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Oscar Panizza – Dialoge im Geiste Huttens

Dialoge

Verlag der Züricher Diskußionen, Zürich, 1897






Vorwort

 

Auch dies ist ein Gefängnisbüchlein1. Und auch hier will ich, wiewol ich jezt vielleicht Manches zu ändern geneigt wäre, nichts ändern, damit man einmal sehe, wie sich unser herliches Deutschland, in dem sich gerade jezt die unglaublichsten Bewegungen gegenseitig konterminiren, vom Gefängnis aus ausnimt, und in den Augen eines Deutschen, der gerade seines Deutschtums halber — seiner Ideen wegen — in’s Gefängnis kam.

 

Zürich, 27ten April 1897.

Oskar Panizza.

 

 

1 Siehe: Vorrede zu »Ein Jahr Gefängnis«. Zürich, J. Schabelitz, 1897.

 

 

Zueignung

 

Nimm Deutschland diese wen’gen Blätter

— ich rufe Dich als Muse an,

denn Gott und alle andern Götter

sind heute für uns abgetan.

Ein Hutten konte seinem Kaiser

noch offenbar’n sein Herzeleid;

kein Dichter würd’ es heut’, kein Weiser,

kein Deutscher sich’s getrauen heut’:

Wir sind verwundet bis zur Fiber

— getrieben hat man es zu bunt —

Ergriffen sind wir All’ vom Fieber,

getreten Alle wie ein Hund . . . . . . . .

Nimm’s nicht als Unglük, als Verhängnis,

wenn Dich beleidigt dies und das,

ich komme grad’ aus dem Gefängnis,

und meine Wimper ist noch naß.

 

Regensburg, 8ten August, 1896.

 


I.

 

Ueber die Deutschen

 

zwischen einem Optimisten und

Peßimisten.

 

 


Erster Dialog.

 

 

Optimist.

 

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. . Doch dürfen Sie nicht leugnen, daß die Deutschen im Aufsteigen begriffen sind!

 

Peßimist.

 

Ich weiß nicht — ich weiß nicht! — Es ist die Geschichte wie zwischen den Medern und Persern. Die Perser besiegten die Meder, und dann sagten die Meder, sie seien auch Perser, und die Perser sagten, sie seien auch Meder, und so schmolzen sie zusammen. Faktisch aber waren es Meder und Perser.

 

Optimist.

 

Item — wenn sie nur vorwärts kommen.

 


Peßimist.

 

Ob sie vorwärts kommen, — ich weiß nicht. Ich meine, es ist zu spät.

 

Optimist.

 

Wie so: zu spät?

 

Peßimist.

 

Meinen Sie, daß ein Volk, welches Jahrhunderte lang gefrondet wurde, und in der Fron sich wol befand, jemals aus eigenem Antrieb den Blik zum Himmel erheben werde, jemals den Kopf aufrecht tragen lernen werde? Daß aus Aegiptern jemals Römer werden?

 

Optimist.

 

Was hilft es jezt noch, posteriore Betrachtungen anzustellen! Unsere Vergangenheit ist wahrhaftig nicht rühmenswert. Erfreuen wir uns des Errungenen und bliken nach Vorwärts. Haben wir nicht die Franzosen niedergeschlagen?

 

Peßimist.

 

Ja, in der Fron.

 

Optimist.

 

In der Fron haben die Römer auch ihre Schlachten geschlagen.

 

Peßimist.

 

Ja, aber wenn sie nach Hause kamen, zogen sie auf den mons sacer, stürzten den Senat oder senkten ihre Dolche in die Brust Cäsars und kämpften für die Freiheit.

 

Optimist.

 

Freiheit ist ein sehr abstrakter Begriff. Nicht für jede Nazion paßt sie, und nicht für jede Nazion in gleichem Maase. Deutschland, dieses trefliche Volk, dieses in der Sittigkeit den Anderen voranleuchtende Volk, begnügte sich immer mit einem bescheidenen Maas und gedieh.

 

Peßimist.

 

Davon red’ ich ja: Deutschland befand sich immer wol in der Fron.

 

Optimist.

 

Sind die Deutschen je ärger geknechtet worden, als die Franzosen unter Ludwig dem Vierzehnten?

 

Peßimist.

 

Ja, aber als es ihnen zu stark wurde, drehten sie den Spies um, köpften den König und errangen sich die Freiheit — — — und . . . . . . .

 

Optimist.

 

Und?

 

Peßimist.

 

Der nächste war dann vorsichtiger.

 

Optimist.

 

Sie geben also implicite die Woltätigkeit einer monarchischen Regirungsform zu?

 

Peßimist.

 

Ich gebe implicite die Woltätigkeit einer monarchischen Regirungsform zu — wenn hinter dem Volk der Scharfrichter steht.

 

Optimist.

 

Würde in einem solchen Fall — würde in diesem äußersten Fall — würde in einem solchen verzweiflungsvollen Fall — ich meine: käme es dazu, daß der Monarch, von allen guten Geistern verlaßen, frevelhaft in den Eingeweiden des Volkes wühlte — das heißt: geschähe es, ohne daß die Annahme eines göttlichen Strafgerichts das ganze Vorgehen in einem anderen Lichte erscheinen ließe — würde unter solchen exzepzionellen Umständen — die Gott verhüte — und wobei auch noch die Annahme einer Geistesstörung in dem erlauchten Haupte ausgeschloßen sein müßte — würde bei dem Zusammentreffen solcher ganz verzweifelter Bedingungen . . . . . . . .

(Wagt den Saz nicht zu Ende zu führen, schaut sich ängstlich um.)

 

Peßimist.

 

Haben Sie keine Furcht! — Hier hört Sie Niemand! — Auch brächte aus Ihrem Perjoden-Bandwurm kein Henker auch nur den Schwanz eines dolus eventualis zusammen . . . . . . . . Hier liegt der einzige Wert der deutschen Sintax . . . . . . . .

 

Optimist. (vollendet)

 

. . . . . . . . würde sich nicht auch hier ein deutscher Danton finden?

 

Peßimist.

 

Bis jezt haben die Deutschen vom Köpfen leider immer nur die paßive Form: das Geköpft-Werden kennen gelernt.

 


Optimist.

 

Aber kam es auch hier zu solchen Ausbrüchen frevelhaften Uebermutes wie unter den französischen Ludwigen?

 

Peßimist.

 

Was? Soll ich Ihnen einen Exkurs aus der deutschen Geschichte geben? Kennen Sie nicht die schönen Studien »Versailles in Deutschland?« Nicht die lieblichen Fürstenhengste August der Starke, Herzog Carl von Würtemberg, Markgraf Alexander von Ansbach, und wie sie alle heißen? Kennen Sie nicht die Jagdgebiete der Aurora von Königsmark, der Franziska von Hohenheim, Lady Craven und anderer, wo die aufgestöberten, im Nez hängen gebliebenen deutschen Bürger froh sein mußten, wenn nicht den Kopf zu verlieren, auf ewige Zeiten in finstere Kerker zu wandern? Wußten Sie, daß damals auf Gedanken Totesstrafe stand? Und die Bürgerinnen, — wißen Sie nicht, daß sie sich glücklich schäzen mußten, in das Hof-Bordell des Durchlauchtigsten aufgenommen zu werden, und es sich zur Ehre rechneten, öffentlich die Bordell-Farbe des Fürsten — in Württemberg war’s himmelblau — tragen zu dürfen? Nein: daß dieser zum Gottes-Begriff der Geilheit emporgeschraubte Carl, der Würtemberger, nicht zufrieden, die jungen Frauen seiner Untertanen heimlich zu Mätreßen zu haben, sich an der Schande, an der ohnmächtigen Scham, an der knirschenden Wut der respektive Ehegatten in deren Beisein sich weidete, ja, zulezt, nur deswegen entehrte, um diesen Kizel zu haben? — Was? — Was? — War das nicht sublimirte Geilheit, fürstliche Transzendentalität? — Und von Schubart wißen Sie nichts? — Und von Schiller, der in seiner »Kabale und Liebe« das eitrige Gehirn dieser deutschen Fürsten zum Stinken brachte, — der knapp der Erdroßelung entging? — Wie? — Was sagen Sie? — Wär’s da nicht Zeit gewesen, das Köpfchen dem Herrn abzunehmen? . . . . . . . . . . . .

 

Optimist.

 

Um Gottes Willen hören Sie auf! — Unser herliches deutsches Volk! — Die Mätreßen-Wirtschaft, sie war ja nur eine französische Erfindung, nichts entfernt Deutsches, — ich bitte Sie, unser herliches, deutsches Gemüt, unser herliches, deutsches, monogames Gemüt!

 

Peßimist.

 

Gewiß, sie war nur eine Mode, eine Krinolin-oder Hut-Form. Und ich glaube, weil sie den Deutschen nicht stand, meinten sie durch Utriren, durch Pestiferiren und Stänkern die Sache ihren Untertanen begreiflich zu machen. Aber, daß Diese die Sache gutirten, schmakhaft fanden, einer ihnen von Haus aus ganz heterogenen Sache bei sich Zugang gewährten, sie bewunderten, hier liegt es — woher kommt das? . . . . . . . .

 

Optimist.

 

Ja, woher mag das kommen?

 

Peßimist.

 

Ich weiß nicht. Einmal muß das anders gewesen sein. Tazitus kent die Deutschen von der Seite nicht. Zwischen Tazitus und Gregor VII muß etwas über sie gekommen sein, ein Einfluß, ein verschleimendes Gift, welches die harten, kantigen Teutoburger zu Feiglingen, zu Sentimentalen machte. Am Ende das Christentum, He? —

 

Optimist.

 

Um Gotteswillen!

 

Peßimist.

 

Damals lehrte sie ein Papst, dieser Gregor, daß die Ehe etwas Schimpfliches, und das Konkubinat, wenn man es durch das Mönchsglas des Christentums betrachte, etwas Anständiges sei. Vielleicht komt es daher. Wenigstens schlugen damals die Deutschen ca. 11,000 ihrer geistlichen Mitbürger tot, weil sie verheiratet waren. Damals muß doch ihr »monogames Gemüt«, wie Sie sagen, ziemlich konkubinatorisch geworden sein.

 


Optimist.

 

Es war die deutsche Seele, die der Idee unterlag.

 

Peßimist.

 

Ja, leider haben die Deutschen nur eine Seele, statt zwei, wie die Franzosen und Italjener. Als die Deutschen die christliche Idee aufnahmen, wurde die ganze Seele christlich, feig, zerknirscht, hündisch, erbärmlich. Die französische Seele wurde auch christlich, aber dahinter kicherte der gallische Rest, der französische Dämon; und bei den Italjenern blökte die erotische Bestie, ihr Boccaccio. Deshalb wurden die Italjener und Franzosen außer Christen auch Nazionen; die Deutschen aber wurden nur Christen, und das war für die großen Welt-Entscheidungen zu wenig.

 

Optimist.

 

Und doch haben sie eingeholt, was einzuholen war, und sind, nach Allem, wie es scheint, eine Nazion geworden.

 

Peßimist.

 

Ja, unter der Fron. Unter den Fürsten. Unter der Sugestion der Knute. Nehmen Sie die Fürsten weg und es bleibt eine hülflose Maße, hülfloser wie ein Kind.

 

Optimist.

 

Sind sie nicht glücklich?

 

Peßimist.

 

Eminent glücklich. Hier liegt’s ja eben. Das Kindische. Das Tölpelhafte. Sie sind in der Fron glücklich und merken’s nicht. Wie der Nigger auf den Reisfeldern beugen sie den breiten Rücken unter der Peitsche des Aufsehers und fletschen noch humoristisch den Paßanten an, der an ihnen vorbeigeht . . . . . . . . Sehen Sie, das dike Kinn, die vorgewölbte Kinnlade des Negers, das Tierische, finde ich bei den Deutschen unsichtbar so mächtig entwikelt, und daneben eine Porzion Gutmütigkeit und Humor, die ihnen hinten im Naken sizt und die Haare zu der kurzen Stirn hereinkräuselt.

 

Optimist.

 

Kann man denn mehr wie glücklich sein auf dieser Welt, sei’s unter Bedingungen, unter welchen nur immer?

 

Peßimist.

 

Kann man mehr wie glücklich sein?! . . . . . . . Wo wollen Sie denn, daß dieses ewig Kinder-gebärende, lümmelhafte Hausknechtsvolk hinaus soll? — Sehen Sie sich doch die geografische Lage dieser zusammengekeilten Raße an! Wenn Die sich hätten Plaz machen können, sich Rückenfrei machen, sich Seitenfrei machen, wenn Die die Idee des Sich-Plazmachens auf dem Lande so zu faßen im Stande gewesen wären, wie die Engländer zur See, die wären längst an’s Meer vorgerükt, wenn Deren Geist so helle gewesen wäre, wie ihre Muskeln dik, die hätten sich längst das Abendland erobert, das feste Land — aber was wollen Sie von Hausknechten? Mit Hausknechten hält man den eigenen Hof sauber. Aber den Hof selbst erringt der Hausknecht nie!

 

Optimist.

 

Wer sind die Hausknechte?

 

Peßimist.

 

Nun, ich sprach oben von den Medern und den Persern. Reden wir Deutsch, da sich’s zufällig um Deutschland handelt. Wer sind sie, diese nordischen Perser, die die Hegemonie an sich gerißen haben, woher kommen sie, diese Norddeutschen? Kommen sie nicht aus dem Osten? Sind sie nicht Steppen-Söhne? Kommen sie nicht aus dem Lande der Knute? Woher sollen Die Herrschersinn haben? Können Sie nicht in deren Familienbüchern noch die Striemen verzeichnet finden, die ihre — »Ahnen« aufgezählt erhielten? Woher sollen Die den Kopf hoch tragen? Die glücklich waren, von ihres Fürsten Roßeshufe den Staub leken zu dürfen! Gehen Sie nach Berlin! Was sehen Sie dort? Ist es nicht der asiatische Ton, der dort herscht? Der Ton des »Väterchens«? Die Kniebeugung vor dem Mufti? Mukte Berlin jemals auf vor seinem Fürsten? Was ist das Höchste, was Berlin leistet? Eine Zote, oder ein schmuziges bon mot über Ihn, das wie eine Schmeißfliege von Wand zu Wand pralt und den Leuten um die Ohren schwärmt. Das ist immer so: wem die Hände gefeßelt sind, dem schlägt sich die Wut ins Gehirn. In Berlin werden täglich 40000 Majestätsbeleidigungen begangen — im Flüsterton. Sonst verständigen sie sich politisch durch Zeichen und Fisematenten. Erscheint Er aber, dann regt sich in ihnen das asiatische Geblüt und sie stürzen zu Boden und küßen des Roßes Hufen. Sind es keine Hausknechte? Wollen Sie mit diesen Leuten die Welt erobern? Hat ER nicht Recht, ihnen die Knute überzulangen? . . . .

 

Optimist.

 

Und das sagen Sie dem deutschen Volke?!

 


Peßimist

(hält ihm den Mund zu).

 

Um Gotteswillen sind Sie vorsichtig! Sie haben den Dativ gebraucht. Sie haben gesagt: dem d. . . . . . . . V. . . . ! Der Dativ ist verboten. Im Wem-Fall ist das deutsche Volk beschimpft. Der Dativ ist in patriotischer Selbsthuldigung verboten. Im Dativ muß sich das deutsche Volk beschimpft erachten. Gebrauchen Sie lieber den Accusativ, den anklagenden Fall. Oder den Vokativ: O armes deutsches Volk! das Flennen war ja den Deutschen immer näher gestanden, als das Handeln.

 

Optimist.

 

Nun, und die Süddeutschen? Die echten Deutschen, die Erbgeseßenen?

 

Peßimist.

 

Ach die armen Meder. Die geschlagenen, melancholischen Meder. Sie sind nicht beßer dran. Was ihnen noch die Hunnenkämpfe und Kreuzzüge an Lebens-Mark übrig gelassen haben, was ihnen der 30jährige Krieg nicht abgenommen, hat ihnen der Katolizismus aus den Knochen gesaugt. Die sind müde und sentimental. Wenn sie der Staat koramisirt, singen sie »Röslein, Röslein, Röslein roth!« legen sich am liebsten in’s Bett und schlafen.

 

Optimist.

 

Und das ist das Prognostikon, das Sie den Deutschen stellen? Verzweifeln Sie denn, daß es nicht auch zu unserer Zeit Männer geben wird, die aufstehen werden und die Maße mit sich fortrei ßen? Ich gebe zu, die Maße ist in Deutschland schwer beweglich. Sie ist wie Asfalt. Aber Asfalt brent. Denken Sie an Leute wie Hus, Luther, Kant, Laßalle . . . .

 

Peßimist.

