Please enable / Bitte aktiviere JavaScript!
Veuillez activer / Por favor activa el Javascript![ ? ]

ngiyaw-eBooks Home


Jacques-Henri Bernardin de Saint-Pierre – Paul und Virginie und Die indische Hütte

Roman (Naturgemälde)

Bernardin de Saint-Pierre, Paul und Virginie und Die indische Hütte, Übersetzt von Karl Eitner, Verlag des Bibliographischen Instituts, Hildburghausen, 1866



Zur Einleitung.

– »Bernardin de St. Pierre und Beaumarchais, welche scharf ausgesprochenen Gegensätze! Der Eine hauptsächlich bekannt und berühmt durch die liebliche Idylle von Paul und Virginie, welche uns fernab von allem Trubel und Lärm der Welt in die schlichte Einfalt uranfänglicher Naturzustände zurückführt; der Andere immer mitten im wildesten Gewühl des heiß entbrannten Kampfes durch seine zornmüthigen Denkwürdigkeiten, wie durch den scharfen Stachel seiner politischen Lustspiele einer der unmittelbarsten Urheber der französischen Revolution. Und doch sind diese Gegensätze in ihrem innersten Wesen nur verschiedene Strahlenbrechungen der einen und selben Zeitstimmung, des Grolls gegen das Bestehende, der allgemeinen Unzufriedenheit, des Angstschreies nach Luft, Licht und Freiheit.

Schiller hat in der bewundernswürdigen Abhandlung über naive und sentimentale Dichtkunst vortrefflich dargelegt, daß Idylle und Satire aus gemeinsamer Wurzel entspringen. In beiden Dichtarten befindet sich der Dichter im Widerspruch mit der ihm feindlichen Umgebung; aber das einemal flieht er diese widersprechende Wirklichkeit und erträumt sich einen Stand kampfloser Unschuld und vollkommener Befriedigung, das andremal nimmt er den Kampf mit dieser Wirklichkeit thätig auf, hält ihr den Spiegel des Ideals vor und sucht sie durch das Ideal dichterisch zu vernichten. Tacitus, welcher mit der Erhabenheit sittlichen Ingrimms die schauderhafte Verderbnis der römischen Kaiser schildert, sucht in der patriarchalischen Unverdorbenheit der germanischen Urwälder Trost und Erquickung. Die satirische und idyllische Stimmung sind so innig mit einander verwandt, daß er, der ernste Geschichtschreiber, sie beide in sich vereinigt.

Rousseau hatte diese schlummernden Gefühle in der französischen Gesellschaft zum Ausdruck gebracht. In Rousseau's Traum von der hohen und in sich befriedigten Glückseligkeit eines vorgeschichtlichen Naturzustandes lag der Keim der Idylle; in seinem Messen der staatlichen und gesellschaftlichen Wirklichkeit mit dem Maßstabe des neu eroberten Ideals von der Naturwüchsigkeit der Völkerfreiheit der Keim der Satire. Was in Ronsseau keimende gebundene Einheit war, ging in Bernardin de St. Pierre und in Beaumarchais selbständig und vereinzelt auseinander. Bernardin de St. Pierre hat das Träumerische, das Romantische von ihm, die Vertiefung in die schönselige Innerlichkeit; Beaumarchais das Thatkräftige, Umgestaltende, Revolutionäre. Jener ist die weibliche Spiegelung dieser die männliche. Beide aber sind Kinder desselben Vaters.

Wie wunderbar ist der träumerische, idyllische Hang der Zeit in Bernardin de St. Pierre Fleisch geworden, in seinem Leben wie in seinen Schriften. Er war am 19. Januar 1737 zu Havre geboren. Das wogende Meer und der belebte Hafen weckte in ihm früh die Sehnsucht nach der unbekannten dämmernden Ferne; schon als zwölfjähriger Knabe nimmt er an einer Fahrt nach Martinique Theil. Sein Leben ist wechselnd und abenteuerlich. Bald sehen wir ihn in französischer, bald in russischen Kriegsdiensten, bald auf festländischen Reisen, bald auf der weltentlegenen Ile-de-France, zuletzt, seit 1771, in einem einsamen gartenumsäumten Landhaus der Vorstadt St. Marceau in Paris, mitten im wüsten Gewirr der Revolution und der napoleonischen Kriege nur sich selbst, seinen Träumen und seiner Schriftstellerei lebend; er starb erst am 21. Januar 1814. Aber in allen diesen verschiedenartigen Wendungen und Lebenslagen lebt unverändert nur der eine Gedanke in seiner Seele, daß diese Welt, welche geschäftig und rastlos um ihn ihr lärmendes Wesen treibt, nicht die rechte und menschenwürdige Welt ist. Er ist kulturmüde, europamüde. In seiner buntbewegten Jugendzeit brennt das unwiderstehliche Verlangen in ihm, mit einer Anzahl gleichgesinnter einfacher Menschen in abgelegeneren Ländern, bald in Madagascar, bald am Aralsee, patriarchalische Ansiedelungen zu gründen; im Alter, nachdem ihm jene Pläne gescheitert, stellt er dichterisch den unendlichen Vorzug der Menschen und Zustände dar, welche von der sitten- und glückstörenden Bildung der Gesellschaft noch nicht berührt sind. Seine Reisebeschreibungen sind veraltet, seine Etudes de la Nature sind wissenschaftlich werthlos und nur insofern geschichtlich wichtig, als sie, auf den Spuren Rousseau's fortgehend, gegen die starre Wesensnothwendigkeit der materialistischen Anschauungsweise die religiöse Erkenntniß des unmittelbar göttlichen Schaffens und Waltens mit tiefer Innerlichkeit wieder geltend machen. Aber der Schwerpunkt Bernardin de St. Pierre's liegt in seinen Idyllen. Die kleine Erzählung von Paul und Virginie, welche 1788 im vierten Bande der Naturstudien erschien, ist von unvergänglicher Frische und Anziehungskraft. Zwei edle Frauen werden durch Unbill auf eine ferne Südseeinsel verschlagen. Dort wachsen ihre beiden Kinder, Paul und Virginie, in glücklicher Natürlichkeit neben einander auf, zuerst durch zarte Kindesliebe, dann durch die erwachende tiefere Leidenschaft innig verbunden. Nichts trübt das Glück dieser liebereichen unschuldsvollen Einsamkeit. Da wird Virginie von einer Verwandten nach dem fernen Frankreich gerufen und soll dort in alle Vorzüge und Irrgänge europäischer Bildung eingeführt werden. Nach vielem Drängen giebt sie nach; aber die Sehnsucht nach dem verlorenen Glück ihres Eilandes und die Treue zu ihrem Geliebten läßt sie nach kurzer Zeit aus Paris die Flucht ergreifen. Auf der Rückreise leidet sie Schiffbruch und geht in den Wogen unter. Paul und die beiden Mütter verzehren sich in unüberwindlichem Gram. Die Fabel ist lose und willkürlich. Der tragische Ausgang ist völlig unmotivirt, und der Zusammenstoß des einfachen Naturkindes mit der verkommenen Bildung ist nicht aus innerer Nothwendigkeit, sondern nur aus der äußern lehrhaften Absicht entsprungen, um, wie Goethe sich darüber ausdrückt, alle schmerzlichen Mißverhältnisse zur Sprache zu bringen, welche in den neuesten Staaten zwischen Natur und Gesetz, Gefühl und Herkommen, Bestreben und Vorurtheil so bang und beängstigend sind. Aber der Eindruck aller Einzelheiten ist tief ergreifend und im höchsten Sinne dichterisch. Die Gluth und der Zauber der Tropenwelt liegt über der kleinere Dichtung, und die Treue der Naturschilderungen wird von einem Kenner wie A. von Humboldt in seinem »Kosmos« mit beredten Worten bezeugt. Die betreffende Stelle heißt: »Paul und Virginie, ein Werk, wie es kaum eine andere Literatur aufzuweisen hat, ist das einfache Naturbild einer Insel mitten im tropischen Meere, wo, bald von der Milde des Himmels beschirmt, bald von dem mächtigen Kampf der Elemente bedroht, zwei anmuthvolle Gestalten in der wilden Pflanzenfülle des Waldes sich malerisch, wie von einem blüthenreichen Teppich, abheben. Hier wie in der Indischen Hütte sind der Anblick des Meeres, die Gruppirung der Wolken, das Rauschen der Lüfte in den Bambusgebüschen, das Wogen der hohen Palmengipfel mit unnachahmlicher Wahrheit geschildert. Bernardin de St. Pierre's Meisterwerk Paul und Virginie hat mich in die Zone begleitet, der es seine Entstehung verdankt. Viele Jahre lang ist es von mir und meinem theuren Freunde Bonplaud gelesen worden: dort in dem stillen Glanze des südlichen Himmels, oder wenn in der Regenzeit, am Ufer des Orinoco, der Blitz krachend den Wald erleuchtete, wurden wir beide von der bewundernswürdigen Wahrheit durchdrungen, mit der in jener kleinen Schrift die mächtige Tropennatur in ihrer ganzen Eigenthümlichkeit dargestellt ist.« – Die Sprache ist warm, sinnenfrisch, naiv, durchweg aus dem natürlichsten Leben gegriffen; die Charakterschilderung ist schlicht, treuherzig, anmuthig, in ihrer gewinnenden Umständlichkeit oft an die täuschende Kleinmalerei des englischen Robinson erinnernd. Und wohl könnten wir Heimweh bekommen nach jener glückseligen Kindlichkeit reinen und unbefangenen Menschenthums, wenn es nicht die Schranke der nicht aus naiver, sondern ans sentimentaler Stimmung entsprungenen Dichtart wäre, daß sie uns das Glück, das wir nur als Ziel aller menschlichen Entwickelung denken, als vor dem Anfang der Bildung stehend, darstellt und uns daher mehr mit dem traurigen Gefühl eines Verlustes erfüllt, als mit dem fröhlichen der Hoffnung. Und von demselben bildungsfeindlichen Groll wird auch die Indische Hütte getragen, welche 1791 erschien. Diese indische Hütte ist die Hütte eines verachteten Paria. Der von alter Gesellschaft Ausgestoßene lehrt dem Europäer, daß Anfang und Ende aller Glückseligkeit ein reines und einfältiges Herz sei.« –


Aus: Literaturgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts, 2. Theil, Seite 492 ff.





Paul und Virginie


Vorwort.

In diesem kleinen Werke habe ich mir große Aufgaben gestellt: Ich bemühte mich, einen Boden und eine Pflanzenwelt zu schildern, die von denen Europa's sehr verschieden sind. Unsere Dichter haben ihre Liebenden lange genug am Ufer der Bäche, auf den Wiesen und unter dem Laubdache der Buchen ausruhen lassen. Ich habe sie einmal an das Gestade des Weltmeers, an den Fuß der Felsen, in den Schatten der Cocosbäume, der Bananen und blühenden Citronenbäume versetzt. Es fehlt jener andern Hälfte der Welt nur an Theokriten und Virgilen, um von ihr mindestens eben so anziehende Gemälde zu erhalten, als wir sie von unserm eigenen Lande besitzen. Ich weiß wohl, daß geschmackvolle Reisende uns zauberhafte Schilderungen von mehreren Inseln der Südsee gegeben haben; allein die Sitten ihrer Bewohner und noch mehr die der Europäer, die daselbst landen, gereichen der Landschaft oft zur Unzierde. Ich habe gewünscht, mit der Schönheit der tropischen Natur die moralische Schönheit eines kleinen Menschenkreises in Einklang zu bringen. Zugleich beabsichtigte ich, mehrere große Wahrheiten zur Ueberzeugung zu erheben, unter andern die, daß unser Glück in einem der Natur und Tugend gemäßen Leben besteht. Ich hatte indessen nicht nöthig, einen Roman zu ersinnen, um glückliche Familien darzustellen. Ich kann versichern, daß diejenigen, von denen ich sprechen will, wirklich gelebt haben, und daß ihre Geschichte in den Hauptereignissen wahr ist. Diese sind mir durch verschiedene Bewohner von Ile-de-France, mit denen ich bekannt war, bestätigt worden. Ich selbst habe nur einige unwesentliche  Umstände hinzugefügt, die aber dadurch, daß sie mit meiner Person zusammenhängen, ebenfalls noch der Wirklichkeit angehören. Als ich, schon vor mehreren Jahren, eine noch sehr unvollkommene Skizze dieses idyllischen Gemäldes entworfen hatte, bat mich eine schöne Dame, die in der großen Welt verkehrte, so wie einige ernste Männer, die fern davon lebten, eine Vorlesung desselben anzuhören, um die Wirkung daraus zu bemessen, die es auf Leser so verschiedenen Charakters äußern möchte, und ich hatte die Genugthuung, sie Alle Thränen vergießen zu sehen. Das war das einzige Urtheil, das ich darüber schöpfen konnte, aber es war Alles, was ich wissen wollte. Wie jedoch oft ein kleines Talent einen großen Fehler im Gefolge hat, so verleitete mich auch dieser Erfolg zu der Eitelkeit, meinem Werkchen den Titel »Naturgemälde« zu geben. Glücklicherweise dachte ich daran, wie fremd mir sogar die Natur des Erdstrichs sei, wo ich geboren bin; wie reich und mannigfaltig, wie reizend, prächtig und geheimnißvoll sie in jenen Ländern ist, wo ich ihre Erzeugnisse nur als Reisender gesehen habe, und wie sehr es mir an Scharfsinn, Geschmack und Ausdruck fehlt, um sie hinreichend aufzufassen und darzustellen. Ich besann mich also eines Bessern und habe in der Folge diesen schwachen Versuch meinen »Studien über die Natur« angereiht, welche das Publikum so wohlwollend aufgenommen hat, damit dieser Titel, indem er an meine Unfähigkeit mahnt, auch immer an seine Nachsicht erinnern möchte.





Am Ostabhange des Gebirges, das sich hinter Port-Louis auf Ile-de-France erhebt, sieht man, auf ehemals bebautem Boden, die Ueberreste zweier kleinen Hütten. Sie liegen fast in der Mitte eines von großen Felsen gebildeten Thalbeckens, das nur gegen Norden einen einzigen Zugang hat. Zur Linken erblickt man den Berg, genannt »Hügel der Entdeckung«, von wo aus die Schiffe signalisirt werden, die sich der Insel nähern, und am Fuße dieses Berges die Stadt Port-Louis; zur Rechten die Straße, welche von Port-Louis nach dem Viertel der Pompelmusen führt; dann die Kirche dieses Namens, die sich mit ihren Bambusalleen mitten aus einer großen Ebene erhebt, und weiterhin einen Wald, der sich bis an die Grenzen der Insel erstreckt. Vor sich unterscheidet man an den Ufern des Meeres die »Bucht des Grabmals«; ein wenig mehr rechts das »Unglückliche Vorgebirge«, und darüber hinaus das offene Meer, wo, fast in gleicher Fläche mit dem Wasser, einige unbewohnte Inseln sich zeigen, darunter der sogenannte »Visirwinkel«, der einer inmitten der Wogen lagernden Bastei gleicht.

Am Eingange dieses Beckens, von wo aus man so viele Gegenstände auffindet, wiederholen die Echo's des Gebirges unaufhörlich das Sausen der Winde, welche die benachbarten Wälder durchstürmen, und das Getöse der Wogen, die sich an den fernen Riffen brechen; aber nahe bei den Hütten selbst vernimmt man nicht das geringste Geräusch und sieht rings umher nur große, steil wie Mauern aufsteigende Felsen. An ihrem Fuße, in ihren Spalten und bis hinauf zu ihren Gipfeln, an denen die Wolken anhalten, wachsen Baumgruppen. Die Regen, welche von ihren Spitzen angezogen werden, malen auf ihre braunen und grünen Wandflächen oftmals die Farben des Regenbogens und geben den Quellen zu ihren Füßen, aus denen der kleine Latanenfluß entsteht, Nahrung. Lautlose Stille herrscht in ihrem Bereich, wo Alles Frieden athmet, die Luft, die Gewässer, das Licht. Kaum wiederholt dort das Echo das Rauschen der Palmen, die auf ihren Flächen in der Höhe wachsen und deren lange Schäfte man beständig im Winde sich hin und her wiegen sieht. Ein dämmerndes Licht erhellt den Grund dieses Beckens, in welches die Sonne nur am Mittag eindringt; aber vom Beginn der Morgenröthe an treffen ihre Strahlen die Umkränzung des Thales, deren Spitzen, über die Schatten des Gebirges hinausragend, wie von Gold und Purpur auf dem Azurblau des Himmels erscheinen.

Diesen Ort, wo man zugleich einer unermeßlichen Aussicht und einer tiefen Einsamkeit genießt, pflegte ich öfters zu besuchen. Eines Tags, als ich dicht unterhalb jener Hütten saß und ihr verfallenes Wesen betrachtete, kam ein schon bejahrter Mann daher, der in die Umgegend wollte. Er trug, nach der Sitte der früheren Bewohner, eine kurze Jacke und lange lederne Beinkleider, ging baarfuß und stützte sich auf einen Stab von Ebenholz. Seine Haare waren ganz weiß und seine Gesichtszüge edel und einfach. Ehrerbietig grüßt' ich ihn. Er erwiederte meinen Gruß, und nachdem er mich einen Augenblick betrachtet hatte, näherte er sich mir und nahm, um auszuruhen, Platz auf dem Rasenhügel, auf welchem ich saß. Ermuntert durch dieses Zeichen von Zutraulichkeit, richtete ich an ihn das Wort. »Vater«, sprach ich zu ihm, »könnt Ihr mir vielleicht sagen, wem einst diese beiden Hütten gehört haben?« Er antwortete: »Mein Sohn, dieses Gemäuer und dieses unbebaute Landstück waren vor ungefähr zwanzig Jahren von zwei Familien bewohnt, welche hier ihr Glück gefunden hatten. Ihre Geschichte ist rührend; aber wie soll ein Europäer auf dieser Insel, die nur auf dem Wege nach Indien liegt, an dem Schicksal einiger unbekannten Menschen Antheil nehmen? Wer möchte gar hier glücklich, aber arm und unbekannt leben? Die Menschen wünschen nur die Geschichte der Großen und der Könige zu wissen, die Niemandem etwas nützt.« – »Vater«, versetzte ich, »aus eurem Aeußern und eurer Rede ist leicht zu schließen, daß Ihr große Erfahrung erworben habt. Fehlt es Euch nicht an Zeit, so erzählt mir, ich bitte Euch, was Ihr von den ehemaligen Bewohnern dieser Einöde wißt, und glaubt, daß selbst der durch die Vorurtheile der Welt verderbteste Mensch gern von dem Glücke sprechen hört, welches Natur und Tugend verleihen.« Nachdem hierauf der Greis eine Weile seine Stirn in die Hände gestützt hatte, wie einer, der sich mancherlei Umstände in's Gedächtniß zurückzurufen sucht, erzählte er mir Folgendes.

Es war im Jahr 1726, als sich ein junger Mann aus der Normandie, Namens Herr von Latour, nachdem er sich vergeblich um eine Anstellung in Frankreich und um Unterstützung bei seiner Familie beworben hatte, nach dieser Insel zu gehen entschloß, um hier sein Glück zu versuchen. Er brachte eine junge Frau mit sich, die er sehr liebte und von der er gleich sehr geliebt wurde. Sie stammte aus einem alten und reichen Hause seiner Provinz; aber er hatte sie heimlich und ohne Mitgift geheirathet, da die Verwandten seiner Frau sich ihrer Verbindung mit ihm widersetzt hatten, in Anbetracht, daß er nicht von Adel war. Er ließ sie zu Port-Louis auf dieser Insel zurück und schiffte sich nach Madagascar ein, in der Hoffnung, dort einige Schwarze zu kaufen und schnell wieder zurückzukehren, um sich hier ein Hauswesen zu gründen. Er landete in Madagascar um die schlimme Jahreszeit, die um die Mitte des Oktober beginnt, und kurz nach seiner Ankunft starb er daselbst an einem der pestartigen Fieber, welche sechs Monate des Jahrs hindurch auf jener Insel herrschen und die Europäer wohl stets hindern werden, feste Niederlassungen daselbst zu gründen. Die Habseligkeiten, die er mitgenommen hatte, wurden nach seinem Tode zerstreut, wie es gewöhnlich der Fall ist bei denjenigen, die außerhalb ihres Vaterlandes sterben. Seine Frau, die auf Ile -de-France zurückgeblieben war, sah sich als Wittwe, dazu schwanger und ohne irgend einen andern Besitz als eine Negerin, in einem Lande, wo sie weder Kredit, noch Empfehlungen hatte. Da sie Niemand um Hülfe angehen wollte, nachdem ihr derjenige gestorben war, den sie allein geliebt hatte, so schöpfte sie Muth aus ihrem Unglück. Sie beschloß, mit ihrer Sklavin ein kleines Stück Land zu bebauen, um sich ihren Lebensunterhalt zu verschaffen.

Auf einer fast wüsten Insel, deren Boden Jedwedem zur Benutzung frei stand, wählte sie nicht die fruchtbarsten oder für den Handel günstigsten Gegenden; nein, irgend eine Gebirgsschlucht, irgend einen verborgenen Zufluchtsort suchend, wo sie allein und unbekannt leben könnte, begab sie sich aus der Stadt nach diesen Felsen hier, um sich in ihnen wie in einem Neste zu bergen. Es ist ein allen empfindenden und leidenden Wesen gemeinschaftlicher Naturtrieb, sich in die wildesten und ödesten Oerter zurückzuziehen, als wenn Felsen Wälle wären gegen das Unglück, und als wenn die Ruhe der Natur die unglücklichen Störungen der Seele zu bannen vermöchte. Allein die Vorsehung, die uns zu Hülfe kommt, wenn wir nur nach nothwendigen Gütern streben, hatte für Frau von Latour eines aufbewahrt, das weder Reichthümer noch hoher Stand zu verschaffen im Stande sind: dies war – eine Freundin.

Es lebte an diesem Orte seit einem Jahr eine lebhafte, gutmüthige und gefühlvolle Frau, die sich Margarethe nannte. Sie war aus der Bretagne gebürtig, aus einer einfachen Bauernfamilie, von der sie innig geliebt wurde und die sie glücklich gemacht haben würde, hätte sie nicht die Schwachheit begangen, der Liebe eines Edelmannes aus der Nachbarschaft, der ihr die Ehe versprach, Glauben zu schenken. Dieser aber, nachdem er seine Leidenschaft befriedigt hatte, entfernte sich von ihr und weigerte sich sogar, ihr den Unterhalt für ein Kind zu gewähren, mit dem sie schwanger ging. Da hatte sie sich entschlossen, das Dorf, wo sie geboren war, für immer zu verlassen und, fern vom Vaterlande, wo sie die einzige Ausstattung einer armen und rechtschaffenen Jungfrau, den guten Ruf, verloren hatte, ihren Fehltritt in den Kolonien zu verbergen. Ein alter Neger, den sie mit Hülfe einiges geliehenen Geldes erworben hatte, bebaute mit ihr einen kleinen Fleck dieses Bezirks.

Frau von Latour, begleitet von ihrer Negerin, fand an diesem Orte Margarethe, die eben ihr Kind säugte. Sie war erfreut, eine Frau in einer Lage anzutreffen, die sie als eine der ihrigen ähnliche erkannte. In wenigen Worten theilte sie derselben ihre frühere Lage und ihre gegenwärtigen Bedürfnisse mit. Margarethe wurde bei der Erzählung der Frau von Latour von Mitleid ergriffen, und da sie mehr ihr Vertrauen, als ihre Achtung verdienen wollte, so gestand sie ihr, ohne etwas zu verhehlen, die Unbesonnenheit, die sie sich hatte zu Schulden kommen lassen. »Was mich betrifft«, sagte sie, »so habe ich mein Loos verdient; aber Sie, Madame . . . . Sie, gebildet und unglücklich!« . . . Mit Thränen in den Augen bot sie ihr ihre Hütte und ihre Freundschaft an. Frau von Latour, gerührt über einen Empfang voll solchen Zartgefühls, sagte zu ihr, indem sie sie in die Arme schloß: »Ach! Gott will meinem Leiden ein Ende machen, da er Euch, der ich doch fremd bin, mehr Güte gegen mich einflößt, als ich jemals bei meinen Verwandten gefunden habe.«

Ich kannte Margarethen und betrachtete mich als ihren Nachbar, obschon ich anderthalb Meilen von hier im Walde hinter dem »langen Gebirge« wohne. In den Städten Europa's verhindert eine Straße, eine einfache Mauer die Glieder ein und derselben Familie oft ganze Jahre hindurch, zu einander zu kommen; in den neuen Kolonien aber betrachtet man die als seine Nachbarn, von denen man nur durch Wälder und Berge getrennt ist. Zu jener Zeit besonders, wo diese Insel noch wenig Handelsverkehr mit Indien hatte, gab schon die bloße Nachbarschaft den Anspruch auf Freundschaft, und Gastlichkeit gegen Fremde war eine Pflicht und ein Vergnügen. Als ich erfuhr, daß meine Nachbarin eine Freundin hatte, besuchte ich sie, um nachzusehen, ob ich nicht der einen oder der andern nützlich sein könnte. Ich fand in Frau von Latour eine anziehende Erscheinung, voll Seelenadel und Schwermuth. Sie stand damals ihrer Niederkunft nahe. Ich bemerkte den Frauen, daß es im Interesse ihrer Kinder und besonders, um die Niederlassung irgend eines Andern zu verhindern, rathsam sei, den Grund dieses Thalbeckens, der ungefähr zwanzig Morgen beträgt, unter beiden zu theilen, und sie übertrugen mir diese Theilung. Ich machte also zwei fast gleiche Theile daraus: der eine umfaßte den höheren Theil dieses eingeschlossenen Bezirks, von der Spitze jenes mit Wolken bedeckten Felsens an, wo die Quelle des Latanenflusses hervorbricht, bis zu jener schroffen Oeffnung, die Ihr da oben auf der Höhe des Gebirges seht und die man die »Schießscharte« nennt, weil sie in der That einer Kanonenschießscharte gleicht. Der Grund dieses Bodens ist so voller Felsen und Spalten, daß man kaum darauf gehen kann; gleichwohl bringt er große Bäume hervor und ist reich an Quellen und kleinen Bächen. In dem andern Theile faßte ich alles Tieferliegende zusammen, welches sich vom Latanenflusse bis zu der Thalöffnung erstreckt, an der wir uns befinden, und wo dieser Fluß zwischen zwei Hügeln nach dem Meere hinzufließen beginnt. Ihr seht da einige Wiesensäume und einen ziemlich ebenen Boden, der aber nur wenig besser ist als der andere, denn in der Regenzeit ist er sumpfig und in der trocknen hart wie Blei. Wenn man alsdann einen Graben hier aufmachen will, so ist man genöthigt, ihn mit der Axt aufzuhacken. Nachdem ich diese beiden Theile festgestellt hatte, ließ ich die beiden Frauen das Loos darüber ziehen. Der obere Theil fiel Frau von Latour zu, der untere Margarethen. Beide waren mit ihrem Antheile zufrieden, baten mich aber, ihre Wohnung nicht zu trennen, »damit wir«, sagten sie, »zu jeder Zeit zu einander kommen, uns sprechen und uns beistehen können«. Gleichwohl bedurfte jede doch noch eines besonderen Zufluchtsortes für sich. Die Hütte Margarethens befand sich in der Mitte des Thalbeckens, gerade auf der Grenze ihres Grundeigenthums. Dicht daneben baute ich auf dem der Frau von Latour eine zweite Hütte, so daß also beide Freundinnen zugleich ganz nahe bei einander und doch jede auf ihrem Familieneigenthume wohnte. Mit eigner Hand habe ich das Pfahlwerk auf den Bergen zugehauen und Latanenblätter vom Ufer des Meeres geholt, um diese beiden Hütten herzurichten, an denen Ihr jetzt weder Thür noch Dach mehr seht. Ach! bleibt mir doch nur zu viel noch übrig für meine Erinnerung! Die Zeit, welche die Denkmäler großer Reiche so schnell zerstört, sie scheint in diesen Einöden die der Freundschaft zu achten, um meine Trauer bis an mein Lebensende zu verlängern.

Kaum hatte ich die zweite Hütte vollends zu Stande gebracht, als Frau von Latour von einer Tochter genas. Ich war Pathe bei Margarethens Kinde gewesen, welches Paul hieß. Auch Frau von Latour bat mich, in Gemeinschaft mit ihrer Freundin ihrer Tochter den Namen zu geben; diese taufte sie Virginie. »Sie soll tugendhaft sein«, sagte sie, »und sie wird glücklich sein. Ich habe das Unglück erst kennen gelernt, als ich mich von der Tugend schied.«

Als Frau von Latour ihre Wochen überstanden hatte, fingen die beiden kleinen Besitzungen an, einigen Ertrag zu gewähren, vermöge der Sorgfalt, die ich von Zeit zu Zeit daran wandte, aber hauptsächlich durch die Thätigkeit und den Fleiß ihrer Sklaven. Der Sklave Margarethens, Namens Domingo, war ein Joloff-Neger und noch rüstig an Kräften, wenn schon bejahrt. Er besaß Erfahrung und natürlichen gesunden Verstand. Ohne Unterschied bearbeitete er auf beiden Besitzungen die Bodenstriche, die ihm als die ertragfähigsten erschienen, und besäete sie mit den Sämereien, die am besten für sie taugten. Er säete indischen Hirse und Mais auf die mittelmäßigen Stellen, ein wenig Weizen auf das gute Land, Reis in die sumpfigen Gründe, und an den Abhang der Felsen indische Kürbisse, Gurken und gewöhnliche Kürbisse, die sich gern in die Höhe ranken. An die trockenen Stellen pflanzte er Bataten, die dort sehr zuckerreich werden; Baumwolle auf die Höhen, Zuckerrohr in die schwere Erde, Kaffee auf die Hügel, wo die Bohne klein, aber vortrefflich wird; längs des Flusses und um die Hütten her Bananen, die das ganze Jahr hindurch reiche Ernte an Früchten bieten und schönen Schatten geben, und endlich einige Tabakspflanzen, um sich und seinen guten Gebieterinnen die Sorgen zu versüßen. Er ging, Brennholz in dem Gebirge zu hauen, und sprengte Felsen hier und da in den Besitzungen, um die Wege darin zu ebnen. Alle diese Arbeiten verrichtete er mit Einsicht und Fleiß, weil er sie mit Eifer unternahm. Margarethen war er sehr anhänglich und nicht viel weniger Frau von Latour, deren Negerin er bei Virginiens Geburt geheirathet hatte. Er liebte seine Frau, welche Marie hieß, leidenschaftlich. Sie war von Madagascar gebürtig, von woher sie mancherlei Geschicklichkeiten mitgebracht hatte, vornehmlich die Körbe und gewisse Stoffe, sogenannte Negerschurze aus Gräsern, die in den Wäldern wachsen, zu verfertigen. Sie war gewandt, reinlich und sehr treu. Sie besorgte die Zubereitung des Essens, sowie die Zucht einiger Hühner und ging von Zeit zu Zeit nach Port-Louis, um den überschüssigen Ertrag aus beiden Wirthschaften, der freilich gering genug war, zu verkaufen. Wenn Ihr dazu noch zwei mit den Kindern aufwachsende Ziegen und einen tüchtigen Hund nehmt, der des Nachts vor den Hütten Wache hielt, so könnt Ihr Euch eine Vorstellung von dem ganzen Einkommen und dem Hauswesen dieser beiden kleinen Meiereien machen.

Was die beiden Freundinnen betrifft, so spannen sie vom Morgen bis zum Abend Baumwolle. Diese Arbeit reichte zu ihrem und ihrer Familien Unterhalt hin; im Uebrigen aber waren sie so entblößt von allen außergewöhnlichen Bequemlichkeiten, daß sie in ihrer Besitzung barfuß gingen, und nur Schuhe trugen, wenn sie sich am Sonntag in aller Frühe nach der Kirche der Pompelmusen, die Ihr da unten seht, zur Messe begaben. Es ist dahin freilich viel weiter als nach Port-Louis; indessen gingen sie nur selten in die Stadt, aus Furcht, dort mißachtet zu werden, weil sie wie Sklavinnen in grobe blaue bengalische Leinwand gekleidet waren. Alles wohl überlegt, wiegt dies öffentliche Ansehen das häusliche Glück auf? Wenn diese Frauen außerhalb ein wenig zu leiden hatten, so kehrten sie mit um so mehr Vergnügen wieder heim. Kaum gewahrten sie Marie und Domingo von dieser Anhöhe herab auf dem Wege der Pompelmusen, so eilten sie ihnen bis an den Fuß des Berges entgegen, um ihnen beim Emporsteigen behülflich zu sein. Sie lasen in den Augen ihrer Sklaven die Freude, die diese über ihre Ankunft empfanden, und in ihrer Behausung erwarteten sie Sauberkeit und Freiheit – Güter, die sie nur ihrer eigenen Arbeitsamkeit verdankten – und Diener voll Eifer und Zuneigung. Sie selbst, vereinigt durch dieselben Bedürfnisse, geprüft durch fast ähnliche Leiden, die süßen Namen Freundin, Gefährtin und Schwester wechselnd, hatten nur einen Willen, ein Interesse, einen Tisch: Alles war bei ihnen gemeinschaftlich. Nur wenn alte Wünsche, lebhafter als die der Freundschaft, in ihrer Seele erwachten, lenkte eine geläuterte Gottesfurcht, unterstützt von keuschen Sitten, sie nach einem andern Leben hin, wie die Flamme, welche zum Himmel emporeilt, wenn ihr auf der Erde die Nahrung ausgeht.

Die Pflichten der Natur vermehrten noch das Glück ihres Beisammenseins. Ihre gegenseitige Freundschaft verdoppelte sich beim Anblick ihrer Kinder, der Frucht einer gleich unglücklichen Liebe. Es war ihnen ein Vergnügen, sie in dieselbe Badewanne zu setzen und in dieselbe Wiege zu legen. Oft tauschten sie die Kleinen beim Stillen. »Meine Freundin«, sagte Frau von Latour, »jede von uns wird zwei Kinder, und jedes unserer Kinder zwei Mütter haben.« Wie zwei Knospen, die an zwei Bäumen derselben Art stehen bleiben, wenn der Sturm sonst alle Zweige weggebrochen hat, süßere Früchte bringen, sobald jede derselben von dem mütterlichen Stamme getrennt, auf den Nachbarstamm gepfropft wird, so wurden auch diese beiden kleinen, all ihrer Verwandten beraubten Wesen von zärtlicheren Gefühlen erfüllt, als denen von Sohn und Tochter, Bruder und Schwester, wenn ihnen die beiden Freundinnen, durch die sie das Leben hatten, wechselsweise die Brust gaben. Schon an ihren Wiegen sprachen die Mütter von ihrer dereinstigen Verbindung; und diese Aussicht auf eheliches Glück, womit sie ihren eigenen Kummer versüßten, schloß sehr oft damit, daß beide weinen mußten: die Eine, indem sie daran dachte, wie ihr Unglück daher rühre, daß sie die Ehe verabsäumt hatte, die Andere, daß sie deren Gesetze eingegangen war; die Eine, weil sie sich über ihren Stand erhoben, die Andere, weil sie von demselben herabgestiegen war. Sie trösteten sich aber, indem sie sich vorstellten, daß eines Tages ihre Kinder, glücklicher als sie, fern von Europa's grausamen Vorurtheilen, zugleich der Wonne der Liebe und des Glücks der Gleichheit sich erfreuen würden.

In der That war nichts der gegenseitigen Zuneigung zu vergleichen, welche diese bereits bekundeten. Wenn Paul klagte, so zeigte man ihm Virginie; bei ihrem Anblick lächelte er und beruhigte sich. Wenn Virginien etwas zustieß, so wurde man durch Pauls Angstruf davon benachrichtigt; aber das liebenswürdige Mädchen unterdrückte sogleich ihr Leiden, damit nur jener bei ihrem Schmerze nicht mit leiden möchte. Kein einziges Mal kam ich hieher, daß ich nicht beide ganz nackt, nach der Sitte des Landes, da sie noch kaum laufen konnten, Hand in Hand und mit verschlungenen Armen gesehen hätte, wie man das Gestirn der Zwillinge darstellt. Die Nacht selbst konnte sie nicht trennen, sie überraschte sie oft in derselben Wiege liegend, Wang' an Wange, Brust an Brust, die Hände gegenseitig um die Nacken geschlagen und Eins in des Andern Armen eingeschlummert.

Als sie sprechen konnten, waren die ersten Namen, die sie sich geben lernten, Bruder und Schwester. Die Kindheit, welche zärtlichere Liebkosungen kennt, kennt doch keine süßeren Namen. Ihre Erziehung trug nur dazu bei, ihre Freundschaft zu verdoppeln, indem sie sie auf ihre gegenseitigen Bedürfnisse hinwies. Bald gehörte Alles, was sich auf die Wirthschaft bezieht, das Sauberhalten, die Sorge für die Bereitung eines ländlichen Mahles, in den Wirkungskreis Virginiens, und ihre Bemühungen waren stets von dem Beifall und den Küssen ihres Bruders begleitet. Dieser, unaufhörlich in Thätigkeit, grub mit Domingo den Garten um, oder folgte ihm, eine kleine Axt in der Hand, in die Wälder, und wenn sich ihm auf seinen Gängen eine schöne Blume, eine schmackhafte Frucht oder ein Vogelnest darbot, und wär's auf dem Wipfel eines Baumes gewesen, so kletterte er hinauf, um sie seiner Schwester mitzubringen.

Wenn man dem Einen von ihnen begegnete, so konnte man sicher sein, daß auch das Andere nicht weit war. Als ich eines Tages von dem Gipfel jenes Berges herabstieg, gewahrte ich am Ende des Gartens Virginie, die auf das Haus zueilte, den Kopf mit ihrem Röckchen bedeckend, das sie von hinten übergezogen hatte, um sich vor einem Regenguß zu schützen. Von weitem glaubte ich sie allein; als ich aber näher hinzu ging, um ihr im Fortkommen beizustehn, sah ich, daß sie Paul am Arme hatte, der fast ganz in dieselbe Bedeckung eingehüllt war, und beide lachten herzlich darüber, sich in Sicherheit zu sehen unter einem Regenschirme von ihrer eigenen Erfindung. Die beiden reizenden Köpfchen, umhüllt von dem sich bauschenden Röckchen, erinnerten mich an die Kinder der Leda, eingeschlossen in derselben Schale.

All ihr Dichten und Trachten war, einander zu Gefallen zu leben und sich gegenseitig zu helfen. Im Uebrigen waren sie so unwissend wie Kreolen, und konnten weder lesen noch schreiben. Was in den vergangenen Zeiten und in der Ferne geschehen war, beunruhigte sie nicht im geringsten; ihre Neugierde erstreckte sich nicht über dies Gebirge hinaus. Sie glaubten, es sei dort die Welt zu Ende, wo ihre Insel zu Ende war, und konnten sich nichts Liebenswerthes vorstellen, wo sie nicht waren. Ihre gegenseitige Zuneigung und die Liebe zu ihren Müttern nahmen die ganze Thätigkeit ihrer Seelen in Anspruch. Niemals hatten unnöthige Kenntnisse ihnen Thränen gekostet, niemals die Unterweisungen in einer traurigen Sittenlehre sie mit Langweile erfüllt. Sie wußten nicht, was entwenden sei, da Alles bei ihnen gemeinschaftlich war; noch was unmäßig sein heißt, da einfache Kost für eines Jeden Belieben bereit stand; noch was lügen sei, da sie keine Wahrheit zu verheimlichen hatten. Man hatte ihnen niemals Furcht damit erregt, daß man sagte: Gott habe schreckliche Strafen für undankbare Kinder in Bereitschaft; mit der mütterlichen Zärtlichkeit war bei ihnen die kindliche Liebe entsprungen. Von der Religion hatte man ihnen nur das gelehrt, was sie als liebenswerth erscheinen läßt, und wenn sie in der Kirche keine langen Gebete hersagten, so erhoben sie doch überall, wo sie sich befanden, im Hause, in den Feldern, im Walde, unschuldige Hände zum Himmel und ein Herz voll Liebe für die Ihrigen.

So verging ihre erste Kindheit wie eine schöne Morgenröthe, die einen noch schönern Tag verheißt. Schon theilten sie mit ihren Müttern alle Sorge für die Hauswirthschaft. Mit dem ersten Hahnenschrei, der die Wiederkehr der Morgenröthe verkündigte, stand Virginie auf, um Wasser an der nahen Quelle zu schöpfen, und kehrte damit zurück, um das Frühstück zu bereiten. Bald nachher, wenn die Sonne die Spitzen dieses Gebirgskranzes vergoldete, begaben sich Margarethe und ihr Sohn zu Frau von Latour. Hier sprachen sie gemeinsam ein Gebet, auf welches die erste Mahlzeit folgte. Oft nahmen sie diese außer dem Hause ein, wobei sie auf dem Rasen unter einer Bananenlaube saßen, die ihnen zugleich in ihren nahrhaften Früchten eine fertig zubereitete Speise und in ihren breiten, langen und glänzenden Blättern ein Tischgedeck darbot. Eine gesunde und reichliche Kost entwickelte rasch die Körper der beiden jugendlichen Gestalten und eine milde Erziehung ließ in ihren Gesichtszügen die Reinheit und Zufriedenheit ihrer Seele sich abspiegeln. Virginie war erst zwölf Jahr alt, und schon war ihr Wuchs mehr als zur Hälfte vollendet. Lange, blonde Haare umschatteten ihr Haupt; ihre blauen Augen und ihre Korallenlippen überstrahlten mit dem zartesten Glanze die Frische ihres Antlitzes; sie lächelten stets im Einklange, wenn sie sprach; schwieg sie aber, so gab ihnen ihre von Natur himmelwärts gerichtete Stellung den Ausdruck äußerst gefühlvollen Wesens, ja selbst den einer leichten Schwermuth. In Paul dagegen sah man schon den Charakter des Mannes mitten in der Anmuth des Jünglingsalters sich entwickeln. Sein Wuchs war schlanker als der Virginiens, die Farbe seines Gesichts gebräunter, seine Nase mehr adlerartig; und seine schwarzen Augen würden etwas Stolz verrathen haben, wenn nicht die langen Wimpern, die sie wie Pinsel rings umgaben, ihnen die größte Sanftmuth verliehen hätten. Obgleich stets in Bewegung, wurde er doch, sobald seine Schwester erschien, ruhig und setzte sich neben sie. Oft ging ihre Mahlzeit vorüber, ohne daß sie ein Wort mit einander sprachen. Ihr Schweigen, ihre zwanglosen Stellungen, die Schönheit ihrer nackten Füße hätten können glauben lassen, man erblicke eine antike Gruppe von weißem Marmor, etwa ein Paar von Niobe's Kindern darstellend; nach ihren Blicken aber, die sich zu begegnen suchten, nach ihrem Lächeln, das durch noch gewinnenderes erwiedert wurde, hätte man sie für Kinder des Himmels, für ein Paar jener seligen Geister halten mögen, deren Wesen es ausmacht, sich zu lieben, und die kein Bedürfniß empfinden, Gefühle durch Gedanken und Freundschaft durch Worte zu äußern.

Indeß Frau von Latour ihre Tochter sich zu so vielen Reizen entwickeln sah, fühlte sie mit ihrer Zärtlichkeit auch ihre Besorgniß wachsen. Bisweilen sagte sie zu mir: »Wenn ich sterben sollte, was wird aus Virginien ohne Vermögen werden?«

Sie hatte in Frankreich eine Tante, ein vornehmes, reiches, bejahrtes und frömmelndes Fräulein, welche ihr einst, nach ihrer Verbindung mit Herrn von Latour, ihre Unterstützung mit solcher Härte verweigert hatte, daß sie sich fest vorsetzte, nie wieder Zuflucht zu ihr zu nehmen, sollte sie auch zum Aeußersten getrieben werden. Seitdem sie aber Mutter war, fürchtete sie nicht mehr die Schmach der Zurückweisung. Sie benachrichtigte ihre Tante von dem plötzlichen Tode ihres Ehegatten, von der Geburt ihrer Tochter und der drückenden Lage, in der sie, fern vom Vaterlande, von aller Hülfe entblößt und mit der Sorge für ein Kind beladen, sich befände. Sie erhielt keine Antwort darauf. Bei ihrem zum Großartigen hinneigenden Charakter scheute sie sich nicht mehr, sich zu demüthigen und sich den Vorwürfen der Verwandten auszusetzen, die ihr nie verziehen hatte, einen unebenbürtigen, wenn auch tugendhaften Mann geheirathet zu haben. Sie schrieb ihr also bei jeder Gelegenheit, um ihr Mitgefühl zu Gunsten Virginiens rege zu machen. Aber viele Jahre waren verflossen, ohne daß sie von ihr irgend ein Zeichen der Theilnahme erhalten hätte.

Endlich im Jahre 1738, drei Jahre nach der Ankunft des Herrn von Labourdonnays auf dieser Insel, erfuhr Frau von Latour, daß dieser Gouverneur ihr einen Brief der Tante zuzustellen habe. Sie eilte nach Port -Louis, diesmal ohne Bedenken, daß sie dort schlecht gekleidet erscheine, da die mütterliche Freude sie über jede menschliche Rücksicht hinweghob. Herr von Labourdonnays händigte ihr in der That einen Brief von ihrer Tante ein. Diese schrieb ihrer Nichte, daß sie ihr Schicksal verdient habe durch ihre Verheirathung mit einem leichtfertigen Abenteurer; daß die Leidenschaften ihre Strafe nach sich zögen; daß der frühzeitige Tod ihres Mannes eine gerechte Züchtigung von Gott sei; daß sie sehr klug daran gethan hätte, lieber nach den Inseln zu gehen, anstatt ihrer Familie in Frankreich Unehre zu bringen; daß sie sich übrigens in einem guten Lande befinde, wo Jedermann sein Glück mache, ausgenommen die Trägen. Nach solchen Verweisen schloß sie damit, sich selber zu loben, um die oft so traurigen Folgen der Ehe zu vermeiden, sagte sie, habe sie sich stets geweigert, zu heirathen. Die Wahrheit ist aber, daß sie bei ihrem Hochmuth nur einen Mann von hohem Stande haben wollte; allein, so reich sie auch war und so gleichgültig man am Hofe gegen Alles sein mag, Vermögen ausgenommen, so hatte sich doch Niemand gefunden, der sich mit einem Frauenzimmer von solcher Häßlichkeit und mit einem so harten Herzen hätte verbinden wollen.

In einem Postskript fügte sie noch bei, daß sie sie, nach reiflicher Ueberlegung, Herrn von Labourdonnays angelegentlichst empfohlen hätte. In der That, sie hatte sie empfohlen, aber nach einem heutzutage sehr gäng und gäben Gebrauche, der uns einen Beschützer mehr fürchten läßt als einen erklärten Feind, um sich bei dem Gouverneur wegen ihrer Härte gegen die Nichte zu rechtfertigen, hatte sie diese, unter dem Anschein des Bedauerns, verleumdet.

Frau von Latour, die kein noch so gleichgültiger Mensch ohne Antheil und Achtung hätte sehen können, wurde von Herrn von Labourdonnays mit vieler Kälte empfangen, da er im Voraus gegen sie eingenommen war. Auf die Darstellung, die sie ihm von ihrer und ihrer Tochter Lage machte, antwortete er nur mit starrer Einsilbigkeit: »Ich will sehen . . . . wir wollen sehen . . . . mit der Zeit . . . . Es giebt viel Unglückliche! . . . . Warum eine achtbare Tante sich abgeneigt machen? . . . . Das Unrecht ist auf Ihrer Seite.«

Frau von Latour kehrte, das Herz von schmerzlichen Gefühlen zerrissen und von Bitterkeit erfüllt, in ihre Wohnung zurück. Angekommen, ließ sie sich nieder, warf den Brief ihrer Tante auf den Tisch und sagte zu ihrer Freundin: »Das ist die Frucht einer elf Jahre langen Geduld!« Da aber Niemand außer ihr in dem kleinen Kreise lesen konnte, so nahm sie ihn wieder auf und las ihn der ganzen versammelten Familie vor. Kaum war sie damit zu Ende, als Margarethe mit Lebhaftigkeit zu ihr sagte: »Was haben wir deine Verwandten nöthig! Hat Gott uns verlassen? Er allein ist unser Vater. Haben wir bis auf diesen Tag nicht glücklich gelebt? Warum dich also grämen? Du hast keinen Muth!« Und als sie Frau von Latour weinen sah, warf sie sich ihr um den Hals, drückte sie an ihre Brust und rief: »Theure Freundin! theure Freundin!« Aber ihr eignes Schluchzen erstickte ihre Stimme. Bei diesem Anblick brach Virginie in Thränen aus und drückte wechselsweise die Hände ihrer Mutter und Margarethens an ihre Lippen und an ihr Herz; und Paul, mit Augen, die vor Zorn flammten, schrie, ballte die Fäuste und stampfte mit dem Fuße, da er nicht wußte, woran er seinen Zorn auslassen sollte. Auf diesen Lärm stürzten Domingo und Marie herbei, und man vernahm in der Hütte nur noch die Schmerzensausrufe: »Ach! Madam! . . . . meine liebe Herrin! . . . . meine Mutter! . . . . weint doch nicht!« So zärtliche Beweise von Liebe zerstreuten endlich den Verdruß der Frau von Latour. Sie zog Paul und Virginie in ihre Arme und sagte zu ihnen mit befriedigter Miene: »Meine Kinder, ihr seid die Ursache meines Kummers, aber ihr macht meine ganze Freude aus. O, meine theuren Kinder, das Unheil ist mir nur aus der Ferne gekommen; das Glück ist hier um mich!« Paul und Virginie begriffen sie nicht; aber als sie sie wieder beruhigt sahen, lächelten sie und begannen ihr zu liebkosen. Und so fühlten sie sich Alle wieder glücklich wie zuvor, und der ganze Vorfall war nichts als ein Sturm mitten in der schönen Jahreszeit.

