ngiyaw-eBooks Home



Franz von Nemmersdorf - Frauenliebe

Novelle

Franz von Nemmersdorf, Frauenliebe, Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 1871, 7. Band, S. 129ff.



Erstes Capitel.

An einem noch warmen, zur Trägheit stimmenden Herbstnachmittage befand ich mich auf dem Sandplatze in Meran. Nördlich begrenzt ihn die »Post«, unter allen mir bekannten Hôtels das schlechteste. Früher, als nur die schöne Gegend Reisende in's Burggrafenamt führte, war der Gasthof einfach ländlich; seit Meran zur zweifelhaften Ehre eines klimatischen Curortes vorrückte, riecht es aus der »Post« nach verdorbenen Speisen und verdorbener Luft. Gegenüber dem Spital-Gasthause bildet ein Frauenkloster mit Kostschülerinnen die Südfronte, westlich läuft die Landstraße aus, die zum Ultener Thor führt, östlich zweigt sich eine enge Gasse ab nach Steinach, der höchst eigenthümlichen Vorstadt. Sie endet hügelanwärts beim Paßerthor und ist das beliebteste Fremdenquartier. In der Mitte des Sandplatzes steht ein Marienbild.

Wenn ihn nicht gerade die schönen meraner Kühe beleben, oder der Postwagen über die Paßerbrücke rasselt, so herrscht keine Bewegung auf dem Platze.

Temperatur und Umgebung stimmten träumerisch .

Schlafwandelnd ging ich zwischen der Madonnensäule und dem Hôtel hin und her. Ein bleiches Nonnengesicht, scheu durch Eisenstäbe spähend, und der weinrothe Kopf eines Bauern, umrahmt von der Schenkenthür, glitten eindruckslos an meinem Blicke vorüber.

»Franz Petrowitsch!«

Der Ruf kam höchst unerwartet von oben auf mich herab. Ich sah den schweren massenhaften Körper einer Frau in reifen Jahren auf die Eisenbrüstung eines Balcons gestützt. Ueber dem bleichen Gesicht mit stark ausdrucksvollen Zügen saß eine unmögliche Haube, jede Spur von Haaren verbergend.

Diese Eigenthümlichkeit allein würde hingereicht haben, meinem Gedächtniß zu Hülfe zu kommen. Die Dame oben war Fürstin Schulkine, wie Lorenzo Venier von sich in Bezug auf den Aretino behauptete: »Jenem in dem Talent, eine Bosheit zu sagen, um vier Tage voraus.«

Wenige Minuten später fanden wir uns im schlechtesten Gasthof der Erde beisammen.

Beinahe hätte ich gesagt wir seien Freunde, doch dem war nicht so Wera Nikolaewna besaß nicht einen Funken froher, gemüthlicher Geselligkeit, welche uns das Tischtuch entfalten, die Flasche entkorken, das Kalb tödten läßt, wenn ein Freund kommt. Dafür war ihr der Vorzug einer leichten, angenehmen Conversation eigen; man hat in Deutschland kaum den Namen, minder noch die Sache. Sie verstand köstliche Bosheiten mit Heuchelei zu würzen. Ich kannte sie schon lange. Wir waren am nämlichen traurigen Orte Meran vor Jahren zusammengetroffen. Ich, damals noch als guter Sohn mit meiner Mutter reisend, wurde allabendlich in den Salon der Fürstin geschleppt, mußte schön Französisch sprechen und hübsch artig sein – zum Letzteren zwingt mich nun gottlob Niemand mehr.

»Was machten Sie die langen Jahre durch?« fragte mich die Fürstin, während ihr Blick neugierig, nicht theilnehmend, auf mir ruhte.

»Es giebt Betäubungen durch Vergnügen oder Thätigkeit«, entgegnete ich; »zwar reiste ich, genoß mein Leben, kam unter Anderm auch in Ihr Vaterland, allein die Zeit verflog mir doch eigentlich in einem wahren Taumel von Arbeit.«

»Ich unterhielt mich weder, noch träumte ich«, bemerkte die Fürstin mit eigenthümlichem Schillern ihrer grüngrauen Augen.

»Sie sind eine Frau und noch dazu eine vornehme, Sie vollzogen die echte Damenbeschäftigung – Sie liebten.«

»Die Russinnen besitzen die gute Eigenschaft, niemals sentimental oder geziert zu sein.«

Wera Nikolaewna lachte trocken.

»Wie befindet sich Fedor Michailowitsch?« fragte ich in natürlicher Ideenverbindung.

»Er hat die Schwindsucht, wie er sie damals hatte, wie er sie immer haben wird.«

Kalt und hart klang der Ton der Fürstin.

Unwillkürlich mußte ich häufig nach der Thür blicken, immer erwartend, den langjährigen Hausgenossen der Dame eintreten zu sehen. Lebhaft stand er vor meiner Einbildungskraft, der Mann mit den saphirblauen Augen, dem auffallend hübschen Gesicht, der breiten, gesund entwickelten Brust und dem Stiernacken. Offenbar hatte die Natur Fedor Michailowitsch nicht zur Schwindsucht angelegt. Die Russen sind meistens sehr schön, oder affenartig häßlich. Bei ihm störte nur der kurze Hals. Mir war er damals, als ich ihn zuerst sah, in seinem dunkelbraunrothen, durch feinsten Zobelbesatz verbrämten Sammetschlafrock sehr stattlich vorgekommen. Aus dem geisttödtenden, stagnirenden Leben einer kleinen Landstadt, die doch das innige Zusammenhängen mit der Natur nicht so zuläßt als ein Dorf, fand ich mich zum ersten Male in südlich üppige Gegend und größern Weltverkehr versetzt. Eben darum erschienen mir auch die Fremden ganz wunderbar. Ungeachtet ihrer Schlauheit duldete die Fürstin allerlei Gesellschaft um sich, die keinen andern Zweck zu haben schien, als sich von ihr erhalten zu lassen.

»Er ist arm« hub sie gehässig wieder an, »von untergeordneter Herkunft, besitzt einen schlechten Charakter und erbärmliche Gesundheit.«

Die Sache verhielt sich unleugbar so, ich befand mich nahe daran zuzustimmen.

»Aber sie wissen dies Alles schon lange!«

»Und ertrug ihn dennoch, meinen Sie!«

»Beging er niemals Streiche?«

»O ja! mit Victorinen.«

»Erzählen Sie, Fürstin, es ist lehrreich für einen jungen Mann.«

»Es fällt einer Närrin leicht, einen Narren zu schaffen. Jener Victorine verdankt auch Fedor Michailowitsch die Brustkrankheit; er erkältete sich ihrethalben auf der Reitschule.«

»Frau von Smirdin ist ein geistreiches, liebenswürdiges Wesen!«

»Eine Schlange!« fuhr die Fürstin auf.

Verzerrt starrte mich ihr bleiches Gesicht an, das in ruhigem Ausdrucke Spuren großer Schönheit wies. Diesem Vorzuge hatte auch Wera Nikolaewna ihre glänzende Heirath zu verdanken gehabt – nur lassen eben zuweilen solche Verbindungen das Herz leer.

Rasch wechselte ich das Gespräch und wollte mich bald nachher erheben. Zu meiner Verwunderung lud mich die Fürstin zum Thee.

Sie saß behaglich auf dem Sopha zusammengekauert, in ihrer Lieblingsstellung, ich dehnte mich so bequem als möglich in dem Lehnstuhle. Ihre schlechte Cigarre ließ mich den Duft meiner Havanna kaum noch empfinden.

»Wissen Sie, wie Fedor Michailowitsch zu mir kam. Franz Petrowitsch?«

»Nein, ich sah Sie nur immer beisammen.«

»Mein Vater war Edelmann und Gutsbesitzer, nicht arm, nicht reich, die Last einer zahlreichen Familie drückte ihn. Kaum der Kindheit entwachsen, fiel mir alle Sorge für die jüngeren Geschwister zu, auch meinen Vater hatte ich in schwerer Krankheit zu pflegen. O, sie waren fürchterlich, die langen Nächte, während welcher meine armen jungen Augen gegen den Schlaf kämpfen mußten.«

»Sie bestätigen mir einen Erfahrungssatz: wenn der Mensch auch zuweilen ein Opfer bringt, so vergißt er es doch nie mehr.«

»Das ist natürlich, weil er mit einem Opfer an sich selbst Raub begeht.«

Wera Nikolaewna schlürfte Thee, zog an ihrer Cigarre und fuhr fort.

»Nach meines Vaters Genesung wurde ich, um mich zu belohnen, auf den Ball geführt; dort sah mich der eben von seiner diplomatischen Mission heimgekehrte Fürst Schulkine. Vier Wochen später waren wir Mann und Frau. Ich zählte fünfzehn, er fünfzig Jahre.«

Den letzten Satz hatte sie tonlos fallen lassen.

»In der That eine ungleiche Verbindung!«

»Er war auch nie mein Gatte, sondern stets mein Herr, aus Laune hatte er mich gefreit, seine Launen regierten. Warum ich es ertrug, warum ich nicht von ihm ging – werden Sie denken. Er hielt mir geschickt eine Lockspeise vor, sein reiches Erbe sollte mein werden.«

»Wenn man oft wüßte, was die Ehen zusammenhält! Liebe wol in den seltensten Fällen.«

»Einst brachte der Fürst von einer Reise den Knaben Fedor Michailowitsch heim. Er that es nur, um mich zu quälen. Seinen Pathen, die arme Waise, stellte er mir als Schreckgespenst vor; war ich minder gefügig, so mochte das Erbe dem Günstling zufallen. Uebrigens bekam ich wenig von Fedor Michailowitsch zu sehen, der Fürst hatte ihn selbst bald satt und steckte ihn in eine Kronanstalt. Von Mardafi wieder in die Stadt zurückgekehrt, raffte ein Schlagfluß meinen Gatten plötzlich dahin. Der Tag verging in Aufregung und Betäubung. Ich erfuhr durch Senator Smirdin, daß längst ein Testament des Fürsten beim Senat niedergelegt sei, aus einer Zeit stammend, als Fedor Michailowitsch unser Haus noch nicht betreten hatte, so durfte ich mich als Erbin ansehen, war endlich frei und reich. Es gewährte mir ein köstliches Gefühl in dem Hause zu herrschen, in welchem ich zwanzig Jahre als Sclavin gelebt hatte. Spät Abends befand ich mich allein mit meiner Amme. Marfa kämmte mir die Haare.«

»Nun Seelchen«, sagte sie, »ist der Augenblick eingetreten, den ich Dir tröstend vorhielt, als Du am Hochzeitstage so viel Thränen vergossest.«

»Ja, und ich will sogleich mein Hausrecht üben!« rief ich aufspringend. Ich besann mich auf den Knaben, er war eben nach vollendeter Erziehung heimgekehrt und fand den Wohlthäter todt. Ich hatte Fedor Michailowitsch die Thür verbieten lassen. »Heute soll er mir noch aus dem Hause«, fügte ich hinzu.

»Uebe Barmherzigkeit!« flehte Marfa, »es bringt Dir keinen Segen, so hart zu sein!«

»Schweig! Gieb mir eine Banknote von hundert Rubeln, das ist für den Bettler genug!«

Ohne aus Marfa's weitere Einwürfe zu achten, riß ich ihr den Leuchter aus der Hand und ging so wie ich eben war, mit fliegenden Haaren über dem Nachtkleide, nach Fedor Michailowitsch' Stube. Auf dem Bette lag die weiche Jünglingsgestalt hingegossen. Um die Augen glänzte es feucht, er hatte sich wol in den Schlaf geweint, zugleich schien ein heiterer Traum ihm vorzuschweben, denn die Lippen umspielte ein Lächeln. Wohin war mein Zorn gekommen!

Sanft rüttelte ich ihn am Arm. Er schlug die großen blauen Augen auf und blickte mich zaghaft bittend an.

»Sei in meinem Hause gegrüßt, Fedor Michailowitsch«, versetzte ich, »des Fürsten gutes Werk werde ich vollenden.«

»Er mochte dies nicht erwartet haben. Freude übergoß sein Gesicht mit Roth und feurig küßte er mir die Hand. Der zarte, in Wohlleben und Glanz erwachsene Jüngling fürchtete sich vor dem kalten, nackten Elende, welches jenseits meiner Schwelle seiner harrte.«

Die Fürstin schwieg.

»Seitdem ist Fedor Michailowitsch Ihr Hausgenosse?« fragte ich.

»Mit Unterbrechungen« entgegnete sie; »einmal wurde er unverschämt und ich jagte ihn fort, ein anderes Mal suchte ich ihm heimlich zu entkommen, aber er holte mich wieder ein.«

»Wo befindet er sich gegenwärtig?«

»Nicht hier, wie sie sehen!«

Wieder liefen Zuckungen über das Gesicht der Fürstin und das Blut strömte ihr gewaltsam nach dem Kopf, denn ihre bleiche Farbe ging in eine stark rothe über.

»Fedor Michailowitsch ritt des Fürsten Pferde«, stieß sie mühsam hervor, »er wohnte in dessen Zimmern, er lebte wie ein Prinz. Die Menschen sind undankbar!«

»Darf ich fragen, was Sie hier beginnen?«

»Ich warte!«

Es war als wenn eine Schlange gezischt hätte.


Zweites Capitel.

Aus der »Post« tretend dünkte es mir als müßte ich mich nach den widrigen Eindrücken »gesund baden« in der lauen Luft und lieblichen Umgegend. In den Gliedern empfand ich jene Leichtigkeit, welche das sichere Kennzeichen vollkommenen Wohlbefindens ist. So ging es denn munter hügelan. Obermais, »das Dorf aus Schlössern«, lag bald hinter mir. Ich überschritt die brausende Naif. Im Nordost starrten scharf und hart die Dolomite des Iffingers in die Luft, im Süden dehnten sich weiche, bläulich verschwommene Bergformen.

Ich hielt an, überwältigt von der Segensfülle eines Landes, in dem ewiges Gletschereis auf die reifende Goldorange blickt. Mein Auge beherrschte die Mündung von drei Hauptthälern und zwei Flüssen. Es lockte das rauhe Paßeier mit dem kernhaften Volksstamm, den nur Felsen umgeben, nebst magerm schwärzlichen Nadelholze und spärlicher Weide für seine Heerde. Grün und frisch winkte das Vintschgau. Die Etsch mit Bächen speisend, entsendet es den breit anschwellenden Strom der lombardischen Ebene zu. Lieblicher noch dünkte mir das südliche Gelände des Höhenzuges, dem fruchtreichen Etschthale entlang.

Die Thalsohle trägt Gartenland. Sammetweichen, saftig grünen Rasen durchschneiden tausend silberhelle Bächlein, von Weide und Erle umsäumt. Auf den Wiesen lachen die schwer sich neigenden Obstbäume. Hügelan strebt das Rebgewinde, von dunklen Laubengängen hängt die bläulich schwarze Traube nieder.