 

Ja, die waren aber halb verrückt. Das war das Gute. Die Psichiater haben Luther für geisteskrank erklärt, er hatte Halluzinazionen und warf das Tintenfaß nach dem Teufel. Die Anderen haben ihre Simptome wohl verborgen. Kant sagte, er könne nicht das Lezte sagen, was er denke. Das ist mit all’ diesen Menschen so. Ein Deutscher wird immer das Höchste leisten von dem Moment an, da er geistig erkrankt bis zu seiner Einschaffung in’s Irrenhaus oder seiner Verblutung auf dem Schafott. Luther hatte eminentes Glück. Auch war die früher bestandene Kleinstaaterei der eigentümlichen Befähigung der Deutschen, sich geistig zu äußern, günstiger, als heute. Man lief von einem Fürsten zum andern. Hier schrieb man wie Schubart eine Satire auf die Mätreße des Erlauchten, mußte flüchten, lief in den nächsten Staat zum Fürsten B. Dieser nahm Einen mit offenen Armen auf, gab Einem zu eßen und man durfte — wie Schiller — ein neues Drama — auf den Für­sten A. schreiben. Dann fiel man in Ungnade, flüchtete wieder, lief zum Fürsten C. Der rieb sich die Hände, man bekam wieder zu eßen — eventuell sogar, wie Hutten, die Dichterkrone — und man schrieb einen neuen »Dialog,« oder eine »Trias Romana« gegen den Papst, gegen den Kaiser oder gegen den Fürsten B. So hezte man die 36 Potentaten durch — und der Genius siegte.

 


Optimist.

 

Haloo! Haloo! Hopla! Was sagen Sie da? Sakerlot. Ist das Literaturgeschichte? Oder ist das Reformazionsgeschichte? . . . . . . . .

 

Peßimist.

 

Nun, ging es mit Luther anders? Heute bettelte und sang er vor den Fenstern der Reichen, morgen nagelte er an Kirchentüren, übermorgen zerrißen in den Händen von Studenten, dann zwischen Konzil, der Wartburg, den Legaten, seinem Fürsten, dem Kaiser, dem Papst, seinem Orden hinundhergeworfen, geängstigt und gebant, schwindelte und drükte er sich sozusagen zwischen allen diesen Faktoren durch — heute mit Bigamie-Konsensen morgen mit Bauern-Anatemen — und kam, hin- und hergeschüttelt von seinem Jähzorn und seinen Visionen, nachdem er diese zähe Asfalt-Maße der deutschen Gehirne in Brand gestekt hatte, faktisch ungeköpft unter die Erde.

 


Optimist.

 

Herr Gott! — Herr meines Lebens! — Es waren eben schwere Zeiten. — Aber er kam durch! — Warum soll heute nicht Einer durchkommen?

 

Peßimist.

 

Heute?! — Heute, wenn Einer einen freien Gedanken ausspricht, bleiben ihm nur drei Wege: Irrenhaus, Gefängnis oder die Flucht. Bekent er sich offen zur Geisteskrankheit, so drückt der Bezirksarzt ein Auge zu und — er verschwindet. Ist er hartnäckig und bleibt auf seinem Verstande stehen, dann nimt das Gericht seinen Lauf und — er verschwindet. Verläßt er das Land des Asfalts, bevor ihm die Schuhsohlen verbrennen, so schließt sich hinter ihm die Barriere und — er verschwindet.

 

Optimist.

 

Und doch — und doch — kann ich nicht sagen, daß das Alles vergeblich sein soll. Nichts verschwindet auf dieser Erde. Es gibt gar Nichts, das ganz vergeblich gewesen wäre. Die Kosmologen sagen, daß nichts auf unserem Planeten vor sich geht, was nicht irgend eine Wirkung hervorbrächte. Der Stein in’s Waßer geworfen zieht seine Wellen und trift den schwankenden Kahn am andern Ufer, wo die süße Schifferin träumt. Ein Schrei von dem Gefeßelten, bevor er auf immer in dem dunkeln Tor des Gefängnißes verschwindet, trift die Außenstehenden, die Zuschauer, die Helfer, und der dumpfe Laut sezt sich bei ihnen fest. Dieser Schrei tausendmal wiederholt wird endlich Einen zur Vernunft bringen und in ihm den rettenden Gedanken entzünden. Und wenn es die Irrenwärter und Gefangenen-Aufseher sein solten: Einer wird sich finden. Und wenn sie es nicht sind, dann werden die Steine der Gefängnismauern schreien. Im alten Nürnberg war es der Scharfrichter, der sich schließlich weigerte, die Leute lebendig zu begraben; weil er für seine Seligkeit fürchtete. Jezt fingen die Juristen zu denken an, und das Lebendig-Begraben hörte auf. Zur Zeit der Hexenverbrennungen war es ein Rheinischer Arzt, der zuerst erklärte, die Teufelsbündniße seien eine Sache, die nur in unseren Köpfen existire. Jezt fingen die Juristen zu denken an, und die Hexenverbrennungen hörten auf. Ende des vorigen Jahrhunderts, als die großmächtige Kaiserin Maria Theresia das Tortur-Recht, ihre »Constitutio criminalis Theresiana« zum so und so vielten mal auflegte, entrang sich dem Wiener Volk beim Anblik dieser Zeichnungen und Muster zum Händeabschneiden, Zungenausreißen, Reken und Streken ein einziger Schrei des Schauderns gegen den blauen Himmel hinauf. Jezt fing die Kaiserin und die Juristen zu denken an, und die »Constitutio criminalis Theresiana« wurde unterdrückt . . . . . . . Solte sich denn am Ende des 19ten Jahrhunderts Niemand in Deutschland finden, der den Schrei ausstieße, um das Lebendig-Begraben der Dichter, Schriftsteller, Schurnalisten, Künstler, Politiker, Teologen — mit einem Wort, der ehrlichen Leute zum Aufhören zu bringen? . . . . . .

 

Peßimist.

 

Mein Freund, — Sie werden warm! — Sie fallen aus Ihrer Rolle. — Sie haben hier den Optimi sten zu spielen! — Sie nehmen mir ja die besten Sachen weg! — Auch kommen Sie auf’s Politische — nehmen Sie sich in Acht.

 

Optimist.

 

Ich kann die Zukunft nicht so schlimm ansehen wie Sie. Einmal wird auch für Deutschland der Moment kommen, wo es in geistiger, in politischer, in sozialer Beziehung nicht immer hinter den andern Nazionen dreintrampelt.

 

Peßimist.

 

So lange es seine Nahrung aus Rußland bezieht, das Schema seiner imperatorischen Behandlung des Volkes von den Asiatischen Steppen sich holt, kann ich auf Nichts rechnen, kann ich keine Beßerung erwarten.

 

Optimist.

 

Die anderen Abendländischen Nazionen sind vorauf gegangen; seine Vettern, die Engländer, die Amerikaner haben sich längst die Freiheit erfochten, soll denn nicht auch hier einmal die Morgenröte aufleuchten? . . . . . . . .

 


Peßimist.

 

Deutschland ist noch wie ein erst halb entwöhntes Kind, mit den Füßen, mit dem Leib stekt es tief in dem Asiatischen Mutterlande; den Kopf nur strekt es in die neue Welt, mit den Armen erreicht es das Meer der Freiheit und Unendlichkeit; mit dem Kopfe denkt es die Gedanken des Abendlandes, mit dem Verstand erfaßt es die Lehren der westlichen Revoluzion, mit dem Geruch wittert es jenseits des Waßers die neue Welt; aber seine Verdauung liegt tief im Erdteil drinn, seine Nahrungssäfte bezieht es aus dem byzantinischen Osten.

 

Optimist.

 

Berufen Sie sich nicht zuviel auf den Osten. Erwarten Sie nicht zuviel Knechtisches mehr von Rußland. Dort hat es längst getagt. Dort hat längst der Funke Feuer geschlagen. Jeder Gedanke ist dort ein Zündstük, jedes Gemüt eine Mine. Rußland, dieses lauernde Gehirn, wird eines Tags fürchterlich hervorbrechen, und das Volk der Bakunine und Dostojewski’s wird sich seine Freiheit erköpfen.

 

Peßimist.

 

Ich fürchte, Deutschland, dieser große Junge, hat zu viel studirt. Bei wem die ganze Kraft sich in’s Geistige geschlagen, deßen Muskeln sind schlapp, der wird zum Handeln nichts mehr übrig haben. Wer sich gewöhnt hat, seit einem Jahrhundert für die andern Völker die Filosofie zurecht zu machen, der wird nie zum Streitkolben greifen, um Tirannenburgen zu stürzen. Deutschland hat die Lehre vom Tirannen-Mord hübsch ausgebildet; selbst hat es nie einen Tirannen ermordet.

 

Optimist.

 

Das neugeeinte, kräftige, deutsche Volk?!

 

Peßimist.

 

Gerade hier liegt die Gefahr. Diese Einigung geschah unter der Aegide der Fürsten. Und dieses Gewicht wird das Volk nicht abwälzen kön nen. Hier liegt Brief und Siegel der Tirannei. »Seht — wird man dem Volke sagen — was wir für Euch getan haben! Jezt kuscht und seid zufrieden. Singt und bildet Krieger-Vereine!« — Bei dem Charakter der Deutschen, bei ihrer Rührseligkeit, bei ihrem Edelmut langt diese Devise wieder auf ein Jahrhundert. — Auch ist die Mischung falsch. Die Meder und Perser werden sich nie vereinigen. Eine Einigung durch Gedanken ist eine Verlezung des Gefühls. So wenig sich Protestantismus und Katolizismus je einigen werden. So lange die Hostie klebt, werden diese sich scheiden. Und so lange es einen blauen Himmel gibt, werden die Meder keine Perser werden, und die Perser keine Meder. Denn jene, die Perser, sind Asiaten, und diese, die Meder, sind Kelten. Baut 1000 Brüken über den Main, bis Ihr durch keine Klinse mehr den Strom seht, der Fluß der Zwietracht wird doch drunter weg gurgeln und in der Tiefe unseres Gemütes rauschen. Wenn Sie Hoffnungen bauen wollen, dann bauen Sie sie auf den Fluß des Main; auf die Zwietracht. Denn Einigung ist Fürstengewalt, ist Tirannenherrschaft. Zwietracht ist Volksgewalt, ist Freiheit.

 


Optimist.

 

Ich vertraue dem deutschen Volke!

 

Peßimist.

 

Schon wieder den Dativ! Sie Revoluzionär! — Ich traue diesem Volke nicht, soweit es — denkt. Denn soweit es denkt, ist es feig.

 





II.

 

Ueber das Unsichtbare

 

zwischen einem Materjalisten und

Spiritualisten.

 

 


Zweiter Dialog.

 

 

Spiritualist.

 

Glauben Sie an das Unsichtbare?

 

Materjalist.

 

Was heißt das Unsichtbare? Ich glaube an das meinen Sinnen Zugängliche.

 

Spiritualist.

 

Nein, ich meine Etwas, was außerhalb unserer sinlichen Sfäre liegt.

 

Materjalist.

 

Wie soll ich daran glauben, da ich es nicht kontrolliren kann?

 


Spiritualist.

 

Die Kontrolle ist Ihnen nicht entzogen. Sie ergibt sich in einem Endeffekt. Und der ist Ihren Sinnen zugänglich. Nur die Zwischenglieder fehlen.

 

Materjalist.

 

Was nicht wißenschaftlich beweisbar ist, entzieht sich meiner Erforschung. Und der Glaube kann mir hier nichts ersetzen.

 

Spiritualist.

 

Glauben Sie nicht, daß das, was Tausende, was Hunderttausende von Menschenseelen als brennenden Durst in ihrer Seele tragen, ohne fähig zu sein, ihren Wunsch zu offenbaren, weil Gedanken mitzuteilen verboten ist, daß das endlich nach Monaten, nach Jahren, als ein ungestilter Schmerz, als Anhäufung von Auflehnungen, als Ballen von Mordgedanken sich unsichtbar in die Luft hebt, sich vereinigt, und endlich den Ueberlegenen, den im materjellen Reich Ueberlegenen, den Uebermächtigen und seine Schergen erdroßelt, erstikt, ihm das Blut aussaugt? —

 

Materjalist.

 

Reden Sie von Etwas Konkretem?

 

Spiritualist.

 

Ich rede von Deutschland.

 

Materjalist.

 

Ich finde, daß in Deutschland Alles wie früher seinen Weg geht. Die Leute machen dieselben Gesichter auf der Straße, die Hunde pißen an die gleichen Eksteine, die Kinder laßen sich wie früher von ihren Müttern am Rok hintendreinziehen. Nur die Hutform hat gewechselt. Und bei den Damen die Müffe.

 

Spiritualist.

 

Weil Sie nur das Sichtbare sehen. Weil Ihnen das Unsichtbare verborgen ist. Weil Sie aus den vergrämten Mienen der heutigen Menschen nicht in der Seele zu lesen verstehen.

 

Materjalist.

 

Schmerzen hat es immer gegeben.

 

Spiritualist.

 

Wenn ich nicht an das Unsichtbare glaubte, an die unsichtbare Wirkung der von Hunderten von braven Menschen hinuntergeschlukten Bitterkeiten, wenn ich nicht an den Kampf der Geister glaubte, die, wie nach der Schlacht auf den katalaunischen Feldern, auch aus den Körpern der Entkräfteten und Verhungerten sich erheben, um in der Luft, auf Entfernungen, weiterzukämpfen, wenn ich nicht an die rächende Wirkung der entleerten Adern, an das Funken-Zünden der nicht zu Wort gekommenen Gedanken glaubte, dann müßte ich verzweifeln an Deutschland und an seiner Zukunft.

 


Materjalist.

 

Es ist doch nicht so schlimm. Wir haben eben etwas viel Menschen in Deutschland. Es wird zu viel geheiratet. Uebrigens läßt man doch heute den Rednern und den Zeitungsschreibern die Köpfe. Bedenken Sie, gegen früher!

 

Spiritualist.

 

Kennen Sie die Geschichte von Kleo dem Gerber?

 

Materjalist.

 

Des Atheners? Das Aufkommen der Demokratie?

 

Spiritualist.

 

Das war doch ein Mann, der die Tausende von Flüche verwirklichte, der den Unzähligen von lechzenden Kehlen die Sättigung brachte, der die Bluthunde bändigte! Er war nur ein Gerber. Ein einfacher Handwerker. Ein vierschrötiger Kerl, der vielleicht sich selbst nicht in Allem klar war, und der nicht an das Unsichtbare glaubte. Aber das Unsichtbare trieb ihn. Er spürte diese hungernden Mäuler, diese wahnsinnig aufgerißenen Augen, diese unterirdischen Blähungen alle in seinem großen Kopfe. Und das trieb ihn. Das machte ihn fest. Er wurde ein Werkzeug des Unsichtbaren.

 

Materjalist.

 

Es wurde aber dann doch wieder anders.

 

Spiritualist.

 

Es wurde wieder anders. Das liegt im Veränderlichen alles Menschlichen. Aber für einen Augenblick hatte das Volk doch Luft. Für einen Moment konten diese entsetzlichen Tränen-Rinnsale sich verlaufen, und man konte sich über die nächste Zukunft besprechen.

 

Materjalist.

 

Der Deutsche ist im Allgemeinen sehr konservativ. Nimt Veränderungen nur im höchsten Notfall vor.

 

Spiritualist.

 

. . . Nur im höchsten Notfall. — Davon rede ich! — Was meinen Sie zu Frankreich? —

 

Materjalist.

 

Was soll ich zu Frankreich meinen?

 

Spiritualist.

 

Was meinen Sie, wenn wir Französisch würden?

 

Materjalist.

 

Französisch? — Sind Sie bei Sinnen? —

 

Spiritualist.

 

Ich meine nur in der Vorstellung es sich zunächst zu überlegen. — Was würden wir denn verlieren? — Sagen Sie selbst, wenn wir französisch würden, was würden wir verlieren?

 


Materjalist.

 

Zunächst doch Alles!

 

Spiritualist.

 

Wir verlören — mit der Zeit — die deutsche Sprache und unsere Fahnenabzeichen. Ist es denn so schrecklich?

 

Materjalist.

 

Sie singen doch immer auf Ihren Banketten: »Deutschland, Deutschland über Alles!« —

 

Spiritualist.

 

Ach, lieber Herr, dieser Gesang ist in den lezten Jahren sehr matt geworden.

 

Materjalist.

 

Und dann: Ihre Lieder, Ihre Poesie, Ihre Musik, — ja so! die bliebe sich gleich! — Voyons, Sie haben ja alle Vaterlandsliebe aus Ihrem Herzen gerißen.

 

Spiritualist.

 

Ach Gott, Vaterland, — ich kann es nicht so hoch einschäzen — bedenken Sie, wenn wir französisch würden, gewännen wir die Freiheit — die Freiheit, zu denken, zu dichten, zu schreiben — bedenken Sie, für einen Deutschen die Freiheit seinen Geist zu offenbaren, selbst auf die Gefahr hin, daß es etwas derb, etwas zotig, etwas barbarisch ausfält — aber die Freiheit, seine Gedanken zu offenbaren — denken Sie, für ihn, der eben dieses, seine Gedanken, für sein Höchstes einschäzt, und der gerade dieses Gutes — während es die meisten der umliegenden Völker besizen — entbehren muß.

 

Materjalist.

 

Nun, das ist aber erst das Eine.

 

Spiritualist.