Die treffliche Gemüthsart dieser Kinder entfaltete sich von Tage zu Tage mehr. Eines Sonntags, als ihre Mütter mit dem Erwachen der Morgenröthe zur Frühmesse nach der Kirche der Pompelmusen gegangen waren, erschien unter den Bananen, die ihre Wohnung umgaben, eine entlaufene Negerin. Sie war abgemagert wie ein Gerippe und hatte statt aller Bekleidung nur einen Lappen Packtuch um ihre Lenden. Sie warf sich Virginien, die eben das Frühstück für die Familie bereitete, zu Füßen und sagte zu ihr: »Junges Fräulein, habt Mitleiden mit einer armen, flüchtigen Sklavin, seit einem Monate irre ich in diesen Bergen umher, halb todt vor Hunger und oft verfolgt von Jägern und Hunden. Ich fliehe vor meinem Herrn, der ein reicher Landbesitzer am »schwarzen Flusse« ist. Er hat mich so mißhandelt, wie Ihr seht.« Dabei wies sie auf ihren Körper, der durch empfangene Peitschenhiebe von tiefen Wunden durchfurcht war. Sie fügte hinzu: »Ich wollte mich in's Wasser stürzen; da ich aber wußte, daß Ihr hier wohntet, sagte ich zu mir: So lange es noch gutherzige Weiße in diesem Lande giebt, braucht man noch nicht zu sterben.« Tief bewegt erwiederte ihr Virginie: »Beruhige dich, unglückliches Geschöpf. Iß, iß!« Und sie gab ihr das Frühstück, das sie eben für die Hausbewohner bereitet hatte. Die Sklavin hatte es in wenigen Augenblicken bis auf den letzten Bissen verschlungen. Als Virginie sie gesättigt sah, sagte sie zu ihr: »Arme Unglückliche! Ich habe Lust, zu deinem Herrn zu gehn und um Gnade für dich zu bitten; wenn er dich sieht, wird er Mitleid fühlen. Willst du mich zu ihm führen?« – »Engel Gottes«, versetzte die Negerin; »ich werde Euch folgen, wohin Ihr wollt.« – Virginie rief ihren Bruder herbei und bat ihn, sie zu begleiten. Die entlaufene Negerin führte sie auf Fußpfaden mitten durch die Wälder, über hohe Berge, die sie sehr mühsam erkletterten, und über breite Flüsse, die sie an seichten Stellen durchwateten. Endlich gegen die Mitte des Tages erreichten sie den Fuß eines Hügels, am Ufer des schwarzen Flusses. Sie erblickten ein stattlich gebautes Haus, ansehnliche Pflanzungen und eine große Anzahl mit Arbeiten aller Art beschäftigter Sklaven. Der Herr derselben ging zwischen ihnen umher, eine Pfeife im Munde und ein indisches Rohr in der Hand. Es war ein langer, dürrer Mann, olivenfarbig, mit tiefliegenden Augen und schwarzen, in der Mitte zusammenlaufenden Augenbrauen. Virginie, ganz aufgeregt und Paul am Arme haltend, näherte sich dem Pflanzer und bat ihn um der Liebe Gottes willen, seiner Sklavin, die sich einige Schritte hinter ihnen befand, zu verzeihen. Anfangs beachtete der Pflanzer diese beiden ärmlich gekleideten Kinder nicht sehr; aber als er den zierlichen Wuchs Virginiens, ihren schönen blonden Kopf unter einem blauen Regenmantel bemerkt und den süßen Ton ihrer Stimme, die wie ihr ganzer Körper zitterte, vernommen hatte, nahm er seine Pfeife aus dem Munde, erhob sein Rohr zum Himmel und schwor mit einem abscheulichen Eide, daß er seiner Sklavin verzeihe, nicht um die Liebe Gottes, sondern ihr zu Liebe. Diese bedeutete sogleich die Sklavin, sich zu ihrem Herrn zu begeben; dann ergriff sie die Flucht und Paul eilte hinter ihr her.

Sie stiegen zusammen an der Rückseite des Hügels hinan, von welchem sie herabgekommen waren, und auf dem Gipfel angelangt, setzten sie sich, erschöpft von Müdigkeit, Hunger und Durst, unter einem Baume nieder. Sie hatten nüchtern mehr als fünf Meilen seit Aufgang der Sonne zurückgelegt. Paul sagte zu Virginien: »Schwester, es ist über Mittag hinaus; du hast Hunger und Durst, und wir werden hier nirgend etwas zu essen finden. Wir wollen wieder den Hügel hinabsteigen und den Herrn der Sklavin um etwas zu essen bitten.«– »O nein, Bruder«, versetzte Virginie, »er hat mir zu große Furcht erregt. Erinnere dich, was Mama zuweilen sagt: Das Brod des Bösen füllt den Mund mit Staub.« – »Was sollen wir aber thun?« sagte Paul. »Diese Bäume tragen ungenießbare Früchte; es giebt hier nicht einmal eine Tamarinde oder eine Citrone, um dich zu erquicken.« – »Gott wird sich unserer erbarmen«, erwiederte Virginie; »er erhört ja die Stimmen der Vögel, die ihn um Nahrung bitten.« – Kaum hatte sie diese Worte gesagt, als sie das Rieseln einer Quelle vernahmen, die von einem nahen Felsen herabrann. Sie eilten hinzu, und nachdem sie mit ihrem Wasser, das klarer war als Krystall, den Durst gelöscht hatten, pflückten und aßen sie ein wenig Kresse, die an ihrem Rande wuchs. Als sie nach dieser und jener Richtung umherblickten, ob sie nicht eine nachhaltigere Speise fänden, bemerkte Virginie unter den Bäumen des Waldes eine junge Palme. Der Kohl, welchen der Wipfel dieses Baumes zwischen seinen Blättern einschließt, ist eine sehr angenehme Speise; aber obgleich der Stamm nur die Dicke eines Beines hatte, so war er doch mehr als sechzig Fuß hoch. Eigentlich wird das Holz dieses Baumes nur von einem Bündel Fasern gebildet; aber sein Splint ist so hart, daß die besten Aexte daran abprallen, und Paul hatte nicht einmal ein Messer bei sich. Er kam auf den Gedanken, Feuer an den Fuß des Baums zu legen. Neue Verlegenheit: er hatte keinen Feuerstahl, und überdies glaube ich nicht, daß sich auf dieser mit Felsen so bedeckten Insel ein einziger Feuerstein findet. Die Noth macht erfinderisch, und oft hat man die nützlichsten Erfindungen den bedürftigsten Menschen zu verdanken. Paul beschloß, nach Art der Schwarzen Feuer zu machen. Mit der Spitze eines Steines bohrte er ein kleines Loch in einen sehr dürren Zweig, auf den er seine Füße stellte; dann machte er mit der Schneide dieses Steines an ein zweites, gleichfalls dürres Stück von einem Aste, der aber von einer andern Holzart war, eine Spitze. Hierauf steckte er das zugespitzte Holz in das Loch des Zweiges unter seinen Füßen, und indem er es sehr geschwind zwischen seinen Händen hin-und herdrehte, wie man einen Quirl dreht, um Chocolade schäumen zu machen, sah er in wenigen Augenblicken an dem Berührungspunkte Rauch und Funken hervorsprühen. Er raffte nun trocknes Gras und kleine Baumzweige zusammen und legte Feuer an den Fuß der Palme, die in kurzem mit großem Gekrach niederstürzte. Das Feuer diente auch noch dazu, den Kohl von der Hülse seiner langen holzigen und stacheligen Blätter zu befreien. Virginie und er aßen nun einen Theil des Kohls roh, den andern, nachdem sie ihn unter der Asche geröstet hatten, und sie fanden Beides gleich wohlschmeckend. Sie genossen dieses bescheidene Mahl ganz vergnügt in der Erinnerung an die gute That, die sie am Morgen begangen hatten; allein ihre Freude war getrübt durch die Unruhe, in welche, wie sie sich wohl denken konnten, ihre lange Abwesenheit die Mütter versetzen mußte. Virginie kam stets auf diesen Gegenstand zurück. Aber Paul, der seine Kräfte wieder hergestellt fühlte, gab ihr die Versicherung, daß sie noch zeitig genug ihre Eltern würden beruhigen können.

Als die Mahlzeit vorüber war, befanden sie sich in großer Verlegenheit; denn wer sollte ihnen den Weg nach Hause weisen? Paul, der sich durch nichts irre machen ließ, sagte zu Virginie: »Unser Häuschen liegt nach der Mittagssonne zu; wir müssen also, wie am Morgen, über jenes Gebirge gehen, das du dort unten mit seinen drei Spitzen erblickst. Wohlauf, meine Liebe, laß uns drauf los wandern.« Dieses Gebirge war das der »drei Brüste«1, von seiner dreigipfligen Gestalt also benannt. Sie stiegen also den Hügel des schwarzen Flusses auf der Nordseite herab und kamen nach einer Stunde Weges an den Ufern eines breiten Flusses an, der ihr Weiterschreiten hemmte. Dieser große, ganz mit Wäldern bedeckte Theil der Insel ist, selbst heutzutage, so wenig bekannt, daß mehrere seiner Flüsse und Berge noch gar keinen Namen haben. Der Fluß, an dessen Ufern sie sich befanden, strömt rauschend und schäumend über ein Felsenbett. Das Geräusch seiner Wasser erschreckte Virginien; sie wagte nicht, die Füße hineinzusetzen, um ihn zu durchwaten. Da nahm Paul Virginien auf seinen Rücken und schritt mit dieser Bürde über die schlüpfrigen Felsensteine des Stroms, ungeachtet des Tobens seiner Wasser, hindurch. »Habe keine Furcht«, redete er ihr zu; »ich fühle mich ganz stark mit dir. Hätte der Pflanzer am schwarzen Flusse dir die Begnadigung seiner Sklavin verweigert, so würde ich mich mit ihm geschlagen haben.« – »Wie«, sagte Virginie, »mit diesem großen und bösen Manne? Welcher Gefahr habe ich dich ausgesetzt! Mein Gott! wie schwer ist es doch, das Gute zu thun! nur das Schlimme ist leicht auszuführen.« – Als Paul an dem Ufer war, wollte er, beladen mit seiner Schwester, seinen Weg fortsetzen, und schmeichelte sich, mit dieser Last das Gebirge der drei Brüste, welches er eine halbe Meile weit vor sich sah, zu ersteigen; allein bald gingen ihm die Kräfte aus, und er war genöthigt, sie auf den Boden niederzulassen und neben ihr auszuruhen. Virginie sagte zu ihm: »Mein Bruder, der Tag neigt sich; du hast noch Kräfte, die meinen versagen mir gänzlich. Laß mich hier und kehr' allein zu unsrer Hütte zurück, um unsere Mütter zu beruhigen.« – »O nein«, sagte Paul, »ich werde dich nicht verlassen. Wenn uns die Nacht in diesen Wäldern überrascht, so werde ich ein Feuer anzünden und eine Palme fällen; du sollst den Kohl davon essen und ich werde dir aus seinen Blättern zum Schutz einen Ajoupa2 zurecht machen.« Virginie indessen, nachdem sie sich ein wenig ausgeruht hatte, pflückte am Stumpfe eines alten, über das Ufer sich neigenden Baumes lange Blätter der Hirschzungenpflanze, die an dem Stamme herabhingen, machte daraus eine Art von Halbstiefeln und umgab damit ihre Füße, die sie sich an den Steinen des Weges blutrünstig gelaufen hatte; denn im Drange, nützlich zu sein, hatte sie Schuhe anzuziehen vergessen. Als ihr die Frische dieser Blätter alsbald einige Linderung gewährte, brach sie einen Bambuszweig und machte sich auf den Weg, indem sie sich mit der einen Hand auf das Rohr, mit der andern auf ihren Bruder stützte.

Langsam schritten sie so durch den Wald dahin; aber bald verhüllte die Höhe der Bäume und die Dichte ihres Laubwerks ihnen den Anblick des Gebirgs der drei Brüste, auf welches sie zugingen, und sogar die Sonne, welche ihrem Untergange nahe war. Nach einiger Zeit hatten sie, ohne es zu merken, den gebahnten Pfad, auf dem sie bis jetzt fortgeschritten waren, verloren und befanden sich plötzlich in einem Gewirr von Bäumen, Schlinggewächsen und Felsen, aus denen sich kein Ausweg darbot. Paul ließ Virginien sich niedersetzen und fing an, ganz außer sich, hin und her zu laufen, um einen Pfad aus diesem Dickicht zu finden; aber er mühte sich vergeblich ab. Er erstieg den Gipfel eines hohen Baumes, um wenigstens das Gebirge der drei Brüste zu entdecken; allein er gewahrte rings um sich herum nichts als Baumgipfel, von denen einige noch durch die letzten Strahlen der untergehenden Sonne beschienen waren. Indessen bedeckten bereits die Schatten der Berge die Wälder in den Thälern; der Wind legte sich, wie er beim Untergange der Sonne zu thun pflegt; tiefe Stille herrschte in diesen Einöden und man vernahm keinen anderen Laut, als das Schreien der Hirsche, die in diesen abgelegenen Oertern ihr Nachtlager suchten. In der Hoffnung, daß irgend ein Jäger es hören könnte, schrie nun Paul aus voller Brust: »Zu Hülfe! kommt Virginien zu Hülfe! Virginien!« Aber nur der Wiederhall des Waldes antwortete seiner Stimme und wiederholte in mehreren Absätzen: »Virginie! . . . Virginie!«

Niedergedrückt von Mattigkeit und Bekümmerniß, stieg Paul vom Baume herab. Er sann auf Auskunftsmittel, wie sie die Nacht an diesem Orte zubringen könnten; aber es war weder eine Quelle, noch ein Palmbaum vorhanden, noch selbst hinlänglich trockene Reiser, um ein Feuer anzumachen. Die Erfahrung ließ ihn die ganze Unzulänglichkeit seiner Hülfsquellen empfinden, und er fing an zu weinen. Da redete ihm Virginie zu: »Weine nicht, mein Freund, wenn mich nicht der Kummer ganz niederdrücken soll. Ich bin die Ursache aller deiner Leiden und derer, welche jetzt unsere Mütter fühlen. Man sollte nichts thun, nicht einmal das Gute, ohne seine Eltern zu Rathe zu ziehen. O, ich bin sehr unklug gewesen!« Und es begannen auch ihre Thränen zu fließen. Dennoch sagte sie zu Paul: »Laß uns Gott bitten, mein Bruder, und er wird sich unserer erbarmen.« Kaum hatten sie ihr Gebet begonnen, als sie einen Hund bellen hörten. »Das ist der Hund eines Jägers«, sagte Paul, »der Abends auf dem Anstande Hirsche schießen will.« Kurz nachher hörte man das Hundegebell stärker. »Es kommt mir vor«, sprach Virginie, »als ob es Fidéle, unser Haushund, sei. Ja, ja, ich erkenne seine Stimme, sollten wir der Ankunft so nahe sein, und am Fuß unseres Berges?« Wirklich, einen Augenblick später war Fidéle zu ihren Füßen, bellend, heulend, winselnd und sie mit Liebkosungen überhäufend. Während sie sich noch von ihrem Erstaunen nicht erholen konnten, gewahrten sie Domingo, der auf sie zueilte. Beim Anblick dieses guten Schwarzen, der vor Freude weinte, fingen auch sie an zu weinen, und konnten kein Wort gegen ihn hervorbringen. Als Domingo wieder seiner Rede mächtig war, brach er in die Worte aus: »O meine jungen Gebieter, in welcher Unruhe befinden sich eure Mütter! Wie bestürzt sind sie gewesen, als sie euch bei der Rückkunft aus der Messe, wohin ich sie begleitet hatte, nicht zu Hause fanden! Marie, welche in einem Winkel der Pflanzung arbeitete, wußte uns nicht zu sagen, wohin ihr gegangen wäret. Ich ging um die Pflanzung herum und wieder zurück, ohne selbst zu wissen, in welcher Richtung ich euch suchen sollte. Zuletzt nahm ich eure getragnen Kleider, ließ sie von Fidéle beschnobern, und auf der Stelle, als ob das arme Thier mich verstanden hätte, machte er sich auf die Spur eurer Fährte. Immer mit dem Schwanze wedelnd, hat er mich bis zum schwarzen Fluß geleitet. Dort erfuhr ich von einem Pflanzer, daß ihr ihm eine entlaufene Negerin zugebracht habt, und daß er euch ihre Begnadigung zugewilligt hat. Aber was für eine Begnadigung! Er hat sie mir gezeigt, mit einer Kette um den Fuß an einen Holzblock gefesselt und ein Eisenband mit drei Haken um den Hals. Von da hat mich Fidéle, immerfort wedelnd, auf den Hügel am schwarzen Flusse geführt, wo er stehn blieb und aus Leibeskräften bellte. Das war am Rand einer Quelle, neben einer gefällten Palme und in der Nähe einer Feuerstätte, die noch rauchte; endlich hat er mich hierher gebracht. Wir sind am Fuße des Gebirges der drei Brüste und haben noch vier gute Meilen bis nach Hause. Nun esset und stärkt euch wieder!« – Damit reichte er ihnen einen Kuchen, Früchte und einen großen Flaschenkürbis, gefüllt mit einem aus Wasser, Wein, Citronensaft, Zucker und Muscat zusammengesetzten Getränke, das ihre Mütter zu ihrer Stärkung und Erquickung bereitet hatten. Virginie seufzte bei der Erinnerung an die arme Sklavin und über den Kummer ihrer Mutter. Sie wiederholte mehrmals: »O wie schwer ist es doch, das Gute zu thun!« Während Paul und sie sich erfrischten, zündete Domingo Feuer an, und nachdem er zwischen den Felsen ein gewundenes Holz gesucht hatte, das man Rundholz nennt, und welches noch grün brennt und eine große Flamme giebt, machte er daraus eine Fackel, die er anzündete; denn es war schon Nacht. Es zeigte sich aber ein weit größeres Hinderniß, als man aufbrechen wollte, Paul und Virginie konnten keinen Schritt mehr thun; ihre Füße waren angeschwollen und blutroth. Domingo wußte nicht, ob er sich von ihnen entfernen und Hülfe holen, oder hier die Nacht mit ihnen zubringen sollte. »Wo ist die Zeit hin«, sagte er zu ihnen, »als ich euch alle beide zugleich auf den Armen trug? Aber jetzt seid ihr groß, und ich bin alt.« – Während er sich noch in dieser Verlegenheit befand, ließ sich in einer Entfernung von zwanzig Schritten eine Anzahl flüchtiger Neger sehen. Der Führer dieser Schaar näherte sich Paul und Virginien und sagte zu ihnen: »Ihr guten kleinen Weißen, habt keine Furcht; wir haben euch heute morgen mit einer Negerin vom schwarzen Flusse vorübergehen sehen; ihr wolltet ihren grausamen Herrn um Gnade für sie bitten. Zum Dank dafür wollen wir euch auf unsern Schultern nach Hause tragen.« Auf seinen Wink machten darauf vier der stärksten Schwarzen sogleich eine Tragbahre aus Baumzweigen und Schlinggewächsen, setzten Paul und Virginie darauf, hoben sie auf ihre Schultern, und begannen, indem Domingo mit seiner Fackel vorausging, ihren Zug unter dem Freudengeschrei der ganzen Schaar, welche beide mit Segenswünschen überschüttete. Virginie sagte gerührt zu Paul: »O mein Freund, niemals läßt doch Gott eine Wohlthat unbelohnt!«

Um Mitternacht langten sie am Fuß ihres Berges an, dessen Gipfel von mehreren Feuern erhellt waren. Kaum begannen sie hinanzusteigen, als sie Stimmen vernahmen, welche riefen: »Seid ihr es, meine Kinder?« Sie antworteten zugleich mit den Schwarzen: »Ja, wir sind es!« Und bald erblickten sie ihre Mütter und Marie, die mit flammenden Feuerbränden ihnen entgegenkamen. »Unglückliche Kinder«, sagte Frau von Latour, »woher kommt ihr? In welche Angst habt ihr uns gestürzt!« – »Wir kommen«, sagte Virginie, »von dem schwarzen Flusse, wo wir um Gnade für eine arme entlaufene Sklavin baten, der ich diesen Morgen das Familienfrühstück gab, weil sie vor Hunger halb todt war; und hier diese flüchtigen Schwarzen haben uns zurückgebracht.« Frau von Latour umarmte ihre Tochter, ohne sprechen zu können, und Virginie, die ihr Gesicht von den Thränen ihrer Mutter benetzt fühlte, sagte zu ihr: »Du entschädigst mich für alles Schlimme, was ich erduldet habe!« Margarethe schloß, außer sich vor Freude, Paul in ihre Arme und sagte zu ihm: »Und auch du, mein Sohn, du hast eine gute Handlung gethan!« Als sie mit ihren Kindern in ihren Hütten angekommen waren, gaben sie den Negern tüchtig zu essen, worauf diese, unter Glückwünschen aller Art, in ihre Wälder zurückkehrten.

Jeder Tag war für diese Familien ein Tag des Glücks und des Friedens. Weder Neid noch Ehrgeiz beunruhigten sie. Sie verlangten nicht nach einem äußerlichen leeren Ansehn, das die Ruhmesucht verleiht und die Verleumdung wieder raubt. Es genügte ihnen, ihre eigenen Zeugen und Richter zu sein. Auf dieser Insel, wo man, wie in allen europäischen Kolonien, nur nach boshaften Anekdoten hascht, waren ihre Tugenden, ja selbst ihre Namen unbekannt. Nur wenn auf dem Wege der Pompelmusen ein Vorüberreisender irgend einen Bewohner der Ebne fragte: »Wer wohnt da oben in jenen kleinen Häuschen?« so antwortete dieser, ohne sie weiter zu kennen: »Es sind gute Leute.« – So hauchen Veilchen unter Dorngebüschen fernhin ihre süßen Düfte aus, wenn sie auch Niemand sieht.

Sie hatten aus ihren Gesprächen alle üble Nachrede verbannt, die, unter dem Scheine gerechten Urtheils, nothwendigerweise das Herz zu Haß oder Falschheit geneigt macht; denn es ist unmöglich, die Menschen nicht zu hassen, wenn man sie für bösartig hält, und mit den Schlechten zu leben, wenn man ihnen nicht seinen Haß unter dem Anschein von Wohlwollen verbirgt. So nöthigt uns die Schmähsucht, mit den Andern oder mit uns selbst im Mißverhältniß zu leben. Jene unterhielten sich dagegen, ohne die Menschen im Besondern zu beurtheilen, nur über die Mittel, Allen insgemein Gutes zu erweisen, und wenn sie auch nicht das Vermögen dazu besaßen, so hatten sie doch stets den guten Willen dazu, und dieser erfüllte sie mit einem Wohlwollen, das sich zu äußern jederzeit bereit war. Indem sie also in der Einsamkeit lebten, waren sie, weit entfernt zu verwildern, vielmehr menschlicher geworden. Wenn die Lästerchronik der Gesellschaft ihrer Unterhaltung keinen Stoff lieferte, so erfüllte sie die Natur mit Entzücken und Freude. Mit inniger Lust bewunderten sie die Allmacht einer Vorsehung, die mitten in diesen unfruchtbaren Felsen durch ihre Hände Ueberfluß, Anmuth und reine, einfache und stets neue Freuden verbreitet hatte.

Paul, nun zwölf Jahr alt, kräftiger und umsichtiger als die Europäer mit funfzehn, suchte das, was der Neger Domingo nur eben anbauen konnte, zu verschönern. Er ging mit ihm in die nahen Wälder, um junge Pflanzen von Citronen -, Pomeranzen-und Tamarindenbäumen, deren runde Krone ein so schönes Grün hat, ebenso von Dattelpalmen, deren Frucht einen zuckersüßen und wie Orangenblüthe duftenden Rahm enthält, mit den Wurzeln auszuheben. Diese schon ziemlich großen Bäume pflanzte er rings um die Einhegung. Dort hatte er auch Kerne von Bäumen gesteckt, die mit dem zweiten Jahr Blüthen oder Früchte tragen, wie z. B. den Agathis, an welchem ringsherum, wie die Krystalle eines Kronleuchters, lange weiße Blüthentrauben herabhängen; den persischen Flieder, der seine leingrauen Zweige wie Armleuchter gradauf in die Luft streckt; den Melonenbaum, dessen zweigloser, säulenartiger und mit grünen Melonen dichtbesetzter Stamm ein Capitäl breiter Blätter, ähnlich denen des Feigenbaums, trägt.

Außerdem hatte er dort Kerne und Nüsse von Badamien, Mango-und Avocabäumen, von Gojaven, von Brodbäumen und Jamrosen gesteckt. Die meisten dieser Bäume gaben bereits ihrem jungen Erzieher Schatten und Früchte. Seine arbeitsame Hand hatte sogar an den unfruchtbarsten Stellen dieses Bezirks Fruchtbarkeit verbreitet. Verschiedene Arten Aloe, der indische Feigenbaum mit gelb-und rothgestreiften Blüthen, die stachligen Fackeldisteln erhoben sich an den schwarzen Häuptern der Felsen und schienen die langen Schlinggewächse erreichen zu wollen, die, mit blauen und scharlachrothen Blumen beladen, hie und da an den steilen Abhängen des Berges niederhingen.

Er hatte alle diese Pflanzen dergestalt vertheilt, daß man sie mit Einem Blicke überschauen und genießen konnte. In die Mitte der Thalsenkung hatte er die Kräuter gepflanzt, die sich nur wenig über den Boden erheben; weiterhin die Sträucher, dann die mittelhohen Bäume und endlich die großen Bäume, welche die Umfassung begrenzten, so daß dieser ganze weite Bereich von seinem Mittelpunkt aus wie ein Amphitheater von grünem Laubwerk, Früchten und Blumen erschien, welches Küchengewächse, Wiesenplätze und Reis-und Kornfelder einschloß. Aber indem er diese Pflanzen seinem Plane unterwarf, hatte er sich doch nicht von dem der Natur entfernt. Ihren Fingerzeigen folgend, hatte er an die höher gelegenen Orte diejenigen angebracht, deren Samen geflügelt ist, und an die Ränder der Gewässer solche, deren Samenkörner zum Schwimmen eingerichtet sind. So wuchs jede Pflanze an ihrem geeigneten Platze, und jede Stelle erhielt durch ihre Bepflanzung ihre naturgemäße Zierde. Die Wasser, welche von den Gipfeln dieser Felsen herabfließen, bildeten im Grunde des Thales hier Brunnen, dort breite Spiegel, die mitten im Grün die blühenden Bäume, die Felsen und den Azur des Himmels wiederspiegelten.

Ungeachtet der großen Unebenheit des Bodens, waren doch größtentheils alle diese Anpflanzungen der Berührung eben so zugänglich als dem Beschauen. Wir halfen ihm aber auch Alle mit Rath und That, um damit zurecht zu kommen. Er hatte einen Fußpfad angelegt, der um das Thalbecken herum lief und von dem mehrere Abzweigungen vom Umkreis nach dem Mittelpunkte zu liefen. Selbst von den unebensten Stellen hatte er Vortheil zu ziehen und durch die glücklichste Uebereinstimmung die Bequemlichkeit des Spazierganges mit der Rauhigkeit des Bodens auszugleichen, die wilden Bäume mit den veredelten zu verbinden gewußt. Aus der ungeheuren Menge von losen Steinen, welche jetzt diese Wege, sowie den größten Theil des Bodens dieser Insel ungangbar machen, hatte er hie und da Pyramiden errichtet, zwischen deren Lagen er Erde und Wurzeln von Rosensträuchern, dem schönen Pfauenschwanz und andern Sträuchern anbrachte, die den Aufenthalt auf dem Felsen lieben. In kurzer Zeit waren diese düsterfarbigen und rohgestalteten Pyramiden mit Grün oder mit dem Glanze der schönsten Blumen überdeckt. Die Schluchten, besäumt mit alten Bäumen, die sich über ihre Ränder neigten, bildeten unterirdische, der Hitze unzugängliche Gewölbe, wo man während des Tages frische Kühlung schöpfen konnte. Ein Pfad führte in ein Gebüsch wilder Bäume, in dessen innerster Mitte, geschützt vor den Winden, ein veredelter, mit Früchten beladener Baum wuchs. Hier war ein Saatfeld, dort ein Obstgarten; durch diesen Baumgang hier erblickte man die Häuser; durch jenen anderen die unersteiglichen Gipfel der Berge. Unter einem dichten, mit Lianen verwachsenen Gebüsche von Tatamaken konnte man am hellen Mittage keinen Gegenstand unterscheiden. Auf dem Gipfel jenes nahen hohen Felsens, der aus dem Berge hervorsteht, hatte man eine Aussicht über die ganze Umgebung, mit dem Meer in der Ferne, auf dem dann und wann ein Schiff erschien, das aus Europa kam oder dahin zurückkehrte. Auf diesem Felsen kamen die Familien des Abends zusammen und genossen stillschweigend die Kühle der Luft, den Duft der Blumen, das Murmeln der Quellen und die letzten Harmonien von Licht und Schatten.

Nichts war lieblicher als die Namen, die man den meisten der reizenden Ruheplätze dieses Labyrinthes gegeben hatte. Jener Felsen, von dem ich soeben sprach, und von wo man mich von weitem kommen sah, hieß »die Entdeckung der Freundschaft«. Paul und Virginie hatten daselbst bei ihren Spielen eine Bambusstaude aufgepflanzt, an deren Spitze sie ein weißes Schnupftuch banden, um meine Ankunft zu verkündigen, sobald sie mich erblickten, gerade so wie man beim Anblick eines Schiffes in der See auf dem benachbarten Berge eine Flagge aufsteckt. Es kam mir der Gedanke, eine Inschrift auf diese Rohrstange einzugraben. Welch Vergnügen ich auch auf meinen Reisen bei dem Anblick einer Statue oder eines Denkmals aus dem Alterthum empfunden habe, so gewährte es mir doch noch ein größeres, eine wohlerdachte Inschrift zu lesen. Es ist mir dann, als wenn eine Stimme aus dem Steine käme, sich durch Jahrhunderte vernehmbar machte und zu dem Menschen mitten in den Einöden sprechend sagte, daß er nicht allein sei, sondern daß auch andere Menschen, an eben diesen Orten, empfunden, gedacht und gelitten haben, wie er. Wenn nun eine solche Inschrift von irgend einem alten, nicht mehr vorhandenen Volke herrührt, so erweitert sie unsere Seele in die Gefilde des Unendlichen und giebt ihr die Ahnung ihrer Unvergänglichkeit, indem sie ihr zeigt, daß ein Gedanke sogar den Untergang eines Reiches überlebt hat.

So schrieb ich denn auf den kleinen Flaggenmast Pauls und Virginiens die Verse des Horaz:


. . . Fratres Helenae, lucida sidera,
Ventorumque regat pater,
Obstrictis aliis, praeter Japyga.


»Mögen die Brüder der Helena, reizende Gestirne wie ihr, möge der Vater der Winde euch leiten und nur den Zephyr wehen lassen.«

In die Rinde eines Tatamakbaums, in dessen Schatten sich Paul zuweilen setzte, um in der Ferne das bewegte Meer zu betrachten, schnitt ich den Vers Virgils:


Fortunatis et ille deos qui novit agrestes!


Glücklich Derjenige, mein Sohn, der nur die ländlichen Gottheiten kennt!«

Und an der Hütte der Frau von Latour, die ihr Versammlungsort war, setzte ich folgenden andern über die Thür:


At secura quies, et nescia fallere vita.


»Hier wohnt ein gutes Gewissen und welches nie zu täuschen versteht.«

Virginie schenkte indessen meinem Latein keinen Beifall; sie meinte, was ich unter ihre Windfahne gesetzt habe, sei zu lang und zu gelehrt. »Ich hätte lieber gehabt«, setzte sie hinzu: »Stets bewegt, aber beständig.« – »Dieser Spruch«, erwiederte ich, »würde freilich der Tugend noch besser anstehen.« Meine Bemerkung machte sie erröthen.

Diese glücklichen Familien drückten Allem, was sie umgab, das Gepräge ihrer gefühlvollen Seelen auf. Sie hatten den anscheinend gleichgültigsten Gegenständen die zärtlichsten Namen gegeben. Ein Kreis von Orangenbäumen, Bananen und Jamrosen, um einen Rasenplatz gepflanzt, in dessen Mitte Virginie und Paul bisweilen tanzten, hieß »die Eintracht«. Einen alten Baum, in dessen Schatten Frau von Latour und Margarethe sich ihre Leiden mitgetheilt hatten, nannte man »die gestillten Thränen«. Kleine Flecken Landes, wo sie Korn gesäet und Erdbeeren und Erbsen gepflanzt hatten, ließen sie die Namen: »Bretagne und Normandie« tragen. Domingo und Marie, die nach dem Vorgange ihrer Gebieterinnen auch eine Erinnerung an ihre Geburtsstätten in Afrika zu haben wünschten, nannten zwei Stellen, wo das Gras wuchs, aus dem sie ihre Körbe verfertigten, und wo sie einen Flaschenkürbisbaum gepflanzt hatten, »Angola und Full-point«. Durch solche Erzeugnisse ihrer heimatlichen Erdstriche unterhielten diese verbannten Familien die süßen Trugvorstellungen ihres Vaterlandes und beschwichtigten damit den Schmerz, auf fremder Erde leben zu müssen. Ach! von tausend Liebesbenennungen habe ich die Bäume, die Quellen, die Felsen dieser Gegend belebt gesehen, die jetzt so verödet ist und gleich einem Gefilde Griechenlands nur noch Trümmer und rührende Namen darbietet.

Unter Allem aber, was dieser Bezirk in sich schloß, war nichts anmuthiger, als was man »Virginiens Ruh« nannte. Am Fuße des Felsens, der »Entdeckung der Freundschaft« hieß, befindet sich eine Vertiefung, aus welcher eine Quelle hervorkommt, die gleich bei ihrem Ursprung mitten auf einer Wiese vom zartesten Grase einen kleinen Weiher bildet. Als Paul zur Welt gekommen war, machte ich Margarethen ein Geschenk mit einer indischen Cocosnuß, die ich von irgendwem erhalten hatte. Sie pflanzte diese Frucht an den Rand dieses Weiherchens, damit der Baum, der daraus erwachsen würde, einst als Zeitmaß für die Geburt ihres Sohnes dienen möchte. Ihrem Beispiel folgend, pflanzte Frau von Latour, nachdem sie mit Virginien niedergekommen war, eine andere Frucht dahin, in derselben Absicht. Diesen zwei Früchten entsproßten zwei Cocosbäume, welche die ganze Hausurkunde beider Familien bildeten; der eine wurde der Baum Pauls, der andere der Baum Virginiens genannt. Beide wuchsen, in gleichem Verhältniß mit ihren jungen Besitzern, in etwas ungleicher Höhe, die jedoch nach Verlauf von zwölf Jahren die ihrer Hütten übertraf. Schon verflochten sich ihre Zweige und ließen die jungen Cocostrauben über das Becken der Quelle hängen. Mit Ausnahme dieser Anpflanzung hatte man die Vertiefung in dem Felsen so gelassen, wie sie von Natur beschaffen war. An ihren braunen und feuchten Seiten breiteten sich in grünen und schwarzen Sternen breite Capillarien aus und wiegten sich im Hauche der Winde dichte Büschel von Zungenfarren, die wie lange Bänder von purpurfarbigem Grün in der Luft schwebten. Nahe dabei wuchsen Raine von Sinngrün, dessen Blumen dem Goldlack ziemlich ähnlich sehen, und spanischer Pfeffer, dessen blutfarbige Schoten glänzender sind als Korallen. In der Umgebung hauchten das Balsamkraut mit seinen herzförmigen Blättern, und Basiliken mit ihrem Levkojengeruch die süßesten Düfte aus. Von der Höhe der steilen Abdachung des Gebirges hingen Lianen herab, gleich fliegenden Gewändern, und bildeten an den Felsenwänden große grüne Vorhänge. Die Seevögel, angezogen durch diese friedlichen Zufluchtsörter, kamen herbei, um die Nacht hier zuzubringen. Bei Sonnenuntergang sah man den Seeraben und die Seelerche längs dem Gestade des Meeres hinfliegen, und hoch in der Luft die schwarze Fregatte und den weißen Tropikvogel3, die mit dem Tagesgestirn die Einsamkeit des indischen Oceans flohen. Virginie ruhte gern an dem Rande dieser Quelle, die von einer zugleich großartigen und wilden Pracht umschmückt war. Oft kam sie, das Leinenzeug der Familie im Schatten der beiden Cocosbäume zu waschen; bisweilen führte sie auch ihre Ziegen dahin zur Weide. Während sie aus der Milch derselben Käse bereitete, machte es ihr Vergnügen, zuzusehen, wie sie an den steilen Abhängen des Felsens die Capillarien abfraßen und sich auf einem der Felsenvorsprünge wie auf einem Fußgestell in der Luft erhielten. Da Paul bemerkte, daß dieser Ort Virginiens Lieblingsplätzchen sei, so brachte er aus dem nahen Walde Nester von allerlei Vögeln dahin. Die Alten dieser Vögel folgten ihren Jungen nach und setzten sich bald in dieser neuen Niederlassung fest. Virginie streute ihnen von Zeit zu Zeit Körner von Reis, Mais und Hirse hin. Sobald sie sich blicken ließ, kamen die Spottamseln, die Bengalis mit ihrem so süßen Gezwitscher, die Cardinalvögel mit ihrem feuerfarbnen Gefieder aus ihrem Laubversteck hervor; Papageien, grün wie Smaragde, ließen sich von den nahen Latanen hernieder; Rebhühner eilten zwischen dem hohen Grase herbei: alle, bunt durcheinander, kamen bis vor ihre Füße wie Hühner. Paul und sie erfreuten sich mit innigstem Entzücken an ihren Spielen, ihrer Eßlust und ihren Liebesbezeigungen.

Liebenswürdige Kinder! in solcher Unschuld verbrachtet ihr eure erste Jugend, indem ihr euch im Wohlthun übtet! Wie oft schlossen eure Mütter an diesem Orte euch in die Arme und dankten dem Himmel für den Trost, den ihr ihrem Alter verspracht, und daß sie euch unter so günstigem Stern in's Leben treten sahen! Wie oft habe ich im Schatten dieser Felsen mit ihnen eure ländlichen Mahlzeiten getheilt, die keinem Thiere das Leben kosteten! Kürbisflaschen voll Milch, frische Eier, Reiskuchen auf Bananenblättern, Körbchen voll Pataten, Mangofrüchte, Orangen, Granaten, Bananen, Datteln und Ananas gewährten zugleich die gesundeste Kost, die heitersten Farben und die wohlschmeckendsten Säfte.

Die Unterhaltung war ebenso prunklos und ebenso unschuldig als diese Mahle. Paul sprach dabei oft von den Arbeiten des gegenwärtigen und des nächsten Tages. Er sann immer auf etwas Nützliches für die Familie. Hier waren die Pfade unbequem, dort saß man schlecht; diese jungen Lauben gaben nicht genug Schatten Virginien sollte es dort besser gefallen.

In der Regenzeit brachten sie den Tag alle zusammen in der Hütte zu, Herrschaft und Sklaven beschäftigt, Grasmatten und Bambuskörbe zu verfertigen. In größter Ordnung sah man an den Wänden der Mauer Rechen, Hacken und Spaten hängen, und neben diesen Werkzeugen des Landbaues die Erzeugnisse, die der Ertrag derselben waren: Säcke mit Reis, Garben von Roggen, Bananenfrüchte. Der Wohlgeschmack verband sich hier stets mit dem Ueberfluß. Virginie, von Margarethen und ihrer Mutter darin unterrichtet, bereitete Sorbets und Herzstärkungen aus dem Saft von Zuckerrohr, Citronen und Cedrafrüchten.

War die Nacht herbeigekommen, so aßen sie ihr Abendbrod beim Scheine einer Lampe. Dann erzählte wohl Frau von Latour oder Margarethe einige Geschichten von Reisenden in Europa, die sich in der Nacht in den Wäldern verirrt hatten und von Räubern überfallen wurden, oder von dem Schiffbruch irgend eines durch den Sturm an die Felsen einer Insel geschmetterten Schiffes. An diesen Erzählungen entflammten sich die empfindungsvollen Herzen ihrer Kinder. Sie baten den Himmel um die Gnade, einstens Gastfreundschaft gegen solche Unglückliche ausüben zu können. Unterdessen trennten sich beide Familien, um sich zur Ruhe zu begeben, mit Ungeduld die Wiederzusammenkunft am nächsten Morgen erwartend. Oft schliefen sie unter dem Geräusch des Regens ein, der sich in Strömen auf das Dach ihrer Hütten ergoß, oder beim Brausen der Winde, die ihnen das ferne, dumpfe Rollen der am Gestade sich brechenden Wellen zuführten. Dann dankten sie Gott für die Sicherheit ihrer Personen, deren Gefühl sich durch das der fernen Gefahr verdoppelte.

Von Zeit zu Zeit las Frau von Latour, im Beisein Aller, irgend eine rührende Begebenheit aus dem Alten oder dem Neuen Testamente vor. Sie sprachen wenig über diese heiligen Bücher; denn ihre Gottesgelahrtheit bestand ganz im Gefühl wie die der Natur, und ihre Sittenlehre ganz im Handeln wie die des Evangeliums. Sie hatten keine für das Vergnügen, wie keine für die Trauer besonders bestimmten Tage; sondern jeder Tag war für sie ein Festtag und Alles, was sie umgab, ein Tempel Gottes, in welchem sie ohne Unterlaß eine unendliche, allmächtige und den Menschen freundliche Einsicht bewunderten. Dieses Gefühl von Zuversicht auf die höchste Macht erfüllte sie mit Trost über die Vergangenheit, mit Muth für die Gegenwart und mit Hoffnung für die Zukunft. In solcher Weise hatten diese Frauen, welche das Unglück gezwungen hatte wieder zur Natur zurückzukehren, in sich selbst wie in ihren Kindern jene Gefühle entwickelt, welche die Natur verleiht, um uns nicht dem Unglück anheim fallen zu lassen.

Aber da sich bisweilen in der wohlgeordnetsten Seele Wolken erheben, die sie trüben, so vereinigten sich, wenn irgend ein Mitglied ihres Kreises traurig schien, alle Uebrigen um dasselbe und suchten es, mehr durch ihr Mitgefühl als durch Vorstellungen, den nagenden Gedanken zu entziehen. Jedes bethätigte dabei seinen besondern Charakter: Margarethe eine lebhafte Heiterkeit; Frau von Latour ein sanftes Gottvertrauen; Virginie zärtliche Liebkosungen; Paul offenes Wesen und Herzlichkeit. Selbst Marie und Domingo kamen zu Hülfe, sie waren traurig, wenn sie Eines betrübt sahen, und weinten mit, wenn sie es weinen sahen. So schlingen sich schwache Pflanzen in einander, um gemeinsam den Stürmen zu widerstehen.

In der schönen Jahreszeit gingen sie jeden Sonntag zur Messe nach der Kirche der Pompelmusen, deren Glockenthurm Ihr da unten in der Ebene seht. Es kamen dahin reiche Pflanzer im Palankin, die sich mehrmals um die Bekanntschaft dieser so eng verbundenen Familien bemühten und sie zur Theilnahme an Lustpartien einluden. Aber sie lehnten ihre Anerbietungen stets mit Anstand und Höflichkeit ab, in der Ueberzeugung, daß angesehene Leute Geringere nur in der Absicht suchen, um Gefällige um sich zu haben, und daß man ihnen nur dann gefällig sein kann, wenn man ihren guten oder schlimmen Neigungen schmeichelt. Andrerseits vermieden sie mit nicht geringerer Sorgfalt den vertraulichen Umgang mit den kleinen, in der Regel mißgünstigen, schmähsüchtigen und rohen Pflanzern. Sie galten anfangs bei den Einen für scheu, bei den Andern für stolz; aber ihr zurückhaltendes Benehmen war von so verbindlichen Zeichen der Höflichkeit, hauptsächlich gegen die Nothleidenden, begleitet, daß sie sich nach und nach die Achtung der Reichen und das Zutrauen der Armen erwarben.

Nach der Messe ging man sie oft um irgend einen Liebesdienst an. Da war eine betrübte Person, die sie um Rath fragte, oder ein Kind, das sie bat, zu seiner kranken Mutter in eins der benachbarten Viertel zu kommen. Sie hatten stets einige, in den Krankheiten, die bei den Einwohnern gewöhnlich vorkamen, heilsame Mittel bei sich und ertheilten diese mit jener Liebenswürdigkeit, die selbst kleinen Diensten einen so großen Werth verleiht. Vorzüglich glückte es ihnen, Gemüthsleiden, die in der Einsamkeit und bei einem kranken Körper so unerträglich sind, zu lindern. Frau von Latour sprach mit solcher Zuversicht von Gott, daß der Kranke, wenn er sie hörte, ihn gegenwärtig glaubte. Virginie kam sehr oft von solchen Besuchen mit thränenfeuchten Augen zurück, aber ihr Herz war voller Freude; sie hatte ja Gelegenheit gehabt, Gutes zu thun. Sie war es, die im Voraus die den Kranken nöthigen Arzneimittel bereitete und sie ihnen mit einer unbeschreiblichen Anmuth reichte. Nach diesen menschenfreundlichen Besuchen nahmen sie bisweilen einen Umweg durch das Thal des langen Gebirges bis zu meinem Hause, wo ich sie dann an den Ufern des kleinen Flusses, der in meiner Nachbarschaft fließt, zum Mittagbrod erwartete. Für diese Gelegenheiten hatte ich mich mit einigen Flaschen alten Weins versorgt, um die Heiterkeit unserer indianischen Mahlzeiten durch diese angenehmen und herzstärkenden Erzeugnisse Europa's zu erhöhen. Ein andermal veranstalteten wir eine Zusammenkunft an der Küste, bei der Mündung verschiedener kleiner Flüsse, die bei uns nicht viel mehr als große Bäche sind. Wir brachten dahin von Hause Vorräthe von Pflanzenkost mit und vereinigten dieselben mit dem, was das Meer uns an Lebensmitteln in Ueberfluß darbot. Wir fischten an den Ufern Meerallete, Polypen, Rothfedern, große und kleine Seekrebse, Krabben, Seeigel, Austern und Muscheln aller Art. Die abschreckendsten Plätze verschafften uns oft die friedlichsten Vergnügungen. Bisweilen saßen wir auf einem Felsen im Schatten eines Sammtbaumes und sahen die Wogen der offenen See gegen uns heran kommen und mit fürchterlichem Getöse zu unsern Füssen sich brechen. Paul, der übrigens schwimmen konnte wie ein Fisch, schritt bisweilen auf den Riffen den Wogen entgegen; bei ihrem Herannahen, floh er dann nach dem Ufer zurück vor den großen Schneckenwindungen ihrer schäumenden und brüllenden Häupter, die ihn weit auf dem Ufersande verfolgten. Bei diesem Anblick aber stieß Virginie einen Angstschrei aus und sagte, ein solcher Zeitvertreib verursache ihr Schrecken.

Nach unseren Mahlzeiten folgten Gesänge und Tänze der beiden jungen Leute. Virginie sang das Glück des Landlebens und die Gefahren der Seeleute, welche die Habsucht dahin bringt, lieber auf einem tobenden Elemente zu steuern, als das Land zu bebauen, welches friedlich so viele Güter gewährt. Bisweilen führte sie, nach Art der Neger, mit Paul eine pantomimische Darstellung auf. Die Pantomime ist die erste Sprache des Menschen; sie ist bei allen Völkern zu Hause. Sie ist so natürlich und ausdrucksvoll, daß die Kinder der Weißen in kurzer Zeit sie lernen, wenn sie die der Schwarzen sich darin haben üben sehen. Virginie rief sich von den Geschichten, welche ihre Mutter vorgelesen hatte, diejenigen in's Gedächtniß, die sie am meisten ergriffen hatten, und gab die Hauptbegebenheiten daraus mit vieler Natürlichkeit wieder. Bald erschien sie beim Tone von Domingo's Tamtam4 auf dem Rasenplatz und hielt einen Krug auf ihrem Kopfe; schüchtern schritt sie zur Quelle eines nahen Brunnens, um Wasser zu schöpfen. Domingo und Marie, welche die Hirten von Midian vorstellten, verwehrten ihr, sich zu nahen und thaten, als drängten sie sie zurück. Paul eilte ihr zu Hülfe, schlug die Hirten in die Flucht, füllte den Krug Virginiens und hob ihr denselben auf den Kopf, während er ihr zugleich einen Kranz von den rothen Blüthen des Immergrüns aufsetzte, der die Weiße ihrer Haut erhöhte. Dann zogen sie auch mich in ihre Spiele; ich übernahm die Rolle Reguels und bewilligte Paul meine Tochter Zipora zur Ehe.

Ein andermal stellte sie die unglückliche Ruth dar, welche verwittwet und arm in ihr Land zurückkehrt, wo sie sich nach langer Abwesenheit als Fremde findet. Domingo und Marie machten die Schnitter. Virginie that, als läse sie hinter ihren Schritten hie und da einige Kornähren auf. Paul, die ernste Würde eines Patriarchen annehmend, redete sie fragend an; bebend antwortete sie auf seine Fragen. Alsobald von Mitleid bewegt, bewilligte er der Unschuld Gastfreundschaft, der Unglücklichen einen Zufluchtsort. Er füllte Virginiens Schürze mit Lebensmitteln aller Art, führte sie vor uns, als vor die Aeltesten der Stadt, und erklärte, daß er sie ungeachtet ihrer Armuth zum Weibe nehmen werde. Frau von Latour, die sich bei dieser Scene an die Verlassenheit erinnerte, welcher sie ihre eigenen Verwandten anheim gegeben hatten, an ihre Wittwenschaft, an die liebevolle Aufnahme, die sie bei Margarethen gefunden hatte, wozu nun jetzt noch die Hoffnung auf eine glückliche Verbindung zwischen ihren Kindern kam, konnte sich des Weinens nicht enthalten, und diese gemischte Erinnerung an Schlimmes und Gutes entlockte uns Allen Thränen des Schmerzes und der Freude.

Diese Schauspiele wurden mit so vieler Naturwahrheit dargestellt, daß man sich auf die Fluren Syriens oder Palästina's versetzt glaubte. Es fehlte uns auch nicht an den für eine solche Vorstellung geeigneten Dekorationen, noch an Erleuchtung und Musik. Der Ort des Auftretens war in der Regel an einem Kreuzweg im Walde, dessen Durchstiche um uns her mehrere gewölbte Laubgänge bildeten. Da wo sie zusammentrafen, waren wir den ganzen Tag über vor der Hitze gedeckt; wenn aber die Sonne zum Horizont herabgestiegen war, so fielen ihre Strahlen, gebrochen durch die Stämme der Bäume, in langen, leuchtenden Garben schräg in die Schatten des Waldes ein und brachten die erhabenste Wirkung hervor. Zuweilen erschien ihre volle Scheibe am Ausgang eines Durchstichs und erfüllte diesen ganz mit Glanz und Schimmer. Das Laub der Bäume, unterhalb von ihren safranfarbigen Strahlen erleuchtet, erglänzte im Feuer des Topases und Smaragds. Ihre bemoosten, braunen Stämme schienen in Säulen von antikem Erze verwandelt, und die Vögel, die sich schon schweigend in das dunkle Gebüsch zurückgezogen hatten, um die Nacht dort zuzubringen, begrüßten, überrascht von einer zweiten Morgenröthe, wie mit Einem Schlage das Gestirn des Tages aus tausend und aber tausend Kehlen.

Sehr oft überraschte uns die Nacht bei diesen ländlichen Festen; aber die Reinheit der Luft und die Milde des Klima's gestatteten uns, unter einem Ajoupa mitten im Walde zu schlafen, da wir uns überdies vor Räubern, weder fernen noch nahen, nicht zu fürchten brauchten. Am andern Morgen kehrte jedes in seine Hütte zurück und fand sie so unversehrt, als er sie verlassen hatte. Es herrschte damals so viel Redlichkeit und Einfachheit auf dieser Insel, die noch ohne Handelsverkehr war, daß die Thüren von vielen Häusern nicht einmal zugeriegelt wurden und ein Thürschloß für nicht wenige Kreolen ein Gegenstand der Neugierde war.

