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Edgar Allan Poe – Gedichte

Gedichte

Edgar Allan Poe, Ausgewählte Gedichte, Verlag des Bibliographischen Bureaus, Berlin, 1891, übertragen von Hedwig Lachmann


Edgar Allan Poë.

Die Verhängung schweren Leidens über ein vom Hause aus sonnenloses Menschendasein ist eine der unergründlichen Willensäußerungen der Natur. Es gibt innere Kräfte, die im Zwielicht indifferenter Lebensverhältnisse halb schlummern, ungleich flackern, gedämpft schimmern wie Gaslicht im Halbdunkel, doch es kommt die Nacht, sie kommt mit der Unabwendbarkeit von Naturvorgängen, und die gedrückten Flammen schlagen auf, werfen grelle Streiflichter, malen übergroße, verzerrte Schatten. – Das Leben sucht sich für seine Stürme gern eine weite, zerklüftete Menschenbrust, es liebt die düstern Gründe, die tiefen Risse, die verborgenen Spalten, es trägt seinen Aufruhr am Liebsten dorthin, wo die Wirren der inneren Natur bereits Empörung und Kampf geschaffen haben.

Solchem Eindringen der Schicksalstücke auf ein düster geartetes Gemüth begegnen wir bei Edgar Allan Poë. Von einer Beschaffenheit, die selbst unter günstigem Horoskop bedeutsame Conflikte gezeitigt hätte, mahnt sein Inneres unter dem Ansturm des Leidens an die Opfer elementarer Verheerungen. Sein Leben umfaßt die kurze Spanne Zeit von Jahren. Er war 1811 in Baltimore geboren und starb auf einer Reise nach NewYork. – Aus der Perspektive entrückter Zeit erscheinen die Umrisse eines in’s Auge gefaßten, hinter uns liegenden Zieles nicht in ihrer Schärfe; durch das Fernrohr vermittelnden Studiums blickend, erkennt man, daß die Linien bei freier Betrachtung weniger schneidend hervortreten, die Ecken und Kanten abgerundeter erscheinen würden. Zeitgenössische Biographen beurtheilen Poë größtentheils mit der Leidenschaftlichkeit oder überlegenen Kälte, wie sie obzuwalten pflegen, wenn der Gegenstand des Interesses ein naher ist, über den Aufzeichnungen späterer liegt etwas wie väterliche Milde; zweifellos ist, daß sein Wandel einer jener stürmischen, ungezügelten, unbeständigen Lebensführungen war, die viele verdammen, niemand gut heißt, wenige bemitleiden.

Früh verwaist, war er von einem reichen Schotten in Virginia, Mr. Allan, adoptiert und in eine Schule nach England gebracht worden, wo er bis zu den Universitätsjahren verblieb. In seiner Erzählung »William Wilson« entwirft er ein Bild aus dieser Zeit. Schon damals zeigten sich die Anfänge zu einem bewegten Drama, in welchem der Held seine Rolle mit aller Innerlichkeit einer ursprünglichen Natur auffaßte. In die kleinen Begebnisse des Schullebens legt er die Bedeutsamkeit, bringt ihnen dasselbe intensive, wechselnde Empfinden entgegen, das im gereifteren Alter schicksalsbestimmende Geschehnisse wachzurufen pflegen. – Nach beendeter Schulzeit kehrte er nach Amerika zurück und hiermit beginnt die fiebrischen Periode seines Lebens, welche ihren Abschluß in der Enterbung von seiten seines Pflegevaters fand und die erschütterte Grundlage wurde, in welcher geordnete Verhältnisse nicht Wurzel fassen wollten. Der Geist der Störrigkeit, den er einmal eine der natürlichsten und vorherrschendsten seelischen Eigenschaften nennt, von dem die Philosophie in ihrem analytischen Verfahren keine Notiz nehme, muß ihm in hohem Grade inne gewohnt haben. Eine starre Unbeugsamkeit den Forderungen der Menschen gegenüber, ein Trotz, der das eigene Herz ebenso martert als er fremde verletzt, der sich an den Schmerzen der eigenen Brust weidet, drückt ihm den Stempel auf. Und doch war das düstere Weltbild, das er in sich trug, nicht so sehr das Ergebniß seines mit der natürlichen und gesellschaftlichen Ordnung in Conflikt gerathenen Innern als die Widerspiegelung einer Phantasie, der finstere Genien ein Land erschlossen, wo sich Raum und Größenverhältnisse in’s Titanenhafte dehnten, wo stille Freuden keinen Boden, kleines Glück keine Heimath hatte. Seinem Studium, während dessen er sich ebenso durch glänzende, geistige Errungenschaften als durch Zügellosigkeit hervorthat, ward durch die Relegation von der Universität ein jähes Ende bereitet. In Erbitterung über diese Ehrenkränkung, so verdient sie gewesen sein mochte, und wohl auch im Drange, ein besonderes Leben zu beginnen, faßte er den knabenhaften Entschluß, sich den aufständischen Griechen beizugesellen, kam jedoch nur bis Petersburg, wo er, aller Baarschaft entblößt, mit Hilfe des dortigen amerikanischen Konsuls zurückbefördert werden mußte. Er mag seinen Pflegevater ob solcher Excesse nicht eben milde gestimmt gefunden haben. Zwar ermöglichte ihm dieser noch auf Wunsch den Eintritt in eine Militärschule; nachdem er sie jedoch eigenmächtig verlassen, kam es zum völligen Bruch. Nun folgt eine schwere Leidenszeit. Als er mit einer Serie Erzählungen »Tales of the Folio Club« einen Preis gewonnen, erschien er vor dem Komitee, ein wahres Bild des Jammers, mit allen Zeichen der Entbehrung und Verwahrlosung. Wohlwollende Männer nahmen sich seiner an und verhalfen ihm zu journalistischer Thätigkeit. Es duldete ihn aber nicht lang am selben Orte. Von Richmond war er nach Baltimore gegangen und hatte 1839 in Philadelphia niedergelassen. Hier entstanden seine vielleicht bedeutendsten und charakteristischsten Erzählungen »Ligeia« und »der Fall des Hauses Usher«.

Das dichterische Reich Edgar Poë’s liegt an der verschwommenen Grenze, wo die Konturen der Wirklichkeit mit den Schatten der Phantasie zusammenfließen. Sein eigenstes Wesen offenbart er, wenn er, von den geheimen Kundgebungen der Natur ausgehend, zwischen ihr und der Menschenseele Fäden spinnt, an denen er die ewigen Räthsel an das Tageslicht der Wahrnehmung ziehen möchte. Und woran ließen sich die Uebergriffe der übersinnlichen in die Erfahrungswelt wohl besser knüpfen, als an die schaurig erhabenste, geheimnißvollste, unabweislichste aller Erscheinungsformen – das irdische Vergehen? Hier schafft er sich ein breites, dunkles Feld, durch dessen aufgelockerte Schollen er verwegene Blicke in den heimlich wirkenden Schooß wirft, auf dieser Verbindungsbrücke zwischen Hier und Dort späht er nach dem Ineinandergreifen der beiden Welten, hier stellt er die intimsten Wechselbeziehungen zwischen Individuum und Natur her und verbreitet darüber die beklemmende Atmosphäre des tragischen Schauders, jenen finstern, aber unleugbaren Zauber, der das Geheimniß seiner dichterischen Gewalt in sich trägt. – Ligeia ist die Personifikation des Willens zum Leben im Kampf mit den Machtbezeugungen der Natur. Er geht von dem Satze aus: »Der Mensch überläßt sich nicht völlig den Engeln oder dem Tode, es sei denn durch die Schwäche seines Willens« – mit andern Worten: machtlos wäre der Tod, den Willen zu vernichten, wenn ihm dieser als gesammelte, unbeeinträchtigte, ungeschwächte Kraft entgegenträte. Traurig phantastisch, wie dieser Gedanke an und für sich sein mag, er gewinnt Kraft durch die wundersam poetische Gestaltung, durch die feierliche Schönheit, mit der er ihn umkleidet. In dem »fall of the house of Usher« gibt er eine Analyse entstehenden Wahnsinns. Auch hier das herüberragende Jenseits, das feuergefärbte Dunkel der Stimmung.

