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Elisabeth Petermann – Blüten,die der Sturm verwehte

Gedichte

Elisabeth Petermann, Blüten,die der Sturm verwehte, Herausgegeben von Johannes Mayerhofer, Verlag von Friedrich Pustet, Regensburg, Köln, Rom, Wien, 1912




Des jungen Ritters Abschied

Zerfallen ist die Burg der Väter,
Zerstört von rauher Feinde Hand.
Ich zieh' hinaus aus diesen Trümmern,
Muß wandern in ein fernes Land.

Lebt wohl, ihr lieben trauten Winkel,
Ihr lausch'gen Plätzchen am Kamin,
Wo ich so oft als Kind gesessen;
Rauh streift der Wind jetzt drüber hin.

Die hohen Bogenfenster schauen
Mir jetzt so kalt, so öde aus;
Durch fensterlose, got'sche Bogen
Zieh'n jetzt die Vögel durch das Haus.

Leb' wohl, du Burghof, wo ich spielte,
Wo einst ich ritt auf Vaters Roß,
Ade, ihr lieb geword'nen Stätten,
Ade, du trautes Heimatschloß.


14. 4. 1915


Elfentanz

Die Elfen zum flüchtigen Tanze sich reihen,
Sie wiegen und wogen im Sternenglanz,
Die duftigen Schleier im Wind sie umwehen,
Es schwinget sich leise der lichte Kranz.

Da luget die Sonne wohl über die Gipfel,
Es schillert der Tau so wunderbar.
Ein Hupf, ein neckisches Wort noch zum Gruße
Zerstoben ist leise die Elfenschar.


10. 6. 1915



Nebel

Grau lagert die Luft überm Heidegefild,
So schaurig, so dumpf und so schwer,
Als ob es ein riesiges graues Tuch,
Eine Leichendecke wär'.

Im Schatten der Weide, die leise nickt,
Ruht stille ein toter Held.
Gefallen den herrlichen Ehrentod
Auf weitem, blutigen Feld.

Ein Häuflein Erde, ein Seitengewehr,
Ein Helm und ein Kreuzlein klein,
Daran eine Inschrift, verschwommen, verwischt,
Grau hüllte der Nebel sie ein.

* * *

Daheim in der Kammer, da sitzet sein Bub,
Der »malet« mit kräftiger Hand
»'nen Deutschen«, ohn' Schulter, Rock und Haar,
Schreibt »mein Papa« an den Rand.

Dann fragt er stolz drauf sein Mütterlein:
»Nicht wahr? Bald kommt er nach Haus.
Doch erst muß er warten, bis Ferien sind,
Erst, wenn die Schule ist aus.


Dann geh'n wir zum Bahnhof und holen ihn ab.
Ich gehe dann auch in Feldgrau,
Doch erst muß er warten, bis schöner es ist,
Drauß ist es so neblig, so grau.«


11. 7. 1915



Blutrote Rosen

Als er hinauszog frisch und froh,
Da strauchelte drüber sein Fuß,
Er nahm sie und schmückte damit die Brust,
Sie war'n ihm ein letzter Gruß,
Die blutroten Rosen.

Im Felde, da traf ihn das feindliche Blei,
Er starb drauf den Ehrentod.
Das rinnende Blut, mit dem 's Leben floh,
Es färbte den Rock ihm so rot,
Wie blutrote Rosen.

Sie legten ihn drauf in sein letztes Bett.
Ein Kreuz mit dem Namen sein,
Den zerschossenen Helm, das Seitengewehr
Und 'nen Strauß drauf vom Gärtchen klein
Von blutroten Rosen.


11. 11. 1915



Weihnacht

Heiliger Friede. In Busch und Strauch
Glitzert's in silberner Pracht.
Durch die Luft zieht der Weihnachtshauch
In der stillen, der heiligen Nacht.

Durch die Wolken blitzet ein Stern,
Beleuchtet die stille Natur.
Und aus dem Walde tritt elfenleis
Ein Reh auf die weite Flur.

Und mit großem, fragenden Aug'
Sieht's an die schweigende Pracht
Und schreitet gesenkten Hauptes davon.
Er kommt ja in dieser Nacht.

Da tönt von dem Kirchlein im waldigen Schoß
Die Glocke hinab ins Tal,
Und durch die Baume und Sträuche allort
Geht leis ein Raunen zumal.

Dann wieder Schweigen im ganzen Wald.
Und alles, ob nah, ob fern,
Erwartet in tiefer, heiliger Ruh'
Die Ankunft des Schöpfers und Herrn.

Da dringt durch die Stille der Glocke Ton.
Zwölfmal hallt es ernst durch den Hain,
Und die Orgel des Kirchleins reget sich leis
Und fällt dann jauchzend mit ein.

Da blinkt von dem dunklen Himmelsdom
Ein Stern. – Hellauf leuchtet der Schnee.
Und aus der Kapelle tönt's freudig-ernst:
»Dir ehre, o Gott, in der Höh'!«


4. 12. 1915



Geduld

Und ist auch rings alles grau und schwer
Und blinkt auch kein Sonnenschein;
Schau' nicht in das trübe Wolkenmeer,
Sorg' nicht um die Zukunft dein.

Einmal bricht doch siegreich die Sonne Bahn,
Einmal lacht dir doch ihr Licht.
Drum, Herz, vertrau' auf den mächtigen Hort,
Blick' auf und verzage nicht!

Denn Winter und Jammer und Sorge und Not,
Sie dauern nicht ewig, nein,
's kommt wieder die Sonne und glückliche Zeit,
Bald ziehet der Frühling ein.


23. 3. 1916



Schwälbleins Rückkehr

Schwälblein, ei, bist du schon da
Von der Winterreis'?
Wiegtest dich im Sonnenschein,
Als hier Schnee und Eis.

Achtet'st nicht auf Grenz' und Front,
Als du zogst davon,
Fragtest nicht, ob Freund, ob Feind,
Reistest nach der Sonn'.

Sahst dort drunten manche Schlacht,
Wie in Ost und West,
Fandest doch trotz Weltenbrand
Heim ins deutsche Nest.

Singe nur dein kleines Lied,
Du getreues Tier,
Unsere deutsche Kinderschar
Sehnt sich schon nach dir.

Ziehe nur an unserm First
Ein ins alte Nest,
Spürst dort nichts vom Kriegsgebraus, –
Deutscher Herd steht fest.


