertig, ich aber suchte mir ein sehr schönes Papier aus zum Plettenhaus, holte mir auch aus meiner Stube das Bildchen und begann zu zeichnen. Glücklich waren wir beide, das kann ich wohl sagen. Rosalie holte mich nach Tisch, um der Gesellschaft einige Volkslieder vorzusingen; Herr von Schaffau hat ernstlich in diesen Festtagen Tanz und zu laute Vergnügungen verboten. Heute wurde musizirt, sie hatten sogar Quartett gesungen. Ich sang auch mit frohem Herzen; ich fühlte keine Eitelkeit, ich sah nur die Christfreude vor mir, es war licht und rein in mir, ich habe alle Menschen in mein Herz geschlossen und um Demuth gebeten und um Sanftmuth, daß ich möchte ertragen ihre Härten, weil ich ja doch nicht werth bin aller Barmherzigkeit und Treue, die der Herr an mir gethan. Gewiß hat man mir diese Gedanken angesehen, alle waren freundlicher, selbst Thekla stand mit Herrn von Reinberg am Instrument und sagte: Liebe Lulu, Sie müßten uns doch öfter etwas singen. Ich reichte ihr die Hand und sagte: O wie gern möchte ich alle Ihre Wünsche erfüllen. Zum Schluß sang ich:


Müde bin ich, geh zur Ruh,
Schließe meine Augen zu;
Vater, laß die Augen dein
Ueber meinem Bette sein.

Hab' ich Unrecht heut gethan,
Sieh es, lieber Gott, nicht an;
Deine Gnad' und Jesu Blut
Machen allen Schaden gut.

Alle, die mir sind verwandt,
Gott, laß ruhn in deiner Hand;
Alle Menschen groß und klein
Sollen dir befohlen sein.

Kranken Herzen sende Ruh,
Nasse Augen schließe zu;
Laß den Mond am Himmel stehn,
Und die stille Welt besehn.


Das war meine Stimmung, ich sang mit bewegtem Herzen. Als ich darauf meine schönen Sachen zusammen packte und Tante Julchen mit Herrn von Schaffau und Lucie bei mir standen, da konnt' ich mich nicht halten, ich bat Tante Julchen mit Thränen, sie möchten alle Geduld mit mir haben, ich möchte gern so vieler Güte werth sein. Tante Julchen drückte mich an ihr Herz und sagte weich, sie wolle mir die ferne Tante ersetzen, Lucie lehnte sich an mich. Herr von Schaffau war an das Fenster getreten, ich konnte ihm nicht Gute Nacht sagen, das that mir leid.



Ersten Weihnachtsfeiertag.


Geschlafen habe ich wenig, ich stand früh auf, ich wußte, daß meiner Lucie noch ein besonderes Vergnügen bevorstand. Sie kam früher als gewöhnlich, wir hielten unsere Andacht. Gleich darauf kam Vollberger, zu sehen wie weit wir waren, Sofie ging unruhig hin und her. Lucie verlangte das Frühstück, heut giebt es nichts! lachte Sofie, Lucie hatte nicht Zeit sich zu verwundern, Tante Julchen und Herr von Schaffau führten uns in die Kochstube. Welch ein Jubel! Kochofen, Backofen und Bratofen, Geschirr von allen Sorten. Das Wasser kochte im Kessel, schnell holten wir Kaffee aus dem Vorrathsschrank, die Tante und Herr von Schaffau luden sich zum Frühstück ein. Der Tisch war bald servirt, sauber und rein, alles bereit, Rosalie ward noch eingeladen, wir saßen herzlich froh, aber bald war das vorbei. Ein Gast folgte dem andern, auch Herr von Tülsen kam. Wir weigerten uns standhaft, noch Kaffee zu kochen, nur Frau von Schlichten, die zuletzt erschien, erhielt noch eine Tasse. Ich merkte Herrn von Tülsen eine gereizte Stimmung an. Er fragte mich flüsternd, ob ich mich noch immer der Gesellschaft entziehen werde. Ich entgegnete, daß ich heut zur Bescheerung auf der Pfarre sein werde. Er biß sich auf die Lippen, öffnete plötzlich mein Arbeitskästchen und schob einen Brief hinein. Ich war sehr bestürzt, der Gedanke an Frau von Schlichten, an ihren Verdacht überfiel mich, unwillkürlich sah ich mich nach ihr um, sie war im Gespräch; aber Herrn von Schaffaus ernste Blicke ruhten auf mir, er hatte uns beobachtet. Ich konnte nicht überlegen, was zu thun sei, die Glocken begannen zu läuten, die Gesellschaft verließ mein Zimmer. Nur Lucie stand wartend neben mir. Ich legte Hut und Mantel an, schloß das Nähkästchen und ging mit ihr zur Kirche. Die Gedanken an den Brief beschäftigten mich: es wird ein Grund zum Verdacht sein, ein Ungewitter wird heraufziehen, sie werden dich verdammen. Aber ich fühlte mich so unschuldig, und dann dacht' ich: es kommt nichts von ungefähr, alles wird und muß zu deinem Besten dienen, also auch der Brief. So kann er mich nicht sorgen, so darf er mich nicht sorgen. Ich war sehr getrost, ich dachte: die Welt ist groß und es haben viel Briefe darin Platz, laß auch diesen. Als wir aus der Kirche traten, umringten mich meine lieben Pastors-Kinder. Sie wollten mich sogleich mitnehmen, doch hatt' ich noch einiges von Haus zu holen; wenn ich auch die schönsten Confect-Sachen der Tante schicke, einige kleine Zuckerfiguren und süße Herrlichkeiten mußten in der Pfarre Freude machen. Herr von Schaffau ging neben mir, ich ward sehr beklommen. Der fatale Brief! Es war mir, als ob er etwas sagen wolle, doch blieb er still und ernst, so ganz anders als gestern Abend. Es that mir sehr weh, o das Herz ist schwach, die helle Weihnachtsfreude war getrübt. Aber das liebe Christkind blieb mir doch im Herzen und hat mir auch wieder geholfen. Auf dem Rückweg begegnete mir Herr von Tülsen, ich konnte ihm nicht ausweichen. Haben Sie meinen Brief gelesen? fragte er gleich. Ich hatte noch nicht Zeit, sagte ich. Nicht Zeit? sagte er sehr bitter. Mir ward bange. Ich glaubte nicht, daß es so eilig sei, entgegnete ich etwas verlegen. Er lachte laut, mir ward noch bänger. Aber er ward wieder ruhig und sanft, und trug mir mit vielen wunderlichen Worten seine Hand an. Ich schüttelte den Kopf. Er sprach, wie er mich hier nicht leiden sehen könne, mir gebühre eine andere Stellung in der Welt, auch meine Tante aus der drückenden Lage zu befreien, sei ein süßer Gedanke für ihn, alle seinen Reichthum lege er mir zu Füßen, wie eine Königin solle ich herrschen, mit Entzücken wolle er mir folgen, um die Tante und Trinchen und Jacob in mein Reich zu führen. Der letzte Gedanke kam mir unnwartet, ich sah ihn tief aufathmend an. Er wollte meine Hand nehmen: Lulu, sagen Sie ja, bat er dringend. Ich erschrak jetzt vor meinen eigenen Gedanken, es war mir als ob ich vom Teufel versucht würde. Weiche von mir, ich habe nichts mit dir zu thun! so entfuhren mir die Worte. Er sprach noch so eifrig. Ich wollte mich entfernen. Endlich bat er mich dringend, zu thun, als ob er noch gar nichts gesagt hätte; er fühle, er sei so voreilig gewesen, ich sei noch zu jung, ich kenne die Welt nicht, wisse ein braves Herz und männlichen Schutz nicht zu würdigen, mit der Zeit würde ich anders denken; wenn die Welt mich aber verlasse und verstoße, da sollt ich mich erinnern, wo ich Schutz und Hülfe zu suchen hätte. Bei diesen Worten hob sich mein Herz hoch auf. Wer ist mein Schutz und meine Hülfe? Du bist meine Zuversicht, Herr Herr, meine Hoffnung von meiner Jugend an. O arm sein, sagt ich, ist nicht schwer, der Herr dort oben ist mein Vater, er hat eine große Schatzkammer, er wird mir geben so viel er will, er wird mich nie verlassen, er wird auch meine Tante nicht verlassen, er hat mich stets überschüttet mit seiner Güte; o ich bin sehr reich! ich will aber anbeten meinen Gott und ihm allein dienen. Ich eilte fort, oben an der Hecke stand ich noch einmal still. Herr, halte mich in Dir! Ich habe gebetet, es ward wieder Weihnachten, ich ging hinein in die niedrige Hütte zum Kindlein, ich hätte ihm gern Kronen geopfert. O lieber Herr, vor dir ist alles Gold der Welt nur Staub, und arm und reich gilt dir gleich. So traf ich Vollbergern an der Kirchhofsthür. Ich habe hier auf Sie gewartet, sagte er seufzend, Sie haben sehr lange mit Herrn von Tülsen gesprochen. Er sah dabei sehr traurig aus, und ich gewiß recht vergnügt. – Vollberger, Sie meinen es gut mit mir. – Das weiß Gott! Sie sind noch gar zu jung, die Welt ist verführerisch. Aber Gott ist getreu, fiel ich ihm freudig in das Wort. Er ist meine Hülfe für und für, und mein lieber Vater, er nimmt den ersten Platz in meinem Herzen ein. O ich fühle das nie mehr, als wenn jemand anders einen Platz in meinem Herzen haben möchte; wer sich mit diesem lieben Herrn nicht verträgt, darf nicht hinein, ihm habe ich mein Herz übergeben. Und wenn er mein Thürhüter ist, braucht ihr alle nicht zu spioniren. Ich wünschte ihm noch guten Tag, weil ich heute nicht unten erscheinen würde. Vollberger war zufrieden, denn er seufzte und warnte nicht weiter; er gab mir von Herrn von Schaffau einen Brief, den ich dem Herrn Pastor bescheeren solle, und verließ mich. In dem lieben Pastorshaus hab ich bald die Wirren vergessen, die Welt ist wunderlich. Ich will zwar nicht stolz sein, denn wer da steht, sehe zu, daß er nicht falle; aber ich fühle mich sehr hoch über der Welt. Nachmittag war ich im Garten, um noch grüne Tannenzweige und noch Buchsbaum zu holen, die Gesellschaft aus dem Schlosse kam in großer Galla den Ahornweg entlang. Frau von Ramberg und Frau von Schlichten voran, ich ging ihnen aus dem Weg und ließ sie unter mir durchpassiren. Die ganze Erscheinung hatte einen gewissen Nimbus um sich, – für mich nicht, ich kenne jeden einzelnen in seinem Unbefriedigtsein, in seinem nichtigen Streben, in seiner Leere und Armuth. Das Pfarrhaus umstrahlt ein Nimbus: Weisheit und Liebe herrschen darin, sie dienen dem Herrn, er ist mitten unter ihnen, mit Gnade und Friede und Freude und Reichthum. O ihr Lieben, der Herr, dem ihr dienet, wird auch für euch sorgen. Und hat er nicht? Der Frau Pastorin Berge sind heute alle fortgeräumt, der Ueberfluß des Herrn von Schaffau hat der armen Pfarre für lange aufgeholfen, und ich war nicht wenig stolz, daß der Brief durch meine Hände ging. Ich habe mir dafür die Freiheit genommen und ganze Kuchenberge aus der Speisekammer geholt und auf den Theetisch gesetzt, die Kinder sollten sich einmal beliebig daran satt essen. Der Herr Pastor und Herr Heber waren meiner Meinung, daß heut von Kargen und Eintheilen nicht die Rede sei; es solle etwas drunter und drüber gehen. Die Kinder jubelten und nannten mich ihre Zucker-Lulu, nein Kuchen-Lulu, Kuchen sei schöner als Zucker. So folgte der fröhlichen Bescheerung ein fröhlicher Abend. Der Herr Pastor verließ uns, um sich zur morgenden Predigt vorzubereiten, ich und Herr Heber haben mit den Kindern gespielt, zwei Armeen gegen einander über, haben wir mit Erbsen Krieg geführt, ich konnte sie viel besser stübsen und meine Partei siegte stets. Zu singen hat Lucie die fünf Kinder eingeladen, sie will mit Linchen in der Kochstube für uns zu Abend kochen, in meiner Stube soll gegessen werden. Der Herr Pastor geleitete mich her, diese Wege sind mir so lieb, ich höre da manches schöne Wort. Unten ist noch alles in Bewegung, es wird gesungen. Der Tag ist nun hin, ich war froh und vergnügt, doch fühlt ich dabei einen leisen Stachel im Herzen. Den Brief habe ich hier verbrannt. Ob Herr von Schaffau wohl Arges denkt? Es thut mir sehr weh; sprechen kann ich mit ihm darüber nicht, zuweilen ist es, als könnt' ich ihm alles sagen, und dann wieder fühle ich eine tiefe Kluft. Drüben brennt Licht in seinem Thurm, es ist der einzig helle Punkt am stillen Flügel, ich sehe auch seinen dunkelen Schatten am Fenster stehen. Es ist sehr traurig, vom Urtheile der Menschen abzuhängen, o könnt' ich es überwinden. O lieber Herr, ich bin ja so glücklich und reich in deiner Liebe, in deiner Nähe, in deiner Gnade, gieb mir Sanftmuth und Geduld, Freudigkeit und Zuversicht gegen alle Menschen, laß es in meinem Wesen zu lesen sein, aber nur als Wiederschein der ganzen Seele. Nun gute Nacht, habe Dank, du treuer Herr. Ich bin müde, sehr müde, und lege mich getrost zur Ruhe; laß deine Engel über uns wachen, über uns alle.



Zweiten Weihnachtsfeiertag.


