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Sigbjørn Obstfelder – Das Kreuz

Eine Liebesgeschichte

Sigbjørn Obstfelder, Das Kreuz, Erich Reiß Verlag, Berlin, 1909 (ÜbersetzerIn war nicht zu ermitteln - vermutlich Luise Wolf)


Sie ist zart und schlank. Sie geht nicht gleichmäßig, sie hüpft etwas bei jedem vierten Schritte.

Manchmal hebt sie einen Stein auf, wirft ihn weit über die Wasserfläche hin, daß er wieder aufspringt, ein-, zwei-, dreimal.

Dann lächelt sie einer Bachstelze zu, die auf dem Strande sitzt und mit dem Schwanze wippt. Dann tänzelt sie zwei Schritte weiter.

Aber halt! Was ist das? Sie setzt sich nieder. Ihr Gesicht wird so alt, so alt. Sie wird so traurig. Worüber kann sie zu trauern haben, sie, die so jung ist?

Es dauert nicht lange. Sie springt plötzlich auf, schleicht den Gartenzaun hinab, pflückt im dahingleiten eine Blume, beißt zwei, drei Blütenblätter ab und wirft sie fort. Auf den Zehen tritt sie in die Stube.

Sie liest eine halbe Seite. Dann gleitet sie wieder hinaus, ein Schluchzen erstickt. Niemand hat mit ihr gesprochen, niemand hat sie verletzt.

Draußen steht sie und flüstert etwas, mit zusammengebissenen Zähnen, faucht wie eine Katze.

Sie steht auf dem Wall. Die Sonne geht unter. Das Wasser plätschert. Alles ist Ruhe.

Aber sie ballt die Faust. Sie erhebt den Arm. Trotzend hebt sie ihre junge Brust dem Meere entgegen. Und plötzlich schreit sie auf, so daß die Stare am Strande erschreckt aufflattern: ich will! ich will!

Dann senkt sich ihre Brust. Vorher fuhr ein Sturm über sie hin. Jetzt ist es stille. Die Augen sind groß, die Pupillen schwarz.

Sie hat sich hingelegt. Die Arme hoch über ihrem Kopf, strecken sich wie Schlangen schmiegsam; kräftig. Ihre Augen sind geschlossen. Schläft sie?

Nein. Da fährt sie auf, das Gewand flattert; sie knirscht: ich will, ich will!

Was will sie?

 

Das Bild steht so oft vor mir. Und ich habe sie doch damals nicht gesehen. Ich kannte sie noch gar nicht. Als ich sie sah, waren ihre Hüften nicht schmal; sie waren voll und üppig, in ihrem Gesicht war nicht mehr das ewige Fliehen, ihr Busen wölbte sich nicht mehr so trotzig.

In anderer Art wechselte ihr Gesicht. Ein Ausdruck konnte kommen, der nur eine Weile rastete; dann wieder ein anderer, der blieb.

Warum sehe ich jetzt, da ich suche, mir ihr Bild zurückzurufen, gerade dieses vor mir, das ich nicht kannte? Ist es vielleicht, weil ich sie noch vor mir sehe, wie sie eines Morgens den nackten Arm emporstreckte – jählings richtete sie sich auf, sie streckte den Arm empor, alle Muskeln ihres Gesichtes spannten sich – war auch darin jenes: ich will! ich will!?

 

Wie es in ihren Augen blitzen konnte! Als hätte sie eine Sonne in ihrer Brust.

Aber sie konnte so schmerzlich weinen. Sie kam zuweilen zu mir und warf sich in meine Arme und weinte, daß ihr ganzer Körper bebte, die Schultern bebten, ihre Brust, ihre Lenden.

Dann hatte ich weiter nichts zu tun, als leicht und leise ihren Kopf an mich zu ziehen und sie so zu halten.

Ich hatte wohl eine eigene Art sie zu halten, die sie liebte. Denn einer ihrer Aussprüche war, daß sie mich liebe, weil ich der einzige sei, bei dem sie es wage sich auszuweinen.

In ihrer Brust, meinte sie, habe sie einen weiten See von Tränen, der manchmal hinausströmen müsse.

Ich weiß nicht, woher es kam, oft schien es mir, als sei es eine schwere Last, die an meiner Brust lag und daß sie zu halten, während sie weinte, ebenso schwer sei, wie für eine Mutter, ein Kind zur Welt zu bringen. Es schien mir, als täte ich damit etwas, was tief und ernst sei; etwas, das mir in meinem Lebensbuche angerechnet werden würde.

Einmal, als sie nach einem solchen Ausbruch von mir gegangen war, war es mir, als sei eine schwere Last auf meinem Herzen zurückgeblieben, dort wo ihr Haupt gelegen, und ich sagte laut zu mir selbst: sie wird mich gewiß nie verlassen können.

 

Mich verlassen! War sie denn bei mir? Ich wußte ja nicht einmal, weshalb sie weinte. Ich wußte nicht, welche Sorgen es waren, die sie ausweinen wollte.

Gerade das war das seltsam Heilige: Ich forschte nicht! Ich ließ sie nur bei mir so gerne weinen!

Ich dachte bei mir: sie leidet. Sie hat es nicht gut. Es ist gut, bei jemandem weinen zu können. Es erleichtert. Ich verstehe den Schmerz. Ich kann ihn so gut aufnehmen, ich möchte ihn für sie lindern, wenn ich es könnte.

Mich verlassen! Sie kam hin und wieder zu mir. Ich wußte sonst nichts von ihr.

Es konnte ja sein, daß irgendein Mann ihr den Schmerz verursacht hatte. Ich wußte es nicht. Es konnte sein, daß sie selbst etwas getan hatte, was sie unendlich quälte.

Ich dachte nicht darüber nach. Ich dachte nur: sie hat keinen Frieden. Es ist nicht einfach und gut und ruhig für sie. Ich möchte ihr so gerne Frieden geben, möchte ihre Brust ruhig, langsam und still atmen sehen.

 

Sie kam hin und wieder zu mir. Sie setzte sich an meine Seite, legte ihren Kopf auf meine Schulter und küßte mich.

Sie war auch froh, wenn ich sie küßte. Und sie sagte, daß sie mich liebe.

War es so? Liebte sie mich schon damals?

Wo sie in der Zwischenzeit war, wußte ich nicht. Ich wußte nichts von ihr. Ich fragte sie nicht. Immer, wenn der Gedanke mich streifte, sie zu fragen, hielt etwas in mir mich davon zurück.

 

Sie hatte hellblaue Augen. Wenn sie das hellblaue Samtkleid trug, wußte ich kaum, was blauer leuchtete, das Kleid oder die Augen. Ich wußte nicht, was weicher schimmerte.

Das hellblaue Samtkleid! Wieviel doch im Leben sich mit leblosen Dingen verknüpfen kann; mit einem Kleide, einem Armband. Die Menschen machen das Tote leben.

Denke ich im Stillen nur diese Worte: das hellblaue Samtkleid – dann steht eine ganze Reihe von Stunden vor mir. Besonders eine, in der eigentlich nichts geschah, der kein Sturm folgte. Wie stilles, tiefes Wasser war es an jenem Abend.

Der Baum, an dem sie lehnte, der Strom, welcher gerade da ohne Wirbel floß.

Ich sagte die Worte:

»Sieh das Ufer an, es steht stille und der Strom fließt. Erst am Ufer kann man sehen, daß der Strom stießt.«

Worte, die keine weitere Bedeutung haben. Und doch ist es, als höre ich sie aus einer entschwundenen Zeit herauftönen, und gleich einer Zauberformel beschwören sie Tage herauf, die niemals wiederkehren.

Ihr bebendes Ja! Als hätte ich ihr von etwas Schicksalschwerem gesprochen.

Und dann war alles Freude.

Denn nachdem wir eine lange Weile geschwiegen und auf denselben Punkt hingestarrt hatten, und der Fluß unsere Blicke mit sich fortgeführt hatte, sagte sie:

»Ich bin froh.«

»Ich – bin – froh,« sagte sie sanft und langsam.

Die Freude, die das Weib fühlt, wenn es reif ist und die das Gemüt in breiten Wogen durchzittert. Sie feuchtet das Auge. Es ist wie Mondschein auf dem Fjord, wenn er bebt.

Wie ich es vor mir sehe! Das Samtkleid im Laube, es war, als würde es eins mit ihrem Leibe, und ihr Leib zur Farbe.

Sie war so schön darin. Die Üppigkeit des Samts zeigte die Fülle ihrer Brust, zeigte und verhüllte sie zugleich, ließ sie hinschmelzen in kleine, dunkelblaue, weiche, flackernde Schatten.

Ich fange gewiß an, lyrisch zu werden. Verzeiht mir. Aber es tut mir so wohl, dabei zu verweilen, zu versuchen, es so zu schildern, wie es war.

Und wie es mehr und mehr dämmerte, verschmolz sie mehr und mehr mit dem Laube, mit den Sekunden, die wir nicht hörten.

Es war der einzige Abend, an dem sie rauchen wollte.

Sie sagte:

»Ich sehe das Glühen deiner Zigarette, das ist alles, was ich sehe.«

Ich sagte:

»Ich sehe das Leuchten deiner Zigarette, und ich sehe deine Hand.«

»Nun höre ich nur den Fluß. Vorhin hörte ich ihn nicht. Da sah ich ihn nur.«

Man erinnert sich solcher Gespräche länger als glühender Worte, deren Andenken bald erlischt. Geschrieben ist es nichts, denn es ist der Ton, der fortklingt im Ohr, der Ton, der das Ganze durchzittert.

Viele Jahre sind nun dahingegangen. Aber es gibt Nächte, in denen die zwei Zigaretten im Dunkel vor mir leuchten, und ich höre die leisen Worte in der Stille klingen.

 

Das war vielleicht die schönste Zeit: da ich das nicht erlebt hatte, was ich später erleben mußte. Diese große Stille, ehe das Leben kommt und die Schmerzen, ist sie nicht das herrlichste?

Sie saß mir damals gegenüber. Sie sagte, sie sei froh. Und es machte mich glücklich, daß sie es war Aber kannte ich denn ihre Freude? Verstand ich sie?

Später kam viel Leid.

Doch nein! Die schönsten Stunden, die kamen doch später. So wunderlich zusammengesetzt, reich und schwer von all dem, was kam und Stürme über mich brachte und was mein Gemüt anführte, das vorher so ruhig gewesen war.

Wunderliche Tage! Wie Sonnenschein und Regenschauer durcheinander.

 

Ich habe keine Muße, meinen Bericht kunstvoll zu formen. Alles stürmt auf mich ein, wenn ich darauf zurückblicke, und ich muß alles erzählen, um Ruhe zu bekommen. Bald ist auch die Nacht vorüber. Schon hörte ich einen Vogel zwitschern.

Ich wollte davon erzählen, warum sie, deren Antlitz alt und traurig war, als ich sie das erstemal sah, sich verwandelte. Sie bekam neue Züge, Falten wurden verwischt, ihre Augen bekamen Farbe, jeder Tag machte sie jünger.

Ich wollte erzählen, wie glücklich es mich machte, daß ich das verursachte. Daß ich die Macht dazu hatte.

Schließlich war es, als verdopple sie sich für mich. Die zarte Schlankheit des Mädchens schimmerte durch ihre Üppigkeit, die Hoffnung der Jungfrau auf das Geheimnisvolle leuchtete in dem Gesicht, auf welches das Leid des Lebens sein schmerzlich schönes Lied geschrieben hatte.

Es ist ein Wunder. Und so schwer ist es für mich, dem nachzuspüren, wie es eigentlich geschah und wie es so wurde.

Mit schweren traurigen Dingen war es verwebt.

Während ich hier sitze und das niederschreibe, stürmen sie auf mich ein; gerade wenn ich mir das Bild wieder herausrufen will von diesem Gesichte, das wieder so jung wurde. Und wenn ich daran denken will, wie das Leid kam und die Glücksstunden verklärte, dann sehe ich wieder dies stürmisch Junge in ihrem Auge, das das Jüngste von allem ist, das mehr ist, als Jugend: neue Jugend, ewige Jugend, Jugend durch Glück, Jugend von mir erschaffen.

 

– – Wie an dem Abend, als sie den Seidenumhang bekommen hatte. Sie wollte durchaus Wein haben. Ohne eine Silbe zu sagen, war sie fort, in eine Weinhandlung hinein.

»Madeira!« rief sie.

Sie plauderte und lachte, setzte sich auf einen Stuhl, schlenkerte mit den Beinen wie ein kleines Mädchen.

Einige Menschen standen da und redeten miteinander. Ich fühlte, wie sie uns nachblickten, als wir hinausgingen. Wir hörten einen flüstern:

– – Glück!

(Es war während der drei Monate an der See, der drei Monate, die eine einzige ununterbrochene Seligkeit waren.)

Sie warf den Kopf zurück und sah den Kreis an, mit dem frohesten »Ja« in ihren Augen, das ich je gesehen habe. Ich vergesse es nicht. Ich entsinne mich noch, mit welchen Blicken sie uns nachsahen, als wollten sie sagen:

»Solch Schönes sahen wir nie. Es gibt doch noch Glück in der Welt.«

 

Aber ich merke, daß ich doch am liebsten zu den strahlenden Stunden zurück möchte. Ich erzähle nicht, was dazwischen liegt.

– – Ich entsinne mich noch so gut, als ich ihn zum ersten Male sah. Wir trafen uns, wie man es heutzutage gewöhnlich tut, in einem Restaurant. Er war Bildhauer.

Wohl nie überkam mich ein so starkes Verlangen, einen Menschen kennen zu lernen. Nach und nach kamen wir auch ins Gespräch, wir entfernten uns von den anderen, die am selben Tische saßen.

(Mein Bericht hat keinen rechten Zusammenhang. Ich muß darum sagen, daß dies längere Zeit vor den vier Monaten liegt. – Im ganzen waren es vier Monate.)

Nie habe ich zuvor so stark empfunden, wie ein anderer Mensch dem Worte geben kann, wofür man selbst nach Worten sucht. Es ist fast etwas Peinliches daran, weil man vielleicht am liebsten selbst das Wort finden möchte.

Wir sprachen nicht von der Kunst. Auch nicht von Frauen.

Am besten entsinne ich mich dessen, was er sagte, während das elektrische Licht zuckte und das Restaurant finster wurde. Später gingen wir hinaus und trieben uns lange in den Straßen herum.

