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Königin von Navarra – Das Heptameron

Erzählungen

Königin von Navarra, Das Heptameron, Verdeutscht von Carl Theodor Albert Ritter von Riba, Illustriert von F. W. Bayros, Wilhelm Borngräber Verlag Neues Leben, Berlin, [1913]


Einleitende Betrachtungen

 

Wenn man ein Werk, das mehr als dreieinhalb Jahrhunderte alt ist, in ungeminderter Jugendfrische vor sich sieht, so mag einen wohl der Gedanke beschleichen, welchen Vorzügen es am letzten Ende seine Lebenskraft verdankt. Wir leben in einer Zeit, die uns jährlich mit Bergen von Büchern und anderen Kunsterzeugnissen beschenkt, deren größter Teil in unglaublicher Eile lautlos, sang- und klanglos in den Orkus verschwindet oder sich höchstens nach einiger Zeit noch als Einschlagpapier bemerkbar macht. Wir sehen Tagesgrößen auftauchen, sehen sie vergehen ohne mit der Wimper zu zucken. Wir sind voll Zweifelsucht, wenn wir jemanden ›unsterblich‹ nennen hören. Ja wir spotten über die ›Unsterblichkeit‹, die einem Spaßvogel zufolge ›selten länger als vier Jahre dauert und von vielen Besitzern dieses Titels gar oft überlebt wird‹.

Wir leben uns in die Vorstellung hinein, daß unsere Zeit so ›schnellebig‹ ist, daß sie die solidesten Größen über den Haufen – lebt, und wir lassen uns mit großer Selbstzufriedenheit beweisen, daß vor dem Glanze unseres Jahrhunderts, unserer unvergleichlichen Fortschritte und Errungenschaften auch der widerstandsfähigste Ruhm vergangener Zeiten verblaßt, um neuen Erscheinungen Platz zu machen.

Alles das sind billige Trostesworte, die unsere unproduktive Gegenwart über ihre Unfähigkeit täuschen sollen, Scheingründe, die gleichermaßen erlauben, die tägliche Mittelware der Jetztzeit als Non plus Ultra, als geniale Taten, als Schöpfungen aus Meisterhand zu preisen und demgegenüber doch ihre schnelle Vergänglichkeit zu begründen. Und was man sich von seinem Schneider nicht gefallen läßt, das läßt man sich von den Literaturhandwerkern mit Schmunzeln bieten: der fadenscheinige Rock wird durch empfehlende Worte in das unzerreißbare Prachtgewand umgedeutet, sein Zerfall ist der übermäßigen Abnutzung zuzuschreiben.

Wie schade, daß der ruhige Beurteiler auf Schritt und Tritt darüber belehrt wird, wie viele gute alte Sachen heute noch, nach manchem Dezennium unserer ›schnell-lebigen‹ Zeit, wie neu aussehen und die Bewunderung – nicht einiger weniger Liebhaber von verstaubten Antiquitäten – vielmehr eines großen Kreises ernstdenkender Menschen auslöst. Die Herren des Tageserfolges blicken mit innerem Neid, über den sie nur einige Dutzend wohlreklamierter Auflagen mühsam hinwegtäuschen, auf die Cervantes, Boccaccio, Dante, Goethe, Dickens und wie sie noch alle heißen, die bis heute ihren Wert nicht verloren haben und trotz aller ›Konkurrenz‹ ihren festen Platz behaupten.

Unter den Unvergänglichen vergangener Zeiten findet sich auch die Königin von Navarra mit ihrem ›Heptameron‹, den zweiundsiebzig Erzählungen, die – oberflächlich betrachtet – doch unserer Denk- und Anschauungsweise so himmelweit fernliegen. Gleich Boccaccios ›Dekameron‹ werden diese Erzählungen – Gott behüte! – nicht in der Schule gelesen: darauf sollen jene aufmerksam gemacht werden, die zwischen unvergänglichem Ruhme und Schulunterricht einen bequemen Zusammenhang bilden wollen, um solch lästige Erscheinungen leichtlich zu erklären! Ich glaube fast versichern zu können, daß beide Werke in der Schule sogar nicht einmal erwähnt werden! Und doch ist die Zahl ihrer Bewunderer Legion, doch werden beide in allen Sprachen der Welt unermüdlich gelesen.

Wenden wir uns zunächst der Person jener königlichen Verfasserin zu. Margarete von Valois wurde am elften April Vierzehnhundertzweiundneunzig geboren. Sie war die Schwester des französischen Königs Franz, ›seines Namens der erste‹, und ging zwei Ehen ein: die erste mit dem letzten Herzog von Alencon, die zweite mit dem König von Navarra, Heinrich d’Albret. Sie sei nicht verwechselt mit den beiden Sprossen gleichen Namens und gleichen Hauses: die zweite Margarete des Hauses Valois nämlich, bekannter unter dem abgekürzten Schmeichelnamen Margot, war Franz’ des Ersten Tochter, nachmals Herzogin von Savoyen. Die dritte endlich war Margarete, die Schwester der Könige Karls des Neunten und Heinrichs des Dritten; diese wurde bekannt als letzte ihres Stammes, denn mit ihr ging die Krone Frankreichs auf die Bourbonen über: sie war die erste Gemahlin Heinrichs von Bourbon, auch eines Königs von Navarra, desselben, der als Heinrich der Vierte seinen protestantischen Glauben opferte, weil ›Paris wohl eine Messe wert war‹. Diese Margarete ist besonders abzutrennen, denn auch sie hat sich schriftstellerisch betätigt: sie hat Memoiren hinterlassen.

Auch das ›Heptameron‹ bildet eine Art Memoiren der ersten Margarete ihres Namens. Allerdings liegen die bewegten Kämpfe jener Zeit, die Frankreichs Schicksale ununterbrochen erschütterten, weit im Hintergrunde ihrer Erzählungen. Nur hier und da schimmert ein zeitgeschichtliches Moment durch und gibt dem Leser diesen oder jenen Anhaltspunkt. Aber am letzten Ende ahnen wir wenig von den großen politischen und sozialen Verschiebungen jener Epoche. Mehr schon von den religiösen und wissenschaftlichen, die ihrem Werke fast unabsichtlich eine eigenartige Färbung verleihen.

In den Anfang des sechzehnten Jahrhunderts fällt der Anbeginn der Renaissance. Die Klassiker des Altertums tauchen aus der Versenkung auf, in die sie der Untergang des römischen Reiches und dessen Folgeerscheinungen, in die sie auch das erstarkende und sich ausbreitende Christentum verstoßen hatte. Das umfaßte nun bereits den größten Teil Europas und hatte gar mit dem neuen Glaubensfeinde, dem Islam, männiglich die Waffen gekreuzt. Nun sollte es den inneren Feind bekämpfen, die Reformation.

Der Geschichtskenner weiß, wie dieser mit der Renaissance die Wege geebnet wurden. Die Wissenschaft vergangener Jahrhunderte, die auf die etwas stagnierenden christlichen Anschauungen wirkte wie der Hecht im Karpfenteich, erregte die Gemüter, weckte neue Interessen, neue Anschauungen, jähen Wissensdurst; der geistige Horizont wurde plötzlich unermeßlich weit, und an den Lehren des Tages wetzte und schärfte sich das Urteil. Die Buchdruckerkunst erschien darum begreiflicherweise den Herrn Mönchen als eine Erfindung des Teufels, der seit einiger Zeit bereits zu großer Berühmtheit gelangt war. Sein Inventar bestand schon nicht mehr bloß in Schwanz, Hörnern und Pferdefuß, und in seinem irdischen Gefolge befand sich eine ganze Armee von Hexen und Schwarzkünstlern, die ob angeblicher Teufelskünste die verschiedensten Vergehen und Krankheiten mit dem Feuertode, im Vorzugsfalle mit ›milderen‹ Todesstrafen büßen mußten.

Derweile beschäftigten sich die gebildeten Adelskreise, mit einigen Kirchengrößen zusammen, eifriger wissenschaftlicher Studien und wirkten zugleich fördernd auf die geistige Bewegung ein. So die Königin von Navarra. Nicht nur beherrschte sie selbst eine Reihe von Sprachen – Italienisch, Spanisch, Lateinisch, Griechisch und sogar Hebräisch –, nicht nur umgab sie sich mit Dichtern und Schriftstellern, die sich in der nun erst gefestigten französischen Sprache mit Behagen ergingen: sie begeisterte sich auch für die Wissenschaften, drängte mit Budé, dem Bibliothekar, und Duchatel, dem königlichen Vorleser, ihren Bruder Franz den Ersten zur Gründung des Collège de France und umgab sich in ihrem Hofe zu Pau und Nérac mit ernsten Gelehrten, die in dem ungebundenen, lebensfrohen Treiben der Edelleute und Edelfrauen den sittlichen Untergrund bilden, über dem sich das lockere weltliche Treiben des Hoflebens abspielt.

Gleich ihrem fast abgöttisch von ihr bewunderten Bruder dichtete auch sie. Das mag den Leser nicht beunruhigen. Es war nur eine Vorstufe zu dem Entschlusse, einen französischen ›Dekameron‹ dem italienischen des allbewunderten Boccaccio zur Seite zu stellen. Der Plan hierzu entstand erst mit reiferem Alter in ihr, und zu ihrer Zerstreuung sammelte sie allmählich, zumeist auf der Reise, diese ihre Memoiren von merkwürdigen Ereignissen ihrer Zeit. Der Tod nahm ihr die Feder aus der Hand: als sie am einundzwanzigsten Dezember Fünfzehnhundertneunundvierzig starb, waren erst zweiundsiebzig Erzählungen beendet und so aus dem ›Dekameron‹ (den Erzählungen von zehn Tagen) ein ›Heptameron‹ (Zyklus von sieben Tagen) geworden. Mancher wird mit Bedauern die Schlußzeilen lesen: ›Hier enden die Erzählungen der seligen Königin von Navarra, soweit man solche auffinden konnte.‹ Das ›Heptameron‹ ist ein Meisterwerk, das sich würdig dem ›Dekameron‹ zur Seite stellen läßt, ›obgleich‹ der Verfasser des letzteren ein zünftiger Dichter, die Verfasserin des anderen eine dilettierende Königin war. Sie war sicher eine Poetin von ganzer Seele, das kann man aus so manchem Beispiel herauslesen, selbst aus den rührenden Briefen, die sie an ihren geliebten Bruder geschrieben hat, als er Fünfzehnhundertfünfundzwanzig die unglückliche Schlacht bei Pavia erleben mußte und in Gefangenschaft geriet.

Und sie war noch mehr! Erasmus von Rotterdamm, einer jener Gelehrten, mit denen sie im Briefwechsel stand, schrieb einmal an sie: ›Seit langem schon schätze und bewundere ich an Euch die seltenen Gaben, damit Gott Euch begnadet hat, Eure Klugheit, die eines Philosophen würdig wäre, Eure Keuschheit, Mäßigung, Barmherzigkeit, Seelenstärke und jene nachahmenswerte Nichtachtung alles Vergänglichen.‹ Wer weiß, was Erasmus von Rotterdamm war, braucht nicht zu befürchten, daß sich hinter solchem Lobe leere höfische Schmeichelei birgt. Erasmus war gleich vielen seiner Zeit nicht auf den Mund gefallen, und zwischen solchen Lobsprüchen und den damals üblichen – sagen wir höflich Polemiken gab es einen weiten Raum, darinnen er leicht auch schlichtere Worte finden konnte.

Aber sie war eine lachende Philosophin. Keine galante Frau, wie sie deren so viel schildert und, wie es nachmals ihre Namensvetterin, die dritte Margarete ihres Namens, gewesen sein dürfte. Alle Biographen der königlichen Dichterin sind darin einig. So fällt auch der Verdacht fort, daß sie etwa eigene Liebesabenteuer und Jugendsünden in ihre Geschichten verwoben habe. Aber nichtsdestoweniger sind die Geschichten auf wahrem Untergrunde aufgebaut, der sich in vielen Fällen nachweisen läßt. Nach der siebzigsten Erzählung fällt sie sogar so weit aus der Rolle, daß sie den Namen der Heldin in der anschließenden Besprechung nennt. Manche lassen sich selbst aus dem Zusammenhang erraten. Der Leser mag sich daraufhin zum Beispiel einmal die fünfundzwanzigste Erzählung betrachten. Jedenfalls ist die Absicht der Verfasserin, was ihr bei dem Werke vorschwebte, ganz unzweifelhaft in jener Stelle des Vorwortes (eine etwas unglückliche beziehungsweise heute mißverständliche Bezeichnung) angegeben, die da sagt:

›(Bezüglich des ›Dekameron‹) hörte ich jene hohen Frauen (die Gemahlin des Königs Franz und die Prinzessin Margarete – also sie selbst) mit andern Hofleuten darüber beratschlagen, wie man gleiches zustandebringen könne, in einem nur von Boccaccio verschieden: jegliche dieser Novellen sollte ausschließlich wahre Vorfälle behandeln . . . Sie entschlossen sich, jedweder solle zehn Geschichten schreiben, und zudem wolle man – unter Ausschluß aller, die den Wissenschaften und der Schriftstellerei oblägen – die fähigsten Erzähler wählen, bis sie insgesamt zehn an der Zahl waren. Denn der Herr Dauphin wollte keinesfalls, daß Kunstinteressen sich einmischten und die schöne Phrase irgendwie die geschichtliche Wahrheit beeinflusse. Seitdem . . . geriet jenes Vorhaben in Vergessenheit, wir aber können es wohl durchführen . . . So wollen wir . . . Geschichten erzählen, die wir entweder selbst erlebt oder von vertrauenswürdiger Seite gehört haben.‹

Schon damit kann kein Zweifel obwalten, daß alle beschriebenen Vorfälle der Wahrheit entsprechen, und manches, das uns heutzutage unglaublich oder doch zum mindesten sehr merkwürdig erscheint – als zum Beispiel einige jähe Todesfälle aus Scham oder getäuschter Liebe –, wird in ungenügender Beobachtung der tiefsten Ursachen oder in einigen anderen Momenten ihre Erklärung finden müssen, auf die weiter unten eingegangen werden soll.

Hervorstechend ist der Zug von Fröhlichkeit, der die meisten Erzählungen durchdringt und seine Erklärung in der lustigen Lebhaftigkeit der Verfasserin findet. Übrigens war ja das Hofleben der damaligen Zeit überhaupt ein eigenartiges Gemisch von Sentimentalität und ausgelassener Fröhlichkeit, und selbst die ernsten Ereignisse, Kriege und Waffentaten, bekommen dadurch eine Färbung, die uns beim Lesen jener Geschehnisse zumeist entgeht. Uns erscheint jene Zeit gewöhnlich blutrünstiger, rauher, als sie eigentlich war. Der – verklärende Schimmer, der darüber lag und sie uns vielleicht menschlich näher brächte, ist in den Folianten verloren gegangen und vom Staube verdeckt worden. Deshalb müssen wir denen besonderen Dank wissen, die es, wie die Königin von Navarra, verstanden haben, uns auch diese Seite vergangener Lebensart zum Bewußtsein zu bringen. Jene Menschen waren wahrscheinlich viel mehr ›Menschen‹ als wir es sind, die als Erziehungsprodukte und lebende Maschinen unter unsern leblosen Geschwistern umherhasten. Wer sich das so recht klarmachen würde, dürfte wohl leicht auf modernen Luxus verzichten wollen und gar die Schrecken jener Zeit mit in den Kauf nehmen, die im Untergrunde drohen – nicht aus blindem romantischen Drange, sondern aus der begreiflichen Sehnsucht nach ›Menschwerdung‹!

Diese Leute vergangener Zeit bestanden nicht nur äußerlich aus Fleisch und Blut. Sie erbebten unter den Leidenschaften, die wir stolz mit Füßen treten, bis sie just am falschen Fleck wieder auftauchen (wie sagt doch Horaz: naturam expellas furca, tamen semper recurrit!) und uns noch unglücklicher machen. Darum steht, ehrlicher als in den tränendrüsenkitzelnden Werken unserer süßlichen Barden, die Liebe im Mittelpunkte dieser Erzählungen. Und neben diesem Hauptthema die Gegenstimme: die Geistlichkeit, insonderheit die Mönche, die auf der einen Seite das offizielle Liebesband knüpfen, auf der andern es selbst zu sprengen und zu beschmutzen suchen; die auf der einen Seite alle Fleischeslust abgeschworen haben und auf der andern ihr in grotesker oder abstoßender Form huldigen und zum Opfer fallen.

Auf diese Herren hat es die Königin besonders abgesehen. Unermüdlich bringt sie neue Beispiele ihrer Fehltritte, häuft die kitzlichsten Aussprüche neben die – peinlichsten Situationen und stellt mit ihren wahrhaftigen Berichten schier die Phantasie des Dichters Boccaccio in den Schatten. Ein tiefinnerer Grund dafür mag ihre Neigung zur Reformation gewesen sein. Brantome, der Verfasser der ›galanten Frauen‹ und ›berühmten Frauen‹, sagt geradewegs von ihr: ›Sie galt für eine Anhängerin Luthers; zwar hat sie sich niemals offen dazu bekannt – aber wenn sie tatsächlich der Reformation geneigt war und es nur verborgen hielt, so geschah dies um Franz’ des Ersten willen, der jener Bewegung abhold war.‹

Man braucht nur die zweiundzwanzigste Erzählung zu lesen, um zu begreifen, wieviel Grund zu dieser Annahme vorliegt: Ein Prior, der im Original direkt ›reformateur‹ genannt wird, genießt, offenbar deshalb, Margaretens besondere Gunst. Als er in höherem Alter sein Amt schändet, ist sie tief verwirrt – denn offenbar hat sie große Hoffnungen auf ihn gesetzt –, und nachdem sein Opfer, die Nonne, als Entgelt für ihre Leiden Äbtissin geworden ist, betont die Königin ausdrücklich auch von ihr, daß sie viele Verbesserungen einführte.

Wir verstehen heute sehr gut, daß der Blick, den die beginnende Renaissance für solche Krebsschäden des Gemeinwohles zu schärfen begann, mit Unlust auf einer Institution ruhte, die nicht zum wenigsten durch ihre Übergriffe und Verworfenheit der Reformation die Wege ebnete. Die Sittenlosigkeit der Geistlichkeit war so schlimm, daß nicht nur eine Königin von Navarra, die sich für Luthers Lehre interessierte, daran ihren Spott übte. Die ganze damalige Literatur begann sich bereits auf dieses Thema zu werfen, wie vor noch nicht zu langer Zeit unsere Witzblätter die böse Schwiegermutter mitnahmen. Die Werke der späteren Dichter, besonders jene Gedichte, die unter dem unauffälligen Namen ›Contes‹, bisweilen auch ›Nouvelles‹ segeln, sind voll davon. Aber sie schlagen schon oft übers Ziel. Der Witz, den man in Damengesellschaft nicht erzählen darf, wird den braven Mönchen aufgebürdet, und bald ersetzt das gut Erfundene die wahrhaften Vorfälle, soweit nicht bekannte Themen in verschiedenen Varianten wiederholt werden. In letzterem Falle dient oft genug das ›Heptameron‹ als willkommene Fundgrube. Dieses aber wie auch jene Gedichterzählungen sind eine unerschöpfliche Quelle für Kulturstudien, wenn sie gut gesichtet und richtig ausgewählt werden.

Wir sehen, wie man gegen die heilige Institution der Ehe schon damals Sturm zu laufen begann. Naive Seelen oder solche, die so scheinen wollen, behaupten heute, die Ehe habe sich für uns fortgeschrittene Menschen überlebt und bedürfe dringend einer Reform, sofern sie nicht überhaupt ganz zum alten Eisen geworfen würde. Wieviel bescheidener und – urteilsfähiger würden doch solche Streiter für den neuen Glauben sein, wenn sie etwas unter den Dokumenten vergangener Zeiten Bescheid wüßten. Es hat schon mehr Epochen gegeben, in denen die Mängel oder Schattenseiten dieser Institution zutage traten. Aber man war so klug, die Menschen und nicht ihre Einrichtung dafür zu tadeln. Wenn eine bewährte Sache plötzlich an allen Ecken und Enden versagt, so ist es noch sehr fraglich, ob man ihr die Schuld geben soll.

Die Königin von Navarra ist darin hellsichtiger und gerechter. Sie läßt die Spötter zu Worte kommen, aber sie gibt auch den Verteidigern Gelegenheit, ihre wohlbegründete Ansicht zu sagen, und eine unparteiische Persönlichkeit versucht dann, das Richtige zu präzisieren. So hält sie es auch mit den Mönchen. Nur ist ihr Urteil in diesem Falle zu sehr unter dem Eindruck der unerträglichen Mängel. Immerhin läßt sie, gleich vielen Zeitgenossen und Nachfolgern, den moralischen Unterschied verschiedener Orden deutlich genug hervortreten. Die Franziskanermönche scheinen sich schon damals eines besonders schlechten Rufes erfreut zu haben: das ›Heptameron‹ schiebt ihnen alle üblen Streiche in die – Sandalen, und nur in einem Falle geht es auch den Benediktinern an die Kehle, aber da läßt die Verfasserin bereits verstehen, daß es sich um einen besonderen Fall handelt. Allzu herrlich scheint es ja in den andern Orden auch nicht hergegangen zu sein. Dafür dienen die verschiedenen poetischen und sonstigen Belege zum Beweis, die andern Orts zusammengestellt wurden. Daß aber die Franziskaner bezüglich schlechten Rufes auch in späterer Zeit den Vogel abschossen, dafür zeugt vor allem ein niedliches Gedicht des Abbé Bretin, das dem Leser hier nicht vorenthalten werden soll1:

 

Die Gärtnerin.

 

Einst wandelt Barbara, die schöne Gärtnerin,
Dürrzweige sammelnd auf dem Weg dahin.
Beim Bücken hebt ein tück’scher Ast
Den Rock ihr auf, und in der Hast
Bemerkt sie nicht, daß der am Tragkorb hängen bleibt.
 
Dieweil so bös’ Geschick ihr seine Possen treibt,
Gehn auch zwei Kapuziner ohne Arg
Selbander dieses Wegs. Da sieht von ohngefähr
Des Jüngern Aug’ – als ob’s ein Trugbild wär’ –
Manch schönes Rund, das sonst der Rock verbarg.
Zum andern spricht er drauf: »Daß Euer Ehrwürden verzeih’:
»Wer hätte je geglaubt, daß eine Magd so schamlos sei.«
 – »Ich seh’, ich seh’! Dein Auge mußt du senken.«
 – »Doch einen Ausweg sollte man bedenken!«

Und heil’ger Eifer treibt den Jüngling an –
Dies fremde Bild tät frommen Sinn erschrecken. –
Nicht wußt er schier, was er begann:
Er eilt zu Barbara, die Blöße zu bedecken.
 

Bewegten Herzens tritt er ihr zur Seiten
Und löst den Rock und läßt ihn niedergleiten.
»O Schwester« spricht er, »nicht will ich Euch schelten.

Nein –
Doch müßt’ solch holde Pracht stets wohl verborgen sein!«
Und sie entgegnet: »Dank sei Euch vielmehr.
Ihr tatet Eurem heil’gen Stande all Ehr’!«
 
Da sieht sie fernher einen Franziskaner schreiten
Und reckt den Arm, erblaßt, weil sie erschrickt,
Und ruft: »Wie kamt Ihr doch bei Zeiten –
Verloren wär’ ich, hätt’ mich der zuerst erblickt!«

 

(1797.)

 

Eine Erklärung ist wohl überflüssig – jedenfalls aber zugleich der Beweis erbracht, welch wertvolle Kulturdokumente fast unverwertet in den Archiven schlummern. Die Werke Bretins, Grécourts und so weiter werden als unsittlich und was weiß ich noch alles der Öffentlichkeit vorenthalten, und darum ist ein Schöpfen aus diesen Quellen dem armen Wahrheitssucher recht schwer gemacht. Glücklicherweise ist dies Schicksal den deutschen ›Heptameron‹-Ausgaben nur kurze Zeit beschieden gewesen. Das Reichsgericht hat eingesehen, daß ein solches Werk nicht so einfach vom Standpunkt der Moral beurteilt werden kann, maßen es kulturelle Gesichtspunkte behandelt und ›ein der Wirklichkeit entsprechendes Bild der Sittenzustände jener Zeit‹ wiedergibt und seine Spitze ›gegen die damals unter den Adligen und Geistlichen herrschende Sittenlosigkeit richtet, die satyrisch gegeißelt werden soll‹. (Damals ist übrigens nicht so übel!) Damit ist der doppelte Wert dieses Werkes genügend gekennzeichnet. In Erzählungen, deren Inhalt und Wahl für den poetischen Scharfblick der Verfasserin zeugt, und neben ihnen (in den zur Rahmenerzählung gehörigen Diskussionen) enthüllt sich ein Sittengemälde, das uns gern auf lederne Geschichtswerke verzichten läßt. Man sollte überhaupt viel mehr Wert darauf legen, in dieser Form das wissensdurstige Publikum mit den Sitten und Anschauungen vergangener Zeiten bekannt zu machen. Daß es einige erlesene Mitbürger gibt, die darin nur das Anstößige suchen, meistens recht wenig dabei auf ihre Kosten kommen und sich um das wahrhaft Interessante selbst betrügen, kann daran nicht hindern. Es soll alte Herren geben, die für ähnliche Zwecke Balletts besuchen – jeder macht es eben, wie er kann.

Von obigen Gesichtspunkten geleitet hat der Herausgeber der Rahmenerzählung eine nicht mindere Sorgfalt angedeihen lassen. Hier soll nicht verschwiegen werden, daß jeder Herausgeber, und der Übersetzer im besonderen, nicht ganz objektiv im Urteil über das vorgelegte Werk ist. Man sollte das ohne falsche Scham eingestehen. Der Übersetzer zumal ist ein Stück Autor, und autorenhafte Eitelkeit blendet ihm ebensosehr den Blick, als habe er das ganze Werk selbst geschrieben. Addiere man hierzu noch den Umstand, daß alles, womit sich jemand sehr eingehend beschäftigt, dem Betreffenden so familiär wird, daß er die Schwächen zu übersehen beginnt und auch am Unscheinbaren Reize entdeckt, so ist es begreiflich, daß des Lesers Urteil sich oft nicht mit dem des Herausgebers deckt, und deshalb sollte dieser mit seinen Ansichten recht vorsichtig umgehen.

Das kann uns nicht hindern, auf einige Gesichtspunkte hinzuweisen, die dem Leser bei oberflächlicher Durchsicht wahrscheinlich entgehen werden und deren Erkenntnis schon eine etwas liebevolle Beschäftigung mit dem Buch verlangt. Das sind die Ansichten und Bemerkungen, die in den (zur Rahmenerzählung gehörigen) Diskussionen über die gehörten Erzählungen auftauchen. Der mit weitergehenden Interessen ausgestattete Leser wird vielleicht mit Überraschung entdecken, daß zum Beispiel nach der sechsunddreißigsten Erzählung von ›Affekthandlungen‹ gesprochen wird und über diese Frage, bei der unsere Vorkämpfer des Fortschrittes – mit besonders verächtlichem Blicke auf das gei­stesdunkle Mittelalter – stolz auf die heutigen Errungenschaften verweisen, ganz moderne Ansichten äußern und zitieren. Derartige Überraschungen können hier natürlich nicht samt und sonders aufgezählt werden, und denen, die an so etwas Freude finden, wird dieser Hinweis genügen.

Aber auch die Psychologie kommt nicht zu kurz: wie scharfsinnig (und wohlbelesen) läßt die Verfasserin so manchen psychologischen Vorgang auf seinen wahren Kern hin prüfen und verurteilen, wie witzig fertigt sie das trügende äußere Gebaren, die pharisäerhafte Selbstzufriedenheit und rein äußerliche Tugendhaftigkeit ab. Solche Laster sind heute ja keineswegs ausgestorben, stehen vielmehr in schönster Blüte. Und wozu der moderne Romancier ein dickes Buch braucht, um mit sogenannter psychologischer Sonde die Mängel und Schwächen bloßzulegen, da begnügt sich Margarete von Navarra mit wenigen Zeilen – aber die tun auch ihre Schuldigkeit. Daß sie zwischendurch auch einmal danebenhaut, mag ihr darob verziehen werden. Das passiert in den besten Familien, und auch die damalige Zeit litt an falschen Vorstellungen, die zwar andere sein mögen als heute, aber sehr wohl danebengestellt werden können. Daß die Königin auch in Fragen objektiv zu bleiben bemüht ist, die ihre eigne Abkunft berühren, beweist etwa jener Streit über Standesunterschiede, der sich der vierzigsten Erzählung anschließt.

Im übrigen stecken natürlich auch die Erzählungen selbst voll Kulturdokumenten. Für die liebe Reinlichkeit, die damals herrschte, mag jener Edelmann ein Beispiel sein, der im Besuche des Abtritts (ich bitte ergebenst um Entschuldigung ob dieses Details) keinen absonderlichen Grund findet, seine Hände zu waschen. (Vielleicht ist dieser mein Hinweis von sehr subjektiven Anschauungen geleitet: es soll Menschen in unserer kulturreichen, hygienischen Zeit geben, die . . .) Man findet diesen feinen Zug in der siebenunddreißigsten Erzählung. – Die Mägde erfreuen sich oft des Titels Kammerfrauen, Kammerzofen und ähnliches. Unsere Stubenmädchen heißen so, weil sie die Stuben reinigen. Jene haben ihre Beinamen, weil sie mit in der Stube der Herrschaft schlafen. Was damals alles in einer Stube, ja, in einem Bette zusammenschlief, mag manchem schwer in den Kopf hinein wollen:

Die Größe besonders der herrschaftlichen Betten gestattete oft bis zu fünf (!) Personen bequem darin Platz zu finden. Die siebenundvierzigste Erzählung gibt unter anderem dafür ein interessantes Beispiel. Noch heute können ja Reisende in südlichen Ländern – sofern sie aus Neugier oder anderen Gründen auf die Hotels mit dem Schema F verzichten – derlei Betten, wenn auch nicht gerade für fünf Menschen, kennen lernen. Und wenn man heute noch im modernen Italien Familien findet (anderorts übrigens auch), die nicht nur ihre zahlreichen Angehörigen, sondern gar Schweine und Hühner in einer Schlafstube vereinigen, dann wird das Mittelalter uns doch nicht so ganz fern erscheinen. Die liebe Sitte, mit Hunden, Katzen und Kanarienvögeln in einem Zimmer zu schlafen, findet sich ja sogar heute noch in allerbesten Kreisen.

So wird das Bemühen, das Mittelalter unserm Vorstellungskreise menschlich näherzurücken, gar nicht so schwer. Man sollte nur die Augen mehr aufsperren und nicht die Unterschiede – eventuell unter Zuhilfenahme von etwas Ignoranz oder Fälschung – allzu krampfhaft betonen. Bleibt uns vor allem nur das Hexenwesen und die Zauberei, wovon ja auch im ›Heptameron‹ einiges zu finden ist. Dies unerschöpfliche Thema soll hier nur mit einem Beispiele gestreift werden: denn erstens gibt es Menschen, denen die Haare zu Berge stehen, wenn man darüber überhaupt nur ein ernstes Wort redet, und dann ist hier wirklich nicht genügend Platz dazu. Die Unbelehrbaren mögen also gleich ein paar Seiten weiter blättern. Die Vernünftigen seien auf die allererste Geschichte aufmerksam gemacht.

›Ein Mann‹, heißt es da, ›fabriziert mit einem Schwarzkünstler Holzpuppen, die später in Wachs ausgeführt werden sollen. Zwei derselben haben die Arme erhoben, bei drei anderen hängen sie herab. Diese Figuren müssen unter den Altar gestellt werden und dort muß ihnen eine Messe mit gewissen Worten gelesen werden. Sie stellen bestimmte Personen dar, von denen die mit gesenkten Armen dem Tode überliefert werden sollen (das heißt ihre Urbilder), von denen mit erhobenen Armen will man Gunst und Geneigtheit erzwingen.‹

Nachdem der Leser diesen anscheinenden Unsinn genügend belächelt hat, schilt er des weiteren über die Torheit des Mittelalters, das es fertig bekommt, die beiden zum Tode zu verurteilen, die sich mit so kindlichen Spielereien abgegeben haben. Gebe der Himmel, es wären wirklich nur so kindliche Torheiten gewesen. Man muß sich leider eines anderen belehren lassen.

Die ›Kunst‹, mit Wachsbildnissen Schaden zu stiften, ist uralt. Ein ganzer geschichtlicher Überblick würde allein den Umfang des gesamten ›Heptameron‹ weit übertreffen. Daher sollen hier zunächst nur wenige Andeutungen gegeben werden.

Ovid singt in den Heroiden:

›Devovet absentes simulacraque cerea figit,
Et miserum tenues in jecur urget acus.‹

(Zu deutsch: Er behext Abwesende; er stellt Wachsbildnisse her und sticht mit feinen Nadeln in die Leber der Unglücklichen. Ep. 6. Hyps. 91/92.)

Horaz in den Satiren:

›Lanea et effigies erat, altera cerea: maior
Lanea, quae poenis compesceret inferiorem;
Cerea suppliciter stabat, servilibus utque
Jam peritura modis.‹

(Zu deutsch: Es gab eine Puppe aus Wolle, eine andere aus Wachs; die größere, aus Wolle, schien die kleinere züchtigen zu sollen; die aus Wachs war in flehender Stellung, gleich als ob sie bereit sei, elendiglich zu sterben. Lib. 1. Sat. 8, V. 29 – 33.)

In diesen zwei Zitaten sind schon mehr Einzelheiten gegeben als im ›Heptameron‹: man erfahrt bei den Versen Ovids, daß man die lästigen Mitmenschen durch Nadelstiche in die Grube beförderte, bei Horaz, daß nicht immer Wachs verwendet wurde, daß dieses sich aber für Ermordungszwecke besonders eignet. Machen wir, da wesentliche Einzelheiten noch fehlen, einen Sprung in das gesegnete Mittelalter.

Anno Dreizehnhundertdreiunddreißig-vierund­drei­­ßig fand ein großer Prozeß gegen Robert d’Ar­tois statt, der beschuldigt war, gegen die Frau und den Sohn von Philipp dem Sechsten solches Verbrechen vorbereitet zu haben. In den Akten, die sich im Trésor des Chartes finden, entdeckte man sehr witzige Einzelheiten, die hier, gleich übersetzt, auszugsweise wiedergegeben werden sollen. Der liebe Robert wollte sich einen Mönch kaufen, welcher ihm die beiden Bildnisse taufen sollte. Der Mönch hatte dafür keine Sympathie und seine Aussage ko­stete nicht zum wenigsten dem angehenden Hexenmeister die letzten Jahre seines irdischen Aufenthaltes. Hier einiges aus den Mitteilungen des Mönches Heinrich:

›(Robert erzählte ihm, daß er von Freunden einen volt oder voust zugeschickt bekommen habe.) Bruder Heinrich fragte ihn: »Was nennet Ihr also?« – »Das ist ein Bildnis,« entgegnete Robert, »so aus Wachs besteht und solches man taufet, auf daß man jene zu Tode bringet, welche man will.« – »Hier nennet man selbige nicht voust,« sagte der Mönch, »man heißet sie manies.«

(Der Mönch ist für seinen Beruf ziemlich gut orientiert. Diese manies bestanden aber zumeist aus Teig. Ihr Name ist wohl eine Entstellung des Wortes Mumie, etwa heute Unterbewußtsein. Volt und voust sind die Wortstämme, aus denen das französische envouter (behexen! entstand.)

›. . . Alsdann öffnete Robert einen Schrein, daraus er ein Bildnis nahm mit einem kreppbedeckten Hute, welches Bildnis einem jungen Manne wahrhaftiglich gleich sah, und wohl ein und einen halben Fuß der Länge nach maß . . . und unter dem Hute schauten Haare hervor . . .‹

Weitere Einzelheiten aus einem Prozeß von dreizehnhundertsiebenundvierzig: Der Beklagte (Pepin) gibt an:

›. . . Mit Wachs, etwa zween Pfund, machte er ein Bildnis mit eigner Hand und stellete es in warmem Wasser her und sprach dabei die nötigen Worte . . . Er erklärte, nur er allein könne verhindern, daß die Person (die dargestellt war) stürbe, wenn ein anderer das Bild verletze . . .‹

Ein anderer gesteht in einem ähnlichen Prozeß: ›Er wollte die gefundenen Wachsbildnisse allmählich bei fünfzehn verschiedenen Graden zerschmelzen lassen, also daß die Personen an Entkräftung unter Qualen zugrunde gingen . . . er wollte diese Qual auf sechs Monate ausdehnen . . .‹

Alle obigen Schandtaten kamen nicht zur Ausführung. Fassen wir, bevor wir die Möglichkeit des Erfolges nach dem Stande modernen Wissens erwägen, den genauen Hergang zusammen: Man verfertigte Wachsbilder, denen man eine möglichste Lebensähnlichkeit gab, das heißt, man versah sie mit Haaren, oft auch Nägeln, Kleidern und so weiter. Man schrieb auf ihre Brust oder Stirn den Namen des Opfers und taufte sie mit Weihwasser, zumeist unter bestimmten Formeln, möglichst in der Kirche. Häufig knetete man in den Teig noch Dinge, die zum Körper des Opfers gehört hatten, zum Beispiel Nägel, Haare, Blut und so weiter oder fügte den Kleidern benutzte Stoffetzen bei. Die Einzelheiten, ›wann‹ solche Prozeduren vorgenommen wurden, gehören nicht hierher. Dann fügte man den Bildnissen je nach Wunsch die verschiedensten Schäden zu (in manchen Fällen umgekehrt wurden dieselben zur Heilung, zum Beispiel von Wunden, Brüchen und so weiter benutzt (siehe Paracelsus und andere) und der Effekt machte sich angeblich spontan bei dem Opfer bemerkbar).

Was sagt hierzu die Wissenschaft? Neben der großen Zahl derer, die einfach lächelten oder verächtlich den Rücken kehrten, befanden sich einige Gelehrte, die sich die Mühe gaben, darüber nachzudenken. Unter diesen gelang es einem eifrigen Forscher auf dem Gebiet des Hypnotismus, Albert de Rochas, festzustellen, daß in einer gewissen Phase hypnotischen Schlafes die Sensibilität des Körpers diesen verläßt und sich schichtweise außerhalb desselben lagert – sich ›exteriorisieren‹ läßt. Das erregte seine Aufmerksamkeit; er brachte vorsichtig ein Glas Wasser in eine dieser empfindlichen Schichten, und siehe da, das Wasser nahm diese offenbar irgendwie materielle, wenn auch unsichtbare Masse in sich auf und wurde selbst empfindlich, das heißt, die Berührung des Wassers wurde von den Hypnotisierten empfunden – und das nicht nur, solange dieselben schliefen, sondern auch nachdem sie erwacht waren, und zwar wenn die Berührung des Wassers in einem entfernten Zimmer vorgenommen wurde, so daß also Suggestion ausgeschlossen war.

Vom Horn zu den Hörnern ist nur ein Schritt: Albert de Rochas nahm statt Wasser – Wachs. Der Effekt wurde besser. Die Berührung einer Wachsfigur im Nebenzimmer wurde von der wachen Person gespürt, doch nur annäherungsweise. Man knetete einige Haare des Objektes hinein: die Berührungsstellen präzisierten sich. Nun wurde der Experimentator modern. Er machte eine photographische Aufnahme auf einer Platte, die man in der sensiblen Schicht ›gesättigt‹ hatte; und dann wagte er es, die Platte im Nebenzimmer an der Stelle, die eine der Hände zeigte, zu kratzen – sofort brach das wache, ahnungslose Objekt in ein Wehgeschrei aus und – horribile dictu – seine Hand wies nachher rote Male wie von Kratzwunden auf! Die Experimente wurden mit Patienten des Klinikers Doktor Luys wiederholt und Herr de Rochas durfte alsbald einigen aufgeregten Berichterstattern dankend quittieren, daß er mit dem Teufel im Bunde stehe2.

Dieser denkende Forscher war kein Wundertier, er hatte nur aus den verachteten Werken eines Paracelsus herausgelesen, daß der Wille eine große Rolle dabei spielt, und sich gesagt, daß es sich dabei irgendwie um eine Verwertung des ›Unterbewußtseins‹ handelt. Weiteres wird den Leser nicht interessieren. Daß diese Tatsachen dem großen Publikum nach Möglichkeit vorbehalten werden, ist ein wahres Glück, denn die Vergangenheit lehrt, welcher Unfug, richtiger welche Verbrechen damit begangen wurden. Und die Neuzeit lehrt ähnliches; denn Dynamit- und ähnliche Attentate wären nicht möglich, wenn die wissenschaftlichen Forschungsresultate der Allgemeinheit nicht allzu zugänglich gemacht würden. Etwas Nachdenken über dies Thema würde jene Schreier für die Popularisierung des menschlichen Wissens schnell und energisch ad absurdum führen. Aber mit dem Nachdenken ist das eben – so ’ne Sache.

Merkwürdiger ist es, daß die Vertreter der Wissenschaft vor diesem Resultat haltgemacht haben, schlimmer noch, daß sie es zumeist ignorieren. Der Leser mag überlegen, wovor sie Angst haben. Freilich, die Experimente sind gefährlich (und ich möchte jedem Leser um Gottes willen raten, seine Finger davon zu lassen!), aber so gefährlich sind sie nicht. Vielmehr gilt es, einen entscheidenden Schritt zu machen, und man mag nun überlegen, ob es ein Schritt ›vorwärts‹ ist. Denn er führt ja geradeswegs in die Anschauungen des Mittelalters! So tritt vor uns die bange Frage: führt denn also ein Schritt in die Erkenntnisse des Mittelalters vorwärts oder rückwärts? – Peinlich!!

Jedenfalls ließ sich hierdurch erweisen, daß uns von jener Zeit nicht so unübersteigbare Schranken trennen, daß vielmehr – zu hoffen ist, daß – der Abstand zwischen jetzt und damals in mancher Beziehung allmählich kleiner wird. Gerade Werke wie das ›Heptameron‹ der Königin von Navarra lehren uns, daß es damals sogar in Laienkreisen recht gebildete, kluge, scharfsichtige Menschen gab, die ganz gut wußten, was sie dachten und taten. Daß sie zu Gottes Ruhm eine Menge von Menschen töteten, die wir heute in die Nerven- oder Irrenanstalt sperren würden, daß sie eine nicht mindere Menge gar verbrannten, während wir sie heute mit Beil, Guillotine oder Strick ins Jenseits befördern! – das ist am Ende kein so trennendes Moment. Vielmehr vielleicht, daß jene Menschen, wie gesagt, mehr – Menschen waren als wir, daß sich in Fällen von Hysterie mehr katastrophale Erscheinungen bemerkbar machen (nebenbei, wie kann ein Arzt heute ernstlich glauben, wenn er zum Beispiel das ›Heptameron‹ gelesen hat, daß die Hysterie und Neurasthenie heute häufiger ist als früher!), darin liegt ein bemerkenswerter Unterschied. Aber wir glauben bei näherer Betrachtung der Weltgeschichte behaupten zu können, daß es sich damit verhält wie mit Ebbe und Flut: das Gefühlsleben der Völker schwillt an und schwillt wieder ab, und die Niveauunterschiede halten nicht an.

Daß der Gegensatz nicht allzu groß ist, beweist der Ruhm, dessen sich ein ›Dekameron‹ und ›Heptameron‹ auch heute erfreut. Selbst wer sich allen kulturgeschichtlichen Interessen fernhält, vermag sich damit manch genußreiche Stunde zu schaffen. Die scharfpointierten, oft spöttischen Bemerkungen werden auch dem ernsten Manne ein fröhliches Lächeln abnötigen, und wer sich über einige etwas sehr ›freie‹ Wendungen in den Gesprächen dieser Edelleute und Edelfrauen entrüsten möchte, mag sich bei dem Gedanken beruhigen, daß diese Dinge um dreihundertfünfzig Jahre und mehr noch zurückliegen, daß bereits wenige Dezennien später der Gesprächston ein viel gemessener wurde und die verhüllenden Feigenblätter der offiziellen Moral ihren deckenden Schutz über allzu unverhüllte Offenherzigkeiten hinbreiteten. Oder aber, er mag sich etwas über den modernen Gesprächston unserer Zeit orientieren: ich glaube, er kehrt beschämt zu den guten Alten zurück und denkt: die Wilden sind doch bessere Menschen.

Hier sei nun noch der Textbehandlung einiges gewidmet. Die Sprache des Originals ist jenes alte Französisch, das man als den Anfang der einheitlichen französischen Sprache betrachtet. Die Sprache, die vordem üblich war, ist (wie die Verfasserin selbst vor der siebzigsten Erzählung andeutet) nur dem Eingeweihten verständlich. Aber auch das Original des ›Heptameron‹ dürfte den meisten Nichtfranzosen noch recht erkleckliche Schwierigkeiten bereiten. Darauf sei hier hingewiesen, weil es für die Wahl des Übersetzungsstiles von ausschlaggebender Bedeutung war. Ein moderner Übersetzer hat sich den Virtuosenspaß erlaubt, ein stilistisch recht neuzeitliches Werk, das nur einige Archaismen aufweist, in altertümliches Deutsch zu übertragen. Da er den Erfolg für sich hatte, soll es ihm nicht zu allzuschwerem Vorwurf gemacht werden. Hier aber war dieser Stil eine unbedingte Notwendigkeit. Wenn man vor der Wahl steht, so ist ein Zweifel schon deshalb ausgeschlossen, weil jeder Versuch, in streng moderner Sprache das ›Heptameron‹ wiederzugeben, am Ende doch fehlschlagen wird und zu jener stillosen Halbheit führt, die unsere meisten deutschen Übersetzungen charakterisiert: Gallizismen, häßliche Konstruktionen und stimmungszerreißende Fremdworte. Alte Werke sind nun einmal nur in entsprechendem Stil wiederzugeben, und wer nicht daran gewöhnt ist, wird sich doch wohl bald hineinlesen und an manch putziger Wendung Freude finden, die allein unserm guten alten Deutsch vorbehalten ist zum Unterschiede von modernen, hypersensiblen und sonstigen ›Nuancen‹.

Eine andere Frage war, ob der Text völlig ungekürzt vorgelegt werden sollte. Diese Frage war ebenso unbedingt zu verneinen. Die bisherigen Ausführungen beweisen wohl, daß meine Wenigkeit, der Übersetzer, befleißigt war, jede feinste und kleinste Einzelheit, die nur irgendeinen Leser interessieren konnte, ans Tageslicht zu ziehen und zu erhalten. Aber wie der Gärtner hie und da ein welkes Blatt entfernen muß, um den Rosenstrauß zu voller Wirkung zu bringen, so muß auch der Herausgeber bei aller Hingabe sich klar sein, daß diese und jene Kleinigkeit das Bild beeinträchtigt statt zu heben: es gibt auch im ›Heptameron‹ verblaßte Stellen, endlose Reden, die nichts sagen, und in schwülstigen Wendungen hundertmal dasselbe, längst bekannte wiederholen. Und dabei weiter noch in manchem Dialog phrasenhaftes Gerank, das die Blüten verdeckt, das die Pointen schädigt. Dort mußte im reinen Interesse des Lesers hier und da ein Strichlein angebracht werden, um dafür zu sorgen, daß seine Aufmerksamkeit nicht ermüdet wird und er gar die Lust am Weiterlesen verliert.

Wir leben heute in einer Zeit (ich muß leider diese an sich nicht merkwürdige Behauptung in verschiedenem Zusammenhange wiederholen), die neben andern schönen Eigenschaften eine Neigung hat, das Alte ob des Staubes und Schmutzes zu preisen, der daran klebt. Gleich dem Liebhaber, der einen ehrwürdigen Schreibtisch nicht kaufen will, weil er zu gut erhalten ist, und lieber einen gefälschten erwirbt, weil er Wurmlöcher und zerstoßene Ecken hat, so begeistern sich eine große Zahl unserer Mitbürger (und nicht nur diese) für ein Buch, wenn es recht dreckig und zerrissen ist und eine alte Jahreszahl darinnen steht. Der Inhalt ist ziemlich Nebensache. Ja, schlimmer noch, die geduldige Herde des gutgläubigen Publikums wird auf jede Weise angefeuert, diesen Blödsinn mitzumachen, und die falschen Propheten suchen die Masse der Zuhörer zur Kunstheuchelei zu verführen und haben gar damit Erfolg. Ein Dürerbild ist ein Meisterwerk, auch wenn es verzeichnet ist, das schlechteste Gelegenheitswerk von Bach ein unübertreffliches Kunstdenkmal, nur weil Dürer oder Bach die Urheber waren. Den Leuten sagen, daß Dürer sich bisweilen in der Perspektive etwas geirrt, daß Bach auch einmal eine schwache Stunde gehabt hat, gilt für eine Profanation und den Beweis unbeschreiblicher Unbildung und Verständnislosigkeit.

Das sind traurige Gesichtspunkte, die für die Urteilsfähigkeit dieser Herrschaften ein klägliches Zeugnis ablegen. Man sollte sich doch damit zufrieden geben, daß ein welkes Blatt an einem sonst grünbelaubten Baume weder dessen Krankheit und Absterben, noch das Nahen des Winters ankündigt, daß es dem Laubschmuck nicht zur besonderen Zierde gereicht und daß man nicht zu schreien braucht, wenn der Wind es davonträgt oder der Gärtner es ablöst.

Solcher welken Blätter gibt es auch einige im ›Heptameron‹. Aber der Herausgeber vermeint, daß sie dem lebensfrischen Blütenkranze nicht zum Schmucke dienen, daß ein Weniger hier mehr bietet und daß der Leser ihm für die Entfernung des gottlob so wenigen Dank weiß! Denn ich glaube, die wenigsten werden sich dies oder ein ähnliches Buch kaufen in der Erwartung, sich hie und da durch unerträgliche Phrasen und Lamentationen durcharbeiten zu müssen. Viele essen mit Vergnügen die schön bereiteten Erdbeeren. Aber ehe dieselben Leute sich ihre tägliche wohlgehäufte Schüssel selbst zusammensuchen, überlegen sie sich die Sache doch noch eine Weile und überlassen es lieber anderen. Die wenigsten aber werden mit Überzeugung den Staub um seiner selbst willen lieben und preisen.

Der Leser mag ruhig sein: der Striche sind nicht viele und der unmaßgebliche Verfasser dieser Zeilen hält sie gar für einen Vorzug seiner Ausgabe. Er wird erfreut sein, wenn seine Leser ihm darin beipflichten. Ein Werk, das mit Recht als anmutig und unterhaltsam gepriesen wird, darf ohne Not an keiner Stelle seinen Ruhm beeinträchtigen und Gelegenheit geben, daß man mit müdem Gähnen nach der nächsten Seite blättert. Es soll den Frohsinn seiner Verfasserin widerspiegeln, und seine ernsten oder rührenden Betrachtungen sollen das Gleichgewicht bilden gegen allzuviel Ausgelassenheit.

So mögen die Erzählungen der Königin von Navarra die Stimmungen ausstrahlen, die deren fiktive Zuhörer daran rühmen, die Saiten der Seele zum Mitschwingen bringen, für die sie bestimmt waren.

 

St. Petersburg, Januar 1913.

 

Carl Theodor Albert Ritter von Riba.

 

 


Das Heptameron.

 

Wie sich die Gesellschaft zusammenfand.

 

In den ersten Septembertagen, der Zeit, da der Besuch in den Badeorten der Pyrenäen beginnt, befanden sich in Cauterets mehrere Personen verschiedener Nationalität; aus Frankreich, Spanien und anderwärts waren sie gekommen, die einen, um die Quellen zu trinken, die andern, um zu baden, wieder andere für Moorbehandlung, die in wunderbarer Weise selbst aufgegebene Kranke zu heilen vermag. Doch davon soll hier nicht erzählt werden. Zur Sache gehört nur, daß die Kranken dort über drei Wochen blieben, bis ihre Heilung genügend vorgeschritten war, um ihre Abreise zu ermöglichen. Aber gerade da traten so ungewöhnlich schwere Regengüsse ein, daß man meinen konnte, Gott habe sein Noah gegebenes Versprechen, die Welt nicht mehr durch Wasser zu vernichten, vergessen; alle Hütten und Wohnhäuser von Cauterets wurden dermaßen überschwemmt, daß ein Bleiben unmöglich wurde.

Wer aus Spanien gekommen war, kehrte, so gut es eben die Verhältnisse erlaubten, über die Berge heim, und wer sonst die Wege gut kannte, kam mit heiler Haut davon. Die französischen Herren und Edelfrauen hingegen, die da vermeinten, sie könnten ebenso leicht nach Tarbes zurückkehren, wie sie gekommen waren, fanden die kleinen Bäche derart angeschwollen, daß sie selbst Furten kaum passieren konnten. Die bearner Gade vollends, die auf dem Hinwege kaum zwei Fuß Tiefe aufgewiesen hatte, war nunmehr so wasserreich und reißend, daß sie abbogen und nach Brücken suchten. Doch die waren aus Holz gewesen und fortgerissen worden. Wohl versuchten einige der Reisenden, gemeinschaftlich der Strömung zu trotzen. Aber sie wurden so schnell fortgeschwemmt, daß die übrigen den Mut verloren. Da man sich über die Wahl des Weges, der nun einzuschlagen war, nicht einig wurde, trennte sich die Gesellschaft. Einige gingen über die Bergeshöhen und gelangten durch Aragonien und die Grafschaft Roussillon nach Narbonne; andere brachen nach Barcelona auf, um auf dem Seewege heimzukehren. Eine wohlerfahrene Wittib aber (sie hieß Oisille) entschlug sich aller Furcht vor den schlechten Wegen und beschloß, nach Notre-Dame von Serrance aufzubrechen; denn sie war sicher, daß die Mönche dort Möglichkeiten finden würden, den Gefahren zu entgehen – sofern es überhaupt solche Möglichkeiten gab. Unzugängliche Orte und gewaltige Steigungen mußte sie überwinden, also daß sie trotz ihres Gewichtes und Alters große Strecken Fuß zurücklegen mußte. Aber schließlich kam sie zum Ziel. Nur blieb fast ihr gesamter Troß an Dienern und Pferden auf der Strecke liegen, und so gelangte sie mit nur einem Knecht und einer Magd in Serrance an, wo sie gastlich bei den Mönchen Aufnahme fand.

Zwei französische Edelleute, die den Badeort nur aufgesucht hatten, um die Damen zu begleiten, denen sie den Hof machten, waren auch dabei, als die Gesellschaft sich trennte. Da die Gatten mit ihren Frauen einen eigenen Weg einschlugen, beschlossen die beiden Herren, ihnen von weitem zu folgen, ohne etwas darüber verlauten zu lassen.

Doch eines Abends kamen die beiden Ehemänner mit ihren Frauen zum Haus eines Mannes, der mehr Bandit als Bauer war, und suchten dort Unterkunft. Die jungen Edelleute mieteten sich im Nachbarhause ein.

Plötzlich, um Mitternacht, vernahmen sie nebenan gewaltigen Lärm. Schnell sprangen sie auf, und mit ihnen die Diener. Sie fragten ihren Wirt, was der Lärm bedeute. Der arme Kerl zitterte selbst vor Angst und erklärte, das sei schlimmes Gesindel, das von dem Gefährten, jenem Banditen, sein Beuteteil verlange. Nun griffen die Edelleute flugs zu den Waffen und eilten mit ihren Dienern den Damen zu Hilfe. Denn lieber wollten sie für sie sterben, als ihren Tod überleben. Als sie in das Gasthaus kamen, fanden sie schon die erste Tür erbrochen und die beiden Ehemänner nebst ihren Dienern in mutigem Verteidigungskampfe. Doch die Banditen waren bei weitem in der Übermacht, die Herren selbst schon verwundet, ein Teil der Diener gefallen, so daß sie zu weichen begannen. Durch die Fenster erblickten die beiden Edelleute die Frauen, so erbärmlich weinten und erschrecklich jammerten und schrien. Da schwoll ihr Herz vor Mitleid und Liebe, und wie zwei wütende Bären vom Berge herab stürzten sie sich auf die Banditen und hieben dergestalt wild auf sie ein, daß ihrer ein großer Teil fiel, der Rest ohne Zaudern davonlief. Auch der Wirt war gefallen, und die Wirtin, die, wie sie hörten, noch schlimmer war als er, wurde durch einen Degenstich ihm ins Jenseits nachbefördert. In der niederen Stube fanden sie den einen Ehemann im Sterben. Der andere war gut davongekommen, nur sein Gewand war von Dolchstichen zerfetzt und sein Degen zerbrochen. Er dankte ihnen für ihre Hilfe, umarmte sie und bat, ihn nicht mehr zu verlassen. Dazu waren sie gern bereit.

Alsdann begruben sie den toten Edelmann, trösteten nach Vermögen sein Weib und machten sich aufs Geradewohl wieder auf den Weg. Wollt ihr nun die Namen erfahren, so wisset: der Ehemann hieß Hircan, seine Frau Parlamente, die verwitwete Dame Longarine, die beiden jungen Herren Dagoucin und Saffredant. Nachdem sie einen ganzen Tag im Sattel verbracht hatten, erblickten sie gegen Abend einen Glockenturm. So gut es ging, doch nicht ohne Beschwer, gelangten sie zu dem Kloster und wurden vom Abt und den Mönchen gastlich empfangen. Die Abtei hieß Saint-Savin; der Abt stammte aus einer angesehenen Familie. Er brachte sie trefflich unter, führte sie alsdann in seine Wohnung und fragte sie nach ihren Erlebnissen. Als er alles gehört hatte, versicherte er ihnen, sie seien nicht die einzigen, denen es so ergangen sei. In einem anderen Zimmer befänden sich zwei Damen, die einer fast noch schlimmeren Gefahr knapp entronnen seien, denn eine halbe Meile von Pierrefite seien die ärmsten von einem Bären angefallen worden. Vor dem seien sie so schnell davongejagt, daß die Pferde tot unter ihnen zusammenbrachen, als sie hier angelangt wären. Viel später wären auch noch zwei ihrer Mägde eingetroffen und hätten erzählt, daß der Bär die ganze übrige Dienerschaft getötet habe.

Daraufhin suchten alle die beiden Damen in ihrem Zimmer auf und fanden sie in Tränen aufgelöst. Sie hießen Nomerfide und Emarsuitte. Nach vielen Umarmungen wurden alle Erlebnisse ausgetauscht. Der Abt wies sie in trostreichen Worten darauf hin, daß sie sich ja nun also wiedergefunden hätten, und so gewannen sie allmählich die Fassung wieder. Voll Hingebung wohnten sie tags darauf der Frühmesse bei und priesen Gott für ihre Rettung. Doch plötzlich stürzte ein Mann, nur mit einem Hemd bekleidet, in die Kirche und schrie laut um Hilfe. Sofort eilte Hircan mit den andern Edelleuten zu ihm, um zu sehen, wer ihn verfolge und erblickte zwei Männer mit gezückten Degen. Die wollten vor so vielen Kämpen eilends flüchten. Doch jene drangen auf sie ein, also daß sie ihr Leben lassen mußten. Und als nun Hircan zurückkehrte, erkannte er in dem Mann im Hemd einen seiner Gefährten, namens Guebron. Der erzählte, er habe in einem Landhäuschen bei Pierrefite Unterkunst gefunden. Als er im Bett lag, seien drei Männer in sein Zimmer gedrungen. Einzig geschützt durch seinen Degen habe er den einen der drei tödlich getroffen und sich dann, während die beiden ihren Gefährten plünderten, klargemacht, daß sein Heil vor diesen wohlgewappneten Burschen nur in der Flucht lag, um so mehr, als er unbekleidet leichtfüßiger war. Dann pries er Gott und seine Rächer.

Nach der Messe und dem Mittagsmahl erfuhren sie, daß die Gave noch unpassierbar war, und gerieten in tiefe Sorge. Doch der Abt drang in sie, zu bleiben, bis das Wasser gesunken sei, und das nahmen sie für diesen Tag an. Als sie abends schlafen gehen wollten, kam ein Mönch, der berichtete, er sei der Überschwemmungen wegen über die Berge gekommen und habe nie je so ungangbare Wege erlebt. Doch etwas Trauriges sei ihm widerfahren, denn er habe einen Edelmann, Simontault, getroffen. Der hätte das Sinken des Wassers nicht abwarten, sondern den Übergang erzwingen wollen. Im Vertrauen auf sein gutes Pferd hieß er seine Diener, ihn zu umkränzen und die Strömung zu hemmen. Aber in einem scharfen Strudel wurden diese auf Nimmerwiedersehen fortgerissen, weil sie schlecht beritten waren. Als der Edelmann sich allein sah, kehrte er um, und Gott wollte, daß er zwar reichlich Wasser schlucken mußte, doch endlich todesmatt auf allen Vieren das steinige Ufer erklimmen konnte. Dort stand ihm ein Hirt bei, der ihn gegen Abend fand, als er durchnäßt dasaß und traurig über den Untergang all dieser Leute brütete. Der Hirt begriff bei seinem Anblick und seinen Worten seine Hilfsbedürftigkeit, nahm ihn mit in seine Hütte und trocknete ihn vor einem armseligen Feuer nach Möglichkeit. Und am gleichen Abend kam auch der Mönch herzu und wies ihm den Weg nach Notre-Dame de Serrance, wo er bestmögliche Unterkunft und zudem in einer alten Wittib, namens Oisille, eine Leidensgefährtin finden konnte.

Voller Freuden hörte die Gesellschaft von der guten Frau Oisille und dem wackeren Simontault berichten. Sie lobten alle Gott, der sich mit den Dienern begnügt und die Herrschaften gerettet hatte, und zumal Parlamente lobte ihn von Herzen, denn einstmals war sie diesem Ritter gar wohlgewogen gewesen. Schnell erkundete man den Weg nach Serrance, obgleich der Greis ihn als gar beschwerlich geschildert hatte, und gleich am nächsten Tage brachen sie, mit allem wohl versehen, auf. Mehr zu Fuß als zu Roß und schweißbedeckt erreichten sie schließlich das Kloster, und aus Furcht vor ihrem Beschützer, dem Herrn von Béarn, wagte der Abt ihnen eine Unterkunft nicht zu verweigern, obgleich er sonst nicht gerade gutherzig war. Er bemühte sich, freundlich zu erscheinen, und führte sie schließlich zu der wackeren Oisille und dem edlen Simontault. Die Freude all dieser Gefährten, die sich auf so schier wunderbare Weise wiedergetroffen hatten, war derart groß, daß ihnen die Nacht zu kurz schien für die Lobgesänge, die sie Gott zum Preise seiner erzeigten Gnade anstimmten. Kaum hatten sie gegen Morgen etwas der Ruhe gepflegt, so eilten sie schon zur Messe und flehten den, der sie vereint hatte, um die Gunst an, die Reise ihm zum Ruhme glücklich vollenden zu dürfen.

Nach der Mahlzeit erfuhren sie durch ausgeschickte Boten, daß die Fluten eher geschwollen denn gefallen waren, und beschlossen nun, zwischen zwei nahestehenden Felsen eine Brücke zu schlagen. Noch heute gibt es dort Planken für Fußgänger, die trockenen Fußes von Oleron her die Gave überschreiten wollen. Gern stellte ihnen der Abt die nötigen Arbeiter. Denn so sparte er die Kosten und hatte zu hoffen, daß dann mehr Pilger und Bauern das Kloster besuchen würden. Selbst gab er keinen Heller her, denn sein Geiz war unerbittlich.

Da nun die Arbeiter versicherten, die Brücke könne vor zehn oder zwölf Tagen nicht fertig werden, so begann die Gesellschaft, so Männer als Frauen, sich zu langweilen. Aber Hircans Weib, Parlamente, war nie müßig oder trübselig. Sie erbat von ihrem Gatten die Erlaubnis zu reden und sagte zu Oisille, der alten Dame: »Ich bin baß erstaunt, daß Ihr, edle Frau, die Ihr also erfahren seid und gleichsam Mutterstelle bei den Damen hier vertretet, keinerlei Kurzweil bedenkt, um all die Langeweile für die Dauer unseres Aufenthaltes zu bannen. Sicherlich laufen wir Gefahr, krank zu werden, wenn wir keine vergnügsame und tugendliche Beschäftigung finden.« Und Longarine, die junge Wittib, fügte hinzu: »Schlimmer noch: wir werden unheilbar verdrießlich werden. Denn jeder von uns hat Grund zu schlimmster Trübsal, wenn er seine Verluste erwägt.« Emarsuitte warf lachend dazwischen: »Nicht jede hat gleich Euch den Gatten verloren, und der Verlust der Dienerschaft ist nicht zum Verzweifeln, maßen sie zu ersetzen ist. Immerhin teile ich die Ansicht, daß man eine Kurzweil ausdenken sollte, die uns die Zeit möglichst vergnüglich vertreibt.« Ihre Gefährtin Nomerfide stimmte bei, denn, meinte sie, ein Tag ohne Zeitvertreib könne sie umbringen, und alle die Edelleute schlossen sich der Bitte an, Frau Oisille möge ihnen Vorschläge machen. Worauf jene erwiderte:

»Was fordert ihr doch für schwierige Dinge von mir, meine Kinder. Eine Kurzweil soll ich finden, um euch die Langeweile zu vertreiben. Aber mein Leben lang habe ich danach gesucht und nur eines gefunden: heilige Bücher zu lesen. Darin fand ich wahre und vollkommene Geistesfreude, so Ruhe und körperliche Frische zeitigt. Fragt ihr mich, was mich im Alter so froh und gesund erhält, so erwidere ich: sowie ich aufgestanden bin, nehme ich die Heilige Schrift und lese und erblicke darin den Willen Gottes, der seinen Sohn auf die Erde sandte, um dies heilige Wort und frohe Botschaft zu künden, nämlich die Vergebung der Sünden und Tilgung aller Schuld durch seine Liebe, sein Leiden und seinen Opfertod. Diese Betrachtung gibt mir so viel Freude, daß ich meinen Psalter nehme und, so demütig ich kann, die schönen Psalmen und Gesänge spreche, die der Heilige Geist in Davids und der andern Dichter Herz entstehen ließ. So viel Befriedigung gewinne ich daraus, daß alles Leid, das mir Tag um Tag widerfahren mag, als Segen erscheint, denn gläubig trage ich in meinem Herzen den, der mir es schickt. Und gleichermaßen ziehe ich mich abends nach dem Essen zurück, um meine Seele mit Belehrungen zu speisen; und schließlich lasse ich alle Ereignisse des Tages an meinem Geiste vorüberziehen, bitte für alle Fehler um Verzeihung, danke für die erwiesenen Gnaden und lege mich in der Liebe, der Furcht und dem Frieden des Herrn zur Ruhe nieder, da ich gegen alle Übel gewappnet bin. Das, meine Kinder, ist meine Kurzweil, und befriedigendere habe ich trotz langen Suchens nicht gefunden. Wolltet ihr allmorgendlich eine Stunde also lesen und während der Messe inbrünstig beten – sicher würdet ihr in dieser Öde all die Schönheit finden, so die Städte bieten können. Denn wer Gott kennt, findet alles in ihm schön, alles außer ihm häßlich. Drum befolgt meinen Rat, wenn ihr froh leben wollt.«

Nun nahm Hircan das Wort und sprach: »Alle, die wir die Heilige Schrift gelesen haben, edle Frau (und sicher gibt es keine Ausnahme unter uns), alle gestehen wir gern, daß Ihr wahr sprachet. Doch schaut, wir sind noch nicht so gebrechlich, um Zeitvertreib und körperliche Übung entbehren zu können. Daheim haben wir Jagd und Vogelfang, die alle dummen Gedanken vertreiben und fernhalten. Die Frauen haben ihren Hausstand, ihre Arbeit und bisweilen eine Tanzgelegenheit, an der sie in allen Ehren teilnehmen. So muß ich, wenigstens in der Männer Namen, sagen: Ihr, als älteste unter uns allen, lest uns morgens vor, welch Leben unser Herr Jesus Christus führte und welch erhabene und wundervolle Werke er für uns vollbrachte. Doch nach dem Mittagsmahle bis zur Vesperstunde müssen wir eine Kurzweil treiben, die unserm Leibe behagt und unserer Seele nicht schadet. Und solchermaßen werden wir den Tag froh verbringen.«

Frau Oisille entgegnete, sie gäbe sich so viel Mühe, alle Eitelkeiten des Lebens zu vergessen, daß sie gewißlich nichts Geeignetes finden würde. Man solle die Stimmenmehrheit entscheiden lassen und Hircan seine Meinung zuerst äußern. Der sprach: »Ich meinesteils wäre schnell entschieden, wenn es gälte, eine Kurzweil zu finden, die einer Gefährtin gleichermaßen vergnüglich wäre wie mir. Drum will ich vorderhand schweigen und hören, was die andern meinen.« Parlamente, sein Weib, wurde rot, denn sie bezog die Bemerkung auf sich. Halb zornig, halb lachend rief sie: »Hircan, – vielleicht weiß jene, die Ihr durch Eure Worte am meisten zu betrüben vermeintet, recht wohl, wie sie Euch das vergelten kann, wenn es ihr beifällt! Doch wir wollen nun Zeitvertreibe, daran nur zwei zugleich teilnehmen können, beiseite lassen und von gemeinsamen Beschäftigungen reden.« Nun wandte sich Hircan an alle Damen: »Da meine Frau so wohl den Sinn meiner Worte verstanden hat, so wird sie, meine ich, auch besser als jeder andere zu sagen wissen, was uns allen Freude schaffen würde. Drum bin ich von Stund’ an ohnbedingt ihrer Meinung.« Alle stimmten zu, und Parlamente, die sah, daß das Los auf sie gefallen war, hub also an:

»Hielte ich mich für fähig, gleich den Alten, die der Künste viele ersannen, ein neues Spiel zu erfinden, ich tät’s, um die übertragene Aufgabe zu erfüllen. Doch maßen ich mich angesichts meiner Kenntnisse und Gaben kaum der Dinge erinnern kann, die schon von andern geleistet wurden, so bin ich froh, dem Beispiel derer folgen zu können, die schon eine der euren ähnliche Aufgabe lösten. Sicher gibt’s zum Beispiel keinen unter euch, der nicht Boccaccios ›Hundert Novellen‹ las, von deren Übersetzung ins Französische der Allerchristliche König Franz, seines Namens der erste, der Herr Dauphin, dessen hohe Gemahlin und die Prinzessin Margarete so viel des Lobes gesagt haben, daß davon Boccaccio sicherlich wieder auferstanden wäre, wenn er es in seinem Grabe vernommen hätte. Dermalen hörte ich jene hohen Frauen und andere Hofleute darüber beratschlagen, wie man gleiches zustande bringen könne, in einem nur von Boccaccio verschieden: jegliche dieser Novellen sollte ausschließlich wahre Vorfälle behandeln. Vor allen entschlossen sich jene Damen und mit ihnen der Herr Dauphin, jedweder wolle zehn Geschichten schreiben und zudem wollte man – unter Ausschluß aller, die den Wissenschaften und der Schriftstellerei oblägen – die fähigsten Erzähler wählen, bis sie insgesamt zehn an der Zahl wären. Denn der Herr Dauphin wollte keinesfalls, daß Kunstinteressen sich einmischten und die schöne Phrase irgendwie die geschichtliche Wahrheit beeinflusse. – Seitdem haben große Ereignisse den König in Anspruch genommen, der Friedensschluß mit dem König von Engelland, die Niederkunft der hohen Gemahlin des Dauphin und andere wichtige Vorfälle beschäftigten den Hof, und so geriet jenes Vorhaben in Vergessenheit. Wir aber können es wohl durchführen, während wir die Herstellung der Brücke erwarten. Und wenn es euch behagt, vom Mittag bis vier Uhr diese schöne Wiese aufzusuchen, die an den Ufern der Gave sich hinbreitet, und wo also dichtbelaubte Bäume stehen, daß der Sonne Strahl nicht durchzudringen vermag, noch des Haines Kühle zu verjagen: so wollen wir hier, behaglich hingelagert, jedweder eine Geschichte erzählen, die wir entweder selbst erlebt oder von vertrauenswürdiger Seite gehört haben. In zehn Tagen kann das Hundert voll sein. Und wenn es Gott fügt, daß unser Werk Gnade finden könnte vor jenen Herrschaften, so wollen wir es ihnen nach unserer Rückkunft unterbreiten. Ich kann die Versicherung geben, daß ihnen dieses Geschenk genehm wäre. Sollte indessen jemand unter uns eine bessere Kurzweil finden, so will ich mich dem gern anschließen.«

Doch die ganze Gesellschaft vermeinte, unmöglich besseres ersinnen zu können, und man konnte schier den nächsten Tag nicht erwarten, um zu beginnen. So verbrachten alle diesen Tag guter Dinge und plauderten untereinander von ihren Erlebnissen. Kaum brach dann der neue Morgen an, so eilten sie zur Stube der Frau Oisille. Die gute Dame war schon in Gebete versunken. Man lauschte ihren Worten eine gute Stunde, dieweil sie las, besuchte dann andächtig die Messe und ging um zehn Uhr zu Tisch. Danach kehrte jeder in sein Zimmer zurück, um dem seinigen vorzusehen, und pünktlich um zwölf Uhr fanden sich alle auf der Wiese ein, wie vereinbart war. Dort war es also schön und vergnüglich, daß es eines Boccaccio bedürfte, um die Wahrheit zu treffen – genug, es war schier ohnegleichen. Als alle auf dem grünen Pflanzenbette hingelagert waren, das sich weich und zart hinbreitete und jeglichen Pfühl entbehrlich machte, hub Simontault also an:

»Wer von uns wird die Oberleitung über uns alle übernehmen?« – »Da Ihr zuerst sprachet,« meinte Hircan, »so möget Ihr auch die Leitung haben; denn im Spiel sind wir alle einander gleichgestellt.« – »Gebe Gott,« rief Simontault, »daß mir so Herrliches beschieden wurde, euch allen hier befehlen zu dürfen.« Parlamente verstand ihn recht wohl und hüstelte, damit Hircan die ihr aufsteigende Röte nicht merkte. Der sprach zu Simontault: »So beginnt mit einer schönen Geschichte, und alle werden Eueren Worten lauschen.« Darob hub jener an:

»Meine Damen, für langes Liebeswerben bin ich schlecht gelohnt worden. So will ich aus Rache für jene, die so grausam war, von üblen Streichen plaudern, die armen Männern von den Frauen gespielt wurden. Ich werde wahrhaftig sein und die lautere Wahrheit berichten.«

 

 


Der erste Tag

 

Erste Erzählung

 

Ein Weib in Alencon hat zwei Verehrer, den einen zur Lust, den andern für sein Geld. Den ersten, der den Betrug merkt, läßt sie töten und erwirkt Begnadigung für sich und ihren flüchtigen Mann. Der wendet sich dann, um eine Summe Geldes zu retten, an einen Schwarzkünstler. Ihr Treiben wird entdeckt und bestraft.

 

»Zu Lebzeiten des Herzogs Karl gab es in Alencon einen Prokurator Saint-Aignan, der eine liebreizende Frau jener Gegend geheiratet hatte. Doch war sie mehr schön denn sittsam: ob ihrer Reize und ihrer Leichtfertigkeit stellte ihr ein Prälat nach, dessen Name ich Standesrücksichten verschweigen will. Der wußte sich, um zum Ziele zu gelangen, gar wohl mit dem Ehemann zu stellen, also daß dieser von dem lästerlichen Umgange seiner Frau mit dem Prälaten nichts merkte, ja, daß er später seiner Ergebenheit für das Herrscherhaus vergaß, ins Gegenteil umschlug und endlich gar den Tod der Herzogin (Margarete) durch Zauberkraft betrieb.

Also lebte der Prälat lange Zeit im Ehebruche mit jener beklagenswerten Frau, die ihm mehr aus Geldgier denn aus Liebe ergeben war, zumal ihr Mann sie trieb, jenen an sich zu fesseln. Doch war in jener Stadt auch ein Jüngling, der Sohn des Stadtkommandanten, und den liebte sie bis schier zum Wahnsinn. Und oft mußte ihr der Prälat zu Diensten sein, indem er ihrem Mann Aufträge erteilte; dadurch fand sie Gelegenheit, den Sohn des Stadtkommandanten nach Gefallen zu sehen. Solchergestalt ging dies Treiben manche Zeit – des Vorteils wegen litt sie den Prälaten, zur Lust sah sie den Kommandantensohn, und diesem schwor sie, daß all ihr Liebesspiel mit jenem nur dem Zweck diene, für ihn freier zu sein. Jener habe nur Versprechungen empfangen und niemals fürwahr werde ein anderer denn er mehr erringen.

Als nun eines Tages ihr Mann zu dem Prälaten ging, bat sie ihn um Erlaubnis, aufs Land gehen zu dürfen, weil ihr die Stadtluft zuwider sei. Und als sie kaum auf ihrem Gutshofe angelangt war, da schrieb sie flugs dem Jüngling, er möge sie ja gegen zehn Uhr des Abends aufsuchen. Das tat der ärmste auch, doch fand er am Tore die Kammerzofe, die, statt ihn wie gewöhnlich hineinzulassen, ihm erklärte: ›Kehrt um, lieber Freund – Euer Platz ist besetzt.‹

Er vermeinte, der Gatte sei gekommen, und fragte, wie das käme. Als nun das gute Mädchen ihn so jung, schön und ehrenhaft vor sich stehen sah, so liebevoll und arg getäuscht, da erbarmte sie sich seiner. Sie berichtete ihm ihrer Herrin verräterisches Tun, da sie glaubte, es würde seine Liebe kühlen, wenn er das erführe. Sie erzählte, daß soeben der Prälat gekommen sei und ihr Lager teile; daß sie dessen Ankunft nicht erwartet hätte, maßen er erst tags darauf kommen sollte; daß der aber ihren Mann daheim festgehalten habe und noch spät abends aufgebrochen sei, um sie insgeheim zu sehen.

Der Sohn des Kommandanten war schier verzweifelt und konnt es gar nicht fassen. Er verbarg sich in einem Nachbarhause und wachte bis drei Uhr morgens; da sah er den Prälaten herausschlüpfen und erkannte ihn trotz seiner Verkleidung nur zu gut. Trostlos kehrte er nach Alencon zurück und alsbald kam auch seine treulose Freundin wieder dorthin. Die wollte ihn, gleichwie sie es gewöhnt war, weiter täuschen und suchte ihn auf. Doch er erklärte ihr: Maßen sie heilige Werkzeuge berührt habe, sei sie selbst zu heilig, um mit einem Sünder zu verkehren, der jetzt also tief in Reue versunken sei, um hoffentlich bald Vergebung zu finden.

Da sie erkannte, daß ihr Treiben durchschaut war, und da weder Entschuldigungen noch Schwüre noch Versprechen ihn zur Umkehr zu bringen vermochten, beklagte sie sich beim Prälaten. Und nach reiflicher Überlegung ging sie dann zu ihrem Mann und eröffnete ihm, sie könnte fürder nicht mehr in Alencon wohnen bleiben, weil des Kommandanten Sohn, auf den sie so große Stücke gehalten habe, unaufhörlich ihrer Tugend nachstelle. So möge er mit ihr nach Argentan übersiedeln, um allen Verdacht zu vermeiden. Und ihr Mann, der sich ganz von ihr leiten ließ, war ihr zu Willen.

Sie waren noch nicht lange in Argentan, da schrieb dies elende Weib an den jungen Mann, er sei ein ganz schlechter Kerl, denn sie habe erfahren, daß er öffentlich über sie und den Prälaten Übles rede, und sie werde dafür sorgen, daß er ihr das büße. – Der Jüngling hatte nie je außer mit ihr darüber gesprochen. Doch fürchtete er die Ungnade des Prälaten, und so reiste er mit zweien seiner Diener nach Argentan. Er fand die Dame in der Jakobinerkapelle beim Vespergottesdienst, kniete neben ihr nieder und sprach: ›Ich kam hierher, Madame, um Euch vor Gott zu schwören, daß ich niemals mit jemand anderem als Euch selbst über Euren Wandel gesprochen habe. Bös’ war der Streich, den Ihr mir gespielt habt, und nicht die Hälfte der Vorwürfe habe ich Euch gesagt, die Ihr wohl verdient hättet. So aber jemand, sei es Mann oder Frau, behaupten will, ich hatte darüber gesprochen, den will ich vor Euch Lügen strafen, dafür bin ich hier!‹

Als sie erkannte, daß viel Volks in der Kirche war und daß er von zwei trefflichen Dienern begleitet war, zwang sie sich, gar anmutig mit ihm zu sprechen und versicherte ihm, ohne Zweifel sage er die Wahrheit. Sie habe ihn immer zu hoch geschätzt, um zu glauben, daß er Übles reden könne, und zumal über sie, die ihm so viel Freundschaft entgegenbrächte. Doch ihr Mann habe solcherlei vernommen, und so möge er vor ihm versichern, daß er mit niemandem gesprochen habe und auch keineswegs etwas dergleichen glaube.

Dazu war er gern bereit. Er vermeinte, sie wolle gleich von ihm begleitet werden und bot ihr den Arm. Doch sie entgegnete, es wäre nicht gut, wenn er mitkäme, denn ihr Mann würde glauben, sie hätte ihm seine Worte eingeschärft. Dann nahm sie einen seiner Diener beim Rockärmel und fuhr fort: ›Dieser hier mag mit mir gehen, und sowie es Zeit ist, schicke ich ihn zu Euch, um Euch zu rufen. Derweile ruht Euch in Eurem Gasthause aus.‹

Der junge Mann ahnte nichts Böses dahinter und ging. Indes gab sie dem Diener, den sie zurückbehalten hatte, ein reichliches Abendessen, und allemal, da er fragte, ob es nun nicht Zeit sei, den Herrn zu holen, erwiderte sie, er würde noch zu früh kommen. Um Mitternacht aber schickte sie heimlich einen ihrer Knechte, ließ den Jüngling kommen, und der eilte mutig und ahnungslos in das Haus besagten Saint-Aignans. Da jene Frau den andern Diener bewirtete, so hatte er nur noch einen bei sich. Kaum war er im Hause, so erklärte ihm der Knecht, der ihn gebracht hatte, die Dame wolle gern mit ihm vor ihrem Mann sprechen und erwarte ihn in einer der Stuben; doch habe sie nur einen ihrer Diener bei sich und darum täte er wohl daran, seinen andern Diener heimzuschicken. Also tat er und klomm sodann eine recht dunkle Stiege empor. Indessen hatte Prokurator Saint-Aignan in einer Kleiderecke Leute in den Hinterhalt gelegt und fragte nun, als er die Schritte hörte: ›Wer ist das?‹ Jemand antwortete, das sei ein Mann, der heimlich in sein Haus dringen wolle. Alsbald sprang ein gewisser Thomas Guérin hervor, ein gewerbsmäßiger Mörder, dessen gute Dienste sich der Prokurator teuer erkauft hatte. Der stach sogleich so oft und schnell auf den Jüngling ein, daß dieser trotz aller Gegenwehr sich nicht zu decken vermochte und tödlich getroffen niedersank. Der Diener, der mit der Dame sprach, sagte inzwischen: ›Ich höre meinen Herrn auf der Stiege sprechen; ich werde zu ihm gehen.‹ Doch sie hielt ihn zurück und entgegnete: ›Sorge dich nicht, er wird ja gleich kommen.‹ Als sodann sein Herr ausstieß: ›Ich sterbe – ! Gott empfehle ich meine Seele!‹, da wollte er ihm zu Hilfe eilen. Doch sie hielt ihn wieder und meinte: ›Bleibe nur ruhig; mein Mann hat ihn ob seiner Jugendkeckheit gezüchtigt. Wir wollen sehen, was es da gibt.‹ Und sie trat an den Stiegenrand und fragte ihren Mann: ›Nun wie ist es? Erledigt?‹ Der erwiderte: ›Kommt her und seht! Soeben hab’ ich Euch an dem gerächt, der Euch so schlimme Schande schuf!‹ Und nach diesem Worte zog er einen Dolch hervor und stach damit wohl zehn- oder zwölfmal in den Leib des Mannes, den lebend zu überfallen er nicht gewagt hätte.

Nachdem also der Mord vollbracht war und des Toten Diener davongeeilt waren, um dem armen Vater die Unglücksnachricht zu überbringen, bedachte Saint-Aignan, daß die Tat nicht geheim bleiben könne. Doch erwog er, daß die Diener des Ermordeten keine Augenzeugen waren und außer den Mördern nur eine alte Kammerfrau und eine junge Magd von fünfzehn Jahren die Tat mit angesehen hatten. So wollte er sich zunächst der Alten bemächtigen; doch die entschlüpfte zu den Jakobinern und war später die wertvollste Zeugin über dies Verbrechen. Die junge Magd blieb zwar noch einige Tage im Hause; aber der Prokurator ließ sie durch einen der Mörder verführen und dann in ein öffentliches Haus schleppen, auf daß sie nicht als glaubwürdige Zeugin auftreten könne. Um übrigens den Mord zu verbergen, ließ er den Leichnam des armen Opfers verbrennen und die Knochenreste in den Mörtel mischen, der bei Bauarbeiten in seinem Hause gebraucht wurde. Endlich schickte er eilends ein Gnadengesuch zu Hofe und gab darin an: zu wiederholten Malen habe er sein Haus einem Eindringling verbieten müssen, der augenscheinlich der Tugend seiner Frau nachstellte. Trotz dieses Verbotes habe sich jener nachts bei ihm eingeschlichen, um mit ihr zu reden. Maßen er ihn nun vor ihrer Stubentür fand, habe er ihn, von Zorn übermannt, getötet.

Trotz aller Eile kam sein Brief nicht schnell genug zur Kanzlei. Der Herzog und die Herzogin waren schon zuvor von dem armen Vater über die Tat unterrichtet worden und ließen den Kanzler wissen, daß er dem Gnadengesuche nicht entsprechen dürfe. Als der Elende sah, daß er nichts erreichen konnte, floh er nach Engelland und mit ihm sein Weib und etliche Verwandtschaft. Doch zuvor sagte er dem Mörder, der die Tat in Wirklichkeit vollbracht hatte, – der König habe in dringenden Briefen seine Festnahme und Hinrichtung angeordnet; doch er wolle ihm angesichts der erwiesenen Dienste das Leben retten, – und damit gab er dem Mörder zehn Taler und hieß ihn außer Landes zu gehen. Der tat es auch und ward nie je gefunden.

Indessen ward der Mord sowohl durch das Zeugnis der Diener des Verblichenen einwandsfrei festgestellt, als durch die Aussage der Kammerfrau, die zu den Jakobinern entwischt war, und endlich durch die Knochenreste, die sich im Mörtel fanden. So wurde ein Prozeß angestrengt und in Abwesenheit Saint-Aignans und seiner Frau verhandelt. Beide wurden in contumaciam zum Tode verurteilt, ihre Güter eingezogen und fünfzehnhundert Taler dem Vater zugesprochen. Nun erkannte Saint-Aignan in Engelland wohl, daß er von Rechts wegen in Frankreich ein toter Mann war. Doch erwies er hohen Herren manch guten Dienst, und hierdurch und durch gute Beziehungen über die Verwandtschaft seines Weibes hinweg erwirkte er, daß der König von Engelland dem König hier unterbreiten ließ, er möge doch Gnade walten und auch die Güter wieder freigeben lassen. Der unterrichtete sich über diese unerhörte schmutzige Tat und übersandte die Akten dem König von Engelland mit dem Ersuchen, er möge wohl erwägen, ob ein derartiger Fall Gnade verdiene. Zudem habe der Herzog von Alencon in seinem Gebiet allein das Recht, Begnadigung zu üben. Trotz alledem gab sich der König von Engelland nicht zufrieden und betrieb die Sache so eifrig, daß der Prokurator schließlich wirklich begnadigt wurde und nach Hause heimkehrte.

Um nun seiner Schlechtigkeit die Krone aufzusetzen, trat Saint-Aignan zu einem Schwarzkünstler in Beziehung, des Name Gallery war. Durch dessen Kunst erhoffte er der Zahlung jener fünfzehnhundert Taler freizuwerden, die er dem Vater des Ermordeten als Buße schuldete. Zu diesem Behufe begab er sich mit seinem Weibe verkleidet nach Paris. Da nun jene Frau inne ward, daß er mit besagtem Gallery lange Zeit hindurch in einer Stube eingeschlossen verblieb und nicht sagen wollte, aus welchem Grunde, so bespähte sie ihn eines Morgens und gewahrte, wie ihm Gallery fünf Holzfiguren vorwies. Die Arme von dreien derselben hingen herab, bei zweien waren sie emporgehoben3. Der Zauberer aber sprach zum Prokurator:

›Wir bedürfen solcher Figuren aus Wachs, dergestalt, daß die mit hängenden Armen diejenigen darstellen, die wir zu Tode bringen wollen, die mit erhobenen Armen aber jene, deren Gunst und Zuneigung wir wünschen.‹

Und der Prokurator erwiderte:

›So sei diese hier für den König, dessen Wohlgeneigtheit ich erstrebe, und jene dort für Brinon, den Herrn Kanzler von Alencon.‹

Gallery erklärte: ›Die Bildnisse müssen unter den Altar gelegt werden, und dort müßt Ihr eine Messe über sie sprechen mit Worten, die ich Euch allsogleich ansagen will.‹

Dann wandte sich der Prokurator zu den Figuren mit hängenden Armen und bestimmte: die eine solle für Gilles du Mesmil sein, den Vater des Ermordeten – denn er wußte gar wohl, daß jener nicht aufhören würde, ihn zu verfolgen, solange er am Leben sei. Die erste der beiden Frauenfiguren mit hängenden Armen solle der Frau Herzogin von Alencon, der Schwester des Königs, gelten, weil sie ihrem alten treuen Diener Mesmil so zugetan war und andererseits in so vielerlei Beziehungen des Prokurators Bosheit kannte, daß dieser bei ihren Lebzeiten seines Lebens nicht sicher war. Die andere Frauenfigur endlich mit hängenden Armen sei für sein Weib, der er all dieses Ungemach verdanke und die sicherlich nicht von ihrem lästerlichen Leben lassen würde.

Derweile erspähte seine Frau alles durchs Schlüsselloch. Und da sie inne ward, daß er sie dem Tod bestimmte, beschloß sie, ihn zuerst ins Jenseits zu schicken. Alsbald gab sie vor, von einem Onkel Geld leihen zu wollen suchte diesen, der Rentmeister des Herzogs von Alencon war, auf und berichtete ihm alles, was sie von ihrem Mann gesehen und gehört hatte. Der Onkel war ein greiser, pflichtgetreuer Mann. Flugs ging er zum Kanzler, erzählte ihm die Geschichte, und sintemalen das Herzogspaar an diesem Tage nicht bei Hofe war, übermittelte der Kanzler den seltsamen Fall der Frau Regentin, der Mutter des Königs, und der Herzogin. Die ließ alsbald La Barre, den Profoß zu Paris, holen, und der veranlaßte umgehend die Festnahme des Prokurators und seines Hexenmeisters Gallery.

Beide gestanden ohne Folter noch Kreuzverhör ihr Vergehen. So wurde ihnen der Prozeß gemacht und die Sache dem König überantwortet. Zwar wollten einige Personen sie retten und sagten dem König, die beiden hätten nur seine Gunst erstrebt. Doch dem König war seiner Schwester Leben gleich teuer wie das seinige, und so bestimmte er, das Urteil solle lauten, als ob sie auf seine eigene Person einen Mordanschlag verübt hätten. Desohngeachtet beschwor ihn seine Schwester, die Herzogin von Alencon, dem Prokurator das Leben zu schenken und eine schwere körperliche Strafe über ihn zu verhängen. Also geschah es denn auch, und dieser und mit ihm Gallery wurden nach Marseille auf die Galeeren von Saint-Blanquart geschickt, allwo sie ihr Leben in strengster Gefangenschaft beendeten und Muße fanden, der Schwere ihrer Sünden inne zu werden. Das schlimme Weib aber beharrte auch in Abwesenheit ihres Mannes in ihrem lästerlichen Leben, ward schlimmer denn je und starb im Elend.

So bitte ich euch, verehrte Damen, schaut wohl, was für Jammer ein boshaftes Weib anrichten kann. Seit Adams Fall durch Eva haben alle Frauen das ihre getan, um die Männer zu quälen, zu töten und in Verdammnis zu stürzen. Auch ich werde nach allem, was ich schon erlebt habe, gewißlich dermaleinst an der Verzweiflung sterben, die ich einer von ihnen verdanke. Und doch bin ich toll genug, zu sagen, daß mir Höllenqualen von ihr köstlicher erscheinen, denn Paradieseswonnen von einer anderen.«

Parlamente tat, als verstände sie ihn nicht und meinte: »Dann dürstet Ihr wohl auch die Teufelin, die Euch zu solcher Hölle schleppte, nicht so sehr fürchten?« Doch er erwiderte erregt:

»Wäre sie gleich schwarz von Angesicht, wie schlimm zu mir, so würde sie gewißlich der Gesellschaft ebensoviel Furcht schaffen, als mir Lust, wenn ich sie anschaue. Doch läßt der Liebe Glut mich die der Hölle vergessen. – Und nun will ich abbrechen und der edlen Frau Oisille das Wort geben. Sicherlich wird sie meine Ansicht bestätigen, wenn sie alles sagen wollte, was sie von Frauen weiß.«

Alsbald wandten sich alle zu jener hin und baten sie, zu beginnen. Des war sie zufrieden und hub also an: »Der mir das Wort erteilte, meine Damen, hat durch den wahrhaften Bericht von einem beklagenswerten Weib so viel schlimme Vorwürfe auf die Frauen gehäuft, daß ich meines ganzen langen Lebens Erinnerungsbild überblicken muß, um ein Geschehnis zu finden, das so üble Meinung widerlegen kann. Doch nun ist mir eines beigefallen, das wohl verdient, dem Staube der Vergessenheit entrissen zu werden, und das will ich euch berichten.«

 

 

Zweite Erzählung

 

Wie das Weib eines Maultiertreibers der Königin von Navarra zwar kläglich, doch in Züchten starb.

 

»Zu Amboise lebte einst ein Maultiertreiber, der bei der Königin von Navarra, der Schwester des Königs Franz, seines Namens der erste, in Diensten stand. Die Königin war damals gerade zu Blois mit einem Sohn niedergekommen, und dorthin machte sich der Treiber zu ihr auf, um seinen Lohn abzuholen, derweile sein Weib in ihrer Wohnung jenseits der Brücken verblieb.

Nun ward diese von einem Knechte ihres Mannes bis zur Verzweiflung geliebt, und eines Tages hatte dieser nicht mehr vermocht an sich zu halten und ihr von seinen Gefühlen gesprochen. Doch sie war eine durchaus ehrbare Frau: scharf wies sie ihn zurück und bedrohte ihn gar, sie wolle ihn von ihrem Mann züchtigen und fortjagen lassen, also daß er nicht mehr wagte, ihr mit dergleichen Worten zu nahen. Doch barg er die Glut wohl verwahrt in seinem Herzen, bis so eines Tages sein Herr die Stadt verließ. Als nun einmal auch seine Herrin zur Messe außer dem Hause war und er also allein verblieb, überkam ihn der Gedanke, durch Gewalt zu erlangen, was ihm trotz Flehen und Ergebenheit unerreichbar blieb. So brach er aus der Wand, die das Zimmer seiner Herrin von seiner Schlafkammer trennte, eine Bohle aus.

Maßen sowohl von dem Bette seiner Herrin und ihres Mannes als dem des Knechtes ein Vorhang niederhing und so die beiden Seiten der Wand bedeckt waren, vermochte man die entstandene Öffnung nicht zu gewahren, und also blieb seine Bosheit unbemerkt, bis seine Herrin mit einer jungen zwölfjährigen Magd sich schlafen legte. Das arme Weib lag kaum im ersten Schlaf, da schlüpfte der Knecht durch die Öffnung und legte sich, nur mit einem Hemd bekleidet und einen bloßen Degen in der Faust neben sie ins Bett. Doch nicht sobald hatte sie ihn verspürt, so schnellte sie vom Lager und überhäufte ihn mit all’ den Vorwürfen, die sich einer ehrsamen Frau zu rechte geziemen. Doch seine Liebe glich viehischer Brunft. Eher hätte er wohl der Maulesel Sprache begriffen, denn ihre ziemlichen Vorstellungen. Und viehischer noch zeigte er sich, als die Tiere, mit denen er so lange zu tun gehabt hatte: denn als er inne ward, daß sie so schnell um einen Tisch herumlief, daß er sie nicht erhaschen konnte, und daß sie obendrein stark war und


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zweimal sich von ihm frei zu machen vermochte – da gab er die Hoffnung auf, sie jemals lebend zu besitzen, und versetzte ihr einen gewaltigen Degenstich in die Seite. Und er vermeinte, der Schmerz werde erzwingen, was Angst und Gewalt nicht erreicht hatten.

Aber es kam umgekehrt. Gleichwie ein wackerer Fechter nur hitziger kämpft, um Rache zu üben und die Ehre zu retten, dafern er sein Blut spritzen sah – also gab ihres Herzens Keuschheit dem armen Weibe die doppelte Kraft, zu laufen und jenem Elenden zu entschlüpfen. Und unterdes machte sie ihm ohn’ Ermatten Vorstellungen, um ihn zur Einsicht zu bringen. Doch in ihm loderte wilde Glut und er war allem Zuspruch taub. Er versetzte ihr noch etliche Degenstiche, und sie hinwiederum lief, um ihnen zu entgehen, so schnell als ihre Beine sie tragen konnten. Und da sie endlich den Tod nahen fühlte, weil sie all ihr Blut verloren hatte, hob sie ihre Augen zum Himmel empor, faltete ihre Hände und empfahl Gott ihre Seele. Ihn nannte sie ihre Kraft, Tugend, Ausdauer und Keuschheit und flehte ihn an, ihr Blut gnädig anzunehmen, da sie es seinem Gebote getreu vergossen habe und voll Demut vor seinem göttlichen Sohne, der, so glaube sie fest, mit dem seinen alle Sünden vor dem göttlichen Zorne abgewaschen und getilgt habe. Und mit den Worten: ›Herr, nimm meine Seele zu Dir, die durch deine Gnade erlöset wurde.‹ sank sie auf ihr Gericht zur Erde nieder. Dort versetzte ihr der Elende noch manchen Hieb, und als sie stille wurde und alle Kraft ihrem Körper entflohen war, da raubte ihr der Bösewicht, was sie nicht mehr zu verteidigen vermochte. Alsbald aber, nachdem er seine freventliche Begierde gestillt hatte, entfloh er in Hast, und trotz aller Nachforschungen konnte er fürder nimmermehr gefunden werden.

Das Mägdlein, das bei der Frau gelegen hatte, war derweile vor Angst unter die Bettstatt gekrochen. Als sie merkte, daß der Mann fort war, eilte sie zu ihrer Herrin, und als sie diese so stumm und regungslos liegen sah, rief sie durchs Fenster die Nachbarsleute um Hilfe herbei. Die mochten die Frau wohl und schätzten sie mehr, denn manch andere Frau in der Stadt. So kamen sie ohne Zaudern herbei und brachten auch sogleich Wundärzte mit. Die fanden fünfundzwanzig tödliche Stichwunden an diesem Körper, und all ihr Mühen, der Frau zu helfen, blieb fruchtlos.

Immerhin blieb sie noch eine Stunde am Leben, wenngleich sie nicht mehr zu sprechen vermochte. Doch bedeutete sie durch Zeichen mit ihren Augen und Händen, daß sie noch bei Bewußtsein war. Als sie ein Geistlicher nach ihrem Glaubensbekenntnis befragte, gab sie durch untrügliche Zeichen, wie die Sprache sie nicht deutlicher hätte geben können, zu verstehen: ihre Zuversicht ruhe in Jesu Christo, den sie in seiner Herrlichkeit zu erblicken erhoffe. Und so überlieferte sie fröhlichen Angesichts und mit himmelwärts gerichtetem Blicke ihren keuschen Leib der Erde, ihre Seele aber ihrem Schöpfer.

Da sie nun aufgehoben und eingesargt war, und da ihre Leiche vor der Tür stund, um das Totengeleite zu erwarten, kam ihr armer Mann herbei und erblickte also die irdischen Reste seines toten Weibes, bevor er von ihrem Hinscheiden vernommen hatte. Und als er gar die Umstände erfuhr, ward seine traurige Verzweiflung verdoppelt, also daß er schier sein Leben ließ.

So ward dies Opfer seiner Keuschheit in der Kirche Saint-Florentin beigesetzt und keine ehrbare Frau der Stadt verfehlte, ihr die letzten Ehren zu erweisen, maßen sich alle glücklich schätzten, zu einer Stadt zu gehören, die eine so tugendsame Frau ihr eigen nennen konnte. Und als die Dirnen und leichtfertigen Weiber inne wurden, welche Ehren man ihrem Leichnam erwies, da entschlossen sie sich, ihren Lebenswandel zum Besseren zu wenden.

Das, meine Damen, ist gewiß eine wahrhafte Geschichte, die unsere Herzen auf dem Wege der Keuschheit und Tugend zu stützen vermag. Sollten wir Frauen edler Abkunft nicht vor Scham vergehen, wenn wir in uns jene Weltlust verspüren, der jenes arme Weib entgehen wollte und darum lieber solch grausamen Tod erlitt? Wahrlich, Gottes Gnade wird nicht durch Adel oder Reichtum erworben, sondern durch gottgefälliges Leben. Oft wählt der Herr den Niedriggeborenen, um die zu beschämen, so die Welt für hochstehend und ehrwürdig erachtet.«

In der ganzen Gesellschaft gab es wohl keine Dame, der nicht aus Mitgefühl mit dem kläglichen und doch so heldenmütigen Tode des armen Weibes eine Träne im Auge blinkte. Und jegliche bedachte wohl bei sich, daß sie im gleichen Falle schwerlich diesem Beispiele gefolgt wäre. Da nun die Frau Oisille wahrnahm, wie die Zeit unter Lobessprüchen auf die also Dahingeschiedene verstrich, wandte sie sich an Saffredant: »Wenn Ihr nicht schnell durch einen lustigen Scherz die Gesellschaft zum Lachen bringt, dann wird keine hier meinen Fehler verzeihen, daß ich sie zu Tränen gerührt habe. Drum gebe ich Euch das Wort.«

Gern hätte Saffredant etwas Gefälliges erzählt, das den Damen, und zumal einer, von Herzen behagt hätte. Doch erklärte er, man täte unrecht, ihn zu wählen. Ältere und Erfahrenere müßten zuerst sprechen. Doch sei das Los nun einmal auf ihn gefallen, so wolle er sich lieber beeilen, seine Aufgabe zu erledigen; denn je mehr gute Erzählungen vor ihm gehört würden, um so mehr würde die seine abfallen.

 

 


Dritte Erzählung

 

Der König von Neapel verführt eines Edelmannes Frau und wird schließlich selbst betrogen.

 

»Oft habe ich mir gewünscht,« erzählte Saffredant, »das glückliche Geschick des Mannes zu teilen, von dem ich hier berichten will. Zur Zeit des Königs Alfons, dessen Sinnenlust in seinem Reiche das Szepter führte, lebte in Neapel ein Edelmann, dem ob seiner vollkommenen Ehrenhaftigkeit, Schönheit und Liebenswürdigkeit ein alter Grande seine Tochter zum Weibe gab. Das Mägdelein stand ihrem Manne weder in Tugend noch in Schönheit nach, und zwischen beiden herrschte alsbald herzinnige Zuneigung. Da kam der Karneval, allwo der König maskiert in die Häuser zu gehen pflegte und jeder sich befleißigte, ihn bestmöglich zu empfangen. So ging er auch in das des Edelmannes und ward trefflicher bewirtet, denn sonst irgendwo, soviel Leckerbissen, so schöner Gesang ward ihm geboten. Zudem war dort die herrlichste Frau, die er je gesehen hatte, und am Ende des Gastmahles trug diese gar mit ihrem Mann ein Lied mit soviel Anmut vor, daß ihre Schönheit darob noch zu wachsen schien. Doch der Anblick so vieler Vollkommenheiten, die in einer Person vereint waren, weckte in dem Könige kein Behagen an der sanften Eintracht der beiden Gatten, sondern den Wunsch, diese Eintracht zu stören. Ihre innige Zuneigung zueinander erkannte er als ein großes Hindernis. So barg er, so gut er es vermochte, seine Leidenschaft in seinem Herzen.

Um diese aber wenigstens zum Teil zu befriedigen, ließ er allen Edelleuten und Edelfrauen Neapels ein Festgelage geben, zu dem auch jene zwei geladen waren. Maßen nun jeder gern das glaubt, was er zu sehen wünscht, so vermeinte er, daß die Augen jener Frau ihn verheißungsvoll anblickten, und nur des Mannes Anwesenheit ihr hinderlich zu sein schien. Um nun die Richtigkeit seines Gedankens zu erkunden, gab er dem Manne den Auftrag, für zwei bis drei Wochen nach Rom zu reisen. Kaum war dieser fort, so versank sein Weib, dem sein Bild noch lebhaft vor Augen stand, in tiefe Trauer. Doch der König suchte sie, soviel er konnte, durch zarte Aufmerksamkeiten, Gaben und Geschenke zu trösten, also daß sie bald den Abschiedsschmerz überwunden hatte und sich gar ohne ihren Mann recht wohl fühlte. Und noch bevor die drei Wochen, nach denen er heimkehren sollte, verstrichen, war sie dermaßen in den König verliebt, daß ihres Mannes Rückkunft ihr schwerer auf die Seele fiel als seine Abreise. Um nun das Zusammensein mit dem Könige nicht entbehren zu müssen, vereinbarten die beiden: allemal, wenn ihr Gatte seine Güter besuchen würde, wollte sie es den König wissen lassen, und der mochte sie dann so geheim besuchen, daß ihr Mann (den sie mehr fürchtete, denn ihr Gewissen) davon nichts erfahren würde.

Diese Hoffnung stimmte sie wieder froh. Und als ihr Mann heimkehrte, nahm sie ihn so trefflich auf, daß er nun an die Gerüchte, die ihm zugegangen waren, nimmer glauben mochte: der König habe während seiner Abwesenheit mit seinem Weibe gebuhlt. Doch mit der Dauer der Zeit brach die wohl verborgene Leidenschaft zu deutlich hervor, als daß der Gatte an der Wahrheit der Gerüchte weiter zweifeln konnte. Er spürte ihnen nach und war alsbald so gut wie sicher. Doch fürchtete er, der König, der ihm seine Ehre geraubt hatte, konnte ihm noch Schlimmeres antun, dafern er sich etwas merken ließe. So verstellte er sich; denn er zog vor, in Leid zu leben, statt für ein Weib, das ihn doch nicht liebte, sein Leben aufs Spiel zu setzen. indessen erwog er voll Unmutes, wenn möglich dem König ein gleiches heimzuzahlen. Er bedachte, daß die Liebe großmutige und tugendsame Herzen am leichtesten zu übermannen vermochte, und eines Tages, da er mit der Königin plauderte, erklärte er ihr kühn, er bedaure tief, daß ihr keine andere Liebe beschieden sei als die kühlen Gefühle ihres Gatten, des Königs.

Die Königin hatte wohl von der Zuneigung reden hören, die zwischen dem König und der Frau des Edelmanns bestand, und erwiderte: ›Ich kann nicht gleichzeitig Ehren und Freuden genießen. Wohl weiß ich, daß mir die Ehre zufällt und einer andern die Lust. Doch genießt jene dafür auch nicht die Ehre, die mein Teil ist.‹ Er verstand sehr wohl, worauf jene Worte hinzielten und sprach nunmehr:

›Die Ehre, hohe Frau, ward Euch in die Wiege gelegt, denn Ihr seid so edlen Geschlechts, daß Ihr auch als Königin oder Kaiserin nicht höher zu steigen vermöchtet. Doch verdient Eure Schönheit, Anmut und Tugend so viel Liebesfreuden, daß jene, die Euer Teil raubt, sich selbst mehr schädigt als Euch, denn um einen Ruhm, der sich in Schande wandelt, verliert sie alle Freuden, die Ihr, oder eine andere Frau des Reiches, nun ernten könnt. Wahrlich – abgesehen von seiner Krone besitzt der König nichts, damit er eine Frau mehr beglücken könnte als ich. Vielmehr gar müßte er seine Gaben mit den meinen vertauschen, um eine so erhabene Frau, wie Euch, ganz zufrieden zu stellen.‹

Darauf meinte die Königin lachend: ›Vielleicht ist der König nicht also stark, wie Ihr es seid. Doch bin ich von seiner Liebe so befriedigt, daß ich sie jeder anderen vorziehe.‹ Der Edelmann jedoch entgegnete:

›Wäre es in Wahrheit so, hohe Frau, gewißlich würde nicht mein Mitleid für Euch rege werden. Wohl weiß ich, daß Eure hochherzige Liebe Euch voll befriedigen würde, wenn sie nur vom König erwidert würde. Doch hat Euch Gott davor bewahrt, aus ihm Euren Gott auf Erden zu machen, indem Ihr nicht in ihm fandet, was Ihr suchtet.‹ – ›Aber ich versichere Euch doch, daß meine Liebe zu ihm so groß ist, daß darin kein anderes Herz dem meinen gleichen mag.‹ – ›Vergebt mir, hohe Frau, gewiß habt Ihr nicht alle Herzen daraufhin geprüft. Denn ich wage kecklich zu behaupten: es gibt einen Mann, der Euch so gewaltig und unwiderstehlich liebt, daß Eure Liebe daneben klein erscheinen dürfte. Und je mehr dieser Mann gewahrt, daß die Liebe zum König noch in Eurem Herzen sproßt, um so mehr wächst und wallt die seine, also daß Ihr sicherlich für alle verlorene Zeit entschädigt würdet, wenn Ihr ihn erhört.‹

Die Königin begann in seinen Worten und seinem Gebaren zu erkennen, daß ihm sein Geständnis von Herzen kam. Ich erinnere mich auch,« fügte Saffredant ein, »daß er ihr schon lange eifrigst zu Diensten gewesen war und in seiner Ergebenheit schier trübsinnig wurde. Sie hatte seine Niedergeschlagenheit auf den Vorfall mit seiner Frau bezogen, doch nun war sie fest überzeugt, daß es ihr gegolten hatte. Auch spürte sie gar wohl die Innigkeit seiner Liebe und begann so, diesen vor allen verborgenen Gefühlen zu trauen. Indem sie nun auf diesen Edelmann blickte und gewahrte, wie viel liebenswerter er war, denn ihr Mann; als sie sich zudem sagte, daß er gleichermaßen von seinem Weibe verraten war, wie sie vom Könige – da begann Grimm und Eifersucht sie zu übermannen, begann die Liebe zu dem Edelmann sie zu umstricken, und mit Tränen in den Augen seufzte sie eines Tages: ›O du mein Gott! soll denn die Rachsucht mir abtrotzen, was keine Liebe vermochte?‹

Der Edelmann vernahm ihre Worte gar wohl und entgegnete: ›Die Rache, hohe Frau, ist nur für den, der einen wahren Freund glücklich macht statt den Feind zu töten. Mir scheint es Zeit, daß die Einsicht Euch die törichte Liebe zu dem Gatten aus dem Herzen reiße, der Euch nicht zugetan ist, und die wahre Liebe Euch von einer Angst befreit, die in Euerm großmütigen und tugendhaften Herzen nichts zu suchen hat. So tut denn Euern hohen Stand zur Seiten und werdet inne, daß wir beide die meistverlachten Menschen dieser Welt sind, und daß jene uns verraten haben, die wir zumeist liebten. Rächen wir uns, hohe Frau – nicht sowohl, um ihnen verdienten Lohn zu geben, als um unser Liebessehnen zu befriedigen, das ich für mein Teil nimmermehr ertragen kann, ohne daran zu sterben. Und sollte Euer Herz nicht härter sein denn Kiesel oder Diamant, so müßt Ihr sonder Zweifel auch einen Funken jenes Feuers in Euch spüren, das um so wilder in mir loht, je mehr ich es zu bergen strebe. Ich vergehe vor Liebe zu Euch, doch wenn Euch auch kein Mitgefühl darob zur Liebe treibt, so mag Euch wenigstens die Einsicht Eurer eigenen Lage dahin lenken. Denn ob Ihr gleich in Eurer herrlichen Vollkommenheit verdientet, alle die trefflichsten Männer der Welt zu Euern Füßen zu sehen, seid Ihr statt dessen von dem verlassen und verraten, für den Ihr alle anderen zurückgewiesen habt.‹ Ob dieser Worte kam die Königin schier außer Fassung Doch fürchtete sie, ihre Verwirrung augenscheinlich werden zu lassen und begab sich, auf des Edelmanns Arm gelehnt, in einen Garten unweit ihrer Gemächer. Dort wandelte sie lange Zeit auf und ab, ohne daß sie ein Wort zu sagen vermochte. Da nun der Edelmann inne ward, daß sie schon zur Hälfte nachgab, enthüllte er ihr am Ende eines Gartenweges die Glut seiner langverhaltenen Liebe so augenscheinlich, daß die Leidenschaft sie überwältigte. Und also vollzogen sie ihre Rache, deren Brand sie nicht mehr ertragen konnten.

Alsdann beschlossen sie, daß der Edelmann allemal ins Schloß zur Königin kommen sollte, wenn der König ihn auf seinen Gütern glaubte und zur Stadt ginge. Dergestalt konnten sie die Betrüger selbst betrügen, und der Liebe Wonnen wurden allen vieren zuteil, derweile jene zwei vermeinten, sie allein auszukosten.

Nach dieser Absprache kehrte jeglicher zu seinem Hause zurück und vergaß in seiner Zufriedenheit alles überstandene Leid. Und ihr Bangen vor des Königs Zusammensein mit der Edelfrau verwandelte sich in den lebhaftesten Wunsch danach, also daß der Edelmann viel öfter als bisher sein Gut aufsuchte, das nur eine halbe Meile vor der Stadt lag. Kaum erfuhr der König seine Abwesenheit, so eilte er flugs zu seiner Herzliebsten, derweile der Edelmann sich bei sinkender Nacht aufs Schloß zur Königin begab und des Königs Dienst übernahm. Und alles geschah also heimlich, daß nie jemand etwas davon bemerkte.

So ging es manche Zeit. Doch war der König zu bekannt von Angesicht, als daß trotz allen Verhehlens sein Liebeshandel nicht schließlich bekannt wurde. Und alle Welt bemitleidete den Edelmann, maßen die Gassenbuben ihn hinterrücks höhnten und ihre Hände gleich einem Geweih zum Kopfe führten. Jener bemerkte das wohl. Doch schuf ihm dieser Spott nur Freude, sintemalen er diesen Hörnerschmuck der Krone des Königs gleich schätzte.

Der König indessen vermochte nicht an sich zu halten, und als er eines Tages ein Hirschgeweih im Gemache des Edelmannes gewahrte, hub er vor dessen Nase an zu lachen und meinte, dies Geweih sei hier im Hause wohl am Platze. Der Edelmann mochte ihm ob dieses Scherzes nicht nachstehen und grub in den Hirschschädel folgende Inschrift:

›Wohl trage ich Hörner und trag’ sie voll Lust. Wie mancher trägt gleiche und hat nichts gewußt!‹

Als der König wiederkehrte und dies Verslein las, befragte er den Edelmann über dessen Sinn. Der entgegnete: ›Wenn das Geheimnis des Königs sich in diesem Geweih offenbart, so liegt noch kein Grund vor, auch das Geheimnis des Geweihträgers nun zu offenbaren. Begnügt Euch, hoher Herr, mit dem Troste, daß nicht jegliches Gehörn den Träger verunziert. Oft ist es gar zierlich, und wer nichts davon weiß, trägt es am leichtesten.‹ Nun verstand der König, daß jener wohl etwas wußte. Doch niemals argwöhnte er etwas zwischen ihm und der Königin. Denn je mehr diese sich mit dem Lebenswandel ihres Gemahls zufrieden gab, um so mehr Unzufriedenheit heuchelte sie vor ihm. Und also lebten beide Paare lange Zeit in herzinniger Eintracht, bis das Alter ihrer Liebesglut ein Ziel setzte.