 

Ach, und das Uebrige! — Was ist es denn? — Die deutsche Sprache — ist das Herz nicht mehr wert wie die Sprache? — Goethe — ging er nicht trunkenen Blicks Napoleon entgegen? — Dichtete er nicht unter französischer Herrschaft seinen »Faust«? — Heute würde er wegen »Unsitlichkeit« und »Gotteslästerung« eingespert. — Und Schiller — dichtete er nicht köstlich unter der französischen Mätreßenwirtschaft? — Was ist es denn? — Das Uebrige — die paar Volksliedchen! — Das Deutsche würde sich — mit der Zeit — zur Dialekt-Sprache verkürzen. Aber würden die deutschen Veilchen nicht nach wie vor duften? Unsere Eichen kräftig emporschießen? Unsre Herzen nicht freier und stolzer schlagen? Unsre Mädchen nicht herzhaft küßen? — Gehen Sie! — glauben Sie an das Unsichtbare? —

 

Materjalist.

 

Wie soll aus dem Unsichtbaren ein solcher Umschwung der Dinge sich vollziehen?

 

Spiritualist.

 

Wir wißen es nicht. — Wir haben keine Ahnung. — Vielleicht ist es nur die aus der Verzweiflung heraus geborne Meßias-Idee. — Aber irgend etwas muß paßiren. — Irgend ein Held muß kommen, der uns aus der Fronarbeit deutscher Piramiden-Erbauer befreit, uns aus dem Backstein-Verhältnis der Lohn-Sklaverei erlöst, uns das Gesez der Willkür vom Naken nimt, und uns durch ein Meer von Vergeßenheit in das gelobte Land führt.

 

Materjalist.

 

Aber bedenken Sie, ein Volk, das sich selbst aufgibt.

 

Spiritualist.

 

Ein Volk gibt sich auf, wenn es keine Rettung mehr sieht.

 

Materjalist.

 

Soll Deutschland als ein etnologisches Ganze aus den Völkerfamilien verschwin den?

 


Spiritualist.

 

Was läge daran? Deutschland hat als etnologisches Ganze wenig Bedeutung. Sein Sammelsurium ist aus Kelten, Germanen und Slaven gemischt. Seine Wesenheit ist nicht etnologisch, sondern psichisch. Es ist ein Ferment, ein Sauerteig, ein Salz der Erde, das sich am besten mit Anderen vermischt. Deutsche Gedanken wirken wie Hefe im Maischbottich der Völker. Es soll sich darin vermischen.

 

Materjalist.

 

Aber wird mit der geografischen Einheit nicht die geistige Einheit verloren gehen?

 

Spiritualist.

 

Wie solte es? — Aus Nichts wird Nichts. Aber Etwas, das ist, kann auch nicht verloren gehen. Wir sind wie die Juden. Sie frondeten erst bei den Aegiptern. Später kamen sie in die babilonische Gefangenschaft. Dann wurden sie Vasallen der Römer. Und heute gehört ihre Heimstätte den Türken. Aber ihr Geist, ihr esprit, ihr Instinkt hat die ganze Welt erobert. Und ihr Monoteismus ist eine der gewaltigsten geistigen Kräfte, die je der Menschheit dienstbar gemacht wurden. Ist es nicht Etwas Köstlicheres, etwas Vornehmeres, ein hochfliegender, vaterlandsloser Geist, als im eigenen Vaterland ein geistiger Sklave zu sein? — Nehmen Sie die Griechen. Von den Römern unterjocht erobert ihre Filosofie, ihre Kunst, ihr Menschentum die ganze abendländische Menschheit. — Die Iren. Von den Engländern unterjocht, sprüht ihr Geist in der Advokatur, im Parlament in der ganzen Gesellschaft. — Warum sollen wir nicht unterjocht werden? — Fisisch eignen wir uns vortrefflich zum Unterjocht-Werden. Wir haben Hunde-Natur. Sind feig und servil. Nur unser Geist ist ’was nüz’. Fort mit ihm in die Menschheit!

 

Materjalist.

 

Sie gehn da doch zu weit. Es hat doch manche politisch freiheitliche Bewegung sich im Volke Bahn gebrochen. Denken Sie an AchtundVierzig.

 


Spiritualist.

 

Ja, nachdem andere Völker ihnen das vorgemacht hatten. Aber dann kam die Reakzion und legte die eisernen Reife um die Stirnen der Verwegenen, und raubte ihnen das Denken und macht Alles zehn fach wett. Die Deutschen haben jezt Tausend Jahre Zeit gehabt, sich freiheitliche Bestimmungen zu erobern, und haben es nicht vermocht. Jezt ist es zu spät. Mit 50 Jahren ist der Mann Philister, da sprengt er keine Feßeln mehr. Sehen Sie um sich die Völker. Vergleichen Sie die Gesezbücher, die polizeilichen Masnahmen, die politischen Sitten, da müßen Sie sagen: Wir waren feige Hunde!

 

Materjalist.

 

Denken Sie an die Reformazion!

 

Spiritualist.

 

Ja, das war eine rein geistige Bewegung; davon rede ich; ein spekulativer Trieb im Bereich des Religiösen, Idealen. Und da mußte ein Halb-Wahnsinniger kommen. Ein Normaler hätte es nicht gewagt. Aber nachdem wir es zu Stande gebracht, machten die andern Völker es uns nach. Mit unseren Ideen eroberten sie sich die Freiheit. Es war ein deutscher Keim, der in die Völker fuhr. Das ist ja mein Problem! — Wo glauben Sie, daß Luther heute stehen würde? —

 

Materjalist.

 

Wo soll ich glauben, daß Luther heute stehen würde?

 

Spiritualist.

 

Ich meine: wo würde er politisch stehen? welcher Partei würde er sich anschließen?

 

Materjalist.

 

Ich meine, er würde sich so zur Mitte halten; er würde bei den mittleren Parteien stehen. Er würde Nazionalliberaler sein.

 


Spiritualist.

 

Um Gotteswillen, wo denken Sie hin! Links würde er stehen; weit links; bei den äußersten Sektirern würde er stehen, bei den Wiedertäufern — ich wolte sagen: bei den Sozialdemokraten!

 

Materjalist.

 

Das möchte doch gewagt sein.

 

Spiritualist.

 

Nehmen Sie doch sein Bild vor. Sehen Sie doch diese Augen an! Diese kleinen, listigen Augen funkeln vor Rachsucht. Hier, sehen Sie diese lange Rinne zwischen Nase und Mund gefült mit Gemeinheit. Die prognaten, gewaltigen Kiefer fertig zum brutalen Vorstoß. Die slavische Nase wenig bedeutend. Der ganze obere Teil des Gesichtes ist ja der Tipus der Wildkaze. Die Stirne durchaus nicht ideal — nicht entfernt so ideal wie bei Melanchthon — aber immerhin kapabel zur Verdauung des Bischen dogmatischen Materjals. Hier die Schlappohren. Und dieser Rundkopf. Und auf diesen Schultern, die sich nur zu senken brauchen, um Angst und Beben in den Reihen der Gegner zu erzeugen. Das ist ja das Bild des deutschen, exaltirten Doktrinärs, der mit Speichel und Augenzähnen ficht. Hier hängt ja Alles voll von Majestätsbeleidigungen . . . . . . . .

 

Materjalist.

 

Na, na, der gute, poetische, deutsche Luther, der zu Hause bei seiner Käte sizt und seine Choräle mit der Harfe begleitet . . . . .

 

Spiritualist.

 

Sie haben das spätere, dike Bild im Auge, wo ihn die halbe Nazion dik gefüttert hatte, und er sich ein Doppelkinn angegeßen hatte. Da war er schon, sozusagen, der sächsische Generalsuperintendent. Nein, Sie müßen an das jugendlich-hagere Bild des Augustiner-Paters denken, wo er, wie Spalatin sagte, nur aus Haut und Knochen bestand, seinen Gegner anfunkelte und sozusagen im Geiste schon zerfleischte; auf dem Augsburger Reichstag, wo der geschikte Legat Cajetan erklärte: nie mehr wolle er mit dieser Bestie mit den tiefliegenden Augen disputiren . . . . . . . Was glauben Sie, daß heute Luther für Bücher schriebe? Wir möchten seine Büchertitel lauten? Etwa: »Von der unverschampten Macht der Monarchieen«; — »Das Gottesgnadentum der Potentaten vom Teuffel gestifft«; oder ähnlich . . .

 

Materjalist. (lacht)

 

Ha, ha, da würde er wol bald mit dem Staatsanwalt Bekantschaft machen.

 

Spiritualist.

 

Sicher würde er mit dem Staatsanwalt Bekantschaft machen. Aber was wollen Sie?: Einer muß es wagen. Einer muß die Erlösung bringen. Einer muß den Schrei ausstoßen. Und wenn es ein Halb-Wahnsinniger wäre. — Glauben Sie an das Unsichtbare? —

 


Materjalist.

 

Was soll das Unsichtbare? Hier? Die Reformazion bereitete sich vor aller Augen unter hellsten Oeffentlichkeit.

 

Spiritualist.

 

Die Resultate. Aber nicht der Beginn. Der Beginn waren Seelenkämpfe, Erschütterungen, innere Krämpfe von fast 100-jähriger Dauer. Bis der Held kam. Der Brutale. Der Stiernakige. Kleo der Gerber. Luther der Bergmann. Sie sind undenkbar ohne das Unsichtbare, ohne den koloßalen Hintergrund, ohne die Milljonen Flüche, ohne das geheime Zittern der Seele, das endlich sie wie ein Bliz traf und ihr Hirn entzündete.

 

Materjalist.

 

Und doch hing Alles an einem Haar, und Luther wäre unterlegen.

 


Spiritualist.

 

Alles hing an einem Haar, und Luther wäre unterlegen. Der Kaiser, der mächtigste Potentat, die einflußreichen süddeutschen Fürsten, Bayern und Oestreich, sie konten ihn mit einem Fußtritt zertreten; ein Musketier konte auf ihn anlegen — er war vogelfrei — und die Wildkaze lag am Boden — — Glauben Sie an das Unsichtbare? —

 

Materjalist.

 

Es ging glücklich durch. Es waren eben damals aufgeregte Zeiten.

 

Spiritualist.

 

Es handelte sich damals um die Befreiung aus dem Bann einer fixen Idee, einer teokratischen Dogmatik; um die Abwälzung der granitnen Last eines römischen Wahrhaftig-Gottsei­beiuns. Und heute handelt es sich wieder um die Abwälzung eines Granitberges, der Alle fast zu erdrüken droht. Wir können nicht mehr atmen. Wir sind ermattet und geknikt. Auf unserem Naken liegt ein unerfüllbares Gesez. Wir wollen wieder aufrecht gehen. Nicht Gefrondete sein. Nicht an der einen Cheops-Piramide arbeiten. Milljonen von Arbeitern an einem einzigen Denkmal. Wir wollen ausziehen aus Egypten und unsere Seele erretten. Wir wollen unsere deutsche Sprache frei gebrauchen dürfen. Ohne Hinterhalt. Wie die umliegenden Völker wollen wir unsere Gedanken frei reden, schreiben und druken dürfen. Schon flüchtet sich bei uns der Gedanke in falsche Sazkonstrukzionen, die Sintax wird geknikt und man unterhält sich in Zeichen und Simbolen. Der Deutsche, der gewohnt ist, aufrecht zu gehn, hochgemutet zu sein, und seine Seele den Winden preis zu geben, muß frei reden dürfen; muß reden dürfen wie Hans Sachs, wie Fischart, wie Luther; sonst geht sein bestes Erbteil verloren.

 

Materjalist.

 

Gott, geben Sie sich nicht so aus! Wenden Sie sich an Ihre Landsleute, an Ihre Vertretungen, an Ihre Parteien . . . . .

 

Spiritualist.

 

Unsere Parteien? Daß es Gott erbarm’! Was treiben sie? Womit handeln sie? Schließen sie nicht undenkbarsten Bündniße? — Nehmen Sie gleich die Stärksten und Gewappnetsten: Die Sozialdemokraten und Ultramontanen, von denen die einen nur bedingt, die andern sicher das deutsche Vaterland zu Grunde richten wollen. Reden sie nicht in der dunklen Sprache von Päderasten miteinander, von denen Keiner genau weiß, was der andere will, und verbinden sie sich nicht zu einem momentanen Zwek, und unter dem tiefsten Geheimnis und in der äußersten Dunkelheit? . . . . . . . .

 

Materjalist.

 

Nun, da sind aber noch Andere.

 

Spiritualist.

 

Gut, nehmen Sie die Liberalen, die in allen Glüh-Oefen Ausgedörrten, durch alle Waßer Gewaschenen, die Feigsten unter den Feigen, — die sich sogar bereit erklärt haben, an Gott zu glauben, wenn man ihnen den Terminhandel in Getreide läßt . . . .

 

Materjalist.

 

Dann sind wir aber noch nicht fertig.

 

Spiritualist.

 

Oder die Konservativen, die Oberaufseher in Aegiptenland, die die Gottheiten von Oberägipten annehmen wollen, wenn man ihnen ihr Silber prägen läßt, oder die Götter von Unterägipten, wenn man ihnen ihre Feldfrüchte abkauft? — Dann, was ist noch da? — ein paar Pollaken, ein paar Franzosen, ein paar Dänen, ein paar Welfen: jeder hat einen Fetisch am Bendel: der eine eine Monstranz, der andere ein Herzöglein, der dritte ein Krönlein, der vierte ein Kodexlein, das man ihm vergolden soll, und wofür er seine Seele verkaufen will . . . . . . . Nein, uns kann nur ein Gott helfen, oder wie Sie’s nennen wollen, eine Macht aus dem Jenseits, Etwas aus der übersinnlichen Sfäre, aus dem Unsichtbaren, wo Seufzer und Flüche in etische Werte umgeschmolzen werden — denn im Bereiche des Sichtbaren sind wir verloren . . . . .

 

Materjalist.

 

Sie tun wahrhaftig, als begänne morgen das tausendjährige Reich.

 

Spiritualist.

 

Ja, irgend Etwas muß beginnen. Wenn hier Alles verloren ist, Aller Hoffnungen ge knikt, die besten Köpfe und Herzen niedergetreten und zurükgestoßen, dann begint der Glaube, die Gemüter auf ein Kommendes hinzuwenden, sie auf ein Jenseitiges zu richten, dann begint die Meßias-Idee in den Herzen Wurzel zu schlagen.

 

Materjalist.

 

Da wäre ja auf einmal der allgemeinen Klage über die Glaubenslosigkeit unserer Zeit abgeholfen.

 


Spiritualist.

 

Ja, die Leute glauben aus Verzweiflung, und an einen Gott der Rache, über deßen furchtbare Gestalt unsere Frommen erschreken werden.

 

Materjalist.

 

Und was soll der bringen?

 

Spiritualist.

 

Was er auch bringen wird, in irgend einem Punkte muß es beßer werden. Denn schlimmer, als wie heute, kann es ja nicht werden. Ob uns die Franzosen oder Engländer einsteken, oder ob uns die Rußen freßen, oder die Völker Asiens unterjochen werden: je sicherer ein Volk mit fremdem Idiom über uns herrschen wird, um so sicherer winkt uns die Freiheit in unserer deutschen Sprache, die unsere Unterdrüker nicht verstehen werden. Lieber an den Waßern Babylons sizen und, wie Jeremias, in der eigenen Sprache schreiben und dichten dürfen, als im eigenen Lande bei fisischer Freiheit geistig geknechtet sein.

 

Materjalist.

 

Rufen Sie keine falschen Götter an und spielen Sie nicht mit Gedanken, deren Verwirklichung Ihnen selbst furchtbar erscheinen wird.

 

Spiritualist.

 

Glauben Sie an das Unsichtbare?

 

Materjalist.

 

Nein, Sie können mich nicht bekehren. Ordnung und Erscheinungen dieser Welt verlaufen im Bereiche des Sichtbaren. Die Weltgeschichte ist nicht das Weltgericht, sondern ein Produkt des Zufalls und das Resultat der Gewalt.

 

Spiritualist.

 

Wenn ich nicht an das Unsichtbare glaubte — an einen ursächlichen Zusammenhang des rein Psichischen, des Nicht-Verlautbar-Werdenden, des Hinuntergeschlukten mit der fisischen Welt des Schlagens und Geschlagen-Werdens, des Ringens und Kämpfens, wenn ich nicht wüßte, daß das, was wir in den lezten zehn Jahren heimlich gelitten haben, irgend wo aufgeschrieben ist, und in irgend einer Form umgemodelt in dieser sichtbaren Welt wieder als Kampf und Rache zum Vorschein komt, dann hielte ich das Leben nicht mehr für lebenswert und müßte verzweifeln an Deutschland.

 

Materjalist.

 

Glücklich der, der sich nicht trügt und auf Ungewißes verläßt. Sie sind jedenfalls ein entsezlicher Schwärmer! —

 





III.

 

Ueber die Stadt München

 

zwischen einem Fremden und einem

Einheimischen.

 

 


Dritter Dialog.

 

 

Fremder.

 

Welche Stadt! Welche Stadt!

 

Einheimischer.

 

Welcher Pfuhl, welcher Pfuhl, — sagen Sie lieber!

