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Oskar Panizza – Pastor Johannes

Novelle

Oskar Panizza, Pastor Johannes, Aus: Moderner Musenalmanach 1894, Verlag von Dr. E. Albert & Co., München



In Hinterpommersfelden, im Fränkischen, war der Pfarrer verstorben. Der Ort lag in der Nähe von Erzwerken, die der ganzen Gegend zu einer gewissen Wohlhabenheit verholfen hatten. Ein schnell dahineilender Fluß half ihnen teils als natürliche Kraft zu ihren Betriebs-Einrichtungen, teils gab er ihnen Gelegenheit zur Fortschaffung ihrer Produkte. Die Bewohner, fast ausschließlich Protestanten, wiesen jene geistig geweckte wenn auch etwas nüchterne Gesinnung auf, wie man sie in so abgeschlossenen Ortschaften häufig antrifft. Und eine früher hier ansässig gewesene Herrenhuter Gemeinde hatte genügend an geistiger Spur zurückgelassen, um die Frage der Neu-Besetzung der Pfarrers-Stelle als eine hochwichtige, wenn nicht als das allerwichtigste, auf Jahrzehnte hinaus folgenschwerste Ereignis erscheinen zu lassen. – Der verstorbene Prediger, der über dreißig Jahre dem Orte angehört hatte, war die letzten Jahre immer krank gewesen, und somit außer Stande, Werkthätiges unter seinen Gemeindegliedern zu schaffen. Auch hatte ihn die Gemeinde in dieser langen Zeit sozusagen auswendig gelernt. Um so gespannter war man auf den Nachfolger. Denn diese Sorte von Menschen, diese in ihrem Gottes-Spürsinn hager gewordenen einsamen Dörfler, die nicht in einigen am Altar vorgenommenen Fisematenten den Schwerpunkt priesterlicher Thätigkeit erkannten, sondern in ihrem Pfarrer eine Persönlichkeit, eine geistige Potenz, ein spezifisches Ferment erwarteten, das sie in ihrem Innern von Grund aus umzugestalten fähig war, hatten alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den ihnen tüchtigst erscheinenden Mann auszufinden; und nach Allem, was darüber verlautbar geworden, hatten sie alle Ursache, mit ihren Anstrengungen zufrieden zu sein. Hinterpommersfelden, das auf Grund seiner Wohlhabenheit einen erklecklichen Beitrag zum Pfarrers-Gehalt leistete, hatte der Regierung gegenüber das Vorschlags-Recht. Und in jedem Falle noch war bisher die landesherrliche Bestätigung erfolgt. So auch diesmal.

Pastor Johannes, auf den die Wahl gefallen war, kam aus dem etwa zwölf Stunden entfernten Seltsamhausen, einem kleinen Ort in einer unfruchtbaren Gegend, dessen paar hundert Seelen sich mühselig mit dem Ertrag ihres sterilen Bodens durch's Leben schlugen. Einige Grabreden, die von ihm gedruckt waren, hatten die Leute von Hinterpommersfelden zu Gesicht bekommen. Diese, und ein paar in der ganzen Gegend bekannt gewordene Züge von seltener Mildthätigkeit, waren zuletzt die ausschlaggebenden Momente bei der Wahl gewesen.

Und so war an einem Pfingst-Sonntag in Hinterpommersfelden der Tag der Antritts-Predigt für Pastor Johannes herangekommen. Natürlich war die Kirche gedrängt voll. Aus den umliegenden kleineren Ortschaften waren ebenfalls Leute herbeigekommen. Pastor Johannes hatte sich den Text aus Matthei 26,41 gewählt: »Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet!« Es ging ihm ein sehr guter Ruf als Prediger voraus. Und schon der Beginn des Sermons, der eine vortreffliche Disposition brachte, ließ diesen Ruf vollauf gerechtfertigt erscheinen.