Mit dieser Geschichte, meine Damen, wollte ich euch gern ein blühendes Beispiel geben, wie ihr euern Gatten gewaltige Hörner aufsetzen möget, wenn sie euch mit einem kleinen Rehgeweih zu schmücken belieben.«

Emarsuitte warf lachend ein: »Ich bin ganz sicher, Saffredant, Ihr würdet gern Hörner gleich Eichstämmen tragen, um nur Eure Herzliebste zu Willen zu haben, sofern Ihr sie heute noch so glühend liebt wie einstmals. Doch Euer Haar beginnt nunmehr zu bleichen, drum legt Euerm Begehren Zügel an.« – »Wohl hat«, versetzte Saffredant, »die, so ich liebe, mir alle Hoffnung geraubt, Gnädigste, und das Alter nahm mir die überschäumende Glut! Mein Liebesgehren ward jedoch nicht kleiner. Da Ihr mir nun dieses ehrenhafte Trachten verweiset, so erteile ich Euch das Wort, die vierte Geschichte vorzutragen. Laßt sehn, ob Ihr mich Lügen strafen könnt.«

Während jener Zwiesprache begann eine der Damen zu lachen. Denn sie wußte wohl, daß jene, die Saffredants Worte auf sich bezog, nicht gleichermaßen von ihm geliebt wurde denn sie selber, für die er gern alles ertragen hätte. Saffredant bemerkte das und schwieg zufrieden, so daß er Emarsuitte das Wort ließ. Und die hub also an:

»Meine Damen, auf daß Saffredant und Ihr andern inne werdet, daß nicht alle Frauen dieser Königin gleichen und gleichermaßen nicht jeglicher kecke Tor zum Ziele kommt, will ich euch eine Geschichte berichten, die sich so kürzlich zutrug, daß ich die Namen verschweigen muß, um lebende Verwandte nicht zu kränken.«

 

 


Vierte Erzählung

 

Wessen ein Edelmann sich gegen eine flandri­­sche Prinzessin kecklich unterfing und welche Schmach und Schande ihm daraus erwuchs.

 

»In Flandern lebte einst eine Frau alleredelster Abkunft, die schon zwei Gatten verloren hatte und sich in ihrer Witwenschaft auch keiner Kinder erfreute. Sie hatte sich zu einem Bruder zurückgezogen, der ihr sehr zugetan war – einem hochgestellten Mann und Gemahl einer Tochter des Königs. Dieser junge Fürst war dem Vergnügen sehr ergeben und liebte Jagd, Kurzweil und Tanz, gleichwie es seiner Jugend geziemte. Sein Weib dagegen war grämlich und verabscheute des Gatten Frohsinn. Darum ließ jener auch gern seine Schwester teilnehmen, die bei aller Tugend und Ehrbarkeit doch fröhlich und äußerst gesellig war. Nun verkehrte bei dem Fürsten ein Edelmann, des Anstand, Schönheit und Liebenswürdigkeit alle seine Gefährten überstrahlte. Da dieser inne ward, wie fröhlich die Schwester seines Herrn sich erging, bedachte er zu erproben, ob es ihr wohl mißfallen würde, wenn er ihr seine ergebenste Freundschaft zu Füßen legte. Das tat er auch. Doch strafte die Antwort sein Erwarten Lügen und war der Wohlanständigkeit jener Prinzessin gar geziemend angepaßt. Trotzdem verzieh ihm die Prinzessin angesichts seines Ansehens und seiner Schönheit sein dreist Gebaren und gab ihm zu verstehen, daß sie wohl gern die Unterhaltung mit ihm pflegen mochte, sofern er künftig solche Reden ließe. Das versprach er auch, um nicht des Vergnügens und der Ehre eines Gespräches mit ihr verlustig zu gehen.

Doch wuchs nur mit der Zeit seine Neigung zu ihr, also daß er seines Versprechens vergaß. Zwar wagte er nicht neuerdings kecke Worte, denn ihre tugendsame Abweisung war ihm noch recht frisch in Erinnerung. Vielmehr gedachte er, sie einmal gelegenen Ortes zu stellen, so daß sie (eine junge Wittib feurigen Temperaments) womöglich sich seiner und ihrer zugleich erbarme. Zu diesem Behufe sagte er seinem Herrn, auf seinem Gute wäre eine gar herrliche Jagd, und wenn es ihm behage, dort einmal einige Hirsche im Mai zu jagen, so könne er eines wundervollen Zeitvertreibes sicher sein. Der Fürst nahm seine Einladung gerne an, da er den Edelmann schätzte und zudem die Jagd liebte, und kam zu ihm aufs Schloß, das also schön und wohlgerichtet war, wie das des reichsten Mannes im Lande. Der Fürst und seine Gemahlin bezogen alsdann den einen Flügel des Hauses, in dem andern aber brachte der Edelmann die Dame seines Herzens unter.

Das Gemach der Prinzessin war so herrlich mit Stoffen und Wandteppichen ausgestattet, daß man unmöglich eine Falltür entdecken konnte, die sich in der Wand neben dem Bett befand und zu der Stube seiner greisen Mutter führte. Diese hustete viel, und um die Prinzessin nicht zu stören, hatte sie ihr Zimmer mit dem des Sohnes vertauscht. Allabendlich brachte die Greisin der Prinzessin Süßigkeiten, um ihr zu Gefallen zu sein. Und diese erlaubte hinwiederum dem Edelmann, da er sich also ihres Bruders Gunst und Hochschätzung erfreute, bei ihrer Morgen- und Abendtoilette zugegen zu sein. Der Anblick, der sich ihm so bot, vermochte seine Leidenschaft nur zu erhöhen.

Nachdem er dergestalt eines Abends bis zu später Stunde mit der Prinzessin geplaudert hatte, ging er in seine Stube erst, als sie der Schlaf zu übermannen anfing. Dort legte er sich sein reichstes, wohlparfümiertes Hemd an, nahm dann eine gleich prächtige Nachtmütze und wiegte sich nun in der Gewißheit, daß kein Weib der Welt solcher Pracht und Anmut zu widerstehen vermöchte. So war er auch seines Erfolges sicher, stieg ins Bett in der Erwartung und Hoffnung, sich bald eines köstlicheren und vergnüglicheren Lagers erfreuen zu können, und schickte die Dienerschaft fort. Alsdann verschloß er hinter ihnen die Tür und lauschte, ob sich droben im Gemach der Prinzessin noch etwas rege.

Kaum war er sicher, daß alle zur Ruhe gegangen waren, so machte er sich sacht ans Werk, öffnete vorsichtig die Falltür, die wohlgefügt und tuchbeschlagen war, so daß sie lautlos arbeitete, und stieg zum Alkoven der Prinzessin empor, die eben in Schlummer gesunken war. Und ohne sich an die Achtung zu kehren, die er ihr und ihrer Abkunft schuldete, ohne ihre Erhörung zu erbitten oder ihr anheimzustellen, legte er sich neben ihr nieder und sie ward seines Kommens erst inne, als sie sich in seinen Armen spürte. Doch sie war stark, riß sich los und fiel mit Schlagen, Beißen und Kratzen über ihn her, derweile sie ihn fragte, wer er sei. Voll Angst, sie könnte Leute herbeirufen, suchte er ihr mit der Decke den Mund zu schließen. Aber das gelang ihm nicht; und als sie gewahrte, daß er an Kräften nicht sparte, sie zu schänden, nahm auch sie alle zusammen, um ihn abzuwehren, und schrie zugleich so laut als möglich nach ihrer Ehrendame, einer bejahrten, tugendsamen Frau, die im Nebenzimmer schlief. Die kam alsbald im Hemd angelaufen.

Als sich der Edelmann also entdeckt sah, fürchtete er gar sehr, von der Ehrendame erkannt zu werden und entschlüpfte eiligst durch die Falltür. Und gleich groß wie seine Hoffnung und Zuversicht auf dem Hinwege war nun seine Verzweiflung über diesen schmählichen Abzug. Beim Kerzenschein besah er im Spiegel sein Gesicht, das aus zahllosen Biß- und Kratzwunden blutete, sah, wie dies Blut in Strömen auf sein schönes Hemd floß und ihm alle Pracht raubte, und er stöhnte darob: ›Wehe, du Schönheit, wie hast du mir üblen Lohn gebracht. Dein eitles Locken trieb mich zu unmöglichem Unterfangen, und nun fand ich statt neuen Glückes nur schlimmres Leid. Erfährt sie, daß ich so mein Versprechen brach, dann gehe ich des Verkehrs mit ihr verlustig. Wie konnte ich nur meiner Vorzüge entraten und ihren keuschen Leib durch Kraft zu nehmen suchen, statt ihr Herz durch Liebe zu gewinnen und hierzu ergeben und demütig ihr zu dienen. Denn ohne Liebe ist alle Kraft und Stärke des Mannes machtlos.‹

Also verbrachte er die Nacht in Tränen und unbeschreiblichem Gram und Schmerz. Und als er am Morgen sein Gesicht so gar zerfetzt sah, stellte er sich krank. Die siegreiche Prinzessin aber war sicher, daß einzig nur der Mann von allen am Hofe so böser Tat fähig war, der schon einmal die Keckheit gehabt hatte, ihr seine Liebe zu erklären. Und um Gewißheit zu haben, daß es ihr Wirt gewesen war, durchsuchte sie mit ihrer Ehrendame das ganze Zimmer in allen Winkeln. Doch da sie nichts fand, rief sie gar zornig: ›Ich will bestimmt wissen, daß es der Herr des Schlosses war, und morgen soll sein Kopf mir für meine Keuschheit haften.‹ Als die Ehrendame ihren Grimm gewahrte, sprach sie: ›Hohe Frau, wohl steht Euch diese Ehrsamkeit an. Doch mag es Eure Ehre nur lieben, wenn Ihr dem Manne das Leben schenkt, das er selbst ob allzugroßer Liebe zu Euch wagte. Oft wähnt man seinen Wert zu heben und vermindert ihn; so bitte ich Euch, erzählet mir den wahren Hergang.‹

Das tat die Prinzessin ausführlich, und die Ehrendame fragte sodann: ›So hat er also gewißlich nichts von Euch davongetragen, denn Kratzwunden und Schläge?‹ – ›Gewißlich nichts sonst. Und wenn er keinen guten Wundarzt findet, wird sein Gesicht wohl morgen die Spuren tragen.‹ – ›So lobet Gott‹, entgegnete die Ehrendame, ›und überlaßt ihn der Qual der Reue. Statt höchsten Lohnes erntete er nur schlimmste Schmach. Würdet Ihr ihn durch eine Klage bei Euerm Bruder zum Tode bringen, so könnte er wohl verbreiten, Ihr wäret ihm zu Willen gewesen. Und viele werden sagen, ohne großes Entgegenkommen von Eurer Seite wäre solch Unterfangen nicht möglich gewesen. Im ersten Falle wird er schweigen, im andern Falle kann man Eure Ehre allenthalben in den Schmutz ziehen.‹

Die Prinzessin erkannte wohl, wie richtig diese Erwägungen waren und daß man sie im Hinblick ihres freundlichen Umganges mit dem Edelmanne wohl falsch beurteilen könne. So fragte sie die Ehrendame um Rat, wie sie sich künftig verhalten solle und die sprach: ›Seid froh, in diesem Falle Eure Ehre gerettet zu haben, und weiset künftig jede Aufmerksamkeit zurück, denn oft fällt eine Frau zum zweiten Male in eine Schlinge, der sie das erstemal entgangen ist, maßen die Liebe blind macht und oft auf abschüssige Wege führt. Sprecht auch mit niemandem von diesem Vorfall und stellt Euch ahnungslos, wenn jener ihn gar andeuten sollte. Damit er aber nun nicht vermeint, Euch sei dies Unterfangen etwa im Grunde genehm gewesen, so brecht allmählich den Verkehr mit ihm ab. Dann wird er verstehen, wie Ihr seine Torheit verachtet und wie erhaben Eure Großmut ist, da Ihr keinerlei Rache übt.‹ Und die Prinzessin beschloß, diesen Rat zu befolgen und schlief ebenso fröhlich ein, als der Edelmann trübselig wachte.

Tags darauf wollte der Fürst von dannen gehen und fragte nach seinem Wirte. Man sagte ihm, er sei so krank, daß er nicht ans Licht kommen noch mit jemand reden dürfe. Voll Schreckens und Verwunderung wollte der Fürst ihn aufsuchen. Doch da es hieß, er schliefe gerade, vermied er es, ihn zu wecken und verließ so mit seiner Gemahlin und der Schwester das Schloß, ohne Abschied von ihm zu nehmen. Als die Prinzessin vernahm, daß der Edelmann sich entschuldigen ließ, und ihnen nicht das Geleit gab, war sie überzeugt, daß er ihr den Schimpf angetan hatte und nun sein Gesicht nicht zu zeigen wagte, weil sie es ihm so zerkratzt hatte.

Obgleich dann sein Herr oftmals nach ihm schickte, kehrte er doch erst zum Hofe zurück, als alle Wunden geheilt waren, mit Ausnahme derer, die Liebe und Schmerz ihm im Herzen geschlagen hatten. Als er endlich kam und vor seiner siegreichen Feindin erschien, vermochte er seine Röte nicht zu verbergen. Und trotzdem er sonst so keck war, verlor er nun oft aus Verlegenheit alle Haltung, so daß sie alle Zweifel aufgab und sich allgemach von ihm zurückzog. Zwar tat sie es sehr feinfühlig, aber er spürte es wohl. Doch ließ er sich nichts merken, aus Angst, es könne ihm noch schlimmer ergehen. Und so barg er seine Liebe in seinem Herzen und trug die verdiente Entfremdung in Geduld.

Diese Geschichte, meine Damen, mag alle abschrecken, die mehr begehren, als ihnen zukommt. Doch mag die Tugendhaftigkeit der Prinzessin und ihrer Ehrendame wohl auch den Herzen der Frauen Kraft verleihen, Wenn jemand gleichen Fall erleben sollte, weiß er nun, was tun.«

»Mir scheint der Edelmann so mutlos,« meinte Hircan, »daß man sein Angedenken wahrlich nicht zu pflegen braucht. In solchem Falle durfte man nicht vor alt, nicht vor jung zurückweichen. Ganz sicherlich war seine Liebe nicht zu groß, da er noch Angst vor Tod und Schande kannte.« – »Und was«, fragte Nomerfide, »hätte jener den beiden Frauen gegenüber denn beginnen sollen« – »Die Alte mußte er töten. Hätte sich die Junge dann allein gesehen, so wäre sie schon halb besiegt gewesen.« – »Töten!« rief Nomerfide aus. »So wollt Ihr aus dem Liebenden einen Mörder machen! Wenn Ihr so denkt, sollte man wohl besorgen, je in Eure Hände zu fallen.« – »Wenn ich erst einmal so weit wäre, würde ich mich wahrlich für entehrt halten, falls ich nicht ganz zum Ziele käme.«

Nun mischte sich Guebron ein: »So scheint es Euch seltsam, daß eine Prinzessin, die in aller Tugend aufgezogen wurde, sich eines einzelnen Mannes erwehrte? Wie mag euch da eine einfache Frau in Erstaunen versetzen, die den Händen zweier Männer zu entgehen wußte.« – »Guebron,« sprach Emarsuitte, »ich gebe Euch das Wort zur fünften Erzählung. Denn ich glaube, Ihr wißt uns von diesem armen Weibe Unterhaltsames zu berichten.«

»Wenn denn die Wahl auf mich fällt,« erklärte Guebron, »so will ich euch einen Vorfall mitteilen, dessen Wahrhaftigkeit ich an Ort und Stelle nachgeprüft habe. Ihr werdet daraus entnehmen, daß sich Tugend und gerader Sinn nicht nur bei Prinzessinnen findet und Liebe und feine List auch denen zu eigen ist, bei denen man es oft am wenigsten vermutet.«

 

 


Fünfte Erzählung

 

Wie eine Schiffersfrau zween Franziskanermönchen, die ihr Gewalt antun wollten, so wohl entschlüpfte, daß deren Vergehen aller Welt offenbar wurde.

 

»In der Hafenstadt Toulon, zunächst Niort, lebte eine Schiffersfrau, die Tag und Nacht hindurch Leute über den Fluß setzen mußte. Kamen da einst von Niort her zwei Franziskaner des Wegs und fuhren mit ihr allein hinüber. Maßen nun jene Überfahrt der längsten eine in Frankreich ist, wollten sie sich die Langeweile fernhalten und erbaten ihre Liebesgunst. Die Frau gab ihnen die geziemende Antwort. Doch die Mönche schienen weder von des Weges Mühen ermüdet, noch mochte des Wassers Kühle ihre Brunst zu dämpfen. Statt ob der Abweisung des Weibes in Scham zu vergehen, entschlossen sie sich, sie zu zweit zu vergewaltigen, oder, falls sie widerstände, sie in den Fluß zu werfen. Doch waren die beiden auch hinterlistig – die Frau war auch schlau und wohlbedacht und sagte:

›Ich bin nicht gar so ungeneigt, als ich wohl scheine. Gesteht mir nur zwei Dinge zu, so sollt ihr sehen, daß ich wohl mehr bereit bin, euch zu Willen zu sein, als ihr – mich darum anzugehen.‹

Die Mönche schwuren beim heiligen Franziskus, ihr gern jedweden Wunsch zu erfüllen, wenn sie dafür auch ihnen ihr Begehren stillen wollte, und daraufhin erklärte sie: ›Zum ersten schwört mir, keinem Menschen jemals davon zu sprechen.‹ Das versprachen sie bereitwilligst. Dann fuhr sie fort: ›Nur einer nach dem andern soll mich besitzen. Die Scham wäre zu groß für mich, wenn der andere uns zusähe. So sprecht euch ab, wer der erste sein will.‹

Auch diesen Wunsch fanden sie sehr berechtigt, und der Jüngere gestand dem Älteren den Vortritt zu. Als sie nun einer kleinen Insel nahekamen, sprach die Frau zu dem jüngeren Frater: ›Sagt alldort Eure Gebete, derweile ich diesen hier zu einer andern Insel fahre. Kehrt er befriedigt wieder, so bleibt er da und wir fahren zusammen hinüber.‹ Der Jüngling sprang bei der Insel an Land und erwartete des Gefährten Rückkunft, den die Bootsfrau zu einem andern Eilande fuhr. Als sie dorthin gelangten, verweilte sie sich mit dem Festmachen im Boote und sagte: ›Lieber Freund, such du derweilen einen geeigneten Platz.‹

Der brave Pater machte sich auf, eine bequeme Stelle zu finden. Kaum sah die Frau ihn landeinwärts gehen, so stieß sie eilends mit dem Fuß gegen einen Baumstamm, trieb das Boot in den offenen Fluß, ließ die Mönche auf ihren verlassenen Eilanden und rief ihnen aus voller Lunge zu:

›So wartet, ihr Herren, bis Gottes Engel euch trösten kommt, denn ich gedenke nicht, euch heute Kurzweil zu schaffen.‹ Da die armen Mönche nun den Trug erkannten, warfen sie sich am Ufer auf die Knie, flehten sie an, ihnen solche Schande zu ersparen, und versprachen ihr, sie unberührt zu lassen, wenn sie sie nur um Gottes willen zum Hafen bringen wollte. Doch sie fuhr eilends weiter und erwiderte: ›Ich wäre doch närrisch, wenn ich mich wieder euern Händen überlieferte, nachdem ich ihnen eben kaum entschlüpft bin.‹

So kam sie zu dem Dorf zurück, holte ihren Mann und die Hüter des Gesetzes und bat sie, jene zwei tollen Wölfe einzufangen, denen sie nur durch Gottes Gnade entronnen sei. Die machten sich sogleich auf den Weg und groß und klein kam mit, um dieser vergnüglichen Jagd beizuwohnen. Die beiden Pater verbargen sich beim Anblick dieser Scharen gleich wie Adam vor dem Angesicht Gottes. Die Scham ließ sie ihrer Sünde inne werden und die Furcht vor Strafe machte sie erzittern, bis sie schier das Leben ließen. Deswegen wurden sie nicht minder festgenommen und alle Welt höhnte und spottete ihrer. Der Ehemann meinte: ›Geld wagen sie nicht in die bloße Hand zu nehmen, doch Frauenbeine möchten sie gar wohl betasten. Mich dünkt das fürwahr weitaus gefährlicher.‹ Die andern riefen: ›Sie sind gleich Gräbern, außen wohl anzuschauen, drinnen aber voll Verwesung.‹ Einer aber sprach: ›An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.‹

So fehlte es nicht an Spott. Alsbald kam jedoch der Abt herbeigereist, versicherte dem Gericht, daß er sie schwerer strafen würde als dieses es vermöchte – maßen er sie mit Bußen und Gebeten wohl zu peinigen gedächte – und bekam sie also frei. Nachdem sie ihm ausgefolgert waren, setzte er ihnen als sittenstrenger Mann dermaßen zu, daß sie künftig allemal, wenn’s über den Fluß ging, gar demütig ein Kreuz schlugen und ihre Seele Gott empfahlen.

›Wenn derart jene Bootsfrau die beiden hinterlistigen Kumpane zu hintergehen wußte, was müßten dann wohl alle die Frauen tun, die solche Mengen schönster Beispiele gelesen haben und kennen? Ich glaube, meine Damen, daß man erst in solchem Falle die wahrhaftige Tugendlichkeit zu erkennen vermag, so unverdorben drin im Herzen ruht. Und welche Frau ihre Reinheit nicht zu wahren weiß, muß ihrer Ehre stracks verlustig gehen.«

»Mir scheint, Guebron,« entgegnete Longarine, »solchen Franziskaner abzuweisen zeugt nicht allzusehr für tugendlichen Sinn. Wie überhaupt vermag man solchen Menschen zu lieben?«

»Wenn man nicht also hoch gestellte Freunde hat wie Ihr,« meinte Guebron, »vermag man wohl an ihnen leicht Gefallen zu finden. Denn unter ihnen gibt es stramme, schöne Männer, die obendrein nicht abgelebt sind, gleich so manchen andern. Wie Engel wissen sie zu reden, wie Teufel aber andern zuzusetzen. Und Frauen, die den höheren Stand nur von Amtshandlungen her kennen, sind schon recht tugendhaft, wenn sie jenen Mönchen sich entziehen.«

Doch Nomerfide sagte ganz laut: »Ich meinesteils möchte lieber in den Fluß geworfen werden, als daß ich einem Mönche mich ergäbe.« Worauf Oisille lachend einwarf: »Könnt Ihr denn so gut schwimmen?«

Das nahm ihr Nomerfide übel; denn sie vermeinte, Oisille glaube ihr nicht recht. Und zornig sprach sie: »Manch eine hat schon angenehmere Herrchen abgewiesen denn Franziskaner und hat es doch nicht in alle Welt hinausposaunt.« Oisille lachte ob ihres Grimmes und meinte: »Noch weniger hängt man an die große Glocke, was man den Herren still gewährt.«

Nun rief Parlamente dazwischen: »Ich sehe, Simontault will sprechen. Er soll das Wort haben, denn nach zwei so traurigen Geschichten soll nunmehr eine folgen, die uns nicht zu Tränen rührt.«

»Ich danke Euch,« sprach Simontault darauf, »doch behagt es mir keineswegs, daß Ihr mich einen Spaßvogel nennt. Aus Rache will ich Euch berichten, wie Frauen sich zwar zeitweise sittsam stellen. Daß aber schließlich doch ihr wahres Wesen augenscheinlich wird, entnehmt aus folgender höchst wahrhaften Geschichte.«

 

 


Sechste Erzählung

 

Wie schlau ein Weib verstand, den Liebhaber entrinnen zu lassen, derweilen ihr einäugiger Mann die beiden abzufassen vermeinte.

 

»Bei Karl, dem letzten Herzog von Alencon, stand ein Kammerdiener in Sold, der ein Auge verloren hatte. Der war mit einer weitaus jüngeren Frau verheiratet. Doch seine Herrschaft schätzte ihn so sehr und vermochte ihn so wenig zu entbehren, daß er bei weitem nicht so oft bei seinem Weibe zu weilen vermochte, als er wohl begehrte. Das führte am Ende dazu, daß diese ihrer Pflicht und Sittsamkeit vergaß und einem jungen Edelmann ihr Herz schenkte. Mit der Zeit ward darob so viel und laut gemunkelt, daß es ihrem Mann zu Ohren kam. Der glaubte erstlich nicht daran, weil sie ihm allezeit so gar viel Liebe erzeigte. Am Ende aber beschloß er eines Tages, sie zu erproben, und wenn es ginge, sich an dem zu rächen, der ihm solche Schande antat.

Zu dem Behufe gab er vor, für zwei bis drei Tage über Land zu gehen. Kaum war er fort, so ließ die Frau ihren Liebsten holen. Doch der weilte kaum eine halbe Stunde bei ihr, da kam der Mann zurück und pochte kräftig an die Tür. Sie erkannte ihn wohl und sagte das ihrem Schatz. Der Edelmann fiel schier aus allen Wolken, wünschte sich ans Ende der Welt und verfluchte sie und ihre Liebe, die ihn nun derart in Gefahr gebracht hatten. Doch sie beruhigte ihn und versprach, ihn sonder Schimpf und Schaden entwischen zu lassen, dafern er sich nur möglichst schnell wieder ankleidete.

Derweile pochte der Edelmann immer weiter an der Tür und rief sein Weib, so laut er konnte. Sie aber tat, als erkennte sie ihn nicht, und sagte laut zu dem Hausknecht: ›Steh’ auf, und bring die Leute draußen zur Ruhe! Ist das etwa eine Zeit, in anständiger Leute Haus zu kommen? Wäre mein Mann da, der würde schon für Ordnung sorgen.‹ Als ihr Mann ihre Stimme vernahm, schrie er aus Leibeskräften: »Liebe Frau mach doch auf! Wie lange soll ich denn hier noch warten?!« Da sie nun sah, daß ihr Liebster schon bereit war, hinauszuschlüpfen, antwortete sie ihrem Mann: ›Wie bin ich froh, du teurer Mann, daß du zurück bist. Soeben träumte mir ein gar wundersamer Traum, der machte mich ganz unbeschreiblich glücklich, mir deuchte, du habest deines zweiten Auges Sehkraft wieder.‹

Und damit fiel sie ihm wohl um den Hals, herzte ihn, nahm seinen Kopf und schloß das gesunde Auge mit der einen Hand: ›Siehst du besser jetzt als früher?‹ fragte sie. Und während er auch nicht den leisesten Schimmer gewahrte, ließ sie den Liebsten flugs hinausgleiten. Ihr Mann jedoch begriff sehr wohl den Trug und sprach : ›Bei Gott, du schlimmes Weib, dir werde ich nimmermehr auflauern. Denn da ich dich zu hintergehen vermeinte, hast du mich selbst gar listig übertölpelt. So mag Gott dich zur Einsicht bringen, denn gegen soviel Trug ist ein Mann machtlos, der nicht töten will. Doch da meine Fürsorge dir nicht zu Herzen ging, so mag dir meine Verachtung nunmehr eine Strafe sein.‹ Mit diesen Worten ließ er sie in tiefster Verzweiflung stehen, und nur die Tränen und Bitten ihrer Verwandten führten schließlich eine Aussöhnung herbei.

»So seht ihr, meine Damen, durch was für schlaue Ränke ein Weib einer Gefahr zu entgehen weiß. Gewißlich sollte eine Frau für gute Zwecke um so erfindungsreicher sein.«

»Mir scheint,« meinte nun Hircan, »jede möchte lieber eine Überraschung vermeiden, statt ein Gerücht bekannt werden zu lassen?« – »Am Ende«, unterbrach ihn Nomerfide, »wird soviel Trug die Gesellschaft zu Schaden bringen, gleich einem Hause, das den Unterbau überlastet und eindrückt. Doch vielleicht meint Ihr gar, die Verschlagenheit der Männer sei den Frauen überlegen. Wenn Ihr davon ein Stücklein wißt, so gebe ich Euch gern das Wort; und sprecht Ihr von Euch selbst, so kann man wohl auf etwas Neckisches gefaßt sein.« »Ich will mich gar nicht schlechter machen als ich bin,« entgegnete Hircan. »Das besorgen schon andere für mich, mehr als mir lieb ist.« Und damit blickte er auf seine Frau. Die sprach sogleich: »Fürchtet Euch nur nicht, vor mir die Wahrheit zu sagen. Lieber höre ich Eure Streiche erzählen, als sie vor meiner Nase zu erleben – obgleich auch das meine Liebe nicht mindern würde.«

Hircan erwiderte: »Ich glaube, wir kennen uns beide gut genug. Doch mag ich nichts von mir erzählen, das Euch etwa Kummer schaffen könnte. So will ich vielmehr das Erlebnis eines meiner Freunde berichten.«

 

 


Siebente Erzählung

 

Ein Pariser Kaufmann täuscht die Mutter seiner Liebsten, um deren Schuld zu verhüllen.

 

»Zu Paris lebte ein Kaufmann, der mit der Tochter seiner Nachbarsfrau einen Liebesbund hatte. Richtig gesagt, liebte sie ihn bei weitem mehr, denn er sie. Zwar stellte er sich ihr sehr zugetan und verhätschelte sie, doch barg er dahinter seine Liebe zu einer hochgestellten Frau. Und sie ließ sich gern betrügen, denn sie hing so an ihm, daß sie schier vergessen hatte, wie ein Weib die Männer abzuweisen vermag.

Nachdem besagter Kaufmann sie lange Zeit hindurch aufgesucht hatte, ließ er sie später einfach dahin kommen, wohin es ihm behagte. Das bemerkte ihre Mutter, und da sie eine äußerst sittenstrenge Frau war, so verbot sie ihrer Tochter, jemals wieder von dem Kaufmann zu reden, widrigenfalls sie in ein Kloster gesteckt würde. Die Tochter aber liebte den Kaufmann mehr, als die Mutter vermutete, und suchte lieber denn je seinen Umgang.

So traf es sich eines Tages, daß sie allein in der Kleiderkammer weilte. Unversehens trat der Kaufmann ein, und da ihm die Gelegenheit günstig schien, hub er sogleich an, ihr ohne jede Scheu gar schön zu tun, wie er nur vermochte. Doch hatte ihn ein Stubenmädchen eintreten sehen, lief schnell zu der Mutter und hinterbrachte es ihr. Die kam zorngeschwellt eilends herbei. Als die Tochter sie nahen hörte, rief sie weinend: ›Weh’ mir, Geliebter, diese Liebesstunde werde ich teuer bezahlen. Nun kommt meine Mutter und wird sehen, daß ihr Argwohn berechtigt war.‹

Der Kaufmann verlor dadurch keineswegs die Fassung. Stracks ließ er von ihr ab, eilte der Mutter entgegen, umfing sie, herzte sie aus Leibeskräften, und während er sie auf ein Ruhebett warf, ging er sie mit all der Glut an, die er eben der Tochter zu spüren gegeben hatte. Die Alte fand sein Beginnen so seltsam, daß sie kaum die Worte auszustoßen vermochte: ›Was wollt Ihr nur? Seid Ihr bei Trost?‹ Doch ging er ihr unbeirrt weiter zu Leibe, als wäre sie das schönste Mägdelein der Welt. Und hätte sie nicht am Ende so laut geschrien, daß die Dienerschaft herbeigelaufen kam, gewißlich wäre ihr der Fehltritt begegnet, um den sie bei ihrer Tochter so in Ängsten war. So aber ward sie schier mit Gewalt aus des Kaufmanns Armen befreit, und niemals konnte die arme Alte je erfahren, warum er ihr derart zugesetzt hatte. Doch hatte sich indessen die Tochter in ein Nachbarhaus geflüchtet, wo man gerade ein Fest beging. Und oft hat sie später mit dem Kaufmann über diese Geschichte gelacht, hinter welche die getäuschte Alte niemals gekommen ist.

Das ist ein Beispiel dafür, meine Damen, wie eines Mannes Verschlagenheit eine alte Frau hinters Licht führte und die Ehre eines jungen Weibes rettete. So mag auch die Geistesgegenwart eines Mannes im Notfalle recht von Nutzen sein und wohl für eure Ehre sorgen, falls ihr je den Kopf verlieren solltet.« Longarine warf aber sogleich ein: »Gewiß ist das alles recht vergnüglich und schlau gedreht. Doch kann ein Mädchen sich das kaum zum Beispiel nehmen. Mögt es auch manchen als beherzigenswert hinstellen: wäret Ihr auch so dumm, zu wünschen, daß Eure Frau oder die Dame Eures Herzens solches Spiel triebe? Ich glaube, niemand würde ihnen scharfer auf die Finger sehen und strenger Ordnung stiften als Ihr.« – »Ich glaube vielmehr, wenn jene etwas derart ausführten und ich wüßte nichts davon, so würde ich sie darob nicht minder schätzen. Und ich weiß noch gar nicht, ob es nicht Vorfälle gibt, die mich aller Zweifel enthöben, wenn ich sie erführe.« Nun konnte Parlamente nicht mehr schweigen: »Ein schlimmer Kerl muß eben allezeit mißtrauisch sein. Glücklich ist nur der Mann, dem nie Grund zum Verdacht gegeben wurde.« Und Longarine meinte: »Kein Feuer ohne Rauch, doch wie oft Rauch ohne Feuer! Nicht minder oft argwöhnt der Schlechte Böses, wo es nicht ist, als da wo es ist.« – »Wahrhaftig!« rief Hircan. »Gut gesprochen! Und da Ihr der Frauen Ehre gegen falschen Argwohn so trefflich zu schützen wißt, ergreift das Wort – doch ohne Tränenseligkeit, wie etwa Frau Oisille – zum Lobe fraulicher Sittsamkeit.«

Und lachend hub Longarine also an: »Wenn ich euch denn meiner Gewohnheit nach erheitern soll, so mag dies nicht auf Kosten der Frauen geschehen. Vielmehr werdet ihr schauen, wie gern bereit das Weib zum Truge ist, wenn die Eifersucht sie packt, und wie schlau sie dann ihren Mann zu täuschen weiß.«

 

 


Achte Erzählung

 

Wie einer seine Frau statt ihrer Zofe heimsucht und alsdann den Nachbarn schickt, der ihn entehrt, ohne daß sein Weib davon weiß.

 

»In der Grafschaft Allez lebte Bornet, der Gatte einer ehrsamen Frau aus gutem Hause. Ihre Tugend und ihr guter Ruf lagen ihm nicht minder am Herzen, als wohl allen Ehemännern hier das Ansehen ihrer Gattinnen. So streng er aber auf die Sittsamkeit seines Weibes sah, so wenig trug er ob der eigenen Tugend Sorge: denn er stellte der Kammerzofe seiner Frau nach, indem er wohl darauf bedacht war, daß es ihm an Abwechslung nicht gebreche.

Er hatte einen Nachbar gleichen Schlages, der Sandras hieß und dem Schneiderhandwerk oblag. So enge Freundschaft verband die beiden, daß sie, abgesehen von ihren Frauen, alles gemeinsam hatten. So ließ er seinen Freund auch seine Wünsche bezüglich der Kammerjungfer wissen, und der fand den Gedanken nicht nur trefflich – er half ihm gar nach Kräften, zum Ziele zu kommen, und sonnte sich in der Hoffnung, an dem Leckerbissen teil zu haben. Da nun die Kammerzofe inne ward, wie er ihr mit Macht zu Leibe ging, und sie doch keineswegs bereit war, ihm zu Willen zu sein, so tat sie alles ihrer Herrin kund und bat: sie möge sie zu ihren Eltern heimkehren lassen, sintemalen sie derart bedrängt nicht weiterleben könne. Die Frau war in ihrer Liebe schon argwöhnisch geworden und freute sich nun baß, dem Mann diesen Trumpf voraus zu haben und ihm jetzo zeigen zu können, wie berechtigt ihr Verdacht gewesen war. Darum sagte sie: ›Halt aus, mein Kind, und tue allgemach, als wärest du bereit. Erkläre dich am Ende einverstanden, dich ihm in meiner Kleiderkammer hinzugeben, und sage mir dann ganz genau, in welcher Nacht er kommen wird. Doch sorge, daß man nichts erfährt.‹

Die Kammerzofe tat, wie ihr geheißen war. Darob war nun ihr Herr so froh, daß er den guten Freund alsbald prunkhaft freihielt. Der bat ihn, da er ihm so wohl geholfen hatte, die Nachblüte jener Nacht pflücken zu dürfen. Das ward ihm zugesagt und alsbald, da die Stunde kam, machte sich der Hausherr auf, sein Stubenmädchen zu umfangen. Doch sein Weib hatte gern ihr Herrenrecht dahingegeben und dienstbereit den Platz der Zofe eingenommen. Sie empfing ihren Mann nicht gleich einer Frau, sondern wie ein verschämtes Mägdelein, also daß der Mann den Tausch nicht merkte. So vermag ich nicht zu sagen, wes Vergnügen größer war: das seine, die Gattin zu hintergehen, oder das ihre, dem Gemahl ein Schnippchen zu schlagen.

Nachdem er nun so lange in ihren Armen geruht hatte, – nicht etwa, als er es wünschte, vielmehr – als er es vermochte, maßen er nun schon manch Ehejahr hinter sich hatte, machte er sich davon, traf draußen seinen Freund, der viel jugendkräftiger war als er, und hielt ihn wiederum frei voll Glückes über den Schatz, der alle seine Erwartungen übertroffen hatte. Der meinte schließlich: ›Ihr erinnert Euch doch noch Eures Versprechens?‹ – ›Gewiß. Geht und sputet Euch, damit sie nicht derweile aufsteht oder von meiner Frau gerufen wird.‹ Der Freund ging eilends hin und fand auch richtig noch die gleiche Kammerjungfer vor, die der Gatte so verkannt hatte. Und da sie vermeinte, es sei wiederum ihr Mann, mochte sie ihm nichts verweigern. Und er nahm die Gunst ohn alles Bitten, denn er wagte nicht zu sprechen. Dann ruhte er länger in ihren Armen, als ihr Mann es getan hatte, und darob war sie froh verwundert; denn an solche nächtlichen Freuden war sie schier nicht mehr gewöhnt. Doch schwieg sie still und genoß schon im voraus die Gardinenpredigten, die sie ihm tags darauf zu halten gedachte, und den Spott, den sie ihm auftischen wollte.

Da nun der Morgen graute, erhob er sich hochbeglückt und nahm ihr, da er vom Lager schied, im Scherz einen Ring vom Finger. Das war ihr Trauring, den die Frauen dort fast abergläubisch hüten, also daß jede hoch in Ehren steht, die ihn bis zum Tode bewahrt. Verliert sie ihn aber durch Zufall, so büßt sie alle Achtung ein, gleich als ob sie ihren Mann verraten hätte. – Die Frau war herzlich froh, daß jener den Ring nahm, denn nun vermeinte sie ihn sicher seines Verrates überführen zu können. Da nun der Freund zu dem Ehemann zurückkehrte, fragte ihn der: ›Nun, wie war’s?‹ und jener bestätigte ihm gern, wie trefflich er gewählt hatte, und daß er nur das Tagesgrauen gefürchtet hätte, sonst wäre er gern noch länger geblieben. Alsdann legten sich beide sachte zur Ruhe nieder.

Doch als sie sich am Morgen erhoben, bemerkte der Ehemann den Ring an seines Freundes Finger, der so sehr dem Trauringe seines Weibes glich, und fragte ihn, wer ihm den gegeben habe. Und als er gar vernahm, daß jener den Ring der Kammerfrau abgenommen hatte, fiel er aus allen Wolken, rannte schier mit dem Kopf gegen die Wand und rief: ›O du himmlische Güte! sollte ich mir da Hörner aufgesetzt haben, ohne daß meine Frau etwas davon weiß?‹ Der Freund aber meinte tröstend: ›Vielleicht gab Eure Frau ihren Ring gestern abend dem Mädchen zum Aufbewahren.‹

Flugs ging der Mann heim und fand dort sein Weib viel schöner, anmutiger und fröhlicher, als er von ihr gewöhnt war. Doch jene ergötzte sich gleichermaßen an dem Gedanken, ihrer Kammerzofe Tugend rein erhalten zu wissen, wie an der Freude, ihres Mannes Liebe bis zum Grunde genossen zu haben; und dabei hatte sie das alles nur eine durchwachte Nacht gekostet. Da nun der Ehemann ihr strahlendes Aussehen wahrnahm, dachte er bei sich: ›Wenn sie wüßte, was ich heut nacht für Freuden erlebt habe, würde sie mich nicht so froh empfangen.‹ Derweile er nun mit ihr über dieses und jenes plauderte, nahm er ihre Hand und gewahrte, daß der Ring fehlte, den sie nie vom Finger ließ. Darob geriet er außer Fassung, und mit zitternder Stimme fragte er sie: ›Was hast du mit dem Ringe gemacht?‹ Das war ihr gerade recht, daß er selbst die Strafpredigt einleitete, die sie ihm zu halten wünschte und sie sprach: ›Ei du ganz schlechter Kerl, wem vermeinst du wohl den Ring abgenommen zu haben?! Du glaubtest wohl, es war die Kammerzofe, für deren Liebe du zweimal mehr Kräfte hingegeben hast, als je für mich?! Schon das erstemal, da du gestern in meinen Armen ruhtest, schien mir, als hätte deine Glut alles Erlebte in den Schatten gestellt. Doch nachdem du fort warst und zum zweiten Male zu mir kamst, da glichest du einem Teufel außer Rand und Band. Du Tropf, verstehst du nicht, wie blind du warst, da du den gleichen Wuchs, die gleiche Schönheit über alle Maßen priesest, die du so lange schon für dich allein besitzt, ohne dich dessen sonderlich zu freuen? So war es also nicht der Kammerzofe Reiz, der dich entzückte: es war die Sündenlust und schmutziges Begehren, so dich entflammten und von Sinnen brachten. Und in dieser Brunst hättest du wohl eine geputzte alte Vettel für ein anmutiges Mägdelein gehalten. Doch nun ist’s Zeit, mein Lieber, daß du in dich gehst, dich mit mir begnügst, da du meine Reize und Zutunlichkeit erkanntest, als du mich für ein armes verführtes Ding hieltest. Ich spielte diesen Streich, um dich von deinem Abwege zu retten, auf daß wir unser Alter in herzlicher Freundschaft und inniger Eintracht verleben. Denn änderst du dich nicht, dann möchte ich lieber von dir gehen, denn ich mag dich nicht an Leib und Seele zugrunde gehen sehen. Willst du dich aber bessern und gottgefällig leben, so will ich deine Fehltritte verzeihen gleichwie Gott mir vergeben mag, wenn ich nicht in allen Dingen seinen Geboten folge.‹

Der arme Mann war ganz zerknickt und schier verzweifelt, als er inne ward, welch schönes, keusches und ehrenhaftes Weib er zugunsten einer anderen vernachlässigt hatte, die er gar nicht liebte. Und doppelt quälte ihn, daß er sie selbst zum schuldlosen Opfer und Spielzeug eines andern gemacht hatte, da sie ihm doch allein gehörte. So hatte er nur sich allein allen Schimpf und Spott zuzuschreiben. Doch da er seines Weibes Grimm ob seiner Seitensprünge mit der Kammerzofe gewahrte, so hütete er sich wohl, ihr gar noch zu eröffnen, welche üble Suppe er ihr obendrein eingebrockt hatte, bat sie um Verzeihung und gelobte Besserung. Zugleich gab er ihr den Ring zurück. Den hatte er zuvor dem Freunde abgenommen und ihn gebeten, reinen Mund zu halten. Doch so etwas raunt sich von Ohr zu Ohr, bis die Spatzen es auf den Dächern pfeifen. Bald war die Geschichte allenthalben bekannt, und der Ehemann hieß ›der Hahnrei seiner schuldlosen Frau‹.

Mir scheint nun, meine Damen, wenn alle Ehemänner, die ihre Frauen also kränken, die gleiche Strafe erleiden müßten wie jener, dann sollten Hircan und Saffredant eine nette Angst haben.«

»Ei, ei, Longarine,« meinte Saffredant, »gibt es denn außer Hircan und mir keine Eheleute unter uns?« – »Gewiß,« erwiderte diese, »doch keine, die solche Streiche begehen würden.« – »Wo habt Ihr denn gesehen, daß wir den Zofen unserer Frauen nachgestellt haben?« – »Laßt nur die, so es angeht, die reine Wahrheit sprechen; sicher erfahren wir dann von Zofen, die vorzeitig entlassen werden mußten.« Doch unterbrach sie Guebron: »Ihr seid gut; statt uns, wie Ihr versprachet, zum Lachen zu bringen, hetzt Ihr zwei arme Leute hintereinander.« – »Was macht das denn? Solange sie nicht mit dem Degen aufeinander losgehen, macht uns ihr Zorn nur noch mehr lachen.« – »Wie gut ist es,« entgegnete Hircan, »daß unsere Frauen nicht darauf hören, sonst könnte diese gute Dame die trautesten Ehebünde sprengen.« – »Gewiß,« meinte Longarine, »ich weiß doch, vor wem ich rede; eure Frauen sind ja derart tugendhaft und lieben euch so sehr, daß sie überzeugt wären, auf Rosen gebettet zu sein, auch wenn ihr sie über Kopf und Kragen betröget.«

Alle, auch die Betroffenen, begannen so zu lachen, daß man das Gespräch abbrach. Alsdann aber äußerte Dagoucin, der bisher kein Wörtlein hatte vernehmen lassen: »Wie töricht ist der Mann, der anderen nachjagt, wenn er schon gut versehen ist.« – »Recht schön,« meinte Simontault, »doch was soll einer tun, der seine rechte Hälfte noch nicht gefunden hat? Ist der etwa unbeständig, weil er danach sucht?« – »Da er nicht wissen kann, wo er die gleichwertige Hälfte finden mag, so soll er dort haltmachen, wo die Liebe ihn hingeführt hat. Denn gleicht euch jene Hälfte bis aufs Haar, dann liebt ihr eigentlich nur euch, nicht sie.«

»Mir scheint,« sprach Hircan, »wenn unsere Liebe nur auf Äußerlichkeiten aufgebaut ist, vermag sie nicht zu dauern. Denn Lust, Schönheit und dergleichen entflieht bald. Nur die Liebe dauert unerschüttert, die keine Nebenziele kennt und lieber den Tod wählte denn verzichtete.« – »Gewißlich, lieber Dagoucin,« meinte Simontault, »wart Ihr nie verliebt. Wie könntet Ihr sonst Platos Grundsätze feiern, die nie der Probe standhielten.« – »O doch,« entgegnete Dagoucin, »ich habe geliebt, liebe und werde mein Leben lang weiter lieben. Doch wage ich es nicht zu zeigen und selbst nicht daran zu denken. Denn je eifriger ich die Glut bergend schüre, um so lebhafter wächst mein Wunsch, zu wissen, ob meine Liebe vollkommen ist.« – »Fürwahr, ich glaube nicht,« meinte Guebron, »daß Ihr so glücklich wäret, wenn Ihr geliebt würdet.« – »Das will ich nicht bestreiten. Doch gliche auch diese Liebe der meinen, sie könnte meine Gefühle nicht vergrößern, noch auch sie verringern, wenn sie kleiner wäre.«

Nun bemerkte Parlamente, die allerlei herauszuhören vermeinte: »Merkt wohl auf, Dagoucin: ich kannte Männer, die lieber in den Tod gingen, als daß sie jemals darüber redeten.« – »Sie wahrlich muß man glücklich preisen,« sprach Dagoucin. den Ärmsten beizählen,« rief Saffredant, »die, wie die Kirche sagt, nicht durch Worte, sondern durch den Tod ihren Glauben bekannten. Ich habe dergleichen wohl oft gehört, doch nie gesehen. Und da ich selbst allen Qualen lebendig entronnen bin, so glaube ich nicht daran, daß jemand davon sterben kann.« – »Ach, Saffredant,« entgegnete Dagoucin, »wie könnt Ihr dann von Liebe reden! Ich sah gar manchen an seiner Liebe dahinsterben.« – »Wenn Ihr davon zu erzählen wißt,« sprach Longarine, »so ergreifet das Wort und berichtet uns als neunte Geschichte etwas recht Schönes darüber.«

»Recht gern. Wenn euch ein wahrer Vorfall, dem es nicht an Zeichen und Wundern gebrach, in dieser Überzeugung festigen kann, will ich euch einen berichten, der sich vor drei Jahren zutrug.«

 


Neunte Erzählung

 

Beklagenswerter Tod eines Edelmanns, der in seiner Liebe allzu späten Trost fand.

 

»Zwischen der Dauphiné und Provence lebte ein Edelmann, der an Tugend, Schönheit und Ehrenhaftigkeit reicher war denn an irdischen Gütern. Der liebte gar heiß eine junge Dame, deren Name ich aus Rücksicht auf ihre hochgestellten Verwandten verschweigen will. Doch das soll der Wahrhaftigkeit der Geschichte keinen Abbruch tun. Da nun jener Edelmann nicht gleich vornehmer Abkunft war wie sie, so zagte er, ihr seine Zuneigung zu enthüllen. Denn also groß und makellos war seine grenzenlose Liebe, daß er lieber sterben mochte als etwas wünschen, das sie hätte entehren können. Und da er sich nun im Vergleich zu ihr so niedergestellt fühlte, wagte er nicht auf eine Ehe mit ihr zu hoffen. Er begnügte sich also, sie in voller Reinheit, doch von Herzensgrund zu lieben. Mit der Zeit blieb ihr das nicht unbemerkt. Und das Bewußtsein, von einem also ehrenhaften Mann voll tugendhafter Zurückhaltung verehrt zu werden, beglückte sie tief. Daher erzeigte sie sich ihm voll zutunlicher Güte, und er genoß zufrieden diese Gunst, die seine Erwartungen schier übertraf.

Jedoch die Bosheit, die Feindin allen stillen Glückes, vermochte solch ehrenhaften Zustand nicht zu ertragen: Verleumderseelen setzten der Mutter jener jungen Dame zu und erklärten, es verletze ihr Anstandsgefühl, zu sehen, wie dieser Edelmann dort im Hause aus und ein ginge und es sichtlich auf die Schönheit ihrer Tochter abgesehen habe, maßen er so viel mit ihr plaudere.

Die Mutter zweifelte an des Edelmanns Ehrenhaftigkeit nicht einen Augenblick und hätte auf ihn so hoch schwören mögen als auf eines ihrer Kinder. Doch betrübte es sie, daß man ihm etwas nachzusagen suchte, und da sie die Verleumdungssucht der Welt fürchtete, so bat sie ihn, einige Zeit das Haus zu meiden. Das war für ihn ein harter Schlag, da er sich bewußt war, daß sein sittsames Geplauder sein Fernbleiben wahrlich nicht erheischte. Um aber die bösen Zungen zum Schweigen zu bringen, verschwand er von der Bildfläche, bis das Gemunkel ein Ende fand, und nahm alsdann den gewohnten Verkehr wieder auf. Die Abwesenheit hatte seine Neigung nicht vermindert. Doch nun hörte er nach seiner Rückkehr davon sprechen, daß die junge Dame einen andern Edelmann heiraten solle. Da nun jener gar nicht so sehr reich war, so vermeinte auch er seinerseits den Versuch wagen zu dürfen, um sie zu werben. So faßte er sich ein Herz und bestimmte einige Freunde, seine Sache zu vertreten, da er sicher war, die junge Dame würde ihm den Vorzug geben, sofern man ihr die Wahl überließe.

Die Mutter und Verwandten befanden jedoch, daß der andere begüterter sei, und traten für diesen ein. Und da der Edelmann wohl wußte, daß die Dame seines Herzens ob dieser Wahl nicht minder unerbaut war als er selbst, so versank er in tiefe Betrübnis, und ohne daß sonst eine Krankheit mit im Spiele war, schwand er dahin und änderte dergestalt sein Aussehen, als habe er seine Schönheit unter einer Totenmaske verborgen. Doch daß er schier stündlich dem Grabe näher kam, machte ihn fast froh, und das eine nur mochte er nicht missen – die Heißgeliebte hier und da zu sehen und mit ihr zu plaudern. Aber mit der Zeit schwanden seine Kräfte immer mehr, also daß er das Bett hüten mußte. Das wollte er jedoch die Dame seines Herzens nicht wissen lassen, um sie nicht mit Kummer um ihn zu beschweren. Und so gab er sich ganz der Verzweiflung hin, hörte auf zu essen, zu trinken und zu schlafen, ja selbst nur zu ruhen, bis daß er schier zur Unkenntlichkeit abgemagert war.

Davon erfuhr nun die Mutter der jungen Dame, die nicht nur sehr mitleidig, sondern zugleich diesem Edelmann gar wohlgeneigt war, also daß sie gern seiner Ehrenhaftigkeit den Vorzug vor dem Besitze des andern gegeben hätte, wenn nur die Verwandtschaft ihrer und ihrer Tochter Meinung gewesen wäre. Doch die Angehörigen von Vaters Seite waren unzugänglich geblieben. Kurz und gut, sie suchte den Ärmsten mit ihrer Tochter zusammen auf und fand ihn schon mehr tot denn lebendig. Bereits hatte er gebeichtet und die letzte Ölung empfangen, da er sein Ende nahen fühlte und verlassen zu sterben vermeinte. Als er nun, zwei Schritt nur vom Grabe entfernt, die Geliebte noch einmal erblickte, die sein Alles war, fühlte er neue Kräfte erwachsen, richtete sich flugs auf seinem Lager auf und sprach: ›Was führt euch her zu mir, der ich schon mit einem Fuß im Grabe stehe und dem Tode so nahe bin, den ihr mitverschuldet habt?‹

›Wie sollten wir zu Euerm Tode beitragen,‹ fragte die Mutter betrübt, ›da wir Euch doch so herzlich zugetan sind? O bitte, sprecht, wie kommt Ihr nur zu diesem Vorwurf!‹

Und jener entgegnete: ›Soviel ich nur vermochte barg ich meine Liebe zu Eurer Tochter, und nur meine Verwandten haben, bezüglich der Ehe mit ihr, wohl mehr davon gesprochen, als mir lieb war. Denn ich war tief verzweifelt – nicht etwa, daß ich selbst eines Glückes verlustig gehen sollte, vielmehr ob des Bewußtseins, daß kein anderer sie jemals so lieben und wohl hegen mag als ich. So drückt mich denn auch der Gedanke tiefer nieder, daß sie nunmehr den treuesten und ergebensten Freund verlieren wird, als der Verlust meines Lebens, das ihr allein geweiht war. Und da sie nun keinen Gewinn mehr davon haben kann, so ist es nur ein Glück für mich, wenn ich mein Leben lasse.‹

Als die beiden seine Worte vernahmen, bemühten sie sich, ihn zu trösten. Und die Mutter sprach: ›So faßt doch Mut, lieber Freund. Bei Gott, ich will Euch versprechen, daß meine Tochter keinen andern Mann, denn Euch, ehelichen soll, sofern Ihr nur Eure Gesundheit wiedererlangt. Und sie selbst mag Euch ein gleiches Versprechen geben?‹ Und unter Tränen suchte ihn auch die junge Dame von der Zuverlässigkeit dieses Versprechens zu überzeugen.

Doch jener war nur zu gewiß, daß die Geliebte nimmer die Seine würde, wenn er erst wieder gesundet wäre, und daß alle diese Versprechungen einzig den Zweck verfolgten, ihm wieder Lebensmut einzuflößen. So erwiderte er nur: er könnte heute Frankreichs gesündester und glücklichster Edelmann sein, wenn sie schon vor drei Monaten also gesprochen hätten. Nun käme ihre Hilfe zu spät, und er habe kein Vertrauen und keine Hoffnung mehr. Und als sie ihn von neuem zu überzeugen suchten, fuhr er fort: ›Da Ihr mir etwas versprechen wollt, das ich trotz allem doch nicht mehr erlangen werde, so will ich Euch um ein viel Geringeres bitten, wozu ich sonst nimmermehr den Mut gefunden hätte.‹

Alsbald beschworen sie ihn, nur kecklich seinen Wunsch zu künden, und er sprach: ›Ich bitte, laßt mich die umhalsen, die Ihr mir zum Weibe zu geben versprecht, und heißt sie, mich wohl zu herzen und zu küssen.‹

Die Tochter war solchem Gehabe ganz fremd und mochte voll jüngferlichen Zagens dem Geheisch nicht folgen. Da jedoch ihre Mutter wohl erkannte, daß ihm nicht männliches Begehr noch Kraft mehr innewohnte, so drang sie eifrig in die Tochter und die trat zu dem armen Kranken auf den Befehl der Mutter herzu und sprach: ›So bitte ich Euch, teurer Freund, erfüllet Euern Wunsch.‹

Und der entkräftete Mann breitete seine schon völlig fleischlosen Arme aus, und so heiß es seine Ermattung erlaubte, umhalste er die, so seinen Tod verursacht hatte, preßte, solange er es vermochte, seine bleichen, kalten Lippen auf die ihren und sprach sodann: ›Meine Liebe zu Euch war so groß und rein, daß ich niemals – von der Ehe abgesehen – ein größeres Glück erträumte, als mir nun zuteil ward. Nun mag ich meine Seele ruhig Gott anempfehlen und zu ihm flehen, daß er sie jetzt zu sich nehme, da ich meines Sehnens Ziel in meinen Armen halte.‹ Bei diesen Worten umfing er sie nochmals mit solcher Glut, daß sein geschwächtes Herz der Wallung nicht gewachsen war und seine Seele ihre Hüllen sprengte und zum Schöpfer davonflog. Leblos sank er zurück und ließ das Mägdelein aus der Umarmung frei.

Doch nunmehr ward diese erst so recht ihrer Liebe zu ihm inne, also daß die Mutter und die Dienerschaft sie nur mit Mühe von ihm fortzureißen vermochten. Schier halbtot trugen sie das Mägdelein hinweg; und da der Tote in hohen Ehren bestattet wurde, erklangen ihre lauten Klagen, flossen ihre heißen Zähren ihm gleichsam zum Preise. Denn damit bezeugte sie nunmehr nach seinem Tode so laut ihre Liebe zu ihm, wie sie dieselbe zu seinen Lebzeiten eifrig verborgen hatte, und sie schien nun fast ihr Unrecht wieder gutmachen zu wollen. Zwar hat sie (wie ich hörte) geheiratet, doch ist nie wieder Freude in ihr Herz eingekehrt.

Euch also, meine Herren, die ihr meinen Worten nicht glauben wolltet – genügt euch dies Beispiel, um zuzugestehen, daß eine große, glühende und mißachtete Liebe gar wohl zum Tode führen kann? Ihr alle kennt die Familie, also könnt ihr nimmer zweifeln. Verstehen freilich kann nur der, so selbst derartiges erlebt hat.«

Allen Damen standen Tränen in den Augen. Hircan aber meinte: »Das ist fürwahr der größte Tor, von dem ich je gehört habe. Wie kann man nur für Frauen sterben, die um unsretwegen erschaffen sind, aus bloßer Angst, von ihnen zu verlangen, was uns von Rechts wegen zusteht! Beachtet selbst die Reue jenes Mädchens ob ihrer Torheit. Da sie die Leiche des Entschlafenen küßte, würde sie gewiß nicht dem Lebenden das Gleiche verweigert haben, wenn er nur ebenso mutvoll gewesen wäre, wie er jammervoll war, da er im Sterben lag.« – »Das meine ich auch,« entgegnete Saffredant, »durch Angst und Schwäche lassen sich viele Männer die schönsten Erfolge entgehen und reden dann von der Tugendhaftigkeit der Liebsten, die sie nicht einmal erprobt haben. Kein noch so befestigter Platz ist uneinnehmbar.«

»Ich bin ganz starr,« ließ sich nun Parlamente vernehmen, »was ihr da für Ansichten entwickelt. Wo habt ihr denn eure Erfahrungen gesammelt, daß ihr alle Frauen derart einschätzt?« – »Ich, Gnädigste,« entgegnete Saffredant »kann mich leider keiner Erfolge rühmen, wohl weniger ob der Tugend der Frauen, als durch eigenes Ungeschick. Doch hört die Worte der Alten im ›Roman von der Rose‹:

›Gott erschuf uns, – hört wohl an – Mann für Weib und Weib für Mann.‹

So glaube ich; wenn eine Frau erst einmal Feuer gefangen hat, dann ist des Mannes Dummheit schuld, wenn er sie nicht erringt.«

»Und wenn ich Euch nun die Geschichte einer Frau erzählen würde, die, heiß geliebt, umworben und bedrängt, doch ihre Tugend wahrt und der eigenen Glut gleich der des Geliebten sieghaft Herr wird – werdet Ihr dann die Möglichkeit zugestehen?« – »Gewiß, das werde ich.« – »Ihr müßtet«, fuhr Parlamente fort, »auch wahrhaft verstockt sein, um dann noch zu widersprechen. Und da es heute die letzte Erzählung sein soll, will ich keine langen Vorreden halten. Denn die Geschichte ist so schön und überzeugend, daß Ihr schnell meine Ansicht teilen werdet. Zwar habe ich sie nicht selbst miterlebt, vielmehr berichtete sie mir ein naher Freund zum Lobe des Helden, dem er über alle Maßen zugetan war. Doch nahm er mir das Versprechen ab, die Namen der handelnden Personen zu ändern, falls ich die Geschichte je erzählen sollte. Somit ändere ich die Namen, die Länder und Städte – das übrige ist reinste Wahrheit.«


Zehnte Erzählung

 

Von Amadours und Florindens Liebe, darinnen viel von Trug und Heuchelei die Rede ist, zumal jedoch von Florindens preislicher Keuschheit.

 

»In der Grafschaft Arande in Aragon lebte eine Dame, die als noch ganz junge Frau ihren Gatten, den Grafen von Arande, verloren hatte. Bei ihr waren ihre zwei Kinder, ein Sohn und ihre Tochter Florinde. Besagte Wittib gab sich jede Mühe, ihre Kinder in allen Tugenden zu erziehen, wie sie den Sproßen so hochansehnlicher Familien geziemen, also daß sich der Ruf von der Achtbarkeit ihres Hauses bald über ganz Spanien verbreitete. Oft kam sie nach Toledo, wo der König seine Residenz hatte, und wenn sie Saragossa, in dessen Nähe ihr Schloß lag, besuchte, so weilte sie lange bei der Königin und am Hofe, wo sie sich einer Schätzung ohnegleichen erfreute.

Einstmals machte sie sich wieder nach dorthin auf, so wie es ihre Gewohnheit war, um dem König in seinem Schlosse Jaffière in Saragossa ihre Aufwartung zu machen. Auf ihrem Wege kam sie durch ein Städtchen, das dem Vizekönig von Katalonien gehörte. Dieser kam zumeist wegen der Kämpfe mit Frankreich nicht von der Grenze bei Perpignan fort. Damals aber war gerade Frieden und der Vizekönig war mit allen Offizieren herbeigeeilt, um dem König zu huldigen.

Als der Vizekönig erfuhr, daß die Gräfin von Arande durch sein Gebiet kam, eilte er ihr ob ihrer alten Freundschaft und wegen ihrer Verwandtschaft mit dem König entgegen. In seiner Begleitung befanden sich etliche ehrenwerte Edelleute, die sich in den langen Kämpfen so männiglich Ruhm und Ehre erworben hatten, daß ihr Umgang nur jeden beglücken konnte. Darunter befand sich auch ein junger Mann von achtzehn oder neunzehn Jahren namens Amadour, der trotz seiner Jugend ein so sicheres Auftreten und so klugen Sinn besaß, daß er wohl unter Tausenden einzig wert gewesen wäre, einen Staat zu leiten. Dazu gesellte sich solch gewaltige unmittelbare Schönheit und eine so fesselnde Gabe zur Unterhaltung, daß man im Zweifel sein konnte, wem der Vorzug gebühre: seiner Schönheit, seinem Anstand oder seinem Verstand. Zu alledem kam noch eine Kühnheit, die er allenthalben auch in Frankreich und Italien bewiesen hatte, denn auch dort hatte er gekämpft, wenn daheim Frieden war. So erfreute er sich allgemeiner Achtung unter Freund und Feind. Dieser Edelmann also wohnte auch jener Begegnung mit der Gräfin bei. Doch als er die Schönheit und Anmut ihrer Tochter wahrnahm – die damals erst zwölf Jahre zählte –, da dünkte ihm das schönste Wesen dieser Welt erblickt zu haben, dessen Zuneigung alle Güter und Freuden einer andern Frau wohl aufzuwiegen vermochte. Nachdem er sie lange betrachtet hatte, beschloß er, ihr seine Liebe zu weihen. Doch war er sich wohl klar, wie sehr ihre edle Abkunft und ihre Jugend seinen Plänen im Wege standen, so daß er nur hoffen konnte, mit der Zeit und viel Geduld zum Ziele zu kommen. Um nun der Hauptschwierigkeit die Spitze abzubrechen – das war die weite Entfernung beider Wohnorte und die seltene Möglichkeit, Florinden zu sehen –, so beschloß er, sich zu verheiraten. Inzwischen war solchergestalt die Gräfin nach Saragossa gekommen und vom König und dem ganzen Hof herrlich aufgenommen worden. Oft besuchte sie auch der Gouverneur von Katalonien, und stets begleitete diesen dann Amadour, in der Hoffnung, mit Florinde plaudern zu können. Und um dort eingeführt zu werden, wandte er sich an die Tochter eines bejahrten Rittersmannes, der seiner Eltern Nachbar war. Dieses Mägdelein, Aventurade, war neben Florinde aufgezogen worden, so daß sie alles wußte, was in deren Herzen vorging. Ob ihrer edlen Abkunft nun und da sie dreitausend Dukaten Rente als Mitgift zu erwarten hatte, beschloß er, sich um ihre Hand zu bewerben. Dem war sie wohlgeneigt; doch da jener arm war, ihr Vater dagegen so reich, so bedachte sie, daß nur die Fürsprache der Gräfin von Arande hier helfen könne. Deshalb wandte sie sich an Florinde und sagte zu ihr: ›Seht Ihr dort den kastilianischen Edelmann, der so oft mit mir plaudert? Ich glaube, er beabsichtigt, mich zu heiraten. Doch wißt Ihr, wie mein Vater ist. Sicherlich würde er dem nie zustimmen, wenn die Frau Gräfin und Ihr selbst nicht Fürbitte einlegt.‹

Florinde liebte das Mägdelein wie sich selbst; darum versprach sie ihr, diese Sache in die Hand zu nehmen, als ob es ihre eigene wäre: Und infolgedessen stellte Aventurade ihr Amadour vor. Als der Florindens Hand küßte, glaubte er zu vergehen, und er, der ob seiner Plauderkunst berühmt war, ward so stumm, daß Florinde sich baß erstaunte. So sagte sie schließlich: ›Euer Ruf ist uns allen wohlbekannt, und es ist jedem eine Freude, Euch irgendwie gefällig sein zu können. Wenn ich Euch daher jemals helfen kann, möget Ihr auf mich rechnen.‹

Doch Amadour sah nur ihre Schönheit und war so hingerissen, daß er kaum ein Wort fand, ihr zu danken. Und ob sich gleich Florinde über sein Schweigen verwunderte, so vermutete sie nur Blödigkeit dahinter und natürlich keine Liebe und ging davon, ohne weiter Worte zu verlieren. Als Amadour inne ward, welch schöne Seele ihr trotz ihrer Jugend schon zu eigen war, sprach er zu der, die er heimführen wollte: ›Erstaunt Euch nicht, daß ich so alle Sprache verloren habe. Florindens Anmut und kluger Sinn haben mich derart verwirrt, daß ich schier nichts zu sagen wußte. Doch Ihr, Aventurade, die Ihr alle ihre Geheimnisse kennt, sagt mir doch: hat sie nicht schon aller Fürsten und Edelleute Herz bezaubert?‹

Aventurade liebte ihn bereits mehr denn alles in der Welt. So mochte sie ihm nichts verbergen und bestätigte, daß alle Herren Florinden zu Füßen lägen, daß sie aber, der Sitte gemäß, mit wenigen in Berührung käme und sich nur zwei spanische Prinzen um ihre Hand bewürben, der Sohn des Infanten, Heinrich von Aragon, und der junge Herzog von Cardonne. Augenscheinlich gäbe sie dem Sohn des Infanten den Vorzug. ›Doch‹, fuhr sie fort, ›überzeugt Euch selbst. Der junge Prinz ist einer der schönsten Fürsten der Christenheit und sie würden ein herrliches Paar bilden. Zudem, obgleich noch beide so jung sind – der Prinz zählt erst fünfzehn Jahre –, besteht und wächst die Liebe zwischen ihnen schon seit drei Jahren. Und wenn Ihr ihrer Gunst recht sicher sein wollt, so rate ich Euch, sucht seine Freundschaft.‹ Amadour war herzlich froh, daß die Dame seines Herzens überhaupt liebesfähig war, denn also konnte er hoffen, mit der Zeit zum Ziele zu kommen – wenn auch nicht als Gatte, so doch als ergebener Freund. Daher befolgte er alsbald den Rat, suchte den Umgang des Prinzen und erwarb bald dessen Gunst. Denn er verstand sich wohl auf all die Zeitvertreibe, die der Prinz liebte, zumal auf Reitkunst, Handhabung aller Art Waffen und sonstige edle Kurzweil. Als nun der Krieg in der Languedoc begann und Amadour mit dem Vizekönig dorthin fortmußte, ward er tiefbetrübt. Denn nun war ihm jede Möglichkeit, Florinden zu sehen, abgeschnitten. So beauftragte er einen seiner Brüder, der bei der spanischen Königin Hausmeister war, die Ehe mit Aventurade zu betreiben und den Beistand aller Freunde und selbst des Königspaares anzurufen. Und wirklich gelang es dem Hausmeister, zu erreichen, daß der geizige alte Herr vor Amadours Tugenden seine Geldgier meisterte, da alle, zumal die Grafenfamilie von Arande, so voller Lobes über ihn waren. Und als die Hochzeit bestimmt war, ließ der Hausmeister seinen Bruder vom Kriegsschauplatze heimrufen.

Inzwischen hatte sich der König vor dem ungünstigen Klima nach Madrid zurückgezogen und ließ dort auf Drängen seiner Ratgeber und der Gräfin die Heirat der Herzogin Medina-Coeli mit dem jungen Grafen von Arande anberaumen, um so einerseits diese Häuser miteinander zu vereinen, andrerseits seine Zuneigung zu der Gräfin zu beweisen. Zu dieser Hochzeit nun kam Amadour und vollzog alsbald auch die seine mit Aventurade, von der er weitaus mehr geliebt wurde, als er sie liebte, maßen diese Ehe nur der Deckmantel und Stützpunkt war, der ihm den Zutritt dahin ermöglichen sollte, wo er in Gedanken bereits dauernd weilte. Nach seiner Vermählung besuchte er das Haus der Gräfin von Arande so keck und ohne Zwang, daß man bald vor ihm ohne Zurückhaltung sprach wie vor einer Frau. Trotz seiner zweiundzwanzig Jahre erwies er sich so scharfsinnig, daß die Gräfin ihn alles wissen ließ, was sie je vorhatte, und ihre beiden Kinder hieß, seines Rates wohl zu pflegen und ihn stets zu befolgen. Trotz dieser Erfolge blieb er sehr zurückhaltend und Florinde merkte daher von seiner Neigung nichts. Und ob ihrer Liebe zu Amadours Frau, Aventurade, verheimlichte sie nie etwas vor ihm und enthüllte ihm sogar ihre Gefühle zu dem Prinzen. Er wiederum sprach alsdann unaufhörlich mit ihr über diese Sache, da er sie dadurch um so sicherer zu gewinnen vermeinte und zudem froh war, auf diese Weise lange mit ihr plaudern zu dürfen.

Doch einen Monat nach seiner Hochzeit mußte er zum Kriege zurück und verblieb mehr denn zwei Jahre fern von seinem Weibe. Derweile schrieb er ihr oft und zumal Empfehlungen an Florinde, die sie ihrerseits erwiderte, ja zuweilen schrieb sie selbst einige Zeilen unter Aventurades Briefe mit darunter. Doch verspürte sie nichts dahinter und war ihm nur wie einem Bruder zugetan. Bisweilen kam er auch besuchsweise heim. Doch ob er Florinden so kaum zwei Monate in den ganzen Jahren sah, nahm seine Liebe nur immer zu.

Als er solchergestalt wieder einmal zu seiner Frau kam, weilte die Gräfin auf einem ihrer Güter, da ihr Sohn dem König nach Andalusien gefolgt war. Voll Freude, ihn nach dreijähriger Abwesenheit wiederzusehen, ließ sie ihn wie ihren Sohn halten und holte wieder in allem seinen Rat ein. Auch Florinde sorgte liebevoll für ihn, ohne seine Absichten zu ahnen. Und da ihr sein Umgang angenehm war, so legte sie sich auch vor ihm keinen Zwang auf. Amadour hingegen hatte große Mühe, dem Scharfblick derer zu entgehen, die sich auf den Blick Verliebter wohl verstehen. Um sich nun auf die Dauer nicht zu verraten, begann er einer gar schönen Frau, Pauline mit Namen, Aufmerksamkeiten zu erweisen, deren Anmut schon viele in Fesseln geschlagen hatte. Die hatte oft von seinen Liebesabenteuern in Barcelona und Perpignan sprechen hören. So sagte sie eines Tages zu ihm, daß sie ihn tief bemitleide, weil er nach so herrlichen Erfolgen eine so häßliche Frau wie Aventurade geheiratet habe.

Amadour verstand sehr wohl, daß sie geneigt war, die Trösterin zu spielen, und da er vermeinte, sie dadurch leichter über die Wahrheit zu täuschen, sagte er ihr tausend Liebenswürdigkeiten. Doch sie war erfahren genug in Liebesdingen, um mehr als Worte zu verlangen. Und da sie wohl begriff, daß er keineswegs von Liebe zu ihr erfüllt war, so begann sie zu vermuten, daß sie nur den Deckmantel spielen sollte. Sie merkte nun wohl auf. Amadour wiederum verstellte sich so wohl, daß sie nicht über den bloßen Argwohn hinauskam. Doch seine Verlegenheit wuchs. Und da nun Florinde sich so oft vor Paulinen zwanglos mit ihm unterhielt und er diese Fälle besonders fürchtete, benutzte er eine Gelegenheit, da er in einer Fensternische mit Florinden plauderte, und sprach: ›Ich bitte Euch, ratet mir, was besser ist – reden oder sterben.‹ Florinde entgegnete sogleich: ›Stets werde ich meinen Freunden raten, zu reden, denn nur wenige Worte lassen sich nicht wieder gutmachen, der Tod aber ist unwiderruflich.‹ – ›So wollt Ihr mir versprechen, über meine Worte weder betrübt zu sein noch ungehalten, bevor Ihr mich bis zum Ende angehört habt?‹ – ›Sprecht immerhin; denn wenn Ihr mich überrascht, könnt auch Ihr nur mich wieder beruhigen.‹

Darauf hub er also an: ›Nie bisher mochte ich aus zweien Gründen von meiner tiefen Verehrung zu Euch sprechen: zum ersten, weil ich sie Euch durch langjährige Ergebenheit zu beweisen gedachte; zum zweiten, weil ich befürchtete, Ihr möchtet darin eine große Überhebung erblicken. Ja, wäre ich selbst fürstlicher Abkunft, so hätte doch der hohe Adel Eures Herzens keinen andern Herrn verdient als den Prinzen. So vernehmet denn, daß ich schon zu Zeiten Eurer frühesten Jugend Euch derart ergeben war, daß ich alles daran setzte, um Eure Gunst zu erwerben, und darum das Mägdelein ehelichte, dem Ihr am meisten zugetan waret. Darum auch bewarb ich mich um des Prinzen Wohlwollen und tat so alles, was Euch nur irgend gefallen mochte. Doch versteht mich recht: ich gehöre nicht zu den Männern, die hierdurch unehrenhaften Gewinn erhoffen und lästerliche Liebesgunst erstreben – viel eher möchte ich Euch tot sehen, denn entehrt. Als Entgelt für meine Ergebenheit erbitte ich nur, daß Ihr mir eine wohlgewogene Herrin bleibet und mir Eure Gunst bewahret, gleichwie bisher, voll Vertrauen auf mich und meinen Rat. Seid sicher, daß ich für Euch und Eure Ehre wenn nötig mein Leben daran zu setzen bereit bin und wohl die schwierigsten Aufgaben leichtlich Euch zu Liebe bewältigen würde. Solltet Ihr mich aber abweisen, so würde ich Waffenruhm und Ehre fahren lassen, die mir dann zu nichts mehr nutze sind. So gewähret mir diese Bitte, gegen die Eure Tugend und Euer Gewissen nichts einwenden kann.‹

Ob dieser unerwarteten Erklärung wechselte die junge Dame die Farbe und senkte tief erschrocken die Augen. Doch faßte sie sich und erwiderte: ›Da Ihr nichts anderes begehret, denn das, was Ihr schon besitzt, wozu diese lange Rede? Fast fürchte ich, unter Euren ehrenhaften Worten steckt irgendein Trug, um meine jugendliche Unerfahrenheit hinters Licht zu führen. Daher bin ich in Verlegenheit, was ich antworten soll. Denn ich mag nicht das Gegenteil von dem tun, was ich bisher pflegte, ich mag nicht Eure ehrenhafte Freundschaft zurückweisen, nachdem ich Euch bisher vor allen das meiste Vertrauen geschenkt hatte. Sie steht auch mit nichts in Widerspruch, da sie auf eine Ehe nicht abzielt. So hält mich nur eine gewisse Furcht zurück, die darin ihren Grund hat, daß für Eure Worte so gar keine Veranlassung vorlag. Denn da Euer Wunsch schon erfüllt ist, was drängt Euch dann, ihn mir des langen und breiten vorzutragen?‹

Amadour entgegnete ohne Besinnen: ›Wie klug Ihr sprecht und wie Ihr mich schon durch diese Bestätigung Eures Vertrauens ehrt! Unwürdig wäre ich jeder weiteren Gunst, wenn ich mich damit nicht zu genügen wüßte. Doch vernehmt nur, daß ich vorsorglich auch darauf sehe, daß niemand meine Zuneigung errät, um unerschüttert meiner Ergebenheit zu Euch pflegen zu können. Nun hat Pauline Argwohn gegen mich geschöpft, da sie begriffen hat, daß ich sie nicht lieben mag. Und da Ihr oft so ohne Zwang mit mir sprächet, fürchtete ich, sie könne irgend etwas bei mir erspähen und darauf ein Urteil aufbauen. Drum flehe ich Euch an: redet mich nicht vor ihr und ähnlichen Lästerzungen so unerwartet an. Denn lieber möchte ich sterben, als mich vor einer lebenden Seele verraten.‹

Florinde war bei diesen Worten über die Maßen erfreut. In ihrem Herzen keimte ein ganz ungewohntes Gefühl auf. Und da sie seine ehrenhaften Gründe einsah, so gewährte sie ihm gern die Zusage seiner Bitte und beglückte damit Amadour, wie nur ein Verliebter ihm nachfühlen kann. Doch beachtete sie seinen Rat am Ende allzusehr; denn da sie nun nicht nur vor Paulinen scheu wurde, sondern allenthalben, zog sie sich immer mehr von ihm zurück. Derweile sie sich also fernhielt, begann ihr sein Verkehr mit Paulinen zu mißfallen, und diese erschien ihr nun so schön, daß sie nicht mehr zweifelte, daß Amadour sie liebte. Um ihre Traurigkeit zu betäuben, suchte sie allerweilen Aventurade auf, die auch auf Paulinen eifersüchtig geworden war, und tröstete sie nach Möglichkeit, gleich als ob sie unter dem gleichen Leiden litte.

Amadour fiel Florindens Zurückhaltung auf. Ihm schien, daß nicht nur sein Rat da mitspräche, sondern noch irgendein törichtes Mißverständnis. So sprach er eines Tages nach dem Vespergottesdienst zu Ihr: ›Warum seid Ihr so gar zurückhaltend geworden?‹ – Sie entgegnete: ›Ich vermeinte, Ihr wünschtet es so.‹ Alsbald ahnte er den wahren Zusammenhang, und um sicher zu sein, sagte er flugs: ›Ich habe nun erreicht, daß Pauline nichts mehr argwöhnt.‹ Darauf erwiderte sie: ›Was könntet Ihr auch besseres für Euch und mich tun: Ihr schafft Euch Freuden und könnt noch obendrein Lob beanspruchen.‹ Da ward er inne, daß sie vermeinte, ihm schaffe der Umgang mit Pauline Genuß und in tiefem Schmerze vermochte er seinen Zorn schier nicht zurückzuhalten: ›Fürwahr, das heißt, Euern Diener quälen und mit Steinen werfen. Wie mußte ich mich überwinden, um diese langweilige Frau zu umschmeicheln, für die ich nichts übrig habe. Da Ihr nun mißverstanden habt, was ich Euch zu Liebe tat, so werde ich künftig nie wieder mit ihr sprechen, mag kommen was will. Und um meinen Grimm zu bergen gleich meinen Gefühlen, will ich von hier fortgehen, bis Euer Wahn verflogen ist. Zudem hoffe ich, bald zum Kriege zurückgerufen zu werden. Dort werde ich alsdann so lange bleiben, bis Ihr inne werdet, daß nichts mich hier hält denn Ihr allein.‹

Mit diesen Worten verließ er sie ohne ihre Antwort abzuwarten und ließ sie über die Maßen betrübt und niedergeschlagen zurück. Und aus seiner Abweisung begann in ihr eine gewaltige Liebe zu erwachsen. Sie sah alsbald ihr Unrecht ein und schrieb eiligst an Amadour, er möge zurückkehren. Also tat er nach einigen Tagen, da sein Zorn sich gelegt hatte. Dann sorgte er dafür, daß sie ihre Eifersucht fallen ließ, und schließlich siegte die Liebe über den Verdacht und beide gaben sich froher denn je dem Genusse hin, miteinander zu plaudern.

Da kam die Nachricht, daß der König das ganze Heer nach Salces beorderte, und da Amadour allezeit der erste zur Stelle war, so wollte er auch diesmal nicht seinen Ruf schmälern. Doch war sein Kummer groß, Florinde zu verlassen; denn er bedachte, daß er sie vielleicht nicht mehr sehen würde, wenn sie sich während seiner Abwesenheit vermählte, sofern ihr die Gräfin von Arande nicht seine Frau als Ehrendame zuwiese. Darum betrieb er diese Angelegenheit durch seine Freunde so wohl, daß am Ende die Gräfin und Florinde ihm versprachen, Aventurade allenthalben mit sich zu nehmen. Auch sofern sich Florinde nach Portugal verheiraten sollte, wie man beabsichtigte, sollte jene ihr folgen. Nachdem er dessen sicher war, reiste er ab. Und alsbald widmete sich Florinde allerhand wohlgefälligen Werken, auf daß sie sich den Ruf eines unvergleichlichen Weibes erwürbe und dadurch eines so vollkommenen Freundes würdig wäre.

Als Amadour nach Barcelona kam, ward er wie gewöhnlich von den Damen über alle Maßen gefeiert. Doch fanden sie ihn ganz verändert und vermeinten, daß nie eine Ehe je einen Mann also gefangen genommen hätte. Er aber blieb nur so lange dort, als irgend nötig war, eilte dann nach Salces und erwarb in den blutigen Kämpfen daselbst unvergleichlichen Ruhm. Als der Herzog von Nagières mit zweitausend Mann nach Perpignan kam, ernannte er Amadour zu seinem Hauptmann, und der erfüllte mit seinen Truppen so eifrig seinen Dienst, daß man bei jedem Scharmützel vor allem den Ruf vernahm: ›Nagières! Nagières!‹

Da nun der König von Tunis hörte, daß schon seit langem Spanien mit Frankreich kämpfte, vermeinte er, das wäre wohl die geeignetste Zeit, dem König von Spanien etwas am Zeuge zu flicken. So entsandte er eine große Anzahl von Schnellseglern, um die unverteidigten Küsten Spaniens auszurauben und zu verheeren. Als die Bewohner von Barcelona eine Menge Segler vorüberfahren sahen, benachrichtigten sie den König in Salces, und der entsandte unverzüglich den Herzog von Nagieres nach Palamons. Da die auf den Schiffen merkten, daß dieser Ort so gut verteidigt war, taten sie, als führen sie weiter. Aber um Mitternacht kehrten sie zurück, landeten eine große Übermacht, überfielen unversehens den Herzog und nahmen ihn gefangen. Amadour hatte als wachsamer Krieger ihr Nahen wohl vernommen, eilends möglichst viel Mannschaften um sich geschart und leistete lange schier unüberwindlichen Widerstand. Da aber am Ende der Herzog bereits gefangen und Palamons von den Türken in Brand gesteckt war, also daß auch die Häuser in Flammen standen, in denen er sich verteidigte, so sah er ein, daß es zwecklos war, noch mehr Leute zu opfern, und daß er zudem durch Loskaufen Aussicht hatte, Florinden wiederzusehen. So ergab er sich dem türkischen Feldherrn Derlin. Der führte ihn zu seinem Herrn, wo er in Ehren empfangen und gar wohl bewacht wurde. Denn sie vermeinten in Amadour den Achilles des spanischen Heeres in ihrer Hand zu haben. Und also blieb er fast zwei Jahre als Gefangener am Hofe des Königs von Tunis.

Die Nachricht von diesen Ereignissen drang auch zur Gräfin von Arande, in deren Hause die arme Aventurade damals schwer krank darniederlag. Die Gräfin argwöhnte bereits die Neigung Amadours zu ihrer Tochter, verbarg aber ihre Gedanken in Ansehung seiner edlen Gesinnung. Als sie nun die traurige Kunde vernahm, rief sie ihre Tochter zur Seite und teilte ihr die Botschaft mit. Doch Florinde wußte sich wohl zu beherrschen und entgegnete: das wäre ein großer Verlust für ihr Haus und doppelt schrecklich für sein armes Weib, weil dasselbe gerade so krank sei. Und da sie ihre Mutter sehr weinen sah, ließ sie auch einige Zähren fallen, um sich nicht durch allzu übertriebene Verstellung zu verraten. Seitdem begann die Gräfin oft über Amadour zu sprechen, ohne je aus Florindens Zurückhaltung einen Schluß ziehen zu können.

Während diese nun Wallfahrten, Bittgottesdienste und Fasten veranstaltete, gelang es Amadour, seine Freunde und durch einen zuverlässigen Boten auch Florinden zu benachrichtigen, daß er gesund sei und sie wiederzusehen hoffe. Das war ihr eine schier unentbehrliche Beruhigung, und da sie nun die Möglichkeit hatte, ihm zu schreiben, so besorgte sie dies so eifrig, daß es Amadour nicht mehr an Tröstungen mangelte.

Indessen wurde aber die Gräfin nach Saragossa zum König beschieden. Bei diesem weilte der junge Herzog von Cardonne, der das Königspaar so eifrig bestürmt hatte, daß es um Florindens Hand für ihn anhielt. Gehorsam gab die Gräfin ihre Einwilligung, zumal sie nicht daran zweifelte, daß ihre noch so junge Tochter sich ihr fügen würde. Nachdem alles festgesetzt war, eröffnete sie ihr, daß sie diesen Entschluß als den gegebenen gefaßt habe. Da die Tochter inne ward, daß ein Widerspruch zwecklos war, entgegnete sie, Gottes Wille möge allezeit geschehen, und sah ein, maßen sich ihre Mutter so seltsam zu ihr stellte, daß es besser war zu gehorchen, als auf ihre eigenen Wünsche zu achten. Als sie noch obendrein vernahm, daß der Sohn des Infanten tödlich erkrankt war, da beherrschte sie sich zwar über die Maßen, aber die verhaltenen Tränen riefen schließlich einen Blutsturz hervor, der ihr Leben in Gefahr brachte. Und um ein Ende zu machen heiratete sie kurz und gut den Herzog, obgleich ihr schier der Tod lieber gewesen wäre. Dann begab sie sich mit ihrem Gemahl in das Herzogtum von Cardonne und nahm Aventurade mit, der sie oft ihr Herz über die Strenge der Mutter und den Verlust des Prinzen ausschüttete. Von Amadour jedoch sprach sie nur, um sein armes Weib zu trösten. Und im übrigen beschloß sie, gottgefällig und ehrsam zu leben und ihr Leid so wohl zu bergen, daß niemand merken konnte, wie ihr Mann ihr mißfiel.

So lebte Florinde lange Zeit kläglicher, als wäre sie tot gewesen. Doch ließ sie Amadour ihren Schmerz wissen, und dieser kannte ihr hochgemutes Herz und ihre Liebe zu dem Prinzen genügend, um für ihr Leben zu fürchten und sie ohne Grenzen zu betrauern. Als er nun hörte, daß der König von Tunis beschlossen habe, ihn töten zu lassen, sofern er nicht bereit wäre, seinen Glauben abzuschwören und in seine Dienste zu treten, da bestimmte er seinen Herrn dahin, ihn auf Ehrenwort heimzulassen und im übrigen ein Lösegeld zu bestimmen. Das wurde so hoch festgesetzt, daß ein wenig bemittelter Mann wie Amadour es voraussichtlich nie aufzubringen vermochte, und alsdann entließ ihn sein Herr auf Ehrenwort, ohne den König erst weiter zu fragen.

Amadour eilte zunächst zum Königshof, dann aber auf der Suche nach dem Lösegeld geradewegs nach Barcelona, wo der junge Herzog von Cardonne mit seiner Mutter und Florinden zufällig weilte. Sobald Aventurade die Kunde von Amadours Kommen erhielt, teilte sie die Nachricht Florinden mit. Die tat, als freute sie sich für jene. Doch fürchtete sie, die Freude bei seinem Anblick könnte sie sichtbarlich erröten machen, so daß die andern, so ihn nicht kannten, das übel deuten würden. Daher harrte sie an einem Fenster, bis sie ihn kommen sah, und eilte ihm dann auf einer Stiege entgegen, die so dunkel war, daß man ihre Gesichtsfarbe nicht erkennen konnte. Also umarmte sie ihn, führte ihn alsdann zu ihrer Schwiegermutter, die ihn noch nicht kannte, – und kaum war er zwei Tage da, so liebte ihn das ganze Haus gleich wie die Familie der Gräfin von Arande.

Von den Gesprächen Florindens mit Amadour und ihren gemeinsamen Klagen über das erlittene Leid mag hier nichts berichtet werden. Schon war sie bereit, ihre Liebe und ihr Vertrauen zu ihm sich zum Troste zu nehmen; aber sie wagte nicht, es ihm zu sagen. Immerhin verstand er es wohl und verlor keinen Augenblick, ihr seine leidenschaftlichen Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Da, als sie fast im Begriff war, ihn schon nicht mehr als ergebenen Diener, sondern als herzlieben Freund anzuerkennen, trat ein wunderbarer Zufall ein: der König ließ plötzlich Amadour für einen wichtigen Auftrag zu sich rufen, und diese plötzliche Nachricht erschreckte seine Frau Aventurade derart, daß sie auf einer Stiege ohnmächtig wurde und sich zu Tode stürzte. Ob dieses Unglücksfalles war Florinde schier trostlos. Sie versank in tiefe Trauer, als ob sie ihre liebste Verwandte verloren hatte. Aber schlimmer noch erging es Amadour. Denn nicht nur verlor er eine wunderschöne Frau – er wurde nun auch aller Möglichkeit beraubt, Florinden künftig wiederzusehen. Und darob verfiel er in eine so schwere Krankheit, daß er zu sterben vermeinte.

Unaufhörlich besuchte ihn die alte Herzogin von Cardonne und suchte ihn durch philosophische Betrachtungen über den Verlust seines Weibes zu trösten. Doch das half wenig. Als er begriff, daß Aventurade bereits beerdigt war und der Ruf seines Königs keinen Aufschub mehr gestattete, ward er so verzweifelt, daß er schier den Verstand verlor. Einen ganzen Nachmittag verbrachte Florinde bei ihm, um ihn zu beruhigen und ihm zu versichern, daß sie wohl Mittel und Wege finden würde, ihn öfter zu sehen als er vermeine. Und da er am nächsten Morgen abreisen sollte, aber noch so schwach war, daß er sich im Bette kaum zu rühren vermochte, so bat er sie, am Abend nochmals zu ihm zu kommen, wenn die andern fort wären. Das sagte sie zu, ohne zu argwöhnen, wohin die Verzweiflung in der Liebe führen könne. Indem er nämlich keine Hoffnung mehr hatte, sie je wieder zu erblicken, so gewann die lange unterdrückte Glut die Oberhand und er beschloß, alles aufs Spiel zu setzen und in jener Stunde den, wie er meinte, verdienten Lohn zu ernten. Er ließ die Bettvorhänge schließen, so daß er kaum zu sehen war, und klagte so, daß alle glaubten, er würde die nächsten vierundzwanzig Stunden nicht überleben. Und nachdem alle ihn verlassen hatten, ging Florinde, zumal auch ihr Gemahl sie darum bat, zu dem Kranken, in der Hoffnung, ihn damit zu trösten, daß sie ihn ihrer Zuneigung versicherte und ihm soviel Liebesbeweise versprach als die Ehrbarkeit gestattete. So setzte sie sich zu Häupten seines Lagers auf einen Stuhl und begann ihre Trostesrede, indem sie ihre Tränen mit den seinen vereinte.

Da Amadour sie voll Trauer und Mitleides sah, vermeinte er, daß ihre Pein ihm sein Vorhaben wohl erleichtern könne. So erhob er sich von seinem Bette. Florinde wollte ihn daran hindern, da sie glaubte, daß er zu schwach sei. Er aber warf sich auf die Knie und sprach: ›Muß ich denn fürder immerdar Euern Anblick vermissen?‹ Und damit sank er in ihre Arme, als ob alle Kräfte ihn verlassen hätten. Die arme Florinde umhalste und stützte ihn gar lange, derweile sie ihm unablässig Trost zusprach. Doch der Heiltrank, den sie ihm also spendete, um sein Leid zu mindern, spornte vielmehr seine Kräfte. Und während er sich halb tot stellte und schier keinen Ton mehr hervorbrachte, strebte er zu erreichen, was Frauenehre verbietet.

Als Florinde seiner schlimmen Absichten inne ward, traute sie kaum ihren Sinnen, da er doch allezeit so geziemend geredet hatte, und fragte ihn, was er da wolle. Doch Amadour wußte gar wohl, daß sein Flehen nur eine keusche Ablehnung finden würde. Daher erwiderte er nichts und setzte alle Kräfte daran, zu dem gewünschten Ziele zu kommen. Florinde hingegegen war so überrascht, daß sie vielmehr fürchtete, er habe den Verstand verloren, und deshalb rief sie laut nach einem Edelmann, der im Nebenzimmer wachte. Von Verzweiflung übermannt warf sich Amadour darob so jäh auf sein Lager, daß der Edelmann vermeinte, er sei dahingeschieden. Indes war Florinde aufgestanden und rief: ›Schnell, holt mir guten Weinessig!‹ Und während der Edelmann davoneilte, Hub sie an: ›O Amadour, welch arger Wahn hat Euch nur eben betört? Was fiel Euch bei – was wolltet Ihr beginnen?‹ Amadour aber war vor Leidenschaft schier von Sinnen und entgegnete: ›Verdient denn etwa all meine langjährige Ergebenheit so grausamen Lohn?‹ – ›Und wo bleibt denn die Ehrbarkeit,‹ rief Florinde, ›von der Ihr allezeit so viel gepredigt habt?‹ Doch Amadour erwiderte: ›Ach, edle Frau, fürwahr, man kann Eure Tugend nicht höher stellen, als ich es tat: da Ihr noch ledig waret, überwand ich mein Herz, und nie konntet Ihr von meinem Begehren etwas verspüren. Doch nun Ihr Frau seid und Eure Ehre wohl gedeckt ist, welches Unrecht begehe ich jetzt, da ich erbitte, was mein ist? Denn ich habe doch in Liebe Euer Herz erobert. Der Mann, der zuerst Euer Herz besaß, kämpfte so schlecht um Euern Besitz, daß er das Recht auf Euch verloren hat. Der andere, der Euern Leib besitzt, ist Eures Herzens nicht würdig. Ich aber habe fünf oder sechs Jahre lang so viele Qualen und Mühen für Euch erduldet, daß mir sehr wohl das Recht zusteht, Euer Herz und Euern Leib zu besitzen. Und wenn ich vor meiner Abreise den verdienten Lohn von Euch erhielte, so würde mir das wohl die Kraft geben, den Schmerz der langen Trennung zu ertragen. Beliebet Ihr aber meinen Wunsch abzuweisen, so werdet Ihr alsbald vernehmen, in welch unglückselig grausamen Tod Ihr mich getrieben habt.‹

Florinde ward gleichermaßen überrascht und betrübt, als sie ihn solche Worte sprechen hörte, die sie nie von ihm erwartet hattet Und weinend sprach sie: ›Wehe, wo sind Eure tugendsamen Worte vergangener Tage, wo Euer Rat, lieber zu sterben, denn die Ehrbarkeit zu verleugnen? Gewißlich habt Ihr Euch selbst verloren, da Ihr Gott, Euer Gewissen und meine Ehre so ganz vergessen konntet. Doch nun preise ich die himmlische Vorsehung, die mir in Euern Worten Euer Herz enthüllte. Schier war ich bereit, Euch ganz und von Herzen zu lieben, indem ich fest auf Eure tugendsame Freundschaft vertraute. Doch meine Zuversicht war auf Sand gebaut und jetzt ist alles zusammengebrochen. Nun gebet alle Hoffnung auf und glaubet auch nicht, daß ich je meine Ansicht ändern werde. Ich sage Euch das voll unbeschreiblichen Schmerzes; aber Ihr habt mir das Herz gebrochen und meine Enttäuschung ist so groß, daß gewißlich mein Leben darob ein frühes Ende nehmen oder von Jammer erfüllt sein wird. Und nunmehr lebt wohl für immer.‹ Amadours Schmerz war schier unbeschreiblich. Und da er wohl begriff, daß er sie dauernd verlieren würde, sofern er nicht den schlechten Eindruck seiner Worte zu verwischen vermochte, so hielt er sie fest, als sie davongehen wollte, und sprach voll listiger Verstellung: ›Allezeit war es mein Wunsch, eine ehrbare Frau zu lieben; und da ich stets nur schlechte Erfahrungen gemacht hatte, so wollte ich Euch erproben, ob Ihr wirklich so tugendhaft wäret, als ich in meiner Liebe vermeinte. Nun bin ich dessen gewiß und preise Gott, der mir solch Glück beschieden hat. Vergebt mir nun mein törichtdreistes Unterfangen, da Ihr wohl sehen könnt, daß alles Euch zu Ehren und mir zur tiefen Befriedigung ausschlug.‹

Florinde hatte nun zwar begonnen, die Schlechtigkeit der Männer zu erkennen. Aber wie sie früher daran nicht recht glauben wollte, so war sie auch diesmal bereit, lieber das Gute zu vermuten denn das Böse, und so erwiderte sie: ›Gebe Gott, daß Ihr die Wahrheit sprecht. Doch bin ich seit meiner Ehe klarsichtig genug geworden, um zu verstehen, daß Euch blinde Leidenschaft zu Euerm Tun getrieben hat. Hätte Gott mich nicht beschützt, gewiß hattet Ihr nicht locker gelassen. Wer die Tugend sucht, begeht nicht solche Wege. Laßt dies nun genug sein: ich habe leichtfertig auf Euch vertraut und es war Zeit, daß ich die Wahrheit einsah und mich so von Euch freimachte.‹

Damit verließ sie ihn und beweinte die ganze Nacht hindurch diese Enttäuschung, zumal ihre Liebe sie immer wieder zur Reue trieb. Denn das Herz mag sich nicht fügen, wenn auch der Verstand beschließt, alle Liebesgedanken zu bannen. Und da sie begriff, daß nur seine Liebe an allem schuld gewesen war, so entschloß sie sich zwar, ihm weiter von Herzen zugetan zu bleiben, doch um ihrer Tugend willen es ihn nie je fürder merken zu lassen.

Am nächsten Morgen reiste Amadour voll Jammers ab; doch in seinem hochgemuten Herzen verzweifelte er nicht völlig, sondern nährte aufs neue den Wunsch, Florinden wieder zu sehen und ihre Gunst zurückzugewinnen. Auf dem Wege zum König suchte er die Gräfin von Arande auf, die vor Trauer über die Trennung von ihrer Tochter krank war. Sie nahm ihn wie ihren eigenen Sohn auf und er erzählte ihr (doch nicht alles), was er von Florinden wußte, sprach auch von ihrer herzlichen Freundschaft zu ihm und bat sie, ihm häufig Nachrichten zu senden und jene bald zu sich zu rufen. Dann brach er wieder auf, erledigte seine Aufträge bei der Königin und zog von neuem in den Krieg. Aber man erkannte ihn schier nicht, so war er verändert: er kleidete sich nur noch in Schwarz und trug noch mehr Trauer zur Schau, als der Tod seines Weibes erfordert hätte. So verbrachte er drei oder vier Jahre, ohne zum Hofe zurückzukehren.

Da die Gräfin derart vernommen hatte, daß ihre Tochter so bedauernswert niedergedrückt sei, ließ sie sie zu sich rufen. Als diese nun hörte, daß Amadour ihrer Mutter so viel von ihrer Freundschaft zu ihm erzählt hatte und die Mutter so auf seine Einsicht und Tugend baute, da trat das Gegenteil von dem ein, was Amadour erwartet hatte: sie geriet in große Pein, ihre Verwandschaft auf seiner Seite zu sehen. Doch da er fern war, ließ sie sich nichts merken und schrieb auf der Mutter Wunsch auch bisweilen an ihn, doch so, daß er wohl merken konnte, daß es nicht von Herzen geschah. Und so verdrossen ihn diese Briefe gleichermaßen, wie sie ihn früher erfreut hatten. Nachdem er aber so viele Taten vollbracht hatte, daß man sie gar nicht alle beschreiben kann, faßte er einen großen Plan, nicht mehr, um ihr Herz zurückzugewinnen (denn das schien ihm verloren), wohl aber, um seine Feindin zu besiegen, da sie sich nunmehr so stellte. Daher ließ er sich vom Gouverneur zum König senden, um einige Maßnahmen gegen Leucate bei Narbonne zu besprechen. Und in der kühnen Absicht, sich zuerst deshalb bei der Gräfin Rats zu erholen, begab er sich geradewegs nach Arande, wo, wie er wohl wußte, Florinde weilte. Doch sandte er zuvor einen Freund zur Gräfin, kündete ihr sein Kommen an und bat, dies geheimzuhalten und der Vorsicht halber zu gestatten, daß er des Nachts mit ihr beraten dürfe. Die Gräfin war voller Freuden, benachrichtigte sogleich Florinden und hieß sie, sich im Zimmer ihres Gatten umzukleiden, damit sie bereit sei, wenn sie gerufen würde, sowie alle zur Ruhe gegangen wären.

Florinde war noch keinesweges von ihrer früheren Angst frei, ließ sich aber nichts merken und bat nur in der Kapelle Gott, ihr Herz vor aller Versuchung zu hüten. Und da sie sich ihrer Schönheit trotz ihrer Leiden gar wohl bewußt war, nahm sie einen Stein und zerschlug damit derart ihr Gesicht, daß Mund, Augen und Nase ganz entstellt waren. Damit man aber nichts argwöhnen konnte, ließ sie sich vor der Kapelle mit dem Gesicht auf einen Stein niederfallen. Auf ihr Geschrei kam die Gräfin herbei, und ließ sie sogleich, als sie ihren kläglichen Zustand sah, sorglich verbinden. Alsdann bat sie Florinde, in ihrem Kabinett so lange mit Amadour zu plaudern, bis die Gesellschaft davongegangen sei. Das tat sie auch, weil sie vermeinte, es wäre noch jemand bei ihm. Da sie sich aber mit Amadour allein hinter verschlossenen Türen sah, ward sie ebenso niedergedrückt, wie Amadour erfreut. Denn dieser dachte nun durch Liebeswerben oder Gewalt sein Ziel zu erreichen. Nachdem er also einige Worte geplaudert hatte und sah, daß sie noch immer so dachte wie zuvor und selbst für den Tod nicht ihre Ansicht ändern mochte, da sprach er, außer sich vor Verzweiflung: ›Bei Gott, solch kleinliche Bedenken sollen mich nicht um meinen Lohn bringen. Da Liebe, Geduld und demütige Bitten mir nichts nutzen, so will ich meine Kraft versuchen, um das Gut zu erringen, das ich ansonsten verlieren würde.‹

Als Florinde ihn so wild erregt sah, daß seine Augen wild funkelten, sein Antlitz purpurrot wurde und seine kraftvollen Fäuste ihre zarten Hände packten; als sie zudem begriff, daß er ihre Arme und Beine so wohl festhielt, daß sie weder sich verteidigen noch fliehen konnte, da suchte sie ihre Rettung darin, die Wurzel seiner früheren Liebe aufzuspüren, auf daß er um derentwillen sein grausames Vorgehen aufgäbe. Und sie sprach: ›O Amadour, da Ihr nun wie ein Feind mit mir handelt, so flehe ich Euch bei Eurer ehrenhaften Liebe, die ich früher in Euerm Herzen vermeinte, an, hört mich zuerst, bevor Ihr mich so quält.‹ Und da er ihr zuhörte fuhr sie fort: ›Was drängt Euch nur, etwas zu ertrotzen, davon Ihr keine Befriedigung haben werdet, ich aber ungeahntes Leid? Seit meiner Jugend und der Blütezeit meiner Schönheit (die Eure Leidenschaft noch hätte entschuldigen können), kennet Ihr so wohl meinen Willen, daß ich schier nicht begreifen kann, wie Ihr, nun ich alt und häßlich geworden bin, das Herz haben könnt, mich so zu peinigen. Wenn auch nur noch etwas von Eurer Liebe in Euch blieb, so muß das Mitleid doch Eure Glut ersticken. Hat sich aber all Eure Liebe in Haß gewandelt, also daß Ihr mich aus Rache so unglücklich machen wollt, so wißt, daß ich es nicht dazu kommen lassen werde. Dann werde ich Euch wider meinen Willen Eure Bosheit ins Gesicht werfen und Ihr werdet Eures Lebens nicht mehr sicher sein.‹

Doch Amadour unterbrach sie: ›Muß ich sterben, so werde ich dadurch meiner ewigen Qualen ledig. Doch die Entstellung Eures Angesichts soll mich nicht hindern, Euch zur Meinen zu machen. Denn könnte ich selbst nur Euer Gebein haben, so sollte dies mein Eigen sein.‹ Da Florinde nun sah, daß Tränen und Bitten nichts halfen und er voll Grausamkeit auf seinem argen Vorhaben bestand, so griff sie zu einem Mittel, dem sie schier den Tod vorgezogen hätte, und rief mit klagender Stimme so laut sie konnte nach ihrer Mutter. Als die solchen Ruf vernahm, überkam sie die Ahnung der Wahrheit und sie lief eilends in das Kabinett. Doch Amadour war keineswegs so bereit zu sterben, als er behauptet hatte. Rechtzeitig hatte er seine Beute losgelassen, also daß die Gräfin beim Eintritt ihn weit genug von Florinden fand. So fragte sie: ›Was geschah soeben, Amadour? sagt mir die Wahrheit!‹ Doch der war um eine Antwort nicht verlegen und entgegnete mit bleichem und starrem Antlitz: ›Ach, edle Frau, in welchen Zustand ist Frau Florinde geraten! Ich bin noch voller Erstaunens; denn wie Ihr wißt, glaubte ich mich ihrer Wohlgeneigtheit sicher, und nun sehe ich, daß davon keine Rede mehr ist. Schon da ich sie anblickte, mochte sie es nicht leiden, doch vermeinte ich, das sei nur gleichsam ein Traum, und bat, ihre Hand nach Landessitte küssen zu dürfen, und das wies sie mir hart ab. Gewißlich tat ich Unrecht und bitte darob um Vergebung, ich ergriff nämlich mit Gewalt ihre Hand und küßte sie. Doch wollte sie sicherlich meinen Tod und rief Euch. Vielleicht vermeinte sie, daß ich noch anderes im Sinne hätte. In jedem Falle ruht die Schuld auf mir. Doch verbleibe ich alle Zeit Euer und ihr ergebenster Diener und bitte Euch, mir wenigstens Eure Gunst zu bewahren, da ich die ihre verloren habe.‹

Die Gräfin glaubte ihm nur halb, trat zu ihrer Tochter und befragte diese: ›Weshalb riefst du mich so laut?‹ Doch Florinde erwiderte nur, ihr habe gebangt; und trotz aller Fragen blieb sie bei dieser Antwort, denn da sie nun den Händen ihres Feindes entronnen war, glaubte sie ihn genügsam damit bestraft, daß sein Unterfangen mißlungen war. Und nachdem die Gräfin lange mit Amadour gesprochen hatte, ließ sie ihn noch in ihrer Gegenwart mit Florinden reden, um sein Benehmen zu beobachten. Doch er verlor nicht mehr viele Worte, sondern dankte ihr nur, daß sie ihrer Mutter nicht die Wahrheit verraten hatte, und bat sie sodann: da er nunmehr ihr Herz verloren habe, möge sie wenigstens keinem andern seinen Platz einräumen. Darauf entgegnete sie: ›Bezüglich des ersteren wißt, daß ich nimmermehr gerufen hätte, wenn mir eine andere Verteidigung möglich gewesen wäre. Im übrigen sorgt Euch nicht, daß ich einen andern lieben werde. Denn da ich in dem Herzen des tugendhaftesten Mannes nicht die Ehrbarkeit fand, die ich erhoffte, so kann ich sie auch nirgend anders zu finden erwarten.‹

Damit entließ sie ihn. Die Mutter konnte aus dieser Zurückhaltung nichts herauslesen und vermeinte nun, Florinde hasse in ihrer Torheit alles, was sie selbst schätzte. Und so stand sie von nun an sieben Jahre lang mit ihrer Tochter auf dem Kriegsfuße. Um ihre Strenge zu fliehen, hing sich Florinde nun an ihren Mann und wich ihm nicht von der Seite. Doch da alles nichts nützte, wollte sie Amadour überlisten, tat einige Tage freundlich zu ihm und riet ihm, einer Frau seine Freundschaft zu Füßen zu legen, die bei ihr von ihrer Liebe für Amadour gesprochen hätte.

Besagte Dame, mit Namen Lorette, lebte in der Umgebung der Königin. Sie war so froh, einen solchen Freund erworben zu haben, daß sie allenthalben damit prahlte, bis man anfing darüber zu reden. So drang die Kunde auch zur Gräfin von Arande, die nunmehr Florinde gegenüber ihr Benehmen änderte. Da diese nun aber vernahm, daß Lorettes Gatte, ein Hauptmann, derart von Eifersucht entflammt war, daß er sich entschlossen hatte, Amadour zu töten, gleichgültig wie, – da gab sie letzterem davon Kunden denn ob sie sich auch verstellte, sie mochte Amadour nichts Böses tun. Der aber kehrte leichtlich zu seiner verlorenen Liebe zurück und entgegnete daher: wenn sie geruhen würde, täglich drei Stunden mit ihr zu plaudern, so würde er gern nimmermehr ein Wort mit Lorette reden. Dazu war Florinde keineswegs bereit, und so erklärte er ihr: ›Warum denn wollt Ihr mich vor dem Tode bewahren, da Ihr mir keine Lebensfreude gewähren möget? Ist’s, um mich ärger zu quälen als tausend Todesarten es vermöchten? So wißt: wenn mich auch der Tod flieht, ich werde ihn suchen bis ich ihn finde, denn nur dann werde ich Ruhe finden!‹

Zu jener Zeit kam die Nachricht, daß der König von Granada einen gewaltigen Krieg gegen Spanien begonnen hatte. So wurde der spanische Königssohn, Philipp, mit dem Connetable von Kastilien und dem Herzog von Alba gegen die Mauren entsandt. Auch der Herzog von Cardonne und der Graf von Arande mochten nicht weilen und erbaten von dem König eine Stelle im Heere, und der unterstellte sie Amadour. Dieser vollbrachte in selbigem Kriege so tollkühne Taten, daß ihn sicherlich Verzweiflung dazu getrieben haben muß. Doch mußte er das endlich mit dem Leben bezahlen. Als nämlich einmal die Mauren zu flüchten vorgaben und die Spanier sie verfolgten, hielten der Connetable und der Herzog von Alba den Kronprinzen zurück, da sie die Kriegslist durchschauten. Trotz alles Verbotes aber setzten der Graf von Arande und der Herzog von Cardonne über den Fluß. Und da die Mauren nur wenige Mann hinter sich sahen, drehten sie um, erschlugen mit einem Säbelhieb den Herzog und verwundeten den Grafen so schwer, daß er für tot auf dem Platze blieb.

Dieser Verlust nun brachte Amadour derart in rasende Wut, daß er das Getümmel durchbrach und die Körper der beiden zum Lager zurückzutragen ermöglichte. Dort war der Kronprinz so tief bekümmert, als wären seine leiblichen Brüder gefallen. Doch zeigte sich bei Besichtigung der Wunden, daß der Graf noch am Leben war; so sandte man ihn in einer Tragbahre nach seinem Schlosse, wo er noch lange krank lag. – Amadour indessen hatte, da er die beiden Körper deckte, so wenig an seine eigene Sicherheit gedacht, daß er sich plötzlich von einer großen Zahl von Mauren umringt sah. Doch wollte er sich so wenig ergeben, als sich seine Freundin ihm hatte ergeben mögen, – noch auch seinen Gott verraten, wie er sie verraten hatte: denn er wußte, daß er entweder grausam getötet würde oder seinen Glauben abschwören müßte, falls er dem König von Granada in die Hände fiel. So entschloß er sich, den Feinden auch nicht den Ruhm zu gönnen, daß sie ihn getötet oder gefangen genommen hätten, küßte das Kreuz seines Degenknaufes, empfahl seine Seele Gott und durchbohrte sich mit solcher Macht, daß es eines zweiten Degenstoßes nicht mehr bedurfte.

Also starb der arme Amadour, tief betrauert, gleichwie man seine Taten bewundert hatte. Die Todeskunde durchlief ganz Spanien und erreichte Florinde in Barcelona, wo ihr Gemahl hatte beerdigt sein wollen. Kaum waren die Beisetzungsfeierlichkeiten beendet, da ging sie ohne jemandem weiter etwas zu sagen, als Nonne in ein Kloster und traute sich so dem an, der sie von Amadours Liebesglut und ihres Gatten quälender Ehegemeinschaft befreit hatte. All ihre Treue galt nun Gott allein, und nach langem Klosterleben starb sie so freudig, wie eine Gattin ihrem geliebten Gemahl entgegeneilt.

Sicherlich,« endete alsdann Parlamente ihre Erzählung, »ist dieser Bericht vielen zu lang erschienen. Wäre ich aber dem gefolgt, der ihn mir übermittelt hat, so wäre er noch länger geraten. So bitte ich euch denn, meine Damen, nehmt euch an Florindes Tugend ein Beispiel, aber seid nicht ganz so grausam wie sie und traut nicht, gleich ihr, so sehr der Ehrbarkeit der Männer, daß ihr in der Erkenntnis des Gegenteils sie in gräßlichen Tod treibt und euch selbst in ein trostloses Leben.«

Dann wandte sie sich an Hircan und fragte ihn: »Findet Ihr nicht, daß diese Frau bis zum Äußersten getrieben war und tugendlich widerstanden hat?« – »Nein,« erwiderte der, »denn welch geringeren Widerstand kennt eine Frau, als Schreien? Ich weiß nicht, was sie an einem Orte getan hätte, wo man ihren Ruf nicht hören konnte. Und wäre Amadour mehr liebesdurstig und weniger ängstlich gewesen, dann hätte er sich durch so weniges nicht abstecken lassen. Nie wird ein Mann sein Ziel verfehlen, der genügsam liebt und wiedergeliebt wird. Doch ist Amadour zu loben, daß er einen Teil seiner Pflicht erfüllte.« – »Welche Pflicht?« fragte Disille. »Heißt es etwa seine Pflicht tun, wenn man mit Kraft ertrotzen will, was die Achtung verbietet?«

Nun ergriff Saffredant das Wort und sprach: »In den Stuben knien wir vor unsern Herrinnen wie vor unsern Richtern; zum Tanze führen wir sie voll zarter Vorsicht. Aber wir wirken alsdann so furchtsam, daß der Zuschauer uns schier bedauert, uns für blöde hält und die Damen preist, die kühn von Ehrbarkeit reden und uns Liebe und Scheu abnötigen. Unter vier Augen aber, wenn nur die Liebe das Wort hat, wissen wir sehr wohl, wer Mann, wer Weib ist, die ›Herrin‹ wird zur ›Freundin‹, der ›Diener‹ zum ›Freund‹. Daher sagt das Sprichwort:

›Durch treuen Dienst kann dir’s gelingen, Vom Knechte es zum Herrn zu bringen.‹

Die Frauen besitzen nur soviel Ehre, als die Männer ihnen geben oder nehmen können. Und sehen jene, wie wir ruhig dulden, so schulden sie uns auch von Rechts wegen jede Entschädigung, soweit sie die Ehre nicht verletzt.« »Ach, Ihr redet nicht vom wahren Glücke,« rief Longarine, »das in Zufriedenheit besteht. Denn wenn mich auch alle Welt tugendhaft nennt und ich weiß, daß das Gegenteil wahr ist, so kann solch’ Lob nur meine Scham vermehren. Schmähen sie mich aber und ich fühle mich schuldlos, so erwächst mir daraus nur Zufriedenheit.« – »Ei,« meinte Guebron, »mir scheint trotz allem Amadour ein tugendhafter, edler Mann gewesen zu sein, wie es gleiche wenig gibt. Und waren auch die Namen verändert, so vermeine ich ihn doch zu erkennen. Da Parlamente ihn aber verschweigt, so will ich das gleiche tun. Seid sicher, sein Herz kannte keine Furcht und war alle Zeit gleich stark in Liebe als in Kühnheit.« Nun unterbrach Oisille: »Mir scheint dieser Tag froh vergangen zu sein. Wenn wir fürder desgleichen tun, werden wir die Zeit trefflich kürzen. Doch merket nun wohl – die Sonne sinkt und lange schon schlug die Glocke zur Vesperstunde. Doch wollte ich euch nicht daran mahnen, denn meine Begierde war groß, diese Erzählung zu Ende zu vernehmen.«

Alsbald erhoben sie sich, eilten zur Abtei und fanden dort die Mönche seit einer Stunde in Erwartung. So wohnten sie dem Gottesdienst bei, speisten und plauderten dann über das Gehörte oder durchsuchten ihr Gedächtnis nach erzählenswerten Erlebnissen. Sodann trieben sie tausenderlei Spiele und Kurzweil auf der Wiese, gingen endlich zur Ruhe und beschlossen also in fröhlicher Zufriedenheit den ersten Tag.