 

Fremder.

 

Laßen Sie mich — laßen Sie mich bewundern! — Das wird das zukünftige Rom. Der Papst ist tot — es lebe München!

 

Einheimischer.

 

Nach dem Verbrauch des Weihrauchs könten Sie Recht haben. Wir haben hier 12000 Marienstatuen . . . . . . . .

 


Fremder.

 

Das macht nichts — laßen Sie die Leute — es wird immer Menschen geben, die Statuen umklammern wollen — beßer eine Maria, als eine Astarte, die — ah, laßen Sie mich, ich kann’s nicht sagen — von ihren Priestern das Entsezliche verlangt . . . . . . . .

 

Einheimischer.

 

Beßer die Hoden, als den Kopf verloren!

 

Fremder.

 

Nein, nein, so schlimm ist es nicht. Ich sage Ihnen diese Bojer, oder Baier, oder Bajuvarii . . . . . . . . woher komt es eigentlich?

 

Einheimischer.

 

Sagen Sie: diese Böozier . . . . . . . .

 


Fremder.

 

Nein, nein, so arg ist es nicht! Das ist ein altes Scheltwort . . . . . . . . inzwischen haben sie preußische Exerziermeister gehabt . . . . . . . .

 

Einheimischer.

 

. . . . . . . . welche sich das Saufen, und ihnen nicht den Stechschritt gelehrt haben.

 

Fremder.

 

. . . . . . . macht nichts! macht nichts! — nein, was ich sagen wolte: diese Oberbaiern, dieses herkulische Geschlecht, aus Naken und Haar bestehend, und das Meßer im Hosenschliz, brauchte eine ganz kindliche, weinerliche, weiblich-süße Religion, ’was Zartes in Blau — anders waren diese Ochsenfiesel gar nicht zu rühren — und, sehen Sie, das ist ihnen diese Maria — blauer Himmelsmantel, silberne Sternchen, ’ne Tallje zum Abbrechen, süßes Köpfchen, kirschrote Lippen . . . . . .

 


Einheimischer.

 

Ah, notre Dame de Munich? — »Unsre liebe Frau«?

 

Fremder.

 

Précisément! C’est bien cela! — E Bisl ’was zum Gernhaben.

 

Einheimischer (lacht).

 

Haha, Sie haben das Münchnerische sich rasch angeeignet . . . . . . . . das heißt: Sie müßen Obacht geben! »Gern haben« hat eine entsezliche Nebenbedeutung . . . .

 

Fremder.

 

Wirklich?

 

Einheimischer.

 

Pscht! (flüstert.)

 


Fremder.

 

Aha — gut, daß Sie mich darauf aufmerksam machen . . . . . . . . . . . na ja, sehen Sie: jedes Volk hat die transzendentalen Anschauungen, die es braucht — wenn auch das Gehirn ein Bischen dabei leidet — das zu ändern liegt nicht in seiner Macht — das ist der Gang der Geschichte und einer gewißen, wie soll ich sagen? — Völkerplacirung — alle Völker, die während einer gewißen Zeit in der Nähe von Rom lagen, machten diesen Prozeß einer überraschen und überweichen Reifung des Gehirns durch — und schieden damit aus dem Kampfe des Völkergewimmels aus — aber: régardez donc! — sehen Sie dieses Leben hier: dieses flutende Genießen, diese Ueppigkeit, dieses Sich-Selbst-Genügen, dieser Konsum, geistig und fisisch — es ist ja fast wie auf Petron’s Gastmahl: man geht hinaus, erbricht sich, und der Schlund ist wieder zum Kizeln frei — diese Resolutheit, Alles sich anzueignen, dieses Nimmer-Rasten, bis die ganze Keule verschlukt ist — man hört zwei Stunden »Tristan und Isolde«, man kann nicht mehr, scheinbar, macht 20 Minuten Pause, verschwindet in einer Nebengaße, komt mit geröteten Wangen erfrischt zurük, dann rasch noch ein Kotlett, ein, zwei Schoppen Bier — und man hört den Rest von drei Stunden »Isolde« — ja, saperlot! gehen Sie in eine andere Stadt — Tiens! régardez hier! — sehen Sie: diese Wangen, dieser Gang, diese Haarflechten, wie das Kleid fließt — nicht so geschmakvoll, wie in Wien, aber immerhin geschmakvoll genug — dieses Mündchen, wie eine Kirsche, dieses Anschauen, wie eine Turteltaube, diese Kraft, diese Weichheit, diese Fülle . . . . . . . .

 

Einheimischer.

 

Ja, aber — erlauben Sie mir — das ist — eine . . . . . . .

 

Fremder.

 

Ah so! — mais ça ne fait rien — sie sind Alle so — hier liegt es eben! — das Nicht-Mehr-Unterscheidbare — hier liegt die Kultur — die Ueber-Kultur — ah, laßen Sie mich! — Sie sind ein Peßimist! Sie kennen nicht Ihre Stadt . . . . .

 


Einheimischer.

 

Sie kommen frisch hieher, sehen Alles von der neuen Seite. Diese Mischung von Altertümlichkeit und importirter Kultur imponirt Ihnen. Sie sehen nicht les dessous, was unter dem Grasboden wächst. Hier ruht noch Alles, auf Jesuiten-Fundamenten und katolischen Fürstenbauten.

 

Fremder.

 

Ja, aber gerade das gibt der Stadt einen gewißen haut-goût.

 

Einheimischer.

 

Gehen Sie in irgend eine der großen Kirchen, und Sie werden sehen, wie Ihnen das Mittelalter mit erstikender Gewalt entgegen tritt.

 

Fremder.

 

Und doch ist diese uralte Form das, worin sich die Menschen so koloßal sicher fühlen. Hier die Litanei, das opus operatum, verrichtet, und es steht ihnen die ganze Welt offen mit ihren Lüsten und Freuden. Faktisch ist die Religion nur ein Auskunfts-Mittel, weil keiner so viel Zeit hat, sich seine eigene Moral zu machen und sich mit den Transzendentalen, was er gewißermaßen ahnt, auseinanderzusezen. Da komt Einer und sagt ihnen: Tu das und das, murmle das und das, dann bist du versöhnt und darfst draußen, beim Austritt aus der Kirche, deinen geheimen Instinkten freien Lauf laßen . . . . . . . . . . Ah, wißen Sie, was das heißt, diese Absoluzion? Wie sie sich beeilen, in hübsch geschnürten Paketchen ihre Sünden zur Kirche zu tragen und dann mit gewaschnen Händen wieder fortzugehen? . . . . . . Neulich sah ich sie, diese Volks-Maße, in ihrer Verzükung liegen . . . . . . . . . Ich wolte jene Kirche besuchen, um das Kuriosum zu sehen, wo auf der Altar-Freske, die das jüngste Gericht darstelt, Goethe unter den Verdamten wie ein Räudiger winselnd dem Teufel zu Füßen liegt und troz alles Flennens und Jammerns eben eine Gabel nach ihm ausholt, um ihn in die katolische Hölle zu stürzen — ich konte nicht vorkommen — die ganze Kirche gefült mit zukenden, schmazenden Körpern, die wie Säke in den Kirchstühlen lagen — ringsum auf den steinernen Fließen Kinder und Weiber in ängstlichen Grimaßen, als ging’s zum lezten Gericht — da und dort auf den Betpulten ein isolirtes Lichtchen, wie von einer eben aus dem Sarg gekrochenen Seele — vom Empor herunter larmojante, brösliche Gesänge, als hätte man den Leuten Kolofonium in den Hals geblasen — vorne, ganz vorne am Altar, unter einem Zik-Zak von Lichterglanz weiße, ganz weiße hüpfende Kleider — dann wieder goldgestikte, ganz goldgestikte hüpfende Kleider . . . . . . . .

 

Einheimischer.

 

Es sind die Paramente der gerade Amtirenden.

 

Fremder.

 

Sie sagen: es sind die Paramente der gerade Amtirenden. Ich sage, es sind farbige Garderoben: es gibt weiße Garderoben und es gibt violette Garderoben; und es gibt gelbe Garderoben und gibt purprurrote Garderoben; und gibt grasgrüne Garderoben und gibt schwarze Garderoben für den Trauerfall.

 

Einheimischer.

 

Je nach der Zeit des Kirchenjahrs oder für den Fall einer Totenmeße . . . . . . . .

 

Fremder.

 

Je nach der Zeit des Kirchenjahrs, oder für den Fall einer Totenmeße — — ich sage: es sind Frühjahrs-Ausstellungen und sind Herbst-Ausstellungen und sind Sommertoiletten und sind Toiletten für den Trauerfall . . . . . . . . und Odör, halb Oppoponax, halb Klang-Klang, dampft aus blizenden, vergoldeten, geschwungenen Keßelchen, und fült die Köpfe der Damen mit Haschisch, und die Muskeln regen sich zu Derwisch-Strekungen . . . . . . . . Sie sind ein Peßimist! Sie kennen Ihre Stadt nicht! Sie kennen die Orts-Religion nicht! — hören Sie weiter!

 


Einheimischer.

 

. . . . . . . . das Rauchfaß verstreut die Wolken . . . . . . . .

 

Fremder.

 

. . . . . . . . das Rauchfaß verstreut die Wolken . . . . . . . . . . . Kling-kling!: — Rutsch, der ganze Haufe schwarzer Säke stürzt in den Betpulten zusammen und jammert . . . . . . . . . . . . . . . rischteldadibum, rischteldadibum, rischteldadibum . . . . . . . . rödeldö-rödeldörödeldö-rödeldö . . . . . . . . Kling-kling! — nocheimal knikt die schwarze Maße zusammen und die Kirchenstühle ächzen und stöhnen . . . . . . . . rischteldadibum, rischteldadibum, rischteldadibum . . . . . . . . . . . rödeldö-rdeldö-rödeldö-rödeldö . . . . . . . . Kling-kling!: — Jezt komt’s!

 

Einheimischer.

 

Was komt?

 


Fremder.

 

Es komt!

 

Einheimischer.

 

Was komt?

 

Fremder.

 

Enfin, cette chose — comment dit-on? — ce machin . . . . . . . .

 

Einheimischer.

 

Es ist die Wandlung.

 

Fremder.

 

Mit imäginar aufgesperten Mäulern liegen sie drinnen und schluken — und schlürfen den rötlichen Saft, das Blut — und würgen den Broken hinunter, das transzendentale Fleisch, eines vor fast 2000 Jahren justifizirten Gottes — und das blöde Gehirn nimt die Sugestion an, und mukst sich nicht . . . . . . . .

 

Einheimischer.

 

Kein Mensch glaubt ja das mehr!

 

Fremder.

 

Hier liegt es eben!: Kein Mensch glaubt es mehr auf seinen Kopf hin — aber Niemand mukst sich! — Jeder denkt sich: ist’s wahr, ist’s gut! — ist’s nicht wahr, macht’s nix! — Voilà!

 

Einheimischer.

 

Alte Gewohnheiten, die sich fortschleppen . . . . . . . .

 

Fremder.

 

Haha! — und nun sollen Sie sehen — jezt werden die Utensilien eingepakt — das Kritschi-kratschi-Rischteldadi-Kruzifax komt in den Schrank — die Oblaten verschwinden — und die diken, schnappenden Goldfische verschwinden in der Sakristei . . . . . . und nun erheben sich die Tausenden von Säken — jezt sind sie entsündigt: die Mienen sind noch ganz steif — die Augen starren noch schwarz: die Sugestion ist eben erst im Verschwinden — und nun rutscht es hinaus — in das flirrende, helle Tageslicht — in das Licht, wo die Bestien wandeln — halo! Saperlot! — jezt sollen Sie sehen! — jezt wollen sie sich erholen: Wo geh’n mer hin? — Wo gibt’s en Pschorr? — Wo gibt’s a Hofbräuhaus? — Wo gibt’s en Sedelmair? — Wo gibt’s Weißwürst’? — Wo gibt’s en Tanz? — Wo gibt’s a Musik? — Und nun geht’s an! — Das resolute Genießen — mit realen Kinnbaken — bei intaktem Gehirn — das entschloßene Würgen, bis die Keule verschlukt ist — und die Goldfische von vorhin kommen auch — in schwarzen Röken — jezt eßen sie keine Oblaten — tapfer greifen sie ein — — Haha, mon cher, — welches Geschlecht! — Welche Stadt! Welche Stadt! . . . . .

 

Einheimischer.

 

Und das Alles wundert Sie? Das imponirt Ihnen? . . . . . Es sind ganz einfache Menschen, schlichte, ruhige, naive Menschen, ohne allen den embarras, den Sie hineinverlegen, weiche, zarte, mariologische Konstituzionen . . . . . .

 

Fremder.

 

Ich sage Ihnen, es sind Reflex-Menschen — von einer geradezu wunderbaren Sicherheit der Gangart — kein Mensch frägt hier: Warum? — Dies ist nicht die Stadt des Kausal-Nexus — dies ist nicht die Stadt weder der reinen noch der angewanten Vernunft — dies ist die Stadt der eingefahrenen Geleise . . . . . . .

 

Einheimischer.

 

Und das imponirt Ihnen! Ich finde das höchst langweilig. In dieser reichen Dunst-Atmosfäre, auf diesem mariologischen Boden gedeihen die Menschen-Pflanzen allerdings vortrefflich, Beken, Naken, Waden und Busen erreichen eine niegesehne Ueppigkeit — aber das Hirn, mein Herr, die Krone der Pflanze, die Blüte verkümmert, schmilzt ein . . . . . der Siz der Gedanken — der Keim zu Neuem — die Pollenkörner der Idee . . . . . . .

 

Fremder.

 

Was macht’s! Was macht’s? — Aber daß man ein solches Geschlecht fertig bringen konte — mit so sicherer Gangart — mit fest vorgeschriebenen Bahnen — auf dem Pflaster der Wirklichkeit wie in der Metafisik der Seele — welches nie strauchelt — immer sich gleichbleibt — stets sich neugebiert — mit dem Bier des Sedelmaier und der Dogmatik von Rom sich stets frisch und kräftig erhält — sehen Sie diese prächtige Raße — riechen Sie diesen süßen Seelenduft — rühren Sie diese marmelartigen Formen! . . . . . . . . Gehen Sie nach Linz, nach Salzburg, nach Wien — überall, wo die römische Dogmatik und das süffige Bier hingedrungen ist, dieselbe unvergleichliche Raße — mit den leuchtenden Augen, dem seelenvollen Blik, der lammartigen Güte — in Wien ist das Bier etwas heller, prikelnder: dort sind die Busen etwas hüpfender, die Mündchen etwas kirschroter — aber sonst die gleiche, weiche, schwanenduftige, weiblichgeartete, seelenvolle Raße . . . . . .

 


Einheimischer.

 

. . . . . . . . jawohl, die aber bei Königgrätz und bei Kißingen die Waffen wegwarf! . . . . . .

 

Fremder.

 

Ja natürlich — saperlot! — man kann nicht gleichzeitig transzendentales Gift schleken und in der Welt der Wirklichkeit große Taten vollbringen! . . . . . . . .

 

Einheimischer.

 

Trozdem — ist es nicht schlimm? — Dieser Molusken-Standpunkt! — Wenn man aus der Welt der Taten ausscheidet! — Nur noch als Dünger betrachtet wird! . . . . . . . .

 

Fremder.

 

Laßen Sie sich jeden Tag in der Früh meße den Kopf vollsugestioniren — das Gehirn weich machen mit Mirakeln und Glaubensfakta — das Sensorium einschläfern mit Weihrauch und Opoponax — je öfter der Prozeß wiederholt wird, desto leichter wiederholt sich der Schlaf! . . . . . . . . Das ist wie in Konstantinopel: als Preuße komt man hin; als geistiger Eunuch geht man fort! — Den stärksten Kerl ließ Bismarck nie länger als ein Jahr dort kondizioniren . . . . . . . .

 

Einheimischer.

 

Und trozdem loben Sie die Stadt?

 

Fremder.

 

Eh bien — pour regarder — pour s’amuser — auf 8 Tage — zum Bewundern — wie man in ein Treibhaus geht — um die Victoria regia zu sehen — man schwizt, die Pulse klopfen, aber — saperlot! — diese Sinnenwelt, diese . . . . . . . . sehen Sie hier! — diese Kleine! — wie das geht — wie das tript — dieser Gang — diese Wangen — dieses Augenschmeißen — dieses Erröten zur rechten Zeit — diese Aufforderung zum Tanz! . . . . . . . . hehe, was mag die kosten! . . . . .

 


Einheimischer.

 

Um Gotteswillen! — das ist die Gräfin X.

 

Fremder. (stuzt).

 

Ah so! — Eh bien! was ich sagte: sie sind alle so! Sie sind sich alle gleich! Diese Homogenität der Raße! — Hier liegt es. Die Ueberkultur. Die großen, schwellenden Formen. Das Victo ria-Regia-tum, das nur in der Ueberhize gedeiht — wo die saft-grünen Blätter auf Kosten der Blüten gewonnen werden — ist es nicht köstlich? . . . . . . . . .

 

(Einheimischer schüttelt mit dem Kopfe)

 

Fremder.