Nach der vielen Anspannung folgt Abspannung, ich fühlt' es heute schon, schlief lange, ward in der Kirche fast müde. Herr von Tülsen war in der Kirche, er ging auf dem Rückweg neben mir, ich habe immer gähnen müssen. Herr von Schaffau bemerkte es nicht, als ich ihm guten Morgen sagte. Ich war im Frühstückszimmer. Frau von Schlichten erschien in großer Toilette, ich sagte ihr guten Morgen und erkundigte mich nach ihrem Befinden, sie war sehr kühl gegen mich, auch die anderen, selbst Rosalie war verlegen. Ein Herr trat ein, ein fremder Graf, Frau von Schlichten begrüßte ihn äußerst zuvorkommend, sie stellte ihn den Damen vor, ich stand neben Rosalie, es war sehr demüthigend, sie that gar nicht, als ob ich da sei. Ich hob mich stolz empor, ich dachte, sind diese Menschen mehr als du? Da begegnete ich den triumphirenden Blicken des Herrn von Tülsen, er schien mich beobachtet und meine Gedanken errathen zu haben. Ich schämte mich. Habe ich so die Welt unter mir? Ach nein, ich bin sehr schwach. O warum geht mein Herz immer mit den bewegten Wellen dieses Lebens! Und doch fühle ich eine feste Zuversicht in meiner Seele, und doch werde ich siegen. Ich nahm mir vor, die Demüthigungen zu tragen, zu thun, als ob mir keine andere Stellung gebühre. Ich redete noch einmal freundlich zu Rosalie; als sie bemerkte, daß ihre Mama in lebhafter Unterhaltung war, erwiederte sie meine Freundlichkeit. Sie erzählte mir, daß auf übermorgen die Reise nach Berlin festgesetzt sei, sie aber wünsche hier zu bleiben, wolle mit uns leben. Herr von Schaffau unterbrach uns, er trat mit dem fremden Herrn zu uns, er stellte mir ihn vor. Ich hörte, daß Graf Roden meine Bekanntschaft zu machen wünsche, weil er ein Freund meines seligen Vaters war; er kannte auch die Tante und meine selige Mutter, er erzählte mir viel, ich freute mich sehr. O du liebe Tante, damals mag es anders gewesen sein, als jetzt. Graf Roden ist der erste in diesen vornehmen Kreisen, der wahrhaft unbefangen und wohlwollend gegen mich ist. Er hat mich nach meiner Heimath gefragt, jede Kleinigkeit schien ihn zu interessiren. Trinchen und Jacob waren ihm bekannte Personen. Obgleich ich manches Traurige und Wehmüthige zu berichten hatte, war ich sehr aufgelegt. Graf Roden fragte mich, ob ich nicht die Bekanntschaft des Onkel Hofmarschall und seiner Familie machen möchte; er wollte mich zu ihnen führen. Er sagte sehr schmeichelhafte Dinge dabei. Ich ward verlegen. Weiß er nicht, daß ich hier Gouvernante und in abhängigen Verhältnissen bin? Lucie kam jetzt. Sie bat mich dringend, zu kommen, die kleinen Gäste waren da, ich mußte nöthige Anordnungen treffen. Hier oben saß ich über eine Stunde in Gedanken vertieft, ich stellte die Kinder an ihre Arbeit, an ihr Spiel, aber wie im Traum, ich saß am liebsten im Epheufenster. Das waren verführerische Gedanken, der Onkel, die Residenz, neue Freunde! Könnte mich hier etwas halten? nein, nichts. Wenigen ist meine Nähe lieb, vielen zuwider oder gleichgiltig. Würde die Welt aber dort anders sein? und die Menschen? Ich sann und sann und überlegte. Ach nein, gewiß nicht, freundliche und unfreundliche wird es dort geben, ganz wie hier. Und hätt' ich nicht manchem jetzt in meinen Gedanken Unrecht gethan? O es ist schön hier, die liebe Pfarre, mein Zimmer, der Garten, das alte Schloß, die gute Tante und meine liebe Lucie, könnt' ich wohl fort von dir? gewiß nicht! – Der Rausch war vorbei, mir war sehr wohl in meinem Kinderreich, ich sah mit ruhigem Herzen die Gesellschaft dort unter mir am Garten hinfahren. Ich setzte mich zu den neuen Farben und zum Plettenhaus, ich dachte: ob wohl Herr von Schaffau noch wünschen wird es zu haben? In dem Augenblick öffnete sich leise die Thür hinter mir, er selbst trat ein. Er sollte mich bei der Arbeit nicht treffen, ich schob das Blatt unter, ich Thörin. Er nahm es hervor und sagte, er freue sich, daß ich mein Versprechen nicht aufgegeben; er erbot sich mir jetzt zu zeigen, wie er mit den Farben male. Ich versuchte es auch, er war sehr nachsichtig und geduldig, und als er aufstand, mich zu verlassen, war es mir, als müßt' ich mit ihm reden, als müßt' ich ihn bitten, mir stets den Grund seiner Unzufriedenheit zu sagen, mich nie in Ungewißheit zu lassen, oder mir aufrichtig zu sagen, ob er an meine Stelle doch jemand anderes wünsche. Ich stand zögernd, er auch, meine Gedanken hat er mir angesehen, er sah mir tief in das Herz, reichte mir die Hand und sagte: Liebe Lulu, ich soll Sie gewiß um Verzeihung bitten, und Sie haben Recht. Das kam mir zu überraschend, ich wandte mich schnell zum Fenster. Sollte all die Unruhe, die ich gefühlt, ohne Noth gewesen sein? Herr von Schaffau trat schweigend zu mir, und ich wußte nichts zu entgegnen. Unten fuhren die Wagen wieder den Parkweg entlang, Herr von Tülsen sah nach mir, ich fuhr erschrocken zurück. Herr von Schaffau aber verließ das Zimmer, ohne eine Antwort von mir zu erlangen. Es war sehr kindisch von mir, ich hätte ihm wohl nachgehen müssen, doch umringten mich die Kinder. Ich habe mit den Kindern gegessen und gespielt, und endlich die Sache beigelegt. Ich soll ihm verzeihen! Und bin ich ihm damit nicht sehr lebhaft entgegen gekommen, mag es ihm eine Warnung für künftig sein, daß er seine Launen besiegt und nicht einen Tag freundlich, den andern Tag unfreundlich ist. Die Festtage sind nun hin, ich bin nicht zufrieden mit mir. Ich war viel bewegt und zerstreut; die Zeit vorher war viel schöner, ich erwartete so viel von den Tagen. Hatte ich inniger beten können, wäre ich sicherer gewesen. O wenn mein Herz erst still und fest sein könnte! Es kann es, es soll es. –


Die Nacht ist vor der Thür
Und liegt schon auf der Erden,
Mein Jesu tritt herfür
Und laß es lichter werden.
Bei dir, o Jesu, sein,
Ist lauter Sonnenschein.

Ich habe diesen Tag
Viel Eitelkeit getrieben,
Du hast den Ueberschlag
Gemacht und aufgeschrieben.
Ich selber halte mir
Die schwere Rechnung für.


Die Rechnung ist wohl schwer, aber deine Gnade ist stark und deine Barmherzigkeit groß, – ich schlafe sicher ein, weil deine Flügel mich beschatten.



Den 27. December.


Wir machten noch Ferien heute. Früh schrieb ich an die Tante. Der äußeren Begebenheiten waren so viel, daß der Brief lang wurde. Viel Erfreuliches hatt' ich zu berichten, wie wird meine vervollständigte Toilette sie freuen. Meine Confectsachen habe ich eingepackt, Vollberger nimmt es morgen mit zur Bahn. Spazieren war ich nicht, ich habe gemalt, das Bildchen sollte fertig, ich glaubte es vielleicht Herrn von Schaffau noch vor der Abreise geben zu können. Zu Mittag schmückte mich Sofie mit dem Goldbraunen und mit Orangeblüthen, es war zum Abschied Gesellschaft, die Grauberger und andere kamen. Mit ruhigem festen Sinn ging ich hinunter; wie da die Welt gleich anders aussieht. Herr von Tülsen sollte gewiß nicht wieder triumphiren, obgleich Frau von Schlichten so auffallend unartig gegen mich war, daß ich fürchte, sie legt es darauf an, mich aus dem Hause zu haben. Lucie sah mich mitleidig und zugleich bittend an, ich konnte ihr heiter die Stirn küssen, sie verstand mich. Morgen reisen sie alle fort, sagte sie tröstend. Ich war sehr erstaunt und verlegen, als Graf Roden mich zu Tische führte, ganz oben an der Tafel mußt' ich Platz nehmen, Herr von Schaffau war mein zweiter Nachbar. Wie immer jetzt, betete er laut das Tischgebet, ehe wir uns setzten. Ich sah jetzt auf, Frau von Schlichtens durchbohrende Blicke ruhten auf mir, sie schien sehr erzürnt, flüsterte im Niedersitzen mit Frau von Ramberg, die ein ebenso entsetztes Gesicht machte. Mir ward bange. Ich konnte hier nicht bleiben, ich bat meinen alten Platz neben der verlassenen Lucie nehmen zu dürfen und wollte mich entfernen. Graf Roden sah mich verwundert an, Herr von Schaffau aber, der wunderbar genug meine Gedanken immer durchschaut, befahl mir fast, zu bleiben. Er blickte mit einem feinen Lächeln nach den Damen und bemerkte ziemlich laut: daß Lucie zwar sehr sehnsüchtig nach mir ausschaue, sich aber heut begnügen müsse. Frau von Schlichten hatte meine Bewegungen bemerkt, sie wurde roth, sie hatte meinen guten Willen gesehen, ich war nun ruhig. Graf Roden sprach viel mit mir; sein Wesen erweckte immer mehr mein Vertrauen. Ich erzählte ihm viel von Haus, die Erinnerungen an mein Heimatleben machten mich lebendig, und als wir aufstanden, wußte ich nicht, wie mir die Zeit vergangen. Nach Tisch berührte es mich unangenehm, daß er Herrn von Tülsens Bravheit und Freundschaft für mich erwähnte. Herr von Tülsen hat ihm erzählt, daß es hier traurig geht, er hat mit starken Farben aufgetragen, ich fürchte, es ist auf seine Anregung, daß Graf Roden mir den großmüthigen Vorschlag machte, einige Zeit in seinem Haus als Freundin seiner Tochter zu sein; auch für die Tante sollte gesorgt werden. Herr von Tülsen wohnt in derselben kleinen Residenz, er scheint seine thörichten Gedanken nicht aufgegeben zu haben. Graf Roden habe ich so viel als möglich seine Ideen auszureden gesucht, ich habe ihn versichert, daß ich mich nicht von Lucie trennen würde, wenn man mich nicht fortschicke, habe ihn versichert, daß ich mich nicht glücklich in einer Residenz fühlen würde, daß ich Stille und einsames Landleben gewohnt sei und bei weitem vorziehe. Die andern hatten angefangen zu tanzen, Herr von Tülsen forderte mich dringend dazu auf. Gewiß um Frau von Schlichten zu ärgern, that er es, als ich mich ganz in ihrer Nähe befand. Er scheint ganz mit ihr gebrochen und mit den Graubergeren angeknüpft zu haben, er geht heute mit ihnen. Er bat mich, wenigstens unten zu bleiben; ich entgegnete, daß ich versprochen, jeden Abend mit Lucie zu sein, und zeigte ihm, wie sie meiner harrend an der Thür stand. Frau von Schlichten sagte jetzt zu meiner Verwunderung einige freundliche Worte zu mir: sie freue sich über des Kindes Liebe zu mir und lasse Lucie ruhig unter meiner Obhut hier. Ich weiß nicht, was dahinter steckt, will es auch nicht erforschen; es ist ja gut, wenn sie freundlich ist. Graf Roden nahm sehr freundlich Abschied, er will den Onkel Hofmarschall von mir grüßen. Als ich Herrn von Schaffau fragte, ob er auch früh reise? sagte er, daß er mich jedenfalls noch vorher sprechen würde. Lucie war noch kurze Zeit in meinem Zimmer, wir haben Pläne gemacht für das kommende Vierteljahr, Herr von Schaffau hat uns die Armenpflege in seiner Abwesenheit übertragen. Vollberger bleibt hier, – als Aufpasser, scherzte Tante Julchen, sie fürchtet ihn nicht mehr. Rosalie darf nicht bleiben, sie möchte wohl; aber ihre Gedanken bleiben. Wir wollen ihrer gedenken und für sie beten.



Den 28. December.


Schon vor der Andacht kam Herr von Schaffau, er fragte nach Tante Julchen, sie war noch nicht hier. Er hat zum erstenmal lange und vertrauend mit mir gesprochen, es ist alles gut, er ist mir nicht böse, er hat mich mit sanften liebreichen Worten ermahnt und getröstet; ich soll aushalten und freudig meinen Weg gehen, wenn es Noth thut, will er mir zur Seite stehen. Ich war sehr bewegt von seiner Güte. Lucie trat ein, er zog sie sanft zu sich, ermahnte sie, mir zu folgen. Ich habe es zwar nicht nöthig, sagte er lächelnd, sie ist Ihnen mehr als mir gefolgt, ich könnte fast eifersüchtig werden. Lucie versicherte zärtlich, sie habe ihn jetzt weit mehr lieb als früher, auch Tante Julchen und alle Menschen. Er sei ihr lieber Onkel und möchte nicht so lange von uns bleiben. Wünschest du das wirklich? fragte er. Das wünsche ich, entgegnete sie, und Lulu auch, nicht wahr? Gewiß, sagte ich. Er hat es mir wohl angesehen, daß ich es aufrichtig meinte. Tante Julchen trat jetzt ein, aber auch Sofie, wir hatten noch nicht die Morgenandacht gehalten. Herr von Schaffau fragte, ob er bleiben dürfe, auch Tante Julchen setzte sich still in die Sophaecke, ein Zeichen, daß sie bleiben wolle. Ich war erst bange und fühlte mich sehr schwach, doch gewann ich bald Muth und Freudigkeit. Alle Thorheiten und Schwächen, die mein Herz in diesen Tagen auf- und abgetragen, waren verwehet, ich fühlte eine innige Gemeinschaft mit denen, die bei mir waren, die mir so lieb und theuer sind. Ich habe mit ihnen gebetet und für sie gebetet aus ganzer Seele. Hätten wir jeden Morgen so zusammen gebetet, da würde es anders gewesen sein. Herrn von Schaffau habe ich oft verkannt. Ich habe ihm im Herzen abgebeten jeden Gedanken, der ihm Unrecht gethan; wenn er jetzt nicht gegangen wäre, würde ich manches von ihm ertragen, was ich auch nicht verstehe. Nachdem die Wagen fortgerollt waren, ging ich noch einmal durch die leeren Zimmer unten. Ich überdachte die Stunden, die ich hier verlebte, mit einer schwermüthigen Stimmung mußt' ich kämpfen, ich hatte mir viel Vorwürfe zu machen. Viel eitle und thörichte Gedanken hatte ich hier gehabt, war lässig und saumselig in meinem Beruf, gegen Thekla hätt' ich wärmer und liebreicher sein können, um Rosalie mich mehr bekümmern. Ich setzte mich in mein Lieblingsfenster, hier fand ich Handschuh und Cigarrentasche vom Herrn von Schaffau. Ich zog die Gardine vor und träumte, das Geräusch und Schwirren der Gesellschaft zu hören. Es war aber still und blieb still. So fand mich Vollberger. Er kam, die Reste des Frühstücks und anderes fortzuräumen, ich gab ihm seines Herrn Sachen. Nun liebes Fräulein, sagte er, prägen Sie sich noch einmal recht ein, wie toll es hier hergegangen ist, so etwas passirt hier nicht wieder. Mit dem alten Jahr fegen wir den alten Unrath aus, es geht hier nicht mit der halben Wirthschaft, entweder oder. Der Herr hat gethan, was er konnte, aber das Herz seiner Schwester ist ihm verschlossen. Jetzt führt er sie in Berlin in Kreise, die vielleicht mehr auf sie wirken können, als er es vermochte, er findet da noch andere Kräfte. Hoffentlich kommen sie nicht viel wieder her, und wir, wie gesagt, wir fegen den alten Dreck hier aus den Räumen, der Herr mag das Herz der Schwester fegen. Ich habe mit Vollbergern noch manches gesprochen, er ist mir sehr lieb. Es ist gut, daß er bei uns geblieben ist. Heut Abend trank Tante Julchen mit mir und Lucie hier in meiner Stube Thee, ich fing an vorzulesen, Tante Julchen schlief bald ein und schnarchte laut, sie hat den Tag über viel zu ordnen gehabt, und ist noch nicht fertig.



