ngiyaw-eBooks Home


Walter Petry – Die dadaistische Korruption

Klarstellung eines erledigten Philosophieversuches

Herausgegeben im Auftrage der Liga zur Bekämpfung des Dadaismus, Leon Hirsch Verlag, 1920

Einleitung.

Von einer dadaistischen Korruption zu sprechen ist Pleonasmus. Dadaismus ist Korruption an sich. Und eine durch Umstände bedingte, aktuelle, wahrhaft zeitgenössische Korruption. Es ist ein alter Fehler, Sensationen die keine mehr sind und krampfhaft bemüht sind, durch Herausstellungen ihrer Unidee dies zu beweisen, noch vom Ich aus eine Beachtung zu schenken. Alle Gebärden verflachen an Monotonie. Je rigoroser sie sind, desto schneller. Der Dadaismus ist keine Sache, gegen die zu kämpfen wäre, er fordert nicht dazu heraus; er ist keine Philosophie, keine Epoche, nicht einmal Uebergang, er ist eine aufgemachte, verschmückte, liebgemachte Atrappe, die nicht einmal neu ist. Ein Pamphlet wäre Beweis einer Wichtigkeitserklärung, der über die Dinge hinausführt. Man nehme diese Schrift nicht als oppositionelle Streithymne, nicht als mit dem Brustton beleidigter Ueberzeugung gesprochene Kriegserklärung, lediglich als Entwirrung von Fäden, die einigen Dadaisten selbst willkommen sein könnten, denn wer hätte Zeit Dadaist zu sein und noch nachzudenken was Dadaismus bedeutet? Der Zeitpunkt ist gekommen. Geburt mit einem analogen Akt abzuschließen. Man geht an diese Grabrede mit einigem Bedauern, ein Amüsement harmloser Natur zersetzen zu müssen

Der Verfasser.


I.


Wenn es versucht wird, Uebergänge aufzuzeigen, so nur zu dem Zweck, anzudeuten, was Dadaismus hätte sein können, was er ist. Sie haben eine Vertiefung und damit eine Verlängerung ihrer Lebensdauer unterlassen, ihr Oberflächengenie ist eine Plakattierung bankrottierten Geistes.

Wir haben in Jakob van Hoddis, in Ferdinand Hardekopf Anfänge eines hinweisenden, künstlerischen Prozesses, der mit »Dadaismus« zum Teil gedeckt wäre. Jakob van Hoddis, ein entwickeltes, kultiviertes Talent mit viel Schamhaftigkeit. Seine Art, Dinge zu sagen, sie zu gestalten, analysiert eigenes Bemühen, ein Gefühl in Ironie zu travestieren. Sein Pathos bricht auf dem Wege der Steigerung und belächelt sich. Seine Aufrichtigkeit wird zur Grimasse. Sein Idealismus zum Skeptizismus. Er sitzt auf den Trümmern selbstzerschlagener Hoffnungen, zeigt mit dem Finger darauf und singt Couplets. Er ist immerhin noch kein Dadaist, er hätte es werden können. Er zog es vor verrückt zu werden, offiziell; nicht mit dem Siegtrotz, auch daraus noch ein Geschäft zu statuieren, er war ein Wegweiser; er zeigte ihn konsequent.

Ferdinand Hardekopf ist zu sehr Westeuropäer, zu wenig Deutscher, um dadaistische Geschmacklosigkeit mitzutun. Sein Stil ist nicht der des dadaistischen Manifestes. Seine Dekadenz begnügt sich, selbst davon durchdrungen zu sein; andere Mitmenschen pauken- und trompetenweise darauf hinzulenken, stößt ihn ab. Hat er auch die Eigenschaft ein Literat zu sein, ist es doch der Literat. Seine Produktivität ist zwar über Reinhardbühne und Opernhäuser hinaus, er schreibt aber nur Kritiken über Zirkus und Variêtè, er macht es nicht (und er schreibt sie geistreich). Ein Clown gilt zwar auch, ihm mehr, als Herr Alexander Moissi, der eine weiß was er ist, der andere nicht, aber warum sollte Ferdinand Hardekopf ein Clown sein, da er ja ein Künstler ist? Wie wenig Dadaisten sind das, was sie sein wollen, immer offensichtlicher scheint ihr Gesicht vor, alle verlieren sie ihre Spitzkappe und Schminke färbt ab, einer nur hat sich als echt bewiesen: wer sucht hinter dem Präsidenten etwas anderes als eben - den Präsidenten?