 

Sie wißen gar nicht, was Sie hier haben. — — Und dann, mon cher, die Hauptsache — haha! — ich glaube, man nent es nie beim eigentlichen Namen — dies gilt für unschiklich — Sie haben, wie der Soldat für den Tornister, zwanzig Benennungen dafür: der Stoff — das Zeug — die Maas — die Kraft — die Halbe — die Ganze — das Quart’l — die Maisch — das Alte — das Neue — das Untergörige — das Obergörige — das Ungespundete — das Gespundete — der Bok — der tote Hund — das Schweißende — das Schwizende — der Haker — der Pschorr — das Hof’ — das Bürgerliche — das Gehopfte — der Salvator — das Märzen — das . . . .

 

Einheimischer.

 

Um Gotteswillen, hören Sie auf.

 

Fremder.

 

Eh bien — das Opium von München — welches Helden zu Kindern und Kinder zu Helden macht — und alle diese Tausende von Hrinen erst für die große Dogmatik des Lebens vorbereitet . . . . . . .

 

Einheimischer.

 

Es ist ein Sumpf, ein Sumpf, ein schreklicher Sumpf.

 


Fremder.

 

Sagen Sie dies nicht! Hier liegt ein großes Prinzip vor. In diesem Fortschwimmen von Generazionen auf der unvergleichlichen, dunklen Brühe liegt eine eminente Lebenskunst. Diese verhopften Gehirne spülen sich über die Abgründe und Fährniße des menschlichen Lebens hinweg — immer fort — Unangenehmes wird vergeßen — Misantropie verstopft — bis in’s Jenseits hinüber: hier liegt eine Kunst, eine Leicht-Lebigkeit . . . . . . . .

 

Einheimischer.

 

. . . . . welche schließlich das Leben als gegenstandlos nimt . . . . . .

 

Fremder.

 

Hier liegt eben die Kunst — für gereifte Völker — das Leben als solches nicht mehr zu spüren — laßen Sie mich!: diese Haschisch-Generazionen sind mir die liebsten: sie zanken nicht mehr, sind politisch trätabel, schwimmen im Entzüken, — sehen Sie diese glänzenden Augen — ihre härtesten Charaktere, ihre demantesten Naturen werden weich und eindrükbar, — selbst ihre Verbrecher haben einen weichen, melancholischen Zug . . . . . . . . nein, laßen Sie mich, dieses Bier jezt hab’ ich’s genant — dieser Bier-Genuß ist eine trefliche Vorkur, eine Vorbedingung für die Aufnahme all’ der verschiedenen Sugestionen, die aus dem Norden kommen, das ganze Volk befindet sich in einem glüklichen, erwartungsvollen Stadium . . . . .

 

Einheimischer.

 

. . . . . bis es schließlich aufgefreßen wird . . . . .

 

Fremder.

 

Peu à peu — das macht nichts! — gewiße Völker sollen aufgefreßen werden — die Griechen mit ihrer Metafisik und Kunst wurden schließlich auch aufgefreßen — und wurden ein Keim im Leben der Völker — wer ging nicht ’nmal gern nach Athen? — um Eleusinische Kulte und Aphroditen-Dienst zu genießen — wer geht nicht ’nmal gern nach München? . . . . . . . .

 

Einheimischer.

 

. . . . . um Bier zu trinken! . . . . .

 

Fremder.

 

Nein, um Gemüt zu schöpfen — um Lebenskunst zu beobachten — um Genießen zu lernen — um den deutschen Doktrinarismus zu vergeßen — sein Gehirn für’n Jahr auszuhopfen . . . . . haha! — sehen Sie, wie sie dort hoken, die Norddeutschen, und dem Schenkkellner auf Wort und Treu glauben — ihn bewundern, wenn er grob wird — und das gehopfte Isarwaßer hinunterspülen, bis die Augäpfel aufleuchten . . . . . nein, nein! — Ihre Stadt ist bewundersnwert — ist eine Notwendigkeit für Deutschland — nur der Astarte-Dienst auf Kypros kann sich damit vergleichen.

 

Einheimischer.

 

Ein Magen- und Schlund-Dienst, bei dem schließlich die Funkzionen von Darm und Nieren die Hauptsache bilden.

 

Fremder.

 

Die ganze Welt strömt hieher — nur um dieses Volk eßen und trinken zu sehen. Welche Lust! — Man bekomt Apetit — Man greift selbst zu — läßt sich auf diesen ungehobelten Bänken nieder — man ißt, trinkt, schlempt und schlampampt — eh’ man sich’s versieht, ist man vermünchnert — hört das fette Herz klopfen — fühlt die Augäpfel sich herausdrehen — und fünf Minuten später frägt Einen ein junger angekommener Fremder mit der Note der Sicherheit: Sie können mir gewiß sagen, wo hier der Weg zum Hofbräu geht?

 

Einheimischer.

 

Ja, ja, — der große barbarische Zug unterjocht die Leute.

 

Fremder.

 

He! Nehmen Sie gerade die jezige Zeit, nehmen Sie Ostern: kein Fest läßt diese Bevölkerung vorbeigehen, ohne ihre Därme, ihren Schnappsak dran zu knüpfen: alle Schaufenster liegen voll von ungeheuren Quantitäten Wurstwaaren, diken und dünnen, rötlich gefärbten und bläulich durchscheinenden, Sulzen und Eingemachtes, auf Platten und in Vasen, Gepökeltes und Geselchtes, Spekseiten und Schinken, Alles umkränzt und bemalt mit den Oster-simbolen. Schnittwaaren-Lager und Schuh-Magazine werden für die wenigen Tage schleunigst in Scharkutjee-Läden umgewandelt und überall drängt sich die koloßal fettige, hautüberzogene, spekige, ranzige Maße. Ganze Schweine von Spek und Schelatine, mit Rosen umkränzt, erscheinen hinter den Glasfenstern der Läden, in deren Hintergrund man die zentner-busigen Scharkutjees-Gattinnen keuchend ihren Dienst verrichten sieht. Und jede Fleischfaser und jedes Spekwürfelchen, jeder Schinken und jedes Rippenstük war auf dem Altar in der Hochkirche gelegen und ist vom Erzbischof geweiht und besprengt worden. Hier ist die Verbindung mit der Kirche gewonnen und damit ist für dieses prächtignaive Volk das Recht zum Zulangen, das Recht auf Gabel und Meßer gegeben. Jeder noch so einfache und bescheidene Mensch will an diesem Tag ein Stük Schweinernes zwischen den Zähnen haben. Das Schwein steigt in diesen Tagen der Auferstehung Christi zu einem wahrhaft herkulischen Simbol empor und fegt, wie ehemals die goldborstige Wildsau der alten Germanen, grunzend und Fettspuren zurüklaßend, durch die dike Luft Münchens und durch die Herzen ihrer Bewohner. Was sagen Sie dazu? — Ist das nicht prächtig? — Kein anderes Volk hat so die Gabe, Himlisches und Irdisches, wie der Dichter sagt, miteinander zu verweben . . . .

 

Einheimischer.

 

Nur wieder eine neue Gelegenheit zum Freßen.

 

Fremder.

 

Freilich, freilich, aber was macht’s? — Hier liegt die Gesundheit, die Frische, das Zugreifen, das sichere Instinkt . . . . .

 


Einheimischer.

 

. . . . . . daß nach dem koloßalen Genuß von solchen Fettigkeiten sich ein enormer Durst einstellen wird.

 

Fremder.

 

Mag sein, mag sein — daß das tief in ihrem Unterbewußtsein verborgen liegen mag — aber das gehört zu jenen sicheren Instinkten, die ein Volk zu dem ihm allein Nüzlichen und Notwendigen führt. — Und dann nehmen Sie die, ich weiß nicht, soll ich sagen: dogmatische Kühnheit der Verbindung des Totes des Erlösers mit dem Scharkutjee-Gewerbe. Erst hat man die Leiche Jesu — das ist noch der Charfreitag — man nimt sie simbolisch als Lamm Gottes, das weiße, aber blutüberströmte Lamm; dieses Lamm nimt man und stelt es aus Schweinefett gegoßen mit Rosen umkränzt in’s Schaufenster — jezt ist es noch Ostersimbol, und noch könte Alles in den Gränzen der Schiklichkeit bleiben — aber mit dem Fett hat man — optisch, oder gedanklich, oder vielmehr: durch den süßen Geschmak — die Verbindung zum Schwein gewonnen, und nun stürzt diese koloßale Menge von Schinken und Rippenstüken, Sulzen und Spekseiten in die Kirche hinein. Aus dem süßen Osterlämmchen ist das zentnerschwere Schwein geworden. Aus der schmerzhaften Charfreitags-Leiche das fürchterliche, grunzende Tier, welches man aufißt. Ist es nicht enorm? Diese Wandlung vom Freitag zum Samstag. Nur ein so riesig gesundes Volk, wie Sie es in Ihrer Stadt haben, kann sich eine solche kühne Dogmatik erlauben, ohne daß es ihm das Gehirn zerreißt. Mit dem Ruf: Resurrexit: Er ist auferstanden! sezt sich das Volk hin und verzehrt koloßale Maßen von Grieven und Spek. Irgend ein Münchener — ein Bischof oder ein Scharkutjee — muß die Verbindung auf diese Weise einmal hergestelt haben. Die Sitte ist rein Münchnerisch, Süddeutsch, nicht allgemein Katolisch . . . . .

 

Einheimischer.

 

Da haben Sie wieder, was ich Ihnen sagte: bei diesem Volk ist Alles Darmarbeit und Nierenfunkzion.

 

Fremder.

 

Oder stamt die kaum verständliche Sitte aus dem Mittelalter, wie mir ein anderer Erklärer versicherte? Daß sie sich, um die Juden zu ärgern, die Jesum an’s Kreuz geschlagen hatten, und die bekantlich aus rituellen Gründen kein Schweinefleisch genießen, gerade um die Zeit, da Christus wieder lebendig geworden, sich hinsezten und Schweinefleisch in allen Dimensionen und Zubereitungsarten verzehrten, in der Meinung, je mehr sie zu sich nähmen, um so mehr ärgerten sie die in ihren Ghettos still versammelten Juden, und um so größer sei das Verdienst, welches sie sich erwürben, und das »Opfer«, welches sie darbrächten, und um so größer die Freude, die sie ihrem Gott machten — und ist dies der Sachverhalt, wodurch die Münchener erst zu diesem enormen Leibesumfang gekommen sind, deßen sie sich allenthalben in ihren beßeren Exemplaren rühmen . . . .

 

Einheimischer.

 

Eine etwas ranzige Ausrede!

 

Fremder.

 

Oder ist es die Erinnerung an das Eßen von Leichenteilen, welches sie tagtäglich bei ihren Priestern in der Kirche beobachten, und welches die Ursache sein soll, weßhalb sie diese lezteren mit so großer Ehrfurcht, sozusagen als Gott, betrachten — welches bei ihnen, bei diesem resoluten Volk, den Kizel erwekt hat — ich weiß nicht, ob Sie mir dies nachdenken können — nun auch seinerseits einmal, wie soll ich sagen?: travestirte Leichenteile in Form von simbolisirten ham, porc, Schinken, Spek — kommen Sie nach? — sich zwischen die Zähne zu steken, um einmal zu sehen, wie das Ding eigentlich schmekt? — Wie? Was? Was sagen Sie? Haben Sie’s erfaßt? — Ist es nicht koloßal? — Ich meine nur . . . . . . . .

 

Einheimischer.

 

Um Gotteswillen! — Um Gotteswillen, wo kommen Sie hin?!

 


Fremder.

 

Ich meine nur! — Verstehn Sie wohl! — Bei diesem Volk — aus purer Genußsucht — nicht aus sakrilegischem Bedürfnis — o Gott nein! — die täten keiner Fliege ’was zu leid, wenn sie wüßten, daß sie heilig wäre — nein, aus Kinnbakenbedürfnis — rein, um zu Zermalmen — um zu verzehren — heute »Tristan und Isolde«, morgen »Bokpartie«, übermorgen »Kunstausstellung von Nuditäten«, dann Osterfest mit simbolischem Schinkenfleisch, dann »Salvator auf dem Nokherberg«, Redouten mit wallenden Busen und Sekt-Schmeißerei, dann wieder Entsündigung: Fasten, d.h. Fasten-Eßen, Responsorien von Scarlatti, — Stabat mater von Palästrina und dann Rendez-vous in der Konditorei — verstehen Sie? — so mein’ ich’s! — Alles nebeneinander — Alles zu seiner Zeit — aber Alles! — nicht das Eine nicht, das Andere doch, — sondern Alles! — Verschlingen — genau wie in ihrer Kunst: e Bisl Makart, und e Bisl Max und e Bisl Mistik und e Bisl Du-Prel — aber auch etwas Uhde und etwas Pietismus — und von Allem Uebrigen Andern auch noch recht Viel . . . . . verstehen Sie? — so mein ich’s! — Ist’s nicht koloßal? —

 

Einheimischer.

 

Das reine Sodom und Gomorrha . . . . .

 

Fremder.

 

Nein, sagen Sie das nicht! — Um Gotteswillen! — Sie beleidigen! Sie sind ein Peßimist. Peßimist sein heißt denken. Sie sind der einzige Peßimist, den ich in dieser Stadt getroffen habe. Sie müßen die Sache von der Gefühlsseite nehmen. Sonst erfaßen Sie Ihre Landsleute nicht . . . . .

 

Einheimischer.

 

Und das ist ein Gegenstand Ihrer Bewunderung?

 

Fremder.

 

Ja, mein Gott, weil es einzig ist. Es ge hört eben Alles zusammen. So etwas treffen Sie nicht wieder. Nehmen Sie Alles in Einem. Bliken Sie um sich. Schauen Sie sich die Häuser an. Betrachten Sie diese Architektur. Ist es nicht auch hier der gleiche in’s Gigantische, Klobige, Breitschultrige, Hüften-Ausladende gehende Stil, der uns zeigt, daß dieses Volk Zähne hat, die keinen Spaß verstehen, und Kinnbaken, die auf jede Sorte von Nahrung eingerichtet sind. Sehen Sie diese Waden-Säulen, dieses vorgekröpfte Gebälk, dem jeder Hemdkragen zu eng, diese Busen-ausladenden Erker, die dann wieder zurükweichenden Giebel, diese geschlizten, kleinen Fenster, Alles Hüften-, Beken-, Knochen- und Empfangs-Arbeit, ein Zeichen, daß bei diesem Volk der Schwerpunkt in der Aufnahmefähigkeit, in der Verdauung liegt. Jedes Haus ein schwankender Münchner. Jeder Münchner eine granitne Balustrade . . . . . Laßen Sie mich, dieses Volk ist nicht zum Umbringen.

 

Einheimischer.

 

Wenn nur ein großer Rutsch aus dem Norden hereinbräche, eine kaltsinnige, fischartige, protestantische Einwanderung statthätte, um diese versumpfte, romanische, mariologische Bevölkerung aufzufrischen, um diesen Jesuitenstil umzubiegen, die allzu lauen Herzen kräftiger schlagen zu laßen . . . . .

 

Fremder.

 

Das hilft Nichts. Das fand schon unter Ihrem König Max statt. Abgesehen davon, daß die Stok-Münchener dafür ihren König fast vergifteten, wurden die Ankömlinge bald überwältigt, zahm, matsch — das liegt hier in der Luft — der genius loci heißt hier: Quietismus, In-Sich-Selbst-Versenkung, eine Art oberbairischer Buddhismus, wie ihn die Bauern von Feldmoching ausgebrütet haben — hier unterliegt Alles, Friese, Pommer, Däne; nach einem Viertel Jahr sind sie bojfizirt; eine Verzückung ergreift sie, die Augäpfel treten heraus, werden leuchtend, die Herzmuskelfaser wird zart und biegsam, sie begreifen nicht, wie man Norddeutscher sein kann . . . . . nein, nein, laßen Sie diese Stadt, dieses Eldorado der sinlichen Büßer, dieses Capua der Gefühle; ein Gretna-Green muß es in Deutschland geben, wo man, entfernt von den Kämpfen abendländischer Geister, sich mit dem All, dem Brahma des Hopfen-Himmels, dem lallenden Gebetszustand nach oberbairischer Vorstellung sich vereinigen kann. Diese Seligkeit ist . . . .

 

Einheimischer (zornig).

 

Wenn nur ein Feuermeer dieses Phäaken-Nest vom Boden vertilgte oder eine Salzflut dieses Sodom mit seinen schwankenden Gestalten zu Stein erstarren ließe! . . . . .

 

Fremder.

 

Pfui! — Wie kann man so Etwas sagen! — Pfui! Welche Lebens-Verachtung. Nein, Sie sind kein Münchner! Sie sind Ihrer Stadt nicht wert! Kein Glas Bier soll Ihnen mehr schmeken, keine Hure Sie anfunkeln! . . . . . Sie sind ein Peßimist, ein Waßertrinker, ein Pietist, ein Norddeutscher, Sie denken mir zuviel! . . . . Kommen Sie, rasch noch eine Maas . . . . . Welche Stadt! Welche Stadt! —

 





IV.