 

 


Der zweite Tag

 

Tags darauf erhoben sich alle mit dem lebhaften Wunsche, den Ort ihrer gestrigen frohen Kurzweil wieder aufzusuchen. Jeder hatte nun schon seine Geschichte bereit und brannte darauf, sie zum be­sten zu geben. So versammelten sie sich zunächst bei Frau Oisille, hörten dann die Messe, speisten, ruhten danach ein wenig in ihren Stuben und eilten schließlich zur vereinbarten Stunde auf die Wiese. Das Wetter schien ihr Vorhaben zu begünstigen. Kaum hatten sie sich auf dem Rasenteppich niedergelassen, so erklärte Parlamente: »Da ich gestern den Abend mit meiner Erzählung als zehnte beschloß, so habe ich das Recht zu bestimmen, wer den heutigen Tag einleiten soll. Maßen gestern Frau Oisille als die Älteste und Gesetzteste begann, so erteile ich heute das Wort der Jüngsten (ich sage nicht: der Törichtesten), und ich bin sicher, daß wir nicht wieder über die Zeit hierbleiben werden, wenn wir ihrem Beispiel folgen. Also nunmehr seid Ihr an der Reihe, Nomerfide, bitte laßt uns nicht den Tag mit Tränen beginnen.«

»Dieser Bitte bedurfte es nicht,« entgegnete Nomerfide, »denn der Entschluß stand schon bei mir fest, euch zu berichten, was mir im vergangenen Jahre eine Bürgersfrau aus Tours erzählt hat. Die Dame versicherte mir, den Kanzelreden jenes Franziskaners beigewohnt zu haben, von dem ich jetzt sprechen will.«

 


Elfte Erzählung

 

Kitzliche Aussprüche eines Franziskanermönches gelegentlich seiner Predigten.

 

»Unweit des Städtchens Bleré in der Touraine liegt ein Dorf Saint-Martin-le-Beau, wohin ein Franziskaner aus seinem Kloster zu Tours berufen wurde, um während der Advents- und Fastenzeit alldort zu predigen. Der war mehr wortreich denn gelehrt, und da er bisweilen nicht wußte, wie die vorgeschriebene Stunde ausfüllen, so tischte er denn mancherlei Geschichtchen auf, die seiner Gemeinde nicht allzu erbaulich erschienen. Eines Gründonnerstags nun sprach er just vom Osterlamm und wie man es zur Nachtstunde essen müsse. Da erblickte er einige junge, schöne Damen, die erst eben aus Amboise angelangt waren und hier die Ostertage verbringen wollten. Um sich vor diesen einen schönen Abgang zu verschaffen, richtete er an die weibliche Zuhörerschaft die Frage, ob sie wohl wußten, wie sie sich des Nachts an ungekochtem Fleische ergötzen dürften, und fuhr dann fort: ›So will ich es euch erklären.‹ Die jungen Männer, die mit ihren Frauen, Schwestern und Nichten zugleich aus Amboise gekommen waren und die Scherze des Mönches nicht kannten, wurde unruhig. Doch wandelte sich ihr Zorn in Lachen, als sie zuhörten und vernahmen: um das Osterlamm zu essen, müßte man die Lenden wohl gegürtet, Füße an seinen Schuhen und eine Hand an seinem Stock haben. Da der Franziskaner sie nun lachen sah und recht wohl wußte, weshalb, so verbesserte er sich eilends: ›Ja doch, ja doch! Schuhe an seinen Füßen und einen Stock in der Hand. Ist das nicht gehupft wie gesprungen?‹ Natürlich gab es ein gewaltiges Gelächter, selbst die Damen konnten es nicht unterdrücken, zumal er noch andere erbauliche Ratschläge an sie richtete. Und da nun die Stunde zu Ende ging und er die Weiblichkeit nicht unzufrieden lassen mochte, so sprach er zu ihnen: ›Vielleicht, meine Damen, geht ihr nun zu den Basen klatschen und fragt: ›Was ist das für ein edler Bruder, der da so keck draufzuredet? Wohl ein Saufhannes?‹ So wißt – ihr braucht euch nicht zu verwundern, daß ich so ohne Scheu rede, denn ich stamme aus Anjou, zu euern Diensten.‹

Also beschloß er seine Predigt und ließ seine Zuhörer in einer Stimmung, die mehr zum Lachen über seine Anzüglichkeiten neigte, denn zur Rührung über die Leidensgeschichte unseres Herrn. übrigens waren seine sonstigen Festreden aus gleichem Teig gebacken. So wißt ihr ja, daß diese Mönche sich allemal bezüglich ihrer Ostereier wohl in Erinnerung bringen. Sie erhalten dann nicht nur Eier, sondern gar vielerlei: Leinzeug, Wolle, Würste, Schinken, Speckseiten und anderes Gutes. Als nun der Mittwoch nach Ostern da war und jener seine Bitten ohne jede Zurückhaltung vorbrachte, verstieg er sich zu folgenden Worten:

›Meine Damen, es drängt mich, eure Freigebigkeit zu bedanken, mit der ihr unser armes Kloster überschüttet habt. Doch leider bedachtet ihr nicht genug, was uns nottat, denn ihr habt uns zumeist Würste geschenkt, mit denen unser Kloster schon so reich versehen war, Gott sei Dank! Was sollen wir nun mit all diesen anfangen? Wißt ihr was? Mir scheint das Beste, ihr tut eure Schinken zu unsern Würsten, dann würdet ihr eine wahre Wohltat begehen.‹

Dann fuhr fort, anstößige Dinge zu erörtern, machte ganz unvermittelt Zote auf Zote und rief schließlich voller Verwunderung: ›Gott soll mich bewahren, ihr Männer und Frauen von Saint-Martin, wie könnt ihr nur um nichts und wieder nichts so anstellen und gar über mich alleweil klatschen: ›Wie schrecklich! Wer hätte glauben können, daß dieser edle Pater die Tochter seiner Wirtsfrau geschwängert hat.‹ Wahrhaftig, daran ist doch nichts Erstaunliches, daß ein Mönch solch Mädel schwanger macht! Wie meint ihr, meine Schönsten: wäre es nicht viel erstaunlicher, wenn das Mädel den Mönch geschwängert hätte?‹

Das war die treffliche Kost, damit jener biedere Hirt seine fromme Herde speiste. Zumal die Frechheit ist bemerkenswert, mit der er von der Kanzel herab seine Sünde gar noch besprach, da er dorten doch nur seinen Nächsten belehren und Gott zum Preise reden durfte.«

»Wahrlich ein prächtiger Mönch!« meinte Saffredant. »Der gleicht fürwahr dem guten Bruder Anjibault, dem man alle die kitzlichen Aussprüche aufhalst, die sich nur unter Herren erzählen lassen.« – »Ich«, entgegnete Oisille, »finde so etwas keineswegs lächerlich, zumal an solchem Orte.« – »Ihr vergeßt,« warf Nomerfide ein, »daß zu jener doch nicht fernen Zeit die Dorfleute, ja sogar die meisten Stadtbewohner – die sich doch viel besser dünken – jene Prediger weitaus höher schätzten als die andern, die schlicht und lauter das Evangelium kündeten.« – »Jedenfalls tat er gar nicht so dumm daran, für die Würste um Schinken zu bitten,« meinte Hircan, »denn an diesen ist mehr daran. Und mochte hier und dort ein frömmelndes Geschöpf seine Worte zweideutig verstehen – wie wahrscheinlich er selbst auch – so fuhr er nebst seinen Gefährten darum nicht schlechter und das Dirnlein auch nicht, das also auf seine Kosten kam.« – »Aber begreift Ihr denn nicht,« rief Oisille erregt, »daß dieser freche Kerl ganz nach Belieben den Sinn seiner Worte verdrehte, als ob er mit seinesgleichen zu tun hätte, und also schamlos die armen Weiblein aufforderte, bei ihm zu lernen, wie man sich an ungekochtem Fleisch zur Nachtzeit gütlich tun könne?« – »Ihr vergeßt,« entgegnete Simontault, »daß er jene jungen Frauen vor sich sah, in deren . . . Kochtopf er gerne seine . . . Nase – nicht wahr? – gesteckt hätte, um ihnen zu zeigen, wie gut blutwarmes, schier zuckendes Fleisch schmeckt.« – »Genug! Genug!« rief Parlamente dazwischen, »vergeßt Euch nicht . . . Wo bleibt denn Eure sonstige Zurückhaltung?« – »Verzeiht, dieser schamlose Mönch brachte mich auf Abwege. Damit wir nun nicht weiter darein verfallen, mag Nomerfide, die an allem schuld ist, einem andern das Wort erteilen, der uns unsere Fehler vergessen lassen mag.« – »Das ist nicht schön von Euch,« sprach diese, »daß Ihr mir Eure Schuld mit aufladen wollt. So mag denn Dagoucin das Wort haben, der unser Unrecht wieder gutmachen wird. Denn er wird um’s Leben nicht etwas Unpassendes sagen.«

Dagoucin dankte ihr für ihre gute Meinung und hub also an: »Die Geschichte, die ich euch erzählen will, soll euch zeigen, wie die Liebe selbst die hochgemutetsten Herzen verblenden kann und wie sich eine Bosheit selbst durch Wohltaten nicht wieder gutmachen läßt.«

 


Zwölfte Erzählung

 

Wie unziemlich und schamlos ein Herzog zum Ziele zu kommen suchte und wie seine Niedertracht gerechte Strafe erntet.

 

»Vor einiger Zeit lebte zu Florenz ein Herzog, der mit Margarete, der natürlichen Tochter Kaiser Karls des Fünften, vermählt war. Maßen sein Weib zum ehelichen Leben noch zu jung war, so war er zwar voll Zärtlichkeit zu ihr, doch wandte er seine Liebesgunst anderen Frauen in der Stadt zu, die er nächtlings besuchte, derweile sein Weib schlief. Ausnehmend gefiel ihm aber eine schöne, tugendliche Dame, die Schwester eines Edelmannes, dem der Herzog über die Maßen zugetan war, also daß er ihm in seinem Schlosse die höchste Achtung verschaffte und ihm zudem nichts von dem verschwieg, was in seinem Herzen vorging.

Da nun der Herzog inne ward, daß jene Schwester äußerst sittsam war und er ihr deshalb seine Liebe nicht gestehen konnte, so ging er nach mancherlei vergeblichen Versuchen zu dem Edelmann und sprach: ›Gäbe es nur etwas in der Welt, so ich nicht für Euch zu tun bereit wäre, so würde ich nicht wagen, Euch meinen Wunsch zu äußern oder gar um Eure Unterstützung zu bitten. Doch würde ich selbst mein Weib, meine Mutter oder Tochter für Euch dahingeben, wenn es gälte, Euer Leben zu retten. Ich bin nun gewiß, daß Eure Liebe zu mir nicht minder groß ist, und darum will ich Euch ein Geheimnis entdecken, dessen Verschweigen mich schon schier umgebracht hat. Nur der Tod oder Eure Hilfe kann mich retten.‹

Als der Edelmann gewahrte, daß sein Herr sich keineswegs verstellte und daß sein Antlitz in Tränen gebadet war, packte ihn gewaltiges Mitleid und er entgegnete: ›Was ich bin, bin ich durch Euch, o Herr; Euch danke ich alles, was ich besitze; so sprecht zu mir als Euerem Freunde, der gewißlich alles für Euch tun wird, was in seiner Macht steht.‹

Alsbald enthüllte ihm der Herzog seine Liebe zu jener Schwester und versicherte ihm, seine Leidenschaft sei so gewaltig, daß er nicht sehe, wie er ohne ihre Tröstung weiter leben könne. Wohl wisse er, daß mit Bitten und Geschenken nichts zu erreichen sei. Und so bäte er ihn, ein Mittel zu finden, wie er dies Glück erringen könne, das ihm ohne seine Hilfe verschlossen sei. Dem Bruder lag aber die Ehre seiner Schwester und seines Hauses mehr am Herzen als die Befriedigung der Lüste seines Herrn. So versuchte er, ihm Einwendungen zu machen, und beschwor ihn, seiner Dienste allerorten gewiß zu sein, jedoch solch grausames Verlangen an ihn nicht zu stellen. Denn er könne doch nicht sein eigen Blut entehren, und solcher Dienst ginge ihm wider Herz und Ehrgefühl. Den Herzog entflammte grimme Wut. Er zerbiß sich schier einen Fingernagel und rief zornentbrannt: ›Schon gut. Wenn Ihr keine Freundschaft empfindet, so weiß ich, was ich zu tun habe.‹

Da packte den Edelmann die Angst, denn er kannte recht gut seines Herrn Grausamkeit, und so stieß er hervor: ›Wenn Ihr denn wollt, Herr, so werde ich mit ihr reden und Euch Antwort bringen.‹ Der Herzog erwiderte kurz: ›Wie Ihr für mein Leben einstehen werdet, will ich es mit dem Euren halten – ‹ und ging hinweg. Der Edelmann verstand sehr wohl, was das heißen wollte, und bedachte während zweier Tage – dieweil er sich beim Herzog nicht sehen ließ – wie er sich stellen könne: einerseits war er seinem Herrn verpflichtet, maßen er ihm alles verdankte; andrerseits sah er die Ehre seines Hauses und seiner Schwester vor sich. Daß diese zu solcher Schande nicht zu bestimmen war, wußte er recht wohl. Nur List oder Gewalt vermochten sie zu kirren und der bloße Gedanke solchen Schimpfes empörte ihn schon. So kam er zu dem Entschluß, lieber sein Leben daranzusetzen, als seiner Schwester, die vor allen Frauen Italiens tugendhaft war, solche Niedertracht zuzufügen. Besser schon war’s, sein Vaterland von solchem Gewaltherrscher zu befreien, der unter Zwang sein Haus besudeln wollte. Er war ganz sicher, daß er und die Seinen ihres Lebens nicht sicher wären, wenn der Herzog nicht ins Jenseits befördert wurde. So entschied er sich denn, auf einen Schlag sein Leben zu retten und den Schimpf zu rächen, sprach erst gar nicht mit seiner Schwester, und erklärte nach diesen zwei Tagen dem Herzog: Nicht ohne große Mühe habe er sich endlich jene gefügig gemacht, so daß sie wohl bereit wäre, auf seine Wünsche einzugehen, sofern er nur fest versprechen wolle, alles so geheimzuhalten, daß nur er, der Bruder, etwas davon wisse.

Der Herzog hatte so auf diesen Bescheid gehofft, daß er dem Edelmann ohne weiteres Glauben schenkte, ihm um den Hals fiel und Himmel und Erde versprach. Alsdann bat er ihn, die Sache zu beschleunigen, und so setzten sie einen Tag fest. Der Herzog war überglücklich. Und als die so ersehnte Nacht kam, da er die Unbesiegliche zu erobern hoffte, begab er sich so früh als möglich allein zu dem Edelmann und verfehlte auch nicht, sich nach Möglichkeit herrlich zu kleiden und sein Hemd wohl zu parfümieren.

Als nun alles zur Ruhe gegangen war, begab er sich mit dem Bruder zu den Gemächern der Dame und betrat so eine gar sorglich ausgestattete Stube. Der Edelmann half ihm aus seinen Kleidern, ließ ihn alsdann ins Bett steigen und sprach: ›Nun will ich flugs diejenige holen, die nur voll Schamesröte in dies Zimmer kommen wird. Doch hoffe ich, daß sie noch in dieser Nacht Eurethalben in Ruhe sein wird.‹ Damit verließ er ihn und eilte in sein Gemach, wo er nur einen seiner Diener fand. ›Wärest du beherzt genug, mir zu einem Ort zu folgen, wo ich mich an meinem Todfeind rächen will?‹ Und jener, der doch nicht wußte, worum es sich handelte, entgegnete stracks: ›Bei Gott, Herr, und ginge es gegen den Herzog selber.‹

Ohne Weilen, also daß jener keine weitere Waffe mit sich nehmen konnte als den Dolch, so er bei sich trug, kehrten die beiden zum Herzog. Als der sie kommen hörte, vermeinte er, nun nahe die also Geliebte, tat den Bettvorhang auf und blickte hinaus, um sie zu erschauen. Doch nicht die Teure gewahrte er, die ihm neues Leben bringen sollte, sondern dräuenden Tod: denn vor ihm blinkte ein nackter Degen in des Edelmannes Faust, der den Herzog aufspießte. Der war in seinem Hemd ohne Waffen, doch nicht allen Mutes bar. So richtete er sich auf, umfaßte den Edelmann und fragte: ›Haltet Ihr so Euer Versprechen?!‹ Und da er nichts zu seiner Verteidigung hatte, denn seine Nägel und Zähne, so biß er jenem in den Daumen und rang so kräftig mit ihm, daß beide zur Erde rollten.

Nun war der Edelmann seiner Sache nicht mehr sicher und rief den Diener zur Hilfe. Doch der wußte, als er die zwei so eng umschlungen sah, nicht, wie zupacken. So zog er beide an den Füßen in die Mitte des Zimmers und versuchte alsdann, dem Herzog die Gurgel zu durchschneiden, während dieser ihn abwehrte, bis ihn durch den Blutverlust die Kräfte verließen. Da warfen ihn die beiden aufs Bett, machten ihm mit Dolchstichen vollends den Garaus, zogen alsdann die Vorhänge zu und schlossen am Ende die Stube von außen ab. Weiter bedachte nun der Edelmann, daß der Sieg über seinen Feind dem Staat nur nützen könne, wenn er noch fünf oder sechs Männer aus des Herzogs Umgebung ihm nachschickte. So hieß er seinen Diener, jene, einen nach dem andern, herbeizulocken, um sie das Los ihres Herrn teilen zu lassen. Der Diener aber war weder kühn noch stark und entgegnete: ›Mir scheint, Ihr tätet besser, Euer Leben in Sicherheit zu bringen, statt dem anderer nachzustellen. Denn bevor wir mit so vielen fertig geworden sind, ist der Tag angebrochen. Zudem wissen wir ja gar nicht, ob sie sich nicht verteidigen werden.‹

Dem Edelmann lähmte schon das böse Gewissen den Mut. Darum pflichtete er seinem Diener bei und begab sich mit ihm zu einem Bischof, der die Torwachen der Stadt und die Postpferde unter sich hatte. Dem erklärte er: ›Heute abend bekam ich die Nachricht, daß einer meiner Brüder im Sterben liegt. Deshalb erbat und erhielt ich vom Herzog Urlaub. Heißt also bitte die Wachen, mir zwei gute Pferde zu geben und das Stadttor zu öffnen.‹

Weniger ob seiner Bitte als wegen des Herzogs Geheiß gab ihm der Bischof allsogleich eine diesbezügliche Bescheinigung. Daraufhin verließ der Edelmann die Stadt und flüchtete nach Venedig, wo er die erhaltenen Bißwunden heilen ließ. Dann begab er sich nach der Türkei. – Als inzwischen die Diener den Herzog am nächsten Tage nicht zurückkehren sahen, vermuteten sie, daß er bei einer Dame weile. Doch es wurde immer später, also daß sie schließlich nach ihm suchten. Die arme Herzogin, die ihn bereits heiß liebte, war schier verzweifelt, als sie vernahm, daß man ihn nicht finden konnte.

Doch der Edelmann, der so in des Herzogs Gunst stand, blieb gleichermaßen unsichtbar, und daher begann man sein Haus zu durchsuchen. Man fand vor seinem Zimmer Blutspuren, drang ein, fand nichts, folgte aber den Blutspuren und kam so zu der verschlossenen Stube, in der des Herzogs Leiche lag. Ohne Säumen erbrachen die Diener das Schloß und erblickten eine gewaltige Blutlache, hinter dem Vorhange aber, auf der Lagerstatt, des Dahingeschiedenen durchbohrten Leib.

Gramumfangen trugen sie den Leichnam ins Schloß alsbald kam auch der Bischof und erzählte, daß der Edelmann bei Nacht in Eilen abgefahren sei unter dem Vorgeben, seinen Bruder besuchen zu müssen. So war klar ersichtlich, daß er den Mord begangen, seine Schwester aber zuvor nichts davon gewußt hatte. Diese war zwar zunächst tief erschrocken. Dann aber liebte sie ihren Bruder um so heißer, der ihre Keuschheit unter Einsatz seines Lebens vor des Herzogs Grausamkeit bewahrt hatte. Also beharrte sie mehr denn je in strengster Tugend und Sittsamkeit. Und obgleich man ihr gleich ihrer Schwester Hab und Gut konfiszierte so beide in tiefste Armut stürzte, wurden ihnen ob ihrer Ehrbarkeit die zwei reichsten Männer Italiens als Gatten zuteil, und sie lebten fortan in Glück und Ansehen.

Ihr sehet, meine Damen, wie man den kleinen Gott Amor fürchten muß, der sich ein Vergnügen daraus macht, Fürsten und Arme, Starke und Schwache zu peinigen und zu verblenden, bis sie schier Gott und Gewissen vergessen und gar ihr eigenes Leben darangeben. Und hinwiederum mögen sich die hohen Herren hüten, Untergebenen zu nahe zu treten, maßen sie nicht wissen können, ob nicht Gott diese zum Werkzeug seiner Rache macht.«

Diese Geschichte löste großen Streit aus, da die einen fanden, der Edelmann habe nur seine Pflicht getan, die andern dagegen, er habe großes Unrecht begangen, indem er seinen Wohltäter tötete. Während zumal die Herren ihn einen Verräter hießen, nannten die Damen ihn einen treuen Bruder und tugendhaften Bürger und erklärten leidenschaftlich, daß der Herzog seinen Tod gar wohl verdient habe. Dagoucin rief daher: »Streitet doch um Gottes willen nicht also um vergangene Dinge und sorget lieber dafür, daß eure Schönheit nicht mehr solcher Mordtaten veranlaßt!« Doch Parlamente entgegnete: »Das Gedicht von der unerbittlichen Schönen erweist, daß solches reizvolle Leiden doch nicht den Tod nach sich zu ziehen braucht.« – »Gebe Gott,« erwiderte Dagoucin, »daß alle Damen hier wissen, wie falsch diese Ansicht ist. Sicher würden sie alsdann nicht unerbittlich sein wollen und ergebene Diener durch ungnädigen Verweis in den Tod stürzen.« – »So wollt Ihr also, daß wir Ehre und Gewissen aufs Spiel setzen, um jenen das Leben zu retten« – »Keineswegs, denn wer wahrhaft liebt, wird mehr für die Ehre seiner Geliebten fürchten als sie selbst, und wer das Gegenteil erstrebt, ist eben kein wahrhaft ergebener Freund.«

Nun mischte sich Emarsuitte ein und sprach: »So seid ihr alle: erst redet ihr von Ehre, und dann kommt es umgekehrt. Und nur wenn alle hier die Wahrheit sagen wollen und sie beeiden, will ich ihnen glauben!« Hircan schwor, nie je eine Frau, außer der seinen, geliebt zu haben, der er nicht gottverbotene Dinge zugemutet habe. Das gleiche versicherte Simontault. Guebron aber sagte: »Wahrlich, ihr verdientet, daß eure Frauen den andern glichen. Ich meinesteils kann schwören, daß ich eine Frau so tief geliebt habe, daß ich lieber gestorben wäre als ihr etwas Ehrloses zuzumuten. Denn ich liebte sie ob ihrer Tugend, und die hätte ich nicht beschmutzt sehen mögen.« Darob begann Saffredant zu lachen und rief: »Ich dachte, die Liebe zu Euerem Weibe und der gesunde Menschenverstand hätten Euch überhaupt gehindert, Euch irgendwo sonst zu verlieben. Ich sehe, ich habe mich geirrt: Ihr redet in Wendungen, mit denen wir die Schlauesten zu blenden pflegen und die Tugendhaftesten einfangen. Denn wie können uns diese Gehör verweigern, wenn wir von Ehre und Tugend reden?! Aber auch unter denen, die sich zeigen wie sie sind, gibt es sicher mehr Gunstbeglückte, als die Damen wohl zugeben mögen. Zudem mag es vielleicht auch oft geschehen, daß die Damen ihr Herz schon zu fest vergeben haben und sich dann nicht mehr imstande sehen oder für berechtigt halten, zurückzuhufen, wenn sie merken, daß ihr Weg nicht zur Tugend führt, sondern geradeswegs zum Laster.« – »Wahrlich, ich habe Euch verkannt,« entgegnete Guebron, »denn ich vermeinte, Ihr stelltet die Tugend über die Lust.« – »Gibt es etwa eine größere Tugend, als in der gottgebotenen Form zu lieben?« fragte Saffredant. »Die Frau ist doch ein Weib und nicht ein Götzenbild! Drum ist’s besser, sie zu gebrauchen denn sie zu mißbrauchen.«

Die Damen stellten sich auf Seiten Guebrons und verwiesen Saffredant seine Worte. Der meinte deshalb: »Wenn man mich so behandelt, will ich gern schweigen.« – »Ihr seid selbst daran schuld,« entgegnete Longarine. »Welche anständige Frau mag nach Euern Worten noch Eure Dienste leiden? Doch sehen wir nun zu, wem Dagoucin das Wort erteilen wird.« Der sprach: »Ich gebe es Parlamente, denn sicherlich weiß sie mehr denn jede andere, was sittsame und vollkommene Freundschaft ist.«

Und Parlamente Hub an: »Da mir das Wort erteilt wurde, will ich euch die Geschichte einer nahen Freundin erzählen, die niemals Geheimnisse vor mir hatte.«

 

 


Dreizehnte Erzählung

 

Wie ein Schiffshauptmann sich unter dem Scheine von Frömmigkeit in eine junge Dame verliebte, und was daraus entstand.

 

»In der Regentschaftszeit der Mutter Franz’ des Er­sten lebte am dortigen Hofe eine sehr fromme Dame, die mit einem gleichgesinnten Edelmann vermählt war. Obgleich der nun ebenso alt war als sie jung und schön, so liebte sie ihn doch wie den schönsten Jüngling der Welt, und um ihn jeder Betrübnis fernzuhalten, führte sie ein Leben gleich einer bejahrten Frau, ohne allen Putz, Tanz und jugendliche Kurzweil, und suchte Freude und Erbauung nur in gottergebenem Tun. Darob schenkte ihr Gatte ihr soviel Liebe und Vertrauen, daß sie ihn und sein ganzes Haus regierte.

Besagter Edelmann eröffnete ihr nun eines Tages, daß er seit seiner Jugend den Wunsch hege, nach Jerusalem zu reisen, und fragte sie nach ihrer Ansicht. Sie hatte keinen andern Wunsch, als ihm Freude zu schaffen, und erwiderte deshalb: »Da Gott uns keine Kinder schenkte, uns hingegen mit Reichtum segnete, so bin ich gern damit einverstanden, einen Teil unseres Geldes für diese Reise zu verwenden. Dort wie überall will ich Euch folgen und Euch nimmer verlassen.« Der Edelmann war voller Freuden und träumte sich schon auf dem Kalvarienberge. Derweile sie nun dies beschlossen, kam ein Rittersmann zu Hofe, der oft gegen die Türken gekämpft hatte und nun eine Unternehmung gegen eine ihrer Städte betreiben wollte, von deren Eroberung er sich großen Gewinn für die Christenheit versprach. Der alte Edelmann fragte ihn wegen seiner Reise aus, und als er von seinem Vorhaben hörte, erkundigte er sich, ob jener alsdann auch gen Jerusalem zu ziehen vorhabe, maßen er und seine Frau die Absicht hätten, sich dorthin zu begeben. Der Hauptmann war ob dieses Wunsches voller Freuden und versprach ihm, sie dorthin zu bringen und die Angelegenheit geheim zu halten. Eilends berichtete der Edelmann diese Antwort seiner Frau, die nicht minder denn er diese Reise zu machen begehrte.

Alsdann sprachen sie dieserthalben oft mit dem Hauptmann. Der achtete just weniger auf die Worte jener Frau als auf sie selber, und war bald ganz toll in sie verliebt, also daß er oft Marseille und Archipel, Schiff und Pferd – kurz alles durcheinander warf. Doch begriff er, daß er sich nichts merken lassen durfte. Darob ward er oftmals krank. Dann sorgte sich die Dame um ihn, an dem doch diese Reise hing, und ließ sich nach seinem Befinden erkundigen. Und sobald er das erfuhr, ward er ohne alle Arzenei gesund. Doch er stand mehr in dem Rufe, ein kecker Frauenjäger denn ein guter Christ zu sein, und so verwunderten sich manche, daß jene Dame ihn so bereitwillig empfing. Und als man gar merkte, daß er in die Kirchen, Messen und zur Beichte lief, begriffen die Leute, daß er damit nur ihre Gunst zu erwerben hoffe, und machten ihm daraufhin anzügliche Bemerkungen. Alsbald fürchtete der Hauptmann, daß der Dame etwas zu Ohren käme und ihn das mit ihr auseinanderbrächte. Daher sagte er zu dem Edelmann und ihr, er habe nun beim König bald seinen Zweck erreicht und müsse demnächst abreisen. Doch habe er ihnen zuvor noch einiges zu sagen, und damit alles mehr geheim bliebe, wolle er nicht vor andern darüber sprechen und bäte sie, ihn rufen zu lassen, wenn sie allein wären.

Das war dem Edelmann recht, und nunmehr ging er allabendlich früh zu Bett und ließ auch sein Weib sich alsdann in ihr Nachtgewand kleiden. Waren nun alle zur Ruhe gegangen, so ließen sie den Hauptmann rufen und plauderten über die Reise nach Jerusalem. Zumeist schlief derweile der alte Herr den Schlaf des Gerechten, und wenn ihn der Hauptmann also in seinem Bett sah, sich selbst aber auf einem Stuhl neben der schönsten und ehrsamsten Frau der Welt, so ward sein Herz beklommen, und zwischen Furcht und Begierde, sich zu erklären, blieb ihm oft das Wort im Halse stecken. Dann sprach er schnell, damit sie nichts merkte, von den heiligen Stätten Jerusalems, so noch Christi Liebeswerk bezeichneten. Seine verliebten Blicke blieben ihr unbemerkt; vielmehr hielt sie ihn angesichts seines andächtigen Gehabes für einen gar heiligen Mann und fragte ihn, wie er zu diesem gottesfürchtigen Wandel gekommen sei. Alsbald eröffnete er ihr, er habe als armer Edelmann eine häßliche, alte, aber sehr reiche Verwandte geheiratet, ohne sie zu lieben, vielmehr um zu Geld und Ansehen zu kommen. Nachdem er ihr Geld vertan habe, sei er aufs Meer nach Abenteuern ausgezogen und habe unter schweren Mühen und Kämpfen sich Achtung verschafft. Nun er sie aber kennen lernen durfte, seien ihre heiligen Worte und edlen Beispiele ihm zu Herzen gegangen, also daß er nun ein neues Leben führen wolle und entschlossen sei, nach seinem beabsichtigten Eroberungszuge sie und ihren Gatten nach Jerusalem zu führen, um seiner Sünden Vergebung zu erflehen. Zwar habe er die meisten schon abgelegt, doch das Verhältnis zu seinem Weibe müsse noch gebessert werden, und er hoffe, sich auch mit ihr wieder auszusöhnen.

Diese Worte gefielen der Dame gar wohl, und zumal, daß sie ihn nach solcher Vergangenheit zu gottgefälligem Wandel geführt hatte, freute sie über die Maßen. So verbrachten sie alle Abende in langem Geplauder. Nie wagte er etwas zu sagen, doch brachte er ihr wohl bisweilen ein Kruzifix von Notre-Dame de Pitié und bat sie, allemal seiner zu gedenken, so sie es anschaue. Und als die Zeit seiner Abreise kam und er von dem Edelmann Abschied nahm, sank dieser wiederum in tiefen Schlummer. Da er sich nun zu der Dame wandte und gewahrte, wie Zähren ob seiner ehrenhaften Freundschaft in ihren Augen schimmerten, flammte die Glut seiner Leidenschaft so gewaltig in ihm auf, daß er gleichsam bewußtlos umsank, um nichts verlauten zu lassen. Und als er endlich Lebewohl sagte, rannen ihm nicht nur aus den Augen, sondern aus allen Poren große Tropfen. Die Dame war darob schier verwundert, denn solchen Abschiedsschmerz hatte sie noch nie gesehen. Doch änderte sie ihre Ansicht über ihn nicht und begleitete ihn mit Gebeten und Segenswünschen.

Kaum war ein Monat vergangen, da fand sie bei ihrer Heimkehr von einem Spaziergange einen Edelmann daheim vor, der ihr einen Brief des Hauptmannes überbrachte. Der Bote ersuchte sie, das Schreiben ohne Zeugen zu lesen und fügte hinzu, er habe der Abfahrt des Hauptmannes beigewohnt, der im Begriffe stand, für König und Christentum zu kämpfen. Er selbst verträte in Marseille des Hauptmanns Angelegenheiten und wolle dorthin zurückkehren.

Die Dame trat in eine Fensternische, öffnete den Brief, der zwei dichtbeschriebene Bogen umfaßte, und las das folgende Gedicht:

 

›Lang’ sann ich drob und schwieg auch lang’ –
Doch quält mich übermächt’ger Drang,
Und nimmer werd’ ich sonsten ruhig sein!
Fürwahr, ich leide grimme Todespein:
Das Wort, das ich bisher verschwiegen hab,
In mir vergrub, gleich wie in einem Grab,
Ich sprech’ es nun, da mir die Kräfte schwinden;
Und stürb’ ich auch, – ich kann’s nicht mehr verwinden!

Fast mag ich mich auch jetzt noch nicht entschließen
Aus Sorg’, es könnte Dich verdrießen,
Das Stammeln des zu hören, der von Bangen
In Deiner Gegenwart stets war gefangen;
So daß Du sprächest: ›Besser war’s, zu sterben,
Als gar zu wünschen, daß ich vom Verderben
Mit zarter Hand Euch rette!‹ O die Not.
Gern stürbe ich wohl zehnfach grausen Tod!!
Für Dich nur bleibe ich annoch am Leben,
Dieweil ich das Versprechen hab’ gegeben,
Nach meiner Reise glücklichem’ Gelingen
Dich und den’ Gatten wohl dorthin zu bringen,
Wohin ihr strebt um euer Heil zu retten:
Zum Berge Zion und den heiligen Stätten.
Denn wenn ich sterbe – wer wird euch geleiten?
Gar zuviel Schmerz wird euch mein Tod bereiten,
Durch den dann euer Plan von hinnen schwand,
Daran euch innig-heißes Sehnen band.
 
Und um zu leben, tu’ mein Herz ich auf,
Und laß den Worten meiner Beichte freien Lauf:
Von meiner glühen Liebe sollen sie Dir sagen –
Die brennt mich, daß ich’s fürder nicht kann tragen;
Nichts mag an Größe ihr, an Stärke gleichen,
Nichts ihrer Flamme zehren Brand erreichen. –
Was wirst Du sagen, kühnes Wort? Ich bebe!
Was wirst Du sagen? Sprich, damit ich lebe!
Jedoch, Du kläglich Wort, so arm an Bildern,
Wie denn vermöchtest Du ihr je zu schildern,
Mit welcher unbegreiflich wilden Qual ich rang,
Seitdem mein Herz in Liebesbanden sank, –
Wie denn beschreiben jene Allgewalt
Der Liebe, die in meiner Seele wallt. . .
Nie kannst Du das, wohl muß ich dies bedenken.
Drum sollst Du Dich auf weniges beschränken
Und also sprechen: ›Namenloses Bangen,
Dir zu mißfallen, hielt mich stets umfangen.
Doch nun vor Gott und Himmel will ich schwören,
Wie ich Dich liebe, und Du magst es hören!
Doch Ehrbarkeit sei stets das Fundament –
Das dämpft des Sehnens Glut, die in mir brennt.
Viel lieber möchte ich auf dieser Fahrt vergehn,
Denn Deine Tugend jemals angetastet sehn.
Wie man zu Engeln fleht, will ich Dich allzeit lieben,
Fernhalten mich von allen bösen Trieben.
Nur, daß Du stets vollkommen bist und rein
Kann meiner Liebe fester Grundbau sein:
Ich teile nicht der Tugendlosen Sitten,
Die für ihr Gehren süßen Lohn erbitten.
Nichts andres wünsche ich, denn Leib und Leben
Im Dienst für Dich mit Freuden hinzugeben.
Und kehr’ ich lebend wieder, hab’ Vertrauen,
Den gleichen wünschelosen Knecht zu schauen.
Doch sterb’ ich, bist Du eines Ritters bar,
Wie nie ein treuerer zu finden war!
So trägt mich nun die Woge wild von hinnen
Und lange Zeit der Trennung mag verrinnen.
Doch führt das Meer auch meinen Leib weit fort von hier,
Mein Herze hängt untrennbar fest an Dir!
 
Nun komme was da will! Das Schicksal waltet –
Der Würfel fiel: doch nimmermehr erkaltet
Die Glut des Willens, die mich loh durchdringt.
 
Damit nun etwas den Beweis erbringt,
Wie unerschütterlich mein Sinn, nimm diesen Stein,
Den Diamant, so fest, so klar und rein!
O wolle doch zu meinem Glück den Reifen
An Deinen zarten weißen Finger streifen!
Ich selber sei der Stein, den ich Dir sandte,
In den ich all mein Hoffen, all mein Sinnen bannte,
Auf daß durch Taten, rühmliches Geschehen
Ich fürder mag den Weg der Tugend gehen
Und eines Tags in Dienstbarkeit und Treuen
Mich meiner Herrin Gunst wohl mag erfreuen!‹

 

Als die Dame dies Gedicht gelesen hatte, verwunderte sie sich zwar noch weit mehr über des Hauptmannes Ergebenheit, doch argwöhnte sie wiederum nichts. Und da sie den großen Diamanten und den schwarzemaillierten Ring besah, war sie weidlich in Verlegenheit, was sie damit beginnen sollte. Die ganze Nacht dachte sie darüber nach. Und während sie sich einerseits freute, in Ermangelung eines Boten jeder harten Antwort an den Hauptmann bis zu seiner Rückkehr enthoben zu sein, bedachte sie – zumal sie nur Schmuck zu tragen pflegte, den ihr Mann ihr geschenkt hatte – den Ring in der Gewissensfrage des Hauptmanns zu verwenden. So entsandte sie einen ihrer Diener zu der verlassenen Frau, ließ ihr den Stein überbringen, als käme er von einer Nonne aus Tarascon und fügte folgenden Brief bei:

›Madame! Bevor Euer Gatte sich einschiffte, hat er allhier auf der Durchreise gebeichtet und als guter Christ das Abendmahl genommen. Zugleich vertraute er mir an, daß die Reue, Euch nicht also geliebt zu haben, als es seine Pflicht war, schwer auf ihm laste. So übergab er mir diesen Diamanten für Euch nebst der Bitte, ihn als Zeichen seiner Liebe zu bewahren. Sollte Gott ihn wohl und gesund zurückkehren lassen, so will er Euch fürder ein liebevoller Gatte sein und dafür soll dieser Ring als Zeugnis dienen. Ich bitte Euch, ihn allezeit wohl in Euer Gebet einzuschließen, gleichwie ich es mein Lebelang tun werde.‹

Als die gute Alte Ring und Brief erhielt, weinte sie vor unbeschreiblicher Freude über die Liebe ihres Mannes und vor Trauer, ihn nun nicht bei sich zu sehen. Mehr denn tausendmal küßte sie den Stein, benetzte ihn mit ihren Zähren und pries Gott, der ihr am Ende ihrer Tage die Zuneigung ihres Gatten wiedergeschenkt habe, die sie schon seit langem verloren zu haben vermeinte. Der Nonne aber sandte sie voll Dankes eine über die Maßen freundliche Antwort, und über diese und den Bericht des Boten konnte die Dame ein Lächeln nicht unterdrücken. Doch war sie froh, sich des Diamanten auf eine Weise entledigt zu haben, die zugleich jene Frau mit ihrem Manne wieder in ein so löbliches Einvernehmen setzte und es schien ihr, als habe sie ein Königreich erobert.

Bald aber kam die Kunde, daß der arme Hauptmann geschlagen und getötet worden war, maßen jene ihn verraten hatten, die ihm zu Hilfe kommen sollten. Die Bewohner von Rhodos nämlich sollten seine Unternehmung geheimhalten, und da sie es ausplauderten, wurde er nebst achtzig seiner Leute nach der Landung niedergemacht. Unter diesen befanden sich auch ein Edelmann Johann und ein Türke, dessen Taufpatin jene Dame gewesen war; sie hatte diese beiden dem Hauptmann selbst mitgegeben. Der Edelmann fiel, der Türke aber rettete sich, trotzdem er von fünfzehn Pfeilen durchbohrt war, durch Schwimmen zu einem französischen Schiff und überbrachte als einzig Überlebender den Bericht jener Niederlage.

Ein Gefährte und Freund des Hauptmanns nämlich, der ihn selbst dem König empfohlen hatte, fuhr mit allen Schiffen davon, als er sah, daß jener ans Land gegangen war. Da nun der Hauptmann sich verraten und vor mehr denn viertausend Türken sah, wollte er sich zurückziehen. Doch der falsche Freund, der nach dem Tode seines Herren den Oberbefehl erhoffte, redeten den Offizieren ein, daß man die Schiffe und soviel Leute nicht daran wagen dürfe, um kaum hundert Mann zu retten, setzte seine Ansicht durch, und je mehr jener um Hilfe rief, je weiter fuhren die Schiffe davon. Als der Hauptmann dessen inne ward, wandte er sich gegen die Türken, und bis über die Knie im Sande watend, vollbrachte er so wackere Taten, daß er schier seine Gegner überwältigte. Endlich jedoch ward er aus der Ferne von so vielen Pfeilschüssen durchbohrt, daß der Blutverlust ihn schwächte. Nunmehr stürmten die Türken mit Säbelhieben auf die kleine ermattete Schar ein, die sich nach Kräften verteidigte. Der Hauptmann rief den Edelmann Johann und den Türken zu sich, stieß den Degen in den Sand, fiel vor dem Kreuz auf die Knie, küßte es und sprach: ›Herr, nimm die Seele deines Knechtes zu dir, der sein Leben deinem Ruhme weihte.‹

Als der Edelmann inne ward, daß jenen bei diesen Worten die Kräfte verließen, packte er den Kreuzknauf des Degens, um den Hauptmann zu schützen; ein Türke aber hieb ihm von hinten beide Schenkel durch. Da schrie er: ›Auf, Hauptmann, und fort zum Throne des Herrn, für den wir sterben!‹ und blieb so im Tode sein Gefährte, wie er es im Leben gewesen war. Der getaufte Türke aber sah nun, daß er niemandem mehr helfen konnte, vielmehr selbst bereits von fünfzehn Pfeilen getroffen war. So eilte er zu den Schiffen zurück. Doch wollte ihn der Verräter dort nicht aufnehmen, und nur, weil er ein trefflicher Schwimmer war, gelang es ihm, ein kleines Boot zu erreichen. Nach einiger Zeit war er auch wieder von seinen Wunden geheilt und so vermochte er diese Kunde zum Ruhme des Hauptmannes und zur Schmach jenes Verräters heimbringen. Der König und seine Umgebung erklärten diesen Schandbuben der schlimmsten Strafe noch für unwert; da er aber zurückkam, Ausflüchte fand und zugleich reiche Geschenke überbrachte, so entging er nicht nur jeder Strafe, sondern erhielt gar die Stelle seines verratenen Gefährten.

Diese traurigen Nachricht erweckte auch am Hofe, zumal bei der Regentin, tiefes Bedauern. Die Dame aber, die er so sehr geliebt hatte, vergaß ihre harten Worte, die sie für ihn vorbereitet hatte, und weinte und klagte, da sie seinen jammervollen, glaubensfreudigen Tod vernahm. Und ihr Gemahl tat gleich ihr, zumal nun alle Hoffnung auf jene Reise geschwunden war. – Ein junges Edelfräulein, das zu jenem Hause gehörte und den Edelmann Johann innig geliebt hatte, war just an dem Tage, da jene gefallen waren, zu ihrer Herrin gekommen und hatte ihr erzählt, jener sei ihr ganz in Weiß im Traume erschienen, um ihr Lebewohl zu sagen, da er mit seinem Hauptmann in das Paradies entschwände. Da sie nun erfuhr, daß sie die Wahrheit geträumt hatte, war sie in ihrem Schmerz kaum zu trösten.

Einige Zeit nachdem ging der Hof nach der Normandie, der Heimat des Hauptmanns. Dessen Wittib wollte sich gern der Regentin vorstellen lassen. Dieserthalben wandte sie sich nun just an die Dame, in welche ihr Mann so verliebt gewesen war. Dieweil sie nun in der Kirche des Augenblickes harrte, erging sie sich in Klagen und Lobsprüchen auf den Hingeschiedenen und sagte schließlich: ›Ach, edle Frau, mein Unglück ist doppelt so groß, als das jeder anderen in meinem Falle. Denn Gott entriß ihn mir gerade, als er mich mehr denn je liebte.‹ Und damit wies sie auf den Ring als Sinnbild seiner innigen Liebe und weinte bitterlich. Die Dame aber vermochte trotz alles Bedauerns ihr Lachen kaum zu unterdrücken in dem Gedanken, wie ihr kleiner Trug nun zum besten ausgeschlagen war. Darum konnte sie auch die Vorstellung nicht übernehmen, übertrug sie einer anderen Dame und zog sich in eine Seitenkapelle zurück, um ihres Lachreizes Herr zu werden.

Mir nun scheint, alle Frauen, denen man derartige Geschenke macht, sollten bestrebt sein, sie in gleicher Weise zu guten Zwecken zu verwenden. Denn Wohltaten schaffen dem Wohltäter die reinsten Freuden. Jener Dame aber mag ihr Trug nicht vorgeworfen werden, da er ein wertloses Ding derart wertvoll zu machen verstand.«

»Soll das heißen,« fragte Nomerfide so vor sich hin, »daß ein schöner Diamant für zweihundert Taler nichts wert ist? Wäre mir der in die Hände gefallen, so hätte weder sein Weib und sonst wer etwas von ihm zu sehen bekommen. Sie hatte zudem der Ärmsten wohl die vielen Tränen ersparen können.« – »Ganz recht,« sprach Hircan, »leider haben viele Frauen die Gewohnheit, gegen ihre Natur des bloßen äußeren Eindruckes wegen zu handeln (denn wir wissen, alle Frauen sind geizig). Mir scheint, sie war nicht würdig den Ring zu tragen, da sie ihn fortgab.« – »Nun, nun,« rief Oisille, »nicht so eilig im Urteil. Ich glaube zu wissen wer es ist.« – »Ich kenne sie nicht,« meinte Hircan, »doch ob eines solchen Mannes Dienste hätte sie sich geehrt fühlen und den Ring tragen müssen. Vielleicht aber hielt ein Unwürdigerer ihren Finger, so daß sie ihn nicht daran stecken konnte.«

»Wirklich, sie hätte ihn behalten können,« sagte Emarsuitte, »da niemand es wußte.« – »Bei Gott,« rief Saffredant, »denn wer klug ist, wird nicht abgefaßt, nur wer sich aus Dummheit verrät, fällt herein.« – »Laßt das Streiten,« unterbrach Oisille, »Gott wird die Frau schon richten. Und um ein Ende zu machen, Parlamente, gebt Euer Wort einem andern.« – »So will ich es Simontault geben. Doch soll er uns nach diesen zwei traurigen Geschichten eine heitere zum besten geben.« – »Ich danke Euch,« sprach Simontault, »doch stellt mich, bitte, nicht immer als einen Spaßmacher hin. Das gefällt mir gar nicht. Und zur Rache will ich eine Frau beschreiben, die sich eine Weile vor verschiedenen Leuten keusch und züchtig stellt; am Ende aber zeigt sie ihre wirkliche Natur, wie euch die folgende wahrhafte Geschichte erweisen wird.«

 

 

 


Vierzehnte Erzählung

 

Schlauheit eines Verliebten, der bei einer Mailänder Dame unter der Maske ihres getreuen Dieners dessen sauer verdienten Liebeslohn einheimst.

 

»Zu Mailand lebte während der Regentschaftszeit des Großmeisters von Chaumont ein Edelmann, ein Freiherr von Bonnivet, der ob seiner Verdienste später zum französischen Admiral ernannt wurde. Er genoß des Großmeisters Zuneigung nicht minder denn die aller Welt angesichts seiner Vorzüge, erfreute sich auch auf allen Festen der größten Beachtung der Damen, und galt mehr denn irgendein Franzose für schier unübertrefflich schön, anmutig, unterhaltsam und vor allem kühn und waffengewandt.

Als er nun eines Tages maskiert auf dem Karneval mit einer der huldreichsten Damen der Stadt tanzte, machte er ihr in der Pause mit seiner unvergleichlichen Gewandtheit einen Liebesantrag. Sie aber entsprach dem keineswegs, schnitt ihm kurz das Wort ab und erklärte, sie liebe nur ihren Mann und er brauche sich keine Hoffnungen zu machen. Diese Antwort schreckte ihn nicht ab: bis Mittfasten setzte er ihr zu; sie ihrerseits beharrte auf ihrem Standpunkte. Nun mochte er ihr jedoch keinen Glauben schenken, da ihr Mann just so reizlos war, als sie schön. Daher entschloß er sich, ihrer Verstellung mit gleichen Schlichen zu begegnen, ließ alsbald von ihr ab und spürte ihr nach, bis er festgestellt hatte, daß sie einen ehren- und tugendhaften Edelmann liebte. Diesen umwarb der edle Herr von Bonnivet nunmehr mit soviel listiger Anmut, daß der ihn bald nächst jener Dame am innigsten in sein Herz schloß, ohne ihn zu durchschauen. Um ihm nun sein Geheimnis zu entlocken, gab der Freiherr vor, ihm seines zu enthüllen, erzählte ihm, er liebe eine Dame, auf deren Gegenliebe er nie gehofft habe, und bat ihn, ja nichts auszuplaudern und sich ein Herz und eine Seele mit ihm zu fühlen. Um ihm nun diesen Beweis von Vertrauen zu erwidern, berichtete ihm der arme Edelmann des langen und breiten die Geschichte seiner Liebe zu jener Dame, an der Bonnivet sich rächen wollte.

Von nun an kamen sie alltäglich zusammen und tauschten – der eine wahrheitsgetreu, der andere mit Lügen – ihre jeweiligen Herzenserfolge aus. Der Edelmann gestand, daß er jene Dame drei Jahre lang getreulich liebe, ohne anderes zu erhalten als gute Worte und allerlei Verheißungen für die Zukunft. Alsbald gab ihm Bonnivet die nötigen Ratschläge, wie er zum Ziele kommen könne, und in der Tat bewilligte sie ihm schon nach wenigen Tagen eine Zusammenkunft, und nun hing es nur noch von Bonnivets Erfindungsgabe ab, wie diese zustande kommen könne. Auch dafür wußte der einen Rat, und so konnte ihm der Edelmann eines Tages vor dem Abendessen mitteilen: ›Ich bin Euch über die Maßen dankbar; denn durch Eure Mithilfe darf ich hoffen, heute nacht das so jahrelang ersehnte Ziel zu erreichen.‹ – ›So laßt mich wissen, was Ihr vereinbart habt, damit ich sehe, ob kein Trug dahintersteckt, und ich Euch, wenn’s nottut, beistehen kann.‹ Darauf berichtete ihm der Edelmann: unter dem Vorgeben, daß man für ihren kranken Bruder jederzeit Arzenei holen müsse, wolle sie es einrichten, daß das Haustor offen bliebe. So könne er zum Hofe gelangen, dort aber müsse er statt der Haupttreppe eine kleine Stiege rechterhand betreten und so zu dem Gang kommen, der zu den Stuben ihres Schwagers und Schwiegervaters führe. Wenn er nun zur dritten Tür käme, solle er zuschauen, ob sie verschlossen wäre, und in diesem Fall sich schleunigst davonmachen, sintemalen dann ihr Mann bereits zurückgekehrt sei, den sie eigentlich erst in zwei Tagen erwarte. Fände er die Tür unverschlossen, so solle er lautlos hereinkommen und flugs den Riegel vorschieben in der Gewißheit, daß sie allein sei. Vor allem aber müsse er Filzschuhe anhaben und dürfe zudem nicht vor zwei Uhr nachts kommen, denn ihre Verwandten pflegten lange zu spielen und nicht vor ein Uhr schlafen zu gehen.

›Geht, lieber Freund,‹ sprach nun Bonnivet, ›Gott wird Euch geleiten, darum werde ich ihn anflehen. Kann Euch im übrigen mein Beistand etwas nützen, so will ich gern für Euch tun, was ich vermag.‹ Der Edelmann aber versicherte ihm unter heißen Dankesworten, in dieser Angelegenheit fühle er sich ganz sicher. Und damit ging er fort, um alle nötigen Vorbereitungen zu treffen.

Aber auch Bonnivet blieb nicht untätig, denn nunmehr war die Stunde der Rache gekommen. Alsbald kehrte er in seine Wohnung zurück, ließ sich Haar und Bart kürzen, so daß sie denen des Edelmannes glichen und ihn bei Berührung nicht verraten konnten, und besorgte sich sodann Filzschuhe sowie Kleider ähnlichen Schnittes, wie jener sie trug. Und da er mit dem Schwiegervater sehr gut stand, so ging er ohne Furcht weit früher hin, denn falls er zufällig gesehen wurde, so wollte er geradeswegs zu dessen Zimmer gehen, als hätte er mit ihm etwas zu bereden. So kam er gegen zwölf Uhr in das Haus der Dame, wo noch viele Leute aus und ein gingen. Unerkannt schritt er an ihnen vorbei, kam schließlich zu dem Gange, versuchte die erste, die zweite, endlich die dritte Tür, die er unverschlossen fand. Sachte stieß er sie auf, trat ein, schob den Riegel vor und sah sich nun in einem ganz in weiß ausgeschlagenen Gemach, darinnen ein mit allerfeinstem, geblümtem Leinen gedecktes Bett stand. Dies und im Bette die Dame im Schmucke eines perlen- und edelsteingeschmückten Häubchens und Nachtgewandes gewahrte er durch die Spalte eines Vorhanges, ohne daß jene ihn erblicken konnte. Ein großes Wachslicht beleuchtete das Zimmer schier taghell. Um nun nicht erkannt zu werden, verlöschte er zuvorderst dies Licht, kleidete sich dann stracks aus bis aufs Hemd und legte sich ihr zur Seiten nieder.

Die Dame vermeinte, es sei ihr langergebener Freund, und nahm ihn in allen Hulden in ihre Arme. Er hinwiederum hütete sich, ein Wort zu reden, maßen doch dies Glück nicht ihm galt, und war nur darauf bedacht, an ihr Rache zu nehmen und ohne jede Gnade und Rücksicht ihre ehrbare Keuschheit zu demütigen. Wider Erwarten sagte ihr seine Rache also zu, daß sie seine vermeintliche langjährige Ergebenheit bis ein Uhr nachts unentwegt belohnte. Da nun die Stunde des Abschieds schlug, fragte er sie im Flüsterton, ob sie gleichermaßen mit ihm zufrieden sei als er mit ihr. Und sie, die immer in ihrem Wahne beharrte, entgegnete, sie sei nicht nur mit ihm zufrieden, sondern über die Ausdauer seiner Liebe freudig überrascht, maßen er eine Stunde lang selbiger gepflogen habe, ohne Zeit für ein Wort zu finden. Darob begann er laut zu lachen und rief: ›Werdet Ihr mich nun künftig wieder abweisen, wie Ihr es bisher zu tun beliebtet?‹

Als sie nunmehr seine Stimme erkannte, ward sie vor Scham schier verzweifelt, nannte ihn tausendmal einen Bösewicht, Verräter und Truggesellen und wollte aus dem Bett springen, um sich mit einem Messer zu entleiben, da sie das Unglück erlebt habe, von einem Manne entehrt zu werden, der sie nicht liebe und nun aus Rache aller Welt seinen Erfolg ausposaunen würde. Er aber hielt sie umfangen und versicherte ihr mit sanften Worten, daß er sie mehr liebe denn der andere und alle Zeit auf ihre Ehre bedacht sein wolle, so daß kein Makel auf sie fiele. Und die Ärmste war töricht genug, es ihm zu glauben. Nun berichtete er ihr all seine Mühen und Schliche und bewies ihr seine größere Liebe damit, daß der andere doch ihr Geheimnis ausgeplaudert habe. Sie könne sich nun überzeugen, wie falsch man die Franzosen beurteile: die seien viel gewandter, ausdauernder und verschwiegener als die Italiener.

Dann bat sie ihn, in der Folgezeit sie niemals auf Festen oder sonsten wo ohne Maske zu treffen, denn sie fühle sich so beschämt, daß sie fürchte, sich zu verraten. Das versprach er ihr und ersuchte sie obendrein, ihren Freund liebevoll aufzunehmen, wenn er um zwei Uhr käme: dann aber möge sie sich allmählich von ihm freimachen. Nur widerstrebend mochte sie das zusagen, und ohne ihre große Liebe zu ihm hätte sie jenem gewiß nichts mehr zugebilligt. Als er nunmehr von ihr Abschied nahm, beglückte er sie nochmals so sehr, daß sie ihn gern noch länger bei sich behalten hätte. Doch er mußte fort, zog sich eilends an, schlüpfte aus dem Zimmer und ließ die Tür angelehnt, wie er sie gefunden hatte. Um aber dem andern nicht zu begegnen, so stieg er zum nächsten Treppenabsatz hinauf, bis er kurz darauf jenen eintreten sah. Dann ging er heim und schlief nach der geleisteten Arbeit so fest, daß ihn die neunte Morgenstunde noch im Bett fand.

Just als er aufstand, kam der Edelmann zu ihm und erzählte von seinen Erfolgen, die sich nicht so günstig gestaltet hatten, als er zuvor hoffen konnte. Da er nämlich in das Zimmer der Dame getreten sei, habe jene im Nachtgewand fiebernd, mit fliegenden Pulsen, flammendem Gesicht und beginnendem Schweißausbruch mitten in der Stube gestanden. Ob ihres Zustandes habe sie ihn gebeten, wieder fortzugehen, maßen sie nur um seinetwillen ihre Kammerfrauen noch nicht gerufen habe. Nun fühle sie sich so schlecht, daß sie mehr an Sterben denn an Liebe, mehr an Gott denn an Kupido dächte, und sie bedaure daher sein Kommen, weil sie in dieser Welt ihn wohl nicht mehr entlohnen könne und wenigstens hoffen wolle, im Jenseits an ihn zu denken. Vor Betrübnis sei alsbald all seine Freude zu Eis erstarrt und klagevoll sei er eilends davongegangen. Nunmehr habe er sich heute gleich frühzeitig nach ihrem Befinden erkundigt und gehört, daß sie in der Tat sehr krank sei.

All’ das erzählte er unter soviel Tränen, daß man hätte meinen können, seine Seele schwömme weg. Bonnivet war dagegen nicht minder zum Lachen aufgelegt. Doch tröstete er jenen, so gut er konnte, meinte: ›Was lange währt, wird endlich gut,‹ und solche Verzögerung sichere ihm nur größere Freuden für die Zukunft zu. Und damit trennten sie sich. Die Dame aber blieb zwar einige Tage im Bett; als sie aber dann wieder ganz gesund war, gab sie ihrem ersten Liebhaber den Laufpaß unter dem Vorgeben, Todesangst und Gewissensbisse hätten ihr zu sehr zugesetzt. Dagegen blieb sie Bonnivet getreu, dessen Liebe freilich, wie üblich, nicht länger dauerte denn die Schönheit der Blumen auf dem Felde.

Mir scheint nun wohl, die Schliche jenes Edelmanns wogen die Heuchelei der Dame reichlich auf, die erst die Prüde spielte und sich dann so liebestoll gebärdete.«

»Möget Ihr nun von den Frauen sagen, was Ihr wollt«, entgegnete Emarsuitte, »der Edelmann hat nicht schön gehandelt. Wenn eine Frau jemanden liebt, heißt das etwa, daß ein andrer das Recht hat, sie mit List zu nehmen?!« – »Glaubt mir,« meinte Guebron, »solche Ware wird allemal von dem davongetragen, der am meisten dafür darangibt. Doch geschieht das dann keineswegs aus Liebe zu den betreffenden Damen, sondern einzig aus Eigenliebe und Genußsucht« – »Weiß Gott,« rief Longarine, »ich muß nach eigener Erfahrung gestehen, alle fangen höchst ehrenhaft an und am Ende läuft alles auf dasselbe hinaus. Am besten gibt man den Männern gleich bei den ersten Worten den Laufpaß; denn erkennt man erst, daß sie es nur auf lästerliche Dinge absehen, dann hat die Abweisung schon nicht mehr den Wert.«

»Wie denn,« fragte Emarsuitte, »man soll sie erst gar nicht anhören?« Parlamente entgegnete: »Meine Ansicht ist, man soll tun, als ob man nichts versteht, und zu unzweideutigen Erklärungen keinen Glauben zeigen. Verschwören sie sich aber hoch und teuer, so soll man sie auf diesem schönen Weg lassen und ihnen zum Tal nicht entgegenkommen.« – »Aber heißt es nicht seinen Nächsten aburteilen,« meinte Nomerfide, »wenn wir gleich das Schlechte voraussetzen?« – »Denkt, wie ihr wollt,« erwiderte Oisille, »aber es spricht so viel dafür, daß es so sei, daß ihr das Feuer fürchten müßt, wenn Ihr nur einen Funken wahrnehmt. Sonst ist euer Herz verbrannt, ehe ihr etwas merkt.« – »Euer Urteil ist zu hart,« sprach nun Hircan, »denn würden alle Frauen so grausam sein, so würden wir bald statt sanfter Bitten List und Gewalt anwenden.« – »Mir scheint am besten, jeder zeigt sich wie er ist,« meinte Simontault. – »Sofern dadurch gleichermaßen für unsere Ehre als für unsere Lust gesorgt wird,« rief Saffredant. Dagoucin aber konnte nun nicht mehr schweigen und sprach: »Wer lieber sterben als Wünsche äußern möchte, wird nicht dieser Ansicht sein.« – »Sterben?« fragte Hircan. »Der müßte erst geboren werden, der dafür zu sterben bereit ist. Sehen wir nun, wem Simontault das Wort gibt.« – »Ich gebe es Longarine, denn ich sah, wie sie mit sich selbst sprach. Sicherlich wiederholte sie schnell noch einmal ihre Rolle. Zudem ist sie sehr wahrheitsliebend.« – »Wenn ihr mich dafür haltet,« sagte Longarine, »so will ich euch eine Geschichte erzählen, die zwar nicht den Frauen zum Lob gereicht, wohl aber erweist, daß sie gerade so klug und verschlagen sind wie die Männer. Sollte die Geschichte etwas lang geraten, so habe, bitte, Geduld.«

 

 

 


Fünfzehnte Erzählung

 

Eine Dame am königlichen Hofe sieht sich von ihrem Manne zugunsten anderer vernachlässigt, weshalb sie gleiches mit gleichem vergilt.

 

»Zum Hofe Franz’ des Ersten gehörte ein Edelmann, dessen Name ich wohl kenne, doch nicht nennen will. Der war arm, maßen er kaum fünfhundert Pfund als Rente hatte, doch stand er beim König derart in Gunst, daß dieser ihn mit einem Mägdelein vermählte, dessen Reichtum manchen Granden wohl befriedigt hätte. Da sie nun noch recht jung war, bot eine der vornehmsten Hofdamen ihr an, ihr vorderhand Gesellschaft leisten zu wollen. Damit war jene gern einverstanden. Nun war aber der Edelmann ob seiner Ehrenhaftigkeit und seiner Anmut von allen Damen des Hofes umschwärmt, und zumal von einer, die sich der Gunst des Königs vornehmlich erfreute, dem Weibe des Edelmannes jedoch weder an Jugendfrische noch an Schönheit glich. Der aber vernachlässigte ob seiner Liebe zu jener Frau seine Gattin, also daß er kaum einmal im Jahre ihr Lager teilte, ja, daß er nie mit ihr sprach, noch irgendeine Aufmerksamkeit erwies. Und derweile er von ihrem Gelde in Mengen ausgab, ließ er ihr nicht das geringste zukommen, also daß sie weder ihrem Stande gemäß noch gar ihren Wünschen entsprechend gekleidet war. Darob machte die Hofdame ihm oft Vorhaltungen und sprach:

›Euer Weib ist schön, reich und edelgeboren. Ihr aber beachtet gar nicht, was sie bis jetzt durchmacht. Ich fürchte, wenn sie zu voller Blüte erwachsen sein wird und im Spiegel oder durch Schmeichler ersieht, welche Schönheit Ihr verachtet, dann wird sie aus Ärger etwas tun, das ihr andernfalles nie in den Kopf kommen würde.‹

Des Edelmannes Sinn aber war anderswo, darum lachte er sie aus und änderte sein Leben nicht.

Drei bis vier Jahre später nun erblühte jene wirklich zu einer der größten Schönheiten Frankreichs. Und je mehr sie sich liebenswert fühlte, desto mehr schmerzte sie die Nichtachtung ihres Mannes, bis sie in tiefe Traurigkeit verfiel. Nachdem sie ihn nun in jeder Weise vergeblich umworben hatte, vermutete sie in ihrer Liebe, daß ein anderes Band ihn fessele. Und da sie suchte, entdeckte sie bald die Wahrheit. Darob ward sie derart trübsinnig, daß sie nur noch schwarze Kleider trug und keinerlei frohe Gesellschaft mehr aufsuchen wollte. Vergeblich suchte die Hofdame sie umzustimmen; und als ihr Mann davon erfuhr, lachte er nur und änderte nichts.

Langweile verdirbt alle Freuden, wird aber durch Abwechslung zerstreut. So hier. Eines Tages geschah es, daß ein hochgestellter Mann, ein naher Verwandter der Hofdame, der diese häufig besuchte, auf dies seltsame Leben der jungen Frau aufmerksam ward und voll Mitleid beschloß, sie zu trösten. Und da er Ihrer tugendhaften Schönheit inne ward, trieb es ihn bald mehr, ihre Gunst zu erringen denn von ihrem Manne zu plaudern, außer etwa um ihr zu zeigen, wie wenig er ihrer Liebe wert sei. Die Dame hinwiederum, die sich von ihrem Manne so zurückgesetzt fühlte, fand an dem Umgange des Fürsten immer mehr Gefallen, als sie ihn so liebevoll werben sah. Obgleich sie allezeit auf ihre Ehre bedacht war, behagte es ihr doch über die Maßen, mit ihm zu plaudern und sich geliebt zu fühlen.

Das dauerte so lange, bis der König es merkte und unwillig wurde, da er seinen Günstling nicht entehrt wissen wollte. So ersuchte er den Fürsten, seinen Verkehr dort einzustellen, widrigenfalls er in Ungnade fallen würde. Das sagte ihm der Fürst zu, da ihm an des Königs Gunst mehr lag denn an allen Frauen dieser Welt, und er versprach, ihm zuliebe dem Hause fernbleiben zu wollen und sogleich an diesem Abend Abschied zu nehmen. Das tat er auch, sowie er die Dame nach Hause zurückgekehrt wußte. Ihr Mann bewohnte das Zimmer über ihr, und da er am Fenster stand sah er den Prinzen bei seiner Frau eintreten. Indem nun jener den Befehl des Königs übermittelte, sagte er ihr unter Tränen und Klagen Lebewohl. Das dauerte bis Mitternacht, und schließlich sprach die Dame, in deren Herzen die Liebe zu erblühen begann:

›Ich preise Gott, der Euch von dieser Neigung fortriß. Denn wie klein und schwach muß sie gewesen sein, da Ihr sie für eines Menschen Wort dahingebet. Ich meinesteils habe niemand deshalb befragt, denn meine Neigung wuchs an Eurer Schönheit und Ehrenhaftigkeit und ward so stark in mir, daß ich keinen Gott oder König neben Euch kannte. Da Eure Liebe aber in Eurem Herzen noch Furcht neben sich duldet, so konntet Ihr kein vollkommener Freund sein, und einen unvollkommenen mag ich nicht. Ich liebe aus ganzem Herzen, und so muß ich Euch Lebewohl sagen, da Euer Bangen nicht meine ungehemmte Freundschaft verdient.‹

Weinend ging der Prinz davon, und da er sich umschaute, gewahrte er wiederum den Ehemann am Fenster, so wie dieser bei seinem Kommen hinuntergeschaut hatte. Darum suchte er ihn tags darauf auf und erzählte ihm, weshalb er seine Frau besucht und was ihm der König befohlen hatte. Darob war der Edelmann voller Freuden und legte alsbald dem König seinen Dank zu Füßen.

Da er nun aber inne ward, daß sein Weib von Tag zu Tag schöner wurde, er hingegen immer mehr alterte, so begann er sein Benehmen zu ändern und übernahm die Rolle, die sein Weib bisher gespielt hatte. Das heißt, er umschmeichelte sie und ward für sie eifrigst besorgt; sie hingegen floh ihn um so mehr, je mehr er ihr nachstellte, und bemühte sich, ihm all ihre Leiden zurückzuzahlen. Und da sie nun gekostet hatte, wie es wohl tut, geliebt zu sein, so wandte sie sich einem wunderschönen Edelmann zu, der ob seiner Anmut und Unterhaltungsgabe bei allen Damen des Hofes in Gunst stand. Dem klagte sie vor, wie es ihr ergangen war, und weckte sein Mitgefühl, bis er schließlich nichts unterließ, um ihr Trost zu spenden. Sie aber entflammte, um sich auch für den Verlust des Prinzen zu entschädigen, in so heftiger Liebe zu dem Edelmann, daß sie all ihren Kummer vergaß und nur noch darauf bedacht war, dieser Neigung alle Hindernisse fernzuhalten. Das gelang ihr so gut, daß auch ihre Freundin nichts davon merkte. Denn vor dieser sprach sie kein Wort mit ihm. Allemal vielmehr, wenn sie ihm etwas sagen wollte, besuchte sie hierzu einige Damen am Hofe, unter denen eine war, der sich ihr Mann sehr zugetan zeigte.

Eines Abends nun, nach dem Essen, begab sich die Ehefrau, als es schon dunkel war, ohne Begleitung zu jenen Damen und traf dort ihren Geliebten. Sie setzte sich in seine Nähe, stützte sich auf den Tisch und plauderte mit ihm, dieweil sie tat, als ob sie in einem Buch läse. Doch hatte ein Aufpasser ihres Mannes diesen davon in Kenntnis gesetzt, also daß er in kluger Berechnung flugs auch dorthin ging. Als er das Zimmer betrat, sah er sie lesend am Tisch sitzen, tat aber, als ob er sie nicht bemerke, und schritt geradeswegs nach einer andern Ecke zu den Damen hin. Seine arme Frau aber begriff, daß er sie abgefaßt hatte; darob verlor sie schier den Verstand, entschlüpfte möglichst unbemerkt und floh davon, als wäre ihr Gemahl mit dem gezückten Degen hinter ihr her. So kam sie zu ihrer alten Freundin, die sich schon zurückgezogen hatte, blieb bei ihr, bis sie ausgekleidet war, und begab sich alsdann in ihr Gemach. Dort teilte ihr eine Zofe mit, daß ihr Mann sie zu sich bitten ließe. Sie erwiderte ohne Umschweife, sie würde nicht kommen, da ihr Gatte so seltsam und hart geworden sei, daß sie einen üblen Streich von ihm befürchte. Am Ende aber bekam sie Angst, es könne ihr, wenn sie sich weigere, noch schlimmer ergehen. Darum ging sie doch, und ihr Mann sagte kein Wort, bis sie zu Bett lagen. Da vermochte sie sich nicht mehr zu beherrschen und begann sachte zu weinen. Und als er sie fragte, warum, erwiderte sie, daß sie seinen Zorn fürchte, maßen er sie mit einem Edelmann zusammen lesend gefunden habe.

Alsbald erklärte er ihr: nie habe er etwas dagegen gehabt, daß sie mit andern Männern plaudere, und daher auch nichts Schlimmes darin gefunden, daß sie mit jenem sprach. Maßen sie nun aber davongeflohen sei, als ob sie auf schlimmen Wegen von ihm ertappt worden wäre, so habe er daraus entnommen, daß sie jenen Edelmann liebe. Also verbot er ihr nunmehr, mit irgendeinem Mann in Gesellschaft oder daheim zu sprechen, und drohte, sie gleich das erstemal, wo er sie wieder abfassen sollte, ohne jede Barmherzigkeit zu töten. Damit war sie gern einverstanden, indem sie bedachte, sie würde nicht ein zweites Mal so dumm sein.

Sintemalen nun aber die verbotenen Früchte zumeist verlocken, so vergaß die Dame jene Drohung so rasch, daß sie noch am gleichen Abend, kaum daß sie in ihr Gemach zurückgekehrt war, jenen Edelmann zu sich rufen ließ. Ihr Gatte jedoch ward von Eifersucht also gepeinigt, daß er nicht zu schlafen vermochte, vielmehr ein Manteltuch umtat und mit einem Diener zu ihrem Gemach ging, als ihm zu Ohren gekommen war, daß der andere nächtlicherweile dorthin kommen sollte. Er pochte an die Tür, und sie, die alles, nur ihn nicht erwartete, erhob sich, zog Strümpfe an, nahm einen Mantel um; und als sie ihre Kammerfrauen schlafen sah, schlüpfte sie schnell hinaus und schritt geradeswegs zu der Tür, wo es geklopft hatte. Auf ihre Frage: ›Wer dort?‹ nannte er ihr den Namen des Geliebten. Doch war sie nicht recht sicher, öffnete nur die Klappe und sprach: ›Seid Ihr, der Ihr sagt, so reicht mir Eure Hand, auf daß ich sie erkenne.‹ Doch alsbald erkannte sie die Hand ihres Mannes, warf flugs wieder die Klappe zu und schrie: ›Wehe, das ist Eure Hand.‹ Und ihr Mann sagte zornbewegt: ›Fürwahr, dies ist die Hand eines Menschen, der sein Versprechen zu halten weiß! Darum versäumt nicht zu kommen, wenn ich Euch rufen lasse.‹

Damit ging er in sein Zimmer zurück. Auch sie kam wieder in ihr Gemach, aber sie war mehr tot denn lebendig und sagte laut zu ihren Frauen: ›Steht auf, Ihr habt allzuviel mir zuliebe geschlafen. Euch glaubte ich zu täuschen, und nun habe ich mich selbst betrogen.‹ Und sie sank ohnmächtig inmitten des Zimmers nieder. Die Kammerfrauen sprangen bei ihrem Rufe auf, erschraken nicht minder über ihre Ohnmacht denn über jene Worte und liefen nach Heiltränken, um sie wieder zu sich zu bringen. Als sie nun endlich reden konnte, rief sie aus: ›Seht mich an, ich bin die unglücklichste Frau auf Gottes Erdboden.‹ Und alsdann erzählte sie die Geschichte und bat sie um ihre Hilfe, maßen sie fest überzeugt war, daß es ihr heute noch ans Leben ginge. Just, da jene sie trösteten, kam ein Kammerdiener von ihrem Gemahl und überbrachte ihr dessen Geheiß, unverzüglich hinaufzukommen. Weinend und schreiend fiel sie zweien Frauen um den Hals, klammerte sich an sie und flehte sie an, sie vor dem Tode zu retten. Der Kammerdiener versicherte ihr jedoch auf seinen Kopf, daß ihr kein Leid geschehen würde. Da sie nun inne ward, daß aller Widerstand vergeblich war, ließ sie sich in die Arme jenes Dieners sinken und sprach: ›Wenn es denn sein muß, so trage diesen todgeweihten Leib zur Schlachtbank.‹ Der trug sie also, halb bewußtlos vor Jammer, zu seinem Herrn, dem sie zu Füßen fiel und stöhnte: ›Habt Erbarmen. Ich schwöre Euch bei Gott, die Wahrheit zu sagen.‹ Alsbald entgegnete jener, gleich als ob ihn die Verzweiflung zu allem fähig mache: ›Bei Gott, Ihr werdet sie mir sagen!‹, und jagte alle Leute hinaus.

Und da er seine Frau als fromm erkannt hatte, sagte er sich, daß sie auf ein Kreuz keinen Meineid schwören würde. So ließ er sie auf ein sehr schönes Kruzifix, das er sich geliehen hatte, einen Eid leisten, daß sie alle seine Fragen wahrheitsgemäß beantworten wolle. Da sie nun aber die erste Todesfurcht überwunden hatte, so beschloß sie, zwar lieber zu reden denn zu sterben, – doch nichts zu sagen, das ihren Geliebten in Gefahren bringen konnte. Und nachdem sie seine Fragen angehört hatte, sprach sie:

›Ich will keineswegs mich rechtfertigen noch meine Liebe zu jenem Edelmann beschönigen. Doch muß ich Euch sagen, wie jene Neigung entstand. Nie hat ein Weib je seinen Mann mehr lieben können denn ich Euch. Doch mochtet Ihr nichts von mir wissen und behandeltet mich ohn’ jede Achtung. In meiner Verzweiflung ward ein Prinz auf mich aufmerksam; doch verließ er mich, da er mehr auf seinen König denn auf seine Liebe hören mochte, just, da ich seinen liebevollen Trost zu empfinden begann. Nach ihm begegnete ich jenem Edelmann, dessen Anmut und Ehrenhaftigkeit erübrigten, daß er mich um meine Gunst bat. Auf mein Ersuchen also, nicht das seine, legte er mir voll Sittsamkeit und in allen Ehren seine Liebe zu Füßen. Wohl traf ich ihn bisweilen hier und dort, wohl küßte ich ihn bisweilen herzlicher denn Euch, doch Weiteres ist niemals zwischen uns geschehen. Wollt Ihr aber, der Ihr mein ganzes Unglück verschuldet habt, an mir Rache nehmen, weil ich also lebte, während Ihr selbst mir alle Zeit ein Beispiel gabt, das bei weitem ehrloser war? Denn Ihr wisset doch selbst, daß Eure Geliebte sich nicht mit dem allein zufrieden gab, das weder gegen Gott noch das Gewissen sich verstößt. Und nun entscheidet selbst, wer von uns mehr Strafe, wer mehr Entschuldigung verdient, zumal ich jung und unerfahren bin, von Euch vernachlässigt, von dem schönsten Edelmann Frankreichs geliebt wurde und ohne Hoffnung bin, je Eure Liebe zu erringen.‹

Da ihr Mann sie also offen und dabei voll Anmut und in aller Sicherheit vor jeder Strafe sprechen hörte, ward er vor Verblüffung schier sprachlos und fand endlich nur zu sagen, daß Mannesehre und Frauenehre nicht einerlei seien. Maßen sie aber beschworen habe, daß nichts ernstlicheres zwischen ihr und dem Edelmann vorgefallen sei, so wolle er ihr nichts weiter antun unter der Bedingung, daß sie die Vergangenheit auch vergangen sein ließe. Da sie dies versprach, gingen sie einträchtiglich zusammen schlafen.

Als aber tags darauf eine alte Kammerfrau sie angstvoll fragte: ›Wie ist es denn gegangen?‹ erwiderte sie lachend: ›Es gibt keinen besseren Ehemann als den meinen, denn er hat meinem Eid getraut.‹ Also vergingen fünf bis sechs Tage. Der Ehemann ließ sie aufs schärfste Tag und Nacht beobachten; sie aber verstand es einzurichten, daß sie ihren Freund an dunklem stillverborgnen Ort doch sprechen konnte. Und also merkte niemand etwas, bis eines Tages ein Knecht erzählte, er habe drunten im Stall ein Fräulein mit einem Edelmann betroffen. Alsbald ergriff den Gatten wieder grimmer Argwohn. Er beschloß, den Edelmann umzubringen, und berief hierzu seine Verwandten und Freunde in großer Zahl um sich. Doch einer dieser Verwandten war mit jenem so eng befreundet, daß er ihn von allem in Kenntnis setzte, was gegen ihn im Werk war. Da nun jener bei Hofe sehr beliebt und stets wohl begleitet war, so brauchte er seinen Gegner nicht zu fürchten. Statt daß man ihn also allein abfing, traf er sich mit seiner Herrin in einer Kirche. Sie aber wußte nichts von dem Vorgefallenen, da man vor ihr nicht darüber sprach. Daher erzählte ihr der Edelmann, was ihr Mann gegen ihn vorhabe, und erklärte ihr, daß er trotz seiner Schuldlosigkeit nunmehr entschlossen sei, in die Ferne zu reisen, um die Gerüchte verstummen zu machen.

Als nun der Fürstin, jener alten Freundin der Dame, solches zu Ohren kam, da versicherte sie hoch und heilig, der Ehemann tue großes Unrecht, solch ehrenwertes Weib zu beargwöhnen. Doch angesichts seiner hohen Stellung und der entstandenen Gerüchte riet auch sie zu der Reise und versicherte zugleich, daß sie jener Nachrede keinen Glauben schenken würde. Dem wohnten gleichermaßen jene Dame und der Edelmann bei, und alle beiden waren voll Freuden über das Vertrauen und die gute Meinung jener Fürstin, die überdies dem Edelmann riet, vor seiner Abreise mit dem Ehemann zu sprechen.

Das tat er auch alsbald. Er fand ihn in einem Saalgange zunächst dem Gemach des Königs, verneigte sich ehrerbietig vor ihm und sprach voller Zuversicht also: ›Mein Lebelang war ich bereit, mein Herr, Euch zu Diensten zu sein. Zum Lohn laßt Ihr mir, wie ich höre, auflauern, um mich zu töten. So bedenket, bitte, daß Ihr zwar mehr Macht habet denn ich, daß ich aber nichtsdestotrotz nicht minder Edelmann bin denn Ihr und keineswegs für nichts und wieder nichts mein Leben hingeben mag. Bedenket weiter, daß Ihr ein ehrbares Weib Euer Eigen nennt und daß ich jedem, der das Gegenteil sagt, erklären werde, daß er ein gemeiner Lügner ist. Ich meinesteils tat nichts, das Euch zu üblem Vorhaben veranlassen könnte. Wollt Ihr also, so verbleibe ich Euer ergebener Diener. Wenn nicht, so vermag ich mit der Gunst des Königs sehr wohl zufrieden zu sein!‹

Da der andere seine Worte vernahm, entgegnete er: in der Tat habe er einigen Verdacht gegen ihn gehegt. Doch nun sei er von seiner Ehrbarkeit überzeugt und wünsche mehr seine Freundschaft denn seine Feindschaft. Alsdann sagte er ihm unter Händeschütteln Lebewohl und umarmte ihn wie einen lieben Freund. So kann man sich die Überraschung der Herren vorstellen, die ihm abends auflauern sollten und ihn nun also geehrt sahen. Jeder glaubte etwas anderes daraus zu entnehmen. – Kurz, der Edelmann trat seine Reise an. Doch da er reicher an Schönheit war denn an Geld, so gab seine Geliebte ihm einen Ring, der wohl dreitausend Taler wert war und den er für eintausendfünfhundert verpfändete. Einige Zeit darauf bat der Ehemann jene Fürstin, seine Frau zu bestimmen, daß sie eine Weile zu einer Schwester reise. Das schien der alten Dame höchst verwunderlich, und daher bat sie ihn, den Grund zu nennen. Doch das tat er nur zum Teil.

Nachdem schließlich die junge Frau von ihrer Beschützerin und dem Hofe Abschied genommen hatte, ohne zu weinen oder sich allzu betrübt zu zeigen, reiste sie dorthin, wo ihr Mann es wünschte. Ein Edelmann begleitete sie, dem ihr Gatte aufs dringendste eingeschärft hatte, sorglich und zumal auf den Straßen darauf zu achten, daß sie nicht mit jenem rede, den er im Verdacht hatte. Sie wußte aber von diesem Befehl, jagte ihrer Begleitung Tag für Tag neue Schrecken ein und verlachte sie alsdann ob ihrer Aufsicht. So kam zum Beispiel einmal ein Franziskaner zu Pferde des Weges, als sie gerade aufbrachen. Sie war gleichfalls beritten, und so plauderte sie mit ihm vom Mittag bis zum Abend, und als sie dann eine gute Meile vor ihrem Ziele waren, sprach sie zu ihm: ›Für den Trost, den Ihr mir gespendet habt, nehmt hier diese zwei Taler, die ich in Papier gewickelt habe, da Ihr ja Geld nicht berühren würdet. Doch bitte ich Euch, sprengt in scharfem Trabe feldeinwärts, wenn Ihr mich jetzt verlaßt.‹

Als der nun eine gute Strecke davongeritten war, sagte sie zu ihrem Begleiter: ›Meint Ihr, Ihr erfüllt Eure Pflicht, da Ihr zuseht, wie der einen ganzen Nachmittag mit mir plaudert, auf den Ihr just achthaben sollt? Ihr verdient wahrlich, daß Euer vertrauensseliger Herr Euch Hiebe gibt statt Eures Lohnes.‹ Da der Edelmann, dem ihre persönliche Obhut anvertraut war, diese Worte vernahm, ward er zornig, spornte sein Pferd, rief, ohne zu antworten, zwei seiner Leute zu sich und jagte hinter dem Franziskaner her, der zwar die Flucht ergriff, doch, maßen sein Pferd schlechter war, eingeholt wurde. Nun wußte der Ärmste doch aber gar nicht, was das sollte, schrie um Gnade und lüpfte voll Demut seine Kapuze. Da erkannten sie an seiner Tonsur, daß es gewißlich nicht der Gesuchte war und ihre Herrin sie genarrt hatte. Doch sie zog diese Leute noch weiter auf und rief, da sie zurückkamen: ›Ihr verdient wahrlich, daß man euch eine Dame anvertraut; erst laßt ihr sie reden, ohne zu wissen mit wem, dann entehrt ihr einen Diener Gottes, weil ihr auf jedes Wort hereinfallt.‹ – Und unter solchen spöttischen Scherzen kam sie endlich zu ihren Schwägerinnen, und diese gleichwie der Gatte der einen ließen ihr wenig Freiheit.

Indessen vernahm ihr Mann, daß der Ring für fünfzehnhundert Taler verpfändet sei, und geriet darob in Zorn. Um aber die Ehre seiner Frau zu decken, schrieb er ihr, sie möge ihn einlösen, er wolle die fünfzehnhundert Taler bezahlen. Ihr lag an dem Ring nichts und da ihr Geliebter das Geld dafür also behalten konnte, schrieb sie ihm: ihr Mann dränge sie, den Ring einzulösen. Damit er aber nicht glauben sollte, es sei böser Wille von ihr, so sandte sie ihm einen Diamanten, der von der alten Fürstin stammte und den sie mehr liebte denn den Ring. Der Edelmann hinwiederum sandte ihr gern den Pfandschein zu und war über die Maßen zufrieden, außer den fünfzehnhundert Talern noch einen Diamanten zu besitzen und obendrein der Gunst seiner Freundin sicher zu sein, obgleich er allerdings, solange ihr Mann noch lebte, keine Möglichkeit mehr hatte, mit ihr persönlich oder schriftlich in Verbindung zu stehen.

Nachdem der Ehemann aber gestorben war, bedachte jener, was sie ihm einst versprochen hatte, und betrieb darum eifrigst die Ehe mit ihr. Doch mußte er erfahren, daß sie während ihrer langen Abwesenheit einen andern lieber gewonnen hatte. Darob war er tief betrübt, begann die ehrenhaften Frauen zu meiden und suchte zweifelhaften Umgang. Dort war er auch bald ein gerngesehener Gast; und also beendete er seine Tage.

In dieser Geschichte, die unser weibliches Geschlecht freilich nicht schont, suchte ich den Ehemännern zu erweisen, daß hochherzige Frauen eher zu zorniger Rache denn zu sanftmütiger Milde neigen. Jene Frau widerstand lange, doch schließlich wurde sie zur Verzweiflung gebracht. Doch sollte es eine ehrenhafte Frau nie so weit kommen lassen, und je ernster die Lage ist, um so mehr zum Guten wirken. Glücklich die, so nach Gottes Willen reich sind an Keuschheit, Milde, Sanftmut und Geduld.«

»Mir scheint,« erklärte nun Hircan, »daß jene Frau sich mehr vom Ärger denn von Liebe leiten ließ, verehrte Longarine. Denn hätte sie den Edelmann wirklich geliebt, so hätte sie ihn nicht für einen andern fahren lassen. Sicherlich war sie rachsüchtig und wetterwendisch.« – »Ihr machts Euch bequem,« entgegnete Emarsuitte, »wißt Ihr nicht, welch Herzeleid es schafft, keine Gegenliebe zu finden?« – »Nein, das habe ich wirklich noch nicht erlebt. Denn wenn mir so wenig Entgegenkommen gezeigt wird, schicke ich Liebe und Dame zu allen Teufeln.« – »Nun freilich,« rief Parlamente, »Ihr liebt ja auch nur Euer Vergnügen. Eine anständige Frau wird ihren Mann nicht also fallen lassen.« – »Auf alle Fälle hat die Dame jener Geschichte eine Zeitlang vergessen, daß sie Weib war,« meinte Simontault, »denn ein Mann hätte sich wahrlich nicht besser rächen können.« – »Alle sind sie Frauen,« entgegnete Saffredant, »zieht ihnen die schönsten Kleider an und guckt darunter: stets werdet ihr das Weib wiederfinden.« Nun fiel Nomerfide ein: »Wenn man euch zuhören wollte, verginge der ganze Tag unter Zank und Streit. Wir wollen aber Geschichten erzählt bekommen, und darum bitte ich Longarine, jemandem das Wort zu erteilen.« Longarine blickte auf Guebron und sagte zu ihm: »Wenn Ihr etwas von einer tugendhaften Dame wißt, so gebt uns das, bitte, jetzt zum besten.«

Und Guebron hub also an: »Da ich nunmehr an der Reihe bin, will ich einen Vorfall berichten, der sich in Mailand zugetragen hat.«

 

 


Sechzehnte Erzählung

 

Eine Mailänderin erprobt die Kühnheit und Hochherzigkeit ihres Freundes, dem sie sich alsdann in Liebe ergibt.

 

»Unter der Regentschaft des Großmeisters Chaumont lebte zu Mailand eine Dame, die in jener Zeit für eine der ehrenhaftesten Frauen ihrer Heimat galt. Sie war die Wittib eines italienischen Grafen und wohnte bei ihren Schwägern unbeschreiblich zurückgezogen, ohne je von einer Wiederverheiratung etwas hören zu wollen. Eines Tages nun richteten ihre Schwäger dem Herrn von Chaumont ein Fest, an dem sie entgegen ihrer Gewohnheit teilnehmen mußte. Und da die Franzosen sie erblickten, priesen sie ihre Schönheit und Anmut, und zumal einer, dessen Name ich zwar verschweigen möchte; doch kann ich ruhig sagen, daß es in Italien keinen liebenswerteren Franzosen gab denn ihn. Alle Vorzüge des Geistes und Körpers, die einen Edelmann zieren, waren ihm zu eigen.

Obzwar er nun die Wittib schwarz verschleiert fern der jugendlichen Gesellschaft bei etlichen alten Damen in einer Ecke sitzen sah, begann er, maßen ihn weder Mann noch Weib je schreckte, alsbald mit ihr plaudern, nahm seine Maske ab und ließ für sie Tanz und Lustbarkeiten im Stich. Den ganzen Abend wich er ihr nicht von der Seite und fand so viel Ergötzen bei ihr wie bei den jüngsten und lebhaftesten Hofdamen, also daß er beim Aufbruch sicher war, sich keine Minute gelangweilt zu haben. Zwar hatten sie nur der Sitte gemäß über allgemeine Dinge geplaudert, doch ward der Wittib wohl bewußt, daß er den Wunsch hegte, näher mit ihr in Berührung zu kommen. Darob beschloß sie, sich fürder tunlichst vor ihm in acht zu nehmen, also daß er sie niemals mehr auf Lustbarkeiten oder Festen traf.

Alsbald forschte er ihren Lebensgewohnheiten nach und erfuhr, daß sie oftmals Kirchen und Klöster besuchte. Nunmehr ließ er ihre Schritte wohl bewachen und erreichte so, daß sie niemals im geheimen ausgehen konnte, ohne daß er ihr zuvorkam. Solange er sie sehen konnte, blieb er in der Kirche und warf ihr so liebesheiße Blicke zu, daß ihr seine Neigung nicht verborgen bleiben konnte.

Um das zu vermeiden entschloß sie sich, eine Zeitlang Krankheit vorzuschützen und die Messe daheim zu hören. Darob war der Edelmann überaus betrübt, maßen er keine andere Möglichkeit hatte, sie zu sehen. Als sie aber vermeinte, er habe die Sache aufgegeben, besuchte sie von neuem die Kirchen, und kaum ward der Edelmann dessen inne, so nahm auch er seine Andachtsübungen wieder auf. Damit sie nun aber nicht weitere Hindernisse einrichte und ihm die Gelegenheit zu einer Erklärung nähme, benutzte er eines Morgens den Umstand, daß sie sich in einer kleinen Kapelle allein wähnte, und trat, derweile sie die Messe hörte, dicht an den Altar. Und als der Priester die Monstranz erhob, wandte er sich zu ihr und sprach mit sanfter, gefühlvoller Stimme: ›Wohledle Frau, ich nehme Den zum Zeugen, den der Priester soeben mir zur Verdammnis erhebt, dafür, daß Ihr an meinem Tode schuld seid. Denn Ihr enthebt mich der Möglichkeit, mit Euch zu sprechen, obgleich Ihr wohl wißt, was ich im Sinne trage, und obgleich Euch meine schmachtenden Blicke und meine todesbange Gebrochenheit wohl die Wahrheit gekündet haben.‹ Die Dame jedoch tat, als ob sie nichts verstünde und erwiderte: ›Man soll Gott mit Nichtigkeiten nicht behelligen, und die Dichter sagen selbst, daß die Götter der Lügeneide Verliebter lachen. Deshalb sollen ehrenhafte Frauen ihnen nicht weichherzig Glauben schenken.‹ Und damit erhob sie sich und kehrte alsbald heim.

Der Edelmann ergrimmte begreiflicherweise ob ihrer Worte. Doch sagte er sich, daß diese harte Antwort ihm leichter einging, denn ihm eine Liebeserklärung gefallen wäre. Drei Jahre lang blieb er seiner Neigung getreu und unablässig verfolgte er die Wittib mit Briefen und wie er sonst noch konnte. Aber während dieser ganzen drei Jahre antwortete sie ihm nur dadurch, daß sie ihn floh, wie der Wolf den Jagdhund, der ihn fangen will, und alles dies nicht aus Haß, sondern einzig, weil sie für ihre Ehre und ihren Ruf fürchtete. Des war er sich gar wohl bewußt, und darum wuchs sein Eifer. Und so wurde unter viel Mühen, Weigerungen, Pein und Verzweiflung die Dame endlich angesichts seiner großen Liebe von Mitleid ergriffen und gestand ihm zu, was er so lange gewünscht und erhofft hatte. Nachdem sie über die Mittel und Wege einig geworden waren, mußte der Edelmann sich dem Wagnis unterziehen, in ihr Haus zu schleichen. Und da ihre Verwandten im gleichen Hause wohnten, setzte er allemal sein Leben daran. Doch war er nicht minder gewandt als schön, und so wußte er es stets klug einzurichten, daß er zur verabredeten Stunde in ihr Zimmer kam, wo sie ihn in ihrem Bett erwartete.

Einmal aber, just als er sich entkleidete, um sich ihr zur Seite niederzulegen, vernahm er vor der Tür das Geräusch flüsternder Stimmen und klirrender Degen, die an die Wand stießen. Die Dame schien vor Schrecken halbtot zu sein und ächzte: ›Euer Leben und meine Ehre sind nunmehr in größter Gefahr. Denn ich höre draußen meine Brüder, die Euch sicherlich suchen und töten wollen. Darum kriecht bitte unter die Bettstatt, auf daß sie Euch nicht finden und ich sie ob der zwecklosen Störung anfahren kann.‹ Der Edelmann jedoch kannte keine Furcht und erwiderte: ›Welchen wackern Mann könnten Eure Brüder wohl erschrecken? Und wäre selbst Eure ganze Sippe da, so würde sie gewiß schon bei meinem vierten Degenstich davonlaufen! Drum bleibet in Eurem Bett und lasset mich die Tür verteidigen.‹ Und alsbald wickelte er seinen Mantel um seinen linken Arm, ergriff seinen Degen und riß die Tür auf, um zu schauen, wer dort draußen also klirrte. Doch erblickte er nur zwei Zofen, die mit zwei Degen diesen Lärm vollführt hatten und nun riefen: ›Verzeiht, edler Herr, wir handeln so auf Befehl unserer Gebieterin. Nunmehr werden wir Euch weiter nicht stören.‹

Als der Edelmann gewahrte, daß es Frauen waren, schickte er sie zu allen Teufeln, warf die Tür vor ihrer Nase zu und schlüpfte alsbald zu der Dame ins Bett. Deren Liebesdurst hatte durch den Zwischenfall keine Einbuße erlitten, und da der Edelmann es unterließ, sie nach dem Grund jenes Überfalles zu fragen, so dachte sie nur daran, ihr Begehr zu stillen. Als aber der Morgen nahte, bat er sie um eine Erklärung für ihr Verhalten, zum ersten, weshalb sie sich so lange hatte drängen lassen, zum andern, was jener Streich zu bedeuten habe. Sie aber entgegnete lachend:

›Einst war ich entschlossen, nie wieder zu lieben, und bin dabei seit meiner Witwenschaft geblieben. Doch machtet Ihr, als Ihr auf jenem Fest mit mir plaudertet, daß sich mein Sinn änderte und ich in gleicher Liebe entbrannte wie Ihr. Zwar wollte meine Ehre mir dies Gefühl nicht gestatten, und darum eilte ich von Kirche zu Kirche, um vor Euch zu fliehen. Erst vor den Beweisen Eurer Ergebenheit willigte ich endlich ein. Um nun aber sicher zu sein, daß ich es wirklich mit einem hochgemuten Edelmann zu tun hatte, stellte ich Euch auf jene letzte Probe, und fürwahr: hättet Ihr für Euer Leben gefürchtet oder Euch aus irgendwelchem Grunde unter das Bett verkrochen, so wäre ich in ein anderes Zimmer gegangen und hätte Euch nie wieder gesehen. Da ich Euch nun aber gleichermaßen schön und mutig erkannt habe, so will ich Euch bis zum Ende meiner Tage anhangen, und bin gewiß, daß ich mein Leben und meine Ehre keiner besseren Hand anvertrauen kann.‹

Und gleich als ob der Menschen Wille unerschütterlich wäre, schworen und versprachen sie sich ewige Treue. Daß aber dergleichen in Menschenherzen nicht bestehen kann, wissen die am besten, so erprobt haben, wie lange solche Treue währt.

Darum, meine Damen, hütet euch vor uns, wie ein kluger Hirsch vor dem Jäger. Denn all unser Glück und unsern Ruhm setzen wir darein, euch einzufangen und das zu rauben, das euch teurer ist als das Leben.«

»Seit wann seid Ihr Prediger geworden?« meinte alsbald Hircan spöttisch zu Guebron. »Ich kenne Zeiten, wo Ihr nicht also sprachet.« – »Fürwahr,« entgegnete der, »ich sprach gegen alles, so ich mein Lebelang getrieben habe. Doch nun meine Zähne stumpf geworden sind und nicht mehr schnappen können, warne ich das arme Wild und mache damit in meinem Alter vielleicht manche Jugendsünde wieder gut.« – »Vielen Dank für Eure guten Ratschläge,« spottete auch Nomerfide. »Aber sicherlich habt Ihr zu Eurer Geliebten anders gesprochen. Liebt Ihr denn die Frauen nicht mehr? Oder wollt Ihr nun nicht mehr leiden, daß wir geliebt werden? Ich meine, wir wollen versuchen, so tugendhaft zu sein, als jene Frauen, die Ihr in Eurer Jugend verfolgtet! Leider wollen die Alten immer klüger sein als die Jungen.« – »Wenn nun aber die Treulosigkeit eines Eurer Ritter Euch die Schlechtigkeit der Männer erwiesen hätte, – würdet Ihr mir alsdann Glauben schenken?«

Oisille unterbrach Guebron und sagte zu ihm: »Meines Erachtens war der Edelmann, dessen Kühnheit Ihr so lobt, vielmehr liebestoll. Und bekanntlich treibt diese Gier auch die feigste Memme zu Taten, die mutige Herzen zweimal bedenklich machen würden.« Doch Saffredant bestritt das: »Wenn er die Italiener nicht für größere Maulhelden denn Draufgänger hielt, hatte er wohl allen Grund, bedenklich zu werden.« – »Gewiß wenn seines Herzens Glut nicht alle Furcht verjagt hätte.« – »Mir scheint,« warf Hircan ein, »da Euch jener nicht mutvoll genug erscheint, wollt Ihr das Stücklein eines anderen hören lassen, der mehr des Lobes verdient.« – »Ich kenne in der Tat jemanden, der jenen an Mut übertrifft.« – »Wenn dem so ist,« rief Guebron, »so ergreift, bitte, das Wort und berichtet uns, wie Ihr versprachet, von jenem hochgemuten, kühnen Mann.«

Und Oisille hub an: »Wenn jemand ob seines Wagemutes gepriesen wird, der sein Leben und die Ehre seiner Geliebten retten sollte, was ist dann ein Mann wert, der ohne Hintergedanken, aus purer Waghalsigkeit solche Taten vollbrachte, wie ich sie Euch nunmehr berichten will!«

 

 


Siebzehnte Erzählung

 

Der König Franz beweist dem Grafen Wilhelm seine Großmut, als dieser ihm nach dem Leben trachtet.

 

»In Dijon im Herzogtum Burgund trat ein deutscher Graf, Wilhelm, ein Sproß des sächsischen Fürstenhauses in den Dienst des Königs Franz des Ersten. Seine Familie stand dem Hause Savoyen außerordentlich nahe, und da der Graf ob seines Anstandes und seiner Kühnheit daheim schier seinesgleichen nicht hatte, so fand er beim König die gnädigste Aufnahme, also daß er sogar dem Dienst um die Person des Königs selbst beigeordnet wurde. Ein alter Ritter und ergebener Diener seines Herrn jedoch, der Statthalter von Burgund de la Trimouille, pflegte voll Angst und Sorge um das Wohl seines Königs dauernd Späher in der Nähe des Feindes zu haben, um zu wissen, was vorfiel, also daß er über alles genau unterrichtet war.

Diesem wurde nun eines Tages unter anderem gemeldet, daß der Graf Wilhelm eine Summe Geldes in Empfang genommen und noch mehr in Aussicht gestellt bekommen habe, damit er den König irgendwie zu Tode brachte. Der Herr de la Trimouille teilte dies alsbald dem König mit und nicht minder dessen Mutter Luise von Savoyen, die ohne Rücksicht auf ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu dem Grafen ihren Sohn allsogleich bat, jenen schleunigst davonzujagen. Der König entgegnete jedoch, sie möge sich die Worte sparen; es sei ausgeschlossen, daß ein so ehrenwerter edler Krieger solche Gemeinheit begehen könne.

Einige Zeit darauf kam eine weitere Nachricht, die jene erste bestätigte. Sogleich bat der Statthalter in seiner treuen Anhänglichkeit um die Erlaubnis, den Deutschen fortzuschicken. Wiederum jedoch ersuchte ihn der König dringend, nichts dergleichen zu tun, und bedachte übrigens, wie er auf andere Weise die Wahrheit ergründen könne.

Als er nun einmal zur Jagd ging, versammelte er um sich die wackersten Degen seines Heeres und hieß den Grafen Wilhelm, ihm dicht zur Seite zu bleiben. Nachdem sie eine gute Weile dem Hirsch nachgejagt waren und der König inne ward, daß alle Leute zurückblieben und allein der Graf ihm folgte, verließ er den Weg, bis er mit jenem allein im tiefsten Walde anlangte. Hier zog er seinen Degen und sprach: ›Scheint Euch dieser Degen gut und schön?‹ Der Graf besah ihn sich und entgegnete alsdann, daß er keinen trefflicheren je gesehen habe. ›Ihr habt recht,‹ sagte alsbald der König, ›und sollte ein Edelmann beschlossen haben mich zu töten, und die Kraft meines Armes, meinen Mut und die Güte dieses Degens erkennen, so dürfte er sich, meine ich, die Sache zweimal überlegen. Doch hielte ich ihn für einen elenden Bösewicht, wenn er seinen Plan nicht auszuführen wagte, wenn er ohne Zeugen Auge in Auge mit mir stände.‹ Der Graf machte ein verwundertes Gesicht und antwortete: ›Majestät, die Schändlichkeit solchen Tuns wäre an sich schon groß, die Narrheit eines derartigen Wagnisses aber fürwahr noch größer.‹ Der König steckte lachend den Degen in die Scheide, hörte dann die Jagd nahe kommen und vereinigte sich alsbald wieder mit ihr. Doch sprach er mit niemandem über die Sache und war überzeugt, daß der Graf keinesfalls der Mann war, der für solches Unternehmen den nötigen Mut besaß, mochte er auch sonst ein noch so wackerer und kühner Haudegen sein.

Der Graf hinwiederum mochte befürchten, daß man ihn nunmehr beargwöhnen oder gar entlassen könne. So begab er sich tags darauf zu Robertet, dem Finanzsekretär des Königs, und erklärte ihm: er könne leider mit dem Gehalt und den Zulagen, die ihm der König zugebilligt habe, kaum ein halbes Jahr auskommen; wenn ihm der König also nicht das Doppelte geben könne, so sei er gezwungen, den Dienst aufzugeben. Zudem bat er Robertet, ihn des Königs Antwort baldmöglichst wissen zu lassen. Der versprach ihm, auf der Stelle anzufragen, und war um so lieber dazu bereit, da er die Warnungen des Statthalters gelesen hatte. Kaum also war der König erwacht, so trug er ihm die Sache vor. Anwesend waren Herr de la Trimouille und der Admiral Bonnivet, die von des Königs kühnem Streiche nichts wußten. Dieser aber sprach: ›Ihr wolltet den Grafen Wilhelm fortschicken. Nun schickt er sich selbst fort, wie ihr seht. Saget ihm also: Wenn er mit den Bedingungen nicht zufrieden ist, die er bei seinem Dienstantritte angenommen hatte und mit denen gar manche Edelleute trefflichster Abkunft recht wohl auskommen, so möge er anderwärts sein Glück versuchen; ich werde ihm darin nicht im Wege sein und mich sogar freuen, wenn er Bedingungen findet, wo er leben kann wie er es verdient.‹

Robertet eilte sich nicht minder, dem Grafen diese Antwort zu überbringen. Der entgegnete sofort, unter diesen Umständen sei er entschlossen, fortzugehen. Und gleich als ob ihn die Angst jagte, blieb er nicht einmal mehr vierundzwanzig Stunden: schon als der König sich zur Tafel setzte, bat er diesen, sich verabschieden zu dürfen, und heuchelte dabei das tiefste Bedauern, aus seiner Umgebung scheiden zu müssen. Sodann nahm er auch von der Königin-Mutter Abschied, darob sie sich schier mehr freute denn ob seiner Ankunft seinerzeit als Freund und Verwandter des Hauses. Und so kehrte er in sein Land zurück.

Da nun der König seine Mutter und seine Umgebung über diese plötzliche Abreise baß erstaunt sah, erzählte er ihnen, was er dem Grafen für einen Schrecken eingejagt hatte und fügte hinzu: selbst wenn jener in bezug auf jene Verdächtigungen schuldlos gewesen sei, so habe er doch durch diese Angst erwiesen, daß er in der Umgebung eines Herrn, dessen Mut er so wenig gewachsen sei, nichts zu suchen habe.

Ich meinesteils kann keinen andern Beweggrund dafür finden, daß der König sich so kühn jenem gefürchteten Kämpen entgegenstellte, als daß er sich fern von seiner Begleitung auf eine Stufe mit seinem vermeintlichen Gegner stellen und so seinen eigenen Mut erproben wollte.«

»Offenbar hatte er recht,« erklärte Parlamente, »denn alles Lob der Welt ersetzt nicht die erprobte Zuversicht zu den von Gott verliehenen Gaben.« – »Schon längst«, bestätigte Guebron, »versicherten uns die Dichter, daß der Weg zum Tempel des Ruhmes durch den der Tüchtigkeit führt. Ich kenne beide Helden jener Erzählung und weiß gar wohl, daß der König einer der kühnsten Männer seines Reiches ist.« – »Wahrlich,« rief Hircan, »damals, als der Graf Wilhelm nach Frankreich kam, hätte ich des Königs Degen mehr gefürchtet denn den der heldenhaftesten italienischen Edelleute des Hofes.«

»Ihr wißt recht wohl,« brach Emarsuitte das Gespräch ab, »daß unser Lob sein Verdienst doch nicht genugsam rühmen würde und wir damit den ganzen Tag verbringen könnten. Drum, edle Frau, gebt Euer Wort einem Herrn, der uns noch mehr von Mannesmut erzählen kann.« Alsbald sprach Oisille zu Hircan: »Ihr habt die Frauen so schlecht gemacht, daß Ihr sicherlich etwas zum Lobe der Männer zu sagen wißt. So gebe ich Euch das Wort.«

»Das wird mir ein Leichtes sein,« entgegnete Hircan. »Denn vor kurzem noch rühmte man mir eines Edelmannes Liebe, Festigkeit und Geduld so sehr, daß ich seine Geschichte nicht vergessen konnte.«

 

 


Achtzehnte Erzählung

 

Eine schöne junge Dame erprobt die Treue eines ihr ergebenen Jünglings, bevor sie ihm ihre Liebesgunst gewährt.

 

»In einer schönen Stadt Frankreichs lebte ein Jüngling aus edlem Hause, der die Hochschule besuchte, um sich alles Wissen anzueignen, das ihn zu Ehre und Ansehen führen könnte. Obgleich er bald also gelehrt war, daß er trotz seiner siebzehn oder achtzehn Jahre alle andern an Kenntnissen überstrahlte, so fand Amor doch die Möglichkeit, sich neben all dieser Gelehrtheit einen Platz in seinem Herzen zu sichern, und um leichter zum Ziele zu kommen, barg er sich hinter dem Angesicht und den Blicken der schönsten Frau des ganzen Landes, die ob eines Prozesses in jene Stadt gekommen war. Bevor Amor aber versuchte, den Jüngling durch die Anmut jener Dame völlig zu besiegen, eroberte er zuerst ihr Herz, indem er ihr des Edelmannes Vollkommenheit enthüllte. Denn wahrlich: an Schönheit, Anstand, Klugheit und Beredsamkeit hatte dieser nirgends seinesgleichen. Unter diesen Umständen war es nicht verwunderlich, daß bald alles Denken und Sinnen der beiden von Liebe zueinander durchglüht war. Doch ob seiner Jugend ging der Jüngling seinem Ziele nur zaghaft und zögernd nach. Zwar bedurfte es bei der Dame auch keinerlei stürmischen Drängens; immerhin hütete sie sich in fraulicher Schamhaftigkeit sehr, ihre Bereitwilligkeit zu verraten. Am Ende aber ward die Festung, hinter der sich ihre Ehrenhaftigkeit verschanzte, also verheert, daß die Ärmste ihrer inneren Überzeugung folgte und kapitulierte. Nur wollte sie seine Geduld und Festigkeit erproben und sicherte ihm zu: falls er ihre schweren Bedingungen erfülle, wolle sie ihm ganz gehören – andernfalls aber würde er sie nie im Leben mehr wiedersehen. Und zwar wolle sie, daß beide sich, bis aufs Hemd entkleidet, in ein Bett legten und zusammen plauderten, ohne daß er weiteres von ihr verlange als höchstens noch hie und da einen Kuß.

Ihm schien, daß nichts dem Glücke gleichkommen könne, das ihm alsdann in Aussicht stand, und so sagte er zu; also daß er an besagtem Abende ihre Bedingung erfüllte und trotz aller Zärtlichkeit von ihrer Seite nicht um die Welt sein Versprechen brach. Und obgleich er schier die Qualen des Fegefeuers durchmachte, war seine Liebe und seine Hoffnung dennoch so stark (maßen er fest erwartete, hierdurch einen dauernden Liebesbund zu schaffen), daß er sich in Geduld faßte und sich schließlich erhob, ohne den geringsten Versuch zu kühneren Schritten gemacht zu haben.

Die Dame war begreiflicherweise mehr verblüfft denn zufrieden mit diesem Erfolge und kam flugs auf den Gedanken, daß seine Liebe wohl gar nicht so groß sei als sie vermeinte, oder daß er in ihr enttäuscht worden sei. Daher beachtete sie seine Geduld und Ehrenhaftigkeit keineswegs und beschloß vielmehr, ihn auf eine andere Probe zu stellen, bevor sie ihr Versprechen hielte. Zu diesem Zwecke bat sie ihn, einem Mägdelein ihrer Umgebung, das jünger war als sie und wirklich schön, eifrigst den Hof zu machen, damit es schiene, als ob seine häufigen Besuche in ihrem Hause jenem Mädchen gälten und nicht ihr.

Maßen der Jüngling überzeugt war, daß sie ihn nicht minder liebe als er sie, so gehorchte er ihr aufs Wort und zwang sich, ihr zu Gefallen dem Mägdelein Liebesgeständnisse zu machen. Und da er so schön und wohlberedt war, geschah es, daß das Mädchen seinen Worten traute und ihm ihr ganzes Herz schenkte, gleich als ob er sie wirklich liebte. Als die Herrin sah, wie glatt das ging, ohne daß jener aufhörte, sie zu bestürmen, bewilligte sie ihm für ein Uhr nachts eine Zusammenkunft, sintemalen sie seine Ergebenheit und Liebe hinreichend erprobt hätte und ihn nunmehr für seine Geduld belohnen wolle.

Der war außer sich vor Freuden und erschien natürlich zur vereinbarten Stunde am Platze. Die Dame aber wollte die Kraft seiner Gefühle des ferneren erproben und sagte zu jenem Mägdelein: ›Ich weiß wohl, wie ein gewisser Herr Euch zugetan ist, und glaube, daß Ihr seine Gefühle nicht minder heiß erwidert. Da nun mein Mitgefühl groß ist, will ich euch Gelegenheit geben, euch nach Belieben miteinander zu ergetzen.‹ Das Mädchen wußte sich vor Freuden nicht zu beherrschen und entgegnete, sie sei gern bereit. Alsbald horchte sie auf den Rat ihrer Herrin, entkleidete sich und legte sich allein in das Bett eines Zimmers, dessen Tür ihre Herrin offen ließ und in dem sie zudem noch eine Kerze ansteckte, auf daß des Mägdeleins Schönheit so recht offenbar würde. Hierauf tat die Dame, als verließe sie die Stube, und verbarg sich nahe dem Bett so wohl, daß man sie nicht erblicken konnte.