Der Erfolg, den er mit diesen Erzählungen erzielte, weckte in ihm einen freudigen Schaffensdrang und schien sein Leben in glattere und ruhigere Bahnen bringen zu wollen. Im Herbste desselben Jahres veröffentlichte er seine sämmtlichen Prosaerzählungen unter dem Titel »Tales of the Grotesque and Arabesque.« Sein literarischer Ruf war nun in steter Zunahme begriffen. Im Jahre ward er dem »Graham Magazine« verpflichtet und entwikkelte während anderthalb Jahren eine ungemein produktive Thätigkeit als Schriftsteller und Kritiker, die ihm auch in Europa viele Leser und enthusiastische Bewunderer verschaffte. Größeres Aufsehen jedoch noch als die Erzählungen erregte seine Schrift »Autography« und die Veröffentlichungen über Kryptographie. Hierin behauptete er, menschlicher Scharfsinn könne keine geheime Schrift erfinden, die menschlicher Scharfsinn nicht zu entziffern vermöge, und in der That gelang ihm die Lösung der schwierigsten Proben, die ihm darauf hin eingesandt wurden. Edgar Poë hat uns freiwillig einen Blick hinter die Coulissen seines Schaffens thun lassen, er hat bekannt, daß er mit der kühlen Berechnung des Mathematikers vorgehe, hat die Entstehung des »Raben« vom ersten Keimen an dargelegt und zwar, weil er diese Methode des Producirens zum Prinzip erheben wollte. Die Conception entsprang dem Wunsche, eine bestimmte Wirkung im Gemüth des Lesers zu erzielen. Nachdem er das Schöne als einzig legitimes Gebiet der Poesie erkannt hatte, suchte er nach dem Ton seiner höchsten Offenbarung und fand ihn in wehmüthiger Trauer. Er fragte sich nun: Was dient zur speciellen Reizerhöhung eines Gedichtes? Von allen bisher in Anwendung gebrachten Mitteln zeigte die Erfahrung den Refrain als das wirksamste. Und welcher Refrain entspricht am besten dem beabsichtigten Tone? Das Wort »Nevermore« sprang ihm hiebei, kraft seiner Bedeutung, sofort als zweckmäßestes in die Augen. Doch nun galt es, die Eintönigkeit dieses Wortes in Einklang mit der Verstandesthätigkeit des Geschöpfes zu bringen, welches dazu bestimmt wäre, es beständig zu wiederholen. Da stieg denn der Gedanke an ein nichtdenkendes, der Sprache fähiges Wesen in ihm auf, und der Rabe, von jeher in Beziehung zum Menschenschicksal gebracht, gab den Ausschlag. Er folgerte weiter: Nach allgemein menschlichem Einvernehmen ist der traurigste aller Begriffe – der Tod, und am poetischsten ist der Tod, wenn ihn Schönheit verklärt; demnach ist der Tod einer schönen Frau zweifellos das Poetischste und ein trauernder Liebender der passendste Träger des poetischen Begriffs. Angesichts der Schwierigkeit, einen Liebenden, welcher seine Geliebte betrauert, und einen Raben, der beständig das Wort »Nevermore« wiederholt, in Verbindung zu bringen, ergab sich als einzige Möglichkeit eine Art Zwiegespräch, in welchem die Antworten des Raben wie zufällig auf die anfangs gleichgültigeren und allgemeineren Fragen des Liebenden erfolgen müßten, bis dieser schließlich durch den Charakter des Wortes an und für sich, die häufigen Wiederholungen, den üblen Ruf des Vogels, in einen Zustand abergläubischer Furcht versetzt, Fragen ganz anderer Art an ihn richtet, um deren Lösung er leidenschaftlich besorgt ist. In dieser Weise der Klimax zusteuernd, stellte er endlich die Frage fest, in Bezug auf welche »Nevermore« den höchsten Grad des Schmerzes in sich tragen müßte und so, am Ende des Gedichts »wo alle Kunstwerke ihren Anfang haben sollten« entstand zuerst der Vers, in welchem dem Liebenden aus der Antwort des Raben das Urtheil ewiger Verdammniß entgegentönt.

Im Einklang mit dem hier dargethanen Verfahren sind die früher genannten Zeugnisse seines zergliedernden und combinirenden Scharfsinns. Zügellos wie seine Phantasie war, fing er sie ein bei der tollsten Jagd und ließ sie denselben gefahrvollen Weg noch einmal am Zaum machen. Mag dies Auseinanderlegen seiner Gebilde manche Illusion in Bezug auf Inspiration und das Schaffen »aus einem Guß« zerstören – die Kunst, wie er den ephemeren Geschöpfen seiner Phantasie Realität verschafft, das Abnorme mit Schutzwällen umgibt, an denen es einen Rückhalt gewinnt und glaubhaft wird, wie er, die unheimlichsten Tiefen eher verdeckend als enthüllend, eine brennende Ungwißheit entfacht, zwingt uns trotzdem in den Bannkreis seiner dämonischen Dichterkraft. Der Blick für alles Natürliche, Harmlose, Liebliche hat ihm gefehlt. Nacht, Grauen bilden die Scenerie für absonderliche Menschen, dunkle Thaten, seltsame Geschehnisse. Aber so absichtlich er das Lichtscheue und Verborgene sucht und aus den Schlupfwinkeln herauszieht – Sünde und Verbrechen sind bei ihm nie niedrig, nie gemein, nicht der Ausfluß menschlicher Kleinheit, sie sind von innen heraus geboren, die natürlichen Ergebnisse eines so und nicht anders beschaffenen Innern, sie sind mit jenen Schauern umhüllt, die verstummen machen, Thaten, so furchtbar, so dunkel erhaben, daß man sie nicht nennen kann, wie jene des Mannes, welcher nicht allein sein will, des »Mannes der Menge,« der sich Tag und Nacht in die dichtesten Menschenknäuel drängt, in wilder Verzweiflung vorwärts jagd, wenn er eine Straße leer findet, und sich mit Jauchzen in neues Gewühl stürzt. Nach seiner Trennung von Graham verfällt er in die alte Noth. Eine widrige Leidenschaft wirft breite Schatten über ihn und raubt seinem Tode das Erhabene. In einem rührenden Briefe an einen vertrauten Korrespondenten thut er dieses Gebrechens Erwähnung und spricht zugleich von dem, was seinem Leben den tiefsten Gehalt gab und ihm zur Quelle größten, seelischen Leidens wurde. – Mit einem geringen Einkommen hatte er in Richmond eine junge, gänzlich mittellose Verwandte, Virginia Clemm geheirathet, die uns als ungemein liebreizend und begabt geschildert wird. Mit ihr und ihrer Mutter, die der gute Engel der jungen Leute war, und an der er mit kindlicher Liebe hing, war er duch die verschiedenen Städte gewandert, welche die Schauplätze seiner Thätigkeit bildeten, und hatte sich gegen das Ende seiner Laufbahn in NewYork niedergelassen. Nach kurzer Ehe hatte seine Frau das Unglück, sich beim Singen ein Blutgefäß zu sprengen. Poë schreibt hierüber: »Ich nahm Abschied von ihr für immer und litt alle Qualen ihres Todes; sie genas theilweise – ich hoffte wieder. Nach einem Jahre barst das Blutgefäß von Neuem und ich machte genau dasselbe durch, dann wieder, wieder und wieder in verschiedenen Zwischenräumen, und nach jedem neuen Eintritt der Störung liebte ich sie mehr und klammerte mich mit verzweifelterer Hartnäckigkeit an ihr Leben. Doch ich bin von Konstitution in ungewöhnlichem Grade sensitiv und nervös. Mein Geist umnachtete sich mit langen, fürchterlichen Zwischenräumen des Hellsehens. In diesen schrecklichen Paroxysmen – trank ich – Gott allein weiß, wie viel und wie oft. Selbstverständlich schoben meine Feinde meine Krankheit auf das Trinken, anstatt sich letzteres aus meiner Krankheit zu erklären.«

Zu diesen Leiden gesellte sich ein Mangel an allem Nöthigen, so daß die öffentliche Barmherzigkeit in Anspruch genommen werden mußte. Der drohende Verlust machte ihn unfähig zur Arbeit. Er duchirrte die Straßen wie im Wahnsinn, in unhörbarem Zwiegespräch mit seinen Geistern, die er stets zu beschwören wußte, die Augen in leidenschaftlichem Gebete aufwärts gewandt. Die Nacht hindurch pflegte er mit durchnäßten Kleidern den Stürmen zu trotzen, um im Aufruhr der Elemente seinen Schmerz zu betäuben. Der schließlich erfolgte Tod seiner Frau warf ihn auf ein langes Krankenlager, von dem er sich nur erhob, um öfter und öfter der Leidenschaft anheimzufallen, die ihn binnen Kurzem zerstörte. – Ulalume und Annabel Lee stammen aus der Zeit seiner Trauer und sind in ihrer süßen Melancholie wohl das Rührendste, was er gedichtet.

