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Edgar Allan Poe – Heureka.

Essay

Übertragen von Hedwig Lachmann

Aus: Edgar Poe, Gedichte. Essays, Winklers Fundgrube, München, 1966



Den wenigen, die mich lieben und die ich liebe — denen, die fühlen, mehr als denen, die denken — den Träumern und de­nen, die an Träume als an die einzigen Wirklichkeiten glau­ben — ihnen widme ich dieses Buch Wahrheiten, nicht als Gefäß der Wahrheit, nur um der Schönheit willen, die aus seiner Wahrheit strömt — die es zur Wahrheit erhebt. Diesen überreiche ich meine Arbeit allein als Kunstwerk — sagen wir als Märchen; oder, wenn der Anspruch nicht zu stolz wäre, als Gedicht.

Was ich hier vortrage, ist wahr — und so kann es nicht ster­ben; oder wenn es irgendwie jetzt zertreten würde, so daß es stürbe, so wird es »wieder erstehen zum ewigen Leben«.

Indessen wünsche ich trotzdem: lediglich als Gedicht möge dies Werk beurteilt werden, wenn ich tot bin.



Zögernd und bescheiden — ja, mit einem Gefühl der Scheu — schreibe ich den ersten Satz dieses Werkes nieder; denn mein Gegenstand ist der feierlichste von allen, die man ersinnen kann, der umfassendste, der schwierigste, der erhabenste.

Wie soll ich die Worte finden, einfach genug in ihrer Herr­lichkeit — herrlich genug in ihrer Einfachheit —, um nur mein Thema zusammenzufassen?

Ich will von demphysischen, metaphysischen und mathema­tischen, vom materiellen und geistigen Weltall sprechen;von seinem Wesen und Ursprung, seiner Schöpfung, seinem gegen­wärtigen Zustand und seiner Zukunft. Zudem bin ich ver­wegen genug, zu Folgerungen herauszufordern, durch deren Aussagen der Scharfsinn vieler großer und mit Recht verehrter Gelehrter in Frage gestellt wird.

Zu Beginn möchte ich so scharf wie möglich — nicht die Theorie verkünden, die ich zu beweisen hoffe, denn, die Ma­thematiker mögen behaupten, was sie wollen, es gibt, in dieser Welt wenigstens,durchaus nicht so etwas wie einenBeweis; nur den leitenden Gedanken möchte ich aussprechen, zu dem ich dieses ganze Buch hindurch den Leser verführen will.

Meine allgemeine Behauptung also ist:In der ursprünglichen Einheit des ersten Dinges liegt die Ursache aller Dinge mit der Anlage zu ihrer unvermeidlichen Vernichtung.

Um sich diesen Gedanken anschaulich zu machen, schlage ich vor, das Weltall dergestalt mit den Blicken zu umfassen, daß der Geist imstande ist, den Eindruck eines Individuums zu erhalten, zu gewahren.

Wer vom Gipfel des Ätna seine Augen gemächlich um­herschweifen läßt, wird hauptsächlich von derAusdehnung undVerschiedenartigkeit des Bildes berührt. Nur wenn er sich schnell auf dem Absatz herumdrehte, könnte er hoffen, das Panorama in der Herrlichkeit seines Einsseins zu erfassen. Aber da noch niemand daran gedacht hat, sich auf der Spitze des Ätna auf dem Absatz herumzudrehen, so hat noch nie­mand die volle Einheit des Anblicks in sein Hirn aufgenom­men; und so hinwiederum haben die mannigfachen Betrach­tungen, die in dieser Einheit liegen, bisher noch kein wirksa­mes Dasein für die Menschheit gehabt.

Ich kenne überhaupt keine Untersuchung, in der ein Über­blick über dasWeltall — dies Wort in seiner umfassendsten und einzig berechtigten Bedeutung genommen — gegeben würde; und es mag schon hier erwähnt werden, daß ich überall in diesem Versuch, wo ich das Wort »Weltall« ohne besonderen Zusatz anwende, das Folgende damit ausdrücken will:die denkbar weiteste Ausdehnung des Raumes, einbegriffen alle gei­stigen und materiellen Dinge, deren Existenz man sich innerhalb der Grenzen dieser Ausdehnung vorstellen kann. Wenn ich da­gegen von dem spreche, wasgewöhnlich unter dem »Weltall« verstanden wird, wähle ich die einschränkende Bezeichnung »das Sternenweltall«. Aus dem Folgenden wird man ersehen, weshalb diese Unterscheidung notwendig scheint.

Doch selbst unter den Untersuchungen, die sich mit dem tatsächlich begrenzten, wenn auch angeblich unbegrenzten Sternenweltall beschäftigen, kenne ich keine, in der ein Über­blick auch nur über dieses begrenzte All so gegeben würde, daß man daraus auf seineIndividualität zu schließen berechtigt wäre. Am nächsten kommt einem solchen Werk der »Kosmos« Alexander von Humboldts. Jedoch stellt er den Gegenstand nicht in seiner Individualität dar, sondern in seiner mannig­faltigen Ganzheit. Sein Thema in seinem letzten Ergebnis ist das Gesetz einesjeden Teils des bloß körperlichräumlichen Weltalls, so wie dies Gesetz verknüpft ist mit den Gesetzen einesjeden anderen Teiles dieses bloß körperlichräumlichen Alls. Bei ihm handelt es sich nur um die Verknüpfung und das Verschleifen des Mannigfaltigen. Mit einem Wort: er er­örtert die Gesamtheit der materiellen Beziehungen und ent­hüllt dem Auge der Philosophie alle Folgerungen, die bisher hinter dieser Gesamtheit verborgen gelegen haben. So erstaun­lich er jedoch in gedrängtem Überblick jeden Punkt seines Gegenstandes behandelt hat, die bloße Menge dieser Punkte bringt notwendigerweise ein Anwachsen des Details und so ein Verkümmern des Gedanklichen mit sich, so daß keinerlei Eindruck vonIndividualität aufkommen kann.

Mir scheint, wenn wir dieses Ziel, und damit die Folgerun­gen, Schlüsse, Eindrücke, Spekulationen oder, wenn sich nichts Besseres bietet, bloß die Vermutungen erlangen wollen, die sich daraus ergeben, dann tut uns so etwas not wie ein gei­stiges Auf-dem-Absatz-Herumdre­hen. Wir brauchen eine so stürmische Bewegung aller Dinge um den Mittelpunkt des Schauens, daß das Unbedeutende völlig verschwindet und das Auffallende sich in eins vermengt. In einem Überblick dieser Art befänden sich unter den verschwindenden Einzelheiten alle ausschließlich irdischen Angelegenheiten. Die Erde würde nur in ihren Planetenbeziehungen beachtet. In dieser Schau wird der Mensch zur Menschheit, ein Glied in der kosmischen Familie geistbegabter Wesen.

Bevor wir nun zu unserm eigentlichen Gegenstand über­gehen, möchte ich die Aufmerksamkeit des Lesers auf einen oder zwei Auszüge aus einem recht bemerkenswerten Brief lenken, der sich anscheinend wohlverkorkt in einer Flasche be­fand, die auf dem Mare Tenebrarum umherschwamm — einem Ozean, den der nubische Geograph Ptolemäus Hephästion gut beschrieben hat, der aber in unserer Zeit nur noch we­nig befahren wird, es sei denn von den Transzendentalisten und ähnlichen Grillenfischern. Das Datum dieses Briefes, ich muß es gestehen, erregt mein Erstaunen fast noch mehr als sein Inhalt; denn er scheint im Jahre 2848 geschrieben. Ich denke, die Stellen, die ich hier abschreibe, sprechen für sich selbst.

»Weißt Du, lieber Freund,« sagt der Schreiber des Briefes, der ohne Zweifel an einen Zeitgenossen gerichtet ist, »weißt Du, daß es kaum acht- oder neunhundert Jahre her ist, seit die Metaphysiker sich zum erstenmal dazu verstanden, die Menschheit aus dem Bann der sonderbaren Einbildung zu las­sen, es führtennur zwei gangbare Wege zur Wahrheit? Glaube es, wenn Du kannst! Es ist aber wirklich Tatsache, daß viel, viel früher, in der Nacht der Zeiten, ein türkischer Philosoph lebte, der Aries hieß und den Beinamen Trottel führte.« (Hier meint der Briefschreiber wahrscheinlich Aristoteles; die besten

Namen werden in zwei- oder dreitausend Jahren heillos kor­rumpiert.) »Der Ruhm dieses großen Mannes ist hauptsäch­lich darauf zurückzuführen, daß er bewiesen hat, das Niesen sei eine natürliche Vorkehrung, mit deren Hilfe übergeschei­te Denker imstande wären, ihre überschüssigen Gedanken durch die Nase auszutreiben; aber er erlangte eine fast eben­so bedeutende Berühmtheit als Begründer oder jedenfalls Hauptverbreiter dessen, was man die deduktive Philosophie oder die Philosophiea priori nannte. Er ging von etwas aus, was nach seiner Behauptung Axiome oder selbstevidente Wahrheiten waren, und die Tatsache, die jetzt allgemein an­erkannt ist, daß keine Wahrheiten sichvon selbst verstehen, beeinträchtigte seine Spekulationen nicht im geringsten; für seinen Zweck genügte es, daß die fraglichen Wahrheiten überhaupt evident waren. Aus diesen Axiomen zog er auf logi­schem Wege seine Schlüsse. Seine berühmtesten Schüler wa­ren ein gewisser Neuclid, ein Geometer« (gemeint ist Euclid), »und ein gewisser Kant, ein Deutscher, der Schöpfer der be­sonderen Art Transzendentalismus, die nach seinem Namen benannt ist, wenn man nur aus dem K ein C macht.i

Dieser Aries Trottel herrschte nun unumschränkt bis zum Auftauchen eines gewissen Hogii mit dem Beinamen ›Ettrick Shepherd‹ der ein völlig abweichendes System lehrte, das er die Philosophiea posteriori oder die induktive Philosophie nann­te. Sein Verfahren ging ganz und gar auf die Sinne zurück. Er ging so zu Werke, daß er Tatsachen — die man ab und zu affek­tierterweiseinstantia naturae nannte — beobachtete, analysier­te und klassifizierte. Kurz gesagt, während die Methode Aries Trottels dieNoumena als Grundlage nahm, stützte sich Hog auf diePhänomena; und die Bewunderung, die dieses letztere System hervorrief, war so groß, daß Aries bei seinem ersten Auftreten der allgemeinen Verachtung verfiel. Schließlich aber gewann er wieder an Boden und erlangte es, das Reich der Philosophie mit seinem moderneren Nebenbuhler teilen zu dürfen; die Gelehrten begnügten sich nämlich damit, alle andern Bewerber der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verpönen; allen Kontroversen über die Topik setzten sie ein Ende durch die Verkündung eines Wegerechts, in dem bestimmt wurde, daß die Aristotelischen und Baconischen Wege die einzig möglichen und einzig rechtmäßigen Zugänge zur Erkenntnis seien: »›Baconisch‹, mußt Du wissen, lieber Freund,« so fügt der Briefschreiber an dieser Stelle hinzu, »ist ein Adjektiv, das gleichbedeutend ist mit ›Hogisch‹, aber vor­nehmer und schöner klingt.

Nun kannst Du Dich bestimmt darauf verlassen,« so fährt die Epistel fort, »daß ich diese Dinge durchaus richtig und loyal darstelle, und du kannst Dir denken, wie solche Ein­schränkungen, deren Torheit ohne weiteres einleuchtet, dazu führen mußten, den Fortschritt wahrer Wissenschaft zu hem­men, deren wertvollster Gewinn — wie die Geschichte überall zeigt — durch intuitive Sprünge erlangt wird. Diese Ideen des Altertums verdammten die Forschung, sich aufs Kriechen zu beschränken; ich brauche Dir nicht zu sagen, daß das Krie­chen unter den verschiedenen Arten der Fortbewegung auf seine Weise etwas ganz Respektables ist; aber müssen wir deswegen, weil die Schildkröte sicher auf ihren Füßen steht, die Schwingen des Adlers beschneiden? So groß war die Verblendung, hauptsächlich infolge Hogs Lehren, daß alles wirkliche Denken tatsächlich unterbunden wurde. Niemand wagte es, eine Wahrheit auszusprechen, die er einzig seiner Seele verdankte. Es kam nicht einmal darauf an, ob die Wahr­heit beweisbar war; denn die dogmatischen Philosophen zogen nur denWeg in Betracht, auf dem die Wahrheit gefunden wor­den war. Das Ziel war, wenn man sie hörte, ein Punkt von gar keiner Bedeutung: ›Die Mittel!‹ schrien sie, ›die Mittel müssen untersucht werden!‹ und wenn sich nun bei der Prüfung der Mittel herausstellte, daß die Wahrheit weder in das Schubfach Hog noch in die Kategorie Aries (das heißt Hammel) paßte, ei nun, dann kümmerten sich diese Gelehrten nicht weiter darum, nannten den Denker einen Narren, brandmarkten ihn als Theoretiker und hatten von da ab mit ihm und seinen Wahrheiten nichts mehr zu schaffen.

Nun kann doch, lieber Freund,« so fährt der Brief Schreiber fort, »im Ernst nicht behauptet werden, durch die ausschließ­liche Anwendung des Kriechsystems, selbst wenn es durch viele Menschenalter fortgesetzt würde, könne die Menschheit den Maximalertrag an Wahrheit erlangen; denn die Unter­drückung der Phantasie war ein Übelstand, der nicht auf­zuwiegen war, selbst wenn das schneckenhafte Verfahrenabso­lute Gewißheit gewährleistet hätte. Jedoch war ihre Gewißheit bei weitem keine absolute. Der Irrtum unserer Vorfahren er­innert an jenen Naseweisen, der sich einbildet, je näher er ei­nen Gegenstand vor die Augen halte, um so deutlicher sehe er ihn. Sie blendeten sich überdies mit sehr fein pulverisiertem schottischem Schnupftabak, der gehörig kitzelte, nämlich mit demDetail; und so waren die berühmten Tatsachen der

Hogianer keineswegs immer wirkliche Tatsachen — was nicht erwähnt zu werden brauchte, wenn es nicht immer angenom­men würde. Der Grundfehler des Baconianismus jedoch — die schlimmste Quelle zu traurigen Irrtümern — entsprang dem Bestreben, Macht und Einfluß in die Hände von Männern zu geben, die nicht schöpferisch waren, sondern bloß be­schreiben konnten, was sie sahen, diesen mikroskopischen Gelehrten, halb Fisch, halb Mensch, die winzige Tatsachen, meistens auf physikalischem Gebiet, ausgruben und damit hausieren gingen — Tatsachen, die sie dann alle zum gleichen Preis öffentlich auf der Straße verkauften; man redete sich ein, ihr Wert beruhe einfach auf derTatsache ihrer Tatsächlichkeit, und kümmerte sich nicht darum, ob sie für die Gewinnung jener letzten und allein wertvollen Tatsachen von Wert seien, die man Gesetz nennt.

Die Personen,« so fährt der Brief fort, »die Personen, die dergestalt durch die Philosophie des Hog auf eine Stelle gehoben waren, für die sie zu klein waren, die so aus dem Souterrain der Wissenschaft in ihren Empfangssaal verpflanzt worden waren, aus der Vorratskammer auf die Kanzel, die­se Individuen — eine unverträglichere, eine unerträglichere Bande von Knechten und Tyrannen hat die Erde nie getra­gen. Ihr Glaubensbekenntnis, ihr Text und ihre Predigt wa­ren das eine WortTatsache, aber meistenteils verstanden sie nicht einmal den Sinn dieses einen Wortes. Gegen die, so es wagten, ihre Tatsachendurcheinanderzubringen — so bezeich­neten sie jeden Versuch, Ordnung und Bedeutung zu schaf­fen —, waren die Schüler des Hog völlig erbarmungslos. Allen Versuchen zu generalisieren wurde sofort mit den Worten ›theoretisch, Theorie, Theoretiker‹ begegnet; jeden Gedanken, kurz gesagt, betrachteten sie als einen persönlichen Schimpf, den man ihnen antue. Viele von diesen Baconentsprungenen Philosophen, die die Naturwissenschaften bis zum Ausschluß der Metaphysik, Mathematik und Logik beackerten — in eine Idee verbohrt, einseitig und lahm auf einem Bein —, waren in bezug auf alle Gegenstände des Wissens, die klare Begriffe erfordern, jämmerlicher hilflos, erbärmlicher unwissend als der ungebildeteste Bauer, der zum mindesten dadurch, daß er einräumt, nicht zu wissen, beweist, daß er etwas weiß.

Anderseits hatten unsere Vorväter ebensowenig das Recht, vonGewißheit zu sprechen, wenn sie in blindem Vertrauen sich auf dema priori, Pfad der Axiome, dem Hammelpfad, ergingen. Dieser Hammelpfad war an zahllosen Stellen kaum weniger krumm als ein Hammelhorn. Es ist nackte Wahrheit, daß die Aristoteliker ihre Luftschlösser auf ein Fundament stellten, das noch unzuverlässiger war als Luft;denn so etwas wie Axiome hat es nie gegeben, kann es überhaupt nicht geben. Daß sie das nicht gesehen oder wenigstens geargwöhnt ha­ben, ist kaum zu glauben; sie müssen wahrhaftig sehr blind gewesen sein; denn schon in ihren Tagen mußten manche ihrer Axiome, die lange in Geltung gewesen waren, aufge­geben werden, zum Beispiel:Ex nihilo nihil fit, oder: ›Ein Körper kann nicht wirken, wo er nicht ist‹, oder: ›Es kann keine Antipoden geben‹, oder: ›Dunkelheit kann nicht aus Licht entstehen‹. Diese und zahlreiche andere Behauptungen, die man früher ohne Anstand für Axiome oder unleugbare Wahrheiten erklärt hatte, wurden schon zu der Zeit, von der ich spreche, als völlig unhaltbar erkannt; wie albern verfuhr also dieses Volk, daß es sich darauf versteifte, sich auf eine angeblich unwandelbare Grundlage zu stützen, deren Wan­delbarkeit so häufig offenbar geworden war!

Aber sogar durch Gründe, die sie selbst uns gegen sich selbst an die Hand geben, ist es leicht, diesea priori-Vernünftler der gröbsten Unvernunft zu überführen — ist es leicht, die Nichtigkeit und Hohlheit ihrer Axiome im allgemeinen zu zeigen. Vor mir liegt« — man beachte, daß der Brief immer noch weiter geht —, »vor mir liegt in diesem Augenblick ein Buch, das etwa vor tausend Jahren gedruckt worden ist. Pundit versichert mir, daß es entschieden das gescheiteste Werk des Altertums über diesen Gegenstand, nämlich die Logik, ist. Der Verfasser, der seinerzeit sehr geschätzt war, war ein gewisser Miller oder Mill, und es ist als Sache von einiger Wichtigkeit überliefert, er habe ein Mühlpferd geritten, das er Jeremias Bentham nannte — aber werfen wir einen Blick auf das Buch selbst.

Aha! — ›Vorstellbarkeit oder Unvorstellbarkeit,‹ sagt Herr Mill sehr richtig, ›darf in keinem Fall als Kriterium axiomatischer Wahrheiten genommen werden.‹ In der Tat ist das eine handgreifliche Banalität; kein Mensch mit gesundem Verstand wird es leugnen. Diese Behauptung nicht zuzuge­ben hieße die Veränderlichkeit als charakteristisch für die Wahrheit ausgeben, wo sie doch in ihrem eigentlichen Wesen mit der Beständigkeit zusammenfällt. Wenn Vorstellbarkeit als Kriterium der Wahrheit gelten könnte, dann wäre das, was fürDavid Hume eine Wahrheit ist, sehr selten eine für Joe, und neunundneunzig Hundertstel dessen, was im Him­mel unleugbar ist, wäre auf Erden erweisbar falsch. Die Be­hauptung Herrn Mills ist also stichhaltig. Ich will sie nicht gerade ein Axiom nennen, eben weil ich zeigen will, daß es keine Axiome gibt; aber ich bin bereit, mit einer feinen Un­terscheidung, die auch der spitzfindige Herr Mill nicht tadeln würde, zuzugeben, daß die Behauptung, von der wir reden, wenn es ein Axiom gäbe, das vollste Recht hätte, sich so zu nennen — daß es keinabsoluteres Axiom gibt. Daraus ergibt sich, daß jede nachfolgende Behauptung, die dieser vorher­gehenden widerstreitet, entweder falsch sein muß — das heißt: kein Axiom — oder aber, falls es als Axiom genommen werden soll, sofort sich selber und den vorhergehenden Satz aufheben muß.

Und nun wollen wir darangehen, mit Hilfe der Logik des Mannes, der diese Axiome selbst vorgeschlagen hat, ein be­liebiges von ihnen auf die Probe zu stellen. Wir wollen Herrn Mill möglichst entgegenkommen. Wir wollen kein banales Axiom zur Prüfung nehmen, kein Axiom von der Sorte, die er sehr abgeschmackt und ohne weitere Erklärung Axiome zwei­ter Klasse nennt — als ob eine positive Wahrheit durch ihre Definition mehr oder weniger wahr werden könnte; wir wol­len, sage ich, kein Axiom von so fragwürdiger Fraglosigkeit wählen, wie sie im Euclid zu finden sind. Wir wollen zum Beispiel nicht von solchen Behauptungen sprechen, wie die ist, daß zwei gerade Linien keinen Raum einschließen können oder daß das Ganze größer ist als ein Teil. Wir wollen dem Logiker jeden Vorteil sichern. Wir wollen uns ohne weiteres an eine Behauptung machen, die er als Gipfel der Fraglosigkeit betrachtet, als Quintessenz axiomatischer Unleugbarkeit. Hier ist sie: ›Es kann nicht etwas zugleich sein und nicht sein; das heißt, etwas, das zugleich ist und nicht ist, kann es in der Natur nicht geben.‹ Herr Mill meint hier zum Beispiel, daß etwas nicht zugleich ein Baum und kein Baum sein kann. All das ist an sich ganz vernünftig und reicht vollständig zu einem Axiom aus, solange wir es nicht gegen ein anderes Axiom hal­ten, auf das Herr Mill ein paar Seiten vorher gedrungen hat, mit andern Worten — denselben, die ich vorhin anwandte —, solange wir es nicht mit Hilfe der Logik des Mannes prü­fen, der es selbst vorgeschlagen hat. ›Ein Baum,‹ so versichert Herr Mill, ›muß entweder ein Baum oder kein Baum sein.‹ Sehr wohl: nun muß ich ihn aber fragen:warum? Auf diese kurze Frage gibt es nur eine Antwort — ich fordere alle Welt heraus, eine zweite zu finden. Die einzige Antwort ist: Weil es unsunmöglich ist, uns vorzustellen, daß ein Baum etwas anderes sein soll als ein Baum oder kein Baum.‹ Ich wieder­hole, dies ist die einzige Antwort Herrn Mills; er wird nicht vorschützen, eine andere zu haben, und doch hat er selbst klar gezeigt, daß seine Antwort überhaupt keine Antwort ist, denn hat er uns nicht aufgefordert, es als Axiom aufzu­stellen, daß Vorstellbarkeit oder Unvorstellbarkeit in keinem Fall als Kriterium axiomatischer Wahrheit zu nehmen ist? So schwimmt seine ganze Beweisführung ohne Ruder auf dem Wasser. Herr Mill möchte vielleicht vorgeben, in Fällen, wo dieUnmöglichkeit einer Vorstellung so ganz besonders groß sei wie diesmal, wo uns zugemutet wird, uns einen Baum zu­gleich als Baum und nicht als Baum vorzustellen, müsse eine Ausnahme von der allgemeinen Regel zulässig sein. Aber man lasse sich solche Dummheit nicht einreden. Erstens nämlich gibt es keine Grade der Unmöglichkeit, und also kann keine Vorstellung noch unmöglicher sein als eine andere unmögli­che; und zweitens hat Herr Mill selbst offenbar nach reiflicher Überlegung sehr scharf und mit guten Gründen jeden Versuch zu einer Ausnahme verwehrt, indem er sehr pathetisch erklär­te, in keinem Fall sei Vorstellbarkeit und Unvorstellbarkeit ein Kriterium axiomatischer Wahrheit; drittens aber müßte immer noch, gesetzt selbst, daß überhaupt Ausnahmen zuläs­sig wären, gezeigt werden, wieso gerade hier eine Ausnahme zulässig sein soll. Daß ein Baum zugleich ein Baum und kein Baum sein kann, ist eine Vorstellung, die Engel oder Teufel vielleicht fassen können, und ohne Zweifel hat mancher irdi­sche Irrenhäusler oder Transzendentalist solche Vorstellungen in der Tat.

Nun befehde ich diese Männer des Altertums,« so fährt der Briefschreiber fort, »nicht so sehr deshalb, weil ihre Logik of­fenbar läppisch war, weil nämlich ohne jede Grundlage, ohne Wert und ganz und gar ohne Realität, als vielmehr wegen der hochtrabenden und dummen Art, wie sie alle anderen Wege zur Wahrheit ächteten. Nur die beiden engen, krum­men Pfade sollte es geben — den einen zum Kriechen und den andern zum Krauchen —, auf welche sie in ihrer perversen Unwissenheit die Seele beschränken zu wollen wagten — die Seele, die es über alles liebt, sich in die Höhen der schran­kenlosen Intuition aufzuschwingen, wo es keine sogenannten Wege mehr gibt.

Lieber Freund, ist es übrigens nicht ein deutliches Symptom für die Geistesverknechtung, die diese blinden Menschen seit ihrem Hog und ihrem Hammel erblich belastete, daß kei­ner von ihnen, trotz dem ewigen Geschwätz ihrer Gelehrten über die Wege zur Wahrheit, auch nur zufällig auf das verfiel, was uns jetzt so deutlich als der breiteste, geradeste und wert­vollste Weg erscheint, auf den großen Paß, die majestätische Straße derFolgerichtigkeit? Ist es nicht erstaunlich, daß es ih­nen nicht einfiel, von den Werken Gottes her auf die hoch­bedeutsame Betrachtung zu kommen, daßeine vollkommene Folgerichtigkeit nichts anderes sein kann als absolute Wahrheit? Wie einfach, wie schnell ist unser Fortschritt, seit endlich die­se Behauptung verkündet wurde! Durch sie ist die Forschung den Maulwürfen entrissen und — als Ehrung mehr denn als Arbeit — den wahren, den einzig wahren Denkern überlassen worden, den umfassend gebildeten Menschen von glühender Phantasie. Diese — unsere Kepler, unsere Laplace — spekulie­ren, ›theoretisieren‹ — so drückte man sich aus. Denke Dir, mit was für einem höhnischen Geschrei unsere Vorfahren sie empfangen hätten, wenn sie mir, während ich das schreibe, über die Schulter geblickt hätten! Ich wiederhole: Die Keplers spekulieren, theoretisieren, und ihre Theorien sind bloß ver­bessert, umgestaltet, gesichtet, ganz allmählich von der Spreu des Unzutreffenden gereinigt worden, bis schließlich leuchtend etwas ungemischt Folgerichtiges dasteht, etwas Folgerichtiges, das selbst die Dümmsten — eben weil es folgerichtig ist — als absolute, unbestreitbareWahrheit anerkennen müssen.

Ich habe oft darüber nachgedacht, lieber Freund: Es muß für diese Dogmatiker vor tausend Jahren ein schweres Stück gewesen sein zu entscheiden, auf welchem ihrer berühmten zwei Erkenntniswege der Entzifferer von Geheimschriften zur Lösung der schwierigeren Chiffern kommt — oder auf wel­chem Wege Champollion die Menschheit zu den wichtigen, zahllosen Wahrheiten führte, die seit vielen Jahrhunderten in der Buchstabenbilderschrift der Ägypter begraben waren.

Würde es aber nicht insbesondere diese Autoritätsanbeter in Verlegenheit gebracht haben, wenn man sie gefragt hätte, auf welchem ihrer zwei Wege die wesentlichste und herrlich­ste Wahrheit, die sie überhaupt hatten, entdeckt wurde — die

Wahrheit, die Tatsache der Gravitation? Newton folgerte sie aus den Keplerschen Gesetzen. Kepler gab zu, daß er die­se Gesetzeerraten habe — diese Gesetze, deren Erforschung dem größten englischen Astronomen das Prinzip enthüllte, die Grundlage jeglichen physikalischen Prinzips, hinter des­sen Schwelle wir in das dunkle Reich der Metaphysik treten. Ja! diese herrlichen Gesetze hat Keplererraten, das heißt, er fand sie auf den Wegen derPhantasie. Wäre er gefragt wor­den, ob er auf deduktivem oder induktivem Wege auf sie gestoßen sei, so hätte seine Antwort etwa gelautet: ›Mir ist nichts von Wegen bekannt — aber was mir bekannt ist, das ist der Mechanismus des Weltalls. Hier ist er. Ich ergriff ihn mitmeiner Seele, ich erfaßte ihn lediglich kraft derIntuition.Ach, der arme, alte Nichtswisser! Hätte ihm nicht jeder be­liebige Metaphysiker sagen können, was er Intuition nenne, sei bloß seine Überzeugung auf Grund von Deduktionen oder Induktionen, die so schattenhaft in ihm verlaufen seien, daß sie seinem Bewußtsein entfielen, sein Denken täuschten oder seiner Ausdrucksmöglichkeit widerstrebten? Jammerschade, daß ihn kein ›Moralphilosoph‹ über all das aufklärte! Wie hätte es ihn auf dem Totenbette gestärkt, zu wissen: nicht intuitiv, das heißt unziemlich, sondern in Wahrheit wohlan­ständig und wie sich's gehört — nach der Art des Hog oder zumindest des Hammels — sei er in die weiten Hallen ge­schritten, wo die unzerstörbaren, köstlichen Geheimnisse des Alls auf ihn warteten, glänzend, einsam, von Menschenhand nicht berührt — von keinem Menschenauge gesehen!

Ja, Kepler war im wesentlichen ein Theoretiker; aber diese Bezeichnung, die uns heute so verehrenswert dünkt, war in jenen alten Tagen ein Ausdruck äußerster Verachtung. Erst heute beginnen die Menschen diesen göttlichen alten Mann recht zu würdigen und von der prophetischen, dichterischen Rhapsodie seiner unvergänglichen Worte ergriffen zu werden. Was mich angeht,« so fährt der unbekannte Verfasser dieses Briefes fort, »ich glühe in heiligem Feuer, wenn ich nur an sie denke, ich fühle, daß ich nie müde werden kann, sie zu wiederholen. Darum laß mir zum Schluß dieses Briefes die Freude, sie wieder einmal abzuschreiben:

›Es kümmert mich nicht, ob mein Werk jetzt oder erst in Zukunft gelesen wird. Es macht mir nichts aus, ein Jahrhun­dert auf meine Leser zu warten, wo Gott selbst sechstausend Jahre auf einen Gläubigen gewartet hat. Ich siege. Ich habe den Geheimschatz der Ägypter gestohlen. Ich ergebe mich meiner heiligen Raserei‹.«

Hier enden meine Zitate aus dieser absonderlichen und vielleicht etwas unverschämten Epistel; ich glaube, es wäre verrückt, auf eine Erörterung der chimärischen, um nicht zu sagen revolutionären Phantasien des Schreibers — wer es auch sei — einzugehen, besonders wo diese Phantasien die wohl­erwogenen und wohlbegründeten Meinungen unserer Zeit so von Grund aus befehden. Gehen wir also zu unserm eigent­lichen Thema über:dem Weltall.

Bei diesem Thema können wir zwischen zwei Arten der Erörterung wählen: Wir können aufsteigen oder absteigen. Wenn wir von unserm eigenen Standpunkt ausgehen, der Erde, auf der wir stehen, können wir uns zu den anderen Planeten unseres Systems begeben, von da zur Sonne, von da zu unserm Sonnensystem als Gesamtheit, und so durch andere Systeme hindurch ins Unendliche weiter; oder aber wir können oben beginnen, an einem Punkt, der insofern ein

Ende ist, als wir ihn dazu machen oder wenigstens uns als sol­ches vorstellen können, um dann herniederzusteigen bis zur Wohnung der Menschen. Meistens, das heißt in den gewöhn­lichen astronomischen Untersuchungen, wird die erste dieser zwei Methoden — mit gewissen Einschränkungen — gewählt; der Grund ist einleuchtend: bloß astronomische Tatsachen und Prinzipien sind der Gegenstand der Untersuchung, die am besten vom Bekannten, weil Nächsten, stufenweise sich dem Punkte nähert, wo alle Sicherheit in der Entfernung ver­lorengeht. Für meinen gegenwärtigen Zweck jedoch — den Geist in die Lage zu versetzen, wie von weitem und auf ei­nen Blick ein rasches Bild des Weltalls alsIndividuum auf­zufangen — ist es klar, daß ein Abstieg zum Kleinen vom Großen, zu den Grenzbereichen vom Mittelpunkt (wenn wir einen Mittelpunkt festsetzen könnten), zum Ende vom Anfang (wenn wir uns einen Anfang vorstellen könnten) der vorzüglichere Weg wäre — wenn nur nicht die Schwierigkeit oder gar Unmöglichkeit bestünde, auf diesem Wege dem Nichtastronomen ein irgend faßliches Bild hinsichtlich sol­cher Punkte zu geben, die sich aufQuantitäten beziehen, das heißt auf Zahl, Größe und Entfernung.

Nun ist aber Genauigkeit und Verständlichkeit in allen Stücken unerläßlich für diesen Versuch. In wichtigen Dingen ist es besser, ziemlich weitläufig zu sein, als nur ein bißchen unverständlich. Indessen gehört Verworrenheit zu keinem Stoff an sich. Die Stoffe sind für den, der sich ihnen auf dem richtigen Weg Schritt für Schritt nähert, alle gleich leicht ver­ständlich zu machen. Nur darum, weil der Weg nicht sorg­sam und glatt genug gebahnt ist, ist die Differentialrechnung eine weniger einfache Sache als ein Sonett des Herrn Salomon Schaukelgut.

Um also jede Möglichkeit, falsch verstanden zu werden, auszuschließen, halte ich es für ratsam, so vorzugehen, als ob selbst die verbreiteteren Tatsachen der Astronomie dem Leser unbekannt wären. Ich verbinde demnach die zwei Dar­stellungsarten, von denen ich gesprochen habe, und mache mir die Vorteile, die jede mit sich bringt, zunutze — und ganz besonders die Wiederholung in den Details, die bei diesem Vorgehen unvermeidlich ist. Ich beginne mit dem Abstieg und erledige dann beim Zurückgehen nach oben die unumgäng­lichen Erörterungen über dieQuantitäten, auf die ich schon hingewiesen habe.

Beginnen wir also ganz oben mit dem leersten aller Worte: »Unendlichkeit«. Dieses Wort, ebenso wie Gott, Geist und noch so einige Ausdrücke, die es entsprechend in allen Spra­chen gibt, ist keineswegs die Bezeichnung für eine Vorstellung, sondern lediglich für ein Streben dahin. Es bezeichnet den Versuch, das Unaussprechliche auszusprechen. Man brauchte einen Ausdruck, der dieRichtung dieses Bemühens festhalten sollte — die Wolke, hinter der ewig unsichtbar dasZiel dieses Strebens lag. Kurz, ein Wort war nötig, mit Hilfe dessen ein Mensch sich mit einem andern Menschen, und zwar mit ei­ner bestimmtenTendenz des Menschengeistes, in Verbindung bringen konnte. Aus diesem Erfordernis entsprang das Wort »Unendlichkeit«, das demnach nur das Symbol für denBegriff eines Begriffs ist.