Der bedauernswerte Jüngling kam inzwischen in der Hoffnung, gemäß ihres Versprechens seine Herrin zu finden zur angegebenen Stunde so sachte als möglich in die Stube hinein. Nachdem er die Tür wohl verschlossen hatte, schlüpfte er aus seinen Kleidern und gefütterten Stiefeln und glitt in das Bett, wo er die Ersehnte zu finden vermeinte. Kaum aber streckte er seine Arme aus, um seine Herrin zu umsahen, da schlang ihm das Mägdelein die ihren um den Hals, maßen sie ihn nun ganz zu besitzen glaubte, und sagte ihm so viel liebe Worte und enthüllte ihm so viel Schönheit, daß der verschlossen­ste Einsiedler darob seine Paternoster verlernt hätte. Der Jüngling aber hatte nicht sobald begriffen, daß jenes weder die Geliebte noch ihre Stimme war, so trieb die gleiche Liebe, die ihn so flink ins Bett gelockt hatte, ihn auch Hals über Kopf wieder hinaus, und voll Entrüstung – gleichermaßen über die Dame wie über das Mägdelein – sprach er zu diesem: ›Weder Eure Tollheit noch die Eurer Herrin, die Euch boshafterweise in jenes Bett steckte, können mich anderen Sinnes machen; sorget daher Eurerseits, sittsam zu bleiben, ich meinesteils werde Euch Eure Tugend nicht rauben.‹ Und damit stürmte er über die Maßen zornig aus der Stube und kam lange Zeit hindurch nicht mehr in das Haus seiner Geliebten.


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Maßen jedoch die Liebe immer neue Hoffnungen gibt, so sagte er sich, daß eine geduldige, langerprobte Treue nur desto größere und nachhaltigere Freuden mit sich bringt. Und in der Tat war die Dame von der Größe und Festigkeit seiner Liebe so beglückt (indem sie doch seine letzten Worte mitangehört hatte), daß es sie sehnlichst verlangte, ihn wiederzusehen und ob der Pein jener Prüfungen um Verzeihung zu bitten. Als sie ihn daher endlich wiedersah, sprach sie so viel gute und liebe Worte zu ihm, daß er nicht nur bald alle überstandenen Leiden vergaß, sondern ihrer sogar in Freuden gedachte, sintemalen sie diesen Liebesbund gefestigt hatten und also zum besten ausgeschlagen waren. Und von Stund an genoß er ohne Hindernis noch Mißklang alle Freuden, die er sich nur wünschen konnte.

Nun nennet mir bitte eine Frau, die gleich ausdauernd, geduldig und ehrlich in Liebe gewesen ist wie jener Jüngling! Solchen Verführungen gegenüber erscheinen doch die Versuchungen des heiligen Antonius schier unbedeutend. Denn gegen so viel Keuschheit und Geduld vor Frauenhuld und Liebesglück vermögen selbst Teufel nichts auszurichten.« »Wie schade,« rief Oisille, »daß er es nicht mit einer Frau zu tun hatte, die ihm an Tugend gleich war – das wäre fürwahr der vollkommenste Liebesbund geworden, von dem ich je gehört habe.« Alsbald fragte Guebron: »Welche Prüfung haltet ihr in diesem Fall für die schwerste?« – »Die letzte, scheint mir,« entgegnete Parlamente, »denn der Unwille ist die allerschlimmste Versuchung.« Longarine hingegen meinte, die erste, die da verlangte, daß er gleichermaßen seine Liebe und sich selber überwand, sei schwerer gewesen. Darauf entgegnete Simontault: »Darüber könnt ihr nicht mitreden; denn das muß man selbst erprobt haben. Ich nun finde die erste Probe verrückt, die zweite dumm. Denn als er sein Versprechen hielt, litt sie größere Qual als er. Sie ließ ihn jenes Versprechen geben, um sich tugendhafter zu stellen als sie war, und war sicher, daß starke Liebe sich an solche Schwüre nicht kehrt. Im zweiten Falle war er reichlich dumm, das Mägdelein zu lassen, die ihn liebte und mehr wert war als ihre Herrin, die ihm doch anderes zugeschworen hatte. Zudem hatte er in seinem Unwillen eine recht gute Entschuldigung.«

Dagoucin suchte das Gegenteil zu beweisen, aber Saffredant unterbrach ihn und sagte: »Und wer sagt uns denn, daß er nicht zu jenen bekannten kühlen Naturen gehörte?! Hircan hätte in den Lobsprüchen erwähnen müssen, ob er sich denn wacker zeigte, als er das Gewünschte erlangt hatte. Dann erst könnten wir beurteilen, ob Tugend oder Unvermögen ihn so weise erscheinen ließ.« – »Beruhigt Euch,« meinte der, »ich kenne ihn recht gut und kann Euch versichern, daß Unvermögen oder Kälte keine Rolle bei ihm spielte.« – »Dann«, rief Simontault, »mußte er seinen Schwur brechen. Denn wäre die Dame auch ob solcher Kleinigkeit etwas in Zorn geraten, so wäre sie doch leicht wieder von ihm beruhigt worden.« – »Vielleicht aber wollte sie ihn damals gar nicht,« entgegnete Emarsuitte. – »War er denn nicht stark genug,« rief Saffredant, »sie zu überwältigen, da sie ihm doch genügend Handhaben gegeben hatte!« – »Heilige Maria,« entsetzte sich Nomerfide, »ist das eine Art! Soll man etwa so die Gunst einer Frau erringen, die man für ehrbar und tugendhaft hält?!« Doch Saffredant fuhr fort: »Meines Erachtens kann man einer Frau, die man also begehrt, gar keine größere Ehre antun, als daß man sie mit Gewalt nimmt. Ein Zöflein läßt sich lange bitten, andere wollen zuvor viele Geschenke, noch andere sind zu dumm, als daß man sich ihretwegen auch nur den Kopf zerbricht. Eine Frau aber, die zu klug ist, als daß man sie täuschen könnte, zu ehrenhaft, als daß Worte oder Geschenke etwas verschlagen, – die verdient, daß man kein Mittel unversucht läßt, das zum Siege führen könnte. Hört ihr daher, daß jemand eine Frau mit Gewalt genommen hat, so seid sicher, daß ihm jede andere Möglichkeit verschlossen war; darum schätzt ihn nicht minder ein, maßen er doch um seiner Liebe willen sein Leben wagte.«

Nun mußte Guebron lachen und erklärte: »Einst sah ich Festungen erstürmen, da weder Drohungen noch Geld zum Ziel führte. Eine Feste, die in Verhandlungen eintritt, ist schon halb genommen.« – »Mir scheint,« sprach Emarsuitte, »daß alle Liebe auf solche Torheiten hinausläuft. Und doch gibt’s Menschen, die lieber und in allen Ehren harren, ohne solche bedauerlichen Wünsche zu hegen.« – »Kennt Ihr diesbezüglich eine Geschichte, so gebe ich Euch das Wort,« sagte Hircan.

»Wohl kenne ich eine,« entgegnete Emarsuitte, »und will sie folglich gern erzählen.«

 

 


Neunzehnte Erzählung

 

Zwei Liebende geben alle Hoffnung einer Ehe verloren und gehen darob ins Kloster: der Jüngling nach Saint-Francois, das Mägdelein nach Saint-Claire.

 

»Der Markgraf von Mantua war bekanntlich mit einer Schwester des Herzogs von Ferrara vermählt. Nun lebte in dem Hause der Herzogin eine junge Dame mit Namen Pauline, die von einem Edelmann des Markgrafen geliebt wurde. Die Größe seiner Gefühle setzte alle Welt in Erstaunen, zumal er arm war und in Anbetracht seiner Anmut und der Gunst seines Herrn wohl eine reiche Dame heiraten sollte. Doch Pauline schien ihm der größte Schatz der Welt, den er durch die Ehe zu erwerben gedachte. Maßen hinwiederum die Markgräfin eine reiche Heirat für Paulinen im Auge hatte, verabscheute sie den Edelmann nach Kräften, hinderte die beiden oft, miteinander zu reden, und hielt ihnen vor, wie elend es ihnen gehen würde, wenn sie miteinander vermählt wären. Das vermochte den Edelmann in seinem Vorsatze nicht zu erschüttern. Pauline ihrerseits barg zwar nach Möglichkeit ihre Neigung, doch baute sie nicht minder fest darauf.

Während so manche Zeit verging und beide auf eine Wendung zum Besseren hofften, brach ein Krieg aus, in dem der Edelmann gefangengenommen wurde und mit ihm ein französischer Edelmann, der gleichermaßen wie jener verliebt war, aber in eine Französin. Da sie sich als Leidensgefährten erkannten, tauschten sie auch ihre Herzensgeheimnisse aus. Der Franzose gestand aber nicht, wo sein Herz gefangen lag, hingegen wußte er als Manne des Markgrafen gar wohl, daß jener Paulinen liebte, und riet ihm zu seinem Besten, diesen Plan aufzugeben. Worauf der Edelmann sich verschwor: Wenn der Markgraf ihm nicht als Entschädigung für diese Gefangenschaft seine Freundin zum Weibe gäbe, wolle er Franziskaner werden und fürder Gott allein dienen. Das wollte sein Gefährte nicht glauben, da er außer jener Ergebenheit für Paulinen keinerlei besondere Zeichen von Frömmigkeit bei ihm bemerkt hatte.

Nach neun Monaten wurde der französische Edelmann in Freiheit gesetzt und erreichte, daß auch sein Gefährte frei kam. Alsdann betrieb er bei dem Markgrafen und dessen Gemahlin die Ehe desselben mit Paulinen, doch erreichte er nichts; denn sie hielten ihm die Armut der beiden und den Widerspruch der beiderseitigen Verwandten vor und verboten am Ende gar, daß sie miteinander redeten. Als der Liebende sah, daß er gehorchen mußte, bat er die Markgräfin um die Erlaubnis, von Pauline Abschied nehmen zu dürfen. Das wurde ihm verstattet. Und zur vereinbarten Stunde hub er also an: ›Ihr seht, Pauline, wie alle wider uns kämpfen und uns also im Herzen verwundet haben, daß nun unsere Körper dahinwelken werden. Sie wollen uns reich verheiraten – als ob nicht der wahre Reichtum in der Zufriedenheit liegt. Sicherlich wären sie nicht so hart zu uns gewesen, uns selbst das Sprechen miteinander zu verbieten, wenn wir uns nicht hätten heiraten wollen. So aber kann ich ihnen fürder nicht mehr dienen. Wie ich mich nun schon seit längerem entschlossen habe, werde ich Mönch werden – nicht, weil ich bezweifle, daß man sich in einem andern Stand auch aufrechterhalten kann. Doch will ich in mich gehen, und wenn Gott mir die Erkenntnis der geistigen Dinge gnädig verleiht, will ich allezeit für Euch beten. Gedenket bitte auch Ihr meiner in Euren Gebeten, und maßen Ihr mich nun als Euren Bruder betrachten dürft, gestattet mir, Euch zu küssen.‹

Als die arme Pauline, die sonst recht streng gegen ihn gewesen war, seines namenlosen Leides inne ward und seinen Wunsch in diesem Augenblick sehr ehrbar fand, schlang sie ohne weitere Antwort ihre Arme um seinen Hals und weinte so ergriffen und bitterlich, daß Kraft und Besinnung von ihr schwand und sie bewußtlos in seinen Armen niedersank. Und vor Mitleid, Liebe und Leid ward auch er ohnmächtig. So mußte eine Gespielin, welche die beiden niederstürzen sah, um Beistand rufen, und nur mit allerlei Duftwässern brachte man sie wieder zu sich.

Alsbald schämte sich Pauline über die Maßen, da sie ihre Liebe immer verhehlt hatte und nun gewahrte, wie sie deren leidenschaftliche Glut verraten hatte. Doch mochte das Mitleid mit dem armen Edelmann als Entschuldigung dienen. Weil es ihr jedoch unmöglich war, ein Lebewohl auf immerdar zu sagen, so ging sie eilig mit zusammengebissenen Zähnen und gepreßten Herzens hinaus, warf sich in ihrem Zimmer schier entseelt aufs Bett und verbrachte die Nacht in so jämmerlichen Klagen, daß die Dienerschaft glauben konnte, sie habe Eltern, Freunde und all ihr Liebstes auf Erden verloren.

Am Tage darauf befahl der Edelmann sich Gott, nahm nur weniges Geld an sich, verteilte seine sonstige Habe an seine Diener und ging ohne Begleitung davon zum Kloster Observance. Dort bat er, eingekleidet zu werden. Aber der Pförtner, der ihn von Ansehen kannte, vermeinte zuerst, er spaße. Denn ob seiner Vorzüge paßte wohl niemand weniger zum Mönche als er. Als man jedoch die Zähren gleich Bächen über seine Wangen fließen sah, nahm man ihn freundlich auf und kleidete ihn auf seinen demütigen Wunsch schließlich ein. Und als der Markgraf und seine Gemahlin das erfuhren, waren sie so verwundert, daß sie es kaum glauben mochten.

Pauline verbarg indessen nach Möglichkeit ihr Leid, also daß man vermeinte, sie habe ihren edlen Diener bald vergessen. Und so vergingen fünf oder sechs Monate. Da wurde ihr von einem Geistlichen ein Lied gezeigt, das ihr Freund bald nach seinem Eintritt in das Kloster verfaßt hatte. Es lautete etwa so:

 

                                        Was wird sie sagen,
                                        Wie mag sie’s tragen,
                    Wenn mich nun als Mönch erschaut
                                        Die holde Braut?

 

                                        Wehe, von Bangen,
                                        Trübsal umfangen
                    Wird sie schweigen vor tiefem Leid.
                                        Wird gar allein
                                        Und einsam sein.

 
                    Wird – zum schwersten schon bereit –
                    All’ ihr wildes Weh bedenken,
                    Und ihr Sinnen wird sich lenken
                    Hin zur Klostereinsamkeit.

 

                                        Was wird sie sagen,
                                        Wie mag sie’s tragen,
                    Wenn mich nun als Mönch erschaut
                                        Die holde Braut?

 

                                        Doch was sagt ihr,
                                        Die uns allhier
                    Stets unser inniges Glück verwehrt,
                                        Wenn ihr gewahrt,
                                        Auf welche Art
                    Unsere Liebe bleibt unversehrt?

 

                    Bittre Reue wird euch plagen,
                    Weinen werdet ihr und klagen,
                                        Weil ihr also schuldig seid!

 

                                        Was wird sie sagen?
                                        Wie mag sie’s tragen,
                    Wenn mich nun als Mönch erschaut
                                        Die holde Braut?

 

                                        Selbst wenn sie sehr
                                        Bäten nunmehr,
                    Uns zu vermählen froh beglückt, –
                                        Nie lockt ihr Wort
                                        Uns mehr hier fort,
                    Bis der Tod uns still entrückt.

 

                    Da ihr grausam Widerstreben
                    Uns gedrängt ins Klosterleben
                                        Harr’n wir drin nun alle Zeit.

 

                                        Was wird sie sagen?
                                        Wie mag sie’s tragen,
                    Wenn mich nun als Mönch erschaut
                                        Die holde Braut?

 

                                        Inniges Lieben
                                        Hat mich getrieben
                    Aus des Lebens eitlem Wahn.
                                        Sei nun mein Hort,
                                        Daß ich hinfort
                    Gott in Inbrunst zugetan.

 

                    Unser Wähnen mag verklingen –
                    Still verklärt wird es uns bringen
                                        Selige Zufriedenheit.

 

                                        Was wird sie sagen?
                                        Wie mag sie’s tragen,
                    Wenn mich nun als Mönch erschaut
                    Die holde Braut?

 

                                        Irdisches Glück,
                                        Weiche zurück,
                    Schling’ um uns kein ehern Band!
                                        Ruhmesbegehr
                                        Lockt uns nicht mehr –
                    Teufelswerk, du bist erkannt!

 

                    Und statt sinnlichem Begehren
                    Wird uns Jesus nun bescheren
                                        Himmlische Glückseligkeit!

 

                                        Was wird sie sagen?
                                        Wie mag sie’s tragen,
                    Wenn mich nun als Mönch erschaut
                                        Die holde Braut?

 

                                        Komm’ denn hierher.
                                        Folge nunmehr
                    Deines treuen Freundes Spur.
                                        Magst ohne Zagen
                                        Die Kutte tragen,
                    Meidest Menschenfeindschaft nur.

 

                    Und aus liebeheißem Streben
                    Wird gleich Phönix sich erheben
                                        Neue Liebe – Gott geweiht!

 

                                        Was wird sie sagen,
                                        Wie mag sie’s tragen,
                    Wenn mich nun als Mönch erschaut
                                        Die holde Braut?

 

Als sie abseits in einer Kapelle des langen und breiten dies Lied gelesen hatte, begann sie bitterlich zu weinen und feuchtete das Papier mit ihren Zähren. Hätte sie nicht gefürchtet, ihre Gefühle zu verraten, so wäre sie unverzüglich in ein Kloster gegangen. Doch die Klugheit riet ihr, sich noch einige Zeit zu verstellen, und sie tat dies so wohl, daß man sie schier nicht wiedererkennen konnte. Und so verbrachte sie weitere fünf bis sechs Monate, während deren sie ihre Absicht geschickt verhehlte und sich fröhlich zeigte wie nie.

Eines Tages nun ging sie mit ihrer Herrin in das Kloster Observance, um die große Messe zu hören. Und als dort der Priester mit dem Diakonus zum Hochaltar schritt, kam ihr armer Freund, der seine Probezeit noch nicht beendet hatte, als Kirchendiener vor ihnen her, mit niedergeschlagenen Augen, zwei Stäben in der Hand und in einem seidenen Gewände, das seine Schönheit und Anmut viel mehr hob denn minderte. Des war Pauline so betroffen, daß sie hustete, um die Röte zu verbergen. Ihr Freund erkannte ihre Stimme schier besser als den Klang der Glocken; doch wagte er den Kopf nicht zu wenden, und erst als er an ihr vorbeischreiten mußte, nahmen wider seinen Willen seine Augen den gewohnten Weg. Und indem er Pauline klagevoll anschaute, flammte das Feuer, das er erloschen glaubte, so gar wild in ihm auf, daß er in dem Bestreben, es niederzukämpfen, der Länge nach zu Boden stürzte. Doch fürchtete er, daß die Ursache bekannt würde, und gab an, das Steinpflaster sei an dieser Stelle geborsten, und das sei daran schuld gewesen.

Als Pauline inne ward, daß das Gewand sein Herz nicht gewandelt hatte, und zudem bedachte, er nun schon so lange fort sei, daß jeder meinen könne, sie habe ihn vergessen, entschloß sie sich nunmehr, ihren Wunsch zur Tat werden zu lassen. Und da sie bereits seit vierzehn Monaten alles nötige vorbereitet hatte, bat sie die Markgräfin um die Erlaubnis, die große Messe zu Sainte-Claire zu hören. Da jene nicht wußte, was sie vorhatte, gewährte sie ihr das gern.

Alsbald begab sie sich zunächst zum Franziskanerkloster, ließ ihren Freund herausrufen, und da sie ihn in einer Kapelle traf, sagte sie zu ihm: ›Hätte es meine Ehre erlaubt, so wäre ich gleich nach Euch in ein Kloster eingetreten. Nun ich aber jetzt die Böswilligen irregeführt habe, will ich das gleiche Gewand, das gleiche Leben erwählen wie Ihr. Ist es gut, so wird mich das glücklich machen; ist es schlecht, so unterscheidet es sich doch nicht von dem Euren. Und so wollen wir denn den sterblichen Leib vergessen, den alten Adam abstreifen und nur noch Christus in uns tragen.‹

Ihr heiliger Wunsch beglückte jenen so, daß er sie unter Freudentränen darin bestärkte und ihr sagte, wie froh er sei, sie nun bisweilen wiedersehen zu können, da es ihnen ja auf dieser Welt doch nurmehr verstattet sei, miteinander zu sprechen. Sie würden nun immer vollkommener werden, ein Herz und eine Seele, die von Gottes Güte geschirmt und geleitet würden. Und mit diesen Worten und Freudentränen küßte er ihre Hände. Doch sie neigte ihr Angesicht, also daß sie sich den heiligen Kuß wahrer, christlicher, brüderlicher Liebe gaben.

Dann raffte sich Pauline auf und eilte zum Kloster Sainte-Claire, wo sie aufgenommen wurde und den Schleier nahm. Als die Markgräfin das vernahm, ward sie so betroffen, daß sie es kaum glauben mochte. Dann ging sie tags darauf zum Kloster, um sie umzustimmen. Doch Pauline erwiderte ihr: zwar habe sie vermocht, ihr den Gemahl aus Fleisch und Bein, den Mann, den sie am meisten auf dieser Welt geliebt habe, zu nehmen. So möge sie sich damit begnügen und ihr nicht den zu rauben suchen, der unsichtbar und unsterblich sei.

Da erkannte die Markgräfin ihren festen Vorsatz und schied mit Küssen und Bedauern von ihr. Und fortan lebten Pauline und ihr ergebener Freund in heiliger Frömmigkeit, und sicherlich konnte der, so der Barmherzigkeit Hüter ist, am Ende ihres Lebens zu ihnen gleichwie zu Magdalenen sagen, daß ihre Sünden vergeben seien, da sie viel geliebt hätten, und sie in Frieden dorthin zu sich nehmen, wo der Menschen Verdienst und Wohltat Belohnung findet.

Ihr müßt gestehen, daß ein Mann größere Liebe nicht zeigen kann; und sie wurde so wohl erwidert, daß ich wünschte, alle Männer möchten das erleben.«

»Dann gäbe es noch mehr Narren und Närrinnen als heutzutage,« meinte Hircan. – »Ist es etwa Narrheit,« rief Oisille, »seine ehrsame Jugendliebe alsdann Gott zuzuwenden?« Doch Hircan erwiderte lachend: »Wenn Trübsinn und Verzweiflung lobenswert sind, will ich jene beiden gerne preisen.« – »Was nennt Ihr denn vollkommene Liebe,« fragte Saffredant. »Meint Ihr, der Mann müsse zaghaft die Damen von ferne anbeten?« – »Ich nenne vollkommene Liebe«, – sprach Parlamente, »wenn der Mann in dem geliebten Gegenstande eine Vollkommenheit sucht und selbst so großherzig ist, daß er eher stürbe, denn Unehrenhaftes verlangt. Da unsere Sinne leicht irren, neigen wir dem zu, das Anmut und Lieblichkeit zeigt. Und finden wir das Gesuchte dort nicht, so geben wir uns gleich Kindern mit Kleinigkeiten ab. Wird der Mensch größer, so liebt er lebende Puppen. Dann aber lehrt ihn die Erfahrung, daß es auf der Erde vollkommenes Glück nicht gibt und daß nur der Glaube uns das höchste Gut zeigen kann.«

»Verstünde ich Latein,« entgegnete Simontault, »so würde ich mit Johannes sagen: ›Wer seinen Bruder nicht liebt, den er siehet, wie kann der Gott lieben, so er nicht siehet.‹ Nur die sichtbaren Dinge können uns den Wert des Unsichtbaren erweisen.« – »Jedenfalls wünscht jeder Mensch, der nicht von Lust leben kann, seine Liebe zu zeigen und Gegenliebe zu erfahren,« rief Saffredant. »Auch die innigste Neigung vergeht endlich, wenn sie unerwidert bleibt. Derart habe ich schon wunderbare Dinge erlebt.« – »So tretet bitte an meine Stelle,« entgegnete Emarsuitte, »und erzählet uns von solchen, die dem Leben wiedererstanden sind, weil sie erfuhren, daß ihre Dame ihre Wünsche enttäuschte.«

»Ich fürchte den Damen zu mißfallen,« sagte nunmehr Saffredant, »wenn ich, ein stets ergebener Diener, ohne ausdrücklichen Wunsch von ihren Fehlern spreche. Doch will ich jetzt gehorchen und der Wahrheit gemäß berichten.«

 

 


Zwangzigste Erzählung

 

Ein Edelmann wird unversehens von seiner Liebe zu einer Dame, die ihn allezeit abwies, geheilt, als er sie in den Armen ihres Stallknechtes findet.

 

»In der Dauphine lebte einst ein Abkömmling des Königshauses, der Herr von Ryant. Der war ein Edelmann von seltenem Anstande und hervorragender Ehrenhaftigkeit. Lange Zeit bereits hatte er sich um eine Wittib beworben und seine Liebe zu ihr war so groß, daß er niemals in sie drang, ihn mit ihrer Gunst zu belohnen, maßen er fürchtete, sie dann ganz zu verlieren. Und da er sich selbst für durchaus liebenswert hielt, glaubte er fest ihrer Versicherung, daß sie ihm über alles in der Welt zugetan sei und – wenn je irgend wem – dann ihm allein zu Willen sein würde. Doch vermochte sie ihn, seine Wünsche auf eine ehrenhafte Freundschaft zu beschränken, indem sie ihm drohte, anderenfalles ganz mit ihm abzuschneiden.

Damit gab sich der Ärmste in der Tat zufrieden und schätzte sich gar noch glücklich, ein so tugendsames Herz erobert zu haben. Es wäre zu umständlich, von all ihren Freundschaftsversicherungen und den langwährenden Besuchen bei ihr zu erzählen, noch gar von den Reisen, die er unternahm, einzig um sie zu sehen. Kurz, der arme Dulder trachtete nur danach, die Glut, die ihn verzehrte, noch zu schüren, und suchte so nach immer neuen Möglichkeiten, sein Martyrium zu erhöhen.

So hatte er eines Tages den Einfall, mit Eilpost zu der Frau zu gelangen, die er mehr liebte als sich selbst und die er über alle Frauen der Welt stellte. Kaum war er angelangt, so eilte er in ihr Haus und fragte nach ihr. Man erwiderte ihm, sie sei eben vom Vespergottesdienst gekommen und weile nun im Garten, um ihre Andacht zu beenden. Er stieg vom Roß, drang kurzerhand in den Garten und traf dort ihre Begleiterinnen, die ihm mitteilten, dass sie einsam auf einem Parkwege in jenem Gehege lustwandle. Mehr denn je hoffte er nunmehr seinem Glücke nahe zu sein und sachte, ohne jedes Geräusch, schlich er ihr nach, um sie womöglich allein zu treffen. Als er nun zu einer Laube aus zusammengebogenen Bäumen gelangte, einer Stätte, die gar unbeschreiblich schön anzuschauen war, schritt er unversehens hinein, gleich einem Menschen, den es drängt, die Geliebte endlich zu erblicken. Doch bei seinem Eintritt fand er sie, auf dem Rasen hingelagert, in den Armen eines ihrer Stallknechte, einem Kerle, der gleichermaßen hässlich, schmutzig und gemein war, wie der Edelmann schön, ehrenhaft und liebenswürdig.

Ich will nicht versuchen, die Verachtung auszumalen, die er empfand. Jedenfalls war sie groß genug, in einem Augenblicke all die Glut zu löschen, die so lange in ihm geschwelt hatte. Nur noch von diesem einen Gefühl beseelt, sprach er alsbald: ›Wohl bekomm’ es Euch, Gnädigste. Da ich nunmehr Eure Niedrigkeit kenne, bin ich glücklich geheilt und all der Schmerzen ledig, die Eure vermeintliche Ehrenhaftigkeit mir schuf.‹ Und ohne ein Wort des Abschiedes ging er noch rascher von dannen, als er gekommen war.

Das elende Weib fand keine Antwort: Sie bedeckte ihr Gesicht mit der Hand, denn sintemalen sie ihre Schande nicht verhüllen konnte, wollte sie wenigstens ihre Augen verhüllen, um den Mann nicht zu sehen, der sie trotz ihrer langen Verstellung nun durch und durch erkannt hatte.

Somit bitte ich euch, meine Damen, führet einen Mann nicht an der Nase herum, noch quält ihn euch zur Lust, wenn ihr ehrliche Liebe wünscht. Denn die Heuchler werden mit gleicher Münze heimbezahlt und Gott schützt nur die, welche frei heraus lieben.«

»Wahrhaftig«, seufzte Oisille, »Ihr habt uns etwas Nettes für den Schluß des zweiten Tages aufgespart. Hatten wir nicht geschworen, die reine Wahrheit zu erzählen, so würde ich Euch nie geglaubt haben, daß eine Frau achtbaren Standes so gemein sein kann, einen so ehrenwerten Edelmann für solch einen schmutzigen Knecht fahren zu lassen.« – »Ach, edle Frau,« rief Hircan, »wenn Ihr genau den Unterschied kenntet zwischen einem Edelmann, der sein Lebelang im Harnisch herumlief und dem Kriege oblag, einerseits und einem wohlgenährten Knechte, der sich kaum zu rühren braucht – Ihr würdet diese arme Wittib entschuldigen.« – »Kaum«, entgegnete jene, »möget Ihr sagen, was Ihr wollt, für sie gibt es keine Entschuldigung.« – »Ich habe gar wohl von Frauen gehört,« versicherte Simontault, »die sich ob ihrer sittsamen Zurückhaltung allerwärts preisen lassen und im geheimen Menschen erkiesen, die den Mut, auszuplaudern nicht besitzen und zudem ob ihres schmutzigen Berufes auch keinen Glauben fänden.« – »Das behaupten wohl bisweilen eifersüchtige und argwöhnische Männer. Doch mag es auch einmal solch bedauernswertes Weib geben, so ist das noch kein Grund, darob andere zu beargwöhnen.« – »Wenn wir noch weiter so reden,« meinte Parlamente, »so werden die Herren nicht aufhören, auf uns herumzuhacken. Drum laßt uns lieber zum Vespergottesdienst gehen, damit man nicht wie gestern auf uns warten muß.« Dem stimmten alle bei. Man brach auf und unterwegs sagte Oisille: »Eigentlich sollte Saffredant um Verzeihung bitten, da er so schlimme Dinge über die Frauen erzählt hat.« – »Bei meinem Eide,« rief Saffredant, »ich erzählte nur die Wahrheit, wie sie mir berichtet wurde. Wollte ich gar eigne Erfahrungen berichten, so kämet ihr aus dem Kreuzeschlagen nicht mehr heraus.« – »So solltet Ihr Frauengesellschaft fliehen,« erwiderte Parlamente. Er aber sprach: »Euern Rat hat keiner mehr befolgt, denn ich. Doch könnte ich noch Schlimmeres sagen, dann möchte ich gern die andern aufpeitschen, mich an der zu rächen, die mir so schlimmes Leid antat.«

Dabei betraten sie die Kirche, doch war keiner der Mönche anwesend. Diese hatten nämlich vernommen, daß man sich auf der Wiese vergnügliche Dinge erzählte, und sich daher hinter einer Hecke in einen Graben gelegt und insgeheim den schönen Berichten gelauscht, also daß sie die Glocke überhört hatten. Das kam nun heraus, denn bald kamen sie atemlos angelaufen, und als man sie nach dem Gottesdienst nach der Ursache ihres Ausbleibens befragte, mußten sie die Wahrheit gestehen Daraufhin erhielten sie die Erlaubnis, täglich hinter der Hecke zuzuhören.

Das Abendessen verlief unter fröhlichem Geplauder über alles, das draußen unbesprochen geblieben war. Dann bat Oisille, zur Ruhe zu gehen, um am nächsten Morgen frisch zu sein. Und nach längeren Betrachtungen darüber, daß eine Stunde vor Mitternacht drei Stunden danach wohl aufwöge, zogen sich alle zurück. Und so endete der zweite Tag jener Wechselberichte und Erzählungen.

 


Der dritte Tag

 

Obgleich die Gesellschaft am nächsten Morgen gar früh zu Frau Oisille kam, fand sie selbige doch schon bereit und seit einer halben Stunde dabei, ihre Vorlesung zu bedenken. So wußte sie alle höchlichst zu befriedigen. Alsdann wurde die Messe gehört, gar mäßig gespeist (um nicht durch Übermaß des Fleisches das Gedächtnis zu beeinträchtigen), ferner in den Stuben sorglich in den Tagebüchern nachgeblättert, bis die verabredete Zeit herankam. Da fanden sich alle pünktlich ein, und denen, so im Sinne hatten, einen närrischen Spaß zum be­sten zu geben, konnte man gar wohl an den fröhlichen Gesichtern ablesen, daß sie hofften, die andern tüchtig zum Lachen zu bringen.

Als alle sich gelagert hatten, wurde Saffredant gefragt, wem er das Wort erteilen wolle. Der sprach: »Da ihr meinen Bericht gestern so schlimm fandet und mir nichts einfällt, um die Scharte auszuwetzen, so gebe ich Parlamente das Wort. Sie ist gar klug, weiß manches zum Lobe der Frauen zu sagen und wird euch meine wahrhaftige Geschichte schnell vergessen machen.«

»Ich will nicht versuchen,« entgegnete Parlamente, »Eure Fehler wieder gutzumachen, werde mich aber wohl hüten, sie nachzuahmen. So will ich Euch an einem wahren Vorfall zeigen, daß die Frauen in einer Neigung noch keinen Grund sehen, ihre Ehrenhaftigkeit zu beeinträchtigen. Da die Heldin meiner Geschichte aus angesehenem Hause stammt, will ich die Namen ändern. So erkennet denn, daß die Liebe ein keusches Herz nicht zu ändern vermag, und höret in diesem Sinne die folgenden Begebenheiten.«

 

 


Einundzwanzigste Erzählung

 

Von der wundersam tugendhaften Liebe eines vornehmen Mägdeleins zu einem Bastard, von dem Widerstand einer Königin gegen solche Ehe und der Antwort des Mägdeleins an die Königin.

 

»In Frankreich lebte eine Königin, die in ihrer Umgebung etliche junge Damen aus angesehenen Familien aufzog. Unter diesen befand sich auch eine Verwandte der Königin namens Rolandine, welche aber ob einer Mißhelligkeit zwischen ihrer Herrin und ihrem Vater nicht eben gut behandelt wurde. Das Mägdelein war weder über die Maßen hübsch, noch auch häßlich, doch besaß sie so viel Tugend und Anmut, daß mehrere hochgestellte Herren sie zum Weibe begehrten. Alle aber erhielten scharfe Ablehnungen, denn ihr Vater war dermaßen geizig, daß er darob das Wohl seiner Tochter vergaß. Und ihre Herrin, wie gesagt, war ihr so wenig zugetan, daß alle, die es auf der Königin Gunst abgesehen hatten, sich von ihr fernhielten. So blieb sie lange unvermählt, und mit der Zeit ward sie so betrübt, daß sie – weniger aus Lust, zu heiraten, denn aus Scham, noch unvermählt zu sein – sich ganz Gott zuwandte, die Eitelkeiten des Hoflebens mißachtete und nur in Gebeten und Handarbeiten ihre Tage verbrachte.

Als sie sich dem dreißigsten Lebensjahre näherte, kam ein Edelmann an den Hof, der an Tugend und Anstand kaum seinesgleichen hatte; er war der natürliche Abkömmling eines edlen Hauses, doch fehlte es ihm an Besitz und zudem an Schönheit, so daß ihn um seiner äußeren Vorzüge willen wohl kaum eine Dame gemocht hätte. Derart war auch er unvermählt geblieben, und wie sich nun oft die vom Unglück Verfolgten zusammenfinden, lernte er die arme Rolandine kennen. Sie schütteten einander ihr Herz aus und faßten bald innigste Zuneigung zueinander, also daß sie sich allerorten trafen, um sich gegenseitig zu trösten.

Da man Rolandine immer so zurückgezogen gekannt hatte und sie nun allezeit mit jenem Bastard plaudern sah, gab es bald entrüstete Gemüter, die ihre Amme darauf aufmerksam machten, daß jene Unterhaltungen nicht so weitergehen könnten. Und die gab die Vorhaltungen Rolandine weiter und erklärte, alle Welt wäre aufgebracht, daß sie sich so viel mit einem Manne abgäbe, der weder reich genug sei, um ihn zu heiraten, noch schön genug, um ihn zu lieben. Da man Rolandine bisher viel mehr ihre Zurückhaltung denn ihre Weltlichkeit vorgeworfen hatte, so erwiderte sie ihrer Amme: ›Ach, Mütterchen, bisher konnte ich noch keinen Gatten finden, der meiner Abstammung würdig war, und die Mißgeschicke anderer Mädchen habe ich gemieden. Was kann es nun, da ich jenen tugendsamen Jüngling getroffen habe, für ein Unrecht sein, wenn ich mir ehrbare Dinge erzählen und die Langeweile vertreiben lasse?!‹ Maßen die gute Alte ihre Herrin mehr liebte als sich selbst, so sprach sie darauf: ›Ich sehe, daß Ihr die Wahrheit sprecht. Da man aber Eure Ehre angreift, müßt Ihr Euch, und wäre es Euer leiblicher Bruder, enthalten, mit ihm zu plaudern.‹ Und Rolandine entgegnete weinend: ›Wenn Ihr es mir ratet, will ich es ja tun; aber wahrlich, es ist seltsam, daß ich auf dieser Welt keinen Trost haben darf.‹

Als der Bastard wie gewöhnlich kam, um mit ihr zu plaudern, hielt sie ihm des längeren entgegen, was ihre Amme ihr eben gesagt hatte, und bat ihn weinend, sich einige Zeit fernzuhalten, bis das Geschwätz sich gelegt habe. Das tat er ihr zuliebe. Doch während jener Trennungszeit, da ihnen jeder Trost fehlte, begannen sie ein ihnen ganz fremdes Leid zu verspüren. Das Mägdelein flehte allezeit zu Gott, fastete und machte Wallfahrten; denn die Liebe, die sie bis zur Stunde noch niemals empfunden hatte, ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Doch auch des Bastards Liebesqualen waren nicht geringer. Nur war er bereits von Anfang an entschlossen, sie zu heiraten, da er die Ehre dieser Verbindung bedacht hatte, und so suchte er nach Mitteln und Wegen, um sie zu erringen. Vor allem wollte er die Amme auf seine Seite bringen, und das tat er, indem er ihr die elende Lage ihrer Herrin vorstellte, maßen man ihr doch jeden Trost nähme. Und die gute Alte dankte ihm unter Tränen für seine Fürsorge. Alsdann besprachen sie, wie es sich machen ließe, daß beide miteinander reden könnten: Rolandine sollte Kopfschmerzen vorschützen, so daß man ihr allen Lärm fernhielte, und wenn dann ihre Gefährtinnen davongegangen wären, würden sie allein bleiben, also daß er die Möglichkeit hätte, mit ihr zu plaudern. Voller Freuden richtete sich der Bastard nach dem Rate der Amme, und so konnte er nun nach Herzenslust mit seiner Freundin zusammen sein.

Aber die Freude dauerte nicht lange. Die Königin, die Rolandine nicht wohlwollte, fragte, was sie so viel in ihrem Zimmer triebe. Jemand erwiderte, sie sei dort, weil sie sich krank fühle. Jemand anderes aber, der ihr wohl gram war, erklärte, sicherlich vertriebe die Freude an des Bastards Geplauder Rolandine den Kopfschmerz. Maßen nun die Königin Herzenssünden nur bei sich verzeihlich fand, so ließ sie jene rufen und verbot ihr, mit dem Jüngling anderwärts zu reden als vor ihr oder im Saale.

Das Mägdelein ließ sich nichts merken und erwiderte, wenn sie gewußt hätte, daß dieser oder ein anderer der Königin mißfiele, so hätte sie nie mit ihm geplaudert. innerlich aber bedachte sie Auswege, von denen die Königin nichts erfahren konnte, und richtete folgendes ein: alle Mittwoche, Freitage und Samstage blieb sie zum Fasten auf ihrer Stube allein mit ihrer Amme, also daß sie die Möglichkeit hatte, während die andern zu Abend aßen, mit ihrem Geliebten zu sprechen. Doch trotz aller Vorsicht bemerkte ein Diener, wie jener an einem Fastentage bei ihr eintrat und berichtete es, so daß die Königin davon erfuhr und derart in Zorn geriet, daß der Bastard nicht mehr ins Damenzimmer zu kommen wagte. Um aber seiner Freuden nicht ganz verlustig zu gehen, schützte er bisweilen eine Reise vor und kam dann abends, in einer Mönchskutte wohl verborgen und völlig unkenntlich, in eine Kirche oder Kapelle des Schlosses. Und dorthin kam dann auch die junge Dame mit ihrer Amme und plauderte mit ihm.

Da er nun ihrer großen Liebe inne ward, zagte er fürder nicht mehr und sagte zu ihr: ›Ihr sehet, in welche Gefahren ich mich Eurethalben stürze, maßen die Königin uns jedes Gespräch verbietet. Andererseits hat Euer Vater Euch so viel Ehevorschlage verweigert, daß ich fürwahr nicht weiß, wer überhaupt noch in Betracht kommen kann. Ich bin nun zwar arm, doch Ihr seid reich, und wenn ich das Glück hätte, von Euch zum Gatten erwählt zu werden, so würde ich Euch allezeit ein ergebener Diener und treuer Freund sein und Ihr würdet nicht einen gestrengen Herrn in mir bekommen, sondern die zufriedenste und verhätscheltste Frau der Welt werden.‹

Da Rolandine ihn das Gleiche sprechen hörte, was sie ihm ihrerseits sagen wollte, so entgegnete sie mit zufriedener Miene: ›Ich bin sehr froh, daß Ihr nun selbst damit anfangt. Mein Vater hat mein Wohl bisher so wenig bedacht, daß ich mich jetzt wohl ohne ihn verheiraten kann, obwohl er allerdings das Recht hat, mich zu enterben. Doch bin ich selbst reich genug mit dem was ich besitze, wenn ich dazu einen Gatten wie Euch erhalte. Zum Zeichen aber, daß unsere Freundschaft auf Tugend und Ehre gebaut ist, versprecht mir, keinerlei eheliche Rechte von mir zu beanspruchen, ehe mein Vater nicht gestorben ist oder seine Einwilligung gegeben hat.‹

Das sagte ihr der Bastard gerne zu. Alsdann tauschten sie als Zeichen der Ehe ihre Ringe, küßten sich in der Kirche und nahmen Gott zum Zeugen ihres Bundes. Und niemals kam es seitdem je zu weitergehenden Vertraulichkeiten. Das schuf ihnen große Befriedigung, und obgleich sie sich oft lange Zeit nicht sahen, waren sie in ihrer Zuversicht glücklich. Kam der Edelmann aber von Reisen oder Kriegen zurück, so sahen sie sich, wie bisher in der Kirche, bis eines Tages der König in ein Lustschloß übersiedelte, das so abseits lag, daß man nur die Kirche dieses Schlosses besuchen konnte. Die war derart ungünstig gebaut, daß man nirgends im Verborgenen beichten konnte, ohne erkannt zu werden. Doch mochte ihnen so eine Möglichkeit entgehen, so fand Amor bald andere Wege. Denn zufällig kam eine Dame an den Hof, die mit dem Bastard nahe verwandt war.

Diese Dame wurde mit ihrem Sohne derart im Schlosse untergebracht, daß die Stube dieses jungen Prinzen in einem Vorbau lag und man von seinem Fenster aus Rolandine sehen und sprechen konnte, maßen beider Fenster just im Winkel einander gegenüber lagen. In diesen Gemächern, die ob dem Königssaale waren, wohnten alle Gefährtinnen Rolandines. Als selbige nun mehrmals den jungen Fürsten am Fenster erschaute, ließ sie durch ihre Amme den Bastard darauf aufmerksam machen. Der besah sich die Sache genau und heuchelte alsbald großes Gefallen an einem Buch, das in des Prinzen Zimmer lag. Und wenn nun alle zum Essen gingen, ersuchte er den Kammerdiener, ihn ruhig einzuschließen, da er weiterlesen wolle und schon aufpassen würde. Weil man nun seine Verwandtschaft zu dem Prinzen kannte, ließ man ihn lesen, so viel er wollte. Von der anderen Seite kam dann Rolandine ans Fenster, die ein schmerzendes Bein vorgeschützt hatte, um ihr Verweilen zu begründen, und meist im voraus aß. Sie hatte sich ein seidenes Bett an das Fenster rücken lassen, wo sie allein bleiben wollte, und wenn sie sah, daß niemand mehr da war, so plauderte sie mit ihrem Gatten, ohne daß man durch den Bettvorhang ihrer gewahr werden konnte. Kam aber jemand, so hustete sie oder gab Zeichen, worauf der Bastard sich zurückzog.

Eines Tages nun trat die Mutter des jungen Fürsten in dessen Zimmer ans Fenster, wo jenes dicke Buch lag, und alsbald grüßte ihr von drüben eine von Rolandinens Gefährtinnen zu. Die Dame fragte, wie es dieser ginge, und jene erwiderte, sie könne sie hier sprechen, und rief sie herbei. Nachdem die Dame mit Rolandine etwas geplaudert hatte, zogen sich beide zurück. Die Dame aber besah sich das Buch, das von den Rittern der Tafelrunde handelte, und sagte zu dem Kammerdiener: ›Ich begreife gar nicht, wie die jungen Leute mit so dummem Zeug ihre Zeit verbringen können.‹

Der Diener entgegnete, ihm schiene es noch verwunderlicher, daß erwachsene Männer, die für klug und gesetzt gälten, daran schier noch mehr Freude fänden als Jünglinge. Und als Erklärung erzählte er, wie ihr Verwandter oft vier und fünf Stunden beim Lesen dieses schönen Buches zubrächte. Alsbald verstand die Dame, was dahintersteckte und hieß den Kammerdiener, sich irgendwo zu verbergen und aufzupassen. Das tat er denn und erkannte, daß Rolandine und das Fenster an jenem Buche so anziehend waren. Zudem hörte er manch liebevolles Wort, da sie sich unbelauscht glaubten. Als er am nächsten Tage Bericht abstattete, ließ seine Herrin den Bastard rufen, machte ihm lebhafte Vorwürfe und verbot ihm, wiederzukommen. Abends aber sprach sie mit Rolandinen und drohte ihr, die Königin in Kenntnis zu setzen, wenn diese Torheit so weiter ginge. Rolandine war gar nicht überrascht und stritt alles glatt ab. Der Bastard aber fürchtete, daß die Sache herauskäme, und blieb lange Zeit dem Hofe fern. Doch schickte er heimlich Briefe an seine Geliebte, erst durch einen Mönch, dann durch einen jungen Pagen, der die Farben seines Gewandes immer wechselte. Einst wäre der fast auf der Straße ergriffen worden, da ein Edelmann ihn erkannte. So trat er flugs in das Haus einer alten Frau, die beim Kochen war, und verbrannte die Briefe im Herde. Als nun der Edelmann ihn durchsuchte, fand er nichts.

Immerhin bediente sich der Bastard des Pagen fürder nicht mehr. Vielmehr schickte er das näch­stemal einen alten Diener, der die Furcht vor dem Tode, so ihm seitens der Königin drohte, in den Wind schlug und es übernahm, die Briefe zu überbringen. Nachdem er das Schloß betreten hatte, wartete er bei einer Tür am Fuße einer großen Treppe, wo alle Damen vorbei mußten. Doch ein Schloßdiener, der ihn früher einmal gesehen hatte, erkannte ihn alsbald und benachrichtigte den Haushofmeister der Königin, der flugs herunterkam, um ihn ergreifen zu lassen. Als der fürsichtige Diener des Bastards inne ward, daß man ihn beobachtete, wandte er sich zur Mauer, als wolle er das Wasser lassen, zerriß die Briefe in möglichst kleine Stücke und warf sie hinter die Türe. Unmittelbar darauf wurde er ergriffen und genau durchsucht, und da man nichts fand, auf seinen Eid befragt, ob er keine Briefe bei sich gehabt habe. Ob man ihm aber auch mit allen Strafen drohte, alle nur denkbaren Überredungsmittel anwandte, – es war nichts aus ihm herauszubekommen. So stattete man der Königin Bericht ab. Doch kam einer der Hofleute auf den Gedanken, man solle hinter der Tür nachschauen, neben der er gefaßt worden wäre. Das geschah, und so wurden die gesuchten Brieffetzen gefunden.

Nun ließ man des Königs Beichtvater holen. Der stellte die Zettel wieder zusammen und las den ganzen Brief vor. Und so kam die vollzogene Heirat an den Tag, denn der Bastard nannte Rolandine stets ›seine Frau‹. Die Königin geriet alsbald in gewaltigen Zorn. Sie ließ nochmals den Diener ausfragen, und da er andauernd schwieg, so steckte man ihn gar in einen Sack und warf ihn ins Wasser. Da er aber auch so nichts gestand, war der König ob seiner Treue gerührt und nahm ihn in seinen Dienst. Die Königin aber ließ Rolandinen rufen, nannte sie nicht mehr ›Base‹, sondern ›Unglückliche‹, und warf ihr vor, welche Schande sie auf ihr Haus geladen habe, indem sie sich ohne Erlaubnis ihrer Herrin vermählte. Rolandine aber verstand wohl, daß alles dies nur bezweckte, sie zu demütigen, und erwiderte mit froher, zuversichtlicher Miene:

›Hohe Frau, Ihr wisset vielleicht selbst nicht, wie Ihr mich und meinen Vater mit Ungnade überschüttet. Ich war darob so verzweifelt, daß ich Nonne geworden wäre, wenn meine Gesundheit es erlaubt hätte. Da ich nun jenen gefunden hatte, der mir Trost spendete, entschloß ich mich, die Ruhe zu suchen, die Ihr mir stets vorenthieltet, und so schlossen wir diesen Ehebund. Doch sind nie größere Vertraulichkeiten zwischen uns ausgetauscht worden denn Küsse, da ich stets hoffe, die Zustimmung meines Vaters noch zu erringen. So geruht uns zu verzeihen und erlaubt uns in Frieden miteinander zu leben.‹

Die Königin weinte bei diesen Worten vor Zorn und rief: ›Unglückliche, statt Demut und Reue zu zeigen, sprecht Ihr keck und ohne eine Träne. Fürwahr, Ihr seid widerspenstig, und wenn der König und Euer Vater auf mich hören, werden sie Euch an einen Ort bringen lassen, der Euch eine andere Sprache lehren dürfte!‹

Rolandine aber versetzte darauf: ›Wie sollte ich weinen, hohe Herrin, da meine Ehre und mein Gewissen mir keine Vorwürfe machen? Und möget Ihr mir auch die schwerste Strafe zuteil werden lassen, so werde ich doch allezeit mehr Freude darüber empfinden, daß ich schuldlos bin, als Ihr darüber, mich also gestraft zu haben.‹

Die Königin war so voller Grimmes, daß sie nicht mehr an sich zu halten vermochte. Sie befahl, Rolandine ihr aus den Augen zu tun und in ein entlegenes Zimmer zu sperren. Doch ließ man die Amme bei ihr, durch die sie den Bastard von allem benachrichtigen und zudem um seinen Rat befragen ließ. Der vermeinte, die Dienste, die er dem König erwiesen hatte, seien wohl einer Gunst wert. Deshalb ging er alsbald zu Hofe, suchte den König auf, erzählte ihm den wahren Sachverhalt und bat ihn, ihm die Gnade zu erweisen und die Königin soweit zu besänftigen, daß die Ehe anerkannt würde. Der König aber antwortete nur mit der Frage: ›Könnt Ihr mir versichern, daß Ihr sie geheiratet habt.‹ Und der Bastard antwortete: ›Jawohl, Majestät, zunächst nur unter Gelöbnissen und Geschenken, doch wenn Ihr geruhen wolltet, es zu erlauben, dann kann sie auch in aller Form statthaben.‹

Der König neigte den Kopf und kehrte ohne jedes weitere Wort in das Schloß zurück. Dort rief er den Hauptmann der Wachttruppen und hieß ihn, den Bastard zu ergreifen. Der hatte aber einen Freund, der in des Königs Gesicht wohl zu lesen verstand und jenem daher riet, sich eiligst davonzumachen und in einem nahegelegenen Hause – das besagtem Freunde gehörte – zu verbergen. Sollte, wie er fürchte, der König ihn suchen lassen, so wolle er ihn benachrichtigen, so daß er aus dem Reiche flüchten könne, und wenn man sich hier beruhigt hätte, so würde er ihn davon alsbald in Kenntnis setzen. Der Bastard befolgte auch flugs diesen Rat, also daß der Hauptmann seiner nicht habhaft werden konnte.

Der König und die Königin berieten nun, was man über jene unglückliche Dame beschließen solle, so die Ehre hatte, ihrem Hause anzugehören. Auf Rat der Königin wurde endlich festgestellt, daß man sie zu ihrem Vater zurücksenden müsse, den man zudem von dem ganzen Sachverhalt in Kenntnis setzte. Der Vater aber wollte sie nach alledem nicht sehen und schickte sie nach einem Waldschlosse, daß er dermalen unter Umständen hatte erbauen lassen, die wohl wert wären, nach dieser Geschichte berichtet zu werden. Alldort hielt er sie lange Zeit gefangen, doch ließ er ihr sagen: falls sie ihr Eheversprechen widerriefe, wolle er sie freilassen. Doch sie blieb fest und trug freudig alle Entbehrungen dem Erwählten zuliebe.

Nun aber konnte man sehen, wie die Männer sind! Der Bastard war nach Deutschland geflüchtet, wo er viele Freunde hatte. Dort erwies er durch seine Leichtfertigkeit, daß er nicht aus wahrer Liebe, sondern aus Geldgier und Ehrgeiz Rolandine nachgestellt hatte. Denn alsbald verliebte er sich in eine reiche deutsche Edelfrau, also daß er nachließ, der zu schreiben, die seinetwegen so viel erduldete, obgleich er stets die Möglichkeit hatte, ihr Briefe zustellen zu lassen. Als Rolandine nur noch kalte, schwülstige Briefe erhielt, schöpfte sie Verdacht und ließ ihn durch einen Diener beobachten. Als der ihr die Wahrheit mitteilte, wurde sie vor Leid schwer krank. Doch hielt ihre Liebe auch dieser Versuchung stand und sie war entschlossen, ihm bis zum Tode getreu zu bleiben. Da erbarmte sich ihrer die himmlische Güte; denn wenige Tage später fand der Bastard den Tod, da er der anderen Frau nachstellte.

Kaum hatte sie von Augenzeugen seiner Beisetzung diese Nachricht erhalten, so bat sie ihren Vater um eine Unterredung. Der kam alsbald zu ihr, nachdem er sie bis dahin nie während ihrer Gefangenschaft gesehen hatte und hörte sie ausführlich an. Statt sie aber zu töten, wie er ihr oft gedroht hatte, schloß er sie in seine Arme und sprach unter heißen Tränen: ›Du bist gerechter als ich, denn meine Schuld war es, daß dies solchen Verlauf nahm. Da nun Gott alles so gefügt hat, will ich versuchen, das Vergangene wieder gutzumachen.‹ Alsbald nahm er sie mit in sein Haus und behandelte sie als seine geliebte Tochter. Und als ein Edelmann gleichen Wappens und Namen sie umwarb, der edel und tugendhaft war und Rolandine hoch verehrte, gab der Vater seine Einwilligung und die Ehe wurde vollzogen.

Zwar wollte ihr Bruder ihr auf Grund ihres früheren Ungehorsams nichts gönnen und gab ihr nach dem Tode des Vaters so wenig, daß sie schier Not litt, maßen ihr Gatte ein jüngerer Sohn war. Doch auch da erbarmte sich Gott ihrer: der Bruder starb plötzlich und so fiel ihr die ganze Erbschaft zu. So hatte sie nun ein großes, angesehenes Haus, wo sie fromm und ehrsam mit ihrem Mann lebte; und nachdem sie zwei Söhne erzogen hatte, die Gott ihr bescherte, gab sie fröhlich Dem ihre Seele wieder, in dem sie allezeit ihren Trost gefunden hatte.

So, und nun, meine Damen, mögen die Herren kommen, die uns immer als treulos hinstellen möchten, und uns einen gleich treuen, standhaften Ehemann zeigen.« »Wahrlich,« sprach Oisille, »Ihr habt uns die Geschichte einer hochherzigen Frau erzählt, Parlamente, die ebenso beständig war, als ihr Gatte treulos.« – »Ich meine, überlegte Longarine, »daß zwei zusammen wohl solches Leid ertragen können; fällt die Last aber auf einen allein, dann muß sie unerträglich werdend – »So solltet ihr also Mitleid mit uns haben,« – rief Guebron, »denn wir tragen die Last der Liebe, und ihr helft mit keinem Finger, sie uns leichter zu machen.«

»Ach, Guebron,« entgegnete Parlamente, »wie verschieden sind doch die Lasten, die auf Männern und Frauen ruhen. Die Liebe der Frau stützt sich auf Gott und ihre Ehre. Wer diese gerechte und vernünftige Grundlage antastet, kann nur feige und schlecht sein. Die Liebe der meisten Männer aber ist auf Genußsucht begründet, und leider sind die meisten Frauen zu unerfahren, um genügend dawider zu kämpfen. Enthüllt ihnen aber Gott jene Bosheit, dann handeln sie nur ehrenhaft, wenn sie schnell die Beziehungen abbrechen. Die kürzesten Torheiten sind allemal die besten.« »Was für ein herrlicher Grundsatz!« rief Hirean. »Die tugendhaften Frauen dürfen in allen Ehren anständige Männer verlassen, umgekehrt aber geht es nicht. Als ob die Herzen verschieden wären! Schlimmer ist nur die besser verhehlte Bosheit.« – Parlamente antwortete etwas erzürnt: »Ihr scheint die Menschen höher zu stellen, deren Bosheit zutage tritt.« – »Lassen wir diesen Streit,« beschwichtigte Simontault, »genau besehen, taugt keines von beiden Herzen etwas. Hören wir lieber, wem Parlamente das Wort erteilt.« – »Ich gebe es Guebron,« sprach diese. Guebron hub also an: »Ich habe schon von Franziskanern erzählt. Nun will ich etwas berichten, was mit zween Benediktinern vorgefallen ist. Damit will ich niemandes gute Meinung von achtbaren Geistlichen beeinträchtigen. Doch sollt ihr nur nicht für unmöglich halten, daß unter großer Frömmigkeit nicht auch bisweilen schlimme Sinnengier verborgen liegt. Darum höret, was sich unter Franz, dem ersten seines Namens, zutrug.«

 

 


Zweiundzwanzigste Erzählung

 

Ein eifriger Prior sucht unter dem Deckmantel der Frömmigkeit mit allen Mitteln eine Nonne zu verführen, wodurch seine Bosheit am Ende entschleiert wird.

 

»Zu Paris lebte ein Prior des Klosters Saint-Martin-des-Champs, dessen Name ich in Anbetracht unserer früheren freundschaftlichen Beziehungen verschweigen will. Bis zu seinem fünfzigsten Jahre führte er ein gar sittenstrenges Leben, also daß sich der Ruf seiner Heiligkeit über ganz Frankreich verbreitete und hohe fürstliche Persönlichkeiten ihn voll Achtung empfingen. Alle Verbesserungen in der Kirche gingen von ihm aus und schufen ihm den Beinamen ›Vater des wahren Glaubens‹. So wurde er zum Visitator der großen Frauenklöster von Fontevrault ernannt und alle Nonnen erzitterten vor Angst, wenn er eines dieser Klöster besichtigte. Um seine Strenge zu beschwichtigen, ward er gleich wie ein König empfangen. Das lehnte er anfangs ab. Da er aber dem fünfzigsten Lebensjahre nahekam, begann ihm die anfangs so streng verbetene Ehrung zu behagen. Er betrachtete sich allmählich selbst für einen Segen für die Kirche und begehrte, mehr für seine Gesundheit zu sorgen.

Obzwar also die Vorschriften jeden Fleischgenuss verbieten, dispensierte er sich selbst davon (was er keinem andern gewährt hatte) unter dem Vorwande, dass auf ihm alle Last der Kirche ruhe. So ließ er es sich gar wohl ergehen, und bald wurde der magere Mönch recht feist. Doch änderte die neue Lebensweise auch sein Gemüt, maßen er begann, sich die Gesichtlein wohl zu beschauen, denen er früher keine Beachtung geschenkt hatte. Und der Anblick so mancher Schönheit, die durch den Schleier nur begehrenswerter wurde, weckte in ihm das Verlangen: um das zu stillen, suchte er nach schlauen Listen, und aus dem Hirten wurde ein Wolf, so daß er am Ende jegliche etwas beschränkte Nonne kurzer Hand verführte. Nachdem er dergestalt lange Zeit in Unzucht gelebt hatte, erbarmte sich Gottes Güte der armen verirrten Lämmer und verhinderte so, daß der Böse weiter triumphierte.

Nämlich einmal besichtigte der Prior das Kloster Gif, nahe bei Paris. Als er nun alle Nonnen dort beichten ließ, fand er unter ihnen eine mit Namen Marie Hérouẽt, deren Stimme so gar hold und süß erlang, dass sie ein gleich sanftes Angesicht und Herz zu künden schien. Dieser bestrickende Wohllaut entflammte in seiner Seele eine Liebesglut, die heißer war als jene Leidenschaft, die alle Nonnen insgesamt bisher in ihm entzündet hatten. Also beugte er sich nieder, derweile er mit ihr sprach, und gewahrte alsbald einen gar lieblichen roten Mund. Nun vermochte er nicht mehr an sich zu halten: er lüftete ihren Schleier, und da er in ein Paar Augen blickte, die wohl dem übrigen glichen, durchzuckte ihn eine so jähe Begier, daß er darob nicht mehr essen noch trinken mochte, wie sehr er sich auch zu verstellen suchte.

Selbst nachdem er zu seiner Abtei zurückgekehrt war, fand er keine Ruhe. Tag und Nacht suchte er nach Mitteln und Wegen, wie er sein Verlangen gleich wie sonst stillen könnte. Er erkannte wohl, wie schwer das sei. Denn jene war gar tugendhaft und feinfühlig, er hingegen reichlich alt und hässlich. So entschloss er sich, Überredung nicht zu versuchen und sie durch Angst zu bändigen. Alsbald begab er sich wieder in jenes Kloster, zeigte sich aber dort strenger denn je: über jegliche Nonne ergrimmte er gewaltig; der einen Schleier hing nicht tief genug, die andere trug den Kopf zu hoch, die dritte verneigte sich nicht demütig genug. So fürchteten ihn alle wie Gott beim Jüngsten Gericht. Und er durchschnüffelte, obgleich er die Gicht hatte, alle Winkel, bis er zur Vesperstunde, die er erwartet hatte, in den Schlafsaal gelangte. Die Äbtissin sagte: ›Ehrwürdiger Vater, es ist Zeit, den Vespergottesdienst zu halten.‹ Worauf er erwiderte: ›Gut, gut, haltet ihn; ich bin schon zu müde und will hier nur noch bleiben – nicht, um mich auszuruhen – sondern um mit der Schwester Marie zu reden, über die mir Schlechtes berichtet wurde: sie soll klatschsüchtig sein wie ein Weib der eitlen Welt.‹

Die Äbtissin war eine Tante ihrer Mutter. Darum bat sie ihn, sie gehörig ins Gebet zu nehmen, und ließ sie allein mit ihm und einem jungen Geistlichen, der zu seiner Begleitung gehörte. Alsbald hob er ihren Schleier auf und hieß sie, ihn anzublicken Sie erwiderte, die Vorschrift verbiete ihr, Männer anzuschauen. ›Schon gut,‹ antwortete er, ›aber vermeinet nicht, meine Tochter, daß Geistliche noch für Männer gelten.‹ Daher fürchtete Marie, sie könne sich durch Ungehorsam zur Schuld bringen, und blickte ihn an; doch fand sie ihn so häßlich, daß ihr bedünkte, dieser Anblick sei mehr eine Strafe denn eine Sünde. Nun hielt ihr der biedere Pater etliche erbauliche Reden und begann am Ende ihre Brust zu betasten. Aber sie stieß ihn zurück, wie es ihre Pflicht war. Da rief er höchlich ergrimmt: ›Darf etwa eine Nonne wissen, daß sie Brüste hat?‹ Doch sie entgegnete: ›Ich weiß, daß ich welche habe, und weder Ihr noch ein anderer wird sie berühren. Ich bin nicht mehr so jung und unwissend, um nicht darüber klar zu sein, was Sünde ist und was nicht!‹

Als er inne ward, daß sie mit Redensarten nicht zu fassen war, versuchte er ihr auf andere Weise beizukommen und sprach: ›Wehe, meine Tochter, ich muß Euch gestehen, daß ich unter einem Zwange leide, einer Krankheit, die nach Ansicht der Ärzte unheilbar ist, wenn ich mich nicht an einer geliebten Frau ergetze und mit ihr Kurzweil treibe. Wahrlich, ich möchte keinerlei Todsünde begehen. Doch wenn es darauf ankommt, weiß ich gar wohl, daß Hurerei einem Morde noch keineswegs gleich ist. Ist Euch also mein Leben lieb, so könnt Ihr Euch den Vorwurf der Grausamkeit ersparen und es mir retten.‹ Darauf fragte sie, was für eine Kurzweil er meine, und er entgegnete, sie könne auf sein Gewissen vertrauen, er würde nichts tun, was ihr oder ihm zur Last fiele. Und um den Anfang jener Kurzweil zu zeigen, umarmte er sie und versuchte sie aufs Bett zu werfen. Doch sie durchschaute seine Absicht und wehrte ihm so wohl mit Worten und Armen, daß er nur ihr Gewand berühren konnte.

Kaum sah er ein, daß seine Kniffe und Anstrengungen erfolglos waren, da ward er über die Maßen wütend, verlor nicht nur jede Gewissensregung, sondern gar jegliche Vernunft, griff unter ihren Rock und zerkratzte, was er nur erreichen konnte, mit solchem Ingrimme, daß das arme Mägdelein unter lautem Geschrei der Länge nach ohnmächtig zur Erde niederstürzte. Auf dies Geschrei kam die Äbtissin in den Schlafsaal gelaufen. Sie hatte sich erinnert, daß sie die Tochter ihrer Nichte allein bei dem wackeren Pater gelassen hatte, und da solches ihr Gewissen beschwerte, war sie vom Gottesdienst fortgegangen und zur Tür des Schlafsaales getreten, um zu horchen, was da vorginge. Nun stieß sie die Tür auf, die der junge Mönch hütete.

Als der Prior sie kommen sah, wies er auf ihre bewußtlose Nichte und rief: ›Ihr tatet nicht recht daran, daß Ihr mich nicht unterrichtet habt, wie schwach die Gesundheit der Schwester Marie ist. So ließ ich sie vor mir stehen, derweile ich sie ins Gebet nahm, und darob ward sie, wie Ihr sehet, bewußtlos.‹

Mit Essig und anderen Mitteln brachten sie die Nonne wieder zur Besinnung und fanden, daß sie sich durch den Sturz am Kopf verletzt hatte. Aber der Prior fürchtete, sie könnte ihrer Tante erzählen, was er ihr angetan hatte. Daher sagte er, sobald sie wieder zu sich kam: ›Meine Tochter, bei Strafe der ewigen Verdammnis befehle ich Euch, daß Ihr niemals von dem sprechet, was ich hier getan habe. Ihr wißt, daß maßlose Liebe mich überwältigte, und da Ihr nicht nachgeben wollt, so werde ich nie wieder davon reden. Wollt Ihr mich aber lieben, so ließe ich Euch zur Oberin einer der schönsten Abteien des Königreiches ernennen.‹ Sie entgegnete darauf, lieber wolle sie in ewiger Kerkerhaft umkommen denn je einen andern lieben als den, der für sie den Kreuzestod erlitten habe. Nie solle er fürder mehr mit dergleichen an sie herantreten, sonst würde sie es der Äbtissin sagen. Anderenfalls würde sie schweigen.

So ging denn der schlimme Hirt von dannen. Um sich aber recht zu verstellen und zudem die Geliebte nochmals zu sehen, wandte er sich zu der Äbtissin und sprach: ›Ehrwürdige Mutter, laßt Eure Töchter ein Salve Regina zu Ehren jener Jungfrau singen, auf die ich große Hoffnungen setze.‹ Das geschah; und während des Gesanges vergoß der alte Fuchs heiße Tränen, doch nicht aus Andacht, sondern aus Schmerz, daß seine frommen Wünsche sich nicht erfüllt hatten. Alle Nonnen vermeinten, das geschähe zu Ehren der heiligen Jungfrau, und hielten ihn für einen gar frommen Mann. Schwester Marie aber kannte nun seine Bosheit und betete innerlich zu Gott, er möge diesen Verächter der Keuschheit zermalmen. Dann machte sich der Heuchler wieder nach Saint-Martin davon.

Doch das arge Feuer brannte dort weiter in seinem Herzen und Tag und Nacht suchte er nach Auswegen, die ihn zum Ziele führen könnten. Maßen er nun vor allem die tugendhafte Äbtissin fürchtete, bedachte er, sie von dem Kloster zu versetzen. Also begab er sich zur Frau von Vendome, die zu La Fère wohnte und ein Benediktinerkloster Mont d’Olivet erbaut hatte. Über dieses hatte er ebenfalls die Aufsicht. Darum gab er jener zu verstehen, die derzeitige Äbtissin von Mont-d’Olivet sei ihrer Aufgabe nicht mehr gewachsen. Alsbald bat ihn die Dame, ihr eine würdigere zu nennen, und sintemalen er das gerade gewünscht hatte, riet er ihr, die Äbtissin von Gif zu nehmen, die von allen Damen Frankreichs sicher am geeignetsten sei.

Alsbald ließ Frau von Vendome jene mit dem Kloster Mont-d’Olivet betrauen und statt ihrer setzte der Prior in Gif eine Äbtissin ein, die ihm völlig ergeben war. Einige Zeit nach dieser Wahl begab er sich wieder nach Gif um nochmals den Versuch zu machen, ob er durch Bitten und Sanftmut die Schwester Marie Hérouẽt nicht gewinnen könne. Aber er mußte erkennen, daß es vergeblich war und kehrte daher wieder nach Saint-Martin zurück. Und um nun gleichzeitig sein Ziel zu erreichen und ob ihrer Grausamkeit an ihr Rache zu nehmen, ohne daß seine Arglist an den Tag käme, tat er folgendes Eines Nachts ließ er heimlich die Reliquien aus Gif stehlen und beschuldigte dessen den dortigen Beichtvater, einen ehrwürdigen Greis. Dafür befahl er, ihn ins Gefängnis von Saint-Martin zu sperren. Dann ließ er zwei Zeugen ein Schriftstück unterzeichnen, ohne daß sie es lesen durften, und darin stand geschrieben: ›Sie hätten gesehen, wie jener Beichtvater mit der Schwester Marie im Garten schmutzige, unzüchtige Handlungen begangen habe!‹ Weiter verlangte er von dem Beichtvater, diese Tatsachen einzugestehen. Der kannte aber die Vergehen des Priors gar wohl und bat daher, ihn dem Kapitel vorzuführen, wo er vor allen Geistlichen die volle Wahrheit aussagen wolle. Der Prior sagte sich, daß die Rechtfertigung jenes Beichtvaters seine eigene Verurteilung nach sich ziehen würde, und wollte darauf nicht eingehen. Und da jener fest blieb, behandelte er ihn so schlecht, daß er nach Ansicht der einen starb, nach Ansicht der anderen aber seine Kutte ließ und in die Fremde floh. Jedenfalls hat man ihn seitdem nie wieder gesehen.

Nachdem der Prior sich so gesichert hatte, begab er sich in jenes Kloster, deren Äbtissin zu abhängig von ihm war, um sich ihm irgendwie zu widersetzen. Dort befahl er allen Nonnen, kraft seiner Autorität, vor ihm zu beichten und ließ eine nach der andern zu sich in ein Zimmer treten. Als nun Schwester Marie an der Reihe war, die den Schutz ihrer guten Tante nicht mehr zur Seite hatte, hub er also an: ›Ihr wißt, wessen Ihr verklagt seid und daß alle keusche Heuchelei Euch nichts hilft; denn wir wissen, was davon zu halten ist.‹ Schwester Marie entgegnete sehr zuversichtlich: ›Laßt den Kläger vor mich treten, so wollen wir sehen, ob er seine Behauptung aufrechterhält.‹ Er aber erklärte: ›Da der Beichtvater selbst es zugegeben hat, braucht Ihr andere Beweise!‹ Schwester Marie erwiderte: ›Ich schätze ihn zu hoch, als daß ich annehmen könnte, daß er solche gemeine Lüge zugegeben hat. Doch laßt ihn doch vor mich treten, so will ich ihn schon widerlegen.‹

Als der Prior sah, daß er sie auf keine Weise aus der Fassung bringen konnte, sprach er: ›Ich bin gleichsam Euer Vater und will daher Eure Ehre retten. Ich überlasse alles Euerm Gewissen und beschwöre Euch daher, mir bei der Strafe ewiger Verdammnis der Wahrheit gemäß zu versichern, ob Ihr noch Jungfrau waret, als Ihr hier eintratet.‹ Sie entgegnete: ›Ehrwürdiger Vater, damals war ich fünf Jahre alt. Das mag Euch ein genügender Beweis sein.‹ – ›Sehr wohl, meine Tochter. Und seitdem habt Ihr Eure Jungfrauenschaft nicht verloren?‹ Sie schwor, das sei nicht möglich gewesen, maßen niemand anderes als er selbst ihr zu nahe gekommen sei. Darauf entgegnete er, das könne er nicht so ohne weiteres glauben und es käme auf den Beweis an.

›Was für einen Beweis wollt Ihr haben?‹ fragte sie. – ›Den gleichen, den andere mir lieferten. Denn gleichwie ich Seelen prüfen muß, muß ich auch die Körper prüfen. Eure Äbtissinnen und Oberinnen sind alle durch meine Hand gegangen. Darum fürchtet nicht, daß ich Eurer Jungfrauenschaft nachstelle. Vielmehr leget Euch auf jenes Bett, hebet Eure Röcke hoch und bedecket damit Euer Gesicht.‹ Aber Schwester Marie entgegnete voller Zorn: ›Ihr habt mir so viel von Eurer tollen Liebe erzählt, daß ich fürchte, Ihr wollt mir viel eher meine Jungfrauenschaft nehmen denn sie besichtigen. Darum werde ich Euch nie zu Willen sein.‹ Alsbald erklärte er ihr, er werde sie wegen Ungehorsams exkommunizieren und vor dem ganzen Kapitel entehren, indem er ihr Vergehen enthülle – sofern sie nicht nachgäbe. Doch sie erwiderte furchtlos: ›Der, so die Herzen seiner Diener kennet, wird mir soviel Ehren spenden, als Ihr mir vor jenen Schande aufladet. Und da Eure Bosheit so weit gekommen ist, erschöpfet lieber Eure Grausamkeit gegen mich, statt Euer Begehr an mir zu stillen, denn Gott ist unser Richter.‹

Alsbald ließ er das ganze Kapitel versammeln und Schwester Marie vor allen niederknien. Sodann sprach er zu ihr mit gutgespielter Entrüstung: ›Schwester Marie, es mißfällt mir sehr, daß meine gutgemeinten Vorhaltungen so ergebnislos bleiben und Ihr also in Ungebühr verharret, daß ich mich gezwungen sehe, gegen meine Gewohnheit Euch eine Buße aufzuerlegen. Nachdem ich Euren Beichtvater bezüglich der ihm vorgeworfenen Vergehen ins Verhör genommen habe, gestand er mir, daß er sich an Euch vergangen hat, so wie die Zeugen dies angegeben hatten. Gleichwie ich Euch nun vorher geehrt und über die Novizen gesetzt habe, so verurteile ich Euch nunmehr, nicht nur der letzten unter ihnen ergeben zu sein, sondern zudem auch vor allen Schwestern auf den Knien Wasser und Brot zu genießen, bis Euere Reue genügend erscheint, um diese Strafe zu mildern.‹

Schwester Marie war von einer Gefährtin, die das Verfahren kannte, darauf aufmerksam gemacht worden, daß sie im Falle eines Widerspruches zu lebenslänglicher Kerkerhaft (in pace) verurteilt würde. Daher ertrug sie geduldig die Worte des Priors, hob die Augen zum Himmel empor und bat den, der ihr zu diesem Widerstände die Kraft verliehen hatte, er möge sie auch dies harte Geschick in Festigkeit tragen lassen. Der Prior aber gebot noch obendrein, während dreier Jahre kein Gespräch zwischen ihr und ihren Eltern und Verwandten zu erlauben, falls diese sie besuchen sollten, noch auch das Schreiben von Briefen, sofern sie nicht zur Durchsicht gegeben würden. Dann ging der elende Mensch von dannen und ließ sich lange Zeit nicht mehr dort sehen. Das arme Mägdelein aber erduldete seit jener Zeit die auferlegte Strafe.

Als ihre Mutter, die alle ihre Kinder herzlich liebte, fürder keine Nachricht mehr von ihr erhielt, ward sie beunruhigt und sprach ihrem Sohne gegenüber die Vermutung aus, daß jene Tochter vielleicht gestorben sei und die Nonnen es ihr verheimlichten um das Jahresgeld nicht zu verlieren; sie bat ihn daher, auf irgendeine Weise zu ermöglichen, daß er sie sähe. Der junge Edelmann ging unverweilt zum Kloster, wo man ihm die gewohnten Entschuldigungen vorbrachte: sie läge seit dreien Jahren im Bett und vermöge nicht sich zu rühren. Jener aber gab sich damit nicht zufrieden und schwor, er würde über die Mauer klettern und in das Kloster eindringen. Da ergriff die Nonnen die Angst, und sie brachten die Schwester an das Gitter, während die Äbtissin so dicht neben ihr blieb, daß sie alles hören konnte, was jene etwa sagen würde.

Schwester Marie aber war klug und hatte alles, was weiter oben berichtet war, ausgeschrieben, und obendrein noch vielerlei Verführungsversuche des Priors, die ich nicht berichten will, weil es zu lang wäre. Nachgetragen sei nur noch aus jener Zeit, da ihre Tante dort Äbtissin war, daß er diese Schwester durch einen jungen schönen Geistlichen hatte versuchen lassen, da er vermeinte, sie wiese ihn nur ob seiner Häßlichkeit ab und er könne sie einschüchtern, wenn sie an jenem Gefallen fände und sich ihm hingäbe. Als aber der Geistliche ihr dort – unter so schamlosen Gebärden, daß ich mich schämen würde, sie zu beschreiben – dieserart zusetzte, lief das arme Mägdelein angstvoll aus dem Garten, wo dies geschah, zu der Äbtissin, die mit dem Prior plauderte, und rief: ›Die uns visitieren, sind keine Geistlichen, sondern Teufel!‹ Der Prior hatte Angst, daß seine Bosheit an den Tag käme, und entgegnete lachend: ›Wahrlich, die Schwester Marie hat recht.‹ Dann nahm er sie bei der Hand und sagte vor der Äbtissin zu ihr. ›Ich hatte gehört, daß Schwester Marie den Eitelkeiten der Welt ergeben sei. Darum richtete ich Worte an sie, wie ich sie gelesen hatte (denn aus Erfahrung kenne ich nichts dergleichen); und da ich bedachte, nur mein Alter und meine Häßlichkeit wären an ihrem tugendhaften Gebahren schuld, befahl ich jenem jungem Mönche, gleichermaßen mit ihr zu sprechen. Nun habe ich ihre wahre Tugendhaftigkeit erkannt und wünsche daher, daß sie nach Euch die Erste sei, auf daß ihr Wille zur Tugend auch fürder wachse und gedeihe.‹

Dies alles hatte nebst vielem andern der wackere Prior in den drei Jahren, da er in jene Nonne verliebt war, sich zuschulden kommen lassen, und die Beschreibung dieser kläglichen Geschichte reichte sie ihrem Bruder durch das Gitter. Dieser brachte den Brief seiner Mutter, und selbige eilte verzweifelt nach Paris zu der Königin von Navarra, der einzigen Schwester des Königs. Als die Königin den Bericht gelesen hatte, war sie schmerzlich bewegt, denn sie hatte dem Prior stets vertraut und ihm auch ihre Schwägerinnen, die Äbtissinnen von Montivilliers und Caen, unterstellt. Aber diese Verbrechen erfüllten sie mit solchem Abscheu und Rachedurst, daß sie die Angelegenheit dem Kanzler des Königs übergab, der damals zugleich päpstlicher Legat in Frankreich war. Dann ließ sie den Prior holen, der sich nur mit seinem Alter von siebzig Jahren zu entschuldigen wußte und die Königin bat, ihm in Anbetracht sonstiger Verdienste den Prozeß zu ersparen. Auch wolle er gern jene Schwester Marie für eine Perle an Ehrsamkeit und Jungfräulichkeit erklären.

Die Königin war so verblüfft, daß sie ihn ohne Antwort stehen ließ. Er aber kehrte verwirrt in sein Kloster zurück, ließ sich vor niemandem mehr sehen und starb ein Jahr darauf. Die Schwester Marie aber wurde nach Verdienst geehrt und von Königs Gnaden zur Äbtissin von Gien bei Montargis ernannt, wo sie viele Verbesserungen schuf und gleich einer Gottbegnadeten ihr Leben verbrachte.

Diese Geschichte, meine Damen, erweist wieder die Wahrheit des Ausspruches Jesu Christi: ›Wer sich erhöhet, der soll erniedrigt werden, und wer sich erniedrigt, der soll erhöhet werden‹.«

»O wie viele Leute hat jener Prior getäuscht!« rief Oisille aus. Sichtlich glaubte man ihm mehr denn Gott selbst« – »Ich täte das nicht,« meinte Nomerside, »denn ich mag mit diesen Leuten nichts zu tun haben.« – »Es gibt auch gute unter ihnen,« entgegnete jene, »und man soll nicht alle verurteilen. Die besten sind aber die, so sich weltlichem Leben und den Frauen fernhalten.« – »Irrt Euch nur nicht,« bemerkte Emarsuitte. »Die man wenig sieht, kennt man schlecht und könnte sie darum wertschätzen. Denn bei näherer Bekanntschaft erweist sich erst ihr wahrer Charakter.« – »Ach, lassen wir das und sehen wir, wem Guebron das Wort erteilt,« unterbrach Nomerfide. – »Ich gebe es Frau Oisille,« sprach dieser, »auf daß sie etwas zum Ruhme der geistlichen Brüder berichte.« Und Oisille sprach:

»Wir haben geschworen, die Wahrheit zu erzählen, und davon mag ich nicht abgehen. Nun fiel mir bei der letzten Geschichte eine andere ein, die zwar auch sehr betrüblich ist, die ich aber erzählen möchte, da sie sich zu meiner Zeit und in meiner Gegend ereignete. Zudem möget ihr daraus entnehmen, daß ihr jene Heuchler nicht für frömmer zu halten braucht als andere Sterbliche, vielmehr euer Heil einzig in Dem ruht, der uns allein in seiner Allmacht zum ewigen Leben verhelfen kann. Erkennet, daß Satan sich oft in Engelsgestalt kleidet und uns so verblendet, und vernehmet darum die folgende wahrhaftige Geschichte.«

 

 


Dreiundzwanzigste Erzählung

 

Wie durch die Bosheit eines Franziskaners in der gleichen Familie der Hausvater, sein Weib und sein Kind eines gewaltsamen Todes starben.

 

»In Périgord lebte ein Edelmann, dessen Verehrung des Heiligen Franziskus so weit ging, daß er jedweden Mönch dieses Ordens für heilig hielt. Ihnen zu Ehren hatte er daher in seinem Hause eine Stube und Kleiderkammer eingerichtet, um sie darin gastlich aufnehmen zu können; von ihnen ließ er sich in allem, selbst den kleinsten Einzelheiten seines Hausstandes beraten, sintemalen er vermeinte, solchermaßen allezeit am besten zu fahren.

Nun war eines Tages sein schönes, kluges und tugendsames Weib mit einem Knaben niedergekommen. Des Edelmannes Liebe zu ihr trieb darob schier neue Blüten, und um sie zu feiern, lud er einen Schwager zu sich ein. Da aber des Festmahles Stunde nahte, kam ein Franziskaner an, dessen Name ich aus Achtung vor der Kirche verschweigen will. Als der Edelmann seinen Seelsorger, vor dem er kein Geheimnis hatte, eintreten sah, war er voller Freuden. Nachdem alle zusammen eine Weile geplaudert hatten, setzten sie sich zu Tisch. Und während sie also die Abendmahlzeit verzehrten, blickte der Edelmann auf sein Weib, das ob seiner Schönheit und Anmut gar wohl begehrenswert war, und richtete ganz laut an den biederen Pater die Frage: »Ist es wahr, daß ein Ehemann eine Todsünde begeht, so er sein Weib in der Zeit des Wochenbettes heimsucht?«

Der Pater war ein hinterhältiger und heuchlerischer Mann; daher antwortete er: »Das halte ich ohne Frage für eine der größten Sünden, die einem Hausstande widerfahren können. Selbst die heilige Jungfrau Maria ist dafür ein Beispiel, maßen sie vor der gesetzlichen Reinigungsfrist den Tempel nicht betreten mochte, obgleich sie dessen doch nicht bedurfte. So solltet auch Ihr unbedingt auf eine kleine Lust verzichten, zumal obendrein die Ärzte sagen, daß daraus für die Nachkommenschaft großer Schaden erwachsen kann.«

Als der Edelmann diese Worte vernahm, ward er unwillig; denn er hatte gehofft, der Pater würde ihm die Erlaubnis erteilen. Doch sprach er nicht weiter davon. Indessen hatte der Pater bereits einiges über den Durst getrunken und als er jene Frau beschaute, da sagte er sich, wenn er der Ehemann wäre, hätte er niemand um die Erlaubnis gefragt, sein Weib heimsuchen zu dürfen. Und wie ein kleiner Brand bisweilen allmählich ein ganzes Haus ergreift, so entflammte bald der Pater in brünstigem Verlangen, also daß er plötzlich begehrte, seine Lust an ihr zu stillen, wie er es schon seit dreien Jahren in seinem Herzen verborgen trug. Nachdem daher die Tafel aufgehoben war, nahm er den Edelmann bei der Hand, führte ihn zum Bett seiner Frau und sprach:

»Ich kenne gar wohl die innige Zuneigung, die zwischen Euch und Euerm Weibe herrscht, und weiß, wie sie Euch ob Eurer Jugend quälen mag. Und da ich Mitgefühl habe, will ich Euch ein Geheimnis unserer heiligen Lehre enthüllen: Wenn das Gesetz auch streng ist gegen den Mißbrauch zügelloser Ehemänner, so sollen gewissenhafte Menschen wie Ihr jenes Glückes doch nicht völlig beraubt werden. So mußte ich Euch vor anderen die Strenge des Gesetzes verkünden. Nun aber mag ich Euch auch seine Milde nicht vorenthalten: so wisset, mein Sohn, nicht alle Männer, nicht alle Frauen sind einander gleich. Zuerst aber muß ich von Euerm Weibe wissen, ob nunmehro, da drei Wochen seit ihrer Niederkunft verflossen sind, auch alle Blutungen ein Ende genommen haben.«

Als die Frau erwiderte, sie sei gänzlich rein, fuhr der Pater fort: »So möget Ihr sie ohne Bedenken heimsuchen. Doch sollt Ihr mir zweierlei versprechen.« Das tat der Edelmann, und nunmehro erklärte der Franziskaner: »Zum ersten dürft Ihr mit niemandem darüber reden und nur im geheimen kommen; zum andern kommet keinesfalls vor zwei Uhr nachts, auf daß die Verdauung Eures Weibes ob Eurer Torheit nicht leide.«

Der Edelmann verschwor sich also hoch und teuer, daß der Mönch seiner sicher wurde, maßen er ihn zwar für dumm, aber auch für wahrhaftig hielt. Darauf plauderten sie noch eine Weile, bis sich der Mönch zurückzog und ihnen unter Segenssprüchen eine gute Nacht wünschte. Aber im Fortgehen nahm er den Edelmann bei der Hand und sprach: »Kommet mit fort und haltet nicht weiter die arme Frau wach.« Darum küßte der Edelmann sein Weib und sagte: »Meine Liebe, laß deine Stube offen.« Das vernahm der biedere Pater gar wohl. Alsdann ging jeder in sein Zimmer. Nachdem sich aber der Mönch allein sah, dachte er weder an Schlaf noch Ruhe; und als er um die Zeit der Frühmesse kein Geräusch mehr im Hause vernahm, schlich er sachte in die Stube, in der des Hauses Herr erwartet wurde. Die Tür war offen, das Licht blies er schlauerweise aus, und dann schlüpfte er unverweilt zu der Frau ins Bett, ohne ein Wörtlein zu reden.

Die vermeinte, es sei ihr Mann, und sprach: »Wahrlich, Ihr haltet das Versprechen gar schlecht, das Ihr gestern abend unserm Beichtiger gabet; denn Ihr solltet doch erst um zwei Uhr zu mir kommen! Dem Mönche aber lag mehr an tätigen Erfolgen denn an beschaulichen Betrachtungen. Und da er fürchtete erkannt zu werden, so gab es keinerlei Antwort, die jene Frau etwa aufgeklärt hätte, sondern beeilte sich nur, sein schlimmes Begehr zu stillen, das seit langem sein Leben vergiftete. Und als dann die Zeit nahte, wo der Ehemann kommen sollte, erhob er sich flugs vom Lager und kehrte in sein Zimmer zurück. Doch hatte ihm vorher die Lüsternheit allen Schlaf geraubt, so ließ ihn nun die Angst, so jeder niedrigen Tat folgt, keine Ruhe finden. Alsbald ging er zum Türhüter und sprach: »Der Herr hieß mich unverweilt im Kloster einige Fürbitten abhalten; darum gebt mir schnell mein Pferd und öffnet das Tor, ohne daß man uns hört, denn die Sache ist wichtig und geheim.« Und der Pförtner, der sehr wohl wußte, daß es seinem Herrn erwünscht war, wenn man sich dem Franziskaner zu Diensten zeigte, öffnete sachte das Tor und ließ ihn hinaus.

Just um diese Zeit erwachte der Edelmann, und da er die erlaubte Stunde nahen sah, erhob er sich im Nachtgewande und legte sich bei seinem Weibe nieder, maßen ja nicht Menschenwort, sondern Gottes Geheiß ihm das gestattet hatte. Als nun sein Weib ihn neben sich sprechen hörte, ward es baß erstaunt und sagte zu ihm, der doch nichts von alle dem Vergangenen wußte: »Heißt das etwa Euer Versprechen halten und meine und Eure Gesundheit schonen, daß Ihr nicht nur vorzeitig hierherkommt, sondern gar noch einmal wiederkehret? Bedenket doch, bitte, was Ihr tut!« Der Edelmann war ob dieser Worte schier verwirrt und sprach ergrimmt: Was redest du für Zeug? Seit drei Wochen habe ich dich nicht in den Armen gehabt und nun wirfst du mir vor, ich käme zu oft! Wenn du weiter so sprichst, muß ich annehmen, daß meine Gesellschaft dich stört, und mich also gegen meinen Willen zwingen, anderweitig die Freuden zu suchen, die ich nach Gottes Gebot bei dir finden sollte.« Sein Weib aber vermeinte, er spotte ihrer, und entgegnete: »Ihr glaubet mich zu täuschen, aber Ihr täuschet Euch selbst. Denn wenn Ihr gleich vorhin auch nichts gesprochen habt, so habe ich Euch doch gar wohl erkannt.«

Alsbald ward der Edelmann inne, daß jemand sie beide hintergangen hatte, und verschwor sich hoch und teuer, daß er zuvor nicht bei ihr gewesen wäre. Darob ergriff sie solches Weh, daß sie ihn unter heißen Tränen anflehte, eilends festzustellen, wer das gewesen sein mochte, maßen doch nur ihr Bruder und der Franziskaner im Hause schliefen. Unverweilt trieb ein jäher Argwohn den Edelmann in des Mönches Zimmer. Das fand er leer. Und um sich weiter zu versichern, daß jener sich geflüchtet habe, rief er den Torhüter herbei und fragte ihn, was aus dem Mönche geworden sei. Und der erzählte ihm die Geschichte. Nun war der Edelmann seiner Bosheit gewiß, kehrte ohne Säumen in die Stube seines Weibes zurück und rief: »Ohn’ jeden Zweifel war es der biedere Beichtvater, der dich umfangen und solch arge Dinge angerichtet hat.«

Sein Weib hatte jederzeit ihre Ehre über alles hochgehalten. Darum verfiel sie nun in grenzenlose Verzweiflung, vergaß alle Menschlichkeit und Milde, wie sie einer Frauennatur zugehört, und beschwor ihn auf den Knien, diese Schande blutig zu rächen. Und alsbald schwang sich der Edelmann auf ein Roß und jagte dem Mönch nach, derweile sein Weib einsam, ohne Rat noch Trost, mit ihrem neugeborenen Kind im Bett zurückblieb. Unter diesen Umstanden erschien ihr dies Erlebnis so gräßlich und schauderhaft, daß sie gar nicht bedachte, in ihrem Nichtwissen eine Entschuldigung zu finden. Vielmehr übermannte sie die Verzweiflung über diese ungeheuerliche Sünde, so die Liebe ihres Gatten und die Vaterschaft des nächsten Kindes in Frage stellen konnte, und der Tod dünkte ihr besser denn ein weiteres Leben. Sie fand keinen Trost mehr in der Hoffnung auf Gott, ward schier von Sinnen, ergriff in tobendem Grimm einen Strick und erwürgte sich mit eigner Hand. Aber es ward noch schlimmer: in ihrem grauenhaften Todeskampf bäumte sich ihr Leib, also daß ihr Fuß auf den Kopf des jungen Kindes niederschlug, und ungeachtet seiner Unschuld mußte dies dergestalt seiner beklagenswerten, jammerbedeckten Mutter in den Tod nachfolgen. Doch schrie es im Tode so gewaltig, daß eine Magd, die in einer nahen Stube schlief, eilig aufsprang und mit einem Licht herbeikam. Kaum ward die ihrer erhängten Herrin und des erstickten Kindes ansichtig, da lief sie angsterfüllt zu jenem Schwager und wies ihm den herzzerreißenden Anblick.

Der ward von wildem Schmerze ergriffen, denn er liebte seine Schwester über die Maßen. So fragte er die Magd, wer dies Verbrechen begangen habe, und die erwiderte, kein andrer denn ihr Herr habe die Stube betreten, doch sei er alsbald davongeeilt. Nun begab sich der Schwager in des Edelmannes Stube, und da er ihn nicht fand, ward er seiner Schuld gewiß, warf sich ohne weitere Fragen auf ein Roß und folgte ihm nach. Doch unterwegs sah er ihn zurückkehren und hielt daher an, um ihn zu stellen. Der Edelmann war voller Harm, denn es war ihm nicht gelungen, den Mönch einzuholen. Da schrie ihm sein Schwager entgegen: »Feiger Hund, setz dich zur Wehr. Heut noch soll mein Degen mich, so Gott will, an dir rächen!« Der Edelmann wollte ihm Erklärung geben; doch schon blitzte seines Schwagers Degen so dicht vor seinen Augen, daß er mehr an Verteidigung, denn an Auseinandersetzungen denken konnte. Und alsbald stachen sie so wild aufeinander los, daß beide ob ihrer Wunden und des Blutverlustes schwach wurden und sich zur Erde niedersetzen mußten.

Als der Edelmann etwas zu Atem gekommen war, fragte er: »Welcher Grund trieb Euch zu diesem Kampfe, da wir doch allezeit in so herzlicher Freundschaft lebten?« Der Schwager entgegnete: »Und was trieb Euch, meine Schwester, dies beste Weib der Erde, zu Tode zu bringen, und noch dazu so schändlich, daß Ihr sie unter dem Vorgeben, bei ihr zu ruhen, an ihrem Bettpfosten erwürgtet?« Als der Edelmann das vernahm, stöhnte er mehr tot denn lebendig: »Habt Ihr wirklich Eure Schwester also vorgefunden?« Und da jener es ihm bestätigte, fuhr er fort: »So vernehmet, warum ich das Haus verlassen hatte.« Und alsbald erzählte er von der Arglist des boshaften Franziskaners. Darob fiel der Schwager aus allen Wolken, und zumal erschütterte ihn, daß er so ohne Vernunft den andern niedergestochen hatte. So bat er ihn um Verzeihung und sprach: »Vergebt mir, ich habe Euch schweres Unrecht getan.« Der Edelmann aber erwiderte: »Wenn ich Euch ein Unrecht angetan habe, so ist es gebüßt; denn ich bin so schwer verletzt, daß ich nicht lebendig davonkommen werde.«

Der Schwager hob ihn, so gut es ging, aufs Roß und geleitete ihn nach Haus. Doch verschied er schon am nächsten Tage, nachdem er allen Verwandten und Freunden erklärt hatte, daß er selbst seinen Tod verschuldet habe.

Um nun aber Gerechtigkeit walten zu lassen, riet man dem Schwager, die Gnade des Königs Franz des Ersten anzurufen. Daher begab er sich nach ehrenvoller Beisetzung des Edelmannes, seines Weibes und Kindes am Karfreitag zu Hofe und wandte sich an Francois Olivier, der in der Tat seine Begnadigung erwirkte. Das war der gleiche Olivier, der damals Kanzler von Alencon war und später ob seiner großen Verdienste vom Könige zum Kanzler von Frankreich ernannt wurde.

Ich glaube, nach dieser nur allzuwahren Geschichte wird es sich wohl jeder von Euch zweimal überlegen, ehe er solche Gäste in sein Haus aufnimmt. Wisset denn, es gibt kein gefährlicheres Gift, als solches, das lange Zeit verborgen blieb.«

»Gott, was war dieser Mann für ein Dummkopf,« rief Hirean, »daß er solchen Eheschleicher vor seinem schönen Weibe bewirtete.« – »Ich kannte eine Zeit,« erklärte Guebron, »wo in jeglichem Hause ein Zimmer für die biederen Pater bereitstand. Jetzt allerdings hat man die Gesellschaft durchschaut und fürchtet sie mehr denn die schlimmsten Abenteurer« – »Eine Frau sollte einen Pater nur in ihr Zimmer lassen, derweile sie im Bette liegt,« – meinte Parlamente, »sofern sie der letzten Ölung begehrt. Wenn ich also je einen zu mir rufen ließe, so wisset, daß es mit mir zu Ende geht.« – »Wenn alle so dächten,« warf Emarsuitte ein, »dann ging es den Patern schlimmer denn ausgestoßenen Sündern, maßen sie dann kein Weib mehr zu Gesicht bekämen.« – »Seid unbesorgt,« lachte Saffredant, »die wissen schon auf ihre Kosten zu kommen« – »Es ist doch unerhört!« erklärte Simontault, »erst binden sie uns durch die Ehe an die Frauen und dann suchen sie durch ihre Bosheit dies selbe Band und Gelöbnis zu sprengen.« – »Das ist ja gerade der Jammer,« klagte Oisille, »daß sie mit den Sakramenten spielen wie mit Bällen. Alle sollte man sie lebendig verbrennen.« – »Nun, gerade Ihr solltet sie eher preisen denn schmähen,« entgegnete Saffredant. »Doch nun sagt, wem Ihr das Wort erteilt.« – »Ich gebe es Dagouein, denn er ist in tiefe Betrachtung versunken, gleich als ob er etwas Schönes in Vorbereitung hätte.« Dagoucin aber hub an: »Das, woran ich eben dachte, kann und wage ich nicht auszusprechen. Doch will ich von jemandem berichten, dem seine Grausamkeit Schaden statt Nutzen schuf. Mancher dringt zu sehr darauf, hinter Amors Maske zu blicken, und sieht sich dann betrogen gleich jenem kastilianischen Edelmann, dessen Geschichte ihr nunmehr hören sollt.«

 

 


Vierundzwanzigste Erzählung

 

Auf welch artigen Einfall ein Edelmann kam, um einer Königin seine Liebe zu erweisen, und was daraus entstand.

 

»Am Hofe eines Königspaares von Kastilien, dessen Name nicht genannt sein soll, lebte ein Edelmann von unvergleichlicher Anmut und Tugend. Mehr aber noch denn seine Vorzüge bestaunte man seine Eigentümlichkeiten: niemals bemerkte man, daß er eine Dame liebte oder auch nur einer den Hof machte. Obgleich es so manche gab, die sehr wohl das Eis in Glut versetzen konnte, so gelang es doch keiner, diesen Edelmann, Elisor mit Namen, zu umgarnen. Auch die Königin, die zwar höchst tugendsam, doch keineswegs vor jener Flamme gefeit war, die um so wilder loht, je weniger man sie kennt, verwunderte sich ob dieses zurückhaltenden Edelmannes, und eines Tages fragte sie ihn geradezu, ob er wirklich so jeder Liebe fremd wäre, wie er sich stelle. Er entgegnete, sie würde diese Frage nicht an ihn stellen, wenn sie sein Herz so wohl kännte als sein Gesicht, und als sie ihn voll Neubegier zu einer Erklärung drängte, gestand er, daß er eine Frau liebe, die er für das tugendsamste Weib der Christenheit halte. Sie suchte durch Bitten und Befehle zu erfahren, wer das sei; doch war alles vergeblich, und so stellte sie sich ergrimmt und schwor, nie wieder mit ihm zu sprechen, wenn er es nicht sagen würde. Und da er inne ward, daß er ihre Gunst dauernd verlieren würde, wenn er fürder eine Wahrheit verhehlte, die ob ihrer Ehrenhaftigkeit von niemandem übel aufgenommen werden konnte, so sprach er voller Bangen:

›Hohe Frau, mir gebricht es an Kraft und Mut, Euch das zu sagen. Sobald Ihr aber wieder zur Jagd gehen werdet, will ich sie Euch zeigen, und Ihr möget dann selbst urteilen, ob sie nicht die schönste und vollkommenste Frau der Welt ist.‹ Ob dieser Antwort ging die Königin viel früher zur Jagd, als sie es sonst getan hätte. Elisor ward benachrichtigt und rüstete sich, wie gewöhnlich dort bei ihr seinen Dienst zu versehen. Doch hatte er einen spiegelblanken Stahlküraß vor die Brust geschnallt, den er sorglich mit einem schwarzen, goldbestickten Mantel bedeckte. Er ritt auf einem pechschwarzen Roß, das herrlich gesattelt und aufgezäumt war; das Geschirr war vergoldet und nach maurischer Art schwarz eingelegt; gleichermaßen schwarz war sein seidener Hut, der reichgestickt eine Inschrift trug von Amor, dem man gewaltsam die Augen verbunden hatte; und endlich Degen und Dolch waren gleichermaßen wundervoll geschmückt und mit ebenso sinnigen Inschriften geziert. Kurz und gut, er sah gar trefflich aus, und zumal zu Roß, das er überaus kunstvoll zu lenken verstand, also daß alle, die ihn erblickten, seinen Sprüngen und Kunststücken zuschauten. Nachdem er dieserart die Königin zu dem Ort geleitet hatte, wo die Netze aufgestellt waren, stieg er vom Pferd und trat zur Königin, um ihr beim Absteigen behilflich zu sein. Als sie nun dieserthalben den Arm reckte, öffnete er seinen Mantel, wies auf den Spiegelpanzer und sprach: »Geruhet hierher zu blicken« Und dann ließ er sie sachte zur Erde niedergleiten.

Als die Jagd beendet war, kehrte die Königin zum Schloß zurück, ohne mit Elisor ein Wort zu sprechen. Doch nach dem Abendessen rief sie ihn zu sich und warf ihm vor, daß er der größte Lügner sei, den sie je erblickt habe. Denn er habe ihr doch versprochen, ihr auf der Jagd jene zu weisen, die er über alles liebe, und das habe er nicht getan. Darum sei sie entschlossen, sich nicht mehr um ihn zu kümmern. Elisor fürchtete, die Königin habe vielleicht nicht verstanden, was er ihr damals gesagt hatte. So fragte er: »Was habe ich Euch denn gezeigt, als Ihr vom Roß stieget« Die Königin spielte die Unwissende und entgegnete: »Nichts. Nur einen Spiegelpanzer« –

»Und was sahet Ihr in diesem Spiegel« –

»Nichts weiter als mein Bild.« Darauf sprach Elisor: ›So habe ich auch mein Versprechen gehalten, denn nie trug ich ein anderes Bild in meinem Herzen, als jenes, das Ihr in jenem Spiegel erblicktet. Und wenn Ihr nun nicht geruhen möget, mir größere Gunst zu schenken als bisher, so nehmet mir doch nicht das Leben, indem Ihr mir verbietet, Euch fürder zu sehen. Denn dann würdet Ihr den ergebensten und treuesten Diener verlieren, den Ihr je besitzen könntet.‹

Mochte sich nun die Königin nur anders stellen wollen, als sie wirklich war, oder wollte sie seine Liebe prüfen, oder um seinetwillen einen andern nicht verlieren, oder endlich ihn sich für den Augenblick aufsparen, wo ihr augenblicklicher Günstling sich in Ungnade brachte – kurz, sie sagte mit weder zornigem noch zufriedenem Gesicht: ›Ich will Euch nicht fragen, welche Tollheit Euch auf den wagehalsigen Gedanken brachte, mich zu lieben. Denn ich weiß, der Mensch hat sein Herz nicht so in der Gewalt, daß er nach Belieben hassen und lieben kann. Doch nun Ihr mir Euer Inneres enthüllt habt, sagt mir auch, seit wann Euch diese Leidenschaft ergriffen hat.‹

Elisor blickte auf ihr schönes Antlitz und vermeinte, sie wolle ihm vielleicht einen Balsam für das Leiden gewähren, danach sie so sorglich fragte. Doch da er sie derart ernst erschaute, fühlte er sich wie vor einem gestrengen Richter und verschwor sich alsbald: schon in seiner frühesten Jugend habe diese Liebe in ihm Wurzel geschlagen, doch habe er erst seit sieben Jahren ernstlich darunter gelitten, wenngleich er auch so viele Freuden davon verspürt habe, daß eine Heilung sein Tod sei.

›Wenn Ihr,‹ entgegnete nun die Königin, ›solche Festigkeit bewiesen habt, so darf ich nicht minder geduldig sein, um mich von der Wahrheit zu überzeugen. Daher will ich Euch eine Prüfung auferlegen, nach der ich nicht mehr zweifeln kann. Dann will ich Euch so einschätzen, wie Ihr Euch erweist, und Ihr werdet mich so finden, wie Ihr es begehrt.‹

Elisor bat sie, ihm jede Prüfung aufzuerlegen, die sie nur wolle, denn keine Aufgabe dünke ihm zu schwer, um sie nicht auf der Stelle auszuführen und so seine Liebe zu beweisen. Sie aber antwortete: ›Wenn Ihr mich wahrhaft so sehr liebt, wird Euch gewißlich nichts zu schwer fallen. Darum heiße ich Euch, morgen von hier fort an einen Ort zu reisen, wo Ihr weder von mir Nachricht erhaltet noch ich von Euch, bis sieben Jahre verflossen sind. Da Ihr mich schon sieben Jahre liebt, so seid Ihr ja Eurer Liebe gewiß. Habe ich das aber durch solche siebenjährige Prüfung bestätigt, so kann ich wohl das glauben, wofür Euer Wort allein kein Beweis ist.‹

Als Elisor diesen grausamen Befehl vernahm, war er einerseits im Zweifel, ob sie ihn nicht einfach aus ihrer Nähe verbannen wollte; andererseits aber hoffte er durch diese Prüfung mehr zu erreichen als durch Worte und stimmte folgendermaßen zu: ›Was ich sieben Jahre hoffnungslos trug, vermag ich voller Hoffnung weitere sieben Jahre nur um so geduldiger zu ertragen. Doch welche Hoffnung gebt Ihr mir, den Ihr all seines bisherigen Glückes beraubt, zum Unterpfande, daß Ihr mich nach verstrichener Frist auch wirklich als getreuen und gradherzigen Diener anerkennen werdet?‹

Alsbald zog die Königin einen Ring vom Finger: ›Nehmt diesen Ring und brecht ihn in zwei Hälften; die eine Hälfte nehme ich, die andere Ihr; denn sollte in der langen Zeit Euer Gesicht aus meinem Gedächtnis entschwinden, so vermag ich Euch doch alsdann an der Ringhälfte zu erkennen, die der meinen gleicht.‹

Also tat Elisor und gab der Königin die eine Hälfte, während er die andere behielt. Dann nahm er Abschied von ihr und ging mehr tot denn eine Leiche von dannen in seine Wohnung, wo er alle Vorbereitungen für seine Reise traf. Und zwar sandte er all seine Dienerschaft heim und ging, von einem einzigen Knecht begleitet, an einen so verborgenen Ort, daß während der sieben Jahre keiner seiner Verwandten oder Freunde etwas von ihm vernahm. Was für ein Leben er damals führte, weiß niemand, und seine Leiden werden wohl nur die ermessen können, so selbst in Liebesqualen geschmachtet haben.

Just sieben Jahre später trat ein Klausner mit einem langen Bart an die Königin heran, als sie zur Messe ging. Indem er ihre Hand küßte, überreichte er ihr eine Bittschrift, die sie, ohne hineinzublicken, entgegennahm, gleichwie sie auch bei den Ärmsten zu tun pflegte. Während der Messe jedoch entfaltete sie das Schriftstück und fand darin die Hälfte jenes Ringes, so sie Elisor einstmalen gegeben hatte. Darob ward sie voll staunender Freude. Doch kaum hatte sie den Inhalt des Briefes gelesen, so hieß sie ihren Almosenier, jenen Klausner herbeizuschaffen. Der suchte ihn vergeblich allenthalben und erfuhr nur, daß jemand ihn hatte zu Pferd steigen sehen. Wohin er aber geritten war, wußte niemand. Indessen las die Königin den Brief zu Ende, der ein so wohlgelungenes Gedicht enthielt, daß es schier gewagt scheint, es zu übersetzen. Doch möget ihr, meine Damen, eben bedenken, daß die kastilianische Sprache jeglicher anderen überlegen ist in der Kunst, die Leidenschaft der Liebe zu schildern. Das Gedicht lautete etwa so:

 

Einst, da ich stolz und stark zum Mann erblühte,
Fand ich den Weg zu Amors heil’gen Hallen.
Dann bohrten der Entbehrung grimme Krallen
Sich in mein Herz, das sich voll Sehnens mühte,
So daß, was bergend Liebe sonst umwob,
Nun nackt vor meinem Auge sich erhobt.
 
Dieselbe Zeit, die meine Gluten weckte,
Schuf meiner Neigung auch erwünschtes Wissen,
Und mußt’ ich jahrelang es auch vermissen,
Ich hab’ es nun und weiß, was sich versteckte:
Jetzt kenn’ ich den verborgnen Untergrund,
Auf dem so stolz und fest mein Lieben stund.
 
Ach! Eurer Schönheit sinnverwirrend Blenden
Ließ Eure Grausamkeit mich nicht gewahren!
Nun seh’ ich bang den Abgrund voll Gefahren –
Ihr selbst befreitet mich aus Euren Händen
Und Eure Grausamkeit hat Eurer Schönheit Trug
Verscheucht, der einstmals meine Augen schlug.
 
Daß ich mich damals Eurem Wunsche fügte,
Drob kann ich mich nunmehr von Herzen freuen.
Ihr nanntet eine Frist, zu prüfen den Getreuen,
Und diese Frist, die Ihr mir gabt, genügte:
Sie bannte allen Wahn von schalem Glück,
Und nimmermehr kehr’ ich zu Euch zurück.
 
Ein einz’ges Mal nur noch will ich Euch nahen,
Um so mein letztes Lebewohl zu sagen
Und Euch zu künden, wie in bangen Tagen,
So Herz und Seele neue Hoffnung sahen –
Was in den sieben schlimmen Jahren ich erkannt
In trüber Einsamkeit, dahin Ihr mich gebannt.
 
Da ward mir denn in tränenvollem Schweigen
Die wahre Liebe kund, die sonder Quälen
Zum Himmel drängt, mit Gott sich zu vermählen!
Zu ihr tät ich mich voller Inbrunst neigen,
Und Leib und Seele hab ich ihr geweiht –
Nicht Euch mehr, die Ihr also so grausam seid.
 
 


Als Euer Knecht bin ich Euch nichts gewesen,
Und dieses ›Nichts‹ selbst könnte mich entzücken.
Zum Lohne wolltet Ihr mich mit dem Tod be-

                                                                                                                             glücken:
Da ward zum wahren Leben ich erlesen!
Die sel’ge Liebe ist’s, die mich umfängt.
Daran mein Herz in festen Banden hängt.
 
So nehm ich Abschied denn von grausen Leiden,
Von Höllenqual, Verachtung, Wut und Hassen,
Die Eure Schönheit mich vergessen lassen:
Lebt Wohl, o Herrin, ich will von Euch scheiden!
Gebt alle Hoffnung auf und zügelt Eu’r Begehr –
Ihr seht mich für der nun und nimmermehr!‹

 

Diesen Brief las die Königin unter Verwunderung und Tränen; ihre Betrübnis war unbeschreiblich, denn der Verlust eines Dieners voll solch erhabener Liebe bedünkte ihr so unersetzlich, daß sie sich trotz ihres Reichtums, ihrer königlichen Macht ärmer vorkam als das ärmste Weib dieser Erde. Und als sie nach der Messe in ihr Gemach zurückgekehrt war, gab sie sich einer Trauer hin, wie ihre Grausamkeit sie gar wohl verdiente. Wald, Berge und Felsenklüf­te ließ sie durchstreifen, um den Klausner zu ent­decken; aber Der, so ihn ihren Händen entrissen hatte, behütete ihn wohl, also daß er nicht wieder darein zurückfiel. Und so war der Klausner eher ins Paradies eingegangen, als die Königin Nachrichten über ihn erhielt.

So sehet ihr, daß kein liebevoller Diener Geständnisse machen soll, die ihm nur schaden und nichts nützen können. Noch weniger aber, meine Damen, sollt ihr so schwere Prüfungen verlangen, daß ihr darob eure Diener verlieret.«

Wahrlich,« rief Guebron, »mein Lebelang hatte ich jene Dame für die tugendhafteste der Welt gehalten. Nun aber scheint mir, daß sie die törichtste und grausamste aller Zeiten war.« – »Maßen alle Männer so arg lügen,« meinte Parlamente, »scheint mir diese Prüfung nicht unangebracht.« – »Die Damen sind immer überklug,« erklärte Hirean, »denn sie könnten in sieben Tagen feststellen, was jene in sieben Jahren erfahren wollte.«

 – »Hier gibt es, glaube ich, Damen unter uns, die mehr als sieben Jahre geliebt wurden, ohne ihre Freundschaft zum Lohne gegeben zu haben,« rief Longarine. – »Bei Gott,« versicherte Simontault, »doch die sind vom alten Schlag, heute gibt es nicht mehr dergleichen.« – »Übrigens erging es jenem Edelmann nicht gar so schlimm,« warf Oisille ein, »da er doch durch jene Dame in Gottes Schoß zurückkehrte.« – »Er hatte wahrlich Glück, Gott auf seinem Wege zu finden,« neckte Saffredant, »denn ich hätte mich nicht erstaunt, wenn er sich in dieser Not dem Teufel überantwortet hätte.«

Nun fragte Emarsuitte: »Habt Ihr Euch denn allen Teufeln ergeben, als Eure Dame Euch so quälte?« – »Gewiß,« versetzte jener. »Da aber der Teufel inne ward, daß alle seine Höllenqualen denen nicht das Wasser reichten, die ich durch sie erdulden mußte, ließ er wieder von mir ab. Doch sagt mir,« wandte er sich zu Oisille, »wollt Ihr wirklich jene Frau ob ihrer Strenge loben?« – »Freilich,« entgegnete diese, »denn sie wollte, glaube ich, weder geliebt sein, noch lieben.« – »Warum denn aber,« fragte Simontault, »gab sie ihm jene Hoffnung?« – »Ganz recht!« rief Longarine. »Denn wer abbrechen will, gibt keine Handhaben.« – »Vielleicht opferte sie ihn für einen schlechteren,« meinte Nomerfide. – »Keineswegs,« versicherte Saffredant, »sie hob ihn vielmehr auf für den Fall, da sie jenes anderen überdrüssig würde.«

»Ich fürchte,« unterbrach hier Oisille, »je mehr wir darüber reden, desto Schlimmeres kramen die Herren über uns aus, die nicht schlecht behandelt sein wollen. Drum gebet nun Eure Stimme weiter, Dagoucin.« – »Ich gebe sie Longarine, denn sicher wird sie etwas Neues erzählen und weder Mann noch Weib auf Kosten der Wahrheit schonen.«

»Da ihr mich für so wahrheitsliebend haltet,« hub diese an, »so will ich euch keck und kühn einen Fall erzählen, der einem erhabenen Fürsten begegnet ist. Wisset, daß man sich der Lüge und Heuchelei nur im äußersten Notfalle bedienen darf, da das häßliche Laster sind, die zumal Prinzen und hohe Herren beschmutzen. Doch wie auch alle Menschen sind auch diese der Liebe untertan, und in deren Dienste können sie jene Mittel nicht umgehen. Und deshalb kann ich euch wohl die Listen eines Prinzen berichten, durch die es ihm gelang, Menschen zu hintergehen, die sonst selbst alle Welt hinters Licht führen.«

 

 


Fünfundzwanzigste Erzählung

 

Welch schlauer List sich ein hoher Fürst bediente, um sich an dem Weibe eines Pariser Advokaten zu verlustieren.

