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Grazia Pierantoni-Mancini – Das Haus versteckt, aber verliert nichts.

Novelle

Aus: Italienische Novellisten, hrsg. Paul Heyse, 5. Band, Diese Novelle wurde von P. Dorosa übertragen, Fr. Wilh. Grunow Verlag, Leipzig, 1878



Erstes Kapitel.

In welchem die Scherben des Heiligenbildes ein Wunder wirken.

Meine geehrten Herrschaften! Ich bin von Profession ein Maurermeister, und darum wird es Ihnen vielleicht sonderbar vorkommen, daß ich die Feder ergreife, um Ihnen eine Geschichte zu erzählen; man hat mir aber gesagt, daß Niemand dies so gut vermöchte, als ich, weil ich eines Theils selbst eine große Rolle darin gespielt habe, und im Uebrigen einen sehr aufmerksamen Zuschauer dabei abgab. Und da es Abendschulen giebt, die ich fleißig besucht habe, und ich außerdem auch, Gott sei Dank, aus Toscana bin, wo die Sprache, die man schreibt, auch gesprochen wird, so sehe ich nicht ein, warum ich mich enthalten sollte, schlecht und recht meine Worte vorzubringen, um so weniger, als ich sicher bin, daß Jeder, der nur guten Willen hat, mich verstehen wird.

Das Maurerhandwerk gefällt mir, und man wird mir sagen, daß es mir wohl gefallen müsse, weil ich es zu meinem Berufe erwählt habe. Das ist aber nicht der Fall, ich habe das Handwerk in der Familie vorgefunden, denn alle meine Vorfahren haben es schon ausgeübt, und ebenso werde ich es auf meine Kinder vererben. Gewisse große Herren setzen ihren Ruhm darein, aufzuzählen, seit wie vielen Jahrhunderten man in ihrer Familie als Müßiggänger lebt, und wir Handwerker sind zufrieden, daß sich unser Gewerbe von den Vätern auf die Kinder überträgt, denn da es so durch Beispiel und Vererbung Fleisch und Blut in uns geworden ist, erlangen wir früher darin Geschicklichkeit und Anerkennung.

Aber das Alles gehört nicht hierher, denn eigentlich wollte ich erzählen, daß ich vor nicht gar langer Zeit das Einreißen einiger Gebäude zu besorgen hatte, deren Abtragung von der Florentiner Gemeinde verordnet war, um unsere gute Stadt durch eine breite Straße zu verschönern, wie Paris und London sie haben, die ich gar zu gern einmal  sehen möchte.

Also mein Handwerk gefällt mir, und es scheint mir etwas gar Schönes, große Paläste zu bauen, prächtige, dauerhafte Kirchen, Denkmäler, die unsere Kinder bewundern werden, Brunnen und Plätze, kurz, all das, was den Menschen zu einer Art Schöpfer macht. Ich bin nur ein einfacher Arbeiter, aber das Herz schlägt mir höher, wenn ich Hand an ein schönes Werk lege, wenn ich gleich auf den ersten Blick die Absicht des Baumeisters begreife und, Stein zu Stein fügend, eine schlanke Säule, oder eine kühne Wölbung emporsteigen, ein neues Capital, eine schöne Verzierung entstehen sehe; wenn es sich hingegen um ein plumpes, ungeschlachtes Gebäude ohne Stil und Geschmack handelt, wie man deren in unserer Zeit leider nur zu viele findet, geh’ ich unlustig ans Werk, und während ich trotz alledem daran arbeite, um mein Leben zu fristen, stoße ich schwere Seufzer aus und verwünsche die Leute, welche das Schöne wählen konnten und das Häßliche vorzogen.

Die unseligste Arbeit jedoch, die einem ehrlichen Maurer vorkommen kann, ist die: ein Gebäude einreißen zu müssen. Das Haus ist noch in gutem Zustande, die Mauern sind fest, die Gewölbe ohne Risse, und doch muß man Alles zerstören. Das Losbrechen der Steine klingt fast wie ein Klagelaut, die Mauern zerspringen, und die Wände der Zimmer, die durch die Zerstörung der Façade mit einem Mal blosgelegt werden, scheinen sich fast zu schämen, daß sie sich vor aller Augen zeigen und die Geheimnisse offenbaren müssen, die sie Jahrhunderte lang bewahrt haben.

Seitdem diese verwünschten Arbeiten begonnen hatten, war ich ganz unwirsch geworden: wenn meine Leute langsam arbeiteten, wagte ich nicht sie zu schelten, denn ich versetzte mich in Gedanken in die Vergangenheit, wo andere Arbeiter fröhlich und guter Dinge mit ganzer Seele an diesen Häusern bauten und sich einbildeten, wer weiß was für Wunderdinge zu schaffen. Und nun beeilten wir uns, ihre ganze Arbeit zu zerstören, ohne den unerbittlichen Zahn der Zeit abzuwarten, der leider nichts in dieser Welt verschont; und nach uns werden andere kommen, die wiederum ändern wollen, und so wird es den Kindern nicht vergönnt sein, das Haus ihrer Väter zu erhalten, und die Väter werden nicht sagen können: hier werden einst unsere Kinder wohnen. Aber dann schlug ich mir die Grillen aus dem Kopfe und bedachte, daß die menschliche Thätigkeit die Quelle des Reichthums ist, daß der Arbeiter Arbeit braucht, und daß es um so mehr für ihn zu thun giebt, je mehr Veränderungen vorgenommen werden; dann ermunterte und ermuthigte ich meine Leute durch Wort und Beispiel und stimmte zuerst die Melodie eines Volksliedes an, denn der Gesang verleiht bisweilen dem Arme mehr Kraft, und ein wenig Heiterkeit läßt einen Hitze und Müdigkeit vergessen.

An einem Sonnabend im Monat April schlug es eben 2 Uhr, und ich hatte mich niedergesetzt, da ich ein wenig müde war. Nun muß ich aber sagen, daß ich einer von Denen bin, die, sobald sie die Arbeit aus der Hand legen, zu grübeln anfangen. Am Ende der Straße ragte die große Kuppel von S. Maria del fiore in die Lüfte empor, und in solchen Umrissen, solcher Harmonie, solcher Pracht, daß sogar der blaue Himmel sie zärtlich zu umarmen schien. Ich dachte an den großen Meister, der sie ersonnen, ich dachte . . . aber ich würde nicht fertig werden, wenn ich alle meine Gedanken herzählen wollte.

Da stand plötzlich ein junger Mensch vor mir, der Lust zu haben schien, mich anzureden, und es sich nicht recht getraute. Die Maurer waren noch nicht vom Mittagsessen zurückgekehrt, und er und ich waren allein auf der ganz in Staub gehüllten, menschenleeren Straße und guckten uns an. Seinem noch sehr jugendlichen Aussehen nach konnte der Jüngling nicht viel über zwanzig Jahre zählen, seine einfache Kleidung war von etwas ungewöhnlichem Schnitt, er hatte langes, gelocktes Haar, lebhafte und glänzende schwarze Augen, und seine Wangen waren von innerer Erregung geröthet.

Herr – begann er, zog den Hut und blieb stecken.

Ich stand sogleich auf, in Erwartung, was er mir weiter sagen würde.

Herr Maurermeister, ich möchte, . . . ich möchte . . . noch einmal in das Haus hinaufsteigen, ehe es eingerissen wird.

Das ist nicht erlaubt, antwortete ich.

O bitte! Erweisen Sie mir diese Gefälligkeit, sagte er, und seine Stimme zitterte, als ob ihm das Weinen nahe wäre.

Es thut mir leid, daß ich Nein sagen muß, erwiderte ich, – und es that mir wirklich leid – aber es kann wahrhaftig nicht sein, denn es ist verboten. Wenn Sie einen Ingenieur, oder sonst Jemanden kennten, der hier etwas zu sagen hat, aber ich! . . . und sehen Sie, es ist nicht einmal mehr eine Treppe da.

Ich kenne Niemand, ich stehe allein in der Welt, sagte er tief traurig und entmuthigt. Lassen Sie mich hinauf! . . . Das Stübchen dort oben mit den blauen Wänden im dritten Stock war einst meine Wohnung.

O! . . . sagte ich und wurde ganz Ohr. Aber sehen Sie, wir haben strengen Befehl.

Lassen Sie mich hinauf! wiederholte er entschlossener und dringender. In jenem Zimmer wurde ich geboren, dort verlebte ich meine Kindheit, . . . dort sah ich vor sieben Jahren meine angebetete Mutter sterben.

Ihre Mama? Armer junger Herr! rief ich, von seinem Schmerz gerührt, der auch mir nicht fremd war. Nun meinetwegen, wenn es Sie trösten kann, so wollen wir hinaufsteigen; ich denke, Sie werden nicht schwindlig werden, und wenn meine Leute wieder zur Arbeit kommen, während wir oben sind, werde ich sagen, daß Sie ein Verwandter von mir seien. Dem Ansehen nach gehören Sie zwar zu den Vornehmen, aber in unserer Zeit ist es ja keine Schande, mit einem Handwerksmann verwandt zu sein. Sie . . .

Hier brach ich meine Rede plötzlich ab, denn ich bemerkte, daß ich in den Wind sprach. Der Jüngling, der so begierig gewesen war, hinaufzusteigen, schien jetzt, nachdem er die Erlaubniß dazu erhalten hatte, unschlüssig geworden und stand zitternd da. Endlich überwältigte ihn der Schmerz, er stützte den Arm auf die Mauer, neigte den Kopf auf die Hand und weinte, weinte, als ob er in Thränen zerfließen wollte. Die Straße war noch immer verödet, den Wagen war die Durchfahrt nicht gestattet, und Fußgänger fühlten keine Lust, durch diesen Staub zu waten; ich ging auf die Seite und ihm, so viel wie möglich, ans den Augen, denn ich weiß, daß Männer sich schämen, ihre Thränen sehen zu lassen; und sie haben Recht: ein echter Mann weint selten, aber wenn es geschieht, dann ist es eine Qual, ein Herzeleid, daß sich ein Stein erbarmen möchte.

Endlich hörte sein heftiges Schluchzen auf, und die stürmisch wogende Brust wurde ruhiger; er wandte sich nach mir um und winkte mir; er war nicht beschämt, wie ich geglaubt hatte, sondern sagte ganz einfach:

Ich bin zum letztenmal hier vorbeigegangen, als sie todt war und ich sie zum Friedhof begleitete.

Wir stiegen auf einer Maurerleiter hinauf, die aus kleinen, mit Stricken verbundenen Balken bestand, und ich bemerkte, daß mein neuer Freund flink und gewandt war, und mir rasch folgte. Als wir auf dem Vorplatz des dritten Stockwerkes angelangt waren, blieben wir stehen; hüben und drüben lagen zwei lange Reihen von Zimmern ohne Thüren, ohne Vorderwand und selbst des Daches beraubt, gleich Ruinen vor uns, und es waren auch Ruinen, aber häßliche, weil sie nicht durch das Alter geheiligt waren.

Der Jüngling schaute um sich, ging an mir vorüber und wandte sich nach links. Zuerst ließ ich ihn gehen und folgte ihm nur von Weitem, bis er an das letzte Eckzimmer gelangt war und auf der Schwelle stehen blieb. Plötzlich beschleunigte ich meine Schritte und trat an seine Seite, nicht etwa aus Neugierde, sondern weil mich eine eigne Angst überfiel und unheimliche Gedanken plötzlich in mir aufstiegen. Ich begann mein Mitleid fast zu bereuen und fürchtete, daß ich mich in eine böse Geschichte eingelassen haben möchte, darum verlor ich den guten Menschen nicht aus den Augen und hielt mich bereit, ihn bei der geringsten Bewegung am Rockschoß fest zu halten.

Das Zimmer, in welchem wir uns befanden, hatte ungefähr sechs Meter im Geviert, und die goldnen Sternchen, mit denen die dunkelblauen Wände besäet waren, gaben ihm ein freundliches Ansehn. Die gewölbte Decke war schon eingerissen, aber ich entsann mich, daß sie mit Malereien in gutem Stil geschmückt war, deren Zerstörung mir wie eine Barbarei erschien; das Fenster war hoch und ebenfalls mit Schnitzwerk in Cypressenholz verziert, das so hübsch anzusehen und anzufühlen ist und viel bei uns verwendet wird. Kurz, Alles zeigte, daß dieses arme Gebäude aus jener alten Zeit stammte, in welcher das Nützliche sich noch mit dem Schönen vereint zeigte, und daß es einst reiche, vornehme Besitzer gehabt hatte, wenn es auch nach seinem Verfall an geringe Leute vermiethet worden war. Mit einem Male fiel mir etwas ins Auge, was ich vorher nicht beachtet hatte, es war eine Nische von ungefähr einem Meter Höhe in der hintern Wand, in welcher eine ganz verstümmelte und wacklige Statuette in einer Mönchskutte stand: vielleicht war dieses Gemach in frühern Zeiten ein Betzimmer gewesen.

Alles, was ich hier eins nach dem andern erzähle, war der Gedanke eines Augenblickes, sei es, weil mir der Raum schon bekannt war, oder weil der Gedanke wie ein Blitz vorbeifliegt, und das Wort wie auf Krücken nachhinkt.