Die Kirche von Hinterpommersfelden war ein romanischer Holzbau, im Innern mit prächtigen Vignetten, schwarz auf gelblichem Grunde, geziert; die Kirchenbänke, der Altar mit seinem blühend-weißen Spitzentuch, die ornamentale schwere Luther-Bibel darauf, darüber vier mächtige, knisternde Kerzen; im Schiff der Kirche die schnurgeraden Querlinien mit hockenden, feierlich ernst gekleideten Menschen, und vor ihnen auf den Pulten die ehrlichen Gesangbücher mit dem kittgelben Schnitt; ringsum im Innern, die Kirchenbänke einfassend, auf schlanken Säulen emporstrebend ein herrliches, freies Emporium, wo die vorgestreckten gierigen Köpfe gerade auf der Rampe aufzusitzen schienen; im Hintergrund die Orgel, wo ein fugen-gewandter Organist die Register immer dem Inhalt der Predigt geschickt anzupassen und anzuschmelzen wußte; und zuletzt, rechts, auf der einen Seite, die gegen Mittag sich wendende Sonne, die so gegen zehn Uhr, gerade wenn der Pfarrer die Kanzel bestieg, ihre glänzenden Argumente mit den Worten des Predigers verband, um diese Werkeltags-Leute zu erfrischen und zu erquicken: dieß Alles gab dem fränkischen, luthrischen Kirchlein etwas Stimmungsvolles, Heiteres. Und in der ganzen Umgegend war es eine ausgemachte Sache: In Hinterpommersfelden predigt sich's leicht.

Aber mein Gott! Gerade in dieser sonne- und stimmungsüberfluteten Kirche bereitete sich eben jetzt etwas vor, was den lauschenden Sinn dieser Dörfler zum Wahnwitz, das Herzblut der Zuhörer zum Gerinnen bringen konnte. Und das war Pastor Johannes. Kaum nämlich hatte er sich seinen Text zurechtgelegt, und war nach etwa fünf oder zehn Minuten in die Erläuterung des ersten Predigt-Teils, der »Wachet!« hieß, eingegangen, als er wie ein Gaukler, oder vielmehr wie ein Vogel, die sonderbarsten wippenden und schwingenden Bewegungen machte, und schleifende, gurgelnde »Gru-gru« und ähnliche Töne, die er mitten in die Sätze streute, ausstieß. Bald griff er mit dem rechten Arm weit hinaus, um gleich darauf mit dem Oberkörper nach rückwärts zu schnellen, und mit einer Wink-Bewegung die Zuhörer zu sich heraufzuholen. Brach mit dem Oberleib plötzlich über die Kanzel-Brüstung mit vorgestreckter Faust herab, als wollte er dem unter ihm Zunächst-sitzenden Eine auf den Kopf geben; um dann mit einem »Wau!« oder belfernden Ton, oder mit gebleckten Zähnen sich aus dieser Position wieder zurückzuziehen. Wie ein Bussard, oder ein gefangener Raub-Vogel in seinem Käfig wippend, immer hin und her, stundenlang dieselben Bewegungen macht, so schwebte, wand und torquirte sich unser Pastor immer herüber und hinüber, von rechts nach links, und von links nach rechts; oft aber unerwartet auf der einen äußersten Seite plötzlich Halt machend, um die dort sitzende Gruppe von Zuhörern mit einem Raketenschwarm von rasselnden, gepfefferten Phrasen zu überschütten. Und dazwischen schrie er immer »Wachet!« – »Wachet!« – Oft auch andere Interjektionen benützend, wie »Phau!« – »He da!« – »Sieh!« – Links hatte er er in der oberen Zahnreihe eine Lücke; dort pfiff er oft wie ein altes Weib heraus. Und auf seinem langgebauten hageren Gesicht lag während dieser ganzen Zeit der Ausdruck einer entsetzlichsten Angst. Auffallend lange oft richtete er sein wie ein Geier gebautes Auge auf das Empor, wo die Orgel stand, als wolle er dort Jemand auf's Korn nehmen, oder erwarte er von dort das Eintreten eines Ereignisses. Und dann wieder strich er mit beiden Händen, wie ein Mesmerist beruhigend, flach über die Versammlung hin, und stöhnte hauchend sein »Wachet!« – »Wachet!« – Johannes war eine lange, aufgeschossene, unsäglich magere Figur; und dies ließ die ruhelosen Exkursionen in dem schwarzen Chorrock noch auffallender, gespenstiger erscheinen. Die Stimme war belegt, chronisch matt, als hätte er sich in tausend früher gehaltenen Predigten ausgeschrieen. Er war aber sehr gut verständlich. Und der ausdrucksvolle, fast peinigende, flehende Ton that das Übrige. Ihm schien dies jedoch nicht genügend. Und jedesmal wenn eine neue Wendung kam, gab er förmlich ein Zeichen, ein »Ha!« als habe er's grad gefunden, oder einen Pfiff, der einem Umspringen der Stimme entsprach, oder er warf in Seitenstellung den ganzen Körper hinüber, als wollte er sagen: Da kommt her! – Oft schien ihm aber auch dies nicht zu genügen; er spitzte den Mund, und pfiff durch die hohle Faust wie durch ein Blasrohr; ein förmliches »Täderadä« wurde hörbar; oder er trampelte mit einemmale mit den Füßen auf dem dumpfen Kanzelboden herum, als wenn der Teufel los wäre. – Und dann nach dem Allem, wenn er seinen Zweck erreicht zu haben schien, glich er die Aufregung wieder mit ausbreitenden Händen und mit einem anflehenden, fast brünstigen »Wachet!« – »Wachet!« – aus.

