ngiyaw-eBooks Home

Paul Nikolaus– Katastrophe!

Verse der Hingabe

Dresdner Verlag von 1917, Dresden, 1919


In Claires Hände




Menschen surren über die Straße.

Ein Dichter ersäuft im Kot.

Lebensmittelschieber hocken im Café.

Ein Mädchen schlägt Sahne. (Aus seinem Unterleib.)

Selbst die Zeitungen gestehen ein:

Solch eine Verwirrung war

Noch nie.

Sozusagen.

Eine Sauerei.

(Selbst die Zeitungen – – –)


* * *


Es ist nichts dagegen zu sagen:

Daß getanzt wird.

(Es wird zur Erhöhung der Bevölkerungsziffer beitragen.)

Aber:

Daß man hier tanzt,

Dort tötet,

Hier heiter hurt.

Dort frech vergewaltigt:

Das geht über Hutschnur

Und Bettrand.

(Bettschnur Betschnur Rosenkranz und Güldenstern.)


* * *


Knaben stehen ständig mit Mädchen im Hausflur.

Was sie wohl

Dort treiben?

Ob sie wohl?

Wohl!

In Paris gehen ja auch

Mädchen für einen Franc (mit Damen) in Flure

Und.

Und ein Franc ist viel.

Aber Paris ist weit.

(»Lümmel!«)


* * *


Es sollte zur Hebung der Sittlichkeit

Mehr für Volkswohlfahrt getan werden.

Denn die Liebe höret nimmer auf.

Und wer Andern eine Grube gräbt,

Tut wohl und scheuet niemand.

Wer sich mir aber entgegenstellt, fällt selbst hinein.


* * *


Kontrerevolutionare, vereinigt Euch,

Gründet einen Bund

Zur Hebung der Bodenständigkeit.

Wißt Ihr, wie viel Mädchen gehen

Am ––––––?

GOTT, der HErr, hat sie gezählet.

(Ja, wenn das der Petrus wüßte!)

Und:

Auch die Gesellschaft zur Bekämpfung

Des Bolschewismus,

Der Geschlechtskrankheiten

Und anderer Fremdenverkehrserscheinungen

Zieht die Fahne auf.

(Die Rooote Faahne!«

»Tribihne!«

»Freieit!«)


* * *



Warum –

So frage ich mich hundertmal –

Sind wir in Schlünde gefallen,

Unendlich,

Tief, noch tiefer?!

Haben wir zu glauben verlernt

Und zu lieben

Und – zu hassen?!


* * *


Vielleicht kommt morgen

Ein Weißgardist

Und schießt uns lachend

Eine vor den Kopf.

Seitwärts steht Einer und knipst.

Für Ullstein.

Blühet, Magnolien, o blühet!

Draußen haben sie ein Grab aufgeschüttet:

Nicht für den Gardisten,

Nicht für den Knipser,

Nicht für Ullstein.

Sondern: für mich.


* * *


Alle Juden, die

Zu meinen Lebkuchenzeiten

Über mich herzogen,

(»Sparkatus!«)

Sind jetzt – tun so! – gerührt

Und drücken

Meines Bruders schweißige Hand.

Warum?


* * *


Ick will es Euch sagen, künden:

Euch auftun die Gemache

Niedriger, scheelsüchtiger

Gedankenflucht.

Vom Toten haben sie nichts zu fürchten.

Alles vom Lebenden!

Uns: WIR SIND.

Noch sind wir.

Leuchtend geht das Auge rundum:

Amo mundum. Amo mundum.


* * *



Alle sind sie irre geworden:

An sich, den Nachbarn und der Welt

Nur ich nicht;

Denn ich glaube.

Sie aber haben zu glauben verlernt

Und zu lieben

Und – zu hassen.

Der Bär, aufs Eis geführt,

(Eisbär: ich weiß!)

Schäkert mit dem Goldfasan

Und saniert

Seine Verhältnisse.

Das Perlhuhn hält den Fuchs aus.

Mitten

Unter den Goldregenbaum

Hockt sich Ami der Hund

Und droht mit Bellen:

So fallen die Dolden.

Um den Granatenkaum

Tanzen idiotisch

Rhinozeros und Dromedar

Und singen:

»Sehn Sie, das ist ein Geschäft!«

Und die Kupfernatter

Hat ihn:

Den Platz an der Sonne!

Taumelnd

Zählen Tausendfüßler

Ihre tausend Füße.

Zählen und verheddern sich.

Beginnen aufs Neue

Und geraten wiederum in Verwirrung.

Drei-, fünf-, siebzehn-,

Tausendmal.

Bis sie in

DALLDORF

Landen.


* * *


Es ist nicht leicht, sich zu gewinnen

Und grün des Lebens goldner Baum.

Du mußt,

Um dir selbst zu gehören,

Dich versuchen.


* * *


Nachts locken dich

Zwei dunkle Augen.

Du steigst ihnen nach.

Sie stecken in seidenen Strümpfen.

Zu 34 Mark.

Aber zu Hause mangeln die Kartoffeln.

– Hyacinthen blühen hinter einem Fenster.

Du

Siehst sie nicht; riechst sie nicht.

Ahnst sie nur.

Langsamer geht das Mädchen.

Und du

Trittst an sie heran und sprichst:

»Meine Blume! Lachen Sie nicht über mich!

