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Jacob Elias Poritzky – Bachar Japhet

Gespenstergeschichte

aus: Jacob Elias Poritzky, Gespenstergeschichten, Georg Müller Verlag, München, Leipzig, Dritte Auflage, 1913, S. 63-74

Wie viele an sich unwahrscheinliche Dinge gibt es, die von glaubwürdigen Leuten bezeugt sind, und wenn wir, wenn sie uns auch noch nicht überzeugen können, wenigstens in der Schwebe lassen müssen? Denn sie als unmöglich verwerfen, hieße mit verwegener Hand die Grenzen der Möglichkeit ziehen wollen.

Montaigne.



Es gibt gewisse Tragödien, die ebenso oft wiederkehren, wie Sommer und Winter. Wiederholt sich die Tragödie des Königs Lear nicht immer wieder, seit es Eltern und Kinder gibt? Trotzdem wird weder die Undankbarkeit, die Lear geerntet hat, noch das jammervolle Ende, das Vater Goriot gefunden hat, die Väter daran hindern, sich für ihre Kinder aufzuopfern und sich, wie die Pelikane, die Brust aufzureißen, wenn es gilt, die Jungen zu füttern.

Man verwöhnt sie, weiht ihnen sein Leben, denkt nur an sie, sorgt nur für ihr Behagen, opfert die eigenen Neigungen ihren Launen, vergöttert sie, läßt sich das Herz für sie aus dem Leibe reißen, und das alles ist noch gar nichts. Gibt es irgendein Leben nach dem Tode, so ist es wahrscheinlich, daß die Seelen der guten Väter auch noch von drüben her beschützend die Kinder umschweben.

Und sie nehmen alles mit selbstverständlicher Unbekümmertheit hin. Stellen die Väter sie nicht auf die gleiche Stufe mit den Engeln und natürlich weit über sich selbst? Und lieben die Vater nicht selbst die Schmerzen, die ihnen die Kinder bereiten? Und ist man nicht weit glücklicher in ihrem Glück, als in seinem eigenen? Ein traniger Blick von ihnen macht unser Blut erstarren. Nur wer Vater war, versteht die tiefe Wahrheit, daß Gott, der Vater von allem Lebendigen, nur die Liebe sein kann. Ah, man müßte die Allmacht Gottes besitzen, um immer durch ihr Lächeln beglückt und ihre herablassende Liebe belohnt zu werden. Um ihretwillen erduldet man tausend Demütigungen, scheut keine Kanossawege, und wenn die, von denen wir abhängig sind, uns erniedrigen, daß der Stolz uns das Blut ins Gesicht treibt, dann bleibt man um der Kinder willen stumm wie ein Stockfisch. Daran nicht genug, schreiben die Kinder die Opfer, die man ihnen bringt, einem eigennützigen Gefühl zu. Und endlich kommt eine Geliebte, ein Geliebter, und flugs schenken sie dem Fremden ihr Herz, und die Väter und Mütter gehen leer aus.

* * *

Vor langer Zeit lebte in der Einsamkeit eines verrufenen Waldes ein armer Mann namens Bachar Japhet. Von alledem, was er im Leben liebte, war ihm nur eine einzige Tochter geblieben, an der hing er mit der ganzen Kraft seines Herzens. Sie wuchs heran und war schön und an Körper und Geist wohlgebildet. Aber da sie von ihrem Vater nur Liebe empfing und nur Gutes hörte und nur von liebkosenden, traulichen und milden Worten umschwirrt war, wußte sie gar nicht, wie groß der Haß war, der in der Welt sein Unwesen trieb und seine böse Saat unter die Menschen säete. Sie hatte den Haß nie kennen gelernt. Wie ein Gärtner ängstlich darauf bedacht ist, von einer kostbaren Blüte alle bösen Einflüsse der Witterung fernzuhalten, so hielt Bachar Japhet alles von seiner Tochter ab, was ihre gleichmütige Heiterkeit hätte trüben können.

Sie führte ihrem Vater die Wirtschaft, hielt die Hütte sauber, trug Holz für den Herd zusammen und kochte und briet, was der Vater oder was sie an eßbaren Pflanzen, Kräutern und Pilzen fanden und an herumstreifendem Erd- und Luftwild erbeuteten.