Während ich das Heiligenbild betrachtete, war der junge Mann von meiner Seite gewichen und kniete an der Wand, allem Anschein nach bereit, aufs Neue ein wenig zu schluchzen, allein er bezwang sich, setzte sich auf den Fenstertritt und sagte, als ob er mit sich selbst spräche:

An diesem Fenster pflegte sie zu arbeiten, und ich saß hier zu ihren Füßen, schaute sie an und küßte dann und wann den Saum ihres Kleides.

Er schwieg, und auch ich stand lautlos und wagte kaum zu athmen.

Dort stand ihr weißes Bett, und hier mein kleines armseliges Lager, und wenn sie mich des Morgens mit einem Kusse weckte, schien es mir, als ob unser Heiliger in seiner Nische, von den ersten Sonnenstrahlen beleuchtet, mir zulächle.

Neues Schweigen und neue Thränen folgten diesen Worten.

Ach, und die lieben Morgenspaziergänge! . . . und wenn sie mich dann lesen lehrte! . . . und wie sie mit ihrer süßen, süßen Stimme sang! . . Und ich mußte sie so jung sterben sehn. . . . Wie unglücklich war ich da!

Er sprang hastig auf, aber seine schmerzliche Erregung machte ihn schwindeln, er taumelte und hielt sich mit der Rechten an jenem gebenedeiten Heiligen fest.

Und da . . . da, meine verehrten Gönner, geschah etwas, das ich nicht geglaubt haben würde, wenn es mir Einer erzählt hätte. Es ist aber kein Spaß, sondern eines von den Wundern, die einen einfältigen Menschen, wie mich, an eine göttliche Vorsehung glauben lassen, ich hab’ es mit meinen eignen Augen ganz so geschaut, wie ich es hier erzähle. Die Statue aus Terracotta, die durch die vielfachen Stöße, welche die Mauern schön ausgehalten hatten, aus dem Gleichgewicht gekommen war, begann unter dem Griff dieser kräftigen Hand zu schwanken, und krach! . . . lag sie in Stücken zertrümmert am Boden. Und nun rathet einmal, was verwahrte der gute heilige Herr in seinem Bauche? . . . ein hölzernes Kästchen, das ebenfalls zerbrach, und aus welchem ein Bündel alter Papiere, ein Portrait, einige trockne Blumen und eine schwarze Haarlocke herausfielen. Der Jüngling warf sich neben diese Schätze zu Boden und wußte nicht, wonach er zuerst greifen sollte, er durchflog die Documente, betrachtete das Bild, küßte wie wahnsinnig die Haarlocke und sank ohnmächtig zusammen. Ich rief ihn leise, dann lauter, endlich schrie ich ihn an und schüttelte ihn an den Schultern. Als er aber immer noch mit geschlossenen Augen und weiß, wie eine Wand, vor mir lag, stand ich wie der Ochs am Berge und murmelte einen Fluch zwischen den Zähnen, wie es leider meine Art ist, wenn ich mich in der Klemme befinde.

Unterdessen waren meine Leute wieder zu ihrer Arbeit zurückgekehrt, ich raffte den Inhalt des geheimnißvollen Kästchens zusammen, rief zwei Maurer und erzählte ihnen, was ich für gut fand.

Sie faßten den Unbekannten unter die Arme und trugen ihn mit nicht geringer Mühe und Anstrengung hinunter; wir brachten ihn zu dem Apotheker an der Straßenecke, und während dieser ihm einen stärkenden Trank bereitete, drängten sich die Leute vor der Thüre zusammen, und da Keiner wußte, was vorgefallen war, erfand der Eine eine Geschichte, die der Andere noch durch eine grausigere überbot.

Endlich öffnete der Unbekannte die Augen und sah, als ihm die Erinnerung an das Vorgefallene zurückkehrte, mißtrauisch um sich; er versuchte aufzustehen, sank aber kraftlos wieder in den Lehnstuhl zurück. Ich zeigte ihm verstohlen seine Papiere, die ich unter meiner Jacke versteckt hatte, bot ihm den Arm und führte ihn, mir durch die Neugierigen Weg bahnend, die paar Schritte nach San Lorenzo in mein Haus, die bescheidene Wohnung eines ehrlichen Handwerkers.

O! was ist dir passirt? rief meine Frau, die vor der Hausthüre saß und Stroh flocht, und wen bringst du da mit?

Mach rasch das Bett zurecht und schwatz nicht so viel, sagte ich, um es kurz zu machen, denn die Weiber sind neugierig, und wehe dem, der sich mit ihnen auf Red’ und Antwort einläßt. Meine Frau, die, obgleich eine Plaudertasche wie die Andern, im Uebrigen eine wahre Perle ist, sprang die Treppe vier Stufen auf einmal hinauf, und als wir Beide langsam in den zwei Stübchen unserer Wohnung anlangten, war das Bett schon weiß überzogen und erwartete mit aufgeschüttelten Kissen und zurückgeschlagener Decke seinen Gast.

Ich half ihm beim Auskleiden, und er ließ, wie ein Kind, Alles mit sich geschehen, während er: Papa, Mama, Ehre, Adel . . . und andere Stoßseufzer vor sich hinmurmelte, die mich für seinen Verstand fürchten ließen.

Nachdem ich ihn zu Bett gebracht hatte, frug ich ihn, ob ich den Arzt holen solle, aber er machte eine verneinende Bewegung, und da meine Frau, die von Allen für einen halben Doctor gehalten wird, mir gesagt hatte, daß es nur eine einfache Betäubung sei, rieth ich ihm, sich ruhig zu verhalten und zu thun, als ob er zu Hause wäre, und ging dann an meine Arbeit, damit meine Leute mir nicht etwa dumme Streiche machten.

Als ich gegen Abend wieder nach Hause kam, fand ich meinen jungen Herrn schon wieder in den Kleidern und ungeduldig meiner harrend, um mir in Worten seine Dankbarkeit auszudrücken, die ich nicht verdient zu haben glaubte.

Sie sind mein Retter! sagte er, indem er mir kräftig die Hand schüttelte, was kann ich für Sie thun?

Erzählen Sie uns Ihre Geschichte, stotterte meine Alte etwas verlegen, aber durch die Neugierde, die sie in meinen Augen las, ermu­thigt.

Ich schalt mein Weib nur so wegen der Schicklichkeit, aber der junge Mann unterbrach mich.

Ja, ja, Sie sollen gleich Alles erfahren, und dann werde ich Sie um Rath fragen. . .

Mich? Einen simplen Arbeiter? Sie wollen mich zum Besten haben. . . .

Ich habe gleich gesehen, daß Sie ein Mann von Herz sind, und sehen Sie, ich bin so allein und verlassen. . . . Und was glauben Sie denn? Ich bin ja auch ein Arbeiter, wenn dieser Name bedeutet, daß man sich durch seiner Hände Arbeit ernährt: ich bin ein Maler.

Das ist ein schöner Unterschied! fuhr meine Frau dazwischen.

Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen; aber jetzt sei so gut, das Abendbrod zu bereiten und kein ungewaschenes Zeug zu schwatzen, sagte ich mit finsterm Gesicht, dann zog ich den alten Lehnstuhl meines seligen Großvaters für den Maler hervor und stellte für mich einen dreibeinigen Schemel daneben.

Mein Weib, die das Muster einer Hausfrau ist, begann sogleich das Abendbrod zu bereiten; während sie jedoch ganz in ihre häuslichen Geschäfte vertieft schien und wie ein Wiesel hin und her lief, hatte sie doch Alles von A bis Z gehört, wie ich bald darauf merken konnte.


Zweites Kapitel.

Der Maler erzählt uns seine Geschichte.

Der junge Mann bat mich, ihm die geheimnißvollen Papiere auf den Schooß zu legen, besann sich ein Weilchen und fing dann ungefähr so zu erzählen an. Ich sage ungefähr, denn er hat studiert und spricht, wie man so zu sagen pflegt, wie ein Buch, und ich, der ich keinen Pfifferling vom Bücherschreiben verstehe, werde seine Worte wiedergeben, so gut ich’s eben kann und so weit ich sie im Gedächtniß behalten habe.

Ich heiße Raphael, und vielleicht machte mir dieser Name Lust, ein Künstler zu werden; jetzt weiß ich freilich daß der Gedanke, den großen Urbinesen erreichen zu können, Wahnsinn ist, aber mit zwölf Jahren schlug mein kleines Herz höher in dieser stolzen Hoffnung. Ich wurde in dem Zimmer geboren, das mein Schutzengel, vielleicht gar der Geist meiner Mutter, mich noch einmal zu besuchen trieb, ehe es zerstört wurde, und dieser enge Raum war lange Zeit meine Welt und mein Paradies.

Wie sehr ich mir auch den Kopf zerbreche, und wie weit ich auch zurückdenke, kann ich mich doch nicht erinnern, außer meiner Mutter Jemand um mich gesehen zu haben. Und doch! jetzt eben tritt mir wie aus ferner, ferner Vergangenheit eine Erscheinung vor die Seele; mir ist, als ob ich in einer Nacht plötzlich aufgewacht wäre, und einen schönen Mann mit schwarzem Barte vor mir gesehen hätte, der sich weinend über mich beugte und mich liebkoste. Ist dies wirklich eine Erinnerung, oder läßt dieses Bild – und bei diesen Worten reichte er mir das Portrait – mit offnen Augen träumen?

Ich schaute das Miniaturbild an, es stellte einen jungen Mann von ungefähr dreißig Jahren vor, der die graue Uniform der Alpenjäger vom Jahre 1859 trug.

Jesus Maria! was für ein schöner Mann! rief meine Frau, die sich unbemerkt hinter uns geschlichen hatte und mit gefalteten Händen ganz verzückt dastand.

O diese Weiber!

Auch meine Mutter war schön wie ein Engel, fuhr Herr Raphael fort, und ich liebte sie mit ganzer Seele. Die Arme ernährte sich durch Weißnähen, auch stickte sie und machte künstliche Blumen, die frisch vom Zweig gepflückt schienen. Ihre geschickten Hände ruhten niemals, und oft sang sie bei ihrer Arbeit; wie süß und wie traurig klang ihre Stimme! Unter andern entsinne ich mich eines Liedes, das mein kindliches Herz tief bewegte; es war von Pergolese, der ja selbst so unglücklich war und elend auf einem Strohlager starb, und darin war die Rede von einer Ninetta, die seit drei Tagen schlief, und die nichts mehr wecken konnte; vergebens erschollen die festlichen Flöten und Geigen, vergebens rief sie die Stimme des Geliebten; »meine Ninetta wacht nimmer auf« hieß der Refrain. Ich saß auf dem Fenstertritt zu ihren Füßen und fühlte heiße Tropfen über meine Wangen träufeln . . . ich weinte und wußte selbst nicht, warum. Plötzlich fiel ich meiner Mutter um den Hals, und sie küßte mich lächelnd, legte die Arbeit weg und erzählte mir eine schöne Geschichte, oder sagte mir Verse vor, in denen immer und immer nur von Tugend und Vaterland die Rede war, und jedesmal schloß sie mit den Worten: du sollst deines Vaters würdig werden.

Meines Vaters? . . . Ich hatte ihn nie gesehen und wagte nicht mehr, nach ihm zu fragen, da die Mama, so oft ich’s früher gethan, nur mit Seufzern und Thränen geantwortet hatte. Jahre vergingen, und 1859 war herangekommen: ich zählte elf Jahr und war hoch aufgeschossen aber unschuldig wie ein neugebornes Kind: ich war keine Stunde lang von der Mutter entfernt gewesen, war nicht in die Schule gegangen, und hatte keine Spielkameraden: sie hatte mich selbst lesen und schreiben gelehrt, und mein einziges Vergnügen waren unsere Morgenspaziergänge durch Wiesen und Felder, wo wir Blumen und grüne Zweige pflückten, die sie dann mit ihren fleißigen Händen nachahmte. Eine alte Frau aus der Nachbarschaft, Cesira genannt, bereitete unsere einfachen Mahlzeiten und trug die fertigen Arbeiten der Mutter fort: sie war lahm und verwachsen, aber sie hatte das beste Herz von der Welt und wäre für meine Mutter durchs Feuer gegangen. Und ich verspottete sie auch nicht, denn ich hatte früh gelernt, daß eine rauhe Hülle ein edles Herz bergen könne.

Damals wurde viel von Krieg und Revolution gesprochen: meine Mutter war mit einem Mal verwandelt, bald sah ich sie mit glühenden Wangen, bald war sie bleich wie der Tod. Weißt du, mein Junge, sagte sie, meine Hand fassend, weißt du, daß unsere Erlösung nahe ist? . . . Sie schien noch mehr sagen zu wollen, aber sie biß sich auf die Lippen, senkte den Kopf mit den dunkeln Flechten und flüsterte: Er allein soll ihm Alles erklären.

Jener Er war sicherlich mein Vater, und seltsame Hoffnungen, wunderliche Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Eines Tages brachte der Postbote ein Päckchen, ich denke mir, es wird wohl das Bild darin gewesen sein und dieser Brief, ich habe ihn heute schon hundertmal gelesen; lesen Sie ihn jetzt vor, ich habe nicht das Herz dazu.

Hier machte der Jüngling eine Pause, und ich las den Brief laut, theils um ihm zu gehorchen, theils um eine mir wohlbekannte Person nicht vor Neugier umkommen zu lassen.


»Mein geliebtes Weib!

Sonntag um fünf Uhr Morgens begrüßte ich von Weitem die schöne Küste meines nur allzusehr geliebten Italiens.