20. 4. 1916


Das Haus in der Heide

Ein einsam Hüttlein im Heideland,
Windschief die Fenster, verweht vom Sand,
Darüber von Schilf ein kleines Dach.
Die Spinne spinnt im trauten Gemach. –
Und blickst du weit und blickst du nah,
Der Boden voll rosenrot Erika.
Ein schlanker Birkenstamm lehnt an der Wand
Und streichelt die Türe mit linder Hand.
Ein goldener Strahl spielt, im Gezweig
Und tanzt auf der Gnomen kleinem Reich.
Und tritt aus der Tür nicht ein altes Weib,
Grausträhnig das Haar, verfallen der Leib?
Und tanzen nicht muntere Wichtel herfür
Und spielen ihr neckisches Spiel vor der Tür?
Und spinnt nicht ein Mägdlein dort wunderbar,
Den Erikakranz im braunen Haar?
Still zieht hier der Zauber ins Netz dich ein,
Erzählet dir Märchen wunderfein.
Er sinnet und spinnet früh und spät,
Und weit in der Ferne der Alltag geht.


28. 7. 1916



Ein einsam Grab

Auf weitem, blutgetränktem Feld
Ein still Soldatengrab.
Da senkten sie – man weiß nicht, wann –
'nen Heldenleib hinab.
Kein Name und kein Helm,
Kein kleines Zeichen.
Allein ein Kreuz, das recket seine Arm',
Die bis in alle Ewigkeiten reichen . . .
Kein Zweiglein und kein anerkennend Wort.
– Man setzte ihm ein Kreuz und zog dann weiter fort
– – Sie zogen fort, dem Sieg und Ruhm entgegen,
Und vor und hinter ihnen lauert Tod.
Und in der Ferne hebt gespenstisch schwarz
Das Kreuz sich ab vom hellen Morgenrot. –
Wer mag er sein? – . . . Ob eine Mutter weint,
Ob eine Frau sich grämt, die Kinder klagen, –
Kein Name und kein Wort kann es dir sagen,
Wer hier mit seinem Schöpfer ruht vereint. –
Und eine Krähe flattert still und stumm
Mit leisem Flügelschlag ums Kreuz herum . . .
Und in dem großen, ernsten, heil'gen Zeichen,
Vor dem Dämonen flieh'n, Gespenster weichen,
Ein schlichtes, ehern Kreuz ist eingefügt,
Das ruft: Er war ein Held und hat gesiegt!

Sieh, Kämpfer, Dulder, sieh, im Kreuz ist Heil!
Die Morgensonne ruht darauf 'ne Weil,
Beleuchtet 's strahlend hell, der Silberreif erglänzt . . .
– – – Mit gold'nen Lorbeern hat der Herr dein Grab bekränzt.


28. 8. 1916



Zwei Lieder

In meinem tiefsten Herzen
Da klingt seit mancher Zeit
In tränenreichen Nächten
Ein Lied von Lust und Leid.

Von einem schönen Kinde,
Das frierend betteln geht,
Von einem Weib, das weinend
Einsam am Wege steht.

Von duft'gen Rosenkränzen,
Von Marmelstein so hart,
Von einer heißen Liebe,
Die schnöd verraten ward.

* * *

Ich weiß eine zersprungene Saite,
Ein zerfallenes Schloß im Tal,
Weiß eine geknickte Blume,
Weiß einen zerbroch'nen Kristall.

Ich weiß ein Herz, das hat man
Verraten im schönsten Mai.
Das Herz ist langsam gestorben,
Der Winter kommt herbei.


20. 10. 1916


Heldentod

Trüb war der Himmel und grau die Welt,
Eine Nebelkrähe flog über das Feld.
* *
Im Weidengezweig sang's mit leisem Gestöhn
»Ich hab' einen sterbenden Krieger geseh'n.
* *
Blutrot war die Erde und schaurig die Schlacht;
Kein Sternlein leuchtete durch die Nacht.
* *
Man sah nicht Moor, nicht Pfad, nicht Steig,
Die Kugeln zerfetzten mein grünes Gezweig.
* *
Die Schlacht war vorüber, das Heer zog vorbei,
Die Luft hallte wider vom Schmerzensgeschrei.
* *
An meinem Fuße lehnt' einer so bleich,
Der war auf dem Wege ins Himmelreich.
* *
Und als meine Krone da leise gerauscht,
Da hat er ganz still von der Heimat geplauscht.
* *
Da stehet ein Häuschen so zierlich und fein,
Geranien und Nelken vorm Fensterlein.
* *
Zwei uralte Weiden, verkrüppelt und grau,
Halten die Wacht. – Er sah es genau. –
* *
Die hatten Zweige wie Locken so lind,
Und raschelten leise im Frühlingswind.
* *
Es war so duftig und wunderbar
Am grünen Stamme, – das Elfenhaar.
* *
Er lächelte leise, als wär' er zu Haus,
Und schloß die Augen, und dann war's aus.
* *
Da haben die Zweige ganz scheu ihn geküßt:
»Sei froh! In der ewigen Heimat du bist!
* *
Du warst noch so jung, hatt'st das Leben so gern,
Und mußtest doch sterben in weiter Fern'. –«
* *
Am nächsten Morgen senkt' man ihn hinab.
In meinem Schatten hat nun er sein Grab.
* *
»Du junges Blut, du tapferer Held!
Schlaf still, schlaf wohl auf dem Ehrenfeld.«
* *
Durch die Weide zittert ein stöhnend Geächz,
Die Krähe flog auf mit heis'rem Gekrächz.
* *
Trüb war der Himmel und grau die Welt,
Unter der Weide ruht still ein Held.


26. 2. 1917


Heimweh

Still im Sommermond, wenn alles blühet,
Süße Blütendüfte mich umweb'n,
Möcht' ich, wo der flücht'ge Vogel ziehet,
In die weite, blaue Ferne seh'n.

Und wenn wilde Herbstesstürme rauschen,
Bunt sich färben draußen Flur und Hain,
Will ich, wenn die Bäume »Abschied« plauschen,
Baden mich im gold'nen Sonnenschein.

Herrscht der Winter starr in Flur und Halde,
Glitzert allerorten Schnee und Eis,
Werd' ich friedlich lächeln »balde, balde«,
Abschied nehmen für die Winterreis'.