Den 29. December.


Wir haben die Tante noch nicht viel gesehen, sie hat noch im Haus zu schaffen. Es freut mich, daß wir Erlaubniß haben, das große Frühstückszimmer zu bewohnen, der herrliche Flügel steht darin. Herr von Schaffau wünscht, daß wir mit Pastors Umgang haben, Tante Julchen hat nichts dagegen. Um unsertwillen, sagte sie, will sie die ganze Kinderkribbelei hier zuweilen tractiren. Die Frau Pastorin kann dazu die Weihnachtshaube aufsetzen, ihre Höflichkeit wird der Tante nicht unangenehm sein, ich werde ihr vorher noch guten Rath geben. Mit diesen Zwischentagen ist nicht viel anzufangen, mir kam Lust zur Langeweile an; weil ich an Lucie gleiches bemerkte, habe ich meine überwunden. Ich machte mit Lucie einige Besuche bei alten Leuten, um das Amt, das Herr von Schaffau uns übertragen, sogleich anzutreten. Wir wollen niemand etwas schenken, ohne ihn besucht zu haben. Die alte Sandermann bedarf eines wollenen Rockes, das soll nach Neujahr unsere erste Arbeit sein. Wie sehr die Leute sich über solchen Besuch freuen, habe ich heute wieder gesehen, er ist ihnen fast so lieb als die Gabe selbst. Wenn doch die vornehmen Leute wüßten, wieviel Trost sie ihren armen Brüdern und Schwestern nur durch Liebe und Theilnahme bringen könnten, wie könnten sie wuchern mit den Vorzügen, die der Herr ihnen durch ihre Stellung in der Welt gegeben. Trinchen hat mir das oft gesagt. Sie verlangt es besonders von den jungen Mädchen; Frauen haben meistens durch Kinder und Haushalt ihren Beruf, die Mädchen aber, o wenn sie mit der Liebe Christi, mit Sanftmuth, Demuth und Holdseligkeit erfüllt waren, könnten in der Welt viel Segen spenden, der Armuth und Krankheit könnten sie sanfte Ruhekissen unterlegen und Herzen erwecken für das Himmelreich. Wo Armuth und Krankheit das Land gelockert, da läßt sich gut säen, und der Herr vermag mit schwachen Kräften viel zu wirken. Ich habe mit Lucie so gesprochen, sie nimmt das gern an, sie sagte sogar heut, sie begreife jetzt, warum der liebe Gott sie häßlich gemacht und ihr die Liebe der Menschen nicht geschenkt, damit sie möchte ihn desto mehr lieben und nicht mit der Welt leben. Ich erklärte ihr: daß, wenn sie den Herrn von ganzem Herzen liebe und fromm und reines Herzens vor ihm zu leben suche, sei es der sicherste Weg, sich die Liebe aller Menschen zu gewinnen. Wir haben dann sehr traulich in meinem Zimmer gesessen; Lucie beschloß, den Tag an den Onkel zu schreiben, sie hat ihm eine Art Tagebuch versprochen.



Den 1. Januar.


Lobe den Herren, denn er ist sehr freundlich.
Es ist sehr köstlich, unfern Gott zu loben;
Sein Lob ist schöne, lieblich anzuhören.
Lobet den Herrn.

Singt gen einander dem Herren mit Danken.
Lobt ihn mit Harfen, unsern Gott, den werthen;
Denn er ist mächtig und von großen Kräften.
Lobet den Herrn.

Danket dem Herren, Schöpfer aller Dinge.
Der Brunn des Lebens thut aus ihm entspringen,
Gar hoch vom Himmel her aus seinem Herzen.
Lobet den Herrn.

O Jesu Christe, Sohn des Allerhöchsten,
Gieb du die Gnade allen frommen Christen,
Daß sie deinen Namen ewig preisen. Amen!
Lobet den Herrn.


Die Sonne scheint hell am blauen Himmel, ihre Strahlen blitzen auf der weißbeschneiten Erde. Auch in meiner Seele ist es hell und licht und strahlend. Herr, du bist mein Gott, du bist ganz mein. O du reicher Herr, hilf meiner Armuth auf, o Herr, wie hat deine Gnade und Güte mich so reich überschüttet, und wie bin ich so kalt und zerstreut dabei geblieben. O es soll anders werden, nimm mich hin, nimm mich ganz hin, meine Gebete sollen nicht aufhören, und wenn ich matt und träge dazu bin, will ich ringen und kämpfen, bis du mich beten lassest, bis du mein Herz erfüllst, bis du mich stark machst in der Macht deiner Stärke. Ein neues Jahr liegt vor mir – dunkel, nein nicht dunkel, – es kann mir nichts geschehen, als was dein Will ersehen. Laß kommen Trübsal und Anfechtung, du wirst bei mir sein: o mein Herz ist so getrost, so freudenvoll, denn ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Amen.



1. Januar 18. .


Lulu an Trinchen.


Liebes Trinchen! Dein Brief könnte mich betrübt machen, die Krankheit der Tante mich ängstigen. Heute aber habe ich dem Herrn mein Herz ganz übergeben, Zuversicht und Freudigkeit sollen nicht von mir weichen, o Trinchen, bete für mich, wie ich es für Dich thue. Seid Ihr Lieben nur getrost, der Herr ist ein wunderbarer König, er wird unser aller Leben führen zu seiner Ehre und zu unserm Frieden. Habt Ihr wieder Noth? O sprich deutlich, ich bin Armenpflegerin, und bin ich nicht selbst reich? Ich lasse mir im voraus geben, wenn du wünschest, kann ich Dir 50 Thaler schicken. Ist es nicht wunderbar, daß ich armes Mädchen zu so guten Leuten kam, die so gütig gegen mich sind? O liebes Trinchen, ich habe nicht genug zu danken, Ihr aber auch für mich. Die Tante ist kränker, aber sagst Du nicht selbst, sie sucht jetzt Frieden? Ist das nicht eine große Gnade? O die ihn suchen, die finden ihn, deß wollen wir fröhlich sein. Liebes Trinchen, schreibe mir bald einen freudigen Brief, alle Noth, die Euch drückt, aber will ich wissen, sie ist nicht Noth, wenn wir Glauben haben. Schreibe nur voll Glauben und Zuversicht, wie ich es an Dir gewohnt bin. So stärke Dich der Herr. Deine treue Lulu.


Lulu an die Tante.


Meine innig geliebte Tante! Könnt' ich jetzt an Deinem Bett sitzen, o ich wollte Deine Hände küssen, Deine Wangen liebkosen, ich wollte Dich pflegen, daß Du bald gesund würdest. Ach nein, das thut Trinchen schon, und der Herr unser lieber treuer Gott thut das meiste. Wie schnell werden die wenigen Wochen hingehen, dann ist's Frühling, dann kann ich Euch Lieben besuchen. So lange will ich Dir viel Briefe schreiben, will plaudern, als ob ich bei Dir säße, und Dir die Zeit vertreiben. Meine Weihnachtsbriefe habt Ihr jetzt, Du wirst Dich sehr gefreut haben, wie gut es mir geht. Wüßt ich nur für Euch mehr zu thun, ich kann es ja. Hierbei schicke ich den grünen Terneaux für Dich zu einem weichen Oberrock, wenn Du wieder aufstehst. Deine alten sind zu dünn, bitte nimm ihn, ich habe nichts nöthig; mein blaues Kleid hält reichlich aus bis zum Frühling, dann giebt es Sommerkleider. Die Einsamkeit behagt mir, Tante Julchen ist sehr liebreich. O liebe Tante, danke dem Herrn, daß er mich hierher und nicht in ein weltliches Leben geführt hat. Jetzt erst kann ich das recht erkennen, und sollt ich noch so arm und niedrig sein, darf ich dem Herrn Jesu Christo dienen, ihn lieben und anbeten und ihm folgen, so bin ich glücklich, unaussprechlich glücklich. Möchtest Du Dich davon überzeugen! möchtest Du keine Sorge für mich haben, o möchtest Du selbst es recht inne werden, daß die Welt keine Freude und keinen Frieden bringt. O liebe theure Tante, ich bin sehr reich und glücklich. Behalte Deine Lulu lieb, die gern ihre Hände möchte unter Deine Füße breiten. Der Herr sei mit Dir. Amen.



Dienstag, den 8. Januar.


Das war heut ein frisches Vergnügen. Linchen mit vier Geschwistern, Lucie und ich und Herr Heber, wir haben Schlitten gefahren, den Lindenberg hinunter, das war ein Uebereinandergepoltere der Kleinen, Herr Heber und ich hatten nur immer aufzurichten und zu trösten, und doch wollte das kleine Volk nicht ablassen. Endlich als die Nasen zu roth und die Hände zu steif wurden, gingen wir hinein. Die Frau Pastorin erquickte uns aus der großen Kaffeekanne, dazu Honigbrode, unser Appetit war nicht gering. Ich bin täglich wenigstens eine Stunde hier, um zuzuschneiden, einzurichten, zu überlegen, bald werde ich durchgedrungen sein, in Schränken und Kommoden sehe ich Ordnung und sehe alles nöthige. Die Frau Pastorin ist sehr dankbar, die Kinder lieben mich, und mir ist sehr wohl in dem lieben Haus. Linchen hilft uns in der Nähschule, wir hatten sie heut zum zweitenmal, die Kinder sind noch sehr ungeschickt, nicht so zum Singen. Auch mit den Leuten im Haus hatte ich ehegestern Singestunde, Sofie wirbt einen nach dem andern zur Morgenandacht, und sie kennen nur wenige Kirchenlieder.



Mittwoch, den 16. Januar.


Es war eine Lust, als wir heute die silberne Theemaschine auf das feine Gedeck setzten, dazu Kuchenwerk und Feinheiten. Vollberger führte den Herrn und die Frau Pastorin, Herrn Heber und Linchen und Mariechen sehr achtungsvoll und feierlich in das wohldurchduftete Gesellschaftszimmer. Die Frau Pastorin war zu meiner Freude gar nicht verlegen und Tante Julchen sehr vertraulich. Lucie und ich machten die Wirthinnen, wir haben den Kuchen gebacken und den Thee gekocht. Der Herr Pastor hat uns fast ganz allein unterhalten, ich freute mich, wie die Tante mit so großer Aufmerksamkeit ihm zuhörte, sie findet ihn sehr geistreich. Es thut mir aber leid, daß sie sich über Herrn Heber lustig macht. Nicht um seinetwillen, ihm thut das nichts, nur ihretwillen, – und wegen Lucie, ihre Liebe und Achtung für die Tante muß geringer werden, wenn sie das hört. Ich werde sie recht herzlich bitten, das nicht zu thun. Herr Heber ist ein treuer Mensch, das will viel sagen.



Sonntag, den 20. Januar.


Herr von Tülsen ist sonntäglich hier zur Kirche, er besucht Pastors, auch macht er der Tante zuweilen einen kurzen Besuch. Ich kümmere mich nicht um ihn. Möcht' er es nur aufrichtig mit sich und dem Herrn Pastor meinen.



Donnerstag, den 24. Januar.


Es hat in der Nacht sehr geschneit, der alte Werder konnte nicht kommen und sein Essen holen, ich ging mit Sofie gegen Abend hin. Er liegt im Bett, niemand ist um ihn. Wenn die Kälte anhält, wird unser Holzbedarf nicht reichen. Ich sprach mit dem Gärtner, er hat große Haufen trockner Aeste aus den Bäumen geschnitten, ich glaube, wir könnten dies Holz, ohne den Herrn zu fragen, verschenken.



Montag, den 28. Januar.