Es ist süß, nach neunjähriger Verbannung ins Vaterland zurückzukehren, darum zeihe mich nicht der Schwäche, wenn ich dir gestehe, daß ich Thränen vergossen habe, als ich in Genua ans Land trat.

Ich kehre aus Amerika fast ebenso arm zurück, wie ich dort anlangte: man spricht zwar viel von schnell erworbenen Reichthümern, aber es sind nur Wenige, die so vom Geschick begünstigt werden, und diese Wenigen sind nicht immer die Redlichsten. Zuletzt war ich vielleicht auf dem Wege, mein Glück zu machen, aber bei der ersten Nachricht vom Ausbruch des Krieges verließ ich Alles und eilte hierher. Konnte ich, der im Jahre 48 mit gekämpft, der bei Curtatone verwundet worden, der Venedig vertheidigt hatte, jenseits des Oceans ruhig dem schnöden Glücke nachjagen, während mein Volk mich ruft und meine Brüder ruhmvoll fallen? O du verstehst mich, Engel meiner Jugend, du, die einzige Liebe, die einzige Hoffnung meines stürmischen Lebens. Könnte ich wenigstens dich und unsern kleinen Raphael wiedersehen! Aber ich bin kaum noch zeitig genug gekommen, um die Flinte zu ergreifen und mich den Schaaren Derer anzuschließen, die unter Garibaldi fechten.

Sollte ich fallen, so wirst du mir verzeihen, wirst, unser Kind an der Hand, vor meinen stolzen Vater treten, vielleicht wird er Mitleid fühlen, wenn er meinen Tod erfährt! Aber nein, Julia, ich rede irre; nein! Führe meinen Sohn nicht unter die Unterdrücker, unter die Hochmütigen; laß ihn arm, aber frei aufwachsen. Er gehöre zum Volke und lebe mit dem Volke, dem wir Beide, du durch Geburt und ich durch Wahl, angehören; verschweige ihm meine Herkunft, ja selbst den Namen meiner Familie, und laß ihn nichts Andres von seinem Vater wissen, als daß dieser für das Vaterland lebte und starb.

Aber vielleicht kehre ich zurück, Julie; wenn Italien von der Fremdherrschaft befreit ist, wird mir Toscana nicht länger verschlossen bleiben, und dann . . . Ist dem Menschen hienieden so viel Glückseligkeit vergönnt? . . . O, wenn ich dich wenigstens mit mir genommen hätte! . . . Aber wer hätte gedacht, daß meine Verbannung so lauge dauern würde?

Ich segne dich und unsern Raphael und drücke dich glühend an mein Herz.

Dein treuer Gatte.«


Außer diesem Briefe war in den langen Jahren der Verbannung nur selten Nachricht von meinem Vater gekommen, aber vielleicht waren Briefe verloren gegangen, fuhr Raphael fort. Zu jener Zeit ging es in Florenz drunter und drüber; ich will mich nicht aufhalten von Politik zu sprechen, ich will nur bemerken, daß überall Haussuchung gehalten, Leute ins Gefängniß geworfen, kurz alle die falschen Mittel angewandt wurden, zu denen die Furcht zu greifen pflegt.

Darum findet man die wahre Freiheit auch nur bei starken Nationen! sagte ich.

Mein junger Freund billigte meine Bemerkung, drückte mir die Hand und erzählte weiter.

An demselben Abende kam die alte Cesira eilig zu uns herauf, um meine Mutter zu benachrichtigen, daß ein Polizeieommissair nach uns frage. Die Polizei, die immer die Geheimnisse, die keinen Werth für sie haben, zu entdecken weiß, hatte herausgebracht, daß meine Mutter die Frau eines Revolutionairs sei. Bald darauf kam auch der Polizist, da er aber, trotz alles Suchens nichts fand, packte er mich wüthend am Arm und schrie, indem er mich nach Häscherart anglotzte: Carbonarosohn, wo sind die Briefe deines Vaters, den . . . und nun gab er seinen Fragen den nöthigen Nachdruck mit rohen Flüchen. Ich wußte nichts und verbarg erschrocken mein Gesicht in dem Kleide meiner Mutter.

Als dieses Gesindel fort war, setzte sich meine Mutter wie gewöhnlich an das Fenster und zog mich auf ihre Kniee, was sie schon lange nicht mehr zu thun wagte, denn ich war ziemlich groß und sie sehr schwach. Raphael, flüsterte sie unter Thränen, ich fühle mich sehr elend, und wer weiß, ob du nicht in Kurzem auch die Mutter verlieren wirst, wie du vielleicht schon den Vater verloren hast; die Stunde ist da, wo ich dir alles offenbaren muß, obgleich mir fast die Kraft dazu fehlt; höre mir aufmerksam zu und gieb dir Mühe, mich recht zu verstehen.

Wenn ich hundert Jahre lebte, so würde ich ihr Antlitz nicht vergessen, das selbst im Schmerze und in der Schreckensstunde, die uns bevorstand, den Ausdruck stiller Ergebung bewahrte. Es war Frühling, und Blumenduft drang aus den benachbarten Garten bis zu uns, von allen Thürmen schlugen die Glocken eine nach der andern Mitternacht, und der Mond schien in unser Stübchen. Ich betrachtete hingerissen das engelschöne Antlitz meiner Mutter und ihre glänzenden, schwarzen Augen, die unverwandt auf das Gesicht des Heiligen blickten, das die Mondstrahlen umspielten. Plötzlich schwieg sie und drückte krampfhaft meinen Arm; wir lauschten: zwei Männer gingen durch die menschenleere Straße, und einer sagte zum andern mit unterdrückter, aber vernehmlicher Stimme: hier ist der Bericht über die Einnahme von Fermo und Varese, was für ein Sieg! . . . und hier ist die Liste der Todten und Verwundeten.

Kind! rief meine Mutter wie außer sich, laufe, fliege bitte die Herren um Gottes Willen, daß sie dir das Blatt geben, das Schicksal deines Vaters steht darin!

Ich stürzte die Treppe hinunter, fand die Hausthüre zufällig noch offen und holte die Herren ein, als sie eben um die Ecke biegen wollten.

Geben Sie mir dies Blatt, bat ich, indem ich einen derselben am Rock festhielt, es enthält das Schicksal meines Vaters.

Die Herren blieben unschlüssig stehen und fragten: wer schickt dich? Die Mama. So führe uns zu ihr.

Ich ging nach unserem Hause zurück, und sie folgten mir; meine Mutter erwartete uns auf der Treppe außerhalb des Zimmers, und einer der Herren fragte sie: Wie ist der Name Ihres Mannes? Aber sie entriß ihm stumm das Blatt und eilte damit an das Fenster, da kein Licht im Zimmer brannte.

Einen Augenblick war alles still, dann hörte man einen Schrei, o welch einen Schrei! Darauf ein dumpfer Fall.

Mutter, liebe Mutter! schrie ich, und warf mich über sie.

Die Nachbarn riefen Cesira herbei, der Arzt wurde geholt, und auch die beiden Unbekannten verließen uns nicht mehr. Meine Mutter lebte noch zwei Tage, ohne ein Zeichen von Bewußtsein zu geben; nur ihr starrer Blick ruhte unverwandt auf dem Heiligenbilde; die Arme! Welche Herzensangst muß sie empfunden haben, wenn sie noch bei Bewußtsein war und sich doch der Sprache beraubt sah, so daß sie mir Nichts mehr entdecken konnte!

Herr Raphael schwieg und drückte die Hände vors Gesicht, während ich, weil ich’s nicht mehr aushalten konnte, ans Fenster trat und so that, als ob ich hinaus guckte, und meine Frau in einem Winkel still in ihre seidene Schürze weinte.

Und jetzt ist meine Geschichte zu Ende, begann der Maler wieder, nachdem er sich ein wenig ermannt hatte.

Als sie todt war, nahmen mich die beiden Herren, welche die unschuldige Ursache meines großen Unglücks waren, mit sich; es waren arme Künstler, deren ganzer Reichthum in Hoffnungen und lustigem Blut bestand, aber sie nahmen sich mitleidig des armen Waisenknaben an, der sonst hätte betteln gehen müssen. Ehe wir auf immer unsre Wohnung verließen, verlangte Cesira, daß jeder Winkel durchstöbert, jedes Möbel durchsucht werde, da sie behauptete, daß wichtige Papiere vorhanden sein müßten; alles Suchen danach blieb jedoch vergeblich. Man las mir die Liste der bei Varese Gefallenen vor, aber ach! ich konnte den Namen meines Vaters nicht darunter finden, weßhalb man mich für ein uneheliches Kind hielt, was ich auch selbst bis heute zu sein glaubte. Die Maler, die mich aufgenommen hatten, waren nicht dem Blute nach, wohl aber durch das Herz Brüder. Im Jahre 60 ließ es Beide nicht ruhen, sie brannten vor Begierde, Palette und Pinsel mit der Flinte zu vertauschen und die rothe Blouse anzuziehen; und nun hört, wie großmüthig sie handelten! Sie legten zwei Zettel mit ihren Namen in einen Hut und verlangten, daß ich einen davon ziehen solle, damit Derjenige, den das Loos treffe, bei mir bleibe, während der Andere in den Kampf ziehe, denn wie könnten sie mich, ihr angenommnes Kind, ohne Stütze zurücklassen? Ich zog den Namen des Jüngsten, er weinte vor Aerger, aber er blieb bei mir und wurde mein geliebter Vater und Lehrer, während der Andere Wunder der Tapferkeit verrichtete und bei Milazzo fiel.

Als ich heranwuchs, grämte ich mich sehr, weil ich glaubte, heimath- und namenlos zu sein, und dann, soll ich es gestehen? . . . war es für mich ein fast unerträglicher Schmerz, an der Tugend meiner Mutter zweifeln zu müssen; darum verschmähte ich die Vergnügungen meines Alters, um meinen trüben Gedanken nachzuhängen, so daß meine Kameraden mich den Grillenfänger nannten. Vor einem Jahre verlor ich meinen Beschützer, ich blieb allein in der Welt zurück und aß mein dürftiges Brod mit Thränen. Nun pflegte ich seit einiger Zeit täglich vor dem Hause vorüberzugehn, wo ich die glücklichste Zeit meines Lebens zugebracht hatte, und als ich es vor Kurzem geräumt und zum Abbruch bestimmt sah, kam mir die Sehnsucht an, noch einmal das hohe Fenster mit seinem steinernen Tritt, die Putten des Deckengemäldes und unsern Heiligen in seiner Nische wiederzusehen; und nachdem ich mir den Muth dazu gefaßt hatte, geschah, was Sie mit erlebt haben.

Ich bin seitdem wieder in der blauen Stube gewesen, sagte ich, und habe die Scherben des Heiligenbildes untersucht: der arme Schelm hatte im Rücken ein Loch, durch welches das Kästchen in seinen Bauch gelangt war.

Aber was haben Sie denn eigentlich so Wichtiges gefunden? platzte meine neugierige Alte heraus. Vielleicht gar einen Schatz?

Sie haben es getroffen: einen kostbaren Schatz. Hier ist der Trauschein meiner Eltern; Julia, die arme Arbeiterin, war die rechtmäßige Gattin des Baron . . . und nun nannte er den Namen eines alten, vornehmen Geschlechtes, das bei uns Florentinern schon eine gute Weile in Ehren steht.

Meine Frau rief einmal über das andere, Gott sei Dank! Und ich war noch viel vergnügter, als sie; Raphael hingegen seufzte nur und sagte: Wenn ich jetzt die Todtenliste von Varese wieder durchsehen werde, weiß ich, daß der Name meines Vaters obenan steht, das ist Alles! Was denkt ihr denn, ihr guten Leute? Glaubt ihr, daß ich nun schnurstracks vor die Thür jenes vornehmen Herrn gehn werde, um das zu fordern, was man meiner Mutter verweigert hat? Die heimliche Ehe war dazumal ein prächtiges Mittel, um die Bedenken eines armen verliebten, aber sittsamen Mädchens zu beschwichtigen. Ein Dorfgeistlicher, zwei brennende Kerzen vor einem Madonnenbilde, ein paar treue Diener und ein geflüstertes »Ja«, und die Sache war abgemacht; war dann der erste Rausch verflogen, so kam das Ach und Weh hinterdrein, aber es war zu spät und Geschehenes nicht ungeschehen zu machen.

Jetzt können solche Heimlichkeiten nicht mehr vorkommen, sagte ich, froh, meine Frau einmal überführen zu können; siehst du nun, wozu die Civilehe gut ist?

Du bist aber dumm, wenn du glaubst, die Männer wüßten jetzt kein Mittel mehr zu finden, um einem armen Mädchen was weiß zu machen! antwortete meine Alte.

Sie haben Recht, setzte Raphael traurig hinzu, die Liebe ist nur zu oft für die Männer nichts als ein Zeitvertreib. Ich sage dies nicht in Bezug auf meinen Vater, er hat wahrhaft geliebt, das bezeugen seine Briefe, aber das Vaterland war doch seine einzige, wahre, große Leidenschaft. Auf dem Altare desselben opferte er den Stolz seiner Familie und seine Jugendliebe. Er senkte sichtlich bewegt das Haupt, dann fuhr er erregter fort: Und ich opfere dem Andenken meiner Mutter Liebe, Reichthum und Adel, eitle Träume eines flüchtigen Augenblickes: ich will dem Volke angehören und mit dem Volke leben, wie es mein Vater rieth: ich will Verachtung mit Verachtung vergelten! . . . und schon hielt er das gestempelte Blatt in die Höhe und wollte es mit frevelhafter Hand zerreißen.