Aber es gab Tage im Jahre, die für Paul und Virginie Tage größerer Festlichkeiten wurden, dies waren die Namenstage ihrer Mütter. Virginie unterließ dann nie, am Abend zuvor Kuchen aus Weizenmehl zu kneten und zu backen, um sie armen Familien von Weißen zuzuschicken, die, auf der Insel geboren, niemals europäisches Brod gegessen hatten, und, ohne alle Hülfe von Schwarzen, gezwungen, mitten in den Wäldern von Maniok zu leben, zur Ertragung der Armuth weder den Stumpfsinn besaßen, der mit der Sklaverei Hand in Hand geht, noch auch den Muth, der eine Frucht der Erziehung ist. Diese Kuchen waren die einzigen Geschenke, die sich Virginie von dem Einkommen der Familie erlauben durfte; aber die liebenswürdige Art, mit der sie sie machte, verlieh ihnen großen Werth. Anfangs war Paul damit beauftragt, sie selbst jenen Familien zu überbringen, und diese, sie annehmend, versprachen, den andern Morgen zu kommen und den ganzen Tag bei Frau von Latour und Margarethen zu verweilen. Man sah dann wohl eine Familienmutter mit zwei oder drei beklagenswerthen gelben und magern Töchtern ankommen, die so scheu waren, daß sie die Augen nicht zu erheben wagten. Virginie wußte es ihnen bald behaglich zu machen; sie setzte ihnen Erfrischungen vor, deren Güte sie durch irgend einen besonderen Umstand hervorhob, der nach ihrer Meinung ihre Annehmlichkeit erhöhte: jenes Getränk war von Margarethen bereitet worden; ein anderes von ihrer Mutter; diese Frucht hatte ihr Bruder selbst im Gipfel eines Baumes gepflückt. Sie veranlaßte Paul, mit ihnen zu tanzen, und entließ sie nicht eher, als bis sie sie vergnügt und zufrieden sah. Sie wollte, daß sie heiter in den Frohsinn ihrer Familie einstimmten. »Man ist selbst nur glücklich«, sagte sie, »wenn man sich mit dem Glücke Anderer beschäftigt.« Wenn sie wieder fortgingen, nöthigte sie ihnen das auf, was ihnen Freude gemacht zu haben schien, indem sie die Nothwendigkeit, ihre Geschenke anzunehmen, mit dem Vorgeben ihrer Neuheit oder Seltenheit verdeckte. Bemerkte sie, daß ihre Kleider in zu argem Verfall waren, so wählte sie, mit Einwilligung ihrer Mutter, aus ihren eigenen etliche aus und trug Paul auf, heimlich hinzugehen und sie vor die Thür ihrer Hütten zu legen. So that sie das Gute nach dem Vorbilde Gottes: sie verbarg die Wohlthäterin und zeigte nur die Wohlthat.

Ihr Europäer, deren Geist von Kindheit an mit so vielen, dem wahren Glücke hinderlichen Vorurtheilen angefüllt wird, ihr könnt es gar nicht begreifen, daß die Natur so viele Einsichten und Freuden zu gewähren vermag. Eure auf einen kleinen Kreis menschlicher Erkenntnisse beschränkte Seele erreicht bald das Ziel ihrer erkünstelten Genüsse; die Natur aber und das Herz sind unerschöpflich. Paul und Virginie hatten weder eine Uhr, noch Almanache, noch chronologische, historische oder philosophische Bücher. Die Abschnitte ihres Lebens richteten sich nach denen der Natur. Sie erkannten die Stunden des Tages am Schatten der Bäume; die Jahreszeiten an den Perioden, in welchen jene Blüthen oder Früchte tragen, und die Jahre an der Anzahl ihrer Ernten. Diese lieblichen Vorstellungen verbreiteten den größten Reiz über ihre Unterhaltungen. »Es ist Zeit zum Mittagessen«, sagte Virginie zur Familie; »die Schatten der Bananen liegen an ihrem Fuße;« oder: »die Nacht kommt heran, die Tamarinden schließen ihre Blätter.« – »Wann werdet Ihr uns wieder besuchen?« fragten sie einige Freundinnen aus der Nachbarschaft. »Zur Zuckerrohr-Ernte«, antwortete Virginie. – »Euer Besuch wird uns noch viel süßer und angenehmer sein«, erwiederten die jungen Mädchen. Wenn man sie über ihr und Pauls Alter befragte, so sagte sie: »Mein Bruder ist so alt wie der große Cocosbaum am Brunnen, und ich wie der kleine. Die Mangobäume haben zwölfmal Früchte getragen und die Orangenbäume vier und zwanzigmal Blüthen gehabt, seit ich auf der Welt bin.« Ihr Leben schien mit dem der Bäume verknüpft, wie das der Faunen und der Dryaden. Sie kannten keine andern geschichtlichen Epochen als die des Lebens ihrer Mütter, keine andere Zeitrechnung als die ihrer Fruchtgärten, und keine andere Philosophie, als Jedermann Gutes zu erweisen und sich in den Willen Gottes zu ergeben.

Nach alle dem, was brauchten die beiden jungen Leute reich und gelehrt nach unsern Begriffen zu sein? Daß sie Manches entbehrten und nicht wußten, trug noch zu ihrem Glücke bei. Es gab keinen Tag, an dem sie sich nicht irgend eine Hülfe leisteten, irgend welche Einsichten mittheilten; ja wohl, Einsichten, und sollten sich auch einige Irrthümer eingemischt haben, der reine Mensch hat keine gefährlichen zu fürchten. So wuchsen diese beiden Kinder der Natur auf. Keine Sorge hatte ihre Stirn gefurcht; keine Unmäßigkeit ihr Blut verdorben; keine unglückliche Leidenschaft ihr Herz verschlechtert. Liebe, Unschuld und Frömmigkeit entfalteten mit jedem Tage mehr die Schönheit ihrer Seele in unaussprechlicher Anmuth, auf ihren Gesichtszügen, in ihren Stellungen und Bewegungen. Am Morgen ihres Lebens hatten sie dessen volle Frische. So erschienen im Garten von Eden unsere ersten Eltern, als sie, aus den Händen Gottes hervorgegangen, sich zum erstenmal sahen, sich nahten und wie Bruder und Schwester sich anredeten: Virginie sanft, bescheiden, zutraulich wie Eva, und Paul Adam ähnlich, der mit dem Vollwuchs des Mannes die Einfalt eines Kindes verband.

Bisweilen, wenn er allein mit ihr war (er hat es mir tausendmal erzählt), sagte er bei der Rückkehr von seinen Arbeiten zu ihr: »Wenn ich ermüdet bin, so stärkt mich dein Anblick wieder. Wenn ich dich von der Höhe des Gebirges drunten im Thale erblicke, so erscheinst du mir inmitten unserer Obstgärten wie eine Rosenknospe. Wenn du auf das Haus unserer Mütter zugehest, so hat das Rebhuhn, das nach seinen Jungen läuft, eine weniger schöne Gestalt und einen minder leichten Gang. Wenn ich dich auch hinter den Bäumen aus dem Gesicht verliere, so habe ich doch nicht nöthig, dich zu sehen, um dich wieder zu finden; ein gewisses unbeschreibliches Etwas von dir bleibt für mich in der Luft, in der du wandelst, auf dem Grase, wo du dich niederlässest. Wenn ich dir nahe, so entzückst du alle meine Lebensgeister. Der Azur des Himmels ist nicht so schön als das Blau deiner Augen, der Gesang der Bengalis nicht so süß als der Ton deiner Stimme. Berühre ich dich nur mit der Spitze des Fingers, so schauert mein ganzer Körper vor Wonne. Erinnere dich des Tages, als wir über die rollenden Kiesel des Flusses der drei Brüste gingen. Als wir an seinen Ufern anlangten, war ich schon sehr ermüdet; aber als ich dich auf meinem Rücken trug, schien es mir, als hätte ich Flügel wie ein Vogel. Sage mir, durch welchen Zauber du mich so hast bezaubern können! Durch deinen Geist? unsere Mütter haben mehr als wir Beide. Durch deine Liebkosungen? jene umarmen mich ja öfter als du. Ich glaube, durch deine Seelengüte. Niemals werde ich vergessen, daß du mit bloßen Füßen bis an den schwarzen Fluß gegangen bist, um für eine arme flüchtige Sklavin um Gnade zu bitten. Da, meine Vielgeliebte, nimm diesen blühenden Citronenzweig, den ich im Walde gepflückt habe; lege ihn heut Nacht neben dein Lager. Iß diese Honigwabe, ich habe sie für dich hoch an einem Felsen ausgenommen. Aber vorher ruhe an meiner Brust aus, und ich werde mich erquickt fühlen.«

Virginie erwiederte ihm: »O mein Bruder, die Strahlen der Morgensonne, wenn sie an den Spitzen jener Felsen erscheinen, bereiten mir mindre Freude als deine Gegenwart! Ich liebe meine Mutter sehr, ich liebe die deinige sehr; aber wenn sie dich »mein Sohn« nennen, dann liebe ich sie noch mehr. Die Liebkosungen, welche sie dir erzeigen, berühren mein Gefühl noch tiefer als diejenigen, die ich selbst von ihnen empfange. Du fragst mich, warum du mich liebst; aber es liebt sich ja Alles, was zusammen aufgewachsen ist. Siehe unsere Vögel, in denselben Nestern aufgezogen, lieben sie sich wie wir, sind immer beisammen wie wir. Höre, wie sie sich rufen und sich antworten von einem Baume zum andern. Grade so, wenn mich das Echo die Melodien hören läßt, die du auf der Flöte hoch oben am Berge spielst, wiederhole ich die Worte dazu im Grunde des Thales. Du bist mir theuer, hauptsächlich seit dem Tage, wo du dich für mich mit dem Herrn der Sklavin schlagen wolltest. Von dieser Zeit an hab' ich mir oftmals gesagt: Ach, mein Bruder hat ein gutes Herz; ohne ihn würde ich vor Furcht gestorben sein. Ich bete zu Gott alle Tage für meine Mutter, für die deinige, für dich, für unsere armen Diener; aber wenn ich deinen Namen ausspreche, so scheint sich meine Andacht zu erhöhen. Ich bitte Gott so inständig, daß er dir kein Unglück zustoßen lasse! Warum gehst du so weit und steigst so hoch, um mir Früchte und Blumen zu holen? Haben wir nicht genug in unserm Garten? Sieh, wie du erschöpft bist! du bist ganz in Schweiß gebadet!« Und mit ihrem kleinen weißen Taschentuche trocknete sie ihm Stirn und Wangen und küßte ihn mehr als einmal.

Indessen fühlte sich Virginie seit einiger Zeit von einem unbekannten Uebel ergriffen. Ihre schönen blauen Augen unterliefen mit Schwarz; ihre Hautfarbe wurde gelb; eine allgemeine Mattigkeit drückte ihren Körper nieder. Auf ihrer Stirn war keine Heiterkeit mehr, kein Lächeln mehr auf ihren Lippen. Man sah sie; plötzlich ausgelassen ohne Freude, und traurig, ohne daß sie Verdruß gehabt hätte. Sie floh ihre unschuldigen Spiele, ihre Lieblingsbeschäftigungen und die Gesellschaft ihrer so geliebten Familie. An den einsamsten Stellen der Pflanzung irrte sie umher, suchte überall Ruhe und fand sie nirgend. Bisweilen, wenn sie Paul erblickte, lief sie muthwillig auf ihn zu; dann, schon im Begriff ihn anzureden, ergriff sie eine plötzliche Verwirrung; ein lebhaftes Roth färbte ihre blassen Wangen, und ihre Augen wagten nicht mehr, auf den seinigen zu weilen. Paul sagte zu ihr: »Das Grün bekleidet diese Felsen; unsere Vögel stimmen ihren Gesang an, wenn sie dich sehen; Alles ist heiter um dich her, du allein bist traurig.« Und nun suchte er sie aufzumuntern, indem er sie in seine Arme schloß; sie aber wandte das Haupt ab und floh zitternd zu ihrer Mutter. Die Unglückliche fühlte sich durch die Liebkosungen ihres Bruders beunruhigt. Paul begriff nichts von den ihm so neuen und so seltsamen Launen. – Ein Uebel kommt selten allein.

Einer jener Sommer, die von Zeit zu Zeit die Länder zwischen den Wendekreisen veröden, erstreckte auch bis hieher seine Verwüstungen. Es war um das Ende des Dezember, wenn die Sonne im Zeichen des Steinbocks drei Wochen hindurch Ile-de France mit ihren senkrechten Strahlen erhitzt. Der Südwestwind, der hier fast das ganze Jahr hindurch herrscht, wehte nicht mehr. Lange Staubwirbel erhoben sich auf den Landstraßen und blieben schwebend in der Luft hangen. Der Erdboden spaltete sich nach allen Richtungen hin; das Gras war versengt, glühende Hauche entstiegen den Wandungen der Gebirge und die meisten ihrer Bäche waren ausgetrocknet. Keine Wolke zeigte sich von der Seeseite her. Nur rothgelbe Dünste stiegen während des Tages über der Fläche empor und erschienen beim Untergange der Sonne wie Flammen einer Feuersbrunst. Selbst die Nacht gewährte dem entzündeten Luftkreise keine Abkühlung. Die Scheibe des Mondes erhob sich blutroth in übermäßiger Größe am nebligen Horizonte. Die Heerden lagen abgemattet an den Abhängen der Hügel, mit zum Himmel gerecktem Halse nach Luft schnappend, und erfüllten die Thäler mit traurigem Gebrüll. Der Kaffer selbst, der sie hütete, warf sich auf die Erde, um hier Kühlung zu finden; aber überall war der Boden heiß, und die erstickende Luft ertönte vom Gesumm der Insekten, die sich in dem Blute der Menschen und der Thiere zu letzen suchten.

In einer jener glutschwülen Nächte fühlte Virginie alle Anzeichen ihrer Krankheit sich verstärken. Sie stand auf, setzte sich, legte sich von neuem nieder, und fand in keiner Stellung und Lage Schlaf noch Ruhe. Sie macht sich bei der Helle des Mondes auf den Weg nach ihrem Brunnen. Sie gewahrt, wie die Quelle, ungeachtet der Dürre, noch in Silberfäden an den braunen Seiten des Felsens herabfloß, und steigt in das Becken hinab. Anfangs belebt die Frische ihre Sinne wieder, und tausend liebliche Erinnerungen stellen sich ihrem Geiste dar. Sie denkt an ihre Kindheit, wo ihre Mutter und Margarethe ihr Vergnügen daran fanden, sie und Paul an diesem Orte zu baden; wie späterhin Paul, weil er dieses Becken ihr allein zudachte, das Bett desselben erweitert, den Grund mit Kies bedeckt und an seinen Rand duftige Kräuter gepflanzt hatte. Sie sieht im Wasser auf ihren bloßen Armen und auf ihrer Brust die beiden Palmen sich wiederspiegeln, welche bei ihrer und ihres Bruders Geburt gepflanzt worden waren und die nun über ihrem Haupte ihre grünen Zweige und ihre jungen Cocosnüsse durcheinander schlangen. Sie denkt an Pauls Freundschaft, süßer als alle Wohlgerüche, reiner als das Wasser der Quellen, stärker als die verschlungenen Palmbäume, und sie seufzt. Sie denkt an die Nacht, an die Einsamkeit, und ein verzehrendes Feuer ergreift sie. Erschreckt entfernt sie sich alsbald aus jenen gefährlichen Schatten und von jenem Wasser, heißer als die Sonnenstrahlen der sengenden Zone. Sie eilt zu ihrer Mutter, um dort eine Stütze gegen sich selbst zu suchen. Mehrmals war sie entschlossen, ihr ihre Leiden zu klagen, und drückte ihre Hände in den ihrigen; mehrmals war sie im Begriff, den Namen Paul auszusprechen; aber ihr bedrängtes Herz ließ ihre Zunge keinen Ausdruck finden: sie legte ihren Kopf an die mütterliche Brust und vermochte nichts, als sie mit ihren Thränen zu überschwemmen.

Frau von Latour durchschaute die Ursache von Virginiens Leiden wohl, aber sie selbst wagte nicht, ihr etwas darüber zu sagen. »Mein Kind«, sprach sie zu ihr, »wende dich an Gott, der nach seinem Willen über Gesundheit und Leben verfügt. Heute prüft er dich, um dich morgen dafür zu belohnen. Denke daran, daß wir nur auf der Erde sind, um uns in der Tugend zu üben.«

Mittlerweile hatte die übermäßige Hitze Dünste aus dem Ocean aufgezogen, welche die Insel wie ein ungeheurer Schirm bedeckten. Die Gipfel der Berge sammelten sie um sich, und lange Streifen Feuers fuhren von Zeit zu Zeit aus ihren umnebelten Spitzen hervor. Bald erdröhnten furchtbare Donnerschläge, von deren Krachen die Wälder, die Ebenen und die Thäler wiederhallten; unerschöpfliche Regengüsse stürzten Katarakten gleich vom Himmel herab. Schäumende Gießbäche strömten an den Wänden dieses Gebirges nieder; der Boden dieses Thalbeckens war zum See geworden; die kleine Hochebene, worauf die Hütten stehen, zu einer Insel, und der Eingang des Thales zu einer Schleuse, durch welche, im Gemisch mit den tosenden Wassern, Erdreich, Bäume und Felsstücke sich fortwälzten.

Die ganze Familie betete zitternd zu Gott in der Hütte der Frau von Latour, deren Dach von der Gewalt der Winde schreckenerregend erkrachte. Obgleich die Thüre und die Wetterläden fest verschlossen waren, so konnte man doch die Gegenstände durch die Fugen des Zimmerwerks unterscheiden, so lebhaft und häufig waren die Blitze. Der unerschrockene Paul ging, von Domingo begleitet, trotz des Ungewitters von einer Hütte zur andern, hier eine Wand zu stützen, dort einen Pflock einzuschlagen, und kam nur zurück, um die Familie durch die Hoffnung auf die nahe Rückkehr des schönen Wetters zu trösten. In der That hörte gegen Abend der Regen auf, der regelmäßige Südostwind begann wieder seinen gewöhnlichen Lauf, die Gewitterwolken wurden gegen Nordwest geworfen und die untergehende Sonne zeigte sich noch am Horizonte.

Virginiens erster Wunsch war, den Ort ihrer Ruhe wieder zu sehn. Paul näherte sich ihr mit schüchterner Miene und bot ihr seinen Arm, um ihr beim Gehen zu helfen Sie nahm ihn lächelnd an, und so verließen sie mit einander die Hütte. Die Luft war erfrischt und rein gestimmt. Weißliche Dämpfe erhoben sich von den Gipfeln des Berges, der hie und da von den schäumenden Gießbächen, die jetzt auf allen Seiten zu versiegen begannen, gefurcht war. Was den Garten anlangt, so war dieser gänzlich verwüstet, voller Risse und Rinnsale; der größte Theil der Fruchtbäume kehrte die Wurzeln nach oben; große Sandhaufen bedeckten die Säume der Wiesen und hatten das Bad Virginiens verschüttet; die beiden Cocosbäume standen jedoch noch aufrecht und in prangendem Grün da. Aber rings umher gab es weder Rasensitze mehr, noch Lauben, noch Vögel, einige Bengalis ausgenommen, die auf einer nahen Felsenspitze mit klagenden Tönen den Verlust ihrer Jungen betrauerten.

Beim Anblick solcher Verwüstung sagte Virginie zu Paul: »Du hattest Vögel hieher gebracht, der Orkan hat sie getödtet. Du hattest diesen Garten angepflanzt, er ist zerstört. Alles auf der Erde vergeht; der Himmel allein ist unwandelbar.« Paul antwortete ihr: »Ach, daß ich dir nichts Himmlisches geben kann; aber ich besitze ja nichts, selbst auf der Erde nichts.« Virginie versetzte erröthend: »Du hast ja das Bild des heiligen Paul.« Kaum hatte sie es ausgesprochen, als er schon eilte, es aus der Hütte seiner Mutter herbeizuholen. Dieses Bild war ein Miniaturgemälde, das den Einsiedler Paul vorstellte. Margarethe hegte eine große Verehrung dafür. Sie hatte es als Mädchen lange Zeit am Halse getragen; später, als sie Mutter geworden war, hatte sie es ihrem Kinde angelegt. Als sie während ihrer Schwangerschaft sich von aller Welt verlassen sah, hatte sie das Bild dieses gottseligen Einsiedlers so häufig betrachtet, daß ihr Kind einige Aehnlichkeit mit demselben erhielt. Dies hatte sie auch bestimmt, ihm den Namen Paul und zum Schutzpatron einen Heiligen zu geben, der sein Leben zubrachte fern von den Menschen, die sie selbst so getäuscht und dann verlassen hatten. Virginie empfing dieses kleine Bild aus den Händen Pauls und sagte mit bewegtem Tone: »Mein Bruder, so lang ich lebe, soll es nicht von meiner Seite kommen, und ich werde es nie vergessen, daß du das Einzige, was du auf der Welt besitzest, mir gegeben hast.« Bei diesem freundschaftlichen Tone, dieser unverhofften Rückkehr von Vertraulichkeit und Zärtlichkeit wollte Paul sie umarmen; aber leicht wie ein Vogel entschlüpfte sie ihm und ließ ihn, der ein so seltsames Benehmen nicht begreifen konnte, außer sich vor Schmerz zurück.

Inzwischen sagte Margarethe zu Frau von Latour: »Warum geben wir unsere Kinder nicht ehelich zusammen? Sie haben eine außerordentliche Leidenschaft für einander, deren sich mein Sohn nur noch nicht bewußt ist. Wenn einmal die Natur in ihm sprechen wird, dann werden wir sie vergebens hüten; es ist Alles zu fürchten.« Frau von Latour antwortete ihr: »Sie sind noch zu jung und zu arm. Welcher Kummer für uns, wenn Virginie Mutter unglücklicher Kinder würde, die zu erziehen sie vielleicht nicht die Kraft besäße! Dein schwarzer Domingo ist sehr hinfällig; Marie ist kränklich; ich selbst, liebe Freundin, fühle mich seit fünfzehn Jahren sehr geschwächt. In den heißen Ländern altert man schnell, um so mehr, wenn man Kummer hat. Paul ist unsere einzige Hoffnung. Laß uns warten, bis die Zeit seinen Charakter ausgebildet hat und bis er uns durch seine Arbeit erhalten kann. Gegenwärtig haben wir, wie du weißt, tagtäglich wenig mehr als das Nothwendige. Wenn wir aber Paul auf einige Zeit nach Indien hinüber gehen lassen, so wird er durch den Handel leicht die Mittel gewinnen, um sich einige Sklaven kaufen zu können, und nach seiner Rückkehr wollen wir ihn dann mit Virginien verbinden. Denn ich bin überzeugt, daß kein Mann die mir so theure Tochter glücklicher machen kann, als dein Sohn Paul. Laß uns darüber mit unserm Nachbar sprechen.«

In der That zogen mich die Frauen zu Rathe, und ich war ihrer Meinung. »Die indischen Meere sind schön«, sagte ich zu ihnen. »Wenn man zur Ueberfahrt von hier nach Indien eine günstige Jahreszeit wählt, so ist dies eine Reise von höchstens sechs Wochen und eben so viel Zeit erfordert die Rückkehr. Wir wollen in unserem Viertel einen Schiffsballen für Paul zusammen machen, denn meine Nachbarn sind ihm alle gut. Wenn wir ihm auch nichts mitgeben als rohe Baumwolle, von der wir, aus Mangel an Reinigungsmühlen, keinen Gebrauch machen können, etwas Ebenholz, das so gemein hier ist, daß man es zur Feuerung verwendet, und einige Harzarten, die in unsern Wäldern verkommen, so läßt sich das Alles ziemlich gut in Indien verkaufen, während es für uns hier von gar keinem Nutzen ist.«

Ich übernahm es, bei Herrn von Labourdonnays um eine Einschiffungserlaubniß für diese Reise nachzusuchen, und vor Allem wollte ich Paul davon in Kenntniß setzen. Aber wie groß war mein Erstaunen, als dieser junge Mensch mit einem sein Alter weit überholenden Verstand zu mir sagte: »Warum soll ich die Meinigen verlassen, um, ich weiß nicht, welches Glücksplanes willen? Giebt es auf der Welt einen vortheilhafteren Erwerb als den Feldbau, der bisweilen fünfzig-, ja hundertfältigen Ertrag giebt? Wenn wir Handel treiben wollen, können wir es nicht thun, indem wir unsern Ueberschuß nach der Stadt bringen, ohne daß ich nach Indien zu gehn brauche? Unsere Mütter sagen mir, Domingo sei alt und schwächlich, ich aber bin jung und werde von Tag zu Tage kräftiger. Es kann ihnen während meiner Abwesenheit etwas zustoßen, hauptsächlich Virginien, die so schon leidend ist. O nein, nein! ich kann mich nicht entschließen, sie zu verlassen!«

Diese Antwort setzte mich in große Verlegenheit, denn Frau von Latour hatte mir den Zustand Virginiens nicht verborgen, noch den Wunsch, den sie hegte, einige Jahre reiferen Alters für die jungen Leute zu gewinnen, indem sie sie von einander entfernte. Es waren dies Gründe, die ich Paul selbst nicht ahnen zu lassen wagte.

Inzwischen brachte ein aus Frankreich angekommenes Schiff an Frau von Latour einen Brief von ihrer Tante mit. Die Furcht vor dem Tode, ohne welche harte Herzen niemals empfindungsfähig würden, hatte sie angewandelt. Diese Furcht ging aus einer großen Krankheit hervor, die in ein Siechthum ausgeartet war und bei ihrem Alter als unheilbar erschien. Sie forderte jetzt ihre Nichte auf, nach Frankreich zurückzukommen; oder wenn ihr Befinden ihr selbst nicht gestatte, eine so lange Reise zu unternehmen, so solle sie Virginien schicken, welcher sie eine gute Erziehung, eine Stellung bei Hofe und das Vermächtniß ihres ganzen Vermögens zusicherte. Die Wiedererlangung ihrer Gewogenheit, sagte sie, mache sie von der Vollziehung dieser ihrer Befehle abhängig.

Kaum war dieser Brief in der Familie vorgelesen worden, so verbreitete er allgemeine Bestürzung. Domingo und Marie fingen an zu weinen. Paul, starr vor Staunen, schien nahe daran, in Zorn auszubrechen. Virginie heftete die Augen auf ihre Mutter und wagte nicht, ein Wort hervorzubringen. Margarethe sagte zu Frau von Latour: »Könnten Sie uns jetzt verlassen?« » – »Nein, meine Freundin; nein, meine Kinder«, versetzte Frau von Latour, »ich werde euch nicht verlassen. Ich habe mit euch gelebt, und mit euch will ich sterben. Nur in eurer Liebe habe ich das Glück kennen gelernt. Wenn meine Gesundheit zerrüttet ist, so sind frühere Leiden schuld daran. Die Härte meiner Verwandten und der Verlust meines theuren Gatten haben mich im tiefsten Herzen verwundet; aber ich habe bei euch in diesen ärmlichen Hütten mehr Trost und Glück genossen, als alle Reichthümer meiner Familie im Vaterlande mich je hätten hoffen lassen.«

Bei diesen Worten flossen Aller Augen von Freudenthränen über. Paul schloß Frau von Latour in seine Arme und sagte: »Ich werde Sie auch nicht verlassen; ich werde nicht nach Indien gehen. Wir wollen Alle für Sie arbeiten, theure Mama, an nichts soll es Ihnen je bei uns mangeln.« Diejenige aber, die von der ganzen Gesellschaft am wenigsten ihre Freude bezeigte und die doch am tiefsten dabei empfand, das war Virginie. Sie erschien den übrigen Tag hindurch von stiller Heiterkeit erfüllt, und die Rückkehr ihrer Ruhe setzte der allgemeinen Zufriedenheit die Krone auf.

Am folgenden Morgen, beim Aufgang der Sonne, als sie eben ihrer Gewohnheit gemäß zusammenkamen, um das Morgengebet zu verrichten, welches dem Frühstück vorausging, brachte Domingo die Nachricht, ein Herr zu Pferde, begleitet von zwei Sklaven, käme auf das Haus zu geritten. Es war Herr von Labourdonnays. Er trat in die Hütte, wo die ganze Familie um den Tisch versammelt war. Virginie hatte so eben, nach der Sitte des Landes, Kaffee und in Wasser gekochten Reis, dazu heiße Bataten und frische Bananen aufgetragen. Flaschenkürbisse, in der Mitte getheilt, vertraten die Stelle aller Gefäße, Bananenblätter dienten als Tischtuch. Der Statthalter bezeigte anfänglich einiges Erstaunen über die Aermlichkeit des Hauswesens. Dann wandte er sich an Frau von Latour und sagte ihr, die allgemeinen Angelegenheiten verhinderten ihn bisweilen, an die besonderen zu denken; aber gerade sie hätte viele Rechte an ihn. »Sie haben«, fügte er hinzu, »eine sehr angesehene und reiche Tante in Paris, die Ihnen ihr Vermögen zugedacht hat und Sie bei sich erwartet.« Frau von Latour antwortete ihm, daß ihre wankende Gesundheit ihr nicht erlaube, eine so lange Reise zu unternehmen. »Nun«, nahm Herr von Labourdonnays wieder das Wort, »dann werden Sie wenigstens Ihrer so jungen und so liebenswürdigen Fräulein Tochter nicht ohne Ungerechtigkeit eine so bedeutende Erbschaft entziehen können. Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß Ihre Tante Gebrauch von ihrem ganzen Einfluß gemacht hat, um Sie zu sich kommen zu lassen. Die Behörden haben mich beauftragt, in dieser Sache nöthigenfalls meine Gewalt geltend zu machen. Da ich diese aber nur zum Wohle der Einwohner unsrer Kolonie zu verwenden liebe, so erwarte ich von Ihrer bloßen Gefälligkeit das Opfer von einigen Jahren, wovon die Versorgung Ihrer Tochter und die Wohlfahrt Ihres übrigen Lebens abhängt. Wozu kommt man nach den Inseln? Doch wohl, um hier sein Glück zu machen! Und ist es nicht angenehmer, es im Vaterlande wiederzufinden?«

Während dieser Worte legte er einen großen Beutel mit Piastern, welchen einer seiner Schwarzen trug, auf den Tisch: »Dies ist«, fügte er hinzu, »von Ihrer Tante für die Vorbereitungen zur Reise Ihrer Fräulein Tochter bestimmt.« Dann schloß er mit freundschaftlichen Vorwürfen gegen Frau von Latour, daß sie sich in ihrer Noth nicht an ihn gewandt habe, lobte sie aber wegen ihres edlen Muthes. Sogleich nahm Paul das Wort und sagte zum Gouverneur: »Mein Herr! meine Mutter hat sich an Sie gewandt und Sie haben sie übel empfangen.« – »Haben Sie noch ein Kind?« sagte Herr von Labourdonnays zu Frau von Latour.  »Nein, mein Herr«, erwiederte sie; »dies ist der Sohn meiner Freundin; aber er und Virginie sind uns gemeinschaftliche Kinder und gleich lieb.« – »Junger Mann«, sagte der Gouverneur zu Paul, »wenn Sie einmal die Welt kennen werden, so werden Sie einsehen, wie übel hochgestellte Leute meist daran sind; Sie werden dann wissen, wie leicht es ist, sie für oder wider Jemanden einzunehmen; wie leicht sie verleitet werden, dem zudringlichen Unwürdigen das zu gewähren, was dem Verdienste gebührt, welches sich ihren Blicken entzieht.«

Auf Einladung der Frau von Latour setzte sich Herr von Labourdonnays neben sie an den Tisch. Er frühstückte nach der Sitte der Kreolen Kaffee mit Wasserreis. Die Ordnung und Sauberkeit der kleinen Hütte, die Einigkeit der beiden liebenswürdigen Familien, ja selbst der Eifer ihrer beiden alten Diener entzückten ihn. »Man findet hier«, sagte er, »nur hölzerne Hausgeräthe, aber heitere Gesichter und Herzen von Gold.« Paul wiederum, eingenommen von der Herablassung des Gouverneurs, sagte: »Ich wünschte Ihr Freund zu sein, denn Sie sind ein Ehrenmann«, und Herr von Labourdonnays nahm mit Wohlgefallen dieses Zeichen insularischer Herzlichkeit auf. Er umarmte Paul, drückte ihm die Hand und versicherte ihn, daß er auf seine Freundschaft zählen könne.

Nach dem Frühstück nahm er Frau von Latour bei Seite und sagte ihr, es böte sich eben eine Gelegenheit dar, ihre Tochter nach Frankreich zu schicken, das Schiff liege schon zur Abfahrt bereit; er werde sie einer Dame seiner Verwandtschaft, die mit hinüberführe, anempfehlen; man müsse sich wohl hüten, um der Zufriedenheit von einigen Jahren willen ein sehr bedeutendes Vermögen fahren zu lassen. »Das Leben Ihrer Tante«, fügte er im Weggehn hinzu, »kann sich nicht länger, als höchstens noch zwei Jahre hinziehn, wie ihre Freunde mich versichern. Bedenken Sie das wohl; das Glück kommt nicht alle Tage. Gehen Sie mit sich zu Rathe. Alle verständigen Leute werden mir Recht geben.« – Sie antwortete, sie wünsche kein Glück weiter auf der Welt, als das ihrer Tochter, und stelle daher die Abreise derselben nach Frankreich ganz und gar ihrem Gutachten anheim.

Frau von Latour kam es nicht ganz ungelegen, daß sich eine Veranlassung fand, Virginie und Paul auf einige Zeit zu trennen, um dadurch einst ihr beiderseitiges Glück zu bewirken. Sie nahm also ihre Tochter beiseit und sagte zu ihr: »Mein Kind, unsere Diener sind alt; Paul noch sehr jung; Margarethe nähert sich dem Alter; ich selbst bin schon schwach. Wenn ich sterben sollte, was würde aus dir werden, ohne Vermögen, inmitten dieser Einsamkeit. Du würdest allein hier übrig bleiben, ohne Jemand zu haben, der dir von hinreichender Hülfe sein könnte, und müßtest, um leben zu können, unaufhörlich arbeiten wie eine Taglöhnerin. Dieser Gedanke erfüllt mich mit Schmerz.« – Virginie antwortete ihr: »Gott hat uns zur Arbeit bestimmt; du hast mich arbeiten und ihn preisen gelehrt. Er hat uns bis diesen Tag nicht verlassen, und wird auch in Zukunft uns nicht verlassen. Seine Fürsicht wacht vornehmlich über die Unglücklichen; du hast mir das so oftmals gesagt, meine Mutter! Ich kann mich nicht entschließen, dich zu verlassen.« – Bewegt erwiederte Frau von Latour: »Ich habe keine andere Absicht, als dich glücklich zu machen und dich einst mit Paul zu verbinden, der nicht dein Bruder ist. Denke nun daran, daß sein Glück von dir abhängt.«

Ein junges Mädchen, welches liebt, glaubt stets, es sei aller Welt ein Geheimniß. Sie zieht den Schleier, den sie über ihrem Herzen hat, auch über ihre Augen. Wird er aber von einer befreundeten Hand gelüftet, dann entfliehen die geheimen Sorgen ihrer Liebe wie durch eine geöffnete Schranke, und die wohlthuenden Ergüsse des Zutrauens folgen auf die Zurückhaltung und das Geheimniß, mit dem sie sich umgab. Dankbar für die neuen Beweise der Güte ihrer Mutter, eröffnete ihr Virginie nun, welche Kämpfe sie ausgestanden, deren Zeuge Gott allein sei; daß sie den sichtbaren Beistand der Vorsehung in dem einer zärtlichen Mutter erblicke, die ihre Neigung billige und die sie durch ihren Rath leiten werde, und daß sie jetzt, gestützt durch ihre Hülfe, sich vollends verpflichtet fühle, bei ihr zu bleiben, ohne Beunruhigung wegen der Gegenwart und ohne Furcht vor der Zukunft.

Als Frau von Latour sah, daß ihre vertrauliche Mittheilung die ganz entgegengesetzte Wirkung von derjenigen hervorgebracht hatte, welche sie davon erwartete, sagte sie zu ihr: »Mein Kind, ich will dich nicht zwingen; überlege es bei dir im Stillen, aber verbirg Paul deine Liebe. Wenn das Herz eines Mädchens einmal gewonnen ist, so hat ihr Geliebter nichts mehr von ihr zu fordern.«

Gegen Abend, als sie mit Virginien allein war, trat ein großer Mann in einem blauen Priesterrocke in ihre Hütte. Es war ein christlicher Missionär der Insel und der Beichtvater von Frau von Latour und Virginien. Der Gouverneur hatte ihn abgeschickt. »Gott sei gelobt, meine Kinder«, sagte er beim Eintritt, »ihr seid reich geworden! Ihr könnt nun eurem guten Herzen folgen und gegen die Armen wohlthätig sein. Ich weiß, was euch Herr von Labourdonnays gesagt hat, und was ihr ihm geantwortet habt. Gute Mutter, eure Gesundheit nöthigt Euch, hier zu bleiben; aber Ihr, junges Fräulein, habt durchaus keine Entschuldigung. Man muß der Vorsehung, man muß den alten Verwandten gehorchen, selbst wenn sie ungerecht sind. Es ist dies ein Opfer, aber es ist das Gebot Gottes. Er hat sich für uns geopfert; also muß man sich, nach seinem Beispiele, für das Wohl der Familie opfern. Eure Reise nach Frankreich wird zu einem schönen Ziele führen. Möchtet Ihr nicht gern dahin gehen, mein liebes Fräulein?«

Virginie antwortete zitternd und mit niedergeschlagenen Augen: »Wenn es das Gebot Gottes ist, so werde ich mich in nichts widersetzen. Gottes Wille geschehe!« setzte sie weinend hinzu.

Der Missionär entfernte sich und erstattete dem Gouverneur Bericht von dem Erfolge seiner Sendung. Indessen ließ mich Frau von Latour durch Domingo bitten, zu ihr zu kommen, um mich über die Abreise Virginiens zu Rath zu ziehen. Ich war keineswegs der Meinung, daß man sie abreisen lassen solle. Ich halte für sichere Grundlagen des Glücks, daß man die Vortheile, welche die Natur gewährt, denen des Vermögens vorziehen muß, und daß wir durchaus nicht außerhalb suchen sollen, was wir zu Hause finden können. Ich dehne diese Grundsätze auf Alles ohne Ausnahme aus. Aber was vermochten meine bescheidenen Rathschläge gegen die Vorspiegelungen großen Reichthums, und meine natürlichen Gründe gegen die Vorurtheile der Welt und gegen eine Autorität, die für Frau von Latour heilig war? Sie fragte mich nur aus Höflichkeit um meinen Rath, und überlegte nicht weiter, seitdem die Entscheidung ihres Beichtvaters erfolgt war. Auch Margarethe, die ungeachtet der Vortheile, die sie von dem Glücke Virginiens für ihren Sohn hoffte, sich ihrer Abreise standhaft widersetzt hatte, machte keine Einwendungen mehr. Paul, der von dem Entschluß, für den man sich entschied, nichts wußte, war ganz bestürzt über die geheimen Unterredungen zwischen Frau von Latour und ihrer Tochter und gab sich einer düstern Traurigkeit hin. »Man zettelt etwas gegen mich an«, sagte er bei sich, »denn man verbirgt sich vor mir.«

Mittlerweile hatte sich auf der Insel das Gerücht verbreitet, daß Fortuna auf diesen Felsen eingekehrt sei, und man sah Handelsleute aller Art herbeiklettern. Sie legten in diesen armseligen Hütten die reichsten Stoffe Indiens aus: kostbare Basins5 von Gudelur, Tücher von Paliacate und Masulipatam, Mousseline von Dacca, einfache, gestreifte, gestickte, andere durchsichtig wie der Tag; Baftas6 aus Surate, vom schönsten Weiß; bunte Zitze in allen und den seltensten. Farben. Sie entrollten prachtvolle chinesische Seidenstoffe, Lampas mit durchsichtigen Mustern, Damaste von einem atlasartigen Weiß, andere von grasgrüner Farbe, wieder andere von blendendem Roth; rosafarbne Tafte, schwere Atlasse, Pekings, die sich wie Tuch anfühlten, weiße und gelbe Nankings und sogar Negerschurze von Madagascar.

Frau von Latour ließ ihrer Tochter freie Hand, Alles zu kaufen, was ihr gefiele; sie überwachte nur den Preis und die Güte der Waaren, aus Furcht, die Kaufleute möchten sie betrügen. Virginie wählte Alles, wovon sie glaubte, daß es ihrer Mutter, Margarethen und deren Sohne angenehm sei. »Dies hier«, sagte sie, »wäre gut für Hausgeräthe; dies für Marie und Domingo.« Kurz, der Beutel voll Piaster war geleert, ehe sie noch an ihre eigenen Bedürfnisse gedacht hatte. Man mußte ihren Antheil aus den Geschenken, die sie an die Gesellschaft vertheilt hatte, zusammenstellen.

Paul, durchdrungen von Schmerz beim Anblick dieser Gaben des Glücks, welche ihm die Abreise Virginiens verkündigten, kam einige Tage darauf zu mir. Mit niedergeschlagener Miene begann er: »Meine Schwester geht fort; sie macht schon die Zurüstungen zur Reise. Kommt zu uns, ich bitte Euch. Wendet euer Ansehn bei ihrer und meiner Mutter dahin an, sie zurückzuhalten.«– Ich gab den inständigen Bitten Pauls nach, obgleich ich fest überzeugt war, daß meine Vorstellungen ohne Erfolg sein würden.

War mir Virginie schon im blauen bengalischen Linnenkleide mit einem rothen Tuch um den Kopf reizend erschienen, wie viel mehr war es der Fall, als ich sie nach der Sitte der Damen dieses Landes aufgeputzt sah! Sie war in weißen Mousselin gekleidet, gefüttert mit rosarothem Taft. Ihr leichter, schlanker Wuchs zeichnete sich vollkommen unter ihrem Mieder ab, und ihre blonden, in doppelte Flechten geflochtenen Haare stimmten bewundernswerth zu ihrem jungfräulichen Köpfchen. Ihre schönen blauen Augen waren voll Melancholie, und ihr von einer bekämpften Leidenschaft bewegtes Herz verlieh ihrem Gesicht eine belebte Farbe und ihrer Stimme einen ergreifenden Ton. Selbst der Kontrast ihres zierlichen Putzes, den sie nur wider Willen zu tragen schien, machte die schmachtende Erscheinung nur noch rührender. Niemand konnte sie ansehen noch anhören, ohne sich bewegt zu fühlen. Die Niedergeschlagenheit Pauls wurde dadurch nur vermehrt. Margarethe, die über den Zustand ihres Sohnes betrübt war, sagte ihm in vertrauter Unterredung: »Warum, mein Sohn, willst du falsche Hoffnungen in dir nähren, welche jeden Verlust nur noch bitterer machen? Es ist Zeit, daß ich dir das Geheimniß meines Lebens wie des deinigen aufdecke. Fräulein von Latour gehört, von Seiten ihrer Mutter, einer reichen und vornehmen Verwandtschaft an; du dagegen bist nur der Sohn einer armen Bäuerin, und was noch schlimmer ist, du bist ein Bastard.«

Das Wort Bastard machte Paul sehr bestürzt. Er hatte es noch niemals aussprechen hören, er fragte seine Mutter um die Bedeutung desselben. Diese antwortete ihm: »Du hast keinen rechtmäßigen Vater. Als ich noch Mädchen war, ließ mich die Liebe eine Schwachheit begehen, wovon du die Frucht bist. Mein Fehltritt hat dich der Familie von Seiten des Vaters beraubt. Unglücklicher, du hast in der Welt keine Verwandten mehr als mich allein!« Und ihre Augen flossen von häufigen Thränen über. Paul schloß sie in seine Arme und sagte zu ihr: »O, meine Mutter! da ich keine andern Verwandten in der Welt habe als dich, so will ich dich nur um so mehr lieben. Aber welches Geheimniß hast du mir da enthüllt! Jetzt sehe ich ein, warum sich seit zwei Monaten Fräulein von Latour von mir entfernt hält und was sie heute bestimmt, von uns zu scheiden. Ach, ohne Zweifel mißachtet sie mich!«

Mittlerweile war die Stunde des Abendessens gekommen; man setzte sich zu Tische, aber man aß wenig und sprach fast gar nicht, denn sämmtliche Tischgenossen waren von den oder jenen Empfindungen zu heftig ergriffen. Virginie stand zuerst auf, ging hinaus und setzte sich auf den Platz hier, wo wir eben sitzen. Paul folgte ihr bald nach und ließ sich neben ihr nieder. Beide verharrten lange Zeit in tiefem Stillschweigen. Es war eine jener köstlichen Nächte, die so häufig sind zwischen den Wendekreisen, und deren Schönheit auch der geschickteste Pinsel wiederzugeben nicht im Stande sein würde. Der Mond stieg am Firmament empor, umgeben von einem Schleier von Wolken, die seine Strahlen allmählig zerstreuten. Nach und nach ergoß sich sein Licht über die Gebirge der Insel, und ihre Gipfel erglänzten in einem Silbergrün. Die Winde hielten ihren Athem an sich. Aus den Wäldern, aus der Tiefe der Thäler, von der Höhe der Felsen herab, vernahm man leise Schreie, süßes Geschwätz von Vögeln, die in ihren Nestern sich liebkosten, erfreut durch die Helle der Nacht und die friedliche, stille Luft. Sogar die Insekten summten unter dem Grase. Am Himmel funkelten die Sterne und spiegelten sich im Schooße des Meeres, das ihr Bild zitternd zurückwarf. Virginie durchlief mit zerstreuten Blicken den weiten und düstern Horizont, der sich von dem Gestade der Insel durch die rothen Feuer der Fischer abhob. Sie gewahrte am Eingange des Hafens ein Licht und einen Schatten, es war das Signalfeuer und der Rumpf des Schiffes, welches sie nach Frankreich bringen sollte und vor Anker liegend nur auf das Ende der Windstille wartete, um unter Segel zu gehen. Dieser Anblick machte sie bestürzt, und sie wandte das Haupt ab, damit Paul sie nicht weinen sähe.

Frau von Latour, Margarethe und ich hatten uns einige Schritte von ihnen unter die Bananen gesetzt, und bei der Stille der Nacht hörten wir deutlich ihr Gespräch, das mir unvergeßlich ist.

Paul sagte zu ihr: »Mein Fräulein, Sie reisen, wie man sagt, in drei Tagen ab. Sie scheuen nicht, sich den Gefahren des Meeres auszusetzen – des Meeres, vor dem Sie immer so große Furcht hatten?«

»Ich muß«, erwiederte Virginie, »meinen Verwandten, ich muß meiner Pflicht gehorchen.« – »Sie verlassen uns«, versetzte Paul, »einer entfernten Verwandten wegen, die Sie nie gesehen haben!« – »Ach!« sagte Virginie, »ich wünschte mein ganzes Leben lang hier zu bleiben; auch meine Mutter hat es nicht gewollt. Aber mein Beichtvater hat mir gesagt, es sei Gottes Wille, daß ich abreise; das Leben sei eine Prüfung . . . O! es ist eine sehr harte Prüfung!«

»Wie!« begann Paul wiederum, »so viele Gründe haben Sie zum Entschluß gebracht und kein einziger Sie zurückgehalten? Ach, es giebt noch andre, die Sie nur nicht aussprechen! Der Reichthum hat große Reize. Sie werden in einer für Sie ganz neuen Welt bald Jemanden finden, dem Sie den Namen Bruder geben, den Sie mir nicht mehr gönnen. Sie werden sich diesen Bruder unter Leuten auswählen, die Ihrer würdig sind durch eine Geburt und durch Reichthümer, die ich Ihnen nicht darbieten kann. Aber wohin wollen Sie, um glücklicher zu werden, als Sie hier sind? In welches Land könnten Sie gehen, das Ihnen theurer wäre als das, wo Sie geboren sind? Wo könnten Sie einen liebenswürdigeren Verein von Menschen finden als den, der Sie liebt? Wie werden Sie leben können ohne die Zärtlichkeit Ihrer Mutter, an die Sie so gewöhnt sind? Was soll aus ihr, die schon bei Jahren ist, werden, wenn Sie ihr nicht mehr zur Seite stehen, bei Tisch, im Hause, auf den Spaziergängen, wo sie sich auf Ihren Arm stützte? Was soll aus der meinigen werden, die Sie eben so sehr liebt als jene? Was soll ich zu ihnen sagen, wenn ich sie in Ihrer Abwesenheit werde weinen sehen? Ich sage nichts von mir, Unmitleidige! Aber was soll aus mir selbst werden, wenn ich Sie am Morgen nicht mehr unter uns sehen werde, und wenn der Abend kommen wird, ohne uns zusammen zu führen; wenn ich jene beiden, bei unserer Geburt gepflanzten Palmen erblicken werde, die so lange Zeugen unsrer gegenseitigen Freundschaft waren? Ach! wenn denn einmal ein neues Geschick dich reizt, wenn du nach andern Ländern verlangst, die nicht dein Geburtsland sind, nach andern Gütern, als die dir die Arbeit meiner Hände verschaffen kann, so laß mich dich wenigstens begleiten auf dem Schiffe, mit dem du abreisest. Ich werde dir Muth einsprechen bei den Stürmen, die dich schon auf dem Lande so sehr erschrecken. Ich werde dein Haupt an meiner Brust ruhen lassen, dein Herz an meinem Herzen erwärmen, und in Frankreich, wohin du gehst, um Glück und Größe zu finden, werde ich dir als dein Sklave dienen. Glücklich allein durch dein Glück, werde ich in den Palästen, wo ich dich verehrt und angebetet sehe, mich noch reich und vornehm genug dünken, wenn ich dir das größte Opfer bringen, wenn ich zu deinen Füßen sterben kann.«

Schluchzen erstickte seine Stimme, und wir vernahmen dann, wie Virginie unter tiefen Seufzern die Worte zu ihm sprach . . . »Nur für dich unternehme ich die Reise ., . . für dich, den ich jeden Tag gesehen habe, gekrümmt unter der Arbeit, um unsere beiden kleinen Familien zu ernähren. Wenn ich die Gelegenheit, reich zu werden, ergreife, so geschieht es nur, um dir das tausendfältig wieder zu erstatten, was du für uns gethan hast. Giebt es ein Glück, das deine Freundschaft aufwöge? Was sprichst du mir von deiner Geburt? Ach! wenn ich im Stande wäre, mir noch einmal einen Bruder zu geben, würde ich wohl einen andern wählen als dich? O Paul, Paul! Du bist mir weit theuerer als selbst ein Bruder! Wie viel hat es mich gekostet, dich von mir zurückzuweisen! Ich wollte, daß du mir beiständest, mich von meinem Selbst zu trennen, bis der Himmel unsere Vereinigung segnen könnte. Jetzt laß mich bleiben, laß mich gehen, laß mich leben, laß mich sterben, mache mit mir, was du willst. Ich schwaches Mädchen! deinen Liebkosungen habe ich widerstehen können, deinen Schmerz kann ich nicht ertragen.«

Bei diesen Worten faßte sie Paul in seine Arme, und sie fest an sich drückend, rief er mit schreckerregender Stimme: »Ich reise mit ihr, nichts soll mich von ihr trennen!« Wir Alle eilten hinzu. Frau von Latour sagte zu ihm: »Mein Sohn, was soll aus uns werden, wenn du uns verlässest?«

Zitternd wiederholte er die Worte: »Mein Sohn! . . . . mein Sohn! . . . Sie meine Mutter?« sagte er, »Sie, die Sie den Bruder von der Schwester trennen! Wir haben Beide an Ihrer Brust getrunken, wir sind Beide auf Ihrem Schooß groß geworden, und haben von Ihnen uns lieben gelernt; wir haben es uns Beide tausendmal gesagt: und jetzt reißen Sie sie von meinem Herzen! Sie schicken sie nach Europa, in jenes unmenschliche Land, wo man Ihnen eine Zufluchtstätte versagt hat, und zu grausamen Verwandten, die Sie selbst aufgegeben haben! Sie werden mir sagen: Du hast keine Rechte auf sie, sie ist nicht deine Schwester. Aber sie ist mir Alles: mein Reichthum, meine Familie, meine Herkunft, mein ganzes Besitzthum. Ich kenne kein anderes weiter. Wir haben nur Ein Dach gehabt, nur Eine Wiege; wir werden nur Ein Grab haben. Wenn sie geht, so muß ich ihr folgen. Der Gouverneur soll mich nicht daran hindern. Wird er mich verhindern können, mich in's Meer zu stürzen? Schwimmend werde ich ihr folgen. Das Meer kann für mich nicht unheilvoller sein als das Land. Wenn ich nicht hier neben ihr leben kann, so will ich wenigstens vor ihren Augen sterben, fern von Ihnen. Grausame Mutter! Mitleidslose Frau! Möge dieser Ocean, dem Sie sie preisgeben, sie Ihnen niemals wiederbringen! Mögen diese Wellen Ihnen meinen Leichnam zurücktragen und, indem sie ihn mit dem ihrigen zugleich unter den Kieseln dieses Strandes hin und her rollen, Ihnen durch den Verlust Ihrer beiden Kinder ewigen Schmerz bereiten!«

Bei diesen Worten faßte ich ihn in meine Arme, denn die Verzweiflung benahm ihm die Vernunft. Seine Augen funkelten, der Schweiß floß in dicken Tropfen über sein entflammtes Gesicht, seine Knie zitterten, und ich fühlte in seiner kochenden Brust sein Herz mit verdoppelten Schlägen pochen.