Die Kälte wird immer strenger, wir müssen jetzt täglich für die Armen kochen. Auch stehen viele Kinder seit gestern hungrig und erfroren vor der Schloßküche, der alte Koch giebt ihnen die Reste, doch reicht es nicht. Er kochte gern für sie, Christine die Küchenmagd beklagt sich über die Arbeit, die ihr daraus erwächst. Ich las heut in der Morgenandacht Matthäi 25 Vers 31–46. Wo es da heißt: Kommt her ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt. Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich gespeiset u. s. w.  Was ihr gethan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan. Zu denen aber, die zu seiner Linken stehen, spricht er: was ihr nicht gethan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht gethan. Und sie werden in die ewige Pein gehen; aber die Gerechten in das ewige Leben. Christine war dabei. Als der Koch sie darauf bat, ihm einige Eimer Kartoffeln zu schälen für die armen Kinder, hat sie es gern gethan. Lucie's Eifer für die Kochstube schien auch nachzulassen. Sofie könnte es wohl thun und für die Alten kochen, doch soll es Lucie nicht nur zur Unterhaltung thun, sie soll es aus Barmherzigkeit thun und soll Opfer bringen. Ich sagte aber nichts. Gegen Abend, als der Schnee wieder leise niederfiel, forderte ich sie auf, mich in das Dorf zu begleiten. Sie fürchtete sich vor der Kälte, doch nahm sie Muff und Pelz und folgte mir. Wir gingen zur kranken Grossen. Sie lag im Bett, ein kleiner Junge legte einige Reiser auf verglimmende Kohlen, die Stube war sehr kalt. Zwei kleine Mädchen hockten an der Erde, das kleinste Kind lag mit im Bett. O der harte Winter! klagte die arme Wittwe, den letzten Groschen haben wir für Holz hingegeben, jetzt haben wir auch kein Brot. Ich unterhielt mich mit ihr, Lucie hörte schweigend zu. Darauf führte ich sie zum alten Werder, sein Ofen war ganz kalt, doch war er zufrieden, seine Hülfe ist das warme Essen, das ihm das liebe junge Fräulein Lucie jeden Mittag selbst kocht. Er flehte des Herrn Segen auf Lucie herab. Lucie weinte, ich verstehe ihre Thränen, sie fühlte ihre Lauheit. Als ich sie beim Herausgehen bat, diese beiden Häuser täglich selbst zu besuchen und nach allem nöthigen zu sehen, schlang sie die Arme um mich und küßte mich. Wir haben heute Abend einen Plan gemacht. Tante Julchen, Lucie, ich, Sofie und Vollberger haben uns in die kranken und nothleidenden Familien getheilt, die wir besuchen müssen. Der Schnee knirscht, dichte Eisblumen sitzen an den Fenstern, wir sollen 18 Grad Kälte haben.



Den 31. Januar.


Lucie ist unermüdlich in ihren Hausbesuchen, sie näht auch für ihre Pfleglinge und kocht und sorgt mit großer Treue. Zum gottseligen Leben gehören auch gottselige Werke, sagt unser Herr Pastor, nichts thun und nur feiern und anschauen wollen, das hält die Seele nicht aus. Wie wohl ist mir bei diesem thätigen Leben, wie viel frischer ist mir das Herz, müßig und zerstreut dahingehen macht viel Pein, das habe ich erfahren, und sollen wir nicht Rechenschaft von jeder Stunde geben, von jedem unnützen Worte? O bei diesem Gedanken könnte man sehr muthlos werden.



Montag, den 4. Februar.


Tante Julchen und Lucie müssen das Zimmer hüten, sie haben beide rauhen Husten. Ich übernahm ihre Hausbesuche. Eisiger Nordwind und Schneegestöber hinderten mich fast zu gehen, der Herr Amtsverwalter und der Gärtner haben mir sehr gütig Bahn fegen lassen bis zum Oberdorf. Auf dem Rückweg sprach ich bei Pastors vor, sie saßen alle zusammen in der kleinen Studirstube, auch die Wiege stand darin, man konnte sich kaum umwenden. Aber fröhlich sahen sie alle aus, der Herr Pastor an der Spitze. Als es dämmerte, trat ich den Rückweg an, ich litt es nicht, daß mich jemand geleitete. Es war grausig außen, der Wind fegte durch die kahlen Bäume und über die öden weißen Flächen, dann wieder trieb er mir dichte Schneewirbel in das Gesicht. Im Portal empfing mich Vollberger und schalt mich fast, daß ich ausgegangen, und Tante Julchen kam mir sehr vorsorglich mit warmem Thee entgegen. Es ward dunkel, der Wind brauste immer mehr. Wenn jemand außen wäre, müßte er umkommen, sagte ich, der Schnee verweht die Wege, und der Wind ist so, daß dem Wanderer der Athem vergeht. Da sich meine Fantasie mit solchen Bildern beschäftigte, war es mir öfters, als ob ich das Rasseln eines Wagens hörte. Erwarten Sie jemand? fragte Tante Julchen scherzend, als sie mein öfteres banges Lauschen bemerkte. Da tönte ein Posthorn, und schnell fuhr ein Wagen über die Brücke auf den Schloßhof. Wir sprangen erstaunt auf, ich allein aber durfte das Zimmer verlassen, ich lief nach dem Portal. Er war es, Herr von Schaffau, in Pelz und Schnee gehüllt, begrüßte mich freudig. Ich weiß nicht, ob meine Freude oder meine Theilnahme für sein Erfrorensein größer war, ich ging ihm voran in das Zimmer, Lucic aber kam mir schon entgegen. Es war ein großer Jubel, und wir haben alles gethan, ihn zu erquicken. Lucie saß dann auf einer Fußbank zu seinen Füßen. Du lieber Onkel, wir sind sehr glücklich, daß Du hier bist, sagte sie zärtlich. Wir? fragte Herr von Schaffau scherzend und sah auf uns. Ja wir, mein lieber Friedrich, sagte Tante Julchen treuherzig und klopfte ihm auf die Schulter. Es ist das erstemal, daß ich sie ihn beim Taufnamen nennen hörte. Es ist mir so lieb, daß ich wieder Licht im Thürmchen sehe. Er hat uns nicht viel von der Stadt erzählt, wollte nur von hier hören, Tante Julchen hat ihm berichtet. Aber Rosalie hat mir einen langen Brief geschrieben. Herr von Tülsen ist seit einigen Tagen dort, er hat sich mit ihrer Mama ausgesöhnt, Rosalie traut ihm nicht, warnt uns vor ihm. Ich weiß nicht, was er von uns hier erzählt hat, Herr Heber ist auch dazwischen, ich verstehe es nicht, aber wahrlich es ist mir sehr gleichgültig. Das ganze Haus war am nächsten Morgen zur Andacht versammelt, ich fühlte, daß Herr von Schaffau jetzt mein Amt übernehmen müsse, er that es, zum erstenmal in so großer Versammlung. Ich habe dem lieben Herrn sehr dafür gedankt. Ich dachte an den ersten Sonntag, wo ich in denselben Räumen gesungen habe: Nun bitten wir den heiligen Geist. – Ich habe es heut gesungen, das war anders als damals. Nach dem Frühstück hat Tante Julchen mit mir gesprochen, ich weiß nicht recht den Zweck. Sie bat mich offenherzig zu sein, ich habe ihr nichts zu verheimlichen. Sie forschte, ob ich wirklich die Absicht habe, Herrn von Tülsens Hand auszuschlagen; ich entgegnete, daß die Sache längst vorbei sei. Sie stellte mir ernstlich vor, ob ich nicht mein Glück verscherzt habe, ob ich mit der Zeit es nicht bereuen würde. Ich konnte sie darüber beruhigen. Sie deutete mir an, daß er mein größter Feind sein würde, er würde mich verläumden, er suche mir zu schaden, sie glaube gewiß, er suche mich hier aus dem Hause zu bringen. Auch das kann mich nicht beunruhigen. Womit sollte er mich verläumden? Mein Leben liegt offen vor allen Leuten. Tante Julchen tadelte meine Sorglosigkeit, ja als ich es nicht begreifen wollte, in welcher Weise man mich verläumden könne, zog sie eifrig ihrer Schwägerin Brief aus der Tasche und las ungefähr so: Das Mädchen ist sehr schlau, schlauer als Ihr denkt. Willst Du mir das nicht glauben, liebe Julie, so prüfe selbst. Beherrscht sie nicht jetzt schon alle ihre Umgebungen? Ich höre, daß man sie im Haus und im Dorf als Gebieterin betrachtet; ich finde es, wie ich ihr Wesen beobachtet habe, sehr natürlich. Ich nenne es: eine alles an sich reißende Natur. Sie thut es natürlich nicht mit Gewalt, darin besteht eben ihre Schlauheit, sie thut es im Scheine der Liebe und Leutseligkeit. Prüfe, wie weit Du selbst unter ihrem Pantoffel stehst. Rosalie spricht förmlich mit Sehnsucht von ihr, selbst Thekla versichert, daß ich ihr Unrecht thue. So bin ich die einzige, die mit klarem Auge sie beurtheilt, – ich nehme Friedrich aus, der bis jetzt wenigstens noch nicht von ihr getäuscht zu sein scheint, wenn auch Herr von Tülsen das anzudeuten sucht. In Einem verstehe ich sie nicht: warum sie Herrn von Tülsen so lange in Ungewißheit läßt. Der alte Thor glaubt wirklich ihren gottseligen Worten von Armuth und Reichthum. Ich aber wünsche ihr von Herzen, daß ihre Schlauheit sie hier irre führt und er sie aufgiebt. Ist es möglich! sagte ich, nachdem sie zu Ende gelesen. Ja mein Kind, es ist möglich und noch mehr, entgegnete Tante Julchen. Ich wollte Ihnen nur beweisen, daß Sie nicht klüger sind als alte Leute, damit Sie mir glauben. Als sie sah, wie sehr niedergeschlagen ich war, suchte sie mich zu trösten. Gehen Sie ruhig Ihren Weg und lassen Sie Ihr Herz nicht verbittern, sagte sie. O nein gewiß nicht, es soll mir immer mehr eine Mahnung sein, der Liebe Schein abzulegen und ihr Wesen anzunehmen, sagte ich. Wenn nur Frau von Schlichten erst wieder hier ist, will ich sie von meiner Aufrichtigkeit zu überzeugen suchen, gewiß mit des Herrn Hülfe wird es mir gelingen. Und versichern Sie sie, daß ich nie Herrn von Tülsen meine Hand reichen werde, und daß ich es ihr zeigen möchte, wie es mir Ernst mit meinen Worten sei, wenn ich auch in großer Schwachheit mit dem Thun immer zurückbleiben würde. Tante Julchen umarmte mich zärtlich. Meine Schwägerin ist klug, aber ich bin klüger, meine Menschenkenntniß ist nicht geringer, sagte sie. Sie bat mich zugleich, ihr immer mein Vertrauen zu schenken. Könnten Sie wirklich das Leben in einer beschränkten Pfarre einer glänzenden Stellung vorziehen? forschte sie. Gewiß! entgegnete ich. Und Herr Heber? unterbrach sie mich zögernd. Ich mußte herzlich lachen. Gehört Herr Heber in eine jede Pfarre? der gute Her r Heber. Tante Julchen lachte mit. Ich habe es mir gleich gedacht, die Menschen wissen nicht, was sie wollen, aber gestehen Sie, hat Ihr Herz noch nie etwas besonderes gefühlt? Ich wurde zwar roth, aber ich konnte ihr sagen, daß ich nie thörichte Gedanken gehegt. Wenn sie vor der Seele vorüberfliegen, kann ich's nicht recht wehren, aber ich gebe ihnen keinen Raum darin. So wollen wir das Faß zuschlagen, scherzte sie: bleiben Sie hübsch bei uns, die Ungewitter werden sich verziehen. Wir wurden beide sehr vergnügt und scherzten mit einander über der Menschen wunderlich Treiben. Ich kann nicht sagen, daß mich der Brief bange machte, vielmehr getrost, unbekümmert weiter zu gehen. Herr von Schaffau verlangte mich auf meinen Wanderungen zu begleiten. Ich führte ihn zu den Bedürftigsten. Weil der Winter so anhaltend streng ist, gehören kinderreiche Familien darunter, deren Hausväter arbeitsfähig sind, die Arbeit aber fehlt. Herr von Schaffau war mit unsern Einrichtungen zufrieden, lobte besonders des Herrn Pastors practische Rathschläge. Auf dem Rückwege sprachen wir in der Pfarre vor. Es war mir sehr unlieb, Herrn von Tülsen dort zu finden. Er hatte den Kindern reiche Spielsachen aus der Stadt mitgebracht, und that, als ob er der beste Freund des Hauses sei. Mit den Eindrücken des Briefes erfüllt, habe ich ihm deutlich meine Gesinnungen zu zeigen gesucht, ich wünsche dringend, daß er meinetwegen in dieser Gegend nicht mehr weilt. Der Herr Pastor erinnerte ihn selbst an den Rückweg, es dämmerte, und der Wind trieb schon wieder einzelne Schneehuschen vor sich hin. Herr von Tülsen nahm sehr freundlich Abschied von den Pastorsleuten, dann wandte er sich zu Herrn von Schaffau, sagte leiser und mit großer Ironie und Bitterkeit: Ich räume Ihnen das Feld. Herr von Schaffau entgegnete nichts, er sah ernst und ruhig aus. Auf dem Rückwege ging er schweigend neben mir, der Wind trieb uns oft den Schnee so heftig entgegen, daß er sich schützend vor mich stellte. Steuern Sie nur so tapfer gegen alle Unwetter, die Ihnen hemmend entgegenkommen, sagte er halb scherzend, als wir in das Portal traten. Das war nicht schlimm, entgegnete ich. Schlimm ist nichts, fuhr er fort, es ist alles so wie wir es ansehen; aber oft sind wir schwach und sehen anderer schwachen Menschen Treiben für schlimme Trübsale an. Ich dachte an Herrn von Tülsen, an Frau von Schlichtens Brief und Verläumdungen und ähnliche Dinge. Mir können sie nicht schaden, sagt' ich dann laut; er schien sich dieser Zuversicht zu freuen. Gestern hatte er den ganzen Tag Geschäfte, das Wetter ist etwas milder, Lucie konnte mich auf meinen Besuchen begleiten. Den Abend saßen wir sehr traulich unten im Versammlungszimmer, Pastors waren eingeladen. Tante Julchen war sehr heiter, und Lucie in der Hoffnung, daß der Onkel in kurzer Zeit zurückkehren werde, auch. Ich besorgte den Thee, reichte Herrn von Schaffau eine Tasse, die Zuckerdose dazu. Er nahm drei der größten Stücke, darauf wandte ich mich mit der Dose fort. Ich bitte mir noch eins aus, sagte er und fügte hinzu, daß er in den Tagen nicht gewagt habe, den Thee süß zu machen, heut zum Abschied bäte er um diese Vergünstigung. Tante Julchen lachte sehr, warnte ihn, seiner Schwester das nicht zu sagen, die schon behaupte, daß ich Haus und Dorf regiere. Herr von Schaffau versicherte ziemlich ernst, daß seine Schwester nicht Unrecht habe, und auch Pastors stimmten ihm scherzend bei. Der Herr Pastor sagte, daß er sich sogar verwahren müsse, daß ich ihm nicht in sein geistlich Amt greife; im Hause würde mir die Herrschaft nicht mehr streitig gemacht. Sie knüpften daran zwar große Freundschaftsversicherungen, doch habe ich mich etwas verletzt gefühlt und werde sehr auf meiner Hut sein. Und Herrn von Schaffau werde ich wirklich das Zuckernehmen ganz allein überlassen. Beim Gutenachtsagen war ich gegen alle freundlich, weil ich mir vorgenommen, am Tagesschluß niemandem zu zürnen. Es könnte einer oder der andere die Nacht sterben; sollen wir nicht immer auf unserer Hut sein? Heute Morgen ist er abgereist, wir sind wieder allein. Nach so angenehmen Tagen tritt eine gewisse Stille ein, wir scheinen das alle drei zu fühlen.