Hinsichtlich dieser Unendlichkeit, die uns hier beschäf­tigt — der Unendlichkeit des Raums —, hören wir oft sagen, dieser Begriff sei zulässig, beruhe darauf, sei unumgänglich, weil die Vorstellung einer Begrenzung noch schwieriger zu fassen sei. Aber das ist nur eine derPhrasen, mit denen selbst tiefe Denker, wie zeitweilig vom Geist verlassen, gelegentlich sich selbst betrügen wollten. Der Trugschluß versteckt sich hinter dem Wort »Schwierigkeit«. Man sagt uns, der Geist hege die Vorstellung derUnbegrenztheit, weil es noch schwie­riger sei, sich einen begrenzten Raum vorzustellen. Wäre nun diese Behauptung richtig formuliert, so wäre ihre vollkom­mene Torheit ohne weiteres sichtbar. Ganz gewiß nämlich gibt es in diesem Fall keine bloßeSchwierigkeit. Die Aussage, die man machen müßte, wenn man ihr den eigentlich ge­meinten Ausdruck ohne jede Sophisterei geben wollte, würde folgendermaßen aussehen: »Der Geist bildet den Begriff der Unbegrenztheit, weil die Vorstellung des begrenzten Raums nochunmöglicher ist.«

Nun sieht man sofort, daß es sich hier nicht um zwei Aus­sagen handelt, deren größere oder geringere Glaubwürdigkeit der Verstand untersuchen soll, oder um zwei Behauptungen, deren Begründung geprüft werden soll, vielmehr geht die Frage um zwei Vorstellungen, die einander direkt entgegengesetzt sind, die beide zugestandenermaßen unmöglich sind, und da wird nun gesagt, die eine könne der Verstand deswegen fassen, weil die andere zu hegen noch unmöglicher sei. Nicht zwi­schen zwei Schwierigkeiten wird gewählt; man wählt vielmehr zwischen zwei Unmöglichkeiten. Bei den ersteren gibt es nun Gradunterschiede, aber nicht bei letzteren — wie schon der Verfasser des obenstehenden unverschämten Briefes auseinan­dergesetzt hat. Eine Aufgabe kann mehr oder weniger schwie­rig sein, aber sie ist entweder möglich oder unmöglich — da gibt es kein Mehr oder Weniger. Man kann etwa sagen, es sei schwieriger, die Anden zu besteigen, als einen Ameisenhaufen; aber es kann nicht unmöglicher sein, die Materie der Anden zu vernichten, als die Materie des Ameisenhaufens. Jemand kann mit geringerer Schwierigkeit zehn Fuß weit springen als zwanzig; aber es ist ebenso unmöglich, in den Mond zu sprin­gen, wie auf den Hundsstern.

Da all das unleugbar ist, da der Geist in unserem Falle zwischen unmöglichen Vorstellungen zu wählen hat, da eine Unmöglichkeit nicht größer sein kann als die andere und da also eine der andern nicht vorgezogen werden kann, bleibt den Philosophen, die aus den erwähnten Gründen die menschliche Vorstellung der Unendlichkeit, nein, sogar die Unendlichkeit als Tatsache behaupten wollen, nichts anderes übrig, als zu beweisen, daß ein unmögliches Ding möglich sei, indem sie zeigen, daß ein anderes Ding — ebenfalls unmöglich ist. Man wird sagen, das sei Unsinn, und vielleicht ist es so; ich für mein Teil halte es in der Tat für kapitalen Unsinn, verzichte aber auf den Anspruch, es für meinen Unsinn auszugeben.

Jedoch die beste Art, aufzudecken, wie falsch die philoso­phische Beweisführung in dieser Frage ist, besteht darin, ein­fach auf eine Tatsache hinzuweisen, die man bisher überse­hen hat — die Tatsache nämlich, daß diese Beweisführung ihre eigene Behauptung sowohl beweist als auch widerlegt. »Der Geist ist genötigt,« so sagen die Theologen und ande­re Gelehrte, »eineerste Ursache anzunehmen, weil sich ihm die größere Schwierigkeit entgegenstellt, immerfort Ursachen aus Ursachen ohne Ende anzunehmen.« Der Trugschluß liegt wie vorher in dem Wort »Schwierigkeit«; aber sehen wir doch, zu welcher Behauptung es hier verwandt wird. Eine erste Ur­sache wird behauptet. Und was ist eine erste Ursache? Die Grenze, hinter der keine Ursachen mehr sind. Und was ist eine solche Grenze anders als das Ende, die Endlichkeit? So wird in zwei Beweisführungen von Gott weiß wieviel Philo­sophen derselbe Trugschluß gemacht, um einmal die Endlich­keit und das zweite Mal die Unendlichkeit herauszubringen; vielleicht könnte man auf diesem Wege auch noch dies oder jenes beweisen? Die Trugschlüsse mindestens sind ganz uner­träglich. Aber von ihnen abgesehen — was sie beweisen, ist in beiden Fällen dasselbe Nichts.

Ich hoffe, niemand kommt auf den Gedanken, ich wolle hier die absolute Unmöglichkeit dessen behaupten, was wir mit dem Wort »Unendlichkeit« zu erreichen bestrebt sind. Mein einziger Zweck ist, die Torheit aufzudecken, die darin besteht, daß man die Unendlichkeit an sich selbst oder auch nur unsere Vorstellung von ihr durch so alberne Methoden, wie sie gewöhnlich angewandt werden, beweisen will.

Trotzdem möchte ich mir aber für mich persönlich die Be­merkung erlauben, daß ich mir die Unendlichkeit nicht vor­stellen kann und daß ich überzeugt bin, kein Mensch könne es. Ein Geist, der sich selbst nicht gründlicher kennt, der nicht daran gewöhnt ist, genau zu prüfen und zu untersuchen, was in ihm selbst vorgeht, wird sich allerdings oft täuschen und glauben, er habe die Vorstellung, von der hier die Rede ist. In dem Bemühen, sie zu haben, gehen wir Schritt um Schritt weiter, und in der Phantasie geht es so immer weiter zurück; und solange wir dieses Bemühen fortsetzen, können wir in der Tat sagen, daß wir die Tendenz haben, den Begriff zu bilden; und je länger wir dieses Bemühen unseres Geistes festhalten, um so stärker ist der Eindruck, daß wir die Vorstellung tat­sächlich haben oder gehabt haben. Aber genau in dem Mo­ment, wo wir dieses Bemühen einstellen, wo wir glauben, den fertigen Begriff zu haben, die Vorstellung in uns vollendet zu haben, da purzelt das ganze Gebäude unserer Phantasie zu­sammen, da wir ja bei einem letzten, also endlich begrenz­ten Punkt stehengeblieben sind. Diese Tatsache entgeht uns aber deswegen, weil der Moment, wo wir den letzten Punkt festgehalten hatten, und der Moment, wo wir mit Denken innehalten, völlig zusammenfallen. Und wenn wir anderseits versuchen, den Begriff eines endlichen Raums zu bilden, so verläuft der Vorgang gerade umgekehrt, und die Sache stellt sich ebenfalls als unmöglich heraus.

Wirglauben an einen Gott. Es bleibt uns unbenommen, an einen endlichen oder unendlichen Raum zuglauben; aber unser Glaube ist in solchen Fällen eigentlich mehr ein Glaubensartikel und weit entfernt von jenem andern Glauben, von jener Gewißheit desIntellekts, die die Voraussetzung für jede Vorstellungstätigkeit des Geistes bildet.

Es ist eine Tatsache, daß jedesmal, wenn ein Ausdruck von der Gattung, zu der »Unendlichkeit« gehört, ausgesprochen wird — von der Gattung derBegriffe von Begriffen —, für alle, die überhaupt denken, nicht die Möglichkeit besteht, eine Vorstellung zu haben; es gelingt nur, den Blick des Geistes auf einen gegebenen Punkt am Firmament des Verstandes zu richten, auf einen Nebelfleck, der nicht weiter zerlegt werden kann. Der denkende Mensch bemüht sich auch nicht, ihn zu zerlegen: mit sicherem Instinkt bemerkt er sofort, daß es unmöglich ist, und vor allem, daß es für alle menschlichen Zwecke überflüssig ist, ihn zu zerlegen. Er gewahrt, daß die Gottheit die Lösung dieses Geheimnisses nicht gewollt hat. Es sieht sofort, daß es außerhalb des Menschenhirnes liegt, er sieht auch, wieso, wennschon nicht genau, warum. Es gibt freilich Leute, die durch ihr Bemühen, das Unerreichbare zu erreichen, und daneben durch den Jargon, den sie von sich ge­ben, unter denen, die denken, sie denken, und denen Dunkel­heit und Tiefe gleichbedeutend sind, den sehr zweifelhaften Ruhm des Tiefsinns erwerben; aber die edelste Eigenschaft des Geistes ist seine Selbsterkenntnis; und man könnte etwas doppelsinnig sagen: kein Nebel des Geistes kann weiter grei­fen als der, der sich bis zu den Grenzen unserer Erkenntnis erstreckt und gerade diese Grenzen nicht mehr begreift.

Der Leser wird nun also verstehen: wenn ich die Worte »Unendlichkeit des Raums« anwende, so verlange ich nicht die unmögliche Vorstellung einerabsoluten Unendlichkeit. Ich meine nurdie denkbar größte Ausdehnung des Raums — einen schattenhaften und schwankenden Bezirk, der bald ein­schrumpft und bald anschwillt, entsprechend den schwanken­den Energien der Phantasie.

Bisher betrachtete man das Sternenweltall immer als zu­sammenfallend mit dem Weltall überhaupt, wie ich es zu Beginn dieser Abhandlung definiert habe. Man vertrat im­mer mehr oder weniger ausgesprochen die Annahme — wenig­stens seit dem Anbruch der wissenschaftlichen Astronomie —, daß wir an dem äußersten Punkt des Raums, den wir irgend erreichen können, immer noch nach allen Richtungen ein unendliches Sternenheer finden würden. Diesen unhaltba­ren Gedanken hatte Pascal, als er den vielleicht gelungensten Versuch machte, die Vorstellung zu umschreiben, nach der wir mit dem Wort »Weltall« ringen. Er nennt es »eine Kugel, deren Mittelpunkt überall, deren Umfang nirgends ist«. Der Wortlaut dieser Definition trifft in der Tat auf das Sternen­weltall nicht zu, aber wir können ihn mit einiger Einschrän­kung als Definition des eigentlichen Weltalls, das heißt des räumlichen Alls, akzeptieren; für alle praktischen Zwecke genügt er jedenfalls. Betrachten wir also das räumliche All als »eine Kugel, deren Mittelpunkt überall, deren Umfang nirgends ist«. Während es uns nämlich unmöglich ist, uns ein Ende des Raums auszudenken, macht es uns in Wahrheit keine Schwierigkeit, uns einen Raum mit einer Unendlichkeit von Anfängen auszumalen.

Nehmen wir also dieGottheit zu unserm Ausgangspunkt. Was die Aussagen über diese Gottheit an und für sich be­trifft, so ist allein der kein Dummkopf, allein der kein Frevler, der — nichts über sie aussagt. »Nous ne connaissons rien,« sagt der Baron de Bielfeld,»nous ne connaissons rien de la nature ou de l'essence de Dieu; pour savoir ce qu'il est, il faut etre Dieu meme.« — »Wir wissen absolut nichts von der Natur oder dem Wesen Gottes; um zu verstehen, was er ist, müßten wir selbst Gott sein.«

Wir müßten selbst Gott sein! Trotz diesem niederschmet­ternden Satz wage ich doch die Frage, ob dieses gegenwärtige Nichtwissen über das Wesen der Gottheit ein Nichtwissen ist, zu dem die Seeleewig verdammt ist.

Wie dem auch sei: Er also, der zum wenigsten jetzt noch der Unfaßbare ist, Er also, ein geistiges Wesen — damit meine ich:nicht materiell; diese Unterscheidung ersetzt für wissen­schaftliche Zwecke eine umständliche Definition —, Er also habe einmal — mit dieser Voraussetzung wollen wir uns heute begnügen — als geistiges Wesen existiert — und da habe er uns an irgendeinem Punkt des Raums, den wir als Mittelpunkt annehmen wollen, zu irgendeiner Zeit, in die einzudringen wir uns nicht vermessen, die aber jedenfalls ungeheuer ent­fernt ist — da also, sage ich, habe er uns erschaffen oder kraft seines Willens aus dem Nichts geholt — erschaffen —als was? Dies ist ein bedeutsamer Moment in unserer Untersuchung. Als was dürfen wir einzig und allein vermuten erstmals und ursprünglicherschaffen worden zu sein?

Wir sind an einen Punkt gelangt, wo nur Intuition uns wei­terhelfen kann — aber zunächst muß ich noch einmal darauf hinweisen, was allein wir uns unter Intuition vorstellen dürfen. Sie ist lediglichdie Überzeugung, die aus solchen Induktionen oder Deduktionen entspringt, die so schattenhaft verlaufen, daß sie unserm Bewußtsein entgehen, unsere Aufmerksamkeit nicht erregen oder sich der Ausdrucksmöglichkeit entziehen. Wenn wir das voraussetzen, so zwingt mich eine völlig unwiderstehliche, wiewohl unaussprechbare Intuition zu dem Schlusse: Was Gott ursprünglich geschaffen hat — die Materie, die er kraft seines Willens zuerst aus seinem Geiste oder aus dem Nichts machte —, kann nichts anderes gewesen sein als Materie im denkbar größten Grade von — wovon? — vonEinfachheit.

Dies wird in meiner Abhandlung der einzige Satz sein, der lediglich einPostulat ist. Ich gebrauche das Wort »Postulat« in seinem üblichen Sinn; aber ich behaupte, selbst dieser Satz, von dem ich ausgehe, ist wahrhaftig sehr, sehr weit davon ent­fernt, in Wirklichkeit bloß ein Postulat zu sein. Nichts ist je sicherer gewesen, kein Schluß, den je Menschen zogen, war regelrechter, war strenger abgeleitet — aber ach! das Verfahren liegt jenseits der menschenmöglichen Denktätigkeit, in jedem Falle jenseits der menschlichen Sprache.

Gehen wir nun an die Untersuchung, was die Materie sein muß, wenn sie im absoluten, im äußersten Zustand derEin­fachheit ist. Da denken wir sofort an Unteilbarkeit — an ein Teilchen — an eineinziges Teilchen — ein Teilcheneiner Art, eines Charakters —einer Natur,einer Größe,einer Gestalt — an ein Teilchen also ohne Gestalt, »öde und leer« — ein Teilchen, das ganz und gar nur Teilchen ist, ganz einzig, ein ungeteiltes Individuum, das nur darumnicht unteilbar ist, weil der, der es kraft seines Willens schuf, es doch wohl durch eine unendlich geringere Anstrengung seines Willens auch teilen kann.

Einheit also ist alles, was ich von der Materie im Augenblick der ursprünglichen Schöpfung aussage; aber ich werde zeigen, »daßdieses Prinzip der Einheit völlig genügt, um den Ursprung, die gegenwärtigen Erscheinungen und die unvermeidliche, schließliche Vernichtung wenigstens des materiellen Weltalls zu erklären.«

Die Bereitschaft, das ursprüngliche Teilchen zu sein, hat den Akt oder, besser gesagt, dieEmpfängnis der Schöpfung vollen­det. Wir gehen jetzt dazu über, zu untersuchen, zu welchem Ende wohl das Teilchen erschaffen wurde, das heißt, soweit wir jetzt schon imstande sind, dieses Ziel zu erkennen — die Entstehung des Weltalls eben aus diesem Teilchen.

Diese Entstehung entsprang daraus, daß das, was ur­sprünglich, also normalerweise eine Einheit war, in den unnormalen Zustand der Vielheitgezwungen wurde. Eine Aktion dieser Art bedingt die Reaktion. Eine unter diesen Bedingungen vor sich gehende Zerstreuung aus der Einheit heraus schließt die Tendenz in sich, wieder zur Einheit zurück­zukehren — diese Tendenz ist unausrottbar, bis ihr Genüge ge­tan ist. Aber darauf komme ich später ausführlicher zurück.

Die Annahme völliger Einheit im ursprünglichen Teilchen schließt die Annahme unendlicher Teilbarkeit ein. Stellen wir uns also vor, das Teilchen sei durch die Zerstreuung in den Raum nahezu vollständig erschöpft. Nehmen wir an, von dem einen Teilchen als Mittelpunkt seien nach allen Richtun­gen — kugelförmig, in unermeßlich große, aber doch begrenz­te Entfernungen — eine gewisse unaussprechlich große, doch beschränkte Zahl unvorstellbar, wenn auch nicht unendlich kleiner Atome in den vorher leeren Raum ausgestrahlt.

Wenn wir nun diese so zerstreuten oder in Zerstreuung be­griffenen Atome betrachten, ihre Quelle wie den Charakter des Plans, den ihre Zerstreuung aufweist, was sind da wohl die Bedingungen dieser Zerstreuung, die wir nicht etwa annehmen, sondern direkt folgern dürfen? Da Einheit ihre Quelle ist undEntfernen von der Einheit der Charakter des Plans, der in ihrer Zerstreuung hervortritt, dürfen wir getrost vermuten, daß dieser Charakter wenigstensim allgemeinen während der Durchführung des Plans beibehalten bleibt und einen Teil von ihm bildet — das heißt: wir dürfen uns getrost vorstellen, daß fortgesetzt und allenthalben von der Einheit und Einfachheit des Ursprungs abgewichen wird. Aber sind wir berechtigt, um dieser Gründe willen anzunehmen, daß die Atome heterogen, ungleichartig, ungleich groß und ungleich entfernt voneinander sind? Deutlicher ausgedrückt: sollen wir annehmen, daß nicht zwei Atome in ihrer Zerstreuung diesel­be Natur oder dieselbe Gestalt oder dieselbe Größe haben? — und daß sie, nachdem ihre Zerstreuung im Raum vollendet ist, alle ungleich weit voneinander entfernt sind? Unter diesen Umständen verstehen wir sehr leicht und sofort die konse­quente und sehr einfache Durchführung eines jeden solchen Plans, wie ich ihn beschrieben habe — Mannigfaltigkeit aus der Einheit — Verschiedenheit aus der Identität — Heterogenität aus der Homogenität — Kompliziertheit aus der Einfachheit — mit einem Wort: die größtmögliche Mannigfaltigkeit der Relativitäten aus der erhaben unrelativenEinheit. Zweifellos also wären wir berechtigt, all das, was ich angeführt habe, anzunehmen, wenn nicht zwei Dinge zu erwägen wären: er­stens, daß man einem göttlichen Akt nichts Überflüssiges zu­trauen darf, und zweitens, daß die Sache, die wir im Auge haben, ebenso leicht durchführbar erscheint, wenn einige der fraglichen Bedingungen am Anfang in Wegfall kommen, wie wenn wir annehmen, sie seien alle von vornherein vorhanden. Was ich sagen will, ist, daß einige wegfallen können, weil sie im Rest enthalten sind oder wenigstens so unmittelbar dar­aus folgen, daß kein Unterschied wahrzunehmen ist. Die Verschiedenheit der Größe zum Beispiel geht ohne weiteres daraus hervor, daß ein Atom auf Grund der Verschiedenheit der einzelnen Abstände einem zweiten Atom vor einem drit­ten den Vorzug gibt, wobei anVerschiedenheiten der einzelnen Abstände zwischen Quantitätszentren in benachbarten Atomen von verschiedener Gestalt zu denken ist — ein Phänomen, das der im allgemeinen gleichförmigen Verteilung der Atome durchaus nicht widerspricht. Ebenso leicht ist zu verstehen, daß Verschiedenheit in derArt sich lediglich aus Verschieden­heiten in Größe und Gestalt ergibt, die als mehr oder weni­ger zusammenfallend zu betrachten sind; in der Tat können wir, da dieEinheit des ursprünglichen Teilchens absolute Homogenität in sich schließt, uns die Atome im Augenblicke ihrer Zerstreuung nicht der Art nach verschieden denken — es sei denn, daß wir gleichzeitig annehmen, der göttliche Wille trete bei Entsendung eines jeden Atoms in Kraft, um in je­dem eine Veränderung seiner Wesenheit hervorzubringen;

doch eine so phantastische Vorstellung ist um so weniger zu dulden, als das beabsichtigte Ziel ebensogut ohne solche klein­liche und mühevolle Einmischung erreicht wird. Alles in al­lem sehen wir also, daß es überflüssig und demnach unphilo­sophisch wäre, von den Atomen in bezug auf ihre Hervor­bringungen irgend mehr auszusagen alsVerschiedenheit der Gestalt im Augenblick ihrer Zerstreuung und Verschieden­heiten der einzelnen Abstände nach der Zerstreuung — da alle übrigen Verschiedenheiten sich ohne weiteres aus diesen in den allerersten Stadien der Körperbildung ergeben. Wir be­gründen das Weltall so auf einer reingeometrischen Grund­lage. Selbstverständlich ist es durchaus nicht notwendig, eine absolute Verschiedenheit, auch nur der Gestalt, zwischenallen ausgestrahlten Atomen anzunehmen, ebensowenig wie abso­lute Verschiedenheit der einzelnen Abstände in bezug auf das Verhältnis eines jeden Atoms zu jedem andern anzunehmen ist. Wir brauchen lediglich festzustellen, daß keinebenach­barten Atome von gleicher Gestalt sind, daß keine Atome sich jemals einander nähern können, abgesehen von ihrer unver­meidlichen Wiedervereinigung am Ende.

Obwohl, wie gesagt, die aus ihrer Einheit gerissenen Atome von vornherein und unausgesetzt während ihrer unnormalen Zerstreuung die Tendenz haben, zu ihrer normalen Einheit zurückzukehren, so ist es doch klar, daß dieser Tendenz zu­nächst nicht Folge geleistet wird — daß sie eine Tendenz ist und weiter nichts — bis die zerstreuende Energie nachläßt und so der Tendenz die Freiheit läßt, sich Genüge zu tun. Da der göttliche Akt als endgültig betrachtet wird und aufhört, so­wie die Zerstreuung vollendet ist, so verstehen wir, daß sofort eine Reaktion eintritt — mit andern Worten, daß die Tendenz der getrennten Atome, in dieEinheit zurückzukehren, sich durchsetzen kann.

Aber wenn die zerstreuende Energie nachläßt und in der weiteren Durchführung des Grundplans —eine möglichst große Summe von Beziehungen zu schaffen — nunmehr die Reaktion einsetzt, so gerät gerade durch die Tendenz zur Rückkehr, die sich allgemein durchsetzen will, der Plan in Gefahr, im ein­zelnen gestört zu werden.Vielheit ist das Ziel: aber es gibt nichts, was benachbarte Atome hindern könnte, schon bevor sie irgendwie die Ziele, die die Vielheit mit sich führen wür­de, erreicht haben, sich nunmehrsofort der Reaktionstendenz zu überlassen und untereinander die absolute Einheit herzu­stellen; nichts kann die Aggregation zahlreicher einheitlicher Massen an zahlreichen Punkten des Raumes hemmen; mit andern Worten: nichts widerstreitet der Ansammlung zahlrei­cher Massen, von denen jede eine absolute Einheit ist.

Wir sehen also, daß es zur wirksamen und durchgreifenden Ausführung des allgemeinen Plans einer Repulsionskraft mit begrenzter Energie bedarf — ein für sich bestehendesEtwas ist nötig, das beim Nachlassen des zerstreuenden Willens gleich­zeitig die Annäherung der Atome zuläßt und ihre Verbindung verhindert, das erlaubt, daß sie sich unendlich nahe kommen, ihre positive Berührung aber ablehnt; mit einem Wort, dieses Etwas mußbis zu einem gewissen Zeitpunkt die Macht haben, ihr tatsächliches Zusammenkommen zu verhindern, wäh­rend es ihm aber in keiner Form und in keinem Grad zusteht, ihr Entgegenkommen irgendwie zu stören. Die Repulsion, die in anderer Hinsicht, wie erwähnt, so ganz besonders be­schränkt ist, hat — ich wiederhole es — nur bis zu einemge­wissen Zeitpunkt die Macht, die absolute Kohäsion zu verhin­dern. Wir können uns unmöglich vorstellen, das Verlangen der Atome nach Einheit sei dazu verurteilt,niemals erfüllt zu werden; wir können uns nicht vorstellen, daß das, was einmal angefangen hat, niemals zu einem Ende komme — obwohl oft genug gesagt oder geträumt wird, eine solche Vorstellung sei möglich. Wir sind vielmehr zu der Folgerung genötigt, daß der Einfluß der Repulsion schließlich, wenn dieEinheitstendenz in der Gesamtheit wirksam ist, aber niemals auch nur im ge­ringsten vorher, ehe in Erfüllung der göttlichen Zwecke diese Gesamttendenz sich natürlich zur Geltung bringt — daß also dann die Repulsion einer andern Macht weicht, die ihr in die­sem letzten Zeitraum genau in dem erforderlichen Ausmaß an Einfluß überlegen ist: so fällt dann das Weltall in die unvermeidliche, weil ursprüngliche und demnach normale Einheit wieder zurück. Die Umstände, die hier miteinander in Einklang zu bringen sind, sind in der Tat sehr schwierig; es ist uns nicht möglich, zu verstehen, wie sie in Einklang kommen können; nichtsdestoweniger verbergen sich in dieser offen­sichtlichen Unmöglichkeit eine Fülle reizvoller Vermutungen.

Daß das repulsive Etwas wirklich existiert,sehen wir. Wir verwenden und kennen keine Kraft, die imstande wäre, zwei Atome miteinander zu verschmelzen. Dies ist nichts anderes als der wohlbegründete Satz von der Undurchdring­lichkeit der Materie. Jedes Experiment beweist sie — jede Philosophie nimmt sie an. DieBestimmung der Repulsion, die Notwendigkeit ihres Vorhandenseins habe ich zu zeigen versucht; aber von jedem Versuch, ihre Natur zu ergründen, habe ich in scheuer Ehrfurcht Abstand genommen, und zwar auf Grund intuitiver Überzeugung, daß das fragliche Prinzip ein rein geistiges ist — daß es in einer Verborgenheit ruht, die unsrer jetzigen Erkenntnis unzugänglich ist, daß es in eine Form gehüllt ist, die von uns nicht erfaßt werden kann — in die Form desGeistes an sich. Mit einem Wort, ich fühle hier, und hier allein, die Einmischung Gottes, weil hier, hier allein, die Verschlingung des Knotens so ist, daß die Einmischung Gottes geboten ist.

Während wir in der Tat die Tendenz der zerstreuten Atome, zur Einheit zurückzukehren, sofort als Newtons Prinzip der Gravitation erkennen werden, gewahren wir, daß der von mir so genannte repulsive Einfluß, der der sofortigen Durchführung der Tendenz Schranken setzt, nichts anderes ist als das, was wir bisher gewohnt waren, bald Wärme, bald Magnetismus, bald Elektrizität zu nennen; wie wenig wir von seinem Ehrfurcht gebietenden Charakter wußten, verrieten wir durch die schwankende Terminologie, mit deren Hilfe wir ihn umschreiben wollten.

Nennen wir diesen Einfluß, wenigstens vorläufig, Elektri­zität, so wissen wir, daß jede experimentelle Erforschung der Elektrizität zum letzten Ergebnis das Prinzip oder Schein­prinzip derHeterogenität hatte.Nur da, wo Dinge vonein­ander verschieden sind, ist Elektrizität wahrzunehmen; und man darf annehmen, daß sie nie voneinander verschieden sind, ohne daß sie wirksam, wenn schon nicht wahrnehm­bar ist. Dieses Ergebnis nun stimmt völlig überein mit dem, was ich auf nichtempirischem Wege gefunden habe. Ich habe behauptet, die Bestimmung des repulsiven Einflusses bestehe darin, die sofortige Einheit der zerstreuten Atome zu verhin­dern; und diese Atome sind als voneinander verschieden dargestellt.Verschiedenheit ist ihr Charakter, ihr Wesen, ge­nauso wie Nicht Verschiedenheit das Wesen ihres Trachtens war. Wenn wir also sagen, ein Versuch, zwei beliebige von diesen Atomen zusammenzubringen, veranlasse den repulsiven Einfluß dieses Verschmelzen zu verhindern, so können wir uns ebensowohl des genau entsprechenden Satzes bedie­nen und sagen: ein Versuch, zwei Verschiedenheiten zusam­menzubringen, führt zur Entwicklung von Elektrizität. Alle Körper, die es gibt, sind natürlich aus diesen Atomen, die sich nachbarlich berühren, zusammengesetzt und müssen also als bloße Ansammlungen von größeren oder kleineren Verschiedenheiten betrachtet werden; und wenn man so zwei beliebige Ansammlungen zusammenbringen wollte, so wäre die Größe des Widerstandes, den der repulsive Geist ausübt, im Verhältnis der zwei Summen der Verschiedenheiten in jeder Ansammlung — um eine abgekürzte Formel für diesen Ausdruck zu geben:Die Summe der Elektrizität, die bei der Annäherung zweier Körper entwickelt wird, ist proportional dem Unterschied zwischen den zwei Summen der Atome, aus denen die Körper zusammengesetzt sind. Daß keine zwei Körper abso­lut gleich sind, ist lediglich ein Zusatz zu dem hier Gesagten. Die Elektrizität also, die überall ist,entwickelt sich, wenn ir­gend zwei Körper einander genähert werden, aber sie wird erstwahrnehmbar, wenn es sich um Körper von merklicher Verschiedenheit handelt.

Auf die Elektrizität also — wir wollen diese Bezeichnung weiterhin anwenden — können wir mit gutem Grund die verschiedenen physikalischen Erscheinungen des Lichts, der Wärme und des Magnetismus zurückführen; aber wir gehen noch weit weniger fehl, wenn wir von diesem völlig unkör­perlichen Prinzip die wichtigeren Erscheinungen der Lebens­kraft, des Bewußtseins und desDenkens ableiten. Über diesen

Gegenstand will ich mich indessen an dieser Stelle nicht wei­ter verbreiten; ich weise nur auf das hin, was sich aufdrängt, mag man diese Erscheinungen im allgemeinen oder im spezi­ellen betrachten: daß sie sich nämlichmindestens proportional dem Heterogenen zu verhalten scheinen.

Nehmen wir nun von den beiden zweideutigen Ausdrücken »Gravitation« und »Elektrizität« Abschied und bedienen wir uns der entschiedeneren Bezeichnungen »Attraktion« und »Repulsion«. Erstere ist der Körper; letztere ist die Seele: die eine ist das materielle, die andere das geistige Prinzip des Weltalls.Es gibt keine andern Prinzipien. Alle Erscheinungen sind auf das eine oder das andre oder auf eine Kombination beider zurückzuführen. So ausnahmslos ist das der Fall, so völlig zu erweisen ist es, daßAttraktion undRepulsion die einzigen Eigenschaften sind, durch die wir das Weltall wahr­nehmen — anders ausgedrückt: durch die die Materie sich unsrer Erkenntnis offenbart —, daß wir für alle Zwecke der bloßen Beweisführung völlig zu der Annahme berechtigt sind, die Materieexistiere nur als Attraktion und Repulsion, daß Attraktion und Repulsion die Materiesind, da wir uns keinen Fall denken können, in dem wir nicht das Wort »Materie« und die Wörter »Attraktion« und »Repulsion« zusammen­genom­men als gleichbedeutende Bezeichnungen in der Logik anwenden und also auch miteinander vertauschen dürften.

Ich sagte vorhin: was ich als die Tendenz der zerstreuten Atome, zu ihrer ursprünglichen Einheit zurückzukehren, be­schrieben habe, müsse als identisch mit Newtons Prinzip des Gravitationsgesetzes aufgefaßt werden; und in der Tat kann eine solche Auffassung nur geringe Schwierigkeit ma­chen, wenn wir Newtons Gravitation nur ganz im allgemei­nen, als die Kraft, die die Materie dazu treibt, Materie anzuziehen, betrachten: das heißt, wenn wir den bekannten modus operandi der Newtonschen Kraft nicht beachten. Die Übereinstimmung im allgemeinen befriedigt uns; aber wenn wir näher zusehen, dann bemerken wir im speziellen vieles, was nicht zu stimmen scheint, und vieles, bei dem wenigstens keine Übereinstimmung konstatiert werden kann. Zum Bei­spiel scheint die Newtonsche Gravitation, wenn wir an be­stimmte Formen denken, ganz und gar nicht eine Tendenz zurEinheit zu sein, sondern eher eine Tendenz aller Körper nach allen Richtungen — und dieser Satz scheint doch eine Tendenz zur Zerstreuung auszudrücken. Hier also fehlt die Übereinstimmung. Wenn wir ferner an das mathematische Gesetz denken, das die Newtonsche Tendenz beherrscht, so sehen wir klar, daß keine Übereinstimmung in bezug auf den modus operandi wenigstens zwischen der Gravitation, wie sie bekannt ist, und der scheinbar einfachen und unmittelbaren Tendenz, die ich angenommen habe, ausgemacht ist.

Hier habe ich nun in der Tat den Punkt erreicht, wo es ratsam scheint, meine Position dadurch zu stärken, daß ich meine Darstellungsmethode umkehre. Bisher sind wira priori vorgegangen, von dem abstrakten Begriff derEinfachheit aus, der sehr geeignet war, den ursprünglichen Akt Gottes zu charakterisieren. Sehen wir jetzt zu, ob die festgestellten Tat­sachen der Newtonschen Gravitation uns nichta posteriori mit einigen Induktionen fördern können.

Was erklärt das Gesetz Newtons? Daß alle Körper sich ge­genseitig anziehen, und zwar mit Kräften, die dem Quadrat ihrer Entfernungen proportional sind. Absichtlich habe ich an erster Stelle die gewöhnliche Fassung des Gesetzes ge­geben, und ich gestehe: in dieser, wie in vielen andern üb­lichen Fassungen großer Wahrheiten, finden wir wenig, was uns erleuchten könnte. Wählen wir daher jetzt eine philosophi­schere Terminologie:Jedes Atom eines jeden Körpers zieht jedes andere Atom, sowohl seines eigenen wie jedes andern Körpers, mit einer Kraft an, die sich umgekehrt verhält wie die Quadrate der Entfernungen zwischen dem anziehenden und dem angezo­genen Atom. Hier taucht vor dem geistigen Auge eine Flut von Ideen auf.

Aber sehen wir genau zu, was Newton eigentlichbewiesen hat — entsprechend den höchst irrationalen Definitionen des Begriffs »Beweis«, wie sie die metaphysischen Schulen uns vorschreiben. Er mußte sich damit begnügen zu zeigen, wie völlig identisch die Bewegungen eines lediglich begrifflich vorhandenen Weltalls, das aus anziehenden und angezogenen Atomen besteht, die seinem Gesetz gehorchen, mit den Be­wegungen des tatsächlich vorhandenen Weltalls sind, soweit es unserer Beobachtung zugänglich ist. Dies war der Inhalt seinerDemonstration, das heißt, dies war ihr Inhalt nach der Versicherung des konventionellen Jargons der Philosophen. Seine Nachfolger häuften Beweise auf Beweise — Beweise in dem Sinne, wie ein unbefangener Verstand das Wort ver­steht —, aber dieDemonstration des Gesetzes selbst, so ver­sichern die Metaphysiker, sei nicht im geringsten verbessert worden. Indessen wurde endlich, sehr zur Genugtuung einiger intellektueller Erdarbeiter, dersichtbare, experimentelle Beweis für die Attraktion auf dieser Erde in Übereinstimmung mit der Theorie Newtons geführt. Dieser Beweis fand sich neben­bei und zufällig ein (wie fast alle wichtigen Wahrheiten), als man sich bemühte, die Durchschnittsfestigkeit der Erde fest­zustellen. Bei den berühmten Experimenten, die Maskelyne, Cavendish und Bailly zu diesem Zweck anstellten, wurde die Anziehung der Masse eines Berges gesehen, gefühlt, gemessen, und es stellte sich heraus, daß sie mathematisch genau mit der unsterblichen Theorie des englischen Astronomen über­einstimmte.

Aber trotz dieser Bestätigung dessen, was keiner Bestätigung bedurfte, trotz der sogenannten Unterstützung der »Theorie« durch den sogenannten »sichtbaren und experimentellen Beweis«, trotz der Art dieser Bestätigung — trotz alledem ist es zu sehen, daß die Vorstellungen, die sich selbst wirklich phi­losophisch begabte Männer hinsichtlich der Gravitation ein­flößen lassen — und insbesondere die Vorstellungen, die der gemeine Mann hegt und hartnäckig festhält —, fast immer auf einen besonderen Fall des Prinzips zurückgehen,der lediglich auf dem Planeten gilt, auf dem sie stehen.

Wohin muß nun eine so beschränkte Auffassung führen? Zu welcher Art Irrtum verleitet sie? Auf der Erde sehen und füh­len wir lediglich, daß die Gravitation alle Körper gegen den Mittelpunkt der Erde zieht. Kein Mensch ist auf den gewöhn­lichen Wegen des Lebens dazu zu bringen, irgend etwas ande­res zu sehen oder zu fühlen — zu der Wahrnehmung zu brin­gen, daß irgend etwas irgendwo eine Gravitationstendenz nach irgendeiner andern Richtung hat als nach dem Mittelpunkt der Erde; und doch ist es (mit einer Ausnahme, die später angeführt wird) Tatsache, daß jedes irdische Ding (um jetzt nicht von jedem himmlischen Ding zu reden) eine Tendenz hat nicht nur nach dem Mittelpunkt der Erde, sondern auch noch in jeder denkbaren andern Richtung.