Erschreckt sagte Virginie zu ihm: »O mein Freund! Bei den Freuden unserer Kinderjahre, bei deinen und meinen Schmerzen und bei Allem, was zwei Unglückliche auf immer aneinander ketten muß, betheure ich, nur für dich zu leben, wenn ich bleibe, und wenn ich gehe, einst wieder zu kommen, um dein zu sein. Ich nehme euch zu Zeugen, euch Alle, die ihr meine Kindheit geleitet habt, die ihr über mein Leben verfügt und meine Thränen seht. Ich schwöre es bei dem Himmel, der mich hört, bei diesem Meere, welches ich durchsteuern soll, bei der Luft, die ich athme und die ich niemals durch eine Unwahrheit beleidigt habe!«

Wie die Sonne einen Eisblock auf den Gipfeln der Apenninen schmelzt und herabstürzt, so schmolz der ungestüme Zorn dieses Jünglings bei der Stimme des geliebten Gegenstandes dahin. Sein stolzes Haupt senkte sich, und ein Strom von Thränen stürzte aus seinen Augen. Seine Mutter, ihre Thränen mit den seinen vermischend, hielt ihn in ihren Armen, ohne sprechen zu können. Frau von Latour, außer sich, sagte zu mir: »Ich kann das nicht ertragen, meine Seele ist zerrissen. Diese unglückliche Reise darf nicht stattfinden! Lieber Nachbar, ich bitte, nehmt Ihr meinen Sohn mit Euch: seit acht Tagen hat Niemand von uns hier ein Auge zugethan.«

Ich sagte also zu Paul: »Lieber Freund, deine Schwester wird bleiben; morgen werden wir darüber mit dem Gouverneur sprechen. Gönne jetzt deiner Familie einige Ruhe und komme mit, diese Nacht unter meinem Dache zuzubringen. Es ist schon spät, es ist Mitternacht, das Kreuz des Südens steht schon aufrecht am Horizonte.«

Er ließ sich, ohne ein Wort zu äußern, fortführen. Nach einer sehr unruhigen Nacht stand er mit Tagesanbruch auf und kehrte zu seiner Wohnung zurück.

Aber wozu soll ich Euch diese traurige Geschichte noch weiter mittheilen? Man sollte nur immer Eine Seite des menschlichen Lebens, und zwar die angenehme, kennen lernen. Es ist damit, wie mit der Kugel, auf der wir uns herumdrehen. Unsre rasche Umwälzung dauert nur einen Tag, und der eine Theil dieses Tages kann nur Licht empfangen, wenn der andere Theil der Finsterniß verfallen ist.

»Vater«, sagte ich zu ihm, »ich beschwöre Euch, erzählt es mir bis zu Ende, was Ihr in so rührender Weise begonnen habt. Die Bilder des Glücks erregen unser Wohlgefallen, aber die des Unglücks belehren uns. Ich bitte Euch, welchen Ausgang nahm es mit dem unglücklichen Paul?«

Der Alte fuhr fort zu erzählen.

Der erste Gegenstand, den Paul erblickte, als er nach der Besitzung zurück kam, war die Negerin Marie, die, von einem Felsen aus, auf das hohe Meer hinaussah. Sobald er sie erblickte, rief er ihr von weitem zu: »Wo ist Virginie?« – Marie wandte das Haupt nach ihrem jungen Herrn und begann zu weinen. Außer sich setzte Paul den eingeschlagenen Pfad fort und eilte nach dem Hafen. Dort erfuhr er, daß Virginie sich mit dem Anbruch des Tages eingeschifft hatte, daß das Fahrzeug sogleich unter Segel gegangen war und daß man es nicht mehr sähe. Er ging nach der Besitzung zurück, die er durchschritt, ohne mit Jemandem zu sprechen.

Obgleich der Felsenwall hier hinter uns fast senkrecht erscheint, so bilden doch jene grünen Flächen, welche ihn in der Höhe abtheilen, eben so viele Stockwerke, durch welche man vermittelst einiger beschwerlichen Pfade bis an den Fuß jenes abschüssigen und unzugänglichen Felsenkegels gelangt, welchen man den »Daumen« nennt. Am Grunde dieses Felsens ist ein ebener, mit großen Bäumen bedeckter Platz, so hoch und so steil gelegen, daß er einem Walde gleicht, der, von schauerlichen Abgründen umgeben, in der Luft schwebt. Die Wolken, die der Gipfel des Daumens beständig um sich herum anzieht, unterhalten daselbst mehrere Bäche, die auf der Rückseite des Berges in eine so große Tiefe zum Thalgrunde hinabstürzen, daß man auf jener Höhe gar nichts vom Geräusch ihres Falles vernimmt. Von jener Stelle übersieht man einen großen Theil der Insel mit ihren Hügeln, über welche die Berggipfel emporragen, unter andern den »Pieter Booth« und die »drei Brüste« mit ihren von Wäldern erfüllten Thälern; dann die hohe See und die Insel Bourbon, welche vierzig Meilen von da gegen Westen liegt. Von diesem hohen Punkte aus sah Paul dem Schiffe nach, das Virginien davontrug. Er sah es in mehr als zehn Meilen Weite auf der offenen See wie einen schwarzen Punkt mitten im Ocean. Er verweilte dort einen Theil des Tages, einzig damit beschäftigt, ihm nachzublicken. Es war bereits verschwunden, als er es immer noch zu sehen glaubte, und als es sich endlich im Dunste des Horizontes verloren hatte, setzte er sich nieder an dem wüsten Platze, beständig gepeitscht von den Winden, welche die Gipfel der Palmen und Tatamaken ohn' Unterlaß hin und her bewegen. Ihr dumpfes, murmelndes Sausen gleicht dem fernen Schalle von Orgeln und flößt eine tiefe Schwermuth ein. Dort fand ich Paul, das Haupt an den Felsen gelehnt und die Augen starr auf die Erde geheftet. Seit Sonnenaufgang war ich ihm nachgegangen. Ich hatte viele Mühe, ihn zu bewegen, daß er herabstieg und wieder zu seiner Familie zurückkehrte. Dennoch brachte ich ihn heim in seine Wohnung, und seine erste Regung, als er Frau von Latour wiedersah, war, sich bitter darüber zu beklagen, daß sie ihn hintergangen habe. Frau von Latour sagte uns: da sich gegen drei Uhr Morgens der Wind erhoben und das Schiff sofort segelfertig gemacht habe, so sei der Gouverneur, begleitet von einem Theile des Generalstabes und dem Missionär, gekommen, um Virginien im Tragsessel abzuholen; ungeachtet ihrer eigenen Vorstellungen, ihrer und Margarethens Thränen hätten sie ihre Tochter halbtodt weggeführt, indem Alles gerufen habe, daß es ja nur zu ihrer Aller eigenem Besten geschähe. »Hätte ich ihr wenigstens mein Lebewohl sagen können«, äußerte Paul, »so würde ich jetzt ruhig sein. Virginie, würde ich zu ihr gesagt haben, wenn mir während der Zeit, die wir mit einander durchlebt haben, irgend ein Wort entschlüpft ist, das dich beleidigt haben könnte, so sage mir, ehe du mich für immer verlässest, daß du mir verzeihst. Ich würde ihr gesagt haben: Da es mir beschieden ist, dich nimmer wieder zu sehen, so lebe wohl, meine liebe Virginie! lebe wohl! Lebe fern von mir zufrieden und glücklich!« – Und als er sah, daß seine Mutter und Frau von Latour weinten, sagte er zu ihnen: »Suchet euch jetzt einen Andern als mich, der eure Thränen trockne!« Dann verließ er sie seufzend und irrte in der Pflanzung umher. Er durchwandelte alle Stellen, welche Virginien am liebsten gewesen waren. Er sagte zu ihren Ziegen und den jungen Zicklein, die ihr blökend zu folgen pflegten: »Was wollt ihr von mir? ihr werdet nie mehr diejenige mit mir gehen sehen, die euch aus ihrer Hand fütterte.« Er ging zu Virginiens-Ruh und rief beim Anblick der Vögel, die ihn umflatterten: »Arme Vögel, ihr werdet derjenigen nie mehr entgegenfliegen, die eure gütige Pflegerin war!« Als er Fidele bemerkte, der hin und her schnoberte und wedelnd vor ihm herging, seufzte er und sagte zu ihm: »O, du wirst sie niemals wieder auffinden!« Endlich setzte er sich auf den Felsen, wo er den Abend vorher mit ihr gesprochen hatte, und beim Anblick des Meeres, auf dem er das Schiff, welches sie ihm entführte, hatte verschwinden sehen, ergoß er sich in Thränen.

Indessen folgten wir ihm Schritt vor Schritt, da wir irgend eine traurige Folge seiner heftigen Gemüthsbewegung fürchteten. Seine Mutter und Frau von Latour baten ihn mit den liebevollsten Ausdrücken, ihren Schmerz nicht durch seine Verzweiflung zu vermehren. Endlich gelang es Letzterer, ihn zu beruhigen, indem sie ihm Namen gab, die wohl geeignet waren, seine Hoffnungen auf's neue zu erwecken. Sie nannte ihn ihren Sohn, ihren lieben Sohn, ihren Schwiegersohn, denjenigen, dem sie ihre Tochter zur Gattin bestimmt habe. Sie bewog ihn, wieder das Haus zu betreten und etwas Nahrung zu sich zu nehmen. Er setzte sich mit an den Tisch, neben den Platz, an welchem die Genossin seiner Kindheit gewöhnlich saß; und als hätte sie ihn noch eingenommen, richtete er das Wort an sie und reichte ihr die Speisen hin, von denen er wußte, daß sie ihr die angenehmsten waren; sobald er aber seine Täuschung inne wurde, hub er an zu weinen. In den nächsten Tagen suchte er Alles, was sie mit besonderer Vorliebe um sich gehabt hatte, zusammen, die letzten Sträuße, die er ihr gebracht und eine Tasse aus Cocos, aus der sie zu trinken pflegte, und gleich als wären diese zurückgebliebenen Sachen seiner Freundin die kostbarsten Dinge von der Welt, küßte er sie und verbarg sie in seinem Busen. Ambra strömt nicht so süßen Wohlgeruch aus als die Dinge, die ein geliebter Gegenstand berührt hat. Als er endlich sah, daß seine Trauer auch die seiner Mutter und die Betrübniß der Frau von Latour vermehrte und daß die Bedürfnisse des Hauses eine fortgesetzte Thätigkeit erforderten, machte er sich daran, mit Hülfe Domingo's den Garten wieder herzustellen.

Kurze Zeit nachher bat mich dieser Jüngling, der bisher gegen Alles, was in der Welt vorgeht, gleichgültig gewesen war wie ein Creole, ihn lesen und schreiben zu lehren, damit er mit Virginien einen Briefwechsel unterhalten könne. Sodann wünschte er sich in der Geographie zu unterrichten, um sich eine Vorstellung von dem Lande zu verschaffen, das sie betreten würde, und in der Geschichte, um die Sitten der Gesellschaft kennen zu lernen, in der sie leben sollte. Desgleichen suchte er sich im Landbau zu vervollkommnen, wie in der Geschicklichkeit, auch den ungünstigsten Boden mit Vortheil und Schönheitssinn zu benutzen, und zwar rein aus dem Gefühl der Liebe. Ohne Zweifel haben die Menschen den Freuden, welche diese heftige und unruhvolle Leidenschaft zu bereiten strebt, den größten Theil der Wissenschaften und Künste zu verdanken, und aus ihren Entbehrungen ist die Philosophie hervorgegangen, die da lehrt sich über Alles zu trösten. So hat die Natur, indem sie die Liebe zu dem alle Wesen vereinigenden Bande machte, sie zugleich zur ersten Bewegkraft der menschlichen Gesellschaft und zur Urheberin unserer Einsichten und Genüsse bestimmt.

Paul fand nicht viel Geschmack an dem Studium der Geographie, die uns nur die politische Eintheilung des Landes kennen lehrt, anstatt dessen natürliche Beschaffenheit zu schildern. Auch die Geschichte, hauptsächlich die neuere, gewann ihm wenig mehr Theilnahme ab. Er fand darin nur allgemeines und periodisch wiederkehrendes Unglück, dessen Ursachen er nicht einsah; Kriege ohne Ursache und ohne Ziel; geheime Ränke; Nationen ohne Charakter und Fürsten ohne Menschenliebe. Weit lieber als solche Schriften las er Romane, die sich mehr mit den Gefühlen und Interessen der Menschen befaßten und bisweilen Lagen schilderten, die der seinigen ähnlich waren. So machte kein Buch ihm mehr Vergnügen als der Telemach mit seinen Schilderungen des ländlichen Lebens und der Leidenschaften, die dem menschlichen Herzen natürlich sind. Er las seiner Mutter und Frau von Latour die Stellen, die ihn besonders anzogen, vor; dann, indem er von rührenden Erinnerungen ergriffen wurde, erstickte seine Stimme und die Thränen entrollten seinen Augen. Er glaubte in Virginien die Würde und Klugheit der Antiope zusammt dem Unglück und der Zärtlichkeit der Eucharis zu finden. Andrerseits wurde er von den neueren Moderomanen voll leichtfertiger Sitten und Grundsätze abgestoßen, und als er erfuhr, daß diese Romane eine treue Schilderung der europäischen Gesellschaft enthielten, so besorgte er nicht ohne Anschein von Grund, auch Virginie möchte verdorben werden und ihn vergessen.

In der That war mehr als ein und ein halbes Jahr verflossen, ohne daß Frau von Latour Nachrichten von ihrer Tante und ihrer Tochter erhalten hatte, sie hatte auf außergewöhnlichern Wege nur erfahren, daß diese in Frankreich glücklich angekommen sei. Endlich erhielt sie durch ein Schiff, das nach Indien segelte, ein Paket und einen Brief von Virginiens eigener Hand. Trotz der Vorsicht ihrer liebenswürdigen und schonungsvollen Tochter mußte sie doch schließen, daß diese sehr unglücklich sei. Dieser Brief schilderte ihre Lage und ihren Charakter so vortrefflich, daß ich ihn fast Wort für Wort im Gedächtniß behalten habe.

»Theuerste und geliebteste Mutter!

Ich habe schon mehrere Briefe mit eigener Hand an Dich geschrieben, da ich aber auf keinen eine Antwort erhalten habe, so muß ich fürchten, daß sie gar nicht in Deine Hände gelangt sind. Ich hoffe Besseres von dem gegenwärtigen, wegen der Vorsichtsmaßregeln, die ich getroffen habe, um Dir Nachrichten von mir zu geben und solche von Dir zu erhalten.

Seit unserer Trennung habe ich sehr viel Thränen vergossen, ich, die sonst fast nur über die Leiden Anderer geweint hat. Meine Großtante war sehr erstaunt, als sie mich nach meiner Ankunft über meine Kenntnisse und Geschicklichkeiten befragte und ich ihr erwiederte, daß ich weder lesen noch schreiben könne. Sie fragte darauf, was ich denn gelernt hätte, seitdem ich auf der Welt sei? und als ich ihr antwortete, ich verstände nichts weiter, als eine Haushaltung zu besorgen und Deinen Willen zu befolgen, so sagte sie mir, daß ich die Erziehung einer Dienstmagd erhalten hätte. Sie gab mich vom nächsten Tage ab in Pension in eine große Abtei nahe bei Paris, wo ich nun Lehrmeister aller Art habe. Sie lehren mich unter Anderem Geschichte, Geographie, Grammatik, Mathematik und Reiten; aber ich habe so schwache Anlagen für alle diese Dinge, daß ich von diesen Herren keinen großen Vortheil ziehen werde. Ich fühle, daß ich ein armes Geschöpf bin, das wenig Geist besitzt, wie sie mir zu verstehen geben. Das Wohlwollen meiner Tante erkaltete jedoch nicht. Sie schenkt mir neue Kleider für jede Jahreszeit und hat mir zwei Kammerfrauen zugeordnet, die eben so geputzt gehen wie große Damen. Sie hat mich den Titel Comtesse annehmen, aber dafür meinen Namen Latour ablegen lassen, der mir doch so theuer ist wie Dir selbst, wegen alles dessen, was Du mir von den Leiden erzählt hast, die mein Vater erduldete, um Dich zur Frau nehmen zu können. Sie hat mir anstatt Deines Namens als Frau den Deiner Familie gegeben, der mir jedoch auch theuer ist, weil Du ihn als Mädchen trugst. – Da ich mich in einer so glänzenden Lage sah, so bat ich sie, Dir einige Hülfe zukommen zu lassen. Wie soll ich Dir ihre Antwort mittheilen? Aber Du hast es mir ja zur Pflicht gemacht, Dir stets die Wahrheit zu sagen. Sie hat mir also zur Antwort gegeben, daß Wenig Dir nichts helfen und Viel bei dem einfachen Leben, das Du führtest, Dich nur in Verlegenheit setzen würde. – Ich habe anfangs versucht, Dir Nachrichten von mir durch fremde Hand zu geben, weil ich selbst es noch nicht konnte. Aber da ich bei meiner Ankunft Niemand hatte, zu dem ich Vertrauen fassen konnte, so habe ich mich Tag und Nacht beflissen, schreiben und lesen zu lernen, und Gott hat mir die Gnade erzeigt, in Kurzem damit zustande zu kommen. Die ersten Briefe habe ich den Damen, die um mich sind, zur Besorgung übergeben, aber ich habe Ursache zu glauben, daß sie sie meiner Großtante überbracht haben. Diesmal habe ich die Zuflucht zu einer mir befreundeten Pensionärin genommen, und ich bitte Dich, mir unter ihrer hier beigefügten Adresse Deine Antwort zukommen zu lassen. Meine Großtante hat mir jeden Briefwechsel nach außerhalb untersagt, weil er nach ihrer Meinung den großen Absichten, die sie mit mir vor hat, hinderlich sein könnte. Nur sie allein darf ich im Sprechzimmer sehen, so wie einen alten Herrn, der zu ihren Freunden gehört, und, wie sie sagt, viel Geschmack an meiner Person findet. Die Wahrheit zu gestehen, ich finde an ihm gar keinen, selbst wenn ich überhaupt an irgend einem Manne Geschmack finden könnte.

Ich lebe mitten im Glanze des Reichthums und habe doch nicht über einen Sou zu verfügen. Man sagt, wenn ich Geld in Händen hätte, so könnte ich es leicht mißbrauchen. Sogar meine Kleider gehören meinen Kammerfrauen, die sich schon darum streiten, ehe ich sie noch abgelegt habe. Im Schooße des Reichthums bin ich weit ärmer, als ich es bei Euch war, denn ich habe nichts zu verschenken. Als ich sah, daß die großen Geschicklichkeiten, die man mich lehrte, mir nicht einmal die Mittel verschafften, Jemandem die geringste Wohlthat zu erweisen, so nahm ich meine Zuflucht zur Nadel, deren Gebrauch Du mir glücklicherweise gelehrt hast. Ich schicke Dir also hiermit einige Paar Strümpfe von meiner Arbeit für Dich und Mama Margarethe; eine Mütze für Domingo und eines meiner rothen Taschentücher für Marie. Zu diesem Päckchen füge ich noch Kerne und Nüsse von Früchten meiner Zwischenmahlzeiten bei, nebst Samenkörnern von allerlei Bäumen, die ich in meinen Erholungsstunden im Klostergarten gesammelt habe. Endlich habe ich auch noch Samen von Veilchen, Maßlieben, Wiesenranunkeln, wildem Mohn, Kornblumen, Skabiosen, die ich auf den Feldern pflückte, dazu gethan. Es giebt auf den Wiesen hier zu Lande schönere Blumen als auf den unsrigen, aber Niemand kümmert sich darum. Ich bin überzeugt, daß ihr beide, Du und Mutter Margarethe, über dieses Säckchen mit Sämereien vergnügter sein werdet, als über den Beutel mit Piastern, der die Ursache unserer Trennung und meiner Thränen gewesen ist. Es wird mir große Freude machen, wenn Ihr einmal die Befriedigung habt, Aepfelbäume neben unseren Bananen wachsen, und Buchen ihr Laub mit den Blättern unserer Cocosbäume mischen zu sehen. Du wirst Dich dann in die Normandie versetzt glauben, die Du so sehr liebst.

Du hast mir eingeschärft, Dir meine Freuden und meine Leiden mitzutheilen. Seit ich entfernt von Euch bin, habe ich keine Freude mehr; meine Leiden aber lindere ich durch den Gedanken, daß ich mich auf einem Posten befinde, auf den man mich nach dem Willen Gottes geschickt hat. Mein größter Schmerz jedoch ist, daß hier Niemand mit mir von Euch spricht, und daß ich mit Niemandem davon sprechen kann. Meine Kammerfrauen, oder vielmehr die meiner Großtante – denn sie sind mehr für sie als für mich da – sagen mir, wenn ich das Gespräch auf Gegenstände, die mir so theuer sind, zu lenken suche: Fräulein, denken Sie daran, daß Sie Französin sind, und daß Sie das Land der Wilden vergessen müssen. Ach! eher würde ich an mich selbst zu denken aufhören, als den Ort vergessen, wo ich geboren bin und wo Ihr lebt! Das Land hier ist für mich ein Land der Wilden; denn ich lebe darin ganz verlassen, und habe Niemanden, den ich Theil nehmen lassen könnte an der Liebe, die bis zum Grabe für Dich hegen wird, theuerste und geliebteste Mama,

Deine gehorsame und Dich zärtlich liebende Tochter

Virginie von Latour.«

»Marie und Domingo, die über meine Kindheit so treu gewacht haben, empfehle ich Deiner Güte; liebkose in meinem Namen den Fidele, der mich in den Wäldern wieder aufgefunden hat.«

Paul war sehr bestürzt darüber, daß Virginie von ihm mit keinem Wort sprach, sie, die selbst des Haushundes gedacht hatte. Er wußte aber nicht, daß ein Weib, einen wie langen Brief es auch schreibe, seinen liebsten Gedanken immer zuletzt bringt.

In einem Postskript empfahl Virginie Paul insbesondere zweierlei Samen: den der Veilchen und der Skabiosen. Sie gab ihm einige Fingerzeige über das Eigenthümliche dieser Pflanzen, wie über den Ort, wohin man sie am besten säet. »Das Veilchen«, berichtete sie ihm, »bringt eine kleine Blume von tiefem Violett hervor, die sich gern unter Gesträuch verbirgt; aber ihr herrlicher Geruch läßt sie dort bald auffinden.« Sie legte ihm an's Herz, sie am Rande des Brunnens, am Fuße ihres Cocosbaumes anzubringen. »Die Skabiose«, fuhr sie fort, »treibt eine artige blaßblaue Blüthe, die in der Mitte auf schwarzem Grunde weiß punktirt ist. Man sollte glauben, sie ginge in Trauer; auch nennt man sie deshalb Wittwenblume. Sie liebt rauhe und vom Winde bestrichene Orte.« – Sie bat ihn, sie auf den Felsen zu säen, wo sie sich mit ihm in der Nacht zum letztenmal unterredet hatte, und diesem Felsen, ihr zu Liebe, den Namen »Felsen des Abschiedes« zu geben.

Sie hatte diese Sämereien in ein Beutelchen gethan, das sehr einfach gearbeitet war, aber für Paul einen unschätzbaren Werth hatte, da er darauf ein P und ein V entdeckte, beide Buchstaben ineinander geschlungen und aus Haaren gebildet, die er an ihrer Schönheit als die Virginiens erkannte.

Der Brief dieses gefühlvollen und tugendhaften Mädchens rührte Alle zu Thränen. Ihre Mutter antwortete ihr im Namen der gesammten Familie, ganz nach ihrem Belieben zu bleiben oder zurückzukehren, und versicherte sie, daß Alle seit ihrem Scheiden den besten Theil ihres Glückes verloren hätten, und daß sie insbesondere untröstlich über die Trennung wäre.

Paul schrieb ihr einen sehr langen Brief, worin er ihr versprach, den Garten ihrer würdig herzustellen und darin die europäischen Pflanzen mit den afrikanischen zu vermischen, wie sie in ihrer Arbeit ihrer beider Namen in einandergeschlungen habe. Er schickte ihr Früchte von den Cocosbäumen an ihrem Brunnen, die zu vollkommener Reife gediehen waren. Andere Sämereien von der Insel, setzte er hinzu, wolle er nicht beifügen, damit das Verlangen, ihre Erzeugnisse wiederzusehen, sie zu baldiger Rückkehr bestimmen möchte. Er bat sie, auf's baldigste den heißen Wünschen der Familie und zumal den seinigen nachzugeben, da er fern von ihr keine Freude mehr zu genießen vermöge.

Paul säete mit der größten Sorgfalt die europäischen Samenkörner und hauptsächlich die der Veilchen und Skabiosen, deren Blüthen einige Aehnlichkeit mit der Gemüthsart und der Lage Virginiens zu haben schienen, die sie ihm so angelegentlich empfohlen hatte. Aber sei es, daß sie bei der Ueberfahrt verdorben waren, oder daß das Klima dieses Theils von Afrika ihnen nicht günstig war, genug, es ging nur eine geringe Anzahl davon auf, und auch diese gedieh nicht zu vollkommener Entwickelung.

Unterdeß verbreitete der Neid, der sogar dem Glücke zuvorkommt, besonders in den französischen Kolonien, auf der Insel Gerüchte, die Paul große Unruhe verursachten. Leute von der Mannschaft des Schiffes, welches den Brief Virginiens mitgebracht hatte, versicherten, daß sie im Begriff wäre, sich zu verheirathen. Sie nannten den Herrn vom Hofe, dessen Gattin sie werden sollte; Einige behaupteten sogar, es wäre bereits geschehen, und wollten Augenzeuge davon gewesen sein. Anfänglich achtete Paul nicht auf diese Nachrichten, die ein Handelsschiff gebracht hatte, das an den Orten, wo es hinkommt, sehr häufig falsche Nachrichten verbreitet. Als aber mehrere Bewohner der Insel mit verstelltem Mitleid sich beeiferten, ihn wegen dieses Ereignisses zu beklagen, begann er, dem Gerücht einigen Glauben beizumessen. Außerdem sah er in einigen der Romane, die er gelesen hatte, die Untreue ganz scherzweise behandelt, und da er wußte, daß diese Bücher ziemlich treue Gemälde der Sitten Europa's enthielten: so befürchtete er, die Tochter der Frau von Latour könne ebenfalls verdorben worden sein und ihre alten Verbindungen vergessen haben. Schon machten ihn die gewonnenen Einsichten unglücklich. Was seine Besorgniß vollends vermehrte, war, daß seitdem, in einem Zeitraum von sechs Monaten, Schiffe aus Europa hier anlegten, ohne daß ein einziges Nachrichten von Virginien mitbrachte.

Dieser unglückliche Jüngling, allen Stürmen seines Herzens preisgegeben, kam oft zu mir, um seine Befürchtungen durch meine Welterfahrung sich bestätigen oder verscheuchen zu lassen.

Ich wohne, wie ich Euch gesagt habe, anderthalb Meilen von hier, am Ufer eines kleinen Flusses, der an der Seite des »langen Gebirges« fließt. Dort bringe ich mein Leben zu, allein, ohne Frau, ohne Kinder und ohne Sklaven.

Nach dem seltenen Glücke, eine Lebensgefährtin zu finden, welche ganz zu uns paßt, ist der leidlichste Zustand ohne Zweifel der, allein zu leben. Jeder, der sich viel über die Menschen zu beklagen hat, sucht die Einsamkeit. Es ist sogar sehr bemerkenswerth, daß alle Völker, die durch Religionsmeinungen, Sitten oder Regierungsformen unglücklich wurden, zahlreiche Klassen von Bürgern hervorgebracht haben, die sich gänzlich der Einsamkeit, und der Ehelosigkeit weihten. So war es bei den Egyptern in der Zeit ihres Verfalles; bei den Griechen unter den Byzantinern; und so ist es noch heutiges Tags bei den Indiern, den Chinesen, den neueren Griechen, den Italienern und den meisten Völkern des östlichen und südlichen Europa's. Die Einsamkeit führt zum Theil den Menschen zum natürlichen Glückszustande zurück, indem sie ihn von den Gebrechen der bürgerlichen Gesellschaft fern hält. Mitten unter unsern durch so viele Vorurtheile zersplitterten Gesellschaftszuständen befindet sich die Seele in einer fortwährenden Unruhe; unaufhörlich wälzt sie tausenderlei beunruhigende und sich widersprechende Meinungen in sich herum, mit denen die Glieder einer ehrsüchtigen und übelwollenden Gesellschaft sich gegenseitig zu bekämpfen suchen. In der Einsamkeit aber legt sie jene fremdartigen Trugbilder, die sie nur verwirren, ab und gewinnt wieder das einfache, ungetrübte Gefühl ihrer selbst, der Natur und ihres Schöpfers. So setzt das schlammige Wasser eines Bergstromes, welcher die Felder verheert, wenn es sich in irgend einem von seinem Laufe abseit gelegenen Becken sammeln kann, den Schlamm auf den Grund seines Bettes ab, nimmt seine frühere Klarheit und Durchsichtigkeit wieder an und spiegelt, nebst seinen eigenen Ufern, das Grün der Erde und die Lichter des Himmels zurück. Die Einsamkeit stellt sowohl die Harmonie des Körpers als die der Seele wieder her. Auch finden sich nur unter der Klasse der Einsiedler die Menschen, die ihr Lebensalter am höchsten bringen, wie z. B. die Braminen in Indien. Kurz, ich halte sie für so nothwendig selbst zum Glück in der Welt, daß es mir unmöglich scheint, das dauernde Vergnügen irgend einer Empfindung, welcher Art sie auch sei, zu genießen, oder sein Verhalten nach einem festen Grundsatze zu regeln, wenn man sich nicht eine innere Einsamkeit schafft, aus der unsere Meinung nur selten heraustritt und wo die eines Anderen niemals Zutritt findet. Ich will deswegen nicht sagen, daß der Mensch unbedingt allein leben soll, denn er ist mit dem ganzen menschlichen Geschlechte durch seine Bedürfnisse verknüpft; er schuldet also den Menschen seine Thätigkeit; er ist auch der übrigen Natur verpflichtet. Wie aber Gott einem Jeden von uns Organe gegeben hat, die den Elementen des Himmelskörpers, auf dem wir leben, entsprechen, Füße für den Boden, Lungen für die Luft, Augen für das Licht, ohne daß wir den Gebrauch dieser Sinneswerkzeuge umkehren können: so hat er, der Urheber des Lebens, das Herz, als das Hauptorgan aller, sich allein vorbehalten.

Ich bringe also meine Tage fern von den Menschen zu, denen ich habe dienstlich sein wollen und die mich dafür verfolgt haben. Nachdem ich einen großen Theil von Europa und einige Striche Amerika's und Afrika's durchwandert, habe ich mich auf dieser wenig bewohnten Insel niedergelassen, angelockt durch ihre milde Luft und ihre Einsamkeit. Eine Hütte, die ich mir im Walde unter einem Baume errichtet, ein Stück Feld, das ich mit eignen Händen urbar gemacht habe, ein Fluß, der vor meiner Thür vorbeifließt, reichen zu meinen Bedürfnissen und zu meinem Vergnügen aus. Zu diesen Genüssen gehört noch der einiger guten Bücher, die mich lehren, besser zu werden. Diese bewirken sogar, daß die Welt, die ich verlassen habe, noch zu meinem Glücke beiträgt: sie führen mir Gemälde der Leidenschaften vor, welche die Menschen so elend machen, und gewähren mir durch den Vergleich, den ich zwischen ihrem und meinem Loose anstellen kann, den Genuß eines negativen Glücks. Wie ein Mensch, der sich aus dem Schiffbruche auf einen Felsen gerettet hat, betrachte ich aus meiner Einsamkeit heraus die Stürme, welche die übrige Welt durchtoben. Meine eigne Ruhe wird verdoppelt durch das ferne Getöse des Sturmes. Seit die Menschen nicht mehr auf meinem Wege sind, und ich mich nicht mehr auf dem ihrigen befinde, hasse ich sie nicht mehr, ich beklage sie nur. Wenn ich einem Unglücklichen begegne, so suche ich ihm durch meinen Rath zu Hülfe zu kommen, wie ein am Ufer eines Flusses Wandelnder einem Unglücklichen, der dem Ertrinken nahe ist, die Hand reicht. Aber ich habe nur etwa die Unschuld bereit gefunden, auf meine Stimme zu achten. Die Natur lockt vergebens die übrigen Menschen zu sich; Jeder macht sich ein Bild von ihr, das er mit seinen eignen Leidenschaften bekleidet. Sein ganzes Leben lang verfolgt er dieses eitle Gespenst, das ihn irre führt, und zuletzt klagt er den Himmel an wegen der Täuschungen, die er sich selbst bereitet hat. Unter einer großen Anzahl Unglücklicher, die ich auf den Weg der Natur zurückzuführen bisweilen versucht habe, ist mir kein einziger vorgekommen, der nicht von seinem Elend berauscht gewesen wäre. Sie hörten mich anfänglich mit Aufmerksamkeit an, in der Hoffnung, daß ich ihnen behülflich sein würde, Ruhm und Glücksgüter zu erlangen; sobald sie aber merkten, daß ich sie nur darin unterweisen wollte, wie sie ihrer entbehren könnten, so fanden sie mich selbst beklagenswerth, daß ich ihrem elenden Glücke nicht auch nachrennen wollte. Sie tadelten mein einsames Leben; sie behaupteten, daß sie allein den Menschen nützlich wären, und gaben sich Mühe, mich in ihren Wirbel hineinzuziehen. Aber wenn ich mich auch aller Welt mittheile, so gebe ich mich doch Niemandem hin. Oft reiche ich allein mir schon hin, nur mir selbst zur Belehrung zu dienen. Ich durchmustre in meiner gegenwärtigen Ruhe die Leidenschaften, die ich in meinem Leben durchgemacht habe und denen ich so großen Werth beilegte: die Gönnerschaften, den Reichthum, die Ehre, die Wollüste und die Meinungen, die sich auf der ganzen Erde bekämpfen. Ich vergleiche dann so viele Menschen, die ich mit Wuth um diese Hirngespinnste sich streiten gesehen und die nicht mehr sind, mit den Wellen meines Flusses, die sich schäumend an den Felsen seines Bettes brechen und verschwinden, um nie wieder zu kehren. Was mich betrifft, ich lasse mich friedlich auf dem Strome der Zeit nach dem Oceane der Zukunft hintragen, der von keinen Ufern begrenzt ist; durch die Betrachtung der gegenwärtigen Harmonie der Natur erhebe ich mich zu ihrem Schöpfer und erwarte in einer andern Welt ein glücklicheres Loos.

Obgleich man von meiner Einsiedelei aus, die mitten in einem Walde liegt, nicht eine solche Mannigfaltigkeit von Gegenständen erblickt, wie von dieser Anhöhe, auf der wir uns gegenwärtig befinden, so bietet sie doch manchen anziehenden Betrachtungspunkt, zumal für einen Mann, der, wie ich, lieber in sich selbst einkehrt, als sich nach außen wendet. Der Fluß, welcher vor meiner Thür vorbeifließt, geht schnurgerade durch den Wald, so daß er mir wie ein langer von Bäumen und allerlei Laubwerk beschatteter Kanal erscheint. Da sind Tatamaken, Ebenholzbäume und solche, die man hier zu Lande Apfelholz nennt, ferner Oliven-und Zimmtbäume; Gruppen von Palmen erheben hie und da ihre nackten, über hundert Fuß langen Schäfte, an den Gipfeln gekrönt von einem Büschel von Blättern, und erscheinen so über den andern Bäumen wie ein Wald über dem Walde. Dazu kommen Lianen aller Art, die sich von Baum zu Baum schwingen und hier Bogengänge von Blumen, dort lange Gehänge von Laubwerk bilden. Gewürzige Düfte gehn von den meisten dieser Bäume aus, und ihre Wohlgerüche durchdringen selbst die Kleider so sehr, daß Jemand, der durch einen Wald gegangen ist, noch mehre Stunden darnach duftet. In der Jahreszeit, wo sie ihre Blüthen entfalten, würdet Ihr sagen, sie seien halb mit Schnee bedeckt. Gegen Ende des Sommers kommen mehrere Arten fremder Vögel in Folge eines unbegreiflichen Naturtriebes aus unbekannten Gegenden jenseit des weiten Oceans, um die Samenkörner der Gewächse dieser Insel zu suchen, und setzen dem von der Sonne gebräunten Grün der Bäume den Glanz ihrer Farben entgegen. Dahin gehören unter anderen mehrere Arten Papageien und die blauen Tauben, die hier zu Land holländische Tauben heißen. Die Affen, die einheimischen Bewohner dieser Wälder, spielen in ihren schattigen Zweigen, von denen sie sich durch ihr graues und grünliches Fell und durch ihr kohlschwarzes Gesicht abheben. Die einen hängen sich mit den Schwänzen auf und schaukeln sich in der Luft; andere springen mit ihren Jungen in den Armen von Zweig zu Zweig. Niemals hat hier die mörderische Flinte diese friedlichen Kinder der Natur in Schrecken gesetzt. Man hört nur Laute der Freude, Gezwitscher und den unbekannten Gesang einiger australischer Vögel, vom Echo der Wälder in der Ferne wiederholt. Der Fluß, welcher rauschend in einem Felsenbette unter Bäumen dahinströmt, spiegelt hie und da in seinen klaren Fluthen ihre ehrwürdigen, grünen und schattigen Massen, sowie die Spiele ihrer fröhlichen Bewohner wieder; tausend Schritte davon stürzt er sich über mehrere Absätze des Felsens hinab und bildet in seinem Falle eine Wand glatt wie Glas, die hinabstürzend sich in Schaumblasen auflöst. Tausend verworrene dumpfe Töne entsteigen diesem aufgeregten Gewässer, und durch die Lüfte in den Wald getragen, scheinen sie bald fernhin zu fliehen und sich zu zerstreuen, bald wieder alle auf einmal heranzukommen, betäubend wie das Geläute der Glocken eines Domes. Die Luft, durch die Bewegung des Wassers fortwährend erfrischt, unterhält an den Ufern dieses Flusses, trotz der Hitze des Sommers, ein Grün und eine Frische, wie man sie auf dieser Insel selbst auf der Höhe der Berge selten findet.

In einiger Entfernung von dort ist ein Felsen, weit genug vom Wasserfalle abseits, daß man nicht von seinem Getöse betäubt wird, und doch hinlänglich nahe, um den Anblick, die Kühlung und das Murmeln des Wassers genießen zu können. Zur Zeit der großen Hitze begaben wir uns manchmal dahin, Frau von Latour, Margarethe, Virginie, Paul und ich, um im Schatten dieses Felsens unser Mittagsbrod einzunehmen. Da Virginie bei ihren Handlungen, selbst den gewöhnlichsten, stets das Wohl Andrer im Auge hatte, so aß sie nie eine Frucht im Freien, ohne die Nüsse oder Kerne derselben in den Boden zu stecken. »Es werden daraus Bäume entstehen«, sagte sie, »deren Früchte einst irgend einem Wanderer oder wenigstens einem Vogel zu Gute kommen.« Eines Tages, als sie am Fuß dieses Felsens eine Melonenbaumfrucht genossen hatte, steckte sie die Kerne derselben auch in die Erde. Bald wuchsen daselbst mehrere Melonenbäume empor, darunter auch ein weiblicher, d. h. einer, welcher Früchte trägt. Dieser Baum ging Virginien bei ihrer Abreise noch nicht bis an's Knie; da er aber sehr schnell wächst, so hatte er nach zwei Jahren bereits zwanzig Fuß Höhe, und der obere Theil seines Stamms war von mehreren Reihen reifer Früchte umgeben. Einst kam Paul zufällig an diesen Ort, und als er den großen Baum sah, erwachsen aus dem kleinen Kerne, den er seine Freundin hatte stecken sehen, wurde er von Freude erfüllt; gleichzeitig aber erregte ihm der Anblick dieses Zeugen ihrer langen Abwesenheit tiefe Trauer. Die Gegenstände, die wir alle Tage sehen, lassen uns nicht den reißenden Verlauf unseres Lebens gewahr werden; sie altern unmerklich mit uns zugleich. Aber diejenigen, die wir mehrere Jahre aus dem Gesicht verloren und dann auf einmal wiedersehen, sie sind es, die uns zeigen, wie so schnell der Strom unserer Tage dahinfließt. Paul war bei dem Anblick dieses großen, fruchtbeladenen Melonenbaumes nicht minder erstaunt und verwirrt als ein Reisender, der nach langer Abwesenheit vom Vaterlande seine Altersgenossen nicht mehr antrifft, und ihre Kinder, die bei seinem Scheiden noch an der Brust der Mutter tranken, selbst als Familienväter wiedersieht. Bald wollte er den Baum umhauen, weil er ihm die Länge der Zeit, die seit Virginiens Abreise verflossen war, zu sehr empfinden ließ; bald sah er in ihm wieder ein Denkmal ihres Wohlthätigkeitssinnes, küßte seinen Stamm und richtete an ihn Worte der Liebe und des Schmerzes. O Baum, dessen Nachkommen noch in unsern Wäldern fortleben, ich selbst habe dich mit mehr Theilnahme und Ehrfurcht betrachtet als die Triumphbogen der Römer. Möge die Natur, welche jeden Tag an der Zerstörung der Denkmäler fürstlichen Ehrgeizes geschäftig ist, die der Wohlthätigkeit eines armen jungen Mädchens in unsern Wäldern vermehren!

Unter diesem Melonenbaume war ich sicher, Paul anzutreffen, so oft er in meine Gegend kam. Eines Tages fand ich ihn von Schwermuth niedergebeugt und hatte mit ihm ein Gespräch, das ich Euch mittheilen will, wenn ich Euch nicht allzu lästig falle mit meinen langen Abschweifungen, die mein Alter und meine letzte Freundschaft entschuldigen mögen. Ich will es Euch in Form eines Zwiegesprächs geben, damit Ihr von dem gesunden, natürlichen Verstande des Jünglings einen Begriff erhaltet; Ihr werdet den Unterschied der sprechenden Personen durch den Inhalt seiner Fragen und meiner Antworten leicht finden. Er sagte zu mir:

»Ich bin sehr betrübt. Fräulein von Latour ist nun schon zwei Jahr und zwei Monate fort, und seit acht und einem halben Monat haben wir keine Nachrichten von ihr. Sie ist reich; ich bin arm; sie hat mich vergessen. Es ist mir der Gedanke gekommen, mich einzuschiffen. Ich will nach Frankreich; ich will dort dem Könige dienen; ich will mein Glück dort machen, und die Großtante des Fräuleins von Latour wird mir dann ihre Nichte zur Frau geben, wenn ich ein angesehener Herr geworden bin.«

Der Alte. O mein Freund, hast du mir nicht gesagt, daß du nicht von Geburt seist?

Paul. Meine Mutter hat es mir gesagt; denn von selbst weiß ich nicht, was das heißt: von Geburt sein. Ich habe niemals bemerkt, daß ich weniger Geburt hätte als Andere, noch die Andern mehr.

Der Alte. Der Mangel an Geburt versperrt dir den Weg zu den großen Stellen; ja noch mehr, er hindert dich sogar, in irgend einen höheren Stand aufgenommen zu werden.

Paul. Ihr habt mir mehrmals gesagt, daß eine der Ursachen von Frankreichs Größe darin liege, daß auch der geringste Unterthan zu Allem gelangen könne, und Ihr habt mir viele berühmte Männer angeführt, die aus den niedern Ständen hervorgegangen sind und ihrem Vaterlande Ehre gemacht haben. Wollet Ihr also mir den Muth benehmen?

Der Alte. Mein Sohn, niemals werde ich ihn dir niederschlagen. Ich habe dir in Bezug auf frühere Zeiten die Wahrheit gesagt; aber jetzt haben sich die Dinge gewaltig geändert. Alles ist in Frankreich käuflich geworden; Alles erbt heutzutage auf einige wenige Familien fort oder ist das Eigenthum von Körperschaften oder Ständen. Der König ist eine Sonne, welche die Großen und die Stände umgeben wie Wolken; es ist fast unmöglich, daß einer seiner Strahlen auf dich falle. Ehemals kamen wohl, bei einer weniger verwickelten Verwaltung, dergleichen Erscheinungen vor. Damals haben sich von allen Seiten die Talente und das Verdienst entfaltet, wie neues Land, das erst urbar gemacht ward, aus voller Kraft Frucht trägt. Aber die großen Fürsten, welche die Menschen zu erkennen und auszuwählen verstehen, sind selten. Der gewöhnliche Schlag der Fürsten giebt sich nur den Antrieben der Großen und der Stände hin, die sie umgeben.

Paul. Aber kann ich nicht in einem der Großen einen Beschützer finden?

Der Alte. Um von den Großen beschützt zu werden, muß man ihrem Ehrgeiz oder ihren Wollüsten schmeicheln. Das würde dir aber nie gelingen, denn du bist ohne Geburt und besitzest zu viel Rechtschaffenheit.

Paul. Aber ich will so muthige Handlungen begehen, ich will so treu mein Wort halten, so gewissenhaft in meinen Pflichten, so eifrig und beständig in meiner Freundschaft sein, daß ich mir das Verdienst erwerbe, von einem unter ihnen als Sohn angenommen zu werden, wie das in den alten Geschichten vorkam, die Ihr mich habt lesen lassen.

Der Alte. O lieber Freund, bei den Griechen und Römern, selbst zur Zeit ihres Verfalls, hatten die Großen noch Achtung vor der Tugend. Aber wir haben eine Menge berühmter Leute jeder Art gehabt, die aus dem Volke hervorgegangen sind, und ich weiß keinen einzigen unter ihnen, der von einem Großen an Kindesstatt angenommen worden wäre. Ohne unsere Könige würde in Frankreich die Tugend verdammt sein, ewig dem untersten Volke anzugehören. Sie bringen sie, wie ich dir gesagt habe, bisweilen zu Ehren, wenn sie ihnen nämlich in die Augen fällt, aber die Auszeichnungen, die ihr ehedem vorbehalten waren, sind heutiges Tages nur für Geld zu haben.

Paul. Fehlt es mir an einem Großen, so will ich mich an eine Körperschaft anschließen. Ich will ganz und gar ihren Geist und ihre Ansichten annehmen, ich will mich ihr beliebt machen.

Der Alte. Willst du also wie die Andern werden, willst du dein Gewissen aufgeben, nur dein Glück zu machen?

Paul. Keineswegs! ich werde immer nur der Wahrheit nachstreben.

Der Alte. Dann wirst du, statt dich beliebt zu machen, dir Haß bereiten; denn den Genossenschaften ist es überdies sehr wenig um die Wahrheit zu thun. Jede Ansicht ist den Ehrgeizigen gleichgültig, wenn sie nur herrschen können.

Paul. Wie unglücklich bin ich! Alles stößt mich von sich. Ich bin verdammt, mein Leben in ruhmloser Arbeit, fern von Virginien, hinzubringen. – Und er seufzte tief.

Der Alte. Gott sei dein alleiniger Beschützer und das menschliche Geschlecht deine Genossenschaft. Widme dich beständig nur diesen beiden. Familien, Stände, Völker, Könige, alle haben ihre Vorurtheile und ihre Leidenschaften; oft kann man ihnen nur durch Laster dienstlich sein, Gott aber und die Menschheit heischen nur Tugenden.

Aber warum willst du durchaus vor den übrigen Menschen ausgezeichnet sein? Das ist kein natürliches Verlangen; denn wenn Alle es hätten, so würde sich Jeder im Kriegszustande mit seinem Nächsten befinden. Begnüge dich damit, deine Pflicht in den Verhältnissen zu erfüllen, in welche die Vorsehung dich versetzt hat; segne dein Geschick, das dir gestattet, dir dein Gewissen zu bewahren, und dich nicht zwingt wie die Großen, dein Glück von den Meinungen der Geringen abhängig zu machen, noch wie die Kleinen, vor den Großen zu kriechen, um ihren Lebensunterhalt zu haben. Du bist in einem Lande und in einer Lage, wo du, um leben zu können, nicht zu schmeicheln, noch zu täuschen, noch dich herabzuwürdigen brauchst, wie die Meisten thun, die in Europa ihr Glück suchen; in einem Lande, wo dein Stand dir keine Tugend untersagt, wo du ungestraft gut, wahr, aufrichtig, unterrichtet, duldsam, mäßig, enthaltsam, nachsichtig, fromm sein kannst, ohne daß deine Weisheit, die nur erst in ihrer Blüthe ist, lächerlich gemacht wird. Der Himmel hat dir Freiheit, Gesundheit, ein gutes Gewissen und Freunde gegeben, die Könige, nach deren Gunst du so begierig trachtest, sind nicht so glücklich!

Paul. Ach, Virginie fehlt mir! Ohne sie habe ich nichts, mit ihr hätte ich Alles! Sie allein ersetzt mir Geburt, Ruhm und Glück. Aber wenn denn ihre Verwandte ihr nur einen Mann mit einem großen Namen zum Gatten geben will, nun, durch Studium und Bücher wird man ja gelehrt und berühmt, so will ich studiren. Ich will mir Kenntnisse erwerben, ich will meinem Vaterlande durch meine Gelehrsamkeit nützlich werden, ohne Jemand zu schaden oder von Jemand abhängig zu sein; ich will berühmt werden und meinen Ruhm nur mir verdanken.

Der Alte. Mein Sohn, ausgezeichnete Gaben sind noch seltener als Geburt und Reichthümer, und unbedingt sind sie größere Güter, weil nichts sie rauben kann und weil sie uns überall die öffentliche Hochachtung erwerben. Aber sie kommen theuer zu stehen; man erwirbt sie nur durch Entbehrungen aller Art, durch eine Feinheit und Erregbarkeit des Gefühls, die uns nach innen und nach außen unglücklich macht, und durch Verfolgungen von Seiten unserer Zeitgenossen. Der Rechtsgelehrte beneidet in Frankreich nicht den Ruhm des Kriegers, noch der Krieger den des Seemanns; aber Jedermann wird dich dort auf deinem Wege kreuzen, weil Jeder darauf besteht, Geist zu haben. Du willst den Menschen dienstlich sein, sagst du; aber derjenige, welcher auf einem Ackerstück eine Garbe Roggen mehr erzeugt, erweist ihnen einen größern Dienst, als wer ihnen ein Buch liefert.

