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Jacob Elias Poritzky – Peter Brohs Geständnis

Erzählung

J. E. Poritzky, Peter Brohs Geständnis, Verlag Etzold & Co., [o. J.]



Jüngst bekam ich eine gerichtliche Zustellung, in der mir eröffnet wurde, dass ich in der Schwurgerichtssache gegen Peter Broh als Geschworener zu erscheinen hätte. Gestern war die Verhandlung, und ich muss gestehen, es war der sonderbarste Fall, den ich je erlebt habe.

Man kann sich keinen schöneren Menschen denken, als Peter Broh. Er war ein menschgewordener, schwarzer Panther, ein wiederauferstandener, römischer Kaiser.

Peter Broh war vor einiger Zeit in den Verdacht gekommen, Briefschaften von einem Manne in Verwahrung genommen zu haben, der als berüchtigter, intellektueller Anarchist, als ein Anarchist der Propaganda, verfolgt wurde. Infolgedessen fand eine Haussuchung bei Peter Broh statt und seine sämtlichen Papiere wurden beschlagnahmt. Man konnte zwar nicht das mindeste entdecken, was jenen Anarchisten belastet hätte, dagegen fand man ein seltsames, Peter Broh gehöriges Tagebuch, eine Art Selbstbeichte, worin er sich der schwersten Verbrechen zeiht und auf Grund dessen die Anklage gegen ihn erhoben wurde. Die Verhandlung fand gestern statt, wobei das Tagebuch zur Verlesung kam. Hier ist eine wortgetreue Abschrift davon.


* * *


Es lebt da in . . . in irgendeinem Orte ein Mann namens Peter Broh.

Er hat üppiges, ebenholzschwarzes Haar, und freche, aber intelligente graue Augen. In diesen Augen lauert eine seltsame Mischung von Lüge, Trotz, Zynismus, Schmerz und Herrschsucht. Seine ganze Erscheinung bietet einen eigenen Reiz. Er ist schlank wie eine Säule und kräftig wie ein Tiger. Siebenunddreissig Jahre zählt er. Sein schwarzer Bart gleicht einer Katze, die seine Wangen umschmeichelt, und wenn er spricht, zittern seine Nasenflügel wie bei einem wilden Rosse, das zum Sprunge ausholt. Es ist verhaltene Glut in seiner Rede. In seinem Kopfe hat er Theorien, die unter Brüdern drei Jahre Gefängnis wert sind.

Zuweilen bekommt er Lust, Episoden aus seinem Leben zu erzählen; aus einem Leben, das an Tragik und Komik, an Leiden und Qualen gar reich ist; und zwar irgendeinem Toren zu erzählen, der weder den Verstand hat, den verschlungenen Pfaden, die Peter Broh schon gegangen ist, nachfolgen, noch das Herz, um die seelische Verlorenheit, in der Peter Broh sich zeitlebens befunden hat, mitfühlen zu können. Peter Broh weiss das, und dennoch treibt es ihn, sich vor irgendeinem armen dummen Teufel auszuschütten – und gerade vor ihm auszuschütten, weil er so ein dummer Teufel ist. Je beschränkter, desto lieber ist dem Peter Broh der, vor dem er sich dann prostituiert. Und prostituieren muss er sich zuweilen; das verlangt seine Überfülle, sein Temperament. Es kommt vor, dass er lange, lange zu keinem lebenden Wesen ein Wort spricht, das wahr wäre. Aber wie alle tiefen Menschen lebt er von der Wahrheit und ihn verlangt in seiner seelischen Bedrängnis nach Ausdruck; ihn verlangt, sein schmerzvolles Geheimnis auf irgendeine Weise mitzuteilen. Zugleich lebt ein Kobold in seiner Brust, der ihn stichelt, die Menschen zu verhöhnen. Er nimmt sich deshalb vor, seine Seele nicht nur vor einem aufzuschliessen, den er für einen Narren ansieht, sondern diesen Narren zugleich durch allerlei Spott und durch Demütigungen dafür zu strafen, dass er sich vor ihm aussprechen muss.

Dieser Peter Broh bin ich.

Ich bin Apotheker, Mitglied des Vereins gegen Bettelei, Logenbruder, zweiter Vorsitzender eines geheimen Opiumklubs, Radler und unverheiratet. Ich habe verschiedene Ehren­abzeichen und die Rettungsmedaille.

Aber das ist Nebensache.

Die Hauptsache ist: ich bin ein Mörder. Indes, das muss in etwas weniger raschem Atem erzählt werden.

Es war im vergangenen Februar.

Eine jener vibrierenden hellen Februarnächte brach an, die einen nicht schlafen lassen, in denen man zu tausend Sünden aufgelegt ist und in denen Strauch und Stein sehnsuchtsvoll vom nächsten Lenz träumen. Kein Sternchen zeigte sich am Himmel und seine melancholische Helle umwob die Häuser mit einem verstimmenden Licht. Ein eisiger Wind, der stiess, aber nicht stöhnte, wirbelte den Schnee von den Dächern, zerbrach die Eiszapfen, die wie gläserne Spiesse die Dachfirste umgitterten, blies phantastische Blumen auf die Scheiben, malte den Menschen rote Nasen, violette Wangen und korallenfarbene Ohren an, machte die Schnurrbarte steif, zwickte alle, trampelte auf den grossen Hüten der jungen Mädchen herum und war mitleidslos gegen alles, was nicht niet- und nagelfest war. Er stemmte sich mit seiner mächtigen, elastischen Brust gegen die Männer und zwang sie, mit ihm zu kämpfen; er machte sich, ein unsichtbarer Don-Juan, viel an den Röcken junger Mädchen zu schaffen, um an der Wärme der jungen Leiber zu vergehen.

In solch einer Nacht – denn ich bin vom Wetter abhängig wie die Nadel eines Barometers, und es hat auf meine Stimmung, meine Denkkraft, meine geistige Klarheit einen ungeheuren Einfluss – in solch einer Nacht fasste ich den Entschluss, die Hauptetappen meines Lebens niederzuschreiben.

Allein, dergleichen hat nur dann einen Wert, wenn man den Mut besitzt, in sich hineinzuschauen, und sich so darzustellen, wie man sich etwa in einem Spiegel erblickt. Aber wer sieht gern in den Spiegel und hat nicht die leise Hoffnung, er möchte nur Schönheit zurückstrahlen?


* * *


Ehe ich zur Welt kam, bereitete ich meiner Mutter siebzig Stunden lang die scheusslichsten Qualen. Ich folterte sie, peinigte sie auf mannigfache Art und bestrafte sie in unerhörter Weise dafür, dass sie meine Existenz nicht verhindert hatte. Dann, als ich aus ihrem Leibe geschnitten wurde, starb meine Mutter. Schon im Mutterschosse begann das Schicksal mich zu erziehen. Ich bin der Mörder meiner Mutter geworden. Freilich, all das unbewusst. Aber ich behaupte, dass jeder Mensch ohne sein Verschulden zum Mörder werden kann. Wie oft foltern wir zum Beispiel, ohne es zu wissen, unseren besten Freund! Ein Wort, und wir haben ihn verletzt; ein Blick, und er ist verwundet. Und wir stapfen mit Worten in ihm herum, als kennten wir alle Wege seines Herzens genau und als gingen wir nie in die Irre bei ihm – und dann, wenn wir den Freund allein gelassen haben, sitzt er da mit zertretenem Herzen und weint und weint. Wir haben, ohne es zu wollen, vielleicht etwas Besseres in ihm gemordet, als bloss das Fleisch.

Man mag sagen was man will, aber solch ein Zufall, die Geburt eines Menschen, der den Tod der Mutter zur Folge hat, scheint mir hässlich und in der Weltordnung sündhaft. Warum bin ich damals nicht gestorben, als mir das Leben noch nichts war, und die Welt mir noch keine Wünsche gegeben hatte, als der Himmel mir noch keine Flamme gegeben hatte? Warum starb sie?

Man erzählte mir, dass meine Mutter eine sehr hässliche Frau gewesen war, aber sie soll edel und gut gewesen sein – und vielleicht, weil sie hässlich war. Mein Vater war Steinmetz. Viele Grabsteine hat er gemeisselt; sehr viele . . .

Man fütterte mich mit Reiswasser, Kuhmilch und Mehlbrei, bis ich ein Jahr alt geworden war. Wer mich damals sah, prophezeite mir, dass ich bald an irgendeiner Kinderkrankheit zugrunde gehen würde. Man brauchte nur zu pusten und ich fiel zusammen. Unleugbar gibt es eine geheime Verbindung zwischen Ernährung und geistiger Entwicklung. Spinoza war noch nicht gescheit genug, den Zusammenhang zwischen Unterernährung, grosser geistiger Arbeit und Lungenphthise zu verstehen. Hätte er mehr Fleisch und weniger Wassersuppen gegessen, so hätte er zehn Jahre länger gelebt, und die Welt würde heute wesentlich anders aussehen. Kann man wissen, was aus mir geworden wäre, wenn ich an meiner Mutter Brust gelegen wäre?

Meine Mutter war aber vor meiner Geburt im Irrenhaus . . .

Ich habe das hingeschrieben, als ob ich vom Wetter reden würde, obwohl es mich viel Überwindung gekostet hat, gleichgültig zu bleiben. Aber wozu hat der Mensch den Hohn? Trösten wir uns, dass es auch einen Zusammenhang zwischen Genie und Irrsinn gibt . . .

Ich kann mir nicht gut vorstellen, wie meine Mutter aussah. Es fiel mir immer schwer, sie zu sehen, wie man sie schilderte. Ein schlankes Weib mit erschreckend hässlichem Gesicht; schwarze Augen, schwarzes Haar, schwarzes Kleid. Und weisse Haut wie Gips. Die Augenbrauen waren bei ihr nicht geteilt, wie bei den meisten Menschen, sondern über der Nase dicht verwachsen; es war eine gewellte, ununterbrochene Haarlinie. Ihr Mund war sehr breit und zuckte beständig. Sie ging etwas gebückt und lächelte immer idiotisch. Den ganzen Tag trank sie Kaffeebrühe, und nichts roch sie so gern, als verbrannte Hühnerfedern. Wenn sie sprach, so kreischte sie, und wenn man ihr nichts getan hatte und von nichts Bösem wusste, setzte sie sich auf eine Kiste in einen Winkel und heulte und sprach kein Wort. So schilderte man mir meine Mutter. Einmal machte sie einen Versuch, sich zu töten. Sie durchschnitt damals ihre Pulsadern. Blut floss in Strömen . . . viel Blut floss . . . Man behandelte sie daraufhin im Krankenhause. Nach einem Jahre ungefähr, bildete sich bei ihr plötzlich Verfolgungswahn aus. Wenn sie träumte, war es nur von Mäusen, die ihr den Rücken hinunterliefen, von zerschnittenen kleinen Kindern und von anderem tollen Zeug, das sie mit Vorliebe gern erzählte, um sich dadurch interessant zu machen. Sehr viel litt sie an Halluzinationen. Dann war ihr so, als ob alle Welt Schlechtes von ihr sprechen würde. Man wollte ihr ans Leben, glaubte sie. Kurz und bündig – ein paar Wochen später kam sie in eine Irrenanstalt, in einen dieser schauerlichen Steinsärge, in dem die Menschen mit sehenden Augen blind und mit pochendem Herzen tot sind.

In ruhigem Frieden steht das rote Ziegelhaus zwischen Ahornbäumen und Linden, die rauschen . . . rauschen und duften. Vor der Stadt draussen liegt das Haus, in einem abgeschiedenen Winkel, und durch ein Pförtchen trittst du ein in einen grossen Garten, wo rote Nelken glühen, Rosenstöcke prangen, Resedenbüsche ihre paradiesischen Düfte aushauchen. Gesunder Rasen rings, grünes Haar der Erde, das der linde Wind liebkost und kämmt. Wie, fragst du dich, ist dies das Haus des Grauens? Und wenn du den Kopf erhebst, blauen Himmel über dir und schwarze Raketen, die durch die Luft sausen. Das sind die Schwalben. Aber es ist nichts Echtes an diesem Frieden. Schreite nur weiter und sieh hinter den Zaun, hinter das dicke Gebüsch. Ja, nun erkennst du es, das grosse Grab der Lebendigen. Da gehen sie in ihren blauen Kitteln mit verstörten Mienen, flehenden Gesten und eiligen Schritten auf und ab, wie Tiere, die im Käfig wild geworden sind. Du siehst, wie sie kämpfen, sich mit den Händen wehren gegen ein Ungetüm, das nur sie sehen in ihrer Nacht, nicht wir. Sie lachen mit Geistern, die du nicht fühlst und sprechen mit Menschen, die Tarnkappen tragen. Blass sind ihre Gesichter, gleichsam ausgesogen von den Vampiren, die sie an ihren Herzen nähren. So sorgenvoll hängt ihr Kopf. Und sie wimmern und lächeln. Zur Erde neigt sich ihre träumebeladene Stirn, und von fremder Art ist ihr Blick. Es ist etwas ausgelöscht in ihren Augen; als sei der Tod mit seiner unsichtbaren Hand über sie hingefahren. Diese Augen schauen dich an und sehen dich nicht; sie blicken dich an und werden deiner nicht gewahr. Und doch hast du Furcht vor diesen Augen. Da ist irgend etwas, das die Ophthalmologen nicht kennen und das dich auf deiner Hut sein heisst. Wenn das Fluidum, das von dir ausströmt, ihnen wehe tut, so ängstigen sie sich vor dir; unterliegst du aber ihrem Blick, so fallen sie über dich her . . .

Aber ich schweife ab . . . ich sprach von meiner Mutter. Sie war anfangs ganz ruhig, gemütvoll und still, so dass meine beiden älteren Brüder die Mutter wieder aus der Anstalt entfernen wollten. Da sagten die Aerzte, dass es nicht ginge; es wende sich die Krankheit immer zum Günstigen, wenn die Patienten in neue Verhältnisse und in eine neue Umgebung kämen. Die Mutter war denn auch nicht lange ruhig. Bald fing sie an vor sich hin zu sprechen und mit der Hand zu winken, als wollte sie etwas von sich abwehren; sie meinte immer, es stünde jemand hinter ihr, sah sich oft jäh um und schrie plötzlich auf. Im Bett fand sie auch keine Ruhe. Einmal sagte sie, der Vater sei tot, aber er läge nicht im Grabe. Er käme immer, ging auf und ab vor ihr und würde sie anrufen, aber sie könnte doch nicht antworten, und ihn in diesem Zustande holen. Es gefiele ihr im Irrenhause so gut, und hier könnte ihr auch gar nichts widerfahren. Schliesslich besserte es sich, und die Sinnestäuschungen schwanden nach und nach; sie beschäftigte sich auch schon mit leichter Arbeit. In dieser Zeit wurde sie von meinem Vater besucht und er durfte unglücklicherweise eine Stunde allein mit ihr bleiben. Nach diesem Besuche wurde es wieder viel schlimmer mit der Mutter. Bald war sie ruhig, bald toll, einmal düster und dann wieder voller Groll. In solcher Stimmung setzte sie sich in einen Winkel auf den Boden und murmelte Gebete vor sich hin. Grausig habe sich's angehört, und durch die Seele sei's einem gegangen, wenn man sie gesehen habe, erzählten die Brüder. So sei sie oft lange gesessen. Wenn die Wärterinnen sie aufscheuchen und an einen anderen Platz bringen wollten, wehrte sie sich schroff und schlug um sich. Immer sprach sie von meinen beiden Brüdern. Mein ältester Bruder schrieb ihr mal einen Brief; einen schönen Brief mit vielen verlogenen Wünschen; aber die Mutter war misstrauisch. Sie glaubte, der Brief sei gefälscht und zerriss ihn in einundvierzig Stückchen. Einundvierzig Jahre würde sie alt werden, sagte sie; jeder Papierfetzen bedeute ein Lebensjahr, und so wie man die Papierstückchen wegblasen könnte, so könnte man ihre Lebensjahre ausblasen. Sie sei tot, meinte sie, und der König der Träume hetze sie auf gegen meine Brüder. Gott allein weiss, was sie noch alles sich einbildete. Heute hielt sie sich für die Prinzessin von Portagonien – wie mag dies Land ihrer wirren Sinne ausgesehen haben! – und morgen für die Bettlerin von Pont des Arts, bald für ein Gespenst und bald für einen Schatten ohne Fleisch und Leben.