Da sie ganz sich selbst, dem Wald und der Einsamkeit überlassen waren, verstummten bald die Gespräche des alltäglichen Lebens; sie hatten ohnedies nicht viel miteinander zu sprechen. Sie hechelten niemanden durch, verspotteten keinen und verhöhnten sich selber nicht einmal. Sie standen der gewaltigen Stille Auge in Auge gegenüber und hörten, wie es in den Gräsern sang und in den Kieferkronen rauschte. Sie vernahmen das Klopfen ihrer Herzen, hörten ihren Atem durch die Nase gehen und fühlten das Wesen ihres eigenen Seins.

Im Frühling sahen sie zu, wie die jungen, grünen Halme gleichsam von der Erde aufstanden und sich auf ihren kleinen Knien schaukelten, die so fein und dünn waren, wie die Gelenke der Gazellen. Sie sahen, wie grünbronzene Käfer über den Weg liefen und metallisch blanke Fliegen im herabströmenden Sonnenlicht glänzten; wie auf den violetten Blüten die gelben Zitronenfalter saßen und die kleinen blauen Nonnen ängstlich vorüberflatterten. Im Winter saßen sie in der Stube, die Lampe surrte gemütlich und freundlich und warf einen warmen gelben Schein auf Tisch und Wände, während draußen der Schnee still und feierlich herabflockte. Dann empfanden sie wohl die Schönheit der tiefen Nacht. Die inneren Stimmen begannen zu sprechen, und Bachar Japhet warf den Panzer der Schweigsamkeit von sich und begann, seiner Tochter davon zu erzählen, wovon seine Seele so voll war.

Und allmählich geschah es, daß seine Tochter immer besser begriff, daß ihr Leben nicht eigentlich das Leben war, das draußen in der Welt lärmte und pochte, und sie begann sich nach jenem Leben zu sehnen. Um diese Zeit war sie recht stattlich von Ansehen und wert, einen Fürsten zu beglücken. Aber in diese Wildnis, in der sie lebten, kam selten ein Mensch; nur verirrte bettelhafte Wanderer zogen dann und wann vorbei.

Und Siwah sehnte sich sehr. Sie wollte fort von ihrem Vater, obwohl sie wußte, daß es seinen Tod bedeuten würde. Er hatte ihr ja erzählt, wie die Menschen aufeinander loshackten, wie sie sich belauerten, belogen, ausbeuteten und bekriegten. Sie konnte verstehen, wie gut sie es hatte, da keine von diesen Widerwärtigkeiten zu ihr drang. Sie fühlte, wie ihr Vater sie verwöhnt, wie er sich nur für sie geopfert hatte. Um sie vor allem Bösen zu behüten, hatte er sich hier vergraben; um seinem Kinde zu leben, hatte er sich der Welt versagt.

Aber für das alles wußte sie ihm auf einmal keinen Dank mehr. Ihr deuchte, er hätte sie um etwas Kostbares betrogen. Sie sehnte sich sehr

nach vielen, vielen Menschen und nach dem Tumult, den sie machen. Und da sie wohl einsah, daß sie nicht fortkommen konnte aus dieser Einsamkeit, begann sie dem Vater das Leben schwer und wüst zu machen durch Launen und Verdrießlichkeiten und kleine Ärgernisse. Aber weil alles von seinem Kinde kam, das er über die Maßen liebte, litt er und schwieg.

Nun merkte Siwah, daß ihm nicht beizukommen war, und daß nichts ihn wankend machte in seiner Liebe zu ihr. Da beschloß sie, ihn so böse zu machen, bis er sie voll Zorn fortjagen würde … dann wollte sie hinunter zu den Menschen und hinein in die Brandung des Lärms und wollte leben.