Paul. Wahrlich! sie, die diesen Baum pflanzte, hat den Bewohnern dieser Wälder ein nützlicheres und angenehmeres Geschenk gemacht, als wenn sie ihnen eine ganze Bibliothek gegeben hätte. – Und hierbei umschlang er den Baum mit den Armen und küßte ihn inbrünstig.

Der Alte. Das beste der Bücher, das nichts als Gleichheit, Liebe, Menschlichkeit und Eintracht predigt, das Evangelium, hat Jahrhunderte lang den Europäern zum Vorwande ihrer wilden Leidenschaften gedient. Wie viele öffentliche und geheime Grausamkeiten werden noch in seinem Namen auf der Erde ausgeübt! Wer sollte sich, nach diesem Beispiele, noch schmeicheln, den Menschen durch ein Buch nützlich zu sein? Erinnere dich an das Schicksal der meisten Philosophen, die ihnen Weisheit predigten. Homer, der sie in so schöne Verse gekleidet hat, mußte sein Brod betteln zeitlebens; Sokrates, der den Athenern durch seine Gespräche und durch seine eigne Lebensweise so beherzigenswerthe Lehren gab, ward durch Richterspruch zum Tod durch Gift verurtheilt. Sein großer Schüler Plato wurde auf Befehl desselben Fürsten, der sein Beschützer war, der Sklaverei überliefert, und noch vor diesen wurde Pythagoras, dessen Menschlichkeit sich bis auf die Thiere ausdehnte, durch die Krotoniaten lebendig verbrannt. Was sage ich? Die meisten dieser berühmten Namen sind sogar durch irgend einen satirischen Zug, der sie charakterisiren soll, entstellt auf uns gekommen, weil es dem menschlichen Undank beliebt, sie nur daran zu erkennen. Und wenn unter der Menge der Ruf Einzelner unbefleckt und rein auf die Nachwelt gelangt ist, so hat das darin seinen Grund, daß diejenigen, die ihn besaßen, fern von der Gesellschaft ihrer Zeitgenossen gelebt haben, ähnlich jenen Bildsäulen, welche man unversehrt aus den Feldern Griechenlands und Italiens hervorzieht und welche der Wuth der Barbaren entgangen sind, weil sie in dem Schooß der Erde vergraben waren.

Du siehst also, daß man, um den unruhvollen Ruhm der Gelehrsamkeit zu erlangen, großer Tugend bedarf und bereit sein muß, sein Leben zu opfern. Uebrigens, glaubst du, daß in Frankreich die reichen Leute von diesem Ruhm Kenntniß nehmen? Sie kümmern sich sehr wenig um die Gelehrten, denen ihre Wissenschaft im Vaterlande weder Würden, noch hohe Stellen, noch Zutritt bei Hofe einträgt. Zwar ist man wenig verfolgungssüchtig in diesem Jahrhunderte, das sich so gleichgültig gegen Alles verhält, mit Ausnahme von Reichthum und Genüssen; aber hervorragende Kenntnisse und Tugend führen auch zu keinerlei Auszeichnung, weil im Staate Geld Alles entscheidet. Ehemals fanden jene sichere Belohnung durch verschiedene Stellen bei der Kirche, bei der Obrigkeit und der Verwaltung; heutzutage dienen sie zu nichts, als Bücher zu schreiben. Aber diese bei den Weltleuten wenig geschätzte Frucht bleibt dennoch immer ihres himmlischen Ursprungs würdig. Grade diesen Büchern ist es insbesondere vorbehalten, der ungekannten Tugend Glanz zu verleihen, die Unglücklichen zu trösten, die Völker aufzuklären und selbst Königen die Wahrheit zu sagen. Das ist doch ohne Widerspruch der herrlichste Beruf, womit der Himmel einen Sterblichen auf Erden beehren kann. Wo ist der Mann, der sich nicht trösten sollte über die Ungerechtigkeit oder die Mißachtung derjenigen, die über Reichthümer zu gebieten haben, wenn er daran denkt, daß sein Werk von Jahrhundert zu Jahrhundert und von Volk zu Volk fortleben wird, um dem Irrthum und der Gewaltherrschaft zur Schranke zu dienen, und daß mitten aus dem Schooße der Dunkelheit, in der er gelebt hat, ein Ruhm hervorstrahlen wird, welcher den der meisten Könige verdunkelt, deren Denkmäler trotz der Schmeichler, die sie in den Himmel erheben, in Vergessenheit untergehen.

Paul. Ach! ich wünschte diesen Ruhm nur, um ihn über Virginien auszuschütten und sie der ganzen Welt schätzenswerth zu machen. Aber da Ihr so viel wißt, so sagt mir doch, ob wir uns heirathen werden. Ich möchte gelehrt sein, um wenigstens die Zukunft zu erfahren.

Der Alte. Wer würde leben können, mein Sohn, wenn er die Zukunft wüßte? Ein einziges vorausgeahntes Unglück verursacht uns schon so viele vergebliche Unruhe! der Anblick eines gewissen Unglücks würde alle Tage, die ihm vorausgingen, vergiften. Man darf nicht einmal zu tief in das, was uns umgiebt, blicken wollen; und der Himmel, der uns das Nachdenken gab, um für unsere Bedürfnisse zu sorgen, hat uns die Bedürfnisse gegeben, um unserm Nachdenken Grenzen zu setzen.

Paul. Durch Geld, sagt Ihr, erlangt man in Europa Würden und Ehrenstellen. So will ich nach Bengalen gehen, um dort reich zu werden und dann Virginien in Paris heirathen zu können. Ich will mich einschiffen.

Der Alte. Was, du wolltest ihre und deine Mutter verlassen?

Paul. Ihr habt mir ja erst vor Kurzem selbst den Rath gegeben, nach Indien zu gehen.

Der Alte. Damals war Virginie noch hier. Jetzt aber bist du die einzige Stütze deiner und ihrer Mutter.

Paul. Virginie wird ihr durch ihre reiche Verwandte Hülfe zufließen lassen.

Der Alte. Die Reichen helfen nur denjenigen, die ihnen in der Welt Ehre machen. Sie haben Verwandte, die weit mehr zu beklagen sind als Frau von Latour, und die, weil sie von ihnen nicht unterstützt werden, ihre Freiheit opfern müssen, um nur Brod zu haben, und ihr Leben in Klöstern eingeschlossen zubringen.

Paul. Was ist das für ein Land, dieses Europa! O, Virginie muß durchaus zu uns zurückkommen! Wozu bedarf sie einer reichen Verwandten? Sie war so zufrieden unter unseren Hütten, so hübsch und so schön geputzt mit einem rothen Tuche oder mit Blumen um den Kopf! Komme zurück, Virginie! verlasse deine Paläste und deine Herrlichkeiten! Komme zurück in diese Felsen, in den Schatten dieser Wälder und unserer Cocosbäume! Ach! Du bist jetzt vielleicht unglücklich! . . . (Er begann hier zu weinen.) Lieber Vater, verbergt mir nichts, wenn Ihr mir nicht sagen könnt, ob ich Virginien heirathen werde, so laßt mich wenigstens wissen, ob sie mich noch liebt mitten unter jenen großen Herren, die mit dem Könige sprechen und die ihr Besuche machen.

Der Alte. Mein Freund! ich bin überzeugt, daß sie dich liebt, aus mehreren Gründen, hauptsächlich aber, weil sie tugendhaft ist. – Bei diesen Worten fiel er mir vor Freude außer sich um den Hals.

Paul. Haltet Ihr aber die europäischen Frauen für treulos, wie sie in den Lustspielen und in den Büchern, die Ihr mir geliehen habt, geschildert werden?

Der Alte. Die Frauen sind falsch in den Ländern, wo die Männer tyrannisch sind. Ueberall ruft die Gewalt die List hervor.

Paul. Wie kann man gegen die Frauen tyrannisch sein?

Der Alte. Wenn man sie verheirathet, ohne sie um ihren eigenen Willen zu befragen: ein junges Mädchen mit einem Greise, eine gefühlvolle Frau mit einem theilnahmlosen Manne.

Paul. Warum verbinden sich aber nicht die, welche für einander passen, die Jungen mit den Jungen und die Liebenden mit denen, welche sie wieder lieben?

Der Alte. Weil die meisten jungen Leute in Frankreich nicht genug Vermögen haben, um heirathen zu können, sondern erst, wenn sie alt werden, so viel erlangen. So lange sie jung sind, verführen sie die Frauen ihrer Nachbarn, und sind sie alt, so können sie die Liebe ihrer Gattinnen nicht mehr fesseln. In der Jugend haben sie betrogen; im Alter kommt die Reihe an sie, betrogen zu werden. Das ist eine der Rückwirkungen der allgemeinen Gerechtigkeit, welche die Welt regiert: eine Ausschreitung hält immer einer anderen das Gleichgewicht. So bringen die meisten Europäer ihr Leben in dieser zwiefachen Unordnung zu, und diese Unordnung vermehrt sich in einer Gesellschaft in dem Maße, als der Reichthum sich auf eine geringere Anzahl von Köpfen häuft. Der Staat gleicht einem Garten, worin die kleinen Bäume nicht aufkommen können, wenn zu viel große darin sind, die sie beschatten; aber es ist dabei der Unterschied, daß die Schönheit eines Gartens durch eine kleine Anzahl großer Bäume bedingt sein kann, daß dagegen das Gedeihen eines Staates immer von der Menge und der Gleichheit der Unterthanen abhängt und nicht von einer geringen Anzahl Reicher.

Paul. Warum muß man denn aber reich sein, um sich verheirathen zu können?

Der Alte. Damit man seine Tage im Ueberfluß hinbringen kann, ohne etwas zu thun.

Paul. Und warum will man nicht arbeiten? Ich arbeite gern!

Der Alte. Weil in Europa die Arbeit der Hände entehrt, man nennt sie handwerksmäßige, niedrige Arbeit. Gerade der Ackerbau ist dort die verachtetste aller Beschäftigungen. Ein Handwerker ist noch viel geachteter als ein Bauer.

Paul. Was! die Kunst, welche die Menschen ernährt, wird in Europa mißachtet? Ich begreife Euch nicht.

Der Alte. O, es ist auch einem Menschen, der in der Natur aufgewachsen ist, nicht möglich, die Verkehrtheiten der menschlichen Gesellschaft zu begreifen. Man kann sich nur eine bestimmte Vorstellung von der Ordnung machen, nicht aber von der Unordnung. Die Schönheit, die Tugend, die Glückseligkeit haben Verhältnisse; die Häßlichkeit, das Laster und das Unglück haben keine.

Paul. Die reichen Leute sind also sehr glücklich! Sie finden nirgends Hindernisse; sie können diejenigen, die sie lieben, mit Freuden überhäufen.

Der Alte. Sie sind meistentheils für alle Freuden abgestumpft, gerade dadurch, weil sie ihnen keine Mühe kosten. Hast du nicht die Erfahrung gemacht, daß man das Vergnügen der Ruhe nur durch Ermüdung erkauft? das des Essens durch Hunger, das des Trinkens durch den Durst? Nun siehe! das Glück, zu lieben und geliebt zu werden, erwirbt man nur durch eine Reihe von Entsagungen und Aufopferungen. Der Reichthum beraubt aber die Reichen aller dieser Freuden, indem er ihren Bedürfnissen zuvorkommt. Nimm dazu noch die Langeweile, die aus ihrer Uebersättigung folgt, den Hochmuth, den übergroßer Reichthum erzeugt und den die geringste Entbehrung verletzt, selbst dann, wenn die größten Genüsse sie nicht mehr reizen. Der Wohlgeruch von tausend Rosen befriedigt nur einen Augenblick; aber der Schmerz, welchen ein einziger ihrer Dornen verursacht, wirkt noch lange nach dem Stiche. Ein Leiden inmitten der Freuden ist für die Reichen ein solcher Dorn zwischen den Blumen. Für die Armen dagegen ist eine Freude inmitten der Leiden eine Blume zwischen Dornen; sie empfinden lebhaft ihren Genuß. Jede Wirkung wird durch den Gegensatz verstärkt; die Natur hält Alles im Gleichgewicht. Wenn du nun Alles das erwägst, welcher Zustand scheint dir der vorzüglichere: der, fast nichts zu hoffen zu haben und Alles zu fürchten, oder der, fast nichts zu fürchten zu haben und Alles zu hoffen? Der erstere ist der der Reichen, der letztere der der Armen. Aber diese Gegensätze sind den Menschen gleich sehr unerträglich; denn ihr Glück besteht in der Mittelmäßigkeit und in der Ausübung der Tugend.

Paul. Was versteht Ihr denn unter Tugend?

Der Alte. Lieber Sohn, du, der du die Deinigen durch deine Arbeit erhältst, hast nicht nöthig, daß man sie dir erkläre. Die Tugend ist eine Ueberwindung unserer selbst zum Wohle Anderer, in der Absicht, Gott allein zu gefallen.

Paul. O wie tugendhaft ist dann Virginie! Nur aus Tugend hat sie reich werden wollen, um wohlthun zu können. Aus Tugend hat sie diese Insel verlassen; die Tugend wird sie wieder zurückführen.

Indem der Gedanke an ihre nahe Rückkehr die Einbildungskraft des Jünglings entflammte, entschwand all sein Kummer. Virginie hat nicht geschrieben, so dachte er, weil sie wieder zu kommen im Begriff stand. Es bedurfte ja so wenig Zeit, um mit günstigem Winde aus Europa zurückzusegeln! Er zählte die Schiffe auf, welche die Fahrt von viertausend und fünfhundert Meilen in weniger als drei Monaten vollendet hatten. Das Fahrzeug, worin sie sich eingeschifft hätte, würde nicht mehr als zwei dazu brauchen; die Schiffsbauleute wären heutiges Tages so unterrichtet und die Seeleute so geschickt! Er sprach von Anordnungen, die er treffen müßte, um sie zu empfangen, von der neuen Wohnung, die er bauen wollte, von Freuden und Ueberraschungen, die er ihr täglich bereiten wollte, wenn sie seine Frau sein würde. Seine Frau! . . . diese Vorstellung entzückte ihn. Dann, Vater, sagte er zu mir, dürft Ihr blos noch zu eurem Vergnügen arbeiten. Denn da Virginie reich ist, werden wir viele Schwarze haben, und diese arbeiten für Euch. Ihr sollt immer bei uns sein und keine andere Sorge haben, als wie Ihr Euch unterhaltet und erfreut. Und er ging, ganz außer sich, um seiner Familie die Freude, von der er trunken war, mitzutheilen.

In Kurzem folgten den überspannten Hoffnungen große Besorgnisse. Heftige Leidenschaften werfen die Seele von einem Aeußersten zum anderen. Oft kam Paul schon am frühen Morgen zu mir, von Traurigkeit ganz niedergedrückt. Er sagte zu mir: »Virginie schreibt mir nicht. Wenn sie aus Europa abgereist wäre, so würde sie es mir gemeldet haben. Ach, die Gerüchte, die sich bei uns über sie verbreitet haben, sind vielleicht nur zu begründet! Ihre Tante hat sie an einen großen Herrn verheirathet. Die Liebe zu Reichthümern hat sie verdorben wie so viele Andere. In den Büchern, welche die Frauen so treffend schildern, wird die Tugend doch nur als etwas Romanhaftes behandelt. Wäre Virginie wirklich tugendhaft gewesen, so hätte sie nicht ihre eigene Mutter und mich verlassen. Indeß ich mein Leben damit hinbringe, an sie zu denken, vergißt sie mich. Ich bin betrübt, und sie lebt in Zerstreuungen. Ach, dieser Gedanke bringt mich zur Verzweiflung! Jede Arbeit ist mir zuwider; jedes Zusammensein mit Anderen wird mir lästig. Wollte Gott, in Indien würde der Krieg erklärt! ich würde gehen, um dort zu sterben.«

»Mein Sohn«, antwortete ich ihm, »jener Muth, der uns in den Tod treibt, ist nur der Muth des Augenblicks. Er wird oft nur erregt durch den eitlen Beifall der Menschen. Es giebt aber einen weit seltneren und doch weit nothwendigeren Muth, der uns befähigt, jeden Tag, ohne Zeugen und ohne Lobeserhebung, die Widerwärtigkeiten des Lebens zu ertragen: das ist die Geduld . Diese stützt sich nicht auf die Meinungen Anderer oder auf den Antrieb unserer Leidenschaften, sondern auf den Willen Gottes. Die Geduld ist der Muth der Tugend!«

»Ach!« rief er aus, »ich habe also keine Tugend! Alles bedrückt mich und bringt mich zur Verzweiflung.« – »Die stets sich gleichbleibende Tugend«, begann ich wieder, »die beständige, unveränderliche, ist nicht das Erbtheil des Menschen. Inmitten so vieler Leidenschaften, die uns hin und her werfen, verwirrt und trübt sich unsere Vernunft; aber es giebt Leuchtthürme, an denen wir ihre Fackel wieder anzünden können: dies sind die Wissenschaften.

Die Wissenschaften, mein theuerer Sohn, sind eine Hülfe des Himmels. Sie sind Strahlen jener Weisheit, welche das Weltall regiert, und welche der Mensch, durch himmlische Eingebung begeistert, auf der Erde festzuhalten gelernt hat. Den Strahlen der Sonne ähnlich, erleuchten, erfreuen, erwärmen sie; sie sind ein göttliches Feuer. Wie das Feuer machen sie die ganze Natur unserem Gebrauche dienstbar. Durch sie vereinigen wir um uns her die Dinge, die Räume, die Menschen und die Zeiten. Sie sind es, die uns die Regeln des Lebens geben. Sie dämpfen die Leidenschaften, drängen die Laster zurück, rufen Tugenden hervor durch die erhabenen Beispiele edler Menschen, deren Namen sie verherrlichen, und deren stets geehrte Bilder sie uns vor Augen führen. Sie sind Töchter des Himmels, welche zur Erde herabkommen, um die Leiden der Menschheit zu lindern. Die großen Schriftsteller, welche sie begeistern, sind immer in den Zeiten erschienen, die für jede Gesellschaft am schwersten zu ertragen sind, in den Zeiten der Barbarei und der Verderbniß. Die Wissenschaften, mein Sohn, haben unzählige Menschen getröstet, die unglücklicher waren, als du bist: Xenophon, der aus dem Vaterlande verbannt wurde, nachdem er zehntausend Griechen dahin zurückgeführt; Scipio Africanus, welcher der Verleumdungen der Römer, Lucullus, der ihrer Parteiränke, Catinat, welcher der Undankbarkeit seines Hofes müde wurde. Die so geistvollen Griechen hatten je einer der Musen, welche den Wissenschaften vorstehen, einen Bereich unserer Geistesthätigkeit zur Verwaltung übergeben. Ihrer Leitung also müssen wir unsere Leidenschaften anheim geben, damit sie ihnen Joch und Zügel auflegen. Sie sollen in Rücksicht unserer Geistesfähigkeiten dieselben Verrichtungen ausüben wie die Horen, welche die Rosse des Sonnengottes anschirrten und leiteten.

Lies also, mein Sohn. Die Weisen, welche vor uns geschrieben haben, sind Reisende, die uns auf den Pfaden des Unglücks vorangegangen sind, die uns die Hand entgegenstrecken und uns einladen, uns ihrer Gesellschaft anzuschließen, wenn Alles uns verläßt. Ein gutes Buch ist ein guter Freund.«

»Ach!« rief Paul, »als Virginie noch hier war, bedurfte ich der Kunst des Lesens gar nicht. Sie hatte eben so wenig gelernt als ich; aber wenn sie mich anblickte und mich ihren Freund nannte, so war es mir unmöglich, mürrisch zu sein.«

»Ohne Zweifel«, sagte ich zu ihm, »giebt es keinen in gleichem Grade angenehmen Freund, als ein weibliches Wesen, das uns liebt. Zudem liegt im Weibe eine leichte Heiterkeit, die den Trübsinn des Mannes zerstreut. Ihre Anmuth verscheucht die schwarzen Gespenster seines grübelnden Nachsinnens. Auf ihrem Antlitze ruht der Reiz der Sanftheit und das Vertrauen. Welche Freude wird nicht erhöht durch ihre Mitfreude? welche Stirn entrunzelt sich nicht bei ihrem Lächeln? welcher Zorn widersteht ihren Thränen? – Virginie wird zurückkehren und mit mehr Lebensklugheit, als du besitzest. Sie wird sehr verwundert sein, den Garten noch nicht völlig wiederhergestellt zu finden, sie, die fern von ihrer Mutter und von dir nur auf seine Verschönerung bedacht ist, trotz der übeln Behandlung von Seiten ihrer Tante.«

Die Vorstellung von Virginiens naher Rückkunft fachte Pauls Muth auf's neue an und er kehrte wieder zu seinen ländlichen Beschäftigungen zurück, glücklich bei all seinen Leiden, daß seine Arbeit einem Zwecke diente, der seiner Leidenschaft wohlthat.

Eines Morgens, bei Anbruch des Tags (es war der 24. December 1744), gewahrte Paul, als er eben aufstand, daß eine weiße Flagge auf dem Berge der Entdeckung aufgerichtet war. Diese Flagge war das gewöhnliche Signalement eines Schiffes, das man auf dem Meere gewahr wurde. Paul eilte nach der Stadt, um zu erfahren, ob es nicht Nachrichten von Virginien mitbringe. Er blieb dort, bis der Pilot, der dem Gebrauch gemäß abgefahren war, um das Schiff zu recognosciren, vom Hafen zurückkam. Dieser kehrte erst am Abend heim. Er berichtete dem Gouverneur, das signalisirte Schiff sei der »St. Geran«, mit einer Ladung von siebenhundert Tonnen, befehligt von einem Kapitän Namens Aubin; es befinde sich vier Meilen weit in See, und werde nicht eher als morgen Nachmittag in Port -Louis einlaufen, wofern der Wind günstig sei. Im Augenblicke herrschte völlige Windstille. Der Pilot übergab dem Gouverneur die Briefe, welche das Schiff aus Frankreich mitbrachte. Darunter war einer an Frau von Latour von Virginiens Hand. Paul bemächtigte sich seiner alsogleich, küßte ihn voll Entzücken, steckte ihn in seinen Busen und eilte damit nach Hause. Sobald er die Seinigen, die seine Rückkunft auf dem Felsen des Abschieds erwarteten, von Weitem erblickte, hielt er den Brief in die Luft, ohne ein Wort sprechen zu können. Alsbald schaarten sich Alle um Frau von Latour, um ihn vorlesen zu hören. Virginie meldete  ihrer Mutter, daß sie viele schlimme Begegnungen von Seiten ihrer Großtante erfahren hätte; sie habe sie wider ihren Willen verheirathen wollen, dann enterbt und schließlich zurückgeschickt, zu einer Zeit, die ihre Ankunft auf Ile-de-France gerade in die Periode der Stürme fallen lasse; vergeblich habe sie ihren Sinn zu beugen versucht, indem sie ihr vorgestellt habe, was sie ihrer Mutter und ihrem Jugendumgang schuldig sei; sie habe sie als unverständiges Mädchen behandelt, deren Kopf durch Romane verschroben worden sei; jetzt sei sie nur erfüllt von dem Glück, ihre theure Familie wiederzusehen und zu umarmen, und sie würde diesen heißen Wunsch noch am heutigen Tage befriedigt haben, wenn der Kapitän ihr erlaubt hätte, sich in der Schaluppe des Piloten einzuschiffen; er habe sich aber ihrer Abfahrt widersetzt wegen der weiten Entfernung vom Lande und wegen der Unruhe, die, ungeachtet der Windstille, auf der offenen See herrsche.

Kaum war dieser Brief vorgelesen worden, als die ganze Familie außer sich vor Freude rief: »Virginie ist da!« Herrschaften und Diener, Alle umarmten sich. Frau von Latour sagte zu Paul: »Mein Sohn, geh und benachrichtige unsern Nachbar von der Ankunft Virginiens.« Sogleich zündete Domingo eine Fackel von Rundholz an, und Paul und er machten sich auf den Weg nach meiner Wohnung.

Es mochte zehn Uhr Abends sein. Ich hatte soeben meine Lampe ausgelöscht und mich zur Ruhe gelegt, als ich durch die Hecke um meine Hütte einen Lichtschein im Gebüsche bemerkte. Bald nachher vernahm ich die Stimme Pauls, welcher mich rief. Ich stehe auf, und kaum hatte ich mich angezogen, so wirft sich Paul, außer sich und ganz athemlos, mir an den Hals und ruft mir zu: »Auf, auf! Virginie ist angekommen! Wir wollen zum Hafen, das Schiff wird bei Tagesanbruch dort vor Anker gehn!« – Auf der Stelle setzten wir uns in Gang. Als wir den Wald des Langen Gebirges durchschritten und auf dem Wege waren, der von den Pompelmusen nach dem Hafen führt, hörte ich Jemanden hinter uns her gehn. Es war ein Schwarzer, der mit großen Schritten fürbaß ging. Als er uns erreicht hatte, fragte ich ihn, woher er komme und wohin er mit so großer Eile wolle. Er antwortete: »Ich komme aus dem Theile der Insel, welcher das Goldstaubviertel heißt. Man schickt mich zum Hafen, dem Gouverneur zu berichten, daß ein französisches Schiff unter der Insel Ambra geankert hat. Es thut Nothschüsse; denn die See ist sehr stürmisch.« Nach diesen Worten verfolgte der Mensch seinen Weg weiter, ohne sich länger aufzuhalten.

Ich sagte darauf zu Paul: »Wohlan! nach dem Goldstaubviertel, Virginien entgegen! es liegt nur drei Meilen von hier.« Wir machten uns also auf den Weg nach dem nördlichen Theile der Insel. Es war erstickend heiß. Der Mond war aufgegangen; um ihn herum erblickte man drei große schwarze Kreise. Der Himmel war von erschreckender Dunkelheit. Bei dem Licht der häufigen Blitze erkannte man lange Streifen dicker, finster und schwer niederhängender Wolken, die, obschon man am Lande nicht den geringsten Luftzug verspürte, mit reißender Schnelle vom Meere herkamen und sich über der Mitte der Insel aufthürmten. Unseren Weg fortsetzend, glaubten wir den Donner rollen zu hören; als wir aber aufmerksamer hinhorchten, unterschieden. wir deutlich, daß es Kanonenschüsse waren, die vom Echo wiederholt wurden. Diese fernen Kanonenschüsse, verbunden mit dem Anblick eines sturmdrohenden Himmels, erregten mir Schaudern. Es war gar kein Zweifel, daß sie Nothsignale eines im Scheitern begriffenen Schiffes waren. Eine halbe Stunde später hörten wir nicht mehr schießen, und diese Stille erschien mir noch fürchterlicher, als das Unglück verkündende Getöse, das ihr voranging.

Ohne ein Wort zu sprechen, weil wir uns unsere Befürchtungen nicht mitzutheilen wagten, beeilten wir uns vorwärts zu kommen. Gegen Mitternacht langten wir schweißtriefend am Strande im Goldstaubviertel an. Die Wogen brachen sich mit erschrecklichem Toben und überschwemmten die Felsen und den Sand des Ufers mit blendend weißem Schaume und mit Feuerfunken. Trotz der Finsterniß unterschieden wir bei diesem phosphorischen Leuchten die Nachen der Fischer, welche man weit zurück auf den Sand gezogen hatte.

In einiger Entfernung von da sahen wir am Eingange des Waldes ein Feuer, um welches sich mehrere Einwohner versammelt hatten. Dorthin gingen wir, um uns auszuruhen und den Tag zu erwarten. Während wir am Feuer saßen, erzählte uns einer der Einwohner: er habe Nachmittags ein Schiff auf offener See gesehen, welches durch die Strömung gegen die Insel getrieben worden sei; die Nacht habe es seinen Blicken entzogen. Zwei Stunden nach Sonnenuntergang habe er Nothschüsse gehört, aber die See sei so stürmisch gewesen, daß man keinen Nachen habe aussetzen können, um zum Schiffe hinzugelangen. Bald darauf habe er zu bemerken geglaubt, daß die Schiffslaternen angezündet würden. Sei dies der Fall gewesen, so fürchte er, daß das Schiff, dem Ufer so nahe gekommen, zwischen den Strand und die kleine Insel Ambra gerathen sei, indem es diese für den Visirwinkel gehalten hätte, an welchem die Schiffe, die bei Port-Louis landen, vorbeifahren. Verhielte sich das Alles so (was er aber gar nicht behaupten wolle), so befände sich das Schiff in der höchsten Gefahr. Ein anderer Einwohner nahm das Wort und sagte zu uns, er hätte den Kanal, welcher die Insel Ambra von dem festen Lande trennt, schon öfters durchsteuert, er hätte ihn mit dem Senkblei untersucht und den Ankergrund sehr gut befunden: das Schiff wäre also dort in vollkommener Sicherheit, wie in dem besten Hafen. »Ich wollte ihm«, setzte er hinzu, »mein ganzes Vermögen anvertrauen und darauf so ruhig schlafen wie auf dem Lande.«  Ein dritter Einwohner sagte, das Schiff könnte unmöglich in diesen Kanal eingelaufen sein, da ihn kaum Schaluppen zu passiren vermöchten. Er versicherte, er habe es jenseit der Insel Ambra ankern sehen, so daß es, wenn der Wind sich am Morgen erheben sollte, im Stande sein würde, die hohe See zu gewinnen oder in den Hafen einzulaufen. Andere Einwohner brachten andere Meinungen vor. Während sie noch so, nach Art müßiger Kreolen, unter sich stritten, beobachteten wir, Paul und ich, ein tiefes Stillschweigen. Wir blieben dort, bis der Tag zu dämmern begann; aber der Himmel hellte sich zu wenig auf, als daß man irgend einen Gegenstand auf dem Meere hätte unterscheiden können, das überdies von Nebel ganz bedeckt war. Wir erkannten auf der Höhe nur undeutlich ein düsteres Gewölk, von dem man uns sagte, es sei die Insel Ambra, die eine Viertelmeile von der Küste abliegt. Man gewahrte bei diesem verfinsterten Tageslichte nichts als die auslaufende Spitze des Ufers, an dem wir uns befanden, und einige Berggipfel im Innern der Insel, welche von Zeit zu Zeit aus den sie umhüllenden Wolken hervortraten.

Gegen sieben Uhr Morgens vernahmen wir in dem Walde den Lärm von Trommeln. Es war Herr von Labourdonnays, welcher, zu Pferde, mit einer Abtheilung bewaffneter Soldaten und einer großen Zahl von Einwohnern und Schwarzen herbeikam. Er stellte seine Soldaten an der Küste auf und ließ sie alle zugleich Feuer geben. Kaum war dies geschehen, so bemerkten wir auf dem Meer einen flüchtigen Schein, dem fast gleichzeitig ein Kanonenschuß folgte. Wir schlossen daraus, daß das Schiff in geringer Entfernung von uns sei, und eilten Alle nach der Gegend hin, wo wir das Signal gesehen hatten. Nun gewahrten wir durch den Nebel hindurch den Rumpf und die Masten eines großen Schiffes. Wir waren ihm so nahe, daß wir, trotz des Tobens der Wellen, die Pfeife des Schiffsherrn, der die Arbeit kommandirte, und das Geschrei der Matrosen vernahmen, welche dreimal: Es lebe der König! riefen. Dies ist nämlich bei den Franzosen der Ruf in der äußersten Gefahr wie bei der größten Freude; gleich als ob sie in der Noth ihren Herrscher zu Hülfe rufen, oder damit bezeugen wollten, daß sie bereit seien, für ihn zu sterben.

Von dem Augenblick an, als der Saint Geran bemerkte, daß wir bereit seien, ihm zu Hülfe zu kommen, feuerte er unaufhörlich von drei zu drei Minuten Schüsse ab. Herr von Labourdonnays ließ auf dem Ufersande in Zwischenräumen große Feuer anzünden und schickte bei allen Einwohnern der Nachbarschaft umher, nur Lebensmittel, Bohlenbretter, Taue und leere Tonnen zu holen. Bald sah man viele derselben, begleitet von ihren mit Mundvorrath und Tauwerk beladenen Schwarzen, von den Besitzungen des Goldstaub -, des Sumpf- und des Wallflußviertels herbeikommen. Einer der ältesten Einwohner trat an den Gouverneur heran und sagte zu ihm: »Herr Gouverneur, man hat die ganze Nacht hindurch ein dumpfes Getöse in den Bergen gehört. In den Wäldern bewegen sich die Blätter der Bäume, ohne daß der Wind geht . Die Seevögel flüchten sich auf das Land, sicherlich künden alle diese Zeichen einen großen Sturm an.« – »Nun, gut! meine Freunde«, erwiederte der Gouverneur, »wir sind darauf vorbereitet und das Schiff ist es gewiß auch.«

Und in der That: Alles weissagte den nahen Ausbruch eines Orkans. Die Wolken, in wie fern man sie am Zenith unterscheiden konnte, waren in ihrer Mitte von einer schrecklichen Schwärze und an den Rändern kupferfarbig. Die Luft hallte wieder von dem Geschrei der Tropikvögel, der Fregatten, der Scheerenschnäbel und einer unzähligen Menge von Seevögeln aller Art, die, ungeachtet der Dunkelheit der Atmosphäre, von allen Seiten des Horizontes herbeiflogen und einen Zufluchtsort auf der Insel suchten.

Gegen neun Uhr Morgens vernahm man von der See her ein entsetzliches Getöse, wie wenn Ströme Wassers unter Donnerschlägen vom Gipfel der Berge herabstürzten. Alles schrie: »Der Orkan ist da!« und in dem Augenblick riß ein furchtbarer Wirbelwind den Nebel, der die Insel Ambra und ihren Kanal verhüllte, hinweg. Da zeigte sich vor Augen der Saint Geran mit seinem von Menschen angefüllten Verdeck: Segelstangen und Maste auf das Oberverdeck niedergelassen, die Flagge aufgezogen, vier Ankertaue an seinem Vordertheil und eines als Rückhalt am Hintertheil. Er hatte zwischen der Insel Ambra und dem Strande geankert, diesseit des Gürtels von Riffen, welcher Ile-de-France umgiebt, und welchen er an einer Stelle, die noch niemals ein Schiff passirt war, übersprungen hatte. Er hielt seinen Bug den Fluthen entgegen gerichtet, die vom offenen Meere herkamen, und bei jeder Welle, die sich im Kanale fing, bäumte sich der ganze Vordertheil in die Höhe, so daß man den Kiel in der Luft schweben sah; bei derselben Bewegung aber tauchte der Hintertheil tief unter und verschwand dem Blicke bis zum Hackbord, als wenn er untergesunken wäre. In dieser Lage, wo Wind und See das Schiff dem Lande zu trieben, war es ihm gleicherweise unmöglich, dahin zurück zu gehen, woher es gekommen war, als die Taue zu kappen und auf den Strand zu treiben, von dem es durch eine Untiefe voller Klippen getrennt war. Jede Woge, die sich an der Küste brach, drang brüllend bis in den Hintergrund der Buchten und warf dort Strandsteine mehr als fünfzig Fuß weit auf das Land; dann wieder zurückweichend, deckte sie einen großen Theil des Uferbettes auf, dessen Kiesel sie unter rauhem und furchtbarem Getöse mit sich fortrollte. Das vom Sturm empörte Meer schwoll mit jedem Augenblicke mehr an, und der ganze Kanal zwischen dieser Insel und der Insel Ambra war nichts als eine ungeheure weiße Schaumfläche, von schwarzen und tiefen Wogen durchhöhlt. Dieser Schaum häufte sich in dem Hintergrunde der Buchten zu mehr als sechs Fuß Höhe an, und der Wind, der seine Oberfläche wegfegte, trug ihn über den steilen Abhang des Ufers weiter als eine halbe Meile in das Land hinein. Nach seinen weißen und unzähligen Flocken, welche in horizontaler Richtung bis an den Fuß der Berge gejagt wurden, hätte man glauben können, es komme von der See her ein Schneesturm. Der Horizont bot alle Anzeichen eines lange andauernden Sturmes dar; das Meer schien mit dem Himmel in Eins verschmolzen. Unaufhörlich traten Wolken von schrecklichem Ansehn hervor und jagten mit der Schnelligkeit eines Vogels über unseren Köpfen weg, während andere unbeweglich schienen wie große Felsenmassen. Nicht ein einziges blaues Fleckchen gewahrte man am Firmamente; nur ein olivengelber, bleicher Schein erhellte alle Gegenstände der Erde, des Meeres und des Himmels.

Durch das Schwanken des Schiffes geschah, was man fürchtete. Die Kabeltaue des Vordertheils rissen, und da es nur noch durch ein einziges gehalten wurde, so ward es in halber Kabellänge vom Ufer an die Felsen geworfen. Ein Schrei des Schmerzes erscholl unter uns. Paul wollte sich in's Meer stürzen, allein ich hielt ihn am Arme fest. »Mein Sohn«, sagte ich zu ihm, »willst du denn umkommen?« – »Ich muß ihr zu Hülfe«, rief er, »oder ich sterbe!« Da die Verzweiflung ihm die Besinnung benahm, so banden wir ihm, Domingo und ich, ein langes Seil um die Mitte, dessen eines Ende wir ergriffen. Paul drang gegen den Saint-Geran vor, bald schwimmend, bald auf den Riffen hin laufend. Bisweilen hatte er Hoffnung, ihn zu erreichen; denn das Meer ließ bei seinen unregelmäßigen Bewegungen das Schiff fast auf dem Trockenen zurück, dergestalt, daß man den Weg zu ihm hätte zu Fuße machen können. Indem es aber bald darauf mit erneuter Wuth zurückkam, bedeckte es das Schiff mit ungeheuren Wasserwogen, die den ganzen Vordertheil seines Kiels in die Höhe hoben und den unglücklichen Paul, mit blutenden Beinen, gequetschter Brust und halb ertrunken, weit auf das Ufer zurückwarfen. Aber kaum hatte der Jüngling den Gebrauch seiner Sinne wieder erlangt, so sprang er empor und kehrte mit neuem Eifer gegen das Schiff zurück, das indessen in Folge der furchtbaren Stöße des Meers zu bersten begann. Die ganze Mannschaft des Schiffes, an ihrer Rettung nunmehr verzweifelnd, stürzte sich haufenweise in's Meer, Segelstangen, Planken, Hühnerkäfige, Tische und Tonnen zur Rettung benutzend. Da sah man eine Erscheinung, die ewiges Mitleid verdiente: ein junges Mädchen auf der Galerie des Hintertheils vom Saint-Geran, die Arme ausstreckend nach Demjenigen, der alle seine Kräfte anstrengte, zu ihr zu gelangen. Es war Virginie. Sie hatte den Geliebten an seiner Unerschrockenheit erkannt. Der Anblick dieser liebenswürdigen Gestalt, die einer so furchtbaren Gefahr ausgesetzt war, erfüllte uns Alle mit Schmerz und Verzweiflung. Virginie selbst zeigte eine edle und sichere Haltung und machte eine Bewegung mit der Hand gegen uns hin, als wollte sie uns ein ewiges Lebewohl sagen. Alle Matrosen hatten sich in's Meer gestürzt. Nur noch ein einziger war auf dem Verdecke zurück geblieben; er war ganz entkleidet und nervig wie ein Herkules. Ehrerbietig trat er zu Virginien heran: wir sahen, wie er sich auf die Kniee vor ihr niederwarf und sich bemühte, ihr die Kleider abzuziehen; sie aber wies ihn mit Würde zurück und wandte den Blick von ihm weg. Alsbald hörte man das verdoppelte Geschrei Aller, die es mit ansahen: »Rette sie! rette sie! verlaß sie nicht!« Aber in demselben Augenblicke drängte sich ein Wasserberg von entsetzlicher Größe zwischen die Insel Ambra und die Küste ein und wälzte sich brüllend auf das Schiff zu, das er mit seinen schwarzen Flanken und seinen schäumenden Spitzen bedrohte. Bei diesem schreckenerregenden Anblick stürzte sich der Matrose allein in's Meer, und Virginie, die den unvermeidlichen Tod vor Augen sah, legte die eine Hand an ihre Kleider, die andere auf ihr Herz, und mit heitern Augen nach oben blickend, schien sie ein Engel, der seinen Flug gen Himmel nimmt.

O fürchterlicher Tag! Ach, Alles ward von der Woge verschlungen. Weithin auf das Land schleuderte sie viele von den Zuschauern, welche, von menschlicher Theilnahme getrieben, sich Virginien zu weit genähert hatten, so wie auch den Matrosen, der sie schwimmend hatte retten wollen. Dieser, eben erst einem fast gewissen Tode entronnen, kniete auf dem Sand nieder und rief: »O mein Gott! Du hast mir das Leben gerettet; aber von ganzem Herzen hätte ich es für jenes edle Fräulein hingegeben, das sich nicht entkleiden wollte wie ich.« Domingo und ich zogen den unglücklichen Paul, bewußtlos und aus Mund und Ohren blutend, aus den Wellen. Der Gouverneur ließ ihn den Händen der Wundärzte übergeben, indeß wir gingen, längs dem Strande nachzusehen, ob das Meer nicht den Körper Virginiens heranspülen würde. Da sich aber der Wind plötzlich gedreht hatte, wie das bei Orkanen der Fall ist, so erregte uns der Gedanke Schmerz, daß wir diesem unglücklichen Mädchen nicht einmal die Pflichten der Bestattung würden erweisen können. Niedergedrückt von Traurigkeit, entfernten wir uns von dem Orte. Alle waren wie von einem einzigen Verluste ergriffen, bei einem Schiffbruch, in dem doch so viele Menschenleben umgekommen waren, ja die Meisten zweifelten nach dem traurigen Ende eines so tugendhaften Mädchens an der Existenz einer Vorsehung; denn es giebt so furchtbare und so unverdiente Leiden, daß selbst die Zuversicht des Weisen davon erschüttert wird.

Inzwischen hatte man Paul, der allmählig wieder zur Besinnung kam, in ein nahes Haus gebracht, bis er in dem Zustande wäre, nach seiner Wohnung geschafft werden zu können. Ich selbst begab mich mit Domingo dahin, um die Mutter Virginiens und deren Freundin auf das unselige Ereigniß vorzubereiten. Als wir am Eingange in's Thal des Latanenflusses waren, begegneten wir Schwarzen, die uns sagten, daß das Meer in der gegenüberliegenden Bucht viele Trümmer des Schiffes auswürfe. Wir eilten sogleich hinab, und einer der ersten Gegenstände, die ich am Ufer bemerkte, war der Leichnam Virginiens. Sie lag, halb vom Sand verdeckt, da, in derselben Stellung, in welcher wir sie hatten verschwinden sehen. Ihre Züge waren nur unmerklich verändert. Ihre Augen waren geschlossen, aber noch ruhte die Heiterkeit auf ihrer Stirne, und nur auf ihren Wangen vermischten sich die blassen Veilchen des Todes mit den Rosen der Scham. Eine ihrer Hände lag auf ihren Gewändern; die andere, die sie gegen ihr Herz gedrückt hielt, war fest geschlossen und erstarrt. Nur mit Mühe konnte ich eine kleine Kapsel daraus los machen. Aber wie groß war mein Erstaunen, als ich sah, daß es Pauls Bildniß war, das sie Zeitlebens nie von sich zu lassen ihm einst versprochen hatte. Bei diesem letzten Beweise von der Treue und Liebe dieses unglücklichen Mädchens mußte ich bitterlich weinen. Domingo schlug sich an die Brust und zerriß die Luft mit seinem Klagegeschrei. Wir trugen den Körper Virginiens in eine Fischerhütte und übergaben ihn der Obhut armer malabarischer Weiber, welche die Sorge, ihn zu waschen, übernahmen.

Während diese das traurige Geschäft vollzogen, stiegen wir bebend zur Pflanzung empor. Wir fanden daselbst Frau von Latour und Margarethe im Gebete begriffen, indem sie auf Nachrichten über das Schiff warteten. Sobald Frau von Latour meiner ansichtig wurde, schrie sie auf: »Wo ist meine Tochter, meine geliebte Tochter, mein Kind!« Da sie nach meinem Stillschweigen und meinen Thränen nicht mehr an dem Verlust derselben zweifeln konnte, so wurde sie plötzlich von krampfhaften Beklemmungen ergriffen; ihre Stimme ließ nur noch tiefe Seufzer und Schluchzen wahrnehmen. Auch Margarethe rief: »Wo ist mein Sohn? Ich sehe meinen Sohn ja nicht!« und wurde ohnmächtig. Wir eilten ihr zu Hülfe, und nachdem wir sie wieder zu sich gebracht hatten, gab ich ihr die Versicherung, daß Paul am Leben sei und der Gouverneur Sorge für ihn trage. Kaum hatte sie sich ein wenig gefaßt, so war sie um ihre arme Freundin beschäftigt, die von Zeit zu Zeit in lang anhaltende Ohnmachten fiel. Unter diesen schrecklichen Anfällen brachte Frau von Latour die ganze Nacht zu, und aus der langen Dauer derselben habe ich erkannt, daß kein Schmerz dem Schmerz einer Mutter gleichkommt. Wenn ihr Bewußtsein wiederkehrte, so wendete sie starr und vorwurfsvoll ihre Blicke gen Himmel. Vergebens drückten wir, ihre Freundin und ich, ihr die Hände; vergebens nannten wir sie bei den zärtlichsten Namen, sie schien unempfindlich für diese Zeichen unserer alten Freundschaft, und ihrer bedrängten Brust entstiegen nur dumpfe Seufzer.

Mit dem frühen Morgen brachte man Paul in einem Tragbett herbei; den Gebrauch seiner Sinne hatte er wiedergewonnen, aber er konnte nicht ein Wort hervorbringen. Seine Zusammenkunft mit seiner Mutter und Frau von Latour, vor der mir anfangs bange war, brachte eine bessere Wirkung hervor als alle Sorgfalt, die ich ihm bisher hatte angedeihen lassen. Ein Strahl von Trost zeigte sich auf dem Angesichte der beiden unglücklichem Mütter. Sie setzten sich beide neben ihn, schlossen ihn in ihre Arme, küßten ihn; und ihre Thränen, die bis jetzt von dem Uebermaße ihres Schmerzes zurückgehalten worden waren, begannen nun zu fließen. Paul mischte bald die seinigen damit. Nachdem sich solcherweise die Natur bei allen Dreien Erleichterung verschafft hatte, folgte eine lange Erschlaffung auf den krampfhaften Zustand ihres Schmerzes und verschaffte ihnen eine lethargische, man kann wohl sagen, todähnliche Ruhe.

Herr von Labourdonnays hatte mich insgeheim benachrichtigen lassen, daß die Leiche Virginiens auf seine Anordnung nach der Stadt geschafft worden sei, von wo man sie nach der Kirche der Pompelmusen bringen wolle. Sogleich begab ich mich nach Port-Louis hinab, wo ich Einwohner aus allen Theilen der Insel versammelt fand, um der Bestattung Virginiens beizuwohnen, gleich als ob die Insel in ihr all ihr Theuerstes verloren hätte. Die Schiffe im Hafen hatten ihre Raaen gekreuzt, ihre Flaggen aufgezogen und lösten in langen Zwischenräumen die Kanonen.  Grenadiere eröffneten den Zug. Sie trugen ihre Flinten zur Erde gesenkt. Ihre Trommeln, mit langen schwarzen Flören verhüllt, ließen nur gedämpfte Laute vernehmen, und man gewahrte Trauer auf den Gesichtern dieser Krieger, die so manchesmal dem Tode in der Schlacht ungetrübt die Stirn geboten hatten. Acht junge Mädchen aus den angesehensten Familien der Insel, – in weißen Kleidern und mit Palmenzweigen in den Händen, trugen die mit Blumen bedeckte Leiche ihrer tugendhaften Gespielin. Ein Chor von Kindern folgte, Hymnen singend; nach diesen kam, was es an angesehenen Einwohnern auf der Insel, so wie im Generalstabe gab, in dessen Reihen der Gouverneur einher schritt; eine Menge Volks beschloß den Zug.

Solches war die Feierlichkeit, welche die Behörde angeordnet hatte, um der Tugend Virginiens einige Ehre zu erweisen. Als man aber mit der Leiche am Fuße dieses Berges angelangt war und jene selben Hütten erblickte, deren Glück sie so lange gewesen, und die nun ihr Tod mit Verzweiflung erfüllte: da gerieth der ganze Trauerzug in Unordnung. Die Hymnen und Gesänge verstummten, man hörte auf der ganzen Ebene nur Seufzen und Schluchzen. Aus den benachbarten Wohnungen sah man Schaaren junger Mädchen herbeieilen, um mit Kopftüchern, mit Rosenkränzen und Blumengewinden den Sarg Virginiens zu berühren, indem sie sie wie eine Heilige anriefen. Die Mütter baten Gott um eine Tochter gleich ihr; die jungen Männer um eben so treue Geliebte; die Armen um eine eben so wohlwollende Freundin; die Sklaven um eine gleich gute Herrin.

Als man auf dem Begräbnißplatze angekommen war, stellten Negerinnen von Madagascar und Kaffernweiber von Mozambique Körbe mit Früchten um die Leiche her und hingen nach der Sitte ihres Landes Stücke Zeugs an die umstehenden Bäume. Indierinnen aus Bengalen und von der malabarischen Küste brachten Käfige herbei mit Vögeln, denen sie an ihrem Sarge die Freiheit schenkten. So große Theilnahme erweckt der Verlust eines liebenswürdigen Wesens bei allen Völkern! und so groß ist die Macht der unglücklichen Tugend, da sie alle Religionen um ihren Grabeshügel vereinigt!

Man mußte Wachen neben das offene Grab stellen und einige Töchter armer Einwohner davon entfernen, die sich mit aller Gewalt hineinstürzen wollten, weil, wie sie sagten, sie keinen Trost mehr auf der Welt zu hoffen hätten, und ihnen nichts übrig bliebe, als mit derjenigen, die ihre einzige Wohlthäterin gewesen, zu sterben.

Sie wurde neben der Kirche der Pompelmusen, auf der westlichen Seite derselben, unter einem Bambusgebüsche beerdigt, wo sie, mit ihrer Mutter und Margarethen zur Messe gehend, so gern an der Seite Dessen ausgeruht hatte, den sie damals ihren Bruder nannte.

Auf dem Rückweg von der Bestattungsfeier kam Herr von Labourdonnays mit einem Theile seines zahlreichen Gefolges hier herauf. Er bot Frau von Latour und ihrer Freundin alle Hülfe an, die in seinen Kräften stände. In wenigen Worten, aber mit Entrüstung sprach er sich über ihre unnatürliche Tante aus, und an Paul herantretend, sagte er diesem, was er zu seinem Troste für geeignet hielt. »Ich wollte«, sagte er zu ihm, »Ihr und Ihrer Familie Glück, dessen ist Gott mein Zeuge. Lieber Freund, Sie müssen nach Frankreich; ich werde Ihnen dort eine Anstellung verschaffen. Für Ihre Mutter werde ich in Ihrer Abwesenheit sorgen wie für meine eigene.« Und dabei reichte er ihm die Hand hin. Aber Paul zog die seinige zurück und wandte den Kopf weg, um ihn nicht zu sehen.