Nachdem meine Mutter ein Jahr lang in jener Anstalt zugebracht hatte, entwich sie einmal des Abends durch die offene, unbewachte Pforte. Es war eine kalte und sehr dunkle Nacht. Anstatt nach Hause zu gehen, lief sie aber in entgegengesetzter Richtung fort. Durch Bäche watete sie und über Zäune kletterte sie. Glücklicherweise – wenn ein solches Wort in ihrer Geschichte überhaupt angebracht ist! – glücklicherweise kam sie in ein Dorf; dort hielten die Leute sie an und ein Gendarm brachte sie zurück. Der Vater bat dann den Direktor der Anstalt, man möchte seine Frau entlassen; natürlich bat er nur anstandshalber darum, denn er liebte sie nicht gerade leidenschaftlich. Aber es war sowieso keine Aussicht vorhanden, dass ihr besser geworden wäre, und sie musste dort bleiben. Als man sie fragte, warum sie entflohen sei, gab sie zur Antwort, die Geister hätten sie vertrieben.

Ich vergass zu sagen, dass mein Vater die Mutter sieben Monate vor ihrer Entlassung besuchte . . . Drei Monate später hatte ich die Ehre auf die Welt zu kommen . . .

Was für ein Mensch müsste ich also sein? . . . Hier sind psychologische Probleme genug . . . verlieren wir uns aber nicht in dem Abgrund mystischer Philosophie und überlassen wir das lieber den berufenen Herren vom Katheder . . .


* * *


Ich hatte keine Jugend; ich war nie ein Kind. Es ging mir wie den Pflanzen, die im Vorfrühling geboren werden. Lebenslustig wachsen sie der Sonne entgegen, ahnungslos, dass es bald Abend wird, und über Nacht kommt der Rauhreif und erwürgt sie. Die Art, wie man mit mir verfuhr, nannte man: eine gute Erziehung. Das Kind, das dem unbepflügten und unbesäten Acker glich, wurde überwacht und behütet vom Vater Maulwurf. Der kam mit seiner guten Erziehung und frass alle Engerlinge, alle bösen Keimchen fort, die in mir lagen; aber er übersah dabei vollständig, dass er mich ganz und gar zerfrass und mich an der Wurzel zerwühlte, das Unterste in mir zu Oberst grub; er baute sich in meiner Seele Höhlen und Gänge, in denen er nach Belieben waltete. Und dann, als ich reif war für die Aussaat, war der Boden krank, und nichts Fremdes wollte mehr in mir Wurzel fassen.

Das Böse gehört ebensogut zum Menschen, wie das Gute; ohne Jauche wird der Boden nimmermehr gutes Korn tragen; zum Erdreich gehören auch Würmer. Und in ein Feld, auf dem Wein wachsen sollte, kann man keine Rüben setzen. Das weiss jeder Bauer, nur die Väter in den Städten wissen es nicht. Erziehung heisst bei ihnen: die angeborenen Gaben austreiben und konventionellen Pflichten Platz machen, Talente beschneiden und Plattheit grossziehen. Als Kind, das von bösen Absichten nichts wusste, wurde ich doch immer so behandelt, als stäke ich bis zum Halse voll von schlimmen Plänen. Das brachte mich natürlich erst recht auf Abwege, machte mich fremd, einsam . . .

Meiner Reifezeit ging die wüsteste Gärung voran. Es war keine Gärung, welcher die Abgeklärtheit folgt, sondern die Gärung eines unzufriedenen Volkes, das vor der Revolution steht; das Murren und Grollen eines Feuerberges, ehe er ausbricht. In mir lag alles zur Explosion bereit. Ich war in einem Zustande beständiger Aufregung, hatte Visionen am Tage, Erscheinungen in der Nacht, schlief nicht, ass kaum. Die Sucht nach Abenteuern lag mir im Blute; erlebte ich keine, so schuf ich sie mir selbst . . . Zum Beispiel! . . .

Eines schönen Tages kommt eine sehr elegante Dame zu meinem Vater, eine schöne Dame mit schwarzen, glutvollen Augen, und bestellt ein weisses Marmorkreuz mit der Inschrift: »Hier schlummere sanft, du unvergessliche, du immergeliebte Hagar.« In das Kreuz sollte eine Rose gehauen werden, der man es ansehen musste, dass sie gewaltsam vom Stengel gerissen worden war, und viele Blätter der Rose sollten zerstreut am Fusse des Kreuzes liegen.

Die Dame wurde schliesslich auf mich aufmerksam und sah mich von oben herab an wie ein Gott, der eben von seinen Himmeln kommt. Sie fragte mich, wie alt ich sei, wie ich hiesse. Ich sagte ihr, dass ich elf Jahre zählte, Peter Broh genannt würde und etwas lernen möchte.

»So?« sagte sie.

Und darauf ich: »Wie gern ich Sie habe!«

»So?« wiederholte sie mit einem sonderbaren Lächeln; und dies Lächeln – ich war ja ein Knirps, aber ich empfand dies Lachen wie eine wollüstige Liebkosung. Und ich plauderte ihr alle meine Herzenswünsche aus. Ich fragte sie, warum der Himmel des Nachts schwarz sei und am Tage so weiss; warum meine Augen nicht so leuchteten wie die unserer Katze; dass ich ein grosser Künstler werden möchte, wie jene, die furchtlos auf einem dünnen Draht in Häuserhöhe tanzen und die man mit angehaltenem Atem bewundert . . . Dann sprach sie viel mit meinem Vater, und endlich reichte sie mir die Hand. Und da war wieder diese heisse Welle, die mir die Sinne benahm, als ob ich unter starkem Wasserdruck wäre und keine Luft mehr bekommen könnte . . .

Am selben Abend noch ging ich mit den hochgespanntesten Erwartungen und dunklen Sehnsüchten nach dem Kirchhof. Ich wartete bis es ganz dunkel geworden war. Etwa zwei Stunden ging ich um die Mauer des Kirchhofes herum und fror und fieberte. Plötzlich ward ich heftig aufgeschreckt; eine Kirchenglocke liess zehn wuchtig schallende Töne auf mein Haupt niederfallen. Und dann war alles wieder jäh still; die Luft war stumm wie die Gräber. Zwar das ist ein schlechter Vergleich, denn niemand spricht so viel und so nachhaltig auf einen Menschen ein, wie das Grab. Es schreit uns unsere Vergänglichkeit ins Gewissen, und das Kreuz mit seinen beiden weissen Armen versucht uns an seine marmorne Brust zu ziehen und festzuhalten. Ja, nun lachst du, Peter Broh, weil dir vor dem Steine nicht mehr graut. Aber wende dich nur weg vom Grabe, entflieh ihm, und du wirst hören, wie es die Gräser hinter dir herrufen: entrinnst nicht! entrinnst nicht! . . .

Ich kletterte auf einen Baum, der der Mauer am nächsten stand. Von dem Baume sprang ich hinüber auf die Mauer und war nun mit einem Satze drunten im Friedhof. Etwas Dunkles trieb mich. Und nun suchte ich das Grab Hagars. Ich wusste, wo die jungen Gräber sich befanden und ging wacker fort. Der Mond schien hell und überflutete den ganzen Todesgarten mit seinem lauten, weissen Lichte. Ich riss Blumen ab und streute sie auf meinen Weg. Wie ein Prinz im Paradiese kam ich mir vor. Duft und Summen, Frieden und Stille. Rosen pflückte ich zu einem grossen Kranze. Wenn ich sie am Grabe Hagars niederlegen und beten werde, dachte ich, erscheint sie mir vielleicht als Engel und wird meine Freundin. Ich nahm mir vor, recht innig zu beten. Und schliesslich fand ich das Grab. Und als ich auf einem kleinen Holztäfelchen las »Hagar Gordon, Mai 1878«, – als ich dies las, durchströmte mich zunächst ein Gefühl höchster inneren Befriedigung. Aber dann glaubte ich zu ersticken, und ich war nah daran, zu weinen. Und ich fürchtete mich doch so sehr vor jedem Laut; am meisten vor der eigenen Stimme. Ich begann in den Hügel hinein zu flüstern, bohrte meinen Kopf in den Sand und flehte um Erhörung wilder und toller Wünsche, die heftig in mir wach geworden waren. Ich war in einer unerhörten und grabschändenden Erregung; an diesem schrecklichen Orte, um diese Stunde, der Geisterstunde nahe, begann in mir das süsse und sündige, männliche Wollen, das den Menschen mit einem Schlage aus einem tiefen Schlafe zu erwecken scheint, um seine Seele den leisesten Eindrücken zu öffnen. Und in meiner höchsten Angst legte ich mein Ohr an das Grab und wartete auf Hagar, auf ein Pochen, auf ein liebkosendes Wort. Plötzlich hörte ich das Zusammenschlagen von ein paar Flügeln. Endlich, endlich kommt die Geliebte, dachte ich, und steigerte mein Begehren aufs Höchste. Ich erwartete, sie als Engel zu sehen, mit goldenem Haar und goldenen Flügeln, und mit Augen tief und blau wie der offene Himmel. Ringsum bewegte sich kein Lüftchen, nur eine alte Trauerweide rauschte laut wie überkochendes Wasser. Ich schloss die Augen und wartete und lauschte auf den Flügelschlag. Und meine Lust stieg und betäubte mir die Sinne. Ich umarmte das Erdreich; ich krallte meine Nägel in den Sand. Aber es war kein Engel. Ein Rabe war es, und er schrie krrrah . . . krrrah . . . und wie zerschmettert lag ich auf dem Grabe.


* * *


Nach dieser Liebesnacht auf dem Kirchhofe lag ich in einer Nervenklinik etwa drei Wochen krank. Es haben mich nur zwei Menschen besucht: Hagar und ihre Mutter. Nachts, wenn man mein Licht verlöscht hatte, und dicke Finsternis um mich war, in der sich alle meine Vorstellungen vergrösserten und meine Gedanken nicht mehr gebunden waren an die Dinge des Tages, kam Hagar zu mir in mein kleines Krankenstübchen . . . Ich habe den weichen Flaum ihrer weissen Arme gesehen, das keusche Zittern ihres Herzens gefühlt und die Wärmefülle ihres wunderbaren Körpers genossen. Als das Fieber vorüber war, erzählte ich ihrer Mutter einmal davon und beschrieb ihr genau, wie ich Hagar im Traume geschaut. Meine Schilderung war in keinem Zuge falsch und ihre Mutter war ob dieses Wunders fassungslos. Sie sah lange mit ihren nachtschwarzen Augen auf mich hin . . . seltsam und rätselvoll . . .

Gestern war ich bis gegen zwei Uhr im Klub und da ich mich fürchtete, allein nach Hause zu gehen, schleifte ich Alfred Huber mit. Das ist so ziemlich der dümmste Teufel, den die Erde hervorgebracht hat; aber es macht nichts. Er ist immerhin ein lebendes Wesen und in den Stunden, wo die Erinnerungen Jagd auf mich machen, rettet er mich stets, und wenn aus allen Winkeln meiner Wohnung Spukgesichter höhnen, ist seine solide Stupidität ein ganz brauchbares Beruhigungsmittel. Man könnte freilich auch Brom nehmen; aber erstens Opium und Brom . . . und zweitens: ein Mensch ist immerhin ein Mensch, und wenn es auch ein Mondkalb ist.

Wir gingen erst schweigend nebeneinander her, und grossflockiger Schnee umtanzte uns. Mannigfache Gedanken, oder besser Bruchstücke von Gedanken, vage, zerrissene, zerpflückte Bilder ohne Zusammenhang, Gesichter von Personen, die ich in meiner Jugend gesehen oder die mir ein einziges Mal irgendwo begegnet waren, durchzogen meine Seele, verschwammen untereinander und bildeten ein krauses Gewirr. Einige gefielen mir, ich klammerte mich an sie, doch schwanden sie hinweg und ein leises, unangenehmes Gefühl belastete mich. Ich fühlte es an diesen inneren Siegen und Niederlagen, wie sehr ich doch eigentlich ein Kämpfer war. Denn gab es nicht Kampf im äusseren Leben, so schuf ich ihn mir im inneren. Ich musste immer einen Gegner haben; aber ich fand wenige, die meiner würdig waren, darum stritt ich mit mir selbst am liebsten. Ich befehdete stets alle Güte in mir, alle Weichheit, Sanftmut und Friedfertigkeit. Denn Güte schien mir gleich Dummheit. Ich wollte ein Mann sein, das hiess so viel wie: ein Unruhvoller sein, von Eisen sein. Aus Eisen war ich nun freilich, aber aus glühendem Eisen, und deshalb war ich auch weich und biegsam. Das Schicksal hämmerte gut auf mich ein.

Dies ist mein grösster Zug, dass ich alles Niedrige verachte; ich verachte es so sehr, dass ich dort, wo ich auf Niedrigkeit stosse, immer mit Macht an mich halten muss. Denn da wird etwas in mir geweckt, was im gewöhnlichen Menschen nicht schlummert: die Lust zu morden. Einen niedrigen Menschen zu töten, qualvoll hinsterben zu lassen, das wäre für mich nichts schlimmeres, als eine Mücke zu erschlagen, die sticht. Wie oft wie oft war ich nahe daran, solch einen Mord zu begehen. Aber ich dachte noch immer zu viel darüber nach und schritt nicht mit behender, starker Gewissenlosigkeit zur Tat. Dann stritt ich mit mir über meine Feigheit und kam mir selber niedrig vor . . .

Es war gestern schön im Schneegestöber zu gehen. Auch die Schneeflocken kämpften miteinander . . . auf und ab . . . auf und ab . . . um ihre Existenz. Auch der Schnee war ein Heuchler, der allem die Farbe der Unschuld lieh. Der Wind aber . . . ja, der Wind, der trieb und jagte die Flocken nach seiner Willkür . . . hin und her . . . auf und ab. Der Wind, der das Morsche zusammenriss, Schiffe umwarf, das Meer peitschte, alte Bäume knickte, dem bin ich Freund. Mir war, als sei ich der menschgewordene Sausewind; die Kraft Simsons lebte in mir, und ich ging ruhig neben Alfred Huber her, die Hände in den Taschen, und erzählte ihm von den Stürmen der jungen Jahre. Als ob der Holzklotz den Wind begriffe, der ihn umpfeift; als ob das Schaf die Sprache des Elementes verstünde. Aber es war doch spassig, so menschlich mit ihm zu sprechen; auch der Wind hatte seine kleinen Launen.

Nebenbei liess ich die Bemerkung fallen, dass ich auf dem Gymnasium war.

»Was sagen Sie da?« fragte er erstaunt; »Sie haben das Gymnasium besucht? Ach ja, wenn ich doch auch im Gymnasium gewesen wäre!«

Und nun ging's los:

»Aber was da! Mein Genie wird sich schon allein Bahn brechen, auch ohne Gymnasium.«

Er gebrauchte in der Tat den Ausdruck »Genie« – welcher Dummkopf gebraucht ihn übrigens nicht? – und er klätschelte mir dabei versichernd auf die Schulter.

