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A. De Nora – München

Essay

aus: Münchner Bilderbogen, Herausgegeben von Richard Rieß, Neuß & Itta Verlag, Konstanz am Bodensee

Es gibt einen dauerhaften Stoff, ein grobes bäurisches Linnen, das hierzustadt und heut- zutage »Künstlerleinen« genannt wird. Starkes und gutes Gewebe ursprünglich, wenn es auch das Färben und der moderne Aufputz ein wenig brüchig macht. Sieht aber dafür schick aus, und wer’s nicht weiß, merkt ihm seine Abkunft gar nicht an . . . .

Von Natur aus ist ganz München aus diesem Bauernstoff. Nicht nur in der Zeit des Karne- vals, wo allerdings das »Künstlerleinen« sich zuweilen wieder in die alte echte Bauernhaut zurückverwandelt, sondern seiner Geburt und Geschichte nach. Auf dem Webstuhl der Zeit betrachtet.

Was für ein putziges und schmutziges Dorf war es noch vor nicht mehr als hundert Jahren! Wenn einer die alten Stiche ansieht und den paar Türmen und Toren nachgeht, die damals alle Herrlichkeit dieser »Residenz« ein- geschlossen haben, kann er – mit ein wenig Phantasie – gleich das ganze Nest wieder vor sich auferstehen lassen! Sogar mit sehr wenig Phantasie! Er braucht nur zum Stiefelwirt in die Sendlingergasse zu gehn oder beim »Soller im Tal« durch das Hoftor zu gucken, so sieht er noch heute wie ehedem einen biedern Hausknecht nur der grünen Schlegelmütze alte Landkutschen abschirren, – trotz stinkender Benzinzeit und blinkender Propeller. Und er braucht nur an Sommertagen, wenn alles still ist und die »Elektrische« noch schläft, durch die frühen Gassen zu wandern, nicht einmal allzuweit hinaus aus dem schirmenden Innern . . . .:

Da blinzeln auf einmal irgendwo kleinwinzige Häuslein mit Puppenfenstern und braunen Rollziegeldächern in engen Gärtchen, und erzählen ihm von der »Au«, die rings um sie geblüht hat. Da trippeln alte Mütterchen in vorsintflutlichen Shawls zur Frühmesse und rotbackige »Millimadeln« mit weißen Schürzen den Weg entlang. Da fahren Bauernfuhrwerke mit Gemüse oder Holz beladen, zwischen deren Rädern noch dieselbe wackelnde Oellampe hängt wie vor hundert Jahren. Die dicken braunen Rosse gehn langsam unter messingbeschlagenen Kummetgeschirren, und tragen vielleicht ein paar frischgepflückte Kornblumen hinter den Ohren. Es fehlt nicht viel, so würde man Hühner über den Weg gackern hören, und jedenfalls, man riecht Tau in dem kühlen Winde, der einen umstreicht, und Heuduft, wenn er über die Ebene kam. Man spürt den Schnee der Berge, wenn seine Füße über die südlichen Hänge sprangen, und was die rostrote Isar alle Frühjahr durch die Bogen ihrer Dutzend Brücken wälzt, ist die Erde der Aecker und Wälder, die vor Münchens Schwelle liegen. Dieses Märchenhaft-Idyllische, dieses Land-Ursprüngliche in dieser Stadt ist ihr Charakteristisches, trotz allen Schmucks und Zierrats, den die Zeit an sie geheftet hat. Sie ist noch immer, obwohl der Kamm der »Kultur« ihre wilden blonden Haare jetzt nach der Mode frisiert und obgleich ihre drallen Formen in das pralle Kleid der Großstadt gepreßt werden, die liebe derbe Dirn, die den Schnabel behält wie er gewachsen ist. Die den Mut einer eigenen Meinung, eigenen Geschmacks, eigener Art und, meinetwegen, eigener Unart besitzt, aber wenn sie noch so »geschwollen« blasiert tun möchte, doch immer wieder naiv und ausgelassen ist, ein Schelm und ein Kind, die gesundgebliebene Tochter dieser Berge . . . .