Noch einmal macht er den ernsten Versuch, seinem verfehlten Leben eine neue Richtung zu geben. Er tritt nach langer Pause mit einer bedeutenden Arbeit an die Oeffentlichkeit, die er dem Publikum zuerst durch Vorlesungen vermittelt: es sind die später unter dem Titel »Eureka, a prose poëm« veröffentlichten Abhandlungen über die Entstehung des Weltalls. Auch seinen häuslichen Verhältnissen sollte frischer Reiz verliehen werden. Er war an die Stätte seiner Kindheit zurückgekehrt und hatte sich dort mit einer Dame verlobt, die er in seiner Jugend gekannt. Kurz vor der beabsichtigten Verheirathung unternahm er eine Reisen nach NewYork, um einer literarischen Verpflichtung nachzukommen; auf dem Schiff gerieth er in schlimme Gesellschaft, die einen abermaligen Rückfall in sein Leiden herbeiführte, und aus dieser Umnachtung erwachte er nicht wieder. Er starb einen Tag darauf am 7. Oktober 1849.

Wir wenden uns den echten und rechten Verkündern des Schönen zu, sie allein sind mächtig Klarheit und Freude zu geben, in ihnen finden wir den Ausdruck unsres reinsten und besten Empfindens; aber auch Irrsterne wandeln nah’ der Sonne, blutroth, unheimlich, doch göttlichen Ursprungs. In Poë war ein Funke von der heiligen Flamme des Genius und der ist wie das Knöchelchen Albadaran der arabischen Sage, das den Körper überdauert.

H. L.

Vorwort.

Von den in nur geringer Anzahl vorhandenen Gedichten Edgar Poës habe ich diejenigen ausgewählt, welche als »Poëms of Manhood« gesammelt sind. Einzelne, die das Auseinanderlegen und Wiederaufbauen, schlechtweg Uebersetzen genannt nicht gut vertragen hätten, habe ich ausgelassen. – Im engbegrenzten Pflichtgebiet des Uebersetzers bleiben und doch keinen Gedanken des Dichters verkümmern lassen, ist jederzeit schwer, angesichts der verblüffenden Technik Poës geradezu unmöglich. Ich habe mich von dem Glauben leiten lassen, daß man dem Dichter am ehesten zu seinem Rechte verhilft, wenn man ihn in seiner Wesenseinheit zu erfassen sucht, und daher in erster Linie danach gestrebt, mit dem gedanklichen Inhalt die Stimmung wiederzugeben. – Im »Raben« hätte die strikte Durchführung des Refrains »Nimmermehr« oder »Nimmer« wie im Original des »Nevermore«, zu großen Zwang auferlegt, weshalb ich ihn erst mit dem Erscheinen des Raben selbst im Rahmen des Gedichts eingeführt habe. – Mögen hier zum Schluß noch die Worte des Dichters, die er seinen eigenen Schöpfungen vorangesetzt hat, eine Stelle finden: »Dichten war bei mir eine Leidenschaft und Leidenschaften sollten geehrt werden, denn sie entstehen nicht auf Geheiß.«

Berlin, im April 1891.

Hedwig Lachmann.



An Helene.

Ich sah dich einmal, einmal nur – vor Jahren.
Es war in einer Julinacht; vom klaren,
Gestirnten Himmel, wo in sichrer Schwebe
Der volle Mond eilends die Bahn durchlief,
Fiel weich und schmeichlerisch ein Lichtgewebe
Auf einen Garten, der verzaubert schlief, –
Fiel weich und schmeichlerisch ein silbern lichter,
Duftiger Schleier und verhüllte tief
Die himmelan gehobenen Gesichter
Von vielen hundert Rosen, die in Farben
Jungfräulich reiner, ernster Schönheit blühten,
Die in dem Liebeslichte schämig glühten,
Zum Dank sich selber gaben – und so starben.

Ein weißes Kleid umschloß dich faltig weich –
Du standest sinnend, – und den Rosen gleich
Erhobst du das Gesicht, doch ach, in Trauer!
War es nicht Schicksal, das mich an die Mauer
Des Gartens führte zu derselben Zeit?
Nicht Schicksal (dessen andrer Name Leid),
Das mir gebot, die Düfte einzusaugen
Der eingewiegten Rosen? Alles schlief,
Die ganze, schnöde Welt – nichts regte sich.
Nur du und ich, o Gott, nur du und ich,
Ich sah nur dich, ich sah nur deine Augen,
Ich sah nur diese Sterne dunkel tief –
Und da auf einmal war mir’s, als versänke
Der Garten, meinem Blick entschwanden
Die Schlangenwege und die Rasenbänke –
Im liebeheißen Arm der Düfte fanden
Die Lüfte ihren Tod – der Mond verblich,
Nichts athmete, nur wir, nur du und ich,
Nichts strahlte, nur das Licht in deinen Augen,
Nichts, als die Seele deiner dunklen Augen,
Ich sah nur sie, nur sie allein, sie bannten
Den flücht’gen Fuß mir stundenlang und brannten
Sich wie zwei Flammen tief in meine Brust –
O, welche Märchen standen da geschrieben,
Ein Weh, wie tief, ein Stolz, wie selbstbewußt,
Welch, abgrundtiefe Fähigkeit zu lieben!
Doch endlich legte sich Diana drüben
Im Westen in ein Wolkenbett, und du –
Ein Geist – entglittst. Nur deine Augen blieben.
Sie schwanden nicht, sie strahlen immer zu,
Sie leuchteten mir heim auf meinem schroffen,
Sternlosen Pfad in jener Wundernacht,
Sie wichen nicht von mir (wie all mein Hoffen),
Sie wachen über mich mit Herrschermacht,
Sie sind mir Priester – ich ihr Unterthan,
Ihr Amt ist zu erleuchten – meine Pflicht,
Erlöst zu werden durch ihr reines Licht,
Geweiht in ihrem heil’gen Flammenlicht.
Sie füllen mir die Brust mit Schönheit an
Und sind die goldnen Sterne hoch im Aether,
Vor denen ich, ein demuthsvoller Beter,
In meiner Nächte schlummerlosem Düster

Andächtig kniee, während in der Höhe
Des Mittagsglanzes selbst ich sie noch sehe,
Zwei Venussterne – holde Sterngeschwister.


Die Glocken.

I.

Hört die Schlittenglocken, die hellen,
Die fröhlichen, silbernen Schellen!
Wie sie klingen und klingen und klingen
Zu der Rosse feurigen Sprüngen,
Wie es ringsherum blinkt und blitzt,
Wie die Sterne glitzern und flinkern,
Daneben blinzeln und zwinkern
        Halb verschmitzt!
Und im Mondlicht tanzen die Feyn
Einen seltsamen Runenreih’n
Bei den demantbestreuten Erlen
Zu den tönenden Silberperlen.
Und es klingt, klingt, klingt,
Und es dringt, dringt, dringt
Weithin, weit, weit, weit, weit, weit
Das klingende, das singende Geläut.


II.

      Hört die Hochzeitsglocken, die weichen,
      Die goldenen, sangesreichen!
      Wie sie wogen und wallen,
      Wie sie schallen und hallen
      In schmelzenden, schönen,
      Verwehenden Tönen
      Durch die schimmernde Nacht,
      Während hoch im Blauen
      Der Mond mit schlauen
      Schalksaugen lacht.
O welch brausende Wogen schwellen
Aus den tönenden, dröhnenden Zellen!
      Hört, wie sie schwellen,
      Wie sie entquellen
      Den erzenen Kehlen,
      Sich wonnig vermählen,
      Anmuthig erzählen
      Von der Liebe, die bleibt,
      Von der Lust, die sie treibt,
      Sich zu schwingen, zu klingen,
Weithin, weit, weit, weit, weit, weit –
Mit tönendem, mit sehnendem Geläut!