Ich selbst blieb in der Wohnung meiner unglücklichen Freundinnen, um ihnen sowohl als Paul alle die Hülfe zu gewähren, deren ich fähig war. Am Ende von drei Wochen konnte Paul wieder gehen; aber sein Gram schien sich in dem Maße zu verstärken, als sein Körper an Kräften zunahm. Er war unempfindlich gegen Alles; seine Blicke waren erloschen und er erwiederte kein Wort auf alle Fragen, die man an ihn richtete. Frau von Latour, die in Todesängsten war, sagte oftmals zu ihm: »Mein Sohn, so lange ich dich noch sehe, werde ich glauben, meine theure Virginie zu sehen.« Bei dem Namen Virginie schauerte er und entfernte sich, ungeachtet der Zusprache seiner Mutter, die ihn bat bei ihrer Freundin zu bleiben. Er zog sich einsam in den Garten zurück und setzte sich unter Virginiens Cocosbaum, die Augen starr auf ihren Brunnen gerichtet. Der Arzt des Gouverneurs, der sich seiner wie der beiden Frauen mit der größten Sorgfalt annahm, sagte uns, daß wir ihn, um ihn seiner düstern Schwermuth zu entziehn, durchaus Alles thun lassen müßten, was ihm beliebte, ohne ihm in irgend etwas hinderlich zu sein; dies sei das einzige Mittel, das Schweigen, in dem er unverbrüchlich verharrte, zu überwinden.

Ich beschloß, seinen Rath zu befolgen. Sobald Paul seine Kräfte wieder ein wenig hergestellt fühlte, war der erste Gebrauch, den er davon machte, daß er sich von der Wohnung entfernte. Da ich ihn nie aus den Augen verlor, so ging ich ihm nach und befahl Domingo, Lebensmittel zu holen und uns zu begleiten. Wie er weiter und weiter den Berg hinabstieg, schienen seine Munterkeit und seine Kräfte neu aufzuleben. Er schlug zuerst den Weg zu den Pompelmusen ein, und als er, nahe der Kirche, in der Bambusallee war, ging er gerade auf die Stelle zu, wo er frisch aufgeworfene Erde sah. Dort kniete er nieder und verrichtete, mit gen Himmel erhobenen Augen, ein langes Gebet. Sein Benehmen schien mir von guter Vorbedeutung für die Rückkehr seiner Vernunft zu sein, weil dieses Zeichen von Vertrauen zu dem höchsten Wesen erkennen ließ, daß seine Seele wieder ihre natürlichen Verrichtungen zu übernehmen begann. Domingo und ich ließen uns, nach seinem Vorgange, ebenfalls auf die Kniee nieder und stimmten in sein Gebet ein. Endlich erhob er sich und nahm, ohne weiter viel auf uns zu achten, seine Richtung nach dem Norden der Insel. Da mir wohl bekannt war, daß er nicht allein nicht wußte, wo man den Körper Virginiens hingelegt hatte, sondern nicht einmal, ob er überhaupt dem Meere entrissen sei, so fragte ich ihn, warum er unter diesen Bambussen zu Gott gebetet hätte. Er antwortete: »Wir sind so oft mit einander dort gewesen!«

Er schritt immer weiter bis zum Eingang in den Wald, wo die Nacht uns überraschte. Dort bewog ich ihn durch mein Beispiel, einige Nahrung zu sich zu nehmen; dann legten wir uns unter einem Baum auf den Rasen zum Schlafe nieder. Am andern Tage, glaubte ich, würde er sich entschließen, wieder umzukehren. Wirklich betrachtete er in der Ebene eine Zeit lang die Kirche der Pompelmusen mit ihren langen Bambusalleen und machte einige Bewegungen, wie um dahin zurückzukehren; plötzlich aber schritt er in die Tiefe des Waldes hinein, immer die Richtung nach Norden verfolgend. Ich durchschaute seine Absicht und bemühte mich vergebens, ihn davon abzuziehn. Gegen Mittag langten wir im Goldstaubviertel an. Hastig stieg er zum Ufer des Meeres hinab, dem Orte gegenüber, wo der Saint- Geran versunken war. Als er die Insel Ambra und den Kanal erblickte, der nun glatt wie ein Spiegel dalag, rief er aus: »Virginie! o meine theure Virginie!« und alsbald fiel er in Ohnmacht. Domingo und ich trugen ihn in den Wald hinein, wo wir ihn mit vieler Mühe wieder zu sich selbst brachten. Sobald er seiner Sinne wieder mächtig war, wollte er an den Strand zurückkehren; da wir ihn aber dringend baten, seinen und unseren Schmerz nicht wieder durch so schreckliche Rückerinnerungen zu erneuern, schlug er eine andere Richtung ein. Kurz, während acht Tagen besuchte er alle die Orte, wo er einst mit der Gefährtin seiner Kindheit verweilt hatte. Er verfolgte den Weg, den sie gegangen war, um für die Sklavin vom schwarzen Flusse um Gnade zu bitten; dann besuchte er die Ufer des Flusses der drei Brüste, wo sie, unfähig weiter zu gehen, sich niedergesetzt hatte, und den Theil des Waldes, wo sie sich verirrt hatten. Alle Stellen, die ihn an die Besorgnisse, die Spiele, die Mahlzeiten, die Wohlthätigkeit seiner Vielgeliebten erinnerten: der Fluß des langen Gebirges, meine kleine Behausung, der nahe Wasserfall, der Melonenbaum, den sie gepflanzt hatte, die Rasenplätze, wo sie so oft herumgesprungen, die Kreuzwege im Walde, wo sie so gerne sang, alle der Reihe nach bewegten ihn zu Thränen, und dieselben Echo's, welche so oft von ihren gemeinschaftlichen Freuderufen wiedergehallt hatten, gaben jetzt nur die schmerzvollen Worte: »Virginie, o meine theure Virginie!« zurück.

Bei diesem wilden und herumschweifenden Leben wurden seine Augen tiefliegend, seine Hautfarbe gelblich und seine Gesundheit mehr und mehr wankend. In der Ueberzeugung, daß sich unsere Leiden durch die Rückerinnerung an unsere frohen Tage verdoppeln, und daß die Leidenschaften in der Einsamkeit an Stärke zunehmen, beschloß ich, meinen unglücklichen jungen Freund von den Orten zu entfernen, die ihm seinen Verlust immer neu in das Gedächtniß zurück riefen, und ihn in irgend eine andere Gegend der Insel zu bringen, wo er hinreichende Zerstreuung fände. Zu diesem Zwecke führte ich ihn auf die bewohnten Anhöhen des Williamsviertels, wo er noch nie gewesen war. Landbau und Handel verbreiteten in diesem Theile der Insel viel Regsamkeit und Abwechselung. Es gab dort sehr viele Zimmerleute, welche die Baumstämme zu hauten, andere, die sie zu Brettern und Bohlen sägten; Kutschen fuhren ab und zu auf der Landstraße; zahlreiche Heerden von Pferden und Rindern weideten auf den ausgedehnten Weideplätzen, und die Flur war mit Häusern wie besäet. Die Erhöhung des Bodens gestattete dort an mehreren Stellen den Anbau verschiedener Arten europäischer Gewächse. Man sah hie und da Kornfelder auf der Ebene, Teppiche von Erdbeerpflanzen auf den freien Plätzen im Walde und Rosenhecken an den Wegen. Die Frische der Luft selbst, die den Nerven Spannung verlieh, war der Gesundheit der Weißen zuträglich. Von jenen Höhen aus, die nach der Mitte der Insel zu lagen und von großen Waldungen umgeben waren, konnte man weder das Meer, noch Port-Louis, noch die Kirche der Pompelmusen, noch irgend etwas erblicken, was Paul an Virginien erinnern konnte. Die Berge selbst, die in der Gegend von Port-Louis verschiedene Zweige darstellen, bilden in der Gegend der Ebenen von Williams nur ein langes Vorgebirge, das sich in grader Linie hinzieht und senkrecht abschneidet, überragt von mehreren hohen Felsenpyramiden, um welche sich die Wolken sammeln.

Auf diese Ebenen nun führte ich Paul. Ich hielt ihn unaufhörlich in Bewegung, wanderte mit ihm in Sonnenschein und Regen, bei Tag und bei Nacht, und führte ihn oftmals in den Wäldern, auf den frisch umbrochenen Aeckern, in den Feldern absichtlich irre, um seinen Geist durch die körperliche Ermüdung zu zerstreuen und seinen Gedanken durch die Fremdheit des Ortes, wo wir uns befanden, und das Verlieren des rechten Weges eine andre Richtung zu geben. Aber die Seele eines Liebenden findet überall die Spuren des geliebten Gegenstandes auf. Die Nacht wie der Tag, die Ruhe der Einöden, wie das Geräusch bewohnter Oerter, ja die Zeit selbst, die doch so viele Erinnerungen hinwegwischt, nichts ist im Stande, ihn davon zu scheiden. Gleich der vom Magnete berührten Nadel kann seine Seele hin und her bewegt werden; sobald sie aber wieder zur Ruhe kommt, kehrt sie sich dem Pole zu, der sie anzieht. Wenn wir uns mitten in den Ebenen von Williams verirrt hatten, und ich Paul fragte: »Wo sollen wir uns nun hinwenden?« so zeigte er gegen Norden und sagte zu mir: »Da liegen unsere Berge; laßt uns dorthin zurückkehren.«

Ich sah nun wohl, daß alle Mittel, die ich versuchte, um ihn zu zerstreuen, vergeblich waren, und daß mir kein anderer Ausweg übrig blieb, als seine Leidenschaft in der Wurzel anzugreifen und dabei alle Kräfte meiner Vernunft, so schwach sie auch sein mochten, anzustrengen. Ich antwortete ihm also: »Ja, dort liegen die Berge, wo deine theure Virginie weilte, und hier ist das Bildniß, das du ihr einst gegeben und das sie sterbend auf ihrem Herzen trug, dessen letzte Schläge noch dir galten.« Ich hielt Paul hierbei das kleine Bild vor, das er Virginien am Rande des Brunnens bei den Cocospalmen gegeben hatte. Bei diesem Anblick leuchtete eine wehmüthige Freude in seinen Blicken auf. Begierig langte er mit seinen schwachen Händen darnach und führte es zum Munde. Dann beklomm es ihm die Brust und in seinen mit Blut unterlaufenen Augen standen Thränen, die nicht zu fließen vermochten.

Ich sprach weiter: »Mein Sohn, höre mich, der ich dein Freund bin, der ich Virginiens Freund war, und der ich, in der Blüthe deiner Hoffnungen, mich so oft bemüht habe, deine Vernunft gegen die unvorhergesehenen Zufälle des Lebens zu festigen. Was beweinst du mit so bitterem Schmerz, dein eigenes Unglück oder das Virginiens?

Dein Unglück? Ja, ohne Zweifel, es ist groß. Du hast das liebenswürdigste aller Mädchen verloren, welches die würdigste der Gattinnen geworden wäre. Sie hatte ihre Ansprüche den deinen geopfert und dich dem Glücke vorgezogen, als die einzige Belohnung ihrer Tugend. Weißt du aber, ob sie, von der du ein so reines Glück zu erwarten hattest, nicht für dich die Quelle unendlicher Leiden geworden wäre? Sie war ohne Vermögen und enterbt; du hattest fortan nichts mit ihr zu theilen, als was du durch deiner Hände Arbeit erwarbst. In Folge ihrer Erziehung empfindlicher zurückgekommen, und doch muthvoller gerade in Folge ihres Unglücks, würdest du sie jeden Tag haben erliegen sehen unter der Anstrengung, dir deine Beschwerden tragen zu helfen. Hätte sie dir Kinder geboren, so würden deine und ihre Leiden sich noch vermehrt haben durch die Schwierigkeit, allein mit dir zwei ergreisende Mütter und eine anwachsende Familie zu ernähren.

Du wirst mir einwenden: der Gouverneur hätte uns unterstützt. Weißt du denn, ob du in einer Kolonie, die so oft ihre Vorgesetzten wechselt, immer einen Labourdonnays haben wirst? ob nicht einmal ein unsittlicher und gewissenloser Befehlshaber kommen werde? ob nicht dann, um irgend eine kärgliche Unterstützung zu erlangen, deine Gattin genöthigt sein würde, ihm ihre Aufwartung zu machen? Entweder wäre sie schwach, und dann würdest du nur zu beklagen sein; oder sie wäre sittsam, dann würdet ihr arm bleiben, ja du hättest noch von Glück zu sagen, wenn du wegen der Schönheit und Tugend deiner Frau nicht noch verfolgt würdest von dem, dessen Schutz du erwartetest!

Es bliebe mir, wirst du sagen, immer noch das von äußern Umständen unabhängige Glück, den geliebten Gegenstand, der sich nach Verhältniß seiner Schwäche an uns kettet, zu beschützen, ihn durch meine Besorgnisse um seinetwillen zu trösten, durch meine Traurigkeit darüber zu erfreuen und unsere Liebe durch unsere gegenseitigen Leiden zu steigern. Ohne Zweifel erfreuen sich Tugend und Liebe dieses bittersüßen Glückes; aber sie ist nicht mehr, und es bleibt dir nur noch das, was sie nach dir am innigsten liebte: ihre und deine Mutter, die dein untröstlicher Gram an den Rand des Grabes führen wird. Setze dein Glück darein, ihnen beizustehn, wie sie selbst es darein gesetzt hat. Wohlzuthun, mein Sohn, ist die Glückseligkeit der Tugend; es giebt keine gewissere und keine größere auf Erden. Weitgehende Entwürfe zu Vergnügen zur Ruhe, zu Genüssen, zu Reichthum und Ruhm ziemen sich nicht für den gebrechlichen, unstäten und vergänglichen Menschen. Sieh, wie ein Schritt um Glücksgüter willen uns alle von Abgrund zu Abgrund geführt hat! Du hast dich dem widersetzt, das ist wahr; aber wer hätte nicht glauben sollen, daß die Reise Virginiens zu ihrem und deinem Vortheil ausschlagen müßte? Die Einladungen einer reichen und bejahrten Verwandten, die Rathschläge eines welterfahrnen Gouverneurs, die Zustimmung einer ganzen Kolonie, die Ermahnungen und das Ansehen eines Priesters haben über Virginiens Unglück entschieden. So rennen wir in unser Verderben, getäuscht durch die Klugheit Derer, die uns zu unserem Vortheil lenken wollen. Es wäre ohne Zweifel besser gewesen, ihnen nicht zu glauben, und sich nicht zu verlassen auf die Stimme und die Hoffnungen einer trügerischen Welt. Aber recht betrachtet: wo giebt es von so vielen Menschen, die wir in diesen Ebenen beschäftigt sehen, von so vielen andern, welche in Indien ihr Glück suchen, oder die, ohne die Heimath zu verlassen,  in Europa die Früchte der Arbeiten dieser hier in Ruhe genießen irgend einen, dem nicht das Schicksal einst das, was er am meisten liebt, entrisse: hohe Stellung, Reichthum, Frau, Kinder und Freunde? Und die Meisten werden bei ihrem Verlust auch noch das Bewußtsein ihrer Unklugheit haben. Was dich betrifft, so hast du dir, wenn du dein Inneres prüfst, nichts vorzuwerfen; denn du bist deinen Worten treu geblieben. Du hast in der Blüthe deiner Jugend die Klugheit eines Weisen gezeigt und dich nicht vom Wege der Natur entfernt. Deine Absichten allein waren rechtmäßig, denn sie waren rein, einfach, uneigennützig, und auf Virginien hattest du die heiligsten Rechte, die kein äußerer Glückszustand aufwiegen kann. Du hast sie verloren, aber weder durch deine Unbesonnenheit, noch durch Habsucht, noch durch falsche Berechnung, sondern durch Gott selbst, der es zugelassen hat, daß die Leidenschaften Anderer dich des Gegenstandes deiner Liebe beraubten; durch Gott, von dem du Alles hast, der Alles voraussieht, was dir nützen kann und dessen Weisheit dir keinen Grund zur Reue und Verzweiflung läßt, die sich stets im Gefolge selbstverschuldeter Leiden befinden.

In deinem Unglück kannst du dir sagen: Ich habe es nicht verdient. Was beweinst du also? das Unglück Virginiens, ihr Ende, ihren gegenwärtigen Zustand? Sie ist nur dem Loose anheimgefallen, das hoher Geburt, der Schönheit, ja selbst großen Reichen beschieden ist. Das Leben des Menschen mit all seinen Plänen erhebt sich wie ein kleiner Thurm, dessen Zinne der Tod ist. Indem Virginie geboren wurde, war sie schon zu sterben verurtheilt. Wie glücklich, daß sie die Bande des Lebens noch vor ihrer Mutter, vor der deinigen, ja selbst vor dir gelöst hat: das heißt, daß sie nicht mehremale gestorben ist vor dem letztenmale.

Der Tod, mein Sohn, ist eine Wohlthat für alle Menschen; er ist die Nacht zu dem Tage, den man Leben nennt. In dem Schlafe des Todes ruhen für immer die Krankheiten, die Schmerzen, der Kummer, die Befürchtungen, welche die unglücklichen Lebenden unaufhörlich beunruhigen. Prüfe die Menschen, welche die glücklichsten zu sein scheinen, und du wirst finden, daß sie ihr vorgebliches Glück sehr theuer erkauft haben, öffentliches Ansehen mit häuslichen Leiden; Reichthum mit dem Verlust ihrer Gesundheit; das so seltene Glück, geliebt zu werden, mit unaufhörlichen Opfern, und oft sehen sie, am Schlusse eines dem Nutzen Anderer gewidmeten Lebens, nur falsche Freunde und undankbare Verwandte um sich. Virginie aber ist bis zum letzten Augenblicke glücklich gewesen. Sie ist es bei uns gewesen durch die Segnungen der Natur; fern von uns durch die der Tugend; und selbst in dem furchtbaren Augenblicke, da wir sie haben untergehen sehen, war sie noch glücklich. Denn, mochte sie ihre Augen auf die Einwohner einer ganzen Kolonie richten, welche ihre Lage in allgemeine Trostlosigkeit versetzte, oder auf dich, der du ihr mit solcher Selbstvergessenheit zu Hülfe eiltest: sie hat gesehen, wie theuer sie uns Allen war. Sie hat sich gestärkt für das Kommende durch die Erinnerung an die Unschuld ihres Lebens, und hat damals den Lohn empfangen, den der Himmel der Tugend vorbehält, einen Muth, der über alle Gefahr erhaben ist. Sie hat dem Tode ein heiteres Antlitz entgegengebracht.

Lieber Sohn! Gott giebt der Tugend alle Vorgänge im Leben zu tragen, um zu zeigen, daß sie allein wahren Gebrauch davon machen und Glück und Ruhm daraus schöpfen kann. Will er ihr einen glänzenden Ruhm zu Theil werden lassen, so stellt er sie auf eine große Bühne und läßt sie mit dem Tode ringen; dann dient ihr Muth zum Vorbilde, und die Erinnerung an ihre Leiden entlockt der Nachwelt für alle Zeit den Zoll der Thränen. Dieses unvergängliche Denkmal ist ihr auf einer Erde aufbewahrt, wo sonst Alles vergeht, und wo selbst das Andenken der meisten Könige bald in ewiger Vergessenheit begraben liegt.

Aber Virginiens Dasein hat nicht aufgehört. Mein Sohn, sieh, wie Alles auf der Erde sich nur verwandelt, aber nichts verloren geht. Keine menschliche Kunst ist im Stande, auch nur das kleinste Theilchen Stoffs zu vernichten, und ein vernunftbegabtes empfindungsfähiges, liebevolles, tugendhaftes, gottergebenes Wesen sollte untergehn, wenn die Urstoffe, mit denen es bekleidet war, unzerstörbar sind? O, wenn Virginie bei uns glücklich gewesen ist, so ist sie es jetzt noch weit mehr! Es ist ein Gott, mein Sohn! die ganze Natur verkündigt ihn; ich habe nicht nöthig, ihn dir erst zu beweisen. Nur die Schlechtigkeit der Menschen läßt sie eine ewige Gerechtigkeit läugnen, die sie fürchten. Wir empfinden ihn in unserem Herzen, wie seine Werke vor unseren Augen stehen. Glaubst du denn, daß er Virginien unbelohnt läßt? Glaubst du, daß dieselbe Macht, welche diese so edle Seele mit einer so schönen Gestalt bekleidete, in welcher du eine göttliche Kunst ahnest, sie aus den Fluten nicht hätte erretten können? daß der, welcher das zeitliche Glück der Menschen durch Gesetze geordnet hat, die du nicht kennst, Virginien nicht ein höheres bereiten könne, nach Gesetzen, die dir eben so unbekannt sind? Wenn wir zu denken fähig gewesen wären, als wir uns noch im Zustande des Nichts befanden: würden wir uns wohl unser jetziges Dasein haben vorstellen können? Und nun, da wir uns in diesem trüben und flüchtigen Dasein befinden, können wir wohl voraussehen, was jenseit des Todes Statt findet, durch den wir dazu gelangen sollen? Bedarf Gott, wie der Mensch, der kleinen Kugel unserer Erde, daß sie seiner Allweisheit und Güte als Schauplatz diene? und kann er das menschliche Leben nur in den Gefilden des Todes fortpflanzen? Im ganzen großen Ocean ist nicht ein einziger Tropfen Wassers, der nicht voll lebender Wesen wäre, die auf uns Bezug haben, und es sollte nichts für uns vorhanden sein unter so vielen Gestirnen, die über unsern Häuptern dahinrollen? Wie! höchste Einsicht und göttliche Güte sollte nur grade da bestehen, wo wir sind? und auf jenen unzähligen, strahlenden Weltkörpern, in jenen unendlichen Gefilden von Licht, die sie umgeben, und welche weder Stürme noch Nächte verdunkeln, sollte nur ein leerer Raum und ein ewiges Nichts sein? Wenn wir, die wir uns nichts gegeben haben, uns unterfangen wollten, der ewigen Macht, von der wir Alles erhalten haben, Grenzen zu stecken: so könnten wir glauben, daß wir uns hier an der Grenze ihrer Herrschaft befinden, wo das Leben mit dem Tode und die Unschuld mit der Tyrannei im Kampfe liegen.

Sicherlich giebt es irgendwo eine Stätte, wo die Tugend ihren Lohn empfängt. Virginie ist jetzt glücklich. Wenn sie aus dem Aufenthaltsort der Engel sich dir mittheilen könnte, so würde sie dir, wie bei ihrem Abschiede, sagen: O Paul, das Leben ist nur eine Prüfung. Ich habe die Gebote der Natur, der Liebe und der Tugend treu erfüllt. Ich habe die Meere durchsteuert aus Gehorsam gegen die Meinigen. Ich habe dem Reichthum entsagt, um meine Treue nicht zu brechen; ich habe lieber das Leben hingegeben, als daß ich die Scham verletzte. Der Himmel hat meine Lebensbahn für hinreichend befunden. Ich bin jetzt auf ewig der Armuth, der Verleumdung, den Stürmen, dem Anblick der Leiden Anderer enthoben. Keines der Uebel, welche die Menschen erschrecken, kann mich von nun an erreichen; und du beklagst mich? Ich bin rein und unveränderbar, gleich einem Theilchen des Lichts, und du rufst mich in die Nacht des Lebens zurück? O Paul! mein Freund! gedenke jener Tage des Glücks, wo wir vom frühen Morgen an die Wonne des Himmels genossen, die sich mit der Sonne auf die Gipfel jener Felsen erhob und sich mit ihren Strahlen im Schooß unserer Wälder verbreitete. Wir empfanden ein Entzücken, dessen Ursache wir nicht begreifen konnten. In unserer unschuldigen Begierde wünschten wir ganz Auge zu sein, um uns der reichen Farben der Morgenröthe aufs vollste zu erfreuen; ganz Geruch, um die süßen Düfte unserer Pflanzen alle voll zu genießen; ganz Gehör, um die Concerte unserer Vögel ungetheilt zu vernehmen; ganz Herz, um alle diese Wohlthaten im reichsten Maße anzuerkennen. Jetzt, an der Quelle der Schönheit wohnend, von wo Alles herfließt, was auf Erden reizend ist, sieht, empfindet, vernimmt und berührt unmittelbar meine Seele das, was sie damals nur durch unvollkommene Werkzeuge wahrnehmen konnte. Ach, welche Sprache vermöchte jene Ufer eines ewigen Ostens zu beschreiben, den ich nun für immer bewohne? Alles, was eine unendliche Macht und himmlische Güte zum Trost für unglückliche Wesen hat schaffen können; Alles, was die Liebe einer unendlichen Anzahl von Wesen, die sich derselben Glückseligkeit erfreuen, in der gemeinsamen Wonne zur Harmonie bringen kann, das empfinden wir ohne störende Beimischung. So halte denn die Prüfung aus, die dir auferlegt ist, um die Glückseligkeit deiner Virginie durch eine Liebe sonder Ende, durch eine Vermählungsfeier, deren Fackeln nie verlöschen können, zu vermehren. Hier werde ich deine Klagen stillen, hier werde ich deine Thränen trocknen. O, mein Freund, mein junger Gatte, erhebe deine Seele zum Unendlichen, um die Leiden eines Augenblicks zu ertragen!«

Meine eigne Rührung hinderte mich an der Fortsetzung meiner Rede. Paul aber, mich fest anblickend, rief: »Sie ist nicht mehr! sie ist nicht mehr!« Und eine lange Ohnmacht folgte auf diese schmerzlichen Worte. Dann, wieder zu sich kommend, sagte er: »Weil der Tod ein Glück und Virginie glücklich ist, so will auch ich sterben, um mich mit Virginien zu vereinigen.« So dienten also meine Trostgründe nur dazu, seiner Verzweiflung Nahrung zu geben. Ich kam mir vor wie ein Mensch, der seinen Freund retten möchte, welcher mitten in einem Flusse zu Boden sinkt, ohne schwimmen zu wollen. Der Schmerz zog ihn ganz in seinen Abgrund hinab. Ach! die Leiden der ersten Jugend bereiten den Menschen zum Eintritt in's Leben vor, und Paul hatte deren niemals erfahren.

Ich führte ihn nach seiner Wohnung zurück. Dort fand ich seine Mutter und Frau von Latour in einem Zustande von Erschöpfung, der sich inzwischen sehr verschlimmert hatte. Margarethe war davon am meisten ergriffen. Die lebhaften Charaktere, an welchen die leichteren Sorgen abgleiten, sind diejenigen, welche großem Kummer am wenigsten widerstehen.

Sie sagte zu mir: »O mein lieber Nachbar! Diese Nacht war es mir, als sähe ich Virginie, weiß gekleidet, in Lufthainen und herrlichen Gärten wandeln. Sie sagte zu mir: Ich genieße ein beneidenswerthes Glück. Darauf näherte sie sich Paul mit lächelnder Miene und zog ihn mit sich fort. Da ich mich bemühte, meinen Sohn zurückzuhalten, so wurde ich gewahr, daß ich selbst vom Boden aufschwebte, und ich folgte ihm mit einem unaussprechlichen Entzücken. Hierauf wollte ich meiner Freundin Lebewohl sagen, und sogleich sah ich auch sie mit Marien und Domingo uns folgen. Das Seltsamste ist aber dabei, daß Frau von Latour in derselben Nacht einen von den nämlichen Umständen begleiteten Traum gehabt hat.« – Ich antwortete ihr: »Liebe Freundin, ich glaube, daß Nichts in der Welt ohne Zulassung Gottes geschieht. Bisweilen deuten Träume die Wahrheit.«

Frau von Latour gab mir nun die Erzählung eines durchaus ähnlichen Traumes, den sie in derselben Nacht gehabt hatte. Niemals hatte ich bei beiden Frauen einen Hang zum Aberglauben wahrgenommen. Ich war also von der Uebereinstimmung ihrer Träume betroffen und zweifelte bei mir selbst gar nicht mehr, daß  sie sich verwirklichen würden. Jene Ansicht, daß sich uns die Wirklichkeit bisweilen im Schlafe darstellt, ist bei allen Völkern der Erde verbreitet. Die größten Männer des Alterthums haben dieser Erscheinung Glauben geschenkt, unter anderen Alexander, Cäsar, die Scipionen, die beiden Catonen und Brutus, die doch alle keine schwachen Geister waren. Das alte wie das neue Testament liefern uns viele Beispiele von Träumen, die in Erfüllung gingen. Was mich betrifft, so brauche ich nur meine eigne Erfahrung zu fragen, und ich habe mehr als einmal gefunden, daß die Träume Fingerzeige einer höhern Einsicht sind, die sie uns giebt, weil sie Antheil an uns nimmt. Es ist allerdings etwas Unmögliches, Dinge, welche die Einsicht der menschlichen Vernunft übersteigen, mit Vernunftgründen bestreiten oder vertheidigen zu wollen. Wenn indessen die Vernunft des Menschen nur ein Ebenbild der göttlichen ist, da der Mensch auch die Kraft hat, seine Absichten durch geheime oder verborgene Mittel bis an's Ende der Welt gelangen zu lassen, warum sollte die Einsicht, welche das Weltall regiert, nicht ähnliche Mittel zu demselben Zweck anwenden? Ein Freund tröstet seinen Freund durch einen Brief, welcher viele Königreiche durchwandert, mitten durch feindliche Nationen hindurch weiter befördert wird, und anlangt, um einem einzigen Menschen Freude und Hoffnung zu bringen, warum sollte der höchste Beschützer der Unschuld nicht auf unerkanntem Wege einer tugendhaften Seele, die ihr Vertrauen einzig und allein auf ihn setzt, zu Hülfe kommen können? Hat er nöthig, sich irgend eines äußeren Mittels zu bedienen, um seinen Willen zu vollziehen, er, der in allen seinen Werken unaufhörlich durch eine innere Thatkraft handelt?

Warum also Träume durchaus bezweifeln? das Leben, mit so vielen vorübergehenden und eitlen Plänen erfüllt, ist es etwas Anderes, als ein Traum?

Wie dem auch sei, genug, die Träume meiner unglücklichen Freundinnen gingen bald in Erfüllung. Paul starb zwei Monate nach dem Tode seiner theuren Virginie, deren Namen er unablässig auf den Lippen führte. Margarethe sah acht Tage nach dem Tode ihres Sohnes ihr Ende mit einer Freude herankommen, die zu empfinden nur der Tugend eigen ist. Sie nahm von Frau von Latour den zärtlichsten Abschied in der Hoffnung, wie sie sagte, einer süßen und ewigen Wiedervereinigung. »Der Tod«, fügte sie hinzu, »ist das größte der Güter, man muß ihn herbeisehnen. Wenn das Leben eine Strafe ist, so muß man ihr Ende wünschen; ist es eine Prüfung, so muß man bitten, daß sie kurz sei.«

Die Statthalterschaft übernahm die Sorge für Domingo und Marie, die nicht mehr im Stande waren, zu dienen, und die ihre Gebieterinnen nicht lange überlebten. Der arme Fidele starb an Entkräftung fast in derselben Zeit wie sein Herr.

Ich nahm Frau von Latour, die bei so furchtbaren Verlusten eine unglaubliche Seelengröße bewies, zu mir in mein Haus. Sie hatte Paul und Margarethe bis zum letzten Augenblicke getröstet, als hätte sie selbst nur deren Unglück zu tragen. Als sie sie nicht mehr sah, sprach sie mit mir täglich von ihnen wie von geliebtem Freunden in der Nachbarschaft. Sie überlebte sie indessen nur einen Monat. In Bezug auf ihre Tante war sie weit entfernt, sie; als die Ursache ihrer Leiden anzuklagen, sie bat Gott vielmehr, ihr zu verzeihen und die schreckliche Seelenangst zu lindern, in welche sie, wie wir erfuhren, unmittelbar, nachdem sie Virginien auf so unmenschliche Weise zurückgeschickt hatte, verfallen war.

Diese unnatürliche Verwandte trug die Strafe ihrer Härte nicht lange. Ich erfuhr von mehreren Schiffen, die nach einander ankamen, daß sie an Zufällen litt, die ihr das Leben wie den Tod gleich unerträglich machten. Bald machte sie sich das vorzeitige Ende ihrer liebenswürdigen Großnichte und den Tod ihrer Mutter, der bald darauf erfolgt war, zum Vorwurf; bald freute sie sich darüber, zwei Unglückliche von sich entfernt zu haben, die, wie sie sagte, durch die Niedrigkeit ihrer Neigungen der Familie nur Schande gemacht hätten. Bisweilen gerieth sie in Wuth beim Anblick der vielen Unglücklichen, von denen Paris erfüllt ist, und rief aus: »Warum schickt man diese Müßiggänger nicht in unsere Kolonien, damit sie dort zu Grunde gehen?« Dazu behauptete sie, die von allen Völkern angenommenen Ideen von Menschlichkeit, Tugend, Religion seien nur Erfindungen der Politik ihrer Fürsten. Dann warf sie sich plötzlich in das entgegengesetzte Extrem und überließ sich abergläubischen Einschüchterungen, die sie mit tödtlichem Schrecken erfüllten. Sie brachte reichen Mönchen, die sie unter ihrer Leitung hielten, verschwenderische Almosen, und flehte sie an, die Gottheit durch die Opfergaben von ihrem Reichthum zu versöhnen, als wenn Gaben, die sie den Unglücklichen versagt hatte, dem Vater der Menschen gefallen könnten! Oft führten ihre Einbildungen ihr feurige Felder, glühende Berge vor, in denen scheußliche Gespenster umher irrten, mit grassem Geschrei sie beim Namen rufend. Dann warf sie sich ihren geistlichen Leitern zu Füßen und ersann für sich selbst Qualen und Strafarten; denn der Himmel, der gerechte Himmel, giebt grausamen Seelen furchtbare Religionsübungen ein.

So brachte sie mehrere Jahre zu, bald Atheistin, bald Abergläubische, und hatte gleichen Abscheu vor dem Tode wie vor dem Leben. Was aber das Ende eines so jämmerlichen Daseins beschleunigte, das war derselbe Gegenstand, dem sie ihre natürlichen Gefühle zum Opfer gebracht hatte. Sie erfuhr den Verdruß, sehen zu müssen, daß ihr Vermögen nach ihrem Ableben auf Verwandte übergehen würde, die sie haßte. Sie suchte also den besten Theil desselben zu veräußern; Jene aber, die Krampfanfälle, denen sie unterworfen war, zu ihrem Vortheil benutzend, ließen sie als verrückt einsperren und ihr Vermögen unter Aufsicht stellen. So vollendete denn ihr Reichthum ihr Verderben. Und wie dieser das Herz seiner Besitzerin verhärtet hatte, ebenso entstellte er zur Unnatur die Herzen derjenigen, welche so gierig darnach verlangten. So starb sie, und was den Gipfel ihres Leidens ausmachte, sie starb mit hinlänglichem Gebrauche ihrer Vernunft, um zu erkennen, daß sie von denselben Personen, deren Meinungen sie ihr ganzes Leben lang beherrscht hatte, ausgeplündert und verachtet wurde.

Unter dasselbe Rohrgebüsch hat man neben Virginien ihren Freund Paul bestattet, und um sie her ihre zärtlichen Mütter, nebst ihren treuen Dienern. Man hat auf ihren bescheidenen Rasenhügeln keinen Marmorstein errichtet, keine Inschriften auf ihre Tugenden eingegraben, aber ihr Andenken steht unverlöschbar in den Herzen derer, die sie sich zu Dank verpflichtet haben. Ihre Schatten bedürfen nicht des Glanzes, den sie selbst im Leben vermieden, aber wenn sie noch irgend Theil nehmen an dem, was auf der Erde vorgeht, so werden sie ohne Zweifel gern unter dem Dache jener Hütten verweilen, welche die arbeitsame Tugend bewohnt; werden gern die mit ihrem Loose hadernde Armuth trösten; gern in jungen Liebenden eine ausdauernde Flamme, den Geschmack für die Gaben der Natur, die Liebe zur Arbeit und die Scheu vor dem Reichthum nähren.

Die Stimme des Volks, welche über Monumente, die dem Glanze der Könige errichtet werden, schweigt, hat einigen Stellen auf dieser Insel Namen gegeben, die den Verlust Virginiens verewigen werden. Man erblickt nahe bei der Insel Ambra mitten unter Klippen eine Stelle, genannt »die Durchfahrt des Saint-Geran«, vom Namen des Schiffes, das sie aus Europa zurückbrachte und dort unterging. Das äußerste Ende jener langen Landspitze, die Ihr etwa drei Meilen weit von hier seht, halb verdeckt von den Fluten des Meers und welche der Saint- Geran am Abende vor dem Orkan nicht umsegeln konnte, als er in den Hafen gelangen wollte, heißt das »unglückliche Vorgebirge«, und hier vor uns, am Ende jenes Thälchens, liegt die »Grabesbucht«, wo Virginie im Sand vergraben aufgefunden wurde, als ob das Meer ihrer Familie den Körper hätte zurückbringen und ihrer Schamhaftigkeit die letzte Pflicht an denselben Ufern erweisen wollen, die sie durch ihre Unschuld geehrt hatte.

Junge Seelen, so innig vereinigt! Unglückliche Mütter! Theure Familie! Diese Gebüsche, die euch Schatten gaben, diese Brunnen, die für euch flossen, diese Hügel, wo ihr beisammen ruhtet, klagen noch jetzt um euren Verlust. Seit eurem Hinscheiden hat Niemand gewagt, diesen verödeten Fleck Landes zu bebauen, noch diese niederen Hütten wieder aufzurichten. Eure Ziegen sind verwildert, eure Pflanzungen sind verwüstet, eure Vögel sind entflohen, und man hört nur noch das Geschrei der Sperber, die über diesem Felsenbecken ihre Kreise ziehen. Ich selbst, seitdem ich euch nicht mehr sehe, bin wie ein Freund ohne Freunde, wie ein Vater, der seine Kinder verloren hat, wie ein Wandrer, der auf der Erde umherirrt, auf der ich allein übrig geblieben bin.

Nach diesen Worten entfernte sich der gute Alte, Thränen vergießend; und die meinigen waren mehr als einmal geflossen, während seiner traurigen Erzählung.





Die indische Hütte.


Vorwort.

Ich theile hier eine kleine Erzählung mit, welche mehr Wahrheiten enthält als viele große Geschichten. Ich hatte sie dazu bestimmt, den Bericht einer Reise nach Ile-de-France zu ergänzen, der im Jahr 1773 erschienen ist, und den ich mit Zusätzen neu herauszugeben beabsichtige. Weil ich darin von Indiern spreche, welche auf dieser Insel leben, so wollte ich damit eine Schilderung der Sitten der Indier in ihrer Heimath verbinden, nach ziemlich anziehenden Notizen, die ich mir zu verschaffen gewußt habe. Ich hatte also daraus eine Episode gebildet, und diese an eine historische Anekdote geknüpft, welche ihr zum Eingange dient. Veranlassung dazu gab eine Gesellschaft von englischen Gelehrten, welche vor ungefähr dreißig Jahren in verschiedene Welttheile geschickt wurden, um dort Belehrung über einzelne wissenschaftliche Gegenstände einzuziehen. Ich spreche darin von einem derselben, der nach Indien kam, um zur Beförderung der Erkenntniß der Wahrheit mit beizutragen. Da aber diese Episode in meinem Werke Nebensache ist, so habe ich es für dienlich erachtet, sie gesondert herauszugeben.

Ich betheure hiermit, daß ich nicht die geringste Absicht hege, auf die Akademien irgend einen Schein des Lächerlichen zu werfen, obgleich ich mich sehr über sie zu beklagen habe, nicht sowohl persönlich als vielmehr in Sachen der Wahrheit, die sie oft verfolgen, wenn sie nicht in ihre Systeme paßt. Außerdem bin ich mehreren englischen Gelehrten zu großem Danke verpflichtet. Denn sie haben, ohne mich zu kennen und aus reiner Liebe zur Wissenschaft, meine »Studien der Natur« mit dem rühmendsten Beifalle beehrt; sie haben sich nicht gescheut, sie öffentlich zu besprechen, wie das z. B. aus einem Auszug ihrer Journale ersichtlich ist, den der »französische Moniteur« unterm 9. Februar 1790 brachte. Der Charakter, den ich einem ihrer Genossen ertheilt habe, ist ein unzweideutiger Beweis meiner Achtung gegen sie. Gewiß habe ich es als einen Schritt betrachten müssen, der alle Anerkennung der Nation verdient, daß man sich bestrebt, Kunde von fremden Ländern nach England zu bringen, sowie ich auch die Bemühungen, Kenntniß von England in uncivilisirten Ländern zu verbreiten, z. B. durch die Reisen von Cook und Banks, als der vollen Anerkennung der Menschheit würdig erachte. Das erstere ist seitdem von Dänemark nachgeahmt worden, das zweite von Frankreich; beidemale aber sehr unglücklich. Denn von einem Dutzend gelehrter dänischer Reisender ist nur ein einziger zurückgekehrt und von den beiden, zu diesem menschenfreundlichen Zwecke verwendeten und von dem unglücklichen Laperouse befehligten französischen Kriegsschiffen hat man gar keine Nachricht erhalten. Die Wissenschaft an sich ist es also nicht, die ich tadle, sondern ich will blos darthun, daß die gelehrten Körperschaften durch ihren Ehrgeiz, ihre Eifersucht und ihre Vorurtheile sich selbst nur zu oft am Fortschritt hindern.

Ich habe mir dabei aber noch einen nützlicheren Zweck vorgesetzt, nämlich zu zeigen, wie man den Uebeln, unter denen die Menschenliebe in Indien leidet, steuern könne. Mein Wahlspruch ist: den Unglücklichen beizustehn; und ich dehne diese Gesinnung auf alle Menschen aus. Wenn vor Zeiten die Philosophie aus Indien nach Europa gekommen ist, warum sollte sie heute nicht aus dem civilisirten Europa nach Indien zurückkehren, das inzwischen der Barbarei verfallen? Es hat sich soeben zu Calcutta eine Gesellschaft englischer Gelehrter gebildet, die vielleicht einmal die Vorurtheile der Indier zerstören und durch diese Wohlthat auch die Uebel ausgleichen werden, welche die Kriege und der Handel mit den Europäern in's Land gebracht haben. Was mich betrifft, der ich durchaus keinen Einfluß besitze, ich habe, um meine Beweisgründe einschmeichelnder und anmuthiger zu machen, mich bemüht, sie in eine Erzählung einzukleiden. Durch Erzählungen macht man die Menschen auf die Wahrheit aufmerksam.


Wir Alle sind in diesem Punkt Athener.
Ich selbst, indem ich diese Wahrheit sage,
Würd' eine große Freude daran finden,
Wenn man vom »Eselsfelle« mir erzählte.

       La Fontaine, 3. Buch, 4. Fabel.





Man hat mit mehr Geist als Grund behauptet, daß die Fabel in den despotischen Reichen des Orients entstanden sei, und daß man die Wahrheit darein gehüllt habe, um sie den Tyrannen zugänglich zu machen. Aber ich frage, ob sich ein Sultan nicht mehr beleidigt finden würde, wenn man ihn unter dem Sinnbilde einer Nachteule oder eines Leoparden, als wenn man ihn nach der Natur darstellte? und ob nicht von Gegenständen zurückgespiegelte Wahrheiten mindestens ebenso verletzend sind als gerad heraus gesagte? Thomas Rhoe, englischer Gesandter bei Selim-Schah, dem Großmogul, berichtet, daß dieser sehr despotische Fürst Kisten, die aus England angekommen waren, vor seinen Augen öffnen ließ, um einige für ihn bestimmte Geschenke herauszunehmen, und gewaltig erstaunt war, darin ein Gemälde zu finden, das einen Satyr vorstellte, den eine Venus bei der Nase führt. »Er bildete sich ein«, sagt er, »das Gemälde sei zur Verspottung der asiatischen Völker gemacht; diese seien unter dem schwarzen und gehörnten Satyr dargestellt, als wären beide von demselben Naturell; und die Venus, die ihn bei der Nase führte, bedeute die große Herrschaft, welche die Frauen jener Länder über die Männer ausüben.«

Thomas Rhoe, für den jenes Gemälde bestimmt war, hatte viel Mühe, den Eindruck desselben in der Seele des Moguls zu beseitigen, indem er ihm einen Begriff von unseren Götterfabeln gab. Er empfahl bei dieser Gelegenheit den Direktoren der ostindischen Kompagnie in England sehr dringend, in Zukunft ja kein allegorisches Gemälde nach Indien zu schicken, weil die Fürsten dort sehr argwöhnisch seien. Und das ist in der That der Charakter der Despoten. Ich glaube also, daß für sie niemals Fabeln erdichtet worden sind, außer um ihnen zu schmeicheln.

Der Geschmack an Fabeln ist im Allgemeinen auf der ganzen Erde verbreitet, weit mehr jedoch in den freien als in den despotisch regierten Ländern. Die wilden Völker gründen ihre Ueberlieferungen auf Götterfabeln. Es giebt kein Land, in welchem sie verbreiteter gewesen wären, als in Griechenland, wo alle Erscheinungen der Natur, der Politik und der Religion nur Ergebnisse gewisser Metamorphosen waren. Es gab wohl keine vornehme Familie, die nicht irgend ein Thier unter der Zahl ihrer Vorfahren hatte, und die nicht Stiere, Schwäne, Nachtigallen, Turteltauben, Krähen und Elstern unter ihren Vettern und Basen zählte. Man kann bemerken, daß die Engländer in ihrer Literatur einen ganz besondern Geschmack für die Allegorie kundgeben, obgleich man bei ihnen sehr frei die Wahrheit sagen kann. Die Asiaten waren zur Zeit des Aesop und des Lokmann in demselben Falle; aber jetzt findet man bei ihnen keine Fabeldichter mehr, obgleich ihre Länder von Sultanen wimmeln.

Die der Natur am nächsten stehenden und folglich freiesten Völker sind es, die am liebsten die Wahrheit mit Fabeln schmückten, dies war eine Wirkung ihrer Liebe zur Wahrheit, welche in einem Gefühl für die Gesetze der Natur besteht. Die Wahrheit ist das Licht der Seele, wie das physische Licht die Bewahrheitung der Körper ist. Beide zusammen geben die Kenntniß von dem, was ist: das eine erhellt die Körper, das andre zeigt uns die Verhältnisse; und wie, nach der Theorie, alles Licht seinen Ursprung von der Sonne erhält, so leitet die Wahrheit den ihrigen von Gott ab, dessen treffendstes Abbild jenes Gestirn ist. Wenige Menschen können das reine Sonnenlicht ertragen. Wegen dieser Schwäche unserer Augen hat uns die Natur die Augenlider verliehen, um jene in dem erforderlichen Maße zu verschleiern; nicht minder hat sie die Erde mit Wäldern versehen, deren grünes Laub sanften und durchsichtigen Schatten gewährt, und in dem Luftraum Dünste und Wolken ausgebreitet, um die zu lebhaften Strahlen des Tagesgestirns zu mäßigen. Ebenso können auch wenige Menschen die rein übersinnliche Wahrheit fassen. Wegen dieser Schwäche unserer Einsicht hat uns die Natur die Unwissenheit gegeben, die unserer Seele gleichsam als Augenlid dienen soll; durch ihre Vermittlung öffnet sich die Seele allmählig der Wahrheit, läßt nichts zu, als was sie ertragen kann, umgiebt sich mit Fabeln, die gewissermaßen Lauben sind, in deren Schatten sie jene betrachtet, und will sie sich bis zur Gottheit selbst erheben, so umschleiert sie diese mit Allegorien und Mysterien, um den Glanz derselben zu ertragen.

Wir würden das Licht der Sonne nicht wahrnehmen, wenn es nicht von den Körpern oder wenigstens von Gewölken aufgefangen würde. Außerhalb unserer Atmosphäre entschlüpft es uns, und blendet uns an seiner Quelle. Eben so ist es mit der Wahrheit beschaffen: wir würden sie nicht fassen, wenn sie nicht an sinnlich wahrnehmbaren Ereignissen, oder wenigstens an Allegorien und Gleichnissen haftete, welche sie uns wiederspiegeln, es ist ein Körper dazu nöthig, der sie uns zurückstrahlt. Unser Begriffsvermögen hat keine Handhabe für die rein übersinnlichen Wahrheiten: es wird von denen, die von der Gottheit ausgehen, geblendet und kann diejenigen nicht fassen, die nicht in ihren Werken sich kund geben. Aus dem letzteren Grunde ist auch die Sprache der civilisirten Völker so wenig malerisch, denn sie ist voll allgemeiner und abgezogener Begriffe, wogegen die der einfachen und natürlichen Völker sehr ausdrucksvoll ist wegen ihrer Fülle an Gleichnissen und Bildern. Die Ersteren sind gewohnt, ihre Gefühle zu verbergen, die Letzteren geneigt, sie kund zu geben. Aber wie oft die Wolken, unter tausend phantastischen Formen umhergestreut, die Strahlen der Sonne in reichere und mannigfaltigere Tinten zersetzen, als wie sie die regelmäßigen Werke der Natur zieren, so geben auch die Fabeln die Wahrheit in größerer Ausdehnung wieder als die wirklichen Ereignisse; sie tragen sie in alle Naturreiche; sie eignen sie den Thieren, den Bäumen, den Elementen an, und lassen daraus tausend Reflexe hervorspringen. So spielen die Sonnenstrahlen auf dem Grunde der Gewässer, ohne zu erlöschen, spiegeln auf ihnen die Gegenstände der Erde und des Himmels wieder und verdoppeln ihre Schönheit durch Verschmelzung.

Die Unwissenheit gehört also ebenso nothwendig zur Wahrheit wie der Schatten zum Lichte, weil sich aus der Verbindung der beiden Ersteren die Harmonie unserer Einsichten ergiebt, wie aus der Verbindung der beiden Letzteren die Harmonie für unser Auge. Die Sittenlehrer haben, wie ich schon in meinen »Studien der Natur« nachgewiesen, fast immer die Unwissenheit mit dem Irrthum verwechselt. Die Unwissenheit, wenn man sie allein und ohne die Wahrheit betrachtet, mit der sie in so lieblicher Harmonie steht, ist gleichsam das Ruhen unserer Einsicht; sie läßt uns der vergangenen Uebel vergessen, macht uns die gegenwärtigen minder merklich und verbirgt uns die der Zukunft; genug, sie ist ein Gut, weil wir sie aus den Händen der Natur erhalten. Der Irrthum dagegen ist ein Erzeugniß des Menschen; er ist stets ein Uebel, ist ein trügerisches Licht, das uns nur leuchtet, um uns irre zu führen. Ich kann ihn nicht besser vergleichen als mit dem Leuchten einer Feuersbrunst, welche die Wohnungen verzehrt, die sie erleuchtet. Es ist bemerkenswerth, daß es nicht ein einziges moralisches oder physisches Uebel giebt, das nicht einen Irrthum zur Grundlage hätte. Die Tyrannei, die Sklaverei, die Kriege beruhen auf politischen und sogar geheiligten Irrthümern; denn die Tyrannen, die sie verbreitet haben, um ihre Macht festzustellen, haben sie jederzeit von der Gottheit oder von irgend einer Tugend herrühren lassen, um sie den Menschen achtbar zu machen.

Der Irrthum ist jedoch sehr leicht von der Wahrheit zu unterscheiden. Die Wahrheit ist ein natürliches Licht, welches aus sich selbst die ganze Erde durchleuchtet, weil sie von Gott herstammt; der Irrthum ist ein künstlicher Schein, der unaufhörlich der Nahrung bedarf, und der niemals allgemein sein kann, weil er nur Menschenwerk ist. Die Wahrheit ist allen Menschen nützlich; der Irrthum bringt nur Einzelnen Nutzen, ist aber Allen nachtheilig, weil der Vortheil des Einzelnen der Feind des allgemeinen Vortheils ist, wenn er sich von diesem sondert.