Und im Lenz, wenn alles neu erstehet
Und die ersten, weißen Blumen blüh'n,
Gold'nes Leuchten um die Knospen wehet,
Möcht' ich selig-still von hinnen zieh'n. –


21. 4. 1917



Gottvertrauen

Mag's kommen, wie's will,
Ich werd' nicht klagen,
Ob gut, ob schlecht,
Will nicht verzagen.
Auch mich hat der Vater
In seiner Hut,
Auf ihn vertrau' ich,
Er macht es gut.

* * *

Er nährt den Sperling,
Gibt Lilien ihr Kleid,
Läßt ohn' sein Wissen
Geschehen kein Leid.
Drum gehe zu ihm ich,
Klag' ihm meine Not,
Denn er ist der König
Von Leben und Tod.


2. 5. 1917




Lurelei

Hoch droben ragt der Felsen,
Drunt' fließt der Rhein vorbei;
Hin über Fluß und Ufer
Strömt Zaubermelodei.

Vom Abendduft umsponnen,
Sitzt drob' die Lurelei,
Kämmt ihre gold'nen Locken
Und singt ein Lied dabei.

Das klingt wohl durch die Lüfte
Und schluchzt und droht und lacht,
Bis drunt' im kleinen Nachen
Der Fischer ist erwacht.

Der sitzt und sinnt und lauschet,
Ihm wird so wohl und weh,
Er sieht nicht Fels noch Klippe,
Blickt unverwandt zur Höh'.

Das schöne Weib hoch oben,
Das beugt sich vor und winkt.
Und schöner noch als vordem
Das Zauberlied erklingt.

Der Fischer sitzt und lauschet,
Er sieht nicht Fels noch Stein,
Und über seinen Nachen
Strömt hin der grüne Rhein.

Da hatte, daß es tönte,
Die Lurelei gelacht.
Und hat nicht mehr gesungen
Bis in die tiefe Nacht.

Der Fischer liegt ertrunken
Wohl unten tief im Rhein.
Die Lurelei ist zerstoben
Im gold'nen Abendschein.


2. 5. 1917




Sonne ins Haus

Sonne ins Haus!
Sonne ins Haus!
Wie siehet da alles so goldig aus!
Leuchtende Strahlen, husch, husch, hinein,
Tanzen und zittern durchs Kämmerlein,
Über die Blumen im blinkenden Krug.
Nein, nicht in die Ecke, jetzt ist es genug.
Da sind meine Schätze, die niemand weiß,
Aber wohl sieht bei eurem Gegleiß.
Malet nur weiter mit schlanker Hand
Goldene Kringel auf Tisch und auf Wand.
Zaubert mit eurem hellblinkenden Schein
Frohsinn und Lachen zum Fenster hinein. –
Es ist ja so herrlich, so wunderbar schön,
Inmitten der gleißenden Sonne zu steh'n,
So weit zu seh'n über Wiese und Feld,
Über grünende, glänzende Gotteswelt,
Über Blumen und Blüten und Strauch und Baum
Einen duftenden, lieblichen Frühlingstraum.
Und zufrieden zu sein. – Man braucht ja nicht viel.
Sonne und Glück das ist's, was ich will. –
Sonne ins Haus!
Sonne ins Haus!
All die trüben Gedanken hinaus!
Frohsinn und Lachen und Leuchten hinein!
Wo Sonne ist, kommt das Glück schon allein.


20. 5. 1917


Frühlingsahnen

Frühlingsahnen. Durch Baum und Strauch
Zittert ein still erwartender Hauch.
Zaubert auf Knospen helleuchtendes Licht.
Siehst du es nicht?

Siehst du nicht all die erwachende Pracht,
Die ringsum sich rüstet, so still und so sacht;
Wie durch die Wolken die Sonne bricht?
Fühlst du es nicht?

Fühlst du nicht, daß auch auf Schnee und Eis
Folget der Frühling, heimlich und leis,
Daß duftendes Blühen schon ist in Sicht?
Ahnst du es nicht?

Ahnst nicht, wie Sonne und Glück und Freud'
Werden vertreiben das düsterste Leid,
Alles wird atmen in strahlendem Licht?
Freust du dich nicht?

Über die herrliche weite Welt,
Die der Vater so liebend erhält,
Menschen und Tiere, was fliegt und was kriecht?
Dankst du ihm nicht?

Dankt ihm fürs Elend, dankt ihm für Pracht,
Dankt, daß ein Vater es weise gemacht.
All ihr Geschöpfe nahe und fern:
Lobet den Herrn!


4. 6. 1917




Amsellied

Die Amsel sitzt im Lindenbaum
Und singt ihr süßes Lied,
Das wie ein stiller Frühlingstraum
Durch laue Lüfte zieht.

So klar und rein und einfach schwebt
Empor die Melodei,
All Freud' und Leid hineingewebt,
Uralt, doch ewig neu.

Säng' auch wie du so gern hinaus
Des Herzens Leid und Lust,
Hätte ich nur ein einzigmal,
O Amsel, deine Brust.


8. 6. 1917




Auf dem alten Friedhof

Halbverfall'ne Gräber, grüner Rasen;
Um die morschen Kreuze Efeu rankt und Wein.
Spinnen webten große, graue Schleier,
Hüllten Stein und Inschrift sorglich damit ein.

Lagen dort wohl schon an hundert Jahre,
Trauerweiden hielten nächtlich schweigend Wacht.
All die Risse, Sprünge auf den Malen
Hat der Zeit erbarmungslose Hand gemacht.

In der Bäume Zweigen wohnt das Ruhen.
Eines Käuzchens Ruf allein das Schweigen bricht.
Sonnenkringel, goldig helle Strahlen
Zaubern auf verfall'ne Gräber stilles Licht.

Und sie schmücken mit den Strahlenkränzen
All die Kreide, Steine, Grüfte ringsumher,
Schmücken mit den kleinen Flatterlichtern
Auch das regungslose, dunkelgrüne Meer.

Schlafet wohl, ihr toten Leiber drunten;
Sorgt kein Mensch mehr, euer Grab geschmückt zu seh'n,
Sonnenlichter werden euch umstrahlen,
Bis, wenn ihr ersteht – – sie ewig untergeh'n.


1. 7. 1917


Auf der Iburg

Auf der Iburg Kegel tiefes Dunkeln.
Starke Eichen, stolze Tannen stehen stumm.
Weiße Margaretenblumen funkeln,
Lichte Schmetterlinge flattern um und um.

's ist grad', als ob Geisterstimmen raunten
Von verlosch'nen Bränden, leisgedämpftem Sang,
Freias treuen, stoßen deutschen Dienern,
Zauberformeln, Runensprüchen, Waffenklang.