Aber nichts verschlug, und was sie auch anstellte, sie konnte nur gute Worte aus ihm herausbringen. Um nichts in der Welt hätte er ihr weh getan, denn er wußte, daß er keinen Augenblick leben konnte ohne sein Kind. Er merkte wohl, daß sie fliehen wollte und daß, wenn sie jetzt stundenlang schweigsam in die Glut des Herdfeuers starrte, die Gedanken nicht mehr bei ihm waren, wie einst, sondern, daß ihre Sehnsucht sie weit fortgeführt hatte, weit, weit fort. Und dies tat ihm sehr weh, aber er sagte nichts. Nur, als sie eines Nachts aufgestanden war und sich davongeschlichen hatte, so, als ob ihr Vater ein unnütz gewordenes Ding wäre, das man wohl liegen lassen konnte, da war er ihr nachgeeilt und hatte ihr klargemacht, daß sie zugrunde gehen müßte bei den Menschen, wenn er nicht mit ihr war. Sie verstand ja gar nicht mit den Menschen umzugehen, wußte nichts von Geldeswert und nichts von der lauernden Verführung. Und als sie begriff, daß ihr Vater recht hatte, verfiel sie auf eine andere List. Wenn sie allein nicht fertig werden konnte mit den Menschen, mußte der Vater eben mit ihr fliehen. Sie beschloß, die Hütte anzuzünden. Sie hatte dürres, duftendes Heu in die Stube gebracht und hatte es unachtsam neben die offen glühenden Scheite gelegt. Und in der Nacht begann es plötzlich zu knistern und zu knacken, als wenn reife Hülsen platzten, und die Flammen waberten um Tisch und Stuhl und krochen hinterlistig zum Bett hin, wo Bachar Japhet schlief. Siwah erhob ein lautes Geschrei, das den Vater weckte. Er wußte sofort, daß sein Kind das Feuer gelegt hatte, und er erkannte auch den Grund. Und nun sträubte er sich nicht mehr. Er ergriff sie bei der Hand und floh mit ihr zu den Menschen …

Aber Bachar Japhet konnte nicht mehr wie früher um seine Tochter sein. Er mußte darauf bedacht sein, so viel zu erwerben, daß sie beide leben konnten. Und während Bachar Japhet sich quälte und die niedrigsten Dienste verrichtete, während er das ganze Bereich der Erniedrigung durchwandern mußte, lebte Siwah in eitel Lust und gab sich allen Vergnügungen hin. Sie kümmerte sich nicht um ihren Vater, und sie fragte nicht danach, woher er die Mittel nahm, ihre unzähligen Wünsche zu befriedigen. Denn da ihr die ganze Welt ein Neues war, wollte sie alles haben, alles genießen, und Bachar Japhet war so sehr bereit, ihr zu willfahren, daß er für sie gar gestohlen und gemordet hätte. Und eines Tages fuhr sie ihm über die alt gewordenen Wangen und liebkoste die Runen auf seiner Stirn und küßte viele Male die Hände, in die all die harte Arbeit schwarze Linien gefurcht hatte, die aussahen wie herbstendes Gezweig. So lieb war Siwah schon lange nicht gewesen; aber wahrscheinlich hatte sie nun auch einen großen Wunsch auf dem Herzen. Und sie sprach ihn auch aus, indem sie zwischen jedem Wort einen Kuß auf das Haupt ihres Vaters drückte. Er konnte sich ihrer nicht erwehren, und sie zwitscherte um ihn herum und schmeichelte ihm und war so lieb, daß er allen Kummer vergaß und alle Angst.

Er schritt zur Ausführung einer schlimmen Tat und vergriff sich an fremdem Gut. Er glaubte, Gott könne ihn dafür nicht strafen, da seine Beweggründe keine schlechten waren, und nach den Strafen der Menschen fragte er nicht viel. Aber er wurde ergriffen und in den Kerker geworfen, und da er dort von seinem Kinde nichts hörte und nichts sah, siechte er hin und starb …

Siwah lebte indessen, solange das von ihrem Vater aufgesparte Gut hinreichte, sorglos weiter. Vom Vater dachte sie nicht anders, als daß er in seine Waldeinöde zurückgeflohen sei, weil er ihre Wünsche nicht mehr erfüllen mochte. Aber als es mit ihrem Besitz zu Ende war, kam die Armut und das Heerlager von Sorgen und Nöten. Sie träumte in dieser Zeit viel von ihrem Vater, den sie glaubte, hassen zu dürfen, weil sie sich von ihm verraten wähnte. Und im Traume selbst war ihr Haß so groß, daß sie sich freute, wenn die Gestalt ihres Vaters ihr erschien, die sie dann schmähte und höhnte. Aber er war selbst im Traume stets von gleicher Güte …