Gerade darüber befand ich mich in der köstlichen Mittelregion. Sie trägt Wallnuß- und Kastanienbäume, deren Grün sich reizend abstuft von den schwärzlichen Blättern der erstern zu den hellen Fruchtschalen der letzteren. Selten wird ein Stück brauner Erde sichtbar, Farrenkraut, die Brombeerstaude und Epheu haben sie überwuchert, ihr üppiges Netz bis zu den Baumwipfeln ausdehnend. Auch die stachelige Robiana wächst wild am Wege und meine Schritte mußten sich durchkämpfen, als seien es die Lianen des Urwaldes.

Höher hinauf erstreckt sich ein Wald von Nadelholz, in der einsamen Felszacke endend. Das graue Urgestein wechselt mit rother Porphyrkuppe; Alles verschwimmt im tiefblauen Aether.

In die Welt von Farben klingt eine Welt von Tönen. Aus der Tiefe rauscht die über Steine wild rollende Paßer herauf, rings umher schwirrt und summt es von Mückchen und Käfern, hoch über dem Haupte tönt Vogelsang und Schlag.

In reichen Windungen schlängelt sich der Pfad bald auf- bald abwärts führend. Zerbrochene Burgen schauen von grünen Abhängen herab, die Spitzen krönen Bergkapellen.

Still liegen die zerstreuten, seltenen Gehöfte.

Malerisch ist jede Hütte im Burggrafenamt. Vom nachgedunkelten Holze des Vorbaues sticht eine farbige Blume ab. Der Kater liegt träge in der sonnigen Ecke und stolz spreizt der Hofhahn sein Gefieder. Ein Bursche spaltet Holz, ein Mädchen spinnt.

Rasch gleiten die wenigen Menschenwohnungen vorüber, dann bricht wieder die köstliche Einsamkeit an in einer reichen von Segenfülle strotzenden Natur.

Die Begegnungen sind nicht häufig. Doch ich vernehme wieder den Schall von Tritten, nur ist es nicht der langsame schwere Fußfall des Bauern.

Eine modische, elegante Erscheinung steht vor mir, die zierlichen Lackstiefeln eignen sich schlecht zur Bergwanderung. Die Wäsche ist blendend weiß, Edelsteinknöpfe blitzen daraus hervor, nur der grüne Tirolerhut hat etwas gesucht Ländliches. Ein sehr hübsches, aber unmuthig verzogenes Gesicht schaut darunter vor.

Wir erkennen uns gegenseitig.

Die Jahre waren keineswegs spurlos an Fedor Michailowitsch vorübergegangen; seine Gestalt hatte an Fülle bedeutend zugenommen, indessen sah er noch auffallend gut aus. Die bei unserm ersten Zusammentreffen stark kenntlichen Spuren von Brustleiden schienen verschwunden.

»Sonderbar, daß mir Fürstin Schulkine von Ihrem Hiersein nichts mittheilte«, versetzte ich nach der Begrüßung.

»Ist die Fürstin in Meran?« entfuhr ihm überrascht.

»Sie wissen es nicht?«

»Seit einiger Zeit sind wir getrennt.«

»Dies hätte ich kaum für möglich gehalten.«

»Allerdings giebt es Ketten, Bande wollte ich sagen, die mit unserm Leben so fest verwachsen sind, daß sie niemals gänzlich reißen – wir schleppen Bruchstücke davon mit uns fort bis zum Ende.«

»Was beginnen Sie hier allein, Herr von Borchewskoi?«

»Ich langweile mich! Kann man etwas Anderes thun in den Tyrolerbergen?«

»Es kommt darauf an; ich meine, man müsse hier genesen vom Getreibe der Städte, vom Bücherstaube und kleinlichem Menschenverkehr.«

Er zuckte die Achseln und gähnte.

»Trafen Sie die Fürstin allein.«

»Ja; ihre gewohnte Umgebung abgerechnet – Warinka und deren Mutter.«

»Sie giebt sich vollständig in die Hände jener Leute; den häßlichen Affen, die Enkelin ihrer Amme, hat sie beständig um sich, der Vater des Kindes wurde meines Widerspruchs ungeachtet zum Verwalter von Mardafi ernannt. Dies ist schlimm genug; aber für schlimmer noch halte ich die Verwandten der Fürstin.«

»Ich verstehe; die wohlhabende, kinderlose Wittwe ist von zahlreichen, aus ihre Erbschaft lüsternen Speculanten und Speculantinnen umgeben.«

»In der That, sie bilden ein wahres Heuschreckenheer. Die Fürstin durchschaut sie, stößt alle zurück und zieht sie dann wieder an sich.«

»Sie spielt mit denselben, das dient ihr zur Unterhaltung.«

»Sie ist unglücklich in der Wahl ihrer Unterhaltungen; da träumt sie auch Tag und Nacht von einem Wittwenhaus, das sie aus ihrem Palais in Orel errichten will.«

»Dies sieht ihr ähnlich; die Dame steht auf dem Standpunkt, dem Himmel für so und so viel Sünden eine Abschlagssumme in so und so viel guten Werken anzubieten.«

»Glauben Sie es, jene Thorheit würde Summen verschlingen und könnte nur durch einen Raub an mir ausgeführt werden. Ich bin des Fürsten naher Verwandter, mir kam mit Recht der Nachlaß zu.«

Die Behauptung war gänzlich falsch, ich wußte es; sie entsprang Fedor Michailowitsch' Eitelkeit und nachdem er die Lüge unzählige Male wiederholt hatte, begann er sie selbst zu glauben. Fürstin Schulkine zog Vortheil aus der ihr vom Gatten ertheilten Lehre; wie ihr einst der Knabe als Schreckgespenst gesetzt war, so stellte sie, um Fedor Michailowitsch im Zaume zu halten, ihre Familie und das Wittwenhaus seinen Ansprüchen entgegen.

Schatten des Unmuths jagten sich auf dem hübschen Gesicht meines Begleiters; wir gingen eine Weile schweigend nebeneinander.

»Sie schreiben?« wandte sich mein Gefährte plötzlich an mich.

»So ist es!«

»Hüten Sie sich vor dem Fehler der meisten Verfasser von Novellen und Romanen, die alle in der Liebe die Hauptsache sehen; aber diese ist nur eine Episode im vollen Leben und wahrlich, leichter zu genießen, als irgend sonst ein Gut. Das wirkliche Elend besteht darin, wenn wir anstatt fetter Sahne blaue Milch erhalten.«

Indolent knöpfte nach dieser Auseinandersetzung Fedor Michailowitsch seinen pariser Handschuh wieder zu.

Durch die grünen Büsche schimmerte freundlich ein weißer Punkt, erwünschte Rast und Labung versprechend.

»Sie werden hier« bemerkte Fedor Michailowitsch, »Victorine – Frau von Smirdin«, verbesserte er sich, »finden«.

»Wie angenehm!«

Hastig lenkte ich nach dem Gehöft und überhörte fast meines Gefährten nachlässiges »Guten Abend!«

Da stand eine alte Scheune mit gebräuntem Strohdache, der ein Feigenbaum malerischen Anstrich verlieh. Weiter zurück gegen den Felsenvorsprung erhob sich das Wohnhaus, weiß mit grünen Läden sommerlich frisch. Daran stieß ein Blumengärtlein, auf hoher Warte sorglich angelegt. Die offene Bogenhalle des Südens wölbte sich kühl über dem Eingange. Der feine Duft der Orangenblüthe, durch den Abend verstärkt, reizte die Nerven köstlich. Ueppig gefüllt erfreute die schöne Granate das Auge.

Auf der Steinbank mit dem Hintergrunde von bis zur Decke aufgethürmten Blumentöpfen, vor sich einen in's Marmorbassin plätschernden Springbrunnen, saßen zwei weibliche Wesen. Der Einen zarte Gestalt hüllte sich in durchsichtiges weißes Gewebe, vorn auf der Brust stak eine Granatblüthe und noch eine im dunklen Haar. Die Zweite trug die unkleidsame Landestracht, welche die Formen verhüllt und entstellt. Dafür erhob sich über etwas zu derben Schultern auf dem runden weißen Hals ein Kopf, der würdig gewesen wäre, großen Meistern zum Vorbilde zu dienen.

Die altdeutsche Maid, sittig, kalt und rein, mit der klaren weiß schimmernden, rosig durchhauchten Sammethaut, der Blüthenknospe des Mundes, dem tiefinnigen blauen Auge, dem goldenen Haar befand sich hier lebend.

Frau von Smirdin traf ich wieder genau wie ich sie verlassen hatte, als die wunderbare Häßliche mit dem bräunlichen, ungemein lebendigen unschönen Gesicht, auf welchem ein Paar magnetische Augen leuchteten.

Auf dem Englischen Quai in Petersburg hatten wir uns verabschiedet; im Felsengärtlein eines Berghofes der Alpen trafen wir uns wieder.

Sie warf ein Spinnengewebe von Arbeit weg und reichte mir unbefangen die Hand.

Es ging an ein Fragen und Erzählen, wir geriethen rasch in belebtes Gespräch. Das schöne Landmädchen sah uns mit großen verwunderten Augen an und lauschte.

Frau von Smirdin zerpflückte prachtvolle Pfirsiche und goß den rothen Landwein darüber; wir schlürften die köstliche Labung des Südens.

»Hier oben wohnt das Glück, gehen Sie es nicht weiter suchen«, wandte sie sich lächelnd an mich.

»Gnädige, es würde Ihnen doch in die Länge gar einsam und langweilig dünken«, bemerkte die junge Bäuerin bescheiden; »wenn der Schnee unsere Höhen zudeckt, wenn Winterstürme den Hof hinabzuwehen drohen, sind wir abgeschnitten von der Welt.«

»Was thut es! ich verlasse Euch nie mehr, Maidele, es war mir nirgend so wohl wie hier«

»Erlauben Sie mir Ihren Enthusiasmus zu mäßigen; für einige Wochen möchte auch ich mein Nest an die Felsspitze kleben, dann zieht es uns aber wieder mächtig nach den volkreichen Städten, nach den Plätzen, auf welchen sich der Menschheit Geschichte abspielt und der Pulsschlag des Lebens höher geht.«

»Mich nicht; der bloße Gedanke der Feste ohne Freude, des ganzen unnützen ermüdenden Lärms widert mich an.«

Leicht schwebte Frau von Smirdin durch die Blumenbeete zu dem Rande des Felsvorsprungs, Schatten lagen bereits auf dem Thale, die Spitzen der Berge streiften noch scheidende Lichtstrahlen. Ein leises Wehen von Abendlüften wirkte erquickend. Der Schall melodischen Glockengeläutes kam heraufgetragen. Balsamische Düfte strömten die sich schließenden Kelche der Nachtblumen aus.

»Dort unten, nahe bei Terlan, soll Gräfin Margaretha ihr »Paradies« gehabt haben.«

Die kleine Hand der Dame deutete hinab.

»Es behauptet auch die Sage, der kräftige Freisasse von Goldeck und mancher »Recke unverzagt« hätten den Weg hinein wohlgekannt.«

»Ohne Liebe wäre die ganze Erde ein Trauerhaus und mit Liebe wird jeder stille Fleck zum Paradiese.«

Seltsam durchschauerte es den Körper der Frau, das Mädchen stand dabei, unbewegt. Jene ein Vulcan, diese ein Schneeberg erschienen sie mir. Maidele glich auch einem weißen unbeschriebenen Blatte, auf welches das Leben jetzt zum ersten Male durch die Hand der Dame seine Ziffern malte. Die übervolle, elektrisch gespannte Seele Frau von Smirdin's entlud sich dem Naturwesen gegenüber wohlthuend, dieses empfing erweiterte Anschauung in der Botschaft aus der Welt.

»Ist es, wie Sie sagen, vermag Liebe allein das Dasein zu schmücken, so behielte ich doch Recht, daß im Gewühl der Menschen, auf dem geschäftigen Markt des Lebens mehr Anregung und Zerstreuung sich bietet, als im abgeschlossenen Raum. Wenn so ein selbstgeschaffenes Paradies die Liebe flieht, was dann? Was nachher?«

»Es giebt kein Nachher! Mit der Liebe endet das Leben.«

Maidele begleitete mich bis zum Ausgang des Gehöftes.

»Wie gut die Gnädige ist«, versetzte das Mädchen, »sie lehrt mich feine Arbeiten, Musik und Französisch; möge sie nur auch immer glücklich sein!«

Auf dem Heimwege mußte ich an die seltsamen Verhältnisse denken. Fürstin Schulkine lauerte unten auf der Post, eine neue Phase war in ihrem alten Kampfe mit Victorine um Fedor Michailowitsch eingetreten. Die da oben traten aus der Gesellschaft, sonderten sich von ihren Banden und Pflichten ab, um das Leben von ein Paar Turteltauben zu führen.

Er kann der fetten Sahne nicht entrathen, blaue Milch bringt ihn zur Verzweiflung. Sie vermag der Liebe nicht zu entbehren, Gleichgiltigkeit vernichtet sie.

Am Horizont breitet sich mälig ein goldgeflockter, leuchtender Cirrostratus aus.

Still in der Thalmulde, unter dem Kuchelberge mit dem »Hauptschloß«, liegt das alterthümliche Städtchen Meran.

Die Kühe und die Kranken sind zur Ruhe gegangen.

Aus dem von Fürstin Schulkine bewohnten Gemach fallen grelle Lichtstreifen auf den Sandplatz. Die Fenster sind offen, sie schreitet in schleppendem Nachtkleide rast- und ruhelos hin und her.

Die einsame Frau denkt mit bitterm Groll an ein vereinigtes Paar.

Sie wartet, hat sie mir gesagt; aber aus was?


Drittes Capitel.

Cumuli ballen sich drohend zusammen, veränderlich und trügerisch sind die Wolken, rasch fliehend – wie das Glück.

Die Berge haben ihre Nebelkappen aufgesetzt, schwer drückt die dichte, graue regenbeladene Atmosphäre. Der Himmel lacht nicht mehr nieder aus ein Stück grüner, blühender, früchteprangender Erde.

Mich trieb es, nach der Stelle zu sehen, die gestern paradiesisch schön erschien.

Der Weg führte wieder an den Fenstern der Fürstin vorüber. Heute waren sogar die Läden geschlossen, in der verdunkelten Stube spann sie ihr unheimliches Nachtleben ab.

Auf dem Bergpfade begegnete mir ein Reiter, die Capuze des Regenmantels war tief in's Gesicht gezogen. Ohne mich zu beachten, trieb er sein Maulthier an mir vorüber. Ich vermuthete, es sei Fedor Michailowitsch.

Bald nachher brach der Sturm wüthend los, er knickte Baumstämme und heulte in den Wipfeln, als solle eine neue Sündfluth die Erde überschwemmen, so strömte das Wasser hernieder. Angeschwollene Bergbäche schossen über den Weg.

Naß und müde erreichte ich den Hof.

Das hübsche Maidele stieß einen Ruf der Verwunderung aus, als sie den Gast gewahrte. Sie zündete ein helles Feuer an und trocknete meine Kleider.