Den 15. Februar.


Lulu an Trinchen.


Liebes Trinchen. Ich adressire den Brief an Dich, damit Du diesen Zettel vorher herausnimmst. Sage mir offen, was Euch Sorgen macht, Dein letzter Brief ist schwer zu tragen. Geld zum täglichen Bedarf, sagst Du, fehlt Euch nicht, ich schicke dennoch 10 Thaler mit. Die Tante ist nicht kränker als alle Winter, was ist's nun? Heimliche Feinde habt Ihr? ich habe hier wohl manche, was sollten die Euch aber thun? Ich verstehe Dich nicht und verlange Wahrheit. Ist Dein Muth schwach geworden? O so will ich in großer Zuversicht zu Dir reden. Der mächtige Herr Gott ist unser lieber, lieber Vater. Diesen Sonntag beginnt die Fastenzeit, sie ist mir immer so lieb, so reich und still, – trauernd und harrend, dazwischen lichte Tage, Ahnungen des Frühlings, der großen Auferstehung. Wir üben jetzt das schöne Lied: Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld. Soll ich Dir den fünften Vers recht in Dein liebes treues Herz hineinsagen?


Mein Lebetage will ich dich
Aus meinem Sinn nicht lassen,
Dich will ich stets, gleich wie du mich,
Mit Liebesarmen fassen;
Du sollst sein meines Herzens Licht,
Und wenn mein Herz in Stücken bricht,
Sollt du mein Herze bleiben.
Ich will mich dir, mein höchster Ruhm,
Hiermit zu deinem Eigenthum
Beständiglich verschreiben.


So sind wir nun Sein Eigenthum, Ihm gehören auch unsere Sorgen, o ich bin sehr freudig, was könnte auch passiren? Und wenn mein Herz in Stücke bricht, sollst du mein Herze bleiben! Nun lebe wohl und Ihm befohlen.

Deine treue Lulu.



Freitag, den 22. Februar.


Es weht eine milde Luft, der Schnee sinkt zusammen, neue Hoffnung belebt die Herzen der armen Leute. Sofie beklagt es fast, daß Kochen und Schaffen und Fürsorgen sehr aufhören wird. Ich stellte ihr heut vor, und mir zugleich, daß es das Thun nicht allein ist, ja es liegt eine nicht geringe Gefahr in diesem sich zu sehr nach außen hin wenden, die Seele bedarf hin und wieder der Einkehr, der stillen Anschauung, dazu ist die Fastenzeit schön. Wie hat der Herr Pastor heut in der Betstunde uns daran gemahnt.


Ich will heut abgestorben sein
Der Sünd und leben dir allein,
Es hat dein Tod das Leben mir
Gebracht herfür
Und aufgethan des Himmels Thür.

O Jesu Christe! stärke mich
In meinem Vorsatz kräftiglich
Laß mich den Kampf so sehen fort,
Nach deinem Wort,
Daß ich die Kron erlange dort.

So will ich dich, Herr Jesu Christ,
Daß du für mich gestorben bist.
Von Herzen preisen in der Zeit,
Und nach dem Streit
In Freud und Wonn' in Ewigkeit.



Sonnabend, den 23. Februar.


Der Herr Pastor beklagte sich heut, daß der Amtsvermalter vergangnen Sonntag Holz fahren ließ und auch morgen wieder anspannen lassen will. Tante Julchen nannte ihn einen alten Esel, mit dem sie sich nicht einlassen mochte. Auf Vollbergers Mahnung hat er nicht gehört; ich sollte die Sache übernehmen. Seit der Frau schwerem Krankenlager ist er sehr aufmerksam gegen mich und scheut keine Mühe mir gefällig zu sein. Der Herr Pastor erinnerte mich daran, aber doch hatte ich nicht Lust; erstens meines »Regierens« wegen, und dann ist der Amtsverwalter ein harter Kopf, fühlt sich dabei, weil er über dreißig Jahre treu der Familie diente, und viele Jahre gewohnt war, allein zu herrschen. Die Sache war mir sehr lästig, ich wies sie ab. Gegen Abend ging ich allein an der stillen Hecke, weiche Luft wehete leise von Süden her, die Vögel hüpften in den Zweigen, lange grüne und braune Streifen erhoben sich aus den Schneefeldern, von der Kirche drüben klang das Abendläuten. In meinem Herzen ward es unruhig, es rief mich nach dem Amtsverwalter, und ich ging auch. O du lieber Herr, du hast wohl zeigen wollen, daß alles, was in deinem Namen geschieht, eine wunderbare Kraft hat, o du lieber treuer Herr, ich bin noch sehr schwach. Ich trat zagend ein. Das Ehepaar saß zusammen, sie hatten eben die Nachricht von der glücklichen Ankunft eines ersten Enkelchens erhalten, ich freute mich mit ihnen. Nach einiger Zeit fragte ich, Herr Schulz, werden Sie morgen wieder Holz fahren lassen? Da haben wir es! brauste er auf, dacht' ich's doch, daß dort ein Komplott geschmiedet würde. Sein Gewissen war getroffen, seine Heftigkeit gab mir Muth. Halten Sie es selbst für kein Unrecht? fragte ich. Wenn ich das Holz nicht fahren lasse, so lange der Weg noch etwas fest ist, ruinire ich Wagen und Vieh, entgegnete er wieder heftig. Ich sagte ihm, wie es mir im Herzen leid thue, wenn ich ihn so handeln sähe, da ich überzeugt sei, daß er im Herzen den lieben Gott achte und ehre. O mein Mann ist brav und gottesfürchtig, sagte die Frau, wenn er es auch anders ist, als es jetzt Mode ist. Die zehn Gebote müßten immer Mode sein, entgegnete ich ihnen. Und ob sie es für größeres Unrecht hielten, wenn einer von ihren Leuten stiehlt, mit der Entschuldigung, seine Kinder müßten hungern, als wenn sie den Feiertag entheiligen, um die Pferde zu schonen. Schulz lächelte, seine Frau aber sagte: Das Fräulein hat Recht, und du hast Unrecht. Lassen Sie nicht fahren morgen, bat ich dringend, und kommen Sie morgen in die Kirche, ich sehe Sie so selten dort; sein Sie dem Herrn Pastor nicht immer entgegen, er meint es gut mit Ihnen und mit allen; und wissen Sie, daß Sie dadurch auch Herrn von Schaffau sehr betrüben? Wenn ich erst darf, werde ich oft kommen, sagte die Frau. Und Sie auch, lieber Herr Schulz, bat ich weiter, haben Sie nicht nur im Herzen die Gottesfurcht, legen Sie ab das theure Bekenntniß vor der Welt. Ich bin nun so alt geworden und sollte noch so Neues anfangen, sagte er halb ernstlich, halb im Scherz. Je älter man wird, je höherer Ehren wird man würdig, fuhr ich fort, bis jetzt haben Sie Menschen mit Treue und Liebe gedient, nun dienen Sie dem Herrn aller Menschen. Sie kommen morgen? bat ich am Schluß. Ihnen zu Liebe, sagte er. Mir zu Liebe? fragte ich verwundert, warum das? Weil ich Ihnen so viel zu danken habe, sagte er treuherzig. Wenn Sie mir schon zu danken haben, unterbrach ich ihn eifrig, mir zu Liebe in die Kirche gehen, was müssen Sie denn dem Herrn zu Liebe thun, der hundert- und tausendmal mehr an Ihnen gethan hat? O Herr Schulz, bedenken Sie, wie thöricht Sie sprachen, und kommen Sie dem Herrn zu Lieb, lassen Sie Ihr ganzes Leben und Thun, jeden Athemzug Dank gegen den sein, der Sie seit mehr als fünfzig Jahren Tag für Tag sollen geführt hat. Ich ging fort und bat den Herrn, er möchte anfangen und vollenden. Aufrichtige Gebete haben Einfluß auf andere Seelen, ich wußte, der alte Mann war heut in der Kirche, hätt' ich ihn gestern nicht fest gemacht, ich hätte ihn heut hineingezogen. Als ich eintrat, saß er drüben im Verwalter-Chor. Der Herr Pastor redete, was der Herr für uns gethan, und was wir ihm wieder thun sollen. Das paßte zum gestrigen Gespräch. Nachmittag sagte der Pastor zu mir scherzend: Bedarf es Ihres persönlichen Thuns gar nicht mehr, und herrschen schon Ihre Gedanken hier um uns her? Schulz war seit dem Erndtedankfest heut zum erstenmal in der Kirche. Ich sprach meine Freude darüber aus, aber sagte nichts Näheres und brach das Gespräch ab. Es ist, als ob ich meiner Seele die Kraft nähme, wenn ich ohne einen heiligen Zweck über solche Dinge spreche.



Sonnabend, den 2. März.


Die Luft ist lau, die Wasser fließen in Strömen, eine Goldammer singt den ganzen Tag unter meinem Fenster, dann halt' ich's nicht aus und laufe nach der stillen Höhe, da höre ich die Lerchen singen hoch oben in der Luft. O du Herr Gott, wirst du bald deine Wunderwelt aufthun? o du herrlicher und mächtiger Gott, o du mein lieber Vater im Himmel!



Montag, den 4. März.


Der alte Werder scheint seiner Auflösung nahe zu sein, er ist still und freudig, Lucie hat ihm heute das siebenzehnte Kapitel aus dem Johannes gelesen. Liebes Fräulein, sagte er dann, dort oben sehen wir uns wieder; ich gehe schlafen, Sie werden noch lange wallen; aber das Leben ist kurz, die Ewigkeit ist lang. Lucie ist sehr bewegt, sie will ihn durchaus sterben sehen, und schaut oft mehr als einmal den Tag in seine Hütte. Die Grossen ist gesund, ihre beiden ältesten Jungen sind beschäftigt in der Ziegelei, dort wird schon gearbeitet, auch wird bald im Feld gegraben.



Mittwoch, den 6. März.


Vor acht Tagen sprach ich in der Nähschule zu den Kindern, was wir dem Herrn wohl zu Liebe thun könnten. Bei den schönen Liedern und Geschichten wollten wir es nicht bewenden lassen, wir wollten ihm unser Herz einräumen, und ausräumen, was seiner nicht würdig sei. Frisch wollten wir an das Werk gehen und damit anfangen, Ungeduld, Unverträglichkeit, Scheltworte und liebloses Wesen zu vertauschen mit Sanftmuth und Geduld und Demuth, und bitten um einen stillen liebevollen Sinn, die größte Zierde für Mädchen und Frauen, und so ähnliches. Heut erinnerte ich sie an das Gespräch, und sie möchten sich prüfen, ob sie wohl Gelegenheit gehabt hätten, Sanftmuth und Geduld zu üben. Ein kleines Mädchen, des Bäckers Lieschen, sah mich mit großen blauen Augen ernsthaft an und nickte. Das arme Kind hat eine jähzornige Mutter, und ich habe schon viel darüber gehört, und weil mir die Kinder mit der Zeit immer lieber und lieber werden, ist es mir, als müßt ich auch außer der Schule etwas für sie thun. So diesem armen Kind, ich weiß nur nicht wie. Was deines Amtes nicht ist, laß deinen Vorwitz. Und doch treibt es sehr.



Sonntag, den 10. März.


Wer will uns denn aus dem Plettenhaus haben? wer sind unsere heimlichen Feinde? was veranlaßt den alten Müller, das Kapital zu kündigen? Es stände unsicher, weil das Besitzthum mit jedem Jahre geringer würde; zum ersten Mai soll bezahlt werden oder verkauft, es kommt mir so unglaublich vor, daß ich mich kaum darüber beruhigen kann. Das Kapital borgt uns niemand, sagt Trinchen, weil der Müller Recht hat. Die Tante ist seit einiger Zeit leidender, wie sehne ich mich nach Haus! Ostern hoffe ich zu reisen, ich schrieb das an Trinchen, ich will selbst mit dem Müller sprechen. Sollten jetzt rauhe Wege für mich kommen? Es ging mir auch zu gut, ich bin wohl zuversichtlich und hochmüthig geworden; drum will ich geduldig nehmen, was der Herr mir schickt, o ich habe viel Vertrauen, er wird schon helfen, er wird der lieben armen Tante diesen Schmerz nicht machen. Nun du treuer Herr, gieb mir ein starkes Herz.



Dienstag, den 12. März.


Einen Schneeglöckchen-Kranz haben wir auf des alten Werders Grab gelegt, Lucie war nicht bei seinem Tode, sie fand ihn schon eingeschlafen. Es war ein armer Mann, er hat viel gearbeitet, viel Sorge gehabt, Frau und Kinder starben vor ihm, ein Sohn lebt in der Fremde. Aber es war ein reicher Mann, er war fröhlich und getrost, glücklicher als viele Tausende. Nachmittag führt ich Lucie an unsere Gartenarbeit, eine passende Beschäftigung in so schönen Frühlingstagen. Wir haben erst Pläne gemacht, Blumengarten und Gemüsegarten und Baumschule, alles will eingetheilt sein. Wir blieben bis es tief dämmerte, bis die Vöglein immer stiller und die Kinder im Dorfe immer lauter wurden. Ich möchte wohl fröhlich sein, der Frühling so schön, das Herz so voll. Der Gedanke an die Lieben daheim bedrückt mich dann.



Sonnabend, den 16. März.


Mir ist das Herz wieder schwer, ich weiß nicht recht warum, die Tage sind so licht und frühlingsschön, es ist mir wie eine bange Ahnung, ich muß viel an zu Haus denken. Ich schwankte, ob ich nicht könnte Tante Julchen zur Vertrauten meiner Sorge machen; sie könnte aber denken, ich möchte von ihr das viele Geld, da sie immer so gütig war. Wie könnt ich das verlangen? Trinchen hat Recht, die Tante wohnt eigentlich viel zu theuer, das Haus steht fast unbenutzt, Vortheil wäre, in einer kleinen Miethswohnung zu wohnen; und doch möcht' ich der lieben Tante den Kummer erspart sehen. Ich sprach mit dem Herrn Pastor, er hat mir ein und den andern guten Rath gegeben.



Montag, den 18. März.