»Uns fehlt es an Ehrfurcht, an Ehrfurcht! Haben wir vielleicht Ehrfurcht vor der Sonne?« sagte er, als das elektrische Licht erlosch, und wir uns erhoben und durch den leeren Saal gingen.

»Die Sonne, die wieder aufersteht in all dem Licht und in all den Formen von Licht, die wir um uns sehen . . .

»Haben wir Ehrfurcht« – wir waren auf die Straße gekommen und einige umherstreifende Frauen gingen vorüber, – »haben wir vielleicht Ehrfurcht vor dem Lächeln eines Weibes? Dem Glückslächeln eines Weibes? – Ach nein, nun haben wir die ganze Zeit die Frauen aus unserem Gespräch ferngehalten; wir sprechen am besten von ihnen, wenn wir nicht von ihnen sprechen.

– – Ich wollte nur sagen – – Wie oft kehrt das Glückslächeln eines Weibes zurück?«

Er gehörte zu denjenigen, die mit dem Ton und dem Rhythmus mehr geben, als mit den Worten; zu denen, die durch eine kleine Pause plötzlich das sagen können, was das Innerste, das Geheimste in einem ist, und was in einem nach Ausdruck glüht.

»Und dann sollten wir nicht vor dem Augenblick – da das Lächeln da ist – Ehrfurcht haben, dann sollten wir nicht auf die Knie fallen und des Weibes Fuß küssen, während es lächelt!

»Wir tun es nicht. Wir haben keine Ehrfurcht.

»Die größte Macht in der Welt ist die Schönheit.

»Es ist schlecht bestellt um diese Machthaber heutzutage. – – Ja, es ist vielleicht immer faul mit der Alleinherrschaft gewesen.

»Ehrfurcht – – was meine ich damit?

»Ich meine zum Beispiel, daß wir vor uns selbst Ehrfurcht haben sollen, uns selbst nicht so quälen und nicht so viel Häßliches in uns aufdecken.

»Wir haben bei Gott kein Recht dazu, uns selbst zu quälen, wir haben bei Gott kein Recht dazu, uns selbst mehr als andere zu quälen! Bei Gott, wir haben es nicht!« Er wurde heftig, ballte die Hand und schien meine Gegenwart vergeben zu haben.

Erst viel später sagte er:

»Und wir können andere mit unserer Selbstqual zu Tode quälen.«

Er sagte dies so gedämpft, und das Wort »zu Tode« sagte er so langsam und traurig.

Und er nahm dabei meine Hand, sagte Lebewohl und ging.

 

Als ich ihn verlassen hatte, war ich in einer seltsamen neuen Stimmung. Und plötzlich stand das Bild Rebekkas (wir nannten uns überhaupt nie bei Namen, ich fand, daß ihr Name so schlecht zu ihr paßte, und sie fand dasselbe von meinem) so deutlich vor mir, und das war das Seltsame: deutlicher, als wenn ich sie selbst gesehen hätte. Und ich hatte sie doch in meinem Arm gehalten und sie so lange und genau angesehen.

Sie war wie neu in mir geworden. Und eine Frage war gekommen: wer ist sie?

Es dauerte lange, ehe ich einschlief, ich dachte unaufhörlich an sie. Seltsame Gedanken. Mir war, als hätte ich sie noch nie gesehen. Hatte ich die Linien ihrer Brust beobachtet? Hatte ich den Druck ihrer Hand wahrgenommen?

Und wie ein leiser Windhauch wogte es in mir: wer ist sie, wer ist sie?

Wollte ich die Vergangenheit kennen? Nein. Wollte ich ihr Alter wissen? Nein. Wollte ich wissen, ob sie andere geküßt hatte und wen? Nein.

Das war es nicht, was ich wissen wollte. Wer ist sie in ihrem tiefsten Innern?

Und – wessen ist sie? Gehört sie denn mir?

– Und es schlich sich über mich wie ein dämmerndes Morgengrauen: Wenn sie mein wäre! Wenn sie nun wirklich mein wäre!

Hatte sie denn nicht gesagt, daß sie mein wäre?

Doch, das hatte sie.

Konnte es aber möglich sein? Hatte sie es so gemeint? Hatte ich denn nie daran gedacht, wie wundersam es sein würde, wenn sie mein wäre? Wie alle Sterne dann leuchten müßten, wie die Sonne dann strahlen müßte!

 

Spät in der Nacht wachte ich auf. Ich ertappte mich, wie ich laut sagte: Sie hat geweint. Warum weint sie?

Ich zündete Licht an und stand auf. Sie hatte mir Rosen gebracht, eine gelbe und drei rote.

Ich hatte sie ja nicht angesehen, hatte noch gar nicht gesehen, wie schön sie waren!

Sie hatte sie mir gebracht. Während ich fort war, hatte sie Rosen in mein Wasserglas gestellt.

Ich nahm die Rosen, eine nach der anderen, und küßte sie. Ich nahm das Glas und stellte es neben das Bett.

Der Duft schmerzte mich nicht. Und doch kam ich in schwere, schmerzliche Träume.

 

Ein paar Tage später war sie bei mir. Ich erzählte ihr von meiner neuen Bekanntschaft. Ich gehöre zu denjenigen, die, wenn sie eine Frau lieben, ein Verlangen darnach haben, daß sie auch alles kennen und lieben lernen soll, was sie lieben. Die Männer, mit denen ich in der letzten Zeit zusammengekommen war, waren mir nicht so viel geworden, daß ich dieses Verlangen empfunden hatte. Mit ihm war es anders. Er hatte einen großen Eindruck auf mich gemacht, und ich konnte mir nicht anders denken, als daß sie auch Freude haben würde, mit ihm zusammen zu sein.

Ich schlug vor, wir wollten am nächsten Abend Zusammensein, essen und Wein trinken. Ich sah schon im Geiste die schöne Stimmung, welche das Zusammensein von uns dreien hervorbringen würde, wie sich das Leben bei uns dreien in jener Stunde wie in einem Brennpunkt sammeln würde. Ich sah vor mir, wie sie ihm gespannt zuhören würde, und wie ich mich an dem Spiel ihrer Augen freuen würde, wenn sie seinen Worten folgte.

Ich war überrascht, als sie mich unterbrach, küßte und nein sagte.

Ich drang in sie. Ich konnte nicht glauben, daß dies wirklich ihre Meinung wäre. Es war vielleicht eine kleine, feine Koketterie oder eine Art Trägheit, neue Bekanntschaften zu machen.

Aber für alle meine Gründe hatte sie nur dies geküßte Nein.

Ich erzählte weiter von ihm, mehr und mehr, warm und bewundernd. Sie sah mich an mit einem Blick, den ich früher nicht bei ihr gesehen hatte, so tief.

Dann sank sie auf die Knie vor mir, sie reichte mir ihre beiden Hände und sagte, fast wie in Angst:

»Ach Lieber, bitte mich nicht mehr!«

Nie hatte ich sie so gesehen, wie nach diesem Gespräch, oder war es, weil ich selbst angefangen hatte, sie anders anzusehen? Das Gesicht war so schön warm, solch stille Tiefe war in den Augen.

Als sie gehen wollte, ordnete sie ihr Haar vor dem Spiegel. Ich wollte ihr nahe sein, ich stand neben ihr. Wir sahen beide unsere Gesichter in dem Spiegel. Sie sah meines, ich sah ihres.

War eine Träne in ihrem Auge? Oder war das ein Glückslächeln?

 

Ich war nun viel mit Bredo, dem Bildhauer, zusammen. Eine eigene Neigung zog uns gegenseitig an. Jedenfalls empfand ich so für ihn. Es war etwas an ihm, was ich vordem bei niemanden gefunden hatte, und was mir die Empfindung gab, daß, was ich fühlen, sehen und denken konnte, nicht nur mir eigentümliche Sonderbarkeiten waren, sondern auch in der Brust anderer Menschen beben konnte, vielleicht bei einigen der Besten, bei denen, die die Musik des Lebens am stärksten fühlen.

Es war mir auch so wohltuend, daß zwischen uns nichts von dem vorausgesetzt wurde, was man »Freundschaft« nennt. Wir sprachen nie von ganz privaten Sachen. Ich kannte nicht einmal seine Wohnung, er auch meine nicht. Die Begegnung unserer Persönlichkeiten war so natürlich, so ungezwungen, und in unserem Verkehr lag so viel Achtung vor dem, was jeder für sich haben wollte. Er gab mir keinen besonders festen Händedruck, der verpflichtet. Man fragt sich, wenn man nach Haus geht: Was bedeutete er eigentlich? – Er drückte mir nur die Hand, wenn ihn oder uns beide etwas erregt hatte.

Er konnte Worte sagen, die meine Gedanken auf neue Bahnen führten, die ich gesucht hatte. Ich konnte Dinge aussprechen, die ihm die fehlenden Glieder in der Kette waren, mit der er sich beschäftigte.

Es war, als würde die Natur um uns während unseres Beisammenseins größer und heiliger, ein leuchtender Glanz ergoß sich plötzlich auf unser Leben herab; er machte es zu dem Märchen, wonach alle verlangen. Und wenn wir uns trennten, war es, als spürten wir, als stünde das Geheimnisvolle da zwischen uns, das Geheimnisvolle, welches doch da ist, in dem Leben, hinter dem Leben und um das Leben herum.

Ich entsinne mich noch, wie ich nach unseren Spaziergängen in mein Zimmer kam, dastand und nach den Zündhölzern tastete: Alles, was mich umgab, bekam einen Schein von dem Ewigen. Ich sagte zu mir selbst: Hier wohnst du, hier ist dein Zimmer, wo du einen Teil deines Erdenlebens verbringst, in dem eine Zeitlang deine Atemzüge sich sammeln . . .

 

Dann geschah es, daß ich in sein Atelier kam. Ich möchte das am liebsten in einer anderen Weise erzählen. Wenn möglich in Musik. Es schmerzt mich das Wort, den genauen Ausdruck für alles finden zu müssen. Heißt das nicht den Schmerz verdoppeln? Und ist es nicht eine Sünde, zu wiederholen, was gewesen ist? Was gewesen, ist hin, es schimmerte und schwand.

Er zeigte mir zuerst seine frühesten Arbeiten. Sie machten auf mich keinen Eindruck. Sie schienen mir nur halb verschwommene Mischungen von Einwirkungen und von schwachem Suchen, ein »Ich« zu finden, das noch nicht ans dem reichen Bade des Lebens aufgetaucht war.

Dann zeigte er etwas von dem, was er später gemacht hatte. Es war zuerst ein Kopf. In demselben Moment, als ich ihn sah, stand der erste Abend, als wir zusammen gewesen waren, vor mir, nicht so sehr unser Gespräch, als was in mir selbst vorging, nachdem ich nach Hause gekommen war. Als ich mir selbst gesagt hatte: Sie, Rebekka, ist neu in mir geworden!

Alle seine Sachen waren verschieden, höchst verschieden, die Motive verschieden, die Gesichter verschieden. Es waren Freude, Kummer und Grübeln. Für mich schien aber alles eins.

Da war eine Frau, die küssen wollte. Es war, als wolle ihr ganzer Körper in dem Kusse sich zusammendrängen, sie will küssen, wie ein Tiger auf seine Beute stürzt. Es ist, als sagten ihre Lippen ohne Worte: »Jetzt will ich küssen, ich weiß nicht, ob ich in meinem Leben wieder küssen werde, und darum will ich küssen – ich will, ich will.«

Ich empfand einen heftigen Stich im Herzen, ich hatte nie zuvor ein ähnliches Gefühl gehabt. Waren andere außer ihr, die so küssen wollten?

Hatte sie, Rebekka, dort in der Ecke gestanden, ihre Kleider fallen gelassen, wie es Modelle zu tun pflegen? Das einzige Weib, das ich in meinen Armen gehalten hatte – gab es einen anderen, der alle ihre Züge kannte, sie besser kannte, als ich? Ihre Bewegungen, ach ihre Bewegungen, wenn sie das Haar so zurückstrich! – Oder wenn sie die Brust so an mich schmiegte! Ja – nun standen sie mit einemmal vor mir, alle!

Ja, sie war da! In all diesem Ton. Wie verschieden die Gesichter und die Glieder auch waren, so war doch immer etwas darin von der Seele ihres Körpers, von der Melodie ihrer Glieder.

Ich hätte hinauseilen mögen, weinen, mich verstecken. Und doch wurde es mir eine Art selbstquälerischen Genusses, dazustehen, hier eine Linie, die ich selbst gesehen hatte, zu sehen oder wiederzufinden, da eine andere, die ich noch nicht gesehen hatte, von der ich aber wußte, daß sie ihr gehörte.

 

Ich ging lange umher. Wie in Betäubung. Ich wußte nicht, wo ich ging.

Plötzlich tauchte ein Gedanke empor: Meine Phantasie war es, die mit mir spielte. Ich verkehrte mit keiner Frau außer Rebekka, seit langer Zeit drehten sich meine Gedanken nur um sie. Ich sah sie in allem.

Ich wußte so wenig von Frauen. Es könnte welche geben, die ihr glichen, die dieselben Bewegungen hatten. Und vielleicht war bei Bredo und mir etwas gemeinschaftliches, welches machte, daß wir dasselbe in dem Weibe sahen.

Ich war bis nach dem Fjord hinausgekommen. Er hatte eine seiner stillen Stunden. Ein Gefühl von Schönheit erfaßte mich: Ich sah sie in allem! Ich fand ihre Bewegungen in allem, was ich sah. Jede Frau war sie. Die ganze Welt war sie.

Das tiefe Auge, mit dem sie mich angesehen hatte! In der Natur, in der Kunst, in dem Manne, in dem Weltall war ein Lichtquell, aus dem alles herausstrahlte, in den alles wieder hineinfloß – dasselbe Auge!

– Ich saß auf einer Bank, während ich dies dachte. Plötzlich fiel es mir ein: Auf dieser Bank hatten wir gesessen, als wir uns zum ersten Male küßten.

Warum gerade auf dieser? Wie war es zugegangen, daß ich, ohne mich zu besinnen, gerade hierher gekommen war?

Sie hatte gesagt:

»So wie du küßt niemand in der Welt.«

Wieder empfand ich diesen Stich im Herzen. Sie hatte an jemand gedacht. Sie hatte anderer Küsse gedacht. Vielleicht auf derselben Bank hatte sie einen an deren geküßt. Vielleicht auf derselben Bank!