Aus der rauchgeschwärzten Küche, in der sich mit Einschluß der kränklichen Bäuerin der ganze Haushalt, Kinder und Gesinde, versammelt hatten, begab ich mich zu Frau von Smirdin. Das Schnurren der Spinnräder, die rauhen Stimmen der Knechte, all' das wirthliche Treiben eines dem nüchternsten Broderwerb gewidmeten Lebens verfolgte mich bis auf die Treppe.

Oben vernahm ich schöne slavische Weisen, in kraftvollem Wohllaut vorgetragen. Bei meinem Eintritt sprang Frau von Smirdin vom Flügel auf. Ihre wunderbaren Augen leuchteten freudig, sie streckte mir die beiden Hände entgegen. Sie trug den nämlichen duftigen Anzug wie gestern, nur waren heute blaue Gentianen im dunklen Haar.

Von den weißen, kahlen Wänden der Stube war nichts zu sehen; grüne Sträuche deckten sie, blühende Schlinggewächse hingen vom Plafond herab. Kleine Papageien saßen im Laube, prachtvolle amerikanische Nachtigallen zeigten ihren feuerfarbigen Federschmuck, dazwischen flatterten muntere Canarienvögel, Zeisige und Stieglitze. Die Mitte des Zimmers nahm ein großes, mit Wasserpflanzen umwachsenes Aquarium ein, Schildkröten krochen darin herum und Goldfischlein schwammen behaglich in der kühlen Fluth. Zierliche Eidechsen schossen hin und her, ein Chamäleon lag da in trägem Schlafe. Bunte italienische Stroh' matten bedeckten den Fußboden. Bequeme Lehnstühle standen umher, die Tische hatten Marmorplatten. Bücher und Albums lagen darauf.

Die Frau schien mir ein Recht zu besitzen, die Welt zu verachten und zu fliehen; sie verstand die Quintessenz daraus um sich zu versammeln.

»Gewähren Sie mir ein russisches Lied«, bat ich.

Die Töne, so stark und so mild, so weich und so kraftvoll, drangen wieder lieblich durch den Raum.

Nachher plauderten wir, blätterten in Zeichnungen und Photographien und zuletzt kamen wir auf einen neuen französischen Roman zu sprechen. Frau von Smirdin besaß das Werk, sie las einige Stellen lebhaft vor. Wir befanden uns mitten in Paris, um uns kochte und gohr der Krater.

Das hübsche Maidele unterbrach die Täuschung, als sie meldete, das Essen sei bereit.

Auch hier zeigte sich der Einfluß der merkwürdigen Frau; anstatt der landesüblichen Gerichte bekamen wir ein kleines kosmopolitisches Diner. Die wirklich saftigen, naturwüchsigen Früchte, die sich dem Auge einladend aus der Krystallschale thürmten, gemahnten allein an Südtyrol.

Jetzt dampfte gelber Carawanenthee aus winzigen, chinesischen Tassen; das feine Aroma durchdrang die Nerven, sie gelinde erregend. Darein mischte sich der opiumgetränkte, köstlich riechende türkische Tabak Frau von Smirdin war anmuthig zurückgeneigt, ihre dunklen Flechten fielen auf die Lehne des Stuhles, sie schaukelte sich behaglich, wobei mir die Spitze eines reizenden Fußes sichtbar wurde. Rosig schimmerte die Haut durch feines Gewebe. Das Pantöffelchen von zartem Corduan war reich mit Gold und Silber gestickt. Die Dame blies krause, bläuliche Ringe, sie spielte nachlässig mit einer Bernsteinkette.

Sie mochte Entzücken aus meinem Gesichte lesen.

»Zweifeln Sie noch daran, ob ich glücklich bin?« fragte sie übermüthig heiter.

»An Ihrer Fähigkeit, Glück auszuströmen, zweifle ich nicht.«

»Nun denn, so glauben Sie auch an mein Paradies.«

»Sei es so. Fand Adam den himmlischen Garten langweilig, ohne Eva, um wie viel mehr müßte es Eva empfinden, wäre sie allein.«

»Aber sie ist es nicht.«

Die Wangen glühten, die Augen sprühten Flammen.

»Dann möchte ich noch einwenden, Ihr Leben sei zu abgeschlossen, Sie hätten zu sehr Alles auf Eines gesetzt.«

»Wenn das Eine das Herz füllt, genügt es wol.«

»Welcher Mann vermöchte sich aus der Höhe der Empfindung zu halten, und Fedor Michailowitsch . . .«

»Ist mein Jugendgeliebter«, fiel sie ein.

»Wie gewann er das Juwel?«

»Als Sie Fürstin Schulkine zum ersten Mal im Ausland kennen lernten, hatte sie ihn eben von mir losgerissen, er wurde krank.«

»Weil er sich auf der Reitschule erkältete.«

Frau von Smirdin schüttelte ungeduldig das Haupt.

»Es war der Kummer.«

Ich dachte an Fedor Michailowitsch. Furcht vor blauer Milch!

»Mein Vater und Fürst Schulkine waren Freunde gewesen«, begann die Dame von Neuem. »Die Wittwe besuchte oft unser Haus mit Fedor Michailowitsch, den sie damals ihren Pflegesohn nannte. Wir sahen und liebten uns. In der Welt galt er für Fürst Schulkine's Erben, mir gestand er heimlich, er sei arm. Er mußte die Wohlthaten der falschen, bösen Frau ertragen.«

»Vergebung, daß ich Sie unterbreche; aber er ertrug sie merkwürdig gut und da er ihr Geld nahm, war er ihr auch verpflichtet.«

»Die Fürstin dachte niedrig genug, dem armen Jungen aus ihrer Unterstützung eine Kette zu schmieden.«

»Wenn er sie weder liebte noch achtete, durfte er niemals ihr Brod essen; war er nicht bereit, sie zu erwiedern, so bestahl er sie um ihre Gunst.«

»Sie kennen die Tücke jener Frau nicht.«

»Ich kenne sie vollkommen und gehe ihr daher aus dem Wege«

»Fedor Michailowitsch war arm und hülflos; im Wohlleben aufgewachsen, vermochte er äußern Glanz nicht zu entbehren. Was sollte er thun?«

»Arbeiten.«

»Damit gewann er vielleicht spärlich Brod, doch nicht Befriedigung seines Schönheitssinnes, seiner orientalischen Prachtliebe.«

»Freilich, Mancher kann die Staffage des Lebens nicht entbehren; aber dies bleibt doch immer eine Charakterschwäche.«

»Sie lieben Fedor Michailowitsch nicht und er spricht immer mit Freundschaft von Ihnen, er ist gutmüthig«

»Gnädige Frau, er erwarb ein Gut, um dessentwillen ich ihn beinahe achten könnte, Ihre Liebe. Theilen Sie mir mit, welchen Plan Sie damals entwarfen, um zur Vereinigung zu gelangen.«

»Fedor Michailowitsch sollte eine Anstellung abwarten; dann hatte ich vor, mich meinem gütigen Vater zu entdecken. Wirklich wurde Fedor zum Ministerialsecretair ernannt und wir verlobten uns mit der Zustimmung meiner Eltern.«

»Was that die Fürstin?«

»Sie drang zu meinem Vater und sprach übel von Fedor Michailowitsch.«

»Das Gute, welches General Metscherski's reizende Tochter von ihrem Verlobten redete, überwog.«

»Ja, gleich einer leichten Wetterwolke zog die Wirkung ihrer Bosheit vorüber. Fedor Michailowitsch theilte mir mit, daß sie im Palais vollständig getrennt lebten, ohne sich auch nur zu sehen; mich behandelte die Fürstin, wenn uns der Zufall zusammenführte, mit offenbarem Haß. Um so überraschender kam eine Einladung, mit ihr zu den Katscheli (Schaukelfest, um Ostern) zu fahren. Sie sagte mir unterwegs Abscheulichkeiten über Fedor Michailowitsch, die Dinge waren so häßlich, so empörend, daß ich sie gar nicht verstand.«

»Auch dies drastische Mittel half nicht?«

»Nein, ich fühlte mich einige Stunden unglücklich; aber Fedor Michailowitsch' Gegenwart zerstreute all' die trüben Gedanken. Uns zu trennen reichte die Kraft einer boshaften Frau nicht aus, dazu bedurfte es eines Dämons.«

»Hatte die Fürstin irgend einen gefälligen Asmodi in ihrem Solde?«

»Sie gewann ihn in der Person von André Iwanowitsch Smirdin!«

»Ihres Gemahls?«

»Des Staatsraths!«

»Wie sonderbar! Herr von Smirdin dünkt mir ein kluger, unterrichteter, energischer Mann von ehrenvoller Festigkeit des Charakters, er ist reich, in der Mitte einer glänzenden Laufbahn und scheint mir nicht nöthig zu haben, bei schmählichen Mitteln Hülfe zu suchen.«

»Sie beurtheilen den Staatsrath theilweise richtig; er ist keiner der wohlfeilen Dutzendschurken, die das Böse aus Dummheit oder Schwäche begehen, aber er verfolgt ehern und unerbittlich seinen Weg, gleichviel ob er damit Andere zermalmt. Auch haben Sie vergessen, daß Smirdin zu jener Zeit einfach Copist im Ministerium war und von seinem Onkel keine Unterstützung erhielt.«

»Herr von Smirdin liebte Sie ebenfalls.«

»Lieben ist nicht das rechte Wort, es paßt nicht auf ihn. Er war in der nämlichen Kronanstalt mit Fedor Michailowitsch erzogen worden. Die beiden jungen Leute schlossen sich aneinander und der Staatsrath genoß viel Angenehmes dadurch, daß ihn sein Freund in den Ferien stets zu Fürst Schulkine mitnahm. Beim Austritt aus der Erziehungsanstalt half Fürstin Schulkine's Verwendung Fedor Michailowitsch zu einer guten Anstellung, während Smirdin, ungeachtet seiner ausgezeichneten Noten, sich mit der niedrigsten Stufe der langweiligen Beamtencarriere begnügen mußte Auch in unser Haus führte mein Verlobter den Freund.«

»Was der Staatsrath nachher beging: er hatte die Entschuldigung, daß Ihre Liebenswürdigkeit ihn bezauberte und hinriß.«

»O ja, die leichte, angenehm angeregte Unterhaltung meiner kleinen Abendgesellschaften behagte seinen überarbeiteten Nerven. Ich besuchte damals gerade die große Welt wenig, weil ich Fedor Michailowitsch ermüdet und angegriffen fand; dafür bot ich ihm Zerstreuung durch einen gewählten Kreis zu Hause.«

»Wenn der tüchtige Mann Ihren Werth erkannte und nach dem Besitz strebte, möchte ich ihn darum nicht verurtheilen.«

»Davon verrieth der Staatsrath wenig; genug – mir war er instinctmäßig zuwider, seine kalte, berechnende Weise machte mich erstarren. Indessen gewann er langsam rings umher Freunde. Meinem Vater erwies er sich in einer schwierigen Gutsangelegenheit nützlich; Fürstin Schulkine schenkte ihm volles Vertrauen. Natürlich blieben mir und Fedor Michailowitsch die Zusammenkünfte der Beiden sowol als ihre geheimen Berathungen verborgen. Wir sollten nur die herbe Frucht kosten.«

Frau von Smirdin brach überwältigt ab. Ihren Körper erschütterte konvulsivisches Zittern, die eigenthümlichen Augen blickten starr und unheimlich gerade vor sich hin.

So lebhaft meine Neugierde und sogar meine Theilnahme erregt war, bat ich sie doch, lieber peinlichen Erinnerungen nicht nachzuhängen.

»Wir sind nun glücklich und vereint«, versetzte sie, während ein reizendes Lächeln der Spannung in ihren Zügen folgte. »Zehn verlorene Jahre, ein Gatte, vier Kinder und eine Schändlichkeit liegen zwischen damals und jetzt.«

»Fedor Michailowitsch benahm sich bei der ganzen Sache passiv?«

»Was sollte er beginnen? Es fehlte ihm sogar die Ahnung, daß und wie sein Freund ihn verrieth.«

Wieder wogte die runde, zarte Brust stürmisch unter dem Gentianenstrauße.

Frau von Smirdin trat an's Fenster.

»Das Wetter hat sich aufgeklärt, gehen wir in's Freie«, sagte sie.

Bereits hatte auch die durstige Erde den Regen aufgesaugt, Diamanten perlten in den Gräsern, die Bäume strömten würzigen Wohlgeruch aus. Der ganze Haushalt befand sich wieder draußen, Knechte und Mägde gingen ihren ländlichen Geschäften nach, die kranke Bäuerin saß auf der Bank vor dem Hause und neben ihr der rothe, stämmige Gefährte, seinen Pfeifenstummel dampfend. Das hübsche Maidele nähte eifrig Spitze.

Für Jeden hatte Frau von Smirdin eine leichte Scherzrede; die schwerfälligen, derben Gesichter verzogen sich zu zufriedenem Lachen, sobald nur die fremde Dame nahte. Ihrer niedlichen Schülerin strich sie freundlich kosend die Wangen und lobte deren Arbeit.

»Dem Herrn hat es oben gefallen, Maidele«, sagte sie; »wir zusammen richteten ja die Stube ein; wir besorgen die Pflanzen und pflegen die Thiere. Komm mit in den Garten und sieh, wie der Sturm dort unter unseren Blumen gehaust hat.«

Leichtfüßig sprang sie uns durch das enge Pförtchen voran; etwas kindlich Frohes, Vogelhaftes sprach aus dem Wesen dieser Frau.

Viele Töpfe waren umgeworfen, mancher Zweig vom Stamm gelöst, Frau von Smirdin griff sogleich zu, Maidele und ich halfen.

Gern hätte ich um Fortsetzung ihrer Erzählung gebeten, allein die Gegenwart des Mädchens verhinderte es.

Das Getrampel eines Maulthiers unterbrach unsere Beschäftigung. Fedor Michailowitsch war aus der Stadt zurückgekehrt. Unter dem Einfluß von Victorinen's magnetischem Blick belebte auch er sich wunderbar. Verschwunden schien jetzt alles schlaffe Wesen.

Mit seligem Lächeln führte sie ihn in's Haus.


Viertes Capitel.

Dämmernd saß ich mit einem Buch auf der Wasserpromenade; über die Brücke kam eine dicke, nachlässig gekleidete Frau, nebst einem lächerlich herausgeputzten kleinen Mädchen; ein Bastard von Spitz und Mops wackelte unbehülflich zwischen den Beiden, den Zug beschloß ein mit verschiedenen Kleidungsstücken und Schirmen beladener Diener.

Ich hatte Fürstin Schulkine erkannt; es war genug, mich zum Aufbruch zu treiben. Hinter mir kam aber pustend das kleine Unthier gerannt, Warinka schrie meinen Namen, erreichte mich endlich und riß mich am Rockschoß.

»Die Fürstin wünscht Sie zu sprechen«, sagte das Kind.