»Sie waren z. B. auf dem Gymnasium,« fuhr er fort, »und welchen Gewinn hat es Ihnen gebracht? Gehen Sie mir damit! Man kann auch ohne Gymnasium ein bedeutender Mensch werden; dergleichen fühlt man selber am besten. Mein Beruf liegt in mir. Die Menschen begreifen eben noch nicht meine eigenartige, melancholische Individualität (der Gute dichtete nämlich!). Kollege Lempke hat mich schon ganz gut begriffen, als er sagte, ich sei so tief wie das Meer; Sie können mir das glauben, auf mein Ehrenwort. Man wird mir später alles noch einmal mit Gold aufwiegen.«

»Hoffen wir,« warf ich ein.

»Ah! was da!« rief er, »ich pfeife auf die ganze Blase! Sie kennen doch sicher Lombroso; er führt einmal sehr geistvoll aus, dass die meisten Genies kalte Füsse haben, weil das Blut wegen der grossen Gedankenarbeit von den Füssen in den Kopf ströme. Nun, ich leide nicht wenig an kalten Füssen. Und die meisten Genies sind pathologisch; nun, ich habe nicht wenig pathologische Züge. Na, es wird sich ja schon alles zeigen mit der Zeit. ›Alles zu seiner Zeit,‹ sagt das Sprichwort. Nur Geduld! Im übrigen: ich werde endlich aufhören mit dem scheusslichen Opium. Ich habe geglaubt, dass es mir gewaltige Phantasien zutragen wird; auch das ist eine Enttäuschung; zunächst leide ich nur an gewaltiger Verstopfung (das sollte ein Witz sein). Ich werde überhaupt von morgen ab ganz anders zu arbeiten beginnen. Nur Geduld, nur Geduld! Wie eine Windsbraut will ich dann dahinfahren über die Menschheit, und ich sage Ihnen – na, ich sage lieber gar nichts; Sie werden schon sehen. Ich fange morgen an zu arbeiten, dass die Schwarten krachen, und dann sollen sie alle bersten. Ein passender Stoff wird sich schon finden; vielleicht meine eigene Lebensgeschichte; sich selbst, die eigenen Schönheiten und Fehler, kennt man immer am besten.«

Damit er aufatmen konnte, sprach ich auch etwas dazwischen.

»Es kostet aber sehr viel Mut,« sagte ich, »sich seine Fehler zu gestehen und ihnen den richtigen Namen zu geben. Der Mensch, der seine Fehler und Schwächen kennt, verbirgt sie gewöhnlich vor sich selbst oder er verzeiht sie sich; an anderen Menschen verachtet er sie aber.«

»Lassen Sie es gut sein,« erwiderte er, »ich werde schon das Richtige treffen. Der Name Huber wird schon eingraviert werden in die Tafeln der Literaturgeschichte. Zum Donnerwetter! man wird mich nicht mehr lange über die Achsel ansehen. Hat man denn nicht jedes Genie am Anfang verkannt? Zum Beispiel: Richard Wagner, Grabbe, Luther. Zwar Richard Wagner passt nicht ganz hierher, denn ich verstehe nichts von Musik. Aber wieviele verkennt man heute noch? Ich habe einmal in Lombrosos ›Graphologie‹ geblättert und die Handschriften Richelieus und Humboldts der meinigen furchtbar ähnlich gefunden. Ach, und überhaupt! Zu welcher Zeit hätte man das Genie denn anerkannt? Nur abwarten! Ich werde auch ohne Gymnasium wie ein Donnerwetterchen in die ganze Blase hineinfahren. Glauben Sie nicht etwa, dass ich neidisch sei auf Ihr lächerliches Gymnasium; meinetwegen kann es abbrennen oder in die Erde versinken. Ich muss Ihnen in den nächsten Tagen einmal ein Buch bringen, das ich zu Hause habe; eine Studie über die menschliche Hand. Unter anderem ist auch die Hand Michelangelos darin abgebildet und Sie werden finden, dass sie der meinigen vollkommen ähnlich ist.«

Ich bat ihn aufzuatmen und versicherte ihm, dass alle Genies geatmet hätten. Aber er hörte mich nicht. An irgendeiner Strassenecke hatte er ein Weib erblickt, und er begann, mich fortzuziehen.

»Kommen Sie doch rascher,« bat er; »ach, mich dürstet nach Liebe, mich verlangt nach einer heissen Umarmung. Wollen wir die Kleine nicht mitnehmen oder finden Sie dergleichen ›unsittlich?‹ Die akuraten Herren vom Gymnasium finden so etwas bald mal unsittlich.«

Ich beruhigte ihn.

»Pah!« rief er aus, »Unsittlichkeit, das gibt es überhaupt nicht. Die Weiber sind – Gedankenstrich; so denke ich wenigstens über sie. Leben heisst einfach zeugen. Wozu hätte uns die Natur sonst die Mannbarkeit gegeben?«

»Sie haben recht,« sagte ich. »Die Natur hätte sich dabei auf die bedeutenden und grossen Menschen allein beschränken müssen. Das Kruppzeug, dessen Seele so farblos ist, hätte geschlechtlos bleiben müssen. Damit ist's im Bienenreich besser bestellt.«

Aber er verstand mich nicht.

»Ich habe mal gelesen,« sagte er, »dass die Genies sehr potent sind; auch das trifft bei mir zu.«

Er hatte alle Argumente bei der Hand, die ein Genie ausmachen.

»Sie bringen mich auf eine Idee,« warf ich dazwischen. »Man müsste einen genialen Kerl wie Sie, in ein Weiberdorf setzen und da müssten Sie sozusagen die Rolle eines General­ochsen spielen.«

Er war ein bisschen gekränkt, und kam dann auf seine grosse Reizbarkeit zu sprechen; natürlich hatte er wieder irgendwo gelesen, dass auch die Reizbarkeit ein Zug der Genies sei. Man mag die Katze werfen wie man will, sie fällt immer auf die Beine. Zu guter Letzt rezitierte er eines seiner Gedichte: eine Schneelandschaft. Ich war nicht sehr begeistert und höhnte ein wenig.

»Aeh – Sie Possenreisser,« murrte er, und verachtete mich gründlich. Er wollte nichts mehr hören; es war eine Gemeinheit, dass ihn die Welt noch nicht anerkannt hatte; eine Gemeinheit, dass er den ganzen Tag in der Stadt umherrennen musste, seine schöne Beredsamkeit aufbieten musste, um – glücklichenfalls – eine Versicherung abzuschliessen. Anstatt ausschliesslich der Diener Apolls zu sein, war er der Karrenhund irgendeiner Feuerversicherungsgesellschaft. War das nun ein Leben? Es dürfe auch unmöglich so weitergehen; es müsse irgend etwas Heldenhaftes unternommen werden. Ach ja, der Weg zum Ruhme führe über ein Golgatha und wenn man Anerkennung finden wolle, müsse man erst sterben.

»So hängen Sie sich doch auf,« sagte ich ihm.

»Ah,« rief er, »geben Sie mir nur eine Sache, für die es sich lohnt, zu sterben.«

Ich: »Sehr einfach! Sagen Sie jedem dritten Menschen, dem Sie auf der Strasse begegnen: ›Sie sind ein vollkommener Idiot‹!«

Er: »Ach, was soll denn das?«

Ich: »Sie sagen den Leuten die Wahrheit. Man wird Sie für Ihre Dreistigkeit zu Tode prügeln und Sie sind dann als Kämpfer für die Wahrheit gestorben; es gibt nichts Höheres.«

»Ja, ja – aber –«

»Aber für die Wahrheit stirbt man nicht gern; ich weiss es. So leben Sie denn, teurer Freund, und erheitern Sie noch ferner die Menschheit.«

Er legte Verwahrung ein: »Ich bin kein Lustspiel-Dichter.«

»Aber ein Dichter für ein Lustspiel,« gab ich ihm zurück; er verstand mich aber nicht. Natürlich verdross es mich, dass meine Witze glatt an ihm abprallten und nun wurde ich grob.

»Wenn ich Sie ansehe,« sagte ich, »glaube ich fest an die Wiedergeburt. In ihnen sind alle Narren, die jemals gelebt haben, wieder auferstanden; die Shakespeareschen ausgenommen.«

»Wieso die?« fragte er erbittert.

»Die hatten Geist.«

Er machte schnurstracks Kehrt; aber ein prächtiger, toller Wind hauchte ihn an.

Huber schnitt schreckliche Grimassen und murrte: »Der Sturm bläst einem allen Schnee ins Gesicht.«

»Ja,« sagte ich, »und wenn er schmilzt, haben Sie das Gefühl, als hätte Ihnen der liebe Herrgott ins Gesicht gespuckt.«

Kaum hatte er mich verstanden, als er auch schon fortstapfte. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: es war mir ganz lieb, dass er nicht mit in meine Wohnung gekommen war. Denn es darf nicht verhehlt werden, dass er gern stahl; insbesondere hatte er es auf Bücher abgesehen; indess nahm er, wenn er keine Bücher fand, gern alles andere, was nicht niet- und nagelfest war. Er teilte diesen sonderbaren Zug mit einer grossen Reihe berühmter Männer, die er, wenn man ihn zur Rede stellte, sofort wie am Schnürchen aufzählen konnte; er entschuldigte sich wohl auch mit der Kleptomanie, mit psychischen Zwangshandlungen und all den anderen schweren Rätseln, die die menschliche Seele aufgibt und er sprach zuweilen die grosse Wahrheit aus, die man wohl verallgemeinern könnte, dass sein Kopf nicht wisse, was seine Hand tue.

Als ich zu Hause war, stellte ich mich vor meinen Napoleon. Ich habe an der Wand ein kleines Bild des grossen Napoleon, mit dem es eine eigene Bewandnis hat. Ich habe die Gewohnheit, dieses Bild stundenlang anzustarren; es gibt mir Mut und Kraft; es strömt eine mächtige suggestive Stärke von ihm in mich über. Wenn ich kleinlich handle oder Kindereien begehe oder meine Zeit vergeude, kann ich das Porträt nicht ansehen, ohne geheime Schauder dabei zu empfinden, und ich muss mich dann von ihm wegwenden. Denn Napoleon sieht mich voller Verachtung an, und seine Augen glühen Hohn und schauen mir überall starr und eisern nach, so dass es mich oft aus dem Zimmer treibt. Es gibt Stunden der inneren Zerknirschung, wo ich mich vor dem Bilde ausweinen kann; Stunden der völligen Verzweiflung an allem Irdischen, wo mich dies Bild allein tröstet und Stunden tiefer Reue, wo mich Napoleons Bild wieder mit mir selbst versöhnt. Es ist der Spiegel meines Gewissens.

An der Wand gegenüber steht ein vollständiges menschliches Skelett, das ich einmal von einem befreundeten Schiffsarzte, kurz bevor er starb, geschenkt bekommen habe. Zwischen diesen beiden, zwischen Totengebein und Napoleon, die gleichsam das Symbol meines Lebens einschliessen, gehe ich, wenn hohe Gedanken, teuflische Gedanken mich bewegen, hin und her; von Napoleon zur Tat getrieben und zu hohen Zielen, hinüber zu dem Gerippe, das mich höhnisch angrinst: Ecce homo! Das lähmt dann wieder alles Wollen. Man kann noch so Grosses Vollbringen, es ist nie für die Ewigkeit . . . nie, nie für die Ewigkeit . . .

Ich atmete erleichtert auf, als ich mich wieder in meinem Heim sicher wusste. Ich ergötzte mich noch am Spiele der Schnee­flocken . . . an dem Durcheinanderstieben . . . dem Kampf . . .

Aber in nichts ist Ewigkeit . . . sie sterben und zerrinnen wie das Leben . . . und nichts hat Ewigkeit . . . Der Schnee fällt . . . fällt . . . deckt alles zu und begräbt alles unter sich . . . Das Ende ist der Tod . . .


* * *


Als ich die Schule verlassen hatte, war ich sechzehn Jahre alt und der glücklichste Mensch, denn ich wollte immer frei sein und unabhängig, unter keinem Kommando stehen, und vor allem nicht unter dem Zwang der Lehrer, die mich und mein Wesen nicht unterschieden von dem meines Nebenmannes. Wer die Vokabeln am besten konnte, galt als der begabteste Schüler, wenngleich er ein ausgemachter Hornochse war. Wer den Donner nicht deklinieren konnte, war der grösste Lumpenhund und verdiente Daumschrauben. Wir Vierzig waren die Automaten, die so leierten, wie der Lehrer uns aufgezogen hatte. Wenn er lachte, lachten auch wir; wenn er gegerüffelt worden war, wurden auch wir gerüffelt. Ich verliess diese Fabrik, in der man alle Köpfe gleich glatt hobelt und gleichmässig abschleift, und ging zur See. Ja, ich wurde Matrosenjunge, und mit einer unbändigen Leidenschaft liebte ich das Meer. Ich liebte diese Grösse, diese Freiheit, diese Unendlichkeit und das ewige Brausen. Es war eine harte Schule, in die ich da gegangen war, und doch eine andere, als die ich eben verlassen hatte. Jene war für Herz und Sinn ein Kerker, ein Schema, ein Dressurstall; diese war bunt und grausam; es war der Kessel des Lebens selbst, in dem man hartgesotten wurde.

Vier Jahre lang habe ich das Meer kreuz und quer befahren, aber ich war noch zu dumm und zu grün, um aus dem, was ich sah, Vorteil für mich zu ziehen. Ich landete in Nord- und Südamerika, an den Küsten Indiens und Südaustraliens.

Ah, Australien! Du Land der Verkehrtheiten und Sonderbarkeiten, wo das Gras auf den Bäumen wächst, wo das Gartenland sich auf den Höhen befindet und dem Tale zu die Fruchtbarkeit abnimmt, wo die Bäume periodisch ihre Rinde abwerfen, wie die unserigen ihr Laub, wo selbst die Dornen Blüten und Blätter treiben, wo die Birne den Stiel nicht am dünnen, sondern am dicken Ende trägt, wo die Kirschen die Kerne auswendig haben, die Blumen farb- und duftlos sind und grüne unansehnliche Blumenkronen haben, wo die Myrte nur im Sterben Wohlgerüche ausströmt, wo die Pilze phosphoreszieren und des Nachts weithin durch die Wälder leuchten, wo die Eule am Tage Kuckuck schreit und die Kuckucke wie Fasanen aussehen und nachts schreien, wo die Adler weiss und die Gänse und Schwäne schwarz sind, wo die Säugetiere nicht nur Entenschnäbel tragen und Eier legen, sondern auch noch ihre Eier in einem Känguruhbeutel ausbrüten und dann selbst säugen, wo manche Papageien nach Eulenart leben und anderen Raubvögeln gleichen, wo die Vögel wolliges Gefieder haben und weder Schwanz noch Flügel tragen, wo die Strausse nicht grösser sind als unsere Schnepfen, wo die Vögel schweigen und wo es Fische gibt, die durch Lungen atmen – du Land des Märchens und der Wunder, wie lieb ich dich! Wie lieb ich dich, Australien!

An den ungesunden Küsten Ostafrikas war die Malaria an unserem Schiff zu Gaste. Ein schrecklicher Gast, und der Arzt suchte ihn mit ganzen Pfunden Chinin, mit Fässern voll Kognak zu vertreiben. Da musste ich tüchtig mithelfen und ich hatte auch Courage genug; oft zu viel, als hätte ich Brief und Siegel gegen den Tod in der Tasche. Das gefiel dem Arzt, und er machte mich nach und nach mit der Schiffsapotheke vertraut.