Nun kann man freilich nicht behaupten, die Philosophen irrten ebenso in dieser Sache wie der gemeine Mann, aber trotzdem gestatten sie dieser verbreiteten Auffassung, einen gefühlsmäßigen Einfluß auf sie auszuüben, ohne daß sie es wissen. »Die Sagen des Altertums werden zwar nicht mehr geglaubt,« sagt Bryant in seiner sehr gelehrten »Mythologie«, »aber wir vergessen uns fortwährend und ziehen Schlüsse aus ihnen, als ob es tatsächlich vorhandene Wirklichkeiten wären.« Was ich behaupten will, ist: die bloßeSinneswahrnehmung der Gravitation, wie wir sie auf der Erde kennenlernen, verführt uns Menschen zu der trügerischen Vorstellung, sie bestehe in demStreben nach dem Mittelpunkt und gehöre also der Erde an, und diese Sinneswahrnehmung hat selbst die mächtigsten Geister auf die Abwege des Irrtums gelenkt und sie bestän­dig, wenn auch unmerklich, von den wirklichen Merkmalen des Prinzips entfernt und sie so bis zum heutigen Tage daran gehindert, die bedeutungsvolle Wahrheit auch nur zu ahnen, die gerade in der umgekehrten Richtung liegt — hinter den wesentlichen Merkmalen des Prinzips, die nicht nach dem Mittelpunkt und der Erde weisen, sondern nach dem Weltall und der Zerstreuung. Diese »bedeutungsvolle Wahrheit« ist die Einheit als Quelle des Phänomens.

Ich wiederhole noch einmal die Definition der Gravitation: Jedes Atom eines jeden Körpers zieht jedes andere Atom, sowohl seines eigenen wie jedes andern Körpers an, mit einer Kraft, die sich umgekehrt verhält wie die Quadrate der Entfernungen zwischen dem anziehenden und dem angezogenen Atom.

Hier bitte ich nun den Leser, mit mir einen Augenblick in­nezuhalten und die wunderbare, die unsägliche, die völlig unfaßbare Kompliziertheit der Beziehungen zu betrachten, die in der Tatsache liegt, daßjedes Atom jedes andere Atom anzieht — lediglich in dieser Tatsache der Anziehung, ohne Rücksicht auf das Gesetz oder die Art und Weise, worin die Anziehung sich äußert, lediglich in der Tatsache, daß jedes Atom jedes andere Atom in jedem Falle anzieht, und das bei einer so riesigen Zahl von Atomen, daß diejenigen, die zur Zusammensetzung einer Kanonenkugel gehören, wahrschein­lich schon der Zahl nach die Menge der Sterne, die das Welt­all bilden, übertreffen.

Hätten wir einfach entdeckt, daß jedes Atom einem be­stimmten Lieblingspunkte zustrebe — einem besonders anzie­henden Atom —, so wäre uns damit schon eine Entdeckung aufgestoßen, die an und für sich genügt hätte, den Geist zu überwältigen. Aber wie ganz anders ist doch das, was uns in Wirklichkeit zu fassen zugemutet wird! Jedes Atom soll jedes andere Atom anziehen, soll sich zu seinen feinsten Bewe­gungen hingezogen fühlen, und zwar zu jedem einzelnen, zu allen zusammen zur selben Zeit, für immer und nach einem bestimmten Gesetz, dessen Kompliziertheit, selbst wenn wir es für sich allein betrachten könnten, bei weitem über die Fassungkraft des Menschen hinausgeht. Wenn ich darangehe, den Einfluß des Stäubchens in einem Sonnenstrahl auf das Nachbarstäubchen festzustellen, kann ich meine Aufgabe erst dann als erfüllt betrachten, wenn ich vorher sämtliche Atome des Weltalls zähle und wiege und die genaue Lage eines jeden in einem bestimmten Augenblick feststelle. Wenn ich es wage, das mikroskopisch kleine Staubteilchen, das jetzt auf meiner Fingerspitze liegt, auch nur um den billionsten Teil eines Zolls von seiner Stelle zu rücken, was bedeutet die Tat, die ich hier gewagt habe! Ich habe ein Werk vollbracht, das den Mond aus seinen Bahnen schleudert, das es zuwege bringt, daß die Sonne nicht länger mehr die Sonne ist, und das für ewige Zeiten das Geschick der zahllosen Myriaden von Sternen än­dert, die flammend um den Thron ihres Schöpfers ziehen.

Solche Ideen, solche Vorstellungen, solche unausdenkbaren Gedanken, die eher Seelenträume als Schlüsse oder auch nur Erwägungen des Verstandes sind — solche Ideen, ich wiederhole es, sind es einzig, mit deren Hilfe wir etwa hoffen können, das große Prinzip zu fassen: das Prinzip derAttraktion.

Nun aber, ergriffen von diesen Ideen, ergriffen von dieser Vision der wunderbaren Kompliziertheit der Attraktion, soll irgend jemand, der über solche Dinge nachzudenken in der Lage ist, sich an die Aufgabe machen, ein Prinzip für die­se von uns beobachteten Phänomene zu ersinnen oder den Zustand zu bezeichnen, aus dem sie entsprungen sind.

Weist nicht diese offenbare Verbrüderung der Atome auf eine gemeinsame Abstammung hin? Legt nicht diese Sym­pathie, die so allbeherrschend, so unauslöschlich, so durchaus unabhängig ist, die Vermutung nahe, daß sie alle Kinder ei­nes Vaters sind? Und erinnert sich unsere Vernunft nicht gern bei einem Extrem an das entgegengesetzte? Bringt uns nicht die Unendlichkeit der Teilung auf den äußersten Inbegriff des unteilbaren Individuums? Deutet nicht die vollendetste Kompliziertheit auf das vollkommen Einfache? Nicht, daß die Atome, wie wir sie sehen, geteilt sind oder daß ihre ge­genseitigen Beziehungen kompliziert sind — sondern daß sie unausdenkbar geteilt und unsäglich kompliziert sind: darauf, auf diese völlige Extravaganz der Umstände kommt es mir hier an, nicht auf die Umstände an sich. Mit einem Wort: sind nicht die Atome darum, weil sie in alter Zeit einmal noch mehr alsvereinigt, weil sie ursprünglich und also in ih­rer normalen Verfassungeins waren — sind sie nicht gerade darum jetzt unter allen Umständen, in allen Punkten, in al­len Richtungen, mittelst aller Arten der Annäherung, in al­len Beziehungen und ohne jede Rücksicht im Kampf um die Heimkehr begriffen,zurück zu dieser absoluten, unrelativen und bedingungslosenEinheit?

Hier könnte jemand den Einwand erheben: »Wenn es so ist, daß die Atome zur Einheit zurückbegehren — warum sind wir dann nicht in der Lage, die Attraktion als eine ›ganz all­gemeine Tendenz gegen einen Mittelpunkt‹ definieren zu kön­nen? Warum insbesondere kehrenIhre Atome — die Atome, die nach Ihrer Beschreibung von einem Mittelpunkt ausge­strahlt sind — nicht geradenwegs zu dem Zentralpunkt ihres Ursprungs zurück?«

Darauf antworte ich, daß sie das tun, wie ich genau zei­gen werde; aber die Ursache, daß sie es tun, hat gar keine Beziehung zu dem Mittelpunktals solchem. Sie streben alle geradlinig einem Mittelpunkt zu, weil sie kugelförmig in den Raum ausgestrahlt waren. Jedes Atom, das eine im allge­meinen gleichförmige Kugel von Atomen bilden hilft, findet natürlich in der Richtung nach dem Mittelpunkt mehr Atome als in jeder andern und wird daher nach dieser Richtung hin getrieben — aber es wird nicht deshalb dahin getrieben, weil der Mittelpunkt der Punkt seines Ursprungs wäre. Die Atome sind nicht von einem bestimmtenPunkt abhängig. Ich nehme nicht an, daß es die Räumlichkeit sei, weder im Konkreten noch im Abstrakten, woran sie gebunden sind. NichtsRäumliches habe ich als ihren Ursprung erklärt. Ihr Ursprung liegt im Prinzip der Einheit. Das ist ihr verlorener

Vater. Diese Einheit suchen sie unablässig, unmittelbar, in al­len Richtungen, überall, wo sie auch nur teilweise zu finden ist; so besänftigen sie einigermaßen das unausrottbare Verlan­gen, solange sie noch auf dem Wege zur völligen Befriedigung begriffen sind, die sie am Ende finden. Aus alledem folgt, daß jedes Prinzip, das imstande ist, uns den Grund für dasGesetz oder denmodus operandi der Anziehungskraft im allgemeinen anzugeben, auch imstande sein wird, dieses Gesetz im beson­deren zu erklären; das heißt, jedes Prinzip, das zeigt, warum die Atome demgemeinsamen Zentrum ihrer Ausstrahlung mit einer Kraft zustreben, die dem Quadrat der Entfernungen proportional ist, wird auch gleichzeitig imstande sein, die demselben Gesetz entsprechende gegenseitige Anziehung der Atome untereinander zu erklären; denn das Streben nach dem Zentrum ist nichts anderes als das Streben eines jeden Atoms zu jedem und keineswegs ein Streben nach einem Zentrum als solchem. — So sieht man nun auch, daß die Anerkennung meiner Aufstellungen keineswegs die Notwendigkeit in sich schließt, die Ausdrucksweise in Newtons Definition der Gravitation zu ändern; diese erklärt, daß jedes Atom jedes an­dere Atom so und so anzieht, und sie erklärt lediglich dies; aber es scheint (immer vorausgesetzt, daß meine Behauptungen sich schließlich als wahr herausstellen) klar, daß mancher naheliegende Irrtum in den künftigen Untersuchungen der Wissenschaft vermieden werden könnte, wenn eine etwas erweiterte Fassung akzeptiert würde — zum Beispiel: »Jedes Atom strebt zu jedem andern Atom, etc., mit einer Kraft etc.; das allgemeine Ergebnis ist ein Streben aller Atome mit derselben Kraft nach einem gemeinsamen Zentrum.«

Die Umkehrung unserer Darstellungsmethode hat uns also zu dem nämlichen Resultat geführt wie vorher: aber während dieIntuition bei der zuerst angewandten Methode der Aus­gangspunkt war, bildet sie bei der anderen den Schlußstein. Als ich mich zuerst auf den Weg machte, konnte ich nur sagen, daß ich mit unwiderstehlicher Intuitionfühlte, daß Einheit das Charakteristische an der ursprünglichen Aktion Gottes ausmache; am Ende des zweiten Weges aber kann ich nur erklären, daß ich mit unwiderstehlicher Intuition gewahre, daß Einheit der Ursprung der beobachteten Phänomene der Newtonschen Gravitation ist. So also, nach der Auffassung der Schulgelehrten,beweise ich nichts. Nun, ich will ja auch nur Vermutungen äußern — und durch Vermutungenüber­zeugen. Voll Stolz stelle ich fest, daß es viele sehr tiefe und vorsichtig prüfende Köpfe gibt, die nicht anderskönnen als ausnehmend zufrieden sein mit meinen Vermutungen. Für diese Köpfe — wie für meinen eigenen — gibt es keine mathe­matische Demonstration, die auch nur den geringstenWahr­heitsbeweis der großenWahrheit hinzufügen könnte, die ich aufgestellt habe —der Wahrheit der ursprünglichen Einheit als Quelle und als Prinzip der Phänomene des Weltalls. Ich für mein Teil bin nicht so gewiß, daß ich spreche und sehe, daß mein Herz schlägt und meine Seele lebt, daß morgen die Sonne aufgeht — eine Wahrscheinlichkeit, die jetzt noch in der Zukunft liegt; ich kann mich keineswegs rühmen, von all diesem so überzeugt zu sein wie von der unabänderlich festste­henden Tatsache, daß alle Dinge und alle Begriffe von Din­gen, mit all der unsagbar großen Menge ihrer Beziehungen und Bedingtheiten, auf einmal ins Dasein geschossen sind aus der urersten und unbedingtenEinheit.

In bezug auf die Newtonsche Gravitation sagt Dr. Nichol, der beredte Verfasser der »Architektur des Himmels«: »In Wahrheit haben wir kein Recht zu der Annahme, daß dies große Gesetz, so wie es uns jetzt enthüllt ist, die letzte oder einfachste und somit die universellste und allgemeinverständ­lichste Form einer großen Ordnung sei. Das Verhältnis, in dem seine Intensität sich je nach der Entfernung verringert, sieht nicht nach einem letztenPrinzip aus; dieses setzt immer die Einfachheit und Selbstevidenz der Axiome voraus, die die Grundlage der Geometrie bilden.«

Nun ist es allerdings ganz richtig, daß »letzte Prinzipien« im üblichen Sinne des Ausdrucks immer die Einfachheit geo­metrischer Axiome voraussetzen (so etwas wie »Selbstevidenz« gibt es nicht), aber diese Prinzipien sind selbstverständlich keine »letzten«; mit andern Worten: was wir gewohnt sind Prinzipien oder letzte Ursachen zu nennen, sind es genau ge­nommen nicht, da es nur eine letzte Ursache, nur einPrinzip geben kann: den Willen Gottes. Wir haben demnach kein Recht, auf Grund dessen, was wir in der Form von Regeln be­obachten, denen wir törichterweise den Namen »Prinzipien« zu geben beschlossen haben, irgend etwas in bezug auf die Merkmale eines wirklichen Prinzips anzunehmen. Die »letzten Prinzipien«, von deren geometrischer Einfachheit Dr. Nichol spricht, können diese geometrische Gestaltung haben und ha­ben sie in der Tat, da sie einen Bestandteil eines ausgedehnten geometrischen Systems bilden und so allerdings ein System der Einfachheit sind, deren wahrhaft letztes Prinzip aber,wie wir wissen, das Maximum des Komplexen — das heißt des Nichtintelligiblen — ist; denn ist das Wesen des göttlichen Geistes nicht Einfachheit?

Ich berief mich indessen nicht eigentlich darum auf die Bemerkung Dr. Nichols, um seine Philosophie in Frage zu stellen, sondern vielmehr, um bei der Gelegenheit auf die Tatsache aufmerksam zu machen, daß von keiner Seite ein Versuch gemacht worden ist — obwohl alle Welt zugegeben hat, daßirgendein Prinzip hinter dem Gravitationsgesetz stecken muß — zu bestimmen, worin dieses Prinzip eigentlichbesteht — abgesehen vielleicht von gelegentlichen phantastischen Versuchen, es mit dem Magnetismus oder Mesmerismus oder Swedenborgianismus oder Transzendentalismus oder sonst ei­nem entzückenden Ismus dieser Art in Verbindung zu bringen, die alle miteinander von ein und demselben Schlag Menschen unterstützt werden. Der große Geist Newtons, der das Gesetz selbst kühn erfaßte, entzog sich der Erklärung dieses Gesetzes durch ein Prinzip. Der Scharfsinn Laplaces, der beweglicher und mindestens umfassender, wenn nicht tiefer bohrend war, hatte nicht den Mut, das Problem anzugreifen. Aber vielleicht ist es nicht so sehr schwer, ein solches Zögern bei diesen zwei Astronomen zu verstehen. Sie waren, wie alle Mathematiker ersten Ranges,nur Mathematiker; wenigstens hatte ihr Geist eine betont mathematischphysikalische Ausrichtung. Was nicht eindeutig im Bereich der Physik oder Mathematik lag, war für sie etwas nicht Vorhandenes oder völlig schatten­haft. Dagegen dürfen wir uns wohl wundern, daß Leibniz, der in dieser Hinsicht eine bemerkenswerte Ausnahme von der Regel war und dessen Geistesart eine seltsame Mischung des Mathematischen mit dem Physikalisch-Metaphysischen war, den fraglichen Punkt nicht sofort aufspürte und klärte. Newton wie Laplace hätten sich beide, wenn sie das Prinzip gesucht und dabei gefunden hätten, daß es einphysikalisches nicht gebe, mit dem Schluß beruhigt, daß es überhaupt kei­nes gebe; aber fast unmöglich ist es, sich vorzustellen, daß Leibniz nach fruchtlosem Absuchen des Bereiches der Physik nicht sofort seinen Fuß kühn und voller Hoffnung auf das alt­vertraute Gebiet im Königreich der Metaphysik gesetzt hätte. In seinem Fall ist es klar, daß er es unternommen haben muß, den Schatz zu suchen — daß er ihn schließlich nicht gefunden hat, kommt vielleicht daher, daß die wunderbare Führerin, die Phantasie, bei ihm nicht reich oder ausgebildet genug war, um ihn auf den rechten Weg zu bringen.

Ich erwähnte vorhin einige tatsächlich vorhandene tastende Versuche, die Gravitation auf etliche sehr unbestimmte Ismen zurückzuführen. Diese Versuche jedoch, obwohl sie — mit Recht — kühn genannt wurden, gingen lediglich auf das All­gemeine, das bare Allgemeine am Gesetz Newtons aus. Nie ist man meines Wissens darangegangen, seinenmodus operandi zu erklären. Ich habe daher allen Grund zu der Befürchtung, daß man mich von vornherein, bevor ich noch recht meine Behauptungen denen vorlegen kann, die allein berufen sind, über sie zu entscheiden, für verrückt halten wird, wenn ich hier ausspreche, daß dermodus operandi des Gravitations­gesetzes eine ausnehmend einfache Sache und vollkommen zu erklären ist — dann nämlich, wenn wir uns ihm in geeignetem Aufstieg und in der rechten Richtung nähern, also wenn wir ihn vom richtigen Standpunkt aus betrachten.

Gleichviel, ob wir die Idee, daß absoluteEinheit die Quelle aller Dinge ist, aus der Betrachtung der Einfachheit gewin­nen, die der nächstliegende Wesenszug der ursprünglichen Aktion Gottes ist, oder ob wir zu ihr durch eine Obersicht über die Gesamtheit der Beziehungen der gravitierenden

Phänomene gelangen, oder ob wir zu diesem Ergebnis da­durch kommen, daß wir die beiden Methoden einander un­terstützen lassen — gleichviel, jedenfalls haben wir die Idee, wenn überhaupt, nur in unlösbarer Verbindung mit einer anderen, mit der Vorstellung von der besonderen Beschaffen­heit des Sternenweltalls, wie wir es jetzt gewahren — das heißt, einer unermeßlichenZerstreuung im Raum. Nun kann aber eine Verbindung zwischen diesen beiden Ideen — Einheit und Zerstreuung — nur dadurch hergestellt werden, daß wir eine dritte Idee haben, nämlich die derAusstrahlung. Wenn ab­solute Einheit als Zentrum aufgefaßt wird, dann ist das exi­stierende Sternenweltall das Ergebnis einerAusstrahlung aus diesem Zentrum.

Die Gesetze der Strahlung sind nun aberbekannt. Sie sind ein untrennbarer Bestandteil der Sphäre. Sie gehören zu der Klasse der unbestreitbaren geometrischen Besitztümer. Wir sagen von ihnen: »Sie sind wahr, sie sind evident.« Zu fragen, warum sie wahr sind, wäre dasselbe, wie wenn man fragte, warum die Axiome wahr seien, auf die ihr Beweis sich stützt. Genaugenommen istnichts beweisbar; aber wenn überhaupt etwas bewiesen ist, dann sind es diese Gesetze.

Aber was sagen diese Gesetze? Wie, auf welchen Bahnen erfolgt die Ausstrahlung aus einem Zentrum in den Raum?

Von einer Lichtquelle strahle Licht aus; wir nehmen an, das Licht werde von einer gegebenen Ebene aufgefangen, die ihre Lage so verändere, daß sie sich dem Lichtzentrum bald nähe­re, bald sich von ihm entferne; dann werden die Lichtmengen, die die Ebene empfängt, im selben Verhältnis kleiner werden, wie die Quadrate der Entfernungen zwischen der Ebene und dem leuchtenden Körper größer werden, und ebenso werden sie im selben Verhältnis größer werden, wie die Quadrate klei­ner werden.

Die Formel des Gesetzes kann so verallgemeinert wer­den: Die Zahl der Lichtteilchen oder, wenn dieser Ausdruck vorgezogen wird, die Zahl der Lichteindrücke, die von der bewegten Fläche empfangen werden, ist den Quadraten der Entfernungen der Ebene umgekehrt proportional. Wenn wir noch einmal verallgemeinern, so können wir sagen, daß die Zerstreuung, die Verteilung, mit einem Wort: die Ausstrah­lung den Quadraten der Entfernungen direkt proportional ist. Zum Beispiel: in der Entfernung B vom Lichtzentrum A

Heureka

aus sind eine bestimmte Zahl von Partikeln so zerstreut, daß sie die Fläche B einnehmen. In der doppelten Entfernung, also in C, sind sie um so viel mehr zerstreut, daß sie vier sol­che Flächen einnehmen; in der dreifachen Entfernung, also in D, sind sie so viel weiter auseinander, daß sie neun solche Flächen besetzen; und in der vierfachen Entfernung sind sie so zerstreut worden, daß sie sich über sechzehn solche Flächen verbreiten — und so immer weiter.

Wenn wir allgemein sagen, daß die Ausstrahlung im di­rekten Verhältnis der Quadrate der Entfernungen vor sich geht, so benutzen wir den Ausdruck Ausstrahlung, um den Grad der Zerstreuung auszudrücken, je nachdem wir uns von dem Zentrum entfernen. Wenn wir das Verhältnis umkeh­ren und das Wort »Konzentration« benutzen, um denGrad der Sammlung zu bezeichnen, je nachdem wir aus einer Außenstellung zum Zentrum zurückkehren, so können wir sagen, daß die Konzentration im umgekehrten Verhältnis der Quadrate der Entfernungen vor sich geht. Mit andern Wor­ten, wir sind zu dem Schluß gelangt, daß — wenn die Hypo­these zutrifft, wonach die Materie ursprünglich aus einem Zentrum ausstrahlte und jetzt auf der Rückkehr begriffen ist — die Konzentration bei der Rückkehrgenauso verläuft,wie der uns bekannte Verlauf der Gravitationskraft ist.

Jetzt hätten wir, wenn uns die Annahme erlaubt wäre, daß die Konzentration genau dieKraft des Strebens nach dem Zentrum repräsentiert, daß die eine der andern genau pro­portional ist und daß der Verlauf beider derselbe ist, alles ge­zeigt, was erforderlich ist. Die einzige Schwierigkeit, die also noch vorhanden ist, ist die, ein direktes Verhältnis zwischen der Konzentration und derKraft der Konzentration herzu­stellen; und das ist natürlich geschehen, wenn wir ein solches Verhältnis zwischen der »Ausstrahlung« und derKraft der Ausstrahlung herstellen.

Schon eine oberflächliche Übersicht über den Himmel zeigt uns sofort, daß die Sterne in ihrer Verteilung über die Raum­gegenden, in denen sie in ihrer Gesamtheit, grob gesagt in Form einer Kugel, angeordnet sind, eine gewisse Gleichförmig­keit, eine gewisse einheitliche Gestaltung, Gleichmäßigkeit oder Gleichheit der Abstände gemeinsam haben, wobei diese Art von sehr allgemeiner, keineswegs absoluter Gleichmäßig­keit sich sehr wohl vereinbaren läßt mit meiner Theorie, daß die ursprünglich zerstreuten Atome mit gewissen Ausnahmen in ungleichen Abständen im Raum verteilt sind, eine Art der Verteilung, die zu dem offenbaren Entstehen einer unendlichen Kompliziertheit des Bedingten aus dem Bedingungslosen ge­hört. Ich ging, wie man sich erinnern wird, von der Idee einer im allgemeinen gleichförmigen, aber teilweise ungleichförmi­gen Verteilung der Atome aus, und diese Idee, ich wiederhole es, wird durch einen Überblick über die Sterne, so wie sie da sind, bestärkt.

Aber selbst bei der Annahme einer bloß im allgemeinen geltenden Gleichmäßigkeit der Verteilung hinsichtlich der Atome taucht eine Schwierigkeit auf, die sich ohne Zweifel schon denen unter meinen Lesern aufgedrängt hat, die mei­ne Aufstellung im Gedächtnis behalten haben, wonach diese Gleichmäßigkeit der Verteilung von einerAusstrahlung aus einem Zentrum bewirkt sei. Der erste Blick auf die Vorstel­lung Ausstrahlung zwingt uns, die bisher niemals davon ge­trennte und scheinbar davon untrennbare Vorstellung der Zusammenballung um ein Zentrum damit zu verbinden, wo­bei die Zerstreuung der Atome um so größer wird, je weiter wir uns von dem Zentrum entfernen — mit einem Wort, es drängt sich uns die Idee auf, daß die ausgestrahlte Materie ungleichmäßig im Raum verteilt ist. Nun habe ich an anderer Stelleiii bemerkt, daß gerade bei solchen Schwierigkeiten wie die, die uns jetzt beschäftigt, bei solchen Unebenheiten un­seres Wegs, solchen Absonderlichkeiten, solchen Auswüchsen auf der glatten Bahn des Gewöhnlichen — daß da, wenn ir­gendwo, die Vernunft auf ihrer Suche nach der Wahrheit den rechten Weg findet. Gerade die Schwierigkeit, die eben dar­gelegte »Absonderlichkeit« bringt mich mit einem Schlag auf das Geheimnis — ein Geheimnis, das ich vielleicht nie ent­hüllt hätte, wenn nicht gerade diese Absonderlichkeit gewesen wäre und die Folgerungen, zu denen sie mir bloß um ihrer Absonderlichkeit willen verhilft.

Die Gedankengänge, um die es sich hier handelt, können etwas grob folgendermaßen skizziert werden: Ich sage zu mir selbst: »Einheit, wie ich sie erklärt habe, ist eine Wahr­heit — ich fühle sie; Zerstreuung ist eine Wahrheit — ich sehe sie; Ausstrahlung, durch die allein diese zwei Wahrheiten miteinander in Einklang gebracht werden können, ist eine erschlossene Wahrheit — ich muß sie annehmen;Gleichmäßig­keit der Zerstreuung, die zuersta priori deduziert und dann durch den Überblick über die Phänomene unterstützt wur­de, ist auch eine Wahrheit — ich erkenne sie an. So weit ist alles klar um mich; es sind keine Wolken zu sehen, hinter denen das Geheimnis, das große Geheimnis desmodus ope­randi der Gravitation, möglicherweise verborgen sein kann; aber dieses Geheimnis liegt ganz bestimmt hier irgendwo in der Nähe, und wäre nur eine Wolke in Sicht, es triebe mich dazu, hinter ihr das Geheimnis zu argwöhnen.« Und gerade, wie ich das sage, kommt wirklich eine Wolke in Sicht. Diese Wolke ist die scheinbare Unmöglichkeit, meine Wahrheit Ausstrahlung mit meiner WahrheitGleichmäßigkeit der Zer­streuung in Einklang zu bringen. Jetzt sage ich: »Hinter dieser scheinbaren Unmöglichkeit ist zu finden, was ich begehre.« Ich sage nicht»wirkliche Unmöglichkeit«; denn ein unzer­störbarer Glaube an meine Wahrheiten versichert nur, daß es alles in allem bloß eine Schwierigkeit ist; aber ich gehe weiter und sage mit unüberwindlichem Vertrauen, daß wir, wenn erst diese Schwierigkeit gelöst ist,zusammen mit dieser Lösung den Schlüssel zu dem Geheimnis finden werden, nach dem wir verlangen. Noch mehr: ichfühle, daß wirnur eine mög­liche Lösung der Schwierigkeit entdecken werden, und zwar deshalb, weil in dem Falle, daß es zwei gäbe, eine überflüs­sig — zwecklos, leer, ohne einen Schlüssel wäre, da zu keinem Geheimnis der Natur ein Nachschlüssel gebraucht werden kann.

Und nun, sehen wir zu: Die uns geläufigen Vorstellungen von Ausstrahlung, ja alle unsere bestimmten Vorstellungen von ihr entstammen lediglich dem Vorgang, wie wir ihn im Licht ex­emplifiziert sehen. Da handelt es sich um ein unaufhörliches Hervorbrechen von Strahlenströmen, deren Stärkezum min­desten haben wir kein Recht, es anders zu vermuten — keinerlei Schwankungen unterworfen ist. Nun müssen in jeder so be­schaffenen Strahlung, die unaufhörlich und deren Stärke un­veränderlich ist, die Raumteile, die dem Zentrum näher liegen, mehr von der ausgestrahlten Materie erfüllt sein als die weiter entfernten. Aber ich habe keine so beschaffene Ausstrahlung angenommen. Ich nahm keineunaufhörliche Strahlung an, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil diese Annahme er­stens die Notwendigkeit eingeschlossen hätte, eine Vorstellung zu haben, die — wie ich gezeigt habe — niemand haben kann und die überdies, wie ich nachher ausführlicher auseinander­setzen will, von jeder Erforschung des Firmaments widerlegt wird — ich meine die Vorstellung der absoluten Unendlichkeit des Sternenweltalls —, und weil diese Annahme es zweitens unmöglich gemacht hätte, eine Reaktion — das heißt: die Gravitation — als jetzt existierend zu verstehen, da ja natürlich, solange eine Aktion dauert, keine Reaktion eintreten kann.

Meine Annahme also — oder besser gesagt: mein unvermeid­licher Schluß aus richtigen Prämissen — lief auf eineendliche Ausstrahlung hinaus, auf eine, die schließlich aufhört.

Ich will nun beschreiben, auf welche Weise es einzig und allein vorstellbar ist, daß die Materie sich im Raum verbreitet und dabei zugleich die Bedingungen der Strahlung und die der im allgemeinen gleichmäßigen Verteilung erfüllt hat.

Zum Zweck einer bequemen Veranschaulichung wollen wir uns zunächst eine hohle Kugel aus Glas oder dergleichen vor­stellen, die den Raum versinnbildlichen soll, in dem die Ma­terie des Weltalls durch Strahlung aus dem absoluten, unrela­tiven, unbedingten Teilchen, das sich im Mittelpunkt der Kugel befinde, zerstreut werden soll.

Eine gewisse Entfaltung der zerstreuenden Macht (nach unserer Voraussetzung: des göttlichen Willens), mit andern Worten: eine gewisseKraft, die nach dem entsandten Quan­tum Materie, also nach der Zahl der Atome, bemessen wird, entsendet durch Ausstrahlung diese bestimmte Zahl Atome und schleudert sie nach allen Richtungen aus dem Zentrum hinaus, wobei sie sich immer mehr voneinander entfernen, je weiter sie gelangen, bis sie schließlich lose über die innere Oberfläche der Kugel verteilt sind.

Wenn die Atome diese Lage erreicht haben oder während sie auf dem Wege sind, sie zu erreichen, entsendet eine zwei­te, geringere Entladung derselben Kraft, beziehungsweise eine zweite, geringere Entladung derselben Art — auf dieselbe Weise, das heißt, durch Ausstrahlung wie zuvor — eine zwei­te Atomschicht, die sich daranmacht, sich auf die erste zu lagern, und zwar ist auch in diesem Falle wie im früheren natürlich die Zahl der Atome das Maß der Kraft, die sie ent­sandt hat. Anders ausgedrückt: die Kraft und die Zahl der Atome, die von ihr entsandt worden sind, sind einander, da die Kraft dem Zweck, dem sie dient, genau angepaßt ist, di­rekt proportional.

Wenn diese zweite Schicht die ihr bestimmte Lage erreicht — oder während sie sich ihr nähert —, macht sich eine dritte noch geringere Entfaltung der Kraft oder eine dritte geringere Kraft vom nämlichen Charakter — da die Zahl der entsandten Atome in allen Fällen das Maß der Kraft ist — auf den Weg, eine dritte Schicht auf die zweite zu lagern, und so weiter, bis diese konzentrischen Schichten, die allmählich immer schwä­cher geworden sind, schließlich bis zu dem Zentralpunkt rei­chen und die zerstreuende Materie zugleich mit der zerstreu­enden Kraft erschöpft ist.

So ist denn jetzt die Kugel vermittelst der Ausstrahlung mit Atomen gefüllt, die gleichmäßig verteilt sind. Den zwei not­wendigen Bedingungen — Ausstrahlung und gleichmäßige Ver­teilung — ist Genüge geschehen, und zwar durch den einzigen Vorgang, der uns die Vorstellung erlaubt, daß die Erfüllung der Bedingungen gleichzeitig möglich ist. Wenn ich nun vol­ler Begierde den gegenwärtigen Zustand der Atome, wie sie in der Raumkugel verteilt sind, prüfe, so erwarte ich aus diesem Grund zuversichtlich, das Geheimnis zu finden, nach dem ich suche — das überaus wichtige Prinzip desmodus operandi des Newtonschen Gesetzes. Untersuchen wir also den gegenwär­tigen Zustand der Atome.

Sie liegen in einem System konzentrischer Schichten. Sie sind gleichmäßig in der Kugel verteilt. Sie sind in diese Lage ausgestrahlt worden.

Wenn die Atome gleichmäßig verteilt sind, so werden um so mehr Atome auf einer von diesen konzentrischen Schichten oder Kugeloberflächen liegen, je größer die Oberfläche ist. Mit anderen Worten: die Zahl der Atome, die auf der Oberfläche einer solchen konzentrischen Kugel liegen, ist der Größe die­ser Oberfläche direkt proportional.

Aber in jedem System konzentrischer Kugeln sind die Oberflächen den Quadraten der Entfernungen vom Zentrum direkt proportional.iv

Daher ist die Zahl der Atome in jeder Schicht dem Qua­drat der Entfernung dieser Schicht vom Zentrum direkt pro­portional.

Aber die Zahl der Atome in jeder Schicht ist das Maß der Kraft, die diese Schicht entsandt hat, das heißt, sie ist der Kraft direkt proportional.

Also ist die Kraft, die eine bestimmte Schicht ausgestrahlt hat, dem Quadrat der Entfernung dieser Schicht vom Zen­trum direkt proportional, oder allgemein ausgedrückt:Die Kraft der Ausstrahlung ist den Quadraten der Entfernungen di­rekt proportional gewesen.

Nun ist aber die Reaktion, wenn wir irgend etwas davon wissen, die umgekehrte Aktion. Da wir erstens das allgemei­ne Prinzip der Gravitation als die Reaktion auf einen Akt be­trachtet haben, als den Ausdruck des Verlangens von Seiten der Materie, den Zustand derZerstreuung aufzugeben und in die Einheit, aus der sie entsprungen ist, zurückzukehren, und da es zweitens unsern Geist verlangte, denCharakter dieser Sehnsucht festzustellen, die Art und Weise, in der sie ihre Natur offenbarte — mit andern Worten: da unser Geist ein wahrscheinliches Gesetz oder denmodus operandi für die Rückkehr suchte, so mußte er doch wohl zu dem Schluß kom­men, daß dieses Gesetz der Rückkehr genau die Umkehrung des Ausgangsgesetzes sein werde. Daß dies sich so verhalte, das anzunehmen wird jedermann vollauf erlaubt sein müssen, so lange wenigstens, bis einer so etwas wie einen einleuchtenden Grund angibt, warum es sich nicht so verhalten soll — bis zu dem Moment also, wo ein Gesetz der Rückkehr aufgestellt wird, das der Geist als zutreffender betrachten kann.

Die Materie also, die mit einer Kraft in den Raum strahl­te, die sich im Verhältnis der Quadrate der Entfernungen veränderte, wird — das dürfen wira priori vermuten — in der Richtung nach dem Zentrum der Strahlung mit einer Kraft zurückkehren, die sichumgekehrt wie die Quadrate der Ent­fernungen verändert; und ich habe bereits gezeigt, daß jedes Prinzip, das erklärt, warum die Atome, einem bestimmten Gesetz gehorchend, dem gemeinsamen Zentrum zustreben, zugleich als genügende Erklärung dafür gelten muß, warum sie einander zustreben. Denn in der Tat ist die Tendenz zu dem gemeinsamen Zentrum nicht eine Tendenz zu einem Zentrum als solchem, sondern sie tritt darum ein, weil jedes Atom, das sich in der Richtung nach diesem Zentrum treiben läßt, damit den unmittelbarsten Weg zu seinem wahren und eigentlichen Zentrum verfolgt, der Einheit — der absoluten und endgültigen Vereinigung aller Dinge.

Die Auffassung, die aus dem hier Dargetanen spricht, bietet meinem eigenen Geist nicht das mindeste Hindernis — aber diese Tatsache verblendet mich nicht gegen die Möglichkeit, daß meine Darlegung für solche dunkel ist, die weniger ge­wöhnt sind, mit Abstraktionen umzugehen, und alles in allem ist es jedenfalls gut, die Sache noch von einem oder zwei an­dern Gesichtspunkten zu betrachten.