Junger Mann, rief ich mit meinem strengsten Ton, bedenken Sie, was Sie thun wollen; dieses Blatt enthält die Ehrenerklärung Ihrer Mutter. Ich kenne Ihren Großvater, fuhr ich fort, indem ich die Papiere, deren ich mich vorsorglich bemächtigt hatte in Sicherheit brachte; ich habe für ihn in seinem Palast und in seiner Villa gearbeitet; es ist ein alter Herr vom alten Schlage, höflich gegen Jedermann, so lange man seinem Adelsstolz nicht zu nahe tritt; denn er stammt aus der Zeit, wo zwischen dem Vornehmen und dem Plebejer ein Abgrund lag, freilich von Wohlthätigkeit und Artigkeit mit Blumen zugedeckt, aber trotz alledem nicht zu überschreiten. Jetzt sind alle Menschen gleich; wir stehen alle auf gleichem Boden, aber wie viele Dornhecken wachsen noch am Wege! Ja, es ist richtig: wir sind alle Brüder, aber wir raufen uns oft wie Hund und Katze.

Unterdessen hatte meine Frau das Abendbrod aufgetragen, und wir setzten uns zu Tische, aber ich war der Einzige, der dem gebratenen Lammschlegel und dem Salat mit harten Eiern Ehre anthat; meinem Weibe war der Appetit vergangen, und der Maler ließ sich an einem Schlückchen Wein genügen.

Nach dem Abendessen fing ich aufs Neue an, meinem Gast Vernunft zu predigen, aber ich drosch leeres Stroh. Er hatte allerdings meinen Rath verlangt und nahm ihn auch freundlich auf, aber von dem Großvater wollte er nichts hören, ja nicht einmal wissen, wo er wohne. Da er von vorn herein Vertrauen zu mir gefaßt hatte, bat er mich, ihm seine Papiere zu verwahren, und schwor mir mit kräftigem Händedruck ewige Freundschaft und Dankbarkeit. Wir versprachen uns gegenseitig, bald wieder zusammenzukommen, und wirklich waren noch keine vierundzwanzig Stunden vergangen, als Sor Raphael sich als täglicher Tischgenosse bei uns anmeldete, da unsere Hausmannskost ihm besser zusagte, als die langen Brühen im Wirthshause. Kurze Zeit darauf fand ihm mein Weib bei einer Gevatterin zwei Stübchen, die für die paar Lire, die sie monatlich kosteten, in diesen schlechten Zeiten ein wahres Wunder waren.


Drittes Kapitel.

Worin die Liebe zum Vorschein kommt.

Zuerst hatte ich geglaubt, daß unser junger Freund bei ruhigerem Blute sich besser besinnen und auf Mittel und Wege denken würde, um seine Rechte geltend zu machen; aber Gott bewahre! er fuhr fort den Spartaner zu spielen, ja, da er jetzt über seine Herkunft und die Tugend seiner Mutter beruhigt war, widmete er sich ganz seiner Kunst und behauptete, daß er sich ganz und gar nicht vor der Armuth fürchte. Bei der leisesten Anspielung auf seinen Titel und den Reichthum, der seiner harrte, schüttelte er den Kopf und sagte, indem er mich auf die Schulter klopfte: Wie? Bist du es schon überdrüssig mein Freund zu sein?

Wie können Sie so was denken, lieber Herr Raphael! Aber ich begreife Sie nicht, wenn man Baron und reich werden kann. . . .

Und doch vorzieht, ein armer Maler zu bleiben, nicht wahr? . . . Jeder hat seinen Geschmack. Dabei schaute er mich mit seinen großen schwarzen Augen ganz begeistert an und fuhr fort: Weißt du, was ein Künstler ist? Einer, der durch sein eignes Verdienst groß zu werden träumt und Keinem etwas verdanken will. Hast du von d’Azeglio gehört? Er war Marquis und hielt es nicht unter seiner Würde, Maler zu werden.

Nun gut, so lassen Sie sich als Baron anerkennen und dann malen Sie in Gottes Namen drauf los; als Zugabe erhalten Sie noch Moneten, die man immer brauchen kann. . . .

Ich fühlte, daß ich gut sprach, aber es war, als ob ich zu einem Stück Holz spräche.

Ach was! rief er ungeduldig, ich will frei sein! Wenn ich unter diesen Leuten geboren, unter ihren Vorurtheilen aufgewachsen wäre, so würde ich Ihnen davongelaufen sein, und du willst, daß ich mich freiwillig an diese Galeere schmieden lasse?

Gut, für jetzt mögen Sie so fühlen . . . aber später . . .

Später, nun später wollen wir’s uns weiter überlegen.

Vierzehn Tage waren vergangen, und Raphael schien die ganze Sache vergessen zu haben; ich und mein Weib hingegen kümmerten uns um sein Geheimniß und um den Reichthum, der ihm rechtmäßig zukam, als wenn es uns selbst betroffen hätte.

Abends konnten wir nicht einschlafen. Sollte es denn gar kein Mittel geben, die Sache in Ordnung zu bringen? sagte meine Alte; wird uns denn der Himmel keinen Ausweg finden lassen? . . .

Weib, hör auf! rief ich endlich. Was sein soll, wird schon werden . . . Gute Nacht! . . . und damit blies ich ihr die Lampe vor der Nase aus.

Am ersten Sonntag im Monat Mai sagte mir Sor Raphael nach dem Mittagsessen: Willst du mir einen Gefallen thun? So geh mit mir spazieren, und zeige mir das Haus meines Großvaters.

Mein Weib nickte mir vergnügt zu und gab mir einen Wink, ihm seinen Willen zu thun.

Ich legte mit einem schweren Seufzer meine gute Sonntagspfeife weg, nahm meinen Hut, und bald waren wir unterwegs.

Sehen Sie hier das Haus Ihrer Ahnen! wollte ich eben feierlich sagen, aber mein Herr Raphael stand schon kerzengerade still und schaute an dem schönen alten Palast hinauf, der einer Festung gleicht und eine Sehenswürdigkeit unserer Stadt ist, in welcher die Kunst einem bei jedem Schritt eine Ueberraschung bereitet.

Sie sind also schon früher hier gewesen?

Ja, aber ich war meiner Sache nicht gewiß . . . ich wollte wissen . . . und kurz und gut, ich möchte dich um etwas bitten.

Um was?

Die Sache ist die: ich liebe seit sechs Monaten ein Mädchen, eine Schönheit, eine Göttin! und weiß, daß sie Argia heißt und in diesem Hause wohnt. Jeden Tag zur Zeit der Corsofahrt, stelle ich mich am Lung’ Arno auf, um sie sehen zu können, so oft sie vorüber kommt; ich hätte darauf schwören mögen, daß sie aufmerksam auf mich geworden sei, denn ihre großen, klaren Augen blickten unruhig, wenn sie mich nicht sogleich bemerkten, und wenn sie mich dann entdeckte, lächelte sie gar lieblich. Dieses Lächeln war mein Leben, und seit drei Tagen bin ich desselben beraubt; ich möchte nun, daß du . . . du verstehst mich schon . . . daß du, dem der Ehrenmann aus den Augen sieht, nach ihr fragtest.

Das ist ein schönes Amt! antwortete ich zornig, da ich meine Hoffnungen so bitter getäuscht sah. Sie gebrauchen mich zu großen Dingen.

O, werde nicht böse; ich verlange nichts Unrechtes von dir! Wir Künstler lieben auf eine ganz besondere Art, die man »ideal« nennt; es genügt mir, sie zu sehen, sie im Stillen anzubeten, ihren süßen Namen zu kennen.

So fangen alle Liebschaften an.

Aber ihm stieg das Blut ins Gesicht, als ob ich ihn beleidigt hätte, und heftig rief er:

Verdächtige meine Liebe nicht; sie ist ein Künstlertraum und kann nichts anderes sein!

Und warum wollen Sie den Traum nicht zur Wirklichkeit machen? Werden Sie der Herr Baron, und Sie können das Mädchen heirathen.

Während ich noch so sprach, wurde das Hauptthor geöffnet, und ein prächtiger Wagen fuhr heraus; ein wunderschönes Mädchen und zwei alte Herren, von denen der eine sehr hinfällig aussah, saßen darin, und zur Seite ritt ein junger Mann in geschniegelter Toilette auf einem schönen Rappen. Wie eine Erscheinung flogen Wagen und Reiter an uns vorüber.

Wissen Sie, daß der alte Herr Ihr Großvater war? sagte ich.

Himmel, wie kommt Argia in diesen Wagen, und warum reitet der junge Stutzer an ihrer Seite? rief Raphael grün und gelb vor Eifersucht.

Ein Stallknecht war in der Einfahrt stehen geblieben; ich zog den Hut, lobte die Pferde und die Equipage seiner Herrschaft und brachte auf diese Weise heraus, daß jene Argia, wie man munkelte, den Enkel und Erben des alten Baron, also den Vetter Raphael’s, heirathen solle.

Schweigend und niedergeschlagen kehrten wir nach Hause zurück. Ein einziges Mal murmelte Raphael vor sich hin: Enkel? Erbe? Das könnte ich auch sein, und dann zöge sie mich vielleicht Jenem vor . . . welch schönen Ehemann wird er abgeben! . . . Dann sprach er kein Wort mehr.

An den folgenden Tagen erwähnte er die Begegnung nicht weiter, aber ich sah, daß der arme Junge litt. Da faßte ich mir ein Herz und warf ein Wörtchen davon hin, doch er antwortete: Es thut mir nur leid, daß sie nicht glücklich sein wird, denn ein paar blaue Augen und ein gewichstes Bärtchen sind das Beste an dem jungen Laffen: er ist ein Spieler und ein Frauenjäger, und ganz Florenz kennt ihn als solchen, nur sie, die arme Taube, weiß es nicht und wird es erst auf Kosten ihres Glückes erfahren. Aber sie wird wenigstens reich, und ich werde mir im Stillen sagen können: diese Reichthümer konnten mein sein, und ich überlasse sie ihr freiwillig!

Aber hören Sie einmal, Herr Raphael, das ist mir zu stark. Wenn Sie sich durchaus unnöthigerweise opfern wollen, meinetwegen! Jeder nach seinem Geschmack, aber jener unschuldige Engel darf durch Ihre Schuld nicht zeitlebens unglücklich werden. Wenn Sie das Mädchen wirklich lieben. . . .

Wenn sie mich liebte, würde sie diese verhaßte Ehe nicht eingehen.

Lieben, lieben! Sie sind doch so gescheidt und könnten wissen, daß man einen Menschen nicht gleich liebt, weil er einen ein paar Mal auf der Straße angeblinzelt hat; stellen Sie sich dem Fräulein vor, damit es Sie kennen lernt, und . . .

Man sieht wohl, daß du nicht das Geringste von Liebe verstehst, unterbrach mich Sor Raphael gebieterisch, indem er mir den Rücken wandte, und ich brummte: Dummes Zeug! vor mich hin und ging ärgerlich wieder an meine Arbeit.

Der Tag darauf war ein Sonntag: wir gingen wieder am Lung’ Arno spazieren, und uns Beiden that das Herz weh, als wir denselben Reiter neben der Equipage des Barons sahen. Aber der Großvater saß diesmal nicht darin, der Wagen fuhr langsamer, und ich konnte den zärtlichen Blick bemerken, der aus den Augen des Fräuleins wie Himmelsthau auf unsern Maler fiel.

Diese Kinder lieben sich wirklich, dachte ich bei mir, und mein Raphael ist ein rechter . . . soll ich hier den Namen wiederholen, den ich ihm damals in Gedanken gab, wo er ihn nicht beleidigen konnte? . . Ja denn! . . ich nannte ihn einen Dummkopf, versteht sich, daß ich es nur im besten Sinne meinte.

Ich begleitete ihn bis auf sein Zimmer, obgleich mir seine Augen deutlich sagten: Geh deiner Wege und laß mich in Ruhe! Aber wenn es mir gerade paßt, kann ich den Dummen so gut wie Einer spielen.

Als wir in seinem kleinen Atelier angelangt waren, legte ich ihm Alles Nöthige zum Schreiben zurecht, während er, ganz in eine Skizze vertieft, die auf seiner Staffelei stand, nicht auf mich Acht gab. Das Bild stellte natürlich das Mädchen vor und war ihr so ähnlich, wie ein Ei dem andern.

Nachdem ich Alles zurecht gemacht hatte, nahm ich meinen Verliebten am Arm, drückte ihn auf einen Stuhl nieder und gab ihm die Feder in die Hand. Er ließ alles wie im Traume mit sich geschehen, plötzlich fuhr er auf, schaute erst mich an, dann das Papier und die Feder, besann sich einen Augenblick, schrieb einen Namen obenan auf das Blatt, und dann ging es in einem Zuge drauf los, als ob der Brief gar kein Ende nehmen sollte, während ich ihm etwas boshaft lächelnd zuschaute, denn er kam mir vor wie der Kalk, wenn er in seiner Grube wie ein kleiner Vulkan brodelt und siedet.

Nach und nach ließ jedoch dieser Ungestüm in etwas nach, der Bogen war vollgeschrieben, und nachdem er die letzten Worte hinzugefügt, die gar beweglich sein mußten, da ihm dabei große Thränen über die Backen liefen, unterzeichnete er den Brief mit seinem Namen Raphael, ließ die Feder fallen und frug, indem er mich groß ansah:

Und jetzt?