Und dies dauerte eine ganze geschlagene Stunde. – Die Predigt war groß, gewaltig, erschütternd, Herzen und Nieren prüfend; ein Thränen-Rinnsal und Sturmgewitter. – Aber die Leute waren einfach paff, entsetzt, geängstigt, gemartert; nicht wissend, wem sie folgen sollten, dem Gaukel-Spiel und Prestidigitateur-Künsten, oder dem zwingenden Gedankenstrom und niederbrechenden Pathos.

Kaum war das »Amen!« verklungen, so riß der Organist sämmtliche Register heraus, und mit einem mit Mixtur und Bässen reichlich durchsetzten »Tutti« überschwemmte er Herzen und Ohren, um Alles, Eindrücke, Ängstigungen und Erinnerungen in einem brausenden Orgel-Meer untergehen zu lassen.

Die Kirche war jetzt aus. Wie ein plapperndes, näherkommendes Mühlwerk strömten die Leute aus der Kirche mit figelierenden Armen und knispenden Zähnchen ihre Meinungen austauschend. – Es war Usus, daß einige den besseren Ständen angehörige Bewohner den Pfarrer nach der Kirche in der Nähe des Portals erwarteten, und ihm die Hand drückten. Gar einem neuen Pfarrer nach der Antritts-Predigt. Und gar nach dieser Antritts-Predigt. Der Wartenden waren diesmal fast an Hundert.

Allmählig verliefen sich die Leute, die weiter nach Hause hatten, oder nicht warten konnten. – Jetzt hörte man hinten, von der Sakristei her eine Thüre zuschlagen, und nun kam Pastor Johannes, das bleiche Gesicht mit einem gelblichen Taschentuch fleißig abwischend, von rückwärts den sauberen Kiesweg her in schnellem Gang auf die Gruppe Pommersfelder zugeschritten.

Doch war die Empfindung der Scheu bei diesen Leuten stärker, als das Bedürfnis zum Vorwurf. Mit einem »Herr Pfarrer! Herr Pfarrer!« stürzten sie auf ihn zu. Einer nach dem Andern erwischte seine Hand und drückte sie. Die Leute waren doch hingerissen von ihm; nur wußten sie nicht von was. Die ganze Gestalt dieses hochaufgeschossenen, denkentkräfteten, wie von Dämonen gejagten, von Zweifeln abgemarterten Menschen mit der hohen Stirn und dem vergeistigten Antlitz hatte doch etwas Imponierendes, Scheu-Einjagendes. Die jungen Mädchen und Frauen, die sich hier ihren Vätern und Gemeinde-Mitgliedern angeschlossen hatten, starrten auf das Wunder-Bild. Dabei lag aber freilich Angst und Entsetzen auf allen Mienen. – Endlich aber nahmen aber doch einige der Älteren das Wort, und mit gefalteten und bedauernden Händen sprachen sie gegen den langen Mann im schwarzen, enggeknöpften Rock.

»Herr Pfarrer! Herr Pfarrer! Was soll das werden? Um Gotteswillen, was haben Sie gemacht? Soll das so fortgehen? Die Leut können heute vor Angst und Erregung kaum zu Mittag essen« – »Schade!« – fielen jetzt Andere ein – Schade, die prachtvolle Predigt. Schade! Dieser Gottesmann!« – »Bedrückt Sie Jemand? Sprach Jemand mit Ihnen? Wurden Sie gestört? Woher diese fürchterlichen Grimassen und Auftritte?« – »Ja, diese Grimassen« – fingen nun auch die Mädchen an – »diese Verzerrungen, diese Pfiffe, dieses Geräusche; es sei wie am jüngsten Tag; ob denn der Teufel losgebunden sei!« –