Hatte ich mir aber jemals gedacht, daß sie vorher nicht geküßt hatte, daß sie nie geliebt? Was war denn aus mir geworden? Warum quälte ich nun meinen Kopf mit solchen Gedanken?

Sie war zu mir gekommen. Ich hatte sie zu mir hereingenommen. Und ich hatte ja gerade gedacht: Sie hat vielleicht geliebt, ist dadurch getäuscht und gekränkt worden. Ich war gerade darauf stolz gewesen, daß sie ihren Kopf so ruhig an meine Brust legen konnte, ohne daß ich eine einzige Frage an sie richtete, ohne daß es für mich eine Vergangenheit gab.

Ich hatte ja gewollt, daß bei mir nur ein »Jetzt« wäre, ein großes, schönes Jetzt, schöner und schöner, je mehr dies Gefühl in sie eindrang und ihr ganzes Inneres erwärmte.

Es waren wohl keine klaren Gedanken gewesen, nur instinktiv. Nun war es mir klar, daß ich es so gewollt hatte.

– Jedesmal, wenn meine Hand die Bank streifte, wo sie gesessen hatte, wo sich ihr Kleid gefaltet hatte, kam der Stich wieder: Sie war da in dem Ton, nur sie hatte diese Seele in dem Arm.

Ich hatte ihn gefragt, ob er nicht ein und dasselbe Modell zu den meisten Sachen gehabt hatte. Er hatte gesagt:

»Ich glaube, sie ist mir unbewußt in mehrere Sachen hineingekommen.«

Es war etwas darin, das mich peinigte. Als er das sagte, hatte ich nicht darüber nachgedacht, was er wohl damit meinen könnte. Der Tonfall aber hatte sich festgesetzt.

 

Jene Worte verfolgten mich. Warum hatte mich dieser Mann vom ersten Augenblick an so unwiderstehlich zu sich hingezogen? Ob es wohl deshalb war, weil sie in seinem Leben war, weil sie in ihm schuf, in seine Arbeiten Seele hineinströmte? Und das Geheimnisvolle, das zuweilen zwischen uns kam – sie war es! Sie war es, die ich bei ihm gesucht hatte, ohne es zu wissen – den Wiederhall ihrer Stimme, den ich in dem Klang seiner Worte suchte, das Wiederspiegeln ihres Geistes, den ich im Wechsel seiner Stimmungen zu finden dachte.

Wenn es so wäre, müßte ich ihn dann nicht hassen? Müßte ich sie nicht hassen, die nicht offen zu mir war? Wüßte ich nicht das ganze Leben hassen, das mich zum Spielball machte?

Etwas von dem, was uns im Leben zum Manne macht, kam aus all diesen quälenden Gedanken. Wir gewahren plötzlich etwas, das außer uns liegt, etwas, das höher und stärker ist als wir selbst, es berührt uns und es wird unser Eigentum, und wir werden stärker als vordem, und reicher, traurig-reicher, fröhlich-reicher, je nachdem die Nadel zeigt.

Es ist etwas starkes darin: keine Entscheidung zu fassen, kein entschiedenes Urteil über das, was uns begegnet, sich selbst gegenüber auszusprechen. Es ist, als verschwinden wir selbst dem mannigfaltig Großen gegenüber, und wir werden größer, indem wir das Große uns durchdringen lassen, anstatt uns dagegen zu verschließen.

Es ist schwer zu erklären. Es gibt Sachen, die wir einem anderen verständlich machen können, wenn wir die richtigen Worte dafür finden, – es gibt aber auch Dinge, die trotz aller Worte doch nie zu verstehen sind, wenn man selbst ähnliches nicht erlebt hat.

(Ich philosophiere vielleicht zu viel. Wenn ich aber hier sitze und das Ganze zu sehen suche, wie es sich ineinander wob, dann sehe ich gerade, wie das Unsichtbare sich durch das Sichtbare schlingt, und wie das, was zu der großen Flamme emporwuchs, gerade das war, was verborgen lag und sich nicht so leicht erzählen laßt, und es wird mir zu einer wehmütigen Befriedigung zu sehen, wie alles in der Tiefe vorging.)

Ich fühlte, daß ich weder hassen noch anklagen könne. Aber ein wundersames, angsterfülltes Erwarten kam in mich. Was mag das Schicksal bringen?

Ich war gleich einer Kirche, die auf den Psalm wartet. Es kann ein Hochzeitspsalm, es kann eine Trauermesse werden.

 

Diese Erwartung beherrschte mich vollständig, als sie das nächste Mal bei mir war. Ich war nie so zu ihr gewesen. Sie wollte mich küssen. Ich wich ihr aus. Sie bat mich zu reden. Ich schwieg.

Ich setzte mich in eine andere Ecke des Zimmers. Und ich fühlte doch, daß diese Trennung größer sei als irgend eine in der Welt.

Alles in mir zog mich zu ihr hin. Mehr als je. Ich wartete auf etwas, das kommen sollte, das die Glut in mir entzünden würde. Ich wollte sie umarmen, wie ich sie nie zuvor umarmt hatte, und ich verbarg meinen Blick. Ich wollte eine Weichheit in Wort und Stimme hineinlegen wie nie in meinem Leben – und ich schwieg.

Ich fühlte, daß in ihr etwas vorging. Während alles in mir danach verlangte, mein ganzes Ich zu entzünden, mein ganzes Leben zu einer glühenden Flamme zu entzünden, hatte ich die Empfindung, daß sie eine eiskalte, tötende Kälte ihr entgegenströmen fühlte.

Ich konnte fühlen, wie ihr Gesicht sich schmerzlich veränderte. Ich hatte eine brennende Lust, ihre Züge zu sehen. Ich drängte sie aber zurück.

Lange bevor sie die Worte, die ich jetzt wiedergebe, sprach, war es, als bebte und weinte es in mir: nun will sie sprechen, nun ringt ihre Brust, sie bringt die Worte nicht hervor, sie preßt sie heraus:

»Willst auch du mich quälen?«

Sie sagte es leise, sehr leise, tonlos, als wäre sie selbst von den Worten, die sie aussprach, fortgegangen. Dann erhob sie sich langsam. Ich verstand, daß sie sich entschlossen hatte zu gehen.

Indem es aber verwirrt in mir tobte, indem alles, was mich während der letzten Zeit verfolgt hatte, verschwand, und all das, was von Anfang in mir dagewesen, wiederkam – lief ich hin, zwang sie auf das Sofa nieder, und rief, was ich niemals vorher geflüstert hatte:

»Ich liebe dich, ich liebe dich, des Tages und des Nachts, ich liebe dich zum Wahnsinn!«

Sie hörte mich an, still mit stillen Augen. Ihre Brust ging hoch, während ich die Worte sprach und noch lange nachher. Dann warf sie sich heftig in meine Arme und weinte wie nie zuvor. Während des Tränenstromes aber erhob sie sich und sagte, als wolle sie Bedeutung in die Worte hineinlegen:

»Nun weine ich alles aus, was ich erlebt habe.«

Eine Weile nachher sagte sie:

»Dann werde ich nie mehr weinen.«

Dann hielt ihr Weinen inne. Und – – sie schlief an meiner Brust ein, wie wir da saßen!!

Ich saß und hielt sie, wie man ein kleines Kind hält. Ich sah mich im Zimmer um und hörte auf ihr Atmen.

Dann kam eine heiße Wange, ein weicher, nasser Kuß. Sie war halbwach.

Dann eine Weile nachher:

»Ach, du bist es ja doch. Wir war so angst, daß ich nicht bei dir wäre.«

 

Das war das letztemal, daß ich sie weinen sah.

 

Ich hatte ihr gegenüber gesessen, kalt und fremd, als ob sie mich nichts anginge. Und gerade gleich danach war es geschehen.

Wie war es zugegangen? Ich verstand es nicht. Ich wußte bloß, daß es, als sie gehen wollte, wie eine Flammenschrift vor mir stand: sie darf nicht, sie darf nicht gehen. Und dann hatte ich es gesagt. Wie ein Orkan war es aus mir herausgebraust, daß ich sie liebte.

Und gerade das Wort, für das, was mich schmerzte, hatte sie ausgesprochen. »Auch du« – »du, wie der andere«, oder »die anderen«.

Und dann war es geschehen. Gerade als sie das sagte, das geschmerzt hatte, hatte es in mir geschrieen: ich muß – ich will – ihr Gewand küssen.

Ich hatte gehandelt, ohne vorher zu wissen, was geschehen würde, wie von unbekannten Mächten getrieben. Das ist bloß ein paarmal in meinem Leben vorgekommen. Man hat ein wunderbar schönes und demütiges Gefühl dabei. Es strömt nachher wie eine leichte zitternde Wärme über Schultern und Rücken, und es ist, als drücke das Herz nicht fest in der Brust, sondern ruhe in einem Lager von Äther.

Das Zimmer, in dem die Worte getönt hatten, war ein Tempel geworden. Alles wurde zu einem Rausch von Glück, einem Glück, das in einer großen Träne ruhte.

Und bevor ich einschlief, hatte ich eine schöne Erscheinung womit die Gedanken schlössen und die Träume ihren Anfang nehmen: Der ganze Weltenraum war eine große zitternde Träne, in der alle Sterne und Sonnen schwammen.

Ich hatte aber keine Ruhe. Ich wurde hin und her gezerrt.

Bald zog es mich nach dem Atelier; ich ging auf und ab ohne hineinzugehen.

Bald fühlte ich wieder eine große schwellende Freude in mir, einen stolzen Willen, über den Augenblick selbst zu herrschen und ihn reich zu machen. Ich wollte sie schützen, sie gegen alles, was gewesen war und was kommen würde, verteidigen. Wenn andere in ihrem Leben gewesen waren, ist sie darum kleiner? Ist sie dann nicht nur reicher, nur geheimnisvoller?

Aber ach! Dann kam das andere wieder! Und ohne es zu wissen, war ich hinaufgegangen. Ich stand auf dem Flur, ich hörte mein Herz klopfen. Es hämmerte in mir: dies sollst du nicht tun. Dies ist nicht schön. Dies sollst du nicht tun.

Und dabei tat ich es.

Einige Schritte vor der Tür blieb ich stehen. Denn es tönten Stimmen. Er war nicht allein. Die andere Stimme war ihre.

Wie ein Blitz fuhr es an mir vorüber, aber ich werde es nie vergessen: ich draußen, – er, er, für den ich mehr als für einen anderen Mann je gefühlt hatte, drinnen – ihre Stimme, die in meiner Stube geflüstert, gesprochen und geweint hatte.

Vielleicht stand sie da enthüllt. Was ich nur zu ahnen gewagt hatte, was zu vermuten mir schon ein Verbrechen schien, das stand drinnen vor den Augen eines anderen; nicht vor einem Fremden, dessen Blicke abprallen und gleichgültig sein würden. Nein, in die Haut würden sie eindringen, jede Falte würden sie aufnehmen und verstehen.

Wie ein Traum war es zuweilen über mich gekommen, nur des Nachts, da einen das überlistet, was man am Tage nicht zu denken wagt: ob ihr Leib wohl einmal. in meinen Armen schlummern würde. In der Dämmerung sollte mir das werden, heimlich wie der Ursprung des Lebens.

Wo blieb das Heimliche, wenn sie da drinnen im vollen Licht gestanden hatte; all das, was in meinen Träumen als lichte zarte Seifenblasen aufgestiegen war, das war nun enthüllt, jede Linie war enthüllt, von einem anderen gekannt?

 

Selbst die größten Schmerzen sind selten unvermischt. Das Gefühl des Manschen ist fast nie ein einfaches, ein ganzes. Os fügen sich andere hinzu. Und es mischen sich Gedanken hinein. Vielleicht werden gerade aus den größten Schmerzen die tiefsten Gedanken geboren. Und vielleicht kommt es gerade daher, daß die Menschen im Leid nicht unterliegen.

Jeder Nerv in mir zitterte und weinte, ich fühlte es, als wäre meine Brust voll Blut.

Zugleich aber war es, als seien alle meine Sinne wach geworden. Mir schien, als könnte ich in alles hineinblicken, in alles, was lebte, was geboren wurde, was starb, litt und jubelte, ein Netz schien es mir, ein Gottheitsnetz. Ich sah, wie das Leben aus Maschen zusammengeknüpft war. Das menschliche Auge vermag wohl die gewaltige Phantasie in dem Gewebe zu erblicken, nicht aber den Gang der Fäden zu verfolgen.

Noch vor wenigen Tagen war alles so still gewesen. Ich hatte nicht daran gedacht, daß sie mein Inneres in Aufruhr bringen könnte. Und ich hatte auch nicht das geringste Verlangen danach gehabt, ihre Wege und Erlebnisse zu kennen.

Ich war so stolz und stark gewesen. Und nun war ich wie Espenlaub. Jedesmal wenn es wieder über mich kam, wie ich da draußen gestanden hatte, wie ihre Stimme von drinnen getönt hatte, brannte meine Brust da, wo ihr Kopf gelegen hatte.

Ich hatte ihr mein Herzblut gegeben, während ich ihr Haar streichelte, sie hatte an meinem Herzen gesogen. Und ich hatte es nicht gewußt.

Mir war es, als wäre eine Weltumwälzung gekommen. Konnte nun wohl alles je wieder werden, wie zuvor?

Sie betrog mich, belog mich, heuchelte!

Wie konnte sie mich aber dann so ansehen? Und in mein Ohr flüstern, daß ich der einzige wäre, bei dem ihr ganzes Wesen sich daheim und voll Vertrauen fühle?

 

Mich zog der Schmerz an, wie einen ein Rätsel anzieht. Ich suchte wieder Bredo. Wir saßen zusammen bis spät abends. Wir wurden vertraulicher als je zuvor. Wir saßen nahe aneinander und sahen einander tief in die Augen, als wollten wir unsere heimlichen Freuden und Leiden kennen lernen, ohne zu fragen.

Plötzlich war es – wir sprachen von ganz anderen Sachen als Frauen – daß er mich mit einem langen Blick ansah und das eine Wort sagte:

»Rebekka.«

Ich traf seinen Blick. Ich fragte:

»Was meinst du?«

Er sah mich wieder an. Dann sagte er schnell:

»Ach nichts.«

Wir saßen einander gegenüber an einem kleinen Tisch. Es war ein Café, in das keiner von den bekannteren Leuten der Stadt kam. Es war niemand außer uns dageblieben, und die Lampen über den anderen Tischen waren ausgelöscht.