 

»Zu Paris lebte ein Advokat, der ob seiner überlegenen Gewandtheit sehr gesucht war und es zu einem selten großen Vermögen gebracht hatte. Maßen er nun von seiner ersten Frau mit Kindern nicht beschenkt worden war, so erhoffte er dies Glück von einer zweiten und wählte trotz seines Alters und seiner Klapprigkeit ein Mägdelein jener Stadt, die achtzehn oder neunzehn Jahre alt, gar schön und lieblich von Aussehen und anmutig von Wuchs und Gestalt war. Die verhätschelte er über die Maßen und erzeigte ihr seine Liebe, soviel er konnte; doch beschenkte sie ihn so wenig mit Kindern als die erste und auf die Dauer wurde ihr die Sache langweilig. Wie es ihrer Jugend geziemte, suchte sie alsbald außer dem Hause Zerstreuung und besuchte Tanzfeste und Gelage; doch blieb sie so zurückhaltend, daß ihr Mann keinen Argwohn hegen konnte, maßen sie allezeit vertrauenswürdige Begleitung hatte.

Eines Tages nun traf sie auf einem Feste einen hohen Fürsten, der mir selbst diese Geschichte erzählte mit der Bitte, seinen Namen zu verschweigen. Doch kann ich immerhin versichern, daß er seinesgleichen an Schönheit und Anmut niemals hatte und kaum je hierzulande haben wird. Als nun dieser Prinz der jungen Dame ansichtig ward und wahrnahm, daß ihre Augen und ihr Gebahren geradezu zur Liebe herausforderten, sprach er sie also bezaubernd und liebenswürdig an, daß sie gern mit ihm plaudern mochte. Auch verbarg sie ihm nicht, daß ihr Herz seit langem liebesbereit wäre und er folglich nicht nötig habe, sie zu etwas zu überreden, das sie bei seinem bloßen Anblick ihm zu gewähren geneigt sei.

Als dem Fürsten dergestalt unschuldsvoll und ohne Scheu ein Glück in den Schoß fiel, das wohl ein langes Werben verdient hätte, dankte er Gott Amor für seine Huld und steuerte sein Schifflein alsbald so gewandt, daß sie in kurzem darüber einig waren, wie sie sich ungesehen von anderen treffen könnten. Der Fürst fand sich natürlich pünktlich ein und war wohl verkleidet, um die Dame seines Herzens nicht bloßzustellen. Da aber oft lästige Burschen nachts in den Straßen umherschwärmten und er mit diesen nicht in Berührung kommen wollte, nahm er einige Edelleute als Begleitung mit, zu denen er Vertrauen haben konnte. Die ließ er am Eingang jener Straße, wo die Dame wohnte, zurück und gab ihnen folgende Weisung: ›Wenn ihr mich in der nächsten Viertelstunde keinen Lärm schlagen hört, so ziehet euch zurück und holt mich erst zwischen drei und vier Uhr nachts wieder hier ab.‹ Also taten sie, und, maßen alles ruhig blieb, gingen sie alsbald heim.

Indessen war der Fürst geradesweges zum Hause des Advokaten gegangen und hatte die Tür, wie versprochen, offen gefunden. Als er aber die Stiege emporklomm, begegnete er dem Ehemann, der eine brennende Kerze in der Hand trug, also daß er früher zu sehen war als er jenen erblicken konnte. Dem jungen Fürsten aber verlieh die Not Einsicht und Kühnheit; daher ging er unverweilt auf ihn zu und sprach: ›Herr Advokat, Ihr wißt, welches Vertrauen ich und mein Haus in Euch setzen, also daß ich Euch für einen treuergebenen Diener halte. Im Augenblick nun möchte ich Euch einerseits im geheimen sprechen, um Euch einige Angelegenheiten ans Herz zu legen, zum andern aber um einen Schluck zu trinken bitten, da mich der Durst plagt. Doch erzählet bitte niemandem, daß ich bei Euch war, maßen ich weiter an einen Ort gehe, wo ich unerkannt bleiben will.‹

Die Ehre, also zwanglos diesen Prinzen bei sich empfangen zu dürfen, beglückte den Advokaten über die Maßen. Flugs führte er ihn in sein Zimmer und hieß seinem Weibe, die besten Früchte und Süßigkeiten herzurichten und herbeizubringen. Das tat sie mit Freuden; doch ob sie gleich mit ihrem Häubchen und losen Übergewand noch schöner anzuschauen war als sonst, so tat der Fürst doch stets als ob er sie kaum bemerke, und plauderte mit ihrem Mann über seine Angelegenheiten, die jenem wohlvertraut waren. Als jedoch diese Dame ihm die Süßigkeiten hinreichte, die sie auf den Knien trug, und ihr Mann derweile zur Anrichte ging und Wein eingoß, da flüsterte sie jenem zu: beim Fortgehen möge er rechterhand in eine Kleiderkammer schlüpfen, wohin sie alsbald nachkommen wolle. – Nachdem er also ausgetrunken hatte, dankte er dem Advokaten und lehnte mit liebenswürdigem Nachdruck seine Begleitung ab. Dann wandte er sich der jungen Frau zu und sagte: ›Und nun will ich Euch nicht länger Eueren wackeren Mann rauben, der mir ein so ergebener Diener ist. Wie glücklich seid Ihr, ihn den Euren zu nennen; preiset darob Gott und seit ihm ein gehorsames Weib. Anderenfalls müßte ich Euch wahrlich für bedauernswert halten.‹

Nach diesen erbaulichen Worten ging er von dannen, schloß hinter sich die Tür, damit ihm niemand folge, und trat in die Kleiderkammer. Und nachdem ihr Gatte fest eingeschlafen war, kam die schöne Frau auch dorthin und führte den Prinzen in eine wohleingerichtete Stube. Doch das schönste Bild darinnen boten jene zwei, gleichermaßen, ob sie mit Gewändern angetan waren oder nicht. Und ich brauche wohl nicht zu zweifeln, daß die Frau ihm jegliches Versprechen hold erfüllte.

Als dann die Zeit kam, die der Fürst seinen Edelleuten bezeichnet hatte, ging er von dannen und traf jene am vereinbarten Fleck. Und da dies Leben eine gute Zeit währte, wählte der Prinz einen wesentlich kürzeren Weg: er ging nämlich durch ein Kloster, dessen Prior ihm derart behilflich war, daß auf sein Geheiß der Pförtner dem Prinzen um Mitternacht das Tor öffnete, und gleichermaßen, wenn er zurückkehrte. Und da er von dort nur wenige Schritte zu gehen hatte, brauchte er auch weiter keine Begleitung. Obgleich nun dieser Zustand lange Zeit so blieb, versäumte der Fürst doch nie als gottesfürchtiger Mann, auf dem Rückwege lange in der Kirche betend zu verweilen. Darob ward er von den Mönchen, die ihn gelegentlich der Frühmette dort stets knien sahen, als ein gar frommer Herr betrachtet.

Nun hatte der Prinz eine Schwester, die jenes Kloster oft besuchte. Und da sie ihren Bruder über alles liebte, so hieß sie alle gottergebenen Freunde, ihn in ihr Gebet einzuschließen. Als sie diese Bitte einst auch jenem Prior nahe legte, erwiderte der: ›Ach, hohe Frau, wen empfehlt Ihr mir da? Wie gern möchte ich selbst von jenem Herrn ins Gebet eingeschlossen werden. Denn wer sollte wohl frommer sein als dieser?!‹ Und da die Prinzessin ihn nach dem Grunde dieser Ansicht fragte, erzählte er ihr endlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit, wie ihr Bruder alltäglich die Frühmette höre und so durch seine Demut die Mönche schier in den Schatten stelle.

Die Schwester wußte nicht recht, was sie glauben sollte, denn einerseits kannte sie ihres Bruders Lebenslust, andrerseits auch seine recht gewissenhafte Frömmigkeit. Doch so viel Gottesfurcht war ihr verdächtig. Darum ging sie zu ihm, erzählte ihm das Urteil des Priors über ihn, und als er ein Lächeln nicht unterdrücken konnte, verstand sie, daß etwas dahinterstecke. Also drängte sie ihn, bis er ihr die Wahrheit gestand, und sie war es, die mir alles so erzählte, wie ihr es nun gehört habt.

So möget ihr daraus erkennen, daß nicht Advokat noch Mönch schlau genug sein können, maßen Amor, wenn es nottut, die Betrüger doch hinters Licht führt. Daher sollen wir armen Geschöpfe ihn von Herzen fürchten.«

»Ich glaube zu wissen, wer das war,« überlegte Guebron. »In diesem Falle kann man ihm das Lob nicht versagen, daß er die Ehre der Frauen schont und übles Aufsehen scheut, zum Unterschied von andern großen Herren, die sich, um ihren Lüsten zu fröhnen, über alles hinwegsetzen, und darum oft in noch schlechterem Rufe stehen als sie es verdienen.« – »Freilich,« – versicherte Oisille, »manche Herren könnten sich ein Beispiel an ihm nehmen.« – »Aber bedenkt einmal,« meinte Nomerfide, »wie tief von Herzen ihm jene Gebete im Kloster kommen mochten.« – »Das kann man kaum beurteilen,« warf Parlamente ein, »denn vielleicht war seine Reue jedesmal nachher so tief, daß er wohl Verzeihung finden konnte« – »Wie kann man solche Freuden bereuen!« rief Hircan. »Ich selbst habe gar oft gebeichtet, doch nie bereut.« – »So solltet Ihr lieber nicht beichten,« erklärte Oisille. – »Warum?« entgegnete jener. »Die Sünde mißfällt mir sehr, doch behagt mir das gehabte Vergnügen nicht minder.« – »Ihr und Euresgleiches verzichtet fürwahr gern auf Gott und Gesetz,« klagte Parlamente, »wenn nur Eure Genußsucht gestillt wird.« – »Ich wünschte allerdings,« versicherte Hircan, »daß Gott an unsern Freuden gleichen Gefallen fände als etwa ich; dann würde ich ihn desto öfter zu beglücken suchen.« –

Doch Guebron unterbrach ihn: »Laßt doch theologische Betrachtungen, auf daß Longarine ihr Wort weiter geben kann.« – »Ich gebe es Saffredant,« sprach jene, »doch mag er uns etwas recht Schönes bescheren und weder darauf bedacht sein, die Frauen schlecht zu machen, noch das Gute wahrheitswidrig zu fälschen.«

»Das kann geschehen,« hub alsbald Saffredant an. »Denn ich habe hier die Geschichte von einer törichten und einer klugen Frau. Entnehmet daraus, was ihr möget. Doch werdet ihr immerhin erkennen, daß die Liebe ein Herz nicht wandelt, und bei Schlechten schlechte, bei Guten gute Taten auslöst.«

 


Sechsundzwanzigste Erzählung

 

Wie ein hoher Herr durch einen spaßhaften Streich die Liebesgunst einer Frau in Pampeluna zu erlangen sucht.

 

»Zur Zeit Ludwigs des Zwölften lebte ein Herr von Avannes, ein junger Edelmann, der des Herzogs von Albret Sohn und der Bruder des Königs Johann von Navarra war, bei welchem er auch zumeist wohnte. Im Alter von fünfzehn Jahren war er bereits so anmutsvoll und schön, daß er zur Liebe schier geboren schien. Also empfanden alle, die ihn sahen, und zumal die sehr achtbare Frau eines reichen Mannes zu Pampeluna in Navarra. Die war zwar nur dreiundzwanzig Jahre alt, doch da ihr Mann etwa fünfzig alt war, so kreidete sie sich so schlicht wie schier eine Wittib, besuchte ohne ihren Gatten nie ein Fest und zog ihn dem schönsten Mann der Welt vor. Und da ihr Mann ihre Tugend genügend erprobt hatte, so ward er ihrer so sicher, daß er ihr alle seine Angelegenheiten anvertraute.

Eines Tages nun wurde dieses Ehepaar zu der Hochzeit einer Verwandten geladen. Dorthin hatte sich auch der Herr von Avannes begeben, um den Gastgeber zu ehren, zumal er den Tanz liebte und darin seinesgleichen nicht fand. So ward er nach dem Essen von jenem reichen Mann gebeten, mit seinem Weib zu tanzen. Das tat der junge Prinz mit Freuden, und ob seiner Jugend fand er am Hüpfen und Springen viel mehr Vergnügen denn am Anblick schöner Frauen. Jene aber, die er führte, bestaunte vielmehr seine Schönheit, obwohl sie sich klugerweise nichts merken ließ.

Als die Stunde der Abendmahlzeit kam, verabschiedete sich der Prinz von der Gesellschaft und der reiche Mann gab ihm auf seinem Maultier das Geleit zum Schloß. Unterwegs sagte er zu ihm: ›Ihr habt mir und den Meinen heute so viel Ehre angetan, daß ich undankbar wäre, wenn ich Euch nicht in jeder Beziehung zu Diensten stünde. Nun weiß ich einerseits, daß solch edle junge Herren oft durch geizige oder strenge Väter in Geldverlegenheit kommen; andrerseits gab Gott mir zwar ein Weib, wie ich es wünschte, doch keine Kinder. Wolltet Ihr mir daher bisweilen Eure kleinen Sorgen anvertrauen, so würde ich Euch gern helfen, soweit mir meine hunderttausend Taler es gestatten.‹

Ob dieses Anerbietens war der Herr von Avannes hocherfreut, denn er besaß just solchen Vater, wie jener angedeutet hatte. Daher dankte er ihm herzlichst und hieß ihn seinen wahlverwandten Vater. Und von Stund an schloß der reiche Mann den Prinzen in sein Herz, und morgens und abends erkundigte er sich besorgt, ob er nicht irgend etwas brauche. Zudem verhehlte er auch seinem Weibe diese Zuneigung keineswegs, also daß diese ihren Mann darob nur doppelt liebte. Dem Prinzen aber konnte nun an nichts mehr fehlen. Oftmals kam er zu jenem und aß und trank bei ihm; und wenn er ihn nicht antraf, dann gab die Frau ihm, wessen er bedurfte und obendrein riet sie ihm zur Sittsamkeit und Tugend. Und er achtete und liebte sie mehr denn irgendeine Frau auf Erden. Doch ließ sie ihn nie merken, daß sie ihm anders als in geschwisterlicher christlicher Liebe zugetan war.

Also lebte der Herr von Avannes, bis er siebzehn Jahre alt wurde, herrlich und in Freuden. Alsdann aber begann er mehr als bisher den Frauen nachzuschauen. Zwar hätte er am liebsten diese tugendsame Frau geliebt, doch bangte ihm, etwa ihre Freundschaft zu verlieren, und so suchte er sich anderwärts zu vergnügen. Er wandte sich also einem zieren Weiblein aus der Umgegend von Pampeluna zu, die auch in der Stadt ein Haus hatte und dort mit einem jungen Mann vermählt war, der vor allem Hunde, Pferde und Vögel liebte. Ihr zu gefallen, veranstaltete der Prinz allerlei Kurzweil und Feste, die jene Frau gern besuchte. Doch da ihr Mann sie so schlecht behütete, wachten ihre Eltern eifersüchtig über ihrer Ehre, maßen sie ihre Schönheit und Leichtfertigkeit kannten und wichen ihr nicht von der Seite. Also konnte auch der Herr von Avannes nur hier und da ein kurzes Wort erhalten, das sie ihm in einem Balle zuwarf, und daraus entnahm er, daß es ihr nur an Zeit und Gelegenheit fehlte, ihrer Liebe zu fröhnen.

Deshalb eröffnete er dem reichen Manne, er wolle allein eine Wallfahrt zu Unserer Lieben Frau in Montserrat machen, und bat ihn, sein Gefolge bei sich im Hause zu behalten. Der Mann sagte ihm das zu. Sein Weib aber, in dessen Herzen Amor als Prophet wachte, durchschaute den Prinzen, und so sagte sie zu ihm: »Die ›Liebe Frau‹ wohnet sicher in dieser Stadt; daher seid auf Euer Wohl bedacht!« Er errötete tief und gestand ihr die Wahrheit. Alsdann ging er davon, kaufte ein Paar schöner spanischer Rosse und verkleidete sich bis zur Unkenntlichkeit als Pferdeknecht. Als jener Edelmann, der Gatte der lockeren Frau, dieser Rosse ansichtig ward, kaufte er sie unverweilt. Und da er sah, wie trefflich der Pferdebursche mit ihnen umging, forderte er ihn auf, bei ihm in Dienst zu treten. Der Herr von Avannes sagte ›ja‹, und voller Freuden übertrug ihm alsbald der Edelmann die Sorge für all seine Pferde und erklärte dann seiner Frau, er ginge nun zum Schloß und bäte sie, sich um den Knecht und die Pferde zu kümmern.

Die Dame wollte ihm gleichermaßen gefällig sein wie auch ihre Zeit einigermaßen verbringen. So besichtigte sie die Pferde und schaute sich auch den Pferdeknecht an, der ihr gar wohlgestaltet schien. Doch erkannte sie ihn nicht. Da er dessen gewahr wurde, grüßte er sie nach spanischer Sitte mit einem Handkusse, doch preßte er ihre Hand so stark, daß sie ihn erkannte, da er beim Tanze gar manches Mal das gleiche getan hatte. Von Stund an suchte sie nur noch mit ihm allein zu sein. Das ließ sich bereits am selbigen Abend ermöglichen. Denn da ihr Mann zu einem Feste geladen war, heuchelte sie ein Unwohlsein, und ihr Mann, der seine Freunde nicht im Stiche lassen wollte, bat sie nur, auf seine Hunde und Pferde zu achten. Kaum war er daher fort, so sah sie im Stalle nach Ordnung, schickte alle Knechte für Aufträge fort und war so alsbald mit dem angeblichen Stallburschen allein. Doch fürchtete sie überrascht zu werden und bat ihn: ›Gehet in meinen Garten und erwartet mich in dem Häuschen am Ende des Parkweges.‹

Er eilte dorthin. Sie aber besichtigte erst noch sorglich die Hunde, legte sich dann ins Bett, als ob sie sehr müde wäre, und bald verließen alle ihre Frauen das Zimmer. Nur eine blieb, zu der sie Vertrauen hatte und sagte: ›Geh’ in den Garten und hole den, der am Ende des Parkweges wartet.‹ Das geschah und alsdann wurde sie hinausgeschickt, um des Ehemannes Kommen abzupassen. Herr von Avannes aber entledigte sich flugs seiner Kleidung, seines falschen Bartes und der künstlichen Nase und stieg, nun nicht mehr als zager Knecht sondern als selbstbewußter Herr, ohne weitere Aufforderung zu ihr ins Bett.

Dort fand er eine Aufnahme, wie sie nur die liebestollste Frau dem schönsten Manne ihrer Zeit bereiten konnte. Und so blieb er bei ihr, bis der Ehemann heimkehrte, worauf er flugs seine Maske wiedernahm und die Stätte der Lust verließ, die er durch schlaue List erobert hatte. Der Ehemann hatte indessen erfahren, wie sorglich sie sich um alles gekümmert hatte. Sie lehnte seinen Dank bescheiden ab, und als jener sich erkundigte, was sie von dem neuen Stallknecht hielte, entgegnete sie: ›Fürwahr, er versteht seinen Dienst besser als der beste Knecht; doch muß man ihn bisweilen anfeuern, weil er etwas schläfrig ist.‹

So lebten fürder Mann und Frau in besserer Eintracht als bisher; denn während sie früher Zerstreuungen außer dem Hause gesucht hatte, ward sie nun häuslich und trug oft nur ein Übergewand über ihrem Hemd, statt sich stundenlang zu putzen. Darob verlor der Mann alle Eifersucht und lobte sie gar, ohne zu ahnen, daß der Teufel nur von Beelzebub ausgetrieben war.

Doch die zarte Gesundheit des Herrn von Avannes vermochte dies Leben auf die Dauer nicht zu ertragen. Er wurde bleich und mager, so daß er bald auch ohne Maske unkenntlich war. Und die tolle Liebe jener Frau brachte ihn so von Sinnen, daß er seine Kräfte in einer Weise ausgab, der selbst ein Herkules nicht standzuhalten vermocht hätte. So wurde er schließlich krank, und da die Dame ihn nur gesund zu schätzen wußte, so nahm er auf ihren Rat Abschied von seinem Dienstherrn. Den erhielt er auch, wenn auch nur mit tiefem Bedauern und gegen das Versprechen, zurückzukehren, wenn er wieder gesund wäre. So ging der Herr von Avannes davon. Und da er nur eine Straße zu durchmessen hatte, begab er sich zu Fuß zum Hause seines ›wahlverwandten Vaters‹. Dort fand er nur dessen Frau, deren Liebe ob seiner ›Wallfahrt‹ nicht geringer geworden war. Als sie ihn aber also mager und farblos hereinwanken sah, rief sie aus: ›Ich weiß nicht, wie es um Euer Gewissen steht, aber Euer Körper ist auf der Wallfahrt nicht gefestigt worden. Und ich glaube fast, die Nachtstunden haben Euch mehr mitgenommen als die des Tages. Wäret Ihr selbst nach Jerusalem gepilgert, so würdet Ihr vielleicht etwas atemloser sein, doch nicht so schwach und abgemagert. Nun merket Euch das ein für allemal und betet nicht mehr Bildnisse an, die, statt Tote zu erwecken, Lebenden das Mark aussaugen. Ich würde Euch gern noch mehr sagen. Aber mag Euer Fleisch auch gesündigt haben, so ist es nun schwer genug gestraft, und ich will Euch aus Barmherzigkeit nicht neues Leid zufügen.’

Als der Herr von Avannes ihre Worte vernahm, war er gleichermaßen betrübt und beschämt und erwiderte: ›Einst hörte ich, daß die Reue der Sünde auf dem Fuße folgt – jetzt habe ich es am eigenen Leibe erfahren. Vergebet mir aber ob meiner Jugend.‹ Die Dame lenkte schnell ab, ließ ihn sich in ein schönes Bett legen, und dort verbrachte er vierzehn Tage. Während dieser Zeit lebte er einzig von Stärkungsmitteln, und das Ehepaar leistete ihm so wohl Gesellschaft, daß er immer einen von ihnen neben seinem Bett hatte. Die Frau aber liebte ihn unvermindert weiter, denn sie hoffte, daß er diese Torheiten überwände und dann ehrbar lieben würde, also daß er dann ihr gehörte. So redete sie in jenen zwei Wochen so viel von tugendsamer Liebe, daß er endlich die begangene Tollheit verabscheute. Alsbald begann er nun sie anzuschauen, die der anderen an Schönheit überlegen war, und angesichts ihrer Anmut und Tugend konnte er sich nicht verwinden, ihr eines Tages zu sagen: ›Ich sehe ein, daß Ihr recht habt. Doch wollt Ihr mir auf dem Wege zur Tugend all’ Eure Hilfe und Euren Beistand leihen?‹

Die Dame war ob seiner Worte tief beglückt und rief: ›Ich will Euch gern versprechen, mit allen mir von Gott verliehenen Gaben Euch beizustehen, sofern Ihr der Tugend dienen wollt, so wie es einem edlen Herrn, wie Ihr seid, geziemt.‹ Da sprach der Prinz: ›So bedenket denn, wie Gott, der den Menschen unsichtbar war, irdische Gestalt annahm, um also unser Herz für das Unsichtbare zu gewinnen. Auch die Tugend, die ich erstrebe, ist unsichtbar und nur etwa durch ihre Erfolge zu erkennen. Darum kleidete sie sich in Eure Gestalt als die vollkommenste, die sie finden konnte. So seid ihr für mich der Inbegriff der Tugend, und so will ich ihr nun mein Leben lang in Züchten und Ehren dienen und das Laster von mir weisen.‹

Ob dieser Worte war die Dame voll glückseligen Staunens; doch ließ sie ihre Zufriedenheit nicht merken und sprach: ›Auf Eure theologischen Betrachtungen kann ich nichts erwidern; doch möchte ich Euch bitten, solche Worte zu lassen, maßen ihr andere Frauen gering schätzet, die darauf lauschten. ich bin so unvollkommen, daß die Tugend gut daran täte, mich nach ihrem Bilde zu gestalten. Nur habe ich eine große Zuneigung zu Euch, soweit eine gottesfürchtige und sittsame Frau das haben kann. Doch sollt ihr nichts davon erfahren, ehe nicht Euer Herz zur Geduld bereit ist, wie tugendsame Liebe das erheischt. inzwischen seid überzeugt, daß niemandem Euer Wohl, Leben und Ehre so am Herzen liegt wie mir.‹

Angstvoll und mit einer Zähre im Auge bat sie der Herr von Avannes, ihn zur Bestätigung ihrer Worte zu küssen. Das lehnte sie ab, weil sie nicht um seinetwillen die Landessitte verletzen wollte. Darüber kam ihr Mann herein, und alsbald sagte der Prinz zu ihm: ›Ich hänge so an Euch und Eurer Frau, daß ich Euch bitte, mich ganz als Euern Sohn zu betrachten.‹ Des freute sich der gute Alte, und jener sprach: ›So laßt Euch von mir küssen.‹ Und als das geschehen war, fuhr er fort: ›Wenn ich nicht Angst hätte, gegen die Sitte zu verstoßen, so möchte ich wohl desgleichen mit Eurer Frau, meiner Mutter, tun.‹ Und der Mann hieß seinem Weibe, also zu tun. Das geschah denn auch, ohne daß man ihr ansehen konnte, ob sie es gern tat oder nur auf Wunsch ihres Gatten. Und alsbald griff das Feuer, das bereits ihre Worte entzündet hatten, ob jenes heißersehnten Kusses wild um sich in dem Herzen des jungen Prinzen.

Nun begab er sich bald darauf zum Schloß und erzählte Wunderdinge von seiner Wallfahrt nach Montserrat. Bei dieser Gelegenheit erfuhr er, daß sein Bruder, der König, nach Olly und Taffares reisen wolle. Und da er einsah, daß diese Reise gar lange dauern würde, ward er tief betrübt und beschloß, vor der Abfahrt noch einen Versuch zu machen, ob jene Dame ihm denn weiter keine Gunst gewahren wolle. Darum bezog er ein altes baufälliges Holzhaus in der Stadt und der gleichen Straße, wo sie wohnte. Dort legte er um Mitternacht Feuer, und alsbald erhob sich ein groß Geschrei, das auch zum Hause jenes reichen Mannes drang. Der fragte zum Fenster hinaus, wo es brenne. Und als er vernahm, das sei Herrn von Avannes Haus, eilte er unverweilt mit seinen Leuten dorthin und fand den jungen Prinzen im Hemd auf der Straße. Darob erfaßte ihn solches Bedauern, daß er ihn in seine Arme nahm, mit seinem Mantel bedeckte und flugs zu seiner Frau führte, die im Bett lag und zu der er sagte: ›Meine Liebe, ich vertraue dir diesen Gefangenen an; behandle ihn so wohl, als ob ich selbst es wäre.‹

Kaum war er fort, da sprang der Herr von Avannes, der gar wohl als Ehemann behandelt sein mochte, leichtfüßig zu ihr ins Bett und hoffte, diese günstige Gelegenheit könnte vielleicht ihre züchtige Zurückhaltung zum besseren bekehren. Da täuschte er sich aber; denn kaum war er auf der einen Seite hineingeschlüpft, so schlüpfte sie zur andern hinaus, nahm ihr Übergewand um, trat zum Kopfende des Bettes und sprach: ›Vermeintet Ihr, solche Gelegenheiten könnten ein keusches Herz betören? Sie erproben im Gegenteil erst seine Tugend. Glaubet mir, wenn anders ich gewollt hätte, konnte ich schon bessere Gelegenheit finden. Ich mag aber nicht und bitte Euch, jede Hoffnung, Ihr könntet mich anders finden als ich gesagt habe, aufzugeben.‹


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Indessen kamen ihre Mägde, denen sie hieß, allerlei eingemachte Früchte zu bringen. Doch er hatte nun weder Hunger noch Durst, maßen er ob seines mißlungenen Versuches tief verzweifelt war und obendrein fürchtete, nunmehr des vertrauten Verkehrs mit ihr verlustig zu gehen.

Alsbald kehrte auch der Ehemann zurück, nachdem er des Feuers Herr geworden war, und bat Herrn von Avannes so eindringlichst, bei ihm die Nacht zu verbringen, daß dieser einwilligte. Doch verbrachte er sie mehr unter Tränen denn mit Schlafen. Als der Morgen kam, nahm er von ihnen Abschied, derweile sie noch im Bett lagen. Und als er die Frau zum Abschied küßte, ward er inne, daß sie mehr Bedauern als Unzufriedenheit gegen ihn empfand. Das goß wieder neues Öl ins Feuer. Und nach dem Mittagessen zog er mit dem König nach Taffares davon.

Aber je mehr sich nun die Dame um der Tugend willen mühte, ihre Liebe zu verbergen, um so mehr litt sie darunter. Alsbald wurde der Kampf zwischen Liebe und Ehre ihrem Herzen unerträglich. So ward sie von einem dauernden Fieber ergriffen, also daß ihre Glieder vor Kälte erstarben, ihr inneres aber wie in Flammen stand. Die Ärzte, in deren Händen ja der Menschen Wohl niemals wirklich ruht, begannen ob ihrer Krankheit in Sorge zu geraten und rieten dem Mann, seine Frau darauf vorzubereiten, daß sie ihres Seelenheils gedenken möchte – so wie man mit Menschen tut, an deren Leben man verzweifelt. Und der Mann, der seine Frau über alles liebte, ward tief betrübt, und um Trost zu suchen, schrieb er eilends an Herrn von Avannes.

Der kam unverweilt mit Eilpost herbei. An der Tür erblickte er die Diener in tiefer Trauer um ihre Herrin. Wie vom Blitz getroffen blieb er stehen, bis der gute alte Herr hinauseilte und ihn sprachlos vor Tränen umarmte. Dann führte er ihn in das Zimmer der armen Kranken. Die wendete ihm ihren sehnsüchtig-klagenden Blick zu, reichte ihm die Hand, zog ihn, so stark ihre verfallenen Kräfte es erlaubten, an sich, herzte und küßte ihn und sprach alsdann:

›Nun ist die Stunde gekommen, da alle Verstellung weichet und ich Euch die lang verhehlte Wahrheit künden muß. So wisset: Habt ihr mich geliebt – nicht minder hing ich an Euch. Doch Gott und meine Ehre verboten mir, mich Euch zu offenbaren. Zudem hätte ich damit nur Euer Verlangen erhöht. Und das ist nun die Ursache meines Todes geworden. Doch sterbe ich in Frieden, da ich Euch meine Gefühle wenigstens noch enthüllen konnte. Und nun bitte ich Euch, werbet nicht nur um tugendhafte Frauen, maßen ihr Herz in glühenderer Leidenschaft aufflammt. Heißet aber auch die Tugend nicht grausam und haltet sie wert, wie Euer Leben. – Und jetzt lebet wohl, nehmet Euch meines Mannes an und offenbaret ihm die ganze Wahrheit, auf daß er erkenne, wie sehr ich Gott und ihn geliebt habe.‹

Nach diesen Worten umarmte und küßte sie ihn nochmals, so heiß es ihre schwachen Kräfte erlaubten. Und der Prinz, dessen Herz vor Trauer und Mitgefühl schier stille stand, vermochte kein Wort zu sprechen. Er wankte zu einer Lagerstatt, die im Zimmer stand, und fiel, da er darauf lag, mehrmals in Ohnmacht. Inzwischen rief die Frau ihren Mann herbei, tröstete ihn, legte ihm Herrn von Avannes Wohl ans Herz und nahm dann unter Küssen von ihm Abschied. Alsbald gab man ihr die letzte Ölung, so sie voll Freuden empfing, da sie ihrer ewigen Seligkeit sicher war. Und als sie ihre Kräfte schwinden fühlte, hub sie mit lauter Stimme an zu sagen: ›Herr, in deine Hände. . .‹

Bei diesem Rufe richtete sich der Herr von Avannes auf seinem Lager empor und sein klagender Blick gewahrte, daß jene ihre Seele verklärt dem Schöpfer zurückgab. Und als ihm so zum Bewußtsein kam, daß sie tot war, stürzte er zu ihrer Leiche (während er ihr bei Lebzeiten nur zagend zu nahen wagte), umarmte und küßte die Verstorbene und war nur mit Mühe von ihr fortzureißen. Darob war der Ehemann voll Verwunderung; denn nie hatte er gewußt, daß jener ihr so zugetan gewesen war. So sagte er: ›Nun ist es genug!‹ und nahm ihn mit fort. Und nachdem beide lange Zeit zusammen geweint hatten, erzählte Herr von Avannes die Geschichte dieser Freundschaft und wie sie bis zu ihrem Tode jedes Liebeszeichen unter der Maske unerbittlicher Strenge verborgen hatte. Nun verdoppelte sich des Ehemannes Schmerz, eine so ergebene Frau verloren zu haben. Und fortan widmete er sein Leben ganz dem Herrn von Avannes (der damals erst achtzehn Jahre alt war). Der zwar ging alsdann zu Hofe. Doch lange Zeit mochte er keine Frau sehen oder sprechen, und zwei Jahre lang trug er nur schwarze Kleidung. Hier könnt ihr denn also den Unterschied sehen zwischen einem tugendhaften und einem lasterhaften Weibe, und wie verschieden die Wirkungen dieser zwei Liebesformen sind.«

»Wahrlich, Saffredant,« erklärte Oisille, »Eure Erzählung war vortrefflich, und wer, wie ich, die Personen kannte, weiß sie noch um so höher zu schätzen.« – »Bedenket aber immerhin,« entgegnete dieser, »daß die Frau sich tugendhafter zeigen wollte als sie innerlich war, und ob der Unterdrückung ihres natürlichen Triebes dahinstarb.« – »Ihre Tugend war eben so groß,« rief Parlamente, »daß ihre Vernunft stets ihr Begehren überwand.« – »Malt sie so rosenrot, als Ihr möget,« spottete Hircan, »ich finde, hier überwog nur die Hoffahrt die Triebe der Wollust und die Verstellung wob darum ein dichtes Mäntelchen. Schaut recht hin, so werdet ihr finden, daß die Natur die Frauen uns sehr gleich gemacht hat. Nur fürchten sie, die ersehnte Lust zu genießen und vertauschen ein Laster gegen ein schlimmeres, das nur besser aussieht: Ruhmsucht und Grausamkeit; sie hoffen, sich ob ihrer Widerstandskraft gegen das Laster unsterblich zu machen und gleichen am Ende schon nicht mehr den Tieren an Grausamkeit, sondern gar den Teufeln an selbstbewußter Bosheit!«

»Wie schade,« meinte Nomerfide, »daß Ihr eine so anständige Frau Euer Eigen nennt, sintemalen Ihr die Frauen stets als lasterhast hinstellen wollt.« – »Ich bin sehr froh,« entgegnete jener, »daß mein Weib sich nichts zuschulden kommen läßt. Doch in bezug auf Keuschheit sind wir beide Kinder von Adam und Eva. So sollen wir unsere Blöße auch nicht mit Feigenblättern bedecken, sondern lieber unsere Schwächen eingestehen.« – »Das gebe ich gern zu,« sprach Parlamente, »doch wenn wir aus Eigenliebe sündigen, so schadet das den andern nichts und unser Körper wird nicht besudelt. Eure Lust aber ist es, die Frauen zu entehren, gleichwie männermordender Krieg Eure Ehre ist: beides aber widerspricht Gottes Gebots.« – »Sehr wohl!« rief Guebron. »Aber der Herr sprach: ›Wer das Weib unseres Nächsten ansiehet und begehret seiner, der bricht schon die Ehe in seinem Herzen; und wer seinen Nächsten haßt, begeht einen Mord.‹ Sind die Frauen davon ausgeschlossen?« – »Bitte, laßt doch solche Betrachtungen,« unterbrach Saffredant. »Das artet ja in wahre Predigten aus. Ich will Emarsuitte das Wort geben und bitte sie, etwas für unsere Vergnüglichkeit zu sorgen.«

»Dazu war ich bereits entschlossen, als ich heute hierherkam,« hub jene an. »Einst hörte ich die Geschichte zweier Diener einer Prinzessin, und die ist so lustig, daß mir jetzt schon alle Trübsal über eine andere, ernste Erzählung schwindet. Diese werde ich also lieber morgen erzählen, denn heute fände ich doch nicht die nötige gesetzte Stimmung dazu.«

 

 


Siebenundzwanzigste Erzählung

 

Wie ein dummer Schreiber ob der Frechheit, mit der er lüstern dem Weibe seines Gefährten nachstellte, jämmerlich beschämt wird.

 

»Zu Amboise wohnte der Kammerdiener einer Fürstin, ein ehrenwerter Mann, der gern Bekannte zu Gaste sah, und zumal seine Gefährten. So bekam er auch einmal den Besuch eines der Schreiber seiner Herrin, eines häßlichen Kerls mit einem Kannibalengesicht, der zehn oder zwölf Tage bei ihm wohnen blieb. Obgleich der nun gleich einem Bruder und Freund behandelt wurde, vergaß er aller Ehrbarkeit, maßen er wohl solche nie besessen hatte; er stellte nämlich dem Weibe seines Wirtes, das keineswegs etwa liebestoll und begehrlich war, in schamloser und ungeziemlicher Weise nach. Als nun jene seiner Lüsternheit inne ward, entschloß sie sich, durch Verstellung seine Niedertracht zu entschleiern, statt sie durch nachdrückliche Ablehnung wohl verhüllt zu belassen. So tat sie, als wäre sie seinem Vorhaben geneigt. Und er kümmerte sich weder um ihr Alter (sie war an die Fünfzig), noch um ihren Mangel an Reizen, noch gar um den Ruf ihrer Wohlanständigkeit und Liebe zu ihrem Mann, und da er sie jetzt gewonnen glaubte, ließ er schon gar nicht mehr locker.

Eines Tages nun war ihr Mann im Hause beschäftigt und sie mit dem Schreiber allein in einer Stube. Da erklärte sie ihm mit gutgespieltem Bedauern, leider wüßte sie keinen sicheren Ort, um ungestört, so wie er es wolle, mit ihm zu kosen; und flugs riet er ihr, in das Dachgeschoß zu gehen. Alsbald erhob sie sich, doch hieß sie ihn, voranzugehen. Er grinste zuckersüß, gleichwie ein brünstiger Affe, und klomm eifrig die Stiege hinauf. Als er aber oben ihrer harrte und die Glut seines Begehrens – nicht etwa hell flammte wie Wachholderzweige, sondern trübe schwelte gleich einer schmutzigen Kohle, da vernahm er statt ihres Schrittes die Worte: ›Wartet ein weniges, Herr Schreiber, ich will erst meinen Mann fragen, ob es ihm recht ist, wenn ich mit Euch kose.‹

Stellt euch bitte sein Gesicht vor, als er heulend herbeilief – maßen er doch lachend schon so häßlich war – und sie bei Gott beschwor, doch ja nichts zu sagen und gar die Freundschaft zu seinem Gefährten zu zerstören. Sie aber entgegnete: ›Sicherlich liebt Ihr ihn so herzlich, daß Ihr nur Dinge wünscht, die auch ihm Freude machen. Deshalb will ich es ihm erzählen.‹ Und das tat sie trotz allen Jammerns und Bittens. Da floh er also beschämt von dannen, wie der Ehemann ob der List seines Weibes erfreut war. Ja, die Tugend seiner Frau beglückte ihn so, daß er der Lasterhaftigkeit seines Gefährten gar nicht weiter gedachte und ihn für genügend bestraft hielt mit der Schande, die nun über ihn selbst gekommen war.

So mag man sich als anständiger Mensch wohl hüten, Gäste bei sich aufzunehmen, deren Gewissen und Begriffsvermögen von Gott, Ehre und wahrer Liebe nichts wissen.«

»War Eure Erzählung auch kurz,« meinte Oisille, »so pries sie doch in selten anmutiger Weise die Ehrbarkeit der Frau« – »Bei Gott« rief Simontault, »dazu gehört wahrlich keine große Ehrbarkeit, einen so häßlichen Kerl abzulehnen. Wäre jener Schreiber jung und schön gewesen, dann hätte sie viel mehr ihre Sittsamkeit erweisen können. Da könnte ich Euch aber, wenn ich an der Reihe wäre, eine nicht minder vergnügliche Geschichte erzählen« – »Wenn’s weiter nichts ist,« entgegnete Emarsuitte, »so gebe ich Euch gern das Wort.« Und jener hub alsbald folgendermaßen an:

»Wer am Hofe oder in großen Städten lebt, hält sich meist für besonders klug. Doch gibt es allenthalben Menschen, die gar schlau und listig sind. Und wenn nun jene, die sich stolz für die klügeren halten, den kürzeren ziehen, ist der Spott um so größer, wie ich euch durch jene kürzlich vorgefallene Geschichte erweisen will.«

 

 


Achtundzwanzigste Erzählung

 

Ein Schreiber glaubt jemanden zu überlisten, wird aber selbst hineingelegt, und daraus entstehen allerlei spaßhafte Folgen.

 

»Als der König Franz, der erste seines Namens, mit seiner Schwester, der Königin von Navarra, zu Paris weilte, hatte diese einen Schreiber, der wahrlich keinen Heller zur Erde fallen ließ, ohne ihn aufzuheben. Solchermaßen suchte er jedes Präsidenten oder Rates Bekanntschaft und verkehrte angelegentlichst bei Kaufleuten und reichen Männern.

Nun kam auch eines Tages ein Kaufmann aus Bayonne nach Paris. Der hieß Bernard du Ha und war hierher gereist, weil er außer seinen Geschäften auch des Rates und der Hilfe des Stadtrichters bedurfte, der ein Landsmann von ihm war. Nun besuchte jener Schreiber oftmals den Richter, der seiner Herrschaft treu ergeben war. Als er derart eines Feiertages wieder zu ihm ging, fand er weder ihn noch sein Weib, wohl aber besagten Bernard du Ha, der just auf einer Laute spielte und den Mägden die Sprünge des Gascogner Tanzes lehrte. Der Schreiber wollte ihn überzeugen, daß er damit nicht recht täte und der Richter und sein Weib sicher unzufrieden sein würden. Und nachdem er ihm so bange gemacht hatte, daß jener ihn bat, die Sache totzuschweigen, fragte er: ›Was gebt Ihr mir dafür, daß ich reinen Mund haltet?‹

Bernard du Ha war aber gar nicht so ängstlich als er tat, und wie er nun sah, daß jener ihn betrügen wollte, versprach er ihm eine unübertreffliche baskische Schinkenpastete, wie er nie eine bessere gesehen habe. Der Schreiber bat ihn hocherfreut, ihm die Pastete am Sonntag zuzustellen. Und als ihm das zugesagt wurde, eilte er beglückt zu einer Dame, die er für sein Leben gern geheiratet hätte, und sagte zu ihr: ›Ich werde, wenn es Euch recht ist, am Sonntag zu Euch zum Essen kommen. Ihr braucht aber nur für Brot und Wein zu sorgen, denn ich habe einen dummen Gascogner übertölpelt, der nun für den Rest sorgen muß. So werden wir den besten baskischen Schinken der Welt zu essen bekommen!‹

Flugs lud die Dame noch zwei oder drei hochachtbare Nachbarinnen ein und versprach ihnen ein ganz neues Gericht. Und als nun der Schreiber den Kaufmann am Sonntag suchte, traf er ihn auf der Wechslerbrücke, grüßte ihn gar anmutsvoll und rief: ›Wo zum Teufel steckt Ihr denn? Ich habe Euch wie eine Stecknadel gesucht!‹ Bernard du Ha entgegnete, mancher hätte sich oft schon mehr Mühe gegeben, ohne am Ende mit solch trefflichem Bissen belohnt zu werden; und damit zeigte er ihm unter dem Mantel die Pastete, die so groß war, als sollte ein ganzes Heer damit gespeist werden. Darüber ward der Schreiber so voller Freuden, daß er sein häßliches großes Maul spitzte, als bisse er bereits in den Schinken hinein. Hastig riß er die Pastete an sich, lud den Kaufmann nicht einmal mit ein und rannte zu dem Weiblein, um es kosten zu lassen, wieviel besser solche Guyenner Leckerbissen wären als die Pariser.

Und als sie sich nun zum Essen setzten und die Suppe zu löffeln begannen, da rief er: ›Laßt dies fade Essen stehen und versucht lieber diesen herrlichen Gaumenkitzel.‹ Damit versuchte er die Pastete aufzuschneiden. Doch sie war so hart, daß das Messer abglitt. Und nach mehreren vergeblichen Versuchen gewahrte er, daß es ein Gascogner Holzschuh war, den man sorglich geschwärzt, mit Kohle beschmiert und mit Eisenstaub und wohlriechenden Gewürzen bestreut hatte.

Als der Schreiber sich also genasführt sah von dem, den er selbst zu betrügen vermeinte, fiel er aus allen Wolken und war um so betretener, als er so gerade die gedutzt hatte, der er eine Freude schaffen wollte. Und obendrein mußte er sich nun mit einem mageren Süpplein begnügen. Auch die Damen waren herzlich enttäuscht und hätten ihm gern einen Vorwurf gemacht, wenn sein Gesicht nicht noch enttäuschter gewesen wäre. So mußte der Herr Schreiber mit etwas Brühe mäßig gespeist und zorngeschwellt von dannen ziehen.

Doch da Bernard du Ha also sein Versprechen nicht gehalten hatte, wollte der Schreiber auch seines brechen und ging flugs zu dem Richter, um jenen schlecht zu machen. Bernard war ihm aber zuvorgekommen und hatte dem Richter die geheimnisvolle Geschichte bereits erzählt. So belehrte denn der Richter den biederen Schreiber mit dem schönen Spruch: ›Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.‹

Das mögen sich die Überklugen merken. Denn: ›Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.‹ Und um nun keine Zeit zu verlieren, will ich gleich meine Stimme Nomerfide geben, die uns sicher auch keine zu lange Geschichte erzählen wird.«

»Gut,« meinte diese, »euern Wunsch kann ich erfüllen. Ich meine, es ist eigentlich nicht erstaunlich, wenn sich Prinzen und wohlerzogene Menschen mit List aus gefährlichen Lagen retten; vielmehr erweist sich die Erfindungsgabe in Liebeslagen am eindringlichsten bei beschränkten Menschen, und so will ich euch von den Streichen eines Priesters erzählen, der nur Liebesgedanken im Kopfe hatte, maßen er ansonsten so ungebildet war, daß er kaum eine Messe sagen konnte.«

 

 


Neunundzwanzigste Erzählung

 

Ein Bauerntölpel, dessen Weib mit dem Pfarrer der Liebe pflegt, läßt sich leichtlich hinters Licht führen.

 

»In dem Dorfe Arcelles in der Grafschaft Maine heiratete ein reicher Bauer auf seine alten Tage ein schönes junges Weib. Das beschenkte ihn zwar nicht mit Kindern, doch tröstete sie sich dafür mit etlichen guten Freunden. Und wenn es ihr an Edelleuten und sonstigen ansehnlichen Herren fehlte, so nahm sie zur Kirche ihre Zuflucht und erkor zum Genossen ihrer Sünden den Mann, der sie eigentlich ihrer Sünden ledig sprechen sollte: den Herrn Pfarrer, der als fürsorglicher Hirte oft sein verirrtes Schaf aufsuchte.

Der alte, schwerfällige Ehemann argwöhnte nicht das geringste. Doch da er ein grober, handfester Kerl war, so hielt sein Weib solche geheimen Freuden wohl verborgen, denn es fürchtete, er könne solch einen Liebhaber einfach totschlagen, wenn er ihn abfinge.

Eines Tages nun war er draußen beschäftigt, und da sein Weib vermeinte, er würde erst spät wiederkehren, ließ es den Herrn Pfarrer holen, um ihm zu beichten. Während sie nun just in die schönsten Betrachtungen über außereheliche Sünden versunken waren, kam der Ehemann heim, und zwar so überraschend, daß der Pfarrer nicht mehr aus dem Hause entwischen konnte. Und um sich zu verbergen, stieg er auf Rat der Frau auf den Bodenspeicher und deckte die Falltür mit einer Kornschwinge zu.

Inzwischen trat der Ehemann ins Haus, und maßen sein Weib jedem Argwohn aus dem Wege gehen wollte, setzte es ihm flugs das Essen vor und gab ihm so reichlich zu trinken, daß er darob und nach der Feldarbeit auf einem Stuhl vor dem Herde einschlief. Der Pfarrer begann sich bald in seinem Speicher zu langweilen, und als er keinen Laut mehr in der Stube vernahm, öffnete er die Klappe, machte einen langen Hals und sah also, daß der gute Alte schlief. Doch beim Hinunterschauen stützte er sich versehentlich auf die Kornschwinge, also daß diese und er mit ihr hinunterpurzelten und neben dem schlafenden Bauern niederfielen. Der wachte von dem Lärm auf, doch der Pfarrer war schon auf den Beinen, ehe jener aus den Augen sehen konnte, und sagte: ›Gevatter, hier ist Eure Kornschwinge; und übrigens schönen Dank!‹ Und flugs machte er sich davon. Der arme Bauer fragte sein Weib ganz verblüfft: »Was soll das heißen« Und die antwortete: »Ach, der Pfarrer hatte Eure Kornschwinge entliehen, und eben brachte er sie zurück.« Da brummte der Mann unzufrieden: »Dann braucht er doch nicht solchen Lärm zu machen. Ich glaubte schier, das Haus fällt zusammen.« Also rettete sich der Pfarrer, indem er den Bauern überlistete, der sich am Ende nur über den Lärm ärgerte. Damals, meine Damen, verschonte also Gott seinen Diener, um ihn länger auf Erden zu lassen und zu strafend »Glaubet nur ja nicht,« erklärte Guebron, »daß die Menschen niederen Standes ohne Ränke sind; vielmehr sind sie schier verschlagener als wir. Seht nur die Spitzbuben, Mörder, Schwarzkünstler, Falschmünzer und ähnliches Gesindel an, die immer neuen Trug ersinnen: alle sind es arme Leute und Arbeiter« – »Ich finde das auch gar nicht so merkwürdig,« versicherte Parlamente. »Vielmehr wundere ich mich, daß sie überhaupt von Liebesgefühlen gequält werden und daß ein so zartes Gefühl seinen Weg in so unedle Herzen findet.« »Ach, edle Frau,« rief Saffredant, »vergeßt Ihr denn das Verslein von Johann de Meun:

 

›Verliebte Launen findet man
Beim Adel wie beim schlichten Mann.‹

Auch sind die eben beschriebenen Liebesgefühle nicht die gleichen, wie wir sie unter dem Harnisch tragen. Der niedere Stand genießt zwar nicht unsere Ehren und Reichtümer, dafür aber manch andere Annehmlichkeiten. Ihr Essen ist frugaler, aber nährt sie besser, als uns die schmackhafte Küche. Ihre Betten sind härter, aber sie schlafen darauf besser. Ihre Frauen sind nicht geputzt und geschminkt wie die unseren, die wir vergöttern, dafür aber ergötzen sie sich öfter und genußreicher an ihnen wie wir und brauchen dabei nur das Geschwätz – neugieriger Vögel zu fürchten. Was wir besitzen, fehlt ihnen wohl, was uns aber fehlt, das haben sie im Überfluß« – »Um Gottes willen, laßt die Bauern bei ihren Glücksgütern,« unterbrach Nomerfide, »sonst werden wir vor der Vesperstunde nicht fertig. Hircan wird unsern Tag beschließen.«

»Mit einer tieftraurigen Geschichte,« sprach der. »Zwar ist es mir gar nicht erwünscht, etwas Schlechtes von einer Frau zu erzählen, weil die boshaften Männer das verallgemeinern und dann alle schelten. Der Vorfall aber, der mir gerade in den Kopf kommt, ist so seltsam, daß ich meine Scheu überwinde; und vielleicht macht es die Frauen einsichtiger, wenn sie diesen Fall von Unüberlegtheit erfahren.«


Dreißigste Erzählung

 

Ein merkwürdiger Fall menschlicher Schwäche, wo das Bestreben, die Ehre zu retten, aus dem Regen in die Traufe führt.

 

»Damals, als unter Ludwig dem Zwölften Georg von Amboise Legat in Avignon war, lebte in Languedoc eine Dame, deren Name ich um ihrer Familie willen verschweigen will. Sie war sehr jung Witwe geworden, besaß nur einen Sohn, mehr denn viertausend Taler Rente und war aus Liebe zu ihrem verstorbenen Manne und dem Kinde entschlossen, sich nicht wieder zu verheiraten. Daher verkehrte sie, um jede Versuchung zu vermeiden, nur mit frommen Menschen, lebte ganz einem gottergebenem Wandel und floh so sehr jede Geselligkeit, daß sie selbst einer Hochzeit oder einem Orgelkonzert nur mit Gewissensbissen beiwohnte. Als ihr Sohn sieben Jahre alt wurde, ließ sie ihn von einem gottergebenen Manne in Gottesfurcht und Sittsamkeit erziehen. Doch als das fünfzehnte Jahr nahte, lehrte ihn die Natur, die geheimnisvolle Lehrerin, allerlei anderes, davon jener Lehrer nichts sagten; denn der Knabe war viel zu wohlgenährt und unbeschäftigt, und so schaute er bald nach Dingen, die ihm wohlgefielen, so etwa nach einem Mägdelein, das in der Stube der Mutter jenes Knaben schlief. Davon ahnte natürlich niemand etwas und darum nahm man sich vor ihm so wenig in acht wie vor einem kleinen Kinde und zudem redete man ja fast nur von Gott.

Dieser Jüngling begann also dem Mägdelein heimlich nachzustellen. Das ging zu seiner Herrin und sagte es ihr, aber die Mutter vermeinte, sie täte das nur, um gegen den Jungen zu hetzen. Als nun aber das Mägdelein ihr dieserthalben weiter zusetzte, sprach sie: Ich werde feststellen, ob das wahr ist, und ihn gehörig züchtigen, wenn Ihr recht habt. Habt Ihr aber unrecht, so treffen Euch die Folgen.‹

Um nun die Probe zu machen, hieß sie dem Mägdelein, es solle dem Sohne zu verstehen geben, daß er nachts zu ihr käme, maßen es nahe der Tür ihr Bett stehen hatte. Das Mägdelein tat also, und als der Abend kam, legte sich die Dame an ihrer Stelle in jenes Bett; denn sie war entschlossen, ihn gegebenen Falles so derb zu strafen, daß ihm die Lust, Frauen heimzusuchen, verginge. Während sie dies bedachte, kam ihr Sohn in die Stube und schlüpfte in das Bett. Mochte sie nun geglaubt haben, daß er doch nichts Unehrenhaftes tun würde, oder wollte sie erst Beweise seiner lasterhaften Gesinnung abwerten, in der Meinung, ein so junger Mensch wäre zu solch schändlicher Wollust noch nicht entwickelt genug – kurz, sie ließ ihn gewähren, bis plötzlich des Fleisches Schwäche sie übermannte, bis sie ihre Eigenschaft als Mutter vergaß und ihr Zorn sich in schändliche Sinnenfreude verwandelte. Und so wie ein gestauter Strom alles fortreißt, wenn das Hindernis fortfällt, so riß plötzlich die Begier all die stolze Zurückhaltung hinweg, die sie ihrem Körper auferlegt hatte, Und als sie erst den ersten Schritt gemacht hatte, war sie schnell beim letzten angelangt und so ward sie noch in dieser Nacht von ihrem Sohne schwanger, den sie hatte hindern wollen, andere Frauen mit Kindern zu beschenken.

Kaum aber war die Sünde begangen, da ergriff sie die Qual namenloser Reue, die sie ihr ganzes Leben auch nie wieder verließ. Doch setzte sie gleich so brennend ein, daß sie aussprang – derweile ihr Sohn immer nur vermeinte, es sei jenes Mägdelein –, in eine Kammer eilte und in Gedanken an ihren löblichen Entschluß und sein klägliches Scheitern die ganze Nacht unter Weinen und Klagen einsam verbrachte. Doch die Hoffahrt in ihrem Herzen ward nicht geheilt, sondern verleitete sie zu neuen Torheiten in dem Streben, jene Sünde gutzumachen.

Am nächsten Tage nämlich ließ sie den Erzieher ihres Sohnes kommen und sagte zu ihm: »Mein Sohn ist nun so weit erwachsen, daß er aus dem Hause muß. Ein Verwandter von mir gehört zum Gefolge des Großmeisters von Chaumont, der wird ihn gern zu sich nehmen. Deshalb gehet mit ihm über die Alpen dorthin, und um mir den Abschiedsschmerz zu erleichtern, reiset mit ihm ab, ohne daß er mir Lebewohl sagt.« Und damit gab sie ihm das nötige Reisegeld, und am selben Morgen noch reiste der Jüngling sehr erfreut von dannen; maßen er sich nämlich nunmehr an einer Freundin verlustiert hatte, wollte er gern auch das Kriegshandwerk erlernen.

Lange Zeit lebte nun die Dame in Trübsinn und Trauer, und nur die Furcht vor Gottes Strafe hinderte sie, die unselige Frucht ihres Leibes abzutreiben. Um die Wahrheit zu verhüllen, stellte sie sich krank. Doch als die Zeit der Niederkunft nahte, bedachte sie, daß sie von allen ihren Freunden zu einem Bastardbruder von ihr das meiste Vertrauen haben konnte, den sie immer mit Wohltaten überhäuft hatte. Den ließ sie holen, erzählte ihm ihr Mißgeschick (doch verschwieg dessen Urheber) und bat ihn, ihre Ehre zu retten. Also tat er: wenige Tage vor der Niederkunft riet er ihr einen Luftwechsel an und forderte sie auf, bei ihm sich zu erholen. Mit nur wenigen Dienern kam sie also zu ihm ins Haus. Dort war bereits eine Wehmutter, die angeblich der Frau des Bruders beistehen sollte und sie nicht kannte. Mit deren Hilfe gebar sie eines Nachts ein Kind, eine wunderschöne Tochter. Und der Edelmann gab es einer Amme und ließ es unter seinem Namen großziehen.

Nachdem die Dame dort einen Monat geblieben war, kehrte sie wieder nach Hause zurück und lebte noch sittenstrenger denn zuvor unter Fasten und Kasteiungen. Inzwischen war ihr Sohn groß geworden, und da in Italien kein Krieg mehr war, übersandte er seiner Mutter die Bitte, wieder heimkommen zu dürfen. Sie aber fürchtete in das alte Übel zurückzuverfallen und wollte es nicht zugeben. Doch als er immer weiter drängte und sie doch gar nichts vorschieben konnte, ließ sie ihm sagen, er dürfe nur vor sie treten, wenn er eine Frau zu eigen hätte, die er herzlich liebe. Reich brauche sie nicht zu sein, aber edler Abkunft.

Indessen ward ihr Bruder, der Bastard, inne, daß seine angenommene Tochter groß und vollendet schön geworden war, und so bedachte er, es sei gut, sie auswärts unterzubringen, wo sie unbekannt wäre. So sandte er sie auf Rat der Mutter zur Königin von Navarra. Und da das Mägdelein, das inzwischen zwölf oder dreizehn Jahre alt geworden war, sich als so wunderschön und tugendhaft erwies, schloß die Königin sie in ihr Herz und wünschte sie mit einem angesehenen Mann zu vermählen. Maßen sie aber arm war, fand sie nur Verehrer, keine Brautwerber.

Da kam eines Tages ihr natürlicher Vater, jener junge Edelmann, über die Alpen her zum Hofe der Königin, und kaum hatte er das Mägdelein erblickt, so liebte er es schon. Und da er ob des Geheißes seiner Mutter sicher war, daß diese ihm nichts dawider sagen würde, hielt er bei der Königin um des Mägdeleins Hand an; und die willigte gern ein, da sie seinen Reichtum und seine Ehrenhaftigkeit kannte.

Nachdem die Ehe vollzogen war, schrieb er seiner Mutter, nun könne sie seine Rückkehr nicht mehr verwehren, denn er führe ihr eine wahrhaft vollkommene Schwiegertochter zu. Aber als die Dame sich erkundigte, wen er geheiratet habe, ward sie inne, daß es ihrer beider Tochter war. Hierob ward sie so verzweifelt, daß sie fast gestorben wäre; denn sie sah nun, daß sie das Unheil um so schlimmer machte, je mehr sie es verhüten wollte. Und da sie nicht wußte, was tun, so ging sie zu dem Legaten von Avignon, beichtete ihm ihre grauenhafte Sünde und erbat sich seinen Rat. Der ließ etliche Doktores theologiae rufen, um ihr Gewissen zu beruhigen, unterbreitete ihnen ohne Namensnennung den Fall und eröffnete alsdann der Dame: sie dürfe ihren Kindern nie enthüllen, wie es mit ihnen stände. Denn jene hätten in ihrer Unwissenheit keine Sünde begangen; sie hingegen müsse nun ihr Lebelang büßen, ohne es sich aber merken zu lassen.

Alsbald kehrte denn also die Dame wieder heim, und bald kamen dann auch ihre Kinder, die sich in so heißer Liebe zugetan waren, daß ihre Zuneigung kaum je ihresgleichen finden dürfte; immerhin war sie ja aber auch zugleich seine Tochter, seine Schwester und sein Weib, und er hinwiederum ihr Vater, Bruder und Gatte. Und ihre Liebe ließ niemals nach; die arme Mutter aber, die unter Kasteiungen lebte, konnte nie mit ansehen, daß jene sich herzten, ohne von dannen zu eilen und bitterlich zu weinen.

Das ist ein Beispiel dafür, wie es denen ergeht, die aus eigener Kraft Liebe und Natur und alle gottgegebenen Kräfte zu überwinden vermeinen.«

»Wahrlich,« rief Parlamente, »mit jedem Schritt zum Selbstvertrauen entfernt sich der Mensch vom Gottvertrauen.« – »Wer weise ist,« sprach Guebron, »der erkennt sich selbst als seinen schlimmsten Feind« – »Nie sollte eine Frau wagen, bei einem Mann zu schlafen,« versicherte Longarine, »mag er ihr auch noch so nahe verwandt sein; denn Pulverfässer sind eben feuergefährlich.« »Das kann auch nur ein ruhmsüchtiges Weib tun,« bestätigte Emarsuitte, »das sich für heilig hält und vermeint, sündhafte Begierden könnten ihm nichts antun.« – »Wäre es möglich,« fragte Oisille, »daß es Toren gibt, die so etwas glauben können?«

»Schlimmer noch,« erzählte Longarine. »Sie sagen, man müsse sich an die Keuschheit gewöhnen. Und um ihre Kräfte zu erproben, kosen sie mit den schönsten Frauen und prüfen, ob ihr Fleisch allen Küssen und Berührungen abgestorben ist. Fühlen sie, daß sie solches wollüstig erregt, so ziehen sie sich zurück, fasten und kasteien sich grausam; und ist ihr Fleisch endlich also zermürbt, daß es weder bei Kosen noch Küssen in Erregung kommt, so unterziehen sie sich jener blödsinnigen Verführung, schlafen mit Frauen und suchen sie ohne Lüsternheit zu umfangen. Aber auf einen, dem es glückte, kamen so viele Unterlegene, daß der Erzbischof von Mailand, wo diese Übung betrieben wurde, die Geschlechter trennte und die Frauen m die Männerklöster, die Männer in Frauenklöster steckte.«

»Wahrhaftig, das heißt schon dem Irrsinn die Krone aufsetzen,« rief Guebron, »seine Sündlosigkeit erstreben und dazu solche Versuchung selbst suchen.« – »Manche fliehen im Gegenteil jede Versuchung,« meinte Saffredant, »aber die Lüsternheit folgt ihnen auf den Fersen. Der Heilige Hieronymus verbarg sich in der Wüste und geißelte sich vergebens: dennoch konnte er die Glut nicht stillen, die in seinem Marke tobte.«

»Aber merkt ihr denn nichts unterbrach Hircan, »solange wir erzählten, überhörten die Mönche hinter der Hecke die Vesperglocke; seit wir von Gott reden, sind sie fortgegangen und läuten nun zum zweiten Male.« – »So wollen wir ihnen flugs folgen,« sprach Oisille, »und Gott für diesen fröhlichen Tag danken.« Alsbald hörten sie also die Messe, speisten hernach und besprachen mancherlei Ereignisse, ob diese erzählenswert sein könnten. Und schließlich, nachdem sie auch den Abend froh verbracht hatten, legten sie sich zu sanfter Ruhe nieder in der Hoffnung, ihr unterhaltsames Beginnen fortzuführen. Und so endete der dritte Tag.

 

 


Der vierte Tag

 

Frau Oisille stand ihrer guten Gewohnheit zufolge früher auf als die anderen und erwartete die Gesellschaft, so sich nach und nach einfand. Die faulen Herren entschuldigten sich mit der Erklärung: »Ich habe eine Frau und darum konnte ich nicht so früh kommen.« So Hircan und Parlamente, die recht spät und weit nach Beginn der Vorlesung kamen. Dann aber waren alle höchlichst erbaut, besuchten andächtig die Messe und setzten sich zu Tisch. Dort neckte Hircan wieder seine Frau ob ihrer Faulheit. Nach dem Mahl bedachten sie ihre Erzählungen und ruhten, und zur gewohnten Stunde fanden sich alle pünktlich an Ort und Stelle ein. Alsbald wandte sich Oisille an Hircan und fragte ihn, wem er seine Stimme für die erste Geschichte dieses Tages gäbe. Der erwiderte: »Hätte meine Frau nicht gestern begonnen, so würde ich ihr das Wort geben. Denn heute hat sie mir bewiesen, daß sie mich mehr liebt als Gott und sein Wort, maßen sie Euern Vortrag versäumte, um mir Gesellschaft zu leisten. Da ich also das Wort nicht der verständigsten Frau unter uns geben kann, so erteile ich es dem gesetztesten Mann, nämlich Guebron, und ersuche ihn, die Mönche ja nicht zu schonen.« Und Guebron Hub also an: »Das braucht mir niemand anzuempfehlen, denn ich hatte mir bereits dergleichen vorgenommen. Unlängst nämlich vernahm ich Herrn von Saint-Vincent, den damaligen Gesandten des Kaisers, einen beherzigenswerten Vorfall berichten.«

 

 


Einunddreißigste Erzählung

 

Mit welch scheußlicher Grausamkeit ein Franziskaner seine schändliche Geilheit zu befriedigen suchte und wie er dafür gestraft wurde.

 

»In den Landen Kaiser Maximilians von Österreich stund ein hochgeachtetes Franziskanerkloster unweit von dem Hause eines Edelmannes, der die Mönche über die Maßen verehrte und sie mit Gaben überhäufte, um an ihren Wohltaten, Fasten und Kasteiungen teilzuhaben. Zu jener Brüderschaft gehörte nun auch ein hochgewachsener, schöner Mönch, der des Edelmannes Beichtvater wurde und bald in dessen Hause mehr zu sagen hatte als jener selbst. Maßen aber dieser Franziskaner die Edelfrau unvergleichlich schön und klug fand, verliebte er sich in sie, also daß er Essen und Trinken vergaß und aller Vernunft bar wurde.

Eines Tages entschloß er sich kurz und gut, zum Ziele zu gelangen. Dieserthalben begab er sich in des Edelmannes Haus, und da jener nicht daheim war, fragte er die Frau, wohin er gegangen sei. Die entgegnete, ihr Mann sei auf eines seiner Güter gereist und würde zwei bis drei Tage fernbleiben; wenn er ihn aber dringend sprechen müsse, wolle sie einen Eilboten an ihn senden. Das lehnte der Franziskaner ab und begann alsbald im Hause hin und her zu laufen wie ein Mensch, der etwas Wichtiges im Sinne hat. Als er das Zimmer verlassen hatte, sagte die Frau zu einer der beiden Mägde, die bei ihr waren: »Geh’ zu dem guten Pater und frag’ ihn, was er will; er sieht so unzufrieden aus.«

Die Magd ging zu ihm auf den Hof und fragte ihn, ob er etwas wünsche. Er sagte ja, zog sie in eine Ecke und stieß ihr einen Dolch in die Kehle, den er im Ärmel verborgen hatte. Kaum hatte er dies vollbracht, so kam ein Knecht auf den Hof geritten, der die Pacht eines Gutshofes brachte. Sobald der vom Pferd stieg und den Mönch grüßte, so umfaßte ihn dieser, als wolle er ihn umarmen, stach ihm von hinten den Dolch ins Herz und verschloß alsdann das Tor.

Als nun die Dame sah, daß ihre Magd nicht zurückkam, verwunderte sie sich, was jene bei dem Mönch verweile, und hieß ihrer andern Zofe: »Sieh nach, wo das Mädel bleibt.« Die ging. Doch kaum war sie die Treppe hinabgestiegen und des Paters ansichtig, so zog er auch sie in einen Winkel und ermordete sie gleich den anderen. Maßen er nun allein im Hause war, begab er sich zu der Dame und erklärte ihr: er sei schon längst in sie verliebt, und nun sei die Stunde der Erfüllung gekommen.

Daran hatte die Frau nie je gedacht, und so erwiderte sie: »Ehrwürdiger Vater, ich glaube, Ihr würdet mich als erster steinigen, wenn ich so Schändliches im Sinne hätte.« Der Pater aber sprach: »Geht in den Hof und sehet, was ich getan habe.« Als sie dort die Leichen ihrer Mägde und des Knechtes erblickte, erschrak sie so furchtbar, daß sie gleich einer Bildsäule erstarrte und keinen Laut hervorbrachte. Der Schandbube wollte aber mehr denn einen flüchtigen Genuß. Daher nahm er sie nicht gewaltsam, sondern erklärte ihr: »Bangt Euch nicht, Gnädigste, denn Ihr seid in der Hand eines Mannes, der Euch liebt.« Und damit öffnete er seine Kutte, zog daraus einen kleineren Mönchskittel hervor, gab ihr den und eröffnete ihr, sie müsse ihn anziehen oder sie würde das Schicksal jener Ermordeten teilen.

Mehr tot als lebendig entschloß sie sich, seinem Gebot zu gehorchen, um einerseits ihr Leben zu retten, und zudem in der Hoffnung, daß ihr Mann vielleicht inzwischen heimkehren würde. Auf Geheiß des Mönches löste sie zunächst ihre Haare, doch so langsam als möglich, um Zeit zu gewinnen. Kaum hingen die lose herab, da schnitt der Mönch sie eiligst ab, ohne ihre Schönheit weiter zu beachten, ließ sie dann sich bis aufs Hemd entkleiden, zog ihr die kleinere Kutte an, nahm die seine wieder um und eilte dann flugs mit seinem so lange erstrebten »Mönchlein« davon.

Gott aber erbarmte sich solcher schuldlosen Pein, da er die Tränen jener Frau gewahrte. Und so kehrte der Edelmann, dessen Angelegenheiten sich unerwartet schnell erledigt hatten, auf dem gleichen Wege heim, auf dem jene davongingen. Als der Franziskaner seiner von ferne gewahr wurde, erklärte er ihr: »Da kommt Euer Mann. Wenn Ihr ihn anblickt, wird er Euch meinen Händen entreißen wollen; daher gehet vor mir her und wendet das Gesicht von ihm ab. Würdet Ihr ihm auch nur das kleinste Zeichen geben, so bekämet Ihr den Dolch eher in die Kehle, als er Euch aus meiner Hand befreien könnte.«

Der Edelmann ritt vorbei ohne sein Weib zu erkennen. Er fragte den Franziskaner, woher er käme, und der erwiderte: »Von Eurem Hause, wo Eure Frau Euer harrt. Es geht Ihr sehr gut.« Des Edelmannes Diener aber, der hinterher kam und stets mit dem Gefährten jenes Paters, einem Bruder Johann, zu plaudern pflegte, sprach seine Herrin an, da er sie für diesen Johann hielt. Das arme Weib wagte nicht den Kopf zu wenden und sprach keinen Ton. Um nun das Gesicht zu sehen, ritt er über den Weg hinüber. Da blinzelte sie ihm mit tränenfeuchten Augen zu. Schnell eilte der Knecht seinem Herren nach und sagte: »Ach Herr, als ich auf die andere Seite des Weges ritt, erblickte ich das Gesicht des anderen Mönches: das war nicht Bruder Johann, sondern er glich Eurer Gemahlin, die mir mit tränenden Augen jammervolle Blicke zuwarf.«

Der Edelmann erwiderte, er träume wohl, und beachtete seine Worte nicht. Doch der Knecht bestand auf seiner Angst und bat um die Erlaubnis, jenen nachzueilen, derweile sein Herr hier warten solle, ob er recht hätte. Der Edelmann war damit einverstanden und hielt an, um des Knechtes Antwort abzuwarten. Als nun aber der Mönch den Knecht kommen sah und hörte, daß der nach dem »Bruder Johann« rief, argwöhnte er, daß jener die Dame erkannt habe, hob seinen eisenbeschlagenen Stock empor und hieb dem Knecht damit so gewaltig in die Seite, daß er vom Pferde stürzte. Und flugs sprang der Pater auf seine Brust und schnitt ihm die Gurgel durch.

Der Edelmann sah seinen Diener stürzen. Doch vermeinte er, das sei durch Ungeschick geschehen, und eilte herbei, um ihm aufzuhelfen. Kaum sah ihn der Mönch kommen, da schlug er ihn gleich dem Knecht nieder und sprang auf ihn zu. Der Edelmann war aber gewaltig stark. Daher gelang es ihm, jenen so zu umfassen, daß er ihn unschädlich machte und ihm den Dolch aus der Faust schlug. Den hob sein Weib unverweilt auf, gab ihn dem Ehemann und hielt mit aller Kraft den Franziskaner an der Kapuze fest, während ihr Mann jenem etliche Dolchstiche versetzte, bis er um Gnade bat und seine Schandtat eingestand. Der Edelmann wollte ihn aber nicht töten. So hieß er sein Weib nach Haus zu laufen und Leute mit einem Karren herbeizurufen. Also tat sie: nachdem sie die Kutte abgestreift hatte, lief sie im Hemd mit geschorenem Kopf bis zu ihrem Haus.

Alsbald kamen ihre Leute angelaufen, eilten flugs zu ihrem Herrn, um ihm beim Heimschaffen des gefangenen Wolfes zu helfen, und schleppten ihn in des Edelmannes Haus. Der ließ ihn sodann dem Kaiser in Flandern vorführen, wo der Bösewicht seine Niedertracht zugab. Und ob seines Geständnisses und durch eine örtliche Untersuchung stellte sich heraus, daß eine Menge Edelfrauen und Mägdelein in jenes Kloster in ganz gleicher Weise verschleppt worden waren, wie der Franziskaner es in diesem Falle getan hatte. So wurde alles geraubte Gut nebst den Frauen, die dort waren, säuberlichst hinausgeschafft, das Kloster mit den Mönchen darin zugesperrt und zum ewigen Gedächtnis an diese Untaten niedergebrannt. So kann man erkennen, daß nichts grausamer ist als verbrecherische Liebe, gleichwie nichts preislicher ist als die zarten Gefühle eines tugendsamen Herzens.

Ich bedaure sehr, meine Damen, daß ich um der lieben Wahrheit willen nichts zum Lobe der Franziskaner zu sagen weiß, obgleich ich sie im Grunde schätze. Beginge heute einer von ihnen eine rühmenswerte Tat, so wäre ich der erste, sie zu feiern.«

»Das nenne ich wahrlich grausame Liebe,« erklärte Oisille. – »Ich verstehe nur nicht,« meinte Simontault, »warum er sie nicht mit Gewalt nahm, als er sie im Hemd sah und so in der Hand hatte.« – »Er war eben kein Fresser, sondern ein Feinschmecker,« lächelte Saffredant, »und um sich nun täglich an ihr zu berauschen, wollte er nicht vorzeitig daran naschen und sich den Appetit verderben.« – »So liegt es wohl nicht,« widersprach Parlamente. »Aus Angst, abgefaßt zu werden, wollte er sicherlich sein Lämmlein an einen sichern Ort schleppen, gleich dem Wolf, um es dann in Gemütsruhe zu genießen.« – »Jedenfalls wurde er gebührend gestraft,« sprach Oisille, »und ich bete zu Gott, daß es allen ähnlichen Frevlern gleichermaßen gehen möge. Doch wem gebt Ihr nun Eure Stimme, Guebron?« – »Euch, edle Frau, denn sicher wißt Ihr etwas Schönes zu berichten.«

»So will ich denn«, hub Oisille an, »einen Vorfall erzählen, der sich zu meiner Zeit zutrug und mir von einem Augenzeugen berichtet wurde. Da der Tod auch allem Unglück ein Ende macht, so ist er oft nicht die größte Strafe für einen Übeltäter. Schlimmer ist eine dauernde Qual, die schwer genug ist, um das Ende herbeizusehnen, doch nicht schwer genug, um es zu beschleunigen. In diesem Sinne handelte ein Ehemann mit seinem Weibe, wie ihr alsbald hören werdet.«

 

 


Zweiunddreißigste Erzählung

 

Wie ein Ehemann sein ehebrecherisches Weib härter als mit dem Tode bestraft.

 

König Karl, der achte seines Namens, entsandte einen Edelmann Bernage, von Civrai, unweit Amboise, nach Deutschland. Selbiger reiste Tag und Nacht, um möglichst schnell vorwärtszukommen, und gelangte so eines Abends spät zu einem Schlosse, wo er um Unterkunft bat. Das wurde ihm nur zögernd zugestanden. Maßen nun aber der Schloßherr vernahm, daß jener im Dienste eines so angesehenen Herrschers stand, suchte er ihn auf, bat ihn ob der Hartnäckigkeit seiner Dienstleute um Verzeihung und entschuldigte sich damit, daß er wegen der Mißgunst etlicher Verwandten seines Weibes sein Haus so wohl verschlossen halten müsse. Nun enthüllte ihm Bernage seinen Auftrag und sogleich bot ihm jener an, ihm bei seinem König nach Möglichkeit behilflich zu sein. Sodann nahm er ihn in seine Gemächer, brachte ihn trefflich unter und bewirtete ihn aufs beste.

Als nun die Stunde des Nachtessens nahte, führte er ihn in einen Saal, der rings mit Teppichen behängt war, und kaum wurde das Fleisch aufgetragen, da erblickte der Bote ein unbeschreiblich schönes Weib, das hinter einem Vorhang hervortrat. Nur war ihr Haupthaar geschoren und sie selbst nach deutscher Sitte ganz schwarz gekleidet. Sie setzte sich, nachdem sich alle die Hände gewaschen hatten, an das Ende des Tisches und sprach mit niemandem, noch auch redete jemand sie an. Der Herr von Bernage bewunderte oft ihre unvergleichliche Schönheit; doch schien ihr Gesicht bleich zu sein und ihr Wesen von tiefer Trauer überschattet. Nachdem sie ein wenig gegessen hatte, bat sie um etwas zu trinken. Alsbald brachte ihr der Diener ein seltsames Trinkgefäß: einen Totenkopf, dessen Öffnungen mit Silber verschlossen waren. Daraus trank die Frau zwei oder drei Schluck. Und nachdem sie ihr Mahl beendet und ihre Hände gewaschen hatte machte sie vor dem Schloßherrn eine tiefe Verbeugung und entschwand wieder hinter dem Vorhang, ohne mit jemandem ein Wort gesprochen zu haben.

Der Edelmann war über diesen seltsamen Anblick so erschüttert, daß er in trauriges Nachdenken versank. Der Schloßherr bemerkte das und so sagte er: ›Ich sehe, Ihr seid über diesen Zwischenfall baß erstaunt. Da ich Euch nun aber als einen so ehrenwerten Mann kennen gelernt habe, will ich Euch die Erklärung geben, damit Ihr nicht meint, ich sei ohne Grund so grausam.

Diese Dame ist mein Weib, das ich über alle Maßen geliebt habe, und auch sie zeigte mir so viel Zuneigung, daß ich zehntausendmal für ihre Bequemlichkeit mein Leben aufs Spiel gesetzt hätte, zumal ich sie gegen den Willen ihrer Eltern geheiratet hatte. So lebten wir lange Zeit in Glück und Freuden. Als ich aber einst in einer Ehrensache eine Reise machen mußte, vergaß sie ihre Tugend und Liebe zu mir und vergaffte sich in einen jungen Edelmann, den ich bei mir aufgezogen hatte.

Das vermeinte ich nach meiner Rückkehr zu bemerken, doch ob meiner großen Liebe mißtraute ich ihr nicht, bis mir ein Zufall die Augen öffnete. Nun wandelte sich meine Liebe in wütende Verzweiflung. Ich umspähte sie, und so tat ich eines Tages, als verließe ich das Haus, und verbarg mich in ihrem Zimmer, wo sie heute noch wohnt. Kaum glaubte sie mich fort, so begab sie sich in ihr Gemach und ließ den Jüngling rufen. Der trat mit einer Ungezwungenheit zu ihr, wie nur ich es mir hätte erlauben dürfen. Als ich aber sah, daß er sich neben ihr aufs Bett legen wollte, sprang ich hervor, packte ihn und stach ihn tot.

Da mir nun die Missetat meines Weibes zu schwer erschien, als daß ihr Tod sie hinreichend hätte sühnen können, so verhängte ich eine Strafe über sie, die mir weit härter erschien: also sperrte ich sie in das Gemach, in dem sie sich ihrer sündigen Lust hingegeben hatte, und gab ihr den so lieben Gefährten ihrer Schande zur Gesellschaft – denn ich hing in einen Schrank die Gebeine ihres Herzliebsten hin gleich kostbaren Wertstücken. Auf daß sie aber seiner auch beim Essen und Trinken nie vergesse, ließ ich ihr bei Tisch den Schädel jenes Buben anstatt eines Bechers vor mir darreichen, so daß sie ihren Todfeind, mich selbst, lebend, jenen aber zugleich tot erblickt, den sie mir vorgezogen hatte. Im übrigen wird sie gleich mir gehalten, außer daß sie geschoren ist, denn der Haarschmuck geziemt einer Ehebrecherin nicht, noch der Schleier einem schamlosen Weib. So zeigt sie augenscheinlich, daß sie Ehre, Keuschheit und Schamgefühl verloren hat. Und nun, wenn Ihr geruhen wollt, werde Ich Euch zu ihr führen.‹

Damit war Bernage einverstanden. So stiegen sie hinunter in ein sehr schönes Gemach, wo die Frau einsam vor dem Kaminfeuer saß. Der Schloßherr zog einen Vorhang zur Seite, und so konnte man die Gebeine des Getöteten erblicken. Bernage hätte gern mit der Frau gesprochen, doch wagte er es aus Scheu vor dem Ehemann nicht. Der bemerkte es und sagte: ›Wollt Ihr etwas mit ihr reden, so überzeugt Euch, wie gefällig sie sprechen kann.‹

Alsbald hub Bernage an: ›Edle Frau, wenn Eure Geduld Euern Qualen gleicht, so muß ich Euch für das glücklichste Weib der Erde halten.‹ Und jene entgegnete mit einer Träne im Auge und unbeschreiblicher Demut: ›O Herr, meine Schuld ist so groß, daß alle Leiden, die der Herr dieses Schlosses (ich wage nicht, ihn meinen Gemahl zu nennen) über mich verhängt, klein sein werden im Verhältnis zu der Reue über meinen Frevel.‹

Damit begann sie bitterlich zu weinen. Der Schloßherr nahm den Edelmann beim Arm und führte ihn hinaus. Und am Tage darauf setzte dieser seine Reise fort. Doch als er von dem Schloßherrn Abschied nahm, sprach er zu ihm: ›Meine Zuneigung zu Euch, und die ehrenvolle herzliche Aufnahme, die Ihr mir zuteil werden ließet, zwingen mich, Euch zu sagen, daß Ihr angesichts der großen Reue Eures Weibes mit ihm Erbarmen haben solltet. Zudem seid Ihr jung und habt keine Kinder. Wie wäre es schade, wenn ein Haus wie das Eure an Erben fiele, die Euch nicht wohl wollen.‹

Der Schloßherr, der eigentlich entschlossen war, nie wieder mit seinem Weibe zu reden, dachte über diese Worte des Herrn Bernage lange nach. Und schließlich sah er ein, daß jener die Wahrheit sagte, und versprach ihm, Nachsicht zu üben, wenn sie in ihrer Demut beharre. So reiste Bernage von dannen, erledigte seinen Auftrag, und als er daheim dem König von allem berichtete und so auch jene Frau erwähnte, entsandte der König den Hofmaler Johann von Paris dorthin, um ihre Schönheit lebend festzuhalten. Das geschah unter Einwilligung des Ehemannes. Und dieser erbarmte sich dann auch nach langer Buße seines Weibes und zeugte mit ihm eine stattliche Zahl schöner Kinder.

Ich aber glaube, meine Damen, wenn alle Frauen, denen gleiches begegnete, aus solchen Gefäßen trinken müßten, dann würden gar viele goldene Becher in Totenschädel verwandelt werden. So behüte uns Gott, der die Strauchelnden stützt.«

»Ich finde diese Strafe ganz richtig,« meinte Emarsuitte, »denn so läßt sich jedes Verbrechen sühnen, nach dem Tode aber nicht mehr.« – »Vermeint Ihr wirklich solche Schande wieder gutmachen zu können?« rief Longarine. – »Freilich,« entgegnete Emarsuitte. »Genießt denn Magdalena heute nicht schier mehr Bewunderung als ihre jungfräuliche Schwester?« – »Mir scheint, ob ihrer Liebe zu Christus und ihrer Reue wird sie gepriesen,« sprach Longarine, »doch behält sie den Namen einer Sünderin.« – »Mir dünkt am wichtigsten, daß Gott und mein Mann mir verzeihen,« versicherte Emarsuitte. – »Ich wundere mich nur,« überlegte Dagoucin, »daß jene Frau nicht vor Kummer starb.« – »Wie könnt Ihr nur noch an die Liebe und die Reue von Frauen glauben,« entrüstete sich Simontault. »Ich begnüge mich mit der Liebe, die ich in mir selbst fühle; aber wenn es mir gelänge, geliebt zu werden, so würde ich schier vor Zufriedenheit sterben!« – »Hütet Euch also davor wie vor der Pest!« meinte Guebron. »Und nun möchte ich wissen, wem Frau Oisille das Wort erteilt.« – »Ich gebe es Simontault,« sprach diese, »denn er verschont niemanden.«

»So sagt doch gleich, ich bin eine Lästerzunge,« entgegnete der. »Sicher würdet ihr alle keine unserer Geschichten glauben, wenn sie nicht so zuverlässig belegt wären. Doch selbst Wunder werden mißbraucht. Und dafür will ich einen Vorfall erzählen, der die Klugheit eines Fürsten preist und einen schändlichen Geistlichen gebührend brandmarkt.«

 

 

Dreiunddreißigste Erzählung

 

Von den Greueln eines blutschänderischen Prie­sters, der seine Schwester schwängert und sie dann als Heilige hinstellt, und von seiner wohlverdienten Strafe.

 

»Als der Graf Karl von Angouleme, der Vater des Königs Franz des Ersten, – ein gar gottesfürchtiger Fürst –, zu Cognac weilte, wurde ihm erzählt: in einem nahen Dorfe, Cherves, gäbe es eine Jungfrau, die in bewunderungswürdiger Sittenstrenge lebe. Trotzdem sei sie schwanger und verheimliche das keineswegs, sondern verkünde vielmehr dem Volke, sie habe nie einen Mann erkannt, also daß sie sich ihren Zustand nur durch die Einwirkung des Heiligen Geistes erklären könne. Tatsächlich glaubte ihr das Volk ohne Zögern und pries sie als eine zweite Jungfrau Maria, maßen sie jeder von Kind auf kannte und wohl wußte, wie tugendhaft und weltabgewandt sie allezeit gelebt hatte. Sie fastete öfter noch als die Kirche es vorschrieb und versäumte nicht den kleinsten Gottesdienste; so war alle Welt ob ihres Lebenswandels erbaut und jeglicher kam, um dies Wunder zu schauen, und war beglückt, wenn er ihr Gewand berühren durfte.

Ihr Bruder, der Pfarrer jener Gemeinde, war ein schon bejahrter Mann von gleichermaßen strengem Lebenswandel. Auch er ward von den Ortsbewohnern hochgeehrt und schier als ein Heiliger betrachtet. Der verfuhr gar streng mit dem Mägdelein und sperrte es in einem Hause ein. Aber das Volk war damit unzufrieden, und der Lärm, den es darob erhob, drang, wie gesagt, endlich auch zu den Ohren des Grafen. Alsbald entschloß sich dieser, den Mißbrauch, der mit des Volkes Glauben getrieben wurde, zu beseitigen und entsandte seinen Kanzler und einen Almosenier, um die Wahrheit zu ergründen.

Diese beiden hochehrenwerten Männer begaben sich also an Ort und Stelle und zogen unter der Hand Erkundigungen ein. Als sie sich auch an den Pfarrer wandten, zeigte sich dieser ob der ganzen Sache recht unwillig und bat sie, einem Verhör beizuwohnen, das er am Tage darauf anzustellen vorhabe. So geschah es. Der Pfarrer las am andern Morgen die Messe, der seine Schwester kniend beiwohnte, obgleich sie schon gewaltig entstaltet war. Und als er nun am Ende des Gottesdienstes den »Leib des Herrn« nahm, sprach er vor allen zu seiner Schwester also: »Unselige, sieh hier den Leib des Herrn, der für dich litt und starb, und künde nun, ob du wahrhaft Jungfrau bist, wie du mir allezeit versichert hast!’

Sie sagte ohne Scheu und Zagen: »Ja.« »Wie dann«, fuhr jener fort, »willst du erklären, daß du schwanger und Jungfrau zugleich bist?« Sie entgegnete: »Ich kann es mir nur durch die Empfängnis des Heiligen Geistes erklären, der über mich nach seinem Gefallen bestimmen mag; doch nimmer vermag ich meine Jungfrauenschaft zu leugnen, maßen ich nie nach einer Ehe trachtete.«

Alsbald hub der Pfarrer an:

»So reiche ich dir nunmehr den köstlichen Leib Jesu Christi. Nimm ihn und sei in Ewigkeit verflucht, wenn es anders ist als du gesagt hast. Diese Herren, so vom Herrn Grafen entsandt wurden, sollen Zeugen sein.« Und das Mägdelein, das kaum dreizehn Jahre alt war, schwur folgenden Eid: »So nehme ich vor euch, ihr Herren, und vor dir, mein Bruder, den Leib Jesu Christi und will in Ewigkeit verdammt sein, wenn je ein andrer Mann mich berührt hat denn mein Bruder.« Und mit diesen Worten empfing sie den Leib des Herrn.

Die Boten des Grafen gingen ob jenes Anblickes ganz verwirrt von dannen und vermeinten, hinter solchem Eid könne sich kein Trug bergen. Solchermaßen statteten sie auch dem Grafen Bericht ab und wollten ihn zu gleichem Zutrauen überreden. Jener aber war klug. Er dachte eine Weile nach, ließ sich noch einmal den Eid wiederholen, erwog ihn sorglich und sprach alsdann: »Sie erklärte, nie habe ein anderer Mann sie berührt denn ihr Bruder. In der Tat glaube ich auch, daß jenes Kind von dem Bruder stammt, der unter solch schlimmem Truge seine Schändlichkeit verbergen will. Wir aber glauben, daß Christus bereits auf Erden war und also ein anderer nicht zu erwarten ist. Darum gehet hin und werfet den Pfarrer ins Gefängnis. Sicherlich wird er alsdann die Wahrheit gestehen.«

Sein Befehl wurde ausgeführt, trotzdem die Bevölkerung ob des vermeintlichen Unrechts, das man dem heiligen Mann antat, gewaltigen Lärm erhob. Kaum saß aber der Pfarrer im Kerker, da gestand er alsbald seine Schändlichkeit ein. Denn er hatte seiner Schwester all ihre Worte eingelernt, auf daß sie so das Leben verhülle, das er mit ihr führte, und sie also nicht nur eine Entschuldigung fänden, sondern noch gar einen Sinn durchblicken ließen, auf Grund dessen sie von aller Welt hoch geehrt würden. Als man ihm aber vorwarf, lästerlicherweise den Leib des Herrn durch diesen Eid mißbraucht zu haben, da versicherte er, so etwas habe er nicht gewagt, sondern ein ungesegnetes Brot verwendet.

Alles dies ward dem Grafen von Angouleme berichtet, und der befahl, der Gerechtigkeit Genüge zu tun. Also wartete man, bis das Mägdelein mit dem Kinde, einem schönen Sohne, niedergekommen war, und alsdann wurden Bruder und Schwester verbrannt. Und das ganze Volk war tief erschüttert, als es inne ward, welche Scheußlichkeit sich unter dem Mantel der Heiligkeit verborgen hatte und welch widerliches Laster unter dem Glanze eines löblichen Lebens verhüllt war.

So ließ sich der Glaube des getreuen Grafen nicht durch äußere Zeichen und Wunder betören, maßen er sicher war, daß ein Heiland, der da spricht ›Es ist vollbracht‹, keines Nachfolgers bedarf.«

»Einst hörte ich sagen,« meinte Hircan, »daß alle Menschen doppelt gestraft werden, die ihre Grausamkeit und Drangsalierung mit einem Auftrag des Königs zu decken suchen. Das gleiche gilt von den Heuchlern. Eine Weile haben sie Glück; aber wenn Gott seinen Mantel von ihnen nimmt und also ihr Tun enthüllt, dann wirkt ihre niedrige Gemeinheit um so widerlicher, als sie sich hinter so erhabener Hülle verborgen hatte.« – »Mir scheint,« erklärte Nomerfide, »die Toren (sofern man sie nicht tötet) leben länger als die Weisen, wohl weil sie alles frei heraus tun, was ihnen beifällt. Unterdrückte Laster vergiften das Herz.« – Aber Parlamente entgegnete: »Wie schön wäre es, wenn unsere Seele so von Tugend durchdrungen wäre, daß wir sie offen zeigen könnten.« – »Das wird erst sein,« betrübte sich Hircan, »wenn wir kein Fleisch mehr über dem Gebein tragen. Doch laßt uns nun wissen, Simontault, wem Ihr das Wort erteilt.« – »Ich gebe es Nomerfide,« sprach dieser. »Maßen sie ein vergnügliches Herz besitzt, wird sie uns sicher nichts Trauriges bescheren.«

»Wenn ihr den Wunsch habt, zu lachen,« hub Nomerfide an, »so kann ich euch gern Gelegenheit dazu geben. Und auf daß ihr wohl erkennen möget, wie ein mißverstandenes Wort durch Angst und Unkenntnis oft Unheil anrichten kann, will ich euch berichten, wie es zween armen Franziskanern von Niort erging, die einen Metzger mißverstanden und darob schier aus Furcht starben.«

 

 


Vierunddreißigste Erzählung

 

Wie zwei Franziskaner ob übergroßer Neubegier vor Entsetzen schier verstarben.

 

»Das Dorf Grip zwischen Niort und Fors gehört dem Herrn von Fors. Dorthin kamen einst von Niort her spät abends zwei Mönche und fanden bei einem Metzger Unterkunft. Maßen nun zwischen ihrer Stube und der ihres Wirtes nur eine schlechtgefügte Bretterwand war, so überkam sie die Lust, zu erlauschen, was jener mit seinem Weib im Bett sprach. Alsbald legten sie ihre Ohren just dort an die Wand, wo das Kopfende des Bettes war, und vernahmen, wie der Metzger in vertrautem Gespräch über sein Hauswesen sagte:

›Meine Liebe, morgen müssen wir früh aufstehen und unsere Franziskaner in Augenschein nehmen. Einer davon ist weidlich fett; den wollen wir schlachten und einsalzen, auf daß wir ein gut Geschäft damit machen.‹ Er meinte seine Schweine. Aber die Frater bezogen diesen Entschluß auf sich und harrten voll schrecklichen Bangens auf das Morgengrauen.

Tatsächlich war einer von ihnen feist, der andere mager. Der Feiste wollte alsbald seinem Gefährten beichten, denn er vermeinte, der Metzger habe alle Gottesfurcht verloren und könne gleichermaßen wie einen Ochsen wohl jegliches lebende Wesen abschlachten. Und da sie nun in ihrem Zimmer gut eingesperrt waren und nur durch ihres Wirtes Stube hinaus konnten, so waren sie ihres Todes gewiß und empfahlen ihre Seelen Gott.

Der jüngere aber war noch nicht so furchtgebannt wie der andere und schlug ihm vor, man sollte versuchen aus dem Fenster zu entweichen. Schlimmeres als der Tod könnte ihnen so auch nicht begegnen. Der Feiste stimmte zu und jener öffnete das Fenster. Als er nun sah, daß es nicht hoch über der Erde war, sprang er leichtfüßig hinab und floh, ohne seinen Gefährten zu erwarten.

Der versuchte auch sein Glück. Aber er plumpste, statt zu springen, so gar schwerfällig zur Erde nieder, daß er sich am Bein verletzte. Maßen er sich nun also verlassen sah und inne ward, daß er seinem Gefährten nicht folgen konnte, blickte er nach einem Unterschlupf aus und gewahrte endlich einen Schweinestall, zu dem er sich denn auch mühsam hinschleppte. Als er aber dessen Tür öffnete, entwischten zwei große Schweine, an deren Stelle sich der Mönch in dem Stall verkroch, worauf er die Tür hinter sich verschloß. Denn er hoffte, er würde auf sein Geschrei Hilfe finden, wenn er Leute vorbeikommen hörte.

Als nun der Morgen dämmerte, schärfte der Metzger seine zwei großen Schlachtmesser und hieß seinem Weib, ihm beim Schlachten der fetten Schweine zu helfen. Und als er zu dem Schweinestall kam, öffnete er die Tür und rief: ›Kommt nur heraus, ihr Herren Franziskaner, heute will ich fette Blutwurst von euch machen!‹ Der Mönch, der auf seinem Bein nicht auftreten konnte, kroch auf allen Vieren aus dem Stall und rief jammernd um Gnade. Wenn er nun aber vor Angst bebte, so taten das der Metzger und sein Weib nicht minder, denn sie vermeinten, der heilige Franziskus sei auf sie ergrimmt, weil sie ein Tier ›Franziskaner‹ hießen. So warfen sie sich flugs vor dem armen Frater auf die Knie und baten den heiligen Franziskus und den ganzen Orden um Vergebung. Und nun flehte also auf der einen Seite der Mönch um Erbarmen, auf der anderen der Metzger, und schier eine Viertelstunde lang begriff keiner, was vorlag.

Endlich ward der wackere Pater inne, daß der Metzger ihm nichts zuleide tun wollte, und erzählte ihm nun, weshalb er sich in diesem Stall verkrochen habe. Alsbald wandelte sich da die Verzweiflung seines Wirtes in ein groß Gelächter, in das nur der Pater nicht einstimmen mochte, maßen ihm sein Bein so wehe tat. Aber der Metzger führte ihn wieder ins Haus und verband ihn sorglich.

Sein Gefährte aber, der ihn in der Not verlassen hatte, lief die ganze Nacht hindurch, bis er gegen Morgen zu dem Schloß des Herrn von Fors kam. Dort führte er ob des Metzgers Klage, sintemalen er ihn im Verdacht hatte, seinen Gefährten getötet zu haben, da dieser nicht nachgekommen sei. Der Herr von Fors entsandte unverweilt Leute nach Grip, um die Wahrheit zu erkunden, und so stellte sich heraus, daß ein Grund für Tränen nicht vorlag. Der Schloßherr aber berichtete flugs die ganze Geschichte seiner geliebten Herrin, der Frau Herzogin von Angouleme, der Mutter Franz’ des Ersten.

Der Fall erweist, daß es nie gut ist, den unbefugten Lauscher zu spielen und so andere mißzuverstehen.«

»Habe ich nicht gesagt,« rief Simontault, »Nomerfide wird uns zum Lachen bringen.« – »Wie ganz anders waren doch die Weisen alter Zeiten als wir,« meinte Guebron, »sie empfanden weder Freude noch Trauer. Zum mindesten bargen sie beides in ihrem Herzen und ließen es sich nicht merken. Denn sie hielten es für eine große Tugend, sich selbst und ihre Leidenschaften zu besiegen.« – »Eine schlechte Leidenschaft besiegen, scheint mir auch löblich,« erklärte Saffredant. »Eine natürliche zu bekämpfen scheint mir aber zwecklos, maßen sie keinen Schaden tut.« – »Mir scheint, nicht alle Philosophen waren weise,« sprach Saffredant. »Manche besaßen ihre Tugend nur dem Anscheine nach.« – »Gewiß,« versicherte Guebron, »denn als zum Beispiel Diogenes des Plato Bett mit Füßen trat, um solch wollüstigem Luxus und der Sinnenfreude jenes Mannes seine Verachtung zu zeigen, da erwiderte Plato, Diogenes täte dies aus Eigendünkel.« – »Um die Wahrheit zu sagen,« – entgegnete Parlamente, »so können wir ohne ein gut Teil Stolz uns gar nicht überwinden. Und je mehr unsere innere Sündhaftigkeit von dem Mantel äußerer Tugenden verhüllt ist, um so schwerer ist ihr beizukommen.«

»Dann sind wir Männer dem Heile weit näher,« rief Hircan, »denn wir verbergen die Früchte unserer Sündhaftigkeit nicht und können so leichter zu deren Wurzel gelangen. Ihr aber schafft so viel äußerliche, wohlgefällige Werke, daß die Wurzel der Hoffahrt euch unter diesem schönen Schutze ganz unbemerkt bleibt.« – »Seht einmal, wo wir hineingeraten sind,« spottete Simontault. »Von einer großen Torheit kamen wir auf philosophische und theologische Betrachtungen. Überlaßt solchen Streit weisen Männern, die mehr damit anzufangen wissen. Und nun wollen wir hören, wem Nomerside ihr Wort weitergibt.« – »Ich gebe es Hircan,« sprach diese, »und empfehle ihm an, die Ehre der Damen hochzuhalten.«

»Das kommt wie gerufen,« meinte Hircan, »denn die Geschichte, die ich im Sinne habe, dürfte euch gefallen, meine Damen. Ich will euch erweisen, daß Mann wie Weib von Natur zum Laster neigt und nur mit Gottes Hilfe davor bewahrt werden kann. Und um etwas euren kecken Mut zu dämpfen, den ihr zu entfalten pflegt, wenn jemand eure Ehre angreift, will ich euch folgenden höchst wahrhaften Vorfall berichten.«

 


Fünfunddreißigste Erzählung

 

Wie gar wohlweislich ein Mann seinem Weibe die Liebe zu einem Franziskaner austreibt.

 

»Zu Pampeluna lebte ein ehrengeachtetes schönes und tugendsames Weib, das ob seiner Keuschheit und Frömmigkeit nicht seinesgleichen hatte und seines geliebten Mannes volles Vertrauen genoß. Die Dame war in den Dreißigern, wo Frauen bereits den Ruhm der Schönheit gegen den der Frömmigkeit zu vertauschen beginnen, besuchte daher unermüdlich alle Gottesdienste und suchte auch ihren Mann und ihre Kinder dazu zu überreden.

Am ersten Fastensonntag nun hörte sie die Predigt eines Franziskanermönches, der ob seines strengen Lebenswandels gleich einem Heiligen geschätzt wurde und bleich und mager geworden war. Doch war er trotzdem unvergleichlich schön geblieben. Demutsvoll lauschte die Dame seiner Rede; ihre Augen wichen nicht von seinem verehrlichen Antlitz, und Ohren und Seele waren weit geöffnet. So drang die Milde seiner Worte ihr bis ins Herz, seine Schönheit aber prägte sich so tief in ihre Seele, daß sie wie verzückt wurde.

Nach der Predigt gab sie sorglich acht, wo der Mönch die Messe las, und wohnte derselben bei; sie nahm die geweihte Asche aus seinen Händen, die weiß und schön waren gleich den ihren, doch blickte sie mehr darauf, denn auf die Asche und vermeinte wahrscheinlich, daß eine so rein geistige Liebe ihrem Gewissen nichts anhaben könne. – Fortan besuchte sie tagtäglich seine Predigten und nahm auch ihren Mann stets dazu mit, und beide waren so voll Lobes über den Mönch, daß selbst bei Tisch und sonsten von nichts anderem mehr die Rede war.

Aber unter solchem geistlichen Deckmantel entflammte diese höchst fleischliche Liebe die arme Dame um so leichter, als sie sich davon hatte überrumpeln lassen und ihrer Leidenschaft erst inne ward, als sie deren berauschendes Glück schon verspürte. Das Schlimme war nur, daß der Urheber ihrer Liebesqualen nicht das geringste davon ahnte.

Bald schob die Dame alles Zagen beiseite, einem so weisen Mann ihre Torheit zu enthüllen und einem solchen Tugendhelden ihre lästerliche Niedrigkeit gewahr werden zu lassen, und so schrieb sie, anfangs allerdings recht verhüllt, an den Mönch über ihre Gefühle zu ihm, gab einem kleinen Pagen diesen Brief und hieß ihn, was er damit tun solle. Vor allem aber befahl sie ihm an, zu sorgen, daß ihr Mann ihn nicht zu den Franziskanern gehen sähe.

Der Page suchte den kürzesten Weg und kam so just in die Straße, wo der Ehemann in einem Laden saß. Der sah ihn vorbeigehen und trat zur Tür, um festzustellen, wo er hinwolle. Als der Page das merkte, barg er sich verlegen in einem Hause. Sein Herr durchschaute das, folgte ihm, packte ihn beim Arme und fragte ihn, wohin er ginge. Als der Page mit toderschrockenem Gesicht Entschuldigungen stammelte, drohte ihm der Edelmann mit Schlägen, so daß der arme Page endlich rief: ›Ach Herr, wenn ich es Euch sage, wird mich die Frau töten.‹

Nun argwöhnte der Edelmann irgendeinen Liebeshandel dahinter und versicherte daher dem Pagen, ihn reich zu belohnen, wenn er die Wahrheit rede, andernfalls aber ihn für immer einzusperren. Der Knabe zog ersteres vor, und so erzählte er die Geschichte und zeigte den Brief seiner Herrin an den Mönch. Das alles schmerzte den Edelmann sehr, doch verhehlte er seinen Zorn; und um nun seinem Weibe auf die Schliche zu kommen, schrieb er eine Antwort, gleich als ob der Prediger ihr für ihren guten Willen dankte und sie seines Entgegenkommens versicherte.

Der Page versprach, alles nach der Anordnung seines Herrn auszuführen, und brachte also der Dame den untergeschobenen Brief; über den war sie so außer sich vor Freude, daß ihr Mann es ihrem Gesicht anmerkte. Und in der Tat ward sie in dieser Fastenzeit blühender und frischer, als sie es beim Karneval gewesen war. So kam die Karwoche, ohne daß sie abließ, brieflich dem Mönche ihre tolle Liebe zu gestehen, und der Ehemann sandte ihr weiter entsprechende Antworten.

Doch nach Ostern schrieb er ihr, er bäte sie, ihn wissen zu lassen, wie er sie im geheimen sehen könne. Alsbald redete sie ihrem Mann zu, seine Güter außer der Stadt zu besuchen. Das tat er anscheinend, doch verbarg er sich im Hause eines Freundes. Inzwischen schrieb sein Weib an den Pater, nun sei die Zeit gekommen, um sie zu sehen, denn ihr Mann sei fortgereist. Da nun aber der Edelmann seines Weibes Herz bis auf den Grund prüfen wollte, ging er zu dem Mönch und bat ihn um Gottes willen um seine Kutte. Der erwiderte, die Regel verbiete so etwas und er könne sie nicht für eine Maskerade hergeben. Der Edelmann versicherte ihm aber, hier handle es sich um sein Wohl und Heil, und da der Franziskaner ihn als einen ehrengeachteten, frommen Mann kannte, lieh er sie ihm endlich, worauf jener sich das Gesicht bis auf die Augen mit der Kapuze verdeckte, zudem einen falschen Bart und eine falsche Nase vornahm, also daß er dem Pater ähnlich sah, und Korksohlen in die Sandalen legte, bis er auch seine Größe erreichte.

In diesem Gewande trat er abends in das Gemach seines Weibes, das demütig des Mönches harrte. Und die Törin wartete gar nicht, bis er zu ihr nahe kam, sondern stürzte wie sinnlos auf ihn zu und wollte ihn küssen. Er aber senkte – aus Angst, erkannt zu werden – den Kopf, schlug das Kreuz, tat, als ob er vor ihr flüchtete, und rief fortwährend: ›Versuchungen! Versuchungen!‹

Die Dame entgegnete: ›Wehe, mein Vater, Ihr habt gar recht. Denn keine Versuchung ist stärker als die der Liebe. Doch versprachet Ihr mir Heilung. So erbarmt Euch nun meiner, da wir Zeit und Gelegenheit haben.‹ Und wieder versuchte sie ihn zu küssen, und wieder wich ihr er nach allen Seiten aus, schlug große Kreuze und rief immerzu: ›Versuchungen! Versuchungen!‹ Als er aber merkte, daß sie ihm zu nahe auf den Leib rückte, holte er aus der Kutte einen derben Stock hervor und verprügelte sie derart, daß ihr die Versuchung verging. Und dann verließ er sie unerkannt, brachte dem Pater flugs seine Kutte zurück und versicherte ihm, daß sie ihm Glück gebracht habe.

Da er nun tags darauf heimkehrte, als käme er von seinen Gütern, fand er sein Weib im Bett und erkundigte sich darob, als wenn er ihr Leiden nicht kennte. Sie erwiderte, sie habe sich erkältet und könne weder Arme noch Beine regen. Der Ehemann konnte sich das Lachen schier nicht verkneifen, stellte sich aber sehr betrübt, und, wie um sie zu erfreuen, kündigte er ihr an, er habe zum Abendessen den heiligen Kanzelredner geladen. Unverweilt entgegnete sie: ›Gott behüte Euch, solche Leute zu Gaste zu laden, denn sie bringen überall, wohin sie kommen, Unheil.‹ – ›Wieso, meine Liebe?‹ fragte jener, ›du priesest ihn doch immer so sehr, und mir wenigstens scheint: wenn es je einen Heiligen gab, so ist dieser einer.‹

Die Dame widersprach: ›Zum Predigen und in der Kirche sind sie recht gut, aber daheim sind es Teufel. Bitte, laßt ihn mich nicht sehen. Denn so, wie es mir eben geht, würde ich sicher sterben.‹ – ›Wie du willst,‹ meinte der Mann, ›ich jedenfalls werde ihn bewirten.‹ – ›Tu das meinetwegen, aber laß mich beiseite,‹ rief sie, »denn ich hasse diese Menschen gleichwie den Satan.‹ –

Nachdem der Ehemann den Franziskaner bewirtet hatte, sagte er zu ihm: ›Ich glaube, Gott schätzt Euch also hoch, daß er Euch sicher keinen Wunsch versagen wird. Darum bitte ich Euch, erbarmt Euch meines armen Weibes, das seit acht Tagen von einem bösen Geist besessen ist, also daß sie alle Welt kratzt und beißt. Weder Kreuz noch Weihwasser kann ihr helfen. Doch scheint mir, wenn Ihr die Hand auf sie legen wolltet, so würdet Ihr den Teufel austreiben. Tut mir also bitte den Gefallen.« Der wackere Pater erwiderte: »Mein Sohn, wer glaubt, kann alles erreichen. Glaubet Ihr fest daran, daß Gottes Güte alles gewähren kann, wenn man auf seine Huld bauet?« – »Das glaube ich fest!« – »So überzeugt Euch und laßt uns nun, im Glauben fest, dorthin gehen, um dem brüllenden Leu zu widerstehen und ihm die Beute zu entreißen, die Gott durch das Blut Jesu Christi gebührt.«

Alsbald führte der Edelmann den Pater zu seinem Weib, das auf einem niederen Bett lag. Die Dame ward betroffen, da sie jenen erblickte, denn sie vermeinte, es sei der gleiche, der sie geschlagen hatte, und darob ergrimmte sie gar gewaltig. Doch sintemalen ihr Mann dabeistund, senkte sie die Augen und schwieg. Und der Edelmann sprach: »Solange ich da bin, setzt ihr der Teufel nicht zu. Sobald ich aber fort bin, spritzet Weihwasser auf sie, dann werdet Ihr sogleich den bösen Geist sein Wesen treiben sehen.« Und damit ließ er jenen mit seinem Weib allein, aber blieb hinter der Tür stehen, um ihr Gehabe anzuschauen.

Kaum sah sich die Frau mit dem Pater allein, da schrie sie wie eine Tobsüchtige und nannte ihn »Bösewicht, Schmutzian, Mörder und Betrüger«. Der Franziskaner war nun sicher, daß sie besessen sei, und wollte ihren Kopf ergreifen, um darauf Gebete zu sprechen. Da kratzte und biß sie ihn derart, daß er genötigt wurde, zurückzuweichen. Und so spritzte er von weitem männiglich Weihwasser auf sie und sprach herrliche Beschwörungen und Gebete.

Als nun der Mann inne ward, daß jener seine Pflicht genügend erfüllt hatte, kam er wieder herein und dankte ihm dafür, daß er sich so viel Mühe gegeben hatte. Und kaum war er in der Stube, da ließ sein Weib die Schimpfworte und Flüche und küßte aus Angst vor dem Gatten demütig das Kruzifix. Der heilige Mann aber, der sie also tobend gesehen hatte, glaubte fest und sicher, daß auf sein Gebet hin der Herr Christus den Teufel verjagt habe, und so ging er froh davon und pries Gott ob seiner Wundertat.

Und da der Ehemann seine Frau für ihre tolle Leidenschaft wohl gezüchtigt sah, wollte er ihr auch nicht weiter erklären, wie er vorgegangen sei. Er begnügte sich damit, durch seine Klugheit ihren Sinn bekehrt zu haben, also daß sie den Gegenstand ihrer geheimen Leidenschaft nun in den Tod haßte und ihre Torheit verabscheute. Fürder ließ sie denn auch ihre übertriebene Frömmigkeit und widmete sich mehr und besser denn je ihrem Mann und Ihrem Hausstand.

Hieraus, meine Damen, könnt ihr die ruhige Einsicht eines Mannes und die Schwäche einer sonst hochgeachteten Frau erkennen, also daß ihr, wenn ihr in jenen Spiegel schauet, sicherlich lieber auf Gottes Schutz als eure eignen Kräfte vertrauen werdet.«

Alsbald sagte Parlamente: »Ich freue mich, daß Ihr unter die Prediger gegangen seid, Hircan; hoffentlich bleibt Ihr dabei und haltet allen Frauen solche Reden.« – »Stets, wenn Ihr zuhören wollt, werde ich also sprechen,« entgegnete der. – »Also wenn Ihr fort seid, spricht er anders,« neckte Simontault. – »Mag er tun was er will,« schnitt Parlamente ab. »Ich hoffe vor allem, daß diese Geschichte denen von Nutzen ist, die da vermeinen, geistige Liebe sei ungefährlich. Sie ist gefährlicher als jede andere. Denn die Liebe hat schneller ein Herz ergriffen, als man es selbst merkt, und wer auf Gott darin bauen will, hat es am Ende doch mit dem Teufel zu tun. Ich meinesteils werde stets wünschen, daß jede Frau sich mit ihrem Gatten genügen lasse, so wie ich es tue.« – Darob fühlte sich Emarsuitte getroffen, wechselte die Farbe und erwiderte: »Entweder meint Ihr, jede habe ein so hartes Herz wie Ihr, oder aber Ihr haltet Euch für viel vollkommener als die andern.« – »Wir wollen nicht streiten,« lenkte Parlamente ein. »Laßt uns lieber hören, wem Hicean seine Stimme gibt.« – »Ich gebe sie Emarsuitte,« rief Hirean, »um sie mit meinem Weibe auszusöhnen.«

»Wenn ich somit an der Reihe bin,« hub diese an, »so will ich weder Mann noch Weib verschonen, um alle Gegensätze auszugleichen. Und da ihr euch nicht dazu verstehen könnt, die Tugend und den Wert der Männer zuzugeben, so will ich diesen Gegenstand in meiner Geschichte behandeln.«

 


Sechsunddreißigste Erzählung

 

Als ein Präsident von dem üblen Verhalten seines Weibes erfährt, schafft er derart Ordnung, daß er Rache nimmt, ohne daß etwas bekannt wird.

 

»Zu Grenoble lebte ein Präsident, der, wie ich ohne Namensnennung verraten kann, kein Franzose war. Er nannte ein schönes Weib sein eigen, und beide lebten miteinander in friedlichster Eintracht. Als aber die Frau ihren Mann altern sah, entflammte sie in Liebe zu einem Sekretarius von einnehmender Schönheit. Ging morgens der Präsident zum Gerichtsgebäude, so trat alsbald der Sekretarius in ihre Stube und nahm seinen Platz ein. Das bemerkte ein alter Diener, der schon seit dreißig Jahren in des Präsidenten Haus war und da er sich seinem Herrn treu ergeben fühlte, konnte er nicht schweigen und hinterbrachte es ihm.