»Wie – sagte Pastor Johannes, und trat einige Schritt zurück – davor wunderten sie sich. Kännten sie nicht die Kirche von Seltsamhausen? Und müsse er nicht annehmen, daß es hier ebenfalls so sei? Hätten sie nichts von Seltsamhausen gehört? Kännten sie nicht das greuliche Thier von Seltsamhausen? Das Thier in der Kirche? Das über die Bänke steige? – Vor zehn Jahren sei es zum erstenmal gewesen. Er war kurz vorher angestellt worden. Es war seine fünfte oder sechste Predigt. Die Bauern dort, lauter ärmliche, abgerackerte Leute, von der Wochenarbeit totmüde, hätten die Gewohnheit gehabt, in der Kirche zu schlafen. Er sei vielleicht zu nachsichtig gewesen. Auch ging es anfangs noch, als seine Stimme und Vortragsweise den Leuten neu war. Aber später, als an einem Sonntag die gesammte Zuhörerschaft in ihren blechernen Rockknöpfen und bebänderten Hauben, der Organist mitinbegriffen, räckelnd in den ungestrichenen Kirchenstühlen mit offenen Mäulern gelegen und geschlafen habe, sei das Entsetzliche passirt. Ob sie denn davon nichts wußten? Hinten von der Orgel her habe sich's herausgewälzt; schürfend und tappend; ein Etwas, ein Mords-Ding, ein grandioses Thier; und sich langsam in das Schiff der Kirche hineingelegt. Ob es das Thier aus dem Jeremias gewesen sei? – Wie?– Nein, damit stimmte es nicht. – Oder aus Hesekiel? – Er wisse nichts darüber. – Es sei wie auf Tappen gegangen. Und auf ihn zu. Wie ein Wachsbild habe er es angestarrt. Hilflos, was zu thun. Er habe in der fürchterlichen Stille immer weiter gepredigt. Und dabei grimmassirt und gefratzt, um das Thier zu verscheuchen. Geschmatzt und gegaggert habe er: ›Huit!‹ rief ich und ›Pischperisch pisch!‹ Es half nichts. Wie ein langmächtiger Leviathan sei es näher gekrochen. Schon habe er seinen vorströmenden Hauch im Gesicht gefühlt, der wie Buchbinderkleister gerochen. In der entsetzlichen Angst habe er ihm zwei Kapitel aus der Offenbarung Johannes in den Rachen geschrieen. Sie gehörten gar nicht zur Predigt. Es sollte nur eine Beschwörungsformel sein; weil dort ein ähnliches Thier vorkommt. Es half aber nichts; es schien sie schon zu kennen. Inzwischen wuchs das Thier gräßlich; und nahm deutlicher Form und Gestalt an. Man denke: es war, als wenn es sich bei den Schläfern rekrutirte; als wenn es Glied um Glied ans deren geöffneten Mäulern sich ergänzte; als wenn das Thier das Produkt der Seelen der hier Schlafenden sei. Der Kopf war menschlich; ein altes, faltiges Weibergesicht; im übrigen gutmüthig; mit Kaffeetassen-Lippen. Rings um die gepflegten Löckchen die Umrisse einer Mords-Haube wie aus durchsichtbarem Gahsstoff; quer durch diese Haube sah er noch die Orgelpfeifen blitzen. Oft schwankte der ganze Koloß wie ein Luftballon hin und her; oft schien er sich wie mit Filztappen auf die Kirchenstühle zu stützen und langsam emporzuheben. Das entsetzliche Weibergesicht kam ihm inzwischen immer näher; es hatte wässerig-blaue Augen; der Rumpf zeigte hinten wallroßähnliche, braun ausladende Glieder; während der Fischschuppenschwanz hinten bei den Orgelpfeifen noch beschäftigt war. Bis dahin hatte er noch die gut memorirte Predigt mit der unerhörtesten Selbstüberwindung herausgeschrieen, in der Meinung, das Thier müsse schließlich zurückweichen. Als es aber zuletzt mit schmatzendem Maul und fauligen Zähnen direkt auf ihn losgekommen, habe er in dieser höchsten Noth die Bibel gepackt, und sie ihm ins Gesicht geschleudert. Der schwere Band fiel platschend auf den weißgescheuerten Boden der Kirche. Der danebensitzende Bauer erwachte, schaut verwundert um sich, und – in diesem Augenblick war das Thier verschwunden, radikal fort, als ob es nie existirt hätte. Die Kirche wurde wieder hell und freundlich. – Nun kam er auf den Gedanken, daß es der Schlaf der in der Kirche Sitzenden sei, der das Thier erzeuge. Und in dieser Voraussetzung habe er nun den Rest der Predigt dem eben erwachten Bauern mit solcher Vehemenz ins Gesicht geplärrt, daß dieser nicht mehr einschlafen konnte. Es ging auch alles gut. Er konnte die Predigt glatt vollenden. Mit dem Schluß – »Amen!« erwacht alles; denn das war ihr Stichwort zum Aufwachen. Mit dem Gerutsch und Geräusch der Röcke und Kleider kam wieder Leben in die Kirche. Die Sonne brach durch die großen Scheiben. Der Organist, der ebenfalls erwacht, löste eine prachtvolle, jubelnde Fuge von Bach vom Manual, und schluchzend und weinend verließ er die Kanzel, und ging nach Hause, seinem Herrgott dankend, daß noch alles glücklich abgelaufen. –