Wir waren eines Tages wieder in Hamburg gelandet, wo wir acht Tage vor Anker lagen. Das Schiffspersonal teilte sich in acht Kolonnen und jede bekam einen Tag frei; ich gehörte zur letzten. Wir waren unserer Elf und stellten Hamburg wohl auf den Kopf. Das Ende war natürlich ein entsetzlicher Rausch im Bordell. Die Brüder machten sich ein Vergnügen daraus, mich unter den Tisch zu trinken, denn sie wollten, dass ich mich vor ihren Augen mit einer dicken Dirne belustige. Sie kannten meinen grenzenlosen Ekel vor diesen Frauenzimmern, den der Schiffsarzt durch seine grauenerregenden Erzählungen von gonorrhoeischen, syphilitischen und skrophulösen Weibern, die die Städte verseuchten und verpesteten, in mir noch erhöht hatte. Ich hatte nicht nur Ekel, sondern auch Furcht vor diesen Hyänen der Gasse. Ich weigerte mich, trotzdem ich meiner Sinne nicht mehr mächtig war, und am Ende taten sie mir Gewalt an. Sie rissen mir die Kleider vom Leibe und höhnten mich. Da schleuderte ich mich empor und nicht ich, sondern der Rausch, der eine Bestie aus mir gemacht hatte, warf sich über die Kerle. Ich schlug um mich, als hätte ich Fäuste aus Eisen. Aber sie bezwangen mich dennoch, brachten mir Wunden bei und liessen mich halbtot liegen. Am nächsten Morgen erwachte ich in einem Krankenhause – aber das Schiff war fort . . .

Ich hatte keine Lust mehr, mich bei einem anderen Kapitän zu melden, und als man mich nach zehn Tagen entlassen hatte, fuhr ich kurz entschlossen nach Hause. Ich wollte Apotheker werden.

Ich hatte mir an einen bestimmten Apotheker mehrere Empfehlungen geben lassen, und stand eines Tages etwa eine Stunde vor den Schaufenstern seiner Pharmazie. Ich wollte hineingehen, aber der Mut fehlte mir. Ich lief hin und wieder fort und fragte mich wohl tausendmal: Soll ich hinein? Soll ich nicht hinein? Aber je länger ich überlegte, desto unschlüssiger wurde ich. Seit damals habe ich mir vorgenommen, immer energisch und gerade aufs Ziel loszugehen. Erst zehnmal um das Strassenviereck herumlaufen, dann noch eine halbe Stunde vor der Klingel stehen und sie betrachten und denken: soll ich sie ziehen? Wird er grob oder freundlich sein? Dick oder mager? Wird er mich aufnehmen oder nicht? – Das alles ist nichts. Nicht so viel Grübeln, sondern Handeln . . . praktisch sein, nicht träumen . . .

Ich wurde engagiert. Im Hause meines Chefs musste ich schlafen und bei seiner Mutter essen. Sie war so alt, dass man jede Sekunde glaubte, sie müsse umsinken vor Schwäche und Aerger. Alles an ihr duftete nach Hoffmanns Tropfen, mit denen sie sich den ganzen Tag bespritzte. Mein Chef war ein leidenschaftlicher Morphinist. Er liebte das Morphium mehr als alles auf der Welt; er hätte sich für jede Morphiumpille einen Finger abhauen lassen können. Wenn er das Gift genommen hatte, war er glücklich und von einer sonderlichen Lustigkeit. Dann hatte er ein Arbeitsbedürfnis, als sei die Kraft von zehn Maschinen in ihm aufgespeichert. Und er war schön, dieser Mann, wenn er sich eben dem Genusse des Giftes hingegeben hatte. Aber am Abend – o weh! Tiefe Ringe zogen sich um seine Augen, wie um die Augen unersättlicher Lüstlinge; seine Mienen waren schlaff, seine Stirn tausendfaltig und sein Schnurrbart hing wie bei einem Japanesen über die Mundwinkel und gab seinem Gesicht einen unendlich traurigen Ausdruck. Feine kalte Schweisstropfen bedeckten seine Schläfen, die wie von Diamantsplittern übersäet waren. Er war missmutig, interessenlos und seine Augen waren fahl und glanzlos, wie die Augen eines Blinden. Nichts reizte, nichts erregte ihn. Er war in einem Zustande entsetzlicher Gleichgültigkeit, bis er endlich in seinem Privatbureau verschwand. Zeigte er sich dann nach einer Stunde wieder, so war er ein anderer Mensch: jung, elastisch, freundlich, geschäftig, munter, rege, leichtfüssig und zu tausend Scherzen gelaunt. Und seine Augen glühten wie Kohlen. Gewiss war in seiner inneren Maschine irgend etwas nicht in Ordnung, irgendein grosser Widerstreit zwischen dem, was er erstrebt und dem, was er erreicht hatte. Denn nicht umsonst macht sich ein kluger Mensch so bewusst zum Sklaven einer niedrigen Drogue. Nicht umsonst sucht man so gewaltsam Vergessenheit. Hör genau auf solche Menschen und du vernimmst vielleicht ein unterirdisches Rumoren in ihrer Seele . . . Da wird mit lächelndem Gesicht irgendein schwerer Kampf stumm ausgefochten . . . aber ich schweife ab . . .

Ah, es gab während der Lehrzeit mehr als eine schlaflose Nacht. Und mehr als einmal träumte mir von Hagar. Ich wollte mir damals das Leben nehmen, denn ich fing an zu begreifen, dass es aus nichts anderem besteht, als aus Frondienst und Torheit. Das Leben nehmen! Niemand begreift dieses Gefühl, der euch nicht kennt, ihr qualvoll durchwachten Nächte! Es gibt Nächte, in denen man sich plötzlich Herr werden fühlt seines eigenen Schicksals; Nächte in denen die Parzen uns die Fäden des Lebens in die Hand geben, damit man sie zerreisse oder verwirre; in denen Neugier und Sehnsucht uns der anderen Welt zutreiben und Furcht und Grauen vor etwas Unbekanntem alle unsere Muskeln lähmen. Ich wollte mich in den Fluss stürzen, der die Stadt durchschneidet. Aber als ich mich des Nachts aus meinem Giebelstübchen davonschleichen wollte, hatte mich die junge Amme gesehen – eines jener Mädchen, die auf Amors freier Pürsch Mutter werden – und sie begann eine leichte Treppenplauderei mit mir, die damit endete, dass ich dem Leben wieder einige Reize abzugewinnen begann. Das Flussbett sollte mir den Tod bringen, aber das Bett der Liebe brachte mir Rettung . . .

Seit jener Nacht, in der ich auf dem Altare Kytherens opferte, erschien mir Hagar nicht mehr. Aber ich begann, mich nach einem fröhlichen und keuschen Weibe zu sehnen.


* * *


Draussen heult der Wind und wirbelt den Schnee durcheinander. Die Nacht ist pechrabenschwarz. Der Wind, der sich schon lange erhoben hat, treibt die Schneeflocken vor sich her; in der Ferne heult er und klagt; seine Seufzer gleichen den Lamentationen Sterbender. Die Strassen sind leer und grabesstill und auf den Häusern liegt bleierner Schlaf; sie träumen schwer. Vereinzelte Laternen brennen überflüssigerweise und werfen hier und da ein paar Reflexe auf die beklemmend hohen Nachbarhäuser . . .

Es ist just die rechte Stimmung, um die Geschichte mit Anne niederzuschreiben.

Eine Begebenheit nach der anderen wird im Meere meines Bewusstseins nach oben getrieben und ich durchlebe alles noch einmal im Geiste.

Ich weiss noch den Tag, wo ich Anne kennen gelernt habe, das schlichte, gute Geschöpf, siebzehn Jahre alt, schlank und biegsam wie eine Gerte. Und ihre prachtvolle Seele! Eine Seele, die noch einer Knospe glich . . . die noch schlummerte . . . die ich wecken wollte, aufblühen sehen wollte. Wie hatte ich sie doch so tief geliebt! Sie hatte mich ausgefüllt, wie das Auge die Höhle ausfüllt, in der es ruht. Sie erst lehrte mich das Leben lieben. Ohne sie war ich ein Vogel ohne Flügel, ein Herrscher ohne Land, ein Baum ohne Früchte.

Im Buggerbräu war's, als ich sie zum ersten Male sah. Dort hielt ein Abgeordneter des Reichstages Vorträge über die unnützen Ausgaben des Staates, und beleuchtete scharf eine Reihe Fehler und Mängel im Armen-Kran­kenkassen- und Gesundheitswesen, denen mit dem sinnlos vergeudeten Gelde hätte abgeholfen werden können. Er verlor sich nicht in abseits liegende Fragen der hohen Politik, sondern debattierte über Dinge, die jedem Kinde geläufig waren und zog Beispiele heran, die auch der Ungebildete verstand. Es war Feuer in seiner Rede, das fortriss.

Dort war auch Anne mit ihrer Freundin. Anne sass neben mir und als ich ein Gespräch mit ihr anknüpfte und sie fragte, was sie an dem Vortrage wohl reizte, gestand sie offenherzig ein, dass sie nicht viel Sinn dafür hätte, aber der Redner sei ihr Grossonkel und er hätte ihr ein Billett geschenkt für alle sechs Vorträge. Das war nun der erste Vortrag.

Ob sie alle sechs Vorträge besuchen werde, fragte ich.

Ja, das werde sie; sie müsse wohl. Und wie ich es denn hielte?

»Ich komme natürlich auch,« sagte ich.

Es müsse doch herrlich sein, all das zu verstehen, meinte sie; aber sie habe so wenig Zeit und Gelegenheit, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen. Ihre Freundinnen hätten nicht viel Interesse für Etatsfragen übrig. Und so weiter, und endlich, voll bescheidener Neugierde: was ich denn sei?

Apotheker! Ob man's denn nicht rieche?

Ich trug nämlich immer, weil ich den Geruch so gern hatte, ein Stückchen Jodwatte bei mir.

Sie sei bloss im Geschäft, sagte sie; und sie wurde ganz klein, als sie es sagte.

Ob ich sie abholen dürfe zu den Vorträgen, fragte ich.

Ja, das dürfte ich schon . . . und auch sonst mal, wenn ich Zeit und Lust hätte.

Täglich erwartete ich sie und allabendlich ging ich mit ihr in den Anlagen spazieren, ohne zu sprechen. Und je lauter meine Seele frohlockte, desto stummer wurde mein Mund. Und doch war mir so frei geworden, dass ich mich wie ein Vogel hätte aufschwingen mögen in die Luft. Nie, nie vergesse ich jene Juninacht, als der Himmel über uns aussah wie ein edelsteinbesetzter Gürtel, als in meinem Herzen etwas nach oben drängte, ein Gefühl, für das es noch keine Worte gab, das aber die Brust weitete, die Augen mit tiefem Glanz überfirnisste und die Finger beben machte. Da liess sich die ganze Welt und alle Seligkeit in ein einziges Wort fassen. Anne!

Und ihr Kuss! Wie sich unsere Lippen aufeinanderdrängten und wie ich fühlte, dass innen nun Frieden wurde, dass die Seelen sich miteinander verbanden, sich umschlangen. Das war mein erster grosser Feiertag.

Aber der Trieb erwachte. Und die Küsse wurden ungestümer, heftiger, wilder. Das glutrote Blut tanzte und tollte in den Adern und betäubte den Verstand; es schrie nach Anne, dürstete nach Anne, lechzte nach ihr. Und doch fühlte ich mich rein, trotz all der brennenden Sinnenlust.

Was war nun Keuschheit? . . .

Ich war sonst nicht gerade der Edelsten einer; aber in Annes Armen, wenn ich mich am meisten Mann fühlte, war ich auch am meisten Kind. Wenn man den Kopf auf ihren weissen Busen legte, und das Herz dahinter pochen hörte, wurde es so still in einem. Man wurde so reich, und war dann so wunschlos. Das Blut hatte die nackten Leiber aufeinander losgejagt, aber wenn des Leibes Wille erfüllt ward, da kam die grosse Gottesruhe über einen, die so süss war, dass man in einen holden Schlummer fiel.

Was war nun Sünde? . . .

Das, dass sie gesegnet war?

Warum hatte ihr das alle Ruhe genommen? Scheue Tränen standen ihr immerfort in den bekümmerten Augen, sofort bereit hervorzubrechen und mich um allen Verstand zu bringen. Eines Tages gestand sie ihren Eltern; aber die hatten eine hübsche Moral. »Sieh dir nur die Dirnen auf der Strasse an,« hiess es. »Jeder Mann, der sie begehrt, muss ihnen die Liebe, die sie ihm schenken, teuer bezahlen. Und du verschenkst dich und wirfst dich weg? Dann sieh, ob dich jemand aufliest.«

Ich wollte ihnen zeigen, dass Anne keinem Schurken in die Hände gefallen war; ich plante etwas ganz Grosses . . . die Entdeckung eines neuen Erdteiles . . . die Erfindung einer Mixtur, die das Leben um fünfhundert Jahre verlängerte . . . die Konstruierung eines elektrischen Brutofens für Strausseneier, in dem die ausgeschlüpften Jungen gleich sprechen lernen sollten . . . kurz, ich strebte etwas aussergewöhnlich Imponierendes an. Jedenfalls waren meine Absichten gute, als ich Annes Vater besuchte; aber alle meine Unternehmungen und Heiratsprojekte scheiterten an der begreiflichen Wut dieses Mannes. Er säbelte einige Kraftausdrücke herunter und warf mich hinaus.

Die Eltern stiessen also Anne auf die Strasse; sie wollten nicht, dass Anne glücklich sei. Nun musste sie ganz bei mir bleiben, ob sie wollte oder nicht. Tagsüber ging sie noch eine Zeitlang ins Geschäft; mechanisch legte sie den Weg dahin zurück; sie strengte sich gewiss an, um an nichts zu denken. Sie zählte vielleicht die Laternenpfähle, an denen sie vorüber kam, oder las gewiss die Firmenschilder, ohne zu wissen, dass sie las. Abends aber sass sie da und weinte bitterlich und still vor sich hin. Sie hatte sich die Krone eines grossen Grams aufs Haupt gesetzt und so oft die Freude oder die Lust sich an ihren Kummertron heranwagten, um sich nur für wenige Minuten Gehör zu erbetteln, wurden sie davon getrieben. Früher reagierte sie auf meine Worte, wie eine Klaviertaste unter dem Drucke der Hand; jetzt war sie aber von einer erstaunlichen Widerspenstigkeit . . .

Und dann, als Jürgen zur Welt kam, legte sich Sorge über Sorge auf mein Haupt. Und das Glück, das war so weit, so weit fort. Denn wo sollte ich das Brot hernehmen für alle drei? Zum vollkommenen Glück gehörte auch ein satter Bauch. Wie entsetzlich war doch diese brutale Erkenntnis! Das Glück und der Hunger waren noch nie zusammengekommen. Das hatten wir beide nicht bedacht, dass der Frieden in den Liebesnächten so grosse Unrast bringen würde. Nun hätten wir doch so glücklich sein können, denn gar lieblich war der Junge. Und Anne zu sehen, wenn der Kleine an ihrer Brust lag und sog, das war wieder ein Bild, bei dessen Anblick alles Elend sich in stumme Freude wandelte; aber auf Minuten nur. Dann kamen wieder die Not und die Schande und pochten mit ihren dürren Fingern bei uns an. Die Eltern verziehen ihr das Kind nicht, das sie geboren hatte; sie warfen sie wegen des Kindes auf die Strasse; aber wenn Anne es aus Verzweiflung ermordet hätte, würden ihre Richter sie dafür getötet haben.