III.

Die Sturmglocken hört, aus Erz, aus Erz!
Wie zittert dabei das Menschenherz.
Von eisernen Fäusten gepackt,
Sausen sie aufwärts, scheuen
Wie wilde Rosse und schreien,
Und schreien und schreien und schreien
Einen gellenden Chor
Der Nacht ins Ohr
        Ohne Takt.
Ihr eignes, gespenstisches Grausen
Heulen sie aus und brausen
Im Klageruf an das Feuer,
Das wahnsinn’ge Ungeheuer,
Und wälzen sich höher und höher,
Dem Monde näher und näher,
Vom hölzernen, morschen Gerüste
Treibt sie ein tolles Gelüste,
Sie klirren zusammen und schwirren
In’s Blaue und irren und irren,
Und tollen und tollen und tollen,
Und rollen und rollen und rollen
Auf den zuckenden Busen der Nacht
Ein bleiches, starres Entsetzen
Und wecken die Schläfer und hetzen
Sie aus der nächtlichen Ruh.
Die stürzen blindlings hinzu,
Mit stockendem Athem zu lauschen
Dem fluthenden, ebbenden Rauschen
        Der grausen Gefahr,
Aus dem ebbenden, fluthenden Läuten
Den Grimm des Feuers zu deuten,
Mit fliegenden Pulsen zu hören,
Aus der Glocken Schallen und Gellen,
Aus dem rasselnden, klirrenden Schellen
Das furchtbare Wallen und Gähren
        Der Feuersgefahr –
Und es jammert die zitternde Schaar
In der Not, die so fürchterlich dräut,
Weithin, weit, weit, weit, weit, weit –
Mit gellendem, zerschellendem Geläut.


IV.

Hört den eisernen Glockenklang!
Wie bang, wie bang, ein Trauergesang!
O, wie wir angstvoll schaudern und beben,
Wenn sie des Nachts die Stimmen erheben,
Wie wir den Himmel suchen mit scheuen,
Erschrockenen Blicken, wenn sie so dräuen!
O, wie erschauert unsre Seele,
Wenn sie so hoffnungslos gramvoll tönen,
Wenn jeder Laut ihrer rostigen Kehle
        Ein Stöhnen!
Und im Thurm allein
Jene knöcherne Sippe,
Jene fahlen Gerippe,
Allein, allein,
Es sind nicht Männer, nicht Weiber,
Nicht Tier und nicht Menschenleiber,
        Es ist Gebein!
Es sind nachtwandelnde Geister
Und ihr König, das ist der Meister,
Und er zieht, und er zieht, und er zieht
Aus den Glocken ein schauerlich Lied,
Und er rollt mit teuflischer Lust
Auf die zuckende Menschenbrust
        Einen Stein.
Und er zieht den ächzenden Strang
Zu einem Triumphgesang,
Und er jubelt und jauchzet wild,

Und sein fröhlicher Busen schwillt,
Und er tanzt zu den Melodei’n
Einen seltsamen Runenreihn
Und schwingt den ächzenden Strang
Zu einem Triumphgesang,
Und er schwingt, und er schwingt, und er schwingt
Auf und ab, auf und ab, auf und ab,
Und er winkt, und er winkt, und er winkt
In das Grab, in das Grab, in das Grab,
Und er tanzt und jubelt und streut,
Weithin, weit, weit, weit, weit, weit –
Das klagende, verzagende Geläut.


Ulalume.

Die Wolken thürmten sich mächtig,
Die Blätter waren verdorrt,
Sie waren kraus und verdorrt,
Es war Oktober und nächtig
An einem unseligen Ort.
Es war nahe dem bleiernen Wasser,
Das da so verschlafen steht,
Am Hain, wo des Nachts sich ein blasser,
Hohläugiger Schwarm ergeht.

Die Gegend schroff und titanisch,
Durchstreift’ ich mit Psyche allein,
Meiner Seele, Psyche, allein,
Zur Zeit, da mein Herz noch vulkanisch,
Wie die Berge, die rastlos spei’n,
Die Feuerströme ausspei’n,
Wie der Berg am Nordpol, der kreißend
Ein flammendes Meer gebiert,
Das sich gewaltsam und reißend
Hinunterstürzt und verliert,
Hinunterwälzt und verliert.

Unsre Rede war ernst und gemessen,
Die Gedanken welk und verdorrt,
Die Gedanken lahm und verdorrt.
Das Gedächtniß war pflichtvergessen,
Denn es mahnte uns nicht an den Ort,
An die Zeit nicht, und nicht an den Ort.
Wir ahnten nicht Ort und nicht Stunde
Und nicht den Monat im Jahr,
Den unsel’gen Monat im Jahr,
Daß es nahe dem heimlichen Grunde
Und dem bleiernen Wasser war.

Und da nun die Nacht sich neigte
Und der Zeiger der Sternenuhr,
Der himmlischen Sternenuhr
Dem Tag zustrebte, da zeigte
Sich ein nebliger Schein am Azur.
Und diesem weißlichen, zarten
Duftschleier entschwebte zuletzt
Das Diadem von Astarten
Mit Diamanten besetzt.

Und ich sprach: Sie ist wärmer und milder
Als die keusche Schwester Apoll’s,
Die flinke Schwester Apoll’s.
Diana ist feuriger, wilder,
Doch innerlich kühl und stolz.
Sie aber wandelt durch Sphären
Von Seufzern und wirft ihr Licht,
Ihr sanftes, freundliches Licht
Auf die nimmer trocknenden Zähren
Im gramvollen Erdengesicht.
Und kommt durch das Sternbild des Löwen
Und weist uns den Weg zum Glück,
Den Weg durch Lethe zum Glück
Und kommt durch die Höhle des Löwen,
Erwärmt uns mit Ihrem Blick,
Mit ihrem liebenden Blick.

Da sah ich Psyche erschaudern.
Sie sprach: Ich trau’ ihr nicht,
Ich trau’ dieser Blässe nicht.
O komm, o laß’ uns nicht zaudern,
Ich fürchte dies weiße Licht,
Dies weiße, flackernde Licht.
Eine Angst, unbeschreiblich, unsäglich
Durchbebte sie, während sie sprach,
Während so hastig sie sprach,
Sie schluchzte und schleppte kläglich
Ihre Schwingen am Boden nach,
Die Schwingen im Staube nach.

Ich erwiderte: Du siehst Gespenster,
Laß uns tauchen in dieses Meer,
Dies krystallene, leuchtende Meer,
Sein Raum ist ein unbegrenzter,
Sieh nur, hin wogt es und her,
Es zittert und wogt hin und her,
Es strahlt und fluthet im Blauen
Mit wahrhaft sybillischer Pracht,
Glaub’ nur, wir dürfen ihm trauen,
Es leuchtet uns durch die Nacht,
Wir dürfen dem Wegweiser trauen,
Denn er leuchtet zu Gott durch die Nacht.

So suchte ich sie zu beschwicht’gen
Und küßte sie brüderlich warm,
Ich küßte sie zärtlich und warm,
Und ich sah ihre Angst sich verflücht’gen
Und wir eilten voran Arm in Arm.
Durch dunkle Cypressenalleeen
Und athmeten ihren Duft –
Da blieben wir plötzlich stehen
Vor der Thüre zu einer Gruft,
Zu einer mystischen Gruft.
Und ich sprach: Was sagt dieser stumme,
Bedeutsame Mund von Stein?
Da erwiderte sie: Ulalume –
Hier ruht Ulalumens Gebein,
Deiner Ulalume Gebein. –

Da ward stumpf mein Herz und ohnmächtig,
Und wie die Blätter verdorrt,
Wie die Blätter welk und verdorrt.
Ja, Oktober war es und nächtig,
Rief ich aus und an diesem Ort,
Ich erkenne deutlich den Ort.
Am Teich erging sich ein blasser,
Hohläugiger, grinsender Schwarm,
Und ich irrte an diesem Wasser
Eine schaurige Bürde im Arm,
Ein kalte Bürde im Arm. –

Die Wolken thürmten sich mächtig,
Die Blätter waren verdorrt.
Es war Oktober und nächtig
An einem unseligen Ort.


Schweigen.