Grad', als ob die Zweige es erzählten,
Ob es sprudelte der klare Born,
Ob es in den hohen Gräsern sagten
Zueinander Ehrenpreis und Rittersporn.

Trutzig stark und ehern steh'n die Mauern
Und berichten stolz des großen Karols Ruhm,
Von den heißerfocht'nen Frankensiegen,
Von unbeugsam hartem, echten Sachsentum.

Und das Kreuz reckt schweigend seine Arme,
Christentums erstes Blüh'n ist hier gescheh'n.
Andachtsvoll rauscht's in den dunklen Bäumen . . .
Stumm und vollen Bebens will ich wieder geh'n.

8. 7. 1917


Sonnenregen

Gold'ner Regen, Flimmern, Leuchten, Blitzen.
Sonnenglanz taut nieder auf die Erde.
Küßt die keuschen Blüten, grüne Blätter,
Spricht zu Schüchtern leisen Keimen macht'ges: Werde!

Sonnenregen, volles, frohes Lachen,
Hüllest Flur und Feld in klare Scheine.
Schenkst der Ros' zum Purpur güld'ne Spangen,
Krönst mit edlem Reif die Lilie weiß, die reine.

Kommst geradewegs aus off'nem Himmel,
Wo um Blüten gold'ne Lichter wehen,
Taust wie Glück herab auf dunkle Erde. –
Könnt' ich immer doch im Sonnenregen stehen!


8. 7. 1917



Tyroler Liedel

Gestern hat's regnet, und heute ist's kalt,
Und morgen scheint wieder d' Sonn',
Die kummat halt langsam no hinterdrein.
Ju huu! was ist das für Wonn'!

Gestern war i traurig und heute betrübt,
Und morgen vertanz i mei Leid;
Da tanz i 's für gestern und heut' wieder gut.
Ju huu! Was han i für Freud'!! –


8. 7. 1917




Pechvogel

I hab' a Hunderl g'halte, das ist fortgange,
Hab' a Vögerl g'habt, das hat d' Katz g'fange,
Hab' a Blümerl g'habt, das ließ bald 's Köpferl hange,
Wollt a Kind mal Streicheln, dem tat's vor mir bange.

Hab' a Glas g'habt, das ist in Stücke g'sprunge,
Hab' 'nem Lied g'lauscht, ma hat's nit ausg'sunge,
Hab' a Werk versucht, das ist mir nie g'lunge,
– Wollt' das Glück festhalte, – da war's scho verklunge.


8. 7. 1917




Abend

Letzte Sonnenstrahlen streichen noch über den Wald,
Winken noch Abschiedsgrüße – Nacht senkt sich schon bald.

Goldene Schleier breiten sich weit über Flur und Feld,
Schmücken mit duftigem Kranze ringsum die müde Welt.

Rosig umleuchtete Wolken schweben so zart und rein
Über dem Horizonte im sinkenden Abendschein.

Und in goldenem Glanze – bis an des Blickes Saum
Spannt sich unbeweglich der schweigende Himmelsraum.

Nächtliche Sommerträume durchdämmern die Wälder so grau,
In leuchtenden Kelchen der Lilien perlet der blitzende Tau.

Feierabend voll Frieden senket sich erdenwärts,
Seliger Feierabend wird es im Menschenherz.

In wiegende Zweige geducket schlummert der Vöglein Chor,
Keiner der fröhlichen Sänger flattert noch schmetternd empor.

Nur einer Nachtigall Klagen – ein heiliges Abendlied –
Wie singende Harfenklänge über die Felder zieht.


12. 7. 1917




Abendlied

Die Wolken ziehen, mit Rosen umwunden,
In Abendstunden.

Die Sonne reichet der Tiefe die Hände,
Ihr Werk ist zu Ende.

Im Abendfrieden die Vögel schweigen,
Die Blumen sich neigen.

Es badet im Glanze die Seele des Müden
Und findet Frieden.

Der Herrgott spricht in der Lüfte Regen
Den Abendsegen.

Und Wolken ziehen, mit Rosen beladen,
Zu fernen Gestaden.


17. 7. 1917




Träume

Ich weiß nicht . . . oft liegt's mir seltsam im Sinn
. . . Ob ich wohl auch ein Dichterling bin? . . . –
Hätte so gern mal ein Märlein gemacht
Mit Königshallen voll strahlender Pracht,
Mit Kobold und Zwergen und Nixen und Fex
Und dem Zaubergespinst einer alten Hex',
Mit weißen Schwänen auf silbernem Teich
Und Singen und Klingen im Elfenreich,
Wo's Düfte regnet und Rosen schneit
Und die Prinzessin den Königssohn freit
Und bald aus der Wiege ein Prinzchen lacht. . . .
– – –
Ich hatte so gern mal ein Märlein gemacht.


2. 9. 1917




Röslein

Röslein klein, Röslein fein.
Mein sollst sein, – ganz allein.
Will dich pflegen und warten
In meines Herzens Garten,
Will mit Freude dich tränken,
All meine Liebe dir schenken,
Stets dich halten in treuer Hut,
Nur – sei mir gut.


XI. 1917




»Vöglein im Baum . . .«

Vöglein im Baum
Nickt wie im Traum . . .
»Sag' mir, wann wird es Mai,
Sag' doch, wann Lenz es sei!
Da 's Dirnderl ging von mir,
Sagt' sie beim Baume hier:
– Wenn wieder Veilchen blüh'n,
Wenn wieder Vögel zieh'n,
Bin ich bei dir. –
Vögerl, hast wohl gehört,
Was mir der Lenz beschert?
Wenn wieder Sonne lacht,
Wenn wieder Frühlingspracht,
Bin ich bei ihr.«

Lenz kam und ging.
Hell schlug der Fink:
»Alles ist längst bereit,
Nur noch das Dirnderl weit.
Wann zieht die Braut denn ein?
Möcht' gerne Zaungast sein . . . «
»Finklein im Baume hoch,
Magst du wohl scherzen noch,
Wo's Dirnderl tot?
Liegt unter grünem Klee,
Liegt unter Rosenschnee;
Hört mich und sieht mich nicht,
Ob mir mein Herz auch bricht
In bittrer Not.«


12. 11. 1917




»Mein Schätzle . . .«

Mein Schätzle ist furt geahn
Wohl weit weg ins Tal.
Was soll i nur machen, –
's ist allens halt egal.