Der Präsident war ein gesetzter Mann. Darum schenkte er ihm nicht so ohne weiteres Glauben und entgegnete, jener wolle wohl seine häusliche Eintracht stören. Wären seine Behauptungen wahr, so solle er sie beweisen; gelänge ihm das nicht, so wäre ja leicht festgestellt, daß er alles erlogen habe, um sein Einvernehmen mit seinem Weibe zu trüben. Der Diener aber verschwor sich hoch und teuer, ihm den Beweis vor Augen zu führen. Und als nun wieder eines Morgens der Präsident zum Gerichtshof gegangen und der Sekretarius in seines Weibes Stube geschlüpft war, ließ der Diener seinen Herrn durch einen Gefährten rufen und bewachte derweile die Tür, damit der Sekretarius nicht entwische.

Kaum bemerkte der Präsident, daß einer seiner Leute ihm ein Zeichen gab, so schützte er ein Unwohlsein vor, hob die Sitzung auf und eilte hastig heim. Vor der Tür fand er seinen alten Diener, der ihm versicherte, der Sekretarius sei erst vor kurzem eingetreten. So sprach sein Herr: ›Bleib hier stehen, denn du weißt, daß es nur noch einen Zugang durch eine Kammer gibt, zu der ich allein den Schlüssel besitze.‹ Dann trat er in die Stube und fand sein Weib und den Sekretarius zusammen im Bett liegend vor.

Der junge Mann warf sich ihm, nur mit einem Hemd bekleidet, alsbald zu Füßen und bat ihn um Verzeihung, derweile die Frau in bittere Tränen ausbrach. Der Präsident aber sprach zu ihr: ›Die Schwere Eures Vergehens möget Ihr selbst beurteilen. Doch ich will mein Haus nicht entehrt wissen noch meine Töchter durch Euch herabgesetzt sehen.


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Deswegen laßt Euer Jammern und hört was ich sage: Ihr, Nicolas‹ – so hieß der Sekretarius, verhaltet Euch lautlos.‹ So geschah es. Dann öffnete er die Tür, rief seinen alten Diener und sagte: ›Hast du mir nicht versprochen, mir mein Weib in den Armen des Sekretarius zu zeigen? Daraufhin kam ich hierher und hätte schier meine Frau getötet. Aber ich habe nichts von dem gefunden, davon du sprachest. Ich habe vergeblich alle Winkel durchsucht, und du selbst magst dich auch davon überzeugen.‹

Damit ließ er den Diener alles durchstöbern und selbst unter die Betten schauen. Und da der nichts fand, sagte er ganz verblüfft zu seinem Herrn: ›Den muß wahrhaftig der Gottseibeiuns davongetragen haben, denn ich sah ihn eintreten, herausgekommen ist er nicht, und hier ist er auch nirgends.‹ Alsbald erwiderte sein Herr: ›Welch unseliger Gedanke von dir, unsern häuslichen Frieden so stören zu wollen. Packe darum deine Sachen und geh fort. Ich will dir ob deiner früheren Dienste deinen Lohn auszahlen und sogar noch mehr, aber mach’, daß du schleunigst fortkommst und binnen vierundzwanzig Stunden die Stadt verlassen hast.‹ Dann gab er ihm den fünf- bis sechsfachen Jahreslohn und bedachte angesichts seiner Treue auch weiter für ihn zu sorgen.

Als der Diener weinend hinausgegangen war, ließ der Präsident den Sekretarius aus seinem Versteck hervorkommen, führte ihm und der Frau ihre Schlechtigkeit eindringlichst vor Augen und verbot beiden, sich etwas merken zu lassen. Dann hieß er seinem Weibe, sich künftighin prächtiger als sonst zu kleiden und an allen Gesellschaften und Festen teilzunehmen. Desgleichen befahl er dem Sekretarius, mehr denn sonst dem Vergnügen nachzugehen. Wenn er ihm aber sage: ›Scher’ dich fort!‹, so möge er sich wohl hüten noch länger als drei Stunden in der Stadt zu verweilen. Alsdann kehrte er in den Gerichtshof zurück als sei nichts geschehen.

Vierzehn Tage lang gab er nun, ganz gegen seine Gewohnheit, seinen Nachbarn und Freunden Festgelage, nach denen Musik für die Damen zum Tanz aufspielte. Als er eines Tages bemerkte, daß seine Frau nicht tanzte, hieß er den Sekretarius mit ihr tanzen, und der tat das voller Freuden, denn er vermeinte, sein Herr habe seinen Fehltritt vergessen. Kaum aber war der Tanz aus, da trat der Präsident an ihn heran, als ob er ihm irgendeinen Auftrag fürs Haus gäbe, und sagte ihm ins Ohr: ›Pack dich und komme nie wieder!‹ So war der Sekretarius zwar tief betrübt, die Dame seines Herzens verlassen zu müssen, aber im Grunde herzlich froh, mit dem Leben davonzukommen.

Nachdem nun der Präsident solchergestalt allen Verwandten und Freunden die Überzeugung beigebracht hatte, daß er seinem Weibe in inniger Liebe zugetan sei, pflückte er eines schönen Tages im Mai einen Salat in seinem Garten, nach dessen Genuß sein Weib binnen vierundzwanzig Stunden verstarb. Und er heuchelte solche Trauer, daß niemand die Ursache dieses Todesfalles argwöhnen konnte. So hatte er sich an seinem Feinde gerächt und die Ehre seines Hauses gerettet.

Ich will nun zwar nicht behaupten, daß der Präsident ob dieser Handlungsweise ein sehr gutes Gewissen haben sollte. Aber ich wollte die große Geduld und Klugheit eines Mannes der Leichtfertigkeit einer Frau gegenüberstellen. So zürnt mir nicht, meine Damen. Denn die Wahrheit zeigt, daß Laster und Tugenden so bei Männern zu finden sind wie bei Frauen.«

»Wenn alle Gattinnen, die ihre Untergebenen lieben, solchen Salat essen müßten,« meinte Parlamente, »so wüßte ich gar manche, die ihre Gärten weniger gern haben sollten als sie es tun, und sicher alle Kräuter ausreißen würden, um das Gift zu fliehen, das mit dem Tode der liebestollen Mutter ihren Kindern die Ehre rettet. Doch scheint mir, jene Frau erlitt eine wohlverdiente Strafe und ihr Mann waltete seiner Rache mit bewunderungswürdiger Klugheit.« – »Und mit großer Arglist und Bosheit!« rief Longarine. »Solch lange und grausame Rachgier zeigt, daß er Gott und sein Gewissen nicht mehr vor Augen hatte.« – »Und was hättet Ihr in diesem Fall getan?« fragte Hircan. – »Mir wäre es lieber gewesen,« entgegnete jene, »daß er sie im ersten Zorn getötet hätte. Denn die Gelehrten sagen, daß solche Sünde verzeihlich ist, maßen in der ersten Aufwallung der Mensch keine Gewalt über sich hat. Darum hätte man ihm dann wohl verzeihen können.«

»Freilich,« sprach Guebron, »aber der Makel wäre auf seinen Töchtern und der Familie hängen geblieben.« – »So durfte er sie überhaupt nicht töten,« erklärte Longarine, »denn da der große Zorn verraucht war, hätte sie als geachtete Frau weiter neben ihm leben können und alles wäre vergessen worden.« – »Meint Ihr,« fragte Saffredant, »daß sein Grimm verflogen war, weil er ihn verhehlte? Ich an seiner Stelle wäre an dem Tage, wo der Salat gepflückt wurde, genau so zornig gewesen als am Anfang. Denn die Wut dauert an, bis sie sich entladen hat. Aber ich freue mich sehr, zu hören, daß die Kirchenlehrer solche Aufwallungssünden verzeihlich finden; denn ich bin der gleichen Ansicht.« – »Man muß seine Worte sorglich wägen, wenn man mit so gefährlichen Leuten spricht, wie Ihr es seid,« lächelte Parlamente. »Was ich sagte, bezog sich auf Fälle, wo eine Leidenschaft so stark ist, daß sie unversehens all unsere Sinne ergreift und von Vernunft nicht mehr die Rede ist.« – »Ganz recht,« antwortete Saffredant, »daran halte ich mich auch und ziehe den Schluß, daß ein sehr verliebter Mann leichter Verzeihung finden kann, als einer, der bei ruhigem Verstande sich etwas zuschulden kommen läßt. Denn wer in den Banden der Liebe liegt, hat keine Einsicht mehr. Und nun laßt uns hören, wem Emarsuitte das Wort erteilt.« – »Ich gebe es Dagoucin,« sprach diese, »denn ich hoffe, er wird nichts gegen die Frauen sagen.« Und der hub also an:

»Gebe Gott, sie wären mir alle so wohlgeneigt, als ich ihnen. So will ich zeigen, wie ich allezeit ihren edlen Taten nachspürte, um ihre Tugend preisen zu können. Doch soll man nicht eines Menschen Tugend loben, indem man eine einzelne hervorhebt, so daß sie schier den Lastern als Deckmantel dient. Nur wer aus reiner Liebe zur Tugend preisliche Werke vollbringt ist lobenswert. Das hoffe ich euch an der Sittsamkeit und Geduld einer jungen Dame zu erweisen, die in ihrem edlen Wirken nichts anderes erstrebte als Gottes Ruhm und das Heil ihres Mannes.«

 


Siebenunddreißigste Erzählung

 

Wie weise es ein Weib verstund, ihren Mann einem tollen Liebeswahn zu entreißen, der ihn quälte.

 

»Auf einer großen Besitzung in Frankreich lebte eine Frau, deren Namen ich nicht nennen will. Sie war tugendsam und weise, von allen geliebt und geehrt, und so vertraute ihr Mann ihr all seine Angelegenheiten an, die ob ihrer klugen Verwaltung sein Haus bald zu einem der reichsten und prächtigsten in ganz Anjou und der Touraine entwickelten.

Nachdem sie lange Zeit mit ihrem Mann so gelebt und ihn mit einer Reihe schöner Kinder beschenkt hatte, begann ihr Glück zu verblassen, maßen ihr Gatte wohl diese ehrenhafte Ruhe unerträglich fand, anderweitig Zerstreuung suchte und alsbald die Gewohnheit bekam sich vom Bett zu erheben, sowie sein Weib eingeschlafen war, und erst gegen Morgen zurückzukehren. Das mißfiel der Frau gar sehr. Sie ward gewaltig eifersüchtig (ohne es sich aber merken zu lassen) und vernachlässigte ihren Hausstand, sich selbst und ihre Familie, maßen ihr die Frucht ihrer Mühen, die Liebe ihres Mannes, verloren gegangen war. Um seiner Liebe willen hätte sie keine Arbeit gescheut. Nun aber ließ sie alles gehen wie es ging, und bald machten sich die Folgen bemerkbar. Auf der einen Seite verschwendete der Mann das Geld, auf der andern kümmerte sie sich um nichts mehr, und so wurde die Lage bald so verwickelt, daß man den Hochwald abschlug und die Güter mit Schulden belastete.

Einer ihrer Verwandten, der die Ursache kannte, machte sie auf ihren Fehler aufmerksam und erklärte ihr: wenn sie auch nur um ihres Gatten willen ihren Hausstand liebe, so dürfte sie diesen doch um ihrer armen Kinder willen nicht vernachlässigen. So nahm sie aus Mitleid mit diesen ihre Arbeit wieder auf und versuchte obendrein, mit allen Mitteln ihres Mannes Liebe wieder zu erringen.

Und schon tags darauf gab sie wohl acht, wann er sich von seinem Bett erhob. Alsbald stand auch sie auf, nahm ihren Nachtkittel um, ließ das Bett machen und erwartete unter Gebeten die Rückkehr ihres Mannes. Als der wieder in ihr Zimmer trat, ging sie ihm entgegen, küßte ihn und reichte ihm ein Waschbecken, damit er sich die Hände wüsche. Er entgegnete erstaunt ob dieser Neuerung, er käme vom Abtritt, und so läge kein besonderer Grund vor, sich zu waschen. Darauf entgegnete sie, wenn es auch nichts Besonderes wäre, so sei es doch angemessen, wenn er sich die Hände wüsche, nachdem er an einem schmutzigen Ort geweilt habe. Dergestalt wollte sie ihm sein häßliches Leben vor Augen führen und verächtlich machen.

Er aber änderte sich nicht und so setzte die Dame diese Art ein Jahr lang fort. Als sie nun just sah, daß ihr Mittel nichts half, geschah es eines Tages, daß ihr Mann länger verweilte als er es sonst zu tun pflegte. Während sie seiner harrte, ergriff sie der Wunsch, ihn zu suchen, und als sie so von Zimmer zu Zimmer ging, fand sie ihn in einer entlegenen Kleiderkammer neben der häßlichsten, gemeinsten und schmutzigsten Magd des Hauses eingeschlafen liegen. Da bedachte sie, ihn wohl davon zu heilen, daß er seine tugendsame Frau um solcher dreckiger Vettel willen hinterging. Flugs nahm sie Stroh und steckte es inmitten der Stube an. Und als sie inne ward, daß der Qualm ihren Mann eher ersticken denn erwecken würde, packte sie ihn beim Arm und schrie: ›Feuer! Feuer!‹

Daß ihr Mann vor Scham schier verzweifelte, als er wahrnahm, daß sein ehrbares Weib ihn bei solcher Schlumpe gefunden hatte, ist wohl nicht wundersam. Die Frau aber sprach:

›Ein Jahr lang suchte ich Euch geduldig auf den rechten Weg zu bringen und Euch durch jene Waschung zu zeigen, wie sehr Ihr einer inneren Reinigung bedürfet. Wenn Ihr Euch nun aber nicht bessert, weiß ich nicht, ob ich Euch ein zweites Mal solcher Gefahr entreißen würde wie eben jetzt. Bedenket immerhin, welche Verzweiflung die Liebe auslösen kann. Hätte ich nicht Gott vor Augen gehabt, so hätte ich nie soviel Geduld finden können.‹

Alsbald versprach ihr Mann, voll Freude, daß er so leichten Kaufes davonkam, ihr nie wieder Grund zu Klagen geben zu wollen. Dem traute die Dame und jagte mit ihres Mannes Zustimmung alle fort, die ihr im Hause nicht paßten. Und fortan lebten sie in herzlichem Einvernehmen, das schier nach dem vergangenen Unheil noch gewachsen und mehr gefestigt schien.

Sollte nun Gott euch je solchen Mann bescheren, meine Damen, so verzweifelt nicht, bis ihr alle Mittel erprobt habt, um ihn zu bessern. Denn ein Weib sollte sich schier glücklicher schätzen, den Mann erst durch Geduld erworben zu haben, als wenn sie ihn durch Zufall und von Haus aus gleich viel vollkommener erhielte.«

»Ich könnte nicht so langmütig sein,« erklärte Parlamente. »Das mag tugendhaft sein, aber ein derartiger Schimpf führt zur Entfremdung, zur Verachtung und damit zum Ende aller Liebe. Was man liebt, will man auch hochschätzen.« – »Eine ungeduldige Frau kann aber ihren Mann zur Wut reizen,« meinte Emarsuitte. – »und was hätte denn jener Ehemann tun können?« fragte Parlamente. – »Er hätte sie«, entgegnete jene, »tüchtig durchprügeln, ins Mägdebett verweisen und seine Liebste ins Ehebett nehmen können.« – »Ich glaube nicht,« überlegte Parlamente, »daß einer ehrenhaften Frau solch zornige Mißhandlung nähergehen könnte als jene Mißachtung. Darum verstehe ich auch recht gut, daß sie nur um ihrer Kinder willen versuchte, ihn wieder auf den rechten Weg zu bringen.«

»Findet ihr es denn so geduldig, daß sie Feuer ansteckte?« fragte Nomerside. – »O ja,« versicherte Longarine, »und sie beging nur einen Fehler, indem sie ihn aufweckte. Ich hätte ihn getötet und alsdann mich selbst, denn solche Rache und mein Tod danach scheint mir erfreulicher als ein Leben neben einem Mann, der mich entehrt.« – »Freilich,« spottete Hircan, »ihr liebt die Männer nur um euretwillen. Sind sie gut, so ist alles recht, begehen sie aber nur einen kleinen Fehler, dann wird das Kind mit dem Bad ausgeschüttet. So wollt ihr allezeit die Herrinnen spielen: meinetwegen, wenn nur alle Ehemänner dem zustimmen würden.« – »Wenn kein Teil Mißbrauch treibt, ist die Ehe doch eine wunderschöne Einrichtung,« rief Oisille. »Aber lassen wir nun den Streit und sehen wir, wem Dagoucin seine Stimme gibt.« – »Ich gebe sie Longarine,« sprach der.

»Das freut mich sehr,« entgegnete Longarine. »Denn ich weiß eine Geschichte, die zu der Euren paßt. Ich will euch eine Frau vorführen, die weit lobenswerter handelte als die eben beschriebene. Sie ist um so achtenswerter, als sie in einer Stadt lebte, wo doch ansonsten die Tugend nicht so blüht wie auf dem Lande.«

 


Achtunddreißigste Erzählung

 

Bemerkenswerte Milde einer Frau aus Tours gegen ihren mißratenen Mann.

 

»Zu Tours lebte eine schöne, ehrengeachtete Bürgersfrau, die ob ihrer Tugenden von ihrem Mann nicht nur geliebt, sondern gar gefürchtet wurde. Mochte der sich nun langweilen, wie es so manchen schwachen Seelen geht, denen das tägliche Brot nicht behagt, kurz und gut, er verliebte sich in eine Pächtersfrau und verließ nun oft seine Heimatsstadt, um sich auf jenem seinem Gutshofe allemal zwei bis drei Tage aufzuhalten. Kehrte er dann zurück, so war er dermaßen auf dem Hund, daß sein armes Weib Mühe hatte, ihn wieder auf die Beine zu bekommen. Kaum aber konnte er japsen, so kehrte er unfehlbar zu jenem Gutshofe zurück, wo er über seine Liebesfreuden seine körperlichen Leiden vergaß.

Da ihn nun sein Weib immer in solch elendem Zustande von dort zurückkehren sah und um sein Leben und seine Gesundheit besorgt war, so begab es sich eines Tages selbst dorthin. Dort fand es die Pächtersfrau, in die der Mann verliebt war, und dieser klagte es ohne Zorn, vielmehr mit gar freundlichem Gesicht: sie wisse wohl, ihr Mann käme oft hierher zu ihr; doch behandle sie ihn sicher schlecht, denn er kehre allemal in einem jämmerlichen Zustande heim. Das leugnete die Pächterin denn auch nicht, teils um der lieben Wahrheit willen, teils aus Ergebenheit zu ihrer Herrin; und sie erhielt so die Verzeihung dieser Dame.

Doch ließ sich nun selbige das Zimmer und Bett zeigen, darin ihr Mann zu schlafen pflegte, fand es kalt, schmutzig und schlecht eingerichtet und ward darob von Mitleid erfüllt. Flugs ließ sie ein gutes Bett mit Laken, Kissen und Decken herbeischaffen, so wie ihr Mann das liebte; ließ ferner die Stube neu tapezieren und schmücken, gab gutes Tischzeug und Geschirr für Essen und Trinken, zudem ein Fäßchen Wein, Süßigkeiten und Eingemachtes, und bat schließlich die Pächterin, ihren Mann nicht wieder in so kläglicher Verfassung heimzulassen.

Bald kam auch der Ehemann wieder auf den Gutshof, wie es so seine Gewohnheit war, und erstaunte baß, als er die ärmliche Stube so schön hergerichtet fand. Aber seine Augen wurden immer größer, als die Pachtfrau ihm in einem silbernen Becher zu trinken brachte, und er fragte sie schließlich, woher all dieser Reichtum käme. Da gestand ihm das arme Weib unter Tränen, daß seine Frau sich seiner schlechten Behandlung hier erbarmt hätte und darum die Stube eingerichtet und ihr seine Gesundheit ans Herz gelegt hätte.

Als er nun inne ward, wie gütig seine Frau ihm alles Böse mit Wohltaten vergalt, da sah er sein schweres Unrecht ein, gab der Pächterin ein Schmerzensgeld und hieß sie künftighin in Ehren zu leben. Sodann kehrte er zu seinem Weibe zurück, beichtete seine Schuld und gestand, daß er ohne solch große Milde und Güte ihrerseits nie von diesem Leben gelassen hätte. Und fortan lebte er friedlich mit ihr und ließ die Vergangenheit vergessen sein.

Glaubt mir, meine Damen, es gibt nur wenig Männer, die sich nicht auf die Dauer mit Geduld und Liebe von der Frau zurückgewinnen lassen. Die müßten härter denn Steine sein, maßen diese doch von dem weichen, schwachen Wasser mit der Zeit gehöhlt werden.«

»Die Frau hatte kein Herz, noch gar Blut in den Adern!« rief Parlamente aus. – »Was wollt Ihr?« erwiderte Longarine, »sie befolgte Gottes Gebot, Böses mit Gutem zu vergelten.« – »Vielleicht war sie in einen Pfaffen verliebt und wollte ihren Mann öfter auf dem Gut sehen,« spottete Hircan. – »Wie boshaft ihr alle seid,« entsetzte sich Oisille, »wie kann man jede gute Handlung so mißdeuten!« – »Ich finde, er hatte vielmehr Grund zu seinem Weib zurückzukehren, als er fror, denn später, als es ihm dort gut ging,« erklärte Simontault.

»Ihr scheint nicht so zu denken wie jener reiche Pariser,« lächelte Saffredant, »der neben seinem Weibe im Bett erfroren wäre, wenn nur ein Tüchlein gefehlt hätte. Aber zu der Magd ging er im dicksten Winter barfuß und ohne Mütze, ohne sich je zu erkälten, obgleich jene schrecklich häßlich war und sein Weib bildschön.« – »Wißt Ihr nicht,« fragte Guebron, »daß Gott die Toren, Verliebten und Trunkenen immer schützt? Vielleicht war jener alles auf einmal. Doch um nun zum Schluß zu kommen, wem gibt Longarine ihre Stimme?« – »Ich gebe sie Saffredant.« Alsbald hub dieser an:

»Ich hoffe auch zu erweisen, daß Gott die Verliebten keineswegs schützt. Zudem, mag auch ein Laster gleichermaßen bei Mann und Weib zu finden sein, eine Frau findet viel feinere und knifflichere Listen als ein Mann, und dafür sollt ihr nun ein Beispiel hören.«

 


Neununddreißigste Erzählung

 

Ein gutes Mittel, um einen Poltergeist auszu­treiben.

 

Als der Herr von Grignaux, der Hofmarschall der Königin Anna von Frankreich, Herzogin der Bretagne, einst nach zweijähriger Abwesenheit in sein Schloß zurückkehrte, erfuhr er, daß seine Gemahlin auf ein benachbartes Gut gezogen sei, weil in dem Schloß ein Poltergeist umginge, der den Leuten so zusetzte, daß niemand dort bleiben wolle. Der edle Herr glaubte nicht an solche Gespenstergeschichten, erklärte, sich auch vor dem Teufel nicht zu fürchten, und brachte seine Frau wieder in das Haus zurück.

Nachts ließ er eine Menge Kerzen anstecken, um den Geist besser sehen zu können, und wachte lange; als er aber nichts hörte, schlief er endlich ein. Alsbald aber erwachte er von einer Ohrfeige, die er erhielt, und hörte eine Stimme schreien: ›Revigne! Revigne!‹ – so hieß seine Großmutter. Schnell rief er der Kammerfrau, die dort schlief, zu, sie solle die Kerzen anstecken, da alle ausgelöscht waren. Aber die wagte es nicht vor Angst. Und schon merkte der Herr von Grignaux, daß man ihm die Bettdecke fortzog, und zudem vernahm er männiglich Lärm von Tischen, Stühlen und Schemeln, die im Zimmer umfielen, und dies Gepolter dauerte bis zum Morgengrauen.

Der Edelmann war mehr ob der verlorenen Nachtruhe ärgerlich, denn sonderlich beängstet, da er nimmermehr glauben konnte, daß es sich um einen Geist handele. In der folgenden Nacht also beschloß er das Gespenst zu fangen, legte sich daher ruhig nieder und begann alsbald stark zu schnarchen. Doch tat er nur so und hielt eine Hand nahe dem Gesicht griffbereit. Wie er erwartete, merkte er nach kurzer Zeit etwas dem Bett nahen. Darum schnarchte er um so stärker und täuschte damit den Geist so wohl, daß der flugs wieder nach der Backe schlug. Aber sofort hatte der Herr von Grignaux das Gespenst bei der Hand erwischt und rief seinem Weib zu: ›Ich halte den Geist.‹ Die erhob sich sogleich, steckte eine Kerze an und erkannte nun die Zofe, die in ihrem Zimmer schlief. Drob warf sich selbige auf die Knie, bat um Verzeihung und gestand: Aus Liebe zu einem der Diener des Schlosses, der sie schon seit langem gequält habe, sei sie auf diese Gespenstergeschichte gekommen, um so ihre Herrschast zu vertreiben und als Haushüter sich hier gütlich zu tun. Also hätten sie es sich auch wohl sein lassen, derweile sie allein gewesen waren.

Herr von Grignaux war ein mordsgestrenger Mann. Daher ließ er die beiden erst derart verprügeln, daß ihnen der Geist wohl ewig im Gedächtnis blieb, und dann hinauswerfen. Und so ward das Schloß von dem Poltergeist befreit, der zwei Jahre lang dort eine so große Rolle gespielt hatte.

Es ist doch wunderbar, wenn man bedenkt, was Amor alles ausheckt: den Frauen nimmt er alle Furcht und läßt sie gar die Männer schrecken, um zum Ziel zu kommen. Doch ist auch der gesunde Menschenverstand des Edelmannes gar löblich, der sich so klug sagte, daß ein Geist wohl die Erde verläßt, aber nicht wiederkehrt.«

»Ach,« meinte Emarsuitte, »manche Menschen haben wirklich oft so viel auszustehen, daß sie gar nicht darauf kommen, sich gleich jenen eine Freude in ihrem Dasein zu schaffen.« – »Mir scheint,« erklärte Oisille, »es gibt keine wahre Freude, wenn das Gewissen nicht ruhig ist.« – »Oho!« rief Simontault. »Der Italiener sagt, die verbotenen Früchte schmecken am besten.« – »Wer solchen Satz erfunden hat, war sicher selbst ein Teufel! Darum lassen wir das und sehen wir zu, wem Saffredant das Wort erteilt.« – »Wem? Niemand anderem als Parlamente; sie ist an der Reihe, und zudem gebe ich ihr vor hundert anderen den Vorzug, weil sie so gar belehrsam zu reden weiß.«

»Da ich denn den Tag beschließen soll,« hub Parlamente an, »so will ich auf mein Versprechen von gestern zurückkommen und berichten, warum Rolandines Vater jenes Schloß erbaut hat, in dem er sie so lange gefangen hielt.«

 


Vierzigste Erzählung

 

Ein Edelmann erschlägt einen andern, weil er nicht weiß, daß es sein Schwager ist.

 

»Jener Vater Rolandines hatte mehrere Schwestern, von denen einige reich verheiratet, andere im Kloster waren. Eine aber, die unvergleichlich viel schöner war als alle anderen, blieb unvermählt im Hause, und ihr Bruder liebte sie mehr denn Weib und Kind. So oft jemand um sie anhielt, zeigte er sich abgeneigt, weil er die Trennung fürchtete und zudem zu sehr am lieben Gelde hing. Und so verbrachte sie in Ehrbarkeit einen großen Teil ihres Lebens daselbst, ohne sich zu vermählen.

Nun lebte bei ihrem Bruder ein junger Edelmann, der von Jugend an dort aufgewachsen war und mit der Zeit so an Schönheit und Tugend zunahm, daß er ganz unvermerkt seinen Herrn beherrschte. Wollte selbiger etwas von seiner Schwester, so schickte er stets den Edelmann, und so entstand allmählich zwischen den beiden eine herzliche Freundschaft. Doch aus Scheu vor dem Schloßherrn und um der Ehre seiner Schwester willen begnügten sie sich mit Plaudern, bis eines Tages der Bruder erklärte, er hätte gern sein Geld darangegeben, daß jener junge Edelmann aus gleich edlem Hause wäre, maßen er niemanden lieber als ihn zum Schwager gehabt hätte. Das wiederholte er so oft, daß die beiden endlich darüber sprachen und zu dem Entschluß kamen: wenn sie sich heimlich vermählen würden, könnten sie leicht des Schloßherrn Verzeihung erringen. Und also taten sie und vollzogen die Ehe, ohne daß jemand sonsten darum wußte, als der Priester und einige Frauen.

Nachdem sie derart eine Reihe von Jahren gelebt hatten, so glücklich eines der schönsten Ehepaare der Christenheit nur leben konnte, beneidete sie wohl Fortuna ob ihrer Zufriedenheit und ließ ihnen einen Feind erstehen. Der erspähte sie, just als sie ihr Glück in vollen Zügen genossen, und da er von jener Ehe nichts wußte, so hinterbrachte er dem Schloßherrn: jener Edelmann, dem er so sehr vertraue, besuche auffällig oft die Gemächer der Schwester zu Zeiten, da Männer sie nicht betreten dürften. Der Bruder wollte ihm anfangs nicht glauben. Aber jener stellte nun, gleich als läge ihm die Ehre des Hauses allzusehr am Herzen, einen Aufpasser hin, der die Nichtsahnenden wirklich überraschte.

So wurde also eines Abends der Bruder benachrichtigt, daß der Edelmann bei seiner Schwester weile. Flugs ging er hin und fand die beiden von Liebe Verblendeten beieinander im Bett ruhen. Der Zorn raubte ihm die Worte: er zog den Degen und stürzte auf den Edelmann zu, um ihn zu erstechen. Der aber war behende, entwich ihm, und da er zu Tür nicht hinauskonnte, sprang er aus dem Fenster in den Garten. Die arme Dame warf sich im Hemd vor ihrem Bruder auf die Knie und rief: ›Schont meines Gatten Leben: ich habe mich ihm vermählt, und wenn Euch das kränkt, so straft mich allein, denn es geschah auf meinen Wunsch!‹

Der Bruder aber war vor Zorn außer sich und erklärte: ›Und mag er hunderttausendmal dein Gatte sein, ich werde ihn als einen Diener strafen, der mein Vertrauen getäuscht hat!‹ Und damit lief er zum Fenster und schrie hinaus, man solle jenen töten, was auch alsbald vor beider Augen geschah. Als aber die Schwester dies grauenhafte Bild sah, das sie durch keine Bitten hatte verhindern können, da redete sie wie von Sinnen und sprach:

›Ich habe weder Vater noch Mutter und bin alt genug, mich nach eigenem Willen verheiraten zu können. Ich nahm den, von dem Ihr selbst oft sagtet, daß Ihr ihn mir zum Manne wünschtet. Trotzdem habt Ihr nun so meinen Liebsten getötet. So bitte ich Euch denn bei Eurer Liebe zu mir, laßt mich ihm in den Tod folgen, damit ich sein Geschick teile, wie wir all unser Glück geteilt hatten!‹

Der Bruder ward, trotzdem er vor Zorn raste, doch so weit von Mitleid ergriffen, daß er sie, ohne auf ihre Bitte zu antworten, verließ. Mochte er nun bei ruhiger Überlegung und ob der Kunde von jener Vermählung sein Verbrechen bereuen; mochte er fürchten, daß seine Schwester um Recht und Rache flehen könne – kurz, er ließ ihr jenes Schloß inmitten des Waldes bauen, sperrte sie dort ein, und verbot jedem mit ihr zu sprechen.

Nach einiger Zeit quälte ihn aber sein Gewissen. Er wollte sie wieder für sich gewinnen und schlug ihr eine Heirat vor. Sie aber ließ ihm sagen, er habe ihr eine so schlimme Suppe eingebrockt, daß sie auf weitere Gänge verzichte und hoffe dadurch, daß sie allein lebe, ihn vor einem weiteren Morde zu behüten. Zwar sei sie selbst zur Rache zu schwach, doch rechne sie auf den Richter droben, der kein Verbrechen ungestraft lasse und dem sie nun ihr einsames Leben weihen wolle.

Also tat sie, blieb ihr ganzes Leben dort und ward nach ihrem Tode wie eine Heilige verehrt. Bald verfiel auch das Haus ihres Bruders derart, daß von sechs Söhnen fünf im Elend starben. Und schließlich, wie ich erzählt hatte, starb auch der letzte und die ganze Erbschaft fiel an jene Rolandine, die in dem gleichen Gefängnis gelebt hatte wie ihre Tante.

So bitte ich Gott, daß an diesem Beispiele euch allen die Lust vergeht, meine Damen, euch zu eurem Vergnügen ohne Zustimmung eurer Verwandten zu vermählen. Solch ernsten Schritt soll man nicht leichtfertig und ohne guten Rat unternehmen, sonst kann man ebensoviel Leid als Lust erleben.«

»Dennoch scheint mir die Freude, den Geliebten zu heiraten, so groß, daß sie den Kummer überwiegen muß, ihn durch den Tod zu verlieren,« meinte Nomerfide. »Denn das ist doch der Lauf der Welt. Zudem war sein Tod der kürzeste und somit der beste. Denn ich kann nur die glücklich preisen, die nicht lange in den Vorhallen des Todes zu weilen brauchen und geradeswegs aus dieser irdischen in die ewige Seligkeit einziehen.« – »Und scheint Euch denn die Schande nichts,« fragte Longarine, »und jene Gefangenschaft, die sie erdulden mußte?« – »Ich finde,« erwiderte diese, »wer vollkommen und nach Gottes Geboten liebt, kennt keine Schande. Was aber jene Gefangenschaft betrifft, so kann sie, die darin einzig Gott und dem Gedenken ihres Mannes lebte, selbige nur als Freiheit empfunden haben. Zudem ist kein Gefängnis eng, wenn die Gedanken sich in weitem Fluge ergehen können.« – »Aber wie konnte auch der Schloßherr also den Edelmann vor seiner Schwester rühmen!« rief Longarine. »Das gleicht der Torheit und Grausamkeit jenes Mannes, der einem vor Durst Ersterbenden die Güte seiner Quelle rühmt und ihn tötet, weil er davon trinkt.«

»Ich finde es vielmehr verwunderlich,« sprach Saffredant, wie man es schlimm finden kann, daß ein schlichter Edelmann ohne List oder Gewalt eine Frau aus großem Hause heiratet, maßen doch der geringste Mann immer noch mehr wert ist als die vornehmste Frau.« – »Das geschieht für die Öffentlichkeit,« sagte Dagoucin, »damit nicht durch Nichtachtung des Adels die Monarchie untergraben werde.« – »Es gibt auch manche Liebesehen,« widersprach Guebron, »die zustande kamen, obgleich die Familien nicht gleich wert waren. Aber man hat sie bereut, obgleich Herz und Anlagen gleich schienen: solch unerwünschte Liebe führt zu Eifersucht und wilden Wutausbrüchen.« – »Mir scheint einzig lobenswert,« schnitt Parlamente ab, »daß alle Menschen sich Gottes Willen unterwerfen, Ruhm, Geiz und Wollust verachten und in Züchten und Ehren nach den Sitten und Gesetzen in die Ehe treten. Gibt es auch kein Leben ohne Leid, so wird diesen doch keine Reue zuteil.«

Alsbald schwuren Hircan, Guebron, Simontault und Saffredant, daß sie sich nur so verheiratet hätten und es nie bereuen würden. So waren alle zufrieden und begaben sich zur Messe, wo die Mönche ihrer harrten. Danach speisten sie und sprachen dabei noch gar mancherlei über die Ehe. Doch redeten sie so hin und wieder, daß sich das nicht im einzelnen berichten läßt. Drob nahte die Stunde der Nacht schneller als sie es erwarteten. Nur Oisille merkte, daß es Zeit wurde, sich zurückzuziehen, und gab darum das Zeichen zum Aufbruch. Und so gingen alle in ihre Stuben, zumal die Eheleute, die statt zu schlafen, einen Teil der Nacht von vergangenen Liebesstunden plauderten und die gegenwärtigen auskosteten. Derart verging gar sanft die Nacht, bis der Morgen anbrach.

 


Der fünfte Tag

 

Als der Tag graute, bereitete Frau Oisille das geistige Frühmahl, das gar schmackhaft geriet und Geist und Körper der aufmerksamen Zuhörer erquickte. Sobald dann die Meßglocke erklang, setzte die ganze Gesellschaft die erhaltenen Belehrungen in Taten um, lustwandelte sodann etwas und begab sich schließlich zu Tisch in der Erwartung, diesen Tag nicht minder erfreulich zu gestalten: Saffredant äußerte gar, er wünschte, die Brücke bliebe noch einen ganzen Monat unvollendet, so viel Freude fände er an den Genüssen, die alltäglich gespendet würden. Der Abt hingegen suchte den Bau nach Möglichkeit zu beeilen, da ob jener erlauchten Gesellschaft die Pilger nicht so lange an den heiligen Stätten weilen mochten, als sie es sonst zu tun pflegten.

Nachdem dann alle eine Weile geruht hatten, eilten sie zur gewohnten Kurzweil, und sowie sie sich gelagert hatten, fragten sie Parlamente, wem sie das Wort erteile. Die sprach: »Mir scheint, Saffredant würde einen guten Anfang machen. Wenigstens sieht sein Gesicht nicht nach Tränen aus.« Und alsbald hub jener an:

»Ihr würdet recht grausam sein, meine Damen, wenn ihr mit dem Franziskaner kein Mitleid hättet, dessen Geschichte ich euch erzählen will. Nach den bisher berichteten Fällen könntet ihr vielleicht glauben, diese Mönche machten sich nur über arme Frauen her, da sie bei diesen des Erfolges sicher sind und nichts fürchten. Nun sollt ihr aber erkennen, wie sehr ihre Lüsternheit sie verblendet und Furcht und Überlegung raubt. So vernehmt denn einen Fall, der sich in Flandern zutrug.«

 


Einundvierzigste Erzählung

 

Von der neuartigen, seltsamen Buße, die ein Franziskaner als Beichtvater einem Mägdelein auferlegte.

 

»In dem Jahre, da Margarete von Österreich im Auftrage ihres Neffen, des Kaisers, nach Cambral kam, um mit Luise von Savoyen, der Mutter des allerchristlichen Königs, über den Frieden zu verhandeln, kam auch in Margaretens Gefolge die Gräfin von Aiguemont dorthin und erfreute sich des Ruhmes, für die schönste Frau Flanderns zu gelten. Diese kehrte nach Beendigung jener Verhandlungen wieder in ihr Schloß zurück, und da nun die Adventszeit nahte, ließ sie ein Franziskanerkloster um Abordnung eines Beichtvaters für sie selbst und ihr Haus ersuchen. Der Abt wählte den würdigsten aus, der nur irgend hierfür in Betracht kommen konnte, maßen sein Kloster von den Familien Aiguemont und Piennes, denen die Gräfin angehörte, mit Wohltaten überhäuft wurde. Und so wurde der angesehenste Prediger jener Brüderschaft entsandt, der auch während der ganzen Adventszeit zur großen Zufriedenheit der Gräfin seines Amtes waltete.

In der Weihnachtsnacht ließ dann die Gräfin den Beichtiger rufen, um das Abendmahl zu nehmen, beichtete ihm in einer wohlverschlossenen Kapelle, auf daß die Beichte um so geheimer vor sich ginge, ließ dann die Ehrendame beichten, und diese schickte hierauf ihre junge Tochter zu jenem wackeren Beichtvater. Als selbige alles gesagt hatte, was sie wußte, und er so hinter ein kleines Geheimnis gekommen war, wandelte ihn die kecke Lust an, ihr eine ungewöhnliche Buße aufzuerlegen, und so sprach er:

›Meine Tochter, deine Sünden sind so schwer, daß ich dir zur Sühne auferlegen muß, meinen Strick auf dem bloßen Leib zu tragen.‹ – Das Mägdelein sagte gehorsam: ›So gebt ihn mir, auf daß ich ihn nach Euerm Geheiß umlege.‹ – ›Nein, meine Tochter,‹ entgegnete jener, ›das genügte nicht, wenn es von deiner Hand geschähe; das müssen meine Hände sein, die dir auch dann Absolution erteilen. Die werden dich das erstemal gürten, und so wirst du alsbald deiner Sünden ledig.‹

Nun begann das Mägdelein zu weinen und erklärte, sie wolle es nicht tun. – ›Wie,‹ rief der Mönch, ›bist du eine Ketzerin, die eine Buße abweist, wie Gott und unsere heilige Mutter, die Kirche, sie vorschreibt?‹ – ›Ich habe gebeichtet,‹ schluchzte das Mägdelein, ›wie die Kirche es befiehlt, und will gern Buße tun, um Absolution zu erhalten. Doch will ich nicht, daß Eure Hände mich berühren, denn sonst werde ich die Buße verweigern.‹ – ›Wenn es so ist,‹ sprach der Beichtvater, ›dann gebe ich dir auch keine Absolution.‹ Alsbald erhob sich das Mägdelein in tiefer Verwirrung, denn es war sehr jung, und so fürchtete es, durch diese Ablehnung eine Sünde begangen zu haben. Als nun nach der Messe die Gräfin das Abendmahl nahm, fragte die Ehrendame, die alsdann an der Reihe war, ihr Töchterlein, ob es bereit sei. Das Mägdelein gestand ihr unter Tränen, daß der Pater ihr die Beichte nicht abgenommen habe. ›Was hast du denn aber dort so lange geweilt?‹ fragte die Mutter. – ›Ich wollte die auferlegte Buße nicht erfüllen,‹ schluchzte das Mädchen, ›und so gab er mir keine Absolution.‹

Nun sprach die Mutter so klug auf sie ein, daß sie bald erfuhr, welch seltsame Buße der treffliche Beichtvater ihr hatte auferlegen wollen. Drob ließ die Mutter sie bei einem andern Mönch beichten, worauf beide das Abendmahl nahmen. Sobald aber die Gräfin von der Kirche zurückkehrte, trug ihr die Ehrendame ihre Klage ob jenes Paters vor. Des war die Gräfin gar betreten, sintemalen sie ihn bisher so wohl beurteilt hatte. Doch konnte ihr Zorn sie auch nicht hindern, über diese neuartige Buße zu lachen, so hielt sie solches nicht ab, den Franziskaner in die Küche schleppen und wohl mit Ruten bestreichen zu lassen, bis er die Wahrheit gestand. Alsdann sandte sie ihn mit gefesselten Händen und Füßen zu seinem Prior zurück und ließ bitten, ihr künftig jemanden zu schicken, der geeigneter sei, Gottes Wort zu verkünden.

Bedenket wohl: wenn die Mönche in einem so hochedlen Hause wie diesem keine Angst haben, ihre Frechheit zu enthüllen – was mögen sie bei armen Leuten tun, wo sie doch vor allem zu tun haben und ihnen alles so leicht gemacht wird. Mir scheint es ein Wunder, daß sie meist ungerupft davonkommen. Doch wandelt eure Entrüstung in Mitleid, meine Damen, und bedenkt, daß der gleiche Teufel, der Mönche verblendet, auch geeigneten Falles Damen nicht verschont.«

»Ich finde, das war ein recht schlimmer Mönch,« entrüstete sich Oisille, »und die äußeren Umstände – Weihnachtsnacht, Kirche und Beichte – erschwerten noch seine Sünde.« – »Meint Ihr,« neckte Hircan, »daß die Franziskaner keine Menschen sind und es sich nicht entschuldigen läßt, maßen er sich doch in tiefer Nacht allein mit einem schönen Mägdelein sah?« – »Er hätte wohl bedenken sollen,« warf Parlamente ein, »daß in jener Nacht die Geburt Jesu Christi gefeiert wurde.« – »Ihr überseht, daß einer Geburt eine Empfängnis vorhergeht,« rief Saffredant. »Immerhin war sein Tun sündhaft, und er hat seine Strafe verdient.« – »Vielleicht wäre es besser gewesen, ihm nur Vorwürfe zu machen, statt die Sache an die große Glocke zu hängen,« meinte Guebron. »Denn hat ein Mönch erst die Scham verloren, dann wird er sich schwerlich bessern. Mit der Scham verliert man meist auch das Gewissen.« – »Dem kann ich nicht beistimmen,« entgegnete Parlamente. »Mir scheint es verdienstlich, solchen Menschen die Maske abzureißen, auf daß wir uns so vor Verführungen unserer Töchter hüten, die oft nicht genügend gewarnt sind. – Doch wem wird nun Hircan das Wort geben?« – »Euch selbst, die Ihr fragt,« sprach der, »maßen kein verständiger Mensch es Euch verweigern wird.«

»Wenn ich dergestalt an der Reihe bin,« hub Parlamente an, »so will ich einen Fall berichten, für den ich persönlich bürgen kann. Wenn die Tugend in einem schwachen Geschöpfe von einem starken und mächtigen Feinde angegriffen wird, so ist ihr Sieg bekanntlich um so preislicher. Denn wenn ein Starker einen Starken überwindet, so ist das nicht weiter verwunderlich. So täte ich der Wahrheit, die ich in so armem Gewande erkannte, daß sie gar unbemerkt blieb, unrecht, wenn ich nicht die Geschichte jenes Mägdeleins erzählte, das also rühmenswerte Taten vollbrachte.«

 


Zweiundvierzigste Erzählung

 

Wie ein Mägdelein den hartnäckigen Nachstellungen eines französischen Fürsten widerstand und über ihn obsiegte.

 

»In einer der größten Städte der Touraine wohnte ein Fürst aus edlem Hause, der dort seit frühester Jugend aufgewachsen war. Von seiner Vollkommenheit, Anmut, Schönheit und Tugend vermag ich nur zu sagen, daß er in dieser Zeit seinesgleichen nicht fand. Mit fünfzehn Jahren begann er sich an Jagden zu ergötzen, doch schöne Frauen erregten seine Aufmerksamkeit noch nicht. Da erblickte er eines Tages in einer Kirche ein Mägdelein, das früher im Schlosse gelebt hatte. Doch war es nach der Mutter Tod gleich seinem Bruder vom Vater nach Poitou gebracht worden. Das Mägdelein hieß Francoise, und eine Halbschwester von ihr war mit dem Vorsteher der fürstlichen Hofkellerei verheiratet. Als der Vater starb, ließ er Francoise all seinen Besitz bei jener Stadt. Dorthin zog sie sich anfangs zurück; da sie aber sechzehn Jahre alt wurde und sich verheiraten wollte, so mochte sie nicht allein dort bleiben und suchte bei der Schaffnerin, ihrer Halbschwester, Unterkunft.

Als nun der junge Fürst sah, wie schön sie trotz ihres dunklen Haares war und wie ihre Anmut so wenig ihrem Stande glich (maßen sie eher einer Edelfrau gleichsah), so schaute er sie lange an. Und er, der bisher nie geliebt hatte, fühlte in seinem Herzen ein ungewohntes Lustgefühl auskeimen, also daß er sich nach ihr erkundigen ließ, als er wieder heimkam. So erfuhr er, daß sie früher oft ins Schloß gekommen war und bei seiner Schwester mit Puppen gespielt hatte. Selbiger rief er sie alsbald wieder ins Gedächtnis zurück und die Schwester ließ das Mägdelein holen, bewirtete es trefflich und bat es, öfters wiederzukommen.

Das tat sie auch, und wenn der Fürst sie bei Festen und Gesellschaften mit Wohlgefallen ansah, so bedachte er, sie recht herzlich zu lieben, und in anbetracht ihrer schlichten Abkunft vermeinte er um so leichter zum Ziele zu gelangen. Da er aber keine Möglichkeit sah, mit ihr ungestört zu reden, so entsandte er einen Edelmann aus seinem Gefolge zu ihr, um für ihn zu sprechen. Sie aber entgegnete in ihrer Klugheit und Gottesfurcht: sie könne nicht glauben, daß ein so schöner und edler Fürst, wie ihr Herr es sei, Freude daran fände, ein so einfaches Mädchen wie sie anzuschauen, zumal es im Schlosse so viele schöne Frauen gäbe, daß er nicht in der Stadt zu suchen brauche. Darum meine sie, der Edelmann sage das aus sich, ohne Auftrag seines Herrn.

Als der Fürst diese Antwort erhielt, flammte ob des Widerstandes seine Liebe um so heller auf. Flugs schrieb er einen Brief und bat sie darin, den Worten jenes Edelmannes Glauben zu schenken. Sie verstand sehr wohl zu lesen und zu schreiben. Doch nachdem sie den Brief durchgelesen hatte, wollte sie trotz der Bitten des Edelmannes keine Antwort schreiben, denn, erklärte sie, einem Mädchen so niederer Abkunft gezieme es nicht, an einen so hohen Fürsten Briefe zu richten. Doch ließ sie ihn bitten, er möge nicht glauben, sie wäre so dumm, zu vermeinen, daß er wirklich in sie verliebt wäre. Sollte er aber annehmen, daß er sich ob ihres einfachen Standes leichtlich an ihr verlustieren könne, so täusche er sich; denn ihr Herz sei so ehrenrein als das der edelsten Prinzessin der Christenheit; sie hielte ihre Tugend und ihr Gewissen für ihren reichsten Schatz auf Erden, und müßte sie auch sterben, so würde sie doch nie ihre Ansicht ändern.

Der Fürst war ob jener Antwort wenig beglückt. Doch da er sie weiter liebte, so sorgte er stets dafür, in der Kirche in ihrer Nähe zu sitzen, und während des Gottesdienstes heftete er dann unentwegt seine Augen auf ihre Schönheit. Als sie dessen inne ward, ging sie in eine andere Kapelle, und da stets, wohin sie sich auch setzte, der Fürst in ihrer nächsten Nähe die Messe anhörte, so wollte sie überhaupt diese Kirche nicht mehr besuchen und begab sich täglich zu der entferntesten, die sie finden konnte.

Wenn es aber Feste im Schlosse gab, dann wollte sie auch nicht mehr daran teilnehmen und schützte gegenüber den dringenden Bitten der Prinzessin Krankheit vor. Als so der Fürst einsah, daß er mit ihr nicht sprechen konnte, wandte er sich an den Schaffner und versprach ihm für seine Mithilfe eine große Belohnung. Darauf ging der gern ein, teils um dem Fürsten gefällig zu sein, teils weil er sich die Belohnung nicht entgehen lassen mochte, und berichtete nun täglich, was das Mägdelein sagte und tat; zumal aber, wie sie nach Möglichkeit versuchte, dem Fürsten aus dem Wege zu gehen.

Mochte diesem nun in dem glühenden Wunsche, sich mit ihr zu vergnügen, solche bequeme List beigefallen sein: kurz und gut, eines Tages begab er sich hoch zu Roß auf den Hauptplatz der Stadt vor das Haus des Kellermeisters, bei dem Francoise wohnte, und erging sich dort in allerlei Reitkünsten, die jene wohl sehen konnte. Plötzlich aber ließ er sich in einen großen Schmutzhaufen abwerfen, und obwohl er recht weich gefallen war, erhob er ein großes Wehgeschrei und bat, ihn in ein Haus zu nehmen, auf daß er die Kleider wechseln könne.

Zwar boten alle das ihre an. Doch äußerte jemand, das Haus des Kellermeisters sei am nächsten und zudem am anständigsten, und so brachte man ihn dorthin. Er fand das Zimmer gar wohl eingerichtet, und alsbald entkleidete er sich bis aufs Hemd, maßen seine sämtlichen Gewänder kotdurchtränkt waren. Dann legte er sich ins Bett, und derweile alle fortgingen um frische Kleidungsstücke zu holen, rief er seine Wirtsleute und fragte sie, wo Francoise sei. Die vermochten sie nur mit Mühe zu finden. Denn kaum hatte das Mägdelein gesehen, daß man den jungen Fürsten in ihr Haus brachte, so hatte es sich im entlegensten Winkel verborgen. Endlich fand ihre Schwester sie dort und bat sie, ohne Furcht mit dem edlen und tugendhaften Prinzen zu sprechen. Sie entgegnete:

›Wie könnt Ihr, teure Schwester, die ich meiner Mutter gleich halte, mir raten, mit einem hohen Herrn zu sprechen, dessen Absichten ich doch, wie Ihr wißt, so genau kenne.‹ Die Schwester aber bestürmte sie und versprach ihr, sie nicht allein zu lassen, so daß sie endlich mit ihr ging. Doch war sie so bleich und entstellt, daß sie wahrlich keine Lüsternheit mehr erwecken konnte. Als sie nun der junge Fürst neben dem Bett sah, nahm er ihre kalte, zitternde Hand und sprach:

›Francoise, haltet Ihr mich für derart wild und grausam, daß Ihr vermeint, ich könnte Frauen mit meinen Blicken verzehren? Warum fürchtet Ihr mich so sehr, da ich doch nur Eure Ehre und Euren Vorteil im Auge habe? Ihr habt mich geflohen, aber das hat Euch nichts genützt, wir Ihr seht. Auf die Gefahr hin, mir den Hals zu brechen, ließ ich mich vom Pferd abwerfen, bloß um das Vergnügen zu erleben, mit Euch plaudern zu können. Da ich nun die Gelegenheit so mühsam erkauft habe, gestattet mir, bitte, zu versuchen, durch meine große Liebe die Eure zu erringen.«

Und nachdem er lange Zeit auf ihre Antwort gewartet hatte und sah, daß ihre Augen voller Tränen standen und ihr Blick zur Erde gerichtet war, zog er sie, so nahe er konnte, an sich, um sie zu umarmen und zu küssen. Sie aber sagte:

»Nein, edler Herr, nein. Was Ihr wünschet, kann nicht geschehen. Denn bin ich auch neben Euch nur ein armseliger Wurm, so möchte ich doch lieber sterben, als für die schönsten Freuden der Welt meine Ehre dahingeben. Schon der Gedanke, jene, die Euch hier eintreten sahen, könnten das mißdeuten, macht mich zittern. Doch da Ihr mir die Ehre antut, mit mir zu sprechen, so gestattet, daß ich Euch antworte, wie die Ehre es mich heißt. Ihr wißt recht wohl, daß eine Kosestunde mit einem Mädchen niederen Standes Euch nur den Stoff abgibt, um von Euern Liebesabenteuern später zu erzählen. Da mich nun Gott nicht zur Prinzessin gemacht hat, die Ihr heiraten könntet, noch mir den Stand verlieh, um Euch Herrin und Freundin zu sein, so erniedrigt mich, bitte, nicht zu jenen armen unglücklichen Geschöpfen. Ich achte und ehre Euch als einen der glücklichsten Fürsten der Christenheit: so bewahret mir Eure Gunst, und mein Lebelang will ich zu Gott um Glück und Heil für Euch flehen. Einen andern Dienst aber kann ich Euch nicht erweisen.«

Als nun der junge Fürst diese sittsame Antwort hörte, mußte er das Mägdelein ob ihrer ehrbaren Gesinnung hochschätzen, obgleich sie doch seinem Wunsch entgegentrat. So suchte er sie glauben zu machen, daß er sie allein ewig lieben würde. Das vermochte er ihr nicht einzureden; doch fand er so viel Freude und Gefallen an ihrem Geplauder, daß er vorgab zu schlafen, als man ihm meldete, die Kleider wären vom Schloß angekommen, und so blieb er im Bett liegen, bis die Stunde kam, wo er zum Abendessen bei seiner hochedlen Mutter sein mußte. Da verließ er das Haus des Kellermeisters und war von der Ehrbarkeit des Mägdeleins tief durchdrungen.

Oft sprach er hierüber in der Folgezeit mit dem Edelmann, der mit ihm zusammen wohnte. Der meinte, vielleicht ließe sich mit Geld mehr erreichen als mit Liebesworten, und riet ihm, dem Mägdelein eine recht große Summe anzubieten. Des Prinzen Geld wurde aber noch von seiner Mutter verwaltet, und so besaß er selbst nur wenig für kleine Ausgaben. Daher lieh er sich überall zusammen, bis er fünfhundert Taler hatte, und schickte damit den Edelmann zu ihr. Sie aber erwiderte angesichts dieses Geschenkes: ›Bitte, sagt Euerm Herrn, daß mein Herz so anständig empfindet, daß es allein seiner Schönheit und Anmut sich ergeben hätte, wenn dies möglich gewesen wäre. Gegen meine Ehre aber kann dies Geld erst recht nichts ausrichten; darum bringt es ihm zurück – lieber will ich weiter in Armut leben, wenn nur die Ehre rein bleibt.‹

Angesichts dieser harten Abweisung vermeinte der Edelmann, vielleicht mit Drohungen etwas zu erreichen. Aber sie lachte ihm ins Gesicht und rief: ›Droht denen mit dem Fürsten, die ihn nicht kennen. Ich weiß, daß er klug und tugendsam ist, daß solche Worte nicht von ihm stammen und daß er sicherlich nicht dafür einstehen wird. Doch wären Eure Drohungen auch wahr, so könnte weder Leiden noch Tod mich in meinem Entschluß erschüttern.‹

Diese Antwort brachte der Edelmann entrüstet heim, und da er den Fürsten unbedingt zum Erfolge führen wollte, riet er ihm allerlei Mittel, um ihr zuzusetzen, maßen es doch eine Schande wäre, solch Mädchen nicht zu gewinnen. Der Prinz aber wollte sich nur zu anständigen Wegen verstehen, zumal er fürchtete, seine Mutter könnte von Gerüchten etwas erfahren, und so unternahm er nichts, bis sein Edelmann ihm einen Weg vorschlug, der so einfach schien, daß er darob mit dem Kellermeister sprach.

Der war bereit, seinem Herrn in jeder Weise zu Diensten zu sein. Daher forderte er eines Tages sein Weib und seine Schwägerin auf, die gelesenen Trauben in seinem Haus unweit des Waldes zu besichtigen. Das sagten beide zu. Und als der Tag kam, ließ er es den Prinzen wissen, und der befahl, heimlich sein Maultier bereitzuhalten, damit er, allein mit dem Edelmann, dorthin eilen könne, sowie es Zeit sei. Doch wollte Gott, daß seine Mutter just an diesem Tag ihren Schreibtisch neu schmückte und herrichtete und ihre Kinder mithelfen ließ. So war der Prinz über die verabredete Zeit hinaus beschäftigt.

Indessen hatte des Kellermeisters Weib auf Geheiß ihres Mannes sich krank gestellt und ihm dies mitgeteilt, als er schon zu Pferd saß und seine Schwägerin hatte hinten aufsitzen lassen. So brachte er diese allein nach jenem Haus. Als aber die vereinbarte Zeit überschritten war, meinte er: »Ich glaube, wir können nun wieder heimkehren.« – »Warum etwa nicht?« fragte Francoise. – »Ich erwartete den Fürsten, der kommen wollte,« entgegnete der Schaffner. Als also die Schwägerin seiner Bosheit inne ward, sagte sie: »Wartet nicht, ich weiß bestimmt, daß er heute nicht kommt.« Und ihr Schwager glaubte ihr und führte sie wieder heim.

Kaum aber war sie zu Hause, so ließ sie ihrem grimmigen Zorn freien Lauf und warf dem Schwager ins Gesicht: er sei ein Satansknecht und täte gar noch mehr, als ihm geheißen würde, maßen sicherlich er und jener Edelmann auf diesen Einfall gekommen seien, nicht aber der junge Fürst. Er aber wolle Geld einstreichen und stachle ihn noch in seinen Torheiten auf, statt ihm ein ehrbarer Diener zu sein. Da sie ihn aber nun in seiner Schlechtigkeit erkannt habe, wolle sie auch fürder nicht mehr in seinem Haus bleiben.

Und alsbald ließ sie ihren Bruder kommen, damit er sie auf ihr Landgut heimbrächte, was auch unverzüglich geschah. – Da nun der Kellermeister seinen Streich mißlungen sah, begab er sich nach dem Schloß, um zu erfahren, warum der Fürst nicht gekommen sei. Doch traf er ihn unterwegs, just wie er auf seinem Maultier mit dem Edelmann angeritten kam. Der Fürst fragte sogleich: ›Ist sie noch da?‹ Und so erzählte der Schaffner, was geschehen war.

Darob war jener sehr betrübt, maßen somit sein letztes und äußerstes Mittel fehlgeschlagen war. Und da er fürder jeden Ausweg abgeschnitten fand, suchte er Francoise in einer Gesellschaft auf, wo sie ihm nicht entweichen konnte, und machte ihr heftige Vorwürfe, daß sie so hart gegen ihn sei und zudem gar noch ihren Schwager verlassen wolle. Doch sie entgegnete, ihr Schwager sei ihr ein zu gefährlicher Schutz, und er sei wohl seinem Schaffner sehr zugetan, maßen dieser ihm nicht nur Leib und Eigen, sondern gar Seele und Gewissen hingäbe.

Da erkannte der Fürst, daß alles vergebens war. So entschloß er sich, ihr fürder nicht mehr nachzustellen, und bewahrte ihr sein Lebelang seine Achtung. Einer seiner Diener wollte später das Mägdelein ob ihrer Ehrbarkeit heiraten; das aber verlangte vor allem die Zustimmung des Prinzen, dem es trotz allem herzlich zugetan war. So ließ Francoise bei ihm anfragen, und so wurde mit seiner Billigung diese Ehe geschlossen, in der sie bis an ihr Ende ehrengeachtet lebte. Der Fürst aber überhauste sie mit Wohltaten und Gunstbezeigungen.

Was läßt sich da noch sagen, meine Damen? Könnten wir so niedrig denken, daß unsere Diener uns übertreffen? Lasset uns diesem Beispiele folgen und uns selbst besiegen. Das ist der preislichste Sieg, den wir erringen können!«

»Ich finde die Tugend dieses Mägdeleins nicht so groß,« erklärte Hircan. »Vielleicht liebte sie einen andern und mißachtete darob den ganzen Adel.« Sogleich erwiderte Parlamente, daß jene augenscheinlich nie einem andern geneigt gewesen sei, den sie über alles, aber nicht mehr denn ihre Ehre liebte. – »Solche Vorstellungen lasset fallen,« rief Saffredant, »und macht Euch zunächst klar, wie die Frauen zu dem Begriff ›Ehre‹ gekommen sind. Als die Bosheit der Menschen noch nicht so groß war da war die Liebe schlicht und stark und Heuchelei kannte man nicht. Als aber Arglist, Geiz und sündhaftes Verlangen in die Menschenherzen einzogen, da vertrieben sie Gott und die Liebe und setzten an ihre Stelle Eigenliebe, Heuchelei und Trug. Da nun die Damen, denen die Liebe fehlte, inne wurden, wie verhaßt den Männern Heuchelei war, so gaben sie ihr den Namen ›Ehre‹, die sie nun vorschieben, wenn sie keine Liebe fühlen. Und daraus machten sie ein so grausames Gesetz, darob jetzt selbst die Frauen, die wahrhaft lieben, ihr Gefühl verbergen und aus der Tugend ein Laster machen müssen!«

»Immerhin findet man,« entgegnete Dagoucin, »daß geheime Liebe die preislichste ist.« – »Geheim!« spottete Simontault, »geheim für schlechte Beobachter, klar aber zum mindesten für die zwei, um die es sich handelt.« – »Keineswegs,« widersprach jener. »Ich meine es so: die liebende Frau möchte ihre Gefühle lieber von einem Dritten erkannt wissen als von dem Geliebten, und diesen liebt sie um so stärker, je weniger sie es zeigt.« – »Wie dem auch sein mag,« schnitt Longarine ab, man muß die Tugend achten; doch scheint mir jener Fürst noch löblicher zu sein, da er trotz seiner Liebe und Macht sich gegen die Grundsätze ehrenhafter Freundschaft nicht verstoßen wollte. Denn wer Übles tun kann und nicht tut, der ist wahrhaft zu preisen.« – »Dabei fällt mir die Geschichte einer Dame ein, die mehr die Augen der Menschen scheute denn Gott, Ehre und Liebe.« – »So bitte ich Euch,« sprach Parlamente, »erzählet uns das. Und dazu erteile ich Euch das Wort.« Alsbald hub jener also an:

»In Rücksicht auf die Familie will ich den Namen der Dame ändern und sie Camilla nennen. Diese also sagte oft, daß jede, die einzig mit Gott zu tun habe, glücklich sei, sofern sie nur ihre Ehre vor den Menschen ohne Makel und rein erhielte. Doch werdet ihr sehen, meine Damen, daß trotz ihrer Klugheit und Heuchelei am Ende ihr Geheimnis enthüllt wurde. Und so vernehmet denn diese Geschichte, die bis auf die Namen der vollen Wahrheit entspricht.«

 

 


Dreiundvierzigste Erzählung

 

Die Heuchelei einer Hofdame scheitert an dem Übermaße ihrer so wohl verheimlichten Liebe.

 

»In einem wundervollen Schlosse wohnte eine Prinzessin von mächtigem Einfluß, zu deren Hofstaat eine äußerst hochfahrende Dame mit Namen Camilla gehörte. Die besaß einen so gewaltigen Einfluß auf ihre Herrin, daß selbige nichts ohne ihren Rat unternahm und sie für die klügste und tugendhafteste Frau ihrer Zeit hielt. Besagte Camilla nun verfolgte jede Liebestorheit mit so ingrimmigem Eifer, daß sie jede Hofdame, in die sich ein Edelmann etwas verliebte, alsbald bitterlich ausscholt und gar ihrer Herrin über sie das Schlimmste berichtete. Oft erreichte sie dadurch, daß solch arme Dame dann auch von der Prinzessin hart getadelt wurde, und so ward Camilla von allen gefürchtet und gehaßt. Sie selbst aber sprach nie mit einem Manne, höchstens ganz laut und von oben herab, also daß man vermutete, sie sei eine Todfeindin jeder Liebe.

Das stimmte aber keineswegs. Denn es gehörte zu dem Gefolge ein Edelmann, in den sie bis zur Sinnlosigkeit verliebt war. Doch stand ihr der klangvolle Ruf ihrer Sittsamkeit höher, und so verleugnete sie ihre Liebe. Als nun aber diese Leidenschaft schon ein gutes Jahr getobt hatte, ohne in Worten oder Blicken sich irgendwie entladen zu haben, da ward ihre Glut so verzehrend, daß Camilla nach einem Heilmittel ausschaute und zu dem Entschluß kam, ihr Begehren derart zu stillen, daß nur Gott allein ihr ins Herz zu blicken vermochte, und kein Mensch es erführe, der etwa darüber plaudern könnte.

Als sie nun nach diesem Entschluß eines Tages in dem Gemach ihrer Herrin weilte und auf die Terrasse hinausblickte, sah sie den Geliebten draußen lustwandeln. Lange heftete sie ihr Auge auf ihn, bis die niedersinkende Dunkelheit ihn verhüllte. Da rief sie flugs einen ihrer jungen Pagen, wies auf den Edelmann und sagte: »Siehst du wohl jenen Herrn in karmoisinfarbenem Wamse und dem mit Luchsfell verbrämten Mantel? Geh hin zu ihm und bestelle, einer seiner Freunde wolle ihn im Gartenhäuschen sprechen.« Sodann begab sie sich durch die Kleiderkammer ihrer Herrin nach jenem Gartenhaus, nachdem sie ihre Haube über die Stirn gezogen und die Maske vorgenommen hatte.

Kaum war der Edelmann eingetreten, so verschloß sie die beiden einzigen Türen, umarmte und küßte ihn voll Leidenschaft, ohne die Maske abzunehmen, und sagte so leise sie konnte: »Lange schon drängte mich die glühende Liebe zu Euch, einen Ort und eine Gelegenheit zu finden, da ich Euch sehen könnte. Aus Sorge um meine Ehre mußte ich meine Zuneigung verhehlen; doch nun habe ich die Furcht im Vertrauen auf Eure Ehrbarkeit überwunden. So versprecht mir nun, falls Ihr mich lieben wollt, niemals zu Jemandem davon zu sprechen noch auch je zu erkunden, wer ich bin. Denn ich will Euch eine huldvolle und treue Freundin sein und nie einen andern lieben als Euch allein. Doch will ich lieber sterben, als Euch wissen lassen, wer ich bin.‹

Der Edelmann versprach ihr das alles und machte es ihr damit leicht, gleiches mit gleichem zu vergelten, nämlich ihm alles zu gewähren, das er nur wünschen konnte. Es war Winter und etwa fünf oder sechs Uhr abends. Daher konnte er nichts von ihr sehen. Doch da er ihre Kleider betastete, merkte er, daß sie aus Sammet waren, den damals nur Damen aus angesehener und edler Familie trugen; ihre Untergewänder aber bestanden, soweit er es fühlen konnte, aus feinem Linnen, das gar sauber und wohl geschmückt war.

Bot er nun seinerseits alles auf, um sie nach Kräften zu beglücken, so ließ auch sie es weder an Leidenschaft noch an Entgegenkommen fehlen, also daß der Edelmann erkannte, daß sie keine Jungfrau mehr war. Alsdann wollte sie schleunigst wieder zurückkehren, woher sie gekommen war. Aber der Edelmann sagte: ›Ich weiß das Glück zu schätzen, das Ihr mir ohne mein Zutun zuteil werden ließet. Aber ich wäre noch mehr beglückt, wenn Ihr mir eine Bitte erfülltet. Hochentzückt ob der Gunst, die Ihr mir erwieset, bitte ich Euch, zu sagen, ob ich auf ähnliche Freuden fürder hoffen darf und wie dies geschehen könnte. Denn maßen ich Euch nicht kenne, weiß ich auch nicht, wie ich weiter dafür sorgen kann.«

»Darum kümmert Euch nur nicht,« entgegnete die Dame, »sondern seid sicher, daß ich Euch alltäglich vor dem Abendessen unsrer Herrin rufen lasse. Seid nur immer zur gleichen Zeit auf der Terrasse. Kommet stets allein und gedenket Eures Versprechens. Hört Ihr aber, daß es zum Essen geht, so könnt Ihr Euch zurückziehen oder in das Zimmer der Herrin kommen. Vor allem jedoch versuchet niemals zu erfahren, wer ich bin, denn alsdann wäre unsere Freundschaft zu Ende.«

Dann gingen beide, ein jeglicher seines Wegs. Und so setzten sie lange Zeit dies Leben fort, ohne daß der Edelmann wußte, wer sie war. Das quälte ihn auf die Dauer, und er begann darüber nachzugrübeln. Er konnte sich nämlich gar nicht denken, daß eine Frau, die liebt, nicht auch gesehen sein wollte, und so fürchtete er schier, es sei ein böser Geist; denn er hatte einen dummen Pfaffen sagen hören: wer des Teufels Angesicht erblickt habe, könne nie mehr geliebt werden. Ob dieses Zweifels entschloß er sich festzustellen, wer ihn so mit Gunst überhäufe.

Als sie ihn daher wieder einmal rufen ließ, nahm er ein Stück Kreide mit und derweile er sie umarmte machte er damit auf ihrem Rücken ein Kreuz, das sie nicht bemerken konnte. Kaum aber war sie fort, so begab er sich eiligst in das Gemach seiner Herrin und blieb unweit der Tür stehen, um alle Damen, die hereintraten, rücklings besehen zu können. So sah er unter anderen auch Camilla eintreten, die sich wieder so hochfahrend zeigte, daß er schier fürchtete, sie gleich den andern anzublicken, und sicher war, daß sie es jedenfalls nicht sein könne. Aber als sie ihm den Rücken wendete, gewahrte er das weiße Kreuz. Darob war er so verblüfft, daß er fast seinen Augen nicht traute. Je mehr er aber ihre Gestalt verglich mit der, die er so oft in den Armen hielt, je mehr er ihr Gesicht betrachtete, dessen Formen er durch Betasten wohl im Gedächtnis hatte, – desto mehr ward er sich klar, daß sie es ohne Zweifel war. Da ward er über die Maßen froh, daß eine Dame, die in dem Geruche stand, so viele Edelleute abgewiesen zu haben, just ihm ihre Gunst zuteil werden ließ.

Amor aber, der die Ruhe nicht liebt, stachelte ihn mit Verheißungen und kühnen Hoffnungen und flößte ihm den Gedanken ein, ihr seine Liebe zu erklären, auf daß hierdurch die ihrige noch wüchse. Als daher eines Tages die Prinzessin im Garten lustwandelte und er so Camilla allein einen Parkweg entlangschreiten sah, trat er an sie heran und sprach, als hätte er sie nie anderwärts gesehen: ›Schon seit langer Zeit, edle Frau, trage ich eine Neigung in meinem Herzen, die ich nur nicht enthüllte, um Euch nicht zu mißfallen. Doch kann ich die Qual fürder nicht tragen, ohne zu sterben, denn gewißlich hat Euch nie ein Mann gleich mir geliebt.‹

Die Dame aber ließ ihn gar nicht erst weiterreden, sondern sagte in grimmem Zorne: ›Habt Ihr je gehört, daß ich Diener oder Freunde hatte? Sicherlich nicht! So bin ich ganz starr, woher Ihr die Keckheit nehmt, mit mir, einer so tugendsamen Frau wie ich bin, also zu sprechen. Ihr seid doch lange genug im Hause, um zu wissen, daß ich nur meinen Gatten liebe. Darum hütet Euch, weiter solche Reden zu führen.‹

Ob dieser Verstellung hub der Edelmann an zu lachen und rief: ›Nicht allezeit seid Ihr also unerbittlich, Gnädigste. Warum übt Ihr vor mir solche Verstellung? Zieht Ihr eine vollkommene Freundschaft nicht diesem unvollkommenen Zustand vor?‹ Camilla entgegnete: ›Ich pflege mit Euch weder vollkommene noch unvollkommene Freundschaften. Und wenn Ihr nicht alsbald mit diesen Reden aufhört, werde ich Euch so hassen, daß Ihr es bereuen könntet.‹

Der Edelmann aber hielt stand und fragte: ›Und wo bleibt unser Gekose in den Stunden, da ich Euch nicht sehen darf? Warum beraubt Ihr mich am Tage, da ich Euch sehen kann, des Anblickes Eurer Huld, Schönheit und Anmut?‹ Da schlug die Dame ein großes Kreuz und rief: ›Wahrlich, entweder habt Ihr den Verstand verloren oder Ihr seid der größte Lügner dieser Erde. Denn nie habe ich Euch je herzlicher empfangen als heute, und ich verstehe nicht, was Ihr damit sagen wollt.«

Der Edelmann vermeinte, sie durch Einzelheiten niederzudrücken, und beschrieb nun, wie er sie immer gesehen und endlich an dem Kreidekreuz erkannt habe. Da geriet sie vor Wut schier außer sich und nannte ihn einen ganz schlechten Kerl und einen Lügenbold, der seine Verleumdungen noch bereuen würde. Zwar wollte er sie darob in Anbetracht ihres Einflusses bei ihrer Herrin besänftigen, aber alles war vergebens. Sie ließ ihn stehen und lief wütend zu der Prinzessin. Die schickte alsbald alle andern fort, um mit ihr zu reden, und fragte sie, worüber sie so zornig sei, und stracks berichtete ihr Camilla die Worte des Edelmannes und verdrehte dabei die Wahrheit so, daß noch am gleichen Abend die Prinzessin dem Ärmsten sagen ließ, er möge unverweilt das Schloß verlassen, ohne weiter mit jemandem zu sprechen, und in seinem Haus bleiben, bis sie ihn wieder rufen ließe. Das tat er eiligst, um nicht noch Schlimmeres zu erleben. Und solange Camilla bei ihrer Herrin lebte, durfte er in das Schloß nicht zurückkehren und erhielt auch nie wieder eine Nachricht von der Frau, die ihm so richtig angekündigt hatte: er würde sie verlieren, wenn er zu erfahren suche, wer sie sei.

So könnt ihr sehen, meine Damen, wie diese Frau, die ihr Gewissen dem äußeren Schein hintanstellte, auch ihren guten Ruf verlor, denn heute kennt jeder die Geschichte, die sie vor ihrem Mann und selbst ihrem Freund verbergen wollte. Und so wurde sie allen lächerlich, ohne sich selbst mit der Einfalt ihrer Liebe entschuldigen zu können; ja, sie ist doppelt schuldig, da sie sich mit dem Mäntelchen der Ehrbarkeit verhüllte und sich anders zeigen wollte als sie war. Und Gott, der alle Verstellung aufdeckt, wird sie doppelt strafen!«

»Mir scheint,« rief Parlamente, »daß die, so ihrer Lustbegier zum Opfer fallen, den Namen »Frau« nicht mehr verdienen. Sie gleichen den Männern, deren Rücksichtslosigkeit und Lüsternheit gar noch ihre Ehre erhöhen. Ein Mann, der seinen Feind tötet, um eine Beleidigung zu rächen, gilt nur als desto trefflicherer Kamerad. Und das noch mehr, wenn er ein Dutzend Frauen neben der seinen liebt. Frauenehre ist auf anderem Untergrund aufgebaut: auf Sanftmut, Geduld und Keuschheit.« – »Ihr meint bei vernünftigen Frauen,« warf Hircan ein. – »Andere mag ich nicht kennen,« entgegnete Parlamente. – »Wenn es keine Törinnen gäbe,« spottete Nomerfide, »wie schnell würden dann jene Männer alle Hoffnung fahren lassen, die so gern mit trügenden Worten weibliche Einfalt umgarnen möchten.« – »Ach bitte, erzählet uns etwas hierüber,»« rief Guebron. »Ich will Euch das Wort erteilen.« Und Nomerfide hub alsbald an:

»So will ich Euch eine Geschichte erzählen zum Lobe eines liebenden Mannes, gleichwie die Eure eine liebestolle Frau verächtlich machte.«


Vierundvierzigste Erzählung

 

Wie zwei Liebende durch ihre List sich ihrer Liebe wohl erfreuen, so daß endlich alles glücklich endet.

 

Zu Paris lebten zwei Männer mittleren Standes: der eine war ein Verwaltungsbeamter, der andere ein Seidenwarenhändler. Beide waren von altersher gute Freunde und besuchten sich gar oft und sonder Umstände. So kam auch Jakob, der Sohn des Beamten, oft in das Haus des Kaufmanns, zumal er ein recht gesitteter Jüngling war. Doch hatte er es auf Francoise, die Tochter jenes Händlers abgesehen, und er wußte sich so wohl mit ihr zu stellen, daß er bald erkannte, wie herzlich sie seine Gefühle erwiderte.

Inzwischen aber wurde das Heerlager der Provence gegen den Einmarsch Karls von Österreich aufgeboten, und Jakob mußte seiner Pflicht gemäß mit ins Feld rücken. Schon gleich zu Anbeginn dieses Feldzuges segnete sein Vater das Zeitliche, und diese Nachricht betrübte den Sohn doppelt, maßen ihn neben der Trauer auch die Sorge bedrückte, wie er die Geliebte nun künftig so oft wie bisher sehen könne. Und während mit der Zeit die Trauer nachließ, wuchs diese Sorge. Denn solch Todesfall ist recht natürlich, zumal die Eltern vor den Kindern zu sterben pflegen. Die Liebe aber drängt zum Leben, zur Erzeugung der Nachkommenschaft, die uns derart unsterblich macht, und deshalb wächst die sinnliche Begier stetig.

Als daher Jakob nach Paris zurückkehrte, hatte er nur den einen tröstenden Gedanken, wieder den regelmäßigen Verkehr bei dem Kaufmann in die Wege zu leiten und unter der Maske reiner Freundschaft dessen teuerstes Wertobjekt zu erwerben. Francoise nun war während seiner Abwesenheit viel umworben worden, da sie klug, schön und zudem längst heiratsfähig war, derweile es dem Vater damit gar nicht eilte, weil er entweder geizig war oder seine einzige Tochter besonders gut verheiraten wollte. Darob gab es vielerlei Klatsch bei jenen Leuten, die es auf jeden, vornehmlich aber auf schöne Frauen und Mädchen abgesehen haben, und der Vater stellte sich dieserthalben auch keineswegs taub oder blind. Er wollte nicht den Vätern gleichen, die ihre Töchter zu lästerlichem Tun drängen, statt sie darob zu rügen, und so hielt er Francoise kurz und erlaubte selbst den Freiern nicht, mit ihr in Abwesenheit der Mutter zu plaudern, ja nicht einmal, sie öfter und lange zu sehen.

Das ging dem guten Jakob hart an, und es wollte ihm gar nicht anders in den Kopf, als daß hinter dieser Strenge ein besonderer Grund stecken müsse. So war er von Liebe und Eifersucht zerfressen, bis er sich endlich entschloß, alles zu wagen, um der Sache auf den Grund zu kommen. Um nun vorerst festzustellen, ob sie noch die gleiche Zuneigung zu ihm hege, richtete er es so ein, daß er neben ihr die Messe hörte. Und da konnte er leichtlich auf ihrem Gesichte lesen, daß sie nicht minder über dies Wiedersehen erfreut war als er. Da er weiterhin wußte, daß die Mutter nicht so unnachsichtig war wie der Vater, so paßte er sie beim Kirchgang ab, begrüßte sie kecklich, als wäre es der reine Zufall, und tauschte einige höfliche, unverfängliche Worte mit ihnen aus. Doch ging er darin nicht weiter, sondern tat all dies nur, um seinem Vorhaben näher zu kommen.

Als dann ein Jahr seit dem Todesfall verstrichen war und er die Trauer ablegte, entschloß er sich, gemäß dem Brauche seiner Ahnen, schmuck aufzutreten. Als er diese Absicht seiner Mutter unterbreitete, pflichtete diese ihm bei; denn sie hätte ihn gern gut verheiratet gesehen, gleichwie ihre Tochter es war, zumal sie weiter keine Kinder hatte. Obendrein war sie Hofdame, und darum sah sie den Himmel voller Geigen angesichts so vieler Jünglinge, die gar trefflich ihren Weg machten und sich zum mindesten ihrer Vorfahren würdig zeigten. Als nun die Frage besprochen wurde, wo er sich ausstaffieren solle, meinte die Mutter: ›Ich meine, du solltest zu unserm Gevatter Peter gehen‹ (das war Francoises Vater); ›der ist unser lieber Freund und wird uns nicht betrügen.‹

Damit kratzte sie ihn just, wo es ihn juckte. Doch ließ er sich nichts merken und meinte: ›Wir sollten kaufen, wo wir es am wohlfeilsten erhalten. Immerhin habe ich im Angedenken an meinen seligen Vater nichts dagegen, uns zunächst dorthin zu wenden.«

Dergestalt setzten sie einen Morgen fest und begaben sich selbander zu Herrn Peter, der sie liebenswürdigst empfing. Lange wählten sie dann zwischen den vielen ausgebreiteten Stoffen und suchten das Gewünschte heraus; aber sie wurden nicht handelseinig, wenigstens wußte es Jakob so zu stellen, maßen er die Mutter seiner Freundin nicht zu sehen bekam. So gingen sie schließlich fort, um sich anderweitig umzusehen. Aber Jakob fand nirgends sonst etwas Passendes und darum kehrten sie einiges später wieder dorthin zurück.

Diesmal war die Frau des Herrn Peter anwesend und bewillkommnete sie freundlich; doch war sie noch steifer als ihr Mann, so daß Jakob schließlich sagte: »Ach, wie seid Ihr hart, werte Frau. Nun wir unsern Vater verloren haben, wollt Ihr uns nicht mehr kennen!« Und dabei zerdrückte er eine vorgebliche Zähre in seinem Auge, gleich als ob er in Gedanken an seinen Vater Tränen vergösse. Und die Wittib ging gutgläubig auf diese Stimmung ein und sagte ihrerseits: »Wahrlich, seit seinem Tode ist unser Verkehr eingeschlafen, als kennten wir uns gar nicht. So wenig erbarmt man sich armer Witwen.«

Darob tauschten sie alsbald zärtliche Worte und versprachen, sich fortan recht oft zu besuchen. Derweile kamen andere Käufer, die der Händler in den hinteren Laden führte. Und da nun der Jüngling den Augenblick für günstig hielt, sprach er zu seiner Mutter: »Ich sah die Damen so oft an Feiertagen die heiligen Stätten unserer Gegend, zumal die Klöster, besuchen. Wie wäre es, wenn sie bisweilen geruhen würden, bei uns einen kleinen Imbiß zu nehmen und uns also mit der Freude ihres Besuches zu beehren.«

Die Kaufmannsfrau argwöhnte auch nichts Böses und sagte flugs, schon seit zwei Wochen wolle sie jene Gegend besuchen, und wenn am künftigen Sonntag das Wetter schön sei, so würde sie sicherlich dorthin gehen und alsdann nicht versäumen, bei der Wittib vorzusprechen. Alsbald nach dieser Verabredung einigten sie sich auch über den Kaufpreis, maßen man sich doch nicht um ein paar Batzen solche Gelegenheit entgehen lassen wird, und dann gingen die beiden mit ihren Einkäufen davon.

Nun aber die Sache eingefädelt war, erkannte Jakob, daß er allein nicht zum Ziele kommen könne, und so zog er seinen Freund Olivier ins Vertrauen, mit dem er alles so wohl besprach, daß nur noch die Ausführung fehlte. Wirklich kam am folgenden Sonntag die Kaufmannsfrau mit ihrer Tochter auf dem Rückweg vom Kloster zu der Wittib und fand daselbst noch eine Nachbarin, die mit dieser in einem Gartenhäuschen saß, und die verheiratete Tochter der Wittib, so mit Jakob und Olivier lustwandelte. Als jener seine Freundin erblickte, nahm er sich zusammen, um seine Fassung nicht zu verlieren. Vielmehr ging er voll Selbstbeherrschung der Mutter und Tochter entgegen, und alsbald kam es wie immer, daß sich das Alter zusammenfand und die drei bejahrten Damen sich auf eine Bank setzten und dem Garten den Rücken zukehrten.

Derweile lustwandelte das Liebespaar im Park, bis es zu den zwei anderen kam. Bei denen plauderten sie eine Weile zärtlich, setzten dann ihren Gang fort und nunmehr klagte der Jüngling Francoise sein Leid. Das Mägdelein vermochte ihm seine Bitten weder abzuschlagen noch zu erfüllen, und daraus entnahm jener, daß ihr die Sache recht zu Herzen ging. Vorsichtshalber kamen sie des öfteren bei den alten Damen vorbei, also daß selbige keinen Argwohn fassen konnten, sprachen alsdann von alltäglichen Dingen oder tollten wie Kinder im Garten umher. Solchergestalt waren die Damen bald ohne Acht auf sie, und nunmehr, nach etwa einer halben Stunde, gab Jakob seinem Freunde Olivier ein Zeichen, und der spielte seine Rolle bei jener Schwester so wohl, daß sie nicht bemerkte, wie das Liebespaar eine Wiese betrat, die mit Kirschbäumen bestanden und von Rosenhecken und Büschen wohl umschlossen war.

Dort traten die beiden ein, als wollten sie Beeren pflücken; aber man erntete andere Früchte. Statt die grünen Zweige herunterzureißen, riß er des Mägdeleins roten Rock herunter, also daß jene Röte ihr eher zu Kopf stieg, als sie gewahr wurde, daß es ihr unten daran mangelte. So war sie völlig überrascht, und er hatte die gar reife Frucht so flink gepflückt, daß es Olivier schier nicht geglaubt hätte, wenn er nicht gesehen hätte, daß das Mägdelein danach verschämten Angesichts die Augen senkte und er so seiner Sache sicher wurde. Denn bisher trug sie den Kopf gar hoch und fürchtete nicht, daß das Geäder ihres Auges einen bläulichen Schein haben könnte.4 Jakob aber, der ihrer Scham gewahr wurde, wußte sie durch Vorhaltungen und Zusprache wieder zu beruhigen. Trotzdem vergingen zwei oder drei Rundgänge im Park nicht ohne ein gutes Teil Tränen und Klagen, und wohl etliche Male seufzte sie: »Wehe, liebet Ihr mich nur dafür? Mein Gott, wenn ich das gewußt hätte. Was soll ich nun tun?! Jetzt bin ich für mein ganzes Leben verloren. Wie werdet mich fürder noch achten können? Sicherlich werdet mich künftig aus dem Sinn schlagen, wenn Ihr zu jenen gehört, die nicht Liebe, sondern Lust wünschen. Wehe, warum bin ich nicht gestorben, bevor mir solche Schande angetan wurde!« Und während dieser Klagen vergoß sie weidlich Tränen.

Indes tröstete sie Jakob mit Versprechungen und Liebesschwüren so wohl, daß sie kaum drei weitere Rundgänge beendet hatten, als er nochmals seinem Freunde Olivier ein Zeichen machte und mit seiner Liebsten auf einem anderen Weg zur Wiese strebte. Und trotz ihres Kummers erntete das Mägdelein im grünen Gras noch weit größere Freuden als das erstemal. Darob war es alsbald so beglückt, daß es mit ihm sogleich besprach, welcherart sie fortan öfter und ungestörter miteinander kosen könnten, bis ihr Vater seine Einwilligung gegeben habe. Hierzu war ihnen eine junge Nachbarin des Herrn Peter sehr behilflich, obgleich sie mit dem Jüngling nicht verwandt und nur mit dem Mägdelein befreundet war. Und solchermaßen setzten sie (soviel ich gehört habe, ganz unauffällig) dies Leben fort, bis sich ihre Ehe vollzog, die ihm viel Geld brachte, maßen Francoise das einzige Kind dieses reichen Kaufmannes war. Allerdings mußte Jakob bis zum Tode des alten Herrn sehr eingeschränkt leben, denn der Herr Peter war sehr sparsam und vermeinte immer, die eine Hand müsse festhalten, was die andere ausgäbe.

Dieser Liebesbund hatte also wohl begonnen, einen schönen Fortgang genommen und ein gutes Ende gefunden. Zwar verachten die Männer gemeinhin ein Mägdelein oder eine Frau, die freigebig das hergab, so jene am eifrigsten wünschen. Dieser Jüngling aber war von aufrichtiger Liebe erfüllt, hatte bei seiner Freundin alles gefunden, was man bei der Frau erwartet, die man heiraten will, wußte, daß sie klug und wohlgeboren war, und war sich klar, daß er ihr einen Fehltritt, an dem er selbst schuld war, nicht zum Vorwurf machen konnte. Und darum finde ich ihn recht lobenswert.« »Vielmehr sollte man beide tadeln,« widersprach Oisille, »und den dritten dazu, der solche Notzucht deckte!« – »Nennt Ihr das Notzucht, wenn zwei einverstanden sind? Gibt es denn überhaupt bessere Ehen als die, so aus derartigen Liebesbünden hervorgingen? Darum sagt auch das Sprichwort: »Ehen werden im Himmel geschlossen.« Das kann man von Zwangsehen und Geldheiraten nicht sagen, die von der Zustimmung der Eltern abhängen.«

»Sagt, was Ihr wollt,« wehrte Oisille ab. »Wir können des Gehorsams gegen die Eltern, oder in deren Ermangelung des Rates der Verwandtschaft nicht entbehren. Könnten jeder und jede nach Belieben heiraten – wieviel unglückliche Ehen gäbe es dann! Vermeint Ihr, so ein Jüngling oder ein Mägdelein von zwölf bis fünfzehn Jahren weiß, was ihr nottut? Schaut zu, wie Ehen verlaufen: mindestens ebensoviel Liebesheiraten gehen in die Brüche, weil die Voraussetzungen schlecht waren, als Zwangsehen. Denn die ahnungslosen Jünglinge bleiben an der ersten besten hängen ohne nachzudenken, und erkennen später erst die kleinen, dann die großen Fehler. Bei Zwangsehen dagegen gibt das Urteil Erfahrener den Ausschlag, die Betroffenen erhalten ein Glück, das sie anfangs nicht beurteilen können, später aber schätzen lernen und um so nachdrücklicher genießen.«

»Recht schön, edle Frau,« meinte Hircan. »Aber jenes Mägdelein war alt genug und wußte, daß ihr Vater aus Angst ums liebe Geld ihre Jungfrauenschaft lieber verschimmeln ließ. Zu allem kam die kurzentschlossene Handlungsweise ihres Freiers, der ihr keine Zeit zum Widerspruch ließ. Vielleicht gar hatte ihr unzufriedenes Gesicht nach jener Überraschung nur den Grund, daß sie noch nicht recht beurteilen konnte, ob solch Vorgang schmackhaft sei oder nicht. Darum ließ sie sich auch gar nicht sehr nötigen, einen zweiten Versuch zu machen.« – »Ich kann nur das eine löblich finden,« entgegnete Longarine, »daß nämlich der Jüngling das Mägdelein später nicht verließ, wie die verdorbene Jugend der Gegenwart das zu tun liebt. Darüber will ich gern das erste Vergehen entschuldigen, das im Grunde einen Gewaltakt gegen das Mägdelein und einen Vertrauensbruch gegenüber ihrer Mutter bedeutete.«

»Nicht das eine, noch das andere!« rief Dagoucin. »Nach jeder Seite hin lag Einwilligung vor, seitens der Mütter, die es nicht verhinderten, ebensowohl als seitens des Mägdeleins, das sich recht wohl dabei befand. Zudem hat sie sich nie darüber beklagt.« – »Sicherlich war ihre Mutter eine rechte Einfalt,« klagte Parlamente, »maßen sie die Tochter so ohne Nachdenken auf die Schlachtbank führte.« – »Sagt lieber ins Ehebett,« erwiderte Simontault, »sintemalen diese Einfalt dem Mägdelein nicht mindere Freuden einbrachte als in einem andern Fall einer Frau, die sich allzuleicht von ihrem Mann betrügen ließ.« – »Wenn Ihr hierüber eine Geschichte wißt,« sagte Nomerfide, »so erteile ich Euch das Wort.«

»Recht wohl,« hub jener an; »nur versprecht mir, nicht zu weinen. Wer da meint, die Frauen seien listiger als die Männer, dürfte schwerlich mit einem so beweiskräftigen Exempel dienen können als ich, der ich zugleich eines Gatten Klugheit und seines Weibes gutmütige Einfalt zeigen will.«

 

 


Fünfundvierzigste Erzählung

 

Ein Ehemann gibt vor, dem Stubenmädchen die Kinderstreiche 5 verabfolgen zu wollen und hintergeht also sein einfältiges Weib.

 

»Zu Tour lebte ein geistesgegenwärtiger, gescheiter Mann, der Tapetenmacher des seligen Herzogs von Orleans, des Sohnes König Franz’ des Ersten. Zwar war er durch eine Krankheit schwerhörig geworden, doch hatte sein gesunder Menschenverstand darunter nicht gelitten; und daß er nicht nur in seinem Handwerk gar leistungsfähig war, mag man aus dem Folgenden leicht ersehen. Er war mit einer sittsamen, recht wohlhabenden Frau verheiratet, lebte mit ihr in friedlicher Ruhe und hütete sich wohl, ihr zu mißfallen, gleichwie auch sie ihm gern jederzeit fügsam war. Trotz all seiner Zuneigung aber war er so freigebig, daß er oft auch den Nachbarinnen spendete, was nur seinem Weibe zukam; doch vollzog er solche Spenden in tiefster Heimlichkeit.

Nun diente in seinem Hause eine Magd, die wohl bei Fleische war, also daß jener sich in sie verliebte. Maßen er aber fürchtete, sein Weib könne ihm auf die Schliche kommen, tat er oft vor ihr, als tadle er jene und zanke sie aus, nannte sie den schlimmsten Faulpelz, den er je gesehen habe, und äußerte seine Verwunderung, daß sein Weib sie niemals schlug. Als sie nun eines Tages von den Kinderstreichen sprachen, erklärte er seiner Frau: »Man täte wahrlich eine Wohltat, wenn man diese faule Magd mit Ruten striche; aber das dürfte nicht von Eurer Hand geschehen, denn die ist zu schwach und Euer Herz zu mitleidig. Wenn Ihr mir erlaubtet, das zu erledigen, so würden wir sicherlich künftig besser von ihr bedient werden.«

Sein armes Weib ahnte nichts Böses, und so bat sie ihn, die Prozedur vorzunehmen, da sie in der Tat zu schwach und weichherzig sei. Alsbald übernahm der Mann fröhlich diese Aufgabe, spielte den rohen Henker und befahl recht tüchtige Ruten zu kaufen. Die ließ er obendrein in Salzwasser legen, um zu erweisen, daß er nicht die geringste Milde walten lassen wollte, also daß sein gutmütiges Weib eher die Magd bemitleidete denn ihren Gatten beargwöhnte.

Als dann der Bethlehemstag kam, erhob sich der Tapetenmacher zu früher Stunde und begab sich in die Kammer, wo die Magd allein schlief. Aber er verabfolgte ihr ganz andere Dinge als sein Weib glaubte. Zwar hub die Magd gewaltiglich an zu heulen, aber das half ihr nichts. Maßen er jedoch fürchtete, seine Frau könne ihn abfassen. so schlug er auf die Holzränder der Bettstatt, bis die Ruten zerspellten und brachen, zeigte sie dann also seinem Weibe und sprach: »Meine Liebe, ich glaube, dieser Streiche wird sich Eure Magd recht wohl erinnern.«

Kaum hatte er dann das Haus verlassen, so warf sich die Magd ihrer Herrin zu Füßen und klagte, der Herr habe ihr das schlimmste Unrecht angetan, das je einer Magd widerfahren könne. Ihre Herrin aber verstand, daß sie von den Streichen rede, unterbrach sie und sagte: »Mein Mann tat sehr recht; schon seit einem Monat bitte ich ihn darum; hat es Euch weh getan, so freut mich das: denkt nur an mich; und sicher hat er sich noch dabei einiges Maß auferlegt!«

Da die Magd also inne ward, daß ihre Herrin die Sache billigte, vermeinte sie, es könne doch wohl nicht so gar schlimm gewesen sein, maßen doch jene ehrengeachtete Frau selbst die Veranlassung gewesen war. Also sprach sie nicht mehr davon. Und als der Hausherr wahrnahm, daß sein Weib ebenso damit zufrieden war, betrogen zu werden, als er damit, sie zu betrügen, entschloß er sich, sie des öfteren zufriedenzustellen. Daher zähmte er die Magd alsbald so wohl, daß sie ob seiner Streiche niemals mehr Tränen vergoß. Und so lebten sie lange Zeit, ohne daß sein Weib etwas merkte.

Als nun große Schneefälle eintraten, bedachte der Tapetenmacher sein Spiel gleichermaßen auf dem Schnee fortsetzen zu können, wie er es im grünen Gras gepflogen hatte. So nahm er die Magd eines Morgens früh, ehe sonst jemand im Hause erwacht war, im Hemd in den Garten, auf daß sie dort ihre Morgenandacht verrichte. Erst schneeballten sie sich gehörig, und dann vergaßen sie auch die Streiche nicht. Das aber bemerkte eine Nachbarin (die vom Fenster aus in seinen Garten blicken konnte), als sie nach dem Wetter sehen wollte. Als sie sein anstößiges Tun gewahrte, ergrimmte sie und beschloß, die Gevatterin zu benachrichtigen, auf daß sie sich weder von ihrem schlimmen Gatten betrügen ließe, noch fürder solche Magd im Hause dulde.

Nachdem sich aber der Tapetenmacher weidlich verlustiert hatte, schaute er um sich und nahm jene Nachbarin wahr, die am Fenster stund. Darob war er baß betrübt. Gleichwie er jedoch jeglicher Tapete allerlei Farben zu verleihen wußte, so entschloß er sich, auch diesen Vorfall recht schon zu färben, also daß diese Nachbarin nicht minder gut betrogen würde als sein Weib. Kaum war er daher ins Bett geschlüpft, so erweckte er seine Frau, führte sie gleichermaßen in den Garten wie die Magd, schneeballte sich auch mit ihr lange Zeit, und strich schließlich sein Weib mit der gleichen Rute wie ihr Stubenmädchen. Darauf legten sich beide wieder zur Ruhe. Sobald sich dann die gute Frau zur Messe begab, fand sich auch die Nachbarin ein und bat sie eifrigst, ohne aber näheres zu sagen: sie müsse ihre Magd davonjagen, sintemalen selbige eine schlechte, gefährliche Dirne sei. Die andere meinte, das läge ihr recht fern, solange sie die näheren Gründe nicht kenne. So entschloß sich die Nachbarin endlich, zu erzählen, wie sie jene Magd früh morgens mit dem Hausherrn im Garten erblickt habe. Die wackere Frau hub alsbald an, recht herzlich zu lachen, und sagte: »Ach, beste Gevatterin, das war doch ich.« – »Wie denn?« entgegnete jene, »ich meine im Hemd, früh morgens um fünf Uhr.« – »Ja freilich, Frau Nachbarin, das war ich.«

Die andere fuhr immer eifriger fort: »Sie schneeballten sich beide und bewarfen auch die Brust, dann gar andere Stellen mit Schnee, ohn’ alle Scham!« – »Ja, ja, meine Liebe, das war ich.« – »Aber denkt doch, ich sah sie im Schnee dann allerlei Dinge treiben, die wirklich nicht schön und sittsam waren.« Da erklärte die gute Frau: »Ich sagte Euch und ich wiederhole es nochmals, das war ich. Mein Mann und ich lieben solch ausgelassene Spiele, aber darob entrüstet Euch bitte nicht. Ihr wißt, wir armen Frauen müssen unsern Männern allezeit zu Gefallen sein.«

So mußte die Nachbarin unverrichteter Dinge wieder heimziehen. Aber nun hätte sie am liebsten selbst solchen Ehemann ihr Eigen genannt. – Als dann der Tapetenmacher nach Hause kam, berichtete ihm sein Weib des langen und breiten dies Gespräch mit der Nachbarin. »Da seht Ihr, meine Liebe,« erwiderte er am Ende, »wie wir schon längst entzweit sein könnten, wenn Ihr nicht eine so verständige Frau wäret. Aber ich hoffe bei Gott, daß Er uns dies Einvernehmen noch lange Zeit sich selbst zum Preise erhalten möge.« – »Amen,« sagte sein Weib. »Und ich hoffe, daß Ihr nie wieder einen Fehler an mir wahrnehmen möget!«

Wer diese Geschichte gehört hat, wird fürder schwerlich glauben, daß ihr Frauen den Männern an Listen überlegen seid. Um aber der Wahrheit die Ehre zu geben, soll man sagen, daß sich beide an Durchtriebenheit nichts nachgeben.«

»Dieser Mann da war ein besonders schlechter Kerl,« meinte Parlamente, »denn er betrog gleichermaßen die Magd wie sein Weib.« – »Ihr habt wohl nicht recht aufgepaßt,« widersprach Hircan. »Ihr hörtet doch, daß beide von ihm am selbigen Morgen zufriedengestellt wurden. Ich finde, daß er so körperlich denn geistig recht Wackeres leistete, maßen er in Wort und Tat zwei so gegensätzlichen Gesichtspunkten Rechnung tragen konnte.« – »Just darum war er doppelt schlecht,« entgegnete Parlamente. »Die Einfalt der einen beschwichtigte er durch eine Lüge, die Bosheit der anderen durch seine Lasterhaftigkeit. Aber vor Euerm Richterstuhl werden solche Sünden natürlich leicht vergeben.« – »Ich kann Euch versichern,« klagte Hircan, »daß ich einer so schwierigen und anspruchsvollen Lage nicht gewachsen wäre. Denn ich wäre mit meines Tages Arbeit schon recht zufrieden, wenn ich Euch allein wohl versehen müßte.« – »Wenn gegenseitige Liebe das Herz nicht zufrieden stellt,« erwiderte seine Frau, »dann kann man auch auf andere Weise keine Befriedigung finden.« – »Das ist wahr,« rief Simontault, »denn ich glaube, es gibt hinnieden kein größeres Leid, als Liebe ohne Gegenliebe.«

»Das meine ich auch,« versicherte Oisille, »und da fällt mir just eine Geschichte ein, die ich eigentlich zwar nicht für sonderlich erzählenswert gehalten hatte. Da sie aber hierher paßt, will ich sie schnell berichten.«


Sechsundvierzigste Erzählung

 

Von einem Franziskaner, der den Ehemännern einen schweren Vorwurf machte, wenn sie ihre Frauen verbläuten.

 

»Zu Angouleme – der Stadt, da sich der Vater des Königs Franz, Graf Karl, so gern aufhielt – befand sich ein Franziskaner, de Valles mit Namen, der gar gelehrt und ein gewaltiger Kanzelredner war. Der predigte zu Advent in der Stadt vor dem Grafen, darob sein Ruhm noch erklecklich zunahm. Nun war es damals geschehen, daß ein junger Liederjahn daselbst ein gar lästerliches Leben führte, obzwar er mit einem schönen jungen Weibe vermählt war und solcher Wandel einem glücklichen Ehemann wahrlich nicht anstand.

Da nun solches seinem armen Weibe zu Ohren kam, vermochte es nicht zu schweigen. So oft sie ihm dergleichen bei Gelegenheit vorwarf, so oft zahlte er ihr die Vorwürfe zurück und in anderer Münze, als sie wohl gewünscht hätte. Doch sie ließ darob nicht nach, zu klagen und gar bisweilen ihn zu beschimpfen, so daß der Jüngling einstmals außer sich geriet und sie braun und blau schlug. Alsbald erhob sie ein erschreckliches Geschrei, und nun mochten auch die Nachbarinnen nimmer den Mund halten. Vielmehr liefen sie über Straßen und Gassen und riefen: »Pfui, pfui, pfui über die Ehemänner. Der Satan soll sie holen – zum Teufel mit ihnen.«

Just kam jener Pater des Weges und vernahm ihr Geschrei. Und da er den Grund erfuhr, beschloß er, den Fall tags darauf in der Predigt zu besprechen, und also geschah es.

Da er von Ehre und Zuneigung redete, so man wohl bewahren müsse, erging er sich in Lobsprüchen über die Treue, schalt gewaltig über den Treubruch und zog dann einen Vergleich zwischen ehelicher Liebe und Elternliebe. Weiter legte er dar, wieviel schlimmer und stiefwürdiger es dieserthalben sei, wenn man sein Weib schlage als wenn man Vater und Mutter mißhandele, und fuhr also fort: »Denn so ihr Vater oder Mutter schlaget, so wird man euch zur Buße nach Rom schicken. So ihr aber euer Weib verprügelt, so schickt es euch, gleichwie auch die Nachbarinnen tun, zu allen Teufeln, das heißt: in die Höllen. So bemerket wohl den Unterschied zwischen beiden Bußen: aus Rom kehret man gewöhnlich zurück, aber aus der Höllen nie; denn wehe, von dorten gibt es keine Rückkehr – nulla est redemptio!«

Alsbald machte man ihn darauf aufmerksam, daß die Frauen sich seit seiner letzten Predigt auf seine Worte versteiften und die Männer sie schier nicht mehr zufrieden stellen könnten. Dieserthalben beschloß er Ordnung zu stiften, maßen ihm solch Gehabe der Frauen ungehörig erschien. So verglich er in der nächsten Predigt die Frauen mit dem Teufel und sagte: diese zwei seien die schlimmsten Feinde der Männer, die ihn unentwegt in Versuchung führten – zumal die Frauen. »Denn«, meinte er weiter, »die Teufel fliehen von hinnen, wenn man ihnen das Kruzifix zeigt, die Frauen aber keineswegs. Vielmehr laufen sie alsdann auf und nieder und setzen den Männern gar noch zu, ohne ein Ende zu finden. Doch wisset ihr nun, ihr wackeren Männer, was ihr dann tun müßt, wenn ihr sehet, daß die Frauen euch also ihrer Gewohnheit nach zusetzen. Dann ziehet den Stiel beim Kreuz heraus und jagt sie damit davon. Ihr brauchet das nur drei- oder viermal recht nachdrücklich zu tun, dann werdet ihr euch viel bequemer fühlen und wahrnehmen, daß gleichermaßen, wie der Teufel mit dem Kreuze verjagt wird, eure Frauen von euch lassen und gar schön fürder ihren Mund halten, nachdem ihr besagten Stiel herausgezogen haben werdet.«

Da habt ihr einige Proben aus den Kanzelreden jenes verehrlichen Paters, dessen Leben ich aus gutem Grunde nicht erzählen will; doch kann ich noch erwähnen (maßen ich ihn gekannt habe), daß er weit mehr auf Seiten der Frauen denn der Männer stand.«

»Das zeigte er aber in seiner letzten Predigt keineswegs,« – meinte Parlamente, »als er die Männer lehrte, ihre Frauen zu verprügeln.« – »Ihr habt seine List nicht verstanden,« widersprach Hircan seinem Weibe, »weil Ihr in der Kriegskunst nicht genügend bewandert seid: man muß das feindliche Lager entzweien, um es desto leichter zu erobern. So säete jener Mönch Zwietracht zwischen den Gatten, weil derart die Frauen oft in ihrer Ehrbarkeit lockerer werden, auf Abwege geraten und dem lauernden Wolf zum Opfer fallen« – »Ich könnte den nicht lieben, der mich mit meinem Mann entzweite,« erklärte Parlamente. »Immerhin sollen Männer sich oft gar schmeichlerisch gebahren, um von Frauen Gunst zu erlangen. Deshalb muß man doch wohl mißtrauisch sein.« – »Nichtsdestoweniger kann ein mißtrauischer Mensch keinen wahren Freund haben,« warf Dagoucin ein, »und gar mancher Freundesbund zerfiel ob eines bloßen Verdachtes.« – »Wenn Ihr hierüber etwas zu berichten wißt,« rief Oisille, »so will ich Euch gern das Wort erteilen.« »Ich kenne hierüber eine gar wahrhafte Geschichte,« hub Dagoucin an, »der ihr gerne lauschen werdet. Eine Freundschaft zerbricht um so leichter, wenn ihre Grundlage zum Argwohn reizt. Und gleichwie Vertrauen die höchste Ehre ist, die man jemandem erweisen kann, so ist Mißtrauen der schlimmste Schimpf, maßen man den andern entgegen der eigenen Idealvorstellung einschätzt. So werden die besten Freunde zu ingrimmigen Feinden, wie ihr aus dem folgenden Fall entnehmen könnt.«

 


Siebenundvierzigste Erzählung

 

Ein Edelmann zu Perche beargwöhnt zu Unrecht einen Freund und reizt ihn dadurch, jenen Verdacht wahrzumachen.

 

»Im Gebiet von Perche wohnten zwei Edelleute, die von Kind auf ein Herz und eine Seele gewesen waren. ohne daß je einer Zank oder Streit verursacht hätte, lebten sie derart lange Zeit einträchtiger denn zwei Brüder. Und als der eine sich vermählte, blieb gleichermaßen ihre Freundschaft unvermindert bestehen, so daß der Ehemann sogar in Fällen, wo es an Platz mangelte, den andern mit sich bei der Frau im Bett schlafen ließ. Allerdings legte er sich alsdann in die Mitte zwischen sein Weib und den Freund. Selbst ihre Habe besaßen sie gemeinsam, so daß eine Heirat daran nichts ändern konnte. Aber nach mancher Weile vermochte auch dies Glück, wie alles auf der selbst so veränderlichen Erde, nicht unverändert bleiben.

Ohne jeden Grund begann eines Tages der Ehemann seinem Freund bezüglich seiner Frau zu mißtrauen, und das verbarg er auch gar nicht, sondern machte ihr Vorwürfe. Darob war sie baß verwundert. Denn bisher hatte er ihr stets gehießen, dem andern, bis auf einen Punkt, stets das größte Entgegenkommen zu zeigen, und nun verbot er ihr, anders als in Gesellschaft mit jenem zu sprechen. Das ließ sie daher den Freund wissen, doch der glaubte es nicht, maßen er recht wohl wußte, daß er sich nichts hatte zuschulden kommen lassen. Wie er nun alle Zeit gewohnt war, nichts vor dem andern zu verschweigen, so sprach auch hierüber offen mit ihm und bat ihn, die Wahrheit zu sagen. Denn er wollte nicht, daß hieran oder überhaupt ihre Freundschaft Schiffbruch litte.

Der gekränkte Ehemann versicherte ihm, er habe nie an solchen Klatsch geglaubt, und die Urheber solcher Gerüchte wären gemeine Lügner. Der andere aber entgegnete:

»Ich weiß, daß Eifersucht gleich der Liebe eine unüberwindliche Leidenschaft ist. Daher würde ich Euch auch in solchem Fall keinen Vorwurf machen. Doch klage ich darüber, daß Ihr mir Euer Leiden verschweigt; denn wäre ich etwa in Euer Weib verliebt, so dürftet Ihr mich darob zwar keiner Bosheit bezichtigen, wohl aber, wenn ich es vor Euch verbergen sollte und es vielmehr Euerm Weibe zu verstehen gäbe. So will ich Euch denn hoch und heilig versichern, daß jene zwar schön und ehrbar ist, daß sie aber – abgesehen davon, daß sie die Eure ist – keinerlei Gefühle in mir zu erwecken vermochte. Habt Ihr nun auch nur den geringsten Verdacht, so sagt es mir, damit ich einen Ausweg finde, der unsere Freundschaft unversehrt erhält. Aber selbst wenn ich sie je lieben sollte, würde ich sie nichts davon merken lassen, da mir unsere Freundschaft über alles geht.«

Der andere schwor ihm mit den höchsten Eiden, er habe nie an so etwas gedacht, und jener möge sich in seinem Hause verhalten wie bisher. Darauf erwiderte sein Freund: »Gut, wenn Ihr es so wollt; doch wisset: wenn Ihr nochmals einen Argwohn faßt und mir verhehlt, so werde ich Euch für immerdar verlassen.«

Nunmehr lebten sie wieder eine Weile wie früher. Aber dann ward der Ehemann von neuem mißtrauisch und befahl seiner Frau, mit dem andern nicht weiter so freundlich zu tun. Und wiederum sagte diese es dem Freund weiter und bat ihn, künftig nicht mehr mit ihr zu reden, da ihr Mann ihr solches geheißen habe. Daraus und aus dem Verhalten des Ehemannes entnahm jener, daß sein Freund sein Versprechen nicht gehalten hatte. Deshalb sagte er voll grimmigen Zornes zu ihm: »Wenn Ihr eifersüchtig seid, so könnt Ihr nichts dafür, wohl aber, wenn Ihr Euer Versprechen nicht haltet und Euern Argwohn verschweigt, bis er zum Haß anwachsen wird, der ebenso wild werden muß als unsere Freundschaft innig war. Ich tat alles, um derartiges zu verhindern. Nun aber schwöre ich Euch, daß ich alles daransetzen werde, um von Euerm Weib das zu erlangen, um dessentwillen Ihr mir mißtraut. Hütet Euch künftig vor mir. Denn nun Euch der Argwohn meiner Freundschaft entfremdete, wird mich die Verachtung von Euch entfremden.«

Und obgleich der Ehemann ihn vom Gegenteil zu überzeugen suchte, schenkte er ihm keinen Glauben mehr. Er nahm all sein Gut und seinen Hausrat an sich, auf daß ihre Habe gleichermaßen getrennt sei wie ihre Herzen, und sorgte tatsächlich dafür, dem Ehemann die versprochenen Hörner aufzusetzen.

So möge es allen gehen, die ihre Frauen zu Unrecht beargwöhnen. Gar mancher ist selbst daran schuld, wenn nachträglich sein Verdacht wahr wird. Denn die Verzweiflung besiegt eine Frau leichter als alle Freuden dieser Welt. Wer da meint, Eifersucht sei Liebe, irrt sich; vielmehr tötet sie selbige, gleichwie die Asche das Feuer erstickt.«

»Ich kann das keine Entschuldigung für eine Frau nennen,« erklärte Oisille, »daß sie sich für den Verdacht ihres Mannes rächt, indem sie ihm Schande antut. Das gleicht dem Mann, der seinen Feind nicht töten konnte und sich deshalb selbst ersticht. Weiser hätte sie getan, wenn sie nicht mehr mit jenem redete und ihrem Gatten so sein Unrecht zeigte. Dann wären sie mit der Zeit wieder ausgesöhnt worden.« – »Sie handelte wie eine Frau von Herz!« rief Emarsuitte. – »Nein, Geduld nur macht die Frau siegreich,« widersprach Longarine, »und Keuschheit allein ist lobenswert.« – »Und wenn eine Frau ohne jede Sünde ihre Keuschheit einbüßt?!« – »Wie versteht Ihr das?« fragte Oisille. – »Wenn sie einen andern für ihren Mann hält,« erklärte Emarsuitte. – »Welche Frau ist denn so dumm, ihren Mann nicht selbst unter Verkleidung zu erkennen?« entrüstete sich Parlamente. – »Oh, es gab schon welche, die getäuscht wurden, ohne von Sünde etwas zu ahnen.« – »Wenn Ihr dergleichen zu erzählen wißt, so gebe ich Euch gern meine Stimme,« sprach Dagoucin. »Denn ich finde es gar seltsam, daß Unschuld und Sünde so dicht beieinander wohnen können.«

»So vernehmt denn folgende Geschichte,« hub Emarsuitte an. »Durch die früheren Erzählungen seid Ihr darüber unterrichtet, wie gefährlich es ist, jene Herrschaften bei sich aufzunehmen, die uns »Weltkinder« nennen und sich selbst für heilig und würdiger denn uns halten. Nun will ich Euch ein Beispiel zeigen, daß sie Menschen sind wie wir und nicht minder arglistig. Und so höret zu.«

 

 


Achtundvierzigste Erzählung

 

Zwei Franziskaner nehmen in einer Hochzeitsnacht nacheinander des Ehemannes Platz ein und erhalten am Ende ihre gebührende Strafe.