Es giebt Begriffe, Dinge körperlos,
Urbilder jener Zwillingswesenheit,
Welcher der urzeitliche Schöpferschooß
Von Stoff und Geist Gestalt und Leben leiht.
Es giebt ein zwiefach Schweigen – Meer und Strand –
Seele und Leib. Das eine wohnt fernab
An einem Orte, den die ernste Hand
Gütiger Huldinnen mit Grün umgab.
Ein treu Gedenken waltet darum her
Und mildert seinen Ernst, nimmt ihm das Grau’n.
Es trägt den dunklen Namen: »Nimmermehr!«
O fürcht’ es nicht, du kannst dich ihm vertraun.
Doch wenn sein Schatten, der im Reich der Lethe
Als finstrer, namenloser Elfe weilt,
Dich vor der Zeit und unverhofft ereilt,
               Dann bete!


Die Schläferin.

Ich steh’ um Mitternacht allein
Im mystisch weißen Mondenschein.
Dem vollen, goldenen Gestirne
Entströmen feuchte Nebeldünste
Und fallen auf die blauen Firne
Wie silberweiße Lichtgespinnste,
Um sich von dort melodisch leise,
Und schläfrig langsam, tropfenweise,
Wie bunte, schimmernde Juwelen
In das entschlafne Thal zu stehlen.
Vom Grabe winkt der Rosmarin
Zu den verschlafnen Lilien hin;
Die wankenden Ruinen raffen
Erschauernd um die morschen Glieder
Ihr Nebelkleid und sinken nieder,
In alle Ewigkeit zu schlafen;
Der See dort – Lethe ist nicht stummer
Als er in seinem tiefen Schlummer.
Es ruht das All. Die Zweige nicken
Süß eingewiegt – wo aber liegt
Irene mit ihren Geschicken?

O wundersame, bleichwangige Dame,
Wie unbedacht, dies Fenster bei Nacht
So offen den Gästen, die von den Aesten
Mutwillig hüpfen, in’s Zimmer schlüpfen,
Den Winden, den losen, fürwitzigen Rangen,
Die in den Gardinen sich lachend verfangen,
Und sie so unbändig und so beständig
Zerren und zausen dicht über den langen
Seidenen Wimpern auf deinen Wangen,
Daß über den Boden weg durch das Fenster
Die Schatten fallen wie schwarze Gespenster.
O wundersame, bleichwangige Dame,
Wo kommst du her? Wohl gar übers Meer?
Und sag’ mir, warum nur bist du so stumm?
Ist dir wohl bang? Du bist so eigen,
Dein Haar ist so lang, so seltsam dein Schweigen!
Die Dame schläft. O wär’ so mild
Ihr Schlummer, als er lange währt!
Der Himmel sei ihr heilger Schild.
Mag sie auf ewig ungestört,
In einem heiligeren Bette,
An melancholischerer Stätte,
Wo sich Cypressen leise wiegen,
Mit festgeschlossnen Augen liegen!

Es schläft mein Lieb. O, daß so mild
Ihr Schlummer, als er ewig ist!
Daß sich ihr eine Gruft erschließt
In einem Walde dicht und wild,
Ein tiefes, ruhevolles Grab
An einem stillen Ort, fernab –
So eine festverschloss’ne Gruft,
Aus der sie fürder nichts mehr ruft,
Die Reue nicht, die Buße nicht,
Bis an das ewige Gericht. –


Die Stadt im Meer.

Das ist des Todes Residenz,
Diese seltsame Stadt im fernen Westen.
Hier thront er und ertheilt Audienz
Den Bösen und Guten, den Schlimmsten und Besten.
Hier stehen mächtige Säulenhallen
(Zermorschtes Gemäuer, das nicht zittert)
Neben Kapellen und Kathedralen
Und hohen Palästen, schwarz und verwittert.
Ringsum, vom Winde vergessen, ruht,
Wie schlafend, eine eisige Fluth.

Kein Strahl aus dem himmlischen Gewölbe
Fällt auf das Dunkel dieser Stadt;
Doch einen Schimmer traurig und matt
Entsendet das Meer, das röthlich gelbe,
Und der kriecht hinauf an dunklen Palästen,
An babylonischen Thürmen und Vesten
Der kriecht empor an eisernen Kerkern,
Und schattigen, ausgestorbenen Erkern,
Der schlängelt sich aufwärts an Säulenhallen
Und an gigantischen Kathedralen
Mit steinernem Zierrath von grotesken
Blumengewinden und Arabesken,
An vielen wundersamen Kapellen
Und gleitet zurück in die kalten Wellen,
Die melancholischen, schweigenden Wellen.

Von einem stolzen Thurm übersieht
Der finstere König sein Gebiet.

Tempel und Gräber öffnen sich weit –
Da erglänzt eine seltsame Herrlichkeit.
Doch weder die Gräber mit ihren Schätzen,
Noch die demantenen Augen der Götzen
Locken die Wogen aus ihrem Bette.
Gläsern bleibt die schaurige Glätte,
Kein Hauch, kein noch so leises Säuseln
Erhebt sich, diese Fläche zu kräuseln,
Kein Schwellen erzählt von glücklichen Seeen,
Worüber heitere Lüfte wehen,
Kein Wallen erzählt, daß es Meere giebt
Die weniger grauenhaft ungetrübt.
Da regt sich etwas im trägen Meere,
Als wären die Thürme plötzlich versunken
Und hätten die Fluth auseinandergeschoben;
Die Woge färbt sich, als ob ein Funken,
Ein wärmender Sonnenfunken von oben
Auf sie herniedergeglitten wäre.
Und wenn nun durch den geöffneten Spalt
Der trägen, melancholischen Fluth
Die seltsame Stadt versinkt – dann zahlt
Ihr die Hölle selber Tribut.


Annabel Lee.

Es ist lange her, da lebte am Meer,
Ich sag’ euch nicht wo und wie –
Ein Mägdelein zart, von seltener Art,
Mit Namen Annabel Lee.
Und das Mägdelein lebte für mich allein,
Und ich lebte allein für sie.

Ich war ein Kind und sie war ein Kind,
Meine süße Annabel Lee,
Doch eine Liebe, so groß, so grenzenlos
Wie die unsere gab es nie.
Wir liebten uns so, daß die Engel darob
Beneideten mich und sie.

Da kam eines Tags aus den Wolken stracks
Ein Ungewitter und spie
Seinen Geifer aus, einen Höllengraus,
Und traf meine Annabel Lee.
Und es kam ein hochgeborener Lord,
Der Knochenmann, und holte sie fort,
Fort, fort von mir und sperrte sie
In ein Grab, meine Annabel Lee.

Ja, neidisch war die geflügelte Schaar
Im Himmel auf mich und sie,
Und dies war der Grund, daß der Höllenmund
Des Sturms Verderben spie,
Bis daß sie erstarrt
Und der Tod sie verscharrt,
Meine süße Annabel Lee.

Doch eine Liebe so groß, so grenzenlos
Wie die unsere gab es nie,
So liebten Aeltere nie,
So liebten Weisere nie,
Und wären die Engel auch noch so scheel,
Sie trennten doch nicht meine Seel’ von der Seel’
Der lieblichen Annabel Lee.

Wenn die Sterne aufgehn, so kann ich drin sehn
Die Aeuglein der Annabel Lee,
Und noch jegliche Nacht hat mir Träume gebracht
Von der lieblichen Annabel Lee.
So ruh’ ich denn bis der Morgen graut
Allnächtlich bei meinem Liebchen traut
In des schäumenden Grabes Näh’
An der See, an der brausenden See. –


An Annie.

Dem Himmel sei Dank,
Die Gefahr ist vorüber!
Wohl bin ich noch krank,
Doch das schreckliche Fieber,
Das Lebensfieber,
Ist glücklich bekämpft,
Ist endlich gedämpft.

Wohl sag’ ich mir:
»Deine Kraft ist geschwunden,«
Denn ich liege hier
Wie angebunden, –
Ans Bett gebunden –
Doch einerlei,
Die Gefahr ist vorbei.

Und ich liege so still
In meinen Decken,
Schweigend und still –
Man möchte erschrecken,
Vor mir erschrecken:
Ich bin so weiß
Und athme so leis.