Man muß sich wohl hüten, die Fabel mit dem Irrthum zu verwechseln. Die Fabel ist der Schleier der Wahrheit, der Irrthum das Gespenst derselben. Oft hat man eine Fabel erfunden, um den Irrthum zu verdrängen. Indeß, wie unschuldig sie auch in ihrem Prinzipe sei, so wird sie doch gefährlich, wenn sie den Grundcharakter des Irrthums annimmt, d. h. wenn sie den besondern Vortheil Einzelner im Auge hat. Es liegt z. B. wenig daran, daß man vor Zeiten aus dem Monde eine ewig jungfräuliche Göttin gemacht hat, die unter dem Namen Diana der Jagd vorstand. Diese Allegorie sollte bedeuten, daß das Licht des Mondes den Jägern günstig sei, um dem Wilde Fallen zu stellen, und daß die Uebung der Jagd die Leidenschaft der Liebe dämpfe. Es that nichts, wenn man jener Göttin auch die Tanne in den Wäldern weihte; dieser Baum wurde ein Ort zum Stelldichein für die Jagd. Auch war es noch kein großes Uebel, daß ein Jäger, um sich den Schutz der Diana zu verschaffen, den Kopf eines Wolfes an dem Baum aufhing. Als er jedoch das ganze Fell aufhing, so fanden sich gleich Leute, die davon Nutzen zu ziehen trachteten; sie errichteten der Göttin eine Kapelle, wo man ihr nicht blos ein Wolfsfell, sondern auch Hammel darbrachte, um die übrige Heerde vor den Wölfen zu bewahren. Solche Opfergaben vermehrten sich bei Gelegenheit des Kopfes eines ungeheuren Ebers, welcher die Weingärten verwüstet und alle Hunde und die ganze Jugend der Nachbarschaft gegen sich aufgebracht hatte. Die Jäger zogen Pilger in die Gegend nach sich, die Pilger Kaufleute. Es entstand bald ein Flecken um die Kapelle, die unter so vielen Leichtgläubigen nicht zögerte, auch Orakel kund zu thun, und da man Siege weissagte, so blieben Geschenke von Seiten der Könige nicht aus. Dann wurde aus der Kapelle ein Tempel, aus dem Flecken eine Stadt, welche Priester, Behörden und Landbesitz erhielt. Bald belastete man die Völker mit Auflagen, um der Diana prachtvolle Tempel zu erbauen, wie zu Ephesus, und da die Furcht auf das menschliche Gemüth eine bei weitem größere Macht ausübt als das Vertrauen, so opferte man der Göttin, um ihren Dienst furchterregender zu machen, sogar Menschen, wie auf der taurischen Halbinsel. Auf diese Weise trug zum Unglück der Völker eine für ihr Glück ersonnene Allegorie bei, weil sie zum Vortheil einer einzigen Stadt oder eines Tempels ausschlug.

Selbst die Wahrheit kann zum Unglück der Menschen ausfallen, wenn sie das Erbgut einer Zunft wird. Es ist doch sicherlich ein großer Abstand von der Duldsamkeit des Evangeliums bis zur Unduldsamkeit der Inquisition, wie von der Vorschrift, die Jesus seinen Aposteln gab: den Staub der Häuser, wo man ihnen Aufnahme versage, von ihren Füßen zu schütteln, und von seinem Unwillen darüber, daß sie ihm das Ansinnen stellten, Feuer vom Himmel darauf fallen zu lassen, bis zu der Vernichtung der alten Indianer Amerika's und bis zu den Scheiterhaufen der Auto-da-Fe's.

In der Galerie der Tuilerien, rechts am Eingang in den Garten, steht eine ionische Säule, welche der berühmte Blondel, Professor der Architektur, seinen Schülern als ein Meisterstück zu zeigen pflegte, wobei er darauf aufmerksam machte, daß alle folgenden mehr und mehr an Schönheit abnähmen. Die erste, sagte er, ist das Werk eines berühmten Bildhauers; aber die übrigen sind der Reihe nach von Handwerkern gearbeitet worden, die sich von der Anmuth und den Verhältnissen der ersten in dem Maße entfernt haben, als die Säulen räumlich von jener abstehen. Der, welcher die zweite machte, hat die erste noch leidlich gut nachgeahmt; aber der die dritte machte, hat seinerseits nur die zweite nachgeahmt. Und so kommt denn, von Nachbild zu Nachbild, die letzte sehr weit unter dem Original zu stehen. Sehr oft habe ich das Evangelium mit dieser schönen Säule der Tuilerien, und die Arbeiten seiner alten Ausleger mit den übrigen Säulen der Galerie in Vergleich gestellt. Aber wenn man erst die neueren Ausleger bis auf unsere Tage verfolgen wollte, welche unförmliche Säulen würden ihre Bände vorstellen, und wer möchte sich in den Stürmen des Lebens darauf stützen?

Weil die Wahrheit ein Strahl himmlischen Lichtes ist, so wird sie zu allen Zeiten allen Menschen leuchten, vorausgesetzt, daß man ihnen keine Fenstersteuer auflegt; aber wie viele Körperschaften aller Art auch gegründet sind, um sie zu verbreiten, so schieben sie ihr, selbst wenn sie zu ihrem Vortheil dient, doch gerne das Lichtchen ihrer Wachskerze oder Laterne unter! Sind sie mächtig, so kommen sie bald dahin, diejenigen, welche die Wahrheit auffinden, zu verfolgen; sind sie es nicht, so setzen sie ihnen eine Kraft der Trägheit entgegen, die ihre weitere Verbreitung hindert. Daher kommt es denn, daß sich diejenigen, welche die Wahrheit lieben, so oft von Menschen und Städten fern halten. Diese Wahrheit ist es, welche ich in diesem kleinen Werke habe beweisen wollen. Wie befriedigt würde ich sein, wenn ich in meinem Vaterlande zum Glück nur eines einzigen Unglücklichen dadurch beitragen könnte, daß ich ihm das eines indischen Paria in seiner Hütte vorführe.

Nur euch, erhabene Versammlung der Repräsentanten Frankreichs, kommt es zu, allen Menschen Gutes zu erweisen, indem ihr die Hindernisse hebt, die sich der Wahrheit entgegenstellen, weil sie die Quelle aller höchsten Güter ist und sich über die ganze Erde verbreitet. Rom und Athen vertheidigten nur ihre Freiheit. Die neueren Völker haben nur gekämpft, um ihre Religion und ihren Handel auszubreiten. Alle sind Unterdrücker der Menschheit gewesen. Ihr allein habt ihre Rechte vertheidigt, indem ihr eure Vorrechte zum Opfer brachtet. Einst wird sie für euer Glück besorgt sein, wie ihr besorgt gewesen seid für ihr Geschick. Möge der tugendhafte Herrscher, der euch berufen und euer mühsames Werk gesetzlich bestätigt hat, für immer dafür des Ruhmes theilhaftig sein! Sein Name wird unsterblich sein wie eure Gesetze. Die Völker der alten Welt haben ihre Zeitrechnungen nach derjenigen Epoche bestimmt, welche zu ihrem Vergnügen, ihrer Macht oder ihrer Freiheit am meisten beitrug: die Griechen, so große Freunde von Festen, nach ihren Olympiaden, die Römer, so große Patrioten, nach der Gründung Roms; die unterdrückten Völker nach der Zeit des Ursprungs ihrer Religion. Aber die Völker, die ihr zu dem Glücke beruft, zu welchem sie die Natur bestimmte, werden die Rechte des Menschen, die so alt sind wie die Welt, von der Herrschaft Ludwigs XVI. datiren.



Vor etwa dreißig Jahren bildete sich in London eine Gesellschaft englischer Gelehrter, die sich die Aufgabe stellte, in verschiedenen Theilen der Welt Kunde über den Zustand aller Wissenschaften einzuziehen, um die Menschen aufzuklären und glücklicher zu machen. Die Kosten bestritt ein Verein von Subskribenten derselben Nation, bestehend aus Kaufleuten, Lords, Bischöfen, den Mitgliedern der Universitäten und der königlichen Familie Englands, an welche sich noch einige Souveräne des nördlichen Europa's anschlossen. Die Anzahl jener Gelehrten belief sich auf zwanzig, und die königliche Societät zu London hatte einem jeden von ihnen ein Buch eingehändigt, in welchem alle Fragen, deren Lösung er zurückbringen sollte, verzeichnet standen. Diese Fragen stiegen bis zur Zahl dreitausend und fünfhundert. Obgleich sie für jeden der Gelehrten ganz verschieden und stets in Bezug auf das zu bereisende Land gestellt waren, so standen sie doch alle mit einander in Verbindung, dergestalt, daß das Licht, das über die eine verbreitet wurde, sich nothwendigerweise auch auf alle übrigen erstrecken mußte. Der Präsident der königlichen Societät, der sie mit Hülfe seiner Amtsbrüder abgefaßt, hatte sehr wohl gefühlt, daß die Aufhellung Einer Schwierigkeit sehr oft von der Lösung einer andern abhängt, und diese wiederum von einer früheren, was bei der Erforschung der Wahrheit viel weiter führt, als man denkt. Genug, es war – um mich derselben Ausdrücke zu bedienen, welche der Präsident in ihren Instruktionen gebrauchte – das prächtigste encyklopädische Gebäude, das jemals eine Nation für den Fortschritt der menschlichen Kenntnisse errichtet hatte, was, wie er hinzufügte, hinlänglich die Nothwendigkeit akademischer Gesellschaften beweist, um in die über die ganze Erde zerstreuten Wahrheiten Zusammenhang zu bringen.

Jeder dieser reisenden Gelehrten hatte, außer seinem Buche, welches die aufzuklärenden Fragen enthielt, noch den Auftrag, unterwegs die ältesten Exemplare der Bibel und die seltensten Handschriften jeglicher Art zu kaufen, oder wenigstens keine Kosten zu sparen, um sich gute Abschriften davon zu verschaffen. Zu diesem Zwecke hatten ihnen ihre Subskribenten Empfehlungsbriefe an die Konsuln, Gesandten und Botschafter Großbritanniens, die sie auf ihrem Wege antreffen würden, und, was noch mehr werth ist, gute Wechsel mitgegeben, die von den berühmtesten Bankiers in London überwiesen waren.

Der gelehrteste dieser Doktoren, welcher Hebräisch, Arabisch und Indisch verstand, wurde zu Lande nach Ostindien geschickt, der Wiege aller Künste und Wissenschaften. Er kam auf seinem Weg zuerst durch Holland und besuchte nach einander die Synagoge von Amsterdam und die Synode von Dortrecht; sodann in Frankreich die Sorbonne und die Akademie der Wissenschaften zu Paris; in Italien viele Akademien, Museen und Bibliotheken, unter andern das Museum von Florenz, die St. Marcus-Bibliothek in Venedig, und in Rom die des Vatican. Als er in Rom war, schwankte er, ob er nicht, bevor er sich nach dem Orient wendete, die berühmte Universität von Salamanca in Spanien zu Rathe ziehen sollte; aber aus Furcht vor der Inquisition hielt er es für besser, sich geraden Wegs nach der Türkei einzuschiffen. Er begab sich also nach Konstantinopel, wo ihm für sein Geld ein Effendi Gelegenheit verschaffte, alle Bücher der Sophienmoschee durchzublättern. Von da ging er nach Egypten zu den Kopten; dann zu den Maroniten auf dem Berge Libanon, zu den Mönchen des Berges Karmel; von da nach Sana in Arabien; darauf nach Ispahan, nach Kandahar, Delhi, Agra, endlich, nachdem er drei Jahre unterwegs zugebracht hatte, gelangte er an die Ufer des Ganges, nach Benares, dem Athen Indiens, wo er mit den Braminen Unterredungen pflegte. Seine Sammlung von alten Ausgaben, urschriftlichen Werken, seltenen Manuskripten, von Abschriften, Auszügen und Bemerkungen aller Art, erwies sich nun als die bedeutendste, die jemals von einem Privatmann war zusammengebracht worden. Es genügt, zu sagen, daß sie neunzig Ballen ausmachte, die zusammen 9540 Pfund Troygewicht wogen. Voll Freude, die Erwartungen der königlichen Societät noch übertroffen zu haben, stand er eben im Begriff, sich mit einer so reichen Ladung wissenschaftlicher Belehrung nach London einzuschiffen, als eine ganz einfache Betrachtung ihn mit großem Kummer erfüllte.

Es fiel ihm nämlich ein, daß, nachdem er mit den jüdischen Rabbinen, den reformirten Geistlichen, den Superintendenten lutherischer Kirchensprengel, den katholischen Kirchengelehrten, den Akademikern von Paris, von der Crusca, von den Arcaden und vier und zwanzig andern der berühmtesten Akademien Italiens, mit den griechischen Popen, den türkischen Mollah's, den armenischen Verbiesten, den persischen Seiders und Kasys, den arabischen Scheichs, den alten Parsi und den indischen Pandellen Unterredungen gepflogen hatte, – daß er nach alle dem, weit entfernt, auch nur eine der dreitausend und fünfhundert Fragen der königlichen Societät aufgehellt zu haben, vielmehr dazu beigetragen hatte, die Bedenken darüber zu vermehren. Und da sie untereinander in genauer Verbindung standen, so folgte daraus im Gegensatz zu dem, was sein berühmter Präsident sich gedacht hatte, daß die Dunkelheit einer Lösung die ausgemachte Gewißheit einer andern verdunkelte; daß die klarsten Wahrheiten völlig zweifelhaft geworden waren, ja daß es unmöglich war, aus dem ungeheuren Labyrinth von Antworten und sich widersprechenden Autoritäten auch nur irgend eine Aufklärung herauszufinden.

Der Gelehrte schloß dies nach einer sehr einfachen Bemerkung. Unter den zu lösenden Fragen betrafen nämlich 200 die Theologie der Hebräer, 480 die der verschiedenen Glaubensgemeinden der griechischen und römischen Kirche; 312 die alte Religion der Braminen; 3 den dermaligen Zustand des indischen Volkes; 508 die heilige Sprache der Indier oder das Sanskrit; 211 den Handel der Engländer mit Indien; 729 die alten Denkmäler der Inseln Elephante und Salsette in der Nachbarschaft von Bombay; 5 das Alter der Welt; 673 die Entstehung des grauen Ambra und die besonderen Eigenschaften der verschiedenen Arten Bezoar; eine die noch nicht untersuchte Ursache der Strömung des indischen Oceans, welcher sechs Monate lang gegen Osten und sechs gegen Westen fließt, und endlich 378 die Quellen und die periodischen Ueberschwemmungen des Ganges. Bei dieser Gelegenheit wurde der Gelehrte aufgefordert, auf seinem Wege Alles, was er in Betreff der Quellen und der Ueberschwemmungen des Nil ausfindig machen könnte, zu sammeln, da diese Fragen schon seit so vielen Jahrhunderten die Gelehrten Europa's beschäftigten. Diesen Gegenstand hielt er indessen für hinlänglich verhandelt und ohnehin seiner Sendung nicht entsprechend. Nun, über eine jede dieser von der königlichen Societät vorgelegten Fragen, brachte er, eins in das andere gerechnet, fünf verschiedene Lösungen, welche also für die 3500 Fragen 17.500 Antworten ergaben; und angenommen, es brächte jeder seiner neunzehn Kollegen seinerseits ebenso viel zurück, so folgte daraus, daß die königliche Societät 350.000 Schwierigkeiten zu lösen haben würde, ehe sie auch nur Eine Wahrheit auf eine stichhaltige Grundlage stützen könnte. Statt daß also alle einzelnen Aufgaben nach den bestimmten Worten der Instruktion auf ein gemeinsames Centrum zusammenliefen, würde die ganze Sammlung im Gegentheil bewirken, daß sie alle auseinanderliefen, ohne daß es je möglich wäre, sie einander zu nähern. Eine andere Betrachtung verursachte dem Gelehrten noch mehr Unruhe, nämlich die, daß er sich, trotzdem er bei seinen mühsamen Nachforschungen die ganze Kaltblütigkeit seiner Nation und eine ihm besonders eigene Höflichkeit beobachtet hatte, doch die meisten der Gelehrten, mit denen er in wissenschaftlichen Streit gerathen war, zu unversöhnlichen Feinden gemacht hatte. Wie wird es nun um die Ruhe meiner Landsleute stehen, wenn ich ihnen in meinen neunzig Ballen anstatt Wahrheit nur neue Ursachen zu Zweifeln und Wortgefechten mitbringe?

Er stand auf dem Punkte, sich voll Verwirrung und Verdruß nach England einzuschiffen, als die Braminen von Benares ihm zu wissen thaten, der Oberbramine der berühmten Pagode von Jaggernat, an der Küste von Orissa, am Strande des Meeres, nahe bei einer der Mündungen des Ganges, sei allein im Stande, alle Fragen der königlichen Societät zu London zu lösen. Und in der That war er der berühmteste Pandekt oder Gottesgelehrte, von dem man jemals hatte sprechen hören. Man kam aus allen Theilen Indiens und aus verschiedenen andern Reichen Asiens herbei, um ihn zu Rathe zu ziehen.

Alsbald machte sich der englische Gelehrte nach Calcutta auf und wandte sich dort an den Direktor der ostindischen Kompagnie. Dieser, um seiner Nation Ehre zu machen und den Ruhm der Wissenschaften zu fördern, gab ihm für die Reise nach Jaggernat einen Palankin mit einem Schirmdach von karmoisinrother Seide und mit goldenen Eicheln verziert; dazu zwei Ablösungsmannschaften von kräftigen Kulis oder Trägern, jede zu vier Mann; zwei Lastträger; einen Wasserträger und einen Träger für die Trinkflasche, um ihn zu erfrischen; einen Pfeifenträger; einen Sonnenschirmträger, um ihn des Tags vor der Sonne zu schützen, und einen Masalki oder Fackelträger für die Nacht; einen Holzspalter; zwei Köche; zwei Kameele mit ihren Führern für seine Mundvorräthe und sein Gepäck; zwei Pions oder Läufer, um ihn anzumelden; vier berittene Sipahis oder Rasputen auf persischen Pferden zur Bedeckung und einen Fahnenträger, dessen Fahne das Wappen Großbritanniens führte. Man hätte den Gelehrten mit seinem stattlichen Geleite für einen Geschäftsführer der ostindischen Kompagnie halten können, nur war der Unterschied, daß der Gelehrte nicht beauftragt war, Geschenke in Empfang zu nehmen, sondern welche darzubringen. Da man in Indien vor hochgestellten Personen nie mit leeren Händen erscheint, so hatte ihm der Direktor der Kompagnie auf Kosten seiner Nation ein schönes Teleskop und einen herrlichen persischen Teppich für das Oberhaupt der Braminen mitgegeben; desgleichen prächtige bunte Zeuge für seine Frau, und drei Stücke chinesischen Taft, roth, weiß und gelb, zu Schärpen für seine Schüler. Nachdem man diese Geschenke den Kameelen aufgeladen hatte, machte sich der Gelehrte mit dem Buche der königlichen Societät in seinem Palankin auf die Reise.

Unterwegs dachte er darüber nach, mit welcher Frage er die Unterredung mit dem Oberhaupt der Braminen von Jaggernat einleiten könnte, ob er mit einer der 368 beginnen sollte, welche sich auf die Quellen und Ueberschwemmungen des Ganges bezogen, oder mit derjenigen, welche die halbjährlich wechselnde Bewegung des indischen Oceans betraf, die zugleich dazu dienen konnte, die Quellen und periodischen Bewegungen des Oceans auf der ganzen Erde zu entdecken. Aber obgleich diese Frage für die Physik unendlich wichtiger war als alle, die seit so vielen Jahrhunderten über die Quellen und Anschwellungen des Nil aufgeworfen worden waren, so hatte sie doch damals die Aufmerksamkeit der Gelehrten Europa's noch nicht auf sich gezogen. Er zog es also vor, den Braminen über die allgemeine Verbreitung der Sündfluth zu fragen, die so viel gelehrten Streit veranlaßt hat, oder noch weiter ausholend, ob es wahr sei, daß die Sonne mehrmals ihren Lauf verändert habe, indem sie, nach der von Herodot berichteten Ueberlieferung der ägyptischen Priester, im Westen auf-und im Osten untergegangen sei; oder gar über den Zeitpunkt der Erschaffung der Erde, welcher die Indier ein Alter von mehreren Millionen Jahren geben. Bisweilen kam es ihm nützlicher vor, ihn über die einem Volke zu gebende beste Regierungsweise und selbst über die Menschenrechte zu befragen, von denen es noch nirgends ein Gesetzbuch giebt; aber diese letzteren Fragen standen nicht in seinem Buche.

Indessen, sagte der Gelehrte, würde es mir ganz am rechten Orte scheinen, den indischen Pandekten zu fragen, durch welches Mittel man die Wahrheit finden kann; denn geschieht dies vermöge der Vernunft, wie ich zu thun mich bisher bemüht habe, so ist ja die Vernunft bei allen Menschen verschieden. Auch muß ich ihn fragen, wo die Wahrheit zu finden ist, denn ist dies in Büchern der Fall, so widersprechen sie sich alle. Und endlich, ob man die Wahrheit den Menschen mittheilen muß; denn sobald man sie ihnen offenbart, überwirft man sich mit ihnen. Das sind drei Fragen zum Eingange, die unserem berühmten Präsidenten nicht eingefallen sind. Wenn der Bramine von Jaggernat sie mir lösen kann, so habe ich den Schlüssel zu allen Wissenschaften und, was noch mehr werth ist, ich werde mit aller Welt in Frieden leben.

In dieser Weise ging also der Gelehrte mit sich zu Rathe. Nach zehntägigem Marsche langte er endlich an den Ufern des Golfs von Bengalen an. Unterwegs begegnete er sehr vielen Leuten, die alle von Jaggernat zurückkamen, ganz bezaubert von der Weisheit des Obersten der Pandekten, den sie um Rath befragt hatten. Am eilften Tage erblickte er beim Aufgange der Sonne die berühmte Pagode von Jaggernat. Sie stand dicht am Ufer des Meeres, das sie mit ihren hohen, rothen Mauern und Gallerien, mit ihren Domen und Thürmchen von weißem Marmor zu beherrschen schien, und erhob sich im Mittelpunkt von neun immergrünen Alleen, die nach eben sovielen Königreichen auslaufen. Jede dieser Alleen besteht aus einer andern Baumart, aus Arecapalmen, Tikbäumen, Cocospalmen, Mangobäumen, Latanen, Kampherbäumen, Bambus, Benzoe- und Sandelbäumen, und sie wenden sich nach Ceylon, Golconda, Arabien, Persien, Tybet, China, nach dem Königreich Ava, nach Siam und den Inseln des indischen Oceans. Der Gelehrte gelangte durch die Bambusallee, welche längs des Ganges und der zauberhaften Inseln an seiner Mündung hinläuft, zur Pagode. Obgleich auf einer Ebene erbaut, ist diese Pagode doch so hoch, daß er, nachdem er sie bereits am Morgen erblickt hatte, doch erst gegen Abend bei ihr anlangte. Er wurde in der That von Bewundrung ergriffen, als er ihre Pracht und ihre Größe in der Nähe betrachtete. Ihre bronzenen Pforten funkelten von den Strahlen der untergehenden Sonne, und die Adler umschwebten ihren Giebel, der sich in den Wolken verlor. Sie war von großen Becken von weißem Marmor umgeben, in deren durchsichtigen Gewässern ihre Dome, Gallerien und Pforten sich spiegelten; rings umher waren weite Höfe und Gärten, umgeben von großen Gebäuden, den Wohnungen der Braminen, welche den Dienst in der Pagode verrichteten.

Die Läufer des Gelehrten eilten, ihn anzumelden, und sogleich trat aus einem der Gärten eine Schaar junger Bajaderen heraus und kam ihm singend und zum Schalle der baskischen Trommeln tanzend entgegen. Sie trugen statt Halsbändern Schnuren von Mugriblüthen und als Gürtel Guirlanden von Jasminblüthen. Der Gelehrte, von ihren Wohlgerüchen, ihren Tänzen und ihrer Musik umgeben, schritt auf die Pforte der Pagode zu, in deren Hintergrund er beim Scheine mehrerer goldenen und silbernen Lampen die Bildsäule des Jaggernat, der siebenten Menschwerdung Brahma's, in pyramidenförmiger Gestalt, ohne Füße und Hände, erblickte; letztere hatte er verloren, als er die Welt tragen wollte, um sie zu retten. Zu seinen Füßen lagen, mit dem Gesicht zur Erde, Büßende hingestreckt, von denen die einen mit lauter Stimme gelobten, sich am Tage seines Festes bei den Schultern an seinen Wagen anhaken, die andern, sich unter den Rädern desselben zermalmen zu lassen. Obgleich der Anblick dieser Fanatiker, welche beim Aussprechen ihrer furchtbaren Gelübde tiefe Seufzer ausstießen, eine Art von Schrecken einflößte, so schickte sich dennoch der Gelehrte an, in die Pagode einzutreten, als ein alter Bramine, der die Pforte bewachte, ihn zurückhielt und fragte, welcher Anlaß ihn herführe. Nachdem er es vernommen, sagte er zu dem Gelehrten: »daß er in seiner Eigenschaft als Frangi oder Unreiner sich weder vor Jaggernat, noch vor dessen Oberpriester zeigen dürfe, bevor er sich nicht dreimal in einem der großen Becken des Tempels gewaschen und Alles von seinem Leibe entfernt hätte, was aus der Haut eines Thieres bestehe, besonders aber, was aus Haaren von einer Kuh gemacht sei, weil diese von den Braminen als heilig verehrt werde, oder aus den Borsten eines Schweines, weil sie dieses verabscheuten.« »Was soll ich nun anfangen?« erwiederte ihm der Gelehrte. »Ich bringe hier dem Oberbraminen einen persischen Teppich, aus dem Haare der Angoraziege gewebt, und chinesische Zeuche, die von Seide sind.« »Alles«, versetzte der Bramine, »was dem Tempel zu Jaggernat oder seinem Oberpriester dargebracht wird, ist als Opfergabe schon an sich gereinigt; nicht so verhält es sich mit eurer Kleidung.« – Der Gelehrte mußte also seinen Oberrock von englischer Wolle, seine Schuhe von Ziegenleder und seinen Biberhut ablegen. Hierauf wusch ihn der alte Bramine dreimal ab, bekleidete ihn mit einem sandelfarbenen Tuche von Baumwolle und führte ihn an den Eingang zum Gemache des Oberbraminen. Schon machte sich der Gelehrte, das Buch mit den Fragen der königlichen Societät unter dem Arme haltend, bereit, einzutreten, als sein Begleiter ihn fragte, woraus die Decke dieses Buches bestände?  »Es ist in Kalbsleder gebunden«, antwortete der Gelehrte. – »Wie!« rief der Bramine ganz außer sich; »habe ich Euch nicht eben gesagt, daß die Kuh von den Braminen als heilig verehrt wird? und Ihr wagt es, vor ihrem Oberhaupt mit einem in Kalbsleder gebundenen Buche zu erscheinen!« – Der Gelehrte hätte sich von neuem im Ganges reinigen müssen, wenn er nicht jede Schwierigkeit dadurch abgekürzt hätte, daß er seinem Führer einige Pagoden oder Goldstücke in die Hand drückte. Er ließ also das Buch der Fragen in seinem Palankin und tröstete sich bei sich selbst, indem er sagte: »Genau betrachtet, habe ich an diesen indischen Gelehrten nur drei Fragen zu richten. Ich werde zufrieden sein, wenn er mich belehrt, auf welche Weise man die Wahrheit suchen muß, wo man sie finden kann und ob man sie den Menschen mittheilen darf.«

Der alte Bramine führte nun den englischen Gelehrten, bekleidet mit seinem Baumwollengewande, baarhäuptig und baarfüßig, zu dem Oberpriester von Jaggernat in einen ungeheuren, von Säulen aus Sandelholz gestützten Saal. Die Mauern desselben waren grün, indem der Stuck mit Kuhmist versetzt war, dabei so glänzend und geschliffen, daß man sich darin bespiegeln konnte. Der Fußboden war mit sehr feinen sechs Fuß langen und eben so breiten Matten bedeckt. Im Hintergrunde des Saales befand sich ein erhöhter Ort, umgeben von einem zierlichen Geländer von Ebenholz, und auf dieser Erhöhung erblickte man durch ein Gitterwerk von roth lackirtem, indischem Rohre das ehrwürdige Oberhaupt der Pandekten mit weißem Bart und den drei Baumwollenfäden, die er als Bandelier trug nach dem Branche der Braminen. Er saß mit gekreuzten Beinen auf einem gelben Teppich in einem Zustand so vollkommener Regungslosigkeit, daß er nicht einmal die Augen bewegte. Einige seiner Schüler wehrten ihm, mit Fächern von Pfauenschweifen, die Fliegen ab; andere verbrannten in silbernen Räucherpfännchen Räucherwerk von Aloeholz; noch andere spielten sehr angenehm auf einer Art von Hackbret. Die Uebrigen, unter denen sich Fakire, Jogis und Santons befanden, standen, in mehrere Reihen geordnet, zu beiden Seiten des Saales, alle in tiefem Schweigen die Augen auf die Erde geheftet und die Arme über der Brust gekreuzt.

Der Gelehrte wollte sogleich bis zu dem Oberhaupt der Pandekten vorschreiten, um ihm seine Ehrfurcht zu bezeigen; allein sein Führer hielt ihn in der Entfernung von neun Matten zurück, indem er ihm sagte, daß die Omrahs oder indischen Großen nicht weiter gingen; die Rajahs oder indischen Fürsten schritten bis zur sechsten Matte; die Prinzen, Söhne des Mogul, bis zur dritten vor, und nur dem Mogul selbst sei die Ehre gestattet, sich dem ehrwürdigen Oberpriester ganz zu nahen, um ihm die Füße zu küssen.

Unterdessen trugen einige Braminen das Fernrohr, die Zeuche, die Seidenstücke und den Teppich, was alles die Diener des Gelehrten am Eingange des Saales hingelegt hatten, an den Fuß der Estrade, und nachdem der alte Bramine einen Blick darauf geworfen hatte, ohne jedoch das geringste Zeichen von Billigung zu geben, schaffte man die Sachen in das Innere der Gemächer.

Der englische Gelehrte wollte nun eine sehr schöne Anrede in der Hindusprache beginnen, als sein Führer ihn belehrte, daß er warten müsse, bis der Oberpriester ihn frage. Er hieß ihn hierauf sich auf seine Fersen niedersetzen, nach der Sitte des Landes mit gekreuzten Beinen, gleich einem Schneider. Der Gelehrte murrte in sich über so viele Förmlichkeiten; aber was thut man nicht, um die Wahrheit zu finden, wenn man um ihretwillen bis nach Indien gegangen ist.

Sobald der Gelehrte sich niedergelassen hatte, schwieg die Musik und nach einer Weile tiefen Schweigens ließ ihn das Oberhaupt der Pandekten fragen, weshalb er nach Jaggemat gekommen sei.

Obgleich der Oberpriester von Jaggernat deutlich genug in der Hindusprache gesprochen hatte, um von einem Theile der Versammlung verstanden zu werden, so wurde doch sein Wort von einem Fakir an einen andern überliefert; der theilte es einem dritten mit und dieser endlich dem Gelehrten. Letzterer antwortete in derselben Sprache, er sei nach Jaggernat gekommen, angelockt durch den großen Ruf des Oberhauptes der Braminen, um seinen Rath einzuholen und von ihm zu erfahren, durch welches Mittel man die Wahrheit erkennen könne.

Die Antwort des Gelehrten wurde dem Oberhaupt der Pandekten wieder durch dieselben Mittelspersonen überbracht, welche mit der Frage beauftragt worden waren. Und ganz eben so ging der übrige Theil der Unterredung vor sich.

Nachdem er sich ein wenig gesammelt hatte, antwortete das alte Haupt der Pandekten: »Die Wahrheit kann nur vermittelst der Braminen erkannt werden.«  Hierauf verneigte sich die ganze Versammlung, die Antwort ihres Oberhauptes bewundernd.

»Wo muß man sie suchen?« ergriff der englische Gelehrte ziemlich lebhaft wieder das Wort. – »Alle Wahrheit«, versetzte der alte indische Gelehrte, »ist in den vier Beth enthalten, welche vor hundertundzwanzigtausend Jahren in der Sanskritsprache niedergeschrieben worden sind und deren Verständniß allein den Braminen vorbehalten ist.«

Bei diesen Worten hallte der ganze Saal von Beifall wieder.

Nachdem der englische Gelehrte seine Kaltblütigkeit wieder gewonnen hatte, sagte er zu dem Oberpriester von Jaggernat: »Da Gott die Wahrheit in Bücher eingeschlossen hat, deren Verständniß nur den Braminen vorbehalten ist, so folgt daraus, daß Gott die Kenntniß derselben der Mehrzahl der Menschen untersagt hat, die nicht einmal wissen, ob es Braminen in der Welt gibt. Wenn aber dies wäre, so würde Gott nicht gerecht sein.«

»Brahma hat es also gewollt!« versetzte der Oberpriester. »Dem Willen Brahma's darf nichts sich widersetzen.« – Die Beifallsbezeigungen der Versammlung verdoppelten sich. Sobald sie sich gelegt hatten, brachte der Engländer seine dritte Frage vor: »Soll man den Menschen die Wahrheit mittheilen?«

»Oft ist es weise«, sagte der alte Pandekt, »sie Jedermann zu verbergen; aber es ist Pflicht, sie den Braminen zu sagen.«

»Wie!« rief der englische Gelehrte, in Zorn gerathend, aus: »den Braminen soll man die Wahrheit sagen, die sie selbst Niemandem mittheilen! In der That, die Braminen sind sehr ungerecht!«

Auf diese Worte erhob sich ein fürchterliches Getümmel in der Versammlung. Ohne Murren hatten sie Gott der Ungerechtigkeit beschuldigen hören; anders aber war es, als dieser Vorwurf gegen sie selbst gewendet wurde. Die Pandekten, die Fakirs, die Santons, die Jogis, die Braminen und ihre Schüler wollten alle auf einmal gegen den englischen Gelehrten mit Gründen zu Felde ziehen; aber der Oberpriester von Jaggernat machte dem Aufstand ein Ende, indem er in die Hände schlug und in sehr entschiedenem Tone rief: »Die Braminen lassen sich nicht in Wortgefechte ein wie die Gelehrten Europa's!« – Hierauf erhob er sich und zog sich zurück, unter dem allgemeinen Zuruf der Versammlung, die laut gegen den Gelehrten murrte und ihm wohl einen bösen Stand bereitet hätte, wäre nicht ihre Furcht vor den Engländern gewesen, deren Ansehen an den Ufern des Ganges allmächtig ist. Als er den Saal verlassen hatte, sagte sein Führer zu ihm: »Unser sehr verehrungswürdiger Vater würde Euch, nach hiesigem Brauche, Sorbet, Betel und Räucherwerk haben reichen lassen, wenn Ihr ihn nicht erzürnt hättet.« – »Es wäre wohl an mir, ärgerlich zu sein«, erwiederte der Gelehrte, »daß ich mir so viel unnütze Mühe gemacht habe. Aber worüber hat sich denn euer Oberhaupt zu beklagen?« – »Wie!« versetzte der Führer, »Ihr wollt Euch mit ihm in Streit einlassen? Wisset Ihr nicht, daß er das Orakel Indiens und jedes seiner Worte ein Strahl höchster Einsicht ist?« – »Das würde ich nimmermehr vermuthet haben«, sagte der Gelehrte und griff nach seinem Ueberrock, seinen Schuhen und seinem Hute. Das Wetter verkündete Sturm und die Nacht rückte an. Er bat also, daß er sie in einem der Gemächer der Pagode zubringen dürfte; aber man schlug es ihm ab, dort zu schlafen, weil er ein Frangi wäre. Da ihn die feierliche Vorstellung sehr durstig gemacht hatte, so bat er um einen Trunk. Man brachte ihm Wasser in einer Flasche; aber sobald er getrunken, zerschlug man sie, weil er sie, als Frangi, dadurch verunreinigt hatte. Sehr gereizt rief hierauf der Gelehrte seinen Leuten, die in Anbetung auf den Stufen der Pagode hingestreckt lagen, und nachdem er seinen Palankin wieder bestiegen hatte, begab er sich mit Eintritt der Nacht und unter einem von Wolken bedeckten Himmel durch die Bambusallee längs des Meeres auf den Rückweg. Unterwegs sprach er bei sich selbst: »Das indische Sprichwort ist sehr wahr. Jeder Europäer, der nach Indien kommt, lernt Geduld, wenn er noch keine hat, und hat er welche, so verliert er sie. Was mich betrifft, ich habe die meinige verloren. Was! Ich sollte nicht erfahren können, durch welches Mittel sich die Wahrheit finden läßt, wo man sie zu suchen hat, und ob man sie den Menschen mittheilen soll?! Auf der ganzen Erde wäre also der Mensch zu Irrthum und Streit verdammt; das verlohnte sich wohl der Mühe, nach Indien zu gehen und die Braminen darüber um Rath zu fragen.«

Während solchermaßen der Gelehrte in seinem Palankin mit sich hin und her redete, brach plötzlich einer jener Orkane los, die man in Indien Typhon nennt. Der Wind blies vom Meere her und trieb die Wellen des Ganges rückwärts, daß sie sich schäumend an den Inseln bei seiner Mündung brachen. Von ihren Ufern riß er Säulen von Sand und von den Wäldern ganze Wolken von Blättern mit fort und führte sie bunt durcheinander über Fluß und Felder hoch in die Luft hin. Bisweilen verfing er sich in der Bambusallee, und obgleich diese indischen Rohrbüsche so hoch waren als die größten Bäume, so bewegte er sie dennoch hin und her wie das Gras auf den Wiesen. Durch die Wirbel von Staub und Blättern hindurch sah man die lange Allee in völlig wogender Bewegung, indem der eine Theil rechts und links bis zum Boden nieder gebeugt ward, während der andere sich mit Seufzen wieder aufrichtete. Die Leute des Gelehrten, voll Angst, von ihnen zerschmettert, oder von den Wassern des Ganges, die schon aus ihren Ufern traten, fortgeschwemmt zu werden, nahmen ihren Weg querfeldein, indem sie sich auf's Gerathewohl den nahen Höhen zu wendeten. Unterdessen war es Nacht geworden, und sie gingen drei Stunden lang in der dicksten Finsterniß, ohne zu wissen, wohin sie kämen, als ein Blitz, der die Wolken spaltete und den ganzen Horizont mit weißem Licht erhellte, sie in weiter Ferne zu ihrer Rechten die Pagode von Jaggernat, die Inseln des Ganges und das aufgeregte Meer, vor ihnen aber ganz in der Nähe ein kleines Thal und einen Wald zwischen zwei Hügeln erblicken ließ. Sie beeilten sich, dort Zuflucht zu suchen, und schon ließ der Donner sein düsteres Rollen vernehmen, als sie am Eingange des kleinen Thales anlangten. Dieses war von Felsen eingeschlossen und voll alter Bäume von staunenswerther Dicke. Obgleich der Sturm ihre Gipfel mit furchtbarem Sausen krümmte, so waren doch ihre unförmlichen Stämme unerschütterlich wie die Felsen, die sie umgaben. Dieses Stück Urwald schien eine Stätte der Ruhe zu sein, aber es war schwierig hinein zu dringen. Zweige des Rotang oder indischen Rohrs, die sich an seinem Rande hinschlängelten, bedeckten den Fuß dieser Bäume; und Lianen, die sich von einem Stamme zum andern hinüberschlangen, bildeten von allen Seiten einen Wall von dichtem Laubwerk, in welchem sich verschiedene grüne Höhlungen zeigten, alle jedoch ohne Ausgang. Bald hatten sich inzwischen die Rasputen mit ihren Säbeln einen Durchgang geöffnet, und das gesammte Gefolge drang mit dem Palankin in das Versteck ein. Sie glaubten sich hier vor dem Sturme geschützt, als der Regen, welcher in Strömen herabfiel, tausend Gießbäche um sie her bildete. In dieser Verwirrung bemerkten sie unter den Bäumen, an der eingeengtesten Stelle des Thales, ein Licht und eine Hütte. Der Fackelträger eilte dahin, um seine Fackel anzuzünden, kam aber nach Kurzem ganz außer Athem zurück und rief: »Hinweg von hier, da ist ein Paria!« Sogleich schrie die ganze Schaar erschreckt auf; »Ein Paria! ein Paria!« – Der Gelehrte, in der falschen Meinung, es sei irgend ein reißendes Thier, griff nach seinen Pistolen. – »Was ist das, ein Paria?« fragte er den Fackelträger. – »Das ist«, erwiederte ihm dieser, »ein Mensch, der weder Glauben, noch Gesetz kennt.« – »Das ist«, fügte der Anführer der Rasputen hinzu, »ein Indier von einer so ehrlosen Kaste, daß es erlaubt ist, ihn zu tödten, wenn man nur von ihm berührt worden ist. Wenn wir bei ihm einkehren, so dürfen wir vor neun Monden keinen Fuß in irgend eine Pagode setzen, und um uns zu reinigen, müssen wir uns neunmal im Ganges baden und uns eben so oft durch die Hand eines Braminen vom Kopf bis zu den Füßen mit dem Urin einer Kuh waschen lassen.« – Alle Indier schrieen: »Wir treten nicht bei einem Paria ein!« – »Woran habt ihr denn erkannt«, fragte der Gelehrte den Fackelträger, »daß euer Landsmann Paria, das heißt ohne Glauben und Gesetz ist?« – Da antwortete der Fackelträger: »Als ich die Thür seiner Hütte öffnete, sah ich ihn mit seinem Hunde auf derselben Matte liegen wie seine Frau, der er eben in einem Kuhhorne zu trinken reichte.« – Das sämmtliche Gefolge des Gelehrten wiederholte: »Wir kehren bei keinem Paria ein!« – »Nun, so bleibet hier, wenn ihr nicht anders wollt«, sagte der Engländer, »was mich betrifft, mir sind alle Kasten Indiens gleich, wenn es gilt, Schutz vor dem Regen zu suchen.«

Mit diesen Worten stieg er von seinem Palankin herab, nahm sein Fragenbuch nebst dem Nachtsack unter den Arm, in die Hände seine Pistolen und seine Pfeife und ging so ganz allein an die Thür der Hütte. Kaum hatte er geklopft, als ein Mann von sehr sanften Gesichtszügen ihm die Thür öffnete, aber sogleich wieder zurücktrat, indem er zu ihm sagte: »Hoher Herr! ich bin nur ein armer Paria, der nicht werth ist, Euch aufzunehmen; aber wenn es Euch gelegen ist, vor dem Unwetter bei mir unterzutreten, so werdet Ihr mir große Ehre erzeigen.« – »Mein Bruder«, antwortete ihm der Engländer, »von Herzen gern nehme ich deine Gastfreundschaft an.«  Indessen ging der Paria, mit einer Fackel in der Hand, einer Last trocknen Holzes auf seinem Rücken und einem Korbe voll Cocosnüsse und Bananen unter dem Arme, hinaus. Er näherte sich den Leuten vom Gefolge des Gelehrten, die in einiger Entfernung von dort unter einem Baume standen, und sagte zu ihnen: »Da ihr mir nicht die Ehre erweisen wollt, bei mir einzutreten, so bringe ich euch hier Früchte, die noch in den Bast gehüllt sind, und die ihr daher essen dürft, ohne euch zu verunreinigen; hier ist auch Feuer, um euch zu trocknen und vor den Tigern zu beschützen. Gott behüte euch!« – Darauf ging er in seine Hütte zurück und sagte zu dem Gelehrten: »Hoher Herr, ich wiederhole Euch, daß ich nur ein unglücklicher Paria bin. Da ich aber an eurer weißen Hautfarbe und an euren Kleidern sehe, daß Ihr kein Indier seid, so hoffe ich, Ihr werdet keinen Widerwillen gegen die Speise haben, die euer armer Diener Euch anbieten wird.« – Und dabei legte er auf eine Matte Mangofrüchte, Rahmäpfel, Ignamen, gebratene Bataten, geröstete Bananen und einen Topf voll Reis, der mit Zucker und Cocosmilch zubereitet war; darauf zog er sich auf seine Matte zu seiner Frau und seinem Kinde, das neben ihr in einer Wiege schlummerte, zurück. – »Mann voll Tugend«, sagte der Engländer zu ihm, »du bist viel besser als ich, da du denen Gutes thust, die dich verachten. Wenn du mir nicht sogleich die Ehre anthust, dich auf diese selbe Matte zu mir zu setzen, so werde ich glauben, daß du mich für einen schlechten Menschen hältst, und ich gehe augenblicks aus deiner Hütte, sollte ich auch vom Regen ersäuft und von den Tigern gefressen werden.«

Der Paria setzte sich also auf dieselbe Matte neben seinen Gast, und beide begannen zu essen; dabei genoß der Gelehrte das Vergnügen, mitten im größten Sturm sich in Sicherheit zu befinden. Die Hütte war unerschütterlich; denn außerdem, daß sie sich in dem engsten Winkel des kleinen Thales befand, war sie auch unter einem War- oder Bananenfeigenbaum errichtet, dessen Zweige ganze Bündel von Wurzeln an ihren Enden hervortreiben und auf diese Weise eben so viele Bogenwölbungen bilden, die den Hauptstamm stützen. Das Blätterwerk dieses Baumes war so dicht, daß kein Tropfen Regen durchdrang, und obgleich der Orkan sein furchtbares Geheul, untermischt mit Donnerschlägen, hören ließ, so wurde doch weder der Rauch des Herdes, der durch die Mitte des Daches seinen Ausgang hatte, noch die Flamme der Lampe davon beunruhigt. Der Gelehrte bewunderte die Ruhe des Indiers und seiner Frau, die noch tiefer war als die der Elemente zunächst um sie her. Ihr Kind, schwarz und glänzend wie Ebenholz, schlief ruhig in seiner Wiege; die Mutter wiegte sie mit dem Fuße, während sie sich damit beschäftigte, ihm ein Halsband von rothen und schwarzen Angolaerbsen zu machen. Der Vater warf abwechselnd auf das Eine und das Andere Blicke voll Zärtlichkeit. Sogar der Hund nahm Theil an der allgemeinen Zufriedenheit, neben der Katze am Feuer liegend, schlug er von Zeit zu Zeit die Augen halb auf und holte, seinen Herrn anblickend, tief Athem.

Sobald der Engländer mit dem Essen fertig war, brachte ihm der Paria eine glühende Kohle, seine Pfeife anzuzünden, und nachdem er die seinige gleichfalls angezündet hatte, gab er seiner Frau einen Wink, auf welchen diese zwei Cocosschalen und eine große Kalebasse voll Punsch, den sie während der Mahlzeit aus Wasser, Arrak, Zitronen- und Zuckerrohrsaft bereitet hatte, auf die Matte hinstellte.