 

»In einem Dorf in Périgord feierte man in einem Gasthof die Hochzeit eines Mägdeleins, und alle Verwandten Freunde bemühten sich nach Kräften, es sich wohl sein zu lassen. Während der Feier kamen zwei Franziskaner an, denen man das Essen aufs Zimmer brachte, weil solcher Festeslärm nicht zu ihrem Stand paßte. Der ältere von beiden war aber voll Bosheit und bedachte: maßen man ihn von den Tafelfreuden fernhielt, wolle er an denen des Bettes teilhaben. So beschloß er, den Hochzeitern einen Streich zu spielen, wie Mönche das so lieben. Als der Abend kam und die Tänze begannen, erblickte er vom Fenster aus die Braut und fand sie bei eingehender Betrachtung recht schön und verlockend. So erkundete er bei den Mägden, in welchem Zimmer sie schlafen würde, und war baß erfreut, als er hörte, daß es neben dem seinen lag. Alsbald erspähte er, wie die Braut nach der Sitte von den alten Frauen hinausgeführt wurde. Der Bräutigam blieb inzwischen noch unten, um weiter zu tanzen, und war so eifrig bei der Sache, daß er schier sein junges Weib vergaß. Nicht so der Mönch: denn kaum hörte dieser, daß die Braut im Bett lag, so schlüpfte er aus seiner grauen Kutte und nahm des Ehemanns Platz ein. Da er aber fürchtete abgefaßt zu werden, so begnügte er sich mit wenig und begab sich dann auf den Gang, wo der andere den Aufpasser spielte. Der gab ihm zu verstehen, daß der Bräutigam noch tanze, und begab sich nun seinerseits zu der Braut ins Bett, sintemalen er ja seine Lust noch nicht gestillt hatte. Als dann der Gefährte ein Zeichen gab, verließ er sie.

Alsbald kam der Ehemann und umfing nun seinerseits sein Weib. Dem aber hatten die Pater schon derart zugesetzt, daß es sich nach Ruhe sehnte, und darum sagte es: »«Wollt Ihr denn gar nicht schlafen, noch aufhören mich zu quälen?« Der arme Mann, der doch just erst eben gekommen war, fiel aus allen Wolken und fragte, wie er sie habe quälen können, maßen er doch bis jetzt getanzt habe. »Ach so, Ihr nennt das tanzen,« klagte die Ärmste. »Ich finde, Ihr kommt nun schon zum drittenmal zu mir ins Bett und tätet wohl besser, zu schlafen.«

Ihre Worte verblüfften den Mann so, daß er alles vergaß und nur noch daran dachte, die Wahrheit zu ergründen. Als er nun die Geschichte hörte, bekam er die beiden Franziskaner in Verdacht, die im Hause wohnten. Stracks eilte er in ihr Zimmer, und da er sie dort nicht fand, rief er so laut um Hilfe, daß die Gevattern und Freunde angelaufen kamen. Die halfen alsbald, nachdem er ihnen den Fall erzählt hatte, mit Lichtern, Laternen und Hunden die Mönche suchen, und da sie jene im Hause nicht mehr fanden, eilten sie ihnen flugs nach und holten sie in den Weinbergen ein. Und nun ließen sie ihnen eine gebührende Strafe zuteil werden: denn nach einer gehörigen Tracht Prügel schnitten sie ihnen Arme und Beine ab und ließen sie im Schutze von Bacchus und Venus liegen, maßen sie diesen besser gefolgt waren als dem heiligen Franziskus.

Verwundert euch nicht, meine Damen, wenn solche Leute Handlungen begehen, die selbst einen Abenteurer beschämen würden. Denn sie leben fern von unsern Sitten und Anschauungen. Wundert euch vielmehr, daß sie nicht noch Schlimmeres tun, wenn Gott seine Hand von ihnen nimmt. Denn die Kutte macht nicht immer den Mönch, sondern verleiht ihnen oft jene Hoffahrt, die sie zugrunde richtet.«

»Mein Gott,« entrüstete sich Oisille, »werden wir denn nie aus diesen Mönchsgeschichten herauskommen?« Aber Emarsuitte erwiderte: »Wenn wir der Edelfrauen und Fürsten nicht schonen wollen, dürfen diese auch nicht böse sein, wenn man von ihnen spricht. Die meisten sind recht zwecklose Brüder, von denen man nur redet, wenn sie etwas besonders Schlimmes ausfressen. Man sagt oft: Schlecht getan ist besser als nichts getan! Unser Strauß wird um so schöner, je mehr verschiedene Dinge ihn schmücken.«

»Wenn ihr mir versprecht, nicht böse zu werden,« hub alsbald Hircan an, »so will ich euch eine Geschichte von Leuten erzählen, die derart gerissen waren, wenn es sich um Liebe handelte, daß ihr schier darob jene Mönche entschuldigen werdet, die ihr Bedürfnis stillten, wo sie es just konnten. Hier handelt es sich nämlich um eine Frau, die reichlich gesättigt sein konnte, aber allzu unbescheiden nach Leckerbissen gierte.« – »So sprecht,« erklärte Oisille, »denn all die Übeltaten, die wir hier berichten, fallen nicht allein denen zur Last, von denen die Erzählungen handeln – sie führen uns das Elend jener verwerflichen Geschöpfe vor Augen, um uns die Vollkommenheit Gottes neben der Unvollkommenheit der Menschen begreiflich zu machen.« »So will ich denn,« sprach Hircan, »ohne Sorgen den Fall berichten.«


Neunundvierzigste Erzählung

 

Wie schlau eine Gräfin im geheimen ihre Lust zu stillen wußte, und wie sie entlarvt wurde.

 

»Der Dame zuliebe will ich nicht sagen, der wievielte seines Namens jener König Karl von Frankreich war, an dessen Hofe die Gräfin lebte, deren Namen ich gleichfalls verschweigen will. Sie entstammte einem edlen Hause, war jedoch Ausländerin, und da alles Neue besonderen Gefallen findet, ward sie bei ihrer Ankunft ob des neuen Schnittes und Reichtumes ihrer Gewänder allenthalben bestaunt. Zwar war sie nicht über die Maßen schön, doch besaß sie große Anmut und starkes Selbstbewußtsein und war zudem beredt und klug. Darob scheuten sich auch alle ihr näherzutreten, mit Ausnahme des Königs, der sich heftig in sie verliebte und ihren gräflichen Gemahl mit einem Auftrag fortschickte, um ungestörter mit ihr kosen zu können. Und während der langen Zeit, die der Graf fortblieb, verlustierte sich der König von Herzen an dessen Weibe. Nun erkühnten sich auch einige Edelleute (maßen sie erfuhren, wie wohl der König von ihr aufgenommen wurde), Liebesanträge an sie zu stellen, darunter ein Edler von Astillon, der gleichermaßen anmutig und kühn war. Anfangs stellte sie sich sehr würdig und drohte ihm, solches seinem Herrn, dem König, zu hinterbringen, so daß er schier Angst bekam. Maßen er aber selbst die Drohungen wilder Kämpen nicht zu fürchten pflegte, so beruhigte er sich auch über die ihrigen und setzte ihr derart zu, daß sie ihm ein Stelldichein bewilligte und ihm angab, wie er in ihr Zimmer gelangen könne. Das prägte er sich wohl ein, und damit der König keinen Verdacht bekäme, nahm er Urlaub und reiste von Hof ab. Doch verließ er schon am ersten Tag seinen Troß, kam nachts zurück und erntete den versprochenen Lohn ein, den die Gräfin auch in reichem Maße spendete.

Der Edelmann war ob seines Glückes so befriedigt, daß er sieben oder acht Tage in einer Kleiderkammer versteckt blieb, ohne sich von der Stelle zu rühren. Während dieser Zeit lebte er nur von Stärkungsmitteln. Aber derweile verfolgte nun ein anderer Edelmann, namens Duracier, die Gräfin mit Liebesanträgen. Die tat wie mit dem ersten: anfangs ließ sie ihn hart an, dann wurde sie immer sanfter. Und als nun der Tag nahte, wo sie den ersten Gefangenen entließ, steckte sie den zweiten in jenen Kerker. Währenddem nahte ein dritter, namens Valnebon; dem ging es wie den beiden andern, und ihm folgten noch zwei oder drei andere in dem erquicklichen Gefängnis. Und dies Leben dauerte gar lange und war so schlau eingerichtet, daß keiner von dem andern etwas wußte; jeder vermeinte, der einzige zu sein und spottete innerlich über seine Gefährten, denen er solchen Erfolg voraus hatte.

Eines Tages nun vereinigten sich die obengenannten Edelleute bei einem Gelage, an dem es hoch herging. Als sie dort just von ihren Erfolgen und Gefangenschaften im Kriege sprachen, nahm Valnebon das Wort, maßen es ihm schwer fiel, sein Glück länger zu verschweigen, und sprach: ›Ich weiß, was für Gefängnisse ihr kennt. Ich aber könnte über einen Kerker, in dem ich gesessen habe, gar manches frohe Lob ertönen lassen. Denn wahrlich, es gibt auf Erden kein größeres Glück als solche Gefangenschaft.‹

Astillon, der den Reigen dort eröffnet hatte, glaubte zu verstehen, wovon er sprach, und erwiderte: ›Wer war Euer Gefängniswärter oder die Wärterin, die Euch so wohl behandelte, daß Ihr ob des Kerkers voll Entzückens seid?‹ Und Valnebon entgegnete: ›Lasset den Wärter beiseite – das Gefängnis war schön und gern hätt’ ich gesehen, daß die Haft noch länger gedauert hätte.‹

Nun sprach Duracier, der recht wohl erkannte, daß jene von dem gleichen Kerker sprachen, den er auch bewohnt hatte: ›Von was für Leckerbissen naschet Ihr in jenem löblichen Gefängnisse?‹ – ›Der König selbst‹, sprach jener, ›hat nichts Schöneres und Schmackhafteres gekannt!‹ – ›So möchte ich noch wissen,‹ fragte der andere, ›ob der, so Euch gefangen hielt, es Euch schwer machte, Euer Brot zu verdienen?‹

Da erkannte Valnebon, daß er durchschaut war, und begann alsbald zu fluchen: ›Ei die Pest! So hatte ich also Gefährten, wo ich allein zu sein vermeinte!‹ Und auch Astillon sah ein, daß er das Schicksal der andern teilte, und rief lachend: ›Wir haben alle den gleichen Herrn – wenn wir also auch einmal Unglücksgefährten sind, sollten wir ruhig lachen. Um nun aber zu sehen, ob ich recht habe, will ich fragen und ihr werdet mir der Wahrheit gemäß antworten. Ist uns allen, wie ich annehme, dasselbe begegnet, so wäre das ein Spaß, der seinesgleichen nirgends findet.‹ Alle versprachen, die Wahrheit zu sagen, sofern sie die Tatsachen nicht bestreiten könnten, und so Hub jener an:

›Zunächst nahm ich Urlaub beim König für eine Reise.‹ – ›Wir auch.‹ – ›Als ich kaum zwei Meilen fort war, ließ ich meinen Troß und begab mich in den Kerker.‹ – ›Wir gleichermaßen.‹ – ›Dann blieb ich sieben oder acht Tage in einer Kleiderkammer versteckt, wo man mir Stärkungsmittel und Leckerbissen gab, wie ich nie bessere gegessen habe.‹ – ›Just wie wir.‹ – Meine Gefangenschaft nahm an dem und dem Tage ein Ende.‹ – ›Die meinige‹, rief Duracier, ›begann genau an diesem Tage und dauerte bis dann und dann.‹ – Valnebon verlor wieder die Geduld und fluchte: ›Gottes Blut! Ich sehe, ich war der dritte, da ich doch vermeinte, der erste und einzige gewesen zu sein! An jenem Tage kam ich und ging an dem und dem Tage von dannen!‹ Alsbald versicherten die drei andern, die noch dabei saßen, sie wären hernach daran gekommen. ›Wenn dem so ist,‹ meinte Astillon, ›so will ich die Wärterin beschreiben: sie ist verheiratet und ihr Mann weilt in der Ferne.‹ – ›Gerade die ist es,‹ riefen alle.

›Dann brauchen wir uns nicht weiter zu plagen,‹ erklärte Astillon. ›Und da ich der erste war, will ich sie zuerst nennen: es ist die Gräfin Soundso, die sich so selbstbewußt aufspielte, daß ich Cäsar besiegt zu haben vermeinte, als ich ihre Liebe errang. Der Teufel soll das Weib holen, die uns so stramm arbeiten ließ, daß wir ganz geschwächt von ihr gingen, und uns glauben machte, wir hätten mit ihr wer weiß was erobert. Solch boshaftes Weib war ja noch nicht da! Während sie den einen im Käfig hatte, zähmte sie den andern, um stets Kurzweil zu haben. Lieber will ich sterben, als sie ungestraft wissen.‹

Alsdann fragten sie Duracier, welche Strafe ihm geeignet dünke, auf daß sie alle daran teilnehmen könnten. Der sprach : ›Mir scheint, man sollte es dem König sagen, der so große Stücke auf sie hält.‹ Aber Astillon winkte ab: ›Nicht so! Wir haben genug andere Mittel, ohne unsern Herrn anrufen zu brauchen. Morgen, wenn sie zur Messe geht, wollen wir alle mit einer Eisenkette am Hals erscheinen und sie gemeinsam geziemend begrüßen!‹ Dieser Rat gefiel allen über die Maßen, und straks besorgten sie sich die Ketten.

Am folgenden Morgen trafen sie in tiefschwarzen Gewändern, mit jenen Ketten gleich Halsbändern angetan, die Gräfin, da sie zur Messe schritt. Da selbige die Edelleute erblickte, hub sie an zu lachen und rief: ›Wohin geht diese jämmerliche Gesellschaft?‹ – ›Edle Frau,‹ begrüßte sie Astillon, ›wir kommen als Eure gefesselten Sklaven, um bei Euch Dienst zu tun.‹ Die Gräfin tat, als verstände sie nichts, und entgegnete: ›Ihr seid nicht meine Gefangenen, und so weiß ich nicht, warum ihr mir eifriger dienen solltet als andere.‹ Alsbald trat Valnebon vor und sprach: ›Maßen wir lange Zeit Euer Brot gegessen haben, wären wir recht undankbar, wenn wir nicht bei Euch Dienst täten.‹

Doch sie wußte sich so wohl zu stellen, als begriffe sie nichts, daß jene sich baß erstaunten. Immerhin spielten sie ihre Rolle so gut weiter, daß die Gräfin inne ward, daß man sie durchschaut hatte. Trotzdem wußte sie jene zu überlisten. Denn obgleich sie doch Ehre und Gewissen verloren hatte, wollte sie die Schande nicht tragen. Und da sie ihr Vergnügen aller Ehre vorzog, ließ sie nun jene nicht hart an noch verlor ihre Selbstbeherrschung, also daß die Herren am Ende selbst nicht aus noch ein wußten und dergestalt die Schande heimtrugen, die sie der Gräfin hatten aufladen wollen.

Wenn euch diese Geschichte nicht beweiskräftig genug erscheint, um zu erweisen, daß der Frauen Arglist der der Männer gleich ist, so will ich nach anderen suchen. Mir scheint aber, diese erweist, daß ein Weib, das seine Scham verloren hat, noch hundertmal kecker in schlimmen Taten ist als jeder Mann.«

Alle Damen, die dieser Geschichte gelauscht hatten, bekreuzigten sich inzwischen so oft, als hätten sie alle Teufel der Höllen vor sich. Endlich sagte Emarsuitte: »Was auch jene arme Frau verbrochen haben mochte, ich kann es doch nicht löblich finden, daß die Herren sich ihres Gefängnisses rühmten.« – »Mir scheint,« erklärte Longarine, »daß es einem Mann mehr Mut kostet, solch Glück zu verschweigen, als es zu erringen.« – »Solche Ansicht muß ich ketzerisch nennen,« rief Simontault, »denn der Mann ist verschwiegener als die Frau. Gar mancher möchte lieber auf sein Glück verzichten, als erleben, daß irgendein Geschöpf davon wüßte. Darum hat auch die Kirche als fürsorgliche Mutter die Priester zu Beichtigern gemacht und nicht die Frauen. Denn diese können eben den Mund nicht halten.« – »Das ist der Grund nicht,« widersprach Oisille. »Vielmehr verabscheuen die Frauen das Laster so sehr, daß sie zu schwere Bußen auferlegen und zu selten Absolution erteilen würden.«

»Ich verwundere mich,« lenkte Guebron ab, »daß jene arme Frau beim Anblick der kettenbeladenen Herren nicht vor Scham starb.« – »Wer die Scham verloren hat,« erklärte Oisille, »kann sie höchstens wiedererlangen, wenn eine starke Liebe das Vergangene vergessen macht, wie ich einige Beispiele kenne.« – »Dann sahet Ihr sie sicher auch wieder zur Vergangenheit zurückkehren,« höhnte Hircan, »denn eine starke Liebe ist bei Frauen recht schwer zu finden.« – »Der Ansicht bin ich nicht,« entgegnete Longarine, »ich kenne Frauen, die bis zum Tode liebten.« – »Das möcht ich gern hören,« rief Hircan. »So ergreift denn das Wort, um mich die Liebe kennen zu lehren, von der ich allezeit glaubte, daß die Frau sie nicht besitzt.«

»Ihr werdet mir glauben, wenn Ihr die Geschichte hört,« hub Longarine an. »Die Liebe ist die stärkste Leidenschaft, die es gibt. Sie läßt unmögliche Dinge vollbringen, um nur etwas Zufriedenheit zu erringen, und zermürbt gleichermaßen mehr als alles den Menschen, der jegliche Hoffnung verloren hat, seinen Liebeswunsch erfüllt zu sehen.«

 

 


Fünfzigste Erzählung

 

Ein Liebhaber stirbt, schwerverletzt, nach empfangener Liebesgunst, und darob folgt seine Geliebte ihm in den Tod.

 

»Zu Cremona lebte noch vor kaum einem Jahr ein Edelmann, benamst Herr Giovanni-Pietro, der lange Zeit eine Dame geliebt hatte, die unweit seines Hauses wohnte. Doch konnte er nie eine erwünschte Antwort erlangen, obgleich auch sie ihm von Herzen zugetan war. Darob war der Edelmann derart ergrimmt, daß er sich in seinem Haus einschloß und nimmermehr für ein Ziel sich quälen wollte, um das er sich schier verzehrt hatte. Da er sie nun einige Tage nicht mehr gesehen hatte, verfiel er in solchen Trübsinn, daß er schier unkenntlich wurde. Seine Verwandten ließen alsbald Ärzte rufen, die aus seiner gelben Gesichtsfarbe auf eine Leberverstopfung schlossen und einen Aderlaß verordneten. Jene Dame aber wußte recht wohl, daß seine Krankheit von ihrer harten Abweisung stammte, und entsandte daher eine vertrauenswürdige Alte, die ihm ausrichtete, die Dame habe nun erkannt, daß seine Liebe wahrhaftig und nicht gespielt sei, und wäre deshalb bereit, ihm zu bewilligen, was sie so lange verweigert habe. Sie habe eine Möglichkeit gefunden, um ihr Haus zu verlassen und ihn ungestört an einem gewissen Ort zu treffen.

Ob dieser Nachricht war der Edelmann bald schneller geheilt als vom Aderlaß, den er am Morgen erhalten hatte. So ließ er ihr sagen, er würde nicht verfehlen, zur angegebenen Stunde dort zu sein, denn sie habe ein wahres Wunder vollbracht. Sie habe nämlich eine Krankheit mit einem Wort geheilt, wo die Ärzte die Ursache nicht hätten entdecken können.

Als der Abend kam, den er so ersehnt hatte, begab sich der Edelmann so voller Zufriedenheit dorthin, daß dieselbe wohl bald ein Ende haben mußte, maßen sie nicht mehr größer werden konnte. Alsbald kam auch die Geliebte, und er hielt sich nun nicht mit langen Vorreden auf; denn die Glut, die in ihm flammte, drängte ihn zur Eile. Schier trunken vor Liebe und Genuß vermeinte er, sich eine neue Lebenskraft zu erwerben, derweilen er seinen Tod beschleunigte. Denn er nahm nicht auf sich acht, und so merkte er nicht, daß der Verband an seinem Arm sich löste und die frische Wunde sich öffnete. Daraus entströmte so viel Blut, daß der arme Edelmann ganz in Blut gebadet war. Doch vermeinte er, seine Ermattung stamme vom Übermaß des Liebesgenusses, und wollte nun heimgehen.

Ob ihrer Liebe zu ihm gab seine Freundin ihm das Geleit. Aber durch den Blutverlust brach er plötzlich zu ihren Füßen tot zusammen. Die Arme war erst vor Schreck schier von Sinnen, als sie den Verlust ihres Geliebten begriff, dessen Tod sie allein verschuldet hatte. Andererseits ward sie sich der Schande bewußt, die sie erleben würde, wenn man diesen Leichnam in ihrem Haus fände. Um das zu vermeiden, trug sie mit einer vertrauenswürdigen Magd den Toten auf die Straße. Doch mochte sie ihn nicht verlassen. Vielmehr ergriff sie seinen Degen, und um gleichermaßen ihrem Geliebten zu folgen und ihr Herz, das alles verschuldet hatte, zu strafen, durchbohrte sie ihre Brust und sank tot auf die Leiche ihres Freundes. Als ihre Eltern beim Verlassen des Hauses dieses jammervollen Anblickes gewahr wurden, versanken sie in tiefe Trauer, wie sie solchem Fall geziemt, und ließen beide in demselben Grab bestatten.

So hat eine grenzenlose Liebe oft ein anderes Unglück nach sich gezogen,«

»Mir gefällt es,« bemerkte Simontault, »wenn die Liebe auf beiden Seiten so gleich stark ist, daß der eine Teil den andern nicht überleben mag. Ich würde im Falle solcher Gegenliebe ein unvergleichlicher Liebhaber sein.« – »Immerhin hätte die Liebe Euch nicht so verblendet, daß Ihr darob Euern Verband vernachlässigt hättet,« spottete Parlamente. »Denn die Zeiten sind vorbei, wo die Männer ihr Leben den Frauen zuliebe mißachteten.« – »Nicht aber die Zeiten,« widersprach jener, »wo die Frauen das Leben ihrer ergebenen Diener über ihr eigenes Vergnügen vergessen.« – »Ich glaube,« warf Emarsuitte ein, »daß keine Frau dieser Welt je an dem Tode eines Mannes, selbst ihres Feindes, Freude fand. Wenn die Männer aber sich selbst umbringen wollen, können die Frauen sie davor nicht bewahren.« – »Wer dem, der vor Hunger stirbt, das Brot verweigert,« rief Saffredant, »der mag wohl als Mörder gelten.« – »Wenn ihr um das Nötigste bätet,« erregte sich Oisille, »dann wären die Damen allerdings grausam, eure Bitten abzuschlagen. Gott sei Dank, stirbt man eben an solchem Leiden nur, wenn man schon totkrank ist.« – »Gibt es etwa etwas Nötigeres als ein Bedürfnis, das alle andern vergessen läßt?« klagte Saffredant. »Denn wenn die Liebe stark ist, kennt man nicht Fleisch, nicht Brot – nur das Wort, den Blick der Geliebten!« – »Ach, wenn wir diese Gründe alle anhören sollten,« brach Oisille ab, »so kämen wir kaum zum Nachtgottesdienst zurecht. So laßt uns denn fortgehen und Gott ob dieses gelungenen Tages preisen.« Damit erhob sie sich und die andern folgten ihrem Beispiele. Doch Simontault und Longarine stritten auf dem Rückwege weiter über jene Frage, und Simontault gewann am Ende, indem er nachwies, daß die stärkste Leidenschaft auch die zwingendste Not verursache. Dann betraten sie die Kirche, wo die Mönche ihrer harrten. Nach dem Gottesdienst aßen sie und stritten noch viel. Aber als der Abend niedersank, meinte Oisille, man solle der Ruhe pflegen, auf daß der sechste Tag nicht schlechter gerate als die früheren. Guebron warf ein, daß jeder Tag denkwürdige Ereignisse zeitigen müsse, so lange die Welt dauere; denn »die Bosheit der Schlechten, die Güte der Edlen bleibt allezeit unveränderlich. Und solange Bosheit und Güte auf Erden herrschen, werden sie immer neue Ereignisse hervorrufen – obgleich man behauptet: es geschehe nichts Neues unter der Sonne. So sorgt Euch nicht, daß es uns an Stoff mangeln könne, und bedenket lieber selbst Eure morgige Pflicht.« Oisille erwiderte, das überlasse sie Gott, in dessen Namen sie allen eine geruhsame Nacht wünsche. Und alsbald zog sich die ganze Gesellschaft zurück und beendete derart den fünften Tag.


Der sechste Tag

 

Früher als gewöhnlich ging Frau Oisille am folgenden Morgen an die Vorbereitung für ihren Vortrag. Ob dieser Kunde beeilten sich die andern alsbald derart beim Anziehen, daß sie kaum auf sich warten ließen. Und jene nahm auf die Herzen der Gesellschaft Rücksicht und las den Brief des Johannes vor, der voll von Liebe ist. Das behagte den Hörern so wohl, daß sie mehr denn eine halbe Stunde länger zuhörten als sonst und gar vermeinten, das Ganze habe nur eine Viertelstunde gedauert. Während der Messe empfahlen sie sich dem Heiligen Geiste an, auf daß jeglicher an diesem Tage seine geneigten Zuhörer erfreuen könne. Und nachdem sie dann gespeist und geruht hatten, begaben sie sich zum Orte der gewohnten Kurzweil.

Als Frau Oisille fragte, wer den neuen Tag beginnen solle, erwiderte Longarine: »Ich gebe meine Stimme Euch, edle Frau. Denn Ihr habt uns heut einen so wundervollen Vortrag gehalten, daß Ihr sicherlich auch eine Geschichte wißt, die würdig diese Leistung krönen kann.« Alsbald hub Oisille an:

»Leider weiß ich nichts, was den lehrreichen Betrachtungen des Morgens gleichzusetzen wäre. Doch will ich mich an die Worte der Heiligen Schrift halten: »Trauet nicht den Fürsten noch den Söhnen der Menschen, denn in ihnen ruht nicht euer Heil.« Und darüber will ich nun eine wahrhaftige Geschichte erzählen, die sich so kürzlich zutrug, daß schier die Tränen, die darob vergossen wurden, noch nicht getrocknet sind.«

 

 


Einundfünfzigste Erzählung

 

Von der hinterlistigen Grausamkeit eines Italieners.

 

»Ein italienischer Herzog – seinen Namen will ich verschweigen – - hatte einen Sohn von achtzehn oder zwanzig Jahren, der in ein Edelfräulein leidenschaftlich verliebt war. Da er nun nicht so ungestört mit ihr sprechen konnte, wie er es wohl wünschte, bediente er sich der Vermittlung eines Edelmannes von seinem Gefolge, so wie es die Landessitte war. Dieser Edelmann war seinerseits in ein bildschönes ehrsames Mägdelein verliebt, das zum Gefolge der Herzogin gehörte. Diese junge Dame überbrachte die Liebeserklärungen jenes Prinzen, ohne sich etwas Böses dabei zu denken. Vielmehr machte es ihr Freude, ihm gefällig zu sein, da er doch nur ehrenhafte Absichten pflog, die sie ohne Bedenken ausrichten konnte.

Der Herzog aber sorgte sich mehr um seines Hauses Vorteil denn um sittsame Freundschaften und ließ seinem Sohn nachspüren aus Angst, er könne sich dort ehelich binden. So erfuhr er, daß jenes arme Mägdelein die Zwischenträgerin einiger Briefe gewesen war, und ergrimmte darob dermaßen, daß er beschloß, dem einen gehörigen Riegel vorzuschieben. Doch konnte er seine Wut nicht so wohl bergen, daß die junge Dame nicht davon benachrichtigt wurde. Da selbige nun des Fürsten Bosheit kannte, so ward sie von schrecklicher Furcht ergriffen und eilte zu der Herzogin mit der flehentlichen Bitte um Urlaub, auf daß sie in der Ferne weilen könne, bis dieser Zorn verraucht sei.

Ihre Herrin erwiderte, sie wolle erst ihres Mannes Sinn ergründen, ehe sie diesen Urlaub erteile. Nachdem sie aber die bösen Absichten des Herzogs durchschaut hatte, gab sie in Anbetracht seines Charakters nicht nur dem Mägdelein den erbetenen Urlaub, sondern riet ihm obendrein, ein Kloster aufzusuchen, bis der Sturm vorüber sei. Das geschah auch in aller Heimlichkeit.

Trotzdem kam der Herzog dahinter, und alsbald fragte er mit verstellter Freundlichkeit sein Weib, wo die junge Dame sich befände. Die Herzogin vermeinte, er wisse alles, und gestand die Wahrheit, worob er sich betrübt stellte und ihr erwiderte, solcher Maßregeln habe es doch nicht bedurft, denn er habe nichts Böses im Sinn. Darum möge sie das Mägdelein zurückrufen, maßen es nur leidiges Geschwätz gäbe. Und als die Herzogin einwandte, in Anbetracht seiner Ungnade sei es doch besser, wenn jene fernbliebe, wies er alle Gründe von sich und verlangte ihre Rückkehr.

Nunmehr übermittelte die Herzogin der Ärmsten dies Geheiß, und als diese voll Unruhe bat, das Geschick nicht also erproben zu wollen, maßen der Herzog nicht so bereitwillig verzeihe, wie er sich stelle, versicherte ihr jene auf Ehre und Gewissen, daß ihr kein Leids geschehen würde. Darob faßte das Mägdelein Vertrauen, indem es wußte, daß die Herzogin sie liebte und nie betrügen würde, und vermeinte, der Herzog werde nie eine Zusage brechen, für die seines Weibes Ehre bürgte. Also kam es zurück.

Kaum hatte der Herzog dies erfahren, so ging er stracks in das Gemach seiner Frau. Als er das Mägdelein erblickte, rief er: ›Da ist ja die Heimgekehrte!‹, wandte sich zu den Edelleuten und befahl, jene ins Gefängnis zu werfen. Die arme Herzogin, die ihre Ehre verbürgt hatte, um sie aus ihrer Zufluchtsstelle zu locken, warf sich voller Verzweiflung ihrem Mann zu Füßen und beschwor ihn bei seinem Hause und seiner Ehre, einen solchen Vertrauensbruch nicht zu begehen. Aber weder Bitten noch Vernunftsgründe vermochten sein hartes Herz zu rühren noch ihn von seinen Rachegelüsten abzubringen. Ohne seinem Weibe ein Wort zu entgegnen, ging er unverweilt von dannen und vergaß Gottes und seiner Ehre so weit, daß er das Mägdelein ohne Gerichtsverfahren kurzerhand grausam aufknüpfen ließ.

Ich mag nicht die Verzweiflung der Herzogin schildern, die vor Scham und Herzeleid schier verging; noch auch die Trauer des Edelmannes, der vergeblich mit allen Mitteln versucht hatte, die Geliebte zu retten, ja – der selbst für sie hatte sterben wollen. Kein Mitleid packte den Herzog, er kannte nur die Wollust befriedigter Rache, und so ward dies unschuldige Mägdelein entgegen allen Gesetzen der Ehre und zum tiefen Gram ihrer Freunde ob des Herzogs grausamer Tücke zu Tode gebracht.

So erkennet, wohin die Bosheit, mit Macht gepaart, führen kann.«

»Ich hörte oft,« sagte Longarine, »daß viele – nicht alle – Italiener zumal dreien Lastern ergeben seien. Ich hätte aber nie gedacht, daß ihre Grausamkeit und Rachsucht so weit gehen könne.« – »Verwundert Euch nicht darob,« rief Simontault, »denn alle, die Italien besucht haben, berichten diesbezüglich so unglaubliche Dinge, daß jener Fall daneben nur ein ganz unschuldiges Vergehen zu sein scheint.«

»In der Tat,« bestätigte Guebron. »Als Rivoli von den Franzosen genommen wurde, stand daselbst ein italienischer Hauptmann, der für einen liebenswürdigen Kämpen galt. Als der die Leiche eines Mannes gewahrte, der nicht einmal ein Feind, sondern nur ein Guibelline war, riß er ihm das Herz aus, briet es oberflächlich und verzehrte es alsdann. Als man ihn fragte, wie ihm das schmecken könne, erwiderte er, nie habe er ein so genußreiches Stück Fleisch gegessen als dieses. Und damit nicht zufrieden, tötete er das Weib jenes Verstümmelten, riß die Frucht ihres Leibes heraus, daran sie schwanger war, zerschmetterte das Kindlein an der Mauer, füllte die Leichen der Eltern mit Haber und ließ die Pferde daraus fressen. Glaubt ihr, jener hätte nicht auch ein Mägdelein getötet, das er in Verdacht bekäme, ihm entgegen zu arbeiten?«

»Sicherlich fürchtete der Herzog, sein Sohn könne sich arm verheiraten,« brach Emarsuitte ab. »Für Leute hohen Standes ist es meist ganz selbstverständlich, sich nur von Rücksichten leiten zu lassen, die ihrer Ansicht nach über der Liebe stehen.« – »Solche Leute sollten eben mit dem Gleichen gestraft werden, darin sie sündigen,« rief Longarine. – »Ganz recht,« bestätigte Guebron, »und ich sah auch zum Beispiel noch nie einen Spötter, der nicht am Ende selbst verspottet wurde, keinen Betrüger, den man nicht schließlich selbst betrog, keinen Ruhmsüchtigen, der nicht gedemütigt wurde.« – »Da erinnert Ihr mich an einen Trug,« meinte Simontault, »den ich gern erzählt hätte, wenn er etwas . . . vornehmer gewesen wäre.« – »Wir sind hier, um die Wahrheit zu erzählen,« erklärte Oisille, »und mag nun die Geschichte auch nicht so untadelig sein, ich erteile Euch das Wort.«

»Da mir das Wort erteilt wurde,« hub alsbald jener an, »so will ich denn die Geschichte erzählen.«

 


Zweiundfünfzigste Erzählung

 

Welch edles Frühstück ein Apothekerlehrling einem Advokaten und einem Edelmann einbrockte.

 

»Zu Alencon lebte in der Zeit des letzten Herzogs Karl (des ersten Gemahls der Königin von Navarra) ein Advokat Anton Bacheré, ein lustiger Kumpan und Freund reichlicher Frühstücke. Als der eines Tages vor der Tür saß, sah er einen Edelmann, einen Herrn de la Tirelière, vorbeikommen, der ob der Kälte zu Fuß heimging und in einen dicken Fuchspelz eingehüllt war. Als dieser des Advokaten ansichtig wurde, bedachte er, daß jener dieselben Freuden liebte wie er selbst, und eröffnete ihm, er habe seine Geschäfte erledigt und sehne sich nach einem ordentlichen Frühstück.

Der Advokat meinte, ein Frühstück sei leicht zu finden, doch müsse man nun jemanden ausfindig machen, der die Kosten trüge. Darum nahm er den andern beim Arm und sprach: »Auf, Gevatter, suchen wir uns einen Dummen!«

Just ging hinter ihnen ein Apothekerlehrling, der mit dem Advokaten stets im Hader lag. Maßen er aber findig und schlau war, so bedachte er sich nun flugs zu rächen. Er sah auf der Straße ein großes Stück gefrorenen Kot liegen, wickelte es in sauberes Papier, so daß es einem Stück Zuckerbrot glich, überholte dann schnell die beiden und ließ sein Paket gleichsam versehentlich aus dem Ärmel fallen. Freudestrahlend hob es der Advokat auf und sagte zu dem Herrn de la Tirelière: »Dieser kluge Bursch wird heute die Zeche bezahlen. Nun laßt uns schnell machen, auf daß er uns nicht auf die Sprünge kommt.«

Flugs trat er in eine Schenke und hieß die Wirtin: »Steckt ein gehöriges Feuer an und bringt Brot, Wein und ein gut Stück Fleisch – wir können zahlen.« Die Wirtin führte seine Bestellungen pünktlich aus. Derweile sich aber jene am Essen und Trinken ergetzten, begann das Zuckerbrot, das der Advokat in den Brustlatz gesteckt hatte, zu tauen, also daß sich bald ein Gestank erhob, der beiden unerklärlich war. Alsbald schrie er die Wirtin an: ›Bei Euch herrscht ein Gestank, wie ich noch nirgends erlebt habe. Ich glaube, Ihr laßt Eure Kinder ihre Notdurft verrichten, wo sie sich just befinden!‹ Auch der Herr de la Tirelière, der von diesem Duft eine reichliche Menge abbekam, schimpfte, daß die Wände wackelten.

Die Wirtin aber geriet in Wut, da man sie solcher Unreinlichkeit bezichtigte, und rief außer sich: ›Beim heiligen Peter. Mein Haus ist anständig und sauber, und den Gestank habt also Ihr mitgebracht!‹

Spuckend erhoben sich nun die beiden vom Tisch und setzten sich vor’s Feuer, um sich zu wärmen. Dabei zog der Advokat sein Schneuztuch aus dem Brustlatz, das von dem Sirup des Zuckerbrotes ganz durchtränkt war. Das brachte er darob zutage, und nun könnt ihr euch den Spott der Wirtin denken und die Scham des Advokaten vorstellen, der sich von einem simplen Apothekergehilfen übertölpelt sah, obgleich er selbst doch Zeit seines Lebens zu betrügen gewohnt war.

Die Wirtin aber hatte kein Mitleid mit ihnen. Sie ließ sich alles bezahlen und meinte noch, sie müßten sich schier doppelt ergetzt haben, da doch Mund und Nase so wohl versorgt worden seien. Tief beschämt und mit leichtem Beutel zogen beide von dannen. Alsbald aber kam der Apothekergehilfe angelaufen und fragte sie, ob sie kein Zuckerbrot, wohl in Papier eingewickelt, gesehen hätten. Zwar suchten sie an ihm vorbeizukommen, aber jener rief dem Advokaten zu: ›Ihr habt mein Zuckerbrot, gebt es mir bitte wieder. Solchen Diebstahl braucht sich ein armer Teufel wie ich nicht gefallen zu lassen.‹

Auf sein Geschrei sammelte sich bald ein Haufen Menschen um sie, die dem Streit zuhörten und so alles erfuhren; also daß der Apothekergehilfe sich ebenso ob seines Verlustes freuen konnte, wie die andern zwei ob ihres Diebstahles beschämt wurden. Doch beruhigten sie sich mit der Hoffnung, ihm das ein andermal heimzuzahlen.

Zwar war diese Geschichte nicht übermäßig reinlich; doch wolltet Ihr die Wahrheit hören und so zeigte ich euch, daß niemand betrübt ist, wenn ein Betrüger hereinfällt. Hätte der Edelmann nicht auf anderer Leute Kosten essen wollen, so hätte er auch diesen Gestank nicht zu erleben brauchen.«

»Man sagt oft, daß Worte nicht stinken,« meinte Hircan. »Mir scheint aber, derjenige, der sie ausgesprochen hat, bekommt leicht die Nase davon voll. Immerhin wüßte ich gern, welche Worte so gemein sind, daß sie Herz und Seele einer sittsamen Frau anwidern.« – »Das sind die sogenannten unanständigen,« rief Saffredant. »Doch sollten mir nun die Damen sagen, weshalb sie trotzdem darüber lachen, wenn man sie vor ihnen ausspricht. Was einem widerstrebt, darüber lacht man doch nicht!« – »Wir lachen auch nur darüber,« erklärte Parlamente, »wenn jemandem wider Willen ein Wort entwischt, das er nicht sagen wollte, wie es selbst den klügsten und besten Rednern begegnen kann. Häßliche Zoten aber verabscheut die Frau und flieht vor einer Gesellschaft, die sich darin ergeht.« – »Wirklich,« bestätigte Guebron, »ich sah Frauen, die sich bei solchen Worten bekreuzigten. Aber nachher ließen sie es sich gern wiederholen. Wollt Ihr solche Heuchelei loben?« – »Die Tugend ist besser als Heuchelei,« lächelte Longarine. »Wo sie aber fehlt, da bedarf man der Heuchelei, gleichwie wir Absätze tragen, um unsere Gestalt größer erscheinen zu lassen.« – Hircan sagte: »Es kann nur entehren, wenn man sich mit falschen Federn schmückt.« –  – »Ganz recht,« rief Emarsuitte. »Und gleichermaßen gibt es manche Frau, die einen kleinen Fehler verbergen wollte und darob einen größeren beging.« – »Ich glaube, ich weiß, wen Ihr meint,« – unterbrach sie Hircan, »aber bitte, nennt wenigstens nicht ihren Namen.« – »So gebe ich Euch das Wort,« sprach Guebron, »und hernach sagt Ihr uns die Namen – wir aber schwören Euch, sie nie auszuplaudern.«

»Gut, das verspreche ich,« erklärte Emarsuitte, »denn es gibt nichts in dieser Geschichte, das sich nicht in allem Anstand sagen ließe.«


Dreiundfünfzigste Erzählung

 

Mit welcher Gewandtheit ein Fürst einen lästigen Liebeswerber zu entfernen wußte.

 

Als König Franz, der erste seines Namens, mit geringem Gefolge auf einem Lustschloße weilte, um zu jagen und sich auszuruhen, befand sich ein edler Herr voll Ehrsamkeit und Tugend bei ihm, ein Fürst von seltener Schönheit und Klugheit. Selbiger hatte ein Weib zu eigen, das zwar nicht überaus schön war, aber von ihm innig geliebt und gar verwöhnt wurde. So vertraute er ihr selbst an, wenn er zu einer anderen Zuneigung gefaßt hatte. Denn er wußte, daß sein Wille auch der ihrige war.

Dieser Fürst verliebte sich nun einst in eine Wittib, die in dem Rufe stand unvergleichlich schön zu sein, und trotzdem schloß auch die Fürstin selbige in ihr Herz und lud sie oft zu sich; denn sie freute sich, daß ihr Mann ein so ehr- und tugendsames Weib liebte, statt betrübt darüber zu sein. Das ging so eine ganze Weile. Aber bald stellten sich eine Reihe hoher Herren und Edelleute ein, die ob ihrer Schönheit die Wittib umwarben und sie gar heiraten wollten, denn sie war sehr reich. Unter diesen befand sich ein junger Mann, der ihr unentwegt auf den Leib rückte und den lieben langen Tag, ja selbst beim An- und Auskleiden in ihrer Stube hockte.

Das mißbehagte dem Fürsten, da er jenen in keiner Beziehung für ansehnlich halten konnte, und er machte der Dame darum Vorwürfe. Diese – die Tochter eines Herzogs – entschuldigte sich damit, daß sie mit ihm wie den andern spräche und so leichter einen Verdacht von sich bezüglich des Fürsten abwenden könne. Indes bedrängte sie der Edelmann weiter derart, daß sie schließlich, nur um ihn los zu werden, versprach, ihn zu heiraten – aber erst, wenn ihre Töchter vermählt seien. Fortan kam der Edelmann ohne die geringsten Bedenken zu jeder beliebigen Stunde zu ihr.

Als der Fürst dessen inne wurde, sagte er einmal zu der Dame: ›Ich stellte allezeit Eure Ehre so hoch wie die meiner leiblichen Schwester, und ihr wißt, wie ich Euch just ob Eurer Tugend liebe. Müßte ich aber annehmen, daß ein Unwürdiger durch Aufdringlichkeit erreicht, was ich nicht gegen Euern Willen besitzen wollte, so wäre das ebenso unerträglich für mich, wie entehrend für Euch. Man beginnt über Euch zu schwätzen, und darum wäre es schier besser, Ihr würdet ihn heiraten, obgleich er so weit unter Euerm Stand und Vermögen ist. So bitte ich Euch, sagt mir, ob Ihr ihn lieben wollt oder nicht; denn ich kann solchen Gefährten nicht neben mir dulden und müßte in diesem Falle Euch verlassen.‹

Die arme Dame fürchtete seine Freundschaft zu verlieren. Darum hub sie alsbald an, bitterlich zu weinen, und schwor ihm zu: lieber wolle sie sterben, als jenen Edelmann heiraten. Leider fiele er ihr aber so lästig, daß sie sich vor ihm nicht schützen könne. – ›Ich rede nicht davon, daß er zu einer Stunde zu Euch kommt, wo alle kommen können,‹ rief der Fürst. ›Ich hörte aber, daß er Euch auch besucht, wenn Ihr im Bett liegt. Und wenn das so fortgeht, ohne daß Ihr ihn heiratet, so werdet Ihr die ehrloseste Frau der Welt!‹ Alsbald versicherte sie ihm, sie betrachte jenen nicht als einen Gatten, sondern als einen Bekannten und einen über die Maßen lästigen Gesellen. – ›Nun denn, wenn er Euch unbequem ist,‹ entgegnete der Fürst, ›dann werde ich Euch von ihm befreien.‹ – ›Wie!‹ rief sie, ›Ihr wollt ihn töten?‹ – ›Keineswegs! Aber ich werde ihm zu verstehen geben, daß dies Haus kein öffentlicher Ort ist, sondern ehrenwert gleich dem des Königs. Und ich schwöre Euch: wenn er sich von nun an nicht ändern sollte, werde ich ihm eine Lehre geben, so die andern sich hinter die Ohren schreiben werden.‹

Damit ging er von dannen. Aber just, als er aus dem Zimmer trat, begegnete er besagtem Edelmann, der hinein wollte. Dem wiederholte er, was er eben gesagt hatte und kündigte ihm an: ›das erstemal, da er ihn zu unerlaubter Stunde hier beträfe, werde er ihm einen derartigen Schreck einjagen, daß er den nicht so bald wieder vergessen würde, maßen die Dame zu hochgestellt sei, als daß man ihr so mitspiele.‹ Darauf entgegnete jener, er könne sicher sein, daß er sie nur zu erlaubter Stunde besuche; sollte der Fürst ihn je zu anderer Zeit hier abfangen, so möge er ihm gern das Schlimmste antun. Einige Tage später aber nahm der Edelmann an, der Fürst habe seine Worte vergessen, besuchte die Dame abends und blieb recht spät. Da nun die Dame sehr erkältet war, so wurde der Fürst von seiner Frau gebeten, er möge sie, auch in ihrem Namen, besuchen, da sie selbst Wichtiges zu erledigen habe. Der wartete, bis der König zu Bett gegangen war, und begab sich alsdann zu der Dame, um ihr einen guten Abend zu wünschen. Als er dort die Treppe hinauf wollte, traf er einen Kammerdiener, der hinunter kam, und fragte ihn nach dem Befinden seiner Herrin. Der versicherte, sie sei zu Bett und schliefe schon. Der Fürst aber hatte den Eindruck, daß er log, und blickte sich im Fortgehen um. Da sah er, wie jener in großer Eile wieder zurücklief, und nun ging er im Hofe vor der Tür auf und ab, um zu sehen, ob der Diener nicht wiederkäme. Eine Viertelstunde später sah er ihn auch richtig ankommen; doch schaute er sich um, ob der Fürst noch im Hofe sei.

Alsbald sagte sich dieser, daß der Edelmann im Zimmer der Dame weile und aus Angst vor ihm nicht hinunterzukommen wage. Und da er sich erinnerte, daß ein Fenster jener Wohnung nicht hoch lag und in einen kleinen Garten führte, bedachte er das Sprichwort: ›Der gerade Weg geht durchs Fenster‹, rief einen seiner Diener herbei und hieß ihn: ›Geh‹ dort in jenen Hintergarten, und wenn du einen Edelmann zum Fenster hinausklettern siehst, so wirf dich mit gezücktem Degen auf ihn, sowie er auf die Erde gelangt ist, haue an die Mauer und rufe: ›Tötet ihn! Tötet ihn!‹ Aber hüte dich, ihn zu verletzen.‹

Der Diener begab sich dorthin, und der Fürst wandelte bis etwa drei Uhr nachts vor der Tür auf und ab. Da nun der Edelmann inne ward, daß jener nicht fortging, entschloß er sich, durchs Fenster zu entweichen, und nachdem er zunächst seinen Mantel hinuntergeworfen hatte, glitt er mit Hilfe bestochener Diener in den Garten. Alsbald klirrte der Diener des Fürsten gewaltig mit dem Degen und schrie: ›Tötet ihn, tötet ihn.‹ Da vermeinte der Edelmann, dort sei der Fürst selber, bekam schreckliche Angst und floh, ohne seinen Mantel aufzuheben, in größtmöglicher Eile von dannen. So kam er zu der Torwache, die mißtrauisch wurde, da sie ihn so laufen sah. Und da er den Leuten nicht den Grund zu sagen wagte, so bat er sie, ihn bis zum Morgen bei sich in der Wachstube aufzunehmen. Das taten sie denn auch.

Indessen war der Fürst heimgekehrt, und da sein Weib schon schlief, weckte er es auf und sagte: ›Ihr schlaft schon? Wieviel Uhr ist es denn?‹ – ›Seit ich schlafe, hörte ich die Uhr nicht mehr schlagen,‹ entgegnete sie. – ›So wißt,‹ sprach er, ›es ist schon drei Uhr vorbei.‹ – ›Jesus!‹ rief jene, ›wo waret Ihr denn nur so lange? Ich fürchte, Ihr werdet Euch eine Krankheit zuziehen!‹ – ›Nie werde ich vom Wachen erkranken,‹ antwortete der Fürst, ›wenn ich dadurch Leute am Schlafe hindere, die mich hintergehen wollen.‹ Und damit begann er gewaltig zu lachen, also daß sie ihn bat, ihr die Geschichte zu erzählen. Das tat er in aller Ausführlichkeit und zeigte ihr obendrein das Wolfsfell, das sein Diener ihm gebracht hatte. Nachdem sie sich derart weidlich über die Leutchen ergötzt hatten, ergaben sie sich dem Schlafe der Gerechten, derweile die andern beiden von der Furcht gemartert wurden, daß ihre Missetaten enthüllt werden könnten.

Da sich nun der Edelmann klar machte, daß Verstellung nichts nützte, kam er früh zum Fürsten, als der sich erhob, und bat ihn flehentlich, die Sache nicht an die große Glocke zu hängen und ihm den Mantel wiederzugeben. Der Fürst aber stellte sich dumm und führte seine Rolle so gut durch, daß der Edelmann nicht wußte, woran er sich nun halten solle. Aber er empfing noch eine Lehre, die er nicht so bald vergaß; denn der Fürst ließ ihn wissen: wenn er sich jemals wieder in jenem Hause zeige, so würde er es dem König sagen und dafür sorgen, daß er vom Hofe verbannt würde.

Hätte nun die Dame nicht besser daran getan, dem Fürsten, der sie durch seine Liebe und Wertschätzung so ehrte, die Wahrheit zu sagen, statt sich durch Verstellung solcher Beschämung auszusetzen?«

»Sie wußte doch recht wohl,« entgegnete Guebron, »daß sie bei einem offenen Geständnis seine Gunst verlor, und das wollte sie offenbar um alles in der Welt nicht.« –

»Mir scheint,« meinte Longarine, »sie konnte gut auf diese Freundschaft verzichten, wenn sie einen Mann nach Wunsch gewählt hätte.« – »Wenn sie ihre Ehe hätte bekanntgeben können, ja,« antwortete Parlamente, »aber sie wollte sie doch einstweilen geheimhalten und brauchte daher einen Deckmantel.« – »Das ist es nicht,« rief Saffredant. »Der Ehrgeiz der Frau begnügt sich nicht mit einem Mann; sie braucht zum mindesten drei: einen der Ehre wegen, einen für’s Geld, den dritten zur Lust. Jeder dieser drei vermeint, am meisten geliebt zu sein, aber die ersteren beiden sind nur die Diener des dritten.« – »Ihr sprecht von Frauen, die weder Liebe noch Ehre kennen,« entrüstete sich Oisille. – »Keineswegs. Manche von ihnen haltet Ihr gewiß für hochehrbar. Und zudem ist es gerade diese Kunst, sich so wohl zu stellen, die ihnen den Ehrentitel ›kluge Frauen‹ einträgt – damit locken sie schier mehr Anbeter ins Netz denn mit ihrer Schönheit, obgleich dieser Name gerade auf deren Kosten erworben wird.«

»Jedenfalls,« brach Nomerfide ab, »glaube ich, daß des Fürsten Gemahlin innerlich froh war, daß ihr Mann die Frauen durchschauen lernte.« – »Das war sie nicht,« widersprach Emarsuitte. »Vielmehr war sie tief betrübt, weil sie nämlich ihren Mann wahrhaft liebte.« – »Dann gefiele sie mir nicht minder als jene, die nur lachte, als ihr Mann die Magd küßte,« erklärte Saffredant. – »Wahrhaftig, das müßt Ihr erzählen,« rief Emarsuitte. »Ich gebe Euch das Wort.« Und Saffredant hub an:

»Die Geschichte ist zwar nur kurz, aber ich möchte euch lieber lachen machen denn langweilen.«

 


Vierundfünfzigste Erzählung

 

Von einer gar wohlgemuten Dame, die nur lachte, als sie sah, wie ihr Mann die Magd küßte, und erklärte, sie lache über einen Schatten, maßen sie den wahren Grund nicht nennen wollte.

 

»Zwischen den Pyrenäen und den Alpen lebte ein Edelmann namens Thogas, der ein Weib, Kinder, ein schönes Haus und soviel Habe und Freuden hatte, daß er wohl zufrieden hätte leben können, wenn ihn nicht immer ein rasender Kopfschmerz gequält hätte. Darob rieten ihm die Ärzte, sich der ehelichen Freuden zu enthalten. Die Frau war damit einverstanden, da sie nur für ihres Mannes Gesundheit besorgt war. So ließ sie sich ein Bett im gegenüberliegenden Winkel der gleichen Stube aufschlagen, so daß jeder der beiden Ehegatten den andern sehen konnte, wenn er den Kopf hervorstreckte.

Selbige Dame hatte zwei Mägde und diese hielten ihren Herrschaften oft die Kerzen, wenn selbige im Bett lesen wollten; und zwar saß die jüngere bei dem Herrn, die ältere bei der Frau. Da nun der Edelmann inne ward, daß seine Magd jünger und schöner war als ihre Herrin, so ergötzte er sich wiederholt daran, sie anzublicken, ließ sein Buch und begann mit ihr zu plaudern. Das hörte seine Frau gar wohl, doch fand sie es durchaus angemessen, daß die Dienerschaft ihrem Mann die Zeit vertreiben half. Denn sie war seiner Liebe sicher.

Als sie nun eines Abends wieder lange Zeit im Bett lasen, blickte die Dame nach der jungen Magd; doch konnte sie nur ihren Rücken wahrnehmen und ihren Mann gar nicht sehen. Dafür aber erblickte sie auf der weißen Wand neben dem Ofen sein Schattenbild, das sie sehr wohl erkannte, und daneben das der Magd, deren Köpfe sich bald einander näherten, bald entfernten, derweile beide kicherten. Das war so deutlich, als sähe sie die beiden selbst. Und der Edelmann, der darauf nicht achtete, war ganz sicher, daß sein Weib ihn nicht sehen konnte und küßte die Magd. Die Dame duldete das stillschweigend. Als sie aber sah, daß sich selbiges des öfteren wiederholte, fürchtete sie, daß jemand anderes das bemerken könne. Deshalb begann sie laut zu lachen, also daß die beiden Schatten erschreckt auseinanderfuhren.

Alsbald fragte sie der Edelmann, warum sie gelacht habe und ob er daran nicht teilnehmen könne. Sie aber entgegnete: »Lieber Freund, ich bin so dumm und lache über einen Schatten.« Und nie gestand sie ihm ob seiner Fragen die Wahrheit. Denn für sie hatte er nur ein Schattenbild geküßt.

An diesen Fall erinnerte ich mich, als Ihr von der Dame sprachet, so die Freundin ihres Mannes liebte.«

»Weiß Gott,« rief Emarsuitte, »in solchem Fall hätte ich der Magd die Kerze auf der Nase verlöscht.« – »Ihr seid sehr heftig,« lächelte Hircan. »Denkt Euch nur, daß Euer Mann Euch dann mit der Magd zusammen verprügelt hätte! Um einen Kuß soll man nicht solch Aufhebens machen. Besser vielleicht hätte die Frau ganz still bleiben sollen, auf daß ihr Mann es sich wohl sein ließ und von seiner Krankheit geheilt würde.« – »Sie fürchtete doch gerade, daß diese Kurzweil ihn nur kranker mache,« widersprach Parlamente. – »Meiner Ansicht nach,« erklärte Oisille, »sollten alle Frauen an den Freuden und Leiden ihrer Männer teilnehmen, mit ihnen lachen, mit ihnen traurig sein.« – »Wahrscheinlich liebte sie mehr ihre Ruhe als ihren Mann,« spottete Longarine, »da sie sich die Sache so wenig nahe gehen ließ.« – »Sie ließ sich ja sehr wohl nahe gehen, was sein Gewissen und seine Gesundheit betraf,« entgegnete Parlamente. – »Sprecht nicht von Gewissen, sonst muß ich lachen,« sagte Simontault. »Nicht um die Welt möchte ich erleben, daß meine Frau sich um mein Gewissen kümmert.« – »Dann solltet Ihr jene zum Weibe haben,« lachte Nomerfide, »die nach ihres Gatten Tode bewies, daß sie das Geld mehr liebte als das gute Gewissen.« – »Bitte, erzählt uns das,« bat Saffredant. »Ich gebe Euch das Wort.«

»Solch kurze Geschichte wollte ich eigentlich gar nicht erzählen,« hub jene an, »Da sie aber hierher paßt, so werde ich sie mitteilen.«

 


Fünfundfünfzigste Erzählung

 

Mit welcher List eine Spanierin die Mönche um das Vermächtnis ihres Gatten brachte.

 

»Zu Saragossa lebte ein Kaufmann. Als der seinen Tod nahen fühlte und inne ward, daß er seine Habe nun nicht mehr behalten könne (die er vielleicht mit schlechten Mitteln erworben hatte), da wollte er sich von seinen Sünden loskaufen und vermachte alles dem Bettelorden, ohne zu bedenken, daß sein Weib und seine Kinder darob nach seinem Tode Hungers sterben würden. Er bestimmte also, daß man einen guten spanischen Gaul, der den Hauptteil seines Vermögens ausmachte, möglichst hoch verkaufen und den Erlös an die Klöster verteilen solle, und bat sein Weib, dies unmittelbar nach seinem Tode auszuführen.

Als er im Grabe lag und die ersten Tränen getrocknet waren, ging die Frau, die gar nicht so dumm war, zu ihrem Knecht, der auch diese Verfügung des Verstorbenen gehört hatte, und sagte: ›Ich finde, ich habe an meinem Mann so viel verloren, daß ich nicht auch noch aller Habe verlustig gehen möchte. Drum will ich seinen Wunsch zum Guten wenden, denn ich muß für die Notdurft meiner Kinder sorgen. Aber niemand darf etwas erfahren.‹ Und als der Knecht ihr versprochen hatte, nichts zu verraten, fuhr sie fort: ›Geh und verkauf dies Pferd. Wenn dich jemand fragt, wieviel es kostet, so sage: ›Einen Dukaten.‹ Ich habe aber hier eine sehr schöne Katze – die verkaufst du mit, und nicht unter neunundneunzig Dukaten, so daß beide zusammen die hundert Dukaten bringen, für die mein Mann das Pferd allein verkaufen wollte.‹

Der Knecht führte alles pünktlich aus: als er den Gaul auf den Marktplatz brachte (die Katze trug er unterm Arm), da fragte ihn ein Edelmann, der dies Pferd längst kaufen wollte, was es koste. Der erwiderte: ›Einen Dukaten.‹ – ›Mach dich doch nicht über mich lustig.‹ – ›Aber gewiß, Herr, es kostet nur einen Dukaten. Allerdings muß man auch diese Katze für neunundneunzig Dukaten mitkaufen.‹

Der Edelmann fand den Preis angemessen, zahlte genau einen Dukaten für das Pferd, den Rest für die Katze und ging mit seinem Einkauf von dannen. Der Knecht aber brachte das Geld seiner Herrin, die fröhlich den Dukaten für das Pferd den Bettelmönchen gab, so wie es ihr Mann bestimmt hatte, und den Rest für sich und ihre Kinder zurückbehielt.

War diese Frau nun nicht klüger als ihr Gatte?« »Sicherlich liebte sie ihn sehr,« meinte Parlamente. »Aber da sie ihn sein Haus so schlecht bestellen sah, wollte sie seine Bestimmungen zum Besten der Kinder auslegen. Das halte ich für sehr klug.« – »Ist es keine Sünde, die letzten Wünsche der Verstorbenen nicht zu erfüllen?« fragte Guebron. – »Doch – falls der Sterbende bei vollem Verstand war.« – »Ist es nicht irrig, seine Habe der Kirche und den Bettelorden zu vermachen?« – »Nein, im allgemeinen nicht. Aber alles so hinzugeben und dadurch die Seinen dem Hungertode aussetzen, – das kann ich nicht billigen. Mir scheint, Gott fände es nicht minder wohlgefällig, wenn man für die armen Waisen sorgt, die man hinterläßt, statt sie in Hunger und Armut zu stoßen, also daß sie dann ihre Väter verfluchen.« – »Aber woher dieser Geiz, der heute allenthalben so eingewurzelt ist, daß die Menschen erst wenn der Tod naht daran denken, Almosen zu stiften? Ich glaube, sie hängen so an ihren Reichtümern, daß sie selbige gern mitnehmen würden, wenn sie könnten. Und dann, wenn die letzte Stunde naht, schlägt ihr Gewissen.«

»Mir scheint, Hircan,« unterbrach Nomerfide, »Ihr habt eine passende Geschichte im Sinne? Erzählt sie bitte, wenn sie sich auf Mönche bezieht.«

»Das will ich gern tun,« meinte Hircan, »obgleich ich nicht gern etwas zur Schande dieser Leute berichten mag. Da wir aber auch hochgestellte Leute nicht verschont haben, können sie sich gefallen lassen, wenn man sie gleichermaßen behandelt. Zudem sprechen wir nur von den lasterhaften und wissen wohl, daß es in jedem Stand auch ehrenwerte Menschen gibt, die dabei nicht getroffen werden sollen. Darum kann ich nun wohl mit der Geschichte beginnen.«

 


Sechsundfünfzigste Erzählung

 

Ein Franziskaner vermählt trügerischerweise ein schönes Mägdelein mit einem anderen Mönch, worob die zwei Burschen bestraft werden.

 

»Auf der Durchreise durch Padua hörte eine französische Edelfrau, daß im bischöflichen Gefängnis ein Mönch säße, und als sie sich nach dem Grund erkundigte, maßen alle darüber zu spotten schienen, erfuhr sie folgendes: Der Mönch, ein schon bejahrter Mann, war einst Beichtvater einer ehrengeachteten frommen Wittib, die nur eine Tochter hatte. Die liebte sie so sehr, daß sie um ihretwillen alles Geld zusammenscharrte und sie recht gut verheiraten wollte. Und da die Tochter heranwuchs, wurde die Mutter noch mehr von dem Gedanken verfolgt, daß nur ja jener zukünftige Ehemann recht gewissenhaft und fromm sei, auf daß sie später zusammen in Ruhe und Frieden lebten.

So wandte sie sich einmal an ihren Beichtvater, einen gesetzten, allenthalben geachteten Mann. Der erklärte auf ihre Bitten, er müsse sich die Sache reiflich überlegen. Also bedachte er einerseits, daß diese Dame, wie sie sagte, fünfhundert Dukaten zusammengescharrt hatte, die als Mitgift dienen sollten; daß sie den Unterhalt für das Paar übernehmen und Wohnung, Aussteuer und Hausrat liefern wolle; andererseits, daß er einen wohlgebauten, schmucken und hübschen Gefährten hatte; also daß er sehr wohl diesen dem Mägdelein vermählen könne, indem dann für jene mit Unterhalt, Aussteuer, Wohnung und Hausrat gar wohl gesorgt sei, während für ihn selbst die fünfhundert Dukaten blieben, um den andern etwas zu entlasten. Und derart einigte er sich mit ihm.

Alsdann kehrte er zu der Dame zurück und sagte: ›Gott schickte mir heute den trefflichsten Edelmann Italiens, der mir gestand, daß er Eure Tochter öfter gesehen habe und bereits innig liebe. Da ich sein Haus und seine Verwandtschaft kenne, versprach ich ihm, mit Euch darüber zu reden. Es gibt nämlich eine kleine Unbequemlichkeit dabei: als jener Edelmann einmal einem Freunde, den ein andrer töten wollte, zu Hilfe eilte und seinen Degen zückte, um die beiden zu trennen, erstach sein Freund zufällig den Angreifer. Dadurch wurde er ohne Verschulden in die Sache verwickelt und flüchtete aus seiner Vaterstadt. Auf Rat seiner Eltern weilt er nun hier als Student verkleidet und will unerkannt bleiben, bis seine Verwandten die Angelegenheit in Ordnung gebracht haben. Das dürfte in Bälde geschehen sein, aber inzwischen muß dieserthalben die Hochzeit im geheimen gefeiert werden und Ihr müßt damit zufrieden sein, daß er tagsüber die Vorlesungen besucht und nur abends zu Euch kommt, um hier zu essen und zu schlafen.‹

Alsbald erwiderte die Dame in ihrer Einfalt: ›Ich finde, daß dies sogar sehr angenehm ist, denn so bleibt meine Tochter, die für mich das Teuerste auf dieser Welt ist, bei mir.‹ Nun führte der Mönch alles so aus, wie er es bedacht hatte, und brachte den Gefährten in einem dunkelroten Gewande ins Haus, das der Dame gar wohl in die Augen stach. Flugs wurden die beiden verlobt, und schon um Mitternacht las der Alte eine Messe und vermählte das Paar, worauf die Brautleute ihr Ehelager aufsuchten und doch bis zum Tagesanbruch ruhten. Dann erhob sich der junge Mann, erklärte, jetzt müsse er zur Vorlesung, zog sein Wams und sein langes Gewand an und vergaß auch die schwarze Perücke nicht. Dann nahm er von seinem jungen Weib, das noch liegen blieb, Abschied und versprach, allabendlich zum Essen wiederzukehren, zum Mittag aber solle man ihn nicht erwarten. Und so ging er davon, derweile sein Weib sich ob ihrer Ehe mit einem so wackern Mann für die glücklichste Frau der Welt hielt.

Indessen begab sich der junge Ehemann zu dem alten Pater und brachte ihm die fünfhundert Dukaten, die im Ehevertrag festgesetzt worden waren. Zum Abend aber kehrte er pünktlich zum Essen zurück zu der Frau die ihn für ihren Gatten hielt, und wußte sich bei dieser und ihrer Mutter so gar beliebt machen, daß beide ihn nicht gegen den edelsten Fürsten dieser Welt vertauscht hätten.

Das dauerte so eine gute Weile. Maßen aber Gott sich derer erbarmt, die im Vertrauen auf seine Güte betrogen werden, so fügte er es, daß Mutter und Tochter eines Tages der fromme Wunsch anwandelte, im Franziskanerkloster die Messe zu hören und ihren guten Beichtvater zu besuchen, der sie mit einem so trefflichen Ehemann und Schwiegersohn beglückt hatte. Zufällig aber fanden sie weder ihn noch einen andern ihnen bekannten Mönch, und so hörten sie derweile die Messe, die just begann, um zu warten, ob jener nicht käme. So richtete die junge Frau ihre Aufmerksamkeit auf den Gottesdienst, als plötzlich der Priester sich umwandte, um das »Dominus vobiscum« zu sprechen. Alsbald ward sie von gewaltigem Staunen ergriffen: denn der Priester war entweder ihr »Gatte« oder glich ihm außerordentlich, so schien ihr. Doch sagte sie noch nichts und wartete, bis er sich wieder umwandte. Nun konnte sie ihn noch besser sehen, ward ihrer Sache sicher und sprach zu ihrer in Andacht versunkenen Mutter: »Wehe! Wißt Ihr, was ich da erblicke?!« – »Was denn?« fragte die Mutter. – »Ich sehe, daß mein Mann die Messe liest oder doch jemand, der ihm täuschend ähnlich ist!«

Die Mutter hatte ihn nicht erblickt und antwortete daher: »Bitte, rede dir nicht solchen Unsinn ein! So etwas ist doch ganz unmöglich! Wie werden so heilige Menschen einen derartigen Betrug ausführen. Solcher Gedanke ist eine große Sünde vor Gott!« Trotzdem gab aber nun auch sie acht, und als jener das »Ite, missa est« sprach, da mußte sie erkennen, daß niemals zwei Zwillingsbrüder sich so gleichen konnten, wie der Priester ihrem Schwiegersohn. So rief sie: »Gott bewahre mich davor, daß ich meinen Augen traue!« Da es aber ihrer Tochter so nahe anging, beschloß sie, der Wahrheit auf den Grund zu kommen.

Als daher gen Abend der Ehemann kommen sollte (der die beiden in der Kirche nicht bemerkt hatte), erklärte sie ihrer Tochter: »Wenn du willst, werden wir erfahren, wie die Sache wirklich liegt. Sobald ihr also im Bett liegen werdet, will ich kommen und ihm unversehens die Perücke von hinten abreißen; dann werden wir flugs sehen, ob er auch solchen Haarschmuck trägt wie der Priester.«

Und also geschah es. Kaum lag der arglistige Mann mit seinem Weib im Bett, da kam die alte Dame herein, nahm wie im Scherz seinen Kopf in ihre Hände, und flugs riß die Tochter die Perücke ab – also daß die Tonsur gar deutlich zu erkennen war. Darob fielen Mutter und Tochter aus allen Wolken, riefen schnell nach der Dienerschaft und ließen ihn trotz aller Bitten und Entschuldigungen an Händen und Füßen fesseln. Dergestalt blieb er bis zum Morgen liegen. Als aber der Tag anbrach, ließ die Dame den Beichtvater rufen, als habe sie ihm ein wichtiges Geheimnis anzuvertrauen, und als er eiligst das Haus betrat, erging es ihm wie dem jungen Pater. Dann warf die Dame ihm all seinen Trug vor, ließ das Gericht benachrichtigen und lieferte die beiden Burschen aus. Man darf wohl annehmen, daß sie nicht ungestraft davonkamen, sofern sie ehrenwerte Richter hatten.

Das mag euch zeigen, daß auch jene Brüder, die das Gelöbnis der Armut geleistet haben, der Verführung der Geldgier erliegen können, wenn sich die Gelegenheit bietet.«

»Es war aber auch recht viel Geld,« rief Saffredant. »Von den zusammengescharrten fünfhundert Dukaten der Alten konnte man sich manche Freude schaffen. Und das arme Mägdelein, das so sehr eines Gatten harrte, hätte für so viel Geld gleich zwei bekommen und noch besser von allen kirchlichen Herrlichkeiten reden können.« – »Jedenfalls erweist die Geschichte die Einfalt der armen Frauen und die Arglist jener Männer, die wir über ihresgleichen zu stellen pflegen,« sagte Oisille. – »Es gibt eben leider Frauen,« klagte Longarine, »die da vermeinen, sie müßten Engel bekommen.« – »Dann finden sie oft Teufel,« lachte Simontault. »Zumal wenn sie sich Gottes Gnade nicht anvertrauen und auf Erden himmlisches Glück suchen.« – »Ei, ei!« verwunderte sich Oisille. »Solche Worte hätte ich Euch gar nicht zugetraut.« – »Weil Ihr mich nicht genügend kennt,« erwiderte jener. »Immerhin mag ich auch einmal einem Franziskaner ins Handwerk pfuschen, wie es mir einer gemacht hat.« – »Handwerk nennt Ihr das, wenn man Frauen betrügt!« entrüstete sich Parlamente. »Damit verurteilt Ihr Euch selbst.« – »Und wenn ich hunderttausende betröge,« sprach jener, »so hätte ich die Qualen noch nicht gerächt, die mir eine allein schuf.« – »Trotz all’ Eurer Klagen seht Ihr recht vergnügt aus,« meinte Parlamente. »Allerdings heißt es ja in der ›Schönen Dame ohne Gnade‹:

›Durch Schmiegsamkeit hat mancher leicht
Und schnell erhoffte Gunst erreicht!‹«

»Das scheint mir mehr für Damen belehrsam,« entgegnete Simontault. »Doch sagt mir bitte, ob es wirklich so ehrenvoll für eine Frau ist, wenn sie in dem Ruf steht, ohne Gnade, Mitleid, Liebe und Barmherzigkeit zu sein?« – »Ohne Barmherzigkeit und Liebe darf sie nicht sein. »Gnade« aber hat bei Frauen einen schlechten Klang, maßen es bedeutet, daß sie das Verlangen der Männer erfüllen. Man weiß recht wohl, was die Männer von den Frauen erbitten.« – »Oh, es gibt Vernünftige, die sich mit einem guten Wort begnügen.« – »Das erinnert mich an den Mann, der sich mit einem Handschuh begnügte.« – »Von dem anmutigen Liebhaber müssen wir hören,« rief Hircan, »Deshalb gebe ich Euch mein Wort.«

Ich erzähle die Geschichte um so lieber,« hub Parlamente an, »da sie an Ehrenhaftigkeit nichts zu wünschen übrigläßt.«

 


Siebenundfünfzigste Erzählung

 

Lächerliche Geschichte von einem englischen Lord, der mit einem Damenhandschuh auf dem Wams prunkte.

 

»König Ludwig der Elfte entsandte einst den Herrn von Montmorenci als Geschäftsträger nach Engelland. Der ward dort herrlich empfangen und gefeiert, und ob ihrer Zuneigung zu ihm beratschlagten der König und andere Fürsten daselbst mit jenem ihre Angelegenheiten. Einst nun saß er bei einem Gelage, das der König ihm zu Ehren veranstaltete, neben einem Lord edelster Abkunft, der auf seinem Wams einen kleinen Handschuh, gleich dem von einer Frau, mit goldenen Nesteln befestigt hatte. Die Fingernähte waren mit vielen Diamanten, Rubinen, Smaragden und Perlen geziert, und daher hatte das Stück einen großen Geldwert.

Der Herr Montmorenci beschaute ihn so oft, dass der Lord ihm seine Frage vom Gesicht ablas. Und da er seine Geschichte sehr zu erzählen liebte, um sich damit selbst gehörig herauszustreichen, hub er also an:

›Ihr verwundert Euch sichtlich über den Schmuck, den ich diesem Handschuh angedeihen ließ. So will ich Euch gern den Grund sagen, denn Ihr scheint mir wohlanständig zu sein und werdet die Leidenschaft der Liebe genugsam kennen, um mich – wo nicht zu loben – so doch ob meiner Gefühle zu entschuldigen.

So wisset: ich habe mein Lebelang eine Dame geliebt, liebe sie noch heute und werde sie noch nach meinem Tode lieben. Maßen aber mein Herz kühner war als mein Mund, so schwieg ich sieben Jahre lang und ließ mir nichts anmerken aus Angst, ich würde alle Möglichkeit verlieren, sie weiter so oft zu sehen und besuchen wie bisher, sobald sie etwas wahrnähme. Als ich nun eines Tages auf einer Wiese bei ihr stand und sie anschaute, da begann mein Herz so gewaltig zu pochen, daß ich erbleichte und alle Fassung verlor. Des ward sie inne und fragte mich, was mir fehle. Ich erwiderte, mich quäle ein unerträglicher Schmerz im Herzen. Und da sie wohl vermeinte, ich rede von einer anderen Krankheit denn von Liebe, so zeigte sie Mitleid mit mir. Deshalb bat ich sie, ihre Hand auf mein Herz zu legen und zu fühlen, wie es poche. Also tat sie: doch als sie ihre behandschuhte Rechte darauf legte, zuckte und sprang das Herz so sehr, daß sie es auch fühlte, und da ich das wahrnahm, preßte ich ihre Hand an mich und rief: ›Ach, edle Frau, empfanget das Herz, das meinen Leib sprengen möchte, um in Eure Hand zu springen! Von Euch erhoffe ich Gnade, Leben und Erbarmen. Die Qual zwingt mich, Euch jetzt meine langverhehlte Liebe zu gestehen. Denn sie ist übermächtig geworden.‹

Als sie meine Worte vernahm, ward sie betreten und wollte ihre Hand zurückziehen. Die aber hielt ich fest, also daß der Handschuh sich löste und an der Stelle verblieb, wo ihre grausame Hand geruht hatte. Und da ich fürder nie wieder eine größere Vertraulichkeit von ihr genoß, so habe ich den Handschuh auf meinem Herzen befestigt als das herrlichste Pflaster, das ich finden konnte, und zudem schmückte ich ihn mit den schönsten Ringen, die ich besaß, obgleich den größten Wert der Handschuh selbst besitzt, den ich nicht für ganz Engelland dahingäbe.‹

Der Herr von Montmorenci hätte die Hand dem Handschuh vorgezogen. Doch lobte er solch ehrenhafte Gesinnung in gesetzten Worten und erklärte, der Lord sei der uneigennützigste Liebhaber, den er je gesehen habe; und da er schon über so Weniges entzückt sei, wäre er ob seiner gewaltigen Liebe am Ende gar vor Glück gestorben, wenn er mehr erlangt hätte. Und der Lord gab ihm recht, ohne zu merken, daß jener sich über ihn lustig machte.

Wären alle Männer so tugendsam, dann könnten sich ihnen wohl alle Frauen anvertrauen, maßen es sie nur einen Handschuh kostet.«

»Herrn von Montmorenci kannt’ ich wohl,« sprach Guebron. »Er hätte nicht ewig in solcher Bangigkeit leben mögen und sonst sicherlich auch nicht so viel Erfolg in Liebesdingen gehabt. Denn ein altes Lied sagt:

›Auf einen furchtsamen Verliebten hört ihr kein Lob.‹«

»Bedenkt doch«, spottete Saffredant, »daß die arme Dame gar flugs ihre Hand zurückzog, als sie sein Herz so wild pochen fühlte. Sicher vermeinte sie, er würde sterben, und man sagt, Frauen hassen die Berührung von Toten.« – »Wenn Ihr die Spittel so oft besuchtet wie die Schenken,« rief Emarsuitte, »so würdet Ihr dergleichen nicht behaupten. Dort könntet Ihr sehen, wie Frauen auch solche Leichen besorgen und begraben, denen sich selbst kühne Männer zu nahen fürchten.« – »Das ist wahr,« höhnte Simontault, »denn wer so recht Buße tun will, der wählt das Gegenteil von dem, woran er sich früher ergetzt hat« – »Da sieht man wieder, wie alles Gute, das Frauen tun, von den Männern entstellt und falsch gedeutet wird!« rief Oisille. Aber Simontault entgegnete: »Jedenfalls glaube ich, daß mehr Männer von Frauen betrogen werden, als Frauen von Männern. Denn ob ihrer geringen Liebe glauben sie unseren wahren Worten nicht, wir aber glauben in unserer starken Liebe an ihre Lügen.« – »Mir scheint, Ihr habt einen Dummkopf klagen hören, den eine Törin enttäuschte,« meinte Parlamente. »Was Ihr da sagt, ist so wenig überzeugend, daß Ihr es schon mit Beispielen erhärten müßt. Wißt Ihr eines, so sollt Ihr von mir das Wort haben; denn sonst brauchen wir Euch keinen Glauben zu schenken. Und solltet Ihr Schlechtes über uns sagen, so werdet Ihr uns doch nicht wehe tun, denn wir wissen, was wir davon zu halten haben.«

»Gut, wenn ich an der Reihe bin, will ich eine solche Geschichte berichten,« sprach Simontault.

 


Achtundfünfzigste Erzählung

 

Eine Hofdame rächt sich gar neckisch an einem Liebhaber ob seiner sonstigen Seitensprünge.

 

»Am Hofe Franz’ des Ersten lebte eine geistvolle Frau, die ob ihrer Anmut und Plauderkunst die Herzen mehrerer Herren erobert hatte. Das schuf ihr vielen Zeitvertreib, und ohne ihre eigne Ehre aufs Spiel zu setzen spielte sie mit den Edelleuten so wohl, daß diese nicht aus noch ein wußten und so die Zuversichtlichsten verzweifelten, die Verzweifelten zuversichtlich wurden. Trotz dieser Neckereien entging sie dem Schicksal nicht, einen Edelmann zu lieben, den sie Vetter nannte. Unter diesem Namen jedoch barg sich ein lang ausgesponnenes Liebesverhältnis. Unstät nur wie alles irdische, wandelte sich diese Liebe oft in Streit, flammte dann wieder stärker auf denn je, und konnte so dem Hofe auf die Dauer nicht verborgen bleiben.

Eines Tages stellte sich die Dame zu ihm ungewöhnlich liebenswürdig – sei es, um ihm zu zeigen, daß sie keinerlei sonstige Gefühle habe, sei es, um ihn ob der Liebesqualen, die sie so oft ertragen hatte, gehörig zu peinigen. Er, dem es weder in Kampf- noch Liebesfragen an Kühnheit mangelte, drängte sie sogleich zu dem, worum er sie schon so oft gebeten hatte. Alsbald tat sie, als könne sie ihr Mitleid nicht mehr bezwingen, bewilligte ihm diese Bitte und erklärte: ›sie wolle dafür in ihre Stube gehen, die im Obergeschoß lag, also daß sie sicher wäre, daß niemand sonst dorthin käme. Sobald er sähe, daß sie hinausginge, solle er ihr folgen, auf daß er sie, dank ihrer Bereitwilligkeit, allein antreffen könne.‹

Der Edelmann schenkte ihren Worten Glauben, und voll Zufriedenheit begann er mit den andern Damen Kurzweil zu treiben, derweile er erwartete, daß sie hinausginge. Sie aber, der es an List nicht fehlte, traten zwei hohe Fürstinnen heran, mit denen sie sehr innig befreundet war, und sagte: ›Wenn ihr wollt, will ich euch einen Spaß erleben lassen, der seinesgleichen nicht hat.‹ Die beiden Fürstinnen waren keineswegs auf Trübsinn versessen und fragten darum flugs, was es sei. Sie entgegnete: ›Es handelt sich um den Herrn Soundso, der, wie ihr wißt, ob seiner Ehrenhaftigkeit und Kühnheit bekannt genug ist. Auch wißt ihr, wieviel üble Streiche er mir spielte, wenn er anderen Damen den Hof machte, derweile ich ihn über alles liebte. Damit hat er mir mehr Leids geschafft, als ich mir merken ließ. Nun aber gab mir Gott die Möglichkeit, mich zu rächen: ich gehe jetzt in Bälde auf meine Stube, und wenn ihr aufmerken wollt, werdet ihr sehen, wie er mir flugs folgen wird. Wenn er nun den Saalgang durchschritten hat und die Stiege emporklimmen will, so eilet bitte ans Fenster und schreiet mit mir: ›Räuber! Diebe!‹ Da werdet Ihr ihn vor Wut platzen sehen – und ich glaube, er wird sich dabei nicht übel ausnehmen! Und wenn er mir vielleicht auch keine Schmähungen ins Gesicht schleudert, so kann ich doch sicher sein, daß er innerlich darob schier berstet.‹

Der Gedanke machte sie alle fröhlich lachen, denn keiner der Edelleute stand so unablässig mit den Damen auf dem Kriegsfuße wie jener, und so sehr er auch von allen geliebt und geschätzt wurde, so hätte doch kaum eine gewagt, sich seinem Spott auszusetzen. Und darum schien es jenen Damen, daß sie wohl an dem Siegesruhm teilnehmen könnten, den eine einzelne ihm abzuringen im Begriff stand. Sobald sie also die unternehmungslustige Dame hinausgehen sahen, achteten sie auf das Verhalten des Edelmannes, der bald seinen Platz verließ. Kaum war er zur Tür hinaus, so schlüpften die Damen in den Saalgang, um ihn nicht aus dem Auge zu verlieren.

Er ahnte nichts dergleichen, nahm sein Manteltuch hoch, um sein Gesicht zu verbergen, und eilte die Stiege zum Hofe hinunter. Dann kam er wieder hinauf, und da er jemandem begegnete, den er nicht als Zeugen haben wollte, so ging er wieder hinunter, kam auf einer anderen Stiege wieder hinauf und alles das sahen die Damen, ohne daß er etwas merkte. Als er nun aber zu dem Stiegenabsatz kam, der unmittelbar zu der Stube der Dame führte, eilten die Damen flugs ans Fenster, sahen oben die andere schon bereitstehen und ›Räuber! Diebe!‹ schreien, worob sie nun auch beide so laut riefen, daß das ganze Schloß in Aufruhr versetzt wurde.

Ihr könnt euch denken, mit welcher Wut der Edelmann nach Hause floh. Doch konnte er sein Gesicht nicht so gut verbergen, daß er nicht von denen erkannt wurde, die um das Geheimnis wußten. Die neckten ihn später oft damit, auch jene Dame, die ihm den Streich gespielt hatte und die sich nun ihrer Rache rühmte. Aber er verteidigte sich sehr schlagfertig und ließ verstehen, er habe so etwas geahnt und habe den Vorschlag der Dame nur angenommen, um sie selbst zu verspotten. Denn aus Liebe zu ihr wäre er nimmermehr zu ihr gegangen, da seine Gefühle längst erloschen seien. Die Damen wollten ihm das nicht recht glauben, und noch heute ist man nicht sicher, was die Wahrheit ist.

Wenn es aber so lag, daß er der Dame geglaubt hatte (was nicht sehr wahrscheinlich ist, weil er gleichermaßen unvergleichlich klug als kühn war), so müßt ihr, wie mir scheint, zugeben, daß Männer, die in tugendhafter Liebe den Damen trauen, gar oft getäuscht werden.«

»Ich muß sagen,« erklärte Emarsuitte, »daß mir der Streich jener Dame gefällt. Wenn ein Mann die, welche ihn liebt, für andere verläßt, ist jede Rache recht.« – »Wenn sie geliebt wird, allerdings,« meinte Parlamente. »Manche Frauen fragen nämlich danach nicht und nennen dann die Männer wankelmütig. Wenn die Frauen klug sind, lassen sie sich nicht täuschen. Denn um nicht in das Netz der Lügner zu geraten, trauen sie nur den Wahrheitliebenden. Zudem spricht Wahrheit und Falschheit dieselbe Sprache.« – »Wenn alle Damen Eure Ansicht teilten, könnten die Edelleute ihre schönen Reden in ihre Kästen sperren,« lachte Simontault. »Wir können aber nicht annehmen, daß die Frauen ebenso ungläubig wie schön sind.« – »Da ich die betreffende Dame kenne, so kann ich ihr den Streich schon zutrauen,« meinte Longarine. »Was sie ihrem Manne nicht ersparte, hat sie sicherlich auch ihrem Freunde nicht erspart.« – »So wißt Ihr mehr davon als ich,« sagte Simontault. »Darum tretet an meine Stelle, um Eure Ansicht zu sagen.«

»Gern, wenn Ihr es wünscht,« hub Longarine an.

 


Neunundfünfzigste Erzählung

 

Ein Edelmann wird von seinem Weibe abgefaßt, als er heimlich eines ihrer Ehrenfräulein umfängt.

 

»Besagte Dame hatte einen reichen hochgeborenen Edelmann aus großer gegenseitiger Zuneigung geheiratet. Da sie außerordentlich Gesellschaften liebte und froh plauderte, so verhehlte sie ihrem Mann nicht, daß sie Anbeter habe, deren sie zwar spotte, die ihr aber Kurzweil schufen. Anfangs wollte ihr Mann an dem Vergnügen teilnehmen. Aber auf die Dauer mißfiel ihm dies Leben. Denn einerseits behagte es ihm nicht, daß sein Weib so viel mit Männern umging, die weder seine Verwandten noch Freunde waren, andrerseits stieß er sich an den Kosten, die ihr Putz und das Leben am Hofe mit sich brachten. So blieb er, soviel er konnte, daheim. Doch die vielen Gäste, die ihn dann besuchten, machten die Ausgaben nicht geringer. Warf er ihr das lachend vor, dann erwiderte sie ihm, er solle sich mit der Gewißheit zufrieden geben, daß er nicht Hahnrei durch sie würde, sondern nur Bettler. Und um recht oft zu Hofe zu kommen, stellte sie alles Denkbare an und war ihm deshalb insonderheit gefällig.

Als ihr nun eines Tages alle List nichts nützte, bemerkte sie, daß er einem ihrer Ehrenfräulein freundlich tat, worauf sie bedachte, dies wohl auszunutzen. Gen Abend nahm sie also selbige beiseite und bedrängte sie mit Versprechungen und Drohungen so wohl, daß jene gestand, daß ihr Herr ihr seit dem Tage nachstelle, da sie im Hause sei; doch wolle sie lieber sterben denn Gott und Ehre verletzen, zumal es doppelt schlecht ihrer Herrin gegenüber wäre, die ihr die Ehre erwiesen habe, sie zur Ehrendame zu machen. Als nun die Dame von der Untreue ihres Mannes erfuhr, ward sie von Zorn und Freude zugleich bewegt. Denn einerseits zürnte sie ihm ob der Schande, die er ihr mit jener antun wollte, die bei ihr und zudem viel häßlicher war als sie selbst. Andrerseits hoffte sie ihn nun in einer Lage abzufassen, die es ihm unmöglich machen würde, ihr fürder Hof und Verehrer vorzuwerfen.

Um ihr Ziel zu erreichen, bat sie das Mädchen, allmählich ihrem Gatten alle Wünsche unter gewissen Bedingungen zu erfüllen. Die junge Dame wollte Schwierigkeiten machen. Da ihre Herrin ihr aber Leben und Ehre zu schützen versprach, so stimmte sie ihr endlich zu.

Als nun der Edelmann ihr wieder zu nahe trat, fand er sie wie ausgewechselt. Und als er sie darob mehr bedrängte denn früher, klagte sie, wie ihre Rolle es verlangte, über ihre Armut: sie würde obendrein ihre jetzige Stellung verlieren, wo sie doch einen Mann zu erwerben hoffe. Sogleich erwiderte er ihr, darum solle sie sich nicht sorgen; denn er würde sie reicher und besser verheiraten, als ihre Herrin es könne, und zudem würde er alles undurchdringlich geheim halten.

Nachdem sie sich hierüber geeinigt hatten und nun einen geeigneten Ort erwogen, schlug sie als besonders geheim ein Häuschen vor, das im Park lag und darin es ein Zimmer mit einer bequemen Lagerstatt gab. Der Edelmann wäre mit allem zufrieden gewesen. Darum stimmte er alsbald zu und harrte sehnlichst des vereinbarten Tages und der festgesetzten Stunde.

Das Mägdelein aber brach sein Versprechen nicht und erzählte alles seiner Herrin, zumal aber, daß der morgige Nachmittag festgesetzt sei und sie nicht verfehlen würde, ihr ein Zeichen zu machen. Alsdann bat sie die Dame, um Gottes willen rechtzeitig dort zu sein, was die Dame ihr zusagte. Tags darauf war der Edelmann ungewöhnlich liebenswürdig zu seinem Weib, und nach dem Essen schlug er vor, man solle Pikett spielen. Alsbald wurde der Spieltisch zurechtgemacht; aber die Frau erklärte, sie wolle nicht mitspielen, sondern lieber zusehen. Bevor jener sich aber zum Spieltisch setzte, erinnerte er das Mägdelein an ihr Versprechen. Kaum spielte er, so schritt dieses durch den Saal und machte dabei der Herrin ein Zeichen, daß es jetzt die Wanderschaft anträte. Die Dame sah es wohl, der Edelmann aber merkte nichts. Als dann aber eine gute Stunde verflossen war und ein Diener ihm winkte, sagte er zu seinem Weib, er habe etwas Kopfweh und müsse sich deshalb in frischer Luft ein wenig erholen. Sie wußte recht wohl, was sein Leiden war, und fragte, ob sie derweile für ihn spielen solle. Und er meinte, ja, denn er käme bald wieder. Damit ging er erst auf sein Zimmer, dann in den Park.

Die Dame aber kannte einen kürzeren Weg, als er ihn nahm, wartete etwas, tat dann, als habe sie Leibschneiden, und gab ihr Spiel ab. Kaum hatte sie den Saal verlassen, so zog sie flugs ihre Stöckelschuhe aus und lief eilenden Schrittes zu dem Häuschen, auf daß der Handel nicht ohne sie zustande käme. Sie gelangte rechtzeitig hin und betrat die Stube, wo ihr Mann eben erst eingetreten war. Hinter ihm verborgen hörte sie seine schönen, ehrenhaften Reden, die er der Ehrendame hielt, und als der kritische Augenblick nahte, packte sie ihn von hinten und rief: »Was braucht Ihr eine andere zu nehmen, wenn ich so nahe bin!«

Der Edelmann barst begreiflicherweise schier vor Wut. Doch ward er inne, daß an allem jenes Mägdelein schuld sei, und ohne seiner Frau zu antworten stürzte er auf jene. Ja, in seiner Wut hätte er sie getötet, wenn sein Weib nicht dazwischengetreten wäre; denn, so rief er, sie sei die schlimmste Dirne, die er je gesehen habe, und wenn sein Weib etwas gewartet hätte, wüßte sie bereits, daß alles nicht ernst gewesen sei: statt sie zu umfangen, hätte er ihr die Rute gegeben, um sie zu züchtigen. Die Frau aber kannte diese Münze und traute ihrem Wert nicht; vielmehr machte sie ihm so strenge Vorwürfe, daß er fürchtete, sie würde ihn verlassen. So gab er klein bei, versprach ihr alles, was sie wollte, und gab zu, daß er nicht recht habe, ihr die Verehrer vorzuwerfen, da sie ja nichts gegen ihre Ehre täte, daß er aber mit seinen Nachstellungen ihr großen Schimpf zugefügt habe.

Das war der Dame gerade recht, denn nun hatte sie ihr Spiel gewonnen. Immerhin stellte sie ihre Liebe zu ihm über alles und versprach ihn weiter zu lieben, sofern er ihre Gefühle erwidere. Das versicherte ihr der Ärmste hoch und heilig, so daß sie in schönster Einigkeit heimkehrten. Auf daß aber alle Mißverständnisse künftig fernblieben, bat er sein Weib, dies Ehrenfräulein zu entlassen. Das tat sie auch, doch gab sie ihm einen ehrenwerten Gatten. Und um alle schlechten Erinnerungen zu zerstreuen; führte sie die junge Dame oft zu Hofe und schmückte sie so reich, daß sie wahrlich zufrieden sein konnte.

Darum also, meine Damen, war ich nicht verwundert, daß selbige Frau auch ihrem Verehrer einen so seltsamen Streich gespielt hat.«

»Die Frau war klug, der Mann aber recht dumm,« meinte Hircan. »Denn maßen er schon so weit war, durfte er nicht halt machen.« – »Das ist leicht gesagt,« erwiderte Emarsuitte. »Aber wie sollte er zwei Frauen bändigen, deren eine ihr Recht, die andere ihre Jungfräulichkeit verteidigte.« – »Ich«, erklärte Hircan, »hätte mein Weib umfaßt und hinausgetragen, und dann an dem Mägdelein in Liebe oder mit Gewalt mein Begehr gestillt.« – »Hircan,« rief Parlamente, »es genügt, daß Ihr in Gedanken Unheil tut.« – »Ich will ja eine Übeltat gar nicht beschönigen,« antwortete Hircan, »aber ich kann ein Unternehmen nicht loben, das mehr aus Furcht vor der Frau denn aus Liebe zu ihr unbeendet blieb. Ich lobe den Mann, der nach Gottes Gebote sein Weib liebt. Tut er das aber nicht, so soll er sie auch nicht fürchten.« – »Nun, ich bin jedenfalls mit dem zufrieden, was ich diesbezüglich von Euch gesehen habe,« sprach Parlamente. »Und was ich nicht weiß, darüber mag ich weder grübeln noch mich erkundigen.« – »Das halte ich auch immer für sehr töricht,« klagte Nomerfide, »denn aus den Erkundigungen entsteht nur Verdruß.« – »Das mag manchmal geschehen,« widersprach Guebron, »aber nur wenn man sich nicht gut und sorglich über die Vergehen seines Weibes erkundigt hat.« – »Wenn Ihr dafür ein Beispiel wißt, so verschweigt es uns bitte nicht,« sagte Longarine.

Und Guebron hub an: »Freilich kenne ich eines, und so ihr wollt, werde ich es berichten.«

 


Sechzigste Erzählung

 

Eine Pariserin verläßt ihren Mann, um einem Sänger zu folgen; dann stellt sie sich tot und läßt sich begraben.

 

»Zu Paris gab es einen Mann, der sich in seiner Gutmütigkeit kein Gewissen daraus gemacht hätte zu glauben, kein anderer habe bei seinem Weibe geschlafen, selbst wenn er es selbst gesehen hätte. Der ärmste ehelichte ein Weib von denkbar schlechtesten Sitten; doch er merkte es nicht und hielt sie der ehrengeachtetsten Frau gleich. Als nun eines Tages der König Ludwig der Siebente nach Paris kam, gab sich die Frau einem Sänger des königlichen Gefolges hin. Da selbige nun inne ward, daß der König die Stadt wieder verlassen wollte und sie also den Sänger fürder nicht mehr sehen würde, beschloß sie, um seinetwillen von ihrem Mann davonzugehen. Der Sänger stimmte zu und führte sie in ein Haus unweit Blois, wo sie lange Zeit zusammen lebten.

Der arme Ehemann suchte allenthalben vergeblich nach seinem Weibe. Zuletzt wurde ihm gesagt, daß es mit dem Sänger davongegangen sei. Er wolle sein schlechtbehütetes verirrtes Schaf wiederhaben und schrieb männiglich Briefe an sie voll Bitten, sie möge doch wiederkehren als sei nichts geschehen. Aber sie erwiderte, sie habe ob des Gesanges ihres derzeitigen Freundes die Stimme ihres Mannes vergessen, entsprach seinen Bitten nicht und machte sich gar darüber lustig.

Darob ergrimmte endlich der Mann, und da sie nicht gutwillig wollte, kündigte er ihr an, er würde das kirchliche Gericht anrufen. Die Frau bekam nun Angst, sie und der Sänger könnten üble Scherereien haben, wenn das Gericht sich einmische. So dachte sie sich eine ihrer würdige List aus, stellte sich krank und rief einige wohlanständige Frauen der Stadt zu sich, um sie zu pflegen. Die kamen auch, in der Hoffnung, diese Krankheit würde die Frau wieder auf sittsame Wege führen, und hielten ihr die erbaulichsten Reden. Sie aber tat, als läge sie auf den Tod, vergoß heuchlerische Tränen, tat als erkenne sie all ihre Sünden an und rührte damit die Herzen jener Frauen, die da vermeinten, sie rede voller Aufrichtigkeit. Aus Bedauern begannen sie also das Weib zu trösten, sprachen von Gottes unendlicher Milde und ließen endlich einen Beichtiger kommen.

Der kam auch tags darauf in Gestalt des Ortsgeistlichen. Die Frau empfing aus seiner Hand die heiligen Sakramente mit so gläubiger Miene, daß alle Gevatterinnen, die dabei waren, Tränen der Rührung ob ihrer Demut vergossen und Gott priesen, der in seiner Güte sich jenes bedauernswerten Geschöpfes erbarmt hatte. Alsbald tat sie, als könne sie nicht mehr essen, ließ sich die letzte Ölung geben und bedeutete durch Zeichen ihre Beglückung: denn den anderen schien es, als könne sie auch nicht mehr sprechen. So verblieb sie lange, schien allmählich Sehkraft, Gehör und alle anderen Sinne zu verlieren, und jeglicher hub nun an, die Sterbegebete zu sprechen. Da dann die Nacht nahte und die Frauen weit zu gehen hatten, zogen sie sich zurück. Und während sie eben das Haus verließen, verkündete man ihnen, sie sei verschieden, und so gingen sie unter Totengebeten heim. Der Sänger teilte alsbald dem Pfarrer mit, sie habe bestimmt, daß sie auf dem Kirchhof beerdigt sein wolle, und daß man sie am besten in der Nacht dorthin schaffe. Also ward sie von einer Magd eingesargt, die sich wohl hütete, ihr wehe zu tun, und dann trug man sie bei Fackelschein zu dem Grabe, das der Sänger hatte schaufeln lassen. Unterwegs kamen alle, die der Ölung beigewohnt hatten, aus ihren Häusern und schlossen sich dem Zuge an, bis sie zum Grabe kamen. Dort verließen sie den Sänger, der schließlich allein zurückblieb. Der ward nicht so bald inne, daß alle fern waren, da schaufelte er flugs mit der Magd das Grab wieder auf, holte die Frau heraus, die nie lebensfrischer gewesen war, führte sie heimlich wieder in sein Haus und hielt sie dort lange Zeit verborgen.

Inzwischen kam der Ehemann nach Blois, um das Gericht anzurufen. Da ward ihm mitgeteilt, sie sei tot und begraben, was ihm alle Frauen von Blois bestätigten, die ihm ihr herrliches Ende schilderten. Darob ward er froh: er glaubte ihre Seele im Paradies, sich selbst aber von ihrem sündigen Leibe befreit, kehrte zufrieden nach Paris zurück und vermählte sich mit einem schönen, ehrengeachteten Weibe, das ihm in den vierzehn oder fünfzehn Jahren ihres Zusammenlebens mehrere Kinder schenkte.

Am Ende aber drang, wie unvermeidlich, das Gerücht zu ihm, sein Weib sei nicht tot, sondern lebe bei jenem üblen Gesellen. Er verschwieg das solange er konnte, tat als wüßte er nichts davon und hoffte, es sei nur erlogen. Als aber auch seine kluge Frau davon erfuhr, ward sie angsterfüllt, so daß sie schier vor Kummer starb. Gern hätte sie ihr Mißgeschick verhehlt, wenn ihr Gewissen das erlaubt hätte. Aber das war unmöglich: alsbald mischte sich die Kirche ein. Die trennte zunächst die zwei, bis die Wahrheit zutage träte. Dann ward der arme Mann gezwungen, die gute Frau zu lassen, um die böse zu suchen, und so kam er nach Blois, bald nachdem Franz der Erste König geworden war, fand dort die Königin Claudia und die Regentin und forderte auf dem Klagewege die Frau, die er gern nicht wieder gefunden hätte. Aber er war gezwungen, und deshalb bedauerten ihn alle.

Als sein Weib ihm gegenübergestellt wurde, behauptete sie erst hartnäckig, er sei nicht ihr Mann, und alles sei nur abgekartet. Er hätte ihr das zwar geglaubt, wenn er nur gekonnt hätte. Mehr betrübt denn beschämt erklärte sie, lieber wolle sie sterben, als zu ihm zurückkehren. Des war er sehr froh. Die Damen aber, zu denen sie so schamlos sprach, verurteilten sie, zurückzukehren, und redeten dem Sänger so ernst ins Gewissen, daß er unter ihren Drohungen seiner unerfreulichen Geliebten sagen mußte, sie solle mit ihrem Mann heimkehren – er wolle sie nie wiedersehen. So kehrte dies elende Weib, von allen verjagt, nach Hause zurück, wo sie noch obendrein von ihrem Mann besser behandelt wurde als sie es verdiente.

Darum sage ich, hätte der Mann besser auf sein Weib achtgegeben, dann hätte er es nicht verloren«

»Es ist doch merkwürdig,« überlegte Hirean, »wie fest die Liebe hält, wo es besonders unvernünftig erscheint.« – »Ich habe sagen hören,« bestätigte Simontault, »daß man eher hundert Ehen sprengen kann denn den Liebesbund eines Priesters mit seiner Magd.« – »Das glaub ich gern,« meinte Emarsuitte, »denn wer den Ehebund schließt, weiß das Liebesband so zu knüpfen, daß nur der Tod es durchhauen kann.« – Dagoucin entgegnete: »Ich kann den Frauen nicht verzeihen, wenn sie ihren Gatten oder Freund für einen Priester verlassen« – »Das ist ihnen sogar eine große Freude,« rief Hircan, »wenn sie mit denen sündigen können, die sie dann absolvieren. Sie sind so furchtsam, daß sie sich mehr schämen zu beichten, als zu sündigen.« – »Ich glaube vielmehr,« widersprach Oisille, »sie suchen den sichern, verborgenen Ort, nicht die Absolution, da sie ja doch nicht bereuen« – »Bereuen?« lachte Saffredant. »Sie halten sich gar für heilig. Sicher gibt es viele, die solche Liebe für eine große Ehre halten.« – »Ihr scheint darüber eine Geschichte zu wissen,« sagte Oisille, »die erzählet uns morgen als erste. Jetzt tönt die Vesperglocke; so lasset uns also unsern Streit für heute beenden.«

Damit erhob sich die Gesellschaft und ging zur Kirche, wo man sie schon erwartete. Dann aß man das Abendbrot und plauderte gemeinsam über manche schöne Geschichte. Nachdem begab sich jeglicher auf die Wiese, um sich dort wie gewöhnlich zu ergehen, und dann gingen alle zur Ruhe, um tags darauf recht frisch zu sein.

 


Der siebente Tag

 

Frau Oisille verfehlte nicht, den anderen am folgenden Morgen heilsame Geistesnahrung zu reichen, indem sie ihnen von den rühmlichen Taten der tugendsamen Streiter und Apostel Jesu Christi vorlas. Dann begab man sich in die Kirche, wo just die Messe begann. Aber nachher kehrten sie während des Essens wieder zu jenen frommen Geschichten zurück und plauderten darüber mit so viel Freude, daß sie schier dabei ihr anderes Vorhaben vergaßen. Deshalb meinte endlich Nomerfide: »Frau Oisille hat uns so mit frommen Gedanken umgarnt, daß wir die Zeit versäumen, in der wir uns sonst in unsern Stuben auf unsere Erzählungen vorbereiteten.« Ob ihrer Worte erhob sich die Gesellschaft eilends. Und nachdem jeglicher ein wenig in seiner Stube geweilt hatte, fanden sich alle pünktlich wie tags zuvor auf der Wiese ein.

Als sie es sich bequem gemacht hatten, sprach Oisille zu Saffredant: »Obgleich ich sicher bin, daß Ihr nichts zum Lobe der Frauen sagen werdet, muß ich Euch doch bitten, die Geschichte zu erzählen, die Ihr uns gestern versprachet.« Aber Saffredant entgegnete: »Ich muß bestreiten, daß ich in den Geruch eines Lästerers kommen kann, wenn ich die Wahrheit sage, oder der sittsamen Damen Gunst verliere, wenn ich berichte, was Törinnen begehen. Ich weiß aus Erfahrung, daß jenen so etwas ganz fern liegt. Wäre es mir aber mit ihrer Gunst so ergangen, dann wäre ich nicht mehr am Leben.«

Damit heftete er den Blick auf die Frau, die sein Glück und Unglück in der Hand hatte. Emarsuitte errötete, wie wenn er sie gemeint hätte. Aber jene, für die es bestimmt war, verstand ihn doch sehr wohl. Alsbald versicherte ihm Oisille, er dürfe dreist die Wahrheit sagen, und daher hub er folgendermaßen an:

 


Einundsechzigste Erzählung

 

Mit welch erstaunlicher Hartnäckigkeit eine Burgunderin einen Kanonikus zu Autun mit ihrer frechen Liebe verfolgte.

 

»Unweit Autun lebte eine bildschöne Frau. Sie war groß, hatte lichte Haut und war unvergleichlich wohlgestaltet. Ihr ehrenwerter Mann schien gar jünger als sie selbst, worob sie nur zufrieden sein konnte. Bald nach der Vermählung kamen beide für eine Angelegenheit nach Autun. Und derweile nun der Ehemann seinen Sachen nachging, betete sie in der Kirche für sein Heil. Maßen sie diese heilige Stätte so oft besuchte, verliebte sich ein reicher Kanonikus in sie und setzte ihr derart zu, daß ihm die Ärmste zu Willen war. Ihr Mann aber schöpfte keinen Argwohn und sorgte mehr für sein Gut denn für sein Weib.

Als nun die Abreise nahte und sie zu dem Hause, das sieben Meilen von der Stadt entfernt lag, zurückkehren sollten, ward die Frau recht betrübt. Doch versprach ihr der Kanonikus, sie oft zu besuchen. Das tat er denn auch, indem er Reisen vorschützte, die ihn an jenem Hause vorbeiführten, wo er dann allemal abstieg. Der Ehemann war nicht so dumm und merkte die Sache. Daher richtete er es künftig so ein, daß die Frau stets wohl verborgen war, wenn der Kanonikus ankam. Aber ihr behagte des Mannes Eifersucht keineswegs, also daß sie wohl bedachte, wie sie dem abhelfen könne. Denn sie vermeinte in der Hölle zu sein, wenn sie ihren Gott nicht erblickte.

Eines Tages also, da ihr Mann außer dem Hause war, gab sie allen Dienstleuten verschiedenerlei Aufträge, so daß sie allein blieb. Flugs packte sie dann alles Notwendige zusammen, ging – einzig begleitet von ihrer Liebestollheit – zu Fuß davon und kam noch rechtzeitig genug in Autun an, um von ihrem Kanonikus erkannt zu werden. Der barg sie, wohl abgesperrt, länger denn ein Jahr, trotz der Drohungen und Flüche, die der Ehemann ihm zuteil werden ließ. Da dieser nun weiter keinen Ausweg fand, klagte er beim Bischof, dessen Erzdechant einer der ehrenwertesten Männer Frankreichs war: also daß er alle Wohnungen der Laienpriester aufs sorgfältigste untersuchte, bis er die Vermißte fand. Die warf er in den Kerker, derweile er dem Kanonikus eine schwere Buße auferlegte.

Der Ehemann war sehr froh, als er vernahm, daß sein Weib von dem Erzdechanten und seinen wackeren Leuten wiedergefunden sei. Und da sie ihm zuschwor, in alle Zukunft voller Sittsamkeit mit ihm zu leben, so nahm er sie wieder zu sich. Er glaubte ihrem Eid, behandelte sie zuvorkommend wie bisher und gab ihr nur zwei alte Kammerfrauen zur Gesellschaft, die sie nie allein lassen durften.

Aber trotz all seiner Liebe erschien ihr ob ihrer Neigung zu dem Kanonikus diese Ruhe wie die schlimmste Qual. Obgleich sie selbst so schön und ihr Mann voll Gesundheit, Lebenskraft und Leistungsfähigkeit war, so hatte sie doch keine Kinder von ihm; denn ihr Herz weilte immer sieben Meilen fern von ihrem Körper. Aber sie barg das so wohl in ihrer Seele, daß ihr Mann vermeinte, sie habe gleich ihm alles Vergangene vergessen. Das stimmte nun keineswegs.

Sobald sie sicher war, daß ihr Mann sie mehr liebte denn je und immer weniger beargwöhnte, stellte sie sich krank; und sie spielte diese Rolle so gut, daß ihr Mann voll tiefen Schmerzes ward und ihr in jeder Weise zur Seite stand. Bald aber schien es ihm und den andern, daß es mit ihr zu Ende ginge und ihre Kräfte schwanden. Und da sie nun inne ward, daß ihr Mann just so laut klagte, als er sich eigentlich hatte freuen sollen, bat sie ihn, ihren letzten Willen abfassen zu dürfen. Das gestand er ihr unter Tränen zu. Und alsbald vermachte sie alles ihm, da sie ja keine Kinder hatte, und bat ihn zugleich ob ihrer Fehler um Vergebung. Sodann ließ sie den Pfarrer kommen, beichtete, nahm das heilige Abendmahl und zeigte sich so demütig, daß alle ob ihres glorreichen Endes weinten. Als dann der Abend kam, bat sie ihren Mann, ihr die letzte Ölung geben zu lassen, da sie so schwach sei, daß sie fürchte, es könne sonst zu spät werden. Das geschah alles flugs, und jeder mußte sie ob ihrer frommen Ergebenheit preisen.

Alsdann erklärte sie, nun sei sie ruhig und zufrieden und wolle ein wenig ruhen; das gleiche solle ihr Mann tun, der dessen nach so viel Wachen und Tränen bedürfe. Also tat er und schlief bald ein, gleichermaßen auch die Dienerschaft. Und die beiden Alten, die sie während ihrer Gesundheit so bewacht hatten, vermeinten sie höchstens durch den Tod verlieren zu können, und legten sich ebenfalls nieder.

Da sie nun auch diese schnarchen hörte, erhob sie sich im Hemd, schlüpfte aus dem Zimmer und lauschte, ob niemand im Hause sich rühre. Sowie sie dann ihrer Sache sicher war, entwich sie durch eine Gartenpforte, die nicht verschlossen war, und lief die ganze Nacht hindurch, im Hemd und barfüßig, auf Autun zu, um ihren Heiligen zu finden, der sie vor dem Tod bewahrt hatte. Maßen aber der Weg recht weit war, ward sie vom Tag überrasch. Alsbald schaute sie den Weg zurück und gewahrte zwei Reiter, die eilig dahersprengten. Sie war sicher, daß jenes ihr Mann sei, der sie suche, verkroch sich bis zum Hals in einem Sumpf und verbarg ihren Kopf zwischen Wurzeln. So ritt ihr Mann vorbei, und sie hörte, wie er zu seinem Knecht sagte: ›Wehe, was für ein arges Weib! Wer konnte denken, daß sie unter dem Mantel heiliger Sakramente solche Verworfenheit verhüllen würde.‹ Und der Knecht erwiderte: ›Da Judas, als er das Abendmahl nahm, sich nicht scheute, seinen Herrn zu verraten, wie kann Euch da der Verrat einer Frau erstaunen?‹ So zogen sie weiter, und die Frau blieb fröhlicher zwischen Sumpf und Wurzeln, da sie ihn damit hinterging, als sie daheim ergeben in einem guten Bett gelegen hätte.

Der Ehemann durchsuchte vergebens ganz Autun, und war schließlich sicher, daß sie sich dort nicht befand. So kehrte er den gleichen Weg wieder zurück und klagte unaufhörlich über diesen großen Verlust; im übrigen aber drohte er ihr, im Fall er sie wiederfände, mit dem Tod. Darob aber sorgte sie sich so wenig wie um die Kälte, die ob des Wetters und ihres Versteckes ihren Körper plagte. Wer da weiß, wie das höllische Feuer alle wärmt, die davon durchglüht werden, vermag zu schätzen, wie wundersam die Ärmste, die geradeswegs aus einem warmen Bett kam, einen ganzen Tag in solcher Kälte verbringen konnte. Jedenfalls verlor sie den Mut nicht, weiterzupilgern. Kaum brach die Dunkelheit herein, so machte sie sich flugs wieder auf den Weg und kam just nach Autun, als man das Tor schließen wollte. Alsbald ging sie eiligst zu dem Haus ihres Heiligen, der schier seinen Augen nicht trauen wollte. Da er aber genau zusah und fand, daß sie aus Fleisch und Knochen bestand und kein Geist war, ward er hoch beglückt. Und in schönster Eintracht verbrachten sie nun vierzehn oder fünfzehn Jahre zusammen.

Eine gute Weile hielt sie sich wohl verborgen. Mit der Zeit aber verlor sie alle Furcht, ja schlimmer noch, sie rechnete sich ihren Freund zum Ruhm an und stellte sich daher in der Kirche über die meisten ehrengeachteten Frauen der Stadt, auch die von Beamten und anderen. Zudem hatte sie von dem Kanonikus mehrere Kinder, unter anderen ein Mägdelein, das einen reichen Kaufmann heiratete. Bei der Hochzeit trat sie so prunkhaft auf, daß alle Damen sich darob entrüsteten. Aber sie konnten nichts dagegen tun.

Da begab es sich, daß einst die Königin Claudia, die Gemahlin des hochseligen Königs Franz, durch Autun kam. In ihrer Begleitung befand sich die Frau Regentin und deren Tochter, die Herzogin von Alencon. Zu dieser kam eine Kammerfrau namens Perrette und sagte: ›Hohe Frau, höret mich bitte an, so werdet Ihr ein gutes Werk tun, und schier ein besseres, als wenn Ihr täglich die Messe besucht.‹ Und die Herzogin schenkte ihr Gehör, maßen sie wußte, daß sie stets gute Ratschlage erteilte.