Doch das Stöhnen und Aechzen,
In den Adern das Kochen,
Das wahnsinn’ge Lechzen,
Das schreckliche Pochen,
Im Herzen das Pochen –
Der Druck von Blei
Gab mich endlich frei.

Und die zehrende Gier,
Mit der ich geschmachtet,
Ein halber Vampyr,
Nach dem Born umnachtet,
Dunkel umnachtet,
Dem Born der Hölle,
Der Naphtaquelle
Der Leidenschaft –
Ist nunmehr erschlafft.

Mich dürstet nicht mehr
Nach der dunklen Welle,
Denn all mein Begehr
Stillt jetzt eine Quelle,
Eine lautre Quelle.
Lauter und sanft
Mit weichem Ranft.

Man sage mir nicht,
Mein Gemach sei ärmlich
Und ohne Licht
Und mein Lager erbärmlich,
Schmal und erbärmlich –
Ich liege gut,
Mein Sinnen ruht.

Mein Sinnen ruht,
Mein Gemüth ist entlastet
Und das wilde Blut
Ward ruhig und hastet
Nicht mehr so jäh
Zum Herzen wie eh!

Des, was mich bedrückte,
Betäubte, verwirrte,
Und was mich berückte,
Der Rose und Myrthe,
Des Duftes der Myrthe
Denk’ ich jetzt kaum –
Süß ward mein Traum –

Es wehet um ihn
Ein heiliger Odem
Von Rosmarin,
Nicht mehr der Brodem,
Der dumpfe Brodem
Der Höllenkraft,
Der Leidenschaft.

Und so lieg’ ich
Wohlig gebettet
Und fühle mich
Glücklich gerettet,
Vom Tod errettet.
Weich ist mein Pfühl
Und wonniglich kühl.

Und liebewarm
Bin ich umschlossen
Von Annie’s Arm
Und rings umflossen,
Golden umflossen
Von ihrem Haar,
Wie die Sonne klar.

Bricht der Abend an,
So küßt sie mich innig
Und betet dann
Für mich so sinnig,
So schlicht und sinnig
Zur Engelschar:
Schützt ihn vor Gefahr!

Da lieg’ ich denn still
In meinen Decken,
Schweigend und still –
Man möchte erschrecken,
Vor mir erschrecken –
Ich bin so weiß
Und athme so leis.

Doch mein Herz ist voll Glanz
Wie die lichte Höhe
Und selig und ganz
Erfüllt von der Nähe,
Der holden Nähe
Der geliebten Maid,
Meiner sanften Maid –

Meine Seele glüht
Mit den reinen Flammen
Ihrer Liebe und flieht
In den wundersamen
Himmlischen Raum
Zu seligem Traum.


An F . . . S.

Geliebte! In dem Ungemach,
Das sich in meinen Pfad gedrängt,
(Ein rauher Pfad, steinicht und brach,
Von allen Seiten eingeengt), –
Kennt meine Seele einen Ort,
Dessen sie freudevoll gedenkt, –
Ein unberührter Zauberhort
In einem weiten Meer versenkt.

Ja, dein geliebtes Bildniß ruht
In meiner Brust als süßer Trost,
Ein Eiland in bewegter Flut,
Von frostigem Gewog’ umtost,
Und doch so wundersam gefeit,
Daß mitten in dem Wellenfrost
Und Sturmesbrausen jederzeit
Die gold’ne Sonne mit ihm kost.


Eulalie.

Ich lebte allein
In Kummer und Pein
Und krank an Seele und Leib,
Da ward die liebliche Eulalie
Mein sanftes, lächelndes Weib,
Da ward die blondhaarige Eulalie
Mein junges, erröthendes Weib.

Ha, weniger hell
Ist der silberne Quell
Als die Augen der lieben Dirn’,
Und kein Wölkchen der Höhn
Ist so duftig und schön
Als die Löckchen auf Eulalie’s Stirn’ –
Wär’s beglänzt vom Mond,
Oder wär’ es besonnt –
Als die Löckchen auf Eulalies Stirn.

Nun bin ich befreit
Von allem Leid,
Da sie mein ist mit Seel’ und Leib.
Tagaus, tagein lacht Sonnenschein,
Seit Eulalie mein junges Weib,
Tagaus, tagein lacht Sonnenschein
Auf mein junges, liebliches Weib.


An . . . .

In des Verstandes eitler Ueberhebung
Verkündete ich einst die »Macht der Sprache,«
Bestritt, daß ein Gedanke je erwache,
Für den das Wort ohnmächtig zur Belebung.
Und gleichsam, die Vermessenheit zu strafen,
(In der ich mich so überlegen wähnte)
Haben zwei Worte, liebliche Accente,
Zweisilbig, italienisch –, nur geschaffen,
Auf Hermonshügeln, wo in Perlensträngen
Vom Firmament Thautropfen niederhängen,
Von Engelslippen musikalisch lind
Zu zittern, – aus dem abgrundtiefen Schachte
Der Seele mir Gedanken, ungedachte –
(Welche die Seelen der Gedanken sind,)
Herausgelockt, zu wilde Phantasieen,
Als daß sie selbst der Seraph Israfel,
Dem Gott der Stimmen lieblichste verliehen,
Zu formen wüßt’! Und nun, trotz dem Befehl
Aus deinem Munde fühl’ ich mich erlahmen,
Mit diesen süßen Lauten, deinem Namen
Als Text, versagt die Macht der Sprache –
Kaum fühl’ ich mehr – nicht Fühlen ist dies wache,
Der Welt entrückte, völlige Versinken,
Lautlose Stehen an der goldnen Schwelle
Der Träume, dieses Starren in die Helle,
Wonn’ge Erschauern, wenn ich mir zur Linken,

Zur Rechten, vor mir, in der Höhe,
Und weit, weit weg, am fernsten Punkt, wo sich
Mein Blick verliert, nicht andres sehe
                             Als dich.


Das Kolosseum.

Urbild des alten Roms! Reliquienschrein
Erhabener Betrachtung! Nach so langer,
Mühsel’ger Pilgerschaft und heißem Durst,
(Durst nach dem Quell des Einst, der in dir fließt)
Knie’ ich ein andrer, demuthsvoller Mann
In deinem Schatten und in vollen Zügen
Trink’ ich vom Borne deiner Größe, deiner Weihe.

Unendlichkeit, ich höre deinen Strom!
Ich fühl’ euch, dunkle Mächte der Zerstörung,
Nacht, Schweigen, Endlichkeit, ich fühl euch jetzt!
O Zauber, sichrer als Judäa’s Kön’ge
Ihn jemals in Gethsemane gelehrt,
Gewaltiger als die Chaldäer ihn
Vom Sternenhimmel in Verzückung lasen.

Hier, wo ein Held fiel, fällt jetzt eine Säule,
Dort, wo der Adler einst in Gold gestrotzt,
Hält eine Fledermaus Vigilien,
Wo ihr vergoldet Haar die Damen Roms
Im Winde flattern ließen, wogen nun
Riedgras und Disteln, und wo der Monarch
Auf goldnem Thron wollüstig träge saß –
Da schlüpfen nun, vom Monde schwach beleuchtet,
Eidechsen hurtig in ihr Marmorheim.

O Mauern, moosbewachsene Arkaden,
Geschwärzte Schafte, schwankendes Gebälk,
Zerbröckelnde Ruinen, Steine, Steine,
Graue Steine, seid ihr alles, alles,
Was dem Geschick und mir vom Kolossalen
Der Stunden rastloses Zerstören ließ?

Nicht alles! giebt das Echo mir zurück.
Prophetenstimmen dringen zu dem Weisen
Aus uns und allen Trümmern, wie zur Sonne
Vom Memnonsteine Melodieen klingen.
Vor unsrer Größe beugen sich in Ehrfurcht
Die Mächtigsten der Erde – wir beherrschen
Die Riesengeister aller Nationen.
Wir sind nicht machtlos, wir verblichnen Steine,
Nicht aller Ruhm vergangner Tage schwand,
Nicht aller Zauber unsres hohen Rufs,
Nicht alle Wunderkraft, die in uns wohnt,
Nicht die Mysterien, die in uns liegen,
Nicht die Erinnerung, die an uns hängt,
Sich an uns schmiegt wie ein Gewand, uns kleidend
In einen Schmuck, der köstlicher als Ruhm.


An Zante.