Ich sehe noch den kleinen Tisch. Wir sitzen einander gegenüber. Nach einem kurzen Schweigen hebt er das Auge und sagt das eine Wort:

»Rebekka.«

 

Wer kann es erklären? Ich war in einer entsetzlichen Spannung gewesen. Und als er dann selbst das Wort sagte, verstellte ich mich. Ich hätte tragen können, und ich würde alles erfahren haben.

Und vielleicht wäre dann alles anders geworden.

 

Als sie das nächstemal zu mir kam, war ich schweigsam und kalt. Ich konnte kein Wort hervorbringen. Ich lief ihr nicht wie neulich nach, als sie gehen wollte.

Sie sagte nichts. Ihre Lippen waren geschlossen. Sie bebten leise. Ihre Augen waren gesenkt, als sähen sie etwas von einem anderen Ort oder von einer anderen Zeit.

Erst als sie die Klinke hielt, sagte sie mit einem eigenen gekränkten Stolz:

»Ich gehe, und ich komme nie mehr wieder.«

Sie blieb noch einen Augenblick stehen, als erwartete sie etwas von mir. Dann sagte sie schmerzlich:

»Dies hättest du nicht tun sollen!«

 

Als sie aber gegangen war, war es, als wenn tausend Tränen, die in mir zu Eis gefroren waren, schmölzen, und das Blut strömte so warm in die Wange empor.

Und ich hörte nur ihre letzten Worte und den Klang ihrer Stimme. Was sagte ihre Stimme? Ich hatte Erklärungen erwartet, hatte gehofft, daß etwas geschehen, daß sie etwas sagen würde, das all diese Unruhe vernichten müßte. Warum Erklärungen erwarten?

Sie hatte alles verstanden. Alles war in dem Klang gewesen.

Gab es vielleicht jemand in der Welt, der diesen Klang besaß, der sich so um mein Herz winden konnte, so daß es jedesmal stärker und stärker schlug, als wolle es die marternden Gedanken des Gehirns betäuben?

Ich hatte sie gedemütigt. Ich hatte sie an der Tür stehen lassen wie einen Hund. Ich hatte ihr kein einziges Wort gesagt, hatte die Augen abgewandt. Und dennoch liebte ich sie ja!

Ihr das Haar streicheln! Nur ein einziges Mal ihr über das Haar streicheln. Ich würde es so gut und ruhig machen. All das abstreichen, was sie von Bösem und Häßlichem im Leben gehabt hatte, Frieden und Ruhe über sie bringen!

 

Dann war es, daß aus all diesen Gedanken der Traum wieder in mir erstand, der Traum von dem, das zu denken ich nicht gewagt hatte, und er kam, aber so weich und schmerzlich.

Und in ihm war ein Verlangen nach Wissen, so bang und so zitternd. Es war, als müßte das Kommende entweder Tod oder Leben sein.

Und ich schrieb ihr Briefe, in denen alle meine Worte knieend flehten:

»Komm!«

 

Wie ich mich dieser Tage entsinne! Es geschah ja nichts neues, und doch gedenke ich ihrer, während ich die großen Schmerzen vergessen habe. Jetzt, da niemand kommen und mit der kleinen behandschuhten Hand anklopfen wird – habe ich noch so oft dasselbe heiße Zittern in mir.

Ich saß da, wo sie so oft gesessen war, und es war mir, als erwarte ich ein neues Wesen. Man träumt in der frühesten Jugend von dem ersten Kuß. Denselben Traum, allein tausendmal heißer, tausendmal angstvoller hatte ich nun von dem Kuß der Frau, die mich so oft geküßt hat.

Wenn sie nun so wie in alten Tagen – ja, es schienen mir verflossene Zeiten – so wie damals plötzlich leicht an die Türe klopfen würde und, bevor ich noch hingehen könnte, auf dem kleinen Teppich stehen würde, wo sie so oft gestanden hatte – – ach, es schien, als wäre es eine Million Jahre her – und mich ansehen, mich so ansehen!

Es würde nie und nimmer sein wie damals. Es würde etwas zwischen uns stehen, was ich nicht wußte.

– Wer kann das Warten des Mannes schildern? Es ist ein Stürmen und Toben in seinem Innern, ein Kampf zwischen dem Harten und Weichen, zwischen dem Männlichen und Weiblichen in seiner Natur. Jetzt brausende Anklagen, im nächsten Augenblick die zarteste Demut . . . Sie soll es einmal fühlen, daß sie einen Mann hat da sitzen lassen und ihn einer erbärmlichen Frau wegen zum Sklaven der Zeit und des Raumes gemacht, sie soll es einmal fühlen! Ach nein, wenn sie doch in diesem Moment käme – ich würde das Demütigste tun, das ich ausfinden könnte, ich würde ihren Schuh küssen, wo er schmutzig ist, ich würde – ich würde –

Dann wieder stille Stunden, wie Pausen in einer Ouvertüre, da jedes Instrument verstummt. Man steht außerhalb des Lebens. Dann aber schleicht es sich wieder leise heran, in neuen Formen, in neuen, überraschenden Akkorden. Man sieht, daß man die Welt nie gekannt hat, sich selbst nie gesehen hat.

Und wie ein Blitz schießt es in einem empor: man darf nicht sterben, um Gotteswillen noch nicht sterben. Man hat so viel, was man hat geben sollen und das man nicht gab, – man muß nicht sterben – man hat ja noch nicht gesehen, wie die Dinge aussehen – man hat ja nicht darauf gehorcht, wie die Vögel zwitschern, – es sind Linien in ihrer Hand, die man noch nicht kennt!

 

Während dieser Zeit saß ich eines Tages in dem Park. Ich hatte eben Bredo verlassen. Einige Worte, die er gesagt hatte, tönten immer und immer in meinen Ohren. Er hatte gesagt:

»Das Weib ist wie eine Schlingpflanze. Es steckt in allem, es ist wie ein gefährlicher Epheu. Es windet sich um alle Männer und alle Häuser. Es schlingt sich um unseren Fuß, und wir fallen, es bekränzt einen anderen, und er wandelt in Duft. Es untergräbt ein Haus und klettert auf das Dach eines anderen.

Und es ist immer dasselbe Weib. Es sind tausende, ja hundertmal tausende von Männern in der Welt. Allein es ist bloß ein Weib, bloß ein einziges Weib. Dasselbe Weib ist in allen Weibern, dasselbe schleichende Phantom, – das sich so klein wie eine Maus machen kann und so gewaltig und wunderbar wie eine Fata Morgana.

Ja, ein Phantom ist sie. Die, welche in der Wirklichkeit die Frauen sind, diese Lehrerinnen, diese Kassiererinnen und diese Balldamen und diese Matronen – sie sind nicht das Weib. Das Weib ist ein Phantom, das unsichtbar unter uns wandelt, in den Herzen und Gehirnen, das vor Urzeit da gewandelt hat, die ewige Eva. Sieh, das ist das Gefährliche: wir sehen in der einzelnen Frau das Weib, – das Weib, das Phantom unter uns.«

»Ach (setzte er traurig hinzu), wir wissen nie, wo sie ist! Wir glauben, sie schlummert in unserem Arm, und dann ist sie tausende von Meilen fern!«

– Es war halb dunkel geworden. Nicht weit von mir saß noch ein Kindermädchen. Ein kleines Mädchen spielte vor ihr. Eine Dame näherte sich. Sie redete das Kind an. Sie hob es auf und küßte es. Sie stand lange und betrachtete es. Dann setzte sie es nieder auf die Erde, sie nahm ihre Börse aus der Tasche. Ich sah sie erst dem Kinde ein Geldstück geben, dann eins dem Kindermädchen.

Dann ging sie. Ich folgte ihr ohne es zu wissen. Es war, als lebte ich nicht mehr. Meine Augen hingen an ihren Hüften, wie sie wiegten, an ihren Füßen, wie sie sich bewegten.

 

Sie war verschwunden. Allein in mir wiegte sich ihre Hüfte, bewegte sich ihr Fuß. Ich hatte sie nie zuvor so gesehen. Sie war bloß in meiner Stube gewesen, hatte an meiner Seite gesessen.

Es wiegte und wiegte sich in mir.

Seit dieser Zeit haben die Blumen eine abergläubische Bedeutung für mich gehabt.

Bei mir stand eine große, rote Tulpenknospe, die sie mir gebracht hatte. Ich selbst hatte eine weiße Hyazinthe gekauft.

Eines Morgens sah ich, daß sich die Hyazinthe dahin geneigt hatte, wo die Tulpe in ihrem Grünen stand. Ich schnitzte ein Stäbchen und stützte sie.

Aber am nächsten Morgen hatte sie sich trotz des Stäbchens wieder gebogen und sich in das Grüne hineingeneigt und fast die Knospe berührt.

Die Nacht darauf schlief ich schlecht. Ich dachte an Rebekka, meine Sehnsucht glühte. Ich empfand auch einen ungewöhnlich starken Duft.

Und am nächsten Morgen hatte meine Hyazinthe ihre Tulpe berührt und die Knospe hatte sich entfaltet.

Aber am selben Tage kam sie.

 

Sie kam. Aber sie war eine andere geworden.

Es war etwas neues in die Augen gekommen. Ich hatte gedacht, daß sie blau waren. Nun waren sie tiefgrau.

Sie trug ihren Kopf in einer anderen Weise.

Sie war langsamer in ihren Bewegungen geworden, als genösse sie das Wiegen ihrer Hüfte, schweigsamer, als horchte sie auf den Atem ihrer Brust.

Es war auch etwas an ihren Augenwimpern, – ein Lächeln, – vielleicht nur ein Funkeln.

 

Sie zog mich an, wie die See die Nacht vor dem Johannistage. Ich fühlte ihre Brust nahe an mir. Ich fühlte, daß sie mein war, daß ich sie sehen konnte, sie küssen konnte. Und ich wagte es nicht.

Ich rührte an ihrer Brustnadel.

Sie senkte den Blick.

Nach einer Weile sagte sie – und es war, als bebte das Wort von Saiten her, die viele Jahre verborgen und unberührt gelegen hatten:

»Du darfst.«

Und ich wagte es nicht.

Es lag eine wunderbare, zarte Scheu auf ihr, nicht die der Jungfrau, sondern seltsamer, ängstlicher, tiefer.

Dann kam die Nacht, und wir sanken zusammen, und ich kann nicht schildern, was es war. Denn für mich war es das Leben.

 

Dann kommen die vier Monate.

Niemand mag jemals solches erlebt haben. Ganzes volles Glück ist so selten. Es ist eine Sonnenmimose, die fast niemand sah.

Es wurde Abend und Morgen, und es wurde Abend und Morgen über eine Stille, in welcher alles in uns singen konnte. Wir saßen stundenlang mit dem Kopf abwechselnd einer an des anderen Brust, um das Herz klopfen zu hören. Und in dem Haus da am Meere hörte es sich so groß und seltsam an. Sie legte sich oft auf die Knie vor mir, und ich durfte nicht reden, denn sie wolle auf das Große und Schöne horchen, sagte sie.

Selbst saß ich so und ließ die Augen über den Seespiegel dahingleiten, der unter der Sonne wechselte, der auf und nieder wogte, – das einzige, das wechselte.

Es war eine Stille, in welcher zwei sehen und hören können, was einer allein nicht sieht und hört. Einmal schien es uns, daß wir die Sonne im Weltenraume singen hörten.

Ich gab ihr meine Gedanken. Wir gingen lange Abende aus, ich sprach ohne Unterbrechung – von dem Leben der Menschen auf der Erde, von dem Tanz der Sterne, von dem Geheimnis des Todes. Zuweilen fühlte ich ihre Augen auf mir ruhen, und ich fand, daß es so wenig sei, was ich wußte. Zuweilen fühlte ich ihre Hand die meine drücken, ohne daß sie davon zu wissen schien.

Ich lehrte sie jeden Stein am Ufer bei seinem Namen kennen, ich ließ sie in das Mikroskop sehen. Ich versuchte ihr die Linien des Lebens anzudeuten, von den niedrigsten bis zu der Höhe, von den innersten gegen die Peripherie hinaus.

Ich unterbrach mich zuweilen mitten im Reden. Ich wußte nicht, ob sie mich hörte. Es war, als wandelte sie in einer lichten Traumwelt, und als ließe sie sich von meinem Reden wie von einem fernen menschlichen Säuseln nur einhüllen.

 

Ach, jetzt, wo es so lange her ist, jetzt, wo ich hier sitze und darauf zurückblicke, fallen mir viele kleine Dinge ein, die mir damals entgingen. Man ist im Leben oft so in sich vertieft, man hat keine Zeit oder findet keine Ruhe, das zu sehen, was in anderen vorgeht, nicht einmal in demjenigen, mit welchem man Tag und Nacht zusammen ist.

Gerade jetzt steht es so lebhaft vor mir, wie sie an einem Vormittage, als sie an den Spiegel getreten war, um das Haar zu ordnen, plötzlich wie entsetzt zurückwich. Dann wurde sie ruhig, stand und betrachtete sich aufmerksam immer und immer.

Darauf kam sie auf mich zu; umarmte meine Knie, küßte meine Kleider, meine Hände, schlüpfte um mich herum, küßte mich, wie es gerade paßte, riß meine Weste auf und küßte mich auf die Brust.

Sie benahm sich wie ein Hund, der sich verlaufen und seinen Herrn wieder gefunden hat.

 

Sie erfand alle Tage etwas, was sie neuer und heller machte. Sie steckte ganze Gärten von Rosen an die Brust, in den Gürtel, in das Haar, überall, wo sie nur einen Platz fand.

 

Sie sing an, von den Tagen der Kindheit zu erzählen. Bilder, die während der Unruhe des Lebens vergessen worden, stiegen wieder in ihr empor, und, den Kopf an meine Schulter gelehnt, zeichnete sie vor mir Tage aus der Zeit, da sie noch nichts erlebt hatte.

Ihr Gesicht hatte neue Züge bekommen, die tief in ihrer Brust verborgen gewesen zu sein schienen und sich nun mehr und mehr dem Lichte nahten und jetzt in voller Sonne standen. In die Stimme kamen kleine Töne, über die sie selbst lachte und nicht wußte, woher sie kamen.

Und es war, als wäre das alles in einem warmen Wohlklang vereinigt. Es konnte einen Tag zerrissen scheinen, dann brachte aber der nächste Tag wieder einen Zusammenhang hinein.