Alsbald erzählte ihr Perrette, sie habe sich als Hilfe bei der Wäsche ein Mägdelein bei der Stadt angenommen, und als sie dieses über Neuigkeiten ausfragte, habe die Kleine berichtet, daß alle wohlanständigen Frauen der Stadt empört seien, weil das Weib jenes Kanonikus sich derart überhöbe. Und dann habe sie die Lebensgeschichte dieser Frau geschildert. Flugs begab sich die Herzogin zur Königin und Regentin und erzählte ihnen den Fall.

Die ließen kurz und bündig die unselige Frau kommen. Aber selbige verbarg sich keineswegs, zeigte sich auch nicht beschämt oder verlegen, sondern stellte sich kecklich den Damen vor, also daß selbige vor ihrer Frechheit gar betreten wurden und anfangs nichts zu sagen wußten. Dann aber hub die Frau Regentin an, ihr Vorhaltungen zu machen, die jede vernünftige Frau zu Tränen gebracht hätte. Nicht so jene; vielmehr sprach sie voll kühnen Selbstvertrauens: ›Ich bitte Euch, erlauchte Damen, rühret nicht an meiner Ehre! Ich habe gottlob mit dem Herrn Kanonikus so wohl und sittsam gelebt, daß mich niemand darob tadeln kann. Man soll nur nicht glauben, daß ich gegen Gottes Gebot lebe, denn seit dreien Jahren hat er mich nicht mehr berührt und wir leben keusch und voller Liebe mitsammen gleich zweien Engelein, ohne Zank oder Streit, und wer uns trennte, beginge eine große Sünde, maßen der Gute nunmehro schier neunzig Jahre alt ist und ohne mich – die fünfundvierzig ist – nicht leben könnte!‹ Ihr könnt Euch denken, wie den Damen darob zumute wurde und was sie ihr für Vorwürfe machten. Da sie aber ihre Verranntheit sahen, die trotz ihres Alters und der ehrenvollen Zusprache nicht zu beheben war, so ließen sie, schon um sie zu demütigen, den Erzdechanten rufen, der sie zu einem Jahr Kerker bei Wasser und Brot verurteilte. Sodann wurde der Ehemann zu den Damen berufen, der ob ihrer Ermahnungen damit zufrieden war, sie nach Ablauf ihrer Strafe zu sich zu nehmen. – Als nun der Kanonikus inne ward, daß jene im Kerker saß, entschloß er sich, sie nie wieder zu sich zu nehmen, und dankte vielmehr den Damen, daß sie ihm jenen Teufel von den Schultern gejagt hatten.

Die Frau aber zeigte solche Reue, daß ihr Mann schließlich gar nicht das Jahr abwartete, sondern sie schon nach vierzehn Tagen vom Erzdechanten freibat. Und fortan lebten sie in Frieden und Eintracht miteinander.

So erkennet, wie des heiligen Petrus Fesseln sich durch schlechte Priester in des Satans Ketten verwandeln – also daß gar die heiligen Sakramente noch mithelfen, statt die Teufel zu verjagen. Denn mit den besten Dingen richtet man just das schlimmste Unheil an, wenn man sie mißbraucht«

»Wahrlich, das war ein unseliges Weib.« rief Oisille. »Doch ward ihr auch eine gerechte Strafe zuteil, da sie vor Richterinnen, wie jene Damen es waren, trat.« – »Mir scheint,« erklärte Parlamente, »daß das Gefängnis und die Unmöglichkeit, fürder den Kanonikus zu sehen, für sie ärgere Strafen waren als die Vorwürfe der beiden Damen.« – »Ihr vergesset das Wichtigste,« meinte Simontault, »darum sie zu ihrem Manne zurückkehrte: der Kanonikus war nämlich inzwischen neunzig Jahre alt geworden, ihr Mann aber jünger als sie. So gewann die Gute nach jeder Seite hin. Wäre der Kanonikus noch jung gewesen, dann hätte sie ihn nicht so fahren lassen.« – »Mir scheint sogar, sie tat recht klug, ihre Sünden nicht zuzugeben,« sagte Nomerfide. »Seine Vergehen soll man Gott allein gestehen und sie vor den Menschen mit aller Kraft ableugnen.« – Aber Longarine widersprach: »Eine Sünde läßt sich nur schwer so verhehlen, daß sie nicht ans Licht kommt.« – »Was sagt ihr aber von jenen Frauen, die alsbald jede Torheit, die sie begehen, ausplaudern?« fragte Hirean. – »Das schiene mir seltsam,« entgegnete jene. »Es bewiese nur, daß ihr Vergehen ihnen nicht mißfällt. Was aber Gott nicht selbst gnädig verhüllt, läßt sich auf die Dauer vor den Menschen nicht verleugnen. Gar manche machen sich eine Freude daraus, mit ihren Lastern zu prunken, andere aber klagen sich selbst an, indem sie sich verschnappen« – »Das hieße, sich recht ungeschickt selbst fangen,« meinte Sassredant. »Wißt Ihr aber eine diesbezügliche Geschichte, so erzählt sie bitte, und ich werde Euch mein Wort geben.«

»So höret denn,« hub jene an.

 


Zweiundsechzigste Erzählung

 

Eine Dame erzählt in dritter Person ein eigenes Liebeserlebnis und verschnappt sich zuletzt.

 

»Zu Zeiten des Königs Franz’ des Ersten lebte eine Dame königlicher Abstammung, die mit Ehren, Tugend und Schönheit geziert war. Zudem wußte sie gar anmutig Geschichten zu erzählen und herzlich über die Berichte anderer zu lachen. Wenn sie irgendwo war, besuchten sie alle Vasallen und Nachbarn, weil sie außerordentlich beliebt war. So kam unter anderm einmal eine Dame zu ihr, die den andern zuhörte, während jeder erzählte, was ihm just einfiel. Ihr schien, sie dürfe nicht zurückbleiben, und so sagte sie schließlich: ›Edle Frau, ich habe auch eine hübsche Geschichte zu erzählen, wenn Ihr versprecht, sie nicht weiter zu sagen.‹ Und alsbald fuhr sie fort:

›Die betreffende Geschichte ist nämlich völlig wahr, das kann ich auf mein Gewissen nehmen. Also da war eine verheiratete Dame, die mit ihrem Mann sehr ehrsam lebte, obgleich er alt und sie jung


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war. Da nun ein Edelmann aus der Nachbarschaft bedachte,  daß  sie  mit  solchem  Greise verehelicht sei, verliebte er sich in sie und setzte ihr gar manches Jahr zu. Doch erhielt er keine andere Antwort, als wie sie einer sittsamen Frau geziemte. Eines Tages aber vermeinte der Edelmann, sie würde vielleicht nicht so hart bleiben, wenn er sie unter gelegneren Umständen fände. Und nachdem er lange gegen die Furcht vor der Gefahr gekämpft hatte, siegte seine Liebe zu ihr, und so spähte er alsbald nach einer passenden Gelegenheit.

Als nun eines Tages der Ehemann jener Dame nach einem seiner Güter reiste und ob der Hitze sehr frühzeitig ausbrach, schlich sich der junge Tor in jenes Haus, wo die Frau noch schlafend im Bett lag und überzeugte sich, daß die Zofen bereits das Zimmer verlassen hatten. Und ohne überhaupt einen Riegel vorzuschieben, sprang er gestiefelt und gespornt in das Bett der Dame. Die erwachte und war natürlich vor Schrecken starr. Aber er schnitt ihr alle Vorwürfe ab, nahm sie mit Gewalt und erklärte ihr: wenn sie die Sache bekanntgäbe, so würde er sagen, sie habe ihn rufen lassen. Darob erschrak die Dame so, daß sie nicht zu schreien wagte.

Bald darauf kam eine der Kammerzofen in die Stube. Deshalb erhob sich der Edelmann in Hast, und niemand hätte ihn bemerkt, wenn sich nicht sein Sporn in die Bettdecke eingehakt hätte, also daß selbige hinuntergerissen wurde und die Dame ganz nackend im Bett liegen blieb.

Und obgleich nun die Dame in dritter Person erzählt hatte, fuhr sie also fort: »Nie war wohl eine Frau verblüffter als ich, wie ich mich plötzlich so splitternackt sah!«

Alsbald konnte die andere Dame, die bisher ganz ernsthaft zugehört hatte, ihr Lachen nicht unterdrücken und rief: »Ich sehe, Ihr versteht es vortrefflich, Geschichten zu erzählen.« Die Ärmste versuchte ihre Ehre wieder herzustellen, aber die war nun schon so zerstört, daß sich nichts wieder gutmachen ließ.

Sicherlich hätte jene Dame die Geschichte längst vergessen gehabt, wenn sie ihr im Grunde so mißfallen hätte. Wie ich nun sagte: die Sünde enthüllt sich meist selbst, wenn sie nicht mit dem Mantel bedeckt wird, der, wie David sagt, die Menschen glücklich macht.

»Weiß Gott, das war die dümmste Frau, von der ich je gehört habe,« rief Emarsuitte. »Sie läßt gar andere auf ihre Kosten lachen« – »Ich finde das nicht so seltsam,« meinte Parlamente. »«Denn es sagt sich doch etwas noch leichter als es getan wird.« – »Aber was hat sie am Ende verbrochen?« verwunderte sich Guebron. »Auch der vielgerühmten Lucretia ging es doch nicht anders.« – »Freilich, auch dem Gerechtesten kann einmal etwas zustoßen,« erwiderte Parlamente. »Aber die Entrüstung über den Vorfall bleibt im Gedächtnis, und um das zu verlöschen, tötete sich Lucretia. Jene Törin aber wollte die andern damit unterhalten« – »«Mir scheint sie recht ehrsam,« sprach Nomerside, »da sie doch alle Bitten des Edelmannes abgelehnt hatte und erst der List und Gewalt erlag.« – »Wie denn, Ihr meint also, ihre Ehre sei reingeblieben?« – entrüstete sich jene. »Wie manche lehnt ab, was ihr Herz längst billigt. Nur eine Frau, die bis zum Schluß aushält, ist rühmenswert.« – »Und wenn nun ein Jüngling ein schönes Mägdelein abwiese fragte Dagoucin. – »Wahrlich, wenn ein junger gesunder Mann so etwas täte, fände ich das höchst löblich«, erklärte Oisille. »Aber ich kann das nicht recht glauben.« – »Dennoch kenne ich welche, die solche Abenteuer mieden, so doch alle ihre Gefährten suchten.« – »So nehmet, bitte, meinen Platz ein und erzählet uns davon,« rief Longarine. »Aber vergesset nicht, daß wir hier sind, um die Wahrheit zu reden.«

»Das will ich gern versprechen,« hub Dagoucin an, »und keine Schönfärberei soll die Wahrheit entstellen.«


Dreiundsechzigste Erzählung

 

Von der bemerkenswerten Keuschheit eines französischen Edelmannes.

 

»Zu Paris lebten vier Mägdelein, zwei Schwesternpaare von solcher Schönheit, Jugend und Frische, daß die Anbeter sich schier um sie drängten. Aber ein Edelmann, den der damalige König zum Profoß von Paris ernannt hatte, bedachte in Ansehung der Jugendfrische seines königlichen Herrn, daß der wohl an solcher Gesellschaft Gefallen fände, und verhandelte so wohl, daß jegliche der vier sich dem Könige bewahrte und dem Profoß ihre Zustimmung gab. Dieser richtete daher ein Gelage ein, zu dem er seinen Herrn, dem er die Sache erzählte, lud, also daß jener recht zufrieden war und zwei andere hochgestellte Persönlichkeiten des Hofes dazu bat, die an dem Handel teilnehmen wollten. Da sie nun einen vierten Gefährten suchten, kam just ein schöner ehrenwerter Edelmann an den Hof, der um zehn Jahre jünger war als die drei andern. Der ward auch geladen und nahm zwar an, innerlich aber widerstrebte es ihm. Denn einerseits besaß er ein Weib, das ihn mit schönen Kindern beschenkte und mit dem er also in Glück und Frieden lebte, daß er um nichts in der Welt ihren Argwohn wecken wollte – andrerseits diente er einer Dame, die an Schönheit damals ihresgleichen in Frankreich nicht hatte. Die liebte und schätzte er so, daß ihm neben ihr alle Frauen häßlich schienen, so daß er schon vor seiner Ehe in frühester Jugend an keinem anderen Weibe rechte Freude hatte.

Dieser Edelmann also begab sich zu seiner Frau, erzählte ihr das Vorhaben des Königs und erklärte, daß er eher vergehen wollte, als solches Versprechen erfüllen. Gleichwie er lieber stürbe, ehe er jemanden aus dem Hinterhalte ermorden würde, so wolle er auch nicht ohne übermächtige Liebe seine Ehe verletzen, um einem andern einen Gefallen zu tun. Seine Gattin liebte ihn darob noch mehr und schätzte solche Ehrbarkeit bei seiner Jugend doppelt hoch ein. Nur fragte sie, wie er sich entschuldigen wolle, maßen doch Fürsten meist nicht liebten, wenn man ihre Freuden tadele. So erwiderte er: ›Man sagt, der Weise habe immer eine Krankheit oder Reise in Bereitschaft, um sie, wenn nötig, vorzuschieben. Darum werde ich mich fünf oder sechs Tage zuvor krank stellen. Ihr könnt mir dabei sehr behilflich sein.‹ – ›Das nenne ich gute fromme Heuchelei,‹ erwiderte jene, ›und ich werde mich bemühen, Euch mit der kläglichsten Trauermine zu helfen. Denn wer den Zorn Gottes und den seines Fürsten vermeiden kann, ist wahrhaft zu preisen.‹

Gesagt, getan. Der König war recht betrübt, als er durch die Frau von der Erkrankung ihres Mannes erfuhr. Doch selbige dauerte nicht lange: wichtige Geschäfte zwangen den König, über die Pflicht seine Vergnügungen zu vergessen und Paris zu verlassen. Und als ihm eines Tages die Sache wieder einfiel, die er unerledigt gelassen hatte, sagte er zu dem jungen Fürsten: ›Wie dumm, daß wir so Hals über Kopf abgefahren sind, ohne jene vier Mägdelein zu besehen, die doch die schönsten meines Reiches sein sollen.‹ – Da erwiderte jener: ›Mir ist das sehr recht, daß Ihr es versäumt habt; denn ich befürchtete, durch meine Krankheit wäre ich der einzige von allen vieren, dem solch Abenteuer entgehen mußte.‹ Ob seiner Worte merkte der König also nicht, wie jener sich verstellte. Sein Weib aber liebte ihn seitdem über alles in der Welt.«

Parlamente begann hier laut zu lachen und rief: »Hätte er es aus Liebe zu ihr getan, dann hätte sie ihn sicher noch mehr geliebt! immerhin ist er recht lobenswert.« – »War es der Frau wegen, so ist es wenig löblich,« meinte Hircan. »Denn neben Gottes Gebot hielt ihn die Sättigung, die Versuchungen recht wohl widerstehen kann. War es aber wegen der Freundin, so ist er wohl zu preisen und seine Keuschheit gar wunderbar.« – »Wo die Seele spricht, ist dem Körper alles möglich,« widersprach Oisille. »Denket an solche, die sich ganz den Wissenschaften ergeben haben: sie vergessen alle fleischlichen Freuden, selbst Essen und Trinken. Ist der Körper aber dem Fleische untertan, so kann man gar nicht erkennen, daß darinnen eine Seele wohnt. Wo diese den Körper beherrscht, ist man dagegen den leiblichen Unvollkommenheiten gegenüber schier unempfindlich. So kannte ich einen Edelmann, der seine Liebe zu einer Dame erwies, indem er eine Kerze am brennenden Ende mit bloßen Fingern hielt. Und da er jene Dame fest ansah, ließ er nicht los und verbrannte sein Fleisch bis auf die Knochen. Ja, er behauptete gar, es habe gar nicht weh getan.« – »Mir scheint, der Teufel, der ihn da zum Duldner machte, sollte aus ihm einen heiligen Laurentius machen,« lachte Guebron. »Denn nur selten ist die Liebesglut größer als die einer Kerze. Wenn mir das passiert wäre, hätte die Dame mir schon gewaltigen Liebeslohn versprechen müssen, oder ich hätte sie schießen lassen.« – »Ihr hättet also Eure Stunde haben wollen, nachdem die Dame die ihre gehabt hat,« meinte Parlamente. »So tat ein Edelmann zu Valencia in Spanien, wovon mir ein wackerer Hauptmann einst erzählte.« – »So tretet, bitte, an meine Stelle,« sprach Dagoucin, »und erzählt uns das; mir scheint, das kann recht unterhaltsam sein.«

»Wenn ihr die Geschichte gehört habt,« hub jene an, so werdet ihr euch zweimal bedenken, meine Damen, ehe ihr etwas verweigert, und nicht mehr glauben, daß die Zeit sich nicht ändert. Begreifet das und schaut in die Zukunft.«

 


Vierundsechzigste Erzählung

 

Ein Edelmann wird Mönch, weil sein Heiratsantrag verschmäht wird; darob unterzieht sich die Geliebte der gleichen Buße.

 

»Zu Valencia lebte ein Edelmann, der fünf oder sechs Jahre lang ein Mägdelein so rein und aufrichtig liebte, daß Ehre und Gewissen der beiden ungetrübt blieben. Denn vernünftigerweise begehrte er sie zum Weibe, maßen er schön, reich und edelgeboren war und sie auch zuvor um ihre Meinung befragt hatte, ehe er ihr den Hof machte. Sie aber hatte sich zur Heirat bereit erklärt, sofern ihre Freunde damit einverstanden wären. Diese wiederum befanden, als sie sich zur gemeinsamen Besprechung versammelten, diese Ehe sei durchaus ratsam, wenn das Mägdelein dazu Lust habe.

Mochte die junge Dame nun aber auf eine bessere Partie hoffen oder wollte sie nur ihre Gefühle verhehlen – kurz, sie machte Schwierigkeiten also daß die Versammelten davongingen mit dem Bedauern, daß diese so vernünftige Angelegenheit zu keinem Schlusse gekommen war. Der Jüngling aber ergrimmte. Wäre die Ablehnung nicht von ihr, sondern von den Verwandten ausgegangen, so hätte er sein Leid geduldig ertragen. Da er jedoch die wahre Ursache erfuhr, verließ er zu Tode betrübt sein Haus, ohne jemandem ein Wort zu sagen, ordnete nur kurzerhand seine Angelegenheiten und zog sich in die Einsamkeit zurück, um seine Neigung zu vergessen und seine Gefühle unserm Herrn Jesus Christus zuzuwenden. Und derweile ließ er weder jener Dame noch den Seinen Nachrichten zukommen.

Endlich entschloß er sich – maßen er das erträumte Glück nicht hatte erlangen können – das strengste und entsagungsvollste Leben zu erwählen, und ward so voller Verzweiflung Mönch in einem Franziskanerkloster, das unweit der Güter seiner Verwandtschaft lag. Als selbige von seiner Verzweiflung hörten, suchten sie ihn von seinem Entschluß abzubringen. Aber alles war vergebens und da sie nun wußten, wer an allem schuld war, bedachten sie, dort den Heiltrank zu holen und begaben sich zu der Urheberin seiner plötzlichen Frömmigkeit.

Die Dame ward ob dieses Mißgeschicks erschreckt und betrübt. Sie sagte sich, daß ihre Ablehnung doch nur den Zweck gehabt hatte, ihn einige Zeit zu prüfen. Und da sie ihn gar nicht verlieren wollte, erkannte sie, wie dringend die Gefahr war, und sandte ihm eiligst einen Brief, der – soweit er sich übersetzen ließ – folgendermaßen lautete:

 

›Da man an Liebe, die sich standhaft preist,
Nur glauben kann, wenn sie sich so erweist,
So wollte ich sie erproben durch die Zeit,
Weil, ach, mein Herz nur allzusehr bereit.
Den Gatten sucht ich, trauter Liebe voll,
Der auch im Harren nimmer wanken soll.
So bat ich denn die Meinen, den Entschluß,
ob dieses feste Band sich knüpfen muß,
Hinauszuziehn auf ein Jahr oder zwei,
Damit es dann auch wahrhaft haltbar sei.
Ach, nur der Tod kann ja solche’ Bündnis lösen. –
Darum mit guten Worten nicht noch bösen
Wies ich Euch ab: Euch war ich zugetan,
Nie sah ich einen andern huldreich an!
 
Doch weh’, welch schlimme Kunde zu mir kam:
Ihr ginget ohn’ ein Wort, wie ich vernahm,
In eines Klosters düstre Einsamkeit.
Wie schuft Ihr mir da bittres Herzeleid!
Nun muß ich den, der dieser Welt erstarb,
Umwerben, wie er einstens mich umwarb.
So hört denn, teurer Freund: dies Erdenleben
Kann ohne Euch mir keine Freuden geben.
Ihr seid mein Leben, Ihr mein ganzes Glück –
So schaut Euch um und kehrt zu mir zurück.
Laßt Eure Kutte, fliehet Weh und Pein:
Wir wollen nun in Eintracht glücklich sein.
Ihr habt es oft ersehnt – so mag’s geschehn.
Kein Glück kann je ob trüber Zeit vergehn.
Euch wahrt’ ich mich und Eurem heiß’ Begehren
So mögt Ihr denn alsbald zurücke kehren.
Laßt Euch nicht fürder mehr von Trübsal quälen:
Zu heil’ger Ehe woll’n wir uns vermählen.
 
Genug der Prüfung! Froh erkannt’ ich nun,
Welch’ Tugenden in Euerm Herzen ruhn,
Wie standhaft Ihr, getreu und voll Geduld.
So schenke ich Euch denn all’ meine Huld;
Will Euch nunmehr auch meine Liebe zeigen:
So kommt und nehmt, was längst schon Euer Eigen!‹

 

Dieser Brief wurde dem Edelmann von einem Freund gebracht, der all seine Überredungskünste aufbot. Aber der edle Mönch antwortete mit gar trauriger Fassung und vergoß so viele Tränen, als wollte er jenen Brief schier ertränken. Und er sprach: Die Unterdrückung seiner Leidenschaft habe ihn so viel gekostet, daß er darob die Lust zum Leben und die Furcht vor dem Tode verloren habe. Darum bäte er die Urheberin seiner Leiden, ihn nun fürder nicht mehr zu quälen, sondern sich abzufinden und ihm auch keine Botschaften mehr zu senden. Denn die Erinnerung an ihren Namen sei allein für ihn schon eine unerträgliche Pein.

Mit dieser traurigen Antwort kehrte der Freund wieder heim und teilte der Dame alles mit. Die konnte gar nicht daran glauben, und in ihrer Liebe, die niemals die Hoffnung aufgibt, kam ihr der Gedanke: Wenn er sie sähe und mit ihr spräche, so würde sie mehr erreichen als mit Briefen. Darum ging sie mit ihrem Vater und ihren nächsten Verwandten herrlich geschmückt in jenes Kloster, wo sie um die Vesperstunde anlangte und ihn in eine Kapelle rufen ließ.

Da er nicht wußte, wer nach ihm fragte, begab er sich ahnungslos zu dem schwersten Kampfe, den er je zu bestehen hatte. Als er so bleich und abgezehrt eintrat, erkannte sie ihn schier nicht mehr. Doch seine Anmut hatte sich nicht gemindert, und von Liebe überwältigt streckte sie schon die Arme nach ihm aus, als ihr Herz plötzlich vor Mitleid beinah stillstand, also daß sie bewußtlos zu Boden sank. Der arme Mönch war christlicher Nächstenliebe nicht entfremdet; so hob er sie auf und geleitete sie auf einen Sitz in der Kapelle. Und obgleich er selbst nicht minder des Beistandes bedurfte, unterdrückte er alle Leidenschaft, festigte sein Herz in der Liebe zu Gott gegen alle Versuchungen und schien also nichts von ihrer Schönheit zu gewahren.

Als sie wieder zu sich kam, heftete sie einen klagenden Blick ihrer schönen Augen auf ihn, der wohl einen Stein hätte rühren müssen, und begann, ihn mit wohlgesetzten würdigen Worten zu überreden. Doch er erwiderte ihr voll Tugend und Selbstbeherrschung; da aber schließlich sein Herz ob ihrer Tränen weich wurde, da flüchtete er vor Amor, der doch sein Herz so lange gepeinigt hatte und nun einen neuen tödlichen Pfeil in sein Herz bohren wollte, und vor seiner Freundin, maßen er weiter keinen andern Ausweg wußte.

Nachdem er sich in seine Zelle eingeschlossen hatte, bedachte er, daß er die Ärmste doch nicht ohne Antwort lassen könne, und schrieb einige wenige Worte nieder, die mir spanisch so schön und tiefsinnig erscheinen, daß ich sie nicht übersetzen will, um ihnen ihre Anmut nicht zu rauben. Die sandte er durch einen Novizen zu der Dame, die noch in der Kapelle weilte und so verzweifelt war, daß sie gern dort geblieben wäre, wenn sie Franziskaner-Nonne hätte werden können. Da sie nun seine Worte las, die da lauteten: ›Volvete dond veniste, anima mi, que en las tristes vidas es la mia‹, so ward sie inne, daß ihr nun alle Hoffnung geraubt war, entschloß sich, seinen und ihrer Freunde Rat zu befolgen, und kehrte nach Hause zurück. Dort führte sie fortan ein so trübseliges Leben, daß es dem strengen Klosterleben ihres Freundes völlig glich.

So könnt Ihr sehen, welche Rache jener Edelmann an seiner harten Geliebten nahm, die ihn mit ihrer Prüfung in Verzweiflung stürzte, also daß sie ihn am Ende nicht mehr erringen konnte.«

»Wie bedauerlich,« meinte Nomerfide, »daß er die Kutte nicht ließ und jene heiratete. Sicherlich wäre das eine vollkommene Ehe geworden.« – »Mir scheint, er war sehr klug,« entgegnete Simontault, »denn wer sich eine Ehe wohl überlegt, wird sie nicht minder trübselig finden denn das Klosterleben.« – »Ich glaube,« spottete Hircan, »wenn sie ihm ihre Freundschaft ohn’ jede Pflicht und Kette angeboten hätte, so würde er darob alle Fesseln abgestreift haben. So aber bot sie ihm statt des Fegefeuers eine Hölle. Daher war er sehr vernünftig, sie abzulehnen.« – »Bei Gott,« rief Emarsuitte, »wie viele wollen es besser machen als die andern und machen es schlechter oder doch erreichen just das Umgekehrte.« – »Ganz recht,« lachte Guebron. »Und obgleich es sonst damit nicht viel zu tun hat, fällt mir gerade eine solche Geschichte ein von einer Frau, die das Umgekehrte erreichte, als was sie wollte, und daraus entstand jener große Tumult in der Sankt-Johannes-Kirche in Lyon.« – »So tretet bitte an meine Stelle und erzählt uns das,« bat Parlamente. Und Guebron hub an:

»Meine Geschichte wird kurz sein und nicht so rührend wie die letzte, die Parlamente erzählt hat.«

 


Fünfundsechzigste Erzählung

 

Wie eine einfältige Alte ihre brennende Kerze auf die Stirn eines Soldaten heftet, der auf einem Grabmal der Sankt-Johannes-Kirche schlief, und was daraus entstand.

 

»In jener Kirche gab es eine sehr dunkle Kapelle, und darin ein gar lebenswahres steinernes Grabmal zum Gedächtnis an hochgestellte Persönlichkeiten. Um das Grabmal hatte man ruhende Gestalten gewaffneter Männer hingelagert dargestellt. Als nun eines Tages ein Soldat in jener Kirche umherging, ward er ob der brennenden Tagesglut schläfrig. Und da er jene dunkle, kühle Kapelle gewahrte, beschloß er, auf dem Grabmal gleich den andern Kriegern zu schlafen, und legte sich zwischen ihnen nieder.

Da traf es sich, daß just eine gute, fromme Alte ankam, als er im tiefsten Schlaf lag. Nachdem diese ihre Gebete gesagt hatte, wollte sie die brennende Kerze, so sie hielt, am Grabmal befestigen, und da ihr jener Soldat am nächsten lag, wandte sie sich zu ihm und preßte das Wachs an seine Stirn. Dort wollte es aber nicht haften, und da die Gute vermeinte, das läge an der Kälte des Steines, erhitzte sie die Stirne mit der Flamme.

Dies vermeintliche Bildnis war jedoch nicht unempfindlich und hub an zu schreien. Darob ward die Alte von jähem Schrecken ergriffen und brüllte: ›Ein Wunder! Ein Wunder!‹ Also daß die Leute in der Kirche in Aufregung gerieten. Die einen liefen zur Glocke und begannen sie zu läuten, die andern kamen, um das Wunder zu bestaunen. Alsbald führte sie die Alte zu dem Bildnis, das sich belebt hatte. Aber etliche begannen zu lachen, und nur mehrere Priester waren unzufrieden. Denn sie hatten vermeint, dies Grabmal würde nun gar wertvoll werden und manchen schönen Batzen einbringen.

So sehet, meine Damen, welchen Heiligen ihr eure Kerzen weiht.«

»Das ist just etwas Rechtes« spottete Hircan, »die Frauen müssen eben alles schlecht machen, was es auch sei. Bedenkt einmal, was die arme Alte Gott für ein schönes Geschenk mit ihrer kleinen Kerze zu machen vermeinte.« – »Gott sieht nicht auf den Wert der Gabe,« entgegnete Oisille, »sondern auf das Herz, das jene darbringt.« – »Ich kann mir aber nicht denken, daß Gott sich an solcher Dummheit ergötzen kann,« meinte Saffredant. Oisille antwortete: »Die, so am wenigsten davon zu reden wissen, haben oft das meiste Gefühl für die Liebe und den Willen Gottes. Darum soll man nur sich selbst richten.« – »Das ist noch nicht so schlimm,« lachte Emarsuitte, »wenn man einen schlafenden Landsknecht erschreckt. Manch einfache Frau hat hohe Fürsten in gewaltige Furcht gejagt, ohne sie gerade an der Stirn in Brand zu setzen.« – »Sicherlich wißt Ihr hierüber eine Geschichte,« sagte Dagoucín. »So nehmt meinen Platz ein und erzählt sie bitte.«

»Die Geschichte ist nicht lang,« hub jene an. »Doch wenn ich den Fall berichte, wie er sich zutrug, so werdet ihr sicher darob keine Tränen vergießen.«

 


Sechsundsechzigste Erzählung

 

Erquickliche Geschichte, die dem Königspaar von Navarra widerfuhr.

 

»In dem Jahr, da der Herzog von Vendome die Prinzessin von Navarra heiratete, begab sich das Paar mit den königlichen Eltern nach Guyenne. Auf der Reise kamen sie in das Haus eines Edelmannes, daselbst sich viele schöne junge Damen befanden. Mit diesen wurde so viel getanzt, daß das Brautpaar sich am Ende ermattet in sein Gemach zurückzog und bei geschlossenen Türen und Fenstern auf dem Bett einschlief, ohne sich ausgekleidet oder jemanden zur Wache gerufen zu haben.

Aber just als beide im tiefsten Schlafe lagen, hörten sie von außen die Tür öffnen. Der Fürst blickte durch den Bettvorhang, wer das sein könne, da er vermutete, vielleicht wolle ihn einer seiner Freunde überraschen. Da sah er eine alte, hochgewachsene Kammerfrau eintreten, die stracks auf das Bett zuging, ohne die beiden ob der Dunkelheit zu erkennen. Vielmehr hub sie an, sobald sie selbige beieinander ruhen sah, gewaltiglich zu schelten und zu schreien: ›Ei, du böses Ding, du verworfene, gemeine Dirne – Längst schon hab’ ich das geargwöhnt. Aber bis jetzt konnte ich dir nichts beweisen, darum hatte ich der Herrin nichts gesagt. Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe. Und du, schlechter Kerl, du hast Schimpf und Schande über das Haus gebracht. Du hast diese arme Dirn’ verführt, und wenn nicht ein Gott im Himmel wäre, so würde ich dich totschlagen, so wie du da liegst! Steh’ auf! Bei allen Teufeln, steh auf! Schämst du dich denn gar nicht?‹ Der Herzog von Vendome und die Prinzessin wollten diese Reden noch recht lange dauern lassen. Darum bargen sie ihre Gesichter in den Kissen und lachten dabei so laut, daß sie nicht ein Wort sagen konnten. Als nun die Kammerfrau inne ward, daß jene sich trotz ihrer Aufforderung nicht rührten, trat sie näher herzu, um sie beim Arm oder Bein aus dem Bett zu zerren. Aber nun erkannte sie an den Gesichtern oder den Kleidern, daß es nicht die Gesuchten waren, warf sich in der Erkenntnis ihres Irrtums auf die Knie und bat sie flehentlich, ihr zu verzeihen, daß sie durch ihr Versehen ihnen die Ruhe gestört hatte. Der Herzog aber wollte mehr wissen, stand auf und ersuchte die Alte ihm zu sagen, für wen sie das Paar gehalten habe. Dessen weigerte sie sich anfangs. Endlich aber, nachdem er ihr versprochen hatte, nichts weiterzuerzählen, erklärte sie, es sei hier eine junge Dame im Hause, in die der Verwaltungsvorsteher verliebt sei. Längst schon laure sie den beiden auf, da sie unwillig sei, daß ihre Herrin einem Mann vertraue, der das Haus entehre.

Dann ging sie hinaus und schloß die Tür, so wie es vorher gewesen war. Das fürstliche Paar aber lachte noch lange Zeit über diesen Fall, und nie, wenn sie die Geschichte erzählten, wollten sie die Namen der Personen nennen.

So ging es der Alten, die Gerechtigkeit üben wollte und am Ende fremden Fürstlichkeiten etwas enthüllte, wovon niemand im Hause eine Ahnung hatte.«

»Ich glaube zu wissen, um wen es sich handelt,« meinte Parlamente. »Der Vorsteher gehörte gar mancher Verwaltung an; und wenn er der Herrin Gunst nicht erlangen konnte, ließ er es sich an den jungen Damen wohl sein. immerhin war er ein anständiger Mensch. »Warum sagt Ihr ›immerhin‹?« fragte Hircan. »Ob solcher Handlungsweise hat er sich doch sicherlich gerade hochgeschätzt.« – »Ich sehe, Ihr kennt die Krankheit und den Kranken,« entgegnete jene. »Wenn er Verteidigung braucht, fehlt es ihm also nicht an Advokaten. Ich würde mich aber keinem anvertrauen, der seine Sachen so schlecht führt, daß die Kammerfrauen Wind bekommen.« – »Als ob sich die Männer daran stören, daß jemand ihre Streiche merkte lachte Nomerfide.« Hircan aber erwiderte zornig: »Das sagt noch keineswegs, daß sie alles ausplaudern, was sie wissen.« Darob errötete jene und sprach: »Vielleicht tun sie es nicht, wenn es sie herunter setzt.« Simontault aber meinte: »Wenn man uns reden hört, könnte man meinen, wir Männer hätten Freude daran, die Frauen schlecht zu machen. Darum will ich nun just etwas recht Gutes von ihnen erzählen, damit ich nicht gleich den andern für ein Lästermaul gelte.« – »So tretet an meine Stelle,« sprach Emarsuitte, »überwindet Eure Natur und erfüllet uns zu Ehren Eure Pflichten.« Alsbald hub Simontault also an:

»Tugendsame Geschichten über euch, meine Damen, sind an sich nichts Neues. Hört man aber einmal eine, so sollte man sie doch nicht verbergen, sondern mit goldenen Lettern niederschreiben, um den Frauen ein Beispiel, den Männern Gelegenheit zur Bewunderung dafür zu geben, wie das schwache Geschlecht seine Schwäche überwinden kann. Dieserthalben will ich nun eine Geschichte berichten, die ich vom Hauptmann Roberval und seinen Gefährten hörte.«

 


Siebenundsechzigste Erzählung

 

Von der grenzenlosen und doch sittenstrengen Liebe einer Frau in fremden Landen.

 

»Roberval machte einst als vom König ernannter Schiffshauptmann eine Seefahrt nach Kanada. Dort sollte er, falls das Klima es erlaubte, längere Zeit bleiben und Städte und Schlösser erbauen lassen, was er bekanntlich trefflich in die Wege leitete. Um das Christentum dort zu verbreiten, nahm er allerlei Handwerker mit, darunter einen, der in seiner Elendigkeit seinen Herrn verriet und fast den Eingeborenen auslieferte.

Gott aber fügte, daß sein Verbrechen an den Tag kam und der Hauptmann vor Schaden bewahrt wurde. Der ließ den Verräter ergreifen, um ihn nach Verdienst strafen zu lassen. Das wäre schnell geschehen, wenn nicht sein Weib dagewesen wäre, das ihm, den Gefahren der Seefahrt zum Trotz, gefolgt war und ihn auch im Tode nicht verlassen wollte. Mit heißen Tranen bat sie den Hauptmann und seine Gefährten, aus Mitleid und zum Lohn für ihre Dienste ihr einen Wunsch zu erfüllen und ihren Mann mit ihr auf einer kleinen Insel auszusetzen, wo nur wilde Tiere hausten. Der gestand ihr das zu und gab ihnen das Nötigste dabei mit.

Als die Ärmsten sich nun dort mit den wilden Tieren allein befanden, hatten sie keine andere Zuflucht als Gott allein, auf den die Frau all’ ihre Hoffnung setzte. Unaufhörlich las sie das Neue Testament und im übrigen erbaute sie mit ihrem Mann ein notdürftiges Häuschen. Vor den Löwen und sonstigen Tieren, die ihnen nahten, um sie zu fressen, verteidigten sie sich, er mit der Armbrust, sie mit Steinen, und oft erlangten sie derart sogar gutes Wildbret. Auf die Dauer aber konnte der Mann dies Leben nicht ertragen; ob der Kräuter, die er zumeist aß, und des Wassers schwoll er auf und starb am Ende bald darauf. Sein Weib war sein einziger Trost, sein Arzt und sein Beichtiger. So entschwebte er froh in die seligen Gefilde.

Die Ärmste, die nun allein blieb, begrub ihn, so tief sie konnte. Zwar witterten die Bestien doch seinen Leichnam und nahten sich, aber sie bewahrte die Gebeine ihres Mannes vor ihnen, indem sie aus der Hütte auf sie mit der Armbrust schoß. So lebte sie, äußerlich wie ein Tier, innerlich wie ein Engel, und verbrachte ihre Zeit unter Gebet und frommer Betrachtung, so daß zwar ihr Leib abmagerte und schier abstarb, ihr Geist aber froh und zufrieden blieb.

Da fügte es Gott in seiner Barmherzigkeit, damit ihr Ruhm bekannt würde, daß nach einiger Zeit ein Schiff jener Flotte an der Insel vorbeikam. Die Bemannung erblickte das Weib, dessen sich einige noch erinnerten, und so beschlossen sie nachzuschauen, was dort geworden war. Als die Ärmste das Schiff nahen sah, ging sie bis zum Meeresstrande entgegen, empfing jene, pries Gott und führte sie zu der jämmerlichen Hütte, wo sie ihnen zeigte, wie und wovon sie gelebt hatte. Also wurden die Leute inne, daß sich hier schier Unmögliches begeben hatte und Gott sehr wohl seine Diener auch in der Wüste speisen könne wie beim herrlichsten Gelage.

Als sie dann daheim im Lande die Treue und Ausdauer dieser Frau bekanntmachten, ward sie von den edlen Damen in hohen Ehren aufgenommen. Die vertrauten ihr den Unterricht in Lesen und Schreiben bei ihren Töchtern an, und so gewann sie ehrsam ein reichliches Einkommen. Doch hatte sie nur den Wunsch, jeglichen zur Liebe und zum Vertrauen zu Gott anzuhalten, und erwies, wie er in ihrem Falle so große Barmherzigkeit bewiesen hatte.

Nun könnt ihr nicht mehr sagen, meine Damen, daß ich die Tugend nicht preise, die Gott euch gab und die in solch unscheinbarem Wesen doppelt prangt.«

»Wirklich« meinte Oisille, »alle Tugend kommt von unserm Herrn und Heiland. Doch müssen wir der Gerechtigkeit die Ehre geben und gestehen, daß gleich den Frauen auch die Männer zu solch gottgefälligem Tun geschaffen sind.« – »Wie dem auch sei,« rief Longarine, »jene Frau war sehr zu preisen, auch ob der Liebe zu ihrem Manne, für den sie all das auf sich nahm.« – »Ich glaube, jede Frau hier hätte gleichermaßen gehandelt,« entgegnete Emarsuitte. – »Mir scheint,« spottete Parlamente, »manche Ehemänner sind so arge Tiere, daß es nach einem Leben mit ihnen nicht so seltsam ist, unter jenen zu leben.«

Emarsuitte bezog das auf sich und erwiderte: »Wenn die Tiere nicht beißen, so sind sie unterhaltsamer als zornige und unerträgliche Männer. Ich meinesteils würde aber, wie ich sagte, meinen Mann vor solcher Gefahr auch im Tode nicht verlassen.« – »Hütet Euch,« rief Nomerfide, »auf daß solche Liebe nicht Euch und ihn betöre. Überall gibt es einen Mittelweg; wer den nicht kennt, verwandelt oft Liebe in Haß.« – »Das sagt Ihr, scheint mir, weil Ihr ein Beispiel dafür wißt,« sprach Simontault. »Wenn dem so ist, nehmt bitte meine Stelle an.«

»Nun denn,« hub jene an, »so will ich auch meiner Gewohnheit nach ein kurzes aber fröhliches Stücklein berichten.«

 


Achtundsechzigste Erzählung

 

Eine Frau gibt ihrem Manne spanische Fliegen, um ein Liebeszeichen von ihm zu erhalten, und bringt ihn darob schier um.

 

»Zu Pau in Béarn lebte Meister Stephan, ein Apotheker, der mit einer wohlanständigen Frau verheiratet war. Die stand dem Haushalte wohl vor und war schön genug, um ihn zufriedenzustellen. Aber gleichwie er die verschiedenen Heilmittel ausprobte, so wollte er auch oft verschiedene Frauen kosten, um alle Abarten kennen zu lernen. Das quälte sein Weib und lockerte ihre Geduld. Denn er kümmerte sich um sie nur in der heiligen Bußzeit.

Als nun eines Tages der Mann in der Apotheke saß, lauschte sein Weib hinter der Tür, um zu hören was er spräche. Da kam eine Frau herein, eine Gevatterin des Apothekers, die unter dem gleichen Mangel litt wie dessen Weib. So stöhnte sie ihm vor: »Ach wehe, Gevatter, bester Freund, ich bin kreuzunglücklich. Ich liebe meinen Mann so von Herzen und bin nur um ihn besorgt. Aber was hilft’s – er ist hinter jeder andern her, und wäre es auch die schmutzigste, gemeinste, häßlichste Vettel der ganzen Stadt! Wißt Ihr denn kein Mittel um ihn umzustimmen? Gebt mir so etwas. Wenn ich von ihm charmiert werde, sollt Ihr alles haben, was ich nur geben kann.«

Der Apotheker sagte, er kenne ein Pulver, das sie ihrem Manne mit Brühe oder Braten geben solle, dann würde er sie gewißlich mit Liebe umschmeicheln. Die ärmste fragte ihn, was das für ein Wundermittel sei und ob er ihr etwas geben könne. Darauf erwiderte jener, es sei nichts Besonderes nur zerstoßene spanische Fliegen, davon er einen großen Vorrat habe; und bevor sie fortging gab er ihr, soviel sie brauchte. Die Frau war ihm dafür sehr dankbar; denn ihr Mann war stark und kräftig, und da sie ihm nicht zuviel davon gab, bekam es ihm nicht schlecht, sie aber fühlte sich sehr wohl dabei.

Das Weib des Apothekers hatte alles dies vernommen und vermeinte, ihr sei dies Mittel nicht minder nötig. So paßte sie auf, wo ihr Mann das Pulver hintat, auf daß sie es bei Gelegenheit verwenden könne. Als sich nun ihr Mann eines Tages den Leib etwas verkühlt hatte, bat er sie, eine warme Suppe zu machen. Sie riet ihm aber, Gebratenes mit einem Abführmittel zu nehmen, und das war ihm recht. Deshalb hieß er sie, solches herzurichteten und Zimmt und Zucker aus der Apotheke zu holen. Also tat sie, nahm aber von jenem Pulver, das er der Gevatterin gegeben hatte, und achtete dabei weder auf Maß noch Gewicht. Der Mann aß also das Gebratene mit viel Vergnügen. Bald merkte er die Wirkung und versuchte sie mit Hilfe seines Weibes zu beheben. Aber vergebens: das Feuer in ihm lohte so stark, daß er sich vor Schmerzen wand, seine Frau beschuldigte, sie habe ihn vergiftet, und sie fragte, was sie in das Gebratene getan habe.

Nun gestand sie die Wahrheit, und wie sie gleich jener Gevatterin dieses Mittels bedürftig sei. Der Ärmste konnte sie vor Schmerzen nur mit Schimpfreden überschütten. Doch jagte er sie hinaus zu dem Apotheker der Königin von Navarra, um ihn herbeizurufen. Der gab ihm beruhigende Mittel, nach denen er in einiger Zeit wieder wohl wurde. Doch machte er ihm lebhafte Vorwürfe, daß er anderen Leuten Pulver gäbe, die er selbst nicht nehmen wolle; sein Weib habe nur ihre Pflicht getan, da sie den berechtigten Wunsch hatte, von ihm geliebt zu werden. So ward der Ärmste auch von seiner Torheit geheilt und sah ein, daß Gott ihn zu Recht bestraft habe, da er allen Spott, den er andern aufhalsen wollte, auf ihn selbst geladen hatte.

Mir scheint nun, daß die Liebe jener Frau weniger zudringlich als groß war.«

»Nennt Ihr das Liebe,« – fragte Hircan, »wenn man dem Mann Qualen bereitet, um erhoffte Freuden zu erlangen?« – »Um ihres Mannes Liebe zurückzuerobern, soll die Frau nichts unversucht lassen,« meinte Longarine. – »Deshalb darf sie noch lange nicht etwas zu essen oder zu trinken geben, sofern sie der Wirkung nicht sicher ist,« entgegnete Guebron. »Man muß aber ihre Unwissenheit entschuldigen. Und zudem war sie von Liebe verblendet.« – »Es gibt aber auch Frauen, die Liebe und Eifersucht geduldig ertragen,« widersprach Oisille. – »Jawohl, und gar gefällig,« sagte Hircan. »Die Klügsten sind jene, die solche Zeitvertreibe ihrer Männer belachen und verspotten, gerade wie die Männer am besten tun, ihre Frauen heimlich zu betrügen. Wenn ihr mir das Wort erteilen wolltet, bevor Frau Oisille die heutigen Erzählungen beschließt, so will ich euch einen solchen Fall erzählen; das Ehepaar ist allen hier bekannt.« – »So beginnt,« rief Nomerfide. Und Hircan hub lachend also an:

 


Neunundsechzigste Erzählung

 

Ein Italiener läßt sich von der Zofe nasführen, also daß die Frau ihren Mann statt der Magd beim Mehlbeuteln findet.

 

Im Schloß Doz in Bigorra lebte ein königlicher Stallmeister, Karl mit Namen – ein Italiener, der mit einer wohlhabenden, ehrengeachteten Frau verheiratet war. Nachdem selbige ihm aber mehrere Kinder geschenkt hatte, war sie stark gealtert. Und da auch er nicht mehr zu den Jüngsten rechnete, lebten beide in Frieden und Freundschaft. Allerdings koste er bisweilen mit den Mägden, aber sein Weib tat, als merke sie nichts, und wenn dann eine zu vertraulich wurde, entließ sie dieselbe einfach in aller Stille.

So nahm sie eines Tages wieder einmal eine neue an, ein gutes, kluges Mägdelein; dem setzte sie gleich die Launen und Gelüste des Hausherrn auseinander und kündigte ihm an: wenn es zu Ungehörigkeiten käme, flöge es hinaus. Die Magd wollte gern in Ehren im Dienst bleiben und beschloß daher wohlanständig zu bleiben. Und ob nun auch der Herr ihr manch verführerischen Antrag machte, so ging sie darauf nicht ein, erzählte vielmehr alles ihrer Herrin, und beide vergnügten sich dann im Gedanken an seine Torheit.

Einst nun war die Magd im Hinterzimmer, hatte ihre Kappe auf (die nach Landessitte einer Taufkappe glich, nur daß sie Schultern und Körper von hinten bedeckte) und beutelte Mehl. Da kam der Hausherr an und bedrängte sie alsbald gewaltig. Sie wäre ums Leben nicht darauf eingegangen, stellte sich aber willfährig und bat nur, erst nachschauen zu dürfen, ob die Herrin wohl beschäftigt sei, damit die beiden dann nicht überrascht würden. Und da er dem zustimmte, bat sie ihn, derweile die Kappe aufzusetzen und weiter zu beuteln, auf daß die Herrin allezeit das Geräusch des Beutelns höre. Auch das tat er in der fröhlichen Hoffnung, alsbald seinen Wunsch erfüllt zu bekommen.

Die Magd aber, die keineswegs trüber Laune war, lief flugs zu ihrer Herrin und rief: »Kommt und seht den guten Herrn an, dem ich das Mehlbeuteln beigebracht habe, um ihn los zu sein.« Die Frau sputete sich gewaltig, um die neue »Magd« zu sehen und als sie nun ihren Gatten mit der Kappe und dem Mehlbeutel erblickte, hub sie mordsmäßig an zu lachen, klatschte in die Hände und konnte nur rufen: »Schmutzfink, wieviel Monatslohn willst du für deine Arbeit?!«

Als der Mann ihre Stimme erkannte und inne ward, daß man ihn angeführt hatte, warf er das ganze Zeug zur Erde, stürzte sich auf die Magd und hätte ihr sicherlich den Spaß schlimm heimgezahlt, wenn die Frau sich nicht dazwischengeworfen hätte. Am Ende jedoch söhnte sich alle drei aus und lebten fortan ohne Hader und Streit.

Was denkt ihr nun von dieser Frau? War es nicht sehr klug von ihr, sich mit der Kurzweil ihres Mannes die Zeit zu vertreiben?«

»Solch ein Fehlschlag war doch für den Mann keine Kurzweil,« entgegnete Saffredant. – »Immerhin tat er vernünftiger, mit seinem Weib zu lachen,« meinte Emarsuitte, »statt sich in seinem Alter mit Mägden aufzureiben.« – »Mir wäre es recht peinlich mit solcher Kappe abgefaßt zu werden,« lachte Simontault. Parlamente erwiderte flugs: »Ich habe mir sagen lassen, daß es nur an Eurer Frau lag, wenn sie Euch nicht in ähnlichen Lagen betraf!« – »Schaut in Eurem Hause nach,« entrüstete sich jener, »mein Weib hatte keinen Grund zu klagen, und wäre ich selbst derart gewesen, wie Ihr sagt, so kümmert sie sich doch nur um das, was ihr nahe geht.« – »Den ehrenwerten Frauen geht nur die Liebe zum Gatten nahe, die allein sie befriedigen kann,« antwortete Longarine. Wenn sie in diesem Rahmen keine Befriedigung findet, muß sie gar mit unersättlicher Fleischeslust erfüllt sein.« – »Wahrlich, da erinnert Ihr mich an eine schöne wohlvermählte Frau,« erklärte Oisille, »die in Ermangelung solch ehrenwerter Gefühle sich unter das gemeinste Tier erniedrigte und zudem grausamer wurde denn ein reißender Löwe.« – »Bitte erzählet uns das, um den Tag zu beenden,« bat Simontault. – »Das kann ich aus zwei Gründen nicht,« entgegnete jene, »denn erstens ist die Geschichte sehr lang und außerdem wurde sie schon von einem glaubwürdigen Verfasser niedergeschrieben. Wir aber wollten nichts berichten, das schon veröffentlicht worden ist.« – »Das ist wahr,« sagte Parlamente. »Aber da ich wohl errate, welche Geschichte Ihr meint, so muß ich erwidern, daß selbige in so altertümlicher Sprache abgefaßt ist, daß außer uns beiden wohl niemand sonst hier sie kennt. Drum kann sie wohl als neu gelten.«

Und alsbald begann die ganze Gesellschaft Oisille zu bitten, sie möge doch, ungeachtet der Länge, den Fall erzählen, maßen sie noch eine gute Stunde vor sich hätten. Darob hub endlich jene also an:


Siebenzigste Erzählung

 

Die zügellose Wildheit einer Herzogin hat ihren Tod und den eines Liebespaares zur Folge.

 

»Im Herzogtum Burgund lebte ein hochedler Herzog, der ein gar schöner Fürst war und eine Frau geheiratet hatte, deren bestrickende Schönheit ihn all ihre sonstigen Eigenschaften verkennen ließ. Also suchte er ihr auf jede Weise zu gefallen, und sie tat, als erwidere sie seine Gefühle. In des Herzogs Schloß lebte nun ein junger Edelmann, der schier alle menschlichen Vollkommenheiten in sich vereinte, und von allen geliebt wurde, insonderheit von dem Herzog, der ihn seit seiner Jugend bei sich aufgezogen hatte und ihm nun angesichts seiner Vorzüge alles anvertraute, was er nur bei seiner Jugend zu bewältigen vermochte.

Die Herzogin aber besaß weder das Herz eines Weibes noch gar das einer tugendhaften Fürstin: sie begnügte sich weder mit der Liebe noch der Fürsorge ihres Gatten, blickte oft auf den Jüngling, und da er ihr gefiel, verliebte sie sich in ihn gegen allen Sinn und Verstand. Ohn’ Unterlaß suchte sie ihm ihre Gefühle durch schmachtende, klagende Blicke, durch Seufzer und leidenschaftliches Gebaren zu verstehen zu geben. Da jener aber nur die Tugend kannte, begriff er solche Äußerungen des Lasters nicht bei einer Dame, die doch dazu gar keine Ursache hatte. So erntete sie nur wütende Verzweiflung und quälte sich eines Tages derart, daß sie ihre Frauennatur vergaß und, statt sich bitten zu lassen und abzuweisen, gleich einem Manne sich entschloß, ihre unerträgliche Gier zu stillen.

Sobald also ihr Mann zur Ratssitzung gegangen war, wohin ihm der Jüngling ob seiner Jugend nicht folgen durfte, machte sie diesem ein Zeichen; flugs nahte er ihr, weil er vermeinte, sie wolle ihm einen Auftrag geben. Sie aber stützte sich auf seinen Arm, führte ihn in einen Saalgang und sprach: »Wie kommt es, daß ein so schöner anmutiger Jüngling wie Ihr unter so viel liebreizenden Damen lebt, ohne sich je in eine zu verlieben?« Und damit schaute sie ihn über die Maßen zärtlich an und schwieg, derweile er antwortete: »Hohe Frau, wäre ich näherer Beachtung Eurer Hoheit wert, so würdet Ihr gar mehr erstaunt sein, zu sehen, daß ein Unwürdiger, wie ich, seine Dienste darbringt, um Spott und Ablehnung zu ernten.«

Ob dieser klugen Antwort liebte die Herzogin ihn noch mehr und schwor ihm zu, daß jede Dame des Hofes von seiner Liebe beglückt wäre und er es nur wagen solle. Er aber hielt weiter die Augen gesenkt und wagte die glühenden Blicke nicht aufzufangen, die einen Eisblock hätten zum Schmelzen bringen können. Just als er sich unter Entschuldigungen zurückziehen wollte, wurde die Herzogin zu ihrem Bedauern auch zu der Ratssitzung gerufen. Der Jüngling aber tat auch fürder, als habe er nichts verstanden. Das quälte sie namenlos, und sie gab schließlich seiner Schüchternheit alle Schuld.

Darum beschloß sie einige Tage später, alle Angst und Scham in den Wind zu schlagen und ihm offen ihre Gefühle zu erklären. Also nahm sie ihn nach einigen anderen vergeblichen Gesprächen beim Ärmel und erklärte Ihm, sie müsse ihn in einer wichtigen Sache sprechen. Voll Demut und Ergebenheit, so wie es seine Pflicht war, ging er zu ihr in eine tiefe Fensternische, darein sie sich zurückgezogen hatte. Und da sie nun sicher war, daß niemand sie vom Zimmer aus sehen konnte, setzte sie mit einer Stimme, die zwischen Begierde und Angst bebte, ihre ersten Anträge fort und meinte wieder, jegliche Dame würde ihm gern die beste Aufnahme zuteil werden lassen. Darob erstaunte er, geriet in Entrüstung und entgegnete: »Würde ich nur einmal abgewiesen, so wäre alle meine Lebensfreude dahin, und dabei weiß ich, daß ich die Gunst keiner Dame dieses Hofes verdiene!«

Die Herzogin vermeinte, nun sei er gleich besiegt, und versicherte ihm, wenn er nur wolle, würde die schönste Frau dieses Hauses ihn mit Freuden aufnehmen und darob würde er gewißlich unsäglich zufrieden sein. »Ach, edle Frau,« entgegnete er, »ich glaube nicht, daß es hier ein so unglückliches verblendetes Weib gibt, das an mir Gefallen fände.« Da sie nun inne ward, daß er sie nicht verstehen wollte, begann sie ihre Glut zu enthüllen. Doch aus Furcht vor seiner Tugendhaftigkeit bediente sie sich einer Frage: »Was würdet Ihr sagen, wenn das Glück Euch also segnete, daß just ich selbst Eurer Liebe harrte?« Und der Edelmann, der das schon erwartet hatte, beugte das Knie und sprach: »Wenn Gott mir die Gunst meines Herrn und die Eure allezeit bescheren würde, wäre ich der glücklichste Mensch der Welt. Und da der Herzog mich von Jugend an bei sich aufgezogen hat, so will ich ihm und den Seinen ein treuer Diener sein und nie je einen andern Gedanken in meinem Herzen tragen.«

Die Herzogin ließ ihn nicht weiter sprechen, weil sie eine kränkende Ablehnung fürchtete, und unterbrach ihn kurz: »Ach, Ihr eingebildeter Narr, wer bittet Euch denn um anderes? Glaubt Ihr, in Eure Schönheit verliebt sich jede Fliege?« Wenn Ihr so verwegen wäret, Euch an mich zu wenden, so würde ich Euch zeigen, daß ich nur meinen Gatten liebe. Meine Worte vorher waren nur zur Kurzweil, aus Neugierde und um mich über törichte Liebhaber lustig zu machen.« – »Edle Frau,« erwiderte jener, »das nahm ich auch an und glaube es darum gern.«

Sie aber hörte ihn weiter nicht an, sondern ging eilends in ihr Gemach. Und weil ihre Damen ihr folgten, begab sie sich in ihr Kabinett, wo sie sich unbeschreiblichem Kummer hingab. Einerseits quälte sie ihre Liebe, andrerseits der Zorn über seine kluge Ablehnung. Sie vermeinte vor Wut zu sterben; dann aber wollte sie am Leben bleiben, um sich an diesem vermeintlichen Todfeinde zu rächen. Nachdem sie derart lange Zeit geweint hatte, stellte sie sich krank, um nicht an der Abendmahlzeit teilzunehmen, bei der jener Jüngling den Herzog bediente.

Ihr Mann aber besuchte sie ob seiner großen Liebe zu ihr. Und um leichter zum Ziel zu kommen, gab sie vor: wahrscheinlich, da sie in andern Umständen sei, habe sie sich einen schweren Augenkatarrh zugezogen. So verbrachte sie zwei, drei Tage voll trauriger Verzweiflung, also daß der Herzog sich wohl sagte, daß hier nicht jene Schwangerschaft die Ursache war. Darum ruhte er eines Nachts bei ihr, beglückte und ergetzte sie nach Kräften und sagte schließlich, als er darob ihre Seufzer doch nicht zum Schweigen brachte: »Teure Freundin, Ihr wißt, daß ich Euch mehr liebe als mich selbst. Darum sagt mir bitte, um meine Gesundheit ungefährdet zu erhalten, worob Ihr also seufzet; denn ich kann nicht glauben, daß es nur von einer Schwangerschaft kommt.«

Da nun die Herzogin inne ward, daß sie jetzt alles verlangen könne, bedachte sie, daß die Stunde der Rache gekommen sei, umarmte ihren Mann und sprach: »Wehe, o Herr, mein großes Leid besteht darin, daß ich Euch von Leuten betrogen sehe, die Eure Ehre wohl hüten sollten.« Ob dieser Worte wollte der Herzog gern wissen, von wem sie spräche, und bat sie, furchtlos die Wahrheit zu sagen. Das verweigerte sie mehrmals, aber endlich sprach sie: »Ich verwundere mich nun nicht mehr, daß Freunde einen Fürsten anfeinden, wenn jener Edelmann« (hier nannte sie seinen Namen) »es gewagt hat, an die Ehre Eures Hauses und Eurer Kinder zu tasten. Erst konnte ich ihn gar nicht verstehen. Aber schließlich sprach er seine niedrigen Wünsche offen aus. Und ob ich nun gleich ihm geantwortet habe, wie die Sitte es verlangt, so mag ich ihn doch fürder nicht mehr sehen. Darum blieb ich in meinem Gemach, und flehe nun, duldet diese Pest nicht länger in Eurem Hause, denn er könnte gar noch Schlimmeres bewerkstelligen.«

Zwar liebte der Herzog sein Weib über alles und war ob dieses Schimpfes tief verletzt. Aber andrerseits hatte er die Treue dieses Edelmannes so oft erprobt, daß er die Geschichte kaum glauben konnte und nun in großer Pein war, wo die Wahrheit steckte. Zornig stand er aus und befahl, als er in sein Zimmer ging, der Edelmann solle nicht mehr vor ihm erscheinen und in seiner Wohnung bleiben. Maßen der Jüngling die Ursache nicht kannte, war er ganz außer sich, und seiner Diensttreue sicher entsandte er einen Gefährten mit einem Brief zum Herzog, darin er demütig bat, sofern er Ungünstiges über ihn gehört habe, ihn doch nicht von sich zu verbannen, sondern ihm erlauben zu wollen, daß er zunächst die Wahrheit aufkläre; denn nie habe er sich etwas zuschulden kommen lassen.

Darob besänftigte sich der Zorn des Herzogs ein wenig. Heimlich ließ er ihn in sein Zimmer kommen und sagte mit wütendem Gesicht: »Ich habe Euch bei mir aufgezogen und hätte nie geglaubt, daß Ihr, statt Dankbarkeit zu üben, die Ehre meines Weibes zu beflecken suchen könntet. Sie selbst hat sich bei mir beklagt, und ihre einzige Waffe ist ihre Keuschheit.« Obgleich der Edelmann so die Boshaftigkeit jener Frau erkannte, wollte er sie doch nicht anklagen, sondern erwiderte: »Ihr kennet sie besser als ich und wißt zudem, ob ich sie jemals anders als in Gesellschaft sprach, außer in einem einzigen Fall, wo sie nur wenige Worte sagte. Ihr seid ein gerechter Richter. So saget selbst, ob Ihr je etwas Verdächtiges gemerkt habt. Jemand müßte doch solch verborgene Leidenschaft wahrnehmen. Aber seid versichert: außer daß sie Eure Gemahlin ist – es gibt hier so viele, in die ich mich verlieben könnte, warum sollte ich da meine Sinne gerade auf diese richten?!«

Der Herzog wurde milde und hieß ihn, künftig weiter so ehrbar zu bleiben, wenn er ihn aber abfassen sollte, so solle er seines Todes gewiß sein. Der Edelmann dankte ihm und erklärte sich im Übertretungsfalle zu jeder Strafe bereit. Als ihn nun die Herzogin wieder im Dienst sah, machte sie ihrem Gatten die zornigsten Vorwürfe. Der suchte sie zu beruhigen und meinte: falls jener sich etwas zuschulden kommen ließe, würde er nicht vierundzwanzig Stunden am Leben bleiben. Darauf verlangte sie, ihn schwören zu lassen, ob und wen er liebe. »Denn wenn er eine andere liebt,« sagte sie, »so bin ich, wie Ihr glauben könnt, beruhigt. Wenn aber nicht, dann könnt Ihr sehen, daß ich die Wahrheit sprach.«

Dieser Vorschlag schien dem Herzog sehr vernünftig, und so ging er mit dem Edelmann ins Feld und sprach: »Mein Weib wundert sich mit gutem Grunde darüber, daß Ihr nie geliebt habt, soviel man weiß. Gerade darum scheint es mir richtig, daß Ihr meine Frau liebt, und so bitte ich Euch als Freund und befehle Euch als Euer Herr: schwöret mir, ob Ihr eine Dame auf dieser Welt liebt.« Nun mußte der Jüngling, obgleich er es so gern verborgen hätte, ob der großen Eifersucht seiner Herrin eingestehen, daß er in der Tat in eine Dame verliebt sei, deren Schönheit selbst die der Herzogin überstrahle. Doch bat er den Namen verschweigen zu dürfen, weil dies Band sicherlich zerrissen würde, wenn einer von beiden den Namen des andern enthüllte. Der Herzog versprach ihm das und war so zufrieden, daß er ihn besser behandelte denn je.

Das bemerkte die Herzogin sehr wohl, und durch kluge Listen erfuhr sie auch bald die Ursache. So gesellte sich zu ihrer Rachsucht noch die Eifersucht, und darum drängte sie den Herzog, sich den Namen sagen zu lassen, weil jener ihn nur durch solche Lüge geblendet habe. Vielmehr sei dies Verschweigen ein neuer Beweis ihrer Behauptung.

Der Herzog ließ sich bestimmen, ging mit dem Jüngling lustwandeln, fragte ihn nach dem Namen, und als jener sich weigerte, stellte er ihn vor die Wahl: entweder die Wahrheit zu sagen oder verbannt zu werden mit der Gefahr, nach acht Tagen eines grausamen Todes zu sterben. So entschloß sich der Jüngling endlich, das Geständnis zu machen, warf sich vor ihm auf die Knie und bat ihn mit gefalteten Händen, ihm zu schwören, daß er niemals dies Geheimnis verraten werde. Das tat jener, und da der Edelmann nun sicher zu sein hoffte, sprach er:

»Vor sieben Jahren lernte ich Eure Nichte kennen, die verwitwet war und keinen Bewerber hatte. Ich bemühte mich um ihre Gunst. Da ich aber nicht hoch genug geboren war, um sie heiraten zu können, begnügte ich mich damit, ihr zu dienen, wie ich es seitdem getan habe. Und Gott hat es gefügt, daß bisher niemand außer ihr und mir etwas davon wußte. So lege ich nun Leben und Ehre in Eure Hand, o Herr, und bitte Euch, die Sache geheimzuhalten und Eure Nichte deshalb nicht minder zu achten. Denn wahrlich, es lebt auf dieser Erde kein reineres und keuscheres Geschöpf.«

Der Herzog war darob voller Freuden. Er kannte die Schönheit seiner Nichte sehr wohl und wußte, daß sie die seiner Frau noch übertraf. Da er sich aber gar nicht denken konnte, wie das alles so geheimnisvoll vor sich gehen konnte, bat er den Edelmann, ihm zu berichten, wie er sie sähe. Und der erzählte, die Wohnung dieser Dame ginge in einen Garten hinaus. Daselbst bliebe eine kleine Pforte unverschlossen, so oft er kommen wolle. Er käme dort hinein und warte, bis ein kleiner Hund belle, den die Dame in den Garten ließe, sowie alle ihre Frauen sich zurückgezogen hätten. Dann käme er zu ihr und plaudere während der ganzen Nacht mit ihr. Beim Fortgehen sage sie ihm, wann er wiederkommen könne, und das habe er ohne wichtigen Grund noch nie versäumt.

Der Herzog war der neugierigste Mensch der Welt und bat ihn daher, ihn nicht als Herrn, sondern als Gefährten mitzunehmen. Da der Edelmann nun schon so viel zugestanden hatte, erklärte er sich auch dazu bereit, also daß der Herzog froher war als hätte er ein Königreich erobert. So ritten beide das nächstemal zum Hause jener Dame, ließen die Pferde bei der Gartenpforte und traten in den Garten. Der Edelmann hieß den Herzog, sich hinter einem großen Nußbaum verbergen, wo er alles sehen und hören konnte, und alsbald begann der kleine Hund zu kläffen. So schlüpfte der Edelmann in den Schloßturm, wo ihm die Dame entgegenkam und ihn herzte und küßte, als hätten sie sich hundert Jahre nicht gesehen. Dann traten sie in das Gemach, dessen Tür offen blieb, also daß der Herzog, der ihnen nachschlich, ihre keuschen Reden vernehmen konnte. Darob war er tief befriedigt, und nun brauchte er auch nicht lange zu warten; denn der Edelmann gab vor, früh heim zu müssen, weil der Herzog um vier Uhr zur Jagd aufbräche. So ging er schon um ein Uhr nachts von dannen. Der Herzog schlüpfte vor ihm hinaus, beide stiegen zu Pferde und kehrten heim.

Unterwegs schwor der Herzog dem Jüngling unaufhörlich, eher würde er sterben, als dies Geheimnis je ausplaudern. Und fortan schenkte er ihm so viel Vertrauen, daß niemand am Hofe gleiche Gunst genoß. Darob schäumte die Herzogin schier vor Wut. Sie quälte ihren Mann derart, daß er ihr einmal gar drohte, sie zu verlassen, und so nahm die Krankheit der Herzogin immer noch zu. Doch gab sie vor, nur für ihr Kind besorgt zu sein, das sie unter dem Herzen trug. Der Herzog war darob so erfreut, daß er wieder eine Nacht bei ihr zubrachte. Aber sobald sie sah, daß die Leidenschaft ihn übermannte, wandte sie ihm den Rücken zu und sprach: »Ihr liebet weder Weib noch Kind, darum lasset uns beide sterben.«

Und alsbald erhob sie solch Geschrei und tränenvolle Klagen, daß der Herzog fürchtete, sie könne eine Frühgeburt haben, und sie tröstend fragte, was sie denn wolle. Alsbald erklärte sie ihm, daß er ihr sein Geheimnis nicht anvertrauen wolle, obgleich er doch durch sein Kind in ihr lebe, er also wahrlich die Pflicht habe, ihr das zu sagen, und dabei umarmte und küßte sie ihn, übergoß sein Gesicht mit einer Flut von Tränen und jammerte und ächzte so herzzerreißend, daß ihr Gatte Weib und Kind zu verlieren fürchtete. So schwor er ihr zunächst, sie würde von seiner Hand sterben, wenn sie jemandem davon spräche, und sie nahm diese Bedingung an. Nunmehr enthüllte der arme betrogene Mann ihr alles, und sie tat sehr erfreut darüber und verbarg, wie sehr es sie wurmte.

Nun war bald darauf ein großes Fest, das der Herzog der Hofgesellschaft veranstaltete. Unter den geladenen Damen befand sich auch jene Nichte. Als die Tänze begannen, ward die Herzogin über die Maßen beim Anblick jener schönen anmutigen Frau gequält, so daß sie keine Freude, nur Grimm empfinden konnte. So rief sie alle Damen zu sich, ließ sie bei ihr Platz nehmen und begann von Liebe zu sprechen. Und als sie merkte, daß ihre Nichte schwieg, da barst ihr Herz schier vor Eifersucht und sie sagte: »Und Ihr, schönste Nichte: ist es möglich, daß Eure Schönheit keinen Freund oder Diener errungen haben sollte?« – »Hohe Frau,« entgegnete jene, »meine Schönheit ließ mich ohne Gewinn. Seit dem Tode meines Gatten hatte ich keine Freunde als meine Kinder, die meine ganze Zufriedenheit ausmachen. « – »Ei, schöne Nichte,« sprach die Herzogin in bitterstem Grimme, »es gibt keine noch so geheime Liebe, die nicht bekannt würde, noch gar wohlgezogene Hündlein, deren Bellen man nicht hören könnte.«

Ihr könnt euch den Schmerz vorstellen, der das Herz jener armen Dame zusammenkrampfte, als sie ein so wohlgeborgenes Geheimnis so schimpflich enthüllt sah. Daneben quälte sie der Verdacht, daß ihr Freund sein Versprechen gebrochen habe; doch ließ sie sich nichts merken und erwiderte lachend, daß sie die Sprache der Tiere nicht verstünde. Aber dann erhob sie sich gepreßten Herzens und ging durch das Gemach der Fürstin in eine Kleiderstube, davor der Herzog auf und ab ging. Der sah sie wohl, aber sie vermeinte allein zu sein und ließ sich nun so erschöpft auf ein Bett niedersinken, daß eine Kammerzofe, die im Durchgang etwas schlafen wollte, aufwachte und durch den Bettvorhang schaute, wer das wohl sei. Und da sie merkte, daß es die Nichte des Herzogs sei, die sich allein glaubte, schwieg sie und horchte zu. Die Ärmste aber begann, halb tot vor Leid, also zu klagen: »Unselige, was hast du da gesagt? Wie konntest du also mein Todesurteil aussprechen?« Und so erzählte sie jener unbewußt den ganzen Vorfall und klagte ihren Freund und die Herzogin des Verrates an. Dabei überwältigten sie Leid und Gram derart, daß sie kreidebleich wurde, ihre Lippen sich blau färbten und ihre Glieder erstarrten; und also sank sie rücklings zu Boden.

Just in diesem Augenblick betrat der Edelmann den Saal, und da er jene überall suchte, kam er auch in das Gemach der Herzogin, darinnen der Herzog sich befand. Der erriet seinen Gedanken und flüsterte ihm ins Ohr: »Sie ist in die Kleiderstube dort gegangen; mir schien, daß sie sich unwohl fühlte.« Und er ließ ihn hineingehen. Als der Edelmann die Stube betrat, sah er sie im Verscheiden. Eilends umfing er sie, aber mit einem Blick voll Liebe und Zorn wuchs noch ihr Leid, und unter einem klagenden Seufzer hauchte sie ihre Seele aus.

Halb tot vor Schreck fragte der Edelmann die Zofe, was für eine Krankheit die arme Dame ergriffen habe. Und da jene ihm die Worte der Verblichenen berichtete, erkannte er, daß der Herzog das Geheimnis seinem Weib enthüllt hatte. Unter Tränen umarmte er die Leiche und klagte derweile den Herzog ob seines Verrates an und enthüllte dabei auch die Schlechtigkeit seines Weibes. Dann plötzlich erhob er sich wie ein Mensch, der seinen Verstand verloren hat, zückte seinen Dolch, durchbohrte sich mit gewaltiger Kraft das Herz und umfing flugs mit solcher Glut den Leib der Toten, als sei er mehr in den Armen der Liebe als des Todes. Die Zofe aber schrie um Hilfe, als er sich den Dolch in die Brust bohrte. Bei diesem Schrei ahnte den Herzog ein Unheil, er stürzte in die Stube und suchte den Edelmann loszureißen, um ihn, wenn möglich, zu retten. Aber der klammerte sich so fest an die Verblichene, daß man seine Umschlingung erst lösen konnte, nachdem er selbst verschieden war. Doch hörte er noch des Herzogs Frage: »Wehe, wer ist daran schuld?« und antwortete mit wütendem Blick: »Meine Zunge und die Eure, Herr.« Dann preßte er sein Antlitz auf das der Freundin und verschied.

Nunmehr zwang der Herzog die Zofe, da er mehr wissen wollte, zu erzählen, was sie gesehen und gehört habe; und das tat sie denn des Langen und Breiten. Daraus entnahm jener, daß er selbst all dies Unheil verursacht hatte, warf sich unter Tränen und Klagen auf das tote Liebespaar, bat sie um Verzeihung und küßte beide zu wiederholten Malen. Dann erhob er sich wutentbrannt, riß den Dolch aus der Leiche des Edelmannes, und gleichwie ein Keiler, den man mit einem Spieß verwundet hat, sich in jähem Ungestüm auf den Jäger wirft so stürzte er sich auf jene Frau, die ihn in der tiefsten Seele verwundet hatte. Er fand sie beim Tanz im Saal, fröhlicher denn je, weil sie vermeinte, an des Herzogs Nichte eine gute Rache verübt zu haben.

Der Herzog packte sie inmitten des Tanzes an und sprach: »Ihr habt das Geheimnis mit Euerm Leben verbürgt, und so wird auf Euer Leben die Strafe fallen.« Damit ergriff er sie beim Schopf und stieß ihr den Dolch in die Kehle. Die Gäste waren tief erschüttert und vermeinten, der Herzog sei von Sinnen. Der aber versammelte nach vollbrachter Tat all seine Untergebenen im Saal um sich und erzählte ihnen die ehrbaren und traurigen Schicksale seiner Nichte und den bösen Streich, den sein Weib verübt hatte. Und gar viele der Anwesenden vergossen darob heiße Tränen.

Alsdann ließ der Herzog sein Weib in einer Abtei beisetzen, die er gründete, und ein herrliches Grabmal bauen, darinnen die Leichen seiner Nichte und des Edelmannes gemeinsam bestattet wurden. Und eine Inschrift berichtet ihr erschütterndes Geschick.

Bald darauf unternahm der Herzog einen Feldzug gegen die Türken, und Gott begünstigte sein Vorhaben, also daß er Ruhm und Gewinn erntete. Als er aber zurückkehrte und inne ward, daß sein Sohn alt genug sei, um seine Herrschaft zu führen, legte er seine Würden nieder und ging als Mönch in jene Abtei, darinnen sein Weib und das Liebespaar bestattet waren. Dort verlebte er sein Alter mit Gott in Glück und Frieden.

Dies, meine Damen, ist die Geschichte, um die ihr mich batet, und die ihr, wie mir eure Augen verraten, nicht ohne Mitgefühl vernommen habt. So nehmet euch daraus ein Beispiel und setzet bei einer Liebe nie eure Ehre aufs Spiel. Denn mag sie auch ansonsten voller Sittsamkeit sein, am Ende kann sie doch ein böses Nachspiel haben. Auch der Apostel Paulus will ja, daß nur Verheiratete solch innige Liebe zu einander hegen, weil unsere Sache sich in dem Maße von himmlischer Liebe entfernt, je mehr sie sich an irdische Dinge klammert. Je ehrenhafter und tugendsamer eine Neigung ist, um so schwerer ist dies Band zu zerreißen. Darum bitte ich euch, flehet zu jeder Stunde Gott an, euch mit dem Heiligen Geist zu erleuchten, damit er euer Herz so sehr in himmlischer Liebe entflamme, daß es auch keinen Schmerz bereitet, im Tode die Lieben zu verlassen, an denen euer Herz allzusehr hängt.«

»Wenn jene Liebe so ehrbar war, wie Ihr es schildert,« meinte Hircan, »«warum mußte sie dann also verborgen gehalten werden?« – »Weil die Bosheit der Menschen derart ist, daß sie nie an die Ehrsamkeit so großer Liebe glauben will,« sprach Parlamente. »Sie beurteilen Männer und Frauen nach ihren eignen unzüchtigen Leidenschaften. Darum auch muß eine Frau, die neben ihrer engsten Verwandtschaft einen guten Freund hat, insgeheim mit ihm plaudern, wenn sie ihm mehr als drei Worte sagen will. Denn die Ehre der Frau wird gleichermaßen bezweifelt, ob sie nun tugendsam oder lasterhaft liebt. Man hält sich nur an das, was man sieht.«

»Aber wenn das Geheimnis enthüllt wird, nimmt man doch das Schlimmste an,« entgegnete Guebron. Worauf Longarine ausrief: »Deshalb muß ich schier gestehen – das beste ist, man liebt überhaupt nicht!« – »Das können wir nicht gelten lassen,« widersprach Dagoucin. »Denn wenn wir glauben sollten, daß die Damen ohne Liebe sind, dann wollten wir gern auf unser Leben verzichten. Ich verstehe es vielmehr so, daß sie nur dafür leben, um Liebe zu erringen. Und gelingt ihnen das selbst nicht, so hält sie doch die Hoffnung aufrecht und läßt sie hunderttausend edle Dinge vollbringen, bis das Alter ihre edlen Leidenschaften in andere Sorgen umwandelt. Der Gedanke, daß die Frauen nimmer lieben, würde die Krieger in Krämer verwandeln, die statt an Ehre nur noch daran denken, Reichtümer einzuheimsen.«

»Das heißt also,« spottete Hircan, »wenn’s keine Frauen mehr gäbe, so wären wir alle böse Schelme, gleich als ob wir nur den Mut und das Herz besäßen, womit jene uns beschenken. Ich bin gerade der entgegengesetzten Ansicht: ich meine, nichts beengt mehr ein Männerherz, als zuviel Sorge und Liebe für eine Frau. Darum bestimmten die Gesetze der Hebräer, daß die Männer im ersten Ehejahre nicht in den Krieg ziehen sollen; denn sie befürchteten, daß jene aus Liebe zu ihrem Weibe sich den Gefahren, die der Krieg erheischt, entzögen.«

»Ich finde dies Gesetz nicht sehr vernünftig,« entgegnete Saffredant. »Gerade die Ehe jagt die Männer vor allem aus dem Hause, maßen der Krieg im Felde erträglicher ist als der in der Familie. Ich meine just, man sollte die Männer verheiraten, um in ihnen die Begierde zum fremden Lande zu erwecken und die Freuden am eignen Herde zu nehmen.«

»Das ist wahr!« rief Emarsuitte. »Die Ehe raubt ihnen die Sorge für ihre Familie. Sie vertrauen alles ihren Frauen an, denken nur noch an Ruhmesernten und vermeinen, daß die Frauen den Gewinn schon sorglich hüten werden.« Und Saffredant erwiderte: »Ich freue mich in jeder Beziehung, daß Ihr meiner Ansicht seid.«

«Aber ihr redet gar nicht vom Wichtigsten,« unterbrach Parlamente. »Warum starb jener Edelmann, der an all jenem Unheil schuld war, nicht auf der Stelle gleich jener unglückseligen Dame, die doch schuldlos war, vor Kummer und Gram?« Nomerfide entgegnete: »Weil die Frauen inniger lieben als die Männer.«

»Keineswegs,« entrüstete sich Simontault. »Vielmehr bersten die Frauen vor Eifersucht und Verlangen, ohne selbst zu wissen warum. Die Einsicht der Männer aber läßt sie erst nach der Wahrheit forschen. Daß sie selbige klugen Sinnes ergründen, erweist gerade ihre innere Überlegenheit. So geschah es mit dem Edelmann, der da bewies, wie innig er seine Freundin liebte, und darob den Tod nicht scheute, nachdem er den Grund ihres Endes erfahren hatte.«

»Jedenfalls starb sie aus wahrer Liebe,« meinte Emarsuitte, »denn ihr treues Herz vermochte solch niederen Verrat nicht zu ertragen.« – »Das war eben die Eifersucht,« sagte Simontault, »die den Ausschlag gab. Sie setzte bei ihrem Freunde eine Schlechtigkeit voraus, die ihm gar nicht zu Eigen war, vernünftige Überlegung kannte sie nicht, und da sie also ein Heilmittel nicht fand, mußte der Tod erfolgen. Ihr Freund aber starb freiwillig, nachdem er ihr Unglück erfahren hatte.«

»Wie groß muß doch eine Liebe sein, die solchen Schmerz verursacht,« grübelte Nomerfide. Hircan erwiderte spottend: »Seid getrost, Ihr werdet nicht an solcher Krankheit sterben.« – »Und Ihr,« erboste sich jene, werdet Euch nicht töten, wenn Ihr solche Schmach erlebt.«

Parlamente merkte, daß der Streit auf ihre Kosten ging. Darum rief sie lachend: »Es genügt, daß zwei ob ihrer Liebe gestorben sind, wozu sollen sich zwei andere aus gleichem Grund streiten! Eben tönt die Vesperglocke, wollt ihr nun also ausbrechen oder nicht?!«

Daraufhin erhoben sich alle, gingen zum Gottesdienst und schlossen in ihr Gebet auch die Seelen jenes wahrhaftigen Liebespaares ein. Für sie auch sagten die Mönche bereitwilligst ein ›De profundis‹. Und während des Abendessens sprachen sie nur immerfort von Frau du Verger (jener Nichte des Herzogs und Freundin des Edelmannes). Nachdem sie alsdann einige Zeit mitsammen verbracht hatten, zog sich jeglicher in seine Stube zurück. Und also beendeten sie den siebenten Tag.

 


Der achte Tag

 

Als der Morgen gekommen war, erkundigten sie sich, wie weit der Bau der Brücke gediehen sei, und erfuhren, daß er in zwei bis drei Tagen beendet sein könne. Das mißbehagte einigen der Gesellschaft. Denn sie hätten wohl gewünscht, daß die Arbeit sich noch hinzöge, um ihr vergnügliches zufriedenes Leben hier länger dauern zu sehen. Um so mehr beschlossen sie nun, ihre Zeit nicht zu verlieren, und baten alsbald Frau Disille um die gewohnte geistige Erbauung.

Die ward ihnen, und länger denn sonst, da Disille ihnen erst noch die Offenbarung Sankt Johanni vorlesen wollte. Und sie tat dies so trefflich, als ob der Heilige Geist voll Liebe und Güte aus ihrem Munde spräche. Alle waren darob in Entzücken versetzt, als sie zur Kirche gingen. Dann speisten sie und plauderten danach gar viel vom vergangenen Tage, also daß sie schier bezweifelten, ob sie einen gleich schönen wieder daran anreihen könnten. Um sich darauf vorzubereiten, zogen sie sich in ihre Stuben zurück, bis die Stunde nahte, da sich alle in der Arbeitsstube mit grünem Tuche – der Wiese – versammelten. Dort waren die Mönche schon angelangt, und nachdem sich alle gelagert hatten, warf man die Frage auf, wer beginnen solle. Da sprach Saffredant: »Ihr habt mir die Ehre erwiesen, an zweien Tagen den Anfang zu machen. Wir täten wahrlich meines Erachtens den Damen Unrecht, wenn nicht eine derselben gleichfalls zwei Tage begönne.« – »Dann müßten wir hier recht lange bleiben,« meinte Disille, »oder einer von euch oder eine von uns müßte auf diese Ehre verzichten.«

»Ich meinesteils hätte gern meine Wahl an Saffredant abgetreten,« rief Dagoucin. – »Und ich die meine an Parlamente,« versicherte Nomerfide. »Denn ich bin so gewöhnt, die zweite Stelle einzunehmen, daß ich mit der ersten nichts anzufangen wüßte.« Damit waren alle einverstanden, und Parlamente hub folgendermaßen an: Meine Damen, die vergangenen Tage waren voller ernst-verständiger Erzählungen. Darum möchte ich bitten, daß der heutige nur solche bringe, die voll Torheit, aber doch wahrheitsgetreu sind. Damit will ich nun den Anfang machen.«

 


Einundsiebenzigste Erzählung

 

Eine Frau gewahrt, da sie in ihren letzten Zügen liegt, wie ihr Mann sich an der Magd verlustiert, und wird darob wieder gesund.

 

»Zu Amboise lebte ein Sattler der Königin von Navarra, der hieß Borrihaudier. Sein Wesen ließ sich schon aus seiner Gesichtsfarbe schließen, maßen er mehr einem Diener des Bacchus denn einem Priester der Diana glich. Er war mit einer wohlhabenden Frau verheiratet, die gar einsichtsvoll haushaltete und ihre Kinder vernünftig erzog. Und damit war er auch wohl zufrieden.

Eines Tages sagte man ihm, sein Weib sei lebensgefährlich krank. Darob war er tief besorgt und eilte so schnell er konnte nach Hause, um ihr beizustehen. Aber als er hinkam, war sie schon so darnieder, daß sie mehr eines Beichtigers denn eines Arztes bedurfte. Sein Schmerz darüber war unbeschreiblich. Um ihn wiederzugeben, müßte man seine teigige Stimme besitzen oder besser noch sein Gesicht und sein Gehabe nachahmen können.

Nachdem er nun alles für sie getan hatte, was nötig war, bat die Frau um das Kruzifix. Das wurde herbeigebracht. Aber bei diesem Anblick warf sich der Biedere ganz verzweifelt auf eine Lagerstatt und rief mit seiner fettigen Stimme: ›Wehe! Mein Gott! Ich verliere mein armes Weib! Was werde ich Unseliger nun anfangen?!‹ und ähnlicher Klagen noch mehr. Als schließlich alle davongegangen waren bis auf eine junge Magd, die recht gut bei Fleische war, rief er diese leise herbei und sagte:

›Meine Liebe, ich sterbe, mir geht es schlimmer als wäre ich schon tot, da ich deine Herrin also verscheiden sehe. Ich weiß nicht, was ich sagen oder tun soll. Darum empfehle ich mich in deine Hände: nimm dich bitte meines Hauses und meiner Kinder an. Hier sind die Schlüssel, halte den Haushalt wohl in Ordnung, denn ich werde nichts mehr dafür tun können.‹

Das arme Mägdelein tröstete ihn voll Mitleids und bat ihn, nicht zu verzweifeln und ihr nicht noch den Herrn zu rauben, da sie schon ihre Herrin verlöre. Aber er erwiderte: ›Das geht nicht, meine Liebe, denn ich sterbe schon; sieh, wie mein Gesicht bereits kalt ist – leg’ deine Backen an die meinen.›

Bei diesen Worte faßte er sie an die Brust. Sie wollte sich sträuben, aber er meinte, sie brauche keine Angst zu haben; es sei nötig, daß sie sich näher kennen lernten. Und damit umfaßte er sie und warf sie auf ein Bett. Die Frau aber, die seit zwei Tagen kein Wort mehr gesprochen hatte und nur noch das Kruzifix und Weihwasser neben sich hatte, begann mit ihrer schwachen Stimme aus Leibeskräften zu schreien:

›Halt, halt, halt – ich bin noch nicht tot!‹ Und sie bedrohte die beiden mit der Faust und rief: ›Ihr Bösewichte, ich bin noch nicht tot.‹

Alsbald erhoben sich die zwei, da sie ihre Stimme hörten. Aber die Frau war so wütend, daß darob der Schleim sich löste, der ihre Stimme belegt hatte, so daß sie nun alle Schimpfworte ausstieß, die sie nur finden konnte. Und von Stund’ an begann sie zu gesunden, und oft nachdem warf sie noch ihrem Mann seine Lieblosigkeit vor.

Daran könnt ihr die Heuchelei der Männer erkennen, meine Damen. Für so wenig Trost vergessen sie all ihr Leid über ihre Frauen.«

»Was wißt Ihr denn davon?« fragte Hircan. »Vielleicht hatte jener gehört, daß dieses just das beste Heilmittel für sein Weib war. Da er es mit guter Behandlung nicht retten konnte, versuchte er es eben mit dem Gegenteil, und damit hatte er auch einen sehr schönen Erfolg. Nur wundere ich mich, daß Ihr, die Ihr doch selbst eine Frau seid, so deutlich preisgebt, daß Euer Geschlecht nicht mit Milde, sondern nur durch Zorn zu bessern ist.«

»Weiß Gott, vor Wut käme ich nicht nur aus dem Bette, sondern gar aus dem Grabe heraus!« rief Longarine. – »Und was für ein Unrecht beging jener,« fragte Saffredant, »als er sich tröstete, da er sein Weib doch für tot hielt? Man weiß doch, daß das Eheband den Tod nicht überdauert und mit des Lebens Ende sich löst.« – »Ja, das Gelübde ist freilich gelöst,« meinte Disille, »aber die Liebe sollte aus einem edlen Herzen nicht weichen. Das freilich heißt überschnell alle Trauer vergessen, wenn man noch nicht einmal abwarten kann, daß die Frau ihren letzten Atemzug tut.«

»Mir scheint am merkwürdigsten, daß er beim Anblick des Todes und des Kruzifixes nicht die Lust verlor, Gott zu kränken,« erklärte Nomerfide. – »Ein netter Grund,« lachte Simontault. »Ihr findet also keine Torheit merkwürdig, wenn sie nur fern der Kirche und des Gottesackers stattfindet?« – »Verspottet mich, so viel Ihr wollt,« rief jene. »Der Gedanke an den Tod kühlt selbst das jugendheißeste Herz.« – »Ich wäre Eurer Ansicht, wenn ich nicht von einer Fürstin just das Gegenteil gehört hätte,« meinte Dagoucin. – »So hat diese Euch sicherlich eine Geschichte erzählt,« sagte Parlamente, »und darum trete ich Euch meinen Platz ab.« Alsbald hub Dagoucin folgendermaßen an:


Zweiundsiebenzigste Erzählung

 

Wie eine Nonne ohn’ Unterlaß bereute, daß sie ohne Liebe noch Gewalt ihre Jungfrauenschaft verloren hat.

 

In einer der größten Städte Frankreichs nach Paris stand ein reich bemitteltes Spittel: das war eine Abtei mit fünfzehn bis sechzehn Nonnen, derweile im andern Flügel der Prior mit sieben oder acht Mönchen lebte, die täglich den Gottesdienst abhielten; die Nonnen dagegen sagten nur ihre Paternoster und Stundengebete, maßen sie bei den Kranken Dienst taten.

Eines Tages nun lag einer der Kranken unter der Pflege der Nonnen im Sterben, und nachdem diese all ihre Hilfe gespendet hatten, ließen sie, da, er am Verscheiden war, einen der Mönche holen, auf daß er jenem die letzte Ölung gäbe. Bald darauf verlor der Sterbende die Sprache. Maßen er aber noch zu leben und zuzuhören schien, tröstete ihn jegliche mit erbaulichen Worten, bis ihnen die Geduld riß, also daß bei sinkender Nacht eine nach der andern ihr Bett aufsuchte und am Ende nur die Jüngste zurückblieb, die den Leichnam einsargen sollte.

Mit ihr aber blieb auch ein Geistlicher, den sie ob seiner Strenge mehr denn den Prior oder einen andern Mönch fürchtete. Nachdem die beiden ihm noch gehörige Gebete ins Ihr gerufen hatten, wurden sie inne, daß er endlich verschieden war, und darum sargten sie ihn ein. Derweile sie nun dies barmherzige Werk vollbrachten, begann der Mönch von der Hinfälligkeit des Lebens und dem Glücke des Todes zu sprechen, und unter solchen Reden ging die Nacht dahin.

Das arme Mägdelein lauschte seinen frommen Worten und blickte ihn mit tränenfeuchten Augen an. Darob packte ihn die Begier, und während er vom zukünftigen Leben sprach, begann er sie zu umhalsen, als ob er bereit sei, sie in seinen Armen geradenwegs ins Paradies zu tragen. Und die ärmste horchte, was er sprach, und da sie ihn für über die Maßen fromm hielt, wagte sie nicht, sich zu sträuben.

Als der schlimme Mönch dessen inne ward, vollbrachte er mit ihr, derweile er immer weiter von Gott sprach, ein Werk, das ihm der Teufel ins Herz geblasen hatte und davon vorher gar nicht die Rede gewesen war. Dabei versicherte er ihr, daß eine geheime Sünde vor Gott ungestraft bliebe und daß zwei Menschen, die miteinander sonst nichts gemein hätten, in solchem Falle keinerlei Fehltritt begehen, sofern daraus kein Gerede entstünde. Um solches zu vermeiden, solle sie sich wohl hüten, bei jemand anderem als ihm zu beichten.

So trennten sich die beiden, sie ging zuerst fort, und als sie durch eine Kapelle Unserer Lieben Frau kam, wollte sie wie gewöhnlich ihr Gebet sprechen. Kaum aber hatte sie begonnen: ›Jungfrau Maria . . .‹, da erinnerte sie sich, daß sie ihre Jungfräulichkeit verloren habe, ohne Liebe zu empfinden oder Gewalt erlitten zu haben, sondern nur ob einer dummen Angst. Und alsbald begann sie zu weinen, daß ihr schier das Herze brach.

Der Mönch hörte von weitem ihr Schluchzen, ahnte, daß sie ihren Sinn geändert habe und er darob seine Freuden verlieren würde, und ging zu ihr, um das zu verhindern. Er fand sie auf den Knien vor dem Muttergottesbilde. Alsbald machte er ihr bittere Vorwürfe und erklärte ihr, wenn ihr Gewissen sie plage, solle sie ihm beichten, und dann möge sie ihm fernbleiben, wenn sie wolle, denn beide seien ob ihrer Freiheit ohne Sünde. Und die dumme Nonne glaubte vor Gott ihre Pflicht zu erfüllen und beichtete ihm, worauf er ihr statt aller Buße schwor, daß sie nicht sündige, falls sie ihn liebe, und daß Weihwasser dies Vergehen leichtlich abwüsche.

Sie glaubte ihm mehr denn Gott und kehrte mehrmals zu ihm zurück, also daß sie am Ende schwanger wurde. Darob ward sie so voll Reue, daß sie die Äbtissin bat, sie möge den Mönch aus dem Kloster verjagen lassen, weil sie ob seiner Schlauheit und Hinterlist fürchtete, er würde sie von neuem verführen. Die Äbtissin aber war mit dem Prior im Einverständnis: beide machten sich über sie lustig und erklärten ihr, sie sei erwachsen und könne sich wohl eines Mannes erwehren, und obendrein sei jener ein sehr wackerer Mönch.

Am Ende plagten die Gewissensbisse die Ärmste so, daß sie in einer Aufwallung um die Erlaubnis bat, nach Rom pilgern zu dürfen. Denn sie vermeinte ihre Jungfräulichkeit wieder zu erlangen, wenn sie ihre Sünden dem Papst beichte. Das wurde ihr gern bewilligt, denn die Äbtissin und der Prior vermeinten, es sei besser, ihr solche Wallfahrt entgegen der Vorschrift zu gestatten, als sie einzuschließen und ihre Gewissensbisse also großzuziehen. Dabei leitete sie die Sorge, jene könne in ihrer Verzweiflung kund tun, was für ein Leben in dem Kloster herrsche. So gaben sie ihr also das nötige Reisegeld.

Aber Gott fügte es, daß just, als sie in Lyon war, die Frau Herzogin von Alencon, die spätere Königin von Navarra, insgeheim mit drei oder vier Damen ihres Gefolges in der Kirche des heiligen Johannes eine neuntägige Bittandacht abhielt. Da nun selbige nach der Vesperstunde am Altar der Kirche vor dem Kruzifix kniete, hörte sie jemanden die Stufen emporsteigen und sah beim Lampenschimmer, daß es eine Nonne war. Um nun deren Gebete zu vernehmen zog sich die Herzogin in einen dunklen Winkel zurück, und die Nonne, die sich allein glaubte, kniete nieder, schlug sich an die Brust, begann herzzerreißend zu weinen und rief nur immer: ›Wehe! Mein Gott! Erbarme dich mir armer Sünderin!‹

Maßen die Herzogin gern wissen wollte, was die Ursache war, trat sie zu ihr und sagte: ›Meine Liebe, was ist Euch? Woher kommt Ihr? Was führt Euch hierher?‹ Die arme Nonne, die jene nicht erkannte, erwiderte: ›Ach, meine Liebe, mein Unglück ist so groß, daß Gott allein mir helfen kann. Ihn flehe ich an, mir zu ermöglichen, daß ich mit der Frau Herzogin von Alencon reden kann. Ihr nur will ich meinen Fall erzählen, und ich bin sicher: läßt sich etwas machen, so wird sie schon den Ausweg finden.‹ ›So sprecht nur mit mir,‹ sprach die Herzogin. ›Ich bin eine ihrer Freundinnen und es ist gleich als ob Ihr mit ihr selbst sprächet.‹ – ›Vergebt mir,‹ entgegnete jene. ›Niemand anders als sie darf mein Geheimnis erfahren.‹ Alsbald erklärte ihr die Herzogin, daß sie offen reden könne, maßen sie selbst die Gesuchte sei; und sogleich warf sich die Nonne ihr zu Füßen, weinte und schrie gar lange und erzählte endlich all’ ihr Mißgeschick. Darauf tröstete die Herzogin die Ärmste, also daß sie zwar ihre Reue nicht aufgab, wohl aber von der Reise nach Rom Abstand nahm. Vielmehr sandte sie dieselbe wieder zu ihrer Äbtissin zurück mit einem Briefe an den Prior, darin sie anordnete, daß der schändliche Geistliche aus dem Kloster gejagt werde.

Ich habe diese Geschichte von der Herzogin selbst und ihr könnt daraus entnehmen, daß Nomerfidens Heilmittel nicht bei allen anschlägt. Denn jene wurden nicht minder von Lüsternheit überwältigt, obgleich sie einen Toten berührten und einsargten«

»Das ist wahrlich ein Einfall, den nie sonst ein Mensch gehabt hat: vom Tode reden und das Leben schaffen,« meinte Hircan. – »Sündigen heißt noch nicht Leben schaffen,« widersprach Oisille. »Man weiß recht wohl, daß die Sünde den Tod gebiert.« – »Glaubt nur,« rief Saffredant, »jene beiden Leutchen dachten nicht an so theologische Betrachtungen. Gleichwie die Töchter des Lot ihren Vater trunken machten, um ihr Geschlecht zu erhalten, so wollten jene die Lücke füllen, die der Tod eben erst gerissen hatte und jene Leiche durch einen neuen Menschen ersetzen. Darum sehe ich als einzig Schlimmes an dem Fall die Tränen der Nonne, die immer weinte, aber nicht minder zu dem Urheber ihrer Tränen zurückkehrte.«

»Solcherlei sah ich gar manche tun,« spottete Hircan, »die da ihre Sünden beweinten und weiter ihrer Lust oblagen.« – »Ich errate,« entgegnete Parlamente, »für wen Ihr das saget. Aber sein Lachen hat, scheint mir, nun genug gedauert und es wäre Zeit, daß die Tränen bald begönnen.« – »Schweigt.« rief Hircan. »Noch ist dies Trauerspiel, das mit Lachen begann, nicht zu Ende.«

»Um nun von etwas anderem zu reden,« brach Parlamente daraufhin ab, »so meine ich, Dagoucin hat unsere Abmachung, nur Lustiges zu erzählen, bereits überschritten. Denn seine Geschichte war recht traurig.« – »Ihr sprächet von Torheiten,« widersprach Dagoucin, »und also habe ich meine Pflicht getan. Um nun aber eine vergnüglichere zu hören, gebe ich Nomerfide meine Stimme in der Hoffnung, daß sie meinen Fehler wieder gutmachen wird.« – »Just habe ich etwas Passendes bereit,« hub jene an, »diese Geschichte paßt zudem vortrefflich zu der Euren, denn ich will von einem Mönche und vom Tode sprechen. So höret mich denn bitte an.«

Hier endigen die Erzählungen der seligen Königin von Navarra, soweit man solche wieder auffinden konnte.


Inhaltsangabe der Geschichten

darin kurz zusammengefaßt ist was jede Erzählung in ihrem Busen verborgen hält. Sonach kann jeder die ihm zusagenden auswählen; ärgert sich jemand an

dieser oder jener Geschichte,

so mag er sie

ungelesen

lassen


Einleitende Betrachtungen

Wie sich die Gesellschaft zusammenfand

 

Der erste Tag

 

Erste Erzählung: Ein Weib in Aleneon hat zwei Verehrer, den einen zur Lust, den andern für sein Geld. Den ersten, der den Betrug merkt, läßt sie töten und erwirkt Begnadigung für sich und ihren flüchtigen Mann. Der wendet sich dann, um eine Summe Geldes zu retten, an einen Schwarzkünstler. Ihr Treiben wird entdeckt und bestraft.

 

Zweite Erzählung: Wie das Weib eines Maultiertreibers der Königin von Navarra zwar kläglich, doch in Züchten starb.

 

Dritte Erzählung: Der König von Neapel verführt eines Edelmannes Frau und wird schließlich selbst betrogen.

 

Vierte Erzählung: Wessen ein Edelmann sich gegen eine Flandrische Prinzessin kecklich unterfing und welche Schmach und Schande ihm daraus erwuchs.

 

Fünfte Erzählung: Wie eine Schiffersfrau zween Franziskanermönchen, die ihr Gewalt antun wollten, so wohl entschlüpfte, daß deren Vergehen aller Welt offenbar wurde.

 

Sechste Erzählung: Wie schlau ein Weib verstand, den Liebhaber entrinnen zu lassen, derweile ihr einäugiger Mann die beiden abzufassen vermeinte

Siebente Erzählung: Ein Pariser Kaufmann tauscht die Mutter seiner Liebsten, um deren Schuld zu verhüllen.

 

Achte Erzählung: Wie einer seine Frau statt ihrer Zofe heimsucht und alsdann den Nachbarn schickt. der ihn entehrt, ohne daß sein Weib davon weiß

Neunte Erzählung: Beklagenswerter Tod eines Edelmannes, der in seiner Liebe allzu späten Trost fand.

 

Zehnte Erzählung: Von Amadours und Florindens Liebe, darinnen viel von Trug und Heuchelei die Rede ist, zumal jedoch von Florindens preislicher Keuschheit.

 


Der zweite Tag

 

Elfte Erzählung: Kitzliche Aussprüche eines Franziskanermönches gelegentlich seiner Predigten.

 

Zwölfte Erzählung: Wie unziemlich und schamlos ein Herzog zum Ziel zu kommen suchte, und wie seine Niedertracht gerechte Strafe erntet.

 

Dreizehnte Erzählung: Wie ein Schiffshauptmann sich unter dem Schein von Frömmigkeit in eine junge Dame verliebte, und was daraus entstand.

 

Vierzehnte Erzählung: Schlauheit eines Verliebten, der bei einer Mailänder Dame unter der Maske ihres getreuen Dieners dessen sauer verdienten Liebeslohn einheimst.

 

Fünfzehnte Erzählung: Eine Dame am königlichen Hof sieht sich von ihrem Mann zugunsten anderer vernachlässigt, weshalb sie ihm Gleiches mit Gleichem vergilt.

 

Sechzehnte Erzählung: Eine Mailänderin erprobt die Kühnheit und Hochherzigkeit ihres Freundes, dem sie sich alsdann in Liebe ergibt.

 

Siebenzehnte Erzählung: Der König Franz beweist dem Grafen Wilhelm seine Großmut, als dieser ihm nach dem Leben trachtet.

 

Achtzehnte Erzählung: Eine schöne junge Dame erprobt die Treue eines ihr ergebenen Jünglings, bevor sie ihm ihre Liebesgunst gewährt.

 

Neunzehnte Erzählung: Zwei Liebende geben alle Hoffnung auf eine Ehe verloren und gehen darob ins Kloster: der Jüngling nach Saint-Francois, das Mägdelein nach Sainte-Claire.

 

Zwanzigste Erzählung: Ein Edelmann wird unversehens von seiner Liebe zu einer Dame, die ihn allezeit abwies, geheilt, als er sie in den Armen eines Stallknechtes findet.

 

 


Der dritte Tag

 

Einundzwanzigste Erzählung: Von der wundersam tugendhaften Liebe eines vornehmen Mägdeleins zu einem Bastard, von dem Widerstand einer Königin gegen solche Ehe und der Antwort des Mägdeleins an die Königin.

 

Zweiundzwanzigste Erzählung: Ein eifriger Prior sucht unter dem Deckmantel der Frömmigkeit mit allen Mitteln eine Nonne zu verführen, wodurch seine Bosheit am Ende entschleiert wird.

 

Dreiundzwanzigste Erzählung: Wie durch die Bosheit eines Franziskaners in der gleichen Familie der Hausvater, sein Weib und sein Kind eines gewaltsamen Todes starben.

 

Vierundzwanzigste Erzählung: Auf welch’ artigen Einfall ein Edelmann kam, um einer Königin seine Liebe zu erweisen, und was daraus entstand.

 

Fünfundzwanzigste Erzählung: Welch schlauer List sich ein hoher Fürst bediente, um sich an dem Weib eines Pariser Advokaten zu verlustieren.

 

Sechsundzwanzigste Erzählung: Wie ein hoher Herr durch einen spaßhaften Streich die Liebesgunst einer Frau in Pampeluna zu erlangen sucht.

 

Siebenundzwanzigste Erzählung: Wie ein dummer Schreiber ob der Frechheit, mit der er lüstern dem Weib seines Gefährten nachstellte, jämmerlich beschämt wird.

 

Achtundzwanzigste Erzählung: Ein Schreiber glaubt jemanden zu überlisten, wird aber selbst hineingelegt, und daraus entstehen allerlei spaßhafte Folgen.

 

Neunundzwanzigste Erzählung: Ein Bauerntölpel, dessen Weib mit dem Pfarrer der Liebe pflegt, läßt sich leichtlich hinters Licht führen.

 

Dreißigste Erzählung: Ein merkwürdiger Fall menschlicher Schwäche, wo das Bestreben, die Ehre zu retten, aus dem Regen in die Traufe führt.

 

 


Der vierte Tag

 

Einunddreißigste Erzählung: Mit welch’ scheußlicher Grausamkeit ein Franziskaner seine schändliche Geilheit zu befriedigen suchte, und wie er dafür gestraft wurde.

 

Zweiunddreißigste Erzählung: Wie ein Edelmann sein ehebrecherisches Weib härter als mit dem Tod straft.

 

Dreiunddreißigste Erzählung: Von den Greueln eines blutschänderischen Priesters, der seine Schwester schwängert und sie dann als Heilige hinstellt, und von seiner wohlverdienten Strafe.

 

Vierunddreißigste Erzählung: Wie zwei Franziskaner ob übergroßer Neubegier vor Entsetzen schier verstarben.

 

Fünfunddreißigste Erzählung: Wie gar wohlweislich ein Mann seinem Weib die Liebe zu einem Franziskaner austreibt.

 


Sechsunddreißigste Erzählung:
Als ein Präsident von dem üblen Verhalten seines Weibes erfährt, schafft er derart Ordnung, daß er Rache nimmt, ohne daß etwas bekannt wird.

 

Siebenunddreißigste Erzählung: Wie weise es ein Weib verstund, ihren Mann einem tollen Liebeswahn zu entreißen, der ihn quälte.

 

Achtunddreißigste Erzählung: Bemerkenswerte Milde einer Frau aus Tours gegen ihren mißratenen Mann.

 

Neununddreißigste Erzählung: Ein gutes Mittel, einen Poltergeist auszutreiben.

 

Vierzigste Erzählung: Ein Edelmann erschlägt einen andern, weil er nicht weiß, daß es sein Schwäher ist.

 


Der fünfte Tag

 

Einundvierzigste Erzählung: Von der neuartigen, seltsamen Buße, die ein Franziskaner als Beichtvater einem Mägdelein auferlegte.

 

Zweiundvierzigste Erzählung: Wie ein Mägdelein den hartnäckigen Nachstellungen eines französischen Fürsten widerstand und über ihn obsiegte.

 

Dreiundvierzigste Erzählung: Die Heuchelei einer Hofdame scheitert an dem Übermaß ihrer so wohlverheimlichten Liebe.

 

Vierundvierzigste Erzählung: Wie zwei Liebende durch ihre List sich ihrer Liebe wohl erfreuen, so daß endlich alles glücklich endet.

 

Fünfundvierzigste Erzählung: Ein Edelmann gibt vor, dem Stubenmädchen die Kinderstreiche verabfolgen zu wollen, und hintergeht also sein einfältiges Weib.

 

Sechsundvierzigste Erzählung: Von einem Franziskaner, der den Ehemännern einen schweren Vorwurf machte, wenn sie ihre Frauen verbläuten.

 

Siebenundvierzigste Erzählung: Ein Edelmann zu Perche beargwöhnt zu Unrecht einen Freund und reizt ihn dadurch, jenen Verdacht wahrzumachen.

 

Achtundvierzigste Erzählung: Zwei Franziskaner nehmen in einer Hochzeitsnacht nacheinander des Ehemanns Platz ein und erhalten am Ende ihre gebührende Strafe.

 

Neunundvierzigste Erzählung: Wie schlau eine Gräfin im geheimen ihre Lust zu stillen wußte, und wie sie entlarvt wurde.

 

Fünfzigste Erzählung: Ein Liebhaber stirbt, schwerverletzt, nach empfangener Liebesgunst, und darob folgt seine Geliebte ihm in den Tod.

 


Der sechste Tag

 

Einundfünfzigste Erzählung: Von der hinterlistigen Grausamkeit eines Italieners.

 

Zweiundfünfzigste Erzählung: Welch’ ekles Frühstück ein Apothekerlehrling einem Advokaten und einem Edelmann einrührte.

 

Dreiundfünfzigste Erzählung: Mit welcher Gewandtheit ein Fürst einen lästigen Liebeswerber zu entfernen wußte.

 

Vierundfünfzigste Erzählung: Von einer gar wohlgemuten Dame, die nur lachte, als sie sah, wie ihr Mann ihre Magd küßte, und erklärte, sie lache über einen Schatten, maßen sie den wahren Grund nicht nennen wollte.

 

Fünfundfünfzigste Erzählung: Mit welcher List eine Spanierin die Mönche um das Vermächtnis ihres Gatten brachte.

 


Sechsundfünfzigste Erzählung: Ein Franziskaner vermählt trügerischerweise ein schönes Mägdelein mit einem anderen Mönche, worob die zwei Burschen bestraft werden.

 

Siebenundfünfzigste Erzählung: Lächerliche Geschichte von einem englischen Lord, der mit einem Damenhandschuh auf seinem Wamse prunkte.

 

Achtundfünfzigste Erzählung: Eine Hofdame rächt sich gar neckisch an einem Liebhaber ob seiner sonstigen Seitensprünge.

 

Neunundfünfzigste Erzählung: Ein Edelmann wird von seinem Weibe abgefaßt, als er heimlich eines ihrer Ehrenfräulein umfängt.

 

Sechzigste Erzählung: Eine Pariserin verläßt ihren Mann, um einem Sänger zu folgen; dann stellt sie sich tot und läßt sich begraben.

 


Der siebente Tag

 

Einundsechzigste Erzählung: Mit welche erstaunlicher Hartnäckigkeit eine Burgunderin einen Kanonikus zu Autun mit ihrer frechen Liebe verfolgte.

 

Zweiundsechzigste Erzählung: Eine Dame erzählt in dritter Person ein eigenes Liebeserlebnis und verschnappt sich zuletzt.

 

Dreiundsechzigste Erzählung: Von der bemerkenswerten Keuschheit eines französischen Edelmannes.

 

Vierundsechzigste Erzählung: Ein Edelmann wird Mönch, weil sein Heiratsantrag verschmäht wird; darob unterzieht sich die Geliebte der gleichen Buße

Fünfundsechzigste Erzählung: Wie eine einfältige Alte ihre brennende Kerze auf die Stirn eines Soldaten heftet, der auf einem Grabmal der Sankt-Johannes-Kirche schlief, und was daraus entstand.

 

Sechsundsechzigste Erzählung: Erquickliche Geschichte, die dem Königspaar von Navarra widerfuhr.

 

Siebenundsechzigste Erzählung: Von der grenzenlosen und doch sittenstrengen Liebe einer Frau in fremden Landen.

 

Achtundsechzigste Erzählung: Eine Frau gibt ihrem Mann spanische Fliegen, um ein Liebeszeichen von ihm zu erhalten, und bringt ihn darob schier um

Neunundsechzigste Erzählung: Ein Italiener läßt sich von der Zofe nasführen, also daß die Frau ihren Mann statt der Magd beim Mehlbeuteln findet.

 

Siebenzigste Erzählung: Die zügellose Wildheit einer Herzogin hat ihren Tod und den eines Liebespaares zur Folge.

 


Der achte Tag

 

Einundsiebenzigste Erzählung: Eine Frau gewahrt, da sie in den letzten Zügen liegt, wie ihr Mann sich an der Magd verlustiert, und wird darob wieder gesund.

 

Zweiundsiebenzigste Erzählung: Wie eine Nonne ohn’ Unterlaß bereute, daß sie ohne Liebe noch Gewalt ihre Jungfrauenschaft verloren hat.

 


Die Bilder des Marquis de Bayros:

 

1. Der brünstige Knecht.

2. Das enttäuschte Mägdelein.

3. Die mißglückte Überrumpelung.

4. Der Ehemann naht!

5. Eine überraschende Enthüllung.


Endnoten

 

1 Vergleiche Ritter von Riba: ›Eheleute und Kirchenleute‹ Vergnügliche Kulturbilder aus galanter Zeit. (In Vorbereitung)

 

2 Alberet de Rochas: L'extériorisation de la sensibilité. Etude expérimentale et historique. Ed. Chamuel. Paris 1895. — Leider ist das Werk vergriffen und eine deutsche Übersetzung gibt es meines Wissens nicht.

 

3 Hierüber ist näheres in der einleitenden Betrachtung zu finden. (Anmerkung des Übersetzers.)

 

4 Ehemals glaubte man die Jungfräulichkeit an gewissen äußeren Zeichen erkennen zu können; solchermaßen nahm man an, daß eine bestimmte Ader im Auge der Jungfrauen rot, in dem der Verheirateten blau aussähe. (Anmerkung des Übersetzers.)

 


5
Bei dem Feste, das des Bethlehemitischen Kindesmordes gedachte, war es Sitte, daß junge Männer alle Frauen, die sie im Bett betrafen, mit Ruten streichen durften.