Das absolute, bedingungslose Teilchen, das ursprünglich durch den Willen Gottes geschaffen wurde, muß sich in einem Zustand des positivNormalen oder der Richtigkeit befunden haben, denn Unrichtigkeit schließt Bedingtheit ein. Richtig ist positiv; unrichtig ist negativ, ist bloß die Negation des Richtigen, wie kalt die Negation von warm oder Dunkelheit die Negation von Licht ist. Dazu, daß ein Ding unrichtig ist, gehört notwendig ein anderes Ding, hinsichtlich dessen es unrichtig ist — irgendeine Bedingung, der es nicht Genüge tut; irgendein Gesetz, das es verletzt; irgendein Seiendes, das es beeinträchtigt. Wenn ein solches Seiendes, Gesetz oder Be­dingung nicht da ist, bezüglich dessen das Ding unrichtig ist, und vor allem, wenn überhaupt keine Wesen, Gesetze oder Bedingungen vorhanden sind, dann kann das Ding nicht un­richtig sein, es muß also richtig sein. Jedes Abweichen vom Zustand des Normalen schließt die Tendenz in sich, zu ihm zurückzukehren. Ein Abgehen vom Normalen, vom Richti­gen, vom Gehörigen kann aufgefaßt werden als lediglich ge­schehen, um eine Schwierigkeit zu überwinden; und wenn die Kraft, die die Schwierigkeit überwindet, nicht ins Unendliche fortwirkt, so wird schließlich die unausrottbare Tendenz zur Rückkehr in der Lage sein, sich zu befriedigen und demnach zu handeln. Sowie die Kraft nachläßt, tritt die Tendenz in Aktion. Dies ist das Prinzip der Reaktion, aufgefaßt als das unvermeidliche Ergebnis einer endlichen Aktion. Mit einer Ausdrucksweise, deren scheinbare Affektiertheit man um ih­rer Ausdrucksfülle willen verzeihen möge, können wir sagen:

Reaktion ist die Rückkehr aus dem Zustand desWie es ist und nicht sein sollte in den Zustand desWie es ursprünglich war und also sein soll; und man erlaube, daß ich noch hinzufüge: Dieabsolute Stärke der Reaktion würde ohne Zweifel immer direkt proportional mit dem Wirklichen, der Wahrheit, der Unbedingtheit desUrsprünglichen gefunden werden, wenn es je möglich wäre, dies letztere zu messen; und folglich muß un­ter allen denkbaren Arten von Reaktion diejenige die größte sein, die von der Tendenz hervorgebracht wird, die wir hier erörtern — der Tendenz, zumabsolut Ursprünglichen, zumäu­ßerst Primitiven zurückzukehren. Die Gravitation alsomuß die stärkste aller Kräfte sein — diesen Gedanken haben wira priori gewonnen, und er wird überreichlich durch Induktion unter­stützt. Welchen Gebrauch ich von ihm mache, wird sich aus dem Folgenden ergeben.

Die Atome also, die aus dem normalen Zustand ihrer Ein­heit ausgeströmt sind, suchen zurückzukehren — wohin? Ge­wiß nicht zu einem bestimmtenPunkt; denn es ist klar, daß die Tendenz der Atome zum gemeinsamen Zentrum der Ku­gel nicht im mindesten sich hätte stören lassen, wenn das gan­ze materielle Weltall insgesamt in einen gewissen Abstand vom Punkt der Ausstrahlung projiziert worden wäre; die Atome hätten dann nicht den Punkt, von dem sie ursprüng­lich ausgegangen wären, imabsoluten Raum gesucht. Nur der Zustand ist es, nicht aber der Ort oder die Räumlichkeit, wo dieser Zustand erstmals entsprang, was diese Atome wieder herzustellen suchen; lediglich nach demZustand, der für sie normal ist, verlangt es sie. »Aber sie suchen ein Zentrum,« wird man sagen, »und ein Zentrum ist ein Punkt.« Richtig; aber sie suchen diesen Punkt nicht in seiner Eigenschaft als

Punkt (denn gesetzt den Fall, die ganze Kugel würde aus ih­rer Lage gerückt, so würden sie immer noch das Zentrum suchen; und das Zentrum wäre dann ein anderer Punkt), son­dern darum, weil es sich auf Grund der Form, in der sie sich zusammengefunden haben (der Form einer Kugel), so trifft, daß sie einzig und allein durch den fraglichen Punkt — den Mittelpunkt der Kugel — ihr eigentliches Ziel, die Einheit, erreichen können. In der Richtung des Zentrums bemerkt jedes Atom mehr Atome als in jeder andern. Jedes Atom wird gegen das Zentrum getrieben, weil in der geraden Linie, die es und das Zentrum verbindet und zur jenseitigen Ku­geloberfläche führt, eine größere Zahl Atome liegen, als in jeder andern geraden Linie — eine größere Zahl Gegenstände, die auf der Suche nach dem einzelnen Atom sind, eine größe­re Zahl Tendenzen, die zur Einheit streben, eine größere Zahl Befriedigungen seiner eigenen Tendenz zur Einheit — mit einem Wort, weil in der Richtung des Zentrums die größte Möglichkeit liegt, immerfort die eigene individuelle Begierde zu befriedigen. Um es kurz zu fassen: der Zustand der Einheit ist alles, was wirklich gesucht wird; und wenn esscheint, als ob die Atome den Mittelpunkt der Kugel suchten, so ist dies nur zufällig, durch ein Zusammentreffen — weil es sich so trifft, daß dieses Zentrum das einzig wesentliche Zentrum, die Einheit, einschließt oder umschließt oder in sich begreift. Aber auf Grund dieses Zusammenfallen oder Inbegriffenseins gibt es keine Möglichkeit, die Tendenz zur Einheit von der Tendenz zum konkreten Mittelpunkt in der Wirklichkeit zu trennen. Daher ist die Tendenz der Atome nach dem gemein­samen Mittelpunkt für alle praktischen Erfordernisse und alle logischen Zwecke die Tendenz eines jeden Atoms zu einem jeden, und die Tendenz von jedem zu jedem ist die Tendenz zum Mittelpunkt; und die eine Tendenz kann für die andere genommen werden. Alles, was für die eine gilt, muß auch für die andere durchaus zutreffen, und folglich kann kein Prinzip, das die eine befriedigend erklärt, als Erklärung für die andere in Frage gestellt sein.

Wenn ich sorgsame Umschau halte nach einem vernünfti­gen Einwand gegen das, was ich vorgebracht habe, kann ich keinen einzigen entdecken; von der Art Einwände freilich, die gewöhnlich von denen vorgebracht werden, die berufsmäßige Zweifler sind, gewahre ich sofort drei und will darangehen, mit ihnen der Reihe nach aufzuräumen.

Man kann mir erstens entgegenhalten: »Der Beweis, wonach die Stärke der Ausstrahlung (in dem oben erörterten Fall) den Quadraten der Entfernungen direkt proportional sei, beruht auf einer unberechtigten Annahme — daß nämlich die Zahl der Atome in jeder Schicht das Maß der Stärke sei, mit der sie entsandt wurden.«

Ich erwidere: Ich bin nicht nur zu dieser Annahme berech­tigt, sondern es wäre auch jede andere äußerst unberechtigt. Was ich annehme, ist einfach, daß eine Wirkung das Maß ihrer Ursache ist, daß jede Entfaltung des göttlichen Willens dem proportional ist, was diese Entfaltung hervorruft, daß die Mittel der Allmacht oder der Allwissenheit ihren Zwecken ge­nau entsprechen. Ein Mangel oder ein Überschuß an Ursache kann keinerlei Wirkung zustande bringen. Wäre die Kraft, die eine bestimmte Schicht in ihre Lage ausstrahlte, mehr oder weniger stark gewesen, als für den Zweck notwendig war, das heißt: dem Zweck nicht direkt proportional, dann konn­te diese Schicht nicht in diese Lage gestrahlt sein. Wäre die

Kraft, die die Zahl Atome, die geeignet war, Gleichmäßigkeit der Verteilung herzustellen, in jede Schicht entsandte, der Zahl nicht direkt proportional gewesen, dann wäre die Zahl nicht eine solche gewesen, wie die gleichmäßige Verteilung sie erforderte.

Der zweite Einwand, der erhoben werden kann, verdient schon eher eine Antwort.

Es ist ein allgemein anerkanntes Prinzip der Dynamik, daß jeder Körper, der einen Stoß oder einen Anlaß zur Bewegung empfängt, sich geradlinig immer vorwärts bewegt, in der Richtung, die die treibende Kraft ihm mitgeteilt hat, bis er von einer andern Kraft abgelenkt oder zum Stehen gebracht wird. Wie ist es demnach zu verstehen, so kann gefragt wer­den, daß meine erste oder äußere Atomschicht mit ihrer Be­wegung an der Oberfläche der Glaskugel, die wir angenom­men haben, aufhört, wenn keine zweite Kraft — eine, die nicht gleichfalls bloß »angenommen« ist — auftritt, um für diese Unterbrechung aufzukommen?

Ich erwidere: Dieser Einwand entspringt diesmal tatsäch­lich einer »unberechtigten Annahme« von Seiten dessen, der den Einwand erhebt — nämlich der Annahme eines dynami­schen Prinzips, zu einer Zeit, wo es überhaupt noch keine »Prinzipien« gibt. Ich verwende das Wort »Prinzip« natürlich im Sinne dessen, der den Einwand erhoben hat.

»Im Anfang« etwas anderes anzunehmen, ja sogar zu fas­sen, als lediglich die eine erste Ursache, das wahrhaft eigent­liche Prinzip, den Willen Gottes, ist nicht möglich. Der ursprünglicheAkt, die Ausstrahlung aus der Einheit, muß von alledem, was die Welt jetzt »Prinzip« nennt, unabhän­gig gewesen sein, weil alles, was wir so bezeichnen, nur eine

Folge der Reaktion auf diesen allerersten Akt ist. Ich nenne diesen Akt den »allerersten«, denn die Schöpfung des absolu­ten materiellen Teilchens ist eigentlich mehr alsEmpfängnis denn alsAkt in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes zu betrachten. So müssen wir den ursprünglichen Akt als den Ur­heber alles dessen betrachten, was wir jetzt »Prinzipien« nen­nen. Aber dieser ursprüngliche Akt selbst muß alsdauernde Willensausübung angesehen werden. Das ist so zu verstehen, daß der Gedanke Gottes die Zerstreuung ins Werk setzte, mit ihr fortfuhr, sie ordnete und sich schließlich von ihr zurück­zog, als sie vollständig war. Dann beginnt die Reaktion und durch sie das »Prinzip«, so wie wir das Wort anwenden. Es wäre indessen ratsam, die Anwendung dieses Wortes auf die beiden unmittelbaren Resultate, die aus dem Aufhören des göttlichen Willens entspringen, zu beschränken, nämlich die beiden TriebkräfteAttraktion undRepulsion. Jede andere Naturkraft ist mehr oder weniger unmittelbar auf diese bei­den zurückzuführen und sollte daher besser als Unterprinzip bezeichnet werden.

Es kann drittens eingewendet werden, diese besondere Art Verteilung, die ich den Atomen zugeschrieben habe, sei über­haupt nur eine »Hypothese« und weiter nichts.

Nun weiß ich freilich, daß das Wort »Hypothese« ein ge­wichtiger Schmiedehammer ist, der sofort von allen richtigen Diminutivdenkern beim ersten Auftauchen einer Behauptung, die nach einerTheorie aussieht, gepackt oder gar geschwun­gen wird. Aber mit dem Hammer der Hypothese kann ich diesmal nicht im geringsten getroffen werden, auch nicht von denen, die den ungefügen Hammer heben können — seien es kleine oder große Männer.

Ich behaupte erstens: Es isteinzig und allein in der beschrie­benen Art und Weise denkbar, daß die Materie dergestalt aus­strömte, daß sie gleichzeitig die Bedingungen der Strahlung und der im ganzen gleichmäßigen Verteilung erfüllte. Ich be­haupte zweitens: Diese Bedingungen haben sich mir in einer Reihe von Schlußfolgerungen, dieebenso streng logisch sind wie irgendeine Beweisführung des Euclid, als Notwendigkeiten auf­gedrängt; und ich behaupte drittens: Selbst wenn der Vorwurf der »Hypothese« so völlig begründet wäre, wie er in der Tat unbegründet und unhaltbar ist, wäre doch die Gewißheit und Unbestreitbarkeit meines Resultats nicht in der gering­sten Einzelheit erschüttert.

Zur Erklärung: Die Newtonsche Gravitation, ein Naturge­setz, ein Gesetz, dessen Anwendung niemand leugnet, der nicht fürs Irrenhaus reif ist, ein Gesetz, dessen Aufstellung uns befähigt, neun Zehntel aller Erscheinungen des Weltalls zu erklären — ein Gesetz also, das wir bloß deshalb, weil es uns befähigt, diese Erscheinungen zu erklären, ohne Rücksicht auf sonstige Erwägungen anzuerkennen völlig gewillt und genötigt sind, ein Gesetz aber trotzdem, bei dem weder das Prinzip noch dermodus operandi des Prinzips jemals analy­siert oder aufgezeigt worden ist, kurz, ein Gesetz, das in sei­nen Einzelheiten und im Ganzen der Erklärung überhaupt nicht zugänglich war — dieses Gesetz wird endlich als völlig erklärbar erkannt, vorausgesetzt, daß wir nur zugeben — was sollen wir zugeben? Eine Hypothese? Wie nun, wenn eine Hypothese, wenn eine bloße Hypothese, wenn eine Hypo­these, für deren Annahme wie in dem Fall einer so reinen Hypothese, wie es das Newtonsche Gesetz selbst ist — kein Schatten einesa priori-Grundes aufgebracht werden könnte — wenn also etwas, was so absolut nur Hypothese ist, wie hier angegeben wird, uns befähigte, Zusammenhänge, die so wun­derbar, so unsäglich verwickelt und scheinbar unvereinbar sind, wie es die Beziehungen in der Tat sind, von denen uns die Gravitation berichtet, befriedigend zu erklären — welches vernunftbegabte Wesen könnte sich albern darauf versteifen, selbst eine so absolute Hypothese dann noch länger eine Hy­pothese zu nennen, es sei denn, es bestehe nur in dem Sinne darauf, weil es ihm einfach nur um die ein für allemal zu­treffende Definition vonWorten geht?

Aber was ist vielmehr diesmal der wirkliche Sachverhalt? Was ist dieTatsache? Nicht nur, daß es sich um keine Hypo­these handelt, der wir etwa beipflichten sollen, damit das zur Genüge erklärte Prinzip zugelassen werde, vielmehr handelt es sich um eine logische Schlußfolgerung, der nicht beizu­pflichten wir aufgefordert sind, wenn wir ohne sie auskom­men können, die wir einfachleugnen sollen,wenn wir kön­nen — um eine Schlußfolgerung, die so streng logisch ist, daß jeder, der sie bestreiten wollte, damit den Versuch machte, etwas Unbestreitbares zu bezweifeln — eine Schlußfolgerung, der wir nicht entrinnen können, wir mögen uns drehen, wie wir wollen; um ein Resultat handelt es sich, das uns entweder am Ende einesinduktiven Aufstiegs entgegentritt, den wir bei den Erscheinungen ebendes Gesetzes, um das es sich handelt, begonnen haben, oder am Ende einesdeduktiven Abstiegs von der allereinfachsten aller denkbaren Aufstellungen aus — mit einem Wort:von der Annahme der Einfachheit selbst.

Und wenn man mich hier, bloß um der Rabulistik willen, mit dem Einwand bedrängte, wenn schon mein Ausgangspunkt, wie ich behaupte, die Annahme der absoluten Einfachheit sei, so sei eben Einfachheit, bloß an und für sich betrachtet, kein Axiom, und nur Deduktionen aus Axiomen seien unbestreit­bar, so antwortete ich folgendermaßen:

Jede Wissenschaft, außer der Logik, ist die Wissenschaft von gewissen konkreten Beziehungen. Arithmetik zum Bei­spiel ist die Wissenschaft von den Zahlenbeziehungen, Geo­metrie die von den Beziehungen der Formen, Mathematik im allgemeinen die Wissenschaft von den allgemeinen Quanti­tätsbeziehungen — von allem, was vermehrt oder vermindert werden kann. Die Logik dagegen ist die Wissenschaft von den Beziehungenin abstracto, von den bedingungslosen Beziehun­gen, von den Beziehungen an und für sich. Ein Axiom in je­der einzelnen Wissenschaft außer der Logik ist daher nur eine Behauptung, die gewisse konkrete Beziehungen aussagt, die zu einleuchtend sind, um bestritten werden zu können — wie wenn wir zum Beispiel sagen, daß das Ganze größer ist als der Teil; und so ist wiederum das Prinzip des logischen Axioms — anders ausgedrückt: eines Axiomsin abstracto — einfach die Selbstverständlichkeit der Beziehungen. Nun ist es klar, daß et­was, was einem Kopf einleuchtet, dem andern vielleicht nicht einleuchtet, ja sogar, was einem Kopf zu einer bestimmten Zeit einleuchtet, demselben Kopf zu einer andern Zeit viel­leicht keineswegs einleuchtet. Es ist weiter klar, daß etwas, was heute der Mehrheit der Menschen oder der Mehrheit der besten Köpfe einleuchtet, morgen derselben Mehrheit mehr oder weniger oder vielleicht ganz und gar nicht einleuchtet. Es ist demnach offenbar, daß dasaxiomatische Prinzip selbst der Veränderung ausgesetzt ist, daß also natürlich auch die Axiome wandelbar sind. Da sie schwankend sind, schwanken notwendigerweise auch die »Wahrheiten«, die aus ihnen her­vorgehen; oder anders ausgedrückt: sie können überhaupt nie als positive Wahrheiten aufgestellt werden, denn Wahrheit und Unveränderlichkeit sind eins.

Man wird jetzt bereitwillig zugeben, daß keine axiomatische Idee, keine Idee, die auf das fließende Prinzip der Selbstverständlichkeit der Beziehungen begründet ist, ein so sicheres, so zuverlässiges Fundament für einen Vernunftbau abgeben kann wiesolch eine Idee (worin sie auch bestehe, wo wir sie finden mögen, wenn sie überhaupt irgendwo zu finden ist), die ganz und gar beziehungslos ist, die dem Verstand mit keinerlei Selbstverständlichkeit der Beziehungen kommt, die man für mehr oder minder groß halten könnte, die vielmehr den Geist vor gar keine, nicht die leiseste, Notwendigkeit stellt, irgendwelche Beziehungen überhaupt in Betracht zu ziehen. Wenn eine solche Idee nicht das ist, was wir zu unüberlegt ein »Axiom« nennen, so ist sie mindestens als deduktive Grundlage jedem Axiom, das je aufgestellt wurde, oder allen denkbaren Axiomen zusammengenommen, vorzuziehen; und genauso, wie ich es hier beschrieben habe, verhält es sich mit der Idee, mit der mein deduktives Verfahren, das von der Induktion so wirkungsvoll unterstützt wird, beginnt. Meinursprüngliches Teilchen ist weiter nichts alsabsolute Beziehungslosigkeit. Um zusammenzufassen, was ich ausgeführt habe: Ich bin davon ausgegangen, es einfach für ausgemacht zu nehmen, daß der Anfang nichts hinter sich und nichts vor sich hatte — daß er in der Tat ein Anfang war — daß er ein Anfang war und nichts anderes — kurz: daß dieser Anfang war ...was er war. Wenn das eine »bloße Annahme« sein soll, dann soll es eben eine »bloße Annahme« sein.

Um diesen Teil des Themas abzuschließen: Ich bin vollauf berechtigt zu verkünden, daß das Gesetz, das wir gewohnt sind Gravitation zu nennen, darauf beruht, daß die Materie bei ihrem Ursprung in Atomgestalt in eine begrenzte Raumkugel gestrahlt ist, aus einem individuellen, unbedingten, beziehungslosen und absoluten Teilchen, auf die einzige Weise, in der es möglich war, zugleich die zwei Bedingungen: Ausstrahlung und allgemein gleichmäßige Verteilung im Raum, zu erfüllen — das heißt, mit einer Kraft, die sich direkt proportional zu den Quadraten der Entfernungen zwischen den ausgestrahlten Atomen einerseits und dem Zentrum der Ausstrahlung anderseits veränderte.

Ich habe bereits angeführt, aus welchen Gründen ich der Annahme, daß die Materie von einer endlichen Kraft zer­streut worden ist, vor der andern, daß es sich um eine unauf­hörliche oder ins Unendliche fortgesetzte Kraft handle, den Vorzug gebe. Wenn wir eine unaufhörliche Kraft annähmen, wäre es erstens ausgeschlossen, überhaupt eine Reaktion zu begreifen, und zweitens wäre es notwendig, die unmögliche Vorstellung einer unendlichen Ausdehnung der Materie zu hegen. Halten wir uns bei der Unmöglichkeit der Vorstellung nicht auf: die unendliche Ausdehnung der Materie ist eine Idee, die, wenn nicht tatsächlich widerlegt, so doch minde­stens in keiner Weise durch die Beobachtung der Gestirne mittels Fernrohrs verbürgt ist — worüber weiter unten mehr folgt —, und dieser empirische Grund, an die ursprüngli­che Endlichkeit der Materie zu glauben, wird durch nicht­empirische unterstützt. Zum Beispiel: Nehmen wir für den Augenblick an, es sei der Gedanke möglich, daß der Raumv von den ausgestrahlten Atomenerfüllt sei, das heißt, neh­men wir, so gut es geht, um unserer Beweisführung willen an, die Folge der ausgestrahlten Atome habe absolutkein Ende, dann ist es sonnenklar, daß — gesetzt selbst den Fall, der Wille Gottes habe sich von ihnen zurückgezogen und der Tendenz, zur Einheit zurückzukehren, sei es daher (abstrakt genommen) erlaubt gewesen, sich Genüge zu tun —, daß diese Erlaubnis schemenhaft und machtlos gewesen wäre — prak­tisch wertlos und ohne jede Wirkung. Keine Reaktion hätte eintreten können; keine Bewegung zur Einheit hin hätte ge­macht werden können; kein Gravitationsgesetz hätte zustande kommen können.

Zur Erklärung: Man räume ein, daß die abstrakte Tendenz irgendeines Atoms zu irgendeinem andern das unvermeidliche Resultat der Zerstreuung aus der normalen Einheit ist, man gebe zu, daß jedes gegebene Atombereit ist, sich nach jeder gegebenen Richtung zu bewegen — dann ist es klar, daß das Atom, das in Bereitschaft ist, sich in Bewegung zu setzen, wenn es von allen Seiten von einerUnendlichkeit von Atomen umgeben ist, sich niemals natürlich in Bewegung setzen kann, daß es niemals eine Tendenz nach einer gegebenen Richtung befriedigen kann, weil eine genau gleiche Tendenz, die die erste aufwiegt, es nach der diametral entgegengesetzten Rich­tung zieht. Mit anderen Worten: das Atom, das auf dem Sprunge ist, hat genauso viele Tendenzen zur Einheit hinter sich wie vor sich; denn es ist lediglich eine Albernheit zu sa­gen, eine unendliche Linie sei länger oder kürzer als eine an­dere unendliche Linie oder eine unendliche Zahl sei größer oder kleiner als eine andere unendliche Zahl. Daher muß das fragliche Atom für ewige Zeiten still stehen. Unter den un­möglichen Umständen, die wir nur um der Beweisführung willen bemüht waren uns vorzustellen, hätte es keine Zusam­menballung von Materie geben können, keine Gestirne, kei­ne Welten — nichts als ein ewig atomhaftes und ereignisloses Weltall. Man mag es in der Tat ansehen, wie man will, die ganze Idee einer unbegrenzten Materie ist nicht nur unhalt­bar, sondern auch unmöglich und widersinnig.

Wenn wir uns dagegen eineAtomkugel vorstellen, dann bemerken wir sofort eine Tendenz zur Vereinigung, die be­friedigt werden kann. Da das gemeinsame Ergebnis der Tendenz von jedem zu jedem die Tendenz aller zum Zentrum ist, so beginnt der allgemeine Prozeß der Verdichtung oder Annäherung sofort mit einer allgemeinen und gleichzeitigen Bewegung, sowie der göttliche Wille aufzuhören beginnt, wo­bei die individuellen Annäherungen oder erstrebten — nicht vollendeten — Vereinigungen der Atome untereinander den fast unendlichen Verschiedenheiten an Zeit, Grad und Bedin­gungen unterworfen sind, auf Grund der außerordentlichen Vielheit der Beziehungen, die sich aus den Unterschieden in der Form ergibt; man erinnert sich, daß wir diese Verschie­denheit der Form als charakteristisch für die Atome im Au­genblick ihres Ausgangs aus dem ursprünglichen Teilchen vor­ausgesetzt haben, ebenso wie die nachfolgende Ungleichheit der Abstände zwischen den einzelnen Atomen, die ebenfalls zu dieser Mannigfaltigkeit beiträgt.

Was ich dem Leser einzuprägen wünsche, ist die Gewißheit, daß in dem Augenblick, wo die zerstreuende Kraft, der gött­liche Wille, nachläßt, aus dem erörterten Zustand der Atome an unzähligen Punkten der Weltkugel unzählige Atomhaufen entstehen, die durch unzählige spezifische Verschiedenheiten an Form, Größe, Wesensart und Abstand voneinander sich auszeichnen. Die Entwicklung der Repulsion (Elektrizität) muß natürlich bei den allerersten einzelnen Versuchen, zur Einheit zu gelangen, eingesetzt haben, und muß im Verhältnis des Strebens nach Einswerden — das heißt: im Verhältnis der fortschreitenden Verdichtung oder, noch anders gesagt, der Heterogenität — fortgesetzt weitergediehen sein.

So geleiten die beiden Grundprinzipien — Attraktion und Repulsion, das Materielle und das Geistige — einander für im­mer in der engsten Gemeinschaft.So gehen Leib und Seele Hand in Hand.

Wenn wir nun in Gedanken irgendeinen der Atomhaufen herausgreifen, wie sie auf ihrer allerersten Stufe in der Wel­tenkugel verteilt sind, und wenn wir annehmen, er befinde sich an der Stelle, wo der Mittelpunkt unserer Sonne ist — oder besser, wo er ursprünglich gewesen ist; denn die Sonne wechselt fortwährend ihre Lage — , dann begegnen wir der prachtvollsten aller Theorien und finden uns eine Weile we­nigstens von ihr begleitet, und zwar der Nebular-Kosmogonie von Laplace, wiewohl »Kosmogonie« ein viel zu umfassender Ausdruck für das ist, was er tatsächlich untersucht, nämlich die Bildung allein unseres Sonnensystems, eines Systems unter Myriaden von entsprechenden Systemen, die das eigentliche Weltall ausmachen — die Weltenkugel, den allumfassenden, absolutenKosmos, der den Gegenstand meiner vorliegenden Abhandlung bildet.

Laplace beschränkte sich auf einenoffenbar begrenzten Raumteil, auf unser Sonnensystem mit seiner verhältnismä­ßig unmittelbaren Nachbarschaft, und setzte lediglich ein gut Teil dessen voraus — das heißt, er setzte es ohne irgendwelche deduktive oder induktive Unterlage voraus —, was ich eben bemüht war auf eine sichere Grundlage zu stellen; so zum Bei­spiel die Zerstreuung der Materie (ohne daranzugehen, diese Zerstreuung zu begründen) über den Raum, den unser System einnimmt, und etwas darüber hinaus — und zwar habe diese Zerstreuung stattgefunden in Form heterogener Nebel und unter der Herrschaft des allmächtigen Gravitationsgesetzes, dessen Prinzip er nicht zu erklären wagte; indem Laplace all das annahm (was völlig wahr ist, nur hatte er, logisch ge­nommen, kein Recht zu seiner Annahme), hat er dann dyna­misch und mathematisch gezeigt, daß die Resultate, die in diesem Fall notwendig folgten, die und nur die seien, deren Offenbarung wir in dem gegenwärtig vorhandenen Zustand unseres Sonnensystems finden.

Zur Erklärung: Stellen wir uns vor, der spezielle Atomhau­fen, von dem wir eben gesprochen haben — der sich an der Stelle befindet, die der Mittelpunkt unserer Sonne bezeich­net —, sei so weit vorgeschritten, daß eine große Menge nebel­förmiger Materie eine ungefähr kugelförmige Gestalt ange­nommen habe; ihr Mittelpunkt falle natürlich zusammen mit dem, was jetzt der Mittelpunkt unserer Sonne ist, oder besser: was es früher gewesen ist; und ihre Peripherie erstrecke sich bis über die Bahn des Neptun hinaus, des entferntesten von unseren Planeten — mit anderen Worten: der Durchmesser dieser ungefähren Kugel sei einige 6000 Millionen Meilen groß. In langen Zeiträumen hat sich diese Masse verdichtet, bis sie schließlich sich so zusammenballte, wie wir jetzt an­nehmen; ganz allmählich hat sie sich aus dem atomhaften und nicht wahrnehmbaren Zustand in das verwandelt, was wir nun eine sichtbare, greifbare oder sonst wahrnehmbare Nebelmasse nennen.

Nun bedingt der Zustand dieser Masse eine Rotation um eine angenommene Achse, und zwar muß diese Rotation mit dem allerersten Beginn der Aggregation eingesetzt und seit­dem immer an Schnelligkeit zugenommen haben. Gleich die ersten zwei Atome, die sich so trafen, daß sie einander von Punkten näherten, die einander nicht diametral entgegen­gesetzt waren, mußten dadurch, daß sie teilweise aneinan­der vorbeiflogen, einen Kern für die erwähnte rotierende Bewegung bilden. Wie diese nun an Schnelligkeit zunehmen mußte, ist leicht zu sehen. An die zwei Atome schließen sich andere an — eine Aggregation bildet sich. Die Masse fährt während ihrer Verdichtung fort, sich um sich selbst zu dre­hen. Aber jedes Atom, das sich an der Außenseite befindet, hat natürlich eine schnellere Bewegung als die, die näher am Zentrum sind. Das äußere Atom jedoch nähert sich mit seiner größeren Geschwindigkeit dem Zentrum und nimmt diese größere Geschwindigkeit während dessen mit sich. So fügt jedes Atom, das sich nach innen bewegt und sich schließlich an den festeren Mittelpunkt anschließt, der ursprünglichen Geschwindigkeit des Zentrums etwas hinzu — das heißt: es steigert die rotierende Bewegung der Masse.

Nehmen wir nun an, diese Masse sei so weit verdichtet, daß siegenau den Raum einnimmt, den die Neptunbahn begrenzt, und daß die Geschwindigkeit, mit der sich die Außenteile der Masse bewegen, genauso groß wie die ist, mit der Neptun sich jetzt um die Sonne dreht. Zu diesem Zeitpunkt, so müssen wir annehmen, hatte die fortwährend anwachsende Zentrifugalkraft das Übergewicht über die nicht wachsende

Zentripetalkraft bekommen und hatte am Äquator der Kugel, wo die Tangentialgeschwindigkeit am größten war, die äußere und am wenigsten verdichtete Schicht oder einige solche Schichten gelockert und abgetrennt, so daß diese Schichten um den Hauptkörper einen unabhängigen Ring bildeten, der die Teile am Äquator konzentrisch umschloß — genauso wie der äußere Rand eines Mühlsteins, der sich mit außerge­wöhnlicher Geschwindigkeit drehte, losgeschleudert würde und einen Ring um ihn bildete, wenn das Material dieser Außenteile nicht fest wäre; bestünde es aus Kautschuk oder einem Material von ähnlicher Beschaffenheit, so würde sich genau die Erscheinung zeigen, wie ich sie hier beschreibe.

Der Ring, der sich so von der Nebelmasse fortgerissen hatte, kreiste natürlich als selbständiger Ring mit genau derselben Geschwindigkeit, mit der er rotiert hatte, solange er noch die Oberfläche der Masse gewesen war. Da inzwischen die Verdichtung immer weiter f ortschritt, wurde der Zwischen­raum zwischen dem abgetrennten Ring und dem Hauptkör­per stetig größer, so daß der Zwischenraum zwischen ihnen schließlich sehr beträchtlich war.

Nähmen wir nun an, der Ring habe durch eine gewis­se, scheinbar zufällige Anordnung seiner heterogenen Bestandteile einen beinahe gleichförmigen Aufbau gehabt, dann hätte dieser Ring als solcher nie aufgehört, um seinen Ursprungskörper zu kreisen; aber — was man von vornherein vermuten konnte — es scheint genug Unregelmäßigkeit in der Verteilung der Materialien vorgelegen zu haben, um sie dazu zu bringen, sich um Zentralpunkte von besonderer Festigkeit zusammenzuballen; und so wurde die Ringform zerstört.vi Ohne Zweifel brach der Gürtel alsbald in mehrere Stücke aus­einander, und eins von diesen Stücken, das die größte Masse hatte, sog die andern in sich hinein; das Ganze konstituierte sich in Kugelgestalt, als Planet. Daß dieser als Planet die krei­sende Bewegung fortsetzte, die er in Ringform an sich gehabt hatte, ist klar genug; und daß er in seiner neuen Kugelgestalt dazu kam, noch eine andere Bewegungsart hinzuzufügen, ist leicht zu erklären. Wenn wir uns den Ring, bevor er ausein­anderbrach, noch einmal vorstellen, so sehen wir, daß seine Außenteile, während das Ganze um den Ursprungskörper kreist, sich schneller bewegen als das Innere. Daher mußte auch nach Eintritt des Bruchs ein bestimmter Teil eines jeden Bruchstücks sich mit größerer Geschwindigkeit bewegen als die übrigen Teile. Die überwiegend stärkere Bewegung hatte jedes Bruchstück rundum wirbeln müssen — das heißt: das Bruchstück war veranlaßt worden, sich um sich selbst zu dre­hen — , und die Richtung der Rotation hatte natürlich die nämliche sein müssen wie die kreisende Bewegung, aus der sie entstanden war. Da alle Bruchstücke zu dieser eben be­schriebenen Rotation gekommen waren, mußten sie diese, als sie sich miteinander vereinigten, auf den einen Planeten, der aus ihrer Vereinigung hervorging, übertragen. Dieser Planet war der Neptun. Da seine Bestandteile fortfuhren, sich zu verdichten, und da die Zentrifugalkraft, die bei sei­ner Drehung um sich selbst erzeugt wurde, schließlich über die Zentripetalkraft das Übergewicht erlangte, wie vorher im Fall der Ursprungskugel, riß sich wiederum ein Ring vom Äquator des Planeten los; dieser Ring, der in seinem Aufbau ungleichförmig war, brach auseinander, und seine verschiede­nen Bruchstücke wurden von dem größten aufgesogen und bildeten in ihrer Vereinigung eine neue Kugel — einen Mond.

Dieser Vorgang wiederholte sich dann noch einmal, und ein zweiter Mond war das Resultat. So erklärt sich das Entstehen des Planeten Neptun mit den beiden Satelliten, die ihn be­gleiten.

Die Sonne hatte dadurch, daß sie einen Ring von ihrem Äquator abgestoßen hatte, das Gleichgewicht zwischen zen­tripetalen und zentrifugalen Kräften, das während der fort­schreitenden Verdichtung gestört worden war, wiederherge­stellt; aber dieses Gleichgewicht wurde im weiteren Fortgang der Verdichtung sofort wieder durch das Anwachsen der ro­tierenden Bewegung gestört. Zu der Zeit, wo die Masse so weit zusammengegangen war, daß sie den Raum einer Kugel einnahm, die gerade von der Bahn des Uranus begrenzt wur­de, hatte — so müssen wir annehmen — die Zentrifugalkraft so weit die Oberhand gewonnen, daß eine neue Ablösung notwendig wurde; infolgedessen riß sich ein zweiter Äquator­gürtel los, der ungleichmäßig war und daher, wie vorher im Fall des Neptun, auseinanderbarst; die Bruchstücke konsti­tuierten sich als Planet Uranus; die Geschwindigkeit, mit der er sich jetzt um die Sonne dreht, zeigt natürlich an, mit wel­cher Geschwindigkeit im Moment der Trennung die Äquator­oberfläche der damaligen Sonne ihre rotierende Bewegung vollführte. Der Uranus begann sich um sich selbst zu drehen, entsprechend den gemeinsamen rotierenden Bewegungen der Bruchstücke, die ihn bilden halfen, und warf so, wie vorhin erklärt, Ring nach Ring ab, von denen jeder, nachdem er aus­einandergebrochen war, sich als Mond konstituierte. Andere Monde entstanden zu verschiedenen Zeiten auf diesem Wege durch den Bruch und die darauffolgende Verwandlung in Kugelgestalt von Seiten einer ebenso großen Zahl verschiede­ner ungleichförmiger Ringe.