Die Erinnerungen, welche emportauchten, hatten eine eigene Bedeutung, sie konnten mit einem Kuß emportauchen, aus einem Schimmer, den sie in meinen Augen zu sehen glaubte, oder aus einem Ton in ihrer eigenen Stimme.

»Ich entsinne mich,« sagte sie. »Ich sehe vor mir,« sagte sie.

»Ich entsinne mich, wie ich einmal – ich glaube daß ich damals vierzehn Jahre alt war – am Ufer entlang ging. Ich ging und ging, und ich kam an Orte, an denen ich nie gewesen war. Es schien mir überall, wohin ich kam, wie ein Märchen, und ich wandelte mit einer Angst in mir.

»Ich blieb oft stehen und preßte beide Hände an die Brust. Ich sah über das Meer hinaus, und es war mit einem Male so unendlich groß geworden, – dasselbe Meer, das nicht fern davon an unserem Haus vorbeirollte, – ich hatte nicht gesehen, daß es so groß war, und ich wagte es nicht anzusehen. Und dann wandte ich den Blick gegen das Land hin, – das war aber so unendlich wild, und hinter den Gebirgen war eine ewige Finsternis – und ich wagte auch nicht gegen das Land hin zu sehen.

»Da ging ich vorwärts mit den Händen vor der Brust und sah bloß geradeaus. Und dann sah ich plötzlich vor mir etwas Leuchtendes im Sande.

»Es war eine Pflanze, wie ich sie nie gesehen hatte. Sie hatte einige große, blaue, fleischige Blumen. Es war ein Blau so hell und glänzend; als hätte sie der Sand selbst geschaffen. Mir schien damals diese Pflanze wunderbar. Und ich träumte die ganze Nacht von ihr.

»Und später – und war das nicht sonderbar? – ging ich jahrelang und fand die Pflanze nie wieder, und immer wunderbarer kam sie mir vor, und ich habe sie seitdem nie gefunden. Und wenn ich nun zurückblicke, gehört das zu dem, was ich noch weiß, während alle die großen Kindersorgen vergessen sind.«

So konnte sie sitzen und plaudern.

 

Schließlich war es mir, als verdoppele sie sich. Durch ihre Üppigkeit sah ich die zarte Schlankheit des Mädchens sich winden, die Verwunderung der Jungfrau über das Geheimnisvolle schimmerte in dem Gesicht, auf welches des Lebens Kummer seine schmerzlich schönen Runen eingeritzt hatte.

Das war ein Wunder – das Kindheitsmärchen in der Mutterbrust. Es riß mich hin wie das Gedicht des Lebens selbst, in welchem das Weinen Lachen ist, und das Lachen Weinen.

 

Als wir aber zwei bis drei Monate so gelebt hatten, kam etwas neues über mich.

Zuweilen war es mir, als entglitte sie mir. Ich konnte sitzen und sie umschlungen halten, und fühlte dann plötzlich, als wäre ich ganz einsam geworden. Wenn ich sie dann ansah, dann waren ihre Augen in einer Welt, von der ich nichts wußte.

Wenn ich allein ausging, kam eine Unruhe über mich, und ich konnte nicht weiter gehen. Eine Angst erfaßte mich: vielleicht hatte sie jetzt, in dieser Sekunde, aufgehört mich zu lieben. Ich mußte nach Hause, mußte sie ansehen, sehen, daß sie mich ansah, fühlen, daß ihr ganzes Wesen mir entgegenatmete, und nur mir.

Im Anfang war mir dies genug. Nach und nach genügte auch das nicht. Ich umfaßte sie heftig und voll Unruhe, ich fragte: »Liebst du mich?« Ich fragte wieder und wieder: »Bist du sicher, daß du mich liebst, nur mich?

Sie mußte mir viele, viele Male sagen, daß sie mich liebte. Ich bat sie, mich zu liebkosen. Ich bat sie, den Arm um mich zu legen, damit ich fühlen konnte, daß sie bei mir wäre.

Eine Angst, die sich bis zur Verzweiflung steigerte, konnte über mich kommen, daß sie mich verlassen könnte; daß ich, wenn ich eines Abends nach Hause käme, das Haus leer finden würde.

Eines Abends war ich unruhiger als gewöhnlich. Ich verließ sie, ich setzte mich ans Fenster und legte den Kopf in meine Hände. Sie mußte mir nachkommen, mich liebkosen.

Da war es, daß sie endlich sagte, – mit einer klaren monotonen Stimme, die später jeden Tag in mir getönt hat:

»Es ist vorbei.«

Ich wurde wie wahnsinnig. Ich sprang auf, klammerte mich an sie, umfaßte sie, als ob ich sie erdrosseln wollte, warf mich vor ihr nieder und schrie:

»Liebst du mich nicht mehr?«

»Mehr als je. Aber das ist vorbei. Das

 

Noch etwas anderes kam dazu. Alle vierzehn Tage reiste sie nach der Hauptstadt. Sie sagte, daß es notwendig sei, und ich fragte nicht nach dem Grund.

Wie aber die Unruhe in mir zunahm, sing es an, mich zu quälen, daß ich nicht wußte, was sie tat, sie, mit der ich Brust an Brust lebte.

Ich drang auf sie ein. Sie sagte wehmütig:

»Willst du es denn wirklich wissen? Ich fahre hin, um mein Kind zu küssen.«

 

Und alle die alten Qualen tauchten wieder auf.

Eine tiefe Wehmut erfaßte mich: sie hatte einem anderen gehört. Etwas von ihr hatte Knospen angesetzt, hatte geblüht, ohne daß ich es gesehen hatte. Vielleicht etwas von dem Schönsten, was flieht und nie wieder kommt, das hatte ein anderer besessen.

Und mehr und mehr quält es mich: ihr Kind war nicht mein Kind.

Wer war sie eigentlich? Was war es, das sie erlebt hatte? Warum war sie getrennt worden?

 

Es war nicht mehr wie früher. Es waren nicht mehr die langen schweigsamen Tage.

Es gab wohl Stunden, wo es in mir rauschte und sang, wo die Wellen des ^Meeres mich wie sonnige Triebe erfüllten. Wo alles wieder ganz war.

Aber das ewige Feuer und Brennen kam immer wieder.

Und oft sah sie mich mit tiefem Schmerz in ihrem Blicke an.

»Was ist es,« fragte ich.

»Du siehst mich so seltsam an.«

 

Eines Tages trieb es mich nach der Großstadt, nach Menschenmassen und Geräusch. Es war, als könnte ich nicht mehr in dieser Stille denken, da, wo sie überall war, so daß mein Ich verschwand.

Ich reiste hin. Ich sah das Gewimmel auf dem Bahnhofe und das Eisengewölbe darüber. Die großen Häuser in den Straßen sahen auf mich nieder wie große Ungetüme mit vielen Augen.

Es umwirbelten mich Augen, Stimmen und Schritte. Weit draußen wurde das Abendrot von hohen Türmen und Spitzen durchlöchert.

Ich starrte jedes Augenpaar an.

Es wurde mir plötzlich klar, daß sie es war, die ich suchte. Ich hatte es nicht gewußt.

In der ganzen Stadt war aber kein einziges Gesicht, was gerade das hatte, das, was meine Seele von einem früheren Dasein her kannte.

Und ich sah, daß sie es war, die mir verloren gegangen war.

Und ich begann sie zu sehen, so wie sie jetzt war, wie ich sie aber nicht hatte sehen können, weil meiner Seele der Frieden dazu gefehlt hatte.

Aus dem Drahtgewebe und den Hausfenstern, aus den Menschenfüßen, aus den Turmspitzen bildeten sich ihre Züge, größer und tiefer als ich sie gekannt hatte, und ich sah tief in die Gemächer ihrer Brust, die ich nicht betreten hatte.

 

Bevor ich aber nach Hause zurückkehrte, ging ich in ein Restaurant und setzte mich in die hinterste Ecke.

Es kam mir wie ein sonderbarer Kupferstich aus alten vergessenen Zeiten vor. Bier und Branntwein kam und verschwand, die Kellner schrien, die Butterbrote tanzten, während Leute in Überkleidern sprachen, lachten und gähnten.

Dann sah ich durch die Tür einen Mann hereinkommen, der nicht ganz wie die anderen ging. Seine Augen blickten in den Raum hinaus, und er sah keinen an. Er ging vornübergebückt, und es war, als trüge er mit sich etwas von dem Dunkel, aus dem er kam.

Auch er suchte die hinterste Ecke. Ich erhob mich. Ich grüßte. Denn es war Bredo.

Er sah mir nicht in die Augen. Er konnte nicht sprechen. Erst als er viel getrunken hatte, sing er an. Er stotterte, er sprach fieberhaft, dazwischen schenkte er sein Glas voll mit Brantwein und goß es in einem Zuge herunter, indem er sagte:

»Ich muß trinken, ich muß trinken.«

»Sie ist fort,« sagte er. »Ich gehe und gehe. Ich finde sie nicht . . . Sie ist fort (so hatte er noch nie von einer ›sie‹ gesprochen) . . . Das Atelier ist geschlossen . . . Ich komme nie mehr hin . . . Ich gehe abends vorüber . . . abends . . . mehrere Male . . . Ich gehe nicht hinauf . . . Ich wage nicht hinaufzugehen.

»Eine Nacht stand ich auf – ich fand keine Ruhe. Ich stand auf von dem Bette, von meinem Lager . . . Ich ging die Straßen hinauf . . . Da war ein Schutzmann, der schlief, und ein Mädchen, das betrunken war . . . Ich ging hinauf . . . Gespenster waren da . . . Die Leiche meines Lebens, die Leiche meines eigenen Lebens . . . Leiche . . . Leiche . . . Leiche.

»Ich arbeite nicht mehr . . . Ich falle zusammen . . . Die Menschen (er sah sich um), die Menschen, ich wandle unter ihnen, weil ich hasse (die Stimme erhob sich).

»Ich hasse (er biß die Zähne zusammen und blickte mir starr in die Augen mit einem Blick, der fast etwas Wahnsinniges hatte), hasse . . . ich hasse das Unsichtbare, das mich umschleicht, das ich nicht fassen kann, mit dem ich nicht offen streiten kann . . . ich hasse. (Er ging in tiefe Trauer über.) Ich gehe in den Park. Ich sehe ihr Kind an. Ich kaufe ihm Bonbons. Da ist etwas von ihr. Ich streichle ihm das Haar. . . . Ein einziges Mal . . . weit fort . . . sah ich das Kleid, – nur sie kann so gehen – sie bog um die Ecke – ich lief – sie war fort.

»Weißt du, wie sie heißt? Weißt du, wie sie heißt? (Er sagte es faß drohend.)

»Ach nein . . . du darfst es nicht wissen. Vielleicht finde ich sie, und dann darf bloß ein einziger in der Welt mich den Namen sagen hören. Dann werde ich gut zu ihr sein. (Es war, als wolle er mit der Stimme zu erkennen geben, wie unendlich gut er zu ihr sein wollte.) Ich werde so zärtlich sein. Ach, sie soll es so gut haben. Ich werde niemals finster sein, niemals finster.

»Der Gedanke, daß das Haar, das lange Haar, das wie Trauer die Schultern, die Brust und den Rücken herunterfällt, das sollte sich um einen anderen winden – – – einen anderen – – – ich weiß nicht wen – – – daß er die Linien einsaugt, die schönen Züge trinkt.

»Ach (er senkte die Stimme bis zum Flüstern) weißt du, wie das heißt: in sich jede Linie eines Menschen zu haben, mit ihnen einschlafen, mit ihnen erwachen – und dann gehen und – – – gehen und – – –«

(Er faßte sich an den Kopf.) »Ich werde verrückt!«

Dann sank er lange in tiefe Gedanken. Endlich sagte er langsam:

»Aber vielleicht muß die Kunst bezahlt werden. Vielleicht muß das Prometheuswerk hier, im Reiche des Todes, in das Tabernakel des Allgottes, in das Heim der Harmonie, in das Mysterium der Schöpfung hineindringen zu wollen, vielleicht muß das mit den Schmerzen des Titanen – und mit dem Entbehren des Titanen gebüßt werden.«

 

Ich reiste am selben Abend nach Hause. Aber ich fürchtete mich, sie wiederzusehen.

Wir zündeten drei Lichter an im Saale. Die Fenster standen offen.

Wir saßen schweigsam jeder an seiner Seite des Tisches. Die Luft war voll von Erinnerungen an Küsse. Allein in mir war es, als wären sie Wunden.

Und vom Meere kam eine Angst heran und legte sich auf mich. Ich glaubte es dicht vor mir zu sehen und fühlte eine grenzenlose Tiefe unter mir, wo unten auf dem Grunde eine Welt für sich lebte.

Ich stand auf und schloß das Fenster.

Dann wurde es aber noch schlimmer. Nur sie saß da, und zwischen uns war einer mit einem verzogenen Gesichte, von dem ich stahl, und vor dem ich log.

Und zum ersten Male kam der Gedanke, der selbst während der größten Unruhe und dem Zweifel kaum gedämmert hatte: Sie ist ein schlechtes Weib.

Da fühlte ich ihre Hand auf meinem Kopf. Lautlos hatte sie sich mir genähert.

Sie war leichenblaß.

Ich konnte nicht sprechen. Wie ein Frösteln fuhr mir ein neuer Gedanke durch den Kopf: Sie geht mich nichts an.

Sie stand eine Weile. Dann ging sie langsam hinaus. Ich hörte die Tür leise zuschließen. Ich hörte sie draußen auf dem Flur gehen. Ich hörte ihre Tür aufgehen. Dann hörte ich nichts mehr.

Als ich aber eine Weile gesessen hatte, glaubte ich jemand vor meinem Fenster über die See hin weinen zu hören. Ich machte auf, draußen war aber alles still, und der große Bär und die Milchstraße lagen tief auf dem Grund des Sees, ohne sich zu rühren.

Ich setzte mich wieder. Aber wieder hörte ich es weinen.

Es fiel mir ein: Sie weint.

Und ein großes Mitleid – ich weiß nicht mit wem – erfaßte mich.

Ich ging hinein. Sie saß still da. Aber sie weinte nicht.

Ich setzte einen Stuhl ihr gegenüber. Ich faßte ihre beiden Hände und sah ihr lange in die Augen, ohne zu reden.