Jetzt fehlt nur noch das Couvert und die Adresse . . . So . . . und nun geben Sie mir den Brief.

Dir? sagte er unter Thränen lächelnd. Du, der du so stolz bist, du würdest dich durch einen solchen Auftrag nicht beleidigt fühlen?

Freilich wird es mir hart ankommen, murmelte ich ein wenig verlegen, aber Sie haben mich nun einmal behext; übrigens, ein Mal ist kein Mal, und für einen Freund . . .

Raphael stand auf und schüttelte mir weinend die Hand mit solchem Feuer, daß er sie mir bei einem Haare verrenkt hätte.

Am selben Abend wurde der Brief dem Fräulein auf geschickte Art zugesteckt, und am nächsten Morgen langte die Antwort an: ein zierliches, duftendes Briefchen, das ich auf den Wunsch meines jungen Freundes durchaus lesen mußte und jetzt hier mit Erlaubniß der Beteiligten abschreibe.


»Geehrter Herr Maler!

»Ich bin ein armes, unerfahrenes Mädchen, das seiner Mutter beraubt ist und von einer großen Gefahr bedroht wird: der Gefahr, einen Mann heirathen zu sollen, den ich weder achten noch lieben kann. Darum wage ich es, auf Ihren schönen und innigen Brief zu antworten; wer so schreibt, muß ein edler Mann sein und die Wahrheit sprechen, darum vertraue ich mich Ihrer Ehre an. Sie sagen mir, daß Sie arm, verwaist und unglücklich sind; ich bin dadurch bis zu Thränen gerührt worden und möchte Sie gern trösten.

»Ich werde dem Willen meines Vaters, der im Grunde ja doch nur mein Bestes will, zu widerstehen wissen; sein ganzes Vermögen fällt nach seinem Tode auf eine andere Linie, weil er keine Söhne hat, und deßwegen wünscht er eine reiche Heirath für mich. Ich aber habe früh gelernt, daß Reichthum und Menschenwerth zwei verschiedene Dinge sind, und will lieber arm und geliebt, als reich und verächtlich sein.

»Ich möchte Ihnen noch so Vieles sagen, aber meine Hand zittert; fassen Sie Muth und arbeiten Sie! Ich werde an Sie denken und für Sie beten, auf daß die Vorsehung Ihnen helfe.

»Ich sage Ihnen nicht mehr, denn es würde sich nicht für ein Mädchen schicken, aber vertrauen Sie mir, wie ich Ihnen vertraue.

»Ich sende Ihnen eine blonde Locke, damit Sie ein Andenken von mir haben, aber glauben Sie nicht, daß ich so keck sei, Ihnen meine eigenen Haare zu schicken; die Locke ist von meiner seligen Mutter und war für mich eine theure Reliquie; möge sie es auch für Sie sein.

»Schreiben Sie mir nicht wieder, denn ich habe es dem Bilde meiner Mutter zugeschworen, Ihre Briefe ungelesen zu verbrennen und Ihnen nicht mehr zu antworten. Uns Frauen ist es ja nicht erlaubt, unsere Gefühle einem Manne zu offenbaren, wenn dieser nicht unser Verlobter oder unser Gatte ist; sollte es der Himmel fügen, daß Sie mir einst so nahe stehen, so werden Sie erkennen, wie viel Liebe in meinem Herzen wohnt.

Argia.«


Dieser Brief schien mir allerliebst; Argia wollte nicht gestehen, daß sie verliebt sei, und schließlich sagte sie es doch deutlich und rund heraus. Wer so schreibt, sagte ich, verdient geliebt zu werden.

Und ich liebe sie mit aller Glut meines Herzens! rief Raphael, indem er den Brief küßte, ehe er ihn an seinem Herzen verwahrte; das sind die wahren Freuden des Lebens, mein Freund, und aller Reichthum der Welt könnte mir keine ähnlichen verschaffen.

Ja gewiß; aber jetzt werden Sie doch ohne Zweifel Ihren Entschluß geändert haben. Was denken Sie denn nun zu thun?

Argia zu gehorchen: sie im Geheimen zu lieben und für sie zu arbeiten. Hast du es denn nicht gelesen, daß sie keiner Reichthümer bedarf? Wozu sollten sie mir denn nützen?

Eine schöne Frage! Um sie früher zu heirathen. So! Du hältst es also für so leicht, meinen stolzen Großvater dahin zu bringen, daß er den Sohn Julia’s als seinen Enkel anerkenne? Denke an den Scandal eines Prozesses, an die Demüthigungen, an die Unannehmlichkeiten, die ein solcher nach sich ziehen würde; wer kein Mitleid mit dem eignen Sohn hatte, wird es noch weniger mit dessen Kindern haben. Mögen sie ihr Geld behalten, mein ist die Kunst, mein ist die Liebe!

Er ist störrischer als ein Maulesel, sagte ich am Abend zu meiner Alten, nachdem ich ihr Alles erzählt hatte.

Wenn ich wie du wäre, antwortete sie mit einem schlauen Kopfnicken, so würde ich mir das Vergnügen machen, die Sache auf eigne Faust zum Klappen zu bringen.

Auf eigne Faust? Aber ich bitte dich, wie soll ich das anfangen? . . .

Denk darüber nach, Simpel!


Viertes Kapitel.

Ich bringe die Sache zum Klappen.

Und ich dachte darüber nach, und eines schönen Morgens glaubte ich das Rechte gefunden zu haben. . Als ich Feierabend gemacht hatte, ging ich zu dem Schneider an der Ecke von San Lorenzo, einem alten Gevatter von mir – noch Einer von denen, die sich nichts um die Mode scheren, aber einem etwas Dauerhaftes machen, – und bestellte mir eine neue Weste und eine Tuchjacke.

Ich wählte den schönsten Stoff aus der Musterkarte, und während der Gevatter mir Maß nahm, fragte er lachend: Holla! sag mir doch, haben sie dich auch zum Abgeordneten gewählt, daß du schwarzes Zeug trägst?

Ja, ganz recht, zum Abgeordneten, antwortete ich ebenfalls lachend. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen, und zwar besser als du glaubst.

Der Gevatter hielt sein Wort, und am nächsten Sonntag hatte ich meinen neuen Anzug. Ich rasirte mich sauber, zog ein schön gestärktes Hemde an, das so steif wie Papier stand, band eine schwarze Halsbinde um, in der ich wie ein Notar aussah, und nachdem ich mein Weib geküßt, die mich angaffte, als wenn ich ausgewechselt worden wäre, ging ich meiner Wege, aber nicht ohne vorher die Papiere aus dem geheimnißvollen Kästchen zu mir gesteckt zu haben. Als ich an den Palast des Barons kam, schlug es gerade zehn Uhr, und ich sah nun wohl, daß es noch zu früh sei; ich fing an langsam auf und abzugehen, und währenddem merkte ich, daß der Muth und die feste Entschlossenheit, die ich in den vergangenen Tagen gefühlt hatte, mich nach und nach verließen. Da schalt ich mich einen elenden Tropf und beeilte mich, an der Hausthür zu klopfen.

Der Portier öffnete mir. Zu wem wollen Sie? fragte er mich mit dem barschen Tone, der bei den Dienern großer Herren gang und gebe ist.

Zum Herrn Baron.

So! Kennen Sie denn den Baron?

Versteht sich! Ich bin Meister Beppe, der Maurer; Seine Gnaden und ich sind schon lange mit einander bekannt.

Nun so gehen Sie nur hinauf; aber wissen Sie, der Alte ist sehr herunter gekommen, und es fragt schon seit einer Ewigkeit kein Hund mehr nach ihm; die Leute gehen geradezu zum Herrn Julius, der doch bald der Baron sein wird.

Ich gab keine Antwort, sondern stieg ganz langsam die Treppe hinauf, während ich mir den Schweiß abtrocknete, der mir von der Stirn tropfte; und wenn es mir auch nicht sehr große Ehre macht, muß ich doch gestehen, daß an diesem Schweiß nicht sowohl die Hitze, als ein innerliches Zittern Schuld war, das ganz wie Furcht aussah.

Oben fand ich einen Kammerdiener, der mich in der offenen Thüre erwartete! Dieser kannte mich glücklicherweise als einen ehrlichen Kerl, und als ich ihn um die Gefälligkeit gebeten hatte, mich seinen Herrn in einer wichtigen Angelegenheit sprechen zu lassen, ließ er mich eintreten. Warte hier, sagte er, der Herr empfängt zwar Niemand mehr, aber es wäre doch möglich, daß er sich deiner erinnerte und dich vorließe. Mit diesen Worten verschwand er hinter einer seidenen Portière, und ich blieb regungslos in der Mitte des Zimmers stehen.

Potztausend! welche Pracht! dachte ich, indem ich mich umschaute, aber es war eine altmodische Pracht, und ich hätte darauf schwören mögen, daß seit wenigstens dreißig Jahren nichts an der Einrichtung verändert worden sei.

Vielleicht hatte in diesem selben Raume ein Sohn mit beredten Worten seinen Vater angefleht, ihn glücklich zu machen und die Geliebte heirathen zu dürfen. Hier hatte der Baron vielleicht später den Brief seines verstoßenen, unglücklichen Sohnes gelesen, hier die Todesnachricht empfangen, und wenn alles dies seinen Stolz nicht hatte beugen können, was sollte jetzt das schlichte Wort eines armen Arbeiters vermögen? So dachte ich ganz entmuthigt und bereute fast, hergekommen zu sein, um unberufener Weise eine Scene zu machen.

Ein trocknes Hüsteln machte mich aufmerksam, daß ich nicht mehr allein sei. Ich blickte auf und verbeugte mich, aber aufgeregt und verwirrt, wie ich in diesem Augenblick war, behielt ich, nach der schlechten Angewohnheit der florentiner Arbeiter, den Hut auf dem Kopfe und schaute den alten Herrn stumm an.

Er trug einen schwarzen, mit goldnen Schnörkeln durchwirkten Schlafrock, den eine schwarzgoldne Schnur um den Leib zusammenhielt; ein Sammetkäppchen saß schräg auf der hohen, kahlen Stirne, und zwei dichte, graue Locken hingen an den welken, abgezehrten Wangen herab. Der Baron ist von mittlerer Größe, aber durch Alter gebeugt, so daß er mir kümmerlicher als je vorkam. Er kam in seinen großen Pelzstiefeln mit schleppendem Gange auf mich zu und schaute mich mit seinen kleinen, durchdringenden Augen an, die unter den buschigen, grauen Brauen in ihren tiefen Höhlen wie zwei Gasflammen im Winde flimmerten.

Der Anblick des armen Greises, der mir kaum bis an die Schultern reichte und unter fortwährendem Hüsteln näher schlich, flößte mir Mitleid ein und gab mir neuen Muth.

Als er sich’s in einem Lehnstuhl bequem gemacht und seine Füße einen nach dem andern auf einen großen Fußschemel gestellt hatte, fand ich meine Entschlossenheit wieder und frug, indem ich meinen Hut abnahm, der mich incommodirte: Wie befinden sich Euer Gnaden?

So so, lieber Beppe, wie es einem armen alten Manne gehen kann; aber was führt dich zu mir? Sage, womit kann ich dir dienen?

Er sprach mit der Liebenswürdigkeit des großen Herrn aus der alten Zeit, das R eigentümlich scharf. Zwischen den Fingern der Rechten, die so weiß, wie eine Frauenhand war, hielt er eine Prise, während er mir mit der Linken die goldne Tabaksdose hinreichte und mit einem Lächeln seines zahnlosen Mundes, das jedoch seinem vornehmen Gesicht gar wohl anstand, mich einlud, ebenfalls zuzugreifen. Ich that dies und sagte, ein wenig näher tretend: Ich bin gekommen, um Sie um Ihren Rath zu bitten, gnädiger Herr.

Nimm dir einen Stuhl und sprich frei heraus, antwortete er, offenbar erfreut, noch etwas zu gelten.

Die Sache ist die, begann ich. Mir ist etwas ganz Besonderes zugestoßen, worüber nur ein so verständiger Herr wie Sie, der viel in seinem Leben gesehn und erfahren hat, sein Urtheil abgeben kann.

Und nun erzählte ich ihm Alles, von Anfang bis zu Ende, beschrieb ihm so recht aus vollem Herzen den jungen Maler und dessen Zärtlichkeit für seine Mutter, die wunderbare Entdeckung der Papiere, und sagte schließlich, daß der Jüngling ein stolzes Bürschchen sei, und lieber arm und frei bleiben, als sich seinen Verwandten aufdrängen wolle.

Während ich redete, war mir alle Furcht vergangen, aber je mehr ich Muth faßte, um so verzagter wurde der Baron; bald starrte er mich an, als ob er mir die Gedanken aus der Seele lesen wolle, bald erschrak und erblaßte er und versuchte dann wieder, sich zusammenzunehmen, um gleichgültig zu scheinen.

Und wo sind diese Papiere hingekommen? frug er endlich.

Ich habe sie.

Du? Und wie ist der Name des angeblichen Verwandten?

Ja, wenn ich lesen könnte!

Der Baron schaute mich finster und mißtrauisch an, offenbar glaubte er mir nicht mehr.