II.


Man sagt so schön: Dadaismus, Weltanschauung des Nihilismus, Karikatur und Charakterposse eines unwesentlichen Zeitgeschehens, einer unwesentlichen Welt. Was von allem, dieses Wort ist? Wenig mehr als eben nur dieses Substantiv, dessen Stamm Herr Huelsenbeck im Konversationslexikon fand. Immerhin ein Fund, der ihm nicht zu denken gab, wie sonst hätte daraus dies Monstrum entstehen können? Wenn man müde ist, ein Talent zu züchten, auszubilden und bei seinem Talente zu bleiben, bis man stirbt; wenn man müde ist ein Positives zu potenzieren, müde auch allzusehr ein Expressionist zu gelten, so ist es leichter fürwahr, sich neue Ideenanfänge aus dem Lexikon zu holen, warum aber nur nicht solche, die eine Idee hätten werden können? Warum dann dieses Kinderspielchen, das von Erwachsenen betrieben, nur dazu dient, ihre – Kindlichkeit evident zu erweisen? Dachte Herr Huelsenbeck im Ernste daran, den Expressionismus überwunden zu haben, für sich wenigstens; oder vergaß er, daß man nur das Recht hat, herabzusehen, wenn man selbst hoch steht? (Das Recht wohlgemerkt, nicht die Möglichkeit dazu, es zu tun. – das beweisen die Dadaisten.) Es mag sein, daß Geld verdienen schwer fällt, ein jeder hat nicht Qualitäten, dem Verhungern vorzubeugen, außerdem ist es langweilig, ist es darum berechtigt, aus einem Mangel der Natur eine Unnatur zu konstruieren und dann diese Unnatur als natürliches Gewächs auszurufen? Dadaismus war nicht vorgesehen, er war wohl vergessen worden, im Register der Variationen menschlichen Blödsinns. Man hat ihn gemacht. Will man vergessen, daß Gemachtes nicht Geschaffenes bedeutet, oder sich begnügen Macher einer Variante zu sein, – die (o, die Aermsten!) nicht einmal pekuniär die Mühe rehabilitiert? Vielleicht wäre es doch einträglicher Expressionist wie Dadaist zu sein, was gäbe es noch den Dadaismus bestehen zu lassen? Es ist wahr, man wird als Kritiker eher berühmt, denn als Künstler. Außerdem ist es leichter dies wie jenes zu sein. Aber dieser Aufwand an physischen Kräften (von psychischen nicht zu reden, sie arbeiten im Geheimen) an schweißtreibenden Drahtseilakten, an Luftsprüngen, an Parterreakrobatik, nur zum Zwecke Kriterium der Zeit zu sein? Die Schauspielkunst ist in Händen Alfred Kerrs, die bildenden Künste werden vom alten Manne Stahl liebenswürdig rezensiert, der Monarchismus erlag den Noskes (die Revolution demselben), Noske erliegt den Gardetruppen, sofern er nicht bald König sein will; Geister kompromittieren sich, dann leuchtet die Fackel, oder kompromittieren sich nicht (das ist die Fackel!) Dichtkunst und Ethik. Moral und Sittlichkeit, einige klagen sich selbst an und halten Gerichtstage, einige schreiben den Retter und sind versunken, man schreibt Tendenzdramen und speit Feuer am Jahrestage der Revolution (damals war man noch nicht so weit, jedes Ding fordert Reife), die Sezession nimmt in der Vorrede mit ihrem Altmeister langsamen Abschied von der Kunst, die Chagalls steigen im Preise, Chagall verhungert, und er wird von Nell Walden und Rudolf Bauer zu Grabe getragen; andere Künstler werden Professor und leben untereinander genossenschaftlich; es geschieht so viel, wie könnte nicht auch der Dadaismus mit unterschlüpfen? Wie könnte nicht auch dieses Früchtchen mit vielen andern unweit des Stammes verfaulen?