Dass man die, die ich liebte, verhöhnte und meinen Jungen verachtete, das fand ich so unsagbar niedrig und so aufreizend, dass eine tiefe Menschenverachtung und ein flammender Hass mich auszufüllen begannen. Und in jenen Tagen war's, als zum erstenmal der Gedanke an einen Mord in mir aufgetaucht war. Die Stimme des Gewissens und der Ehre wurde überdröhnt von dem Geschrei des Magens und dem Tumult des Hasses. Pah, was war das schon für ein Unglück, wenn ich irgendeinen reichen Hund ermordete –

Denn die Sorge frass an meinem Herzen, machte mich mürrisch und krankhaft; die Tränen Annes konnte ich nicht sehen und ihre Seufzer waren Skorpionenstiche für mich.

Seufzer sind wie bange Geheimnisse, die man nicht verraten darf. Der sie ausstösst, fühlt sich erleichtert, der sie aber vernimmt, auf den fallen sie wie zentnerschwere Massen nieder und bedrücken ihn, bis er sie wieder einem anderen aufgelastet hat. Die Seufzer sind die wahren Gespenster. In der Stube huschen sie von Wand zu Wand und weichen nicht, schleichen sich in die Ohren der Menschen, erschrecken die Seelen und machen sie befangen, lähmen Sinn und Verstand. Seufzer sind böse Geister, die dein Herzblut stocken machen und dir den Atem rauben. Es gibt Seufzer, die wie Dolche stechen, die sanft sind, wie fallender Schnee, beängstigend und hässlich wie Fledermäuse, roh, wie ein Schlag ins Gesicht, süss, wie der sonnige Frühlingstag, kurz, wie der letzte Aufschrei eines erwürgten Vogels, wollüstig, wie eine berauschte Bacchantin, leidvoll wie der Tod. Der Seufzer, das ist der wahre Ahasver; selber Unruh, schafft er Unruh rings und nur in dem ist Ruh, den er verlassen. Er durchstreift die Welt und findet in jeder Tür Einlass. Er ist die kurze, aber eindringliche Aussprache der Sorge und der Ungeduld. Die Seufzer, die wir über Gräbern ausschütten, sie teilen sich den Bäumen mit und wenn du im Garten des Todes wandelst, hörst du es leise seufzen von den Bäumen rings . . .

Mein Puls stockte, wenn Anne weinte und in der Kehle würgte mich ein tiefes Weh; Mitgefühl und Hilflosigkeit rangen miteinander in meiner Seele.

In der Apotheke verdiente ich noch so gut wie nichts und weder dem Vater noch den Brüdern durfte ich mich anvertrauen. Der Chef hielt mich zwar für ein Genie auf chemischem Gebiete, aber Genie haben, heisst ja noch nicht Kleider und Essen haben. Übrigens suchte er mich zu unterdrücken wo er nur konnte, weil er Furcht hatte, ich könnte ihm über den Kopf wachsen. Er war ein Anhänger jenes Dummkopfs, der die Phrase von dem Genie aufgebracht hat, das sich selbst durchringt. Wie wenig kannte er das Leben! Oder er hatte gewiss eine reiche Tante zu beerben . . . Weh und ach über den Menschen, der mit übergrosser Kraft, mit glühendem Herzen und starken Gedanken auf diese Welt kommt. Wo Schwächlinge gelten, sind Männer Missgeburten. »Und die Welt ist am Ende gerecht,« sagt Heine einmal, »und sie verzeiht die Flammen, wenn nur der Brand stark und echt ist und schön lodert und lange.« Heine hat die Welt nicht gekannt.

Anne sass den ganzen Tag an der Nähmaschine und ich hatte vor Schmerz mit dem Opiumrauchen begonnen, weil in diesen berauschenden Wolken doch Vergessenheit war. Nun wurde es noch schlimmer. Ich hatte nicht mehr den Mut mich auszusprechen, und Anne fragte nie; sie schluckte alles hinunter. Denn sie fand das rechte Wort nicht, wenn ich vor ihr kniete und ich glaubte damals, sie liebe mich nicht mehr. Wir begannen voreinander zu schweigen, und wenn es auch dann und wann einmal zu einer Aussprache kam, vermied sie ängstlich von ihrer Liebe zu sprechen, ebenso wie ich ihr nie die schrecklichen Gedanken mitteilte, die ich trug. Denn mitten in den intimsten Geständnissen gibt es aus falscher Scham, Rücksicht, Mitleid immer einen Vorbehalt. Man entdeckt bei sich selber Abgründe, in die man nicht hinabsteigen, oder Sümpfe, die man nicht durchwaten kann; man fühlt überdies, dass man nicht restlos verstanden wird und fürchtet das zu verlieren, was man doch so gern zu gewinnen hofft.

Aber die glücklichen Stunden waren für immer dahin . . . Dann kamen die Krankheiten über Anne und liessen sich in ihrem Leibe nieder.

Vom Maschinennähen, sagte der Arzt.

Und nun musste auch Jürgen fort ins Waisenhaus. Ich liebte mein Kind sehr; ich liebte es mit einer Kraft der Hingabe, mit einer Tiefe der Innigkeit, die mir erst bewusst wurde, als man es fortbrachte. Ein seltsames Gefühl, ein Gefühl grenzenloser Verlassenheit ergriff mich; ich warf mich über Annes Bett und ein aufwühlendes Schluchzen, in das ich ausbrach, erschütterte meinen ganzen Körper. Ich schrie und schlug um mich, bis ich Annes Hand auf meinem Kopfe fühlte; sie besänftigte mich sofort, so gross war der Einfluss, den sie auf meine Seele hatte. Aber als ich aufschaute und sie küssen wollte, sah ich ihr tränenüberströmtes Antlitz und ich ging hinaus. Draussen weinte ich, aber damit sie es nicht merken konnte, liess ich die Wasserleitung laufen . . .

Nun war ich in jeder freien Stunde an ihr Bett geeilt und immer wollte ich ihr von meinen Racheplänen erzählen. Ich war ganz menschliche Verzweiflung und zugleich ganz nüchterne Besonnenheit; ich stak so tief darin und stand doch so hoch darüber. Ich wollte mich aussprechen, aber dann hatte sie so viele Gründe zu weinen und dann war auch vor meinen Mund ein Schloss gelegt . . .

Was war nun Schmerz? . . .

Noch heute, wenn ich an jene Stunden denke, krampft sich mein Herz zusammen. Meine Gedanken kreisten beständig um Anne und Jürgen. Jürgen hatte sich die Worte jener blutigen Kindererscheinung geborgt, die Macbeth hatte, und ich hörte es immerfort auf mich einflüstern:

»Sei blutig, kühn und frech; lach aller Toren!

Dir schadet keiner, den ein Weib geboren.«

 Es war, als ob mir ewig ein Gespenst auf dem Fusse sei. Und nun kam die lange, lange Reihe der schlaflosen Nächte . . .


* * *


An einem Sonnabend, an demselben Tage, an welchem Anne ins städtische Krankenhaus gebracht werden musste, begann das Schicksal mich auf diesen schrecklichen Weg zu führen. Es fing so sonderbar und harmlos an.

Ich war gezwungen, im Laboratorium der Apotheke zu stehen und ein Pulver zu präparieren, obwohl mir zumute war, wie einem, der im Begriffe steht, sich zu erhängen. Es hatte draussen im Laden geklingelt, und als ich hinausgegangen war, um den Kunden zu bedienen, war es der Kaufmann Leonhard aus Giessen, den ich schon auf dem Schiffe »Delphin« kennen gelernt hatte und der wieder gekommen war, um Sublimatpastillen zu kaufen. Er reiste jedes Vierteljahr von Giessen geschäftlich herüber in unsere Stadt, um gegen bare Zahlung grosse Posten Waren aus Konkursmassen einzukaufen. Gewöhnlich hielt er sich acht Tage hier auf, um sich in den Nächten ordentlich auszuleben, und die Sublimatpastillen brauchte er eben für seine Vergnügungen.

Er war mir vor zwei Jahren einmal in den Strassen begegnet und hatte in mir den Gehilfen des Delphin-Schiffsarztes wiedererkannt, der ihn behandelt hatte, als ihn die Seekrankheit so elend gemacht hatte. Ich hatte ihn mit viel Sorgfalt und Humor gepflegt. Es ist wahr; ich war ein frischer Bursche und ich konnte selbst Patienten, denen der Tod lieber war als das Leben, noch zum Lachen bringen. Nun traf er mich hier als Apothekergehilfe; ich hatte aber keine Zeit, um auf der Strasse zu plaudern. Er war nach der Apotheke gekommen, aber auch da konnte man die alten Reiseerinnerungen nicht auffrischen. Schon oft hatte er mich eingeladen, die Abende mit ihm in lustigen Mädchenkneipen zu verbringen, aber ich hatte stets abgelehnt . . . wegen Anne.

Ja . . . nun war er wieder gekommen, der dicke Leonhard mit seinem knallroten Gesicht und weissen Schnurrbart, und verlangte seine Sublimatpastillen. Er lud mich abermals zu einem fidelen Abend ein und diesmal sagte ich zu, obwohl Anne am selben Tage nach dem Krankenhause transportiert wurde.

Leonhard hatte folgenden Plan. Er wollte am nächsten Sonntag nach Wiesbaden hinüberfahren und sich tagsüber im Kurgarten amüsieren. Ich sollte, sobald ich dienstlich frei war, nachkommen; im Bahnhofshotel wollten wir uns treffen.

Leonhard wollte für zwei fesche Weiber sorgen; es sollte eine tolle Nacht werden.

Und als er gegangen war, hatte ich einige Fläschchen mit den stärksten Giften gefüllt und zu mir gesteckt.

Am Sonntag Abend trafen wir uns denn in Wiesbaden. Leonhard hatte aber, weil während der Saison so grosse Nachfrage war, nur ein Weib gefunden, das hübsch war, und das beanspruchte er natürlich für sich. Die nächste Nacht sollte ich mir auf seine Kosten eine Kleine hier leisten.

Ich war einverstanden. Ich wurde der Dirne als Referendar Franz Heydenreich vorgestellt und Leonhard hiess Scholldorn, Steuermann Scholldorn; beide zur Kur in Wiesbaden. Dirnen den richtigen Namen zu sagen, das war so eine verfängliche Geschichte; man konnte ja nie wissen. Und Leonhard musste Steuermann sein, sonst war es ja gar nicht motiviert, dass wir den ganzen Abend von Schiffsreisen sprechen wollten.

Als ich in Wiesbaden angekommen war, hatten Leonhard und seine Erwählte schon einige Flaschen geleert. Sie waren mit ihrem Souper schon eine Weile zu Ende und befanden sich in der Verdauungsstimmung; die Dirne mit den Diamantringen an den Händen und den blauen Ringen unter den Augen, zeigte kein besonderes Interesse für mich; sie wollte schlafen. Aber Leonhard war wieder munter geworden und nun plauderten und tranken wir uns müde. Gegen elf Uhr zogen wir uns auf unsere Zimmer zurück, aber Leonhard wollte noch einige Flaschen Sekt nach oben gebracht haben und auch die Rechnung für die ganze Zeche und für die Zimmer. Und dann begann es . . .

Ich hatte Licht gemacht, meine Stiefel vor die Tür gestellt und war in Strohschuhen, die ich vor dem Bette gefunden hatte, noch lange grübelnd auf- und niedergegangen . . .

Es gibt nur eine herrschende Macht: Die Kraft. Und was die Kraft auf ihrem Wege zum Gipfel hinauf zermalmt und was sich von ihr zermalmen lässt, das ist des Zermalmens wert. Hier stehe ich – gut. Dort ist mein Ziel – gut. Und diese Linie durchlaufe ich, bis ich am Endpunkt bin. Habe ich erst einmal begonnen vorwärts zu gehen, dann unbarmherzig vorwärts, und wenn es über Leichen geht. Das Herz lass zu Hause; sei taub gegen die Ratschläge des Gewissens. Das Gewissen ist ein Ding, das Menschen erklügelt haben; es gibt erst ein Gewissen, seit es ein Gesetzbuch gibt . . .

Solche Gedanken durchflogen mich und das Ende meines Denkens war immer Anne und Jürgen.

Es war eine Aufregung in mir gewesen und eine Spannung, die mich getrieben hatte, irgend etwas zu tun. Ich musste Anne helfen und Jürgen sollte etwas Grosses werden. Ich war, wie alle guten Väter, von der Idee besessen, an meinem Jungen all das gut zu machen, was an mir gefehlt wurde. Anne und Jürgen und ich, alle drei mussten wir aus diesen Verhältnissen heraus.

Nun hatte es zwölf geschlagen.

Anne lag wohl gerade und fieberte . . .

Ich hatte ein Licht genommen und war hinausgegangen auf den dunklen, stillen Korridor, war von Tür zu Tür geschritten, die davorstehenden Stiefel aufmerksam betrachtend und forschend, wem sie wohl gehören konnten; was das wohl für Menschen waren, die darin umhergingen; ob sie wohl dem Bösen zueilten oder dem Guten . . .

Alles schlief bereits und man hatte keinen Laut vernommen. Ich war auch in den zweiten Stock hinabgestiegen, immer vor mir her leuchtend und etwas suchend, das ich selbst nicht kannte; etwas Unbestimmtes, das ich zu finden gehofft hatte. Wie ein Nachtwandler war ich in den Korridoren umhergeschlichen und hatte leise auf manche Türklingen gedrückt, die elastisch nachgegeben hatten. Aber die meisten Türen waren verschlossen.

Wie ich an der Toilette vorübergehen will, tritt mir der dicke Leonhard entgegen. Er hat nur Beinkleider an und ist offenbar betrunken, denn er taumelt leicht. Ich erschrecke heftig, ohne mir über meine plötzliche Furcht Rechenschaft geben zu können. Mir ist, als erblicke ich ein Gespenst. Hat das Schicksal meine Gedanken erraten und will es mir helfen? Oder habe ich eine Sinnestäuschung?

»Sie können wohl auch nicht einschlafen,« fragte er mich.

»Nein,« erwiderte ich; »ich habe Kopfweh; ich vertrage keinen Wein.«

»Dummes Zeug,« meinte er, »der Wein war gut. Die Zimmer taugen nichts.«

Und nun schimpfte er im Flüsterton eine Weile auf alle Hotelzimmer. Zuletzt bat er mich, noch ein Gläschen Sekt mit ihm zu trinken.

»Hahaha,« lachte er mit unterdrückter Stimme, »man haut gern mal über die Stränge, wenn man auch schon ein alter Kerl ist, was? Aber die ältesten Hähne sind nicht immer die schlechtesten, verflucht juchhe! Wir haben noch Pulver auf der Pfanne, lieber Freund. Hahaha. Wissen Sie, zu Hause immer ein und dasselbe Gemüse, das wird einem schliesslich auch einmal zu dumm. Gemischte Kost ist mein Fall! Hahaha, sapperlot! Na, kommen Sie nur mit auf mein Zimmer, so schnell kann ich doch nicht einschlafen. Da sollen Sie mal was sehen! Die hat Rasse! Ein Anblick für Götter.«

Ich folgte, einem inneren Drange gehorchend, aber ich war wie benebelt und atmete kaum. Instinktiv befühlte ich meine Taschen, in denen ich das Gift verborgen hatte. Meine Beine wollten gern umkehren, aber das Herz mochte nicht; es pochte in grosser Erregung . . . pochte . . . pochte. Meine Gedanken spalteten sich jäh in gute und böse . . . ach, hätte man doch noch umkehren können! . . . Aber Anne! Anne! Anne! . . . Und mit den Füssen war es so, als ob sie ihren Kopf für sich hätten; jetzt wollten sie nicht umkehren, obwohl irgend etwas in mir es ihnen befohlen hatte . . . Und nun wurde aller Seelenfrieden begraben . . . aber für Anne und Jürgen. Drum wurde es still innen und ruhig. Und dann plötzlich ein Getöse im Ohr, wie Brandung. Das ganze Blut staute sich im Herzen und schrie: Mörder! . . .