O schönes Eiland, das den holden Namen
Der Blumen allerlieblichster entlehnt,
Du weckst in meiner Seele wundersamen
Erinnrungszauber, den ich tot gewähnt.
Wie viele Stätten namenloser Wonnen,
Wie viele Schatten von verwehten Träumen,
Verlornen Hoffnungen, wie viel Visionen
Von ihr, von ihr, die unter diesen Bäumen
Nie mehr verweilt, nie mehr! weh, dieses Wort
Magischen, dunkeln Lauts verwandelt dich,
Hin ist dein Zauber – ein verfluchter Ort
Ist dein Gestade fürderhin für mich,
O Hyacintheninsel, goldne Zante,
Isola d’oro, fior’ di Levante!


Das ruhlose Thal.

Einst lächelte ein friedliches Thal,
Aus welchem die Leute allzumal
Gezogen waren in stürmische Fernen,
Nachdem sie zu den gütigen Sternen
Gefleht, von ihren azurnen Thürmen
Die Blumen im Thal zu pflegen, zu schirmen,
In deren Mitte den ganzen Tag
Das rothe Sonnenlicht träge lag.
Jetzt raschelt es durch den seltsamen Ort
Ruhlos, rastlos in einem fort.
Alles zittert und schauert, blos
Die Lüfte sind ganz bewegungslos.
Ach, von keinem Winde geschaukelt,
Nicht vom leisesten Zephyr umgaukelt,
Zucken die Bäume gleich den Fjorden
Im umnebelten felsigen Norden.
Ach, von keinem Winde getrieben,
Jagen die Wolken und zerstieben
Ueber den Veilchen, die dort liegen,
Ueber den Lilien, die sich dort wiegen,
Die sich wiegen und neigen und schauern,
Ueber mystischen Gräbern trauern.
Sie schauern: ihre duftenden Seelen
Zittern in immer währendem Leide.
Sie weinen: auf ihrem weißen Kleide
Schimmern die Thränen wie Juwelen.


Das verwunschene Schloß.

Inmitten einer lieblichen Au,
Die sonniges Licht übergoß,
Erhob sich einst ein stattlicher Bau,
Ein schönes, strahlendes Schloß.
Das Reich, wo es sich luftig erhob,
War des Königs »Gedanke« Land,
Und Seraphschwingen waren darob
Unsichtbar ausgespannt.

Goldgelbe Banner aus Damast,
Gebadet in Sonnengluth,
Wallten schimmernd herab vom Palast
Wie eine goldne Flut.
Und jeder schmeichlerische Zephyr,
Der mit den Blüthen dort
Gekost, flog aus dem Zauberrevier
Als Wohlgeruch wieder fort.

Die Wandrer blickten in jenem Thal
Durch Fenster aus leuchtendem Glas
In einen hohen blendenden Saal,
Wo des Reiches Gebieter saß.
Sein Thron mit purpurnem Baldachin
War ganz aus Edelgestein
Und Genienschaaren umschwebten ihn
Zu lieblichen Melodei’n.

Mit Perlen und Rubinen besät
War des Palastes Portal,
Durch dieses flatterte früh und spät
Ein Echoschwarm ohne Zahl
Vor den König hin, indem es ihm,
Seiner hohen Weisheit zum Preis,
Einen Chorus sang wie Seraphim,
So süß und träumerisch leis.

Doch wüstes Volk in der Sorge Gewand
Nahm Thron und Reich in Beschlag.
Weh, nie mehr dämmert in jenem Land
Der Tag, weh, nimmer ein Tag!
Und alles, alles, was dort umher
Gepranget an Herrlichkeit,
Ist jetzund eine traumhafte Mär’
Aus lang begrabner Zeit.

Jetzt zeigen sich des Wanderers Blick
Gestalten knöchern und starr
Und schwingen sich zu toller Musik
In Reigen wild und bizarr.
Dieweil gleich einem lautlosen Strom
Sich in die ewige Nacht
Zur Thür hinausstürzt Phantom um Phantom
Und nimmermehr lächelt – doch lacht.


Traumland.

Jenseits des Raums, jenseits der Zeit
Dehnet sich wild, dehnet sich weit
        Ein dunkles Land.
        Auf schwarzem Thron
        Regiert ein Dämon,
        Die Nacht genannt.
Auf einem Wege traurig und einsam,
Mit bösen Engelschaaren gemeinsam,
        Erreicht’ ich dies Thule
        Erst neuerdings.
        Durch Heiden ging’s
        Durch Sümpf’ und Pfuhle –
Da lag es verzaubert, das Land des Traums,
Jenseits der Zeit, jenseits des Raums.

Stürzende Berge, gähnende Schlünde,
Titanenwälder, gespenstische Gründe,
Wallende Meere ohne Küsten,
Felsen mit zerrissenen Brüsten,
Wogen, die sich ewiglich bäumen,
In lodernde Feuerhimmel schäumen,
Seeen, die sich dehnen und recken,
Ihre stillen Wasser ins Endlose strecken,
Ihre stillen Wasser, still und schaurig,
Mit den schläfrigen Lilien bleich und traurig.

An den Seen, die sich so dehnen und recken,
Ihre stillen Wasser ins Endlose strecken,
Ihre stillen Wasser, still und schaurig,
Mit den schläfrigen Lilien bleich und traurig –
An den Felsen neben den düstern,
Unheimlichen Wellen, die ewig flüstern,
An den Wäldern neben den Teichen,
Wo die eklen Gezüchte schleichen,
In jedem Winkel, dunkel, unselig,
An allen Sümpfen und Pfuhlen unzählig,
Wo die Geister hausen –
Trifft der Wandrer mit Grausen
Verhülltes Volk aus dem Totenlande,
Erinnerungen im Leichengewande,
Weiße Gestalten der Schatteninseln,
Bleiche Schemen aus toten Zeiten,
Die verzweiflungsvoll stöhnen und winseln,
Wie sie am Wandrer vorübergleiten.

Für das Herz, dessen Schmerzen Legionen,
Sind dies friedvolle, milde Regionen;
Für den umnachteten, dunklen Geist
Sind es himmlische, selige Auen.
Doch der Pilger, der es durchreist,
Darf es nicht unverhüllt erschauen.
Unergründlich bleibt es für jeden,
Dieses geheimnißvolle Eden –
Das ist des finstern Königs Willen –
Und der Wandrer, von ungefähr
Dorthin verschlagen, erblickt es daher
Nur durch verdunkelte, matte Brillen.

Auf einem Wege traurig und einsam,
Mit bösen Engelschaaren gemeinsam,
Schritt ich jüngst heim durch Sümpfe und Pfuhle
Aus diesem öden, entlegenen Thule.


Der Eroberer Wurm.

Im Weltenraum ist Galanacht.
Im Theater sitzt gedrängt
Eine Engelschaar in Festestracht,
Verschleiert, zährendurchtränkt
Und lauscht einem wechselvollen Stück,
Wo Furcht und Hoffen sich drängt,
Dieweil im Orchester Sphärenmusik
Sich langsam hebt und senkt.

Gottähnliche Mimen murmeln leis
Den Text und kommen und gehn
Auf großer, formloser Wesen Geheiß,
Die in den Coulissen stehn,
Mit ernsten Geberden, feierlich stumm
Die Wände schieben und drehn,
Und mit ihren Flügeln in’s Publikum
Unsichtbares Leiden wehn.

Dies Drama, wechselvoll, fieberisch,
Es bleibt der Welt unverkürzt,
Mit einem scheckig bunten Gemisch
Von Tollheit und Sünde gewürzt,
Dahinter sich lauter Elend und Graus
Zum verworrenen Knoten schürzt,
Und ein Phantom sich unter Applaus
In das ewige Dunkel stürzt.

Doch sieh! eine Form aus ekler Brut
Schleicht in den Mimenknäu’l –
Ein kriechendes Unthier, roth wie Blut,
Das sich windet und windet, dieweil
Es nach und nach die Mimen verzehrt
Unter der Opfer Geheul
Und die Engelschaar ein Schauder durchfährt
Ob solch unendlicher Greu’l.

Aus sind die Lichter – ausgeweht –,
Mit der Wucht eines Sturmes fällt
Der Vorhang, ein Leichentuch, sternbesät
Ueber das bretterne Zelt.
Die Engel erheben sich abgespannt
Und erklären der bangen Welt,
Daß die Tragödie »Mensch« benannt
Und der Eroberer »Wurm« ihr Held.