III.


Das alles nichts wert ist, wußte auch Herr von Goethe zeitweilig, er vergaß es und wurde darüber Minister, nun kommen andere die man längst vergessen und machen daraus den Dadaismus Man brauchte sie nur finanziell sicherzustellen, sie wären wieder das, was sie im Grunde immer blieben, Bürger. Nun soll man sie ernst nehmen, wie kann man das, da man selbst nicht mehr über sie – lachen kann? Es ist wahr, um wahrhaft ein Gesegneter des Hohnes zu sein, müßte man Morgenstern, nicht Hausmann heißen. Müßte man die Schwächen und Unnatürlichkeiten erst sehen, um sie karikieren zu können; müßte man sie überwunden haben, nicht ein Behafteter sein. Mit Gesten und einem Monokel macht man keinen Satyriker, wohl aber einen Dadaisten.


IV.


Wie schwer es fiel, Dadaismus zu dem durchzudrücken was es ist, einem Embryo mit zuviel Gliedmaßen und keinem Kopfe wollen wir anerkennen. Es mag nicht leicht sein, in diesem Lande absoluten Idiotismus zu predigen, verfügt man selbst über zwingende Beweismittel eigener Prädestination; wo schon so viel von diesem Stoffe ist, hat man das Interesse an weiterem verloren. Der Deutsche ist kein Italiener, noch weniger ein Amerikaner. Und unsere Grenzen sind bezirkt und unsere Gemütlichkeit ist ewig. Sie haben es sich sauer werden lassen, ihr Geld zu verdienen, sie haben Pauke geschlagen und sich selbst geohrfeigt wie der August in der Manege, ihre Attraktionen waren immer geräuschvoll, nicht immer interessant. Ueberdies sind sie nur zu bestimmten Zeiten Dadaisten, nebenbei noch Lyriker, Zeitungsschreiber, Kommunisten und begabte Maler. Der eine ist erblich belastet, der andere macht gern einen Ulk. Sie sind alle begabt und jeder anders. Dieser tanzt und überträgt seine Dynamik auf Malerei, der Futurist. – Der eine ist Präsident und nun erst hat er einen Daseinszweck gefunden, alle sind sie heiter, zuverlässig und treue Burschen.


V.


Vergessen wir nicht, daß noch so viele Schriften es nicht vermögen, den Dadaismus klar und rein zu belegen, wären sie selbst nicht jederzeit bereit, Aufschluß zu geben. Aber sie managen Soiréen und schonen ihre Kräfte nicht. Sie scheuen keine Geschmacklosigkeit und wollen sich später mit Paralyse entschuldigen. Das war offensichtlich und darum auch so belustigend. Im Grunde ist es schwer, ernsthaft böse zu sein. Da sagen sie, von der Abstraktion in der Malerei zum Konkreten, aber sie stellen Picabia aus. Der Erwerb steht eben doch höher, als ein gewolltes Prinzip. Auch malt Herr Grosz so gute Bilder, die er nur mit krampfhafter Mühe, indem er Lokalanzeiger daraufklebt, entwerten kann. Konsequenz ist un-dadaistisch und nicht ihre Sache. Man könnte sicherlich mit mehr organisatorischem Talent, mehr Energie, mehr Geist (um auch das anzuführen) den Dadaismus als Handelsobjekt einführen und erledigen. In Ermangelung dessen, tun sie es langsamer und erledigen ihn gründlicher. Man soll sie keiner Untat bezichtigen, sie sind keiner Größe fähig.

Man kann die Ethik, will heißen annähernd richtige Erkenntnis der Gleichgewichtsverteilung, in der heutigen Literatur, die ja auch damit nichts zu tun hat. nicht finden; in der Malerei gibt es Ethiker, denen zum Malersein nur der Maler fehlt, immerhin suchen sie mit dem Pinsel Gott näher zu kommen. Wer will auch in unserer Zeit, die mit der Diskreditierung der Kurse soviel zu tun hat, einer Diskreditierung der Seelen so viel Wichtigkeit beilegen? Ist es nicht indiskutabel, von imaginären Dingen zu sprechen? Die Dadaisten aber wären am nächsten daran; wenn auch nach Herrn Huelsenbeck allerdings »von der Ethik kein Mensch leben kann«, ist es mir immerhin eines Versuches wert zu beweisen, wie nahe sie daran sind.