Ich bin ein Dichter.

Einer, der an die Güte der Menschen glaubt.

An ihre Liebe, ihr Mit-Leiden.«

Sie hakt ihren Arm unter und lächelt.

Sie schweigt. Aber:

Sie geht mit.

Eine Heilsarme kriecht über den Weg.

(Nicht lachen, ja nicht lachen!!)

Und alle Poesie geht an der Leinwand pleite.

Wie etwa

Ein begabter Film.


* * *


Dort oben aber

Über die Brüstung lehnt seine Brüstung

Ein Backfisch.

Wach und geweckt.

Von irgend einem Buch

Oder Gymnasiasten.

Und himmelt den Mond an.

Sie denkt an alles:

Nur nicht an die Not

Und geht mit ihr zu Bett!

(Das Mädchen flennt:

Die Kerze brennt.

Blase, mein Mädelchen, blase!

Wage es:

Individualistin zu sein!)


* * *


Über Mond, Wetter und Wolken

Fegt der steile Gang.

Ein Mädchen pointiert.

Zéro.

Und verliert.

Wer Null berührt besudelt sich.

Sechsunddreißig.

Und verliert.

Man soll nicht zu hoch hinaus wollen.

Achtzehn.

Und verliert.

Man soll keine Kompromisse machen.

Lebensextrakt am Roulette-Tisch.


* * *


O, daß Sonne, Mond und aller Gärten Blüten

Auf mich stürzten.

Mich begrüben!

Wer

In Aller Welt

Bin Ich?

Du bist Du!

Und bist

Für dich nur da,

Weil du für Andere da bist.

Bist vorrätig.

Auf Lager.

Feil wie Ware.

Parat für den Moment.

Vergiß es nie:

Du bist

MENSCH.


* * *


Hymne:

Edith,

Stern meiner Nächte,

Vergangener Wonnen,

Ewig Unverlierbare,

Nie Besessene,

Treulose, ewig Treue!

Um dich trauern wir.

Denn du

Warst die Reinheit.

Warst Vergessen, Süße, Traum.

Warst waschendes Bad.

Wo wäre ich,

Kind,

Geblieben ohne dich?!

Ich: Schuft?!

Du gabst mir

Mich wieder.

Dank.

Dich preisen der Himmel

Ewige Chöre.


* * *


Dann aber kriechen

In Stunden der Verlassenheit

Einsamkeit Trostlosigkeit

Burger (Reptilien!) an dich heran.

Auf dich.

Besetzen dich.

Und machtlos

Stehst du vor der Katastrophe.

Denn Einer sagt:

»Aber warum das alles?

Einstens ging es doch auch.

Lassen Sie die Finger davon.

Sie verbrennen sich.

Die Erfahrung lehrt – – –«

Da wendest du dich.

(Oleg!)


* * *


Proletarierkinder hungern auf der Straße.

Mir stülpt es den Magen um.

Es ist umsonst. Gratis.

Ich gehe in ein Restaurant.

Ich habe Hunger.

Fleischlos.

Die Speisekarte:

Schellfisch Marengo!

Da ging ich hin und weinte bitterlich.


* * *


Auf der andern Seite aber

Glänzt

Im Licht der kaum besäumten Sonne

Fenster an Fenster.

Hier ist man nicht.

Aber man ißt.

Aufschrei! Sehnsucht! Qual!

Gebt Friede!!


* * *


Die Faust fehlt,

Die starke,

Die Ordnung schafft.

Die Faust Dessen,

Des Herz stark ist.

(Kugel schoß ihn von hinnen.)


* * *


In den Lüften summen

Segeln, jubilieren

Alle.

Warum sind sie soo glücklich,

Und nur wir

Tragen den Schmerz?!


* * *


Durch Mittag

Segelt Glockenklang.

Und sie tragen

Einen zu Grabe.

Priester betet Litanei.

Vorbei.

Aus. Dies war ein Mensch.

War gewesen.

Wo?

Wo –

Bleibet das Erwachen?


* * *


Denn auf der Straße

Zieht Militär auf.

(Moralisch haben wir gesiegt,

Bitte!)

Stahlhelme blitzen

Und Schnurrbärte

Und Handgranaten.

Glückbestrahlte Zeit!

»Ach wie so kriegerisch!«

(Verdi)

Aber sie spielen:

Den

Pariser

Einzugsmarsch. –

O versuucht's doch mal!

Wann wird Erleuchtung kommen diesem Volke?!

Wissen,

Daß nicht Waffen,

Nicht Hände,

Nicht Taten entscheiden.

Sondern:

Geist, Herz, Demut.

Geist! Herz! Demut!


* * *


Auf den Wegen nach Süden

Und Osten

Taten sich Tore auf dem Dreimalweisen.

Und er sprach:

Zwischen den Dingen zu sein

Ist besser

Als über den Dingen.

Hart wird der Mensch.

Eisern schweißt ihn

Gewalt.

Preßt aus ihm

Lebenssaft.

Scheift ab von ihm

Alltägliches.

Konzentriert in ihm

Kraft.

Drum, Hochmütiger,

Bleibe zwischen den Dingen!

Vergiß dich nicht!

Steile dich! Kompariere dich! Potenziere dich!

Denn in dir ruht

Das Neue,

Das Wissen um das Notwendigste:

Das Gewissen der Welt.

ngiyaw-eBooks Home