Das sei das Thier von Seltsamhausen. Ob sie denn davon nichts gehört hätten? Ob sie denn nicht auch ein ähnliches Thier hier hätten? – Was das für ein Thier sei? – frügen sie. – Ja, das wisse er doch nicht! Sei es vielleicht die Langweile? – Oder das Nichts? – Ob es aus der Bibel stamme? Oder aus einem heiligen Fluß, aus dem Ganges, heraufgestiegen sei? Nein, nein! Nicht aus Indien komme es, es komme aus Seltsamhausen. Woher käme denn die fränkische Haube!? Und er sei fest überzeugt, dasselbe sei ihm hieher, nach Pommersfelden, nachgekrochen. Ob sie hier auch so viel Zuckerrüben bauten wie drüben bei seinen armen Bauern? Lange habe er gemeint, daß das Thier sich von dieser Frucht mäste. Denn es sei eine süße Gosche. Er habe es gleich gemerkt, daß es hier sei. Schon zu Anfang der Predigt. An der Orgel habe er den Schattenriß gesehen. Es liege immer mit dem Schwanz auf dem tiefen Contra-C. Doch hätten alle Leute so aufgepaßt; da sei keine Gefahr gewesen. Wenn wir wachen, dann schlafe es. Und wenn wir zu schlafen anfangen, begänne es sich zu recken und zu dehnen. – Was es nun aber für ein Thier sei? Vielleicht nur der geborene Schrecken, der Schrecken von ihm, dem Pfarrer, der Pfarrers-Schrecken, daß, wenn er von der Kanzel herab das Beste, was er habe, hergäbe, wenn er mit seinem Herzblut predige, diese Hundekerle da drunten, die Bauern, schliefen? Oder sei es die generelle, manisestirte Rache für diese Mißhandlung des Predigers? Und warum rücke es immer dem Pastor auf den Leib? – Doch er habe seine Dispositionen getroffen. Und habe zehn Jahre Zeit gehabt, sich einzuüben. Wenn nur Einer in der Kirche wache , käme das Thier nicht zu Stande. Und er verfüge über Vogelstimmen und Hundegebell, über Grimassen und Fisematenten, über Verdrehungen und Torquirungen; er mache den Nußheher und das Käuzchen nach, den Geier und den Uhu; und für den äußersten Moment sei seine gute, brave, fünfpfundige Bibel da, um sie dem scheußlich schmatzenden Kaffee-Gesicht in den Rachen zu schmeißen.

Doch, – meinte Pastor Johannes, – und damit schaute er mit hellen Augen den Kreis der Umstehenden an, er sehe hier so viel frische, aufmerksame, nach geistigem Brot lechzende Gesichter, da sei wohl keine Gefahr; und mit Gottes Hilfe werde wohl alles gut werden. –

Jetzt aber müsse er nach Hause. Seine sechs Kleinen stünden mit hungernden Mäulern und gefalteten Händen um den Tisch herum; und auch die Frau Pfarrer nehme keinen Löffel Suppe, bis der Pfarrer sei. – Also Gottbefohlen!« –

Und damit schritt der magere, ausgemergelte Mann durch die vorgestreckten Hälse, die kreidigen Gesichter und die lechzend vorgequellten Augäpfel der Wartenden mitten hindurch. –