Eines Tages hatte ein junger Bursch, der ihre Unerfahrenheit kannte, sie nach dem Walde gelockt, um sie zu verführen. Er war entschlossen, Siwah zu töten, wenn sie sich sträuben oder zur Wehr setzen oder mit Klage drohen sollte. Plaudernd ging das junge Paar über die Triften, sprang über kleine Stege und verlor sich in dem Dickicht des Waldes. In einer von Mensch und Vieh gemiedenen Lichtung, die dem jungen Burschen für sein Vorhaben besonders günstig erschien, ließen sie sich nieder. Er hatte sie um die Hüften gefaßt und redete mit betörenden Worten auf sie ein; aber sie neckte ihn mit beharrlichem Sträuben und ablenkenden Reden. Und ihre Furcht war groß.

Ein Falter von selten schönem Farbenspiel tauchte plötzlich aus einem Blumenbüschel auf und begann das Paar zu umflattern.

»Ich will dich erhören,« sagte Siwah endlich zu dem Jüngling, einer plötzlichen Eingebung folgend, »wenn du mir diesen Schmetterling erjagst.«

»Nur dies?« fragte der Bursch und sprang behende auf, um dem Falter nachzulaufen, der spielend und tändelnd vor ihm herflog, sich bald auf einem wippenden Halm niederließ, um sofort wieder weiterzufliegen, wenn der Jüngling ihn erhaschen wollte. Und der Schmetterling und der Jüngling entfernten sich unterdessen immer mehr von Siwah. Der Bursche, ganz besessen von dem Wunsche, den schönen Falter zu fangen, war ihm über Geröll und Geklüft nachgejagt, und er befand sich bereits über dem Abhang einer tiefen Schlucht, als er plötzlich bemerkte, daß er weder vorwärts noch rückwärts konnte. Der Falter tanzte und gaukelte mitten über dem Abgrunde, und so seltsam war dies, daß der Jüngling nun des Glaubens wurde, der Schmetterling necke ihn mit Absicht. Da erfaßte den Burschen eine blinde Wut; er zog hastig seinen Kittel aus, um mit ihm nach dem Falter zu schlagen. Aber als er den Kittel schwang und ihn wuchtig auf den Schmetterling herabsausen lassen wollte, trat er in hitzigem Eifer zu weit vor, stolperte über braches Geäst und stürzte in den Abgrund …

Kaum sah Siwah sich allein, als sie aufsprang und davoneilte. Sie wußte nicht, wohin sie lief; aber bald schien ihr, daß sie die knorrigen Kiefern kennen müsse und auch das Dickicht und der hügelige Boden kamen ihr vertraut vor. Nachdem sie bereits mehrere Stunden gelaufen war, sah sie sich auf einmal an jenem Platze, wo einst die Hütte stand, in der sie mit ihrem Vater gelebt hatte. Sie ließ sich hier nieder, um auszuruhen und inmitten der schwarzen Verwüstung, in der nur verkohltes Gebälk und verkrümmtes Eisen lag, überkam sie eine überaus heftige Sehnsucht nach ihrem Vater und nach seiner Liebe, die sie stets wie ein warmer Mantel umgeben hatte. Sie erinnerte sich der wunderbaren Sommertage, die sie im Schutze ihres Vaters hier verlebt hatte, erinnerte sich seiner Warnung vor den Menschen, erinnerte sich der Unzahl Opfer, des Übermaßes seiner Liebe, und sie weinte. Und weinend entschlief sie …

Im Schlafe träumte ihr, daß derselbe Falter, dem jener Jüngling nachgejagt war, sich auf ihre Hand niederließ. Sie erkannte ihn, haschte nach ihm und, ihn dicht vor ihre Lippen haltend, so daß ihr Atem ihn streifte, sprach sie zu ihm: »Ich danke dir, schöner Schmetterling.«

Der Schmetterling antwortete: »Ich bin es, Siwah, dein Vater … fürchte dich nicht … ich werde immer um dich sein!«

Von dem Traum freudig erschreckt, erwachte Siwah und sah, wie ein Falter von selten schönem Farbenspiel besorgt flatternd ihr Haupt umkreiste und dann davonflog …

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