Zu der Zeit, wo die Sonne so weit eingeschrumpft war, daß sie nunmehr einen Raum einnahm, den die Bahn des Saturn gerade begrenzte, war das Gleichgewicht — so müssen wir vermuten — zwischen ihren zentripetalen und zentrifugalen Kräften durch das Anwachsen der Rotationsgeschwindigkeit, wie es die zunehmende Verdichtung mit sich brachte, wieder­um so sehr gestört worden, daß ein dritter Ausgleichsversuch notwendig wurde; und daher wurde, wie zweimal vorher, ein Ringgürtel abgestoßen, der durch Bruch infolge von Un­gleichförmigkeit sich schließlich als Planet Saturn zusammen­setzte. Dieser stieß zunächst sieben ungleichförmige Gürtel von sich ab, die nach ihrem Zusammenbruch jeweils kugel­förmig wurden und ebenso viele Monde bildeten; nachher aber scheint er zu drei verschiedenen Malen ziemlich kurz nacheinander drei Ringe von sich abgelöst zu haben, die, an­scheinend durch Zufall, so außerordentlich gleichförmig in ihrem Aufbau waren, daß sich keine Gelegenheit bot, die sie dazu bringen konnte, in Stücke zu brechen: und daher kommt es, daß sie fortfahren, als Ringe zu kreisen. Ich bediene mich des Ausdrucks »anscheinend durch Zufall«, denn zufällig im gewöhnlichen Sinn des Wortes war natürlich nichts — der

Ausdruck bezeichnet nur ein unauffindbares oder jetzt nicht festzustellendesGesetz.

Als die Sonne nun noch weiter einschrumpfte, bis sie gera­de den Raum einnahm, den die Bahn Jupiters begrenzt, sah sie sich zu einer weiteren Anstrengung genötigt, um das Ver­hältnis ihrer zwei Kräfte, das durch das immer fortdauernde Anwachsen der rotierenden Bewegung unaufhörlich durchein­anderkam, wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Demgemäß wurde jetzt Jupiter abgestoßen; aus der Ringgestalt ging er in den Planetenzustand über, und nachdem er das erreicht hatte, warf er bei seiner Drehung um sich selbst zu vier verschiede­nen Malen vier Ringe ab, die sich schließlich in ebenso viele Monde verwandelten.

Die Sonne, die immer noch weiter einschrumpfte, bis ihre Kugel gerade den Raum einnahm, den die Bahn der Asteroiden bezeichnet, entsandte jetzt einen Ring, der anscheinend acht Zentralpunkte besonderer Festigkeit hatte und sich bei seinem Auseinanderbrechen in acht Stücke teilte, von denen keiner so viel mehr Masse hatte als die andern, um sie in sich aufzu­nehmen. Daher fuhren alle fort, als einzelne, wiewohl kleine Planeten in Bahnen zu kreisen, deren Abstände voneinander bis zu einem gewissem Grad als Maß der Kraft betrachtet werden können, die sie auseinandertrieb, wobei aber doch diese Bahnen so eng zusammengehören, daß wir das Recht haben, sie im Vergleich mit den anderen Planetenbahnen eine einzige zu nennen.

Als die Sonne, die fortfuhr einzuschrumpfen, so klein ge­worden war, daß sie gerade die Bahn des Mars ausfüllte, ent­sandte sie diesen Planeten — natürlich in derselben Weise, die ich wiederholt beschrieben habe. Da der Mars indessen kei­nen Mond hat, kann er keinen Ring abgeworfen haben. In der Tat war nun in der Laufbahn des Ursprungskörpers, des Zentrums des ganzen Systems, ein bedeutungsvoller Moment eingetreten. Die Abnahme ihres Nebelzustandes, die zusam­menfällt mit der Zunahme ihrer Dichtigkeit, die wiederum zusammenfällt mit der Abnahme ihres Verdichtungsprozesses, welch letzterer an der fortwährenden Störung des Gleichge­wichtszu­standes die Schuld trug — diese Veränderung muß zu dieser Zeit einen Grad erreicht haben, wo die Anstrengungen nach einem Ausgleich im selben Maße immer unwirksamer wurden, wie sie weniger häufig erforderlich waren. So wiesen die Vorgänge, von denen wir sprachen, allenthalben Zeichen der Erschöpfung auf — zuerst in den Planeten und dann in der ursprünglichen Masse. Wir dürfen nicht in den Irrtum ver­fallen, daß wir annehmen, die Abnahme des Zwischenraumes zwischen den Planeten, die man bemerkt, je mehr man sich der Sonne nähert, sei in irgendeiner Hinsicht ein Anzeichen dafür, daß die Perioden, zu denen sie entsandt wurden, häufi­ger geworden wären. Genau das Umgekehrte ist anzunehmen. Die längste Pause muß zwischen die Entstehung der beiden inneren Planeten fallen und die kürzeste zwischen die der bei­den äußern. Die Abnahme des Zwischenraumes ist dagegen das Maß der Dichtigkeit der Sonne und steht daher im um­gekehrten Verhältnis zu ihrem Verdichtungsprozeß während der erörterten Vorgänge.

Als jedoch die Sonne so weit eingeschrumpft war, daß sie nur noch die Bahn unserer Erde ausfüllte, stieß die Ursprungs­kugel noch einen anderen Körper von sich — die Erde —, der noch so weit nebelförmig war, daß er bei seiner Drehung um sich selbst noch einen anderen Körper loslassen konnte — unsern Mond. Aber dies war das Ende der Mondbildungen.

Zuletzt verkleinerte sich die Sonne so, daß sie nur noch die Bahnen der Venus und des Merkur ausfüllte, und so entsandte sie diese zwei inneren Planeten: von diesen beiden hat keiner einen Mond geboren.

So stieg die große Zentralkugel, der Ursprung unseres Son­nen-Planeten-Monde-Systems, aus ihrem ursprünglichen Um­fang oder, genauer zu sprechen, aus der Verfassung, in der wir sie zuerst betrachteten — aus einer teilweise zur Kugel ge­wordenen Nebelmasse, deren Durchmesserbestimmt mehr als 5 600 Millionen Meilen lang war —, allmählich durch Verdichtung, dem Gravitationsgesetz gehorchend, zu einer Kugel hinab, deren Durchmesser nur 882000 Meilen be­trägt; jedoch ist keineswegs damit gesagt, daß der Prozeß der Verdichtung schon abgeschlossen sei oder daß sie jetzt nicht mehr die Macht besitze, einen neuen Planeten abzustoßen.

Ich habe hier — natürlich nur in großen Umrissen, aber doch mit allem Detail, das zur Klarheit notwendig ist — einen Überblick über die Nebulartheorie gegeben, wie ihr Urheber sie verstand. Wir mögen sie von dem oder jenem Standpunkt betrachten: sie istwundervoll wahr. Sie ist in der Tat bei wei­tem zu schön, als daß ihr innerstes Wesen nicht Wahrheit sein sollte — und was ich hier sage, ist im tiefsten Sinne Ernst. In der Umdrehungsbahn der Satelliten des Uranus finden sich Punkte, die anscheinend nicht zu den Annahmen Laplaces stimmen; aber daß eine scheinbare Unvereinbarkeit eine Theorie erschüttern sollte, die sich auf eine Million verwickelte Tatsachen stützt, die alle stimmen, das wäre eine aben­teuerliche Idee. Wenn ich hiermit zuversichtlich prophezeihe, daß die scheinbare Ausnahme, von der ich hier spreche, sich früher oder später als die denkbar stärkste Stütze der Ge­samthypothese herausstellen wird, dann mache ich keinen Anspruch auf eine besondere Divinationsgabe. Es wäre im Gegenteil einzig und allein schwierig, dasnicht vorherzu­sehen.vii

Die Körper, die in der beschriebenen Weise weggestoßen wurden, vertauschten, wie wir gesehen haben, die Umdrehung der Kugeln — aus denen sie hervorgingen — um sich selbst mit einer kreisenden Bewegung von gleicher Geschwindigkeit um diese Kugeln als Mittelpunkte der Bewegung; und die so ent­standene kreisende Bewegung muß fortdauern, solange die Zentripetalkraft oder die Kraft, mit der der hinausgeschleu­derte Körper gegen seinen Ursprung gravitiert, weder größer noch kleiner ist als die Kraft, die ihn hinausgeschleudert hat, das heißt als die Zentrifugalkraft oder, genauer gesprochen, die Tangentialgeschwindigkeit. Indessen hätten wir schon aus der Einheit des Ursprungs der beiden Kräfte die Erwartung schöpfen können, sie so zu finden, wie sie gefunden wer­den — nämlich in vollkommenem Gleichgewichtszustand. Es ist in der Tat gezeigt worden, daß in jedem Fall der Akt des Hinausschleuderns nur zur Wahrung des Gleichgewichtes eintritt.

Nachdem jedoch die Zentripetalkraft in Abhängigkeit von dem allumfassenden Gravitationsgesetz gebracht worden war, kam in astronomischen Abhandlungen die Gepflogenheit auf, jenseits der Grenzen der bloßen Natur — das heißt, dersekun­dären Ursachen — eine Lösung des Phänomens der Tangentialgeschwindigkeit zu suchen. Sie führen sie direkt auf eine erste Ursache zurück — auf Gott. Sie versichern, die Kraft, die einen Sternenkörper um seinen Ursprungskörper herum­trägt, sei aus einem Anstoß entsprungen, den unmittelbar der Finger — dieser kindischen Ausdrucksweise bedient man sich —, der Finger der Gottheit gegeben habe. Nach dieser Auffassung wären die vollständig fertig geformten Planeten von der Hand Gottes so fortgeschleudert worden, daß sie in die Nachbarschaft der Sonnen kamen, und zwar sei der Stoß mathematisch genau den Massen oder den Anziehungskräften der Sonne angepaßt gewesen. Eine so grob unphilosophische, wiewohl ganz unbedenklich akzeptierte Idee konnte nur aus der Schwierigkeit entstehen, es in anderer Weise zu begrün­den, daß zwei Kräfte, die scheinbar so unabhängig voneinan­der sind wie die Gravitationskraft und die Tangentialkraft, einander gegenseitig mit absoluter Genauigkeit entsprechen sollen. Aber man sollte sich erinnern, daß lange Zeit hindurch die Übereinstimmung zwischen der Umdrehung des Mondes um sich selbst und seiner Bewegung um die Erde — zwei Be­wegungen, die anscheinend noch unabhängiger voneinander sind als die beiden, die uns jetzt beschäftigen — als völlig wun­derbar betrachtet wurde; und es bestand selbst bei Astrono­men eine starke Neigung, dieses Wunder dem unmittelbaren und unausgesetzten Eingreifen Gottes zuzuschreiben, der es in diesem besonderen Falle notwendig befunden haben sollte, sich in seine allgemeinen Gesetze mit einer Art Hilfsstatuten einzumischen, um dadurch zu erreichen, die Herrlichkeiten oder auch die Schrecknisse der andern Seite des Mondes — dieser geheimnisvollen Halbkugel, die sich der teleskopischen

Neugier der Menschheit immer entzogen hat und ewig ent­ziehen muß — vor sterblichen Augen zu verbergen. Bei fort­schreitender Wissenschaft aber wurde bald bewiesen — was für den philosophischen Instinkt keines Beweises bedurft hätte —, daß die eine Bewegung nur ein Zubehör — mehr noch als eine Folge — der anderen ist.

Ich für mein Teil habe keine Nachsicht mit Einfällen, die in gleicher Weise furchtsam, hohl und plump sind. Sie gehören zur ausgesuchten Feigheit des Denkens. Daß die Natur und der Gott der Natur zweierlei sind, das kann kein denkendes Wesen lange bezweifeln. Unter jener verstehen wir lediglich die Gesetze des letztern. Aber zu ebendieser Vorstellung eines allmächtigen und allwissenden Gottes gehört auch die Vor­stellung von der Unfehlbarkeit seiner Gesetze. Für ihn gibt es nicht Vergangenheit noch Zukunft, für ihn ist alles ein Jetzt — beleidigen wir ihn da nicht, wenn wir seine Gesetze für so elend ersonnen halten, daß nicht für jeden Zufall vorge­sorgt ist? Oder noch besser gesagt: was sonst können wir von jedem erdenklichen Zufall halten, als daß er zugleich Resultat und Offenbarung seiner Gesetze ist? Wer sich Vorurteile abge­wöhnt und den seltenen Mut hat, nur für sich zu denken, der muß schließlich dahin gelangen können, dieGesetze indas Gesetz zu verdichten, der muß schließlich zu dem Ergebnis kommen, daßjedes Naturgesetz in allen Stücken von allen an­dern Gesetzen abhängt und daß alle bloß Folgen der einen urersten Entfaltung des göttlichen Willens sind. Das ist das Prinzip der Kosmogonie, die ich hier mit aller gebotenen Bescheidenheit vorzuschlagen und zu behaupten wage.

Von diesem Standpunkt aus wird man verstehen, daß ich den Einfall, die Tangentialkraft sei den Planeten unmittel­bar vom »Finger Gottes« mitgeteilt worden, als frivol und sogar gottlos verpöne, daß ich vielmehr der Meinung bin, diese Kraft habe ihren Ursprung in der Drehung der Sterne um sich selbst; diese Drehung wiederum sei hervorgebracht durch die Einwärtsbewegung der ursprünglichen Atome in der Richtung nach ihren jeweiligen Aggregationszentren; die­se Einwärtsbewegung sei die Folge des Gravitationsgesetzes, dieses Gesetz aber bloß die Art und Weise, in der sich die Tendenz der Atome, zur Unteilbarkeit zurückzukehren, not­wendig äußert, diese Tendenz nichts weiter als die unausbleib­liche Reaktion auf den ersten und erhabensten Akt — jenen Akt, durch den ein Gott, der für sich da war und allein da war, kraft seines Willens mit einem Male sich in alle Dinge verwandelte, während jedes Ding so als ein Teil Gottes gestal­tet wurde.

Die zur Wurzel dringenden Annahmen dieser Abhandlung bringen mich, nötigen mich sogar zu gewissen wesentlichen Modifikationen der Nebulartheorie, wie sie Laplace aufgestellt hat. Ich habe den Zweck der Tätigkeit der repulsiven Kraft dar­in gesehen, daß die unmittelbare Berührung der Atome ver­hütet werden sollte, und habe angenommen, daß diese Kraft im Verhältnis der Annäherung an diese Berührung tätig ist, das heißt im Verhältnis der Verdichtung. Mit andern Worten: es ist anzunehmen, daß dieElektrizität mit ihren zugehörigen Erscheinungen, Wärme, Licht und Magnetismus, zunimmt nach Maßgabe der Zunahme der Verdichtung und natür­lich umgekehrt nach Maßgabe derAbnahme der Verdichtung. Daher muß die Sonne während ihres Aggregationsprozesses, während sich also Repulsionskraft entwickelte, übermäßig heiß, vielleicht glühend geworden sein, und wir können uns vorstellen, wie der Vorgang der Abtrennung ihrer Ringe durch die Bildung einer dünnen Kruste auf ihrer Oberfläche infolge der Abkühlung materiell unterstützt werden mußte. Jedes ge­wöhnliche Experiment zeigt uns, wie gern eine Kruste solcher Art sich infolge der Heterogenität von den inneren Massen abtrennt. Aber nach jedem neuen Abstoßen der Kruste mußte die neugebildete Oberfläche glühend werden wie zuvor; und man kann sich wohl vorstellen, daß der Zeitpunkt, wo sie wieder so weit mit einer Kruste überzogen war, daß wieder eine Abtrennung und Entsendung möglich war, mit dem Moment genau zusammenfallen mußte, wo die ganze Masse eine neue Anstrengung nötig hatte, um das Gleichgewicht ihrer zwei Kräfte, das durch die Verdichtung gestört wor­den war, wiederherzustellen. Mit anderen Worten: in dem Augenblick, wo der elektrische Einfluß (die Repulsion) die Oberfläche zur Abstoßung vorbereitet hat, ist — so müssen wir annehmen — der gravitierende Einfluß (die Attraktion) im Begriff, sie abzustoßen. Hier also, wie überall,gehen Leib und Seele Hand in Hand.

Diese Ideen werden in allen Stücken von der Erfahrung gestützt. Da der Prozeß der Verdichtung niemals, in keinem Körper, als völlig beendet betrachtet werden kann, sind wir von vornherein zu der Annahme berechtigt, daß wir überall, wo wir Gelegenheit zur Prüfung haben, Anzeichen einer inne­wohnenden Leuchtkraft bei allen Gestirnen finden werden — bei Monden und Planeten ebensowohl wie bei den Sonnen. Daß unser Mond stark selbstleuchtend ist, sehen wir bei jeder totalen Mondfinsternis, wo er, wenn dem nicht so wäre, ver­schwinden müßte. Auf dem dunklen Teil unseres Trabanten, während er ab- und zunimmt, bemerken wir außerdem oft

Lichterscheinungen, die unsern Nordlichtern ähnlich sind; und daß diese nebst unsern andern sogenannten elektrischen Erscheinungen, ohne von anhaltenderen Lichtvorgängen hier zu reden, unserer Erde für einen Bewohner des Mondes den Anschein geben, als ob sie etwas leuchte, ist ganz klar. In der Tat sollten wir all die Erscheinungen, auf die ich hingewiesen habe, als Offenbarungen des immer noch nicht ganz beende­ten Verdichtungsprozesses der Erde auffassen, die in verschie­denen Formen und Stufen auftreten.

Wenn meine Aufstellungen haltbar sind, dann müssen wir darauf gefaßt sein, daß sich die neueren Planeten — das heißt diejenigen, welche der Sonne näher sind — als leuchtender erweisen als die älteren und entfernteren, und der außergewöhnliche Glanz der Venus (auf deren dunklen Teilen, wäh­rend sie zu- und abnimmt, nordlichtähnliche Erscheinungen häufig wahrgenommen werden) scheint durchaus nicht bloß darauf zurückzuführen, daß sie der Zentralkugel nahe ist. Sie ist ohne Zweifel lebhaft selbstleuchtend, allerdings nicht so sehr wie der Merkur, während das Eigenlicht des Neptun vielleicht so gut wie nicht vorhanden ist.

Wenn man billigt, was ich vorgebracht habe, dann ist es klar, daß von dem Augenblick an, wo die Sonne einen Ring abstößt, sich Hitze wie Licht auf Grund der unaufhörlichen Krustenbildung auf ihrer Oberfläche verringern müssen und daß ein Zeitpunkt eintreten muß — nämlich unmittelbar vor einer neuen Ausscheidung — , da eine sehr materielle Abnahme von Licht wie Wärme augenscheinlich werden muß. Nun wis­sen wir in der Tat, daß Anzeichen solcher Veränderungen deutlich zu gewahren sind. Auf den Melville-Inseln — um nur eines von hundert Beispielen anzuführen — finden wir Spuren einer ultratropischen Vegetation, von Pflanzen, die nie hätten wachsen können ohne unendlich viel mehr Licht und Hitze, als sie jetzt irgendein Teil der Erdoberfläche von der Sonne erhält. Ist eine solche Vegetation vielleicht einer Periode zu­zuschreiben, die unmittelbar nach dem Abstoßen der Venus eingetreten war? In dieser Periode müssen wir die größte Son­nenwirkung erlebt haben; und tatsächlich muß damals diese Wirkung ihren Höhepunkt erreicht haben, wobei natürlich die Epoche, in der die Erde selbst abgestoßen wurde, die Pe­riode, in der sie erst ins Leben trat, außer Betracht bleibt.

Ferner wissen wir, daß esnichtleuchtende Sonnen gibt, das heißt Sonnen, auf deren Vorhandensein wir aus den Bewe­gungen anderer Sterne schließen, deren Leuchtkraft aber nicht stark genug ist, um uns zu erreichen. Sind diese Sonnen nur unsichtbar wegen der langen Zeit, die seit ihrem letzten Abstoßen eines Planeten verstrichen ist? Und noch weiter: sollten wir nicht — mindestens in gewissen Fällen — das plötz­liche Auftauchen von Sonnen, wo früher keine vermutet wor­den sind, mit der Hypothese erklären, daß jede von ihnen in den paar tausend Jahren unserer astronomischen Geschichte mit verkrusteter Oberfläche dahingeflogen ist, bis sie endlich einen zweiten Körper losschleuderte und so in die Lage ver­setzt wurde, die Herrlichkeiten ihres immer noch glühenden Innern zu enthüllen? Auf die durchaus gesicherte Tatsache der Wärmezunahme, je mehr man ins Innere der Erde hin­absteigt, brauche ich natürlich nur hinzuweisen — es ist die denkbar stärkste Unterstützung alles dessen, was ich über den Gegenstand, der uns jetzt beschäftigt, gesagt habe.

Als ich weiter oben von dem repulsiven oder elektrischen Einfluß sprach, bemerkte ich, daß »die wichtigen Erscheinun­gen der Lebenskraft, des Bewußtseins und des Denkens, mag man sie im allgemeinen oder im speziellen betrachten, mindestens proportional dem Heterogenen sich zu verhalten scheinen«. Ich erwähnte auch, daß ich auf diesen Gedanken zurückkommen würde, und hier ist nun der geeignete Ort, es zu tun. Wenn wir zuerst das Spezielle ins Auge fassen, so gewahren wir, daß nicht bloß die Tatsache der Lebenskraft, sondern ihre Bedeutung, ihre Folgen und die Höhe ihres Charakters stets gleichen Schritt halten mit der Heterogenität oder Kompliziertheit ihrer animalischen Struktur. Und fassen wir nun die Frage in ihrer Allgemeinheit ins Auge, denken wir an die ersten Bewegungen der Atome mit der Tendenz, Massen zu konstituieren, so finden wir, daß die Heterogenität direkt durch den Prozeß der Verdichtung hervorgebracht wird und immer proportional zu ihr verläuft. Wir kommen so zu dem Satz:Die stufenweise Entwicklung der irdischen Lebenskraft schreitet im selben Verhältnis vorwärts wie die irdi­sche Verdichtung.

Dieser Satz stimmt völlig mit dem überein, was wir von der Aufeinanderfolge der Tiere auf Erden wissen. Je nachdem die Fortschritte ihrer Verdichtung waren, sind höhere und noch höhere Rassen aufgetreten. Ist es unmöglich, daß die aufeinanderfolgenden geologischen Revolutionen, die diese aufeinanderfolgenden Stufen der Organismen begleitet, wenn nicht unmittelbar hervorgerufen haben — ist es unwahrschein­lich, daß diese Revolutionen ihrerseits von den aufeinander­folgenden Planetengeburten der Sonne hervorgebracht wor­den sind, mit andern Worten: von den aufeinanderfolgenden Wandlungen im Einfluß der Sonne auf die Erde? Wenn diese Idee begründet ist, so ist es nicht unvernünftig anzunehmen, daß die Abstoßung noch eines neuen Planeten, der der Sonne noch näher wäre als Merkur, noch eine neue Modifikation der Erdoberfläche veranlassen könnte — eine Modifikation, aus der eine Rasse entstehen kann, die dem Menschen körperlich und geistig überlegen ist. Diese Gedanken machen auf mich den zwingenden Eindruck der Wahrheit, aber ich äußere sie natürlich nur als Vermutungen.

Die Nebulartheorie von Laplace hat neuerdings von seiten des Philosophen Comte viel mehr Bestätigung erhalten, als sie brauchte. Diese zwei haben also zusammen gezeigt — na­türlichnicht, daß die Materie zu irgendwelcher Zeit in dem beschriebenen Zustand einer nebelartigen Zerstreuung wirk­lich existiert habe, sondern daß die Materie — vorausgesetzt, daß sie in dem Raum, den jetzt unser Sonnensystem ein­nimmt, und weit darüber hinaus so existiert habe unddaß sie eine Bewegung auf ein Zentrum zu begonnen habe — stu­fenweise die verschiedenen Formen und Bewegungsarten an­genommen haben muß, die jetzt in diesem Sonnensystem wahrgenommen werden. Eine Beweisführung wie diese, eine dynamische und mathematische Beweisführung ist, sofern überhaupt etwas zu beweisen ist, unbestreitbar und unbe­stritten, abgesehen natürlich von der unnützen und schänd­lichen Horde der berufsmäßigen Streiter, dieser komplett Verrückten, die Newtons Gravitationsgesetz bestreiten, auf dem die Resultate der französischen Mathematiker begründet sind — eine Beweisführung, sage ich, wie diese, müßte sich für den Intellekt der meisten Menschen — für meinen ist es der Fall, das erkläre ich — aus der Geltung der Nebularhypothese, auf die sich die Beweisführung stützt, ergeben.

Daß die Hypothese im gewöhnlichen Sinne des Wortes nicht bewiesen ist, gebe ich natürlich zu. Zeigen, daß gewisse tatsäch­lich vorhandene Resultate, gewisse feststehende Tatsachen mit der Annahme einer gewissen Hypothese sogar mathematisch genau erklärt werden können, heißt noch lange nicht zeigen, daß die Hypothese selbst feststeht. Mit anderen Worten: zei­gen, daß ein gewisses tatsächlich vorhandenes Resultat, falls gewisse Fakten angenommen werden, aus diesen Fakten her­vorgehen kann oder sogar muß, beweist noch nicht, daß die­ses Resultat nun wirklich aus diesen Fakten hervorgegangen ist, und zwar so lange nicht, bis weiter gezeigt wird, daß es keine anderen Fakten, aus denen das fragliche Resultat in gleicher Weise hervorgegangen sein könnte, gibt und daß es keine geben kann. Jedoch gibt es in dem Falle, der uns hier beschäftigt, obwohl alle die Mangelhaftigkeit dessen, was wir aus alter Gewohnheit »Beweis« nennen, zugeben müssen, viele und hochstehende Geister, deren Überzeugung durch keinen Beweis auch nur um ein Jota gestärkt werden könnte. Ohne in Einzelheiten einzugehen, die uns in das Wolkenreich der Metaphysik versetzen würden, kann ich doch wohl hier be­merken, daß die Stärke der Überzeugung in Fällen wie dem unsrigen — richtiges Denken vorausgesetzt — immer dem Grad derKompliziertheit entspricht, die die Hypothese und das Resultat verbindet. Weniger abstrakt ausgedrückt: Dadurch, daß der Grad der Kompliziertheit, den man in kosmischen Verhältnissen tatsächlich vorfindet, die Schwierigkeit, alle diese Zustände zu erklären, ebenso groß macht, dadurch wird gleichzeitig unser Glaube an eine Hypothese entsprechend ge­stärkt, die die Zustände auf solche Art erklärt; und da man sich nicht wohl eine größere Kompliziertheit vorstellen kann als die der astronomischen Verhältnisse, so kann, für meinen Geist wenigstens, keine Überzeugung stärker sein als solch eine, wie sie von einer Hypothese hervorgerufen wird, die nicht nur diese Zustände mit mathematischer Genauigkeit miteinander in Einklang bringt und sie auf ein treffendes und verständliches Ganzes zurückführt, sondern die zugleich die einzige Hypothese ist, mittels derer der Intellekt des Menschen je imstande war, sie überhaupt zu erklären.

Eine durchaus unbegründete Ansicht hat in letzter Zeit in der Öffentlichkeit, aber auch in wissenschaftlichen Kreisen um sich gegriffen, daß nämlich die sogenannte Nebular-Kosmo­gonie umgestoßen sei. Dieser Glaube entstand durch Berichte über neue Beobachtungen hinsichtlich dessen, was man bisher als »Nebelflecke« bezeichnete, Beobachtungen, die mit Hilfe des großen Fernrohrs von Cincinnati und des welt­berühmten Instruments des Lord Rosse gemacht wurden.

Gewisse Flecke am Firmament, die in den alten Fernrohren, selbst den mächtigsten, das Aussehen eines Dunstes oder Nebels hatten, waren lange Zeit hindurch als eine Bestätigung der Theorie Laplaces betrachtet worden. Man sah sie als Sterne an, die eben in dem Prozeß der Verdichtung begriffen waren, den ich zu beschreiben versucht habe. So nahm man an, die Wahrheit der Hypothese sei »durch den Augenschein festgestellt« — eine Feststellung, nebenbei bemerkt, die im­mer sehr fragwürdig gefunden wurde —, und obwohl ge­wisse Verbesserungen an den Fernrohren uns immer mehr befähigen, hie und da wahrzunehmen, daß ein Fleck, den wir unter die Nebelflecke gerechnet hatten, in Wirklichkeit nur ein Sternhaufen war, dessen nebelförmiger Charakter nur von seiner ungeheuren Entfernung herrührte, so dachte man trotzdem, daß hinsichtlich der tatsächlichen Nebelform zahlreicher anderer Massen kein Zweifel bestehen könne; sie waren die Festungen der Nebulisten, die jedem Versuche der Spaltung Trotz boten. Von diesen letzteren war der interes­santeste der große Nebelfleck im Sternbild Orion, jedoch wurde dieser, nebst zahllosen anderen fälschlich so genann­ten »Nebelflecken«, mit Hilfe der prachtvollen modernen Fernrohre in eine einfache Ansammlung von Sternen aufgelöst. Diese Tatsache nun verstand man sehr allgemein als schlüssig gegen die Nebulartheorie von Laplace, und der begeistertste und beredteste Verbreiter der Theorie, Dr. Nichol, ging bei der Veröffentlichung der erwähnten Entdeckungen so weit, »die Notwendigkeit zuzugeben«, eine Idee »fallenzulassen«, die die Grundlage seines besten Buches gebildet hatte.viii

Manche meiner Leser werden ohne Zweifel geneigt sein zu sagen, das Ergebnis dieser Forschungen habe mindestens eine starkeTendenz, die Hypothese umzustoßen, während andere zwar überlegter sind und anerkennen, die Theorie sei durch die Spaltung einzelner Nebelflecke keineswegs in Mißkredit gebracht, aber doch meinen, wenn es nicht gelungen wäre, sie mit so vorzüglichen Instrumenten zu spalten, wäre es eine machtvolle Unterstützung der Theorie gewesen: diese letzte­ren werden vielleicht überrascht sein, wenn sie hören, daß ich auch mit ihnen nicht übereinstimme. Wenn die Behauptungen dieser Abhandlung verstanden worden sind, dann wird man sehen, daß in meinen Augen ein Mißlingen des Versuchs, die Nebelflecke aufzulösen, eher auf eine Widerlegung als auf eine Bestärkung der Nebularhypothese herausgekommen wäre.

Zur Erklärung: Das Newtonsche Gravitationsgesetz können wir natürlich als erwiesen annehmen. Dieses Gesetz habe ich, wie man sich erinnern wird, auf die Reaktion gegen den er­sten göttlichen Akt zurückgeführt, auf die Reaktion gegen eine vergängliche Entfaltung des göttlichen Willens zur Über­windung einer Schwierigkeit. Diese Schwierigkeit bestand darin, das Normale zu zwingen, sich in einen unnormalen Zustand zu verwandeln — das, dessen Ursprünglichkeit und darum dessen richtiger Zustand dasEine war, dazu zu brin­gen, den unrichtigen Zustand derVielheit auf sich zu nehmen. Nur wenn wir die Überwindung dieser Schwierigkeit alsver­gänglich auffassen, können wir eine Reaktion verstehen. Es hätte keine Reaktion eintreten können, wenn der Akt sich ins Unendliche fortgesetzt hätte. Solange der Akt dauerte, konn­te natürlich keine Reaktion beginnen, mit anderen Worten: keine Gravitation konnte einsetzen, denn wir haben letztere nur als Ausdruck der ersteren betrachtet. Aber die Gravitation hat eingesetzt, also hat der Akt der Schöpfung aufgehört, und die Gravitation hat schon seit langem eingesetzt, also hat der Akt der Schöpfung schon seit langem aufgehört. Wir können daher nicht mehr erwarten, daß wir die allerersten Vorgänge der Schöpfung beobachten können; und daß zu diesen aller­ersten Vorgängen der Zustand der Nebelförmigkeit gehört, ist bereits erklärt worden.

Durch unsere Kenntnisse von der Fortpflanzung des Lichts haben wir direkte Beweise dafür, daß die entfernten Sterne in der Gestalt, wie wir sie jetzt sehen, seit einer unfaßbar großen Zahl von Jahren existiert haben. So weit zurück also minde­stens wie die Periode, in der diese Sterne mit der Verdichtung begannen, müssen wir die Epoche ansetzen, in welcher der Prozeß der Massenkonstituierung anfing. Um uns vorstellen zu können, daß diese Vorgänge im Falle gewisser Nebelflecke noch jetzt sich ereigneten, während wir sie in allen andern Fällen längst beendet finden, müßten wir Annahmen machen, zu denen uns tatsächlich jede Grundlage fehlt — wir müßten in die rebellische Vernunft wiederum den Keil der lächerli­chen Idee hineintreiben, wonach es sich um eine besondere Einmischung handle, wir müßten voraussetzen, in den be­sonderen Fällen dieser Nebelflecke habe ein unfehlbarer Gott es für nötig erachtet, gewisse Hilfsmaßregeln zu treffen, ge­wisse Verbesserungen des allgemeinen Gesetzes vorzuneh­men, gewisse Retuschen und Reparaturen kurz gesagt, die die Wirkung gehabt hätten, die Vollendung dieser einzelnen Sterne um Jahrhunderte von Jahrhunderten hinter die Ära hinauszuschieben, in der alle anderen Gestirne Zeit genug hatten, nicht nur fertig, sondern vor unaussprechlich hohem Alter fast schimmlig zu werden.

Natürlich wird man sofort einwenden, daß die Vorgänge, die wir jetzt beobachten oder zu beobachten glauben, da ja das Licht, das uns von den Nebelflecken Kunde bringt, nur das sein kann, das ihre Oberflächen vor vielen Jahren verlas­sen hat, in der Tat nicht Vorgänge seien, die in Wirklichkeit jetzt vor sich gehen, sondern nur der Abglanz von Vorgängen, die seit langem in der Vergangenheit vollendet seien — gerade wie ich behaupte, daß alle diese massebildenden Vorgänge gewesen seinmüssen.

Darauf antworte ich, daß auch der jetzt beobachtete Zustand der verdichteten, fest gewordenen Sterne nicht ihr gegenwärtiger Zustand, sondern längst in der Vergangenheit vollendet ist, so daß meine Beweisführung, die sich auf den relativen Zustand der Sterne und der Nebelflecke stützt, in keiner Weise erschüttert ist. Ja, noch mehr, die Leute, die das Vorhandensein von Nebelflecken behaupten, führen die Nebelförmigkeit nicht auf große Entfernung zurück, sie erklä­ren sie für wirklich und nicht etwa für eine optische Täuschung. Wenn wir uns eine Nebelmasse überhaupt als sichtbar vorstel­len wollen, dann müssen wir sie alssehr nahe bei uns vorstellen im Vergleich mit den festen Sternen, die uns die modernen Fernrohre vor Augen bringen. Wenn wir also behaupten, die fraglichen Erscheinungen seien wirklich nebelförmig, dann behaupten wir damit, sie seien unserm Blickpunkt verhält­nismäßig nahe. Also muß ihr Zustand, wie wir sie jetzt sehen, auf eine Zeit bezogen werden, dieweit weniger entfernt ist als die, auf die wir den jetzt beobachteten Zustand wenigstens der meisten Sterne beziehen müssen. Mit einem Wort: sollte die Astronomie jemals einen Nebel in dem jetzt gemeinten Sinne nachweisen, so würde ich wahrhaftig nicht annehmen, die Nebular-Kosmogonie sei durch diesen Nachweis gestärkt, sondern im Gegenteil: sie sei unwiederbringlich umgestoßen.

Nebenbei bemerkt jedoch, um dem Kaisernicht mehr zu geben, als des Kaisers ist, muß hier beachtet werden, daß die Annahme der Hypothese, die ihn zu einem so glorrei­chen Resultat führte, sich Laplace in der Tat zum großen Teil durch ein Mißverständnis aufdrängte, eben durch das

Mißverständnis, von dem wir gerade gesprochen haben — durch das allgemein verbreitete Mißverstehen des Charakters der fälschlich so genannten Nebelflecke. Er glaubte, diese sei­en tatsächlich das, als was ihr Name sie bezeichnet. Tatsache ist, daß der große Mann eigentlich recht geringes Vertrauen zu seiner eigenen Beobachtungsgabe hatte. Daher stützte er sich hinsichtlich des wirklichen Vorhandenseins der Nebelflecke, das von den Sternguckern seiner Zeit so zuversichtlich be­hauptet wurde, weniger auf das, was er sah, als auf das, was er hörte.

Man wird sehen, daß die einzigen stichhaltigen Einwände gegen seine Theorie die sind, die sich gegen die Hypothese als solche richten, gegen das, wodurch sie im Geist erzeugt wurde, nicht gegen das, was sie ihrerseits im Geist erzeugte, gegen ihre Voraussetzungen mehr als gegen ihre Ergebnisse. Seine unbegründetste Annahme war die, den Atomen eine Bewegung gegen ein Zentrum zuzuschreiben, was seiner offen­baren Meinung, diese Atome dehnten sich in unbegrenzter Folge durch den ganzen Raum des Weltalls aus, direkt ins Gesicht schlägt. Ich habe bereits gezeigt, daß unter diesen Umständen überhaupt keine Bewegung hätte eintreten kön­nen, und infolgedessen nahm Laplace eine an aus dem sehr philosophischen Grund, daß etwas der Art für die Feststellung dessen, was er feststellen wollte, notwendig war.