Sehen Sie, zu meiner Zeit gab es noch keine Schulen, das wissen Euer Gnaden besser als ich; wenn’s sein muß, kann ich schon zur Noth meinen Namen kritzeln und kann auch ein bis­chen Gedrucktes lesen, aber jene Papiere müssen alte Geheimschriften sein, denn weder ich, noch meine Frau, die doch ihr bischen gelernt hat, sind damit zu Stande gekommen. Da sagte sie zu mir: Kennst du denn keinen recht verständigen Herrn, den du um Rath fragen könntest? . . . Wir dachten erst an den Pfarrer, aber Sie wissen wohl, mit den Pfaffen ist’s eine eigne Sache. Da hab’ ich denn gesagt: da wäre der Baron, das ist ein ganzer Mann; der wird mir sagen, ob es Gewissenssache für mich ist, Alles den Gerichten zu übergeben, oder ob ich das Maul halten soll. Gesagt, gethan, und so bin ich hergekommen.

Diese kleine diplomatische Komödie erreichte ihren Zweck; der Baron glaubte, daß ich kein Wort von dem wahren Sachverhalt wisse, und schöpfte Athem, obwohl ihn immer von Neuem allerhand Vermuthungen, Gedanken und Erinnerungen ängstigten.

Beppe, fragte er mich, und seine Stimme zitterte, Beppe, hast du die Papiere bei dir?

Ja, gnädiger Herr, erwiderte ich, zog sofort die Documente hervor und gab sie ihm in die Hand; es war der Trauschein und der letzte Brief seines Sohnes, worin das Bild lag.

Was geschah nun? Der Greis schien wie umgewandelt; erst nahm er den Trauschein und besah ihn von allen Seiten; dann warf er einen Blick auf die Aufschrift des Briefes und stand erschrocken auf. Als er das Couvert öffnete, fiel das Bild heraus, so daß er es nicht gleich sah, aber er las den Brief, und große Thränen liefen über seine armen, gefurchten Wangen. Ich hätte auch weinen mögen, aber ich hielt die Thränen zurück und stellte mich, als ob ich nichts merkte, und als der Baron den Brief zu Ende gelesen hatte, hob ich das Bild auf und hielt es ihm vor die Augen.

Er schrie laut auf und bedeckte das theure Gesicht mit Küssen, dann hielt er unschlüssig inne, schaute mich an und murmelte einen nichts weniger als aristokratischen Fluch zwischen den Zähnen.

Beppe, dieser junge Mann war . . . war . . . ein entfernter Verwandter von mir; darum siehst du mich so bewegt.

Ah! sie kennen also die Familie genau? Und was für ein Mann ist denn der Großvater? Der Großvater?

Ja wohl, der Großvater des jungen Menschen, dem diese Papiere gehören?

Ich glaube,  . . . der alte Mann . . . ist gestorben.

O, um so besser! Dann wird der junge Herr um so mehr Muth haben, einen Prozeß anzufangen.

Einen Prozeß?

Wenn ihn seine Verwandten nicht im Guten anerkennen wollen, muß es ja doch so weit kommen, und ein Ehrenmann, wie Sie, wird gewiß der armen Waise mit Rath und That beistehen.

Ich soll ihm beistehen? Aber Beppe. . . .

Nun, Herr Baron, da Sie jetzt die Papiere gesehn und gelesen haben, geben Sie sie mir zurück, nennen Sie mir den Namen der Familie, die Ihnen glücklicherweise bekannt ist, und haben Sie die Güte, mir zu sagen, was nun geschehen soll.

Während ich so den Unschuldigen spielte, gab es einen harten Kampf in der armen Seele, die der Hochmuth zwar verschroben, aber doch nicht ganz entartet hatte. Das Käppchen war dem alten Herrn vom Kopfe gefallen, und auf der hohen, kahlen Stirn perlten große Schweißtropfen; der Rücken, der kurz vorher wie eine Sichel gekrümmt war, hatte sich aufgerichtet, und die grauen, ausdrucksvollen Augen blitzen bald in zornigem Stolz, bald schimmerten sie feucht von einer Weichheit, die sich nicht zurückdrangen ließ. Die dünnen Lippen preßten sich streng und hart zusammen, dann öffneten sie sich zitternd, und ein Seufzer entfloh ihnen, der in ein mattes Hüsteln überging. Sogar das spitze Kinn und die Adlernase schienen mit einander anbinden zu wollen.

Ich fühlte Mitleid mit dem Sturm, den ich erregt hatte, aber ich konnte dem Alten nicht helfen.

Endlich beruhigte er sich nach und nach und kam wieder so weit zu sich, um sein Interesse wahrzunehmen.

Beppe, sagte er plötzlich, du bist hergekommen, um mir diese Papiere zu verkaufen; was sollen sie kosten?

Ich verlor einen Augenblick meinen Gleichmuth, und das Blut stieg mir ins Gesicht. Ihnen diese Papiere verkaufen? rief ich; o! Für was halten Sie mich?

Du weißt, was sie enthalten, spiele nicht länger diese häßliche Komödie und habe Mitleid mit einem alten Mann, der Ruhe haben muß, wenn er sein bischen Leben erhalten will. Sag mir, was du forderst, und ich werde dich befriedigen. Ich weiß: Gelegenheit macht Diebe, und diese Gelegenheit ist zu verführerisch, als daß du sie dir entschlüpfen lassen könntest . . . zu meiner Zeit würde einer von deinem Stande . . .

Zu Ihrer Zeit waren vielleicht die Leute meines Standes ebenso feige und schamlos wie . . . wie Ungebildete und Sklaven es leider sein müssen, besonders wenn die Herren kein gutes Beispiel geben: aber zu meiner Zeit, Herr Baron, hat es jeder Proletarier begriffen, was die Spatzen auf allen Dächern pfeifen: daß alle Menschen gleich sind, und daß der redliche, ehrenwerthe Mann, mag er auch in Camaldoli oder in Mercato vecchio geboren sein, hundertmal mehr werth ist, als gewisse Junker, welche für und wider den Palazzo Pitti oder den Palazzo vecchio intriguiren, den Possenreißer in den Clubs und auf der Promenade machen und glauben, die Ehre der Weiber und das Gewissen der Arbeiter sei für Geld feil. Ich sage das nicht für Sie, aber . . .

Die Galle war mir übergelaufen, und wie sehr ich mir auch Mühe gab, nicht über die Schnur zu hauen, konnte ich mich doch nicht bezwingen, und wer weiß, was ich noch Alles gesagt haben würde, wenn mir nicht das veränderte Wesen des Barons den Mund gestopft hätte.

Ich wurde wieder bescheiden, wie es sich für meinen Stand geziemt, und dachte im Stillen: sollte wirklich etwas am Adel sein? als ich sah, mit welch stolzer Würde der Alte mir zuhörte, und mir mit Auge und Hand Schweigen gebot.

Beppe, Beppe, murmelte er mit ruhiger Würde, mir scheint, daß Ihr den schuldigen Respect außer Augen laßt.

Verzeihen Sie mir, Excellenz, ich achte und verehre Sie wahrlich, aber Sie muthen mir Dinge zu, die, wenn ich nur daran denke, mir schon das Blut ins Gesicht treiben. Und dann hatte ich ja keine Ahnung von dem Namen jenes Großvaters, während jetzt, Gott verzeih mir’s, ich fast denken möchte . . . Nein! . . . ich sage nichts weiter, um Sie nicht zu erzürnen, und will Sie nicht länger stören . . . Damit Sie aber sehen, welches Vertrauen ich in Sie setze, so lass’ ich Ihnen diese Papiere da; denken Sie darüber nach, und in ein paar Tagen komme ich wieder, um mir Ihren Rath zu holen. Ich weiß noch von nichts, aber mein Herz sagt mir, daß dem jungen Raphael, in den sich Euer Gnaden sicher verlieben, wenn Sie ihn erst sehen werden, ein glückliches Loos bestimmt ist.

Du willst mir die Papiere hier lassen? fragte der alte Herr halb erfreut und halb verlegen.

Gewiß; wem könnte ich sie sicherer anvertrauen?

Aber es wäre doch vielleicht besser . . . weißt du . . . Basta! . . . Komm wieder, komm morgen wieder.

Ich verbeugte mich demüthigst und verließ das Zimmer, indem ich einen letzten Blick auf die kostbaren Papiere warf, die der Baron krampfhaft festhielt.

Hinter der Portière fand ich den alten Diener, der offenbar dort gehorcht hatte; er zog sich zwar eilig zurück, als ich heraustrat, aber doch nicht so geschwind, daß ich es nicht bemerkt hätte. Ich gab ihm einen Wink, daß er nicht erschrecken und mir auf die Treppe nachkommen solle.

Als wir dort angelangt waren, schaute ich ihn scharf an und frug:

Andreas, hast du verstanden, wovon die Rede war?

Ein wenig, sagte er ganz erschrocken. Du sprachst vom Baron Julian, meinem theuren, jungen Herrn, den ich so sehr liebte, und der so viel Unglück hatte.

Richtig. Du, als ein alter Diener der Familie, wirst dich noch gut auf die Liebschaft deines jungen Herrn besinnen, und auf den Zorn des alten Baron, der ihn deßhalb aus dem Hause stieß, und wirst wissen, daß der junge Herr darauf in den Krieg, dann in die Verbannung ging und zuletzt so grausam sterben mußte.

Andreas antwortete nicht und schnaubte sich heftig die Nase.

Nun höre! Baron Julian hat einen Sohn hinterlassen, und zwar einen ehelichen Sohn; willst du mir dazu behülflich sein, daß ihn sein Großvater anerkennt?

Das Gesicht des alten Dieners war urkomisch, aber ich konnte doch nicht darüber lachen. Mit der einen Hand strich er über das weiße Haar, das nach alter Sitte kurz geschoren war, und mit der andern wischte er sich die Thränen ab, die in großen Tropfen bis auf seine rothsammtene Weste herabliefen. Er vermochte sich nicht mehr auf den Füßen zu erhalten, setzte sich auf die Treppenbank und schaute mich wie träumend an; . . . dann flüsterte er: Ach! Was kann ich dazu thun?

Du mußt den Baron scharf beobachten und mir morgen Alles haarklein wieder erzählen; und wenn es sich machen läßt, so lege auch ein gutes Wort für den jungen Herrn ein. . . .

Indem wurden wir durch ein heftiges Klingeln unterbrochen; Andreas eilte in das Zimmer seines Herrn, und ich lief in Einem Athem die Treppe hinunter, sei es, daß mich Aufregung so jagte, oder der Hunger, denn es hatte schon längst zwölf Uhr geschlagen.


Fünftes Kapitel.

Sor Raphael behext seinen Großvater.

Ich kann mich nicht enthalten, während ich schreibe, heimlich in mich hinein zu lachen, wenn ich bedenke, wie die Herrschaften, die so freundlich sind, meiner Erzählung zu folgen, mich jetzt für einen Simpel, oder gar für noch was Schlimmeres halten werden, weil ich die kostbaren Documente in den Händen des stolzen Baron gelassen hatte.

Aber da ich gehört hatte, daß man, um die Neugierde der Leser wach zu erhalten, gewisse Dinge nicht gleich sagen, sondern sie errathen oder voraussetzen lassen müsse, hoffte ich, daß Jedermann sich das denken würde, was ich that, ehe ich zum Baron ging, ja sogar schon an dem Tage that, wo ich mir bei dem Schneider die neue Jacke bestellte. An diesem Tage also nahm ich zwei von meinen Gesellen mit mir, ging mit ihnen zu einem Notar und ließ vor diesen Zeugen den Trauschein verlesen und darauf eine Abschrift davon machen; zu größerer Sicherheit ging ich auch noch zum Pfarrer, und ließ mir einen zweiten Auszug des Documentes ausstellen. Was nun die andern Papiere, nämlich den Brief und das Bild anbelangt, so war es freilich eine Keckheit, ohne Zustimmung des Eigenthümers darüber zu verfügen, aber: wer nicht wagt, gewinnt nicht, sagt das Sprüchwort, und da mein Herz und mein Weib, was ein und dasselbe für mich ist, mir sagte, daß die Sache glücklich enden würde, vertraute ich ihnen und schlug mir das Uebrige aus dem Sinn.

Aber doch nicht so ganz, daß ich mich nicht etwas unbehaglich gefühlt hätte, als ich am Abend dem offenen, treuherzigen Blicke Raphaels begegnete. Hatte ich recht oder unrecht gehandelt? Das Alles hing vom dem Erfolge ab; die Zeitungen machen ja so viel Geschrei von der Politik der »vollendeten Thatsache«, wie sie es nennen!

Ungeduldig erwartete ich den nächsten Tag und begab mich noch vor der festgesetzten Stunde in den Palast des Barons. Andreas erwartete mich unter der Thüre, führte mich auf sein Zimmer und begann, ohne mir Zeit zum Fragen zu lassen, Folgendes zu berichten:

Als ich auf das Klingeln des Herrn zu ihm eilte, fand ich ihn mitten im Zimmer stehen; sein Gesicht war auffallend verändert, im Uebrigen hatte ich ihn seit langer Zeit nicht so lebhaft und rüstig gesehen, so daß ich ihn erstaunt anschaute. Er winkte mir, näher zu treten, und sagte, auf ein Bild zeigend, das er in der Hand hielt: Erkennst du ihn? Ich stieß einen Schrei aus, und im Augenblick stand mir, ich weiß nicht wie, ein schönes, blondlockiges Kind vor Augen, dann ein kecker Knabe, der so gut mit dem armen Andreas war, und endlich ein schlanker Jüngling mit braunem Bärtchen, der mir beim Abschied gesagt hatte: Andreas, wir sehen uns nimmer wieder. Ich schaute das Bild noch Einmal an. Ja! Das war sein Gesicht, sein Lächeln, seine Augen, und die Uniform machte ihn mir noch schöner. Ich konnte meine Thränen nicht langer zurückhalten, und brach in lautes Schluchzen aus.