In der Fröhlichkeit Münchens steckt ein gutes Stück bayrischer Bauernfreude, toller, jauchzender, trink- und tanzfroher und doch harmloser Kirchweihrausch, vom Oktoberfest angefangen bis zu den Künstlerfesten des Faschings, von den Bockfeiern bis zu denen der Heiligen. Denn auch die Freude an Farben und Klang, an Prunkaufzügen – ob sie nun Prozessionen oder Fürstenbesuche feiern, – am Schauen und Sichsehenlassen, an der »Gaudi« und »Kumedi« ist bayrisch-bäurische Art, urwüchsiges Miterleben ohne ängstliches Schielen nach dem Knigge und ohne langweiliges Sichbesinnen auf die »Reputation.« Das hat dieser Völkerschlag nicht nötig. Es liegt ein natürlicher Geschmack in ihm, der seines Weges sicher ist und zwischen Gradheit und Klugheit, Schönheitsgefiihl und naivem Em­pfinden, brutalen Sinnen und romantischem Sinn immer hübsch mitten durchkommt. Eine gesunde Verbindung der Erde mit dem Leben zu farbiger, bunter und doch harmonischer Wirkung. Aus diesem Wesen heraus stammt auch die Münchner Kunst. Bauernbuben haben sie herein- und emporgebracht und zeugen sie immer noch, ob sie Lenbach oder Thoma heißen; und ihre Mutter ist noch immer dort, wo an nelkenstock-tragenden Fenstern die grünen und blauen Läden hängen, wo die geschnitzten Giebelbretter und braunen Altanen das klein­ste Häuschen zieren, wo die bunten Bauernblumen in allen Gärten und Miedern prangen, wo heitere Farben in jedem Kirchlein, an jedem Schurz und auf jeder Kaffeeschale lachen müssen. Von diesem Jungbrunnen ist die Stadt immer wieder erneuert worden, denn in ihm baden unsere Maler und Bildner, wenn sie alle Sommer nach Dachau, an die Seen und in die Berge wandern. In ihm baden die hunderttausend anderen, die jeden Sonntag in dem gesegneten Lande da draußen sich gute Luft in die städtischen Stuben holen, ob sie gleich den Hirtenbübeln gekrarelt, oder gleich den Holzknechten gerodelt oder gleich den Fischerdirnen gerudert haben.

Allein das bayrische Bauernblut führt dieser Stadt nicht nur immer frische Kräfte zu in der Kunst, in der Wissenschaft, im Handgewerbe und im Hirnwerk, es hat auch begeistert seine Kräfte dafür hingegeben. Bauernfürsten waren die Bayernfürsten dem Volk, von jenem, der im Starnbergersee sich selbst befreite und dessen Bild noch heute in tausend niederen Kammern hängt. Bauer will der heutige König sein und als einer der ihren ist sein Vater jahrzehntelang eines Herzens und Sinns mit den Jägern und Gebirglern gewesen. Die Sprache der Wittelsbacher und vieler Hofleute sieht nicht viel anders aus als die der Urmünchner, und ein sehr feudaler Ministerpräsident wäre vielleicht nm eine erkleckliche Weile früher von seinem Stuhl gefallen, wenn er nicht wegen des Zitherspiels und seiner Schnaderhüpfl darauf hätte sitzen bleiben dürfen. Sogar die politischen Kämpfe draußen wie im Parlament werden nicht selten mit einem rustikalen Humor geführt und gewürzt, und das Erscheinen der drei berühmtesten deutschen Witzblätter in der einen Stadt läßt sich zwanglos mit unserer Freude an Trutzgesang und Spottversen erklären, mit der echt bauernblütigen Lust am Hänseln und Hackeln, dabei man den Gegnern am liebsten bildlich und wirklich – über den Tisch herüberzieht.

So flutet das Leben dieser Stadt mit allen Adern hinaus in das urzeugende Land und von ihm wieder zurück; und so bleibt sie – wie groß sie auch werden möge –, ungleich allen andern Großstädten der Erde, Frucht und Blüte des Bodens, dem sie entsprossen ist. Dies ist ihr Reiz und ihre Schwäche, ihre Kraft und ihre Unbeholfenheit. Aber es ist das Seltsame und vielen Unbewußte, weshalb man sie liebt, das kleine braune Muttermal ihrer Geburt, das man küßt, weil es so süß ist . . . .