Es war wie eine große Schüchternheit über sie gekommen. Sie schlug die Augen vor mir nieder, und sie küßte mich nicht.

Und es wuchs mit jedem Abend. Sie hatte nicht mehr den feurigen Blick gegen Nacht. Wenn ich sie berührte, zitterte sie, als hätte sie Angst vor mir. Und wenn sie sich hingab, war es so unendlich bang und bebend.

Ich versank in eine tiefe Schwermut. Ich grübelte und fand keine Lösung. Und es war, als müßte etwas in mir zerspringen.

Ich konnte sitzen und lesen, sie war da im Zimmer, und ich merkte es nicht.

Wir konnten einen ganzen Tag nicht miteinander reden – wenn wir uns dann aber auf dem Flur trafen, ergriffen wir plötzlich unsere Hände und drückten sie, ohne einander anzusehen.

Wenn wir gegen Abend einander in einem Kuß suchten, wurde mir dabei plötzlich so schmerzlich zumute: Zwischen uns stand ein Gesicht, die Haare vor Qual hoch gerichtet.

Wenn dies geschah, wurde sie totenblaß.

Sah sie es auch?

 

Ich begann auszugehen. Stundenlang spielte ich Billard in dem Klub der Stadt. Ich wurde ein famoser Billardspieler. Es machten gewiß all die anderen Gedanken, die meinen Kopf erfüllten, daß ich nicht fehlte. Wie man im Schlaf auf der Dachrinne gehen kann, machte ich, ohne es zu bemerken, erstaunliche Stöße.

Die Männer, die um mich herum waren, wurden wie in Nebel gehüllt, sie waren wie Köpfe auf einem Gemälde. Aus dem Café drinnen hörte ich Gläser klirren.

Die ganze Zeit hatte ich aber eine entsetzliche Sehnsucht nach Hause. Ich stellte mir vor, wie sie mir entgegenkommen würde, sich mir um den Hals werfen, den Mund schon, wenn ich noch weit entfernt war, zum Kuß gespitzt.

Sie tat es nicht. Es war, als sei alles aus. Es war etwas Stolzes, Fremdes in ihren Augen.

Ich litt entsetzlich dabei. Zuweilen fühlte ich aber, daß auch mein Wesen sich geändert hatte, daß mein Gesicht finster geworden und meine Stimme hart.

Ihr Gesicht nahm mehr und mehr den Ausdruck, den ich gesehen hatte, als ich ihr zum ersten Male begegnete. Eine Runzel, die fortgewesen war, war wieder gekommen, das Feuer in den Augen war erloschen, und oft lag über der Stirn etwas Müdes, Schweres.

 

Ich vergesse sie nie, diese Billardstunden. Ich fühle mich zuweilen wie damals, das Queue mit Kreide bestreichend, während qualvolle Fragen durch den Kopf wirbeln. Es waren keine klaren Gedanken. Keine reinen Schmerzen. Zuweilen machte ich mir Vorwürfe. Es waren Augenblicke, wo ich mich tief unter mir sah, erbärmlich und verächtlich.

Eines Abends wurde dies so heftig, daß ich das Spiel unterbrach und ging. Es war dunkel, und mein Kopf war so erfüllt von Gedanken, daß ich nicht sah, wo ich ging. Ich fühlte Gras und Stein unter mir und Gebüsche um mich herum. Ich hörte plötzlich einen Bach rieseln und ich erinnerte mich, daß sie da einmal aus ihrer hohlen Hand getrunken hatte. Da hatte ich erst gesehen, wie schön sie war. Die Sonne hatte durch sie geschienen. Des abends hatte ich alle ihre Finger geküßt. Sie hatte gesagt:

»Warum küssest du heute Abend alle meine Finger?«

So war mein ganzes Verhältnis zu ihr. Ich wandelte im Stockdunkeln und sah nichts und fühlte alles. Dann konnte plötzlich etwas hervorschimmern, etwas plätschern.

 

Als ich bei unserem Haus ankam, warf ich einen Stein an ihr Fenster, das leuchtete. Sie machte auf:

»Wer da?«

»Ich bin es!«

»Ach, du bist es!«

In der Nähe war ein Echo. – Und aus dem Dunkeln hallte es wieder: Ich – Du. Sie ging ins Zimmer hinein, kam dann zurück und rief:

»Warte, ich werde herunter kommen.«

Sie kam herunter. Ihr Haar flutete über die Schultern. Wir setzten uns auf einen Stein. Sie sagte:

»Nun schlage ich mein Haar um dich.«

Dann schlug sie ihr Haar über mich, so daß ich darin verborgen war.

»Liebst du mich,« sagte sie.

»Ich liebe dich.«

Dann schlug sie ihr Haar zurück und sagte:

»Rufe über die See hin: Ich liebe dich.«

Ich rief:

»Ich liebe dich.«

Das Echo, daß in der Nähe war, wiederholte:

»Ich liebe dich.«

»Hörst du, wie es plätschert?« fragte sie.

»Ja.«

»Hörst du, was es plätschert? Es plätschert: Ich liebe dich.«

»Hörst du, daß es weht? Es weht: Ich liebe dich.«

Dann verbarg sie mich wieder in ihr Haar, und so saßen wir. Es war, als wollte sie mich vor etwas Bösem verbergen.

In der Nacht wachte ich auf. Es war, als hatte mich jemand auf die Stirn geküßt. Ich erhob den Kopf und horchte. Es kam mir vor, als ob ein Hund auf dem Teppich vor dem Bett läge. Ich hörte es atmen. Ich sah nach. Sie war es. Sie lag da und schlief mit einem Kissen unter dem Kopfe, im Nachtkleid.

Ich wagte nicht, sie zu wecken. Ich nahm sie so langsam und vorsichtig wie ich nur konnte, und trug sie auf ihr Bett. Ihre Augen waren die ganze Zeit fest geschlossen. Aber vielleicht schlief sie nicht.

 

Ich sah auf die See hinaus. Noch lag über ihr ein feuerroter Streifen nach dem Abend. Ich streckte meine Arme empor. Ich besaß das Leben, die Schönheit. Ein Stolz bebte in mir.

So wie ich mich nach dem Margen sehnte, hatte ich mich nie gesehnt.

Ach, was sie erlebt hatte, was sie außerhalb mir er lebt hatte – gehörte das nicht auch mir? Wenn die Sonne kam, würde ich zu ihr gehen und fragen, ob das alles nicht mir gehöre. Und alles sollte gut werden. Es sollte werden, wie nie zuvor.

 

Am nächsten Morgen lag ich lange. Ein Siegesrausch des Lebens war in mir. Nun sollte es beginnen. In tausend neuen Weisen sollte sich mein Wesen in das ihrige schlingen. Es sollte nie mehr etwas zwischen uns kommen können.

Ich nahm ein Bad. Ich kleidete mich in meine Festkleider. Dann ging ich zu ihr hinein.

Sie war fort. Auf dem Tische lag ein Zettel:

»Ich bin nach der Stadt gefahren.«

 

Es war ja nichts Wunderliches darin. Und doch wurde ich unruhig, und die Unruhe wuchs mit dem Tag. Ich ging umher, als verfolgte mich etwas Unsichtbares. Und ohne es zu wissen, war ich schließlich an den Bahnhof gelangt. Ich löste mir ein Billet, halb besinnungslos. Ich stieg in ein Coupé hinein. Ich fuhr ab.

Ich lief in allen Straßen auf und ab. Ich wollte nicht, nein, ich wollte nicht. Ich konnte nicht klar denken, alles wirbelte herum wie in einem Chaos, Zuckungen, ich konnte nicht sagen, woher sie kamen, Erinnerungen, dunkle qualvolle Ahnungen, dazwischen fühlte ich dann wieder Küsse auf den Lippen; dann ein Lächeln, das sie einmal gelächelt hatte. Aber in allem brannte es: gehe nicht, gehe nicht.

Und warum sollte ich da hinauf gehen? Was zog mich da hinauf?

So lief ich stundenlang. Ich floh nach dem äußersten Teil der Stadt, um nicht zurück in das Viertel zu kommen. Ich ging auf einen hohen Hügel hinauf.

Da lag die Stadt, ein wunderliches, vielköpfiges vieläugiges, von den Menschen erschaffenes Wesen, in einem Mantel von Dampf und schnaubendem Rauch. Von den Schiffen nahm sie ihre Nahrung, von den Eisenbahnen. Telephondrähte und Telegraphendrähte waren Nerven, welche sausten, fühlten und dachten, welche Botschaft brachten. Dann blieb das Auge haften: dort war es, dort war die Straße. Welches von den Dächern war es?

Dann mußte ich wieder eilen. Ich sah nichts mehr. Ich ging nur und ging. Schließlich befand ich mich auf einem Hof, ich sah, daß es ein Hof war, ich sah mich selbst die Treppe hinaufgehen, ich stand in einem Flur.

Dann kam ich wieder zur Besinnung. Es tönten Stimmen. Die eine war die ihre.

 

Die eine war die ihre. Sie kam aus dem Schlüsselloch und ans der Türspalte, wie eine Stimme aus dem Dunkel kommt, gelöst von all dem, was gesehen werden kann. Ich sah ihre ganze Seele hinter ihr, nie hatte ich sie so gehört, nie hatte ich gewußt, daß ich sie so liebte, dieselbe Stimme, die so oft vor mir getönt hatte, kleine blitzende Laute, die sich wie Seidenhaare um die Nerven winden, so daß sie warm werden und weiter nichts wissen, als daß es in den Tönen so schön und warm ist, so gut, darin zu verweilen.

Warum habe ich diese Erzählung angefangen? Ach, warum habe ich sie angefangen? Es ist, als müßte mein Herz wieder brechen. Ich glaubte, ich sei wieder so stark geworden, und so ruhig. Schon mehrmals habe ich früher dies niederschreiben wollen, weil es mir etwas zu sein schien, was die Manschen erfahren müßten, damit sie sich selbst nicht so weh tun, damit sie nicht all das in Tränen baden, was geboren ist, um in lachendem Glanze zu leben, – aber ich wagte es nicht, denn jedesmal, wenn ich anfangen wollte, dachte ich: das kannst du schon gut schreiben, – und das, – und das – – aber, wenn das kommt, wo die Stimme aus der Türspalte kam, das letzte, das du von ihr hast, wirst du dann können? Und ich wagte es nicht.

Wieder sah ich in einem blauen Blitze das Netz, das Lebensnetz über mir, unter mir und zwischen uns allen.

 

Ich lief hinaus. Ich weiß noch, daß ich zu mir selbst sagte: Nach Amerika! Nach Amerika! Und ich wußte wohl kaum, daß ich es sagte. Ich lief und lief, während alles, was geschehen war, an meinen Augen und an meinen Ohren vorbeizog. Ich sah jede Stunde vor mir, ich versuchte in die Tiefe zu dringen, um dahinter etwas zu finden, wieder dahinter etwas, und immer dahinter.

Ich entsinne mich, daß ich plötzlich in zwei Augen sah, in zwei kindliche, verwunderte Augen, mit helllockigem Haare um die Stirn. Es war eine Frau wie Tausende, es war vielleicht ganz zufällig, daß sie mich aus meinen Grübeleien erweckte, und doch steht sie oft wieder vor mir, plötzlich wie damals, und ihre Kinder­augen dringen in Winkel von mir hinein, von denen ich selber nicht gewußt habe. Es kam für einen Augenblick eine sonderbare Ruhe über mich: es gab eine andere Welt, es gab etwas anderes außerhalb der Frau, bei der alles in mir gelebt hatte.

Und die Stunden verflossen, die Menschen, welche draußen waren, gingen nach Hause. Es wurde still in den Straßen. Es blieben nur die leuchtenden Fenster. Alles, was ich sah, wurde mir so bedeutsam, zuweilen konnte ich flüstern: Da stirbt jemand drinnen – da drinnen ist Leid – es tobt in einer Brust, und niemand weiß es.

 

Es war um Mitternacht, daß ich bei einer Stimme aufschrak, die unangenehm auf mich wirkte.

»Wo wollen Sie eigentlich hin?«

Es war ein großer breitschultriger Mann.

»Ja – Sie rennen ja um dasselbe Viertel ununterbrochen herum.«

»Ich laufe um dasselbe Viertel herum?«

»Bei Gott!«

Es schien mir in seinen Worten Ironie zu sein.

»Wollen Sie nicht zu mir hereinkommen und ein Glas Whisky nehmen. Ich kenne Sie, Sie sind – – (er nannte meinen Namen). Ich habe lange den Wunsch gehabt, mit Ihnen zu sprechen.«

Sein Wesen stieß mich ab, aber ich folgte ihm.

»Ich habe ein Zimmer hier ganz in der Nähe.«

Es waren die einzigen Worte, die gesprochen wurden, während wir gingen. Erst als wir uns die Treppe hinaufgetastet hatten und drinnen in der Stube waren, sagte er mit einem verbindlichen Lächeln mir gerade ins Gesicht:

»Ich bin ihr Mann. War ihr Mann vielmehr. Wir waren bei dem Prediger zusammen, vor dem Altare. Sie war schön in dem Brautkleide, sage ich Ihnen – reizend!

»Ich weiß, daß Sie – wie soll ich es ausdrücken – hm – ihr Verehrer sind – – zurzeit. Sie interessiert mich, wissen Sie. Und darum amüsiert es mich, ihre . . . . . Tätigkeit ein wenig zu verfolgen.«

Indem er die letzten Worte sagte, reichte er mir eine Kiste Zigarren und sah mich dabei an. Es fuhr ein Schatten über sein Gesicht hin. Er sagte in einem etwas verwunderten Tone:

»Es tut Ihnen weh, daß ich den Ausdruck brauche? Ich dachte . . .

»Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Ihre . . . Ihre . . . Gefühle dadurch verletzt habe.

»Wie gesagt, sie interessiert mich. Sie gehört zu der Art von Frauen, die ich mir erlaube – weitläufig zu benennen. Sie sind am besten, wenn man sie in Entfernung hält. Wenn man sie kalt studieren kann. Ich habe dies Zimmer behalten, das ich einmal . . . aus gewissen Gründen . . . . genötigt war zu haben. Es amüsiert mich einmal, ab und zu ihr Treiben zu verfolgen.

»Ich bin aber kein Rivale. Ich werde nächstens wieder heiraten. Sie können also sicher sein, hm!

»Ich war ihr auch zu roh. Zu roh.