 

Ueber die Dreieinigkeit

 

zwischen einem Ateïsten und einem

Staatsanwalt

 

 


Vierter Dialog.

 

 

Ateïst.

 

Nun, das Schlimmste scheint jezt vorbei zu sein. Die Völker können wieder aufatmen.

 

Staatsanwalt.

 

Wieso? — Welches Schlimmste? — Wer will wieder aufatmen? — Von’ was reden Sie? —

 

Ateïst.

 

Ich meine, man hat sich geeinigt, das schwerste Joch von dem Naken der armen Deutschen zu nehmen, ein Joch, unter dem sie, bei der gedrükten Haltung, schließlich nichts Anderes tun konten, als zu lachen und schlechte Wize zu machen.

 

Staatsanwalt.

 

Und diese Leute wollen Sie auch noch aufatmen laßen?

 

Ateïst.

 

Sie verwechseln Ursache und Wirkung: Sobald sie sich erheben können, werden sie ernst; sie lachen und höhnen, weil ihnen in dieser Situazion nichts anderes übrig bleibt.

 

Staatsanwalt.

 

Reden Sie um Gotteswillen! Um was handelt es sich? Planen Sie einen Umsturz der bestehenden Gesellschafts-Haltung — ich meine: ein gewaltsames Aufrichten der . . . . . Das heißt also: eine Aenderung der Bürger-Haltung?

 

Ateïst.

 

Haben Sie nicht davon gehört?: es stehen bedeutsame Veränderungen in der Zusammensezung der Dreieinigkeit unmittelbar bevor.

 

Staatsanwalt.

 

Was soll das heißen? — Wir können das nicht brauchen! — Das gibt wieder einen Haufen von Büro-Schreibereien . . . . . . Wir haben sowieso übergenug zu tun . . . . . . . . wir beschäftigen jezt schon einige Hundert über-etatmäßige, unbesoldete Aßeßoren . . . . . . . .

 

Ateïst.

 

Es ging eben nicht mehr; die Leute lachen . . . . .

 

Staatsanwalt.

 

Es ging ganz gut; wir vertreiben ihnen schon das Lachen . . . . .

 

Ateïst.

 

Eine bestimte Fikzion läßt sich eben über eine Reihe von hundert Jahren nicht aufrecht erhalten. Schließlich komt Einer und plazt hinaus . . . . . oder Einer läßt die Maske zufällig fallen, und — nun laßen sie sie Alle auf einmal fallen — Alles lacht hinaus, und es zeigt sich, daß nur Einer auf den Andern wartete.

 


Staatsanwalt.

 

Nun, wo geht’s hinaus?

 

Ateïst.

 

Man will an den »Drei« eine Aenderung vornehmen.

 

Staatsanwalt.

 

Diese brutalen Neuerungen . . . . . wir können das nicht mehr bewältigen . . . . . . . . die Sache ging bisher so glatt: wir hatten drei Personen aber nur ein Delikt! was auch Einer gesagt oder blasfemirt hatte: Alles endigte in der Einen Spize; weil die Drei Eins waren. Wir können doch nicht drei Faszikel anlegen; das gibt wieder endlose Schreibereien . . . . . wer hat nur wieder diesen Unsinn aufgebracht?

 

Ateïst.

 

Man hat sich geeinigt. Es ging wirklich nicht mehr.

 

Staatsanwalt.

 

Nun, und wie heißt die Bescheerung?

 

Ateïst.

 

Man will also den heiligen Geist fallen laßen.

 

Staatsanwalt.

 

Um Gotteswillen, wo kommen wir hin? Das geht nicht. Der §. 166 ist ungeteilt. Wir stüzen uns auf das Athanasianische Glaubensbekentnis: drei Personen aber ein Paragraf. Wo kommen wir hin? Ich bitte Sie! Wir können den heiligen Geist nicht als Einzelform gebrauchen.

 

Ateïst.

 

Sie sollen ihn nicht haben. Er wird Ihnen nichts zu tun geben.

 

Staatsanwalt.

 

Ja, aber was wird denn dann aus diesem separirten Gott?

 

Ateïst.

 

Er verduftet! — das heißt: er wird eliminirt; ich meine: er wird auf dialektischem Wege beseitigt.

 

Staatsanwalt (ringt die Hände).

 

Das geht doch nicht! — Das geht doch nicht! — Sie können doch nicht einen Gott aus einem Paragraf hinauswerfen . . . . . was soll denn an deßen Stelle treten?

 

Ateïst.

 

Aeh . . . . . man äh . . . . . will sich auf den guten Geist des Volkes stüzen . . . .

 

Staatsanwalt (wie oben).

 

Den gibt es ja nicht! — Damit können wir ja praktisch gar nichts anfangen! — Das ist ja ein ganz nebuloser, abstrakter Begriff! — Auf den kann man ja nicht ’nmal ’ne Anklage stüzen, geschweige ein Urteil formuliren!

 

Ateïst.

 

Das soll auch nicht geschehen. Es ist nur eine Art qui pro quo. Um dem Volke das Eine, den transzendentalen Geist, nicht allzu rasch zu nehmen, verweist man es auf den guten Geist, auf die gute Gesinnung, die im Menschen stekt, auf den Geist der Nazion u.s.w. —

 

Staatsanwalt.

 

Ich weiß nicht, wo das hinaus soll. Ich weiß nicht, wie wir da praktisch fertig werden wollen. Das gibt ja eine fürchterliche Unordnung! — — Das ist der große, schöne Zug, den ich am Christentum so bewunderte, es war so juristisch gedacht, es war direkt kriminalistisch so brauchbar, man formulirte Eine Anklage — mein Gott! wir haben doch ein monoteistisches Religionssistem! — man formulirte Eine Anklage, was auch der Betreffende gesagt haben mochte, man warf ihm die Gotteslästerungs-Anklage in’s Gesicht, er erbleichte, und man hatte dann seinen Mann — war’s nun ein Profe ßor, der sich auf der Rednerbühne hatte gehen lassen, oder ein Bauernflegel, der sein Maul hinter’m Bierglas überfließen ließ — man hatte seinen Mann, und er hatte seine 6-8 Monat oder ein Jahr weg, und Alle, Richter, Gerichtsschreiber, Akzeßisten, waren so zufrieden . . . . Was machen Sie mir für eine Unordnung?! — Einen Gott aus einem deutschen Reichsgesez-Paragraf hinauswerfen! . . . . .

 

Ateïst.

 

Es ist ja kein Gott.

 

Staatsanwalt.

 

Kein Gott? — Wie so?

 

Ateïst.

 

Es ist nur ein Person.

 

Staatsanwalt.

 

Eine Person?

 


Ateïst.

 

Ein Gott, aber drei Personen in der Gottheit.

 

Staatsanwalt.

 

Also ein Drittels-Gott; das gilt uns gleich; wenn nur: ein Paragraf.

 

Ateïst.

 

Eben nicht! Eben nicht! — Es gibt keinen Drittels-Gott! — Hier liegt es eben. Die Leute hielten sich an die Dreiheit, an die drei Personen, an die drei Götter. Es ist die Geschichte von den Antropomorfismen.

 

Staatsanwalt.

 

Was heißt das?

 

Ateïst.

 

Es ist die Geschichte von den Hosen.

 


Staatsanwalt.

 

Von was für Hosen reden Sie?

 

Ateïst.

 

Die Leute fingen an, ihre Götter anzuziehen, d. h.: sie anzukleiden, in Hosen zu steken. Kleider, Jaken, Schuhe, Pelzkappen, ganze Garderoben kamen zum Vorschein.

 

Staatsanwalt.

 

Um Gotteswillen!

 

Ateïst.

 

Ja, Sie sagen: Um Gotteswillen. Man weiß wirklich nicht, wie man da sagen soll. Und das Schlimmste war: sie konten die Trinität nicht festhalten; die Drei-Einigkeit; es scheint, es war gegen die Einrichtung der menschlichen Psiche. Die Fantasie verarbeitete das kleine Problem in ihrer Weise: Die Leute hatten von drei göttlichen Personen gehört, aber von einem Gott; und machten nun drei Götter daraus und zogen sie an. Man nent das Antropomorfismus, Vermenschlichung.

 

Staatsanwalt (besint sich).

 

Der Fall ist nicht vorgesehen. Soweit ist die Sache nicht strafbar.

 

Ateïst.

 

Entsezliche Dinge sind zum Vorschein gekommen!

 

Staatsanwalt.

 

Was Sie nicht sagen!

 

Ateïst.

 

Beim Konfirmazions-Unterricht hat sich herausgestellt, daß die Konfirmantinnen — nur im geheimsten Flüstergespräch war es zu erlauschen — sich den heiligen Geist männlich dachten . . . . .

 


Staatsanwalt.

 

Ach!

 

Ateïst.

 

Ja, und in Hosen.

 

Staatsanwalt.

 

Um Gotteswillen!

 

Ateïst.

 

Umgekehrt bei den Knaben schien eine weibliche Figur die Vorstellung zu beherrschen: der heilige Geist in ganz leichter Umhüllung.

 

Staatsanwalt.

 

Entsezlich!

 

Ateïst.

 

Man brachte es nicht gleich heraus, was die Knaben darauf geführt haben konte.

 

Staatsanwalt.

 

Wahrscheinlich irgend ein verdorbenes Fantasie-Produkt.

 

Ateïst.

 

Nein, es war die Pallas Athene von der Schloßbrüke in Berlin.

 

Staatsanwalt.

 

Ist das konstatirt?

 

Ateïst.

 

Es ist konstatirt. Die Sache machte psichologisch das koloßalste Aufsehen. Und man will jezt damit aufräumen.

 

Staatsanwalt.

 

Womit? Mit den Brükenfiguren?

 


Ateïst.

 

Nein, mit der Trinität. Mit den Antropomorfismen.

 

Staatsanwalt.

 

Da haben wir’s wieder! Das geht nicht! Wir müßen den Paragraf in seiner Einheit festhalten.

 

Ateïst.

 

Die Psiche weigert sich. Wir haben die Fantasie unserer jungen Leute . . . . .

 

Staatsanwalt.

 

Das ist ganz gleich. Wenn die Einheit des §. 166 fält, dann rumpelt das Andere nach.

 

Ateïst.

 

Dann rumpelt das Andere nach. Die Oberkonsistorial-Behörde hat sich aber selbst dafür ausgesprochen.

 

Staatsanwalt.

 

Für was?

 

Ateïst.

 

Für eine Regenerazion der Trinität, für eine . . .

 

Staatsanwalt.

 

Daß Sie sich nicht scheuen, ein solches Wort zu gebrauchen! Ueberlegen Sie doch um Gotteswillen, was Sie sagen! Sie springen ja mit Worten um, als ob . . . . . . . . eines der Fundamente des Staates wollen Sie mit einem Hauch Ihres Mundes anihiliren! Sie sind ja schlimmer wie Hegel!

 

Ateïst.

 

Daß ich es gleich sage: ich bin da zufällig auf ein glükliches Wort gestoßen; das Wort gefält mir: Regenerazion der Trinität: es handelt sich um eine wahrhafte Wiedergeburt . . . . . . . .

 

Staatsanwalt.

 

Was soll denn wiedergeboren werden?

 

Ateïst.

 

Die Fantasie unserer Kinder; die jungen Leute sollen wieder klar sehen; sie sollen frei umherschauen können, sollen Apollon und Aphrodite mit heller Freude betrachten können, ohne sie als Musterkarte zu nehmen, ohne an ihre Katechismus-Figuren zu denken, ohne den Himmel mit Hypostasieen zu bevölkern, die Hosen und Jaken tragen. Die Schönheit sollen sie in der Natur sehen und die Religion im Herzen tragen . . . . .

 

Staatsanwalt.

 

Sie reden ja wie ein Pietist. Was sollen sie für eine Religion im Herzen tragen? Den heiligen Geist haben Sie schon zerstört . . . . . .

 


Ateïst.

 

Als Taube zerstört. — Als Pallas Athene! — Als idealen Töchterinstitutslehrer mit ausgefranzten Hosen und blondem Vollbart! — Der heilige Geist ist keine Taube, ist keine Pallas, ist kein Institutslehrer mit M. 900 Gehalt.

 

Staatsanwalt.

 

Was ist denn der heilige Geist?

 

Ateïst.

 

Der heilige Geist ist unsere Gesinnung. Es ist unser Woltun und Mitteilen. Ist unser Erbarmen, unser Mitleid. Ist unsere Sprache im Reichstag und vor dem König. Ist unser heiliges Widerstreben und unsere Oposizion. Ist unsere Vaterlandsliebe, unsere Entsagung; unsere Uneigennüzigkeit und unser Bürgersinn . . . . . gegen den braucht es keinen §. 166; den kann man nicht beleidigen; für den braucht es keine Figur, weder eine Nudität noch einen Vogel.

 

Staatsanwalt.

 

Gehen Sie! Sie reden wie der Herwegh.

 

Ateïst.

 

Wir sind noch nicht fertig! Wir wollen auch die zweite Figur zertrümmern!

 

Staatsanwalt.

 

Welche zweite Figur?

 

Ateïst.

 

Den Herr Gott.

 

Staatsanwalt.

 

Den Herr Gott! Und das Gewißen schlägt Ihnen nicht?

 

Ateïst.

 

Nein!

 

Staatsanwalt.

 

Ist denn das nicht die ehrwürdige Figur, die seit fast 2000 Jahren unser Denken beherrscht, gütig und voll Hoheit zugleich, mit jenem erbarmungsvollen Blik . . . . .

 

Ateïst.

 

Sie denken an das Mosaik in Ravenna. Es ist jezt wieder hergestellt. Der alte Goldgrund ist prächtig geworden. Aber die Deutschen haben sich nie an das Bild gehalten.

 

Staatsanwalt.

 

An das Bild . . . . . ist denn die ehrwürdige Gestalt nicht uns Allen gemeinsam?

 

Ateïst.

 

Nein, in Deutschland ist es meist der alte Oberförster im grauen Vollbart, der in einer Michelangelo’schen Draperie immer »durch den Wald geht«, und pensiv mit dem Zeigefinger auf seine Stirne verweist . . .

 

Staatsanwalt.

 

Sie freveln. Wer sagt Ihnen das?

 

Ateïst.

 

Man hat es herausbekommen. Eine Zweigabteilung der Londoner »society for psychical research« hat in Deutschland 500 Schulkinder ausgefragt, und immer kam der alte Oberförster heraus . . . . .

 

Staatsanwalt (wankt zurük).

 

Das ist frevelhaft. Ich weiß nicht, ob der Fall vorgesehen ist . . . . (besint sich) im Moment kann ich nicht sagen, unter welchen Paragraf dieser kriminelle Akt subsumirt werden kann — und das paßirt mir selten — in jedem Fall muß eine Kinderschuz-Gesezgebung inaugurirt werden . . . . . . . . das ist ja die reinste Kinder-Vivisekzion! . . . . .

 


Ateïst.

 

Ja, man wolte wißen, wie es in den jungen Köpfen ausschaut.

 

Staatsanwalt.

 

Und Sie fürchten sich nicht vor dem Zorn des allmächtigen Gottes?

 

Ateïst.

 

Ich bin gegenwärtig Sprecher einer freireligiösen Gemeinde, und konte mich leider an den Studien nicht beteiligen; den Winter über habe ich meist Versammlungen zu leiten und den Nachmittags-Unterricht an Kinder zu erteilen, gegen das Frühjahr zu werde ich meist verhaftet.

 

Staatsanwalt.

 

Aber erwägen Sie doch das Ungeheuerliche! — Sie scheinen ja sonst ein ehrlicher Mensch zu sein — erwägen Sie doch das Ungeheuerliche, eine Staatsordnung zerstören zu wollen, den Grund, auf dem unser Königtum wie die Gesellschaft ruhen, den Handgriff des Justizministers wie die Anklagemöglichkeit des Staatsanwalts, die Salbungsordnung des höchsten Adels wie den Ritterschlag des Johaniter-Ordens, die Mauer der Generalsuperintendenten wie die Zufluchtsstätte der Diakonißinnen . . . . . das, worauf unsere Dome ruhen, dieses granitne Fundament wollen Sie zerstören . . . . .

 

Ateïst.

 

Gedanken sind stärker wie granit’ne Fundamente; wir wollen . . . . .

 

Staatsanwalt.

 

Sie sind ein Barbar! Gott haben Sie gelästert, den heiligen Geist haben Sie zu einem Strohwisch degradirt, wollen Sie sich auch an dem Heiligsten vergreifen, an Ihm, der kein Begriff, oder etwa nur eine Vorstellung war, wofür Sie das Göttliche halten, sondern der auf Erden gewandelt ist, an Jesum Christum, der die Dornenkrone getragen hat?

 

Ateïst.

 

Wir haben persönlich nichts gegen die Dornenkrone. Jeder fühlt die Stacheln in seinem Leib. Und wer — hören Sie! — seine höchsten und heiligsten Gedanken an Stelle des Alt-Hergebrachten sezen will, wer seinen Kopf um Alles in der Welt durchsezen will, wird — hören Sie! — mehr leiden müßen, als Irgend ein Anderer, der im 2000-jährigen Geleise bleibt — ja, wird den Tot erleiden müßen und die Dornenkrone tragen müßen . . . . .