»Ach, Herr Leonhard,« sagte ich ganz kleinlaut.

Und er: »Ja, da sind wir.«

Wir kamen in ein schwüles, nach Wein und Weib duftendes Zimmer. Fast alle Sessel waren mit Kleidern belegt und am Boden lag eine leere Sektflasche. Ein Eiskübel stand da, aber das Eis war herausgefallen und schmolz zusehends auf dem Teppich. Zwei Betten befanden sich in dem Raume; auf weissen Kissen lag völlig nackt in berückender Pose die Dirne mit den feinen Gesichtszügen, einer prächtig schimmernden Haut und aufgelöstem Haar. Wie eine erstarrte Goldwelle schmiegte sich das reiche Haar an ihre Brüste, als sei es dort entsprungen. Aber sie schlief, als wäre sie tot.

Ich nahm Platz und fragte: »Aber weshalb luden Sie mich denn noch ein? Gedenken Sie nicht den Triumph der kleinen Orgie zu feiern?«

»Wissen Sie,« antwortete er, »es amüsiert mich schon reichlich, wenn ich das Mädel so daliegen sehe. Ich bin nicht so für das ganz Materielle; es gibt auch Delikatessen des Liebesgenusses.« Dann schnalzte er mit der Zunge und liess sich auf einen Stuhl fallen. »Und nicht zu vergessen, mit diesen Damen muss man sich ein bisschen der Vorsicht befleissigen; sie stehlen gern. Dergleichen kann mir aber nur einmal passieren. Ich habe wieder grosse Geschäftseinkäufe vor und habe infolgedessen etwas Geld bei mir. Da heisst es an die Mutter der Porzellankammer denken. Ich denke nämlich nicht wie die meisten: erst das Geschäft und dann das Vergnügen, sondern umgekehrt. Wenn ich keine Amüsements mehr vorhabe, gehe ich mit doppelter Ruhe ans Geschäft.«

Ich lachte beifällig zu dieser Theorie und trank ihm eifrig zu.

»Sie müssen auf diesem Gebiete mein Lehrer werden,« sagte ich.

Er fühlte sich geschmeichelt, wie alle Provinzler, denen ein Grosstädter in Sachen der Lebenserfahrung Komplimente macht, zwickte mich in den Arm und rief im Tone der Selbstverständlichkeit:

»Ja, auf den Kopf gefallen sind wir nicht. Ich habe den kleinen Balg da mit Absicht in den Schlaf getrunken und nun mache ich mit ihr, was ich Lust habe.«

»Und wie überzeugen Sie sich davon,« fragte ich, »ob sie wirklich schläft oder sich nur schlafend stellt?«

»Kleinigkeit,« sagte er, »da gibt es hundert Proben.«

Und in der Freude, mich belehren zu können, begann er in einer Art – man könnte sie wissenschaftlichen Dilettantismus nennen – zu zoten, dass mir übel wurde. Es gibt Stunden, wo eine hässliche Bewegung und schon ein hässliches Wort genügen, um mich rebellisch zu machen; ganz und gar aber vertrage ich nicht jene Witze aus der sexuellen Sphäre, die nur die Ausschweissungen einer verhaltenen Sinnlichkeit, nicht aber die launigen Ausgeburten eines erotischen Geistes zu sein scheinen.

Und indes er sprach, war ich ganz einig mit mir geworden, dass ich ihn töte. Der Gedanke begann sogar mich dämonisch zu beherrschen und mit einer Freude zu erfüllen, die meinem ganzen Wesen wieder Elastizität gab. Mir wurde frei um die Brust und die Spannung, die so lange auf mir gelegen hatte, liess nach. Der Mord, den ich begehen wollte, regte mich nicht im mindesten mehr auf; ich betrachtete den Dicken sogar bereits als mein Opfer, aber seltsamerweise hatte ich auch nicht eine Sekunde lang den Gedanken an das Geld dabei im Kopfe. Es war lediglich die Lust in mir, ihn zu töten, weil – –

Weil ich eine so grosse Furcht hatte vor Gott.

Ich glaubte damals noch an einen Gott oder an irgend etwas, das man Schicksal oder Vorsehung nennen konnte. Die Ganzklugen bestreiten, dass es dergleichen gäbe, obwohl man nie erfuhr, woher sie das so genau wussten. Ich lag stark im Zweifel. Aber ich wollte nicht länger glauben und nicht länger zweifeln, ich wollte wissen.

Ich begann nunmehr den alten Völler systematisch unter den Tisch zu trinken. Während er mir seine lüsternen Theorien entwickelte, trank ich ihm vielleicht ein dutzendmal zu. Er gähnte viel, sprach immer schleppender und monotoner und tat endlich nur noch schläfrig Bescheid. Bald schlief er besiegt und überwunden ein.

Endlich . . .

Eine Zeitlang verharrte ich unbeweglich bei unbestimmten Vorstellungen. Und nun empfand ich, wie ich mit einer unbekannten Macht zu kämpfen begann. Sonderbare, neue Gefühle stiegen in mir auf und verschwanden wieder rasch wie Regenblasen. Ich hatte sein Leben in meiner Hand und konnte damit nach Willkür spielen; dass ich ihn aber kraft meines Willens, kraft meiner Laune sterben oder leben lassen konnte, das gab mir einen teuflischen Mut. Wo war nun Gott, wenn er mich nicht hinderte, dieses Leben zu vernichten? Dann gibt es wahrscheinlich keinen Gott, folgerte ich, und keine Vorsehung. Denn gab es eine Vorsehung, warum beeilte sie sich nun nicht, meinem Opfer zu Hilfe zu kommen? Oder war es ihm bestimmt in dieser Nacht zu sterben? Hatte das Schicksal in seinem Lebensbuche bei Kaufmann Leonhard aus Giessen den Vermerk gemacht: stirbt durch Peter Broh am 14. Mai 18 . .? Konnte man es genau so im Buche des Schicksals lesen? Genau so? Das war doch offenbar Unsinn, denn ich brauchte nur nicht zu wollen und er blieb am Leben.

Da sass ich nun und trotzte dem Himmel. »Es lähme eine göttliche Macht meine Hand,« rief es in mir, »und ich will ein Verkünder werden Gottes, wie die Erde noch keinen getragen.« Und ich wartete auf das Wunder. Vergebens. Lange. Der Alte rührte sich nicht. Vielleicht schwebte die Vorsehung auf weniger raschen Flügeln heran? Man konnte ja noch zwei Minuten warten. Aber als nichts kam, gar nichts kam, nahm ich, ohne zu zittern, das Fläschchen stärksten Giftes aus meiner Tasche, schüttete es in das Glas Leonhards und goss Wein darauf. Ich rührte den Inhalt hurtig um und als die kleinen Kristalle sich im Weine aufgelöst hatten, weckte ich den Alten auf.

»Na, denn Prosit!« sagte ich laut.

Leonhard fuhr empor, riss seine roten, kleinen, überreizten Augen auf und starrte mich wie ein Gespenst an. Er griff ganz vertrauensvoll nach dem Glase und trank, indes ich an meinem Glase nippte, das seine in einem Zuge leer.

Es geschah nichts Besonderes; er spuckte nur ein paarmal aus und sagte: »Wie das Zeug doch gleich widerlich schmeckt, wenn es eine Weile steht.«

Ich gab ihm recht.

»Na, nun wollen wir mal ein bisschen zu schlafen versuchen,« lallte er mühsam und bat auch mich, mein Bett aufzusuchen. Er wusste, dass ich, um pünktlich in der Apotheke zu sein, mit dem ersten Frühzug von Wiesbaden abreisen musste und er verabschiedete sich deshalb gleich von mir . . . ich nahm mein Licht und ging hinaus.

Warum stürzt ein Mörder in dem Augenblick, wo er einen Menschen tötet, nicht leblos zu den Füssen seines Opfers nieder?

Das war der erste Gedanke, der mich durchflog, denn ich war gewissermassen erstaunt darüber, dass ich nun noch lebte.

Vor der Tür blieb ich lauschend stehen; ich hörte, wie der Alte abschloss und riegelte und von der Tür wegging. Dann fiel etwas um, das den Boden erschütterte. Ich ahnte, dass drinnen der Tod umging und flüchtete eilends in das dritte Stockwerk hinauf, wo mein Zimmer lag, hastete über die weichen Teppiche hin, an den schweigenden Wänden vorbei, schlüpfte rasch in mein Zimmer und schloss, als sei mir jemand auf den Fersen, hurtig und angstvoll die Tür. Dann horchte ich mit allen Sinnen an der Türspalte, ob derjenige auch wirklich draussen geblieben war, der mich verfolgt hatte . . . wer war das wohl? . . . ja, wer war das wohl?

Und erst jetzt tönte mir die Stimme Annes ins Ohr:

Peter Broh! Peter Broh!

Ich warf mich in mein Bett und verbarg mich mit der Decke vor einem grauenhaften Etwas, das im Zimmer irgendwo in einem Winkel hockte und mir auflauerte. Es war dem Unerklärlichen also doch gelungen, durch die Türspalte hereinzudringen. Ich atmete leise und wagte nicht unter der Decke hervorzuschauen, denn ich fühlte deutlich, dass am Kopfende jemand sass, dessen Anblick den Tod gab. Ich fühlte es nicht nur, ich empfand sogar den physischen Druck, den das unheimliche Wesen verursachte. Nun tastete es über meinen bedeckten Körper hin mit weichen, grauenvollen Schritten – hin und zurück – – hin und zurück – – als suchte es eine Stelle, wo es hineinhuschen und meinen Körper überfallen konnte. Mit einem Male verweilte es an der rechten Achsel; da musste es wohl ein unbedecktes Stückchen Schulter erspäht haben. Ich wollte die Decke fester zuziehen; aber in diesem Augenblick kroch es in mein Bett; es schlängelte sich meine Brust entlang bis zum Herzen und da verweilte es.

Ich starrte unter die Decke nach der Herzgegend . . . ich erblickte etwas Grauenvolles . . . zwei im Dunkel hin- und herschwimmende Augen . . . ich schrie auf und die Augen verschwanden blitzartig.

Aber noch war ich nicht befreit. Ein Mund näherte sich meinen Ohren –

Peter Broh! Peter Broh!

Ich glaubte zu erstarren. Ich stopfte mir die Ohren zu, begann zu zählen, sprach laut willkürliche Zahlen vor mich hin und zwang mich, an Larifari zu denken. Aber plötzlich vernahm ich einen durchdringenden Schrei. Entsetzt schnellte ich in die Höhe wie eine entspannte Feder, riss die Bettdecke zurück und erwartete das  leibhaftige  Grausen  zu  sehen . . . aber das Bett war leer, und das hatte ich die ganze Zeit gewusst . . .

Was war nun Furcht?


* * *


In dieser Nacht war es vorbei mit dem Schlaf. Ich starrte in die finstere Leere und horchte auf das Schnarchen der nebenan wohnenden Gäste. In der Stille der schwarzen Nacht sah ich im dunklen Gesichtsfelde den wimmelnden Lichtstaub, die wechselnden, hellen Flecke und phosphorfarbigen Kreise, die bis in die Träume hineinleuchten und ich hörte, wie meine Uhr die Stunden kleinhackte.

In dieser Nacht war es vorbei mit dem Schlaf und auch in der folgenden.

In dieser Nacht kamen sie zu mir, alle die Dienerinnen der Schuld: die Angst, die Sorge, die Unrast und die Seelenpein – und sie verliessen mich nimmer.

Am nächsten Morgen war ich mit dem ersten Frühzuge abgereist und stand pünktlich um sieben Uhr in der Apotheke. Tagsüber geschah nichts; ich ass wie sonst, wenn auch nicht mit dem sonstigen Hunger; aber das erklärte sich vielleicht durch die ungewöhnlichen Ereignisse der vergangenen, schlaflosen Nacht. Erst abends stand eine kleine Lokalnotiz in den Zeitungen von einem Steuermann Scholldorn, der in Wiesbaden einen Schlaganfall erlitten hatte; man meinte die Ursache auf erotische und bacchische Exzesse zurückführen zu können.

Tags darauf war in den Blättern von einer Demimonde die Rede, die in Sachen Scholldorns verhaftet worden war. Die Situation war ganz klar. Gegen vier Uhr oder halb fünf muss das Gift stark zu wirken begonnen haben; um eben dieselbe Zeit, als ich, neben einigen anderen Herren, das Hotel bereits verlassen hatte, um den Fünfuhrzug zu erreichen. Leonhard wird nach dem Kellner geklingelt und nach dem Arzt verlangt haben, inzwischen aber der Wirkung des Giftes erlegen sein. Man musste nun, wenn man überhaupt an Mord dachte, jene Dirne unbedingt für die Täterin halten, denn man fand das Zimmer verriegelt und verschlossen und im Zimmer war ja niemand anders als Leonhard und das Weib.

Am dritten Tage wurde wirklich von Mord gesprochen, aber da man das Vermögen und die Wertgegenstände des Verstorbenen unberührt gefunden hatte, wurde die Dirne wieder aus der Haft entlassen. Man hatte überdies festgestellt, dass Scholldorn tatsächlich Leonhard hiess und bat nun jenen Referendar Franz Heydenreich durch die Zeitungen, sich bei der Polizei zu melden.

Franz Heydenreich aber rieb seine Pillen und sagte: Lieber Peter Broh, das mit dem Melden hat noch Zeit!

Am folgenden Tage war es ausser allen Zweifel gestellt, dass Kaufmann Leonhard mittelst Gift Selbstmord begangen hatte; die Ursache war zwar unbekannt, aber dergleichen kam ja oft genug vor. Die Affäre verlief schliesslich in etwas mysteriösen Schluchten und ich hörte nie wieder etwas davon.

Trotzdem hatte ich zunächst weder den Mut, Anne im Krankenhause zu besuchen, noch das Herz nach Jürgen zu sehen, denn im tiefsten Innern war ich überzeugt davon, dass es so etwas wie eine Vergeltung gab, und ich bildete mir ein, in derselben Nacht, in der ich um Annes willen zum Mörder geworden war, musste sie und der Junge gestorben sein. Ich glaubte so sehr an diese fixe Idee, dass ich die ersten Tage fleissig und gewissenhaft sämtliche Todesanzeigen studierte.