Heut überlegt ich mir ernstlich, warum ich gar nicht mehr fröhlich sei. Ist das mein freudiger Muth, mein Vertrauen, meine Zuversicht? Ich ging im warmen Sonnenschein an den Rabatten vor dem Gewächshaus, ich pflückte Veilchen, Crocus, Schneeglöckchen, Leberblümchen und dazwischen zartes Spiräengrün, ich hielt den Strauß gegen den blauen Himmel, ich schaute in die lichten glänzenden Blumenkelche, mein Herz that sich weit aus und Thränen rannen leise auf die Blumen. O das waren selige Thränen. Ja du lieber Herr, du bist der liebe treue Gott, herzlich lieb ich dich, die Liebe macht mich über alle Maaßen glücklich, reich und getrost. Jetzt komme, was da will, wäre ich heut schon bei Trinchen gewesen! Alles, alles muß sich ordnen, fügen, o mein Herz ist sehr fröhlich. Ich konnte mit Lucie wieder durch den Garten tanzen. Wir eilten zu Pastors, weil von unseren Gärtner-Talenten etwas laut geworden, waren wir dahin berufen. Sie wollen einige Veränderungen vornehmen, der Garten ist vom alten Herrn Pastor unpraktisch und unschön eingerichtet. Die Blumenpartieen und Gebüsche sollen nahe ans Haus. Der Herr Pastor fragte mich nun wohl um Rath, aber wollte doch seine Ideen am schönsten finden und danach thun; ich ließ ihn, um nicht den Vorwurf der Herrschsucht auf mich zu laden, obgleich ich es sehr geschmacklos fand. Der Gemüsegarten ward uns überlassen, ich machte mit Herrn Heber die Eintheilung, die Frau Pastorin ist mit allem zufrieden. Wir maßen die Beete ab, darauf wurden sie fest getreten, das war eine Lust; ich voran, Herr Heber, Lucie und die ganze Kinderschaar folgten. Mitten in dem Jubel öffnete sich die Gartenthür, Herr von Schaffau trat ein. Wir begrüßten ihn mit großer Freude, er war so sehr ruhig dabei, daß ich mich meiner Lebhaftigkeit schämte, und schnell wieder zu meiner Arbeit ging. Es that mir aber sehr weh. Herrn Hebers gute Laune schien auch vorbei, fühlte er sich auch beleidigt? ich habe alles versucht ihn wieder fröhlich zu machen, es gelang mir auch. Was wollte aber der Pastor, als er mich am Abend warnte, vorsichtig gegen Herrn Heber zu sein. Ich weiß nicht, was sie wollen, kann mir aber kaum denken, daß sich Herr Heber über mein freundliches Wesen täuscht.



Dienstag, des, 19. März.


Mir steht das Herz fast still, wenn ich denke, daß der Frau Pastorin Worte Wahrheit wären. O nein, sie spricht zu viel, spricht gern. Sollte er wirklich glauben, daß meine Achtung – und wie soll ich noch sagen – etwas anderes sei? Sollte ich so thörichte Hoffnungen hegen? Sollte er deswegen oft so stolz und kalt gegen mich sein, um mich von solcher Thorheit zu heilen, mich deswegen gestern so kalt begrüßt haben? O nein, das ist nicht möglich. Ich habe viel gesonnen, konnte nicht ruhig werden. Ich saß am offnen Fenster, laue Luft wehte mich an, der Mond schien golden, alles war still, und doch hört ich des Frühlings Wehn und Weben. Die Frühlingsblumen vor mir in der Glasschaale schauten mit den lichten Augen mich wunderbar an, es war als müßt ich frühlingsfröhlich sein. Da trat er ein, ich wußte nicht, sollt ich getrost oder bange sein; er war ernst, aber freundlich. O könnte er in mein Herz sehen, ich habe keine thörichten Gedanken darin, aber ich kann so kaltes gleichgültiges Wesen nicht vertragen. Lulu, sagte er, ich möchte, Sie hätten mir etwas zu verzeihen. Ich sah ihn ruhig an, ich kann ihn nicht begreifen. Ich hätte ihm sagen mögen, was mich eben bewegte, hätte ihn bitten mögen darüber nicht zu sorgen, das konnt' ich nicht. Und er schien doch meine Gedanken errathen zu haben. Lächelnd sagte er: Wir machen uns viel unnöthige Sorge. Da war es mir, als gäbe es nichts, was mich sorgen könnte, seine Züge waren licht wie die der Frühlingsblumen vor mir. Was war es nur? sagt ich freudig. Es waren thörichte Gedanken, entgegnete er. So weiß er es vielleicht? Ich ward befangen. Ich schenkte ihm die Blumen, die er so schön fand; es wäre alles gut, wenn nur die Frau Pastorin das nicht gesagt hätte.



Donnerstag, den 21. März.


Der Tag war heut zu schön, wir haben uns erst müde gearbeitet, dann gingen wir, Tante Julchen, der Herr Pastor und Herr von Schaffau spazieren, sehr weit, an den Bergen hinauf bis zu dem kleinen Tannenwald. Hier setzten wir uns auf das Moos, schauten hinab in die Ebene. Der Herr Pastor stimmte das Lied an: Allein Gott in der Höh' sei Ehr und Dank für seine Gnade. Wir sangen alle mit. An den Frühlingsbeeten sind wir noch im Mondenschein lange auf- und abgewandelt, nur Tante Julchen ging hinein. Die Herren sprachen schöne ernste Dinge, und wir hörten ihnen zu. Morgen reist Herr von Schaffau nach Plüggen, er will vor seiner Schwester Ankunft wieder hier sein; das ist mir sehr lieb, ich habe Furcht vor ihr, möchte nicht gern allein mit ihr sein. O nein, das ist Unrecht, ich will sie nicht fürchten, ich will sie sehr freundlich bitten, nicht mißtrauisch zu sein, da ich es so sehr aufrichtig meine. Zu meinem Geburtstag wird sie noch nicht hier sein, das ist mir eigentlich lieb, ich wünschte den Tag noch Ruhe zu haben, allein mit meinen lieben Freunden und dem Frühling.



Sonnabend, den 23. März.


Die Glocken läuten den Palmsonntag ein, die Töne werden auf weicher Luft zu mir getragen, der Himmel ist rosenroth und goldig angemalt von der untergehenden Sonne. Das rosige Licht schimmert an meiner weißen Hyacinthe im offnen Fenster. O so weiß und zart und rein möchte mein Herz sein, und angestrahlt vom Himmelslicht, o so tiefer Frieden, o so Frühlingsleben und Feierklang darin. Ich habe Korinther das 13. Kapitel gelesen und mit ganzer Seele eingesogen. Die Liebe ist langmüthig und freundlich, sie blähet sich nicht, sie suchet nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie verträgt alles, sie glaubt alles, sie hoffet alles, sie duldet alles. Ich fürchte Frau von Schlichten nicht mehr, o nein, wie sie auch gegen mich sein mag, diese Liebe will ich im Herzen festhalten, mit dieser Liebe will ich alles bezwingen. Ich habe sehr guten Muth, weil du, lieber Herr, mein treuer Herr bist.



Sonntag, den 24. März.


Lucie schickte mich Nachmittags zu Pastors, sie hat mit Sofie irgend etwas vor, sie weiß freilich meinen Geburtstag, auch Tante Julchen thut heimlich. O ich freue mich doch sehr auf diesen Tag. Herr von Schaffau wird morgen Abend kommen, oder doch Dienstag Morgen. Ich will mich nur nicht zu sehr freuen, das ist nicht gut. Aber, lieber Herr, ich bin auch zufrieden, wie du über den Tag bestimmt hast.



Montag, den 25. März.


Ich betrachtete den Tag wie eine Vorfeier meines Geburtstages; Lucie wünschte allein zu sein, das war mir lieb. Ich bin gewandert an der stillen Hecke, ich hörte die Vögel singen und betrachtete die kleinen Unkrautsblümchen, die so bescheiden und doch so frisch und lieblich blühen. Wilde Gänse zogen über mir hoch am lichten blauen Himmel, das war kein wehmüthger Herbstton, heller Frühlingston, – sie zogen nach Norden. O ich hätte mich schwingen mögen und weit, weit fliegen. Was ist denn jetzt? ich sitze in der stillen Stube, der Mond scheint auf die weiße Hyacinthe, mir ist es so bange. Wir gingen gegen Abend Herrn von Schaffau entgegen, er kam nicht, der Wagen, der ihn von der Bahn holen sollte, brachte unerwartet Frau von Schlichten. Sie sah unser freudiges Grüßen und dann unsere getäuschte Hoffnung, sie war sehr scharf. Da nur noch für eine Person Platz im Wagen war, mußte Lucie sich einsetzen. Lucie weigerte sich, Frau von Schlichten befahl. Rosalie stieg aus, mich zu begleiten, obgleich die Mutter auch das nicht zu wünschen schien. Rosalie ist sehr freundlich, sie sagte seufzend, daß wir leider nicht lange miteinander bleiben würden. Soll ich fort? O gewiß denkt Frau von Schlichten daran. Warum haßt sie mich? – Frau von Schlichten war unten in der blauen Stube, ich versuchte es noch einmal sie freundlich zu begrüßen, bis jetzt ist mir ihr Herz verschlossen. Als wir uns zu Tische setzten und vorher still beten wollten, setzte sie sich schnell, flüsterte von unausstehlicher Heuchelei. Ich erschrak und schwankte, doch glaubt ich es thun zu müssen, Lucie und Tante Julchen folgten mir. Tante Julchen ist der Schwägerin sehr entgegen, doch auf keine schöne Weise. Frau von Schlichten war den ganzen Abend verstimmt, auch die Blumen, die wir am Fenster haben, gaben ihr Veranlassung zum Aerger, sie hätte so etwas nie vom Gärtner erlangen können, sagte sie bitter. Ich ging früh hinauf. Wie soll es werden? Ich würde sehr schwer mich von hier trennen. Ich habe mir den Vers gezogen:


Des Menschen Herz schlägt seinen Weg an; aber der Herr allein giebt, daß er fortgeht.

Ich werde Gottes weisen Schlüssen,
Die ja auf lauter Segen gehn,
Auch immer kindlich folgen müssen,
So bleib ich in der Ruhe stehn.

Lieber Herr, wie du willst, hier nimm mein Herz.



Trinchen an Lulu.


Plettenhaus, den 23. März.


Du hast Recht gehabt, liebe Lulu, ich habe mich unnöthig gesorgt. Der Herr hat alles geordnet, wenn auch anders als wir glaubten. Deine liebe gute Tante liegt ohne Hoffnung und doch mit sehr viel Hoffnung, sie spricht aus vollem Herzen: Jesus meine Zuversicht und mein Heiland ist im Leben, dieses weiß ich, sollt ich nicht darum mich zufrieden geben, was die lange Todesnacht mir auch für Gedanken macht? So sei du auch getrost, theures Kind, der Herr hat sie erlöst von vielen Schmerzen, – ja sie ist einschlafen, ich kann es Dir nicht vorenthalten. Sie ist gerne geschieden, Sorge um Dich ängstigte sie nicht mehr. Deine Briefe waren ihr ein heller Born des Lebens und der Erquickung. Komm, mein Kind, Du sollst ihr einen Veilchenkranz auf die weiße Stirn legen und einen Strauß in die zarten Hände. Komme mit der Post bis Wenderburg, da ist Jacob, Du kannst dann zu Fuß gehen. Der Herr aber sei mit Dir, – siehe, das sind rauhe Wege, das sind Prüfungen, und siehe, ob der Herr doch helfen kann.

Trinchen.



Plettenhaus, den 29. März. Charfreitag.


O lieber Herr, ich bin dennoch dein, je tiefer du mich demüthigst, je mehr willst du mich erheben, je mehr Trübsal du schickst, je mehr soll ich getrost sein. An deinem Herzen fühl' ich mich. Die Glocken sind verhallt, die Lieder verklungen, ich stand allein am frischen Grabe. Feuchter Nebel fiel darauf, der Himmel ist verhangen, alles trauert, und ein rechter Sterbetag. Ich habe viel, viel weinen müssen; o lieber Herr, du hast wohl noch heißere Thränen geweint, du hast gerungen vor mir, o komm und tröste mich. O ich weiß wohl, Herr, du wirst kommen, ich fühle es schon, nur bin ich jetzt sehr matt und krank.



Den 30. März.


Trinchen geht einher wie träumend, ich muß die Starke sein. Weil ich es sein muß, wird der Herr mich dazu machen. Sie denkt an die Zukunft, es wird ihr schwer, unser liebes Haus zu verlassen, nur um meinetwillen. Ja wohl ist's traurig, wenn ich hinauswandern muß, in meinen lieben Räumen fremde Leute zu sehen, im Garten, dort oben unter der Buche, wenn die Thür für mich verschlossen ist. Ich muß sehr weinen, aber Trinchen soll es nicht wissen, das wird mich stark machen. Aber jetzt bin ich matt, jetzt will ich ruhen. Wo war ich vor acht Tagen? Da saß ich auf dem Grasrain vor den Tannen, Frühling war in uns, um uns, wir sangen: Allein Gott in der Höh sei Ehr. Kann ich das jetzt nicht singen? –

Ich habe es gesungen, erst mußt' ich weinen, aber fester und fester mit voller Stimme. Trinchen und Jacob standen bald hinter mir, da ward ich noch freudiger, ich wollte sie trösten. Ja. Wohl uns des feinen Herrn! Trinchen, sagt' ich, wir wollen sehr getrost sein, wir wollen morgen mit dem Herrn ein Auferstehungsfest feiern. Die eine, die wir lieben, ist entschlafen, so wollen wir drei an einander festhalten, uns sehr lieben und nie von einander gehen. Wohnen wir auch nicht im lieben Hause mehr, wir nehmen den Frieden mit, und der Herr, der uns hier reich gemacht, wird überall bei uns sein. Trinchen reichte mir die Hand und lächelte. So ist's gut, sagte sie; Jacob aber ging hinweg, ich glaube wohl, er weinte.