Der Baron sah mich erst zornig an und zog nach seiner Gewohnheit die Augenbrauen finster zusammen, aber endlich überwältigte ihn die Erinnerung an Ehemals, er sank ächzend in seinen Lehnstuhl, ich fiel auf den Teppich hin, und wir weinten zusammen.

Während Andreas sprach, wurden seine armen, erloschenen Augen ordentlich glänzend, und über die Runzeln seiner eingefallenen, welken Wangen flossen Thränen herzlicher Treue und demüthiger Liebe.

Und dann? fragte ich ganz leise, als Andreas sich etwas beruhigt hatte.

Dann sprachen wir vom Baron Julian, von der Zeit, wo er noch ein Kind war und in die Schule ging, dann von seiner armen Mama, die schon so lange todt ist, und die Keiner je gewagt hat wieder vor dem Herrn zu erwähnen; wir sprachen von den Hoffnungen, die wir auf den Jüngling gesetzt hatten, von der schlechten Gesellschaft, in die er gerathen, von der verderbten Zeit und den Gefahren der Liebe. Endlich vertraute mir der Baron, daß ein verlassener Knabe da sei, und das drückte mir bald das Herz vor Sehnsucht ab . . . Er schloß endlich damit, daß er sagte: die großen Herren aus der guten, alten Zeit, wären stets mitleidig gegen solche arme Geschöpfe gewesen, die zwar keine rechtlichen Ansprüche zu machen hätten, aber man müsse doch menschlich an seinem eignen Fleisch und Blut handeln. Kurz und gut, heute gegen vier Uhr gehen wir incognito zu unserm Enkel, um uns zu überzeugen, ob er unser Mitleid verdient.

Mitleid! . . . Oho! Da seid Ihr auf dem Holzwege. Aber immerhin, laß ihn nur meinen Raphael sehen, und ich stehe für Alles. Er wird den Großvater so gut behexen, wie er mich, mein Weib und Alle, die ihn kennen, behext hat.

Und nachdem ich in aller Eile Abschied von dem guten Andreas genommen hatte, ging ich fort und dachte, daß alles im richtigen Fahrwasser sei.

Raphael kannte seinen Großvater von Ansehen, ich war daher unschlüssig, ob ich ihn auf den Besuch vorbereiten, oder alles der Vorsehung überlassen solle; aber mein Weib rieth mir, ihm nichts zu sagen, und so begnügte ich mich, ihn zu besuchen und mit ihm zu schwatzen, damit er nicht etwa ausginge.

Und während er wie gewöhnlich mit Inbrunst an dem Bilde seiner Liebsten arbeitete, machte ich mir allerhand im Zimmer zu schaffen, stellte die Stühle an ihren Platz, stäubte die Bilder und allerhand Kleinigkeiten ab, die auf den Tischen umherlagen, kurz gab Allem rings umher jenes gewisse schmucke Ansehen, das Einem so angenehm ins Auge fällt, wenn man zum Erstenmal eine fremde Wohnung betritt. Zuletzt rief ich ein Blumenmädchen heran, die vorbeiging, und kaufte für eine halbe Lira einen ganzen Korb voll Rosen, band sie geschickt in einen Strauß und steckte diesen in eine schöne Porzellanvase, die auf dem Ofen stand.

Mache ich denn heute Abend Hochzeit, daß du mir die Stube so aufputzest, lieber Beppe? scherzte Raphael, indem er von der Arbeit aufblickte und mir lächelnd zusah.

Je nun! . . . sagte ich, und kaum war mir’s über die Lippen, so schellte es heftig an der Hausthüre, so daß mir das Herz zu hämmern anfing, als ob ich auf verbotenen Wegen ginge. Ich zog die Schnur der Klinke, öffnete die Stubenthüre, und ehe die Besucher oben angelangt waren, machte ich mich aus dem Staube und versteckte mich in die Kammer Sor Raphael’s, deren Portière ich halb offen ließ.

Denn was nun kommen sollte, war mein Werk, und ich wollte Zeuge davon sein, um wenigstens zu sehen, ob ich etwas Gutes gestiftet, oder einen dummen Streich gemacht hätte, für den ich Schläge verdiente.

Ich hatte kaum Zeit gehabt, ein paar recht herzhafte Seufzer zu thun, denn mir war ganz beklommen zu Muthe, als ich das trockne Hüsteln unseres Großvaters hörte.

Ich versteckte mich noch mehr in meinem Winkel, und Raphael wandte sich um, sprang auf und blieb unschlüssig und regungslos stehen, den Greis anstarrend, der schon über die Schwelle schritt, während ihm Andreas auf dem Fuße folgte.

Zuerst, und zwar eine ziemlich lange Weile, war es ganz still im Zimmer. Ich konnte aus meinem Versteck das bleiche Gesicht des alten Herrn sehen, das von oben durch ein großes Fenster beleuchtet wurde, und las darauf mancherlei sehr verschiedenartige Empfindungen. Seine abgezehrten und welken Backen zitterten in krampfhafter Bewegung, so daß sie bald aufschwollen, bald noch eingefallener schienen, als vorher, und seine dünnen, gekniffenen Lippen bebten, als er endlich fragte: Sind Sie der Herr Maler Raphael?

Keine Antwort.

Der Baron trat einen Schritt näher.

Ich komme, um Ihr Atelier zu besuchen . . . um Ihre Arbeiten zu sehen.

Aber Raphael blieb stumm, als ob ihn die Sache gar nichts angehe.

Ich habe viel von Ihnen gehört . . . aber vielleicht sind Sie jetzt beschäftigt . . . ich werde ein ander Mal wiederkommen, sagte der Baron und wandte sich zum Gehen; denn durch das Schweigen Raphaels erschreckt, welches ihm zeigte, daß sein Enkel ihn erkannt habe, wünschte er, so rasch als möglich seinen Rückzug anzutreten.

Aber Andreas, der vor Rührung Gesichter schnitt, die unter anderen Umständen höchst komisch gewesen wären, vertrat ihm mit ausgebreiteten Armen den Weg und rief:

O, bitte, Herr Baron, schauen Sie ihn nur einmal recht an! Sehen Sie denn nicht, daß es Sor Julian ist, wie er leibt und lebt? . . . Fühlen Sie nicht, daß er ihr eigen Fleisch und Blut ist? . . . O, wie das an einem reißt! Der arme Alte vermochte nicht länger an sich zu halten, und gegen alle aristokratischen Gewohnheiten und seiner Livrée ganz vergessend ergriff er die Hand, die ihm Raphael entgegenstreckte, und bedeckte sie mit Küssen und Thränen. Von diesem Augenblicke an war die Schlacht gewonnen.

Großvater! . . . rief Raphael mit einer Stimme, die einen Todten hätte erwecken müssen.

Der Greis breitete seine Arme aus, und im nächsten Augenblicke hielten sich die Beiden so fest umschlungen, daß sie zusammengewachsen schienen.

Als dieser erste Ausbruch der Zärtlichkeit sich ein wenig gelegt hatte, trug der Jüngling den alten Herrn fast in seinen Armen zu einem Lehnstuhl, setzte ihn hinein und ließ sich dann neben ihm auf ein Knie nieder.

Jetzt erst konnte ich das Gesicht Raphael’s sehen, der mir bis dahin den Rücken zugekehrt hatte. . . . Wie schön war er! er sah ganz überirdisch aus, und ein Maler hätte ihn als Modell zu einem Seraph benutzen können. Seine Augen, die ganz voll Thränen standen, seine vollen, rothen Wangen, jetzt vor Gemüthsbewegung ganz blaß, die hohe, offne Stirn, über die das schwarze, lockige Haar fiel, die bleichen Lippen, die sich leise bewegten, als ob sie eine Bitte flüsterten Alles trug dazu bei, das stolze Herz des alten Barons zu erweichen, so daß er sich endlich auf das lockige Haupt neigte und unter Küssen flüsterte: Julian, o, mein Julian! Vielleicht glaubte er in diesem Augenblicke wirklich den so lange entbehrten Sohn wiedergefunden zu haben.

Nach und nach wurde Raphael gefaßter, aber dennoch schien es, als spräche er mehr mit sich selbst, als mit seinem Großvater, als er dessen abgezehrte, weiße Hand in die seine nahm und sie sanft streichelnd sagte: Mein armer, alter Großvater, wie elend siehst du aus! . . . Du mußt viel gelitten haben, wenn du an deinen verstoßenen, heimathlosen Sohn dachtest, der so jung und ohne deinen Segen sterben mußte! . . . Aber der Stolz, der böse Stolz! . . . Siehst du, ich verstehe dich, und verzeihe dir im Namen Derer, die im Himmel für uns beten. Wer kann dir den guten Gedanken eingegeben haben, mich aufzusuchen? . . . Sollte es vielleicht der gute Beppe gewesen sein? Du hofftest wohl, dein Incognito zu bewahren . . . O, der brave Alte sei gesegnet, daß er . . .

Andreas! unterbrach ihn der Diener, Andreas, der Ihren Vater auf den Armen getragen hat.

Aber ich hatte dich schon hundertmal gesehen, Großvater . . . Siehst du, ich bin in meinem ganzen Leben von Niemand geliebkost worden, als von meiner Mutter, und diese arme Theuerste hat mich schon seit vielen Jahren verlassen. Wirst du mich nun nicht manchmal in meinem Atelier besuchen, lieber Großvater, um mir ein bischen Muth zur Arbeit zu machen? Weißt du, bis gestern glaubte ich dich zu hassen; jetzt aber habe ich dich lieb; wie es so gekommen ist und warum, das weiß ich nicht, aber ich fühle, daß auch du ein wenig Liebe bedarfst, und daß ich etwas dazu beitragen kann, dein Alter zu erheitern.

Ich weinte während alles dessen wie ein Kind und dachte: Es ist nur gut, daß meine Alte nicht da ist, sonst müßten wir jetzt in Thränen ersaufen.

Raphael, du wirst mit mir gehen, sagte der alte Baron, der alles Widerstreben aufgegeben hatte und ganz verjüngt und verklärt aussah. Du wirst mit mir gehen, ich erkenne dich als meinen Enkel und rechtmäßigen Erben an, und wir trennen uns nie mehr.

Aber der Großvater hatte seine Rechnung ohne den Wirth gemacht, denn der Jüngling, wer hätte es geglaubt? beharrte selbst nach dieser rührenden Scene auf seinem Entschlusse. Er erklärte standhaft: daß er weder Titel noch Reichthum begehre und zufrieden sei, wenn ihn der Großvater ein wenig lieb habe. Er werde ihn immer ehren und achten, aber er verschmähe es, besser behandelt zu werden als sein Vater, der es mehr verdient hätte, als er.

Der Baron war wie aus den Wolken gefallen, da es ihm zu unglaublich schien, das zurückgewiesen zu sehen, was er noch heute Morgen fest entschlossen war niemals zu gewähren.

Und ich? Ich biß in meinem Winkel vor Wuth in meine Fäuste: Eigensinniger, verrannter Querkopf! brummte ich, und Sor Raphael mag mir’s jetzt verzeihen, wenn er will, denn ich muß ihm gestehen, daß ich in jenem Augenblicke mehr auf ihn geflucht habe, als sich mit dem Respekt verträgt.

Plötzlich wandte ich mich um und sah . . . rathet einmal, wen? . . . ich wette was Ihr wollt, daß ihr es nicht findet . . . den andern Enkel und Erben des Barons: den Anbeter Argia’s.

Bei seinem Erscheinen war Raphael aufgesprungen, und der junge Mann kam stutzerhaft herangetänzelt und erzählte: daß er den Wagen des Großvaters vor dem Hause gesehen, die Hausthüre offen gefunden und darum gewagt habe, heraufzukommen, um zu fragen, . . um zu sehen . . . und während dessen musterte er erstaunt den Großvater, der ganz verwirrt dasaß, und Raphael, der, eine Hand aufs Herz gepreßt und mit der andern auf die Stuhllehne gestützt, sich zu sammeln versuchte.

Der alte Herr schien einen Augenblick zu schwanken, dann aber stand er auf und stellte würdevoll, wenn auch mit etwas zitternder Stimme, die jungen Leute, die sich schon wie zwei Kampfhähne gegenüber standen, einander vor:

Graf Ernst, mein Enkel, der Sohn meiner Tochter, und Raphael . . . sein Vetter.

Mein Vetter!

Ja, der Sohn meines Julian, dem Gott all seine Schuld vergeben haben wird.

Der junge Modeherr verzog die Lippen zu einem boshaften Lächeln.

Sein legitimer Sohn! – setzte Raphael stolz hinzu.

Der junge Graf stand einen Augenblick unschlüssig, dann rief er: Nun desto besser! und reichte Raphael seine Hand.

Dieser näherte sich seinen Verwandten, wie ein verlaufenes Küchlein, das sein Nest wieder gefunden hat, und durch das liebenswürdige Benehmen seines Cousins gewonnen, entschloß er sich endlich, die Seinen nach Hause zu begleiten.