 

Staatsanwalt.

 

. . . . . Er, der sein Blut für uns vergoßen, der sein Leben auf der Schlachtbank für uns dahin gegeben hat.

 

Ateïst.

 

Ja, da kommen wir schon wieder auseinander!: Kein Mensch kann sein Blut für mich hingeben, wenn ich nicht mag. Ich kann mit dem Blut von keinem Menschen Etwas anfangen, für den, oder für deßen Blut, ich kein Intereße habe.

 

Staatsanwalt.

 

Was, Sie leugnen den Versöhnungstot Christi, die Lehre von der Erlösung durch das auf Golgatha vergoßene Blut?

 

Ateïst.

 

Ich halte das ganze Christentum für ein Blut-Ritual, für ein hundertmal schlimmeres und wahrhaftigeres als das angebliche Blutritual der Juden . . . . .

 

Staatsanwalt.

 

Und der Erdboden verschlingt Sie nicht?

 

Ateïst.

 

Nein! Laßen Sie sich eine Geschichte erzählen.

 


Staatsanwalt.

 

Und Sie atmen noch im Christlichen Staat?

 

Ateïst.

 

Ja, laßen Sie sich eine Geschichte erzählen.

 

Staatsanwalt.

 

Eine anständige, wenn ich bitten darf.

 

Ateïst.

 

Vor mehreren Jahren lernte ich einen jungen Mann kennen, in jeder Hinsicht ein prächtiger Bursch, blond, gesund, offen, heiter, tüchtig, gebildet, ein in jeder Hinsicht klarer Kopf, dabei in seinem Gemüt kindlich, weichherzig, vornehm, sauber, in der Sprache Etwas Berükendes, Ueberzeugendes, Für-sich-Einnehmendes — nur, daß er sich zufällig für den deutschen Kaiser hielt . . . . .

 


Staatsanwalt.

 

Hoz Donnerwetter! Was soll das heißen?

 

Ateïst.

 

Notabene: ohne daß er es zufällig war . . . . .

 

Staatsanwalt.

 

Ja natürlich selbverständlich.

 

Ateïst.

 

Und der sich wegen dieser einzigen Idee im Irrenhaus befand.

 

Staatsanwalt.

 

Selbstredend, ganz außer allem Zweifel.

 

Ateïst.

 

Dort hielt er sich ruhig, geordnet, war flei ßig, sittsam, freundlich, ein guter Beobachter, der die Krankheiten seiner Mitinsaßen wohl erkante, über sich selbst ebenfalls ganz klar, der den Aerzten gegenüber nur von dem unberechenbaren Zwang seiner einzigen Ueberzeugung sprach — ich höre ihn heute noch, wenn er mit seiner aufrichtigen Stimme, wenn man Gäste durchführte und ihm seinen Wahn hervorlokte, ruhig sagte: ’Ich kann’s nicht anders sagen, als: ich bin der deutsche Kaiser!’ — der den Widerspruch seiner Kaiser-Idee zu seinem Aufenthaltsort klar erfaßte, und doch unverrükbar dabei stehen blieb.

 

Staatsanwalt.

 

Ein intereßanter Fall, ein sehr intereßanter Fall.

 

Ateïst.

 

Nun sehen Sie, Ihr Jesus Christus, das war auch so ein ›deutscher Kaiser‹.

 

Staatsanwalt.

 

Um Gotteswillen, wo kommen Sie hin?

 

Ateïst.

 

Natürlich nante er sich ’König der Juden’. Es ist genau der gleiche Tipus. Nur hatte dieser Galiläer sich nebenbei ein entzükendes etisches Sistem ausgebildet. Und das kam bei dieser Gelegenheit — bei seinem Konflikt mit der Staatsbehörde — zum Vorschein. Und das war eigentlich der Kern von der Nuß.

 

Staatsanwalt.

 

Sie lästern — das sind zwei Jahre — §. 166 — erschwerende Umstände.

 

Ateïst.

 

Auch der junge Mann, von dem ich oben sprach, hatte immer die Neigung, in kleinen, süßen, die Welt mit Liebe umfaßenden, Lebensregeln sich zu ergehen. Schon die ganze Erscheinung war eine Herzlichkeit. Wenn er nur nicht, ›deutscher Kaiser‹ hätte sein wollen.

 


Staatsanwalt.

 

Hierin lag ja eben die Krankheit.

 

Ateïst.

 

Nein, sehen Sie gerade diese harmlosen, gutmütigen, kindlichen, unschuldigen Menschen sind es, aus denen der Wahn wie ein Dämon, man weiß nicht woher, hervorbricht. Mit ’Krankheit’ kommen Sie hier nicht aus. Sie müßen den Begriff weiter nehmen. Das Merkwürdigste ist, daß solche Menschen, weit entfernt, sich von Andern korrigiren zu laßen, durch ihre Hartnäkigkeit — oder gar wenn die Dornenkrone hinzukomt — Andere zu sich bekehren, so daß es den Eindruk macht, die in ihnen wirkende geistige Potenz habe durch ihre Mächtigkeit die Anderen, Schwächeren sich unterworfen und zu Werkzeugen herangebildet.

 

Staatsanwalt.

 

Aber ich bitte Sie, Christus war doch Gott, und Ihr junger Mann ein Narr.

 

Ateïst.

 

Ja, wir haben ihn zum Gott gemacht, wir können ihn auch wieder entgotten; können ihn wieder zum jungen, kranken, einfachen Menschen machen, zum Monomanen, wie jenen jungen Mann, und sein Bestes, seine Morallehre, für uns behalten: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst! Alles komt auf uns an. Wenn Sie und ich wollen ist Er entgottet. Das ist ein Prozeß, der sich in uns vollzieht. Und wir sind die höchste Instanz. In Berlin warten eine Milljon Menschen auf diesen Prozeß.

 

Staatsanwalt.

 

Gott ist doch das Absolute. Und Sie erinnern sich doch der Taube — über dem Jordan — die sich auf ihn herabsenkte . . . . . .

 

Ateïst.

 

Ja, daß heißt, der jüdische Staat ging damals mit Jesus genau so um, wie der moderne Staat mit dem jungen Mann, der sich für den deutschen Kaiser hielt. Nur gab es damals keine Irrenhäuser. Also wurde Jesus unter irgend einen Paragraf — diese Dinge sind Ihnen geläufig — eingeschachtelt, und als politischer Verbrecher hingerichtet. Uebrigens kante man damals Geisteskrankheiten ganz genau, und seine ganze Verwantschaft hielt ihn für geisteskrank. Wenn Sie die 3 ersten Evangelien mit kritischem Blik zu lesen im Stande sind und von den ewigen und unausstehlichen Euphuismen und Floskeln der damaligen griechischen Biografen-Schreiber absehen, auch die in ihrer Regelmäßigkeit geradezu belustigenden Interkalazionen: ›dies geschah aber, damit erfüllet würde, was der Profet sagt‹ als willkürliche Zutaten in Abzug bringen — die protestantische Teologie ist seit mehr denn einem Jahrhundert mit dieser Analise beschäftigt — dann erkennen Sie den Vorgang deutlich in seiner politisch-bürokratischen Abwiklung. Sie sehen die Familie, die Mutter, die Brüder, die hinter dem armen Gefolterten dreinlaufen und die neugierige Menge apostrofiren, nicht auf ihn zu hören, es sei nicht richtig mit ihm im Kopfe Mark. 3, 21; Sie können den Bezirksamtmann erkennen, der »von der Anschauung ausgeht, daß«, den Kreisfisikus mit seinem Hörrohr, der »nach Alledem zu der Meinung komt, daß wir es hier zweifellos zu tun haben«, die Spizeln, Häscher, agents provocateurs, Amtsmienen, Sekretäre, Federbüsche, kurz den ganzen administrativen Apparat, um so einen armen Teufel auf den Richtplaz oder in’s Irrenhaus zu bringen.

 

Staatsanwalt.

 

Das käme dann darauf hinaus, daß das ganze Christentum nur ein Betrug ist?

 

Ateïst.

 

Das hat Ihnen doch schon Friedrich II., der große Hohenstaufen-Kaiser gesagt, der in Palermo begraben liegt. Das hat Ihnen dann der andere Friedrich II., der große Friz, wiederum gesagt, der in Potsdam begraben liegt. Und das hat Ihnen Bruno Bauer gesagt. Wie oft soll man’s Ihnen denn noch sagen? — Uebrigens . . . . . . . .

 


Staatsanwalt.

 

Hören Sie auf! — Hören Sie auf! — Sonst rufe ich eine Kellnerin her bei und konstituire die Oeffentlichkeit und Sie werden wegen Gotteslästerung zur Höchst-Strafe, zu 3 Jahren Gefängnis, verurteilt. — Mir schaudert!

 





V.

 

Ein Liebes-Dialog

 

im Geiste aller Zeiten

zwischen

Ella und Louis.

 

 


Fünfter Dialog.

 

 

Ella.

 

Du siehst mich noch immer an?

 

Louis.

 

Noch immer, noch immer.

 

Ella.

 

So starr!

 

Louis.

 

Ich komme nicht weg.

 

Ella.

 

Dieses Schwarze aus Deiner Pupille bohrt sich wie ein Dolch ein, und ich weiß nicht, welche Empfindungen es in mir erwekt.

 


Louis.

 

Es sind Alles nur Ahnungen und Andeutungen, Simbole für unsichtbare Dinge — bis die Tat geschehen.

 

Ella.

 

Kannst Du mir nicht sagen, was Du jezt denkst?

 

Louis.

 

Unmöglich. Und wenn — so möcht’ ich es nicht wißen. Und wenn — so möcht’ ich es nicht sagen.

 

Ella.

 

Und ich soll immer warten?

 

Louis.

 

Das ist Dein Loos. Wir müßen auch warten, nur auf uns selbst. Ihr — müßt auf Andere warten.

 


Ella.

 

Weißt Du, was das heißt: immer warten müßen? Ein junges Mädchen sein und immer warten müßen? Immer zusehen, ob auf der andern Seite ’was geschieht, ob der Blik rolt? Und wenn — dann gleichgültig scheinen und sich verstellen? Und wenn nicht — dann loken müßen? Den Stolz verschluken? Und dann immer stärker loken müßen? Mit gelben Kleidern und Moschus und Opoponax? Bis endlich — endlich — und dann nicht den Kopf verlieren, die Situazion ausnüzen, während Er balzt? — Und dann von den Nachbarn bespukt werden? Und von den Freundinnen angeschrieen werden? Und Ihm noch den Wahn vertreiben, als wär’ Er betrogen worden? — Weißt Du, was das heißt? —

 

Louis.

 

Sprich nicht so keuchend. Bewege Dich nicht, wie eine Bestie. Ich weiß, daß Ihr auf Raub ausgehen müßt. Und daß ein Turmfalke mehr erwischt, als wie ein Spaz.

 

Ella.

 

So sich abmühen müßen! Für diesen einen Moment, in dem der Himmel über uns einzustürzen scheint! Für diese paar Sekunden, in denen wir zur Menschen-Konkurenz zugelaßen werden! Und die wir mit Schmerzen, nicht mit Lust, genießen! So viel Berechnungen! So viel Spekulazionen! So viel Ellen Kaschmir! So viel Stiefletten! So viel Equipaschen, Odörs, Fächer, Operngläser, Tanzstunden . . . .

 

Louis.

 

Deine Brust geht hoch, wie ein Meer.

 

Ella.

 

Weil ich den Sturm in Deinem Auge heranziehen sehe.

 

Louis.

 

Zwischen Deinen Augenbrauen, hier, wo die kleinen Falten sich bilden, da liegt eine ängstige Stelle.

 

Ella.

 

Weil ich nicht weiß, ob Du mit vollen Segeln fahren wirst. Ob Du den Sturm brechen wirst.

 

Louis.

 

Um die Lippen ein kranker, abgehärmter Zug wie Enttäuschung, Verachtung, Ekel, Abgenuztheit.

 

Ella.

 

Die Angst vor Feiglingen. Vor Männern, die umbiegen. Vor Schwäzern. Vor Maulhelden. Vor Herkuleßen, die mit dem Löwenfell in der Sonne spazieren gehen, und immer die Keule zu Haus gelaßen haben.

 

Louis.

 

Dein Haar zittert und kräuselt sich. Dieser Duft ist undefinirbar, man kann ihn nur Ella nennen; es gibt kein tertium comparationis. . . . . nur diese eine Welle laß mir . . . . .

 

Ella.

 

Sprich jezt nicht spanisch; sondern handle deutsch; da — hier berausche Dich — und nenn’ es dann, wie Du willst (sie schüttet ihn mit ihren Haaren zu).

 

Louis.

 

Ich will auch Deine Achselhaare bewundern.

 

Ella.

 

Laß es! Laß das! Ich bin kein Ballettmädchen, das in die Proszeniumsloschen koketirt.

 

Louis.

 

In diesen kleinen Lökchen nisten die Liebesgötter am liebsten.

 


Ella.

 

Du mußt mich bei Vernunft behalten. Beide dürfen wir nicht den Verstand verlieren. Eines muß steuern.

 

Louis.

 

Ich will auch den Tau von diesen Armen trinken, von diesen vollen, die weich wie mit Wolle von Schafen umkleidet sind.

 

Ella.

 

Muß das, was uns die Angst auspreßt, erst in Perlen auf unserer Haut stehen, bis wir Euch begehrenswert erscheinen?

 

Louis.

 

Hier hat der Impf-Doktor seiner Zeit seine Lanzette eingesenkt: Eins, Zwei, Drei, — o hier! Vier, Fünf, Sechs, — noch Eins: Sieben Male — als wenn ein junger Knabe seine Fingerspizen hier eingedrükt, als wenn Eros Dich hier berührt hätte, und eine giftige Säure hätte die Eindrüke festgehalten, — Sieben Impf-Male — wie das reizend steht! — wie ein Perlen-Armenband — ein Braßlett des schwarzen Totes — und sie sind silberweiß —

 

Ella.

 

Und das macht Dir Freude? — Du Kind!

 

Louis.

 

Die wachsende Fülle, Deine Körperlast, die Ueppigkeit Deines Fleisches hat die Narben auseinandergetrieben, und nun stehen sie groß wie Nelken, gesprengelt und getüpfelt.

 

Ella.

 

Du Kind! — Daran belustigst Du Dich?

 

Louis.

 

Es ist wie ein Zeichen der Echtheit. Es ist das garantirte, abendländische Weib. Nur Ihr habt diese großen, strahlenden Kerzen auf den Armen, Ihr Weiber, Alles bauscht Ihr auf, macht Krinolinen darum, macht Alles größer, sogar Wunden und Schmerzen, wikelt Alles in weiße Schürzen ein, um uns zu blenden, zu betäuben . . . . .

 

Ella.

 

Mein Gott! Wir achten doch nicht darauf. Was wißen wir als kleine Kinder? Wir werden hingetragen, und der Arzt sticht hinein.

 

Louis.

 

Und die Natur macht Alles schön bei Euch. Sogar Reue, Kummer, Gram, Wunden, Totesfälle in der Familie, offizielle Trauer, Bleichsucht, Ohnmacht, Alles schlägt bei Euch zum Besten aus, und wir — müßen bewundern — müßen anbeten, — müßen werben (er drükt sie heftig an sich, küßt sie).

 

Ella.

 

Du Narr! Du zerbrichst mich!

 


Louis.

 

Ich kann nicht mit leisen Erosfingern kneten, wie der Knabe, der hier Deine Haut berührt hat; bei mir geht es auf die Knochen.

 

Ella.

 

Bist Du fertig mit Deiner Narben-Rede?

 

Louis.

 

Ich sprach so lange von diesen hübschen Narben, — aus Verlegenheit — weil ich hoffte, es werde mir ein Wort einfallen, um den Geruch Deiner Haare zu bezeichnen, die mich berauschen, und die ich nicht weiß, wie ich sie nennen soll . . . . .

 

Ella.

 

Da, Du Hamster (sie überschüttet ihn auf’s Neue mit ihren Haaren).

 


Louis.

 

Es ist wie Nuß — wie Haselnuß — aber 1000 Mal verdünt — und etwas brenzlich —

 

Ella.

 

Du spinst Fantasieen!

 

Louis.

 

Ihr könt es nicht riechen. Ihr habt nicht die Organe dazu. Blondes Haar ist wie ein Geruch, der von tausend Stunden herkomt, gerade noch erriechbar, ein Geruch aus der Vergangenheit — besonders Gekräuseltes . . . . .

 

Ella.

 

Junge, Du willst mich verrükt machen!

 

Louis.

 

Der Zug um Deine Lippen ist jezt milder, weicher, freudiger.

 

Ella.

 

Weil ich dir jezt vertraue. Weil ich weiß, daß du stark bist. Weil ich weiß, daß Du mich verteidigen würdest; daß Du nicht davonliefest — aber Du bist verrükt — jezt wenigstens in diesem Moment bist Du verrükt — und vielleicht ist das das Wertvollste, was Ihr Männer besizt . . . . .