Man muß auch da wiederum eine Auslese machen, einige brave Unverständige fallen nicht unter diesen Beweis. (Wir wollen damit alles tun, was in unserer Macht steht, eine nochmalige öffentliche Proklamation der eigenen Stellungnahme zum. Christentum zu verhüten!) –

Sie legitimieren ihre freie Ungebundenheit, die sie ermöglicht vor Brahman, Christus, Lao-tse, Nietzsche, mit bedecktem Haupte vorbeizudefilieren, stündlich und auch immer, wenn man es nicht hören will. Nun wird kein Mensch verlangen, bei derartigem Ungeeignetsein dieser Herren für ein Studium dieser schwierigen Komplexe, ein verständiges Urteil darüber zu hören. Man ist befriedigt, indem sie es ablehnen. (Eine reinliche Scheidung der Geister war stets erwünschte Sache, wenn sie sich selbst so genau erkennen, ist es anerkennenswert.)

Sie für völlige Kinder zu erklären, wäre dies auch ein liebenswürdiger und allzeit befriedigender Schluß, geht nicht, da es intellektuelle Kinder noch nicht gibt. Sie legen solchen Wert auf Intellektualismus, bleibe man also dabei. So ist es sicher, daß sie zumindest versucht haben, den vorhergenannten Begriffen nahe zu kommen, kein Mensch ist ja von Geburt an Dadaist, er bringt sich mit vieler Mühe dazu. So ist also Dadaismus selbsterkennendes Bekenntnis der Unmöglichkeit im genügenden Umfange Mensch zu sein; mehrere dieser Wahrheitsapostel zusammen kreierten den Dadaismus.

Eine einzige Frage bleibt noch zu tun: wer unter den Heutigen, unter dem Banner einer verleumderischen Hinterhältigkeit, einer Verstecksucht eigener Fehler und Schwächen, einer Lüge die wohlverwahrt in Tresors geschlossen wird, eines grandiosen Nichtkönnens mit scharfem Auge sich zu sehen, – wer unter uns Menschen könnte jemals in die Reihe dieser Wenigen treten, da sie den Mut fanden, das was sie sind, auch zu sein? Sie sahen sich im Spiegel, nun sind sie bemüht, für ihre Maskenlosigkeit Entree zu nehmen.

Sie steigerten sich, das Grundelement ihres Individuums hoben sie zur Sphäre des Ausgewähltseins, aus einfachen, werdenden Philistern wurden über Nacht wahrlich! – unsere Dadaisten. Sie sind Zöllner, die nicht aufhören, sich anzuklagen, mit Fingern auf das arme Hirn weisend, mit Unerbittlichkeit ihr Herz in die Sonne legend, sie beten immer und nicht einmal immer phantastisch; – wer könnte der Pharisäer sein und danken, daß er nicht ist wie diese?? –

Sie hatten den Mut, den Balken im eigenen Auge zu sehen, nun werden sie solange darauf herumspazieren, bis sie herunterfallen, wer ist also, daß er einen Stein werfe?

Und nun am Schluß dieser tragischen Epistel eine Bemerkung, ein Hinweis, ein zarter Wink gleichsam für unsere dadernden Brüder, wenn die Zeit kommt, wo sie ihre Trauerzeremonien unter freiem Himmel halten müssen (nicht aus Andrang der Zuschauer, wegen der kurzsichtigen Saalinhaber nur) und der Teller nach beendigter Vorstellung nicht einmal so voll wird, das eingefrorene Hirn genügend erwärmen zu können für neue, für geniale Inspirationen – wenn also ein entsprechender Anfang so kläglich scheitern sollte, wenn ein Ismus sie betrogen hat, wollen wir sie reformierende Landpfarrer werden lassen.

ngiyaw-eBooks Home