Eine Mantille der Gebieterin, zu weit und zu lang für das Mädchen, schleifte im Staube, das Gesicht mit den derben Backenknochen, den geschlitzten Nasenlöchern, den schiefen, kleinen Augen der kalmückischen Race verschwand im riesigen Strohhut, das Röckchen dagegen war verwachsen und ausgewaschen.

Warinka zerrte mich zu ihrer Herrin zurück.

»Gestern war er in der Stadt! Ich habe ihn gesehen!« rief mir Wera Nikolaewna zu.

»Wenn Sie Fedor Michailowitsch meinen, der ist auch mir begegnet.«

»Wo?«

»Auf dem Wege von der Fragsburg her nach der Stadt.«

»Er ging an meinem Fenster vorüber, ohne nur einen Blick hinauf zu thun. O, die Welt ist undankbar! Ich konnte den Bettler auf die Straße werfen nach des Fürsten Tod, statt dessen hielt ich ihn hoch. Als er kränklich ward, führte ich ihn in's Ausland. Nachher verschaffte ich ihm zum zweiten Mal eine Stelle im Staatsdienst. Zehn Jahre lebten wir glücklich zusammen in meinem Gouvernement. Dies Frühjahr hustete er ein wenig und die Aerzte riethen Ems an. Meiner Abneigung zum Reisen ungeachtet brachte ich abermals das Opfer, Ihm mein Vermögen zu sichern, das gute Werk des Gatten selig zu vollenden, schlug ich jede Heirath aus – dafür flieht mich Fedor Michailowitsch!«

»Es lassen sich eben der Menschen Gefühle nicht erkaufen und Interesse schlingt nie ein zuverlässiges Band.«

Wera Nikolaewna lachte trocken.

»Fedor Michailowitsch wäre nicht so schlimm; die Natter ist an Allem schuld!«

»Die merkwürdige Frau liebt ihn weit mehr, als er mir es zu verdienen scheint – sie hat ihn von jeher geliebt.«

»Es war wirklich eine große gegenseitige Passion und erlosch doch gleich Strohfeuer.«

Das Gesicht der Fürstin glänzte von boshafter Freude; sichtbar ergötzte sie sich in der Erinnerung des damals von ihr und Smirdin herbeigeführten Bruche«.

»Ich vermuthe, die Liebe starb keines natürlichen Todes; man mordete sie!«

Wera Nikolaewna blickte mich scharf an und ihr marmorbleiches Gesicht ward roth; über das angewandte Mittel, Victorinen und deren Verlobten zu trennen, ließ auch sie sich nicht aus.

»Eine Gattin, eine Mutter – ihre Familie verlassen und dem Geliebten anhängen, welche Sünde!«

Die Augen der Fürstin verdrehten sich in frommem Entsetzen.

»Wie viel mag an dem Herzen der armen Frau gesündigt worden sein, bis es so weit kam!«

»Victorine konnte und mußte ihre Pflicht erfüllen, unter allen Umständen ihre Pflicht; Staatsrath Smirdin ist ein vortrefflicher Mann, er hielt sie in Ehren, er gab ihr, was nur eine Frau begehren kann.«

»Möglich, daß sie bei alledem an Liebe darbte.«

»Was meinen Sie, daß Fürst Schulkine mir davon bot?«

»Sie gaben sich für hohen Rang und Reichthum hin. Die Ehe ist ein merkwürdiger Gesellschaftsvertrag; wer Gemüth und Herz zu bieten hat, darf auch solches fordern.«

»Bah! Sie hatte ihre Kinder, die mußten genügen.«

»Es scheint nicht! Wir begegnen häufig dem Irrthum, eine Art Liebe für eine andere Art als Ersatz bieten zu wollen. Wo die Frauen auf das eine Gebiet allein angewiesen sind, wird eben ihr Herzensbedürfniß grenzenlos und nur ermüdende mechanische Arbeit oder geistige Thätigkeit vermögen das Gleichgewicht herzustellen.«

Die Fürstin achtete meiner Worte nicht länger, sie blickte starr nach der Brücke.

»Das ist sie!« schrie sie auf, in purpurner Zorneshitze erglühend.

Rasch hatte sich die alternde dicke Frau erhoben und schien mir Victorinen einholen zu wollen.

Beschwichtigend legte ich meinen Arm auf den der Fürstin.

»Bleiben Sie ruhig« bat ich, »lassen Sie mich einige Worte mit Frau von Smirdin sprechen, ich kehre hierauf wieder zu Ihnen zurück.«

Zögernd willfahrte sie mir.

Erst am Stadtthor gelang es mir, die zierlich in schwarze Seide gekleidete Gestalt einzuholen. Der merkwürdige Kopf war von schwarzem Spitzenschleier verhüllt. Ich hatte Victorine nur an dem anmuthigen Schweben ihres Ganges, die Fürstin sie blos durch den Instinct des Hasses erkannt.

Frau von Smirdin sah verstört aus, unheimlich leuchteten die Augen. Sie lief in nervöser Hast vorwärts, ohne mich zu beachten.

»Ist etwas vorgefallen, gnädige Frau?«

»Mein Gott, ja; Fedor Michailowitsch ist plötzlich von seinem alten Uebel wieder befallen worden, er muß sich erkältet haben, ich eile zum Arzt, wir haben schon nach der Stadt gesendet, allein die Menschen hier sind so fürchterlich langsam.«

Sie sprach es fast keuchend und hielt auch jetzt ihre Schritte nicht an.

»Beruhigen Sie sich; der Anfall wird kaum ernste Folgen haben, ich komme heute Abend noch zu Ihnen hinauf und bleibe die Nacht über bei dem Kranken; nur möchte ich erst Fürstin Schulkine sicher nach Hause bringen, sie wäre zu einem Auftritt auf der Straße fähig.«

»Die Fürstin hier!« rief Victorine tonlos.

Sie blieb jetzt stehen und preßte ihre beiden Hände an die Brust. »Nehmen Sie sich vor einem Spion in Acht«, versetzte ich englisch; denn eben sah ich Warinka hinter meiner Hüfte auftauchen.

»Sie wird uns wieder trennen! Doch nein, er liebt mich ja – ein Mißverständnis; ist zwischen uns nicht mehr möglich.«

Als das grauenhafte Kind an dem ihm unbekannten Idiom wahrnahm, daß es verrathen sei, lief es zu seiner Gebieterin zurück. Ich wechselte noch einige beschwichtigende Worte mit der aufgeregten Frau, drückte ihre Hand und entfernte mich dann langsam.

»Erkältet ist er und sie holt den Arzt für ihn«, bemerkte die Fürstin sogleich; »ich behauptete von jeher, daß er eine elende Gesundheit besitze.«

»Seltsam – dieser Mann, unfähig, für sich selbst zu sorgen, müßte jedem unbefangenen Menschen eine Last dünken, und Sie lassen sich in Ihrer Lebensweise, in Ihren Bewegungen bestimmen durch Fedor Michailowitsch!«

»Meinen Sie! Fast möglich, daß Sie Recht haben; wenn er wirklich sehr krank ist, dann machte ich Victorinen kein großes Geschenk mit ihm!«

»Ich begreife niemals, wie man ohne starke Liebe, ohne die allerbefriedigendsten Wechselbeziehungen sich ein fremdes Leben aufbürden mag.«

Wera Nikolaewna verstummte und fiel in Sinnen. Wahrscheinlich gingen an ihrem Geiste all' die verschiedenen Scenen ihres alten Kampfes mit Victorinen vorüber. Höhnisches Lächeln zuckte um ihre Lippen. Vielleicht wog sie Fedor Michailowitsch' Verdienst und der Mann wurde zu leicht befunden.

Oder auch: sie erwog die ihr wolbekannten Eigenschaften desselben und rechnete auf endlichen Sieg.

Warinka benutzte die Zeit, aus der schönen emaillirten Tabatière der Fürstin eine Prise zu stehlen, welche sie in ihre kleine Nase stopfte, Sie ward ertappt und erhielt einen Schlag auf die Hand. Die Kleine brach in ein Geheul aus, dabei log sie sich aber unter Thränen von aller Schuld rein. Wera Nikolaewna war zu träge, die Sache zu prüfen und schenkte dem Mädchen etwas Geld, sich Zuckerwerk zu kaufen.

»Morgen werde ich abreisen« versetzte die Fürstin plötzlich.

»Sie thun wohl daran; der Aufenthalt hier könnte Ihnen nur unangenehm sein und jetzt haben Sie noch eine gute Jahreszeit zur Heimkehr.«

»Wollen Sie mir für Mittag Postpferde bestellen, Franz Petrowitsch?«

»Mit Vergnügen.«

Hierauf ertheilte mir Wera Nikolaewna noch zahlreiche Aufträge. Es gab wenige Menschen, die sich mit anderer Leute Zeit und Bequemlichkeit solche Freiheiten erlaubten, als eben sie.

Sobald ich loskommen konnte, schlug ich den Weg nach dem Berghof ein. Bei Fedor Michailowitsch war mittlerweile der Arzt gewesen. Dieser hatte nur Ruhe und große Schonung empfohlen. Der Kranke fügte sich mit unsäglicher Angst um seine Gesundheit jeglicher Vorschrift. Regungslos lag er im Bett und Victorine mühte sich, all' seine Wünsche zu errathen.

Gegen Abend fiel er in ruhigen Schlaf. Frau von Smirdin fieberte selbst, ich bat sie, Fedor Michailowitsch unter Maidele's Obhut zu lassen und mit mir hinab auf die Gartenstraße zu kommen.

An der Weise, wie sie sich auf meinen Arm stützte, konnte ich abnehmen, wie sehr sie erschöpft sein mußte. Ich trug sie fast nach der Steinbank. Das Mondlicht schimmerte auf die weißen Kleider Victorinen's, um die Schultern hatte sie einen blendenden arabischen Burnus geschlungen und den Kopf verhüllte die Kapuze zum Theil.

Ich erzählte ihr jetzt Fürstin Schulkine's Entschluß abzureisen – sie athmete hoch auf.

»Halten Sie mich nicht für schwach«, bemerkte Victorine; »aber die Entfernung jener Frau schafft mir Erleichterung. Langer Kampf macht uns müde und feig«, fügte sie hinzu.

»Arme Liebe«, dachte ich, »gegen wie viel hat sie hier zu kämpfen! Da steht ihr das Verdammungsurtheil der Welt entgegen, ein anderweitig geschlossener Bund, sogar materielle Schwierigkeiten, schlechte Gesundheit und eine böse Frau – lauter mächtige Feinde.«

»Nicht als ob ich Fürstin Schulkine fürchtete«, fuhr Victorine fort; »so lange ich an Fedor Michailowitsch glaube, bin ich stark. Das ist eben das Teuflische, was jener Frau einmal gelang: sie untergrub mein Vertrauen zu dem Geliebten und raubte mir damit die Seele aus dem Körper.«

»Sie blieben neulich auf diesem Punkte bei Ihrer Erzählung stehen; würde es Sie erschüttern, mir den Schluß mitzutheilen?«

»O nein! Aus der heitern, glücklichen Gegenwart blickt es sich gut in die graue, düstere Vergangenheit.«

»Wie siegte die Liebe?«

»Fürstin Schulkine's schändlicher Anschlag gelang damals. Ich selbst stieß Fedor Michailowitsch von mir. Mein Geliebter warf seiner sogenannten Wohlthäterin die schwarze Handlung vor, sie geriethen in bittern Streit und brachen mit einander. Fedor Michailowitsch zog sich in ein Hôtel garni zurück und lebte dort von den Einkünften seines Amtes.«

»Das war der erste Schritt zu voller Freiheit, zu echter Manneswürde!«

Frau von Smirdin schüttelte den Kopf.

»Armes Herz!« rief sie aus, »für Viele wäre die Lage passend gewesen, aber Fedor Michailowitsch litt. Sein Schönheitssinn fand sich durch die gemeine Umgebung beleidigt, er entbehrte wirklich, dazu drückte der Kummer über unsere Trennung; so wurde er ernstlich krank. Launenhaft wie immer holte ihn Fürstin Schulkine eines Tages ab und führte ihn mit sich in's Ausland.«

»Aber was geschah mit Ihnen, gnädige Frau?«

»Ich blieb erstarrt, betäubt zurück – mir schien die Sonne am Himmel erloschen und dennoch ging Alles im gewohnten Geleise fort. Auch Herr von Smirdin verfolgte seinen ruhigen Weg und setzte sich immer fester in der Menschen Meinung. Er rückte vor, zu gleicher Zeit ernannte ihn sein Onkel, der ihn ohne Unterstützung ließ, so lange er dieselbe nöthig hatte, zum Erben. Beim Vater warb er um mich und die Eltern priesen ihn als willkommenen Freier. Mir dünkte er minder unerträglich, als jeder andere Gatte, weil hier durchaus keine Liebe in's Spiel kam, und dann wollte ich vergessen, mich in neue Verhältnisse stürzen, alte zu verwischen – so ward ich Smirdin's Frau! Die Ehe lehrte mich rasch, ohne Liebe gäbe es kein wahres Leben – ich vegetirte blos. Der Staatsrath versuchte nicht, meine Neigung zu zwingen; sein Amt, sein Ehrgeiz und verwickelte Verwaltungsgeschäfte gaben ihm hinreichend zu thun. Er stieg von Stufe zu Stufe, ich lebte neben ihm, aber geistig und gemüthlich allein. Fürstin Schulkine war mit Fedor Michailowitsch wieder heimgekehrt; es hieß, er sei genesen. In Petersburg hielt sie sich nicht auf, sondern reiste sogleich nach ihrer Kreisstadt. Jahre vergingen, meine Kinder wuchsen um mich heran, da führte mir der Zufall ein Blatt Papier in die Hand. Es enthielt nur wenige abgerissene Zeilen; sie reichten zu der Entdeckung hin, mit welchen Mitteln man mich von Fedor Michailowitsch getrennt hatte. Jetzt schwanden mir plötzlich alle Nebel der Täuschung, ich fühlte, daß ich meinem Jugendgeliebten noch immer leidenschaftliche, glühende Zärtlichkeit weihe und daß ich den Staatsrath hasse. Dieses mein Geständniß nahm letzterer in seiner kühlen Weise auf. Doch gelang es weder dem Spott, noch Versuchen von Gewalt, mich zu entwaffnen. Wir waren nun so getrennt, als es Menschen in unserer Lage sein konnten; selbst die Liebe zu meinen Kindern schwand, denn er hatte ja auch Theil an ihnen. Allmählich litt meine Gesundheit, ich wurde reizbar, abgespannt und verstimmt. Die Aerzte befürchteten ein schweres Nervenleiden und riethen zeitweise Trennung von meiner häuslichen Umgebung, nebst tiefer Ruhe unter mildem Himmelsstriche. So wurde ich aus meiner Sklaverei erlöst. Ich reiste langsam, ohne Freude. Wol ist die Seele das Medium, welches uns alle Gegenstände färbt; denn nichts interessirte mich, nichts dünkte mir schön. Oft müde und häufig rastend erreichte ich erst nach einigen Monaten Südtyrol. In der »Kaiserkrone« zu Botzen stieg ich nach langem Reisetage matt die Treppe hinan. In der ersten Etage öffnete sich eine Thür, ich sah eine wolbekannte, liebe Gestalt – mir entrang sich der Ruf: »Fedor Michailowitsch!« Er fuhr in die Höhe, er trat heraus, eine Secunde später lagen wir uns in den Armen, waren vereinigt für's Leben. Was soll ich Ihnen noch weiter berichten von einer köstlichen Fahrt in der Nachtkühle hierher, von dem stillen, lieben Nest, das wir fanden. Die Fürstin war eben aus dem Hôtel abwesend; so stellte sich unserer gemeinschaftlichen Abreise kein Hinderniß in den Weg. Das Glück heilte mich rasch, wie durch ein Wunder erlangte ich die Gesundheit zurück, meine Kräfte wuchsen über Nacht. Seitdem dünkt mir das Gras grüner und der Himmel blauer als sonst, die ganze Welt erscheint mir in ein glänzendes Licht getaucht; denn ich liebe.«

»Möge der holde Wahn lange anhalten.«

Victorine lächelte heiter und verschwand in's Haus.