Als meine Unruhe über die Ungewissheit aber doch aufs Höchste gestiegen war und ich, in der festen Vornahme Anne alles zu beichten und mich ihrem Urteile zu unterwerfen, endlich ins Hospital gerannt war, erfuhr ich zu meinem grossen Schrecken, dass ihre Eltern sie schon vor vier Tagen mit einem Krankenwagen abgeholt hatten, um sie zu Hause zu pflegen. Also das war die Rache ihrer Eltern; sie hatten mir Anne genommen, wo ich mehr denn je ihrer sanften Worte, ihrer wohltuenden Liebkosungen, ihrer milden Stimme und ihrer keuschen, verzeihenden Seele bedurft hätte. Ich schrieb ihr zunächst einen Brief, aber als er uneröffnet zurückgekommen war, wusste ich, dass ihre Eltern alles tun würden, um mir die Möglichkeit, Anne zu sehen oder gar ein liebes Wort von ihr zu empfangen, vollkommen zu rauben. Keinerlei List half; ich versuchte den Vater zu rühren, indem ich an sein Herz appelierte, das – wie mir Anne erzählt hatte – in der Jugend ähnliche Qualen erlitten hatte, wie jetzt das meine; aber auch diese Briefe kamen zurück. Ich schickte Telegramme, ich bat, ich flehte, ich sandte ihr Blumen, Früchte; ich bestach das Dienstmädchen mit ungewöhnlichen Summen, damit es Anne einen Brief zustecke und mir eine Silbe von ihr bringe; ich verbrachte die freien Stunden vor ihrer Wohnung, in der Hoffnung, hinter einer Gardine vielleicht einmal ihr Antlitz zu erspähen; ich schlich die Nächte vor ihrem Hause umher, um dem Vater, wenn ich ihm begegnet wäre, vor die Füsse zu fallen und ihn kniefällig um die Gnade zu bitten, mich Anne eine Sekunde sehen zu lassen; ich wollte ihm mein Jahresgehalt anbieten, wenn er mir ein Zopfband Annes, irgendeine Nichtigkeit, die Annes Hände berührt hatten, schenken wollte. Ich suchte ihre ehemaligen Freundinnen auszukundschaften; aber nichts – nichts – nichts. Alles war erfolglos.

Aber bei dieser vollkommenen Abgeschlossenheit von der Aussenwelt und besonders von mir, konnte Anne unmöglich gesunden. Ich wusste es ja am besten, wie sie mich liebte, und es ihr unmöglich machen, von mir zu hören, war für sie der Tod. So viel Hoffnungen hatte ich deshalb doch in die starke Liebe Annes gesetzt, dass ich mir sagte, sie würde es verstehen, die versteinten Herzen ihrer Eltern eines Tages zu bewegen.

Ich wartete also, wartete . . .

Aber man erträgt eine solche Spannung, eine solche anhaltende Folter, in der ich mich befand, nicht lange, ohne endlich zusammen zu brechen oder mit den letzten Kräften zu rebellieren. Ich wollte ein Letztes wagen. Ich musste Anne auf alle Fälle eine Minute sprechen und ich wollte mir schliesslich den Zugang zu ihrem Bette mit der Waffe in der Hand erkämpfen, wenn es sein musste sogar einbrechen, Gift und Dolch benutzen – aber sehen musste ich sie, denn ich litt unter der Bürde, die ich trug, Unsägliches. Nun war ich auf eine tolle Idee verfallen. Sie auszuführen fuhr ich an dem nächsten Tage, an dem Besuchszeit war, ins Waisenhaus, um meinen Jürgen abzuholen, den ich, seit er fortgebracht worden war, nicht mehr gesehen hatte. Das Unternehmen war zwar schwierig, aber ich hatte mir die ganze Sache schon sehr fein zurechtgelegt.

Im Waisenhause sagte man mir aber, dass Jürgen vor acht Tagen von Annes Vater abgeholt und adoptiert worden war.

Ich fürchtete ohnmächtig zu werden und schlich in den Wagen, der vor der Tür wartete und der Jürgen und mich aufnehmen sollte. Ich hatte ein hübsches Kleidchen gekauft, mit dem ich meinem Jungen eine Freude machen wollte; denn wenn er lachte, hatte er vollkommen die Züge Annes, und um ihm ein Lächeln abzulocken, um eine kurze Sekunde ein chimärisches Wiedersehen mit seiner Mutter zu feiern, wäre ich abermals zum Mörder geworden und hätte ich eine Stadt in Brand gesteckt. Ich spreche in etwas grossen Hyperbeln, aber auch sie sagen noch nichts von meinem unendlichen Verlangen nach einem Lächeln meines Kindes. Da lag nun das Kleidchen ausgebreitet auf dem Polster und verhöhnte mich mit seinen hellen lebensfrohen Farben. Die grossen weissen Tupfen auf scharlachrotem Grunde starrten mich an wie tote Augen, die in Blut schwimmen. Kaum war der Wagen im Rollen, als ich die Empfindung hatte, dass mir nun auch das Letzte entglitten war, was mich noch so lange über Wasser gehalten hatte. In mir war etwas entzwei gebrochen und es schien mir, als versinke ich in Nacht. Wenn der Kutscher geradezu in den Fluss gefahren wäre oder wenn man mich jetzt auf das Schafott geschleift hätte, es wäre mir eine Lust gewesen, zu sterben. Jetzt erst begriff ich, wie entsetzlich es ist, einen Menschen so zu lieben und jetzt erst fühlte ich, dass auch ich zum Stamme jener gehörte, welche sterben, wenn sie lieben.

Jetzt erst kam auch die ganze Verzweiflung meiner grausigen Tat über mich, die mir nun so ungeheuerlich und so unglaublich schien, dass ich zweifelte, ob ich sie überhaupt je begangen hatte; aber die Zeitungsausschnitte, die ich mir verwahrt hatte, erinnerten mich in allzukrasser Weise an die Wirklichkeit des Geschehenen. Wenn ich Leonhard wenigstens seines Geldes wegen beraubt hätte, würde mir das doch immerhin als eine Entschädigung – wenn auch eine lächerlich geringe – für all die Seelenpein erschienen sein, die ich erleiden musste. Ich hätte überdies das Geld ja nur dafür verwendet, um Anne gesund zu kurieren und dem Jungen die Mutter zu erhalten; es konnte ja, hätte ich nur das Geld genommen, noch alles so herrlich werden, denn die Kraft, um über die Mordtat hinauszuwachsen, traute ich mir wohl zu. Anne hätte es mir gewiss auch leicht gemacht, um darüber hinwegzukommen; sie hätte mir schon eine feine Sühne ersonnen, die Schuld zu büssen. Ach, sie hatte so eine milde Hand, eine Flaumfederhand, und sie konnte einen, ohne dass man es merkte, in den Himmel lenken und in die Hölle. Sie brauchte nur zu lächeln, und alle Tierinstinkte waren in mir gebändigt.

Ja, wie war das nun eigentlich zugegangen? Warum tötete ich ihn wohl, wenn ich die Absicht aufgegeben hatte, ihn zu berauben? Waren es lediglich die Zoten, um derentwillen ich ihm Gift zu trinken gegeben hatte? Das allein konnte es doch nicht gewesen sein! Und doch schien es so. Oder war, als ich ihm gegenübersass und auf einen Fingerzeig Gottes harrte, bereits längst der Satan im Spiel und verwirrte mich und lenkte mich ab, liess mich zum Mörder werden und hatte die Vornahme, das Geld zu nehmen, in meinem Gedächtnisse ausgewischt, ein Vorhaben, ohne das der Mord gar keinen Sinn hatte? Wenn ich ihn nicht bestehlen wollte, warum ermordete ich ihn?

Aber plötzlich durchzuckte mich die schreckliche Gewissheit, dass Anne, wenn ich ihr die Tat gestanden hätte, mir die Tat vielleicht verziehen, aber nie, nie von dem Gelde, an dem Blut klebte, auch nur einen Heller für sich verwendet hätte. In welche Verblendung hatte mich dann aber meine Liebe geführt?

Ich fand aus dem Kreise, in dem sich meine Gedanken müde rannten, keinen Ausweg.

Das beste war vielleicht, man ging gleich aufs Polizeipräsidium und erzählte die ganze Geschichte . . .

Aber man wird mich dann töten, sagte ich.

Mag man mich töten, antwortete ich.

Das Leben ohne Anne und ohne Jürgen galt mir ohnedies nichts mehr und ich war in einem fortdauernden Zustande tiefster Depression. Aber, fragte ich mich endlich, welche Vorteile bringt es mir oder der Menschheit, wenn ich nun wirklich getötet oder zwanzig Jahre im Zuchthause zubringen werde? Denn lediglich für die Idee der Gerechtigkeit und Vergeltung zu sterben, dazu fühlte ich mich einerseits zu jung, und dann war mein Glaube an diese Gerechtigkeitsidee nicht sehr gross, jedenfalls nicht so gross, um dafür das Leben lassen zu wollen. Alles ist Lüge, sagte ich mir, alles Maske. Und in der Tat schien mir auch nur die Maske interessant, die jeder trug, nicht aber die Wirklichkeit. Selbst bei meinen Freunden – vorausgesetzt, dass es Menschen gibt, die es verdienen, so genannt zu werden- – lauschte ich viel mehr auf das, was sie vor mir verbargen und verheimlichten, als was sie mir mitteilten. Die Wahrheit und die Wirklichkeit fand ich schal, öde, stumpf und roh, aufdringlich und hässlich. Die Wirklichkeit war nichts als der Gefängniswärter der Phantasie. Alle Kunst war ja auch nichts weiter, als die Kunst, sich zu verbergen. Man sagte zwar immer, die Kunst hätte das Leben darzustellen. Das Leben aber war und ist armselig und dürftig und zum Glück stellten die Künstler es nicht auch so dar. Die Kunst war und ist vielmehr die Darstellung des Lebens, wie es nicht ist. Alles in der Kunst ist Lüge, alles im Menschen ist Maske. Und Gott sei Dank! Wahrheit ist die Tugend der Spiessbürger, der Amtsrichter und Gouvernanten. Ein Stilleben mit gemaltem Käse, mit Käse aus Ölfarbe ist eine Lüge; aber wenn der Künstler den Käse so zu malen versteht, dass er dem Beschauer entgegenstinkt, so ist das die Wahrheit. Ein vollkommenes Mädchen, wie es die Dichter – selbst die naturalistischen – so oft schildern, ein Mädchen also, das nur Morgenröte, nur Knospe, nur Schönheit und Anmut wäre, ist eine Lüge; ein Mädchen aber, dessen Gedanken noch unschönere Dinge begehen, als ihr Körper, das ist die Wahrheit. In jedem Falle ist sie ekelerregend. Sie macht den Hungrigen nicht satt; sie legt sich wie ein Alp auf die Willenskraft des Menschen und nimmt ihm jeden Hoffnungsschimmer. Und den Künstler macht sie vollkommen steril. Wie vermagst du überhaupt ohne die Lüge, die trostspendende, hoffnungserweckende, versöhnende Lüge auszukommen in dieser abscheulichen Welt der Nüchternheit und Statistik? Glaube an die Arche Noahs, an den Dornbusch des Moses, an die Läuse Pharaos, an den Haifisch des Jonas, und es macht dich stark. Wer die Maske nicht trägt und die Lüge nicht liebt, ist ein unverbesserlicher Dummkopf. Warum stellt man die Wahrheit und die Gerechtigkeit mit verbundenen Augen dar? Um zu sagen, dass sie blind urteilen und also ungerecht; man stellt sie vollends in einem Weibe dar, um ihre gänzliche Gebrechlichkeit darzutun. Der erste Künstler, der sie so allegorisierte, war ein Ironiker sicherlich.

Mit solchen Gedanken hatte ich mich bereits ein wenig beruhigt, als wieder eine andere Peitsche mich zu züchtigen begann . . .

Solange der Mensch wach und bei Vernunft ist, vermag er mit einiger Energie seine Gedanken zu dirigieren und sie, wie der Steuermann sein Boot, zu lenken; er lässt in Vergessenheit sinken, was er vergessen will, und sobald sein Gehirn eben Gedanken geboren hat, die beispielsweise in der Sphäre der Schönheit liegen, hat es sicher jene, die dem Kreise des Alltags angehörten, und die ihn vorhin noch beschäftigten, rasch zur Seite gedrängt.

Aber anders im Schlafe. Es werden Gedächtnisschreine im Traume aufgeschlossen, die lange verriegelt waren; der Mensch wird offenbar zum Taucher, der aus längst versiegt geglaubten Brunnen das Versunkene heraufholt; er wird zum Zauberer, der Totes wiederbelebt und es scheint sogar, als schwebe zuweilen eine unsichtbare Hand über ihm, die die dichten Schleier von seinen Augen fortreisst, um ihm die ferne Zukunft zu enthüllen. Der Wachende mag mit den Fragen des Gewissens und der Gerechtigkeit sich vielleicht gut abzufinden und längst damit im Reinen sein: der Träumende aber ackert alles noch einmal durch und forscht, ob vielleicht nicht doch irgendwo ein Korn liegen geblieben sei, aus dem die Saat erspriessen werde. Man sagt im Wachen zu manchen Dingen: nein; aber der König der Träume, der die Vernunft geknebelt hat, sagt: ja, und sein Wille geschieht . . .

Es begannen Nächte für mich voll erschreckender Träume, aus denen ich gewöhnlich wie gerädert emporfuhr. Und die Träume drehten sich immer um ein und dasselbe, ein und dasselbe; es waren förmlich Kletten, die sich in meinem Gedächtnisse festgehakt hatten.

Es fing immer ganz seltsam an, toll und zusammenhanglos . . .

Eines Tages ging ich durch die Strassen der Stadt und lächelte. Ich lächelte und wusste nicht worüber und jeder, der mich ansah, lächelte wieder. Ich schämte mich und beschleunigte meine Schritte, aber dadurch erregte ich erst recht die Aufmerksamkeit der Passanten. Als ich dies merkte, lief ich in den ersten besten Laden; es war eine Konditorei. Dort kaufte ich mir zwei Pfund Bonbons, aber als ich nun mit der grossen Bonbondüte in der Hand dastand, kam mir das Ganze so äusserst lächerlich und kindisch vor, dass ich die Bonbons mitten in den Laden warf und hinausrannte. Ich bekam Stiche im Kopf, die von Sekunde zu Sekunde unerträglicher wurden. Und noch etwas Eigentümliches gesellte sich zu meinen Schmerzen: wo ich ging und stand erblickte ich nur das Polizeigebäude, als ob ich einen Teufelstrank im Leibe gehabt hätte. Ich wollte dieser Pein entfliehen und begann in wildem Galopp durch die Strassen zu jagen. In der einen Hand hielt ich einen Rettich und in der anderen einen Stock, den ich hoch in der Luft schwang und mit dem ich alles, was mir in die Quere kam, wie wahnwitzig aus dem Wege schlug. Indes wurde der weisse Rettich immer grösser und dicker und schwoll an zu Kopfesgrösse. Ich hielt einen Kopf in der Hand und der Mund sprach:

Peter Broh! Peter Broh!

Ich warf den Kopf auf die Erde, trat auf ihm herum und schlug ihn, aber der Mund wurde nicht müde, meinen Namen zu wiederholen. Ich knebelte ihn, aber nun rief es wie aus einem Grabe:

Peter Broh! Peter Broh!

Ein paar handfesten Leuten gelang es endlich, mich festzuhalten. Ich war rasend und bemühte mich, dem einen auf die Schultern zu klettern und ihn zu reiten; der aber warf mich ab. Da lag ich nun an der Erde und schrie aus Leibeskräften und meine Worte überstürzten sich und sprudelten dahin. Ein Schutzmann brachte mich zur Wache und einige Müssiggänger folgten; Kinder liefen mir nach und johlten; aber der Auflauf zerstreute sich allmählich.

Auf der Polizeiwache angekommen, wurde ich gleich ins Verhör genommen.

Das war nun fürchterlich peinigend, denn die Polizisten wussten bereits alles und standen da, um mich gleich nach der Protokollaufnahme zu fesseln.

»In Wiesbaden,« sagte der Untersuchungsrichter nur.

»Ja,« sagte ich.