Seit's Dirnderle furt is,
Is allens so trüb.
Nur bei mir im Herzen
Da leuchtet die Lieb'.

Möcht auch wohl ins Tal geh'n,
Einmal 's Dirnderl seh'n.
Dann wird's wohl – das denk i –
Ein Woch wieder geh'n.


12. 11. 1917




Weihnachtsstimmung

Neuschnee liegt draußen, so weit, wie du siehst,
So weiß und so festlich und rein;
Und drüber goldklar und lachend hell
Der glänzende Sonnenschein.

Ein märchenhaft strahlender Wintertraum
Ums Häuschen, so weit wie dein Blick;
Und drinnen, – nein, Träumen kann das nicht sein –
Und drinnen das Glück, – das Glück.

So rein wie der Schnee, goldhell wie das Licht,
Kam's lächelnd zu mir herein.
So glücklich, – so glücklich wie heute ich bin,
So möchte wohl immer ich sein!


25. 12. 1917




»Ich träumte einst . . .«

Ich träumte einst gar wundersel'gen Traum . . .:
Voll Sonne war der weite Erdenraum,
Und leuchtend blau dehnt' sich das Himmelszelt
Ob sommerfroher, sonnenheller Welt. –
Ich saß auf blum'gem Rain am Waldesrand
Und hatte Blütenstern' in Haar und Hand;
Drum webte gold'nen Glanz der Sonnenschein.–
Ich wartete und sah ins Licht hinein –
Und lauschte . . . lauschte wie in sel'gem Traum.
Ein Vöglein saß versteckt im Lindenbaum,
Das sang so wonnesam und glockenrein
Von süßer Freud' und stillem Glücklichsein. –
Ein lieblich Klingen war's, das mich gebannt.
Wie Harfenspiel von weißer Feenhand,
Und spann mich ein – und ließ mich nimmer los.–
Als ich mich bückt', lag mir das Glück im Schoß.–
Ich schloß das Aug' vor wunderheller Pracht
Und griff danach. – Da bin ich aufgewacht.
– – – – Nun sehn' ich mich und wart' und weine still,
Ob nicht das Glück noch einmal kommen will . . .


3. 2. 1918




Irrlicht

Mußt dem Glück nicht trauen,
's ist ja rund.
Heiß war mancher Schwur,
Mancher Mund;
Und vergaß doch bald,
Was er sagt'.
Hat nach Bitt' und Leid
Nichts gefragt.

Bist du glücklich west
Kurze Zeit,
Lache nicht so laut,
's kommt auch Leid.
Glück ist Irrlicht nur,
Geiler Glast,
Und zerfliegt, zerstiebt,
Wenn du's faßt.


4. 4. 1918




Lied im Lenz

Ein Vöglein sang zur Maienzeit
Sein Lied vor meinem Haus
Und schmettert' all sein Freud' und Leid
In weite Welt hinaus.

Und wie es sang von Maiengrün
Und knospenfrischer Welt,
Da hätt' ich für des Vögleins Kehl'
Gegeben all mein Geld.

Und hatte auch so gern, so gern
In lauer Lenzespracht
Ganz ausgesungen mal mein Herz,
Es frei und froh gemacht.

Um aufzunehmen all das Licht,
Das draußen wuchs und schien,
So warm und weich wie Sonnenschein,
So lind wie Knospengrün.

Und wie das Vöglein sang und sang
Von Lenz und jungem Glück, –
Da wurde gar – weiß selbst nicht, wie –
Auf einmal trüb mein Blick.

Hab' mich so recht mal ausgeweint,
Wie ich so lauscht' und sann,
Daß ich das Glück, das draußen lacht,
All gar nicht fassen kann. –

Das Vöglein draußen hob den Kopf,
Als trank' es Sonnenschein
Und flog davon – so weit . . . so weit . . .
Und ließ mich ganz allein . . .

Seit jener Stund', du Vöglein traut, –
Wird mir so wohl, – so weh, –
Wenn ich da drauß' in gold'nem Glanz
Das Glück so herrlich seh' . . .


5. 4. 1918




Frühlingsfrost

Meine Blümlein blühten im Garten schön;
Es war eine Lust, sie anzuseh'n.
Da kam der böse Reif über Nacht
Und hat ihnen allen den Tod gebracht. –
– Die Blumen weiß und die Blüten rot –
– In meinem Garten ist alles tot.

Ich dachte, ich hätte das Glück gebannt,
Und glaubte es sicher in meiner Hand.
Da hat eine einige böse Nacht
All Hoffnungsblüten zu nichte gemacht. –
– Die Sterne weiß und die Rosen rot –
In meinem Herzen sind alle tot. . . .


19. 4. 1918




Meinem Schwesterlein

Sie sagen all, ich hätt' in meinen Versen
Nicht Platz für dich, mein kleines Schwesterlein,
Und hätt' von allen meinen vielen Liedern
Keins dir geweiht – und wär' es noch so klein.

Bedarf es zwischen uns denn schöner Worte?
Wenn ich dich liebend heb' auf meinen Arm
Und fühl dein Herzlein laut und lustig schlagen
Und deine Wang' an meiner weich und warm.

Und wenn du, deine mollig runden Ärmchen
Fest um mich schlingend, meine Stirne küßt,
Hab' ich dir wohl ganz leis einmal verraten,
Daß du mein Liebling und mein Alles bist.

Und küßte zärtlich deine kleinen Hände
Und trank aus deinen Augen helles Licht
Und wollt' dich warm in meine Liebe hüllen; –
Doch sagen – singen kann ich all das nicht. –

Und hab' ich auch, wie sie mir alle sagen,
Noch nie mit einem Verslein dich bedacht, –
Was tut es? – hab' ich doch zu allen Zeiten
Ein Herz voll Lieb' und Treue dir gebracht.


2. 5. 1918



Abendstimmung

Nun wird es Nacht – der Sonne letztes Strahlengold
Verwehte rosenrot im Himmelsraum
Und ließ mir nichts zurück als abendsüßen Duft
Und einen seltsam weichen, wirren Traum.

Ich lausch' in meinen blütenschweren Rosenhag
Und sinn', wie ich's als Kind so oft getan. –
– Wie droben doch die alte Geige tönt und singt, – –
So wund. . . . »Und nun ade, mein lieber Schwan – –.«

Die hohe Lilie steht so rein und klar im Tau
Wie eine weiße, perlgeschmückte Braut;
Sie duftet gar zu stark und süß – und tut mir weh – –
. . . Ich bin so müd', – so müde, Mutter traut. . . .