Seine ursprüngliche Idee scheint aus einer Mischung der ei­gentlichen epikurischen Atome mit den falschen Nebelflecken seiner Zeitgenossen hervorgegangen zu sein, und so bereichert uns seine Theorie mit der sonderbaren Abnormität einer ab­soluten Wahrheit, die als mathematisches Ergebnis einer hybriden Schöpfung deduziert wurde, welch letztere ein

Zwitterding aus antiker Phantasie und modernem Stumpfsinn war. Laplaces wirkliche Stärke lag eigentlich in einem fast wunderbaren mathematischen Instinkt: auf ihn verließ er sich, und er verließ oder täuschte ihn niemals. Im Fall der Nebular-Kosmogonie führte er ihn mit verbundenen Augen durch ein Labyrinth des Irrtums in einen der leuchtendsten und wundervollsten Tempel der Wahrheit.

Nehmen wir nun für den Augenblick an, der Ring, den die Sonne zuerst abstieß, das heißt der Ring, durch dessen Auseinanderbrechen sich der Neptun bildete, sei tatsächlich nicht auseinandergebrochen, bevor der Ring abgestoßen wur­de, aus dem der Uranus entstand; dieser Ring wiederum sei ebenfalls unverletzt geblieben bis zur Loslösung dessen, aus dem der Saturn entsprang; dieser seinerseits sei ganz geblie­ben bis zur Loslösung der Form, die den Jupiter gebar, und so weiter. Mit einem Wort: wir wollen uns vorstellen, die Ringe seien heil und ganz geblieben bis zur schließlichen Abstoßung dessen, der den Merkur erzeugte. Wir entwerfen so vor dem geistigen Auge eine Reihe gleichzeitig existierender konzentri­scher Gürtel, und wenn wir ebensowohl sie wie die Vorgänge betrachten, durch die sie nach Laplaces Hypothese gestaltet wurden, dann gewahren wir mit einemmal eine sehr sonder­bare Analogie mit den Atomschichten und dem Vorgang der ursprünglichen Ausstrahlung, wie ich ihn beschrieben habe.

Ist es unmöglich, daß wir, wenn man die Kräfte miteinan­der vergliche, durch die jeder einzelne Planetengürtel abgesto­ßen wurde — das heißt: wenn man bei jeder Loslösung mäße, um wieviel dabei die Rotation die Gravitation übertraf (dieser Überschuß veranlaßte eben die Loslösung) —, ist es unmög­lich, frage ich, daß wir dann die Analogie, die uns erstaunt, noch entschiedener bestätigt fänden? Ist es unwahrscheinlich, daß wir entdeckten: diese Kräfte verändern sich, wie bei der ur­sprünglichen Ausstrahlung, im Verhältnis zu den Quadraten der Entfernungen?

Unser Sonnensystem nun, das in der Hauptsache aus einer Sonne mit sicher sechzehn Planeten, vielleicht noch einigen mehr, besteht, die in verschiedenen Abständen um sie krei­sen und gewiß von siebzehn Monden, sehr wahrscheinlich aber noch vonverschiedenen anderen, begleitet sind — dieses System ist als ein Beispiel der unzähligen Massebildungen zu betrachten, die fortgesetzt in der ganzen Atomkugel des Weltalls stattfanden, nachdem der göttliche Wille aufhörte. Was ich sagen will, ist dies: Unser Sonnensystem bietet uns ein Beispiel für all diese Massebildungen, oder, genauer ausge­drückt, für die letzten Bedingungen, unter denen sie sich er­eigneten. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die Idee der glichst vielen Beziehungen, der äußersten Bedingtheit richten, auf die der allmächtige Wille ausging, und auf die Maßregeln, die er ergriff, um sie durch die Verschiedenheit der Gestalt un­ter den ursprünglichen Atomen und durch Ungleichheit der einzelnen Abstände zu erreichen, so finden wir es unmöglich, nur einen Augenblick lang anzunehmen, daß auch nur zwei dieser beginnenden Massebildungen am Ende genau dassel­be Resultat erreicht haben sollen. Wir werden eher zu der Annahme geneigt sein, daß keine zwei Gestirne im Weltall — Sonnen oder Planeten oder Monde — im besonderen ähnlich sind, während sie es im allgemeinen alle sind. Noch weniger also können wir uns vorstellen, daß irgend zwei Gruppen von solchen Gestirnen — irgend zwei »Systeme« — mehr als eine allgemeine Ähnlichkeit haben.ix Unsere Fernrohre bestätigen in diesem Punkte durchaus unsere Schlußfolgerungen. Wenn wir also unser eigenes Sonnensystem nur als allgemeinen, un­gefähren Typus aller anderen nehmen, so sind wir in unse­rer Überlegung so weit gekommen, daß wir das Weltall in Gestalt eines kugelförmigen Raumes überblicken, in dem sich eine Anzahl Systeme befinden, die nur im allgemeinen ähn­lich sind und die nur im allgemeinen gleichmäßig in diesem Raum verteilt sind.

Nun wollen wir unseren Gesichtskreis erweitern und jedes dieser Systeme insgesamt als Atom betrachten, was es in der Tat ist, wenn wir es nur als eines von den zahllosen Systemen ansehen, die das Weltall ausmachen. Nehmen wir also alle lediglich als ungeheure Atome, jedes mit derselben unaus­rottbaren Tendenz zur Einheit, die die wirklichen Atome, aus denen es zusammengesetzt ist, kennzeichnet, so stoßen wir mit eins auf eine neue Gattung der Massebildung. Die klei­neren Systeme, die sich in der Nachbarschaft eines größeren befinden, werden unvermeidlich in noch größere Nähe her­angezogen. Tausend gruppieren sich hier; eine Million dort, wieder anderswo vielleicht gar eine Billion, und lassen so un­ermeßliche leere Stellen im Raum. Und wenn man mich nun fragte, warum ich im Falle dieser Systeme, dieser bloß titani­schen Atome, einfach von einer »Gruppenbildung« und nicht, wie im Falle der wirklichen Atome, von einer mehr oder weni­ger abgeschlossenen Körperbildung spreche — wenn ich zum Beispiel gefragt würde, warum ich nicht das, was ich vorbrin­ge, zum einzig richtigen Schluß führe, warum ich nicht gleich von diesen Gruppen von System-Atomen sage, daß sie dem Ziel zuschießen, sich in Kugeln zu konsolidieren, und daß jedes von ihnen sich zu einer einzigen prachtvollen Sonne ver­dichte, so ist meine Antwort: μελλόντα ταῦτα — ich raste nur einen Augenblick an der Schwelle der Zukunft. Für jetzt nen­ne ich diese Gruppenbildungen »Haufen«; wir sehen sie im Anfangsstadium ihrer Vereinigung. Ihre absolute Vereinigung ist der Zukunft vorbehalten.

Wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, von dem aus wir das Weltall als kugelförmigen Raum erblicken, in dem Sternhaufen ungleich zerstreut sind. Man wird bemerken, daß ich hier das Adverbium »ungleich« dem Ausdruck »mit einer nur allgemeinen Gleichmäßigkeit« vorziehe. Es ist in der Tat selbstverständlich, daß die Gleichmäßigkeit der Verteilung sich im Verhältnis des Agglomerationsprozesses vermindern muß — das heißt, je nachdem die Zahl der ver­teilten Körper sich verringert. Daher muß das Anwachsen der Ungleichmäßigkeit — ein Anwachsen, das so lange wei­tergeht, bis früher oder später eine Epoche eintritt, wo der größte durch Agglomeration entstandene Körper alle ande­ren verschlingt — einfach als ein bestärkendes Anzeichen der Tendenz zur Einheit aufgefaßt werden.

Und hier scheint nun endlich der geeignete Moment zu der Untersuchung gekommen, ob die festgestellten Tatsachen der Astronomie die allgemeine Anordnung bestätigen, die ich hier dergestalt, auf deduktivem Wege, dem Firmament zugeschrie­ben habe. Das tun sie vollständig. Durch die Beobachtung mittels Fernrohrs, von den Gesetzen der Optik geleitet, er­fahren wir, daß das wahrnehmbare Weltall existiert alsein Haufen von Sternhaufen, die unregelmäßig verteilt sind.

Die »Sternhaufen«, aus denen dieser weltumfassende »Haufen von Sternhaufen« besteht, sind lediglich das, was wir uns angewöhnt hatten »Nebelflecke« zu nennen — und von diesen Nebeln ist einer von besonderem Interesse für die Menschheit. Ich meine die Milchstraße. Diese interessiert uns zuerst und ganz offenbar, weil ihre scheinbare Größe nicht nur jeden einzelnen anderen Sternhaufen am Firmament, sondern alle zusammengenommen bedeutend übertrifft. Der größte von ihnen nimmt vergleichsweise bloß einen Punkt ein und wird nur mit Hilfe eines Fernrohrs deutlich gese­hen. Die Milchstraße zieht ihre Schleppe über den ganzen Himmel hin und ist für das bloße Auge glanzvoll sichtbar. Aber sie interessiert den Menschen hauptsächlich, wenn auch weniger unmittelbar, weil sie seine Heimat ist, die Heimat der Erde, auf der er lebt, die Heimat der Sonne, um die diese Erde sich dreht, die Heimat des »Systems« von Kugeln, denen die Sonne Zentrum und Mutter ist — die Erde eines von sech­zehn Kindern oder Planeten — der Mond einer von siebzehn Enkeln oder Trabanten. Die Milchstraße ist also nur einer von den Sternhaufen, die ich beschrieben habe, nur einer von den fälschlich so genannten »Nebelflecken«, die sich uns — manch­mal nur durch das Fernrohr — als schwache Dunstflecke in ver­schiedenen Bezirken des Himmels zeigen. Wir haben keinen Grund zu der Vermutung, die Milchstraße sei in Wirklichkeit ausgedehnter als der kleinste dieser Nebelflecke. Daß sie so ungeheuerlich viel größer scheint, kommt nur von unserer Lage in bezug auf sie — das heißt, von unserer Lage in ih­rer Mitte. So befremdend auch die Behauptung zuerst denen klingen mag, die in der Astronomie nicht zu Hause sind, so nimmt doch der Astronom selbst keinen Anstand, zu erklären, daß wir inmitten dieses unfaßbar großen Sternenheeres uns befinden — dieses Heeres von Sonnen, von Systemen, die die Milchstraße ausmachen. Noch mehr — nicht bloß wir, nicht nur unsere Sonne hat ein Recht, die Milchstraße als ihren eigenen speziellen Sternenhaufen zu reklamieren, sondern es kann sogar mit einer unbedeutenden Einschränkung gesagt werden, daß alle Sterne am Firmament, die deutlich sichtbar sind, alle Sterne, die wir mit bloßem Auge sehen, in gleicher Weise berechtigt sind, sie als ihren Bereich in Anspruch zu nehmen.

Sehr viel Irrtümliches ist angenommen worden hinsichtlich der Gestalt der Milchstraße, von der es in fast allen astrono­mischen Lehrbüchern heißt, sie sei einem großen Y ähnlich. Der Sternhaufen, von dem wir sprechen, hat in Wirklichkeit eine gewisse unbestimmte —sehr unbestimmte Ähnlichkeit mit dem Planeten Saturn und dem dreifachen Ring, der ihn umkreist. Anstatt der festen und zusammenhängenden Kugel dieses Planeten jedoch müssen wir uns eine linsenförmige Sterneninsel oder Sammlung von Sternen vorstellen, wobei unsere Sonne sich an der Außenseite befindet, nahe am Ufer der Insel, an der Seite der Milchstraße, die dem Sternbilde des Kreuzes am nächsten ist und am weitesten entfernt von dem der Kassiopeia. Der umgebende Ring, da, wo er in unsere Nähe kommt, hat eine langgestreckte Ausbuchtung, die in der Tat bewirkt, daß der Ring in unserer Nähe so obenhin das Aussehen eines großen Y annimmt.

Wir dürfen jedoch nicht in den Irrtum verfallen, daß wir glauben, der einigermaßen unbestimmte Gürtel sei überhaupt, relativ gesprochen, entfernt von dem ebenfalls unbestimmten linsenförmigen Haufen, den er umgibt; und so können wir, nur um der Erklärung willen, wohl sagen, daß unsere Sonne wirklich an dem Punkt des Y liegt, wo die drei Linien, die es zusammensetzen, sich vereinigen; und wenn wir uns die­sen Buchstaben in einer gewissen Festigkeit denken, von einer gewissen Dicke, aber nur sehr platt im Vergleich zu seiner Länge, so können wir sogar davon sprechen, daß wir uns in der Mitte dieser Dimension der Tiefe befinden. Denken wir uns an diesen Platz, so finden wir weiter keine Schwierigkeit, die Erscheinungen, die sich darbieten, zu erklären, denn sie sind ganz und gar perspektivisch. Wenn wir hinauf- oder hinabblicken — das heißt, wenn wir unsere Blicke in der Richtung der Dicke des Buchstabens aussenden —, so schauen wir an weniger Sternen vorbei, als wenn wir in die Richtung ihrer Länge blicken oder einer von den drei Linien entlang, die ihn zusammensetzen. Natürlich erscheinen im ersten Fall die Sterne einzeln und zerstreut, im zweiten dicht zusammen­gedrängt und massenweise. Betrachten wir die Kehrseite dieser Erklärung: Wenn ein Bewohner der Erde, wie wir es gewöhn­lich ausdrücken, nach der Milchstraße blickt, so betrachtet er sie in einer ihrer Längsrichtungen — er blickt den Linien des Y entlang — , aber wenn er allgemein das Firmament ansieht und so seine Augen von der Milchstraße abwendet, so überschaut er sie in der Richtung der Dicke des Buchstabens, und aus diesem Grund erscheinen ihm die Sterne als zerstreut, wäh­rend sie in Wahrheit durchschnittlich ebenso eng beisammen sind, wie in der Masse des Sternhaufens. Keine Betrachtung kann geeigneter sein, uns einen Begriff von der riesenhaften Ausdehnung dieses Haufens zu geben.

Wenn wir mit einem Fernrohr, das den Raum weit durch­dringt, sorgsam das Firmament absuchen, so gewahren wir einenGürtel von Sternhaufen — von dem, was wir bisher »Nebelflecke« genannt haben —, einBand von wechselnder Breite, das sich von Horizont zu Horizont erstreckt, recht­winklig zur allgemeinen Richtung der Milchstraße. Dieses Band ist der letzteHaufen von Haufen. Dieser Gürtel ist dasWeltall. Unsere Milchstraße ist nur einer aus der Zahl der Haufen, und vielleicht einer der unbeträchtlichsten, die diesen letzten allumfassenden Gürtel oder dieses Band bilden helfen. Daß dieser Gesamtsternhaufen unseren Augen wie ein Gürtel oder Band erscheint, ist ganz und gar eine perspekti­vische Täuschung derselben Art wie die, die uns dazu bringt, unsern eigenen, individuellen, annähernd kugelförmigen Haufen, die Milchstraße, ebenfalls in Gestalt eines Gürtels zu sehen, der den Himmel rechtwinklig zu dem Weltallsgürtel durchzieht. Die Gestalt des allumschließenden Haufens ist natürlich im allgemeinen die eines jeden einzelnen Haufens, den er umschließt. Gerade wie die zerstreuten Sterne, die wir, wenn wir von der Milchstraße wegblicken, am allgemeinen Himmelsraum sehen, in Wirklichkeit nur ein Bestandteil der Milchstraße selbst sind und ebenso eng mit ihr vermischt wie irgendein teleskopischer Punkt in dem scheinbar dichtesten Teil ihrer Masse — geradeso sind die zerstreuten Nebelflecke, die wir allerorten am Firmament gewahren, wenn wir unsere Augen von dem Weltallsgürtel abwenden — geradeso, sage ich, sind diese zerstreuten Nebelflecke als nur perspektivisch zer­streut aufzufassen, als Teil und Zubehör der einen höchsten allumfassendenWeltenkugel.

Kein astronomischer Trugschluß ist unhaltbarer und kei­ner ist hartnäckiger festgehalten worden als die Meinung von der absoluten Unendlichkeit des Sternenweltalls. Diea-priori- Gründe für die Endlichkeit, wie ich sie bereits angegeben habe, scheinen mir unwiderleglich; aber abgesehen von ihnen, macht es uns die Beobachtung gewiß, daß es in zahlreichen Richtungen rund um uns, wenn nicht in allen, eine positive Grenze gibt — oder zum mindesten verschafft uns die Beob­achtung nicht die geringste Grundlage für eine andere Mei­nung. Wäre die Aufeinanderfolge von Sternen endlos, dann müßte der Hintergrund des Himmels uns das Bild einer gleichmäßigen Lichtfläche bieten, wie es die Milchstraße tut, denn es könnte in diesem ganzen Hintergrund absolut keinen Punkt geben, wo nicht ein Stern wäre. Die einzige Art daher, durch die es unter solchen Umständen möglich wäre, es uns begreiflich zu machen, warum unsere Fernrohre in unzähli­gen Richtungenleere Stellen finden, wäre die Annahme, der unsichtbare Hintergrund sei so unermeßlich weit entfernt, daß noch kein Strahl von ihm imstande war, uns zu erreichen. Daß dies so seinkönne — wer würde wagen, es zu leugnen? Ich behaupte einfach, daß wir nicht einmal den Schatten ei­nes Grundes haben, der uns zu dem Glauben bringen könnte, daß es soist.

Als ich von dem weitverbreiteten Hang sprach, von al­len Körpern auf der Erde zu sagen, daß sie lediglich dem Mittelpunkt der Erde zustreben, bemerkte ich, daß »mit ge­wissen Ausnahmen, die später angeführt werden, jedes irdi­sche Ding eine Tendenz hat nicht nur nach dem Mittelpunkt der Erde, sondern auch noch in jeder denkbaren anderen Richtung«. Die Ausnahmen beziehen sich auf ebendiese häu­figen Lücken am Himmel, wo die peinlichste Nachforschung keine Gestirne, ja nicht einmal die geringsten Spuren ihres Daseins entdecken kann — wo gähnende Abgründe, schwär­zer als Erebus, uns durch die Grenzwälle des Sternenweltalls hindurch zu erlauben scheinen, in das jenseitige grenzenlose Weltall der Leere einen Blick zu werfen. Da nun jeder Körper, den es auf Erden gibt, in die Lage kommt, entweder durch seine eigene Bewegung oder die der Erde mit irgendeiner die­ser leeren Stellen oder kosmischen Schluchten in eine Linie zu kommen, so wird er natürlich in diesem Fallein der Richtung dieser Leere nicht länger angezogen und ist infolgedessen für den Augenblick »schwerer« als jemals vorher oder nachher. Wenn wir indessen diese leeren Stellen nicht in Erwägung ziehen und nur die im allgemeinen ungleiche Verteilung der Sterne betrachten, so sehen wir, daß die absolute Tendenz der irdischen Körper nach dem Mittelpunkt der Erde in einem Zustand beständigen Schwankens ist.

Wir verstehen nunmehr dieInselgestalt unseres Weltalls.

Wir begreifen die Isolierung des Universums,alles dessen, was wir mit den Sinnen erfassen. Wir wissen, daß es einen einzigenHaufen von Sternhaufen gibt — eine Ansammlung, um die sich rundherum die unermeßliche Wildnis eines Rau­mes ausdehnt, der aller menschlichen Wahrnehmung unzu­gänglich ist. Aber weil wir gezwungen sind, an den Grenzen dieses Sternenweltalls anzuhalten, da unsere Sinne uns kei­ne weitere Kunde bringen, haben wir darum das Recht, zu schließen, daß wirklich jenseits dessen, was uns zu berühren erlaubt ist, kein materieller Punkt mehr ist? Haben wir oder haben wir nicht ein Recht zu dem Analogieschluß, daß dies wahrnehmbare All, daß dieser Haufen von Haufen nur einer aus einerReihe solcher Haufen ist, die ihrerseits infolge ihrer Entfernung unsichtbar sind — dadurch, daß ihr Licht so außer­ordentlich zerstreut ist, ehe es uns erreicht, daß es auf unserer Retina keinen Lichteindruck hervorbringt, oder dadurch, daß es in diesen unsagbar entfernten Welten eine lichtähnliche Ausstrahlung überhaupt nicht gibt, oder schließlich dadurch, daß der bloße Zwischenraum so ungeheuer groß ist, daß die elektrische Botschaft ihres Vorhandenseins im Raum bis jetzt noch nicht — in all den verflossenen Myriaden von Jahren — imstande war, diesen Zwischenraum zu überwinden?

Haben wir irgendein Recht zu Schlüssen, haben wir irgend­eine Grundlage zu Visionen dieser Art? Wenn wir auch nur das geringste Recht dazu haben, so haben wir auch das Recht, diese Annahmen ins Unbegrenzte auszudehnen.

Das Menschengehirn hat offenbar einen Hang zum Unendlichen und hätschelt das Phantom dieser Idee. Es scheint diese unmögliche Vorstellung mit glühender Leidenschaft zu begehren, in der Hoffnung, diese Vorstellung, wenn sie erst er­reicht sei, zu einem intellektuellen Glaubensartikel zu machen. Natürlich kann es keinem Individuum der Menschenrasse gestattet sein, etwas, was dieser großen Rasse gemeinsam ist, abnorm zu finden; trotzdem kann es vielleicht eine Gattung überlegener Intelligenzen geben, in deren Augen die erwähnte menschliche Neigung alle Anzeichen der Monomanie hat.

Meine Frage ist indessen noch unbeantwortet: Haben wir irgendein Recht, eine unendliche Folge von »Haufen von

Sternhaufen« oder von mehr oder weniger ähnlichen »Welten« zu erschließen oder vielmehr uns auszudenken?

Ich erwidere: Das »Recht« hängt in einem solchen Fall ganz und gar von der Kühnheit der Phantasie ab, die es wagt, das Recht in Anspruch zu nehmen. Laßt mich nur so viel erklären, daß ich für meine Person mich gedrängt fühle zu phantasie­ren — ohne daß ich wage, es mehr zu nennen —, daß in der Tat eine endlose Folge von Welten existiert, die der uns bekannten mehr oder weniger ähnlich sind — der, von der allein wir je­mals Kenntnis erlangen können, mindestens bis zur Rückkehr unseres eigenen speziellen Weltalls zur Einheit. Wenn jedoch solche Haufen von Sternhaufen existieren — und sie existieren wirklich —, so ist es völlig klar, daß sie, da sie an unserem Ursprung keinen Teil hatten, auch an unseren Gesetzen nicht beteiligt sind. Weder ziehen sie uns an, noch wir sie. Ihre Materie — ihre Seele — ist nicht die unsere — nicht das, was ir­gendwo in unserem Weltall Geltung hat. Sie konnten nicht an unsere Sinne oder unsere Seelen rühren. Zwischen ihnen und uns — wenn für den Augenblick alle zusammengefaßt werden dürfen — gibt es keine gemeinsamen Einflüsse. Jedes Weltall existiert, für sich und unabhängig, imSchoße seines eigenen und besonderen Gottes.

Im Verlauf dieser Abhandlung strebe ich weniger nach einer physischen als nach einer metaphysischen Anordnung. Die Klarheit, mit der selbst materielle Erscheinungen sich dem Verständnis eröffnen, hängt sehr wenig — seit langem habe ich das begreifen gelernt — von einer rein natürlichen, vielmehr fast völlig von einer geistigen Stufenfolge ab. Wenn es daher den Anschein hat, daß ich etwas zu unstet von einem Punkt meines Gegenstandes zum anderen abschweife, so möge mir die Bemerkung gestattet sein, daß ich das in der Hoffnung tue, auf diese Weise am ehesten die Kette stufenweiser Aufschlüsse unzerrissen zu erhalten, mit deren Hilfe der Geist des Menschen allein erwarten darf, die Herrlichkeiten, von denen ich spreche, zu umkreisen und sie in ihrer majestäti­schen Ganzheit zu verstehen.

Bisher war unsere Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf die allgemeine und relative Gruppierung der Gestirne im Raum gerichtet. Auf Genauigkeit im einzelnen haben wir we­nig geachtet, und alle Ideen vonQuantität, die beigebracht wurden — das heißt von Zahl, Größe und Abstand —, sind nur gelegentlich beigebracht worden, nur als Vorbereitung für be­stimmtere Vorstellungen. Auf diese letzteren wollen wir jetzt unser Augenmerk richten.

Unser Sonnensystem besteht, wie bereits erwähnt, in der Hauptsache aus einer Sonne und mindestens sechzehn, sehr wahrscheinlich aber noch etwas mehr Planeten, die sich um die Sonne als Mittelpunkt herum bewegen und die von sieb­zehn uns bekannten Monden begleitet sind, möglicherweise noch von einigen anderen, von denen wir bis jetzt nichts wis­sen. Diese verschiedenen Körper sind nicht wirkliche Kugeln, sondern Sphäroide — Kugeln, die an den Polen der angenom­menen Achsen, um die sie sich drehen, abgeplattet sind, wobei die Abplattung eben von der Umdrehung herrührt. Ebenso­wenig ist die Sonne absolut der Mittelpunkt des Systems; denn diese Sonne mit allen Planeten kreist ihrerseits um einen fortwährend veränderten Punkt im Raum, der das allgemeine Gravitationszentrum des Systems ist. Ebensowenig dürfen wir die Bahnen, auf denen diese Sphäroide sich bewegen — die Monde um die Planeten, die Planeten um die Sonne oder die Sonne um das gemeinsame Zentrum — als genaue Kreise auffassen. Sie sind in WahrheitEllipsen, und einer der Brenn­punkte dieser Ellipsen ist der Punkt, um den die Drehung vor sich geht. Eine Ellipse ist eine in sich selbst zurückgehende Kurve, bei der der eine Durchmesser länger ist als der andere. In dem längeren Durchmesser sind zwei Punkte vom Mittel­punkt der Strecke gleich weit entfernt und im übrigen so gela­gert, daß die zwei Strecken, die dadurch entstehen, daß man von jedem von ihnen eine gerade Linie zu irgendeinem Punkt der Kurve zieht, zusammen dem längeren Durchmesser gleich sind. Stellen wir uns nun eine solche Ellipse vor. An einem der erwähnten Punkte, die Brennpunkte heißen, wollen wir eine Orange befestigen. Wir wollen nun diese Orange mit Hilfe eines dehnbaren Fadens mit einer Erbse verbinden; diese letz­tere wurde am Umfang der Ellipse angebracht. Nun drehen wir die Erbse immer rings um die Orange herum und bleiben dabei immer mit der Erbse auf dem Umfang der Ellipse. Der dehnbare Faden, der natürlich während der Bewegung der Erbse bald länger, bald kürzer wird, stellt das vor, was in der Geometrie ein Radius-Vektor genannt wird. Wenn nun die Orange die Sonne vorstellen soll und die Erbse einen Plane­ten, der sich um sie herum bewegt, dann muß die Umdrehung mit einer wechselnden Geschwindigkeit vor sich gehen, doch jedenfalls so, daß der Radius-Vektorin gleichen Zeiten über gleiche Flächen geht. Der Lauf der Erbse müßte langsam sein, mit anderen Worten: der Lauf des Planetenist natürlich langsam im Verhältnis zu seiner Entfernung von der Sonne, schnell im Verhältnis zu seiner Nähe. Überdies bewegen sich die Planeten um so langsamer, je weiter sie überhaupt von der Sonne entfernt sind;die Quadrate ihrer Umdrehungszeiten haben dasselbe Verhältnis zueinander, das die Kubikzahlen ihrer mittleren Abstände von der Sonne zueinander haben.

Die wundervoll verwickelten Umdrehungsgesetze, die ich hier erörtert habe, gelten aber wohlverstanden nicht in un­serem System allein. Sie walten überall, wo die Attraktion waltet. Sie regulieren das Weltall. Jeder leuchtende Fleck am Firmament ist ohne Zweifel eine strahlende Sonne, die unse­rer eigenen, wenigstens in den allgemeinen Umrissen, gleicht und die von einer größeren oder kleineren Zahl größerer oder kleinerer Planeten umgeben ist, deren spärliche Leuchtkraft nicht genügt, um sie uns auf eine so ungeheure Entfernung sichtbar zu machen, die aber trotzdem, von Monden be­gleitet, um ihr Sternenzentrum kreisen, gehorsam den eben dargelegten Prinzipien, gehorsam den drei allumfassenden Umdrehungsgesetzen, den drei unsterblichen Gesetzen, die der phantasiemächtige Kepler erraten hat und die erst nach­träglich bewiesen und erklärt wurden von dem geduldigen und mathematischen Newton. Von einer Philosophenzunft, die sich mit ihren »Tatsachen« über Gebühr aufbläht, ist es gar zu geckenhaft, über alle Spekulation mit dem allgemei­nen Spitznamen »Phantasiewerk« höhnisch hinwegzugehen. Entscheidend ist,wer phantasiert. Wenn wir mit Plato phan­tasieren, wenden wir unsere Zeit hie und da zweckmäßiger an, als wenn wir einer Beweisführung des Alkmaeon lauschen.

In vielen astronomischen Werken finde ich es ausdrücklich festgestellt, daß die Keplerschen Gesetze dieGrundlage des großen Prinzips der Gravitation sind. Diese Idee muß der Tatsache entsprossen sein, daß die Aufstellung dieser Gesetze von seiten Keplers und sein eigener Beweisa posteriori für ihre tatsächliche Gültigkeit Newton dazu brachten, sie mit der

Hypothese der Gravitation zu erklären und sie dann schließ­lich als notwendige Schlußfolgerungen aus diesem hypo­thetischen Prinzipa priori zu beweisen. Daher sind nicht die Keplerschen Gesetze die Grundlage der Gravitation, sondern die Gravitation ist die Grundlage dieser Gesetze — wie sie in der Tat die Grundlage aller Gesetze des materiellen Weltalls ist, sofern nicht manche auf die Repulsion allein zurückzu­führen sind.

Der mittlere Abstand zwischen der Erde und dem Mond — das heißt, dem Himmelskörper, der uns am nächsten ist — be­trägt 237000 Meilen. Merkur, der Planet, der der Sonne am nächsten ist, ist 37 Millionen Meilen von ihr entfernt. Venus, der nächste Planet, dreht sich in einer Entfernung von 68 Mil­lionen Meilen um die Sonne, die Erde, die dann kommt, in einer Entfernung von 95 Millionen, alsdann Mars in einer Entfernung von 144 Millionen. Sodann kommen die acht Asteroiden (Ceres, Juno, Vesta, Pallas, Astraea, Flora, Iris und Hebe) in einer Durchschnittsentfernung von ungefähr 250 Millionen. Dann haben wir den Jupiter, der 490 Millionen Meilen entfernt ist, darauf Saturn mit 900 Millionen, dann Uranus mit 1900 Millionen, schließlich Neptun, der erst kürzlich entdeckt wurde und der sich in einer Entfernung von 2 800 Millionen Meilen um die Sonne dreht. Wenn wir Neptun beiseite lassen, von dem wir bisher wenig Genaues wissen und der möglicherweise zu einem System von Asteroiden gehört, so sieht man, daß innerhalb gewisser Grenzen eine Ordnung der Zwischenräume unter den Planeten besteht. Ungenau gesprochen, können wir sagen, daß jeder Außenplanet zwei­mal so weit von der Sonne entfernt ist wie der nächste innere. Kann nicht die hier angeführte Ordnung —das Bodesche Gesetz — abgeleitet werden aus der von mir aufgestellten Analogie zwischen der Ringerzeugung der Sonne und der Art und Weise der Ausstrahlung der Atome? Es wäre absurd, die hier in die­sem Abriß der Entfernungen hastig zusammengetragenen Zahlen anders verstehen zu wollen als in dem Licht abstrak­ter arithmetischer Tatsachen. Sie sind praktisch völlig unzu­gänglich. Sie erwecken keinerlei anschauliche Vorstellung. Ich habe mitgeteilt, daß der Neptun, der Planet, der am wei­testen von der Sonne weg ist, sich in einer Entfernung von 28 Hundert Millionen Meilen um sie dreht. So weit, so gut: ich habe eine mathematische Tatsache konstatiert, und ohne sie im geringsten zu verstehen, können wir sie uns — ma­thematisch — zunutze machen. Aber selbst als ich erwähnte, daß sich der Mond um die Erde in der verhältnismäßig win­zigen Entfernung von 237000 Meilen bewegt, hatte ich mich durchaus nicht der Erwartung hingegeben, irgend jemand verstehe, wisse, fühle nun, wie weit entfernt von der Erde der Mond tatsächlich ist. 237000 Meilen! Vielleicht gibt es we­nige unter meinen Lesern, die nicht den Atlantischen Ozean überquert haben; aber wie viele unter ihnen haben einen ge­nauen Begriff auch nur von den 3 000 Meilen, die zwischen den beiden Ufern liegen? Ich bezweifle sogar wahrhaftig, ob der Mann lebt, der in sein Hirn die entfernteste Vorstellung des Zwischenraums von einem Meilenstein zum nächsten auf der Chaussee hineinbringen kann. Jedoch werden wir bis zu gewissem Grade in unseren Bemühungen, Entfernungen uns vorzustellen, durch eine Kombination mit der verwandten Vorstellung der Geschwindigkeit unterstützt. Der Schall legt in einer Sekunde 1100 Fuß zurück. Wäre es nun möglich, daß ein Erdbewohner das Blitzen einer auf dem Mond abgeschos­senen Kanone sehen und ihren Knall hören könnte, so müßte er, nachdem ersterer zu ihm gedrungen, mehr als dreizehn volle Tage und Nächte warten, bis ihn eine Spur des letzteren erreichte.

So ungenügend auch der Eindruck ist, den eine solche Betrachtung auf uns ausüben mag, um uns ein Bild von der wirklichen Entfernung zwischen Mond und Erde zu geben, so wird er uns doch befähigen, die Nichtigkeit des Versuches klarer zu durchschauen, solche Zwischenräume wie den von 2800 Millionen Meilen zwischen unserer Sonne und dem Neptun erfassen zu wollen, oder auch nur den von 95 Millio­nen zwischen der Sonne und der Erde, die wir bewohnen. Eine Kanonenkugel, die mit der größten bisher erreichten Ge­schwindigkeit dahinflöge, brauchte zur Überwindung dieses Zwischenraums nicht weniger als zwanzig Jahre; für den zu­erst genannten aber wären 590 Jahre erforderlich.

Der wirkliche Durchmesser unseres Mondes ist 2160 Mei­len; aber er ist ein verhältnismäßig so winziger Körper, daß man beinahe 50 solche Kugeln brauchte, um eine von der Größe der Erde zusammenzusetzen.

Der Durchmesser unserer eigenen Kugel ist 7912 Meilen lang — aber was für eine positive Vorstellung schöpfen wir aus dem Aussprechen dieser Zahlen?

Wenn wir einen mittleren Berg besteigen und von seinem Gipfel in die Runde blicken, gewahren wir eine Landschaft, die sich nach jeder Richtung etwa 40 Meilen weit erstreckt und einen Kreis im Umfang von 250 Meilen mit einem Inhalt von 5000 Quadratmeilen bildet. Die ganze Ausdehnung ei­nes solchen Panoramas kann deswegen, weil seine Teile sich notwendigerweise dem Blick nur nach und nach eröffnen, nur sehr schwach und sehr teilweise wahrgenommen werden — und doch würde das Panorama als Ganzes nur den 40000sten Teil der bloßen Oberfläche unserer Erdkugel einnehmen. Folgte also diesem Panorama nach Verlauf einer Stunde ein zweites von gleicher Ausdehnung, nach einer Stunde wiederum ein drittes, nach einer weiteren Stunde ein viertes, und so weiter, bis der Schauplatz der ganzen Erde erschöpft wäre, und wären wir verpflichtet, diese verschiedenen Aussichten an jedem Tag zwölf Stunden lang zu betrachten, so brauchten wir trotzdem neun Jahre und 48 Tage, um mit dem vollständigen Überblick fertig zu werden.

Aber wenn schon die Oberfläche der Erde sich unserer Vorstellungskraft entzieht, was sollen wir von ihrem Kubik­inhalt denken? Er macht eine Masse Materie aus, deren Gewicht mindestens zwei Sextillionen und zweihundert Quintillionen Tonnen beträgt. Nehmen wir an, die Erde sei in einem Zustand der Ruhe; und nun sollen wir uns eine mechanische Kraft denken, die ausreichte, sie in Bewegung zu setzen! Die Kraft von all den Myriaden Wesen, die wir auf den Planetenwelten unseres Systems vermuten können, die vereinigte Körperkraft all dieser Wesen — selbst vorausgesetzt, sie seien alle stärker als der Mensch — würde nicht ausreichen, um dieses Gewicht auch nur einen Zoll breit aus seiner Lage zu bringen.