Als ich allein war, sah ich mich im Zimmer um und fühlte mich etwas unbehaglich. Ich kam mir wie der Lampenputzer vor, der den Vorhang fallen läßt und die Lichter auslöscht, wenn die Komödie zu Ende ist. Auch gestehe ich’s, daß mir das Herz weh that, als ob ich Jemand Liebes verloren hätte. Dann aber brummte ich in den Bart: Dummheiten! Das ist nun so der Lauf der Welt! schloß die Thür ab und lief nach Hanse zu meiner Alten, die vor Neugierde verging, zu wissen, wie die Sache abgelaufen war.


Sechstes Kapitel.

Ich bringe eine Gesundheit aus und komme zum Schluß.

Und was nun weiter, meine freundlichen Leser?.. Als ich Raphael wiedersah, war er der glücklichste Mensch unter der Sonne geworden, und zwar war die Sache folgendermaßen zugegangen. Graf Ernst, der nicht viel von Heirathen wissen wollte, war seinem Vetter sehr dankbar, daß er ihm ans der Verlegenheit half, und hatte sich damit begnügt, sich vom Großvater zum funfzehnten Mal seine Schulden bezahlen zu lassen.

Dieser Bruder Liederlich hatte kein schlechtes Herz, aber nicht mehr Hirn als eine Mücke, und das Heirathen hielt er für die größte Narrheit. Raphael wollte aber seiner Sache gewiß sein, er verständigte sich darum mit dem Großvater, und bald waren die Beiden im Hanse des Fräuleins, um mit ihrem Papa über Mitgift und Geldangelegenheiten zu verhandeln, da für ihn dieser Punkt das Wichtigste bei der ganzen Sache war.

Als sie sich geeinigt hatten, ging der Vater zu seiner Tochter und sagte ihr, daß der Bräutigam im Nebenzimmer sei und sie sprechen wolle, daß er sein Wort gegeben habe und es nicht mehr zurücknehmen könne, daß diese Heirath ihn und alle Betheiligten glücklich machen werde, kurz tausend Dinge die ganz schön sein mochten, aber dem armen Kinde durchaus nicht schön vorkamen. Denn da sie überzeugt war, daß Graf Ernst der Bräutigam sei, klangen sie ihr wie ein Todesurtheil.

Der Vater, der sie im Grunde lieb hatte, weidete sich währenddem an ihrer Verlegenheit und schob sie sanft nach der Thüre.

Endlich faßte sie sich ein Herz und beschloß, im Stillen, dem jungen Grafen zu gestehen, daß sie ihn nicht lieben und daher nicht zum Gatten nehmen könne. Sie öffnete die Thür und trat mit gesenktem Köpfchen, roth wie eine Kirsche und mit Thränen in den Augen, in das Zimmer: Mein Herr, sagte sie leise, aber entschlossen, ohne die Augen vom Boden zu erheben, hören Sie mich an: ich kann nicht Ihre Gattin werden, und damit Sie meine Weigerung nicht verletzt, sollen Sie die Wahrheit wissen . . . Ich liebe einen Andern.

O Argia! flüsterte Raphael beseligt, und da entdeckte sie ihren Irrthum und sank halb ohnmächtig in einen Sessel; sie lachte und weinte, und ihre Wangen erglühten vor Scham und Liebe.

Raphael faßte ihre Hand. Sie lieben also einen Andern?

Ich glaubte mit dem Grafen zu sprechen, stammelte Argia zitternd.

Und nun Sie wissen, daß es der arme Künstler ist, der es wagt, um Ihre Hand zu werben, wer weiß, welche stolze Antwort Sie mir geben werden . . .

Was das Mädchen antwortete, hat mir Raphael nie so recht sagen wollen, gewiß ist es aber, daß sich Beide im Nu verstanden, denn sie faßten sich bei den Händen und warfen sich in die Arme der beiden Greise, die still vor sich hin lachten, einander die Hände drückten und ganz vergnügt schienen.

Das plötzliche Glück stieg Raphael nicht zu Kopfe, und verringerte nicht im Mindesten seine Freundschaft für mich; ich war noch immer sein Vertrauter, und oft überraschte er mich bei meiner Arbeit. Ja, er brachte es sogar dahin, Eigenthümer des Hauses zu werden, das wir wieder in Stand setzten, und da die blaue Stube schon eingerissen war, ließ er eine ganz gleiche bauen, in der die Nische mit dem Bilde des braven Heiligen und die schönen Deckengemälde nicht fehlten.

Am ersten Mai war die Façade beendet, und es wurde Hand an die Ausschmückung des großen Saales gelegt, der zur Hochzeitsfeier fertig sein sollte. Und jeden Tag zog Sor Raphael seinen Rock aus, stieg auf das Gerüst und malte an die Decke liebliche Kindergestalten wie Milch und Blut, die zum Anbeißen waren. Manchmal sagte ich zu ihm, um ihm auf den Zahn zu fühlen: was brauchen Sie denn jetzt noch zu arbeiten, da Sie reich und ein Baron geworden sind? Warum benutzen Sie diese Stunden nicht lieber, um mit Ihrer Braut zu kosen?

Aber er antwortete mir ganz vernünftig: Lieber Beppe, ich habe nicht das Herz, ein Müssiggänger zu werden. Der Liebesblick meiner Argia ist etwas Himmlisches, aber er ist mir tausendmal mehr werth, wenn ich glaube, daß ich ihn verdient habe. Liebe und Arbeit, das ist mein Wahlspruch, und will ihm bis zum letzten Athemzuge treu bleiben.

Die Fresken waren fertig und wunderbar schön gerathen, wie selbst berühmte Künstler zugestanden, die jetzt herbei kamen und das Talent des Baron Raphael bis zum Himmel erhoben, während sie vielleicht den armen, verwaisten Jüngling niemals beachtet hätten. Aber das ist nicht ihre Schuld, so ist nun einmal der Lauf der Welt.

Argia kam auch, und wie schaute sie jene Engelchen an! Ihr Blick suchte Raphael, und Beide wurden feuerroth. Ei, sie dachten wohl an andere Engelchen, die sie, wenn es Gott anders so gefällt, bald auf ihren Armen wiegen könnten.

Dann kam das liebe Fräulein zu mir, streckte mir ihre schneeweiße Patschhand entgegen und ließ nicht nach, bis ich sie mit meinen harten Händen gedrückt hatte; ich that es, aber ich brachte kein Wort mehr über die Lippen. Und Gott weiß, daß ich sonst ein gutes Mundwerk habe, aber es schnürte mir die Kehle zusammen.

Meister Beppe, sagte sie, Raphael und ich haben Sie zu unserm Trauzeugen gewählt.

O!

Ja wohl, und Sie dürfen nicht Nein sagen. Mir schlägt Niemand etwas ab, setzte sie mit einer Grazie wie eine kleine Fee hinzu.

Aber bedenken Sie doch, ich . . .

Ich habe schon bedacht! Halten Sie sich nächsten Sonntag schon ganz früh bereit, zuerst gehen wir in die Kirche, dann auf das Standesamt, und nachher speisen Sie mit uns und begleiten uns bis an den Wagen, in dem wir, wenn Alles vorbei ist, als Mann und Frau abreisen werden.

Sie verschwand und ließ mich ganz verblüfft stehen; aber Raphael sagte mir am nächsten Tage dasselbe und schwur mir zu, daß es kein Scherz sei, sondern daß Argia mich wirklich zum Zeugen wünsche.

Da ich mich rühme, ein vernünftiger Mann zu sein, beschloß ich, meine Sache gut zu machen. Ich ließ meine Frau sich wundern, so viel sie wollte, und während sie für mein Hemde, meine Cravatte und was weiß ich sonst noch Alles sorgte und der ganzen Nachbarschaft anvertraute, welche Ehre mir wiederfahren sei, blieb ich für mich allein und dachte darüber nach, was ich am Hochzeitstage thun und sagen wollte.

Wir waren fünfzig Personen beim Hochzeitsmahle. Herzöge und Prinzen repräsentirten die Vergangenheit, die Damen waren die Schönheit, die immer die Beherrscherin der Welt ist, und einige Künstler umgaben Raphael, der, mochte man es gern sehen oder nicht, doch immer ein Jünger der Kunst blieb. Ich sah auch einen Abgeordneten, und ich möchte fast sagen, daß er die jetzige Zeit vertreten hätte, aber ich muß offenherzig gestehen, daß er gar nicht nach meinem Geschmacke war. Es war ein großer, dicker Mann, aus lauter Complimenten und Bücklingen zusammengesetzt, der so viel sprach, wie alle Andern zusammengenommen, und über das Schicksal der Welt nur so verfügte, gerade als ob die Nation seine Hausmagd gewesen wäre; aber so wie es sich nicht mehr um Politik handelte, war er verlegner als Ihr gehorsamer Diener, der sich’s in den Kopf gesetzt hatte, auch seine Rolle zu spielen.

Possen! werden Sie sagen, und doch schien es mir in jener Stunde, als ob ich das Volk vorstellte: den unterrichteten und redlichen Arbeiter, der es werth ist, auf gleichem Fuße mit den anderen Ständen zu verkehren, und ich war stolz darauf.

Es wurden viele Gesundheiten getrunken und viele Glückwünsche dargebracht, und endlich sagte mir Raphael:

Nun, Beppe, und du sagst gar nichts? Hast du keinen Wunsch für unser Glück, das doch dein Werk ist?

Da stand ich auf, und während mich Alle neugierig anschauten und vielleicht mit dem guten Willen, mich auszulachen, mir zuhörten, sprach ich mit keckem Muthe ungefähr Folgendes:

Nun wohl, da Sie es wünschen, werde auch ich ein paar Worte aus dem Stegreif sprechen. Den Herrschaften wird es sonderbar vorgekommen sein, daß ein simpler Arbeiter heute an dieser Tafel sitzt. Aber ich habe die Einladung angenommen, einmal, weil ich sie durch einen Engel erhielt, und zweitens, weil es mir recht schien, zu zeigen, daß in unseren Tagen jeder redliche und gebildete Mensch Selbstgefühl haben und sich werth halten kann, als gleich und gleich mit Jedermann zu verkehren. Meine Herren! Das Volk beneidet Sie nicht um Ihre Reichthümer, wie man behauptet, aber es will daß Sie einen kleinen Theil derselben dazu anwenden, für seine Bildung und seine Gesundheit zu sorgen, seine Arbeit ersprießlicher und die Sorge für seine Familie weniger drückend zu machen.

Und wir haben auch noch ein Herz! Wer einen Freund will, suche ihn unter uns; der mu­thige Soldat geht immer aus unseren Reihen hervor, der Lebensretter seiner Mitbürger ist meistens ein Arbeiter. Raphael, Sie rühmten sich einst, einer der Unsern zu sein, jetzt sind Sie reich und mächtig. Wollen Sie einen Herzenswunsch von mir hören? Vergessen Sie uns nicht. Werden Sie und Ihre Gattin unsre Wohlthäter, unterrichten Sie unsere Kinder, lehren Sie unsere Frauen, ihre Vorurtheile abzulegen, und uns selbst, uns zu bilden, und unsere Sitten zu bessern. Und Sie, Herr Abgeordneter, bringen Sie bald ein Gesetz ein, durch welches auch wir den Vertreter des Vaterlandes wählen können, oder noch besser, daß wir selbst mit unter Ihnen sitzen und unsre Meinung vorbringen dürfen, zwar nicht in so schönen Worten, wie Sie es thun mögen, aber furchtlos und offen. Und nun weg mit allen nachdenklichen Sachen, und trinken wir Alle auf das Wohl der Neuvermählten und auf eine zahlreiche Nachkommenschaft!

Alle wiederholten diese letzten Worte, und der Eine lachte mich aus, während der Andere mir die Hand drückte und ein Dritter mir ein schiefes Gesicht zog, und meinte, daß wir in einer bösen Zeit lebten, und daß ein gemeiner Mensch, wie ich, hier nicht geduldet werden sollte. Aber ich ließ mich all das nicht anfechten und war froh, offen meine Meinung gesagt zu haben, und dies um so mehr, als der alte Baron zu mir trat, mich auf die Achsel klopfte und mir ins Ohr flüsterte: Bravo, Beppe! Du bist ein Philosoph; wenn Alle wie du wären, könnte man wirklich glauben, das Unrecht sei auf unserer Seite.

Zuletzt begleitete ich die jungen Eheleute, die auf eins ihrer Schlösser gingen, bis an den Wagen. Raphael umarmte mich und schwur mir, daß er meinen Rath beherzigen würde, und Argia fügte hinzu, indem sie ihr Köpfchen an die Brust ihres Mannes lehnte:

Meister Beppe, lassen Sie uns ein wenig Zeit, gönnen Sie uns einen kurzen, seligen Honigmond und Sie sollen sehen, daß wir nach unserer Rückkehr uns Ihre Achtung verdienen werden. Nach diesen Worten warf sie mir mit ihren rosigen Fingern einen Kuß zu und verschwand im Innern des Wagens, oder vielmehr zwischen zwei Armen, die sie an sich drückten.

Als ich nach Hause zurückgekehrt war, beschloß ich, diese schöne Geschichte niederzuschreiben, um mir die böse Laune zu verscheuchen, und wenn die jungen Leute Wort halten, wer weiß, ob dann nicht Beppe, der Maurer, Ihnen mit Ihrer Erlaubniß noch eine Geschichte erzählen kann.