26. 5. 1918




Wenn ich einen Menschen liebe . . .

Wenn ich einen Menschen liebe,
Kann ich's nimmer, nimmer sagen;
Muß es für mich süß und tief,
Heimelich im Herzen tragen.

Und das Bild, das darin thronet,
Treu, wie einen Altar pflegen,
All mein Denken, all mein Sinnen
Still zu seinen Füßen legen.


15. 7. 1918




Sommer

Ich lag gar froh am Strande
In Blumen und in Klee.
Leis weht' ein zitt'rig Lüftchen
Herüber von der See.

Tiefblauend stand der Himmel
Ob sommerlichem Land –
So weit konnt' ich ihn sehen
Bis an der Erde Rand.

Und lieblich hingen drinnen,
Voll Duft und schneeig rein,
Verlor'ne Wolkenfetzchen
Und zarte Schleierlein.

Ich lag mit off'nen Augen
In Blumen und in Klee,
Träumt' in den hohen Himmel
Und lauscht' dem Plätschersee;

Und schaute, wie im Äther
Ein lichtes Wölkchen zog,
Das wie ein Duft verwehte
Und wie ein Hauch verflog.

Und gar nichts blieb, als Sonne
In weiter, blauer Höh'
Und Gold- und Silberfunken
Im Wellenspiel der See,

Und sommerhelle Erde
Und sonnenklarer Tag
Und dunkelgrüne Wälder
Und Lerchensang im Hag.

Und jauchzend mußt' ich denken –
Und dehnt' die Arme weit –:
»O könnte ich dich halten,
Du gold'ne Herrlichkeit!«


28. 7. 1918




Der Sturm

Es tobt und braust durch Wald und Feld
Und singt und klingt in Busch und Baum
Und fährt und fliegt durch alle Welt,
Durchmißt im Nu den Himmelsraum.

Das ist der Sturm, – das ist der Sturm,
Der wild durch alle Lande staust,
Das ist der ries'ge Wandersmann,
Der rastlos durch die Welten braust.

Nichts ist so stolz und stark und frei,
Nichts ist so königlich und hehr.
Kein andrer fliegt um Alpenhöh'n,
Kein andrer peitscht das tiefste Meer.

Das ist der Sturm. Der tönt und spielt
Und singt gewalt'ge Melodei
Und reißt dich jauchzend mit sich fort
Und macht dich stolz und stark und frei.

O nimm mich mit auf deinem Zug,
Du Wandersmann, ohn' Rast und Ruh',
O spiel' und sing mir deinen Sang,
Du weltgewalt'ger Sänger du!

Und mach' mich stolz und stark und groß,
Mich armen, schwachen Erdenwurm,
Und lehr' mich jauchzen froh und frei
Das Lied vom Sturm, – das Lied vom Sturm!


4. 8. 1918




Am Waldsee

Nun leg' den Finger auf den Mund
Und folg' mir still und leis.
Tief drinn im Wald für dich und mich
Gar Liebliches ich weiß.

Ein wunderstiller blauer See
Liegt dort im kühlen Grund;
Und bist du je vom Alltag krank,
Dort wirst du bald gesund.

Die Buch' und Birken stehen dicht
Bis an des Sees Saum
Und beugen leis sich drüber hin
Und lauschen seinem Traum.

Und wunderweiße Rosenpracht
Blüht hell und keusch am Rand,
So reglos traumverloren, wie
Noch nimmer ich sie fand.

Und tiefe, tiefe Heimlichkeit
Wogt rings um Busch und Baum
Und spinnt dich ein und zieht dich fort
In einen süßen Traum.

Und stehst du dort am stillen See
Und bist du stumm und weich,
So macht das Kleinod süß und rein
Glückselig dich und reich.

Ein zaub'risch Klingen klar und hell
Hörst du durchs Herz dir zieh'n,
Als müßte dort im grünen Grund
Die blaue Blume blüh'n.

Nun leg' den Finger auf den Mund
Und folg' mir still und leis.
Tief drinn im Wald für dich und mich
Gar Liebliches ich weiß.


5. 8. 1918




Drei Lieder

Ob du wohl jemals wieder zu mir kommst?
Da gehst du hin so stolz und kalt und schön,
Zertrittst mein heißes, heißes junges Herz,
Das dich allein, nur immer dich geseh'n.
Ich hab' dich stets so treu und wahr geliebt,
Wenn ich dir's auch nicht immer laut gesagt;
Hab' niemals lang bedacht, was du mir tatst,
Nach einem schnellen Worte nichts gefragt.
Da gehst du hin und läßt mich ganz allein –
So einsam – ach – für manchen langen Tag.
Ob du's wohl bös gemeint? Nahmst ja
Die weiße Rose mit, die ich dir brach.

* * *

So lang du bei mir warst, klang wohl
Ein Lied bei Tag und Nacht.
Das hat, gar wundersüß und traut,
Mir Glück und Fried' gebracht.
Doch seit du von mir gangen bist
Vernehm' ich's nimmermehr,
Und all die weite, breite Welt
Ist freud- und liebeleer.

* * *

So gib mir deine Hand und führ' mich gut,
Da wir nun endlich – endlich uns gefunden.
Wir wollen immerdar zusammengeh'n
In starker Treu und innig fest verbunden,
Und alles, alles, was du mir getan,
Das soll begraben und vergessen werden.
Nur hab' mich auch ein kleines bißchen lieb
Und laß mich nimmermehr allein auf Erden . . .


7. 8. 1918




Briefe

Ein ganzes Kästchen hab' ich voll von Briefen,
Die Menschen mir gesendet, die mich liebten,
Und die ich lieb' mit immer gleicher Treue.
So oft, wenn's dämmert, nehm' ich diese Blätter
Und les' sie leis und innig Wort für Wort
Und denke derer, die sie einst geschrieben
Und deren Hände auch einmal hier glitten,
Wie's meine tun mit schüchtern leisem Kosen. –
Wie solche Blätter doch erzählen können
Von längst entschwundenen – ach – so schönen Zeiten,
Von manchem dämmertrauten Plauderstündchen,
Da linde Worte durch das Zimmer flogen
Und unsre Hände innigfest sich fanden. –
Und wie wir immerdar uns treu geblieben,
Auch als sich unsre Augen nicht mehr trafen.
Doch ach, es sind nur tote, kalte Blätter
Und können nie den Menschen mir ersetzen,
Wenn Sie auch seine eigne Sprache sprechen.