»Sie sagte es mir: Ich wäre zu roh. Ich trat auf ihre feinen Gefühle. »Sagen Sie mir: Haben Sie feine Gefühle?

Ja, ich brauche ja nicht zu fragen. Aber – hm, haben Sie jemals eine Frauenferse auf Ihren – – feinen Gefühlen gespürt?

»Ach, es ist amüsant . . . es ist amüsant, sage ich Ihnen . . . es ist die höchste Wollust! die aller, allerhöchste!

»Ich sage nicht, daß ich sie habe. Ich bin roh, sehr roh. Aber ist es nicht sonderbar? Erst als das Ganze aus war, sing sie an, mich zu interessieren – – psychologisch, wissen Sie . . . ., als sie, wenn ich so sagen darf, auf meine . . . . hm . . . . feinen Gefühle zweiter Klaffe getreten hatte.«

Nach einer Pause setzte er fort:

»Ich bin es nun doch, der das Erste von ihr bekommen hat.

»Ach, sie war schön damals, sage ich Ihnen, wie ein Hermelin . . . . wie ein Hermelin.

»Sie behauptete, es sei bloß der Körper, den ich liebte. Das ist nun nach meiner Anschauung das einzige, was einen Sinn hat. Das andere ist etwas verflucht Krankhaftes. Die junge frische Liebe, das ist der Körper, der Körper vom Körper angezogen. All das andere mag lieber ein verschlossenes Buch sein. Das alles mit der Seele und so weiter mag sie für sich behalten.

»Haben Sie gemerkt, wie verflucht schwer es ist, zu vergessen? – Dies Hermelin, sehen Sie, dies Hermelin . . . .«

Indem er das sagte, ging er ans Fenster und zog das Rouleau hoch. Erst jetzt wurde es mir klar, daß das Zimmer dem Atelier gegenüberlag.

»Da ist Licht!«

Eine Frage wollte hervor, aber der Widerwille, diesem mir so fremden Menschen meine Erregung sehen zu lasten, ließ mich sie jedesmal zurückdrängen. Schließlich brach sie hervor, atemlos:

»Glauben Sie, daß sie dort ist?«

Er sah mich an – ich weiß nicht, ob es Mitleid oder Schadenfreude war – dann sagte er:

»Gewiß ist sie dort. Sonst zum Teufel wäre es ja nicht amüsant.«

Er fing an, sich mir zu nähern. Er sagte:

»Sagen Sie mir . . . . haben Sie geküßt . . . . haben Sie geküßt . . . ha! Es ist ein so niedliches, kleines, unschuldiges Ding . . . haben Sie es geküßt . . . es sitzt an der linken Seite . . . haben Sie geküßt . . . . gerade unter der Brust.

»Haben Sie es geküßt, das . . . .«

Er war dicht zu mir herangekommen, er starrte mich an, er neigte sich an mein Ohr, er blies ein Wort hinein, es saust noch drinnen.

 

Ich entsinne mich einer Nacht. Es waren keine, keine Menschen außer zweien, es waren lauter Sterne.

Es sind ein paar schmutzige Lippen darauf gekommen.

 

Ich konnte nicht wieder nach Hause fahren. Widerwille hatte mich ergriffen.

Als aber ein paar Tage verflossen waren, war es, als wehe etwas so leise über meine Stirn hin. Ich fühlte zuletzt etwas Weiches darauf. Was war das?

Dann entsann ich mich eines Kusses, den ich einmal im Traum gefühlt hatte. Er wollte nicht fort. Ich reiste hin.

Sie war nicht da. Sie war nirgends. Ich ging das Ufer entlang. Ich sah, daß das Boot weg war Ich nahm ein anderes und ruderte hinaus. Ich fand das unsere. Es lag allein da und schwamm. Ich zog die Kleider aus und tauchte herunter. Zuletzt hatte ich sie in meinen Armen.

 

Es war noch eine Vertiefung in dem Kissen nach ihrem Kopfe, dem Kissen, auf dem zuweilen zwei Vertiefungen gewesen. Ich rührte es zufällig an. Es glitt ein Paket hervor. Es stand mein Vorname darauf. Ich wagte nicht, es zu öffnen.

Ich ging in allen Zimmern umher. Niemand war bei mir.

Ich blieb zuweilen vor einer Kleinigkeit stehen – einer Haarnadel – einem Band.

Ich stand lange Stunden und sah es an. Ich wagte aber nicht, es anzurühren.

Ich wandelte in allen Zimmern umher, ohne Aufhören, Tag und Nacht.

Dann läuteten die Glocken, und sie wurde begraben.

 

Als ich allein war, nahm ich das Paket hervor.

Ich fand zuerst einen versiegelten Brief: An meine Tochter, wenn sie zwanzig Jahre alt ist.

Dann ein Tagebuch. Es war nur angefangen. Denn nur die ersten Seiten waren beschrieben. Es war mit Datum versehen, – ja auch mit Stundenangabe. Da stand alles von der ersten Zeit, als wir uns kannten, lange vor den vier Monaten.

Dann ein großes Kuvert an mich.

Hier folgt, was eine, die jetzt tot ist, an einen, der sie vielleicht in den Tod getrieben, geschrieben hat.

 

 

Das Tagebuch.

Ich habe es so gut. Es ist so still. Ich sitze und sehe die kleine Lampe an und will nicht mehr. Nein, ich will nicht mehr.

Warum läßt das in der Brust mich nicht in Frieden? Warum müssen wir eine Brust haben, wir Frauen?

Es gibt ein Wort, welches ich nie flüstern kann, ohne zu beben. Es bebt in mir, so daß mich friert. D–a–s Gl-ü-ck.

Ja mich friert. Ich will mich legen. Ich will die gute warme Decke über mich breiten. Ich will schlafen.

 

Er. Kommt es nun wieder herangeschlichen?

Bin ich denn nicht fertig mit all dem? Habe ich nicht genug gelitten?

Warum drückte meine Hand die seine? Ich wußte es erst nachher.

Nein, ich will nicht mehr. Ich will nicht.

Ich mag seinen Namen nicht!

Ob es möglich wäre! Ob es in der Welt wirklich existiert? Es ist mir zuweilen, als haben mich seine Augen jede Nacht von der Ewigkeit her angesehen.

Nein. Nein. Ich will nicht. Es ist Wahnsinn, an das Glück zu glauben.

Ich kann nicht verstehen, daß ich gelebt habe, daß es so viele Tage gewesen sind. Es ist alles wie ein Nebel. Ich erinnere mich bloß eines: daß ich gebar.

All das andere ist wie in einem Nebel. Das Schlafzimmer. Das Gesicht, das sich über mich neigte. Uh, nein, ich mag nicht daran denken!

Und dann kamen viele Menschen, und Briefe – viele Briefe, und Blumen.

Warum läßt das mich nicht in Frieden? Mir scheint, der große Spitzbart berührt mich wieder. Warum soll ich gerade jetzt daran denken? Weg! Weg!

 

Ich höre meine eigenen Schreie in der Nacht, der Geburtsnacht.

Ich liebe dich ja, mein Kind, ich liebe dich ja mit meiner ganzen Seele. Verrate ich dich? Bin ich dir untreu? Ach, was soll ich denn tun? Ich muß ja leben, mein Kind, ich muß ja das Leben leben. Ich habe ja Jugend, ich habe ja etwas Schönes in mir, das leben muß! Ach, ich habe soviel, soviel!

Ach, das Leben ist so hart, es ist so schwer, so grenzenlos schwer, alles richtig zu machen, so wie es gemacht werden soll.

 

Nun gibt es bloß einen einzigen großen Kuß in der Welt.

 

Keiner ist wie er. Keiner kann das, was er kann Er lullt mich ein wie ein kleines Kind. Und sind wir nicht alle kleine Kinder in diesem großen, ewigen Gewimmel?

 

Seine Worte sind für mich wie die ersten Anemonen und Veilchen, als ich Kind war.

Ich fühle, daß ich lebe. Mein Busen bewegt sich, auf und nieder. Es ist so warm und gut.

Zu denken, daß man vergessen kann!

 

Er hat mich erschaffen.

 

Ach, wie konnte er das jetzt tun? Jetzt, wo alles in der Welt anders geworden war?

Er kann es ja aber nicht wissen.

Es tat so weh. Ich konnte nichts sagen.

»Dies hättest du nicht tun sollen.«

Es war, als sagte ich es im Schlaf.

Du süßes Kindchen! Es ist bloß bei dir, daß es Ruhe gibt. Wenn ich sitze und dich an meiner Brust halte, dann gibt es nichts mehr. Dann vermißt ich nicht. Dann hoffe ich nicht. Dann will ich das nicht, was es doch nicht gibt.

 

 

 

Der Brief.

Geliebter! In diesen Nächten, die vielleicht meine letzten hier werden, wo du mir das Leben gabst, werde ich dir schreiben und versuchen, dir alles zu erklären. Du verlässest mich jeden Tag, und ich bin stolz und ich kann nicht zu dir kommen. Aber in der Nacht, wenn du schläfst, komme ich zu dir und küsse deine Stirn, die ich liebe.

Ich habe lange geahnt, daß etwas kommen müßte. Und seitdem du in der Stadt warst, weiß ich, daß ich sterben muß.

Du hast mich nie gefragt, was ich erlebt habe, und ich habe es dir nie gesagt. Ich wollte es so. Ich wußte nicht warum. Wenn ich nun aber hier sitze, während alles still ist, dann verstehe ich, daß es so sein mußte, damit es so unendlich groß werden konnte (ich darf kaum glauben, daß es geschehen ist).

Ich wollte das Schöne für dich sein, von dem du nicht alles wußtest. Hätte ich dir alles erzählt, so hättest du so viel daran gedacht und so viel hineingelegt. Ich wollte bloß für dich sein, so wie du mich sahest.

Geliebter! Glaube mir, für mich, Rebekka, gab es nichts im Leben außer dir und dem, was du mir gabst. Wenn du nachfragst, wirst du vieles von mir erfahren. Die Leute wissen ja alles. Du wirst erfahren, daß ich geschieden wurde, sie werden sagen, daß mein die Schuld war, du wirst von meinem Verhältnis zu Bredo erfahren.

Ach nein, du wirst nichts erfahren! Die Leute wissen nichts. Was ein Mensch erlebt hat, weiß niemand. Das Gefühl zwischen Zweien kennt niemand.

Und habe ich gesündigt und übel getan – einem bin ich treu gewesen, vor einem bin ich rein und keusch in jeder Faser meines Wesens, seitdem ich wußte, daß er lebt.

Ach, warum habe ich es nicht früher gewußt!

 

Ach, warum gehst du fort von mir? Ich sehne mich so entsetzlich nach dir. Ahnst du denn nicht, wie ich am Tage leide, wenn du fort von mir bist? Wo bist du? Was tust du?

Kannst du denn nicht begreifen, wie entsetzlich es ist, daß du mich jetzt allein läßt, nachdem ich solange jede Stunde mit dir gelebt habe? Kannst du nicht begreifen, wie alles wieder über mich kommt, wie es mich peinigt, wie es mich entkleidet und mich peitscht?

Kannst du nicht verstehen, daß alles in mir anders wurde, als ich dir begegnete? Und daß alles, was gewesen, meinem Frieden und meiner Freude im Wege steht, und daß es nur einen gibt, der es fortnehmen kann, dich.

Ach, warum kommst du nicht zu mir herein? Du gehst und legst dich allein schlafen – ich höre, wenn du ins Bett steigst – und ich darf nicht das Gesicht sehen, das für mich alles in der Welt ist.

Aber ich bin dir ja gar nicht böse, denn du hast mir ja alles in der Welt gegeben – mich selbst hast du mir gegeben – nur ich kann nicht zu dir gehen. Ich möchte dich so gerne liebkosen, wenn du leidest – und du hast es gewiß nicht gut, du Lieber – aber ich kann es nicht. Mir ist so angst, daß etwas geschehen wird. Und es darf nicht geschehen. Mir ist so angst, daß du fragen wirst, und mir ist so angst, daß du mich verhöhnen wirst.

Das darf nicht geschehen!

 

Lieber, mir ist, als ob du mich den ganzen Tag peitschtest. Und ich bin so klein und verächtlich geworden, und ich kann nicht verstehen, daß ich mich jemals als dein habe ansehen können, und ich wage nicht, zu dir zu gehen. Du bist so weit fort, du sitzest in einer Donnerwolke und siehst auf mich herab. Und wenn ich käme und dich küssen wollte, dann würdest du mich von dir stoßen. Und das darf nicht geschehen. Nein, das darf nicht geschehen!

Ach, warum kommst du nicht nach Hause und bleibst bei mir – ich bin ja nur dein.

Ich kann es nicht loswerden. Sie stehen den ganzen Tag vor mir, sie sehen mich an, die traurigen Augen. Ich fühle, daß etwas kommen wird, ja, es kommt, es kommt, ich fühle es! Ach, gebe Gott, ich könnte dir es sagen, dich tragen, der du alles weißt. Aber ich fühle, ich darf es nicht.

Du weißt nicht, wie entsetzlich still es hier im Hause am Tage ist. Mir scheint zuweilen, daß das ganze Meer durch das Fenster hereinstießt. Ich selbst sitze in entsetzlicher Angst allein und verlassen mitten in dem großen Weltenraum, und alles, was ich getan habe, zieht an mir vorüber. Und eine dunkle Stimme fragt mich: Warum tatest du das so? Warum doch nicht so ?

Ich wußte nie, was ich tun sollte. Es siel mir nie ein, darüber nachzudenken. Ich tat das erste beste. Erst als du kamst, da stand es mit einem Male vor mir: So hättest du es tun sollen! Und ich sah, daß man hundert andere Dinge tun kann, als die man tut.

Es ist ein entsetzlicher Gedanke!

– Ach, ich kann nicht verstehen, daß ich sterben soll, ehe du einmal gut zu mir gewesen bist, wirklich gut zu mir, wie in alten Tagen.

 

Du! Es hat etwas angefangen, mich zu verfolgen! Es ist so schrecklich. Ich kann es nicht los werden! Ach, was soll ich tun? Warum bist du nicht bei mir? Bin ich denn verdorben? Ja, ich fühle es. Ich bin verdorben. Ich kann nie mehr rein werden!

– Seine Augen waren wie das ewige Leid. Deine sind hell. Sie können auch trüb sein. Wenn du aber lächelst, dann bist du das Hellste, was es gibt. Wenn er lächelte – ach, es war kein Lächeln, es war Weinen, er lächelte anstatt zu weinen.