Die wenigen Tage, seitdem ich Braunsdorf verließ, erscheinen mir wie eine lange Lebenszeit. An meinem Geburtstage stand ich früh auf, ich ging nach der Hecke, ich sah die stille Pfarre, das Schloß träumend in Frühlingsduft, ich glaubte nicht, daß es zum letzten Male sei. Als ich zurückkam, ward ich freudig überrascht. Herr Schulz selbst stand auf dem Corridor, mir seine Glückwünsche zu bringen, und von seiner Frau eine Theeserviette, von ihr gesponnen aus Braunsdorfer Flachs, o die ist mir sehr lieb. Der Gärtner überreichte mir ein Bildchen von getrockneten Blumen, so schön und frisch ich sie noch nie gesehn. In meiner Stube aber war ein Blumengarten, und Lichter und Kuchen und Festgeschenke. Die Tante und Lucie und fast alle Hausleute waren versammelt und bei meinem Eingange sangen sie: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren. Ich sang gerührt mit, reichte dann jedem die Hand und dankte mit bewegtem Herzen. Tante Julchen küßte mich zärtlich und wünschte mir alles Glück, Lucie hing an meinem Halse. O die viele Liebe war das schönste bei dem Feste. Plötzlich sah ich Frau von Schlichten in der offenen Thüre stehn, sie hatte alles mit angesehn; denn sie sagte in großer Aufregung: Sie nehmen hier förmlich Huldigungen an. Huldigungen aufrichtiger Liebe, entgegnete die Tante scharf. Ich aber ward traurig, ich bat Frau von Schlichten, mir nicht böse zu sein. Sie sah mich zornig an und verließ das Zimmer. Tante Julchen suchte mich zu trösten, es kann so nicht bleiben, sagte sie. So muß ich fort? fragte ich. Oder sie! entgegnete die Tante. Ich weiß nicht, wie mich das freudig durchzuckte, o des Hochmuthes, ich bereue ihn sehr. Wir hielten Andacht, wir frühstückten zusammen, wie gewöhnlich. Kaum war eine halbe Stunde vergangen, ich war allein und freute mich der schönen Geschenke, da trat Betti, das sehr böse Mädchen der Frau von Schlichten, ein und gab mir einen Brief. Ich las ihn, ich fühlte, wie er mir eisig durch das Herz ging, ich mußte mich am Stuhl halten. Er war im höchsten Zorn geschrieben: sie hätte meine Pläne durchschaut, ich sollte das Haus augenblicklich verlassen, – aber nicht eher das Zimmer als bis zum Einsteigen in den Wagen, bei Androhung beschämender Auftritte für mich. Soll ich Ihnen vielleicht einpacken helfen? fragte das Mädchen spöttisch. Ich war ruhig und freundlich gegen sie, auch von ihr helfen ließ ich mir, so schwer es mir ward. Betti, sagte ich, wissen Sie, daß Sie mir leid thun, da Sie mich zu kränken suchen? Sie sah mich trotzig an. O Betti, Sie werden es einst bereuen, ich habe Ihnen nie wehe gethan, und habe ich Sie beleidigt, so bitte ich um Verzeihung, heute wo ich von hier gehe, ich habe es gewiß nie böse gemeint. Sie sah mich jetzt verwundert an. Ja, fuhr ich fort, auch Frau von Schlichten wird es einst bereuen, daß sie so heftig ward, aber sagen Sie ihr, daß ich ihr nicht zürne, und daß es mir nur sehr weh thut, ihre Liebe nicht erlangt zu haben. Betti war von dem Augenblick an verlegen, aber freundlicher; ja sie sagte, daß die gnädige Frau gewaltig tobe. Es wird ihr vielleicht doch nichts helfen, sagte sie, und machte dann ähnliche Andeutungen wie die Frau Pastorin. O ich schäme mich sehr, daß ich Gelegenheit zu solchen Reden gegeben. Ich brach das Gespräch ab, ich fragte nur nach Tante Julchen und Lucie. Die sind in der gnädigen Frau Kabinet, wissen von nichts. Meine Sachen waren bald gepackt, der Wagen fuhr vor, ich stieg ein. Vorher siegelte ich den Brief von Frau von Schlichten ein, ich wollte Gelegenheit finden ihn zum Herrn Pa­stor zu schicken, da war er gut aufgehoben, und meine Abreise ward ihm erklärt. Ich hatte ihn gebeten, Tante Julchen und Lucie die Sache schonend mitzutheilen. Betti selbst übernahm die Besorgung meines Briefes, sie war augenblicklich sehr aufrichtig für mich gestimmt. Im Portal überreichte mir Betti wieder einen Brief, den von Trinchen mit schwarzem Siegel. Ich erbrach ihn, ich las, ich weinte heftig. Ich weiß nicht, wie mich Betti überredete, in den Wagen zu steigen, ich war wie im Traum. Auf dem Hof lief mir Vollberger nach. Was ist nur? Er sah mich weinen. Der Kutscher wollte nicht halten, er mußte. Ich gab ihm Trinchens Brief mit der Bitte, ihn Tante Julchen zu geben. Meine Abreise ist nun erklärt, auch wenn Betti meinen Brief nicht besorgt. Der Kutscher fuhr mich nicht zur nächsten Station, sondern zur zweiten. Das that mir weh, aber Frau von Schlichten hatte mich durchschaut; ich hoffte und wünschte ihren Bruder dort an der Bahn zu treffen, er mußte den Morgen kommen, ich wollte ihm mein Herz ausschütten, er sollte meinen Kummer theilen. Ich stieg aus, ich stand, harrend auf den Zug, da kam der Zug von der andern Seite. Er hielt. Plötzlich sah ich Herrn von Schaffaus verwunderte Züge an einem Fenster. Unwillkürlich hob ich meine Hände zu ihm auf, der Zug brauste fort, nach wenigen Minuten flog ich nach der andern Seite. Ungern bestieg ich den häßlichen Postwagen. Kann ich nicht eben so gut fahren als die Bürgersfrauen? ich werde noch manches im Leben überwinden müssen. In Wenderburg fand ich Jacob. Das war ein stiller trauriger Gang. Wir haben den ersten Tag hier viel zusammen gelesen, und haben gesungen, und ich ging oft zum Sarg der Tante, wie schön sie aussah und friedlich. O ich glaubte immer, sie sollte durch mich noch bessere Tage sehen, und nun ist's auch wohl gut, daß sie mein Unglück nicht erlebte.



Lucie an Lulu.


Braunsdorf, den 28. März.


Liebe theure Lulu! Werden Sie diesen Brief wohl aufbrechen? Werden Sie uns nicht zu sehr hassen? O wie es in mir kocht seit gestern! Aber auch der Onkel hat die Lippen zusammengebissen und sich fortgewandt. Liebe Lulu, Sie müssen erst wiederkommen, wir werden das Unrecht nicht gut machen können; aber wenn Sie nur erst hier sind! Wäre ich doch gestern mit der Bahn fortgekommen, ich lief Ihnen nach, hatte aber das Geld vergessen, der Onkel kam dann zu schnell, holte mich zurück. Lulu, ich soll Ihnen schreiben, daß wir alle sehr traurig sind. Tante Julchen hat sehr getobt, der Onkel hat uns ermahnt. O liebe Lulu, ich habe gekämpft, ich habe für die Mutter gebetet, und für mich, daß ich möchte Geduld und Liebe im Herzen haben. Was macht Fräulein von Plettenhaus an der Bahn? fragte der Onkel sehr hastig, als er ankam. Ich lachte ihn aus; Lulu feiert ja Geburtstag. O nein, er hatte Sie zu deutlich gesehen, er ward sehr heftig, wollte die Wahrheit wissen. Die Mutter war sanft und freundlich, sprach von Hausfrieden, von inniger Liebe unter einander, ich weiß nicht was alles; sie sagte aber, daß sie die Ursache Ihrer schnellen Abreise sei. Da war es, wo der Onkel sich wandte, und ich schnell über Grauenberg weiterlief. Kam der Onkel mir nicht nach, ich hätte es doch möglich gemacht, ich wäre jetzt bei Ihnen, ich wollte Sie trösten, o und sehr lieb haben. Wenn Sie nicht kommen, werde ich die Mutter hassen müssen. O verzeihen Sie mir diese Worte! Ich kann nicht ohne Sie leben, schreiben Sie gleich, ich bin sehr ungeduldig.



Tante Julchen an Lulu.


Liebe Lulu! Wundern Sie sich nicht, wenn ich so ruhig schreibe; ich muß Ihnen sagen, es ist mir eigentlich ganz recht, daß es so gekommen ist. Feuer und Wasser passen nicht zusammen, meine Schwägerin zieht nach Plüggen, ich bleibe mit Euch lieben Kindern hier. Die letzte Zeit hat mir so wohlgefallen, daß ich nur wünsche, so zu leben bis an mein Ende. Friedrich hätte meiner Ansicht nach noch etwas zorniger sein können, doch war er ernsthaft genug. Gleich nach dem Feste reist die Schwester in die Verbannung, so kommt es mir vor. Thekla ist außer sich. Rosalie hofft bei uns zu bleiben; ich weiß noch nicht, ob ich ja dazu sagen soll, was meinen Sie? Es war so hübsch allein. Mein Schwager wollte Ihnen erst selbst einige Worte schreiben, doch versichert er, es sei nicht nöthig, Sie wissen alles, was er sagen könnte, und was er von der Sache denkt. Ich meine das von mir auch und fasse mich darum auch kurz. Der Tod Ihrer Frau Tante macht Ihre schnelle Abreise den Leuten erklärlich; gemunkelt wird zwar, aber was thut's? Sie arme Lulu sind wohl sehr traurig über den Verlust? Eilen Sie so schnell als möglich zu uns, wir wollen Sie trösten. Sie wissen doch, daß ich nun ihre liebe Tante bin. Adieu, mein Herzens-Kind. Wir werden Sie alle von der Bahn holen. Mein Kind, Sie haben gewiß Geldwünsche, hierbei schicke ich 50 Thaler; bei solchen Gelegenheiten fehlt es oft. Die Blumen in Ihrer Stube pflegt Vollberger, der Geburtstagstisch steht unberührt, aber noch reicher ist er geworden, Sie können denken von wem. Es ist hier jetzt ein jämmerlicher Zustand, sein Sie froh, daß Sie fort sind. Ich drücke Sie sehr zärtlich an mein Herz.



Lulu an Tante Julchen und Lucie.


Ihr Lieben, Lieben, darf ich Euch mein weiches Herz aufthun? Ich habe den ganzen Abend geweint, als ich Eure lieben Briefe erhielt, ich glaube, mein Glück sei für immer verschwunden, weil ich nie wieder zu Euch kann. O hört mich weiter, gerade weil ich Euch so lieb habe, kann ich nicht hin; ich darf Mutter und Kind nicht trennen. Trinchen hat es mit mir reiflich überlegt, ich fühle, sie hat Recht, ich gebe alles dahin, ich bleibe. Der Herr hat es schon ersehen, was aus mir wird. Aber behaltet mich lieb! Sie, liebe theure Tante, wenn auch Ihnen fern, muß ich doch Ihrem Herzen nahe sein, und Du, meine geliebte Lucie, wirst mich begleiten vom Morgen bis zum Abend, ich werde Dich lieben, werde für Dich beten, will Dir oft und viel schreiben, und Du schreibst mir wieder. Meine Sehnsucht ist sehr groß, der Herr wird mir helfen. O wie still und einsam ist es hier, und der Frühling treibt fröhlich dabei. Vielen Dank, verehrte liebe Tante für das Geld! Zwanzig Thaler, die schon für voraus wären, schicke ich hier wieder. Es ist alles hier verwickelt, doch kam ich noch nicht zu den Geschäften; es ist auch gleich, mir ist nicht bange, und auch für die Treuen hier im Haus wird gesorgt werden. Nächstens schreibe ich mehr, ich bin so müde und matt. Der Herr sei mit uns allen! In treuer Liebe

;Eure Lulu.



Den 3. April.


Die Briefe sind geschrieben und sind abgeschickt, und so ist es geschehen, – ich bleibe hier. Ich weinte. Trinchen trat hinter mich, da wandt ich mich. Trinchen, sagt ich freudig, ich werde bald aufhören zu weinen, und werde bald wieder fröhlich sein. Trinchen küßte mich auf die Stirn. Jacob aber sagte zu mir, als ich neben ihm unter den Kastanien stand: Es ist alles gut, Sie sind wieder hier. Das hat mich sehr gerührt, ich sagte ihm, wir wollten uns nie wieder trennen. Wir haben einen Plan gemacht, so lange Trinchen nicht die ganze Stelle im Stift hat, bleiben wir zusammen. Von diesem Jahr bekömmt sie schon eine Präbende von 30 Thalern. Jacob will späterhin zu seines Bruders Sohn; dann ist's aber vorbei, sagt er, ich will die Jahre hier noch recht genießen. Der Herr Amtmann ist auf Trinchens Rath mein Vormund, er ist damit einverstanden, daß ich noch einige Jahre hier bleibe, ich soll erst etwas verständiger werden. Trinchen glaubt doch immer, daß ich voreilig und unvorsichtig gewesen bin; ich lasse sie gern dabei, ich bleibe lieber hier, als daß ich jetzt neue Versuche mache. Der Herr Amtmann hat es uns vorgestellt, es sei praktischer, Haus und Garten zu verkaufen, er hoffe so viel zu bekommen, daß mir noch beinahe 100 Thaler Zinsen bleiben. Das Gärtnerhäuschen im Plantagengarten will er uns vermiethen, Jacob soll beschäftigt werden, wenn ich und Trinchen dann nähen, würden wir auskommen. Alle drei haben wir beschlossen, lieber kärglich zu leben und hier zu bleiben. Trinchen thut am stärksten, aber es geht auch an das Herz, wenn sie aus dem Haus müßte. Du mein liebes Haus, jedes Plätzchen im Garten, – mir steht das Herz still, denke ich an das Plantagenhäuschen. Morgen früh gehe ich zum Müller.



Donnerstag, den 4. April.