Am folgenden Morgen befand sich Fedor Michailowitsch besser; ich verabschiedete mich zeitig und versprach noch den nämlichen Tag die gute Nachricht von der wirklich erfolgten Abreise der Fürstin hinaufzubringen.

Vor der Post lauerte Warinka auf mich.

»Sie sollen die Pferde abbestellen«, rief mir das Kind zu.

»Aber weshalb?«

»Die Fürstin will eben nicht reisen!«


Fünftes Capitel.

Fedor Michailowitsch' vollständige Genesung ließ noch immer auf sich warten. Es schien ihm im Ganzen besser zu gehen, allein die geringste Veranlassung führte einen Rückfall herbei. Mehr und mehr ward er »ein Kranker«. Dieser bald anerkannte Zustand führte Launen und zahlreiche Bedürfnisse mit sich.

Für einen Zeugen wurde es wahrhaft empörend, mit welchem Egoismus er alle Kräfte Victorinens anspannte. So sehr sie es mir verbarg, verriethen mir doch einige kleine Umstände, daß sie des Nachts arbeite, um tagsüber für all' seine Anforderungen bereit zu sein. Ebenso glaubte ich zu errathen, sie darbe, damit er jede vorübergehende Laune eines müßigen Kranken befriedigen könne.

Täglich trat ich Victorinen zu Lieb' die Wanderung nach dem Berghofe an. Sie benutzte die Zeit meiner Anwesenheit, sich ein wenig zu erholen und ließ mich meistens mit Fedor Michailowitsch allein.

Eines Nachmittags traf ich ihn abgespannt auf der Steinbank der Terrasse liegend. Purpurkissen stützten sein Haupt, er trug einen Schlafrock von dunkelblauer Seide und ein türkischer Shawl war über ihn gebreitet, seine Hände zerknitterten ein durchsichtig feines Taschentuch.

Das noch immer hübsche Gesicht sah unmuthig aus.

Zum ersten Male überraschte mich der gänzlich metallose Klang seiner Stimme.

»Wie geht es heute Herr von Borchewskoi?« fragte ich die mir nachlässig gereichte Hand erhebend.

»Schlecht und es wird auch nicht besser werden, so lange ich hier oben bin – diese Bergluft tödtet mich.«

»Wenn Sie etwas tödtet, so sind es zunächst Ihre Einbildungen; Sie geben sich zu sehr nach und bieten die moralische Widerstandskraft, welche der Mensch einem Uebel entgegenzusetzen vermag, gar nicht auf.«

»Sie werden mich doch nicht mit deutscher Metaphysik curiren wollen?«

Er richtete sich zornig auf und die Bewegung bewies, daß er viel Muskelkraft besitze.

»Nein, ich bin kein Arzt; nur fürchte ich, all' die ewig wechselnden Einfälle und Wünsche schaden Ihnen und werden zugleich für ihre Umgebung qualvoll.«

»Ah! darum handelt es sich; Sie denken nur an Frau von Smirdin!«

»Mir ist die Aufopferung einerseits und der Mangel an Anerkennung andererseits höchst peinlich.«

»Sie irren, ich liebe Victorine!«

Ich schwieg ungeduldig; wähnen doch manche Menschen mit ihrer gänzlich werthlosen Liebe Alles gelohnt, Alles abgethan zu haben!

»Mir kann nur im Süden geholfen werden.«

»Aber Sie befinden sich ja im Süden«

»Ich bin in den Alpen und muß an's Mittelländische Meer.«

»Das rechte Klima für eine bestimmte Constitution festzusetzen ist wegen der veränderlichen und mannichfaltigen dabei in Betracht zu ziehenden Umstände kaum möglich.«

»So viel weiß ich, daß ich hier zu Grunde gehe und in Nizza oder Cannes meine Gesundheit wiederhergestellt hätte. Victorine ist an meinem Unglück schuld! Hätte sie mich nicht von Fürstin Schulkine fortgenommen, so könnte ich hingehen, wohin es mir gelüstete.« Ein Glas fiel zu Boden und zersprang klirrend. Wir gewahrten Frau von Smirdin; sie zitterte gleich Espenlaub und jede Spur von Farbe hatte ihr Gesicht geflohen. Sie war eben gekommen, Fedor Michailowitsch einen Kühltrank zu reichen und hatte seine letzten Worte mit angehört.

»Sie sollen an's Mittelländische Meer«, sagte Frau von Smirdin sich fassend.

Er küßte ihr verlegen die Hand. Sie blickte mit unendlicher Liebe auf ihn, wie eine Mutter es nach dem Kinde thut, welches ihr unsägliche Schmerzen bereitet hat.

»Bleiben Sie hier oben, bis ich wiederkehre.«

Victorine richtete die paar Worte an mich, nickte uns ihren Abschiedsgruß zu und ging fort.

»Was mag sie nur vorhaben?« bemerkte Fedor Michailowitsch.

»Irgend ein Opfer. Sie zerreißen der Frau das Herz.«

»Bah! es giebt nur zwei wirkliche Uebel. Diese bestehen darin krank zu sein und kein Geld zu haben.«

Stunden verflossen; lang und langweilig für mich, durch Victorinen's Wunsch an den mir nicht passenden Gefährten geschmiedet. Endlich kehrte Frau von Smirdin wieder heim; ihr Schritt war elastisch, frei und leicht, ihr Gesicht strahlte vor Freude.

»Treffen wir unsere Reisevorbereitungen, Fedor Michailowitsch«, flüsterte sie zärtlich über ihn geneigt.

»Womit sollen wir reisen?«

»Wir sind reich!«

»Ich brauche einen Bedienten, eine sonnige geräumige Wohnung in lebhafter Lage und einen Wagen, um jeden Tag ohne Anstrengung in's Freie zu gelangen.«

Das Licht schwand aus den ausdrucksvollen Zügen der Frau. 14.0pt;

»So weit reichen unsere Mittel nicht«, bemerkte Victorine tonlos.

»Lassen wir das Ganze«, versetzte er unmuthig; »warum mußten Sie auch unerfüllbare Hoffnungen erregen!«

»Ihre Wünsche sollen befriedigt werden, Fedor Michailowitsch.«

»Wie wäre dies möglich?«

»Wir« – die Stimme Victorinens zitterte so, daß ich sie nicht mehr verstand – »trennen uns«, setzte sie gefaßter werdend hinzu. »Sie reisen allein nach Italien und ich wende einstweilen die vielen Dinge, welche man mich lehrte, an, um Geld zu erwerben.«

»Der Plan dünkt mir abenteuerlich und unausführbar; überdies bedarf ich Jemandes zur Pflege, sowie zur Gesellschaft. Indessen kam mir ein Einfall, wie vielleicht zu helfen sei.«

»Wir könnten zusammen bleiben?«

»Natürlich, allein reise ich nicht.«

Glück glänzte wieder auf den beweglichen Zügen der Frau; sie hielt für Liebe, was nur der Gipfelpunkt seiner Selbstsucht war!

»Fürstin Schulkine befindet sich noch in Meran«, wandte sich Fedor Michailowitsch an mich.

»Ja.«

»Als ich sie eilig verließ, blieben zahlreiche mir gehörige Gegenstände von Werth in ihrem Besitze zurück; könnte man die Herausgabe von ihr erlangen, so wäre uns geholfen.«

»Fedor Michailowitsch muß nach dem Süden«, murmelte Victorine die Augen bittend auf mich gerichtet.

»Ich verstehe, gnädige Frau; Sie wollen mich mit der unangenehmen Sendung beauftragen und aus Ergebenheit für Sie bin ich auch bereit, nur hege ich geringe Hoffnungen erfolgreich zu sein.«

»Wie! sie kann Ihnen ja nicht verweigern, Fedor Michailowitsch' Eigenthum herauszugeben und wenn noch überdies seine Aussicht auf Wiederherstellung davon abhängt, dann ist es geradezu unmöglich, daß sie es zurückhält.«

»Wir werden sehen.«

Fedor Michailowitsch verlangte Papier und Bleistift. Er fing an die Gegenstände zu verzeichnen, wurde aber bald träge und dictirte Victorinen die lange Liste.

Mit dem Dokumente bewaffnet, machte ich mich auf den sauren Gang.

Fürstin Schulkine weilte nun tagelang hinter geschlossenen Fensterläden; nur wenn es finster wurde hatte ich sie zuweilen mit Warinka und dem Hunde über die Wassermauer huschen sehen. Sie schien mir vollständig dem Spleen verfallen.

Meine Augen mußten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, bis ich wahrnahm, wie ihre Gestalt in weißem, zerknitterten Nachtkleide sich vom Lager erhob. Der Hund kläffte und Warinka verkroch sich bei meinem Eintritt.

»Was suchen Sie bei mir, Franz Petrowitsch«, redete mich Wera Nikolaewna an; »Sie gingen ja vollkommen zum Feinde über.«

»Verbannen wir alle Leidenschaftlichkeit aus unserer Unterredung«, bat ich.

»Gut; was wollen Sie? Mir dünkt, daß die Menschen, wenn sie zu mir kommen, stets einen Plan damit verbinden.«

»Fedor Michailowitsch läßt um den zurückgebliebenen Rest seiner Sachen ersuchen.«

»Ich bedaure, ihm nicht willfahren zu können; indessen hätte er das Zwilchröckchen doch schon längst verwachsen, ich habe es einem Gärtnerjungen geschenkt.«

»Sie befinden sich in einem Irrthum«, entgegnete ich, auf die höhnisch vorgetragene Rede; »hier schickt er das Verzeichniß.«

Die Fürstin gab sich nicht die Mühe, das Blatt zu lesen, sie nahm es nicht einmal aus meiner Hand.

»Franz Petrowitsch«, versetzte sie, »sind Sie getäuscht worden? Oder wie kämen Sie sonst dazu, eine unverschämte Forderung zu unterstützen! Als der Bettler am üblen Tage unser Haus betrat, brachte er außer den ärmlichen Kleidern, welche er am Leibe trug, nichts mit!«

»Sei es, daß Fedor Michailowitsch Alles dem Fürsten und Ihrer Großmuth verdankt, so ist doch was Sie ihm schenkten nun zweifellos sein Eigenthum.«

»Die Gegenstände waren ihm blos zur Benutzung geliehen.«

»Lassen wir das Wortgefecht, die gerechte Entrüstung über erlittenen Undank reißt Sie hin. Fedor Michailowitsch unterlag einem Anfalle seines altes Uebels, nur von dem Aufenthalte in einer besonders begünstigten Winterstation erwartet er Heilung. Die Gegenstände sollen ihm das Mittel dazu bieten.«

»Welches Interesse könnte mir seine Genesung einflößen! Mag er zu Grunde gehen!«

Obschon ich Aehnliches vorher gesehen, berührte mich doch der Ausgang meiner Mission höchst unangenehm; zerstreut und verstimmt trat ich aus der »Post«.

Eine leichte Hand legte sich aus meinen Arm.

»Ihr Gesicht verräth mir, daß die Sendung mißlang.«

»Sie folgten mir!« bemerkte ich, verwundert in Frau von Smirdin's gegen mich erhobenes Gesicht blickend.

Victorine nickte traurig.

»Auch mir kommt der Ausgang nicht unerwartet, denn ich kenne die Frau.«

»Herr von Borchewskoi muß sein Vorhaben aufgeben.«

»Nein, er soll erreichen, was er wünscht; sonst vermehrt der Unmuth sein Uebel.«

»Wie glauben Sie dies ermöglichen zu können, gnädige Frau?«

»Begleiten Sie mich zur Fürstin Schulkine.«

»Die giebt nicht nach; Sie setzen sich vollkommen nutzlos deren Beleidigungen aus.«

»Kommen Sie!« Aufgeregt schritt mir Victorine voran, es blieb mir nichts übrig als zu folgen.

Wera Nikolaewna sprang gleich einer verwundeten Tigerin aus, sobald sie Frau von Smirdin erblickte. Diese dagegen ging auf die ältere Dame zu und küßte deren Hand.

»Wagen Sie sich zu mir, um mich zu verhöhnen?« fragte die Fürstin mit Schaum an der Lippe.

»Sie sehen mich hier als Bittende.«

»Wenn Sie von mir erreichen wollen, was ich eben abschlug, so ist Ihre Mühe vergeblich.«

»Fürstin, ich flehe Sie an – nehmen Sie Fedor Michailowitsch zurück.«

Victorine war jetzt auf einen Sitz gefallen. Wera Nikolaewna starrte sie wie sinnlos an, brach aber plötzlich in grelles Lachen aus.

»Natürlich haben Sie ihn satt!«

»Als Sie uns das erste Mal trennten, vergifteten Sie meine Jugend; wenn Sie mir ihn zum zweiten Male rauben, vernichten Sie mein Leben.«

Beinahe unverständlich kamen die letzten Worte aus dem Munde der gequälten Frau. Krampfhaftes Schluchzen drang gewaltsam hervor, wild wie ein Bergbach stürzten ihr die Thränen herab.

Die grünlichgrauen Augen der Fürstin weideten sich eine Weile an dem Schauspiele; dann versetzte Nikolaewna kalt:

»Morgen reise ich; findet sich Fedor Michailowitsch rechtzeitig an meiner Thür, dann mag er mitkommen.«

Die Dame drehte sich auf ihrem Ruhebette nach der Wand zu – unsere Audienz war beendet.

Ich hatte Mühe, die so gewaltsam Erschütterte mit mir fortzuführen. Steinerne Unempfindlichkeit löste die leidenschaftliche Erregung ab.

»Es ist unmöglich, daß Fedor Michailowitsch Sie freiwillig für Fürstin Schulkine verläßt«, bemerkte ich.