14. 8. 1918




Zukunftsgedanken

Wenn traute Dämmerstunde
Rings graue Schatten spinnt
Und um die roten Giebel
Die Sonne sinkend rinnt,

Wenn Abendglockenklingen
Wohl durch die Lüfte schwebt
Und aus der Vöglein Kehle
Ein letztes Klingen bebt,

Dann sitz' ich gar so gerne
Am Fenster ganz allein,
Denk' an die künft'gen Zeiten
Und träume mich hinein.

Welch krause Schicksalsfäden
Das Leben wohl noch flicht?
Ob dunkle Schatten winken,
Ob goldig glücklich Licht?

Und ob ich, was da komme,
Auch richtig fass' und trag',
Und ob ich nie versage,
Wenn noch so schwer der Tag?

Dann glaub' ich, daß der Frohsinn
Mir niemals wird geraubt,
Weil ich – war's noch so finster –
Stets fest ans Glück geglaubt.

Und wenn des Lebens Wege
Auch noch so steinig sind,
Will frohgemut sie wandern:
Bin doch ein Sonntagskind.

Und sinkt die Dämmerstunde
Und kommt die stille Macht,
Dann wart' ich froh auf morgen,
Ob's mich wohl glücklich macht.


16. 8. 1918




Wenn Schwesterlein lacht . . .

Wenn Schwesterlein lacht,
Wie lieblich das klingt!
Als ob hoch im Himmel
Ein Engelein singt,

Als schmettert' voll Freude
Ein Waldvögelein
In Blühen und Duften
Und Sonne hinein.

Gar tief tönt ins Herz mir
Die klingende Pracht.
Werd' selbst immer fröhlich,
Wenn Schwesterlein lacht.

O jauchze nur immer
Mit lieblichem Klang.
Gott geb', daß du lachest
Dein Leben lang.


16. 8. 1918




Herbststimmungen

Kommt der Herbst mit bitterkalten Tagen,
Rauhen Winden und mit Nebelwänden,
Stunden, die wie müde Kranke schleichen
Und wie Schatten tief im Dunkel enden.

Und dann ächzt und klagt im öden Felde
Nächtlich oft ein Lied durch alte Weiden,
Singt, wie wild der Herbststurm sie zerzauste,
Und von Lieb und Leben – und von Scheiden. . . .

Und die Tropfen fallen . . . fallen . . . fallen – –
Wie im Takt zum wilden Windeswehen
Und die grauen Schatten flüstern leise
Wohl von Licht und Nimmerwiedersehen. . . .

* * *

Nun bleibe stark und treu und froh,
Nun, da der Sommer nicht mehr lebt,
Da keine Sonne dir mehr scheint
Und Winter finst're Schatten webt.

Nun schütz' dein Licht im Herzen tief,
Das gegen alle Nacht dich feit.
Kopf hoch! nun gilt's! Hüt' deinen Lenz
In dir, – wenn drauß' auch Winterszeit.

* * *
So stirbt der Sommer in Glut und Glast . . .
In Gold und Rot leuchten Flur und Feld;
Tief steht die Sonne am Waldessaum,
Und Herbstesahnen weht durch die Welt.

Ein Vöglein zwitschert ganz leis und lind
Dem sinkenden Sommer sein letztes Ade.
So müd und matt klingt die kleine Stimm'
Und bebt und bricht ihm vor Leid und Weh.

* * *

Noch einmal möcht' ich wandernd zieh'n
Durch herbstlich gold'nen Wald
Leis sinkt jetzt schon das letzte Laub,
Nun wird es Winter bald.

Möcht' noch die Sonne sinken seh'n
In rosenroter Pracht,
Daß Sommerglanz und Sonnenlicht
Mir strahl' durch Wintersnacht.

* * *

Herbstessturm. In Busch und Baum
Trübes Nebelwehen. . . .
Durch die totenstarre Welt
Graue Schatten gehen.

Singt kein Vöglein mehr sein Lied,
Kahl sind Busch und Bäume.
Tief im Herzen blieben nur
Süße Sommerträume.

Kann es tragen, wie es kommt,
Seh' es sonder Schmerzen;
Ist's auch draußen herbstlich trüb:
Hab' ja Sonn' im Herzen.


IX./X. 1918



Mein Schwesterlein schlief beim Spielen ein

Mein Schwesterlein schlief beim Spielen ein
Meint' eben noch: »Mausi ist müd!«
Wie fest sie die Äuglein doch zugemacht,
Und wie ihr Gedichtchen glüht!

Das Bilderbuch glitt aus den Händchen ihr sacht,
Ich glaube, sie merkte es kaum.
Sie wandte das Köpfchen zur anderen Seit'
Und lachte nur leise im Traum.

Was jetzt sie wohl sieht, und was sie wohl tut
In wunderlieblicher Ruh'?
Meint wohl, sie wacht' bei Schneewittchens Sarg,
Fänd' Aschenbrödelchens Schuh;

Sie würde mit Rotkäppchens Großmama,
Mit Hänsel und Gretel bekannt
Und weilte auf Dornröschens Wiegenfest
Im duftenden Märchenland.

Im Puppenhimmelbett schläft's sich wohl gut,
Du kleines Prinzeßchen, du?
Das Puppenkind sieht gar erstaunt dich an
Und denkt sich das sein'ge dazu.

Ja, wenn ich ein großer Maler wär',
Dann malt' ich mein Schwesterlein schnell
Im rosigen Bettchen, mit bloßen Füß',
Im Röckchen von lichtem Flanell.

Den Ball und das Buch und das Püppchen im Arm,
Und wie man im Traume lacht,
Das hätt' ich, so schön ich es eben könnt',
Mit Jubel darauf gebracht.

Dein Mütterlein kam, das dich nicht mehr gehört,
Besorgt, wo Prinzeßchen wohl steck',
Da wurdest du wach, schaut'st verschlafen uns an
Und lachtest: »Hildchen war weg!«


19. 10. 1918




Einer Toten

Wie eine Blume, die zum Schlaf sich senket,
So schloß sich heut dein Aug' zur ew'gen Ruh'.
Rings blühten lichte Blumen um dein Lager,
Und gold'ne Sonne deckte warm dich zu.

Schutzengelfest! – Wie hell die Glocken klangen
Und hießen froh dich und voll Hoffnung sein.
Da küßte dich voll Lieb' dein heil'ger Engel,
Und still in seinen Armen schliefst du ein.