Der Morgen war lieblich und still, ich ging durch die Wiesen an dem kleinen raschen Bach entlang, drüben auf dem Weg zogen knarrend die Pflüge, und Lerchen und Amseln sangen. Mir war es, als könnt' ich Hoffnung fassen, ich wußte noch nicht, daß es in der Welt sehr wunderlich hergeht, und daß der Herr mancherlei benutzt, unsre Herzen zu ziehen. Ich brausete auf, fühlte tiefe Verachtung für den Mann, der so Abscheuliches anrichten kann. Das gerade hat mich nun stark gemacht, er soll nicht triumphiren, auch drüben im kleinen Häuschen will ich meinem Herrn dienen. Herr von Tülsen ist unser heimlicher Feind, auch dort hat er mich vertrieben. Meint er, daß so hülfsbedürftig, er mich leichter gewinnen könne? Trinchen glaubt das, kann sich aber auch wenig in solch ein Treiben finden. Der alte Müller schätzt sich und mich glücklich, einen solchen wunderlichen Käufer gefunden zu haben, der so versessen darauf sei, daß er über den Preis bezahlen würde. Der Herr Amtmann thut so klug, wie er die Eigenthümlichkeit des Käufers benutzen wolle, wie er ihn höher treiben will; beim Verkauf zu andrer Zeit, ohne diese Gelegenheit, würde nichts übrig bleiben. Des Müllers Kapital steht wirklich unsicher, am Haus ward seit 10 Jahren nichts reparirt. Soll ich aber von solchem Gelde leben? Der Gedanke ist mir zuwider, ich kann es nicht, und dem Herrn Amtmann kann ich den Grund nicht sagen. Ich habe an meinen lieben Herrn Pastor geschrieben, alles, alles; er wird mir rathen, es ist mir, als müßte der Herr durch theure Menschen Hülfe senden. Ich habe Trinchen viel von Braunsdorf erzählt. Herrn von Schaffau liebt sie sehr, sie sagt mir: sie denkt ihn sich wie meinen seligen Vater. Ich muß sehr viel nach Braunsdorf denken, es ist auch ganz unmöglich, daß ich nicht noch einmal hinkommen sollte. Ich habe einen tröstlichen Traum gehabt. Mußte noch den ganzen Morgen daran denken.



Dienstag, den 9. April.


Ich wanderte im Garten, die Kastanien sind am Aufbrechen, die Stachelbeeren sind grün, lieblich ist der Frühling wie im vergangenen Jahr. Jacob gräbt, hat Erbsen gelegt und anders mehr, ich habe nicht den Muth ihn abzuhalten, ich weiß nicht, was er hofft. Ich ging weiter nach den Weiden hin, Gänse-Riekchen war wieder mit ihrer goldnen Heerde hier, sie freute sich, mich zu sehen. Auch Dortchen kam mir mit dem Strickzeug entgegen, sie sah ordentlich aus, auch das Kleine. Ich freute mich, und nahm mir vor, die Schule so bald als möglich wieder anzufangen. Ich ging deswegen wieder nach dem Plantagenhäuschen. Es war verschlossen und ganz leer. Ich sah mir durch die Fenster die Stuben an, Raum genug. Vor der Thür ist eine Steinbank und zwei Akazien. Ich setzte mich. Der Sonnenschein lag so still auf dem einsamen Garten, nur die Vögel sangen fröhlich. Mein liebes Plettenhaus scheint mit dem grauen Giebel hierher. Ich weinte erst, als ich aber länger gesessen und gesonnen und immer tiefer in den blauen Himmel geschaut, da kam ein großer Friede über mich. Lieber Herr, ich weiß es wohl, du wirst mich dort in dem kleinen Häuschen sehr reich machen. Trinchen und Jacob will ich pflegen, und will ich halten, und alle Menschen will ich sehr lieb haben. Freudig kam ich zu Haus, erzählte Trinchen, wie traulich das Plantagenhäuschen sei, und wie wir fröhlich dort miteinander leben wollten. Wir haben am offenen Fenster sehr fleißig genäht. Trinchen erzählt von der Vergangenheit, von der Jugend der theuren Tante; sie war so hoffnungsreich und ist so unbemerkt entblättert, – das ist ein wehmüthig Bild. Trinchen warnt mich, nur nichts von der Zukunft zu erwarten. Sie sieht mich so scharf dabei an. Nein, ich will in der Gegenwart leben, und will meinen lieben Vater im Himmel für die Zukunft sorgen lassen. Bleibe ich gesund, kann ich mir Geld verdienen. Werde ich krank und schwach, da wird der Herr weiter sorgen: die Welt ist doch sehr schön und herrlich, ich freue mich auf des Frühlings Pracht. Werde ich wohl bald Briefe haben?



Dienstag, den 16. April.


Am ersten Mai wird das Testament eröffnet, sollen auch die Siegel von den Sachen genommen werden; doch haben wir Lust, vorher zu ziehen. Manche Leute kommen, um sich Haus und Garten anzusehen, das ist sehr störend. Am 3. Mai wird es verkauft. Trinchen sieht so bleich aus, daß mir bange wird, sie härmt sich. Ich auch, – und darf es mir nicht merken lassen. Ueber dem Dorf drüben thürmen sich graue Wolken, einzelne schwere Tropfen fallen, die Nachtigallen singen. Jacob steht unter dem Kastanienbaum mit untergeschlagenen Armen und schaut über den Garten hin. Er ist viel in Gedanken und hat das Arbeiten eingestellt.



Sonntag, den 21. April.


Wir sind im Plantagenhäuschen. Herr, lieber Gott, hilf uns. Wir waren zur Kirche. Den Tag über alle sehr still. Gegen Abend setzt' ich mich an das Klavier und sang: Befiehl du deine Wege. Trinchen und Jacob sangen mit, dann weinten wir mit einander. Und traurig sind wir dennoch nicht, es ist eine wunderbare Erhebung mit uns vorgegangen.



Dienstag, den 23. April.


Trinchen liegt im Bett. Das Wetter ist sehr unfreundlich, es ist gut, daß wir den nöthigsten Umzug gemacht. Wenn Trinchen bleich im Bett liegt, könnte mir bange werden. O nein. Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft; denn er ist mein Hort, meine Hülfe und mein Schutz, daß mich kein Fall stürzen wird, wie groß er ist. Hoffet auf Ihn allezeit, lieben Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus: Gott ist unsere Zuversicht.



Mittwoch, den 24. April.


Eine Rechnung vom Arzt kam an, Trinchen wollt' ich nicht wecken. Auch weiß ich, daß wir so viel Geld nicht haben. Ich schrieb dem Arzt, wir würden zum Mai bezahlen. Es wurde mir sehr schwer, ich bat ihn aber zugleich, zu Trinchen zu kommen, sie scheint mir sehr krank. Kalte Regenschauer treiben an das Fenster, es ist öde außen, – und keine Briefe von Braunsdorf.



Freitag, den 26. April.


Der Arzt kam, er hat auch Medizin verschrieben, Jacob ging mit dem letzten Geld nach der Apotheke. Das kleine Dortchen habe ich als Wache in das Haus gesetzt und lief schnell nach Amtmanns. Ich bat, uns etwas Geld zu borgen. Sie waren sehr theilnehmend, die Frau meinte, ob ich wohl so vielen Sorgen gewachsen sei, ich möchte doch lieber unter andere Leute gehen. Erst will ich Trinchen zu Tode pflegen, sagt' ich, und mußte dabei weinen. Als ich zu Hause kam, habe ich Suppe gekocht, der Wind fuhr durch den Schornstein, Thüren und Fenster klappten. In der Stube heizt' ich ein, weil es kalt war. Trinchen seufzte, ich soll so etwas nicht thun. O wie gern. Sie hat mich prüfend angesehen, ich habe mein Herz gehalten, sie merkte nicht, wie ich um sie besorgt bin. Jacob kam zurück mit der Medizin. Gegen Abend schlief Trinchen. Ich wanderte fort, das Haus ist zu klein, ich weiß keinen Ort, mich auszuweinen. Ich ging den Herrenstieg, der Wind rauschte in den Wipfeln, oben an der Trift war es öde, der Schäfer saß nicht unter der Hainbuche, graue Regenwolken flogen über das Thal. Der Regen trieb mich fort. Am Plettenhaus kam ich vorbei, es lag so still und grau und öde, ich wollte hinein, es war verschlossen. Am alten Gewächshaus klirrte der Wind, eine starke Regenhusche trieb mich hinein, da habe ich gesessen und geweint, ich weiß nicht wie lange. Ein wunderbarer Schein weckte mich aus meinen Gedanken, ich trat in den Garten. Die schwarzen Wolken waren nach Morgen gezogen, die Sonne hatte Raum gewonnen und leuchtete in wunderbaren Farben über die Frühlingswelt. Purpur und Gold hing an dem jungen Grün und den dunkelen Tannen, die Pappeln strahlten wie Lichter gegen den tiefvioletten Himmel, und ein voller Regenbogen stand über dem lieben Plettenhaus. Kein Lüftchen regte sich, es war still und lau, und frischer Duft erfüllte die Luft, immer glühender wurden die Farben, Erde und Himmel strahlten mit einander. Ich habe tief aufgeathmet, ich habe die Hände gefaltet, das war ein Wunder, eine Herrlichkeit! ich hätte laut aufjauchzen mögen vor Freude und Ehrfurcht und Anbetung. Sollt ich da noch zagen? noch trauern? O nein! ich ging zum Plantagenhäuschen, es war von demselben Lichte angestrahlt. Jacob sang in seinem Stübchen: Man halte nur ein wenig stille und sei doch in sich selbst vergnügt. Trinchen saß im Bette, der Abendschein lag rosig auf ihrem Gesicht, sie sah freudig nach dem Regenbogen über dem lieben Plettenhaus. Sie war wohler, sie hatte geschlafen, auch ihr Muth, ihre Zuversicht war wieder stark. Das ist ein Friedenszeichen, ein Segenszeichen, sagte sie. O ja, der Herr wird alles gut machen, Trinchen; mir ist mein Herz schon im voraus voller Dank.


O! daß ich tausend Zungen hätte
Und einen tausendfachen Mund;
So stimmt ich damit um die Wette
Vom allertiefsten Herzensgrund
Ein Loblied nach dem andern an
Von dem, was Gott an mir gethan.

Ihr grünen Blätter in den Wäldern,
Bewegt und regt euch doch mit mir;
Ihr schwanken Gräschen in den Feldern,
Ihr Blumen, laßt doch eure Zier
Zu Gottes Ruhm belebet sein
Und stimmet lieblich mit mir ein.

Ach! nimm das arme Lob auf Erden,
Mein Gott, in allen Gnaden hin:
Im Himmel soll es besser werden,
Wenn ich ein schöner Engel bin:
Da sing ich dir im höhern Chor
Viel tausend Halleluja vor.


   So haben wir gesungen. Trinchen ist auf, sie ist besser, wir haben Pläne gemacht.


* * *



Braunsdorf, den 26. September.


Wunderbarer König, Herrscher von uns allen,
Laß dir unser Lob gefallen.
Deines Vaters Güte hast tu lassen triefen,
Ob wir schon von dir wegliefen,
Hilf uns noch, – stärk uns doch,
Laß die Zunge singen, laß die Stimme klingen.

Himmel! lobe prächtig deines Schöpfers Thaten,
Mehr als aller Menschen Staaten.
Großes Licht der Sonne, schieße deine Strahlen,
Die das große Rund bemalen;
Lobet gern, – Mond und Stern',
Seid bereit zu ehren einen solchen Herren!

O, du meine Seele, singe fröhlich, singe!
Singe deine Glaubenslieder;
Was den Odem holet, jauchze, preise, klinge;
Wirf dich in den Staub danieder!
Er ist Gott, – Zebaoth!
Er ist nur zu loben, hier und ewig droben.

Halleluja bringe, wer den Herren kennet.
Wer den Herren Jesum liebet.
Halleluja singe, welcher Christum nennet,
Sich von Herzen ihm ergiebet.
O wohl dir, – glaube mir,
Endlich wirst du droben ohne Sünd' ihn loben.


Der Herr segnet zehnfältig, er segnet hundertfältig, es ist alles ohne unser Verdienst, lauter Gnade! mich hat er tausendfältig gesegnet. Ich kann nichts thun, als dich lieben, Herr, ja nimm mich hin, mit allen meinen Schwächen, recht als ein schwaches Kind, aber nimm mich ganz hin. Trinchen hat mir eine schöne Hochzeitsrede gehalten: Glaube nicht, daß Du am Ende bist und nun sicher ruhen kannst auf Deinem Glücke. Jetzt erst beginnt für Dich das Leben. Bis jetzt glich es einem Spazierengehen am Ufer, Du erfreutest Dich an den lieblichen Blumen und an den spielenden Wellen; jetzt aber mußt Du hinaus auf das bewegte Meer, und Sturm und Wellen werden nicht fehlen. Danke dem Herrn, daß Du einen treuen Freund zur Seite hast, aber halte fest an dem rechten Steuermann, der Dich allein nur über den Wogen halten kann, ohne den Dir die Liebe des treuesten Freundes weder Trost noch Hülfe ist. – Amen! so soll es sein. Du liebes Trinchen. Deine Erziehung an mir ist vollendet; jemand, der mich ebenso lieb hat, wird sie fortsetzen. Aber in jedem Frühjahr, mit Gottes Hülfe, gehen wir einige Wochen nach dem lieben Plettenhaus. Jacob freut sich schon, zu meinem Geburtstag soll das alte Gewächshaus ein wahrer Blumengarten sein, und reife Kirschen sollen wir essen. Er ist sehr froh, daß es mit dem Bruderssohne nichts wird, raucht auch wieder Louisiana, und Trinchen wird gepflegt und ißt jeden Morgen Kaffeebrode. Ich fürchtete, sie würde mit Tante Julchen sich nicht wohlgefallen; doch schreibt mir Lucie, sie leben herrlich zusammen. Des lieben Herrn Pastors Schwester ist die rechte Person dazwischen und ist eine bessere Gouvernante als ich es war. Obwohl mein lieber Herr und Gemahl gestern scherzend sagte: da meine Erziehung so ausgezeichnet im Plettenhaus geglückt, möchte er dort eine Erziehungsanstalt für junge Mädchen sehen. Haus und Lage paßten gut dazu. Eben kam Vollberger und fragte: mit welchen Pferden ich auszufahren geruhte; ich mußte lächeln. Das ist des Herrn Sache zu bestimmen, entgegnete ich, gehen Sie und fragen Sie ihn. Der Herr schickt mich eben, war seine Antwort. So gehen Sie und sagen, ich würde mit den Pferden am liebsten fahren, die er bestimmte. Vollberger hatte nicht Lust zu dem Gang. Wollen Sie nicht bestimmen, gnädige Frau? der Herr ist etwas übler Laune, sagte er. Ich mußte ihm antworten: Mein Gemahl ist nie übeler Laune. Vollberger kann nicht vergessen, daß er seinen Herrn auf den Armen trug. Ich aber werde nie in Sachen bestimmen, die meines Amtes nicht sind. Eine sehr demüthige Hausfrau möchte ich sein, eine Edelfrau, wie sie im Bilde am Altar betend kniet, so sanft und ergeben und fromm und treu. Das hilf mir, du mein lieber Herr.