»Er wird es thun.«

»Sie schätzen seinen Charakter so richtig und vermögen doch ihn zu lieben!«

»Giebt es Gesetz, Regel und Maß für Liebe?«


Sechstes Capitel.

Früh und rauh brach der Winter an. Auch ich zog über die Alpen und Apenninen. Von Fürstin Schulkine hörte und sah ich indessen nichts weiter, nachdem mich Neugierde und vielleicht noch ein stärkeres Interesse an dem zu ihrer Abreise von Meran bestimmten Morgen auf den Sandplatz getrieben hatte.

In der Vertiefung einer alten entweihten Kapelle wählte ich meinen Beobachterposten.

Der Reisewagen der Fürstin wurde aus der Remise gezogen, Warinka pflanzte sich spähend und lauernd daneben auf. Plötzlich rannte das Kind in die »Post« zurück.

Um die Ecke von Steinach her kam eine Portechaise, Fedor Michailowitsch saß darin, er ließ sich bis zum Reisewagen bringen, im selben Augenblick erschien auch die Fürstin. Der junge Mann küßte ihr die Hand, sie lächelte seltsam, der Postillon schwang die Peitsche und blies in sein Horn, fort wirbelten die Reisenden über die Etschbrücke dem Süden zu.

Meine Sympathie weilte bei der Zurückgebliebenen.

Einige Tage ließ ich vorübergehen, um die erste Heftigkeit des Gefühls, welche besser keinen Zeugen hat, sich austoben zu lassen.

Als ich den Berghof betrat, befand sich Frau von Smirdin auf einsamem Spaziergange abwesend. Maidele führte mich in ihr Zimmer.

Die Pflanzen hingen vertrocknet herab, mehrere von den schönen Thieren waren aus Mangel an Sorgfalt, der sie nicht entbehren konnten, zu Grunde gegangen.

Es duldete mich nicht in dem Raum, welchen ich vom Glück bewohnt und geschmückt gesehen hatte. So zog ich vor, auf der freien Steinterrasse Victorinens Eintreffen zu erwarten.

Auf der weißen Steinplatte des Tisches standen die Worte: »Nessun maggior dolore que ricordassi nel tempo infelice della felicità! – Kein größerer Schmerz als in unglücklicher Zeit sich des Glückes erinnern.«

Beredt genug schilderten wir all' die stummen Zeugen Victorinens Kummer.

»Wie erfolgte die Trennung?« fragte ich das Landmädchen.

»In zärtlichster Liebe und vollstem Einverständnisse; sie hing an seinem Halse und ich meinte, sie würde ihn nie mehr lassen; auch er weinte. Unterdessen wollen sie sich häufig schreiben und im Frühjahr, wenn der gnädige Herr wieder genesen ist, hat er versprochen, hierher zu kommen. Dessenungeachtet trauert Frau von Smirdin um ihn, als sei er ihr für immer geraubt.«

Victorine kam nicht heim, und weil mich sonst die Dämmerung aus dem mühsamen Wege überraschen würde, sah ich mich genöthigt aufzubrechen.

Maidele sagte mir, sie beabsichtige Frau von Smirdin zu suchen, diese bringe Zeit und Ort vergessend oft Stunden unbeweglich zu.

Die seltsame Frau der treuen Pflege der hübschen und freundlichen Tochter ihrer Wirthin empfehlend, schied ich.

Erst gegen das Frühjahr erhielt ich eigenhändige Nachricht von Victorinen.

Der Brief lautete:

»Leben Sie wohl!

»Sie waren gut gegen mich, ich bin überzeugt, daß aller Zerstreuung des Reiselebens ungeachtet Ihre Gedanken häufig zu der Einsiedlerin des Freibergs wandern. Stellen Sie sich indessen den Winter nicht allzuschlimm vor – damals hoffte ich noch.

»Fedor Michailowitsch schrieb häufig, mit seiner Gesundheit besserte es sich. Cannes bekam ihm so vortrefflich, daß er stark genug wurde in Gesellschaft zu gehen. Fürstin Schulkine versammelte in ihrem Hause einen eigenen Kreis und ihr Schützling sah sich den Mittelpunkt liebenswürdiger Sorgfalt.

»Im Februar traten heftige Winde ein, sie brachten Fedor Michailowitsch eine Entzündung, es war wie ein Denkzettel seiner Krankheit, ihn zu mahnen, daß sie ihn noch nicht gänzlich verlassen habe.

»Zur Wiederherstellung trank er Eselsmilch. Nachher sollte er, um die Molkenkur zu gebrauchen, nach Meran kommen.

»Wirklich verabschiedete er sich von der Fürstin und reiste nach Paris. Dort stieg er im Grand Hôtel ab und beschloß, einige Tage zu ruhen. Er benutzte auch die Gelegenheit, ein paar berühmte Aerzte zu consultiren. Alle empfahlen dringend Schonung seiner angegriffenen Brust, Ausenthalt in mildem Klima und Vermeidung jeder physischen sowol als auch moralischen Aufregung.

»Verstimmt, traurig und allein hielt er sich bei schlechtem Wetter im Gasthofe auf, seine Baarschaft schwand schreckenerregend. Er dachte an seine, an unsere Zukunft und vermochte keinen lichten Punkt zu finden. Mitten in den trüben Betrachtungen unterbrach ihn Warinka.

»Die Fürstin war ihm nach Paris gefolgt, aber ihrem Geize entsprechend in einem wohlfeilern Gasthofe abgestiegen. Sie sandte jetzt das Kind an ihn – nur um nach seiner Gesundheit zu fragen.

»Aus sich selbst fügte die Kleine hinzu: ihre Wohlthäterin befände sich leidend, sie glaube nicht mehr lange zu leben und habe vor, ihr Vermögen in drei gleiche Theile an ihre Verwandten, die Wittwenanstalt und Fedor Michailowitsch zu geben. Der Letztere solle ungeachtet seiner Undankbarkeit miterben, sie wolle den verstorbenen Gatten noch in dessen Schützling ehren.

»Fedor Michailowitsch warf sich sogleich in einen Wagen und fuhr zur Fürstin Schulkine; sie empfing ihn sehr gut, vergoß Freudenthränen, als sie ihn sah und willigte ein, zu ihm in's Grand Hôtel zu kommen. Dort kämpften sie eine volle Woche über den Entwurf des Testamentes.

»Die Capitalien, das Stadthaus in der Gouvernementstadt und das Dorf Mardafi lockten Fedor Michailowitsch gleichmäßig; doch er sollte nur eines davon erhalten. Wenn er endlich seine schwere Wahl traf, durchkreuzte die Fürstin den Entschluß durch eine andere Verfügung.

»Fedor Michailowitsch schrieb mir, er hoffe, mittelst verlängerten Beisammenseins sie ganz gefügig zu stimmen. Sie führte ihn mit sich nach Ems.

»Wir können viel glücklicher zusammen leben und uns weit mehr lieben, wenn wir reich sein werden«, fügte er, mich zu versöhnen, hinzu. Die Fürstin sei offenbar leidend und außerordentlich gealtert – sie würde uns nur noch kurze Zeit getrennt halten. Ja, er mußte mir sogar bekennen, die Anhänglichkeit jener Frau rühre ihn und er sehe es für seine Pflicht an, den Abend ihres Lebens zu verschönern. Darüber hinaus winke als Lohn unsere Vereinigung.

»Er läßt sich täuschen, ich nicht. Wera Nikolaewna heuchelt Krankheit, sie heuchelt Alter und vor Allem wird sie sich niemals freiwillig ihres Besitzthums, sei es auch blos durch ein Testament, entschlagen. In Wahrheit zählt sie kaum fünfzig Jahre und eine bärenhafte Gesundheit verleiht ihr sichere Aussicht, noch dreißig weitere zu leben. Ihre Hinterlassenschaft wird einen Monstreproceß unter der zahlreichen Verwandtschaft verursachen, weder die Wittwen, noch Fedor Michailowitsch erhalten einen Rubel.

»Den Letztern wird sie in möglichst wohlfeiler, schlecht gelohnter Dienstbarkeit so lange sie athmet halten, ohne sich zu bekümmern, was späterhin mit ihm geschieht.

»Mir erscheint das Leben als eine ungeheure Wüste, es ist Zeit, zur Ruhe zu gehen .

»Leben Sie wohl! und möge ich Ihrem Andenken entschwinden, wie das vom Winde verwehte Blatt.

Victorine.«


Siebentes Capitel.

Dieser Brief enthielt Manches, was mich erschreckte; namentlich verursachte mir Victorinens Lebewohl einen peinlichen düstern Eindruck – in dem verzweifelten Gemüth schien mir der Selbstmord zu lauern.

Frau von Smirdin's Mittheilungen hatten mich erst auf Umwegen und nach Verzögerungen erreicht; so beschloß ich mich direct an Maidele zu wenden, um Kunde von allen Vorfällen auf dem Berghofe zu erhalten.

Der Ungewißheit eines täglich wechselnden Reiselebens halber gab ich die Adresse meines Bankiers in der Stadt ab. Daher verflossen abermals Wochen, bevor die erbetene Aufklärung in meine Hände gelangte.

Durch Maidele, welche in Frau von Smirdin's Umgang sich hinreichend gebildet hatte, um einen erträglichen Brief schreiben zu können, erfuhr ich, die Dame habe den Winter über ein unnatürlich abgeschlossenes Leben geführt, der Briefwechsel mit Fedor Michailowitsch sei ihre einzige Zerstreuung gewesen. Je nachdem die Briefe lauteten, hielt die entsprechende Stimmung an, bis neuer Stoff ein Fallen oder Steigen des Barometers von Victorinen's Gemüth veranlaßte.

Endlich im Frühjahr kam ein Schreiben, dessen Inhalt zwar Maidele nicht erfuhr, aber aus dessen wahrhaft fürchterlicher Wirkung auf die Dame sie wol entnehmen konnte, der lange, phantastisch-leidenschaftliche Liebestraum sei nun gewaltsam zerstört. Victorine brach in keine Klage aus; mir erschien sie wie abwesend, ihre Bewegungen hatten etwas Mechanisches, sie genoß weder Speise noch Trank und an dem gleichmäßigen, ununterbrochenen Fußfall über ihrem Kopfe konnte das Mädchen abnehmen, die fremde Dame habe die ganze Nacht nicht einmal Ruhe gesucht.

Den nächsten Morgen schrieb Frau von Smirdin den Brief an mich, kleidete sich elegant an und ging zu Fuß nach der Stadt, was sie seit dem Herbste nicht mehr gethan hatte. Erschöpft kehrte sie spät zurück. Auf Maidele's teilnehmende Fragen lächelte Victorine, Sie legte sich angekleidet auf's Sopha, goß eine das Wasser grünlich färbende, stark riechende Flüssigkeit in ein großes Glas und leerte dieses ohne abzusetzen.

Maidele fragte, ob Frau von Smirdin Arznei genommen habe? Diese antwortete: »Ja Kind, der Trank heilt alle Leiden!«

Nachher forderte sie das Mädchen auf, sich neben sie zu setzen und plauderte ruhig freundlich mit Maidele. Es mochte einige Stunden gewährt haben, das junge Mädchen begann sich schläfrig zu fühlen.

»Gehe jetzt zu Bett, Du bist müde«, sagte Frau von Smirdin, küßte Maidele auf die Stirn und schob sie nach der Thür.

Damals sich entfernt zu haben, ohne den sonderbaren Zustand der fremden Dame weiter zu beachten, wurde späterhin der Gegenstand peinlicher Selbstvorwürfe für das zartfühlende Mädchen. Maidele besann sich noch der Katastrophe, wie sich Frau von Smirdin's Pupille unheimlich erweitert hatte, ihr Gesicht aber erbleicht und von Zuckungen verzerrt war. Auch glaubte Maidele in der Nacht zuweilen Stöhnen vernommen zu haben.

Die entsetzten Hausleute trafen den Eingang zu Frau von Smirdin's Zimmern verriegelt; alle Zurufe blieben unbeantwortet. Nachdem sich die Familie endlich dazu entschloß, die Thür zu sprengen, fanden sie ihre schlimmsten Befürchtungen erfüllt.

Die Dame lag am Boden besinnungslos, kalt und starr.

Maidele stürzte selbst in wahnsinniger Hast über einen Bergsteig hinab nach Meran und holte den Arzt. Schwache Bewegungen hatten mittlerweile an der Kranken Leben verkündet. Diese erwachte allmälig, aber keineswegs zum Bewußtsein.

Die Muthmaßungen des Arztes waren: Frau von Smirdin habe eine schädliche, zerstörend in's Leben eingreifende Substanz eingenommen, welche indessen nicht hinlänglich stark war, sie zu tödten. Er fühlte sich verpflichtet, den Gemahl der Dame in Kenntniß zu setzen. Maidele erinnerte sich nun, wie Victorine während ihrer einsamen Wanderungen mit Vorliebe Pflanzen gesucht hatte und sich mehrere der als giftig bekannten bezeichnen ließ. Der mangelhafte Apparat ließ keine genaue Destillation zu, folglich gelangten mehrere indifferente, das Gift neutralisirende Stoffe mit in den Trank; diesem Umstände verdankte Victorine das Leben.

Ein heftiges Gehirnfieber brach aus und die durch den Vergiftungsversuch angegriffene Constitution hatte einen harten Kampf zu führen.

Zur Zeit, als mir Maidele schrieb, war auch die Krankheit überwunden; nur außerordentliche Schwäche und Abspannung zurückgeblieben. An Maidele's Arm mußte Frau von Smirdin von Neuem gehen lernen. Uebrigens freute sie sich der Sonne, freute sich der Blumen.

War für Victorine das Leben ein Geschenk?

Ich saß einsam vor meinem Schreibtische, als ich die Frage aufwarf und verneinte.

Bescheidenes Klopfen an der Thür unterbrach mich. Ein sehr glatter, sehr kluger Manneskopf zeigte sich.

»Störe ich?« fragte eine affectlose Stimme.

Nicht ohne Erschütterung erkannte ich Staatsrath von Smirdin.

»Ich weiß vollkommen den Werth der Zeit zu schätzen und bedaure in ihre kostbaren Morgenstunden einzubrechen«, begann er; »allein ich wollte nicht durch Ihren Wohnort kommen, ohne für alle meiner Frau erwiesenen Gefälligkeiten Ihnen zu danken.«

»Wie geht es Frau von Smirdin?« rief ich lebhaft aus.

»Gut; sie fühlt sich noch angegriffen, aber ist sonst vollkommen genesen. Mir gelang es, mich für einige Monate loszumachen; ich holte Victorinen ab und gedenke nun zur Cur nach Kissingen zu reisen. Hierauf kehren wir Beide heim.«

»Glauben Sie, daß der Gemüthszustand der gnädigen Frau sich in Rußland bessern wird?«

 

Zögernd hatte ich gesprochen; denn die mich lebhaft interessirende Sache war doch gerade dem Gatten gegenüber heikler Beschaffenheit.

Der Staatsrath zuckte kühl die Achseln.