Was sollen wir nun von der Kraft halten, die unter gleichen Umständen erforderlich wäre, um den größten unserer Planeten, den Jupiter, fortzubewegen? Dieser hat 86000 Meilen im Durchmesser und könnte innerhalb seiner Peripherie mehr als tausend Kugeln vom Umfang der Erde aufnehmen. Aber die­ser ungeheure Ball fliegt tatsächlich mit einer Geschwindigkeit von 29 000 Meilen in der Stunde um die Sonne — das heißt vierzigmal so schnell wie eine Kanonenkugel! Es genügt nicht, zu sagen, daß eine solche Erscheinung den Geist stut­zig macht — sie läßt uns erblassen, sie lähmt uns. Manchmal stellen wir unsere Einbildungskraft auf die Probe und versu­chen uns die Eigenschaften eines Engels auszumalen. Stellen wir uns nun vor, ein solches Wesen befände sich einige hun­dert Meilen vom Jupiter entfernt — ein naher Augenzeuge des Planeten, wie er bei seiner Jahresumdrehung dahinstürmt. Können wir nun, so frage ich, uns eine stärkere Vorstellung von der Geistesherrlichkeit dieses Idealwesens bilden, als wenn wir uns vergegenwärtigen, daß er von der unermeßlichen Masse, die da unmittelbar vor seinen Augen vorbeiwirbelt, mit einer unsäglichen Geschwindigkeit — daß er, ein Engel, der vom Himmel stammt, nicht mit einem Schlag ins Nichts geschleudert und überwältigt ist?

Dies scheint indessen der geeignete Ort, darauf aufmerksam zu machen, daß wir in der Tat bisher von verhältnismäßig winzig kleinen Dingen gesprochen haben. Unsere Sonne, die beherrschende Zentralkugel des Systems, zu dem Jupiter ge­hört, ist nicht nur größer als Jupiter, sondern bei weitem grö­ßer als alle Planeten des Systems zusammengenommen. Diese Tatsache ist in Wahrheit eine wesentliche Bedingung für den Bestand des Systems. Der Durchmesser Jupiters ist erwähnt worden; er ist 86 000 Meilen lang — der der Sonne hat 882 000 Meilen. Wenn ein Bewohner der letzteren neunzig Meilen im Tage zurücklegte, würde er mehr als achtzig Jahre brauchen, um ihren größten Umkreis abzuschreiten. Sie nimmt einen Kubikraum von 681 Billiarden und 472 Billionen Kubikmeilen ein. Der Mond dreht sich, wie erwähnt wurde, um die Erde in einem Abstand von 237000 Meilen — folglich in einer Bahn von ungefähr i1 Millionen. Wäre nun die Sonne über der Erde angebracht, Mittelpunkt über Mittelpunkt, so dehnte sich die Masse der ersteren in jeder Richtung nicht nur bis zur Bahn des Mondes hin aus, sondern noch 200 000 Meilen darüber.

Und hier muß ich noch einmal darauf aufmerksam machen, daß wir eigentlich immer noch von verhältnismäßig winzig kleinen Dingen sprechen. Der Abstand zwischen dem Planeten Neptun und der Sonne ist angegeben worden; er beträgt 2 800 Millionen Meilen; der Umfang seiner Bahn ist also ungefähr i7 Milliarden. Behalten wir dies im Gedächtnis, während wir einen der Fixsterne ins Auge fassen. Zwischen diesem und dem Stern unseres Systems ist ein Meer von Raum, so un­geheuer, daß wir die Sprache eines Erzengels brauchten, um den geringsten Begriff davon zu geben. Der Stern also, von dem wir sprechen, ist ein Ding, das von unserem System und unserer Sonne oder unserem Stern völlig getrennt ist; nun wollen wir aber für den Augenblick uns vorstellen, der Stern werde über unserer Sonne angebracht, Mittelpunkt über Mit­telpunkt, so wie wir uns jetzt ebendiese Sonne selbst über der Erde angebracht dachten. Stellen wir uns nun diesen beson­deren Stern, den wir im Auge haben, vor, wie er sich nach jeder Richtung ausdehnt, über die Bahn des Merkur und der Venus und der Erde hinaus: immer weiter, über die Bahn des Mars, des Jupiter, des Uranus, bis wir schließlich annehmen, er erfülle den Kreis von siebzehn Milliarden Meilen Umfang, der durch die Umdrehung von Leverriers Planet umschrieben wird. Wenn wir uns all das vorgestellt haben, so hegen wir keine übertriebene Vorstellung. Wir haben reichlich Grund zu der Annahme, daß viele Sterne sogar bei weitem größer sind als der eine, den wir im Auge hatten. Ich meine, wir ha­ben reichlich empirisches Material für diesen Glauben, und wenn wir uns auf die ursprüngliche Anlage der Atome zur Verschiedenheit besinnen, die als Teil des göttlichen Planes bei der Konstituierung des Weltalls vorausgesetzt worden ist, so werden wir leicht imstande sein, das Vorhandensein von noch ärgeren Mißverhältnissen in der Größe der Sterne zu verste­hen und zu glauben. Natürlich müssen wir erwarten, daß die größten Kugeln durch die größten Lücken im Raum dahin- rollen.

Ich bemerkte jetzt eben, daß die Beredsamkeit eines Erzengels nötig wäre, um den geringsten Begriff von dem Abstand zwi­schen unserer Sonne und irgendeinem anderen Stern zu geben. Wenn ich das sagte, kann ich nicht der Übertreibung gezie­hen werden; denn es ist schlichte Wahrheit, daß bei diesem Thema eine Übertreibung kaum möglich ist. Aber wir wollen die Sache unserem Geist etwas genauer vorführen.

Zunächst können wir eine allgemeine,relative Vorstellung von dem erörterten Zwischenraum erlangen, wenn wir ihn mit den Räumen zwischen den Planeten vergleichen. Wenn wir zum Beispiel annehmen, die Erde, die in Wahrheit 95 Millionen Meilen von der Sonne entfernt ist, sei nureinen Fuß von dieser Lichtquelle entfernt, dann wäre der Abstand des Neptun vierzig Fuß und der Abstand des Sterns Alpha Lyrae zum mindestens hundertund­neunundfünfzig.

Nun glaube ich, daß am Ende meines letzten Satzes nur wenigen meiner Leser ein Bedenken aufstieß, als ob etwas ganz und gar nicht stimmen könne. Ich sagte, wenn man den Abstand der Erde von der Sonneeinem Fuß gleichgesetzt, sei der Abstand des Neptun vierzig Fuß und der von Alpha Lyrae hundertund­neunundfünfzig. Das Verhältnis zwischen einem Fuß und hundertundneunundfünfzig schien viel­leicht ein genügend starkes Bild für das Verhältnis der beiden Zwischenräumen zu geben — dem zwischen Erde und Sonne, und dem zwischen Alpha Lyrae und derselben Lichtquelle. Aber mein Bericht über den Stand der Sache muß in Wahrheit so lauten: Wenn der Abstand der Erde von der Sonne als ein Fuß angenommen wird, dann wäre der Neptun vierzig Fuß von der Sonne entfernt, und Alpha Lyrae hundertundneunundfünfzig ...Meilen, das heißt, ich hatte in meiner ersten Feststellung Alpha Lyrae nur den 5280sten Teil des Abstandes zugeschrieben, den man zum allermindesten als Bezeichnung für seine Lage annehmen muß.

Fahren wir fort: So weit entfernt auch ein bloßerPlanet ist, wir sehen ihn doch immer, wenn wir ihn durch ein Fernrohr betrachten, in einer gewissen Gestalt, mit einer gewissen wahrnehmbaren Größe. Nun habe ich schon auf die wahr­scheinliche Form vieler Sterne hingewiesen; wenn wir indessen irgendeinen von ihnen selbst durch das mächtigste Fernrohr ins Auge fassen, so zeigt er uns durchaus keine Gestalt und folglich nicht die geringste Größe. Wir sehen ihn als Punkt, weiter nichts.

Oder nehmen wir an, wir gingen des Nachts auf einer Landstraße. Auf einem Feld auf der einen Seite des Weges ist eine Reihe von großen Gegenständen, sagen wir: Bäumen, de­ren Umrisse sich scharf gegen den Hintergrund des Himmels abheben. Diese Reihe von Gegenständen dehnt sich recht­winklig zur Straße aus, von der Straße bis zum Horizont. Wenn wir nun auf der Straße fortschreiten, sehen wir, wie jeder von

diesen Gegenständen in bezug auf einen bestimmten festen Punkt in dem Teil des Firmaments, der den Hintergrund des Bildes abgibt, seine Lage verändert. Nehmen wir an, dieser feste Punkt — fest genug für unseren Zweck — sei der aufge­hende Mond. Wir bemerken sofort, daß der Baum, der uns am nächsten ist, seine Stellung in bezug auf den Mond so weit ändert, daß er von uns wegzufliehen scheint, daß jedoch der Baum, der am weitesten entfernt ist, seine Lage hinsicht­lich unseres Trabanten überhaupt kaum geändert zu haben scheint. Wir kommen so zu der Wahrnehmung, daß die Gegenstände, je weiter sie von uns weg sind, um so weniger ihre Stellung verändern; und entsprechend umgekehrt. Dann fangen wir an, unbewußt die Abstände der einzelnen Bäume danach zu schätzen, wie weit sich ihre relative Stellung ver­ändert hat. Schließlich geht uns das Verständnis auf, wie es möglich sein kann, den tatsächlichen Abstand eines jeden gegebenen Baumes der Reihe dadurch festzustellen, daß wir die Größe der relativen Änderung zur Basis einer einfachen geometrischen Aufgabe machen. Diese relative Änderung ist es nun, was wir »Parallaxe« nennen; und durch die Parallaxe berechnen wir die Entfernungen der Himmelskörper. Wollten wir das Prinzip auf die Bäume anwenden, von denen die Rede war, so wären wir natürlich sehr in Verlegenheit, die Entfernung des Baumes herauszubekommen, der, wenn wir auch noch so lange auf der Straße weitergingen, überhaupt keine Parallaxe zeigen würde. Dies wäre in dem Fall, den wir annahmen, eine Sache der Unmöglichkeit, aber nur darum unmöglich, weil alle Entfernungen auf unserer Erde in der Tat unbeträchtlich sind — im Vergleich mit den ungeheuren

kosmischen Quantitäten können wir sie als absolut nichts be­zeichnen.

Jetzt wollen wir annehmen, der Stern Alpha Lyrae sei direkt über unserem Kopf; und stellen wir uns vor, wir ständen nicht auf der Erde, sondern am einen Ende einer geraden Straße, die durch den Raum ginge bis zu einer Entfernung, die dem Durchmesser der Erdbahn gleich wäre, das heißt, eine Entfernung von hundertundneunzig Millionen Meilen. Wir beobachten mit Hilfe der feinsten mikrometrischen Instrumente die genaue Stellung des Sterns und begeben uns dann auf unseren unermeßlichen langen Weg, bis wir am an­deren Ende anlangen. Jetzt blicken wir noch einmal nach dem Stern. Er ist genau da, wo wir ihn zuletzt erblickten. Unsere Instrumente, so fein sie auch sind, versichern uns, daß seine relative Lage absolut, vollständig die nämliche ist wie beim Beginn unserer unsagbar großen Reise. Keine Parallaxe — nicht die geringste — ist gefunden worden.

Es ist Tatsache, daß in bezug auf die Entfernung der Fixsterne — jeder einzelnen von den Myriaden Sonnen, die jenseits der schrecklichen Kluft strahlen, die unser System von ihren Brüdern in dem Haufen, zu dem es gehört, trennt — die astronomische Wissenschaft bis vor kurzem nur mit negativer Sicherheit sich äußern konnte. Wenn wir die glänzendsten von ihnen als die nächsten nahmen, konnten wir selbst von ihnen nur sagen, daß es einen unermeßlichen Abstand diesseits gibt, wo sie nicht sein können; wie weit sie aber darüber hinaus ge­hen, konnten wir in keinem Fall feststellen. Wir nahmen zum Beispiel wahr, daß Alpha Lyrae nicht näher bei uns sein kann als 19 Billionen und 200 Milliarden Meilen; aber nach allem, was wir wußten, und in Wahrheit nach allem, was wir noch wissen, kann seine Entfernung von uns das Quadrat oder die dritte oder eine noch höhere Potenz der genannten Zahl be­tragen. Indessen ist es durch wundervoll genaue und sorgfäl­tige Beobachtungen, die Bessel mit Hilfe neuer Instrumente in langen Jahren der Arbeit anstellte, dem jüngst verstorbenen Astronomen endlich gelungen, die Entfernung von sechs oder sieben Sternen zu bestimmen, unter anderen die des Sterns Nr. 61 im Sternbild des Schwans. Die in diesem Fall festgestell­te Entfernung ist 670 000 mal größer als die der Sonne, welch letztere, wie man sich erinnern wird, 95 Millionen Meilen be­trägt. Der Stern 61 des Schwans ist also etwa 64 Trillionen Meilen von uns entfernt — das ist mehr als dreimal so viel wie die Entfernung, die als Minimum für Alpha Lyrae festgestellt ist.

Wenn wir versuchen wollen, diesen Zwischenraum durch ei­nen Vergleich mit Geschwindigkeiten vorstellbar zu machen, wie wir es taten, als wir die Entfernung des Mondes abschät­zen wollten, dann müssen wir solche Nichtigkeiten, wie den Flug einer Kanonenkugel oder die Fortpflanzung des Schalles völlig beiseite lassen. Das Licht jedoch pflanzt sich nach den letzten Berechnungen von Struve mit einer Geschwindigkeit von 167 000 Meilen in der Sekunde fort. Der Gedanke selbst kann nicht schneller diesen Zwischenraum überwinden — wenn der Gedanke ihn überhaupt überwinden kann. Und doch braucht das Licht trotz seiner unfaßbaren Schnelligkeit mehr alszehn Jahre, um vom Stern 61 des Schwans zu uns zu kommen; und würde der Stern in diesem Augenblick aus dem Weltall getilgt, dann würde er noch zehn Jahre ungetrübt in seiner paradoxen Herrlichkeit zu strahlen fortfahren.

Bewahren wir nun das Bild, so schwach es auch sein mag, das wir von dem Zwischenraum zwischen unserer Sonne und dem Stern 61 des Schwans erlangt haben, im Gedächtnis, und erinnern wir uns ferner, daß dieser Zwischenraum, wie un­aussprechlich groß er auch sei, von uns doch nur als durch­schnittlicher Zwischenraum in dem zahllosen Sternenheer be­trachtet zu werden braucht, das den Haufen oder »Nebelfleck« bildet, zu dem unser System ebenso wie das vom Stern 61 des Schwans gehört. Ich habe in der Tat den Sachverhalt noch sehr maßvoll dargestellt. Wir haben außerordentlich guten Grund zu glauben, daß der Stern 61 des Schwans einer der nächsten Sterne ist, und dürfen daraus schließen, mindestens für jetzt, daß seine Entfernung von uns geringer ist als die durchschnittliche Entfernung von Stern zu Stern in dem prachtvollen Sternhaufen der Milchstraße.

Und hier scheint noch einmal und zum letztenmal der geeig­nete Ort, darauf aufmerksam zu machen, daß wir selbst jetzt noch von winzig kleinen Dingen gesprochen haben. Hören wir auf, den Zwischenraum von Stern zu Stern in unserem eigenen oder irgendeinem Haufen zu bestaunen; laßt uns lie­ber unsere Gedanken den Zwischenräumen von Haufen zu Haufen in dem allumfassenden Haufen des Weltalls zuwen­den.

Ich habe bereits gesagt, daß das Licht sich mit einer Schnelligkeit von 167 000 Meilen in der Sekunde fortpflanzt — das sind etwa 10 Millionen Meilen in der Minute und etwa 600 Millionen Meilen in der Stunde. Doch so weit entfernt von uns sind einige der Nebelflecke, daß selbst das Licht, das mit dieser Geschwindigkeit sich bewegt, uns aus diesen geheimnisvollen Regionen erst nachdrei Millionen Jahren er­reicht. Überdies ist diese Berechnung von dem älteren Herschel aufgestellt worden und bezieht sich nur auf die verhältnismä­ßig nahen Sternhaufen, die er mit seinem eigenen Fernrohr erreichen konnte. Es gibt jedoch Nebel, die uns durch das magische Instrument des Lord Rosse in diesem Augenblick die Geheimnisseeiner Million vergangener Jahrhunderte zuflü­stern. Mit einem Wort: die Ereignisse, die wir jetzt — in diesem Augenblick — in jenen Welten gewahren, sind die nämlichen Ereignisse, die ihre Bewohner vorzehnmal hunderttausend Jahrhunderten interessierten. In solchen Zwischenräumen, sol­chen Entfernungen, wie sie diese Aufstellung derSeele — eher als dem Geist — aufzwingt, finden wir endlich die richtige Steigerung für alle bisher noch kleinlichen Betrachtungen der Quantität.

Da unsere Phantasie so mit den kosmischen Entfernungen beschäftigt ist, wollen wir die Gelegenheit benutzen, etwas auf die Schwierigkeit einzugehen, die uns so oft aufstieß, während wir den ausgetretenen Pfad der astronomischen Reflexion gingen: nämlich die erwähnten unermeßlichen lee­ren Räume zu erklären, zu verstehen, warum so völlig unbe­nutzte und daher anscheinend so wertlose Abgründe zwischen Stern und Stern, zwischen Haufen und Haufen gelegt worden sind — kurz gesagt, einen zureichenden Grund einzusehen für den riesenhaften Maßstab hinsichtlich des bloßen Raums, nach dem wir das Weltall aufgebaut sehen. Es ist, so behaupte ich, begreiflich, daß die Astronomie keine richtige Erklärung für die Erscheinung aufgebracht hat; jedoch legen es uns die Erwägungen, die uns in dieser Betrachtung Schritt für Schritt weitergeführt haben, nahe, klar und unmittelbar einzusehen, daßRaum und Dauer eins sind. Dazu, daß das Weltall eine

Zeit überdauern konnte, die irgend der Größe der Materialien, die es zusammensetzen, und der Erhabenheit ihrer geistigen Zwecke entspräche, war es notwendig, daß die ursprüngliche Zerstreuung der Atome sich so unermeßlich weit ausdehnte, daß sie erst vor der Unendlichkeit haltmachte. Mit einem Wort: es war erforderlich, daß die Sterne aus dem Zustand unsichtbaren Nebels zur Sichtbarkeit gesammelt wurden, daß sie aus der Nebelgestalt fortschritten und fest zu werden be­gannen, daß sie in diesem Zustand dann zahllosen und man­nigfaltigen Abarten der Lebensentfaltung Geburt und Tod schufen — es war erforderlich, daß die Sterne all das tun konn­ten, daß sie völlig Zeit hatten, all diese göttlichen Zwecke zu erfüllen, und zwarhrend der Periode, in der alle Dinge ihre Rückkehr zur Einheit mit einer Geschwindigkeit bewerkstel­ligen, die im umgekehrten Verhältnis zu den Quadraten der Entfernungen anwächst, worin das unvermeidliche Ende be­gründet liegt.

Dank all diesen Betrachtungen haben wir keine Schwierigkeit, die absolute Genauigkeit der göttlichenHarmonie zu verste­hen. Die Dichtigkeit der einzelnen Sterne schreitet natürlich in dem Maße vorwärts, wie der Verdichtungsprozeß sich verrin­gert; Verdichtung und Heterogenität halten gleichen Schritt miteinander; an letzterer, die der Gradmesser der ersteren ist, messen wir die Entwicklung der Lebenskraft und des Geistes. So haben wir in der Dichtigkeit der Sternkugeln das Maß, das uns anzeigt, wie weit ihre Zwecke erfüllt sind Je nach­dem die Dichtigkeit fortschreitet, je nachdem die göttlichen Absichten erfüllt sind, je weniger und immer weniger noch zu vollenden übrigbleibt — so entsprechend, im selben Verhältnis, müssen wir erwarten, daß das Ende um so beschleunigter eintritt; und demnach wird der philosophische Geist leicht verstehen, daß die göttlichen Pläne bei der Bildung der Sterne sich mathematisch ihrer Erfüllung nähern, ja er wird gern dieser Annäherung einen mathematischen Ausdruck geben; er wird erklären, daß diese Annäherung den Quadraten der Entfernungen aller geschaffenen Dinge vom Ursprung und Ausgangspunkt ihrer Schöpfung proportional ist.

Diese göttliche Harmonie ist jedoch nicht nur mathematisch genau, sie trägt auch etwas in sich, was sie eben zur göttlichen stempelt, zum Unterschied von den Werken bloß menschli­cher Baukunst. Ich meine die vollständigeGegenseitigkeit des Einklangs. Zum Beispiel: Wenn Menschen etwas errichten, so hat eine bestimmte Ursache eine bestimmte Wirkung, eine bestimmte Absicht bringt ein bestimmtes Ziel zuwege; aber das ist alles; wir sehen keine Gegenseitigkeit. Die Wirkung wirkt nicht auf die Ursache zurück; die Absicht tritt nicht in Beziehungen zu dem Ziel. In den Konstruktionen Gottes ist das Ziel entweder Plan oder Ziel, je nachdem wir es betrach­ten wollen, und wir können jederzeit eine Ursache für eine Wirkung nehmen oder umgekehrt, so daß wir nie absolut si­cher entscheiden können, was das eine und was das andere ist.

Ein Beispiel: Im Polarklima verlangt die menschliche Konstitution, um ihre animalische Wärme zu erhalten, für die Verbrennung im Kapillarsystem die reichliche Zufuhr sehr stickstoffhaltiger Nahrung, wie zum Beispiel Fischtran. Andererseits ist fast die einzige Nahrung, die im Polarklima dem Menschen zur Verfügung steht, der Tran mächtiger Robben und Wale. Ist nun der Tran vorhanden, weil er ge­bieterisch verlangt wird, oder wird nur dieses einzige verlangt, weil sonst nichts zu bekommen ist? Unmöglich zu entschei­den. Hier herrscht eine absoluteGegenseitigkeit der Anpassung.

Der Genuß, den wir aus der Entfaltung menschlicher Genialität schöpfen, ist um so größer, je mehr eine Annäherung an diese Art Gegenseitigkeit stattfindet. Beim Aufbau des Planes in einem Werk der schönen Literatur zum Beispiel soll­ten wir darauf sehen, die Ereignisse so anzuordnen, daß wir nicht imstande sind, von irgendeinem auszumachen, ob es von einem anderen herkommt oder ob es dieses andere herbei­geführt hat. In diesem Sinne ist natürlichVollkommenheit des Plans praktisch unerreichbar — aber nur, weil es sich um das Werk einer endlichen Intelligenz handelt. Die Pläne Gottes sind vollkommen. Das Weltall ist ein Plan Gottes.

Und nun haben wir einen Punkt erreicht, wo der Geist wie­derum genötigt ist, gegen seinen Hang zu Analogieschlüssen anzukämpfen, gegen sein an Monomanie grenzendes Begeh­ren des Unendlichen. Man hat Monde um Planeten kreisen sehen, Planeten um Sterne; und der poetische Instinkt der Menschheit — sein Instinkt fürs Symmetrische, soweit die Symmetrie nur eine Symmetrie der Oberfläche ist —, dieser Instinkt, den die Seele nicht bloß des Menschen, sondern aller geschaffenen Wesen im Anfang aus der geometrischen Grundlage der Ausstrahlung des Weltalls empfing, bringt uns zu der Vorstellung einer endlosen Ausdehnung dieses Systems von Kreisen. Wir verschließen unsere Augen vor der Deduktion wie der Induktion und bestehen darauf, uns eine kreisende Umdrehung aller Bahnen der Milchstraße um eine Riesenkugel vorzustellen, die wir für den Angelpunkt des Ganzen halten. Von jedem Haufen in dem großen Haufen von Sternhaufen nehmen wir natürlich an, daß er in der näm­lichen Weise eingerichtet und aufgebaut ist, und damit die »Analogie« vollständig sei, gehen wir dazu über, auch von die­sen Haufen wieder anzunehmen, daß sie sich um eine noch erhabenere Kugel drehen; diese letztere wiederum mit ihren Haufen, die sie umkreisen, fassen wir auf als nur eine aus einer noch herrlicheren Reihe von Agglomerationen, die ihrerseits sich um eine wieder andere Kugel im Kreise bewegen, die für sie Mittelpunkt ist — um eine Kugel, die noch viel un­aussprechlicher erhaben ist — oder, besser gesagt, eine Kugel von unendlicher Erhabenheit unendlichmal multipliziert mit dem unendlich Erhabenen. Das sind die ewig so fortgesetz­ten Umstände, die die Phantasie ausmalen und die Vernunft, wenn möglich, betrachten soll, ohne sich widerwillig von dem Gemälde abwenden zu dürfen; so verlangt es die gebie­tende Stimme dessen, was gewisse Leute »Analogie« nennen. So beschaffen ist im allgemeinen das unaufhörliche Kreisen über Kreisen, das uns die Philosophie verstehen und erklären geheißen hat, wenigstens so gut, wie wir können. Hie und da jedoch setzt uns ein Philosoph besonderen Schlages, einer, dessen Tollheit eine ganz bestimmte Wendung nimmt oder, mit Respekt zu sprechen, dessen Genie stark ausgesprochene Waschfrauenneigungen hat, indem es alles dutzendweise erle­digt — solch ein Philosoph zeigt uns ganz genau den verborge­nen Punkt, an dem die fraglichen Umdrehungsvorgänge zum Ende kommen und zum Ende kommen müssen.

Es ist vielleicht kaum der Mühe wert, über die Träumereien Fouriers auch nur zu spotten, aber in letzter Zeit ist viel die Rede gewesen von der Hypothese Mädlers — daß sich nämlich im Mittelpunkt der Milchstraße eine ungeheure Kugel befän­de, um die sich alle Systeme des Sternhaufens drehten. Die Umlaufszeit unseres eigenen Systems ist sogar mit 117Millionen Jahren angegeben worden.

Daß unsere Sonne eine Bewegung im Raum vollführt, die unabhängig ist von ihrer Drehung um sich selbst und ihrer Umdrehung um das Gravitationszentrum des Systems, ist lange vermutet worden. Diese Bewegung, ihre Existenz zu­gegeben, müßte sich perspektivisch zeigen. Die Sterne in der Gegend des Firmaments, die wir hinter uns ließen, müßten sich in einer sehr langen Reihe von Jahren zusammendrän­gen; die auf der entgegengesetzten Seite müßten sich weiter voneinander entfernen. Nun glauben wir aus der Geschichte der Astronomie dunkel erkennen zu können, daß einige dieser Erscheinungen beobachtet worden sind. Auf Grund dessen ist erklärt worden, unser System bewege sich in der Richtung eines Punktes am Himmel, der dem Stern Zeta Herculis ge­rade gegenüber sei; aber dieser Schluß ist das Äußerste, wozu wir logisch berechtigt sind. Mädler ist jedoch so weit gegan­gen, von einem einzelnen Stern, der Alkyone in den Plejaden, zu behaupten, er befinde sich an dem Fleck oder dicht bei ihm, um den herum eine allgemeine Kreisbewegung sich voll­ziehe.

Da wir nun durch die »Analogie« in erster Linie zu die­sen Träumen geführt wurden, wäre es nicht mehr als billig, daß wir uns wenigstens bis zu einem gewissen Grad an die Analogie halten, während wir sie vorführen; und dieselbe Analogie, die die Umdrehung behauptet, behauptet gleich­zeitig eine Zentralkugel, um die sie vor sich gehen soll — so weit war der Astronom konsequent. Diese Zentralsonne je­doch müßte nach den Gesetzen der Dynamik größer sein, als alle die Kugeln, die sie umgeben, zusammengenommen. Von diesen gibt es 100 Millionen. »Warum also,« so wurde natür­lich gefragt, »warum sehen wir diese ungeheure Zentralsonne nicht, deren Masse mindestens hundert Millionen mal so groß ist wie unsere Sonne — warum sehen wir sie nicht,wir ganz besonders, die wir den mittleren Teil des Haufens bewohnen — gerade die Gegend, in deren Nähe unter allen Umständen dieser unvergleichliche Stern gelegen sein müßte?« Die Antwort war schnell bei der Hand: »Er muß nichtleuchtend sein, wie unsere Planeten.« Hier wird also, um einen Zweck zu erreichen, die Analogie plötzlich fallengelassen. »Nicht doch,« könnte man sagen, »wir wissen, daß nichtleuchtende Sonnen tatsächlich existieren.« Allerdings haben wir minde­stens Grund, dies zu vermuten; aber ganz gewiß haben wir nicht den geringsten Grund zu der Annahme, die bewußten nichtleuchtenden Sonnen würden umkreist von leuchtenden Sonnen, während diese wieder von nichtleuchtenden Planeten umgeben wären — und genau das will Mädler als Analogie am Himmel finden, denn genau das stellt er sich im Fall der Milchstraße vor. Wollen wir annehmen, die Sache verhalte sich so, so müssen wir uns wohl oder übel hier ausmalen, eine wie klägliche Verlegenheit die Frage: »Warum ist es so?« allen a-priori-Philosophen bereiten muß.

Aber selbst wenn wir, trotz aller Analogie und aller Vernunft­gründe, zugäben, die ungeheure Zentralkugel könne nicht­leuchtend sein, so müssen wir doch weiter fragen, wieso diese enorme Kugel uns nicht durch die Lichtflut sichtbar gemacht wird, die von den 100 Millionen glorreichen Sonnen, die rings um sie herum glänzen, auf sie geworfen wird. Da man mit dieser Frage drängend wurde, scheint man den Gedanken an eine tatsächlich körperliche Zentralsonne einigermaßen auf­gegeben zu haben; die Spekulation beeilte sich vielmehr zu versichern, daß die Systeme des Haufens ihre Umdrehungen nur um ein immaterielles Gravitationszentrum vornähmen, das allen gemeinsam sei. Also auch hier wieder hat man, um einen Zweck zu erreichen, die Analogie fallenlassen. Die Planeten unseres Systems drehen sich allerdings um ein ge­meinsames Gravitationszentrum; aber sie tun es infolge und in Verbindung mit einer gemeinsamen Sonne, deren Masse die übrigen Teile des Systems mehr als aufwiegt.

Der mathematische Kreis ist eine Kurve, die aus unend­lich vielen geraden Linien zusammengesetzt ist. Aber die­ser Begriff des Kreises — es handelt sich, wie bei allen geo­metrischen Begriffen, hier nur um einen mathematischen Begriff, zum Unterschied von einer praktisch ausführbaren Konstruktion — ist diesmal ganz nüchtern tatsächlich eine praktische Vorstellung, und zwar eine solche, die wir einzig und allein in bezug auf den majestätischen Kreis haben dür­fen, um den es, zumindest in unserer Phantasie, sich han­delt, wenn wir annehmen, unser System drehe sich um einen Punkt inmitten der Milchstraße. Die stärkste menschliche Phantasiekraft soll den Versuch machen, zum Begreifen ei­nes so unermeßlichen Umlaufes auch nur den ersten Schritt zu tun! Es wäre kaum paradox zu sagen, daß ein Blitz, der ewig über den Umfang dieses unsagbaren Kreises dahinführe, noch immer ewig sich in gerader Linie bewegte. Daß die Bahn unserer Sonne in einem solchen Kreis für irgendeine menschliche Wahrnehmung auch nur im geringsten von der geraden Linie abwiche, selbst in einer Million Jahre, ist eine Behauptung, die man nicht begründen könnte; und doch ver­langt man von uns zu glauben, es sei eine Krümmung sichtbar geworden während der kurzen Zeit der Geschichte unserer Astronomie — während eines bloßen Moments, während des völligen Nichts von zwei- oder dreitausend Jahren.

Man kann sagen, daß Mädler in Wirklichkeit eine Krümmung in der Richtung der jetzt wohlbegründeten Bahn unserer Sonne durch den Raum festgestellt hat. Wenn ich, falls es notwendig ist, zugebe, daß diese Tatsache der Wirklichkeit entspricht, so behaupte ich, daß damit nichts bewiesen ist, als die Wirklichkeit der Tatsache einer Krümmung. Für ihrevoll­ständige Sicherstellung werden Jahrhunderte erforderlich sein; und wenn sie feststeht, wird sie irgendein binäres oder sonst­wie multiples Verhältnis zwischen unserer Sonne und einem oder mehr Nachbarsternen anzeigen. Ich riskiere indessen nichts, wenn ich prophezeie, daß man nach Ablauf vieler Jahrhunderte alle Versuche, die Bahn unserer Sonne durch den Raum zu bestimmen, aufgegeben haben wird. Dies ist leicht zu verstehen, wenn wir die unendlichen Störungen erwägen, die sie in ihren fortwährend wechselnden Beziehungen zu an­deren Bahnen bei der gemeinsamen Annäherung aller an den Kern der Milchstraße erleiden muß.

Aber wenn wir anstatt der Milchstraße andere Nebel prü­fen, wenn wir allgemein die Sternhaufen beobachten, die am Himmel zerstreut sind, finden wir dann die Bestätigung für Mädlers Hypothese, oder finden wir sie nicht?Wir finden sie nicht. Die Formen der Haufen sind außerordentlich verschie­denartig, wenn wir sie flüchtig betrachten; aber bei genauer Beobachtung mittels mächtiger Fernrohre erkennen wir sehr scharf, daß sie alle mindestens annähernd Kugelgestalt ha­ben — ihr Aufbau im allgemeinen ist nicht in Einklang mit der Idee einer Umdrehung um ein gemeinsames Zentrum.

»Es ist schwierig,« sagt Sir John Herschel, »sich irgendeine Vorstellung von der dynamischen Verfassung solcher Systeme zu machen. Einerseits ist es ohne Rotationsbewegung und Zentrifugalkraft kaum möglich, ihren Zustand für etwas an­deres zu halten als den einesfortschreitenden Zusammenbruchs. Wenn wir aber andererseits eine solche Bewegung und so eine Kraft zugeben, so finden wir keine geringere Schwierigkeit darin, ihre Formen mit der Rotation des ganzen Systems« (er meint: Haufens) »um eine einzelne Achse zu vereinbaren, ohne die doch Zusammenstöße im Innern unvermeidlich er­schienen.«

Einige Bemerkungen, die jüngst Dr. Nichol über die Nebel­flecke machte, der die kosmischen Zustände in einem ganz anderen Licht sieht als ich in dieser Abhandlung, sind ganz besonders auf den Fall, der uns hier beschäftigt, anwendbar. Er sagt:

»Wenn unsere größten Fernrohre auf die Nebelflecke gerich­tet werden, so finden wir, daß die, die wir für unregelmäßig hielten, es nicht sind; sie nähern sich der Kugelgestalt. Hier ist einer, der oval aussah; aber das Fernrohr des Lord Rosse machte ihn zu einem Kreis ... Nun finden wir einen sehr bemerkenswerten Umstand in bezug auf die vergleichsweise besonders unsteten Kreismassen der Nebelflecke. Wir fin­den, daß sie ganz und gar nicht kreisförmig sind, sondern im Gegenteil, und daß rings um sie, auf allen Seiten, Massen von Sternen sind,die sich anscheinend ausdehnen, als ob sie einer großen Zentralmasse zustrebten, infolge der Aktion irgendeiner großen Gewalt.«x

Hätte ich mit meinen eigenen Worten auszuführen, was auf Grund der Hypothese, daß alle Materie, wie ich behaupte, jetzt im Begriff ist, zu ihrer ursprünglichen Einheit zurückzukehren, notwendigerweise der gegenwärtige Zustand jedes Nebelflecks sein muß, so würde ich einfach, nahezu wörtlich, mich der Ausdrücke bedienen, die hier Dr. Nichol gebraucht, obwohl er nicht die entfernteste Ahnung der erstaunlichen Wahrheit hat, die der Schlüssel zu diesen Nebularerscheinungen ist.

Und hier möchte ich meine Position noch mehr bestärken dürfen durch die Stimme eines Mannes, der größer ist als Mädler — eines Mannes überdies, für den all die Angaben Mädlers seit langem vertraute Dinge waren, die er sorgsam und gründlich erwogen hat. Im Hinblick auf die sorgfälti­gen Berechnungen Argelanders, dessen Untersuchungen die Grundlage für Mädler abgegeben haben, macht Humboldt, dessen Kunst zu generalisieren, aus den Einzeltatsachen um­fassende Ideen zu entwickeln, vielleicht nie ihresgleichen hatte, die folgende Bemerkung:

»Betrachtet man die nicht perspektivischen eigenen Bewe­gungen der Sterne, so scheinen viele gruppenweise einander in der Richtung entgegengesetzt; und die bisher gesammelten Tatsachen machen es zumindest nicht notwendig, anzuneh­men, daß alle Teile unserer Sternenschicht oder gar der ge­samten Sterneninseln, welche den Weltraum füllen, sich um einen großen, unbekannten leuchtenden oder dunklen Zentralkörper bewegen. Das Streben nach den letzten und höchsten Grundursachen macht freilich die reflektierende Tätigkeit des Menschen, wie seine Phantasie, zu einer solchen Annahme geneigt.«

Die Erscheinung, auf die hier hingewiesen wird — daß »viele Sterne gruppenweise einander in der Richtung entgegenge­setzt« sind —, ist durch Mädlers Idee ganz und gar nicht zu erklären; jedoch geht sie als notwendige Folge aus dem her­vor, was die Grundlage dieser Abhandlung bildet. Während die bloß allgemeine Richtung eines jeden Atoms, eines jeden Mondes, Planeten, Sternes oder Haufens nach meiner Hypothese natürlich absolut geradlinig wäre, während die allgemeine Bahn aller Körper eine gerade Linie wäre, die zu aller Zentrum führte, ist es trotzdem klar, daß dieser allge­meinen Geradlinigkeit etwas beigegeben ist, was man ohne Übertreibung eine Unendlichkeit einzelner Kurven nennen kann, eine Unendlichkeit lokaler Abweichungen von der Geradlinigkeit — das Ergebnis fortwährender Verschiebungen in der relativen Lage der zahllosen Massen, je nachdem jede auf ihrem eigenen besonderen Weg zum Ende vorschreitet.