Während sie so rauchten und dazwischen tranken, sagte der Gelehrte zu dem Indier: »Ich halte dich für einen der glücklichsten Menschen, die mir jemals im Leben begegnet sind, und folglich auch für einen der weisesten. Laß mich dir einige Fragen vorlegen. Wie kannst du bei einem so furchtbaren Unwetter so ruhig sein? Du bist ja nur von einem Baume geschützt, und die Bäume ziehen den Blitz an.« – »Noch niemals«, antwortete der Paria, »hat der Blitz in einen Bananenbaum eingeschlagen.« – »Das ist höchst merkwürdig«, erwiederte der Gelehrte; »ohne Zweifel, weil er negative Elektricität hat wie der Lorbeer.« – »Ich verstehe Euch nicht«, versetzte der Paria; »aber meine Frau meint, es komme daher, weil der Gott Brahma sich einst unter den Schutz seines Laubdaches begab. Ich für meine Person denke, weil Gott in diesen stürmevollen Erdstrichen dem indischen Feigenbaum ein so dichtes Laubdach und solche Bogenwölbungen gegeben hat, damit die Menschen Schutz vor Stürmen darunter suchen können, so läßt er es nicht zu, daß sie unter ihm vom Blitz getroffen werden.« – »Deine Antwort verräth viel Frömmigkeit«, versetzte der Gelehrte. »Dein Gottvertrauen also macht dich so ruhig. Das Gewissen ist freilich ein besserer Halt als alles Wissen. Ich bitte dich, sage mir, von welcher Sekte du bist; denn du kannst keiner der indischen Sekten angehören, da kein Indier mit euch umgehn mag. In dem Verzeichniß der gelehrten Kasten, die ich auf meiner Reise befragen sollte, habe ich die der Parias nicht gefunden. In welcher Landschaft Indiens ist eure Pagode?« – »Ueberall«, antwortete der Paria; »meine Pagode ist die Natur. Ich bete ihren Schöpfer an beim Aufgange der Sonne, preise ihn bei ihrem Untergange. Durch mein Unglück belehrt, versage ich keinem meine Hülfe, der noch unglücklicher ist als ich. Ich bemühe mich, mein Weib, mein Kind und selbst meine Katze und meinen Hund glücklich zu machen. Am Ende meines Lebens sehe ich dem Tod entgegen wie einem süßen Schlafe am Ende des Tages.« – »Aus welchem Buche hast du diese Ansichten genommen?« fragte der Gelehrte. – »Aus der Natur«, antwortete der Indier; »ich kenne kein anderes.« – »Ha! das ist ein großes Buch«, sagte der Engländer. »Aber wer hat dich darin lesen gelehrt?« – »Das Unglück«, erwiederte der Paria. »Da ich einer Kaste angehöre, die in meinem Lande für verworfen gilt, und also kein Indier sein kann, so habe ich mich zum Menschen gemacht; verstoßen von der menschlichen Gesellschaft, habe ich mich zur Natur geflüchtet.« – »Aber du hast doch in deiner Einsamkeit wenigstens einige Bücher?« fragte der Gelehrte. – »Nicht ein einziges«, sagte der Paria; »auch kann ich weder lesen, noch schreiben.« – »Da hast du dir viele Zweifel erspart«, sagte der Gelehrte, indem er sich die Stirne rieb. »Sieh«, fuhr er fort, »ich bin von England, meinem Vaterlande, ausgeschickt worden, bei den Gelehrten vieler Nationen nach der Wahrheit zu forschen, um die Menschen aufzuklären und sie glücklicher zu machen. Aber nach vielen vergeblichen Nachforschungen und sehr ernsten Wortkämpfen bin ich zu dem Ergebniß gekommen, daß das Forschen nach Wahrheit eine Thorheit sei, weil, wenn man sie auch fände, man sie Niemandem mittheilen könnte, ohne sich eine Menge Feinde zu machen. Sage mir einmal aufrichtig: denkst du nicht wie ich?« – »Obgleich ich nur ein unwissender Mensch bin«, antwortete der Paria, »so will ich Euch doch, weil Ihr es so verlangt, meine Meinung sagen. Ich denke: jeder Mensch ist verpflichtet, um seines eigenen Heils willen die Wahrheit zu suchen, sonst wird er habsüchtig, ehrgeizig, abergläubisch, schlecht, sogar Menschenfresser werden, je nach den Vorurtheilen oder den Zwecken derer, die ihn erzogen haben.«

Der Gelehrte, welcher allzeit seine drei Fragen im Kopfe mit sich herumtrug, die er dem Oberhaupt der Pandekten vorgelegt hatte, gerieth über die Antwort des Paria in Entzücken. »Da du also glaubst«, sagte er zu ihm, »daß jeder Mensch verpflichtet sei, nach der Wahrheit zu suchen, so sage mir zuerst: welches Mittel muß man ergreifen, um sie zu finden; denn unsere Sinne täuschen uns und unsere Vernunft führt uns noch mehr in der Irre herum. Das Urtheil ist bei fast allen Menschen verschieden; es hängt, wie ich glaube, im Grunde nur von den persönlichen Zwecken eines jeden ab, und das ist die Ursache, warum es auf der ganzen Erde so wechselnd ist. Es giebt keine zwei Religionen, keine zwei Nationen, keine zwei Volksstämme, keine zwei Familien, ja, was sage ich? keine zwei Menschen, die ganz in derselben Weise denken. Mit welchem Sinn also soll man die Wahrheit suchen, wenn der der Einsicht dazu nichts hilft?« – »Ich glaube«, antwortete der Paria, »mit einem einfältigen Herzen. Die Sinne und der Geist können sich täuschen; aber ein einfältiges Herz, wenn es auch getäuscht werden kann, täuscht doch selbst niemals.«

»Eure Antwort trifft das Rechte«, sagte der Gelehrte. »Man muß zuerst die Wahrheit mit dem Herzen suchen und nicht mit dem Geiste. Die Menschen empfinden alle auf gleiche Weise, aber sie urtheilen verschieden, weil die Quellen der Wahrheit in der Natur, die Folgerungen aber, die sie daraus ziehen, in ihren persönlichen Zwecken liegen. Mit einem einfältigen Herzen also muß man die Wahrheit suchen; denn ein einfältiges Herz stellt sich niemals, als verstände es, was es nicht versteht, oder glaube, was es nicht glaubt. Es hilft nicht dazu, sich selbst und in der Folge die Andern zu täuschen. So ist also ein einfältiges Herz, weit entfernt, schwach zu sein wie die Herzen der meisten Menschen, die durch ihre äußern Zwecke verleitet werden, vielmehr stark und tüchtig, die Wahrheit zu suchen und an ihr festzuhalten.« – »Ihr habt den Sinn meiner Worte weit besser ausgedrückt, als ich es hätte thun können«, erwiederte der Paria. »Die Wahrheit ist wie der Thau des Himmels, um ihn rein aufzubewahren, muß man ihn in einem reinen Gefäße auffangen.«

»Das ist sehr gut gesagt, du treuherziger Mensch«, versetzte der Engländer. Aber das Schwerste bleibt noch zurück. Wo muß man die Wahrheit suchen? Ein einfältiges Herz hängt von uns ab, die Wahrheit aber von Andern. Wo wird man sie nun finden, wenn diejenigen, welche uns umgeben, durch ihre Vorurtheile verleitet, oder durch ihre selbstsüchtigen Absichten verderbt sind, wie das bei den Meisten der Fall ist. Ich bin bei vielen Völkern herumgereist; ich habe ihre Büchersammlungen durchstöbert, ich habe ihre Gelehrten zu Rathe gezogen und überall habe ich nichts Anderes angetroffen als Widersprüche, Zweifel und Meinungen, tausendmal verschiedener noch als ihre Sprachen. Wenn man nun in den berühmtesten Niederlagen menschlicher Kenntnisse nicht die Wahrheit findet, wo soll man sie dann suchen? wozu wird es nützen, ein einfaches Herz zu haben unter Menschen, deren Geist verschroben und deren Herz verderbt ist?« – »Die Wahrheit würde mir verdächtig sein«, antwortete der Paria, »wenn sie mir nur durch Menschen zukäme; nicht bei diesen muß man nach ihr suchen, nein, bei der Natur. Die Natur ist die Quelle alles dessen, was da ist; ihre Sprache ist nicht unverständlich und veränderlich wie die Sprache der Menschen und ihrer Bücher. Die Menschen machen Bücher, die Natur schafft Dinge. Die Wahrheit auf ein Buch gründen, hieße so viel, als wenn man sie auf ein Gemälde oder auf eine Bildsäule gründen wollte, die nur für ein einziges Land von Bedeutung ist, und welche die Zeit jeden Tag verändert. Jedes Buch ist das Kunstwerk eines Menschen, die Natur aber ist das Kunstwerk Gottes.«

»Du hast sehr Recht«, versetzte der Gelehrte: »die Natur ist die Quelle natürlicher Wahrheiten, aber wo ist zum Beispiel die Quelle der geschichtlichen Wahrheiten, wenn nicht in Büchern? Wie kann man heutzutage über die Wahrheit eines Ereignisses gewiß werden, das vor zweitausend Jahren stattgefunden hat? Waren diejenigen, die es uns überliefert haben, ohne vorgefaßte Meinungen, ohne Sondergeist? Waren sie einfältigen Herzens? Außerdem, erforderten die Bücher, die uns einen historischen Vorgang überliefern, nicht Abschreiber, Drucker, Ausleger, Uebersetzer? und verändern alle solche Leute nicht mehr oder weniger die Wahrheit? Wie du ganz richtig sagst: ein Buch ist nur das Kunstwerk eines Menschen. Man muß also auf alle geschichtliche Wahrheit verzichten, da sie nur durch Menschen, die dem Irrthum unterthan sind, an uns gelangt.« – »Was trägt die Geschichte der vergangenen Dinge zu unserem Glücke bei?« meinte der Indier. »Die Geschichte dessen, was ist, ist die Geschichte dessen, was war und was sein wird.«

»Nun gut«, sagte der Engländer; »aber du wirst zugeben, daß die sittlichen Wahrheiten zum Glücke des Menschengeschlechts nothwendig sind. Wie soll man aber diese in der Natur finden? Die Thiere bekriegen sich, tödten sich gegenseitig und fressen sich unter einander auf; die Elemente selbst kämpfen gegen die Elemente, sollen die Menschen unter sich eben so handeln?« – »O nein!« erwiederte der gute Paria; »sondern jeder Mensch wird die Vorschrift für sein Verhalten in seinem eignen Herzen finden, wenn sein Herz einfältig ist. Die Natur hat dieses Gesetz hinein gelegt. Thue Andern das nicht, wovon du nicht wünschest, daß die Andern es dir thun.« – »Wahr ist es«, versetzte der Gelehrte, »sie hat das Wohl des Menschengeschlechts auf unser eigenes gegründet. Aber wie soll man die religiösen Wahrheiten herausfinden aus der Menge der Ueberlieferungen und verschiedenen Arten von Gottesverehrung, welche die Nationen trennen?« – »Eben durch die Natur«, antwortete der Paria. »Wenn wir diese mit einfältigem Herzen betrachten, so werden wir darin Gott erkennen in seiner Allmacht, in seiner Allweisheit und seiner Güte, und da wir schwache, unwissende und elende Wesen sind, so ist das genug für uns, um ihn zu verehren, zu ihm zu beten und ihn unser ganzes Leben lang zu lieben, ohne weiter zu grübeln.«

»Ganz vortrefflich!« rief der Engländer aus. »Aber nun sage mir: wenn man eine Wahrheit entdeckt hat, soll man sie den andern Menschen mittheilen? Wenn du sie veröffentlichst, so wirst du von einer Unzahl von Menschen verfolgt werden, die vom entgegengesetzten Irrthume leben und behaupten, dieser Irrthum selbst sei die Wahrheit, und Alles, was ihn zu zerstören strebt, sei der eigentliche Irrthum.« – »Die Wahrheit«, antwortete der Paria, »darf man denen sagen, die einfältigen Herzens sind, nämlich den Leuten, die sie redlich suchen; nicht den Schlechten, die sie von sich weisen. Die Wahrheit ist eine kostbare Perle, und der Schlechte ein Krokodil, das sie nicht in seine Ohren hängen kann, weil es keine hat. Wenn Ihr eine Perle einem Krokodil hinwerft, so wird es sich damit nicht schmücken, sondern sie verschlingen wollen; es wird sich die Zähne daran stumpf machen, und vor Wuth darüber wird es Euch anfallen.«

»Jetzt bleibt nur noch ein Einwand gegen deine Rede übrig«, sagte der Engländer, »nämlich, daß aus dem, was du so eben gesagt hast, folgt: die Menschen seien zum Irrthum verdammt, wie nöthig ihnen auch die Wahrheit sei. Denn da sie diejenigen verfolgen, die sie ihnen sagen: welcher Lehrer wird es dann unternehmen, sie zu belehren?« – »Jener«, antwortete der Paria, »der selbst die Menschen verfolgt, um ihnen die Wahrheit zu lehren – das Unglück.« – »O! diesmal, Sohn der Natur«, versetzte der Engländer, »dürftest du dich täuschen. Das Unglück stürzt die Menschen in den Aberglauben; es unterdrückt Herz und Geist. Je elender die Menschen sind, desto feiler, abergläubischer und kriechender sind sie.« – »Dann sind sie noch nicht unglücklich genug«, versetzte der Paria. »Das Unglück gleicht dem schwarzen Berge Bember an den Grenzen des glühend heißen Reiches Lahore. So lange Ihr hinaufsteigt, seht Ihr nichts als wüste Felsen vor Euch, seid Ihr aber oben auf dem Gipfel angekommen, so erblickt Ihr den Himmel über eurem Haupte und zu euren Füßen das Reich Kaschmir.«

»Ein allerliebster und sehr treffender Vergleich!« rief der Gelehrte aus. »Ein Jeder hat wirklich in seinem Leben einen Berg zu erklettern. Der deinige, du tugendhafter Einsiedler, muß sehr rauh gewesen sein, denn du stehst hoch über allen Menschen, die ich kenne. Du bist wohl sehr unglücklich gewesen? Aber sage mir vorher: warum wird deine Kaste in Indien mit solcher Verachtung behandelt und die der Braminen so hoch geehrt? Ich komme so eben von dem Oberbraminen der Pagode von Jaggernat, dessen Verstand nicht weiter reicht als der seines Götzenbildes, und der sich doch anbeten läßt wie ein Gott. » – »Das kommt daher«, antwortete der Paria, »weil die Braminen behaupten, daß sie bei der Schöpfung aus dem Haupte des Gottes Brama hervorgegangen seien, die Parias aber aus seinen Füßen, Sie erzählen ferner, daß Brama einst auf der Reise einen Paria um Speise bat, und dieser ihm Menschenfleisch vorgesetzt habe. Seit dieser Ueberlieferung ist ihre Kaste geehrt und die unsrige verflucht in ganz Indien. Wir dürfen uns den Städten nicht nahen, und jedem Nairen oder Rasputen ist es erlaubt, uns zu tödten, sobald wir ihm nur auf Haucheslänge nahe kommen.« – »Beim heiligen Georg!« rief der Engländer aus, »das ist ja ganz verrückt und wider alles Menschenrecht! Wie haben die Braminen den Indiern eine solche Dummheit einreden können?« – »Weil sie es ihnen von Kindesbeinen an lehren«, sagte der Paria, »und es ihnen unaufhörlich wiederholen. Die Menschen werden abgerichtet wie die Papageien.« – »Unglücklicher«, sagte der Engländer: »wie hast du es angefangen, um dich aus diesem Abgrund von Schande herauszuarbeiten, in den euch die Braminen schon in der Geburt gestürzt haben? Ich kenne nichts Verzweiflungsvolleres für einen Menschen, als wenn man ihn in seinen eigenen Augen herabwürdigt, das heißt, ihm schon von vorn herein allen Trost nehmen; denn die sicherste von allen Tröstungen ist immer die, welche man findet, wenn man in sich selbst einkehrt.«

»Ich habe mich zunächst gefragt«, erwiederte der Paria: »ist die Geschichte vom Gotte Brama wahr? es erzählen sie ja nur die Braminen, in deren Vortheil es liegt, sich einen himmlischen Ursprung zu geben. Sie haben gewiß die Fabel, daß ein Paria den Brama zum Menschenfresser habe machen wollen, dazu ersonnen, um sich an den Parias zu rächen, die nicht glauben wollten, was jene über ihre Heiligkeit erzählten. Darauf habe ich mir gesagt: Gesetzt, die Sache sei wahr, so ist doch Gott gerecht; er kann nicht eine ganze Kaste für das Verbrechen eines einzigen ihrer Angehörigen strafbar erachten, wenn die Kaste nicht Theil daran genommen hat. Und selbst angenommen, die ganze Kaste der Parias hätte Theil an jenem Verbrechen genommen, so sind doch ihre Nachkommen unschuldig gewesen. Gott straft eben so wenig an den Kindern die Vergehen ihrer Väter, die jene nie gesehen haben, als er an den Vätern die Vergehen der Enkel strafen würde, die noch nicht geboren sind. Aber geben wir auch zu, daß ich noch heute an der Strafe eines Paria, der sich vor Tausenden von Jahren ruchlos gegen seinen Gott vergangen, Theil haben soll, ohne daß ich Theil an seinem Verbrechen genommen habe, würde denn Etwas, das Gott haßt, bestehen können, ohne sogleich vernichtet zu werden? Wäre ich von Gott verflucht, so würde von allem, was ich pflanze, nichts' gedeihen. Endlich sagte ich mir: mag ich immerhin von Gott gehaßt sein, der mir Gutes erweist, ich will streben, mich ihm angenehm zu machen, indem ich nach seinem Beispiele denen Gutes thue, die ich hassen sollte.

»Aber«, fragte ihn der Engländer, »wie gewannst du, so von aller Welt verstoßen, deinen Lebensunterhalt?« – »Zuerst«, erwiederte der Indier, »sagte ich zu mir: Wenn alle Welt dein Feind ist, so sei du selbst dir Freund. Dein Unglück übersteigt nicht die Kräfte des Menschen. Wie stark auch der Regen sei, ein kleiner Vogel erhält davon auf einmal immer nur einen Tropfen. Ich ging in die Wälder und die Flüsse entlang, mir Nahrung zu suchen; aber ich fand meistens nur wilde Früchte und hatte die reißenden Thiere zu fürchten. Dadurch erkannte ich, daß die Natur für den alleinstehenden Menschen fast nichts gethan hat, und daß sie mein Dasein an eben dieselbe menschliche Gesellschaft geknüpft hatte, die mich aus ihrer Mitte verstieß. Ich suchte nun die verlassenen Felder auf, deren es in Indien sehr viele giebt, und fand dort stets irgend eine eßbare Pflanze, die den Untergang Derer, die sie gepflanzt, überlebt hatte. So wanderte ich von Landschaft zu Landschaft, in der Ueberzeugung, überall auf den Trümmern des Ackerbaues meinen Lebensunterhalt zu finden. Fand ich den Samen irgend einer nützlichen Pflanze, so säete ich ihn wieder, indem ich dachte: Ist es nicht für mich, so wird es für Andre sein. Und ich fühlte mich weniger elend, da ich sah, daß ich doch etwas Gutes thun konnte. –

Eins war, was ich leidenschaftlich wünschte, nämlich einige Städte besuchen zu können. Ich bewunderte von weitem ihre Mauern und Thürme, den erstaunlichen Zusammenstrom von Barken auf ihren Flüssen und von Karavanen auf ihren Landstraßen, beladen mit Kaufwaaren, die dort aus allen Weltgegenden zusammentrafen; die Schaaren von Kriegsleuten, die aus den entlegensten Provinzen dahin als Besatzung kamen; die Züge der Gesandten mit ihrem zahlreichen Gefolge, die aus fremden Reichen dort anlangten, um glückliche Ereignisse anzuzeigen oder Bündnisse zu schließen. Ich näherte mich, so weit es mir erlaubt war, ihren Thoren, mit Staunen die langen Staubsäulen betrachtend, welche die Menge der Reisenden aufsteigen machte, und ich zitterte vor Verlangen bei dem verworrenen Geräusch, das aus großen Städten aufsteigt und in den nahen Feldern dem Gemurmel der Wogen gleicht, die sich am Ufer des Meeres brechen. Ich sagte zu mir: Ein Zusammenfluß von Menschen so vieler verschiedener Staaten, die ihren Gewerbsfleiß, ihre Reichthümer und ihre Freude gegenseitig austauschen, muß eine Stadt zum Aufenthalt der Wonne machen. Aber wenn es mir auch nicht gestattet ist, bei Tageslicht mich ihr zu nahen, wer wird mich hindern, bei Nacht dort einzutreten? Eine kleine Maus, die so viele Feinde hat, geht und kommt, wohin es ihr beliebt, unter dem Schutze der Finsterniß; sie schlüpft aus der Hütte des Armen in den Palast der Könige. Um sich des Lebens zu freuen, genügt der Schein der Sterne, wozu bedürfte ich den Glanz der Sonne?

Diese Betrachtungen stellte ich in den Umgebungen von Delhi an; sie machten mich so dreist, daß ich bei Nacht die Stadt betrat; ich schlich mich durch die Pforte von Lahore ein. Zuerst durcheilte ich eine lange, menschenleere Straße, rechts und links aus Häusern mit Terrassen bestehend, die auf Gewölben ruhten, unter denen sich die Buden der Kaufleute befinden. Von Zeit zu Zeit traf ich auf große, wohl verschlossene Karavansereien und weite Bazare oder Märkte, wo die tiefste Stille herrschte. Als ich mich dem Innern der Stadt näherte, durchschritt ich das prächtige Stadtviertel der Omrahs oder Vornehmsten des Reiches, angefüllt von Palästen und Gärten, die sich längs der Djumna hinziehn. Dort hallte alles wider vom Klange der Instrumente und dem Gesange der Bajaderen, die bei Fackelschein an den Ufern des Flusses tanzten. Ich stellte mich an eine Gartenthür, um ein so reizendes Schauspiel mit anzusehn; aber ich wurde vertrieben von Sklaven, welche das niedere Volk mit Stockschlägen fortjagten. Indem ich mich aus dem Viertel der Großen entfernte, kam ich an mehreren Pagoden meines Glaubens nahe vorüber, wo eine große Anzahl Unglücklicher, auf dem Boden liegend, Thränen vergossen. Bei dem Anblicke dieser traurigen Bilder des Aberglaubens und der Scheu floh ich eiligst davon. Weiterhin belehrten mich die durchdringenden Stimmen der Mollahs, welche in luftiger Höhe die Stunden der Nacht ausriefen, daß ich mich am Fuße der Minarets einer Moschee befände. Nahe dabei waren die Faktoreien der Europäer mit ihren Flaggen und Wächtern, welche unaufhörlich: Kaber - dar! Habt Acht! schrien. Ich schlich hierauf an einem großen Gebäude hin, das ich aus dem Geklirr von Ketten und dem Gestöhn, das daraus erscholl, für ein Gefängniß erkannte. Bald darauf vernahm ich Schmerzensschreie in einem ungeheuren Krankenhaus, aus welchem man große Karren voll Leichname herausführte. Im Weitergehn begegnete ich Dieben, welche die Straße entlang flohen, wie den Streifwachen, die ihnen nachsetzten; Gruppen von Bettlern, die trotz aller Stockschläge an den Thoren der Paläste um einige übrig gebliebene Brocken von den Festschmäusen wimmerten, und überall Weibern, die sich, um das Leben zu fristen, öffentlich preisgaben. Endlich nach einer großen Strecke Weges in derselben Straße gelangte ich auf einen unabsehbaren Platz, welcher die von dem Großmogul bewohnte Veste einschließt. Er war besetzt mit Zelten der Rajahs oder Nabobs seiner Garde und ihrer Geschwader, die sich durch Fackeln, Standarten und lange, an der Spitze mit Schweifen von tibetanischen Kühen versehene Rohre von einander unterschieden. Ein Graben, voll Wasser und dicht mit Geschützen besetzt, umschloß, wie der Platz selbst, den Bereich der Festung. Ich betrachtete bei der Helle der Wachtfeuer die Thürme der Burg, die sich bis zu den Wolken erhoben, und die Länge ihrer Wälle, die sich in den Horizont verloren. Ich hätte wohl da eintreten mögen, aber große Korahs oder Peitschen, die an Pfosten hingen, benahmen mir die Lust, auch nur einen Fuß auf den Platz zu setzen. Ich blieb also an einem seiner äußersten Enden neben einigen Negersklaven stehen, die mir erlaubten, mich an einem Feuer, um welches sie saßen, auszuruhen. Von da aus betrachtete ich mit Bewunderung den Herrscherpalast und sagte bei mir: Hier also wohnt der glücklichste der Menschen! Daß man ihm Gehorsam schulde, predigen so viele Religionen; zu seiner Verherrlichung kommen so viele Gesandtschaften; für seine Schatzkammer werden so viele Provinzen erschöpft; für seine Wollüste ziehen so viele Karavanen aus, und für seine Sicherheit wachen so viele Bewaffnete in der Stille der Nacht!

Während ich diese Betrachtungen anstellte, ließ sich lautes Freudengeschrei auf dem ganzen Platze hören, und ich sah acht Kameele, mit Quasten geschmückt, vorüberziehen. Ich erfuhr, daß sie mit Köpfen von Rebellen beladen wären, welche die Heerführer des Moguls ihm aus der Landschaft Decan sendeten, wo einer seiner Söhne, den er zum Statthalter ernannt hatte, schon seit drei Monaten Krieg gegen ihn führte. Kurz darauf kam mit verhängtem Zügel auf einem Dromedar ein Eilbote an, er brachte die Nachricht von dem Verlust einer indischen Grenzstadt, welche durch den Verrath eines seiner Befehlshaber dem König von Persien überliefert worden war. Kaum war dieser Eilbote vorüber, als ein anderer, vom Statthalter von Bengalen abgeschickt, mit der Nachricht ankam, daß die Europäer, welchen der Herrscher, zum Gedeihen des Handels, eine Faktorei an der Mündung des Ganges bewilligt hatte, dort eine Festung errichtet und sich der Schifffahrt auf dem Flusse bemächtigt hätten. Einige Augenblicke nach der Ankunft dieser beiden Eilboten sah man einen Offizier an der Spitze einer Abtheilung der Leibwache aus der Burg herauskommen. Der Mogul hatte ihm befohlen, nach dem Viertel der Omrahs zu reiten und von dort drei der Vornehmsten, welche des Einverständnisses mit den Feinden des Staats beschuldigt waren, in Ketten gelegt, herbei zu holen. Tags zuvor hatte er einen Mollah festnehmen lassen, weil dieser in seinen Predigten den König von Persien gelobt und laut erklärt hatte, der Kaiser von Indien sei ein Ungläubiger, weil er, dem Mohamed zuwider, Wein trinke. Endlich versicherte man, er habe soeben eine seiner Frauen und zwei Hauptleute seiner Leibwache, welche der Betheiligung an der Rebellion seines Sohnes überführt seien, erwürgen und in die Djumna werfen lassen. Während ich noch über diese traurigen Begebenheiten nachdachte, erhob sich plötzlich eine hohe Feuersäule aus den Küchenräumen des Serails; ihre Rauchwirbel vermischten sich mit den Wolken und ihr rother Glutschein beleuchtete die Thürme der Festung, ihre Gräben, die Minarets der Moscheen und erstreckte sich bis an den Horizont. Sogleich wurden die großen kupfernen Pauken geschlagen und die Karnas oder großen Hörner der Leibwache bliesen mit fürchterlichem, betäubendem Schalle Feuerlärm; Reitergeschwader verbreiteten sich in der Stadt, stießen in den Häusern, die dem Schlosse zunächst lagen, die Thüren ein und zwangen mit gewaltigen Peitschenhieben die Bewohner, das Feuer löschen zu helfen. Hier erfuhr ich selbst auch, wie gefährlich die Nähe der Großen den Kleinen ist. Die Großen sind wie das Feuer, welches selbst diejenigen, die ihm Weihrauch streuen, versengt, sobald sie ihm zu nahe kommen. Ich wollte mich still davon machen, aber alle Zugänge des Platzes waren besetzt. Es wäre mir unmöglich gewesen, hinauszukommen, wenn nicht durch Gottes Vorsehung die Seite, wo ich mich befand, die des Serails gewesen wäre. Da die Eunuchen hier die Frauen auf Elephanten hinausbrachten, so wurde dadurch mein Entweichen erleichtert; denn während die Wachen allenthalben sonst die Menschen mit Peitschenhieben zwangen, dem Schlosse zu Hülfe zu kommen, so nöthigten sie hier die Elephanten mit Rüsselschlägen, sich zu entfernen. So nun, bald von den Einen verfolgt, bald von den Andern zurückgestoßen, entkam ich aus diesem erschrecklichen Chaos und erreichte beim hellen Scheine der Feuersbrunst das entgegengesetzte Ende der Vorstadt, wo das niedere Volk, fern von den Großen, in seinen Hütten friedlich von seinen Arbeiten ausruhte. Da erst fing ich wieder an aufzuathmen.

Ich sprach zu mir: Nun habe ich also eine Stadt kennen gelernt! Ich habe die Wohnung der Gebieter von Nationen gesehen! O, von wie vielen Gebietern sind sie nicht selbst die Sklaven! Sie fröhnen sogar zur Zeit, wo Andere ruhen, den Wollüsten, der Ehrsucht, dem Aberglauben, der Habsucht; sie haben, selbst im Schlafe, eine Menge jämmerlicher Geschöpfe und Uebelthäter, von denen sie umgeben sind, zu fürchten: Diebe, Bettler, Buhlerinnen, Brandstifter, ja sogar ihre Krieger, ihre Großen und ihre Priester. Wie muß sich erst bei Tage eine Stadt ausnehmen, wenn sie bei Nacht schon so geräuschvoll und unruhig ist? Die Uebel des Menschen wachsen mit seinen Genüssen, wie sehr muß nicht ein Herrscher zu beklagen sein, der sich ihrer aller auf einmal erfreuen will. Er hat innere wie äußere Kriege zu fürchten und sogar die Personen, die ihm zur Beruhigung und zum Schutz dienen sollten, seine Heerführer, seine Wachen, seine Mollahs, seine Frauen und seine Kinder. Die Gräben um seine Veste vermögen nicht die Schreckbilder des Aberglaubens von ihm abzuhalten; seine wohlabgerichteten Elephanten die schwarzen Sorgen nicht von ihm abzuwehren. Was mich betrifft, ich fürchte nichts von alledem: kein Tyrann hat Gewalt weder über meinen Körper, noch über meine Seele. Ich kann Gott nach meinem Gewissen dienen, und ich habe von keinem Menschen etwas zu befürchten, wenn ich selber mir nicht schade; wahrlich, ein Paria ist weniger unglücklich als ein Kaiser. – Indem ich diese Worte sprach, traten mir die Thränen in die Augen, und auf meine Knie fallend, dankte ich dem Himmel, der, um mich meine Leiden ertragen zu lehren, mir weit unerträglichere vor Augen geführt hatte.

Seit dieser Zeit habe ich in Delhi nur die Vorstädte besucht. Von da aus sah ich die Sterne die Wohnungen der Menschen beleuchten und sich mit ihren Feuern vermischen, als ob Himmel und Stadt nur Ein Gebiet wären. Wenn der Mond emporstieg, um die Landschaft zu erhellen, so nahm ich andere Farben wahr als am Tage. Ich bewunderte die Thürme, die Gebäude und die Bäume, die wie versilbert und zugleich wie mit Flören bedeckt erschienen und sich fern in den Wassern der Djumna spiegelten. In voller Freiheit durchstreifte ich die großen einsamen und schweigenden Stadtviertel, und es war mir, als ob die ganze Stadt mir gehörte. Und doch würden mir die Menschen eine Hand voll Reis versagt haben, so hassenswerth hatte mich ihnen die Religion gemacht! Da ich also meinen Lebensunterhalt nicht bei den Lebenden finden konnte, so suchte ich ihn bei den Todten: ich ging auf die Kirchhöfe und aß von den Speisen, die fromme Verwandte auf den Gräbern dort dargebracht hatten. An diesen Orten überließ ich mich gern meinen Gedanken. Hier ist, sagte ich bei mir selbst, die Stadt des Friedens; hier haben Macht und Stolz ein Ende; Unschuld und Tugend sind in Sicherheit; hier ist alle Furcht des Lebens erstorben, selbst die vor dem Tode; hier ist die Herberge, wo der Kärrner für immer ausgespannt hat und wo selbst der Paria zur Ruhe kommt. – Bei solchen Gedanken fand ich den Tod wünschenswerth und ich kam dahin, die Erde zu verachten. Ich schaute nach dem Aufgang, wo mit jedem Augenblicke Sterne in Menge emporstiegen. Obschon ich ihre Geschicke nicht kannte, so empfand ich doch, daß sie mit denen der Menschen verknüpft waren und daß die Natur, welche für die Bedürfnisse derselben so viele Dinge geschaffen hat, die sie gar nicht sehen, jedenfalls auch diejenigen damit in Verbindung gebracht haben müsse, die sie ihrem Blicke offen darlegt. Meine Seele erhob sich also zum Firmament mit seinen Gestirnen; und wenn die Morgenröthe dem lieblichen und ewigen Glanz der Sterne ihre Rosenfarben hinzufügte, so glaubte ich mich vor den Pforten des Himmels. Sobald aber ihre Strahlen die Spitzen der Pagoden vergoldeten, entschwand ich wie ein Schatten; ich ging in die Felder, um fern von den Menschen am Fuße eines Baumes auszuruhen, wo ich unter dem Gesange der Vögel einschlief.«

»Gefühlvoller, unglücklicher Mensch«, rief der Engländer aus, »deine Geschichte ist sehr rührend. Glaube mir, die meisten Städte verdienen nur bei Nacht gesehen zu werden. Genau betrachtet, hat die Natur bei Nacht auch Schönheiten aufzuweisen, die nicht minder ergreifend sind. Ein berühmter Dichter meines Landes hat gar keine anderen gefeiert. Aber sage mir, wie hast du es endlich angefangen, auch am Tage glücklich zu sein?«

»Ach, es war schon viel, es bei Nacht zu sein«, versetzte der Indier. »Die Natur gleicht einer schönen Frau, welche den Tag über der Menge nur die Schönheit ihres Antlitzes zeigt, in der Nacht aber dem Geliebten auch die geheimen Reize entschleiert. Aber wenn die Einsamkeit ihre Genüsse hat, so hat sie auch ihre Entbehrungen. Sie erscheint dem Unglücklichen als ein stiller Hafen, von wo aus er die Leidenschaften der andern Menschen an sich vorüberziehen sieht, ohne selbst davon ergriffen zu werden; aber während er sich zu seiner unerschütterlichen Ruhe Glück wünscht, reißt ihn selbst die Zeit mit sich fort. In dem Strome des Lebens wirft man keinen Anker aus; er trägt Den, der seinem Lauf entgegenstrebt, wie Den, der sich ihm überläßt, den Weisen wie den Thoren, auf gleiche Weise mit sich dahin, und beide gelangen an das Ziel ihrer Tage, der Eine, nachdem er sie nutzlos vergeudet hat, der Andere, ohne sie wahrhaft genossen zu haben. – Ich wollte nicht weiser sein als die Natur, noch mein Glück außerhalb der Gesetze suchen, die sie dem Menschen vorgeschrieben hat. Ich sehnte mich vor Allem nach einem Freunde, dem ich meine Freuden und meinen Kummer mittheilen könnte. Ich suchte ihn lange Zeit unter Meinesgleichen; aber ich traf darunter nur Neider an. Endlich fand ich ein mitempfindendes, erkenntliches, treues und den Vorurtheilen unzugängliches Wesen; freilich war es nicht von meiner Gattung, sondern es gehörte zu den Thieren, es war der Hund, den Ihr dort sehet. Man hatte ihn, noch ganz klein, in einem Straßenwinkel ausgesetzt, wo er dem Verhungern nahe war. Er bewegte mich zum Mitleid, ich zog ihn auf; er wurde mir anhänglich, und ich gewann an ihm einen unzertrennlichen Gefährten. Das genügte mir jedoch nicht; ich bedurfte eines Freundes, der noch unglücklicher war als ein Hund; der die Gebrechen der menschlichen Gesellschaft kannte und sie mir ertragen half; der nur nach den Gaben der Natur Verlangen trug, und mit dem ich sie genießen konnte. Nur indem sich zwei schwache Bäumchen ineinander verflechten, widerstehn sie dem Sturm. Die Vorsehung übertraf alle meine Wünsche, indem sie mir ein gutes Weib gab. An der Quelle meiner Leiden fand ich die meines Glückes.

In einer Nacht, die ich auf der Begräbnißstätte der Braminen zubrachte, erblickte ich beim Scheine des Mondes eine junge Braminin, halb bedeckt von ihrem gelben Schleier. Beim Anblick eines weiblichen Wesens von dem Blute meiner Tyrannen wich ich mit Abscheu zurück, näherte mich aber wieder aus einem Antriebe des Mitleids, als ich sah, womit sie sich in liebevoller Sorge beschäftigte. Sie stellte Speise auf einen Grabhügel, der die Asche ihrer Mutter bedeckte, die vor Kurzem, zugleich mit der Leiche ihres Vaters, lebendig verbrannt worden war, wie es der Brauch ihrer Kaste verlangt; dann zündete sie Weihrauch an, um ihren Schatten anzurufen. Die Thränen traten mir in die Augen, als ich hier ein Wesen erblickte, das noch unglücklicher war als ich. Ach, sagte ich zu mir selbst: mich fesseln nur die Bande der Ehrlosigkeit, dich aber drücken die der Ehre. Ich lebe wenigstens ruhig in der Tiefe meines Abgrundes; du aber stehst ewig bebend an dem Rande des deinigen. Denn dasselbe Verhängniß, das dir deine Mutter geraubt hat, droht auch dich eines Tags hinwegzuraffen. Du hast nur Ein Leben empfangen, und sollst zwei Tode sterben. Wenn dein eigener Tod dich nicht in's  Grab steigen läßt, so wird dich der Tod deines Gatten lebendig hinabziehen. – Ich weinte und sie weinte; unsere von Thränen feuchten Augen begegneten sich und hielten stille Zwiesprache miteinander, als die Augen zweier Unglücklichen. Sie wandte die ihrigen ab, hüllte sich in ihren Schleier und entfernte sich. In der folgenden Nacht kam ich wieder an denselben Platz. Diesmal hatte sie einen größeren Vorrath von Lebensmitteln auf das Grab ihrer Mutter gestellt, sie hatte vermuthet, daß ich ihrer bedurfte; und da die Braminen oft ihre Todtenopfer vergiften, damit die Paria's sie nicht essen sollen, so hatte sie, um mich wegen des Genusses der ihrigen zu beruhigen, nur Früchte gebracht. Ich war gerührt durch diesen Beweis von Menschenliebe, und um ihr meine Ehrfurcht gegen ihre kindliche Opfergabe zu bezeigen,  legte ich, ohne die Früchte zu berühren, einige Blumen dazu. Es waren Mohnblüthen, welche den Antheil ausdrücken sollten, den ich an ihrem Schmerze nähme. In der folgenden Nacht sah ich mit Freude, daß sie meine Huldigung genehmigt hatte. Die Mohnblüthen waren besprengt, und sie hatte einen zweiten Korb mit Früchten in einiger Entfernung von dem Grabe hingestellt. Mitleid und Erkenntlichkeit machten mich dreist. Da ich als Paria nicht wagte sie anzureden, aus Furcht, ihr Verdruß zu bereiten, so unternahm ich es, ihr als Mensch alle die Empfindungen auszudrücken, welche sie in meiner Seele rege machte. Ich bediente mich also nach indischer Gewohnheit der Blumen, um mich verständlich zu machen: ich fügte zu den Mohnblüthen noch Ringelblumen hinzu. In der Nacht darauf fand ich meine Mohn- und Ringelblumen ebenfalls begossen. In der folgenden Nacht ward ich kühner; ich fügte zu den Mohn- und Ringelblumen noch eine Fulsapatblüthe, womit die Schuhmacher ihr Leder schwarz zu färben pflegen, als Sinnbild einer demüthigen und unglücklichen Liebe. Den nächsten Tag eilte ich mit der Morgenröthe zum Grabe; aber ich fand die Fulsapatblüthe vertrocknet, weil sie nicht benetzt worden war. Zitternd legte ich in der folgenden Nacht eine Tulpe dazu, deren rothe Blätter und schwarzes Herz die Flammen andeuteten, die mich verzehrten. Tags darauf fand ich meine Tulpe in dem Zustande der Fulsapatblüthe. Ich fühlte mich von Betrübniß niedergedrückt; dennoch legte ich am dritten Tage eine Rosenknospe mit den Dornen hinzu, als Sinnbild meiner Hoffnung, gemischt mit großem Bangen. Wie groß aber war meine Verzweiflung, als ich, bei den ersten Strahlen des Tages, meine Rosenknospe vom Grabe weit weg liegend erblickte! Ich glaubte den Verstand zu verlieren. Ich beschloß, was mir auch geschehen möchte, sie anzureden. In der Nacht darauf warf ich mich, sobald sie erschien, ihr zu Füßen, und reichte ihr ganz bestürzt, ohne ein Wort hervorbringen zu können, meine Rose dar. Sie nahm das Wort und sagte zu mir: »Unglücklicher! du sprichst mir von Liebe, und bald werde ich nicht mehr sein. Nach dem Vorgange meiner Mutter muß ich meinem Gatten, der soeben gestorben ist, auf den Scheiterhaufen begleiten. Er war alt; ich heirathete noch als Kind. Lebe wohl, entferne dich und vergiß meiner. In drei Tagen werde ich nur noch eine Handvoll Asche sein.« – Diese Worte waren von Seufzern unterbrochen. Schmerzdurchdrungen erwiederte ich ihr: »Unglückliche Braminin! Die Natur hat die Bande zerrissen, welche die Gesellschaft dir angelegt hatte; zerreiße auch vollends die des Aberglaubens. Du kannst es, wenn du mich als Gatten annimmst.« – »Was!« erwiederte sie weinend, »ich sollte dem Tod entfliehen, um mit dir in Schmach zu leben? Ach, wenn du mich liebst, so laß mich sterben!« – »Wolle Gott verhüten«, rief ich, »daß ich dich deinem Jammer entziehe, um dich in mein Elend zu stürzen! Theures Braminenweib, laß uns miteinander in das Dickicht der Wälder fliehen, es ist besser, sich den Tigern anzuvertrauen als den Menschen. Aber der Himmel, auf den ich meine Hoffnung setze, wird uns nicht verlassen. Laß uns fliehen, die Liebe, die Nacht, dein Unglück, deine Unschuld – Alles begünstigt uns. Laß uns eilen, unglückliche Wittwe! Schon erhebt sich dein Scheiterhaufen, schon ruft dich dein todter Gatte zu sich! Arme, zu Boden geschmetterte Liane! stütze dich auf mich, ich werde dein Palmbaum sein!« – Auf diese meine Worte warf sie seufzend einen Blick auf das Grab ihrer Mutter und blickte dann zum Himmel auf, ließ eine ihrer Hände in die meinige fallen und ergriff mit der anderen meine Rose. Alsbald legte ich ihren Arm in den meinigen, und wir gingen miteinander von dannen. Ihren Schleier warf ich in den Ganges, um ihre Verwandten glauben zu machen, sie habe sich ertränkt. Mehrere Nächte hindurch gingen wir immer am Strome entlang und verbargen uns des Tages in den Reisfeldern. Endlich gelangten wir in diese Gegend, welche der Krieg vormals von Einwohnern entblößt hat. Ich drang in das Innere des Waldes ein, wo ich diese Hütte gebaut und einen kleinen Garten angelegt habe. Hier leben wir nun sehr glücklich. Ich verehre meine Frau wie die Sonne und liebe sie wie den Mond. In dieser Einsamkeit sind wir uns Alles. Wir waren von der Welt verachtet; aber da wir uns gegenseitig schätzen, so erscheint das Lob, das ich ihr ertheile oder von ihr empfange, weit süßer als die Beifallsbezeigungen eines ganzen Volkes.« Bei diesen Worten blickte er auf sein Kind in der Wiege und auf seine Frau, die Thränen der Freude vergoß.

Der Gelehrte, die seinigen trocknend, sagte zu seinem Wirth: »In der That, was bei den Menschen in Ehren steht, verdient oft besser ihre Verachtung, und was bei ihnen verachtet ist, sollte vielmehr von ihnen geehrt werden. Aber Gott ist gerecht: Ihr seid tausendmal glücklicher in eurer Zurückgezogenheit als der Oberbramine zu Jaggernat in all seiner Glorie. Er, wie seine Kaste, ist allen Wechseln des Glücks ausgesetzt; denn auf die Braminen fallen am meisten die Geißeln der bürgerlichen und auswärtigen Kriege, die euer schönes Land seit so manchem Jahrhundert verheeren; an sie wendet man sich, um Zwangssteuern zu erheben, weil sie über die Meinung des Volkes so große Herrschaft ausüben. Das Grausamste aber für sie ist, daß sie selbst die ersten Opfer ihrer unmenschlichen Religion werden; denn dadurch, daß sie nur immer Irrthum predigen, ist er ihnen so zur zweiten Natur geworden, daß sie selbst das Gefühl für Wahrheit, Gerechtigkeit, Menschenliebe und Frömmigkeit verlieren. Sie sind selbst von den Ketten des Aberglaubens umwunden, womit sie ihre Landsleute zu fesseln streben; sie sind daher genöthigt, sich alle Augenblicke zu waschen, zu reinigen und sich einer Menge unschuldiger Genüsse zu enthalten; endlich müssen sie (es schaudert einem, es nur auszusprechen) in Folge ihrer barbarischen Lehren ihre Verwandten ihre Mütter, ihre Schwestern und ihre eigenen Töchter lebendig verbrennen sehen, so straft sie die Natur, an deren Gesetzen sie sich versündigt haben. Euch dagegen ist verstattet, aufrichtig, gut, gerecht, gastfreundlich, fromm zu sein, und eben durch eure niedrige Stellung entgeht ihr den Schlägen des Schicksals und den Uebeln des öffentlichen Vorurtheils.«

Nach diesem Gespräche nahm der Paria Abschied von seinem Gaste, um ihn der Ruhe genießen zu lassen, und zog sich mit seiner Frau und der Wiege seines Kindes in ein kleines anstoßendes Gemach zurück.

Am folgenden Morgen wurde der Gelehrte bei Aufgang der Morgenröthe durch den Gesang der Vögel geweckt, die in den Zweigen des indischen Feigenbaumes nisteten, sowie durch die Stimme des Paria und seiner Frau, die gemeinschaftlich ihr Morgengebet verrichteten. Er stand auf, und da der Paria und seine Frau ihre Thür öffneten, um ihm guten Tag zu wünschen, ward er zu seinem Leidwesen inne, daß in der ganzen Hütte kein anderes Lager vorhanden war als das eheliche, und daß sie die ganze Nacht wachend zugebracht hatten, um es ihm zu überlassen. Nachdem sie ihm den Salem oder Friedensgruß geboten, beeilten sie sich, das Frühstück zu bereiten. Während dieser Zeit machte er einen Gang durch den Garten. Er fand ihn, ebenso wie die Hütte, von gewölbten Zweigen des indischen Feigenbaumes umschlossen, die den so dicht ineinander verschlungen waren, daß sie selbst für den Blick eine undurchdringliche Hecke bildeten. Nur oberhalb ihres Laubwerks gewahrte er die rothen Wände des Felsens, der sich um das ganze kleine Thal herum wandte. Dort entsprang eine kleine Quelle, die den Garten bewässerte; im Uebrigen war er ohne Ordnung bepflanzt. Da standen Mangostanen, Orangenbäume, Cocosbäume, Litschis, Durian-und Mangobäume, Brodbäume, Bananen und andere Gewächse, bunt durcheinander, aber sämmtlich mit Blüthen oder mit Früchten beladen. Selbst ihre Stämme waren damit bedeckt: der Betelstrauch schlängelte sich um die Arecapalme und der Pfefferstrauch an dem Zuckerrohr hinauf; die Luft war von ihren Wohlgerüchen durchduftet. Obgleich die meisten Bäume noch im Schatten standen, so erhellten doch die ersten Strahlen der Morgenröthe schon ihre Wipfel. Auf ihnen sah man Kolibris sich wiegen, funkelnd gleich Rubinen und Topasen, während Bengalis und Sensasulehs oder Fünfhundertstimmen, im feuchten Laubwerk verborgen, von ihren Nestern aus ihre süßen Concerte vernehmen ließen. Der Gelehrte wandelte unter diesen angenehmen Schatten, fern von gelehrten und ehrgeizigen Gedanken, umher, als der Paria ihn zum Frühstück einladen kam. »Euer Garten ist herrlich«, sagte der Engländer, »und ich finde nur den einzigen Fehler an ihm, daß er zu klein ist. Ich an eurer Stelle würde noch einen Rasenplatz dazufügen und ihn bis in den Wald ausdehnen.« – »Herr«, antwortete ihm der Paria: »je weniger man Platz einnimmt, desto gesicherter ist man. Ein einziges Blatt reicht zum Nest des Fliegenvogels hin.« – Bei diesen Worten traten sie in die Hütte, wo sie in einem Winkel die Frau des Paria mit dem Säugen ihres Kindes beschäftigt fanden; das Frühstück stand schon bereit. Als nach schweigend eingenommenem Mahle der Gelehrte sich zum Aufbruch anschickte, sagte der Indier zu ihm: »Lieber Gast, die Felder sind noch vom Regen dieser Nacht überschwemmt, die Wege ungangbar, bleibet diesen Tag noch bei uns.« – »Es geht nicht«, erwiederte der Gelehrte; »ich habe zu viel Leute bei mir.« – »Ich sehe wohl«, versetzte der Paria, »Ihr eilt, das Land der Braminen zu verlassen und in das Land der Christen zurückzukehren, deren Religion alle Menschen als Brüder leben läßt.« Der Gelehrte stand seufzend auf. Da gab der Paria seiner Frau einen Wink, und diese reichte dem Gelehrten, mit niedergeschlagenen Augen und ohne zu sprechen, einen Korb mit Blumen und Früchten dar. Der Paria nahm für sie das Wort und sagte zu dem Engländer: »Herr, nehmt mit unserer Armuth fürlieb. Wir haben, um nach  dem indischen Gebrauche unseren Gästen zu räuchern, weder grauen Ambra, noch Aloeholz; wir haben nur Blumen und Früchte. Aber ich hoffe, daß Ihr diesen kleinen Korb, den meine Frau gefüllt hat, nicht verachten werdet: es sind weder Mohn- noch Ringelblumen darin, wohl aber Jasmin, Mugri-und Bergamotten, durch die Dauer ihres Wohlgeruchs Sinnbilder unserer Zuneigung, deren Erinnerung uns bleiben wird, auch wenn wir Euch nicht mehr sehen.« – Der Gelehrte nahm den Korb und sagte zum Paria: »Ich kann eure Gastfreundschaft nicht genug anerkennen und weiß nicht, wie ich Euch alle die Achtung bezeigen soll, die ich für Euch empfinde. Nehmt diese goldne Uhr von mir an; sie ist ein Werk von Greenham, dem berühmtesten Uhrmacher Londons; man braucht sie nur einmal im Jahr aufzuziehen.« – Der Paria entgegnete ihm: »Herr, wir bedürfen keiner Uhr; wir haben eine, die immer geht und immer richtig die Stunden zeigt: das ist die Sonne.« – »Meine Uhr zeigt aber die Stunden durch Schlagen an.« – »Unsere Vögel durch Singen«, erwiederte der Paria.  »So nimm zum wenigsten«, sagte der Gelehrte, »diese Korallenschnuren an, zu rothen Halsbändern für dein Weib und dein Kind.« – »Meinem Weibe und meinem Kinde«, versetzte der Indier, »wird es niemals an rothen Halsbändern fehlen, so lange unser Garten Angolaerbsen hervorbringen wird.«  »Dann«, sagte der Gelehrte, »mußt du diese Pistolen nehmen, um dich in deiner Einsamkeit gegen Diebe vertheidigen zu können.« – »Die Armuth«, sagte der Paria, »ist eine Schutzwehr, die alle Diebe von uns fern hält; das Silber, womit eure Schießwaffen ausgelegt sind, wäre allein schon genug, um sie herbeizulocken. Im Namen Gottes, der uns in seinen Schutz nimmt und von dem wir unseren Lohn erwarten – raubt uns nicht den Werth unserer Gastfreundschaft.« – »Aber ich wünschte doch«, rief der Engländer, »daß Ihr Etwas von mir zum Andenken behieltet.« – »Wohlan, mein Gast«, antwortete der Paria, »da Ihr es einmal wollet, so will ich es wagen, einen Tausch vorzuschlagen: gebet mir eure Pfeife und empfanget die meinige dafür. So oft ich aus der eurigen rauchen werde, will ich mich daran erinnern, daß ein europäischer Pandekt es nicht verschmäht hat, von einem armen Paria Gastfreundschaft anzunehmen.« – Sogleich reichte ihm der Gelehrte seine Pfeife von englischem Leder mit Bernsteinspitze, und nahm dafür die des Paria in Empfang, die aus Bambusrohr bestand, mit einem Kopfe von gebrannter Erde.

Hierauf rief er seine Leute herbei, die von der übeldurchbrachten Nacht ganz durchkältet waren, und bestieg, nachdem er den Paria umarmt hatte, seinen Palankin. Das Weib des Paria blieb mit dem Kind auf den Armen weinend in der Thür der Hütte stehen; aber ihr Mann begleitete den Gelehrten bis an den Ausgang des Gebüsches, indem er ihn mit Glückwünschen überschüttete. »Möge Gott«, sagte er zu ihm, »Euch belohnen für eure Güte gegen die Unglücklichen, könnte ich ihm doch als Opfer für Euch dienen! Möge er Euch glücklich nach England zurückbringen, in jenes Land der Gelehrten und der Menschenfreunde, die auf der ganzen Erde die Wahrheit aufsuchen für das Heil der Menschen!« Der Gelehrte antwortete ihm: »Ich habe die halbe Erdkugel durchstreift und überall nur Irrthum und Zwietracht gefunden, aber Wahrheit und Glück habe ich nur in deiner Hütte angetroffen.« Auf diese Worte trennten sie sich, beide unter Thränen. Der Gelehrte war schon sehr weit in's Feld hinausgelangt, als er noch immer den guten Paria unter einem Baume stehen sah, wie er ihm mit den Händen Zeichen des Lebewohls nachwinkte.

Nach Calcutta zurückgekehrt, schiffte sich der Gelehrte nach Chandernagor ein, von wo er nach England absegelte. In London angekommen, übergab er die neunzig Ballen seiner Manuskripte dem Präsidenten der königlichen Societät, und dieser legte sie in dem britischen Museum nieder, woselbst sie die Gelehrten und die Zeitungsschreiber noch heutigen Tags zu Uebersetzungen, Lobreden, Abhandlungen, Kritiken und Flugschriften fleißig benutzen. – Was den Gelehrten anlangt, so bewahrte er die drei Antworten des Paria betreffs der Wahrheit als sein Geheimniß. Er rauchte oft aus dessen Pfeife; und wenn man mit Fragen in ihn drang, welches das Nützlichste sei, das er auf seinen Reisen gelernt hätte, so antwortete er: »Man muß die Wahrheit mit einfältigem Herzen suchen; man findet sie nur in der Natur; man soll sie nur rechtschaffenen Leuten mittheilen.«  Wozu er dann noch fügte: »Man ist nur glücklich mit einer guten Frau!« 




1 Es giebt viele Berge, deren Gipfel in Form von Brüsten abgerundet sind und davon in allen Sprachen jene Bezeichnung tragen. Diese sind in der That wahre Brüste, da von ihnen viele Flüsse und Bäche entspringen, welche Fruchtbarkeit über das Land verbreiten. Sie sind die Quellen der hauptsächlichsten Flüsse, welche es bewässern, und versehen sie immer von neuem mit Stoff, indem sie unaufhörlich die Wolken um die Felsenspitze, welche aus ihrer Mitte hervorragt, an sich ziehn.

2 Negerhütte, eine Art Laube

3 Phaethon

4 Negertrommel

5 feine Barchentzeuge

6 Kattune