Wie eine Kerze langsam sich verzehret,
Wie eine weiße Wolke wohl verweht,
So gingst du fort, – ein Leuchten tief im Herzen
Und auf den Lippen noch ein letzt' Gebet.

So will ich still sein und will nicht mehr klagen;
Für dich ist Glück, was mich so grausam traf. –
Wie still du liegst – und wie du leis noch lächelst,
Als wär' der Tod nur tiefer, tiefer Schlaf. –

Begleit' voll Liebe mich durchs Erdenleben,
Gedenke mein in deiner sel'gen Ruh'.–
Und bitt' für mich, die ich dich nie vergesse, –
Warst ja mein Glück, – mein einz'ger Liebling du . . .


1. 11. 1918




Totenlieder

Laßt mich schlafen . . . laßt mich schlafen . . .
Bin so matt und müd. –
Hört ihr's, wie ein süßes Singen
Durch den Garten zieht?
Aus der gold'nen Sonne sprühen
Funken hell empor,
Wie Sie tanzen! . . . und jetzt ist es
Wie ein offnes Tor. . . .
Jemand hat mich leis geküsset,
Herrlich anzuseh'n . . .
Lebe wohl, . . . leb' wohl, o Mutter,
Ich muß schlafen geh'n. . . .

* * *

Wein' nicht so laut, du störst sonst ihre Ruh'!
Mit diesen deinen Blumen deck' sie zu,
Und küsse leis noch einmal ihren Mund,
Der dein gedacht selbst in der letzten Stund'.
Heut morgen hat sie noch nach dir gefragt
Und innig still »Ich hab' sie lieb« gesagt.

* * *

Kann dir nichts zulieb' mehr tun,
Kann dir nichts mehr sagen;
Will nur duft'ge Blütenpracht
An dein Lager tragen.
Liebtest, ach, die Rosen so,
Als du noch auf Erden;

Rosen sollen nun, mein Lieb,
Letzte Zier dir werden.
Gieße über dein Gewand
Weißen Rosensegen,
Will nur auf dein stummes Herz
Eine rote legen.

* * *

Hoch einmal nur, mein Liebling, schau' mich an
Mit deinen Augen, die so froh stets lachten,
Bis daß der tiefste Schlaf darauf sich senkte
Und Engel dich empor zum Vater brachten.

Nun wirst du nie mehr mir ins Auge seh'n,
Kann nie ein trautes Wort von dir mehr hören. –
Wie gern ich deine Stirn noch einmal küßt'!
Doch nein, – will deine tiefe Ruh' nicht stören.

* * *

Etwas von dir nehm' ich mir mit,
Da dich der Tod mir raubt.
's ist eine Locke, seidenweich,
Von deinem teuren Haupt.
Und wenn ich drüber streich, ist's mir,
Als wärst du wieder mein,
Als lehnt' dein Haupt an meiner Brust –
Und bin doch so allein. . . .

* * *

Nun liegst du drauß' in stummer Nacht
So einsam und allein. . . .
O könnt', o könnt' ich bei dir sein
Und halten Totenwacht!
Und hüllt die Nacht mich schaurig ein,
Kein Laut klingt weit und breit, –
Ich fürcht' mich nicht an deiner Seit',
Ich ließ' dich nicht allein.

* * *

So schlafe, so schlafe, mein süßes Herz,
Wohl tief im kühlen Grab . . .
All meine so selige, traute Lieb'
Senkt' ich mit dir hinab.

Sei Freund mir und Engel und gib mir treu
Durchs Leben das Geleit,
Bis ich einst im Himmel dich wiederfind'
Für alle Ewigkeit!


5. 11. 1918



Vergebliches Warten

Hab' auf dich gewartet
Wohl Wochen und Tag!
In Blust und in Blüten
Prangte mein Hag.

Dann wurde es Sommer
Mit Jubel und Pracht;
Hat all seine Rosen –
Nur dich nicht – gebracht.

Und Herbst wurd' es draußen. –
Still harrte ich dein.
Und um meine Fenster
Schon welkte der Wein.

Jetzt weinen die Winde;
Mein Gärtlein steht leer . .
Und Winter ist's worden . . .
Nun wart' ich nicht mehr.


14. 11. 1918



In kranken Tagen

Ich sehe jeden Morgens goldig helles Licht,
Des Abendrots allmählich still verglühen,
Ich lieg' und lausch' und hör' auf leisen Sohlen sacht
Den müden Tag durch meine Kammer zieh'n.

* * *

Draußen tanzen dicht die ersten Flocken;
Weicher, weißer Samt hüllt alles ein.
Könnt' ich doch wie andre lustig spielen,
Auch mal wieder frisch und fröhlich sein!
Lichte Blumen brachten gute Hände;
Doch wird's stets mir weh, wenn ich sie seh',
Gäbe ja so gern all meine Blüten,
Ständ' ich einmal jauchzend drauß' im Schnee.

* * *

Heut' läßt sogar die Sonne mich allein,
Die sonst so fröhlich in mein Zimmer lachte
Und mir von all dem goldenen Glanz da draußen
Ein Lichtlein in mein krankes Herze brachte.
Nur düst're Wolkenwände seh' ich wallen,
Die graue Schatten um mein Lager weben,
Und wünsche mir doch jetzt noch mehr als früher
Ein Fünklein Sonne in mein stilles Leben.

* * *
Geh'n die ersten Schatten durch mein Zimmer sacht,
Heimlich leise flüsternd von der nahen Nacht,
Tritt ein stiller Engel an mein Lager dicht,
Legt zwei kühle Hände auf mein Angesicht;
Deckt mit seinen Schwingen weich und warm mich zu,
Singt mit süßen Weisen nächtens mich zur Ruh'.
Über seine Stirne flirrend Mondlicht geht,
Bis beim Morgendämmern er im Licht verweht.

* * *

Malet des Abends vergehendes Licht
Goldig des Himmelsdoms Räume,
Bin ich so gerne, so gerne allein,
Schließe die Augen und träume.

* * *

Bis ich wieder aufgestanden,
Werden drauß' die Veilchen blühen,
Und am frühlingsblauen Himmel
Schon die ersten Schwalben ziehen.
Jauchzend werd' ich meine Arme
Breiten all der Pracht auf Erden,
Und an Licht und Lenzeslächeln
Möcht' gesund ich wieder werden.