»Victorine hat zu Hause, was sie vernünftigerweise erwarten kann. Sie findet Wohlstand, eine ehrenhafte Stellung, gut gerathene Kinder und von mir jede billige Rücksicht. Mit Launen und Einbildungen vermag ich nicht zu rechnen. Es ist ein Unglück für eine Frau, allzugescheidt zu sein.«

»Dies dünkt mir eine sonderbare Behauptung; angenommen, der Verstand sei ein Gut, so kann Niemand davon zu viel besitzen.«

»Zugegeben, in der Theorie; doch gebricht den sehr geistreichen Frauen noch der freie Spielraum zur Entfaltung ihrer Talente, ihrer verwendbaren Kräfte. Es ist einer der zahlreichen bornirten Gemeinplätze: »der Beruf der Frau sei die Familie«; als Thatsache jedoch lassen sich viele anführen, denen eben Kinder und Haushaltung nicht genügen. Wie ein müßiger Mann leicht in Ausschweifungen verfällt, so giebt sich eine unbeschäftigte Frau häufig dem Zeitvertreibe der Liebe hin. Diese läßt, zum Hauptzwecke des Lebens erhoben, wieder nur zwei Wege offen: den Sumpf der Gemeinheit, oder geistige Ueberspannung.«

»Wahr! zu wahr!«

»In letzterm Falle putzt sich so eine kranke Frauenseele einen an und für sich werthlosen Gesellen zum Götzen. Jemehr Wirklichkeit und Einbildung auseinanderfallen, umsomehr verbeißt sich die irrgeleitete, überreizte Phantasie in ihr Bild. Kennen Sie einen erbärmlichern Schwächling als Fedor Michailowitsch?«

»Nein, und ich versuchte auch meine Meinung über ihn Frau von Smirdin beizubringen.«

»Das war vergebene Mühe.«

»Mir ist ein entschlossener Verbrecher, der sich in offenem Kriegszustande mit der Gesellschaft befindet, achtbarer, als ein sogenannt gutmüthiger, von Trägheit oder Genußsucht beherrschter Mensch. Den Ersten darf ich niederschießen, wenn er störend in mein Leben eingreift, der Zweite schleicht sich als Freund bei mir ein, um mich schutzlos unfehlbar zu mißbrauchen und zu betrügen.«

»Wir denken vollkommen gleich darüber. Nun hatte ich von Jugend auf Gelegenheit, Fedor Michailowitsch, zu beobachten. Als Knabe war er träge und eitel und prahlte gern mit Fürst Schulkines Gunst. Des Gönners beraubt, überließ er sich unmännlichem Gram, der wieder in unerträgliches Großthun überging, als eine launenhafte Frau das Auge auf ihn warf. Frühzeitig verbraucht, moralisch erschlafft war nun Wera Nikolaewna seine einzige Hoffnung. Doch auch den einmal eingeschlagenen Weg vermochte er nicht mit Ausdauer zu verfolgen; er verwirrte seine Beziehungen zu der Fürstin durch die Liebelei mit Victorine. Der Knabe war der Lage zwischen zwei Frauen nicht gewachsen, es trat der Augenblick ein, daß ihm Beide die Thür wiesen. Der niemals fähig gewesen, sich selbst zu helfen gerieth in Krankheit und Elend. Im Petersburger Logirhause wäre Fedor Michailowitsch unfehlbar zu Grunde gegangen, wenn ihn nicht thörichte Frauenschwäche abermals zum Glanze geführt hätte. Neuerdings begann das alte doppelte Liebesspiel und, wie es in dem Falle nicht anders sein könnte, die reichere der Frauen siegte.«

»Mich dünkt, Verachtung müßte Frau von Smirdin heilen.«

»Was wollen Sie! Liebe verblendet und sie malt mit falschen Farben. Selbst Verstandesmenschen sind der rosigen Täuschung ausgesetzt, nur mit dem Unterschiede, daß ihnen nach einiger Zeit die Binde fällt, während Schwärmer und Phantasten ihrem selbstgeschaffenen Götzen gläubig anhängen bis zum Ende; oder wenn der eine gestürzt ist, geschäftig sind, einen andern aufzurichten. Ist ihnen gerade keiner zur Hand, dann fühlen sie ihr Inneres hohl und leer und geben sich schwächlicher Verzweiflung hin.«

»Ein solcher Zustand kommt geistiger Krankheit gleich.«

»Unfehlbar!«

Der Staatsrath brach hier gleichgiltig ab, unser Gespräch auf socialpolitische Fragen lenkend.

Im Laufe des Tages erwiederte ich den Besuch und blieb, bis sie abreisten. Das gegenseitige Benehmen der Eheleute war sonderbar genug. Herr von Smirdin bezeugte sich seiner Frau gegenüber kalt höflich, sie betrug sich schneidend und abstoßend im Verkehr mit ihm. Mit mir sprach sie freundlich; erwähnte aber mit keiner Silbe unserer Meraner Erinnerung. Im Aussehen fand ich sie ziemlich erholt, nur berührte mich ihr abwesender verstörter Blick unangenehm.

Als ich die Abfahrt der Reisenden beobachtend unter dem Thorwege des Hôtels stand, nickte mir Victorine apathisch zu, Herr von Smirdin lüftete kühl und selbstbewußt mit seiner förmlichen Höflichkeit den Hut.

Welcher Zukunft fuhr die seltsame Frau entgegen?

Hatte Victorine es schon früher unmöglich gefunden mit ihrem Gatten unter einem Dache zu leben, so mußte ihr solches nun vollständig verhaßt erscheinen!


Achtes Capitel.

Mit Spannung brach ich im Spätjahr ein Siegel, welches eine niedliche, von mir oft bei Victorinen gesehene Devise trug.

Sie schrieb:

»Schnee fällt einförmig herab; in unseren Straßen verwandelt ihn Kälte und die Unzahl von Fuhrwerken in feinen gelben Staub. So entbehren wir der schimmernden weißen Decke, mit welcher Ihr milderer deutscher Winter sein Elend verhüllt. Je weiter man im Norden dringt, desto starrer, trostloser wird der Boden des Menschenlebens. Die südliche Natur lacht, die südliche Sonne wärmt immer, daher sind auch die Bewohner gesegneter Himmelsstriche so froh und ist ihr Sinn so leicht.

»Ich möchte ein Lazzarone in Neapel sein, auf der Chiaja liegen, ein Stück Wassermelone verschlingen und aller Sorgen, aller Erinnerungen, aller Bande ledig in den blauen Aether blicken. Doch ich befinde mich in den finnischen Sümpfen, bin Frau von Smirdin, und zähle zur fünften Rangclasse.

»Graue dichte Nebelmassen versperren den Blick, in trostloser Einförmigkeit folgt eine Flocke der andern – all' die zahllosen Schneeflöckchen zusammen wirbeln in wahnwitzigem Tanze durcheinander – gestatten keinem Auge das fahl gefärbte trübe Luftmeer zu durchdringen.

»Dies ist ein Bild meines Lebens; es duldet keine Vorwärts- und keine Rückschau, gefüllt ist es mit Uebel, seine Opfer waren nutzlos – ich selbst war nutzlos.

»In dieser Stimmung fällt mir ein, meine Rechnungen zu tilgen. Maidele habe ich die Amethystenschnur geschickt, welche ihr immer so wohl gefiel, Ihnen will ich noch farewell! zurufen.

»Die Nachrichten von Fedor Michailowitsch sind ungünstig; er scheint nicht glücklich und keineswegs gesund zu sein.

»Fürstin Schulkine quält ihn, nun da sie weiß ihn allein zu besitzen.

»Welch' ein Verhängnis; für ihn ward jene Frau! Gleich einem Vampyr zehrt sie an seinem Leben, hält ihn in ihrer Schlangenumarmung fest und erdrückt ihn.

»Wäre es möglich ihn zu retten, zu heilen! Doch nein, sie würde ihn mir nehmen, immer wieder Fedor Michailowitsch meiner Sorge entreißen, wie sie es stets gethan hat. In dem Gedanken, ihn aus Fürstin Schulkines Macht nicht erlösen zu können, ihn hülflos der Vernichtung anheimzugeben liegt – Vernichtung.

»Schwer! – sehr schwer ist es! – mir gebricht die Kraft, meinen Kummer zu tragen. Wie weit ist es noch zum Grabe? Ruhen möchten wir Beide, ich und mein Kummer. Die von Leidenschaften zerrissene Seele will rasten! Es nahet Schlafenszeit!

»Leben Sie wohl!                      Victorine.«

Die finster heranziehenden Schatten des die Seele umnachtenden Wahnsinns stierten mich schaurig aus obigen Zeilen an – sie ballten sich zu dunkler Katastrophe zusammen.

Wenn noch ein Eingreifen möglich sein sollte, wurde jede Minute kostbar. Ich entschloß mich zu einem Telegramm an Staatsrath von Smirdin; indessen hatte ich den Sinn so zu stellen, daß ihm die Gefahr deutlich werde, allen Anderen aber das düstere Geheimniß verschleiert bliebe.

Selbst zum Ueberlegen gebrach die Frist .

So kam denn eilig folgende Warnung zu Stande:

»Aeußerste Vorsicht! Was in Tyrol versucht ward, könnte an der Newa wiederholt werden!«

Vier Tage nach Victorinen's Brief erhielt ich ein schwarzgesiegeltes Schreiben.

Staatsrath von mirdin zeigte der Welt an, daß er »seine inniggeliebte Gattin und die sorgsame, zärtliche Mutter seiner Kinder nach zwölfjähriger glücklicher Ehe verloren habe.«

So war denn der letzte Act von Victorinen's Lebensdrama ausgespielt und der Vorhang gefallen.

Mir schienen die Umstände zweifellos auf Selbstmord zu deuten, dem Wunsche der Befreiung entsprach die Erfüllung zu unmittelbar für eine andere Ursache. Man beschließt das Leben nicht genau nach eigenem Willen, sei auch die Constitution noch so nervös reizbar, die Einbildungskraft zügellos überwuchernd – die Begierde vermag schwerlich den Erfolg, wol aber die dazu führende That zu erzielen.


Neuntes Capitel.

Vor dem Hôtel garni Marienbad in München hielt ein Wagen mit Reisenden. Vieles Gepäck war aufgeladen, die Fremden mußten weit hergekommen sein. Ein Courier stieg vom Bocke herab.

Obschon die Eisenbahn das Reisen seiner Poesie entkleidet hat und kein Posthorn mehr lustig durch die Straßen schmettert, ist mir ein gewisses Interesse für die fremden Zugvögel geblieben. In den Tagen meiner Kindheit reichte eine Extrapost hin, mich in ein Fieber von Aufregung zu versetzen. Lange noch nachdem das Rädergerassel verstummt und die häufig fremdartigen Gestalten dem Gesichte entrückt waren, wallte mein Blut unruhig fort und lehnte sich mein Wesen gegen die enge Schranke des Lebens auf. Seitdem konnte ich dem Drange in die Ferne zu ziehen genügen, aber die bunten Bilder einer bewegten Lebensform locken mich doch beständig.

So blieb ich auf der Straße stehen und warf einen prüfenden Blick in das Innere des Wagens.

Ein Mann, wahrscheinlich ein Greis, lehnte in der Ecke, die Füße auf dem Hintersitz liegend; er verharrte völlig bewegungslos, ungeachtet des in voller Pracht erblühenden Mais war er mit Pelzen zugedeckt, seltsam verhüllt und vermummt. Die geschlossenen Fenster ließen mich nicht mehr sehen.

Der Courier hatte mit einem aus dem Hause getretenen Kellner die Unterhandlungen wegen der Unterkunft der Reisenden in deutscher Sprache begonnen.

Rasch fiel jetzt ein Fenster herab und ein weiblicher, durch unförmlichen Hut verborgener Kopf rief heraus:

»Reden Sie Französisch, damit ich verstehe was abgemacht wird!«

Ein ziemlich, vernehmliches »sacre!« antwortete auf die Ermahnung.

Das Feilschen begann nun unter häufiger Einmischung der weiblichen Stimme. Mir währte die Sache zu lange und ich entfernte mich, ohne mehr gesehen zu haben.

Der spätere Abend führte mich in einen der Volksgärten, ich entdeckte in meiner Nähe zwei Menschen, deren Gespräch mich bald fesselte.

»Ihr Herr scheint auch genug zu haben; dennoch möchte ich nicht mit ihm tauschen, ungeachtet meines geplagten Lebens. Gesundheit ist besser als Reichthum.«

Nach dieser geistreichen Bemerkung that der Sprecher, in welchem ich mittlerweile den Kellner des Marienbades erkannt hatte, einen tiefen Zug.

Der Courier, es war der Zweite, wischte sich ebenfalls den Schnurrbart und schickte sich hierauf an, den Erwartungen des Kameraden zu entsprechen, nämlich von seiner Herrschaft so viel zu erzählen, als er wußte.

»Ich bin noch nicht lange bei ihnen«, begann er; »die Alte ist eine höchst sonderbare Frau, sie heißt Fürstin Schulkine; was ich aus meinem Herrn machen soll, weiß ich nicht recht. Ferner hat die Dame eine aus Rußland mitgebrachte Kammerfrau nebst deren Kinde bei sich. Die Fürstin und der Herr streiten den lieben langen Tag zusammen, bis er Anfälle bekommt und beinahe erstickt. Die Alte ist fürchterlich geizig, sie will immer an den Preisen herunter handeln. In jedem Nachtquartier fahren wir stundenlang umher, bis wir unterkommen. Den Kranken versteckt sie einstweilen, weil sie weiß, daß man derlei Gäste theurer bezahlen läßt. Mir muthete sie im Anfang stets zu, auf dem Vorplatze zu schlafen, es sei bei ihr zu Hause so Sitte. Ich habe ihr aber einfür allemal erklärt, daß ich kein russischer Leibeigner bin. Die Kammerfrau und das Kind bekommen nur Brod zu essen, doch stehlen sie Beide wie die Elstern, sonst wären sie schon verhungert. Die Fürstin selbst gönnt sich blos ein wenig Suppe, oder Kaffee.

»Ja, wer die sogenannt vornehmen Herrschaften in der Nähe sieht, der kann schöne Stückchen erzählen. Ich meine, wir würden uns nobler betragen, wenn wir ihr Geld hätten«, versetzte der Münchener. »Wenigstens essen und trinken wollte ich überall, daß es eine Freude wäre. Nichts als Fasanen und Champagner ohne Ende.«

»Ich habe es nun reichlich satt«, erwiederte der Courier, »mit allerlei Leuten unaufhörlich in der Welt herumzuziehen. Mein letzter Herr war der Bischof von Gloucester. Er wollte mich nicht gehörig bezahlen, wir kamen vor Gericht zusammen und der Aerger brachte ihn um. Nach der Geschichte besaß ich viel Geld und hätte ein Geschäft anfangen können, aber der Teufel verführte mich, an der Bank von Monaco mein Glück zu versuchen. Das Capital hoffte ich zu verdoppeln; statt dessen verlor ich Alles, bis auf den letzten Thaler. Völlig abgebrannt langte ich in Nizza an und mußte froh sein bei Fürstin Schulkine unterzukommen, obgleich man sie mir schlecht empfahl. Wenn sich hier ein Platz fände, ließe ich sie unterwegs im Stiche.«

So ungefähr unterhielten sich die beiden Freunde; man kann sich denken, mit welcher Spannung ich ihnen lauschte.