Ich zitierte vorhin die folgenden Worte Sir John Herschels in bezug auf die Sternhaufen: »Einerseits ist es ohne Rotations­bewegung und Zentrifugalkraft kaum möglich, ihren Zu­stand für etwas anderes zu halten als den einesfortschreiten­den Zusammenbruchs.« Es ist Tatsache, daß wir es, wenn wir die »Nebelflecke« mit einem starken Fernrohr beobach­ten, ganz unmöglich finden werden, diesen Gedanken des »Zusammenbruchs«, wenn wir ihn erst gefaßt haben, nicht an allen Enden bestätigt zu finden. Ein Kern ist immer sicht­lich, in dessen Richtung sich die Sterne zu stürzen scheinen; auch können diese Kerne durchaus nicht fälschlich für bloß perspektivische Erscheinungen gehalten werden — die Haufen sind tatsächlich dichter in der Nähe des Zentrums, zerstreu­ter in den Teilen, die weiter davon entfernt sind. Mit einem

Wort, wir sehen alles, wie wir es sehen müßten, wenn ein Zusammenbruch vorläge; dagegen muß im allgemeinen von diesen Haufen gesagt werden, daß wir von Rechts wegen auf Grund des Augenscheins nur dann die Idee einerKreisbewegung um ein Zentrum hegen können, wenn wir annehmen, daß möglicherweise in den entfernten Bezirken des Raumes dyna­mische Gesetze gelten, von denen wir nichts wissen.

Bei Herschel jedoch bemerken wir ein offenbares Wider­streben, die Nebelflecke als »in einem Zustande fortschreiten­den Zusammenbruchs« befindlich zu betrachten. Aber wenn Tatsachen, wenn der Augenschein die Vermutung, daß sie in diesem Zustand sind, rechtfertigen, warum, so mag wohl ge­fragt werden, ist er abgeneigt, es zuzugeben? Lediglich auf Grund eines Vorurteils; bloß weil die Annahme einem vor­gefaßten und äußerst grundlosen Begriff widerstreitet — dem Begriff der Endlosigkeit, des ewigen Bestandes des Weltalls.

Wenn die Behauptungen dieser Abhandlung haltbar sind, so ist der »Zustand fortschreitenden Zusammenbruchs« ge­nau der, den wir einzig und allein allen Dingen zuzuschrei­ben befugt sind; und mit gebührender Bescheidenheit möch­te ich hier bekennen, daß ich für mein Teil nicht verstehen kann, wie irgendeine andere Auffassung der tatsächlichen Sachlage jemals ins Menschenhirn eindringen konnte. »Die Tendenz des Zusammenbruchs« und »die Attraktion der Gravitationskraft« sind Ausdrücke, die man miteinander ver­tauschen kann. Wenn wir den einen oder den anderen anwen­den, so sprechen wir von der Reaktion auf den ersten Akt. Nie war eine Notwendigkeit weniger dringend als die Annahme, die Materie sei mit einer unausrottbaren Eigenschaft begabt, die einen Teil ihrer materiellen Natur bilde, einer Eigenschaft oder einem Trieb, die ewig untrennbar von ihr seien, einem unveräußerlichen Prinzip, kraft dessen jedes Atom fortwäh­rend getrieben werde, sein Bruder-Atom zu suchen. Nie war eine Notwendigkeit weniger dringend als die, so eine unphi­losophische Idee zu haben. Schreiten wir keck über das vul­gäre Denken hinaus und begreifen wir metaphysisch, daß das Gravitationsprinzipzeitweise zur Materie gehört — nur weil sie zerstreut ist, nur weil sie als Vielheit existiert anstatt als Einheit —, daß es zu ihr gehört allein auf Grund dessen, daß sie ausgestrahlt ist, mit einem Wort: daß es ganz und gar zu ihrem Zustand gehört, und nicht im geringsten zu ihr selbst. Nach dieser Auffassung wird das Gravitationsprinzip, wenn die Ausstrahlung zu ihrer Quelle zurückgekehrt ist und die Reaktion vollendet ist, nicht länger mehr existieren. Und in der Tat gibt es Astronomen, die zwar keineswegs den hier vor­getragenen Gedanken erfaßt haben, die sich ihm aber doch genähert zu haben scheinen, indem sie erklären, daß es »un­möglich wäre, die Geltung des Gravitationsprinzips zu ver­stehen, wenn es nur einen einzigen Körper im Weltall gäbe«; das heißt, aus ihrer Auffassung der Materie heraus kommen sie zu einem Schluß, zu dem ich auf deduktivem Wege ge­lange. Daß aber eine so erkenntnisschwangere Einsicht wie die eben zitierte so lange unfruchtbar bleiben konnte, ist ein Geheimnis, das zu ergründen mir schwerfällt.

Vielleicht jedoch ist es in hohem Grade unser Hang zum Ununterbrochenen, zum Analogen — im vorliegenden Fall eigentlich mehr zum Symmetrischen —, was uns irregeführt hat. Und in der Tat ist der Sinn für Symmetrie ein Instinkt, auf den man sich fast mit blindem Vertrauen verlassen kann. Er ist die poetische Essenz des Weltalls, das in der Majestät seiner Symmetrie nichts anderes ist als das erhabenste Gedicht. Nun sind Symmetrie und Übereinstimmung gleichbedeuten­de Ausdrücke — also sind Poesie und Wahrheit eins. Etwas ist übereinstimmend, zutreffend im Verhältnis seiner Wahrheit — wahr im Verhältnis seiner Übereinstimmung. Eine vollständige Übereinstimmung, ein völliges Zutreffen kann nichts anderes sein, ich wiederhole es, als absolute Wahrheit. Wir können es also als zugestanden betrachten, daß der Mensch nicht lange oder weit in die Irre gehen kann, wenn er sich von seinem poetischen Instinkt, von dem ich sage, er sei identisch mit seinem Wahrheitsinstinkt, weil er ein Instinkt für Symmetrie ist, leiten läßt. Jedoch muß er sich hüten, daß er nicht unacht­sam bloß auf die oberflächliche Symmetrie von Formen und Bewegungen aus ist und dadurch die wirklich wesentliche Symmetrie der Prinzipien, die jene bestimmen und regulieren, übersieht.

Daß alle Gestirne schließlich zu einem verschmelzen, daß zuletzt alles in die Substanzeiner einzigen ungeheueren Zentral­kugel, die bereits existiert, hineingezogen wird, dieser Idee scheint die Phantasie der Menschheit in einer vergangenen Epoche vage und unbestimmt zugetan gewesen zu sein. In der Tat ist es eineaußerordentlich einleuchtende Idee. Sie ent­springt spontan aus einer ganz oberflächlichen Betrachtung der kreisförmigen und scheinbarsich drehenden oderwirbeln­den Bewegungen der besonderen Teile des Weltalls, die sich unserer Beobachtung am unmittelbarsten und nächsten dar­bieten. Es gibt vielleicht keinen Menschen von gewöhnlicher Bildung und nur durchschnittlicher Reflexionsgabe, dem sich nicht zu gewisser Zeit diese Phantasie aufgedrängt hätte, als ob sie spontan käme oder intuitiv, mit allen Kennzeichen einer sehr tiefen und ursprünglichen Einsicht. Diese Einsicht je­doch, so allgemein verbreitet sie ist, ist meines Wissens nie aus abstrakten Erwägungen hervorgegangen; da sie im Gegenteil, wie gesagt, aus den wirbelnden Bewegungen um Mittelpunkte geschöpft wurde, suchte man auch die Begründung, die Ursache für die Sammlung aller Kugeln in einer,die man be­reits existierend wähnte, natürlich in der nämlichen Richtung, unter diesen Kreisbewegungen selbst.

So geschah es, daß die Ankündigung von der allmählichen und vollkommen regelmäßigen Abnahme, die man in der Bahn des Enckeschen Kometen bei jeder erneuten Umdrehung um unsere Sonne beobachtete, bei den Astronomen die fast ein­hellige Meinung erzeugte, die fragliche Ursache sei gefunden und ein Prinzip sei entdeckt, das genüge, um das schließliche Zusammenfallen des ganzen Weltalls physikalisch zu erklären, das — ich wiederhole es — der analogische, symmetrische oder poetische Instinkt des Menschen von vornherein entschlossen war als etwas Bedeutungsvolleres denn eine bloße Hypothese aufzufassen.

Diese Ursache, dieser zureichende Grund für die schließ­liche Zusammenballung sollte in einem ausnehmend feinen, aber doch noch materiellen Medium bestehen, das den Raum durchdringe; dieses Medium sollte dadurch, daß es bis zu einem gewissen Grad den Kometen in seinem Lauf aufhielt, fortwährend seine Tangentialkraft schwächen und so der Zentripetalkraft das Übergewicht geben, die dann natürlich den Kometen bei jeder Umdrehung der Sonne mehr und mehr nähern und ihn eventuell in sie hineinschleudern müßte.

All das war streng logisch — das Medium oder den Äther vorausgesetzt. Zu diesem Äther aber war man sehr unlo­gisch gekommen, auf Grund der Annahme, daß kein an­derer Modus als der eine entdeckt werden könne, der dazu diente, die beobachtete Abnahme in der Bahn des Kometen zu erklären — als ob aus der Tatsache, daß wir keine andere Erklärungsart entdecken konnten, irgendwie folgte, es sei keine andere Erklärungsart möglich! Es ist klar, daß zahllose Ursachen in ihrem Zusammentreffen es bewirken könnten, die Bahn zu verkleinern, ohne daß es vielleicht für uns mög­lich wäre, auch nur eine davon kennenzulernen. Mittlerweile ist aber vielleicht nie richtig gezeigt worden, warum nicht die Hemmung, die der Komet am Rande der Sonnenatmosphäre erleidet, durch die er in seiner Sonnennähe hindurchgeht, eine genügende Erklärung für die Erscheinung sein soll. Daß Enckes Komet von der Sonne verschlungen werden wird, ist wahrscheinlich: daß alle Kometen des Systems schließlich ver­schlungen werden, ist mehr als bloß möglich; aber in diesem Fall muß das Prinzip der Vernichtung auf die Besonderheit der Umlaufbahn zurückgeführt werden — darauf, daß die Kometen in ihrer Sonnennähe eng an die Sonne herankom­men. Es ist ein Prinzip, das nicht im geringsten die gewichtigen Kugeln berührt, die die eigentlichen materiellen Bestandteile des Weltalls sind. Was die Kometen im allgemeinen angeht, so möchte ich hier beiläufig bemerken, daß wir nicht sehr fehlgehen werden, wenn wir sie als dieBlitze des kosmischen Himmels betrachten.

Die Idee eines hemmenden Äthers und einer in Verbindung damit vor sich gehenden schließlichen Zusammenballung aller Dinge schien ein einziges Mal durch die Beobachtung einer positiven Abnahme in der Bahn des Mondes — der fest ist — bestätigt zu werden. Man stützte sich auf Berichte über

Finsternisse, die vor 2500 Jahren stattgefunden hatten und bei denen es sich ergab, daß die Umdrehungsgeschwindigkeit des Trabanten damals beträchtlich geringer war als heute, so daß er, vorausgesetzt, daß seine Bahnbewegung genau dem Keplerschen Gesetze entspricht und damals, vor 2 500 Jahren, genau bestimmt wurde, jetzt beinahe 9 000 Meilen weiter vor­an ist, als er sein sollte. Das Anwachsen der Geschwindigkeit bewies natürlich eine Verkleinerung der Bahn, und die Astro­nomen waren drauf und dran zu glauben, die Annahme des Äthers sei die einzige Erklärungsart für diese Erscheinung, als Lagrange ihnen zu Hilfe kam. Er zeigte, daß auf Grund der Gestaltung der Sphäroide die kürzere Achse ihrer Ellipsen eine veränderliche Länge aufweisen müsse, während die län­gere Achse unverändert bleibe; er zeigte ferner, daß diese Veränderung dauernd und vibrierend sei, so daß jede Bahn in einem Zustand des Überganges entweder vom Kreis zur Ellipse oder von der Ellipse zum Kreis sei. Im Fall des Mondes, wo die kleinere Achse im Abnehmen begriffen ist, geht die Bahn vom Kreis zur Ellipse über und nimmt daher ebenfalls ab; aber wenn nach einer langen Reihe von Jahren der äußerste Grad der Exzentrizität erreicht ist, dann beginnt die kürzere Achse wieder zuzunehmen, bis die Bahn zum Kreis wird, worauf der Prozeß der Verkürzung von neuem beginnt, und so immer weiter. Im Fall der Erde geht die Bahn von der Ellipse zum Kreis über. Die so aufgeklärten Tatsachen machen natürlich jeglicher Notwendigkeit, einen Äther anzunehmen, und jeder Besorgnis, das System sei um des Äthers willen in Gefahr, in die Brüche zu gehen, ein Ende.

Man wird sich erinnern, daß ich selbst etwas angenommen habe, was wir Äther nennen können. Ich habe von einem feinenEinfluß gesprochen, von dem wir wissen, daß er immer bei der Materie ist, obwohl er sich erst durch die Heterogenität der Materie zeigt. Auf diesenEinfluß habe ich, ohne daß ich wagte, an den Versuch einer Erklärung seiner Ehrfurcht ge­bietenden Natur zu rühren, die verschiedenen Erscheinungen der Elektrizität, der Wärme, des Lichtes, des Magnetismus und sogar der Lebenskraft, des Bewußtseins und des Denkens zurückgeführt — mit einem Wort: des Psychischen. Man wird nun sofort sehen, daß der so aufgefaßte Äther und der Äther der Astronomen von Grund aus verschieden sind, sofern der ihreMaterie ist und meiner nicht.

Mit der Idee eines materiellen Äthers scheint der Gedanke an eine Zusammenballung des Weltalls vollständig aufgegeben, der so lange von der poetischen Phantasie der Menschheit ge­hegt worden war — die Zusammenballung, an die zu glauben eine gesunde Philosophie durchaus berechtigt gewesen wäre, mindestens bis zu einem gewissen Grade, wenn auch aus kei­nem anderen Grund als dem, daß die poetische Phantasie sich für sie ausgesprochen hatte. Aber soweit die Astronomie, soweit bloße Physik bisher gesprochen hat, haben die Kreise des Weltalls kein vorstellbares Ende. Wäre indessen ein Ende auf Grund einer so unwesentlichen Ursache, wie ein solcher Äther sie vorstellt, erwiesen worden, so hätte sich der Instinkt des Menschen für die Anpassungsfähigkeit Gottes gegen die­sen Beweis aufgelehnt. Wir hätten uns genötigt gesehen, das Weltall mit jenem Mißfallen zu betrachten, das wir empfin­den, wenn wir ein unnötig kompliziertes Werk menschlicher Technik ansehen. Die Schöpfung hätte auf uns einen ähn­lichen Eindruck gemacht wie der unvollkommene Plan in einem Roman, wo der Knoten plump mit Hilfe eingemengter

Zwischenfälle geschürzt ist, die der eigentlichen Fabel fremd und äußerlich angeklebt sind, wo doch die Verwicklung aus dem Schoß der These, aus dem Herzen der leitenden Idee ent­springen müßte, wo sie als Resultat aus dem Grundgedanken hervorgehen müßte, als untrennbarer und notwendiger Teil und Zubehör der ursprünglichen Konzeption des Buches.

Was ich unter der bloßen Oberflächensymmetrie verstan­den wissen will, wird nun deutlicher einzusehen sein. Nur die Verlockung dieser Symmetrie ist schuld daran, daß wir mit der allgemeinen Idee in die Irre geführt wurden, von der Mädlers Hypothese nur ein Teil ist — der Idee der wirbelnden Verengerung der Bahnen. Die Symmetrie des Prinzips dage­gen verwirft diese rein physikalische Vorstellung und sieht das Ende aller Dinge in dem Begriff des Anfangs metaphysisch inbegriffen; sie sucht und findet in diesem Ursprung aller Dinge denAnsatz dieses Endes und weiß, daß es frivol wäre, anzunehmen, dieses Ende trete weniger einfach, weniger un­mittelbar, weniger deutlich, weniger künstlerisch ein als in Formder Reaktion auf den urersten Schöpfungsakt.

Kommen wir nunmehr auf eine frühere Annahme zurück, und fassen wir die Systeme, fassen wir jeden Stern mit den Planeten, die ihn begleiten, nur als ein riesenhaftes Atom auf, das im Raum mit genau derselben Neigung zur Einheit lebt, die im Anfang die wirklichen Atome nach ihrer Ausstrahlung in die Weltenkugel auszeichnete. Wie diese ursprünglichen Atome gegeneinanderschossen in Linien, die im allgemeinen gerade waren, so wollen wir uns auch als mindestens im allge­meinen geradlinig die Wege der einzelnen System-Atome zu ihren Aggregationszentren vorstellen; und in diesem unmit­telbaren Zusammenfinden, wie die Systeme sich zu Haufen vereinigen, wie ebenso und gleichzeitig die Haufen sich zu­sammenfinden und die Konsolidierung fortschreitet — darin haben wir nun endlich das große Jetzt erreicht, die furchtbare Gegenwart, den augenblicklichen Zustand des Weltalls.

Von der noch schrecklicheren Zukunft können wir an Hand einer nicht unerlaubten Analogie eine Hypothese aus­gestalten. Da das Gleichgewicht zwischen Zentripetal- und Zentrifugalkräften in jedem System beim Eintritt einer ge­wissen Annäherung an den Kern des Haufens, zu dem es gehört, notwendig zerstört werden muß, müssen danach so­fort chaotisch oder scheinbar chaotisch die Monde auf die Planeten, die Planeten auf die Sonnen und die Sonnen auf die Kerne losstürzen, und das allgemeine Ergebnis dieses Sturzes muß die Ansammlung der Myriaden jetzt existierender Sterne zu einer beinahe unendlich geringeren Zahl von beinahe un­endlich größeren Kugeln sein. Die Welten jener Zeit werden unermeßlich größer sein als die unseren, aber es wird ihrer unermeßlich weniger geben. Dann werden wahrhaftig aus unergründlichen Schlünden ungeheure Sonnen aufstrahlen. All diese Herrlichkeit aber wird nur eine Stufe sein, die das große Ende verkündet. Dieses Ende kann die neue Genesis, die ich beschrieb, nur kurze Zeit aufhalten. Während sie sich vereinigten, sind die Sternhaufen mit unerhört anwachsen­der Schnelligkeit ihrem eigenen gemeinsamen Mittelpunkt zugeschossen, und nun, mit vertausendfachter elektrischer Geschwindigkeit, die nur ihrer eigenen Körpergröße und der seelenhaften Leidenschaft ihres Einheitssehnens entspricht, flammen die königlichen Trümmer des Sternenheeres end­lich in ihre allvereinende Umarmung. Die unvermeidliche Katastrophe ist da.

Diese Katastrophe aber — was ist sie? Wir haben die Vereinigung der Kugeln vollendet gesehen. Müssen wir jetzt nicht annehmen, daßeine einzige materielle Kugel aus Kugeln das Weltall bildet und umfaßt? Eine solche Vorstellung wür­de völlig jeder Annahme und Auffassung dieser Abhandlung widerstreiten.

Ich habe bereits von der vollständigenGegenseitigkeit der Anpassung gesprochen, die das große Kennzeichen der göttli­chen Kunst ist, ihr den Stempel des Göttlichen aufdrückt. Bis zu diesem Wendepunkt unserer Betrachtung haben wir den elektrischen Einfluß als ein Etwas betrachtet, kraft dessen Repulsion allein die Materie befähigt wird, in dem Zustand der Zerstreuung zu existieren, der für die Erfüllung ihrer Zwecke notwendig ist; bis jetzt, mit einem Wort, haben wir den be­wußten Einfluß um der Materie willen eingesetzt sein lassen, um den Zielen der Materie behilflich zu sein. Auf Grund der Gegenseitigkeit, die anzunehmen wir vollkommen befugt sind, betrachten wir jetzt die Materie als einzig und alleinum dieses Einflusses willen geschaffen, einzig und allein um den Zielen dieses psychischen Äthers zu dienen. Durch die Hilfe, vermittelst und durch das Dazwischentreten der Materie, und kraft ihrer Heterogenität wird dieser Äther offenbar, wird der Geistindividualisiert. Nur in der Entfaltung dieses Äthers, durch die Heterogenität geschieht es, daß besondere Stoffe der Materie belebt und empfindend werden, und zwar nur im Verhältnis der Heterogenität —, wobei einige einen Grad der Empfindung erreichen, der das einschließt, was wirDenken nennen —, und zum Bewußtsein aufsteigen.

Von diesem Standpunkt aus sind wir imstande, die Materie als Mittel aufzufassen — nicht als Ziel. Man sieht so, daß ihre

Zwecke in ihrer Zerstreuung liegen; und mit der Rückkehr zur Einheit hören diese Zwecke auf. Die absolut zu eins ge­wordene Kugel der Kugeln wäre zwecklos, gegenstandslos; daher könnte sie nicht einen Augenblick länger existieren. Die Materie, die um eines Zweckes willen geschaffen wurde, wäre ohne Frage nach Erreichung dieses Zweckes keine Materie mehr. Bemühen wir uns zu verstehen, daß sie verschwinden wird und daß Gott bleibt, allein und absolut.

Daß jedes gotterzeugte Werk mit seiner besonderen Bestim­mung stehen und fallen muß, scheint mir einleuchtend, und ich zweifle nicht, daß die meisten meiner Leser, wenn sie mer­ken, daß die schließliche Kugel von Kugeln zwecklos und gegenstandslos wäre, sich mit meiner Folgerung: »Also kann sie nicht länger existieren,« zufriedengeben werden. Nichts­destoweniger wollen wir, da der verblüffende Gedanke ihres augenblicklichen Verschwindens der Art ist, daß auch von dem intelligentesten Kopf nicht verlangt werden kann, er solle ihn auf Grund so bloßer Abstraktion fassen, uns bemühen, die Idee von einem anderen und gewöhnlicheren Gesichtspunkt aus zu betrachten: wir wollen sehen, wie vollkommen und wunderbar sie bestätigt wird durch eine Anschauung der Materieaposteriori, wie wir sie tatsächlich vorfinden.

Ich habe früher gesagt, »daß wir, da Attraktion und Repulsion unleugbar die einzigen Attribute sind, durch die die Materie sich unserer Erkenntnis offenbart, völlig zu der Annahme berechtigt sind, die Materie existiere nur als Attraktion und Repulsion, mit andern Worten, daß Attraktion und Repulsion die Materiesind, da wir uns keinen Fall denken können, in dem wir nicht das Wort ›Materie‹ und die Wörter ›Attraktion‹ und ›Repulsion‹ zusammengenommen als gleichbedeutende logische Bezeichnungen anwenden und also auch miteinan­der vertauschen dürften.«

Nun bedingt die Definition der Attraktion Besonderheit, also das Vorhandensein von Teilen, Teilchen oder Atomen; denn wir definieren sie als die Tendenz »jedes Atoms zu jedem anderen Atom«, entsprechend einem bestimmten Gesetz. Natürlich, wo es keine Teile gibt, wo absolute Einheit ist, wo der Tendenz zur Einheit Genüge getan ist, da kann es kei­ne Attraktion geben; dies ist völlig erwiesen, und das lehrt jede Philosophie. Wenn also nach Erreichung ihrer Zwecke die Materie in ihren ursprünglichen Zustand zurückgekehrt sein wird, welcher Zustand die Austreibung des trennenden Äthers voraussetzt, dessen Bereich und dessen Brauchbarkeit sich darauf beschränken, die Atome bis zu dem großen Tage auseinanderzuhalten, an dem dieser Äther nicht länger be­nötigt wird und das überwältigende Drängen der schließlich allumfassenden Attraktion endlich so stark sein wird, daß sie ihn austreibt — wenn, sage ich, die Materie endlich den Äther ausgetrieben hat und zur absoluten Einheit zurückgekehrt sein wird, so wird sie (um es für den Augenblick paradox auszudrücken) Materie ohne Attraktion und ohne Repulsion sein — mit anderen Worten: Materie ohne Materie, noch anders gesagt: nicht mehr Materie. Indem sie in die Einheit versinkt, sinkt sie zugleich in das Nichts, das die Einheit für jede endliche Vernunft sein muß — in das Nichtsein der Materie, aus der sie für unsere Fassungskraft einzig und allein hervorgerufen sein kann,geschaffen durch den Willen Gottes.

Ich wiederhole also: Bemühen wir uns, zu verstehen, daß die letzte Kugel der Kugeln augenblicklich verschwinden wird und daß Gott allein als Herr aller Dinge bestehen bleibt.

Aber soll es hier aufhören? Nicht doch. Wir können getrost annehmen, daß auf die Zusammenballung und Auflösung des Weltalls eine neue und vielleicht völlig andere Reihe von Zuständen folgt — eine andere Schöpfung und Ausstrahlung, die in sich selbst zurückkehrt, eine andere Aktion und Reak­tion des göttlichen Willens. Lassen wir unsere Phantasie von dem allwaltenden Gesetz der Gesetze, dem Gesetz der Periodizität leiten, sind wir dann nicht mehr als berechtigt, den Glauben zu haben, sagen wir lieber: die Hoffnung zu hegen, daß die Vorgänge, denen wir hier nachzusinnen wag­ten, sich immer aufs neue wiederholen, bis in alle Ewigkeit, daß ein neues Weltall ins Dasein tritt und dann in nichts zerfällt — bei jedem Schlag des Gottesherzens?

Aber dieses Gottesherz — was ist es?Es ist unser eigenes.

Möge die scheinbare Ehrfurchtslosigkeit dieses Gedankens unsere Seelen nicht abschrecken; prüfen wir ihn kühl und bewußt, in tief geruhsamer Selbsterforschung, denn nur so können wir hoffen, zu dieser erhabensten aller Wahrheiten zu gelangen und ihr frei ins Gesicht zu blicken.

Die Erscheinungen, auf die an dieser Stelle unsere Schlüsse bauen, sind nur geistige Schatten, aber darum doch von Grund aus gegenständlich.

Wir wandeln dahin durch die Schicksale unseres Weltenseins, umkreist von dunklen und doch niemals schwindenden Erin­nerungen an ein größeres Schicksal, das weit, weit in vergan­gene Zeiten zurückreicht und unendlich heilig, unendlich furchtbar ist.

Wir verleben eine Jugend, die seltsam heimgesucht von sol­chen Träumen ist; doch nicht als Träume nehmen wir sie hin. Wirwissen, daß es Erinnerungen sind. Solange wir jung sind, ist der Unterschied zu klar, als daß wir uns nur einen Augenblick täuschen könnten.

Solange diese Jugend dauert, istdas Gefühl unserer persön­lichen Existenz das natürlichste aller Gefühle. Wir verstehen es von Grund aus. Daß es eine Zeit gegeben haben soll, in der wirnicht lebten, oder daß es so hätte kommen können, daß wir überhaupt nie gelebt hätten — das sind Betrachtungen, die wirin dieser Jugend schwer verstehen. Warum wir nicht leben sollten, diese Frage ist,bis zum Beginn unseres Mannesalters, von allen am wenigsten zu beantworten. Die Existenz, die per­sönliche Existenz, die Existenz von jeher und in alle Ewigkeit erscheint uns bis zum Beginn des Mannesalters als der selbst­verständliche und unbestreitbare Zustand — er erscheint uns so, weil es so ist.

Doch nun kommt die Zeit, da konventionelle Weltweisheit uns aus der Wahrheit unseres Traums erweckt. Zweifel, Stau­nen und Nichtfassenkönnen stellen sich gleichzeitig ein. Sie sagen: »Du lebst, und es gab eine Zeit, wo du nicht lebtest. Du bist erschaffen worden. Es gibt einen Geist, der größer ist als der deine, und durch diesen Geist nur lebst du überhaupt.« Wir ringen darum, diese Dinge zu fassen, aber wir können es nicht; wirkönnen es nicht, weil diese Dinge, da sie unwahr sind, niemals zu begreifen sind.

Es lebt kein denkender Mensch, der nicht einmal, in einem lichten Moment seines Gedankenlebens, sich verloren ge­fühlt hätte inmitten der Brandung vergebenen Bemühens, zu fassen, zu glauben, es gebe irgend etwas, dasgrößer sei als seine eigene Seele. Die äußerste Unmöglichkeit, daß irgend­eines Menschen Seele sich geringer fühle als eine andere, die heftige, erschütternde Unlust und Empörung gegen diesen

Gedanken — das alles und dazu das allbeherrschende Streben nach Vollendung, ist nur das geistige, mit dem Materiellen zusammenfallende Ringen um die ursprüngliche Einheit; es ist, für meinen Geist wenigstens, ein Zeugnis, das bei wei­tem alles hinter sich läßt, was der Mensch Beweis nennt, ein Zeugnis dafür, daß keine Seele geringer ist als eine andere, daß nichts größer ist, größer sein kann als irgendeine Seele, daß jede Seele, als Teil, ihr eigener Gott, ihr eigener Schöpfer ist — mit einem Wort: daß Gott — der materielle und geisti­ge Gott — jetzt einzig und allein in der zerstreuten Materie und dem zerstreuten Geist des Weltalls existiert und daß die Wiedervereinigung dieser zerstreuten Materie und dieses zer­streuten Geistes nur die Wiederherstellung desrein geistigen und individuellen Gottes ist.

In dieser Deutung, und nur in dieser Deutung, begreifen wir die Rätsel göttlicher Ungerechtigkeit, des unerbittlichen Schicksals. In dieser Deutung allein wird das Dasein des Bösen begreiflich; in dieser Deutung aber wird es mehr als begreiflich — es wird erträglich. Unsere Seelen empören sich nicht länger gegen einLeid, das wir uns selber auferlegt haben zur Förderung unserer eigenen Ziele, in der Absicht — wenn auch nur unbestimmten Absicht — , unsere eigeneFreude zu vergrößern.

Ich habe von denErinnerungen gesprochen, die uns in un­serer Jugend heimsuchen. Manchmal verfolgen sie uns auch noch in unserm Mannesalter, nehmen mehr und mehr be­stimmte Züge an, reden dann und wann mit leisen Stimmen zu uns und sagen:

»Es war einmal in der Nacht der Zeiten, da gab es ein Wesen, das noch da ist — eines aus der absolut unendlichen

Zahl ähnlicher Wesen, die die absolut unendlichen Bereiche des absolut unendlichen Raumes bevölkern. Es stand nicht und steht nicht in der Macht dieses Wesens — so wenig wie in eurer eigenen —, durch tatsächliches Wachstum die Freude seines Daseins zu vergrößern; aber gerade wie es in eurer Macht steht, eure Genüsse auszudehnen oder zusammenzu­ziehen (wobei die Summe des Glücks immer dieselbe bleibt), so eignete und eignet das gleiche Vermögen diesem göttlichen Wesen, das seine Ewigkeit in beständiger Abwechslung zwi­schen dem in sich zurückgezogenen Selbst und der fast un­endlichen Selbstzerstreuung hinbringt. Was ihr das Weltall nennt, ist nur sein gegenwärtiger Zustand der Ausdehnung. Es fühlt jetzt sein Leben in einer Unendlichkeit unvoll­kommener Freuden, der teilweisen und schmerzvermengten Freuden der unbegreiflich zahllosen Dinge, die ihr als seine Geschöpfe bezeichnet, doch die in Wahrheit nur unendliche Individualisierungen seiner selbst sind. All diese Geschöpfe, alle, die ihr belebt nennt, und ebenso die, denen ihr das Leben absprecht, aus keinem besseren Grund, als weil ihr keine Wirksamkeit ihres Lebens gewahret —all diese Geschöpfe haben in größerem oder geringerem Maß die Fähigkeit, Lust und Schmerz zu empfinden;die Summe ihrer Empfindungen aber ist genau dieselbe Menge Glück, die von Rechts wegen dem göttlichen Wesen zukommt, wenn es sich in sich selbst zurückge­zogen hat. Diese Geschöpfe sind alle mehr oder weniger be­wußt, bewußt erstlich ihres eigenen Selbst; bewußt, zweitens und nur durch schwaches, flüchtiges Ahnen, der Identität mit dem göttlichen Wesen, von dem wir sprechen — der Identität mit Gott. Man stelle sich vor, daß von diesen beiden Arten des Bewußtseins während der langen Reihe von Jahrhunderten, die vergehen müssen, bevor diese Myriaden individueller Geistwesen in eins verschmelzen — wenn die strahlenden Sterne in eins verschmelzen —, die erstere schwächer, die letz­tere stärker wird. Man denke sich, daß der Sinn für die in­dividuelle Identität allmählich untertaucht in das allgemeine Bewußtsein, daß der Mensch zum Beispiel unmerklich auf­hört, sich als Mensch zu fühlen, und schließlich jene trium­phale und großartige Epoche erreicht, in der er sein Dasein als das Jehovas erkennt. Mittlerweile bewahrt es in eurer Seele, daß alles Leben ist — Leben — Leben im Leben — das kleinere im größeren — und alles im göttlichen Geist.«




Endnoten

i Kant wird dann zu Cant (cant bedeutet sowohl Scheinheiligkeit als auch Jargon).


ii hog bedeutet Schwein; Anspielung auf Bacon de Verulam (bacon — Schweinespeck). (Anmerkungen des Übersetzers)


iii »Der Mord in der Rue Morgue«.


iv Kurz ausgedrückt: die Kugeloberflächen verhalten sich wie die Quadrate ihrer Radien.


v Eine Kugel ist notwendig begrenzt. Ich ziehe die Tautologie der Gefahr der Mißdeutung vor.


vi Laplace erklärte seine Nebelmassen für heterogen, nur, um so das Losbrechen der Ringe begründen zu können; denn wären die Nebelmassen homogen gewesen, so wären sie nicht gebrochen. Ich er­reiche dasselbe Resultat (Heterogenität der sekundären Massen, die un­mittelbar aus den Atomen hervorgehen) lediglich aus einer Betrachtung a priori ihrer Grundtendenz — Beziehung, gegenseitige Bedingtheit.


vii Ich habe die Absicht zu zeigen, daß die regelwidrige Umdrehung der Satelliten des Uranus lediglich eine perspektivische Anomalie ist, die aus der Neigung der Achse des Planeten zu erklären ist.


viii Views of the Architecture of the Heavens. Ein Brief, der von Dr. Nichol an einen Freund in Amerika gerichtet sein soll und die erwähnte »Notwendigkeit« zugab, machte vor zwei Jahren, glaube ich, die Runde durch unsere Zeitungen. In einer späteren Vorlesung jedoch scheint Dr. N. auf seine Art mit der Notwendigkeit fertig geworden zu sein; er entsagt der Theorie nicht ganz, obwohl er zu wünschen scheint, sie verächtlich als »bloße Hypothese« behandeln zu können. Was war das Gravitationsgesetz anderes vor den Experimenten Maskelynes? Wer aber bezweifelte selbst damals das Gravitationsgesetz?


ix Es ist nicht unmöglich, daß eine unvorhergesehene Verbesserung der op­tischen Instrumente uns unter unzähligen Abarten von Systemen etwa eine leuchtende Sonne zeigen wird, die von leuchtenden und nicht-leuch­tenden Ringen umgürtet ist und von innerhalb, außerhalb und zwischen diesen Ringen kreisenden Planeten, leuchtend und nicht-leuchtend, die von Monden begleitet sind, die wieder Monde haben - und selbst diese letzteren vielleicht auch noch von Monden umschwebt.


x Man muß verstehen, daß ich hauptsächlich nur den Teil von Mädlers Hypothese leugne, der sich auf die Kreisbahnen bezieht. Natürlich wird eine große Zentralkugel, wenn sie jetzt nicht in unserem Haufen existiert, später vorhanden sein. Wann immer sie aber existiert, sie wird nur der Kern der Konsolidation sein.