Der Rabe.

Eines Nachts aus gelben Blättern mit verblichnen Runenlettern
Tote Mähren suchend, sammelnd, von des Zeitenmeers Gestaden,
Müde in die Zeilen blickend und zuletzt im Schlafe nickend,
Hört’ ich plötzlich leise klopfen, leise doch vernehmlich klopfen
Und fuhr auf erschrocken stammelnd: »Einer von den Kameraden,«
              »Einer von den Kameraden!«

In dem letzten Mond des Jahres, um die zwölfte Stunde war es,
Und ein wunderlich Rumoren klang mir fort und fort im Ohre,
Sehnlichst harrte ich des Tages, jedes neuen Glockenschlages,
In das Buch vor mir versenken wollt’ ich all mein trüb’ Gedenken,
Meine Träume von Lenoren, meinen Schmerz um Leonore,
              Um die tote Leonore.

Seltsame, phantastisch wilde, unerklärliche Gebilde,
Schwarz und dicht gleich undurchsicht’gen, nächtig dunklen Nebelschwaden
Huschten aus den Zimmerecken, füllten mich mit tausend Schrekken,
So daß ich nun bleich und schlotternd, immer wieder angstvoll stotternd,
Murmelte, mich zu beschwicht’gen: »Einer von den Kameraden,«
              »Einer von den Kameraden!«

Alsbald aber mich ermannend, fragt’ ich jede Scheu verbannend,
Wen der Weg noch zu mir führe: Mit wem habe ich die Ehre,
Hub ich an weltmännisch höflich, Sie verzeihen, ich bin sträflich,
Daß ich Sie nicht gleich vernommen, seien Sie mir hochwillkommen,
Hiemit öffnet’ ich die Thüre – nichts als schaudervolle Leere,
              Schwarze, schaudervolle Leere.

Lang in dieses Dunkel starrend, stand ich fürchtend, stand ich harrend,
Fürchtend, harrend, zweifelnd, staunend, meine ganze Seel’ im Ohre –
Doch die Nacht blieb ungelichtet, tiefes Schwarz auf Schwarz geschichtet,
Und das Schweigen ungebrochen, und nichts weiter ward gesprochen,
Als das Eine flüsternd, raunend: das gehauchte Wort »Leonore«,
              Das ich flüsterte: »Leonore!«

In mein Zimmer wiederkehrend und zum Sessel flüchtend, während
Schatten meinen Blick umflorten, hörte ich von neuem klopfen,
Diesmal aber etwas lauter, gleichsam kecker und vertrauter.
An dem Laden ist es, sagt’ ich, und mich zu erheben wagt’ ich,
Sprach mir Muth zu mit den Worten: Sicher sind es Regentropfen,
              Weiter nichts als Regentropfen.

Und ich öffnete: Bedächtig schritt ein Rabe groß und nächtig
Mit verwildertem Gefieder in’s Gemach und gravitätisch
Mit dem ernsten Kopfe nickend, flüchtig durch das Zimmer blickend,
Flog er auf das Thürgerüste und auf einer Pallasbüste
Ließ er sich gemächlich nieder, saß dort stolz und majestätisch,
              Selbstbewußt und majestätisch.

Ob der herrischen Verfahrens und des würdigen Gebahrens
Dieses wunderlichen Gastes schier belustigt, sprach ich: Grimmer
Unglücksbote des Gestades an dem Flußgebiet des Hades,
Du bist sicher hochgeboren, kommst du gradewegs von den Thoren
Des plutonischen Palastes? Sag’ wie nennt man dich dort? »Nimmer«
              Hört’ ich da vernehmlich: »Nimmer!«

Wahrlich, ich muß eingestehen, daß mich seltsame Ideen
Bei dem dunklen Wort durchschwirrten, ja, daß mir Gedanken kamen,
Zweifel vom bizarrsten Schlage, – und es ist wohl keine Frage,
Daß dies wunderlich Begebniß ein vereinzeltes Erlebniß:
Einen Raben zu bewirthen mit solch ominösem Namen,
              Solchem ominösen Namen.

Doch mein düsterer Gefährte sprach nichts weiter und gewährte
Mir kein Zeichen der Beachtung. Lautlos stille ward’s im Zimmer,
Bis ich traumhaft, abgebrochen (halb gedacht und halb gesprochen)
Raunte: Andre Freunde gingen, morgen hebt auch er die Schwingen,
Läßt dich wieder in Umnachtung. Da vernahm ich deutlich »Nimmer«,
              Deutlich und verständlich: »Nimmer«.

Stutzig über die Repliken, maß ich ihn mit scheuen Blicken,
Sprechend: Dies ist zweifelsohne sein gesammter Schatz an Worten,
Einem Herren abgefangen, dem das Unglück nachgegangen,
Nachgegangen, nachgelaufen, bis er auf dem Trümmerhaufen
Seines Glücks dies monotone »Nimmer« seufzte allerorten.
              Jederzeit und allerorten.

Doch der Rabe blieb possierlich würdevoll und unwillkürlich
Mußt’ ich lächeln ob des Wichtes: Aldann mitten in das Zimmer
Einen sammtnen Sessel rückend und mich in die Polster drückend,
Sann ich angesichts des grimmen, dürren, ominösen, schlimmen
Künders göttlichen Gerichtes, über dieses dunkle »Nimmer«,
              Dieses räthselhafte »Nimmer«.

Dies und anderes erwog ich, in die Traumeslande flog ich,
Losgelöst von jeder Fessel. Von der Lampe fiel ein Schimmer
Auf die violetten Stühle und auf meinem sammt’nen Pfühle
Lag ich lange, traumverloren, schwang mich auf zu Leonoren,
Die in diesen sammtnen Sessel nimmermehr sich lehnet, nimmer,
              Nimmer, nimmer, nimmer, nimmer.

Plötzlich ward es in mir lichter, und die Luft im Zimmer dichter,
Als ob Weihrauch sie durchwehte. Und an diesem Hoffnungsschimmer
Mich erwärmend, rief ich: Manna, Manna, schickst du Gott, Hosianna!
Lob ihm, der dir Gnade spendet, der dir seine Engel sendet,
Trink’, o trink’ aus dieser Lethe und vergiß Lenore! »Nimmer«,
              Krächzte da der Rabe »Nimmer«.

»Nachtprophet, erzeugt vom Zweifel, seist du Vogel oder Teufel,
Triumphirend ob der Sünder Zähneklappern und Gewimmer –
Hier aus dieser dürren Wüste, dieser Stätte geiler Lüste,
Hoffnungslos, doch ungebrochen und noch rein und unbestochen,
Frag’ ich dich, du Schicksalskünder: Ist in Gilead Balsam?« »Nimmer«,
              Krächzte da der Rabe »Nimmer«.

»Nachtprophet, erzeugt vom Zweifel, seist du Vogel oder Teufel,
Bei dem göttlichen Erbarmen, lösch nicht diesen letzten Schimmer!
Sag’ mir, find ich nach dem trüben Erdenwallen einst dort drüben
Sie, die von dem Engelschore wird geheißen Leonore?
Werd ich sie dort nicht umarmen, meine Leonore?« »Nimmer«,
              Krächzte da der Rabe »Nimmer«.

Feind, du lügst, heb’ dich von hinnen, schrie ich auf beinah von Sinnen,
Dorthin zieh’, wo Schatten wallen unter Winseln und Gewimmer,
Kehr’ zurück zum dunklen Strande, laß kein Federchen zum Pfande
Dessen, was du prophezeitest, daß du diesen Ort entweihtest,
Nimm aus meiner Brust die Krallen, hebe dich von hinnen! »Nimmer«,
              Krächzte da der Rabe »Nimmer«.

Und auf meinem Thürgerüste, auf der bleichen Pallasbüste,
Unverdrossen, ohn’ Ermatten sitzt mein dunkler Gast noch immer.
Sein Dämonenauge funkelt und sein Schattenriß verdunkelt
Das Gemach, schwillt immer mächt’ger und wird immer grabesnächtger –
Und aus diesem schweren Schatten hebt sich meine Seele nimmer –
              Nimmer, nimmer, nimmer, nimmer. –