Fedor Michailowitsch war als der, wenn auch unwürdige Gegenstand von Victorinens Liebe nicht ohne Interesse für mich. Nahete ihm jetzt doch auch die Nemesis; er, der sich zum Spielball zwischen zwei Frauen hergegeben hatte, drohte nun vom Geschick zermalmt zu werden.

So trat ich den nächsten Vormittag in ein dunstiges, echtes Krankenzimmer.

Fürstin Schulkine lag angekleidet auf einem Bette, Warinka und der häßliche Spitz kauerten zu ihren Füßen, die durch Nachtwachen erschöpfte Kammerfrau schlief in einem Lehnstuhle, der Kranke selbst ruhte von Kissen gestützt auf dem breiten Divan.

Er trug einen eleganten Schlafrock und war die einzige saubere Erscheinung im Zimmer, allein die Hand der Krankheit hatte Fedor Michailowitsch schwer berührt, es kostete Mühe ihn wieder zu erkennen.

»Oeffne ein Fenster«, befahl er der Dienerin.

Richtig beurtheilte er, welch' einen Eindruck die Luft im Zimmer auf Jemanden hervorbringen mußte, der am sonnig heitern Maimorgen von Außen eintrat.

Die Rücksicht stimmte mich günstiger für ihn, als ich es vorher gewesen und ich nahte ihm mit einigen teilnehmenden Fragen. Indessen glitt er rasch über alles seine Gesundheit Betreffende hinweg. Der eitle Mann vermochte es auch selbst jetzt nicht auszuhalten, ein Gegenstand des Mitleidens zu sein.

Unser Gespräch ward bald durch Wera Nikolaewna's Stimme unterbrochen.

Die Fürstin rief vom Bette her: »Franz Petrowitsch, zeichnen Sie mir einen Anzug für meine Wittwen.«

»Würden Sie nicht besser thun, sich mit Ihrem Anliegen an einen Schneider oder Maler zu wenden« entgegnete ich ungeduldig; »was verstehe ich von der Bekleidungskunst?«

»O, Sie sahen doch Vielerlei! Rathen Sie mir wenigstens in Bezug auf die Farbe. Schwarz ist zu traurig, weiß zu unpractisch, ich schwanke zwischen blau, grau und braun.«

»Warum nicht grün und roth, wie die Papageien!« rief Fedor Michailowitsch aufgebracht.

»Spotte des frommen Werkes nicht«, versetzte Fürstin Schulkine, ihre Augen verdrehend.

»Eine Narrheit ist es!« schrie der Kranke wieder, sich erhitzend; »stellen Sie sich ein Pack unnützer, schwatzhafter, schnapstrinkender alter Frauenzimmer vor, zusammen eingepfercht und gefüttert.«

»Fedor Michailowitsch, Du sprichst unehrerbietig von heiligen Dingen . . .«

Ein heftiger Hustenanfall unterbrach die Strafpredigt. Die schlafende Kammerfrau wankte herbei und hob Fedor Michailowitsch in die Höhe, welcher im Gesicht ganz blau geworden war.

Allmälig gewann er wieder etwas Stimme zurück und den ersten Gebrauch davon machte er, eine Verwünschung auf Fürstin Schulkine zu schleudern – hatte sie doch sein Leben zu dem gemacht, was es war und nun drohte ihm sein Kaufpreis – Wohlleben der Gegenwart, ein Erbe in der Zukunft zu entfliehen!

Die Dame richtete sich nun auch empor; sie schlug in abergläubigem Schrecken ein Kreuz.

»Er rast!« rief sie, »hänge ihm das Heiligenbild um, Warinka, damit er sich besänftige.«

Fürstin Schulkine machte ein großes, russisches Bild aus geschlagenem Goldbleche von ihren Halse los. Die kleine Schlange küßte es erst ehrfurchtsvoll, dann trug sie es zu dem Kranken.

In den Tagen seiner Gesundheit hatte Fedor Michailowitsch den Freigeist gespielt, aus oberflächlicher Lectüre waren ihm einige hohle Sätze haften geblieben, wie z. B.: »Das Christenthum geht der Auflösung entgegen, die Dauer jeder Religion beträgt ungefähr zweitausend Jahre« und ähnliche Argumente von gleicher Stärke. Jetzt ließ er es geschehen, daß ihm das Kind jenes Bild um den Hals hing.

Mein Wunsch war, den Besuch so viel als möglich abzukürzen; aber die Fürstin bat mich, einstweilen noch bei Fedor Michailowitsch zu bleiben, sie wolle ausgehen. Der Kranke stellte leise das nämliche Verlangen an mich.

Kaum befanden wir uns allein, Warinka war mit Wera Nikolaewna fortgegangen und deren Mutter hatte er unter irgend einem Vorwande entfernt, so näherte Fedor Michailowitsch seinen Mund meinem Ohr, die Augen waren bittend ängstlich auf mich gerichtet.

»Besuchen Sie mich oft«, bat er, »beobachten Sie uns, sonst kann es geschehen, daß mich die Fürstin auf die Straße wirft, oder – meiner Krankheit nachhilft.«

Entsetzt leistete ich das gewünschte Versprechen.

Es drängte mich, nachher von Victorinen und ihrem seltsamen Ende zu sprechen; ihr Name war noch nicht zwischen uns erwähnt worden.

Fedor Michailowitsch versetzte: »Allerdings ist es schlimm für mich, daß sie nicht mehr lebt; denn so lange sie athmete, vermochte nichts die Fürstin von der Furcht zu befreien, sie könne mich verlieren, und dieses Gefühl erwies sich mir sehr heilsam.«

Sonst keine Erinnerung an die reizende Frau, keine Anerkennung ihrer Liebe! . . .

Draußen im Vorplatz traf ich die Kammerfrau lauschend, sie fuhr, als ich öffnete, erschreckt von der Thür, zurück.

»Wie finden Sie ihn?« fragte sie mich die Stiege hinab begleitend; »unmöglich kann er es noch lange treiben, die Nächte sind grauenhaft, er weint und schreit den größten Theil davon.«

Der Blick des Weibes hatte einen bösen, furienhaften Ausdruck angenommen.

Gepreßt trat ich in's Freie und kämpfte gegen die mitgebrachten düsteren Bilder.

Wer vermochte auch hier einen vollkommen vernunftmäßigen Zusammenhang von Ursache und Wirkung zu leugnen? Fedor Michailowitsch war – durch eigene Schuld – in eine wirklich grauenerregende Lage gerathen.

Fürstin Schulkine hatte ihn satt und die vertraute Umgebung der Dame haßte ihn, weil sich die verschiedenen Interessen durchkreuzten.

Nur wenige Wochen mehr mußte ich das Marienbad besuchen. Eines Morgens holte mich Warinka aus dem Bette – ich kam zu spät. Fedor Michailowitsch war im Beginn der dreißiger Jahre, auf dem Wege nach Ems, in München seinem alten Brustübel erlegen.

Mit merkwürdiger Inconsequenz erfüllte die karge Frau den Wunsch ihres eiteln Günstlings, ihn einbalsamiren zu lassen und nach Rußland zu schicken. Die bedeutenden Kosten auszugleichen hungerte sie sich wieder einige Thaler ab.

Mir wurden zahllose und höchst sonderbare Aufträge zutheil; und große Erleichterung brachte es mir, als endlich, der Todte voran, sich die Reisegesellschaft aus den Weg machte.

Aus Warschau erhielt ich noch einige fast heitere Zeilen von Wera Nikolaewna.

Später kam der hiesige Spediteur, mit welchem ich in ihrem Auftrage unterhandelt hatte, sehr aufgebracht zu mir. Er beklagte sich über beträchtlichen Schaden. In Warschau hatten Popen Fedor Michailowitsch' Ueberreste aus seinen Händen genommen und auf seine Kosten waren mannigfache religiöse Ceremonien vollzogen worden; als Fürstin Schulkine nachkam, zahlte sie nur den vorausbedungenen Preis.

Sie ließ von Warschau die Gebeine ihres Geliebten auf ihren eigenen Wagen laden und fuhr mit der unheimlichen Last die weiten Strecken bis zu ihrem Dorfe Mardafi.


Zehntes Capitel.

Mehrere Jahre waren nach den geschilderten Ereignissen verflossen; ich erging mich auf der schönen »grünen Wiese« Karlsbads, mitten in dem bewegten kosmopolitischen Treiben. Würzige, waldige Hügel umschließen das enge Thal, ein Bergstrom durchbraust die Sohle, dazwischen wogt buntes Treiben. Bärtige russische Kutscher in ihrem Kaftan waren hier sichtbar, gerade wie in der Kitaiski Gorad von Moskau, Staatsmänner aller Länder – ob von den häufigen Zweckessen, oder den Regierungssorgen krank? Prinzen aus geographisch schwer auffindbaren, historisch unbekannten Regionen trugen malerische Nationalcostüme zur Schau.

Ein sehr glattes, sehr kluges Gesicht schaute mich bekannt an.

Wirklich war es Herr von Smirdin, auch er litt an der Leber; seine einzige wahre, niemals vergessene Geliebte, die Macht, beschenkt ihre eifrigsten Verehrer häufig mit solchen Gaben. Uebrigens traf ich ihn bei guter Laune, er hielt sich schon einige Wochen in Karlsbad auf und behauptete die Quellen bekämen ihm außerordentlich gut.

Leicht und unterhaltend floß seine Rede, er erzählte von den Löwen der Saison. Da war die »Schneidergräfin« über die Jedermann lachte. Eine ältliche, wohlhabende polnische Dame hatte nämlich den Versicherungen eines Stutzers zu viel getraut und ihn sogar geheirathet. Kaum war dies geschehen, so erfuhr sie, daß die Hand ihres neuerworbenen Beschützers früher Nadel, Bügeleisen und Schneiderscheere geführt. Seitdem schmolzen Titel der Dame und Beruf des Gatten in eine komische Bezeichnung zusammen.

Wir trafen sie leibhaftig auf unseren Spaziergängen, blau, weiß und roth gemalt. Bald nachher schwebte ein reizendes Mädchen an uns vorüber, das Köpfchen hing matt wie der Kelch einer Blume, der Luft und Licht gebrach.

Herr von Smirdin sagte mir, es sei die einzige, heißgeliebte Tochter einer vornehmen und reichen Familie, unter unbekannten Leiden dahinwelkend. Verzweifelnd hatten die Eltern auf die berühmten Quellen der böhmischen Berge ihre letzte Hoffnung gesetzt. Um die interessante junge Dame bildete sich eine Schaar von Freundinnen, man nannte sie die Frühlingsgesellschaft und sie Alle umgaben mit rührender Sorgfalt die kranke Schwester.

Schwer fiel es mir, den leichten Redefluß meines Gefährten auf etwas mir weit Näherliegendes und Dringenderes zu lenken. Es half nur eine ganz directe Frage.

»Sie haben nicht wieder geheirathet?«

»Nein; es ist eine große Sache Junggeselle zu bleiben, nächstdem preise ich den Wittwer.«

»Wie endete Ihre Gattin?«

»Sehr rasch, nach einigen Stunden heftigen Unwohlseins.«

»Sie empfingen doch damals mein Telegramm? Hat es nicht auch in Ihnen Argwohn erweckt? Ein Brief Frau von Smirdin's rechtfertigte meine schlimmsten Befürchtungen.«

»Was wollen Sie! zum Verhüten war keine Zeit mehr, denn Ihre Warnung traf erst nach Victorinen's Bestattung ein. Lassen wir daher die Sache ruhen, nicht alle dunklen Dinge müssen erforscht werden.«

»Gestatten Sie mir nur noch eine Frage: vernahmen Sie von Fürstin Schulkine nichts weiter?«

»Ach ja! Das will ich Ihnen erzählen.«

Herr von Smirdin's Stimme war wieder behaglich geworden.

»Mein Pflichtspaziergang ist zu Ende«, fuhr er fort, »setzen wir uns.«

So nahmen auch wir auf der schönen, grünen Wiese Platz, der ausgezeichnete Kaffee duftete uns entgegen, das einladende Brod lockte die Eßlust.

»Seit sechs Monaten bin ich Gouverneur in Orel«, begann mein Gefährte, »Sie wissen, Mardafi liegt in dem Kreise. Natürlich erkundigte ich mich nach der alten Bekannten. Bei ihrer Rückkunft hatte sie ein großes Gastmahl veranstaltet und dabei gleichsam von der Gesellschaft Abschied genommen. Tags darauf war sie nach ihrem Dorfe gefahren – von der Zeit an sah sie Niemand mehr.«

»Wie seltsam!«

»Warten Sie nur! mir kam die Sache verdächtig vor, dahinter lauerte Wahnsinn – oder ein Verbrechen. So machte auch ich mich nach Mardafi auf den Weg. Holperig genug fand ich die Straße, Vernachlässigung und seltene Besuche verkündend. Unter der Dienerschaft verursachte mein unerwartetes Erscheinen panischen Schrecken. Alle liefen mir durcheinander und wollten offenbar Zeit gewinnen, aber ich drang entschlossen durch.«

»Was fanden Sie?«

»In einem kleinen Gemach kauerte auf ärmlichem Lager eine äußerst verwahrloste Frau, sie lachte mich blöd an, ohne mich zu erkennen, das junge Mädchen Warinka flößte ihr sichtlich Furcht ein – es war Fürstin Schulkine.«

»Auch hier waltete die Nemesis!«

»Ja, sie ist schwer auf Wera Nikolaewna's Haupt gefallen – die Unglückliche ward seit Jahren von ihrer Dienerschaft gefangen gehalten, am Leben ließ man sie nur, um in ihrem Namen die Einkünfte zu beziehen. Warinka, so lange Spion im Dienste der Fürstin, wurde nun von ihren Eltern verwendet gegen die Dame zu spioniren, und durch Hülfe des Mädchens gelang es, alle Gäste, selbst die Verwandten der Fürstin fern zu halten.«

»Welche Maßregeln ergriffen Sie?«

»Ich übergab Wera Nikolaewna der Pflege ihrer Verwandten und verhängte Untersuchung gegen den Verwalter.«

»Glauben Sie, daß Fürstin Schulkine nun besser fährt?«

Der Gouverneur zuckte die Achseln.

»Was ich that, war recht und vernünftig, mag darauf erfolgen, was da will!«

Das Gesicht meines Gefährten nahm den Ausdruck kalter Entschlossenheit an, darauf stand deutlich zu lesen: »Brechen mag, was nicht biegen will!«

Victorine war gebrochen!