 

Louis.

 

Deine Lippen werden troken, rüffig, beweglicher, der starre Zug ist gewichen, ein Frösteln und Zittern durch diese Deinem Willen entzogenen blaßroten Rüfen, dies deutet Grausamkeit an, oder Angst davor, — es ist nicht schön — Du bist jezt nicht schön — diese Züge sind brutal, tierisch — Du bist jezt auch nicht Du — nicht, die Du im Leben bist — in Dir wütet jezt auch ein Verhängnis . . . . .

 

Ella.

 

Sei still — und beobachte nicht. Denke nicht beim Küßen. Oder sprich, dann aber laß mich in Ruh’. Du Peiniger! Du liegst furchtbar schwer auf mir. Siehst Du denn nicht, daß meine ganze linke Brust gequetscht ist. Du Freßer! Nein laß das! Nein, ich will mich nicht entblößen. Ich — äh — ich schäme mich . . . . . Ich will durchaus nicht tugendsam scheinen. Ich bin keine Baletöse. Aber dies kann ich nicht leiden. Nein, ich bitte Dich, knöpfe hier nicht auf. Laß die Achsel. Du kanst doch auch so. Du Tirann! — Du zerreißt mein Hemd! — So — jezt ist mein Hemd zerrißen — der Stikeinsaz — der kostet allein M. 1,50 — den hat meine jüngere Schwester gemacht. — Du meinst wohl . . . . .

 

Louis.

 

Sei ruhig! — küßt sie heftig sonst erdroßele ich Dich . . . . . ich schimpfe Dich! — Nimm Dich in Acht, Du . . . . .

 

Ella.

 

Pst! — Horch! — war das nicht die Tür?

 


Louis.

 

Welche Tür?

 

Ella.

 

Die Gang-Tür. — — Ja, weiß Gott . . . .

 

Louis.

 

Hast Du nicht zugemacht?

 

Ella.

 

Wo? — Draußen? — Nein!

 

Louis.

 

Nein hier, die Zimmertür.

 

Ella.

 

Natürlich — die ist zu. — Aber das hilft mich nichts. Sie wißen doch, daß Du da bist.

 


Louis.

 

Dürfen sie’s nicht wißen?

 

Ella.

 

Ach wohl. — Aber ich will’s nicht haben, — Wegen meiner Mutter, — ich schäme mich doch, — weil sie sich schämt.

 

Louis.

 

Es hat Dir also Niemand ’was einzureden.

 

Ella.

 

Mir? — Ach nein — sie sind ja alle arm! —

 

Louis.

 

Deine — Mutter — Deine . . . . .

 

Ella.

 

Ach ja! — Vater ist ja krank — der liegt ja schon seit 10 Jahr — kann sich nicht bewegen — der liegt immer auf dem Rüken — liest immer Gesangbuchslieder — »Befiehl Du Deine Wege . . . .« — ganz laut mit der Brille.

 

Louis.

 

Der weiß aber nicht, daß — Du . . . .

 

Ella.

 

I wo? — Der erschlüge mich mit der Bettscheere — der will doch immer haben, daß ich Diakonißin werde.

 

Louis.

 

Nun und die Andern?

 

Ella.

 

Ach Ida — na die is ja doch beim Weißnähen — die lernt doch noch.

 

Louis.

 

Wie alt ist die?

 

Ella.

 

Ach die ist doch erst 15 Jahr.

 

Louis.

 

Wird die ebenso hübsch?

 

Ella.

 

Ach Gott, ich weiß nicht — ist en ganz nettes Mädchen . . . . .

 

Louis.

 

Nun und die Mutter?

 

Ella.

 

Ach die Mutter ist ja furchtbar fleißig — wäscht den ganzen Tag — und wäscht auch außer dem Hause — aber die muß ja doch für Vater sorgen — und dann hab’ ich doch noch zwei Brüder . . . . .

 

Louis.

 

Zwei Brüder!

 

Ella.

 

Ja — und der Eine kommt jezt auf Lateinschule, der braucht Cornelius Nepos und die lateinische Grammatik von Elend — die hab’ ich heute gekauft — dort liegt sie — und Hefte und Geschichtsbuch — und was der Junge zerreißt . . . . . . und was der ißt . . . . .

 

Louis.

 

Das ist ja unglaublich . . . . . . . . nun, und der Andere? —

 

Ella.

 

Ach, der ist ja fein heraus — der ist Schloßer — das is ein geschikter Mensch — der verdient für seine 20 Jahr en hübsches Stük Geld — aber nu will er heiraten — seine Elise — ’ne dumme Schußel — und da hat er mich nun — ’für’s Erste’ — ’zum Anfangen’ — auch um 300 Mark angebettelt — nu, was will ich denn machen? — ich hab’s ihm doch geben müßen — mein Gott! die ganze Familie liegt ja doch auf mir . . . . . . . . (liebkost ihn) Ach nein, Du darfst nun kein Gesicht machen — ich sag’ Dir das nicht deswegen —

 

Louis.

 

Kind, — ich bitte Dich . . . . . . . .

 

Ella.

 

Horch! — nu ise draußen! — Es war Mutter. — Die hat nur nach Vater gesehen — nu ist die Luft rein —

 

Louis.

 

Wo liegt denn Dein Vater?

 

Ella.

 

Der liegt ganz hinten — ach, der ist ganz zufrieden! nu hatse doch nichts gemerkt! — Sonst hätt’ ich heute Abend wieder meine Schimpfe bekommen . . . . .

 

Louis.

 

Ja, aber mein Gott! . . . . .

 

Ella.

 

Ach Gott, Du fragst und fragst . . . . . Du bist wie ein Kind . . . . . Komm’ her! sei lieb! — Gott, was Du für en Gesicht machst! . . . . .

 

Louis.

 

Gott, wenn ich das Alles höre . . . . .

 

Ella.

 

Nu was denn?

 

Louis.

 

Ach, alles dies Elend —

 


Ella.

 

Dummer Junge, die Grammatik ist nur von Elend.

 

Louis.

 

Ach, das ist Alles so traurig!

 

Ella.

 

Was bildest Du Dir ein?! — Wir sind gar nicht traurig! — Man muß »das Läben äben nähmen«, sagt der Sachse. — Wir haben heute Dampfnudel mit Zwetschgen gehabt, und der Kleine hat gegeßen — na beinahe hätt’ ich gesagt: wie en Schloßer! — also: wie en Drescher . . . . . .

 

Louis.

 

Und der Schloßer?

 


Ella.

 

Der Schloßer ißt Mittags nicht zu Hause. — Also nu man lustig! — »Siropp!« sagt der Engländer.

 

Louis.

 

Was sagt der Engländer?

 

Ella.

 

»Siropp!« oder »Sirupp!«

 

Louis.

 

Ach: cheer up! — Das heißt: Sei lustig! — Das hat aber mit Sirup nichts zu tun.

 

Ella.

 

Na, das ’s egal. Wenn der Mann nur süß ist.

 


Louis.

 

Na, erzähl’ mir sonst Etwas, Kind. Wie lebst Du?

 

Ella (verhült daß Gesicht).

 

Ach — miserabel! — Ach, es ist ’n Unglück . . . . .

 

Louis.

 

Aber wieso? — Du bist doch hübsch! Du hast ’nen Haufen Verehrer — gestern, in der Konditorei, drängte sich ja Alles um Dich — Du wählst Dir Den aus, der Dir gefällt — und dann —

 

Ella.

 

Und dann?

 

Louis.

 

Bist Du versorgt. — Und Nachts hast Du ja Deine Ruhe.

 

Ella.

 

Ach, was Du Dir nicht Alles vorstelst! . . . . . .

 

Louis.

 

Wieso?

 

Ella.

 

Meinst Du denn, das geht nur so? . . . .

 

Louis.

 

Na, wie denn?

 

Ella.

 

Und das Schikaniren — und die Plage — und die Not — und das Aufpaßen — und die Verachtung — und das Feilschen — und die Krankheiten — und die Zumutungen — und doch immer elegant — und immer freundlich — und immer schik — und immer in Handschuhen . . . . . und dann — plötzlich winkt ein Herr

 

Louis.

 

Ein Herr winkt?

 

Ella.

 

Ein Herr in Uniform — und Du verschwindest — ohne Rettung — ohne Hülfe — wie eine Blume, die man von der Wiese bricht — verduftest — fort! . . . . . .

Louis.

 

Du kanst Dich doch verteidigen?

 

Ella.

 

Nichts kanst Du! Du bist rechtlos, Du bist kein Mensch mehr, bist eine Sache — ein Stük Gepäk, welches man auf der Eisenbahn aufgibt . . . . . . . . Das heißt: Du bist ein Mensch, und man betont dies Wort ausdrüklich noch besonders — aber in Wahrheit bist Du eine Sache — — weil . . . . .

 

Louis.

 

Weil?

 

Ella.

 

Weil Du Deinen Nebenmenschen Freude gewährt hast — weil Du ein Mädchen der Freude bist — ein Mädchen aus dem Volk, das nicht lange über seine Gaben nachgedacht hat . . . . .

 

Louis.

 

Und dann?

 

Ella.

 

Und dann — erscheinst Du in einem Saal, grün drapirt, und da sizen ernsthafte Herrn, in Röken und Kappen, bebrillt, mit dicken Foljanten . . . . . und da geht es dann an . . . . .

 

Louis.

 

Nun?

 

Ella.

 

Von der sitlichen Weltordnung — und dem Winken mit den Augen, und den Bliken, und dem Kleine-Schrittchen-machen, und dem Weiße-Rökchen-Bauschen und den hohen Stifletten . . . . . und Alles ist verboten — Alles ist Sünde — Alles ist gesezlos . . . . .

 

Louis.

 

Und dann heißt es?

 

Ella.

 

Dann heißt es: auf so und so lange als Bestie verschikt, und geknebelt, und beschimpft, und ausgehungert, bis die Brüste welken, und ausgedört, bis die Augen erlöschen . . . . .

 

Louis.

 

Und dann?

 


Ella.

 

Dann — erstikt der Laut — und die Seele erstikt — und es fallen Einem Gesangbuchsverse ein — und ich höre den Vater deklamiren: »Schmücke Dich o liebe Seele . . . . .«

 

Louis.

 

Und dann?

 

Ella.

 

Und dann — dann — nach Wochen, nach Monaten, nach einem Viertel-Jahr — wenn Du wieder in Deinem Stübchen sizst — und hast wieder Deine weiße Wäsche — und bist wieder voll und blühend — und die Veilchen duften durch’s Zimmer — und es ist Samstag Abend — dann kommen sie — diese Herrn —

 

Louis.

 

Welche Herrn?

 


Ella.

 

Die Herrn aus dem grünen Zimmer . . . . .

 

Louis.

 

Die Herrn aus dem grünen Zimmer?

 

Ella.

 

Die selben Herrn aus dem grünen Zimmer — mit ihren Brillen — die Herrn Doktoren und Aßeßoren und auch manchmal: Pastoren — und der Eine will ein weißes Hemdchen, und der Andere will ein gelbes Hemdchen, und der Dritte ein seidnes Hemdchen, und der Vierte ein Spizenhöschen, und der Fünfte will nur die Strumpfbänder lösen, und der Sechste will mit den Schuhsolen auf den Kopf geschlagen werden, und dem Siebten fällt der Zwiker hinunter — — jezt schillert die sitliche Weltordnung in allen Farben, und geht kühn einher, wie eine Dirne, und schäkert in kleinen Schrittchen, und trägt hübsche Stiefletten, und schmeißt mit den Bliken, und bauscht die Unterröke . . . . was hast Du denn? — aber, so wein’ doch nicht! . . . . .

 

Louis.

 

Ach, das ist ja Alles so gräßlich! . . . . .

 

Ella.

 

Das ist doch kein Grund zum Weinen! — Komm’, mein Junge, sei vernünftig — es ist die hohe Polizei und das Christentum — welches uns diese Behandlung zu teil werden läßt — wenn das erst vorbei ist, dann wird es auch mit uns besser werden . . . . .

 

Louis.

 

Was hat denn das Christentum hier zu tun?

 

Ella.

 

Ach Jotte, Du weißt ja doch: am Charfreitag dürfen wir nicht ausgehen — weil unser Herr und Heiland für uns nicht gestorben ist — am Charsamstag dürfen wir kein Eßen holen, weil wir auch zum Abendmahl nicht gehen dürfen — und am Ostersontag dürfen wir nicht unter der Sonne spazieren gehen, weil doch unser Herr und Heiland für uns nicht auferstanden ist — wir Mädgens bleiben dann allemal im Bett liegen und lesen Sacher-Masoch . . . . . aber so wein’ doch nicht, mein Junge. — Hier, nimm mein Taschentuch! — Wart’, das is schmuzig! — wart’, ich hol’ Dir eins!

 

Louis.

 

Nein, bleib im Bett! — Es geht vorbei . . . . .

 

Ella.

 

Nu heult der wie ’n Schloßhund! . . . . . Komm, sei lieb — mach keine Dummheiten! — Jotte, is das en Mannsgeschlecht! — Ich hab’ doch gar nichts gesagt! — Hier hast Du meine Haare, Du Freßer! — — Nu, ich hätte Dir doch en Taschentuch geholt! — Nu sieh ’mal, puzt der sich an meinem Hemdeinsatz ab.

 


Louis.

 

Das macht ja nichts; ’s ist ja nur Waßer.

 

Ella.

 

Nein Tränen sind’s.

 

Louis.

 

Du sagtest doch, Du müßest nun doch das Hemd in die Wäsche geben.

 

Ella.

 

So hab’ ich’s nicht gemeint. Ich meinte, das Hemd sei zu schlecht für Dich und wolte Dir ’n Taschentuch holen.

 

Louis.

 

Ist für mich grad’ gut genug.

 

Ella.

 

Na, wenn Dir’s nichts macht.

 

Louis (rüttelt sie).

 

Du grauenhaftes Frauenzimmer!

 

Ella.

 

Du, hör’ ’mal!

 

Louis (sich verbeßernd).

 

Ich wolte sagen: Du Kanalje!

 

Ella.

 

Na, das is nicht viel beßer.

 

Louis (küßt sie).

 

Du Pracht-Geschöpf!

 

Ella.

 

Nu wirst Du wieder vernünftig.

 


Louis.

 

Ihr sezt Einem ja mit Fäusten den Kopf zurecht — mit brutalem Schimpfen.

 

Ella.

 

Wer hat geschimpft? — Du hast geschimpft!

 

Louis (küßt sie).

 

Aus Verzweiflung.

 

Ella.

 

Schon wieder Verzweiflung?

 

Louis.

 

. . . . Um Dich ganz in der Hand zu haben — Dich fest in meinem Kopf zu haben — um Dich aufzufreßen . . . . .

 

Ella.

 

Gott, brüll nicht so!

 

Louis.

 

Jezt gehörst Du mein!

 

Ella.

 

Noch nicht!

 

Louis.

 

Rühre Dich!?

 

Ella.

 

Gott, faß’ mich nicht so! — Du tust mir weh! . . .

 

Louis.

 

Rühre Dich?!

 

Ella.

 

Gott, das tut mir weh!

 


Louis.

 

Ich hab’ kein Erbarmen mit Dir! — Du hast mit mir auch kein Erbarmen gehabt . . . . .

 

Ella.

 

Weil Du nicht wußtest, was Du . . . . . Gott, drük’ mich nicht so!

 

Louis.

 

Laß mich Deinen Busen seh’n!

 

Ella.

 

Ich mag nicht.

 

Louis.

 

Das ist ja schon zerrißen . . . . . fort mit dem Einsaz!

 

Ella (schreit).

 

Nu reißt Der mir das ganze Hemd entzwei.

 

Louis.

 

Dein Schwesterchen näht ihn Dir wieder hinein.

 

Ella.

 

Ja, dafür muß ich aber bezahlen.

 

Louis.

 

Du bezahlst ja für die ganze Familie.

 

Ella.

 

Sieh ’mal hier, da hat mich vorgestern ein Herr gebißen.

 

Louis.

 

War das der Herr aus der Konditorei?

 

Ella.

 

Ja natürlich.

 

Louis.

 

Ja natürlich? — Also doch! . . . .

 

Ella.

 

Gott, ich weiß ja nicht, was Du meinst.

 

Louis.

 

Dann hast Du mich also doch angelogen. —

 

Ella (schreit).

 

Gott — laß mich! — Was fält Dir ein? — Mmmm! — Du bist wohl verrükt. Du brichst Einem ja die Knochen entzwei.

 

Louis (küßt sie).

 

Du Pracht-Geschöpf! — aus der Hand Gottes tadellos hervorgegangen . . . . . . . .

 


Ella.

 

Ja, aber aus Deiner Hand werd’ ich kaum tadellos hervorgehen . . . . .

 

Louis.

 

Du Hure, Du — zerstörst jede Begeisterung . . . .

 

Ella.

 

Laß mich — halt! um Gotteswillen! — nur einen Moment . . . . .

 

Louis.

 

Kein — Erbarmen — mehr . . . . .

 

Ella.

 

Halt! — Ach Gott! — Ach! . . . . . — Du Geier! . . . . . . . .