– – Nein, ich darf heute nicht mehr denken. Mein Kopf ist so müde. Nun will ich hineingehen und eine Weile an deinem Bette schlafen. Das tut gut.

 

Ich kann nicht mehr. Ich fühle, daß ich zu ihm gehen muß. Ich sehe nichts außer den trüben dunklen Augen. Ich sehe sie überall. Sie ziehen mich an! Ach, was soll ich tun, was soll ich tun?

Es liegt mir so schwer auf der Brust, ich kann nicht atmen. Ich träume jede Nacht von ihm, ich träume, daß er sich tötet, und den sterbenden Blick richtet er auf mich.

 

– – – Ach Gott, was habe ich getan! Wie konnte das kommen? Nach all dem Schönen! Ich weiß nichts mehr davon. Ich wollte nur zu ihm gehen und ihn sehen. Er legte seinen Kopf in meinen Schoß, er weinte, der starke Mann weinte, so daß er bebte, er krümmte sich vor Schmerz – und dann umfaßte ich seinen Kopf, und dann – und dann – ich weiß nichts mehr – es war wie eine ewige Finsternis – alles war Leid, nur Leid – denn ich konnte ja nie dein werden, wie ich es sollte, und ich wollte nie mehr zu dir zurückkommen, denn alles ist so wund geworden, und ich wollte sterben, ich wollte sterben.

Ach, verzeih, daß ich wieder hier bin, wo es heilig ist, daß ich hier mit meinen Füßen gehe, daß ich das Sofa mit meinen Augen ansehe. Aber wohin gehöre ich in der Welt, wenn nicht hierher? Ach, ich verstehe nichts! Als ich wieder zu mir selbst kam, wollte ich nur zu dir und dir alles erzählen, aber wie solltest du mir glauben können, du kannst mir ja nie mehr glauben, du wirst nichts von dem glauben können, was ich sage, und dann kann ich nicht deine Augen sehen, deine Augen kann ich nicht sehen. Und dann wußte ich, daß ich sterben mußte, und daß ich in der Ewigkeit dein bin –als ob ich das früher nicht gewußt hätte! Und dann mußte ich alle die Stellen noch einmal küssen, wo du gesessen hast und wo du gelegen hast, und nachts wollte ich zu dir hineinschleichen, während du schliefst – du durftest es nicht hören – denn ich darf dir nicht mehr in die Augen sehen. Und dann warst du nicht da, ach, wo bist du, wo bist du?

Ach, wieder fällt mir der Gedanke ein, der häßliche Gedanke, der zuweilen in meine Brust kam, und ich krümmte mich im Bette, um ihn los zu werden: eine Sünde begehen, eine Sünde gegen dich begehen, gerade gegen dich, damit du mich schlügest, du, nur du, und ich wollte alle Tage, bis ich sterbe, auf meinen Knien vor dir liegen und dich um Verzeihung bitten, dich, meinen Gott! Denn ich kann mir keinen anderen Gott denken. Nun kann ich dich aber nie mehr sehen. Und ich würde auch nicht ertragen, nicht einmal jetzt, daß du mich verhöhntest, nicht du. Und ich würde nicht leben können, ohne deine Augen anzusehen, deine Augen, meine Sonnen.

Ich bin so ruhig geworden. Und nun sehe ich alles so klar, und ich werde versuchen, dir alles zu erklären, damit du vielleicht besser verstehen kannst, wie ich bin. Und dann wirst du mir vielleicht einmal verzeihen. Ja, ich weiß, daß du mir verzeihen wirst. Denn du mußt.

Lieber, Geliebter, ich bin so gewesen, daß ich immer an etwas maßlos Großes, was es geben müßte, geglaubt habe, an etwas Wunderbares, so wunderbar, wie man es sich nicht vorstellen könnte. Gleich von Kind auf habe ich nie Ruhe gehabt, und jedesmal, wenn ich dachte: nun ist es da, nun ist es vielleicht da! dann stürzte ich mich blindlings hinein. Aber immer wurde Leid daraus.

Als ich aber dich traf, war mir so bange. Denn wie durfte ich wohl glauben, daß es kommen könnte!

Ich wollte nicht an dich denken. Ich tat alles, um es nicht zu tun. Allein es war, als zwänge mich etwas, zu dir zu gehen, und ich ging und klopfte an deine Türe, und mein Fuß ging ohne meinen Willen.

Und dann wurde mir so todesangst, als ich verstand, daß du es warst, dem Gott mich erschaffen hatte. Denn ich konnte ja nicht glauben, daß alles nicht schon zu spät wäre, ich konnte nicht glauben, daß das Höchste noch kommen würde.

Jedesmal war mir so todesangst, daß du mich fragen würdest. Und wenn du auch nicht fragtest, so mußtest du es ja ahnen.

Ach, nie, nie kannst du, der du sagst, daß du nichts vorher erlebt hast, das gefühlt haben, was ich in mir fühlte, als es doch kam, deine Briefe, alles. Es war wie ein Wunder. Ich glaube sicher, daß ich es am schönsten von uns beiden gehabt habe.

Wie hast du ringen müssen! Ich habe dich dafür so grenzenlos geliebt, daß es mir schien, als wolle die Brust zerspringen.

– Dann wurdest du aber wieder unruhig. Oder war ich es, die es zuerst wurde? Fing es bei mir an? Ich weiß noch, daß ich alles vergessen hatte, alles. Dann kam es aber nach und nach: ich hatte nicht alles, was ich dir geben wollte. Ich konnte nicht das sein, was ich sein sollte. Meine Brust war nicht jung. Ich fühlte Flecken auf mir, dem Glück und dir gegenüber. Ich war nicht so hoch und schön, wie ich es sein wollte.

Kannst du verstehen, wie weh das tat?

Und kannst du verstehen, wie schrecklich das war, daß meine Vergangenheit nicht ausgewischt werden konnte? Sie würde immer zwischen uns stehen.

Ach, ich kann nicht verstehen, wie du mich dahin bringen konntest, das alles zu vergessen. Es waren ganze Tage und dächte, wo es für mich weiter nichts gab.

Habʼ Dank! Dank!

 

Ich bin so ruhig. Ich bin froh, weil ich sterben werde, und du wirst auch froh werden, das wirst du schon sehen, denn nun wird alles gut werden. Es hat mich etwas erfüllt, ich kann nicht sagen was, mir scheint beinahe, ich gehöre nicht mehr auf die Erde.

An einem anderen Ort muß alles geschehen können , du, nicht wahr? An einem anderen Ort muß ich wieder neu werden können, damit nichts zwischen uns steht. Du, ich fühle es so schön und groß und klar! Und wenn es Nacht ist, dann tut das nicht mehr weh, all das, was in den letzten Tagen gewesen, es wird dann so klein, und es ist ja gerade so gekommen, weil wir uns so unendlich lieb hatten.

Ich bin ja deinetwegen geboren. Es kam aber etwas dazwischen. Aber wir fanden uns ja doch. Und nun weiß ich von dir. Und du weißt von mir.

Und dann kommst du und findest mich, wenn ich fertig bin. Du bist ein Mann und hast noch so viel auf der Erde auszurichten. Ich warte aber auf dich. Ich bin eine Frau, und die Frau ist da, um dem Manne Mut und Kraft zu geben, damit er alles tun kann, was er hier auf der Erde tun soll.

Und das will ich dir geben!

 

Ich glaube, daß der Tod mir so vorkommt, weil du mir so viel Schönes erzählt hast. Du glaubtest vielleicht nicht, daß ich Anteil an dem nahm, was du erzähltest. Du darfst aber nicht denken, daß wir Frauen nichts sehen und nicht darüber nachdenken, wie alles ist, und daß wir uns über den Himmel nicht wundern und über die Erde und die Sterne und den Tod und überhaupt alles. Sollten wir das nicht, die wir in uns das Wunder der Geburt gefühlt haben?

Wenn du sprachst – das war das Höchste von allem. Ich glaube, daß du mir dann das Höchste gabst, was du mir geben konntest.

Ich hörte nicht allein deine Worte, ich empfand, wie du fühltest, das, was du dachtest.

Es ist noch so viel, was ich dir sagen wollte. Allein ich sehne mich nach dem großen Licht, das mich zu einer anderen machen wird. Ich winde dir von meinen Haaren ein Kreuz, das du unter diesen Papieren finden wirst. Ich bitte dich, es immer nahe an deiner Brust zu tragen.

Ja, ich weiß, daß du zuletzt mein werden mußt. Ich habe so viel nachgedacht. Ich glaube fast, daß eine Frau nie demjenigen begegnet, für den sie geboren ist. Es gibt so viele, die man lieben kann, den aber, für den man geboren ist, trifft man fast nie. Und vielleicht, wenn nicht hier, findet man ihn später an einem anderen Ort.

Wir beide waren füreinander geboren. Und gerade deshalb durfte nichts, gar nichts zwischen uns sein, nicht wahr, du?

 

Das Kreuz ist nun fertig. Und ich bin selbst fertig. Meine Liebe wird dir überall folgen. Das Kreuz wird dir erzählen, daß ich dich liebe Nacht und Tag mit der reinsten, der höchsten Liebe.

– – Ich habe das Kiffen geküßt. Lebe wohl! Sei froh! Ich bin froh!«

 

Ach, warum konnte ich nicht immer so bleiben wie in jener ersten Zeit, als ich weiter nichts wollte als sie an mich drücken und ihr das Leben friedlich und schön machen und ihre Brust ruhig und langsam wogen lassen.

Als sie da lag mit der Myrte um ihren Kopf, da stand es mir mit einem Male leuchtend vor Augen: Du warst geschaffen, um der zu sein, der ihr den Frieden geben sollte.

Und du hast sie zu Tode gequält.

 

Ich las ihre Briefe wieder und wieder, mehrere Jahre. Zuletzt stieg eine Ruhe zu mir aus ihnen empor, eine Ruhe, wie aus der Ewigkeit selbst.

Vielleicht mußte alles so kommen, weil ich so war. Wäre ich anders gewesen, wäre sie nicht zu dem getrieben worden, was sie tat. Aber ich kannte mich selbst nicht.

Und vielleicht läßt sich das Leben und das, was von draußen zu uns herkommt, nur wie ein gewölbter Spiegel betrachten, auf dem wir unser Inneres gleich einer mannigfaltigen, unberechenbaren Spirale sich abrollen sehen, bis wir jeden Winkel, auch den verborgensten, in uns erkannt haben.

 

Ich habe das abgeschrieben, was sie mir hinterließ. Ich habe alles abgeschrieben, alles. Es sind vielleicht Dinge darin, die wiederholt werden oder die unwesentlich sind, für mich ist sie aber in jeder Linie, und ich kann nicht kritisieren.

Ich habe nicht mehr zu erzählen. Die Sonne ist aufgegangen. Mir scheint es, daß sie mit jedem Tage stärker glüht.

Ich liebe die Nacht, denn sie ist, als hätte sie Millionen von Tagen in sich, ich liebe den Tag, denn er ist wie der fließende Strom des Lebens selbst.

Und wie ich mich mehr und mehr der Ewigkeit nähere, scheint mir die Sonne prachtvoller und scheinen mir die Sterne näher zu sein. Ich fühle meine Brust sich erweitern, um das zu empfangen, was war, ist und immer bleibt. Werden denn die Manschen mit jedem Tag jünger statt älter?

– Jetzt höre ich die Menschen unten auf der Straße gehen. Sie eilen zu ihrer Arbeit. Ich höre die Holzschuhe klappern. Die schweren Arbeitswagen knarren auf den Steinen.

Ich muß auch an die meine gehen. Ich habe in einer Nacht klar durchschaut, was ich erlebt habe, und was mein Innerstes entzündete. Ich habe versucht, alles miteinander zu verknüpfen und zu sehen.

Ich muß arbeiten. Aber aus den Akten steigt es oft wie ein Wundern empor: Was wird geschehen?

Ja, was wird geschehen, was wird kommen, wenn unser Zellengewebe verbrannt ist?

Verbrennt es, um etwas Neues zu bilden, was größer und schöner ist, und zu dem all das Gute und Schöne in unserem irdischen Leben der Stoff war, – oder ist der Traum, welcher aus dem Leid des Lebens emportaucht, ist er das Endziel?

Ich glaube. Sie wurde meine Märtyrerin und meine Heilige. Sie opferte ihr Leben für unsere Liebe.

Anderen können ja ihre Briefe nicht das sein, was sie mir sind. Für mich ist jedes Wort darin wie Flügelschlag von weißen, großen Ewigkeitsvögeln, und wie Sonnenstrahlen von einem Herzen im Mittelpunkt der Welt, dessen heiße Schläge nie aufhören werden.

Ihre Briefe sind mir eine Bibel. Es steht alles darin. Es ist Weisheit darin, obgleich kein anderer sie sehen kann.

Es ist wohl darum, weil sie mir mehr als geschriebene Worte sind. Sie, mit der ich Stunden gelebt habe, die über meinem Leben als Planeten leuchten, ihr Leib und Blut sind in diesen Worten.

Es wird vielleicht vielen eine Gotteslästerung scheinen. Wer ist aber Gott? Ist er es nicht, dem wir uns auf der unendlichen Treppe der Sterne nähern, in der Kristallisierung der Leben, in der ewig erneuten Begegnung der Seele? Vielleicht wird er am wenigsten von allen daran Anstoß nehmen, daß ich jeden Abend in Anbetung das kleine Haarkreuz küsse.

Des Morgens, wenn die Sonne sich aus dem Meere emporhebt in einem Rot, als verwandele sie es in das Blut, mit dem sie die Erde begießt, dann wird meine Brust von einem Schaffensdrang erfüllt, jeden Tag meines Erdenlebens Keime und Funken um mich zu streuen.

Des Abends, wenn die Sonne in ein Farbenreich versinkt, als hätte das Blut, welches sie des Morgens gesät, sich vermehrt und vertausendfältigt, hätte ans dem Rot Millionen Nuancen gemacht, welche zu streuen, zu gebären, zu töten und wieder zu gebären ewige Freude ist, sieh, dann kommt wieder dies Wundern über mich: Was ist das Schöne, das die Schönheit der Erde, das ihre schöne Seele prophezeit?

Ich suche zu sehen und zu begreifen. Allein meine irdischen Sinne reichen nicht aus.