»Anne haben Sie auch getötet?«

»Ja, ich tötete sie.«

»Sie haben geglaubt, Sie könnten fliehen?«

»Ich wollte nicht fliehen.«

»Und der Tuchhändler Leonhard?«

»Ja.«

»Mit Gift, Franz Heydenreich?«

»Mit Gift, Herr Untersuchungsrichter. Aber erlauben Sie mir, dass ich Ihnen zunächst den ganzen Zusammenhang erzähle«

»Ja, ja, Peter Broh. Aber wer Blut vergiesst – kennen Sie die Bibel?«

»Ich kenne sie. So wahr ich lebe, spricht der Herr, ich finde keinen Gefallen am Tode des Gottlosen; vielmehr will ich, dass er sich bekehre und lebe.«

»Sie sind schlau, Peter Broh; aber diesen Satz meinte ich gar nicht.«

»Aber ich finde ihn gerechter und verständiger, als unsere Gesetzbücher.«

»Er hilft Ihnen nichts, Peter Broh. Strafe muss sein. Du sollst nicht töten!«

»Gilt das nur für mich? Auch du sollst nicht töten.«

»Na ja – gewissermassen.«

»Na also!«

Man legte mir Handschellen an, und im selben Augenblick wachte ich auf . . .

Aber dasselbe Verhör wiederholte sich mit grosser Hartnäckigkeit Nacht für Nacht, so dass ich schon Furcht hatte, mich in mein Bett zu begeben, das eine Marterbank für mich geworden war. Ich hielt mich gewöhnlich auch so lange durch Lesen wach, als es nur irgend ging, und wenn mir die Augen zufielen, betupfte ich sie mit kaltem Wasser. Ich trank starken Tee, um die Nerven nicht zur Ruhe kommen zu lassen; aber der Erfolg aller Mittel, die ich anwandte, war gewöhnlich der, dass ich gegen Morgen vor Ermattung in Schlaf fiel. Und kaum schlummerte ich, so begann auch schon die Traumwelt in mir zu erwachen. Die Träume mochten beginnen, womit sie wollten, das Ende war immer das Verhör vor dem Amtsrichter und stets kam die Frage darin vor: »Anne haben Sie auch getötet?«

Ich grübelte darüber, welch eine unsichtbare Macht es wohl war, die mich zwang, im Traume eine Tat zuzugestehen, die von allen Taten, die ich vielleicht vollbringen konnte, gewiss die unmöglichste war. Es lagen satanische Möglichkeiten genug in mir, aber Anne zu töten – – wie konnte diese Tat auch nur als Traumgedanke in meinen Kopf kommen?

In einer der folgenden Nächte richtete ich diese Frage an meinen Untersuchungsrichter.

»Man kann auch morden, ohne Hand anzulegen,« antwortete er in seiner lakonischen Art.

Der Richter, diese Ausgeburt meiner Träume – ich hatte ihn mir wohl zur eigenen Strafe ersonnen! – der Richter hatte recht. Dadurch, dass ich Anne an mein Schicksal gekettet hatte und sie weder vor Krankheit noch vor Entbehrungen schützen konnte, hatte ich ja auch sie dem Tode in die dürren Hände geliefert.

Seit jenem verhängnisvollen Sonnabend, als ich Leonhard versprochen hatte, nach Wiesbaden zu kommen, seit diesem selben Tage, an welchem Anne ins Hospital gebracht worden war, hatte ich Anne nicht mehr gesehen; es waren etwa zehn Wochen seitdem verflossen.

Aber der Mensch sollte die eigentliche Zeitdauer nie nach den abgelaufenen Kalendertagen berechnen, denn es sind ja nicht die Jahre, die den Menschen alt machen, sondern die Summe und der Stärkegrad der Empfindungen. Unter Umständen können zehn Jahre an Geist und Körper vorübergehen, wie zehn Wochen, und unter Umständen genügen zehn Wochen, um der Seele die Stempel aller Erfahrungen und Kümmernisse aufzuprägen und Runzeln durchs Antlitz zu ziehen.

Ich war in den paar Wochen, trotz meiner sechsundzwanzig Jahre, leicht ergraut. Ich wusste es nicht einmal. Mein Chef hatte vielmehr diese Entdeckung gemacht, als er mich eines Morgens im Laboratorium zusammengebrochen liegen fand. Es war derselbe Morgen, an dem mir Annes Vater durch eine gedruckte Karte mitgeteilt hatte, dass Anne sanft entschlafen sei . . . aber die beigedruckte Einladung, an der Begräbnisfeier teilzunehmen, hatte er dick ausgestrichen . . .


* * *


Es war Sommer und mein Chef hatte mir vier Wochen Urlaub bewilligt; ich sollte verreisen, um meine Nerven aufzufrischen.

Ich fuhr denn auch in ein einsames Gebirgsdorf, das auf dem Höhenzuge der Rhön lag . . . aber Ortsveränderung ändert wenig an Leiden, die nicht im physischen Organismus liegen.

Begehe ein Verbrechen, und die Erde scheint aus Glas zu sein. Schreite auf den Wegen der Untat und es scheint, als ob eine Schneedecke über dem Erdboden ausgebreitet wäre, welche deine Fusspuren verrät; es ist, als befändest du dich in einem Kesseltreiben, und als würden die unsichtbaren Gewalten einen Kreis um dich ziehen und dich immer mehr einschliessen. Verbirg dich wo du magst, die Furien sind dir auf dem Fusse.

Wenn das Gespenst Leonhards eine Weile von mir abgelassen hatte, kam Anne herauf, um mich auf meinen Waldspaziergängen zu begleiten. Und sie hatte tausend Kosenamen, tausend süsse Schmeichelworte, um mich zu überreden, ihr zuliebe den schweren Schritt der Selbstanklage zu tun. Ich wusste freilich, dass sie nicht neben mir ging und nicht über mir schwebte, aber dass sie dennoch da war, und wenn auch nur in meinen Gedanken. Denn ich hörte es deutlich genug: Liebster Peter! Mein süsser Wauwau! Mein liebes Jürgenväterchen! und wie alle die kostbaren Worte hiessen, die nur sie erfinden konnte.

Ich glaube weder an Spuk, noch an Geister, noch an die mysteriöse Kraft der Träume; ich bin weder hellseherisch, noch medial veranlagt; aber ich glaube, dass etwas im Menschen ist, das eine tausendmal grössere Macht hat und eine tausendmal tiefere Logik in sich trägt, als alle hysterischen Wahngebilde. Ich glaube, ebenso wie der menschliche Körper nicht eher ruht, als bis er jedes Schmutzatom, jeden Fremdkörper, der in seine Maschine geraten ist, sei es auch durch Schwären und Beulen wieder ausgetrieben hat, dass auch die menschliche Seele ihre Ruhe nicht eher findet, als bis sie alles Fremde, Schmutzige, Verbrecherische wieder ausgestossen hat und in ihrer ursprünglichen, göttlichen Reinheit strahlt. Und ebenso wie der Körper sicher zugrunde geht, der nicht die Kraft hat, den in die Blutbahn geratenen Schmutz wieder auszusondern, ebenso stirbt die Seele, welche das Unrecht hegt und nicht darauf bedacht ist, das Schicksal auf irgendeine Weise wieder zu versöhnen.

Dies ist die hohe Macht, an die ich zu glauben begann, und die Einflüsterungen Annes in meinen Träumen befestigten diesen Glauben in mir. Ich zitterte, es könnte je die Nacht kommen, in der ich nicht mehr ihre holde Traumerscheinung haben würde. Aber dass sie sich jede Nacht in meine Träume stahl, Hess mich ihren jähen Tod weniger schmerzlich empfinden.

Immerhin war ich in meinem Willen und Wesen gelähmt genug; ich verwand nicht so leicht den Verlust des Weibes, das zu mir gehörte, wie der Kopf zu meinem Rumpfe.

In weniger schmerzensreichen Tagen, in Tagen grösserer physischer Energie würde ich auch sicherlich den guten Stimmen in mir gefolgt und mich gewiss den Gerichten gestellt haben; aber ich liebte das Leben und hing am Leben wie ein Genesender, der in den Frühling hineingesundet. Und die Tage oben auf der Rhön waren gewiss nicht geeignet, um dem Leben schon valet zu sagen.

Ah, wie schön sind die Nächte der Heide, über die der Wind hinstreicht. Die Bauern im Tale schlafen längst, kein Vogel zwitschert, kein Fuhrwerk knarrt. Wenn man die Augen des Uhu hätte, würde man am Horizont eine etwas dunklere, ungleichmässig gewellte Linie entdecken, die von einem launigen Waldgeist in die Luft gezeichnet zu sein scheint. Es ist der Spessart. Der Mond überstrahlt das uferlose, graue Grasmeer, das nur auf einer Seite von einer schwarzen, geheimnisvollen Waldküste umrahmt ist, und die Sterne funkeln mit einer Helle herab, als gelte es, jeder Maus im Walde den Weg zu zeigen. Wenn sich aber ein starker Wind erhebt, scheinen hunderttausend geisterhafte Stimmen in der Finsternis des Waldes einander entgegenzubrausen. Und wenn sich im Grase das Windrauschen über die endlose Fläche hin fortpflanzt, ist es, als führe in der Ferne irgendwo ein Eisenbahnzug. Das gibt ein Gefühl so wundersamer Verlassenheit und gänzlicher Verlorenheit, dass es gar nicht erstaunlich ist, wenn man in Tränen ausbricht.

Und diese herrliche süsse Freiheit sollte ich jetzt schon verlassen und mit einem schrecklichen engen, dumpfen und feuchten Kerker oder gar mit einem Armensündersarge vertauschen?

Weil ich in jener Nacht – –

Um mich vor mir selber zu rechtfertigen, hatte ich einen ganzen Pack Bücher mit in die Ferien genommen, die sich philosophisch, ethisch, soziologisch oder nationalökonomisch mit dem Verbrechen beschäftigten und aus ihnen suchte ich mir alle jene Meinungen zusammen, die das Verbrechen nicht bestraft wissen wollten und die über den Mord weniger rachsüchtig dachten, wie das alte Testament. Mit Epiktet, dem edlen Stoiker, fing es an. Er war der erste, der die Verbrecher in lasterhaft Unfreie und in durch physische Krankheit Gebundene schied – und beide dem Mitleid der Menschen empfahl.

Es gab andere, welche behaupteten, man dürfe den Mörder ebensowenig für sein Verbrechen strafen, wie man den Blinden nicht dafür ohrfeigen dürfe, dass er nicht sah und den Tauben nicht prügeln, weil er nicht hörte; andere, welche den Mord als in den Rang der Weltordnung gehörend betrachteten; die Mörder, meinten diese, nahmen kurz angebunden, was man ihnen lang verweigerte. Sie gingen hin zu Hinz und Kunz und erzählten ihm die bekannte Geschichte vom Sperling, welcher die Fliege frass, vom Sperber, welcher den Sperling tötete, vom Adler, welcher den Sperber überfiel, vom Jäger, welcher den Adler schoss, vom Tod, welcher dem Jäger auflauerte. So war es nun einmal in der Welt. Der Stärkere hat immer Recht und der Wehrlose und Schwache musste immer fallen; das war ein Gesetz. Hinz und Kunz hatten mehr Geld, aber der Mörder hatte mehr Gehirn, mehr Kraft.

Auch der Krieg ist Mord, führten andere Philosophen aus; er ist der Mord grossen Stils, der bewussteste Mord, und dennoch bittet man Gott, er möge den Mord gelingen lassen. Warum konnte der Einzelmörder nicht mit demselben Recht den lieben Herrgott für sich in Anspruch nehmen? Im Gegenteil! Im Kriege fielen nicht nur überflüssige und schlechte Menschen, sondern auch tüchtige und gute. War das Motiv nicht dasselbe? Der eine Staat – wer ist denn eigentlich dieser Staat? – Der eine Staat wollte von dem anderen Staat ein Stück Land haben, und wenn dieser es nicht freiwillig her gab, schlug man ihn tot und nahm es ihm fort. Tat der Mörder anders?

Irgendein Soziologe hatte herausgefunden, man werfe in jedem Jahre durchschnittlich zehntausend Mark der Bevölkerung jeder Grosstadt in den Schoss, dafür, dass sie die Verbrecher ausfindig machen half. Was hätte sich mit diesem Gelde alles beginnen lassen! Eine Millionenstadt gibt wohl im Jahre zehntausend Mark her, um den Verbrechern auf die Spur zu kommen, aber sie gibt diese Summe nicht auch her, um Verbrechen zu verhüten. Schon um Pfennige mordete mancher aus Hunger und Verzweiflung. Stiegen die Brot- und Fleischpreise, so stieg auch die Zahl der Verbrechen. Aber war das nicht selbstverständlich? Wenn ein bedeutender Mensch schlecht verdaut hat, fallen die Kurse, und wenn ein Hungriger sich Brot zu schaffen sucht, soll es keine Bewegung geben? Zu dieser Summe für die Fahndung kamen übrigens noch andere Kosten: die Auslagen für die Gerichtshöfe und die Gefängnisse, für die Armee der Richter, Anwälte, Assessoren, Polizisten, Gerichtsdiener, Gefängniswärter. Und was war der Gewinn? Die nächste Generation wird Rache an uns nehmen und für all unsere Fürsorge uns mit einem neuen, noch blutigeren Verbrechen danken.

Ein französischer Psychologe sah die Sache wieder von einem anderen Gesichtspunkte. Die Strafe verhärtet den Menschen, meinte er, und vereist sein Herz. Die Gerichtsverhandlung verhindert den Schuldigen, sein Tun als verwerflich anzusehen. Denn dieselben Handlungen, die er begangen und wegen deren er vor den Schranken des Richtertisches steht: Spionage, Fallenlegen, Überlisten, Qualzufügen, sieht er im Namen des Gesetzes gegen sich ausgeübt, gebilligt und besiegelt.

Es gab auch welche, die klagten den Staat an, für jämmerliche Krüppel habe er komfortable Siechenhäuser errichtet, für altersschwache Idioten schmucke Heime gebaut, Epileptiker und unrettbare Säufer in gesunde Anstalten gesteckt – für die Gesunden und Starken aber hätte er nur Gefängnisse und Zuchthäuser, um die Menschen dort krank, elend und siech zu machen und sie in Schmutz verkommen zu lassen, um sie der Armut, dem Laster und der Verzweiflung preiszugeben. Welche kindischen Rechenfehler beging hier der Staat! Den Kretin pflegte er aufs beste, damit er ja nicht einen Tag zu früh das Zeitliche segnete, und den Gesunden peitschte er mit allen Mitteln dem Wahnsinn und dem Verbrechen in die Arme. O, Heil dir barbarisches Sparta! Der Staat überschätzte das Menschenleben, das nichts ist und unterschätzte die menschliche Kraft, die alles ist. Hatte man denn noch nie von den Verbrechern gelesen, die die kompliziertesten Schlösser erbrachen, die verwegensten Einbrüche begingen, von Verbrechern, an denen der Verstand aller Ingenieure und Techniker zuschanden wurde? Wie, wenn der Staat sich alle diese Intelligenz zunutze gemacht hätte, anstatt sie zu untergraben? Es waren in der Tat ungesunde Verhältnisse. Es gab platte Coupletschreiber, die verdienten im Jahre dreissigtausend Mark und es gab Bergarbeiter, die verdienten sieben Mark in der Woche. Es gab Chansonetten, die dafür, dass sie ihre Unterhöschen zeigten, zweitausend Mark in der Woche erhielten und es gab Gelehrte, Künstler und Dichter, deren Geistesarbeit ihnen nicht das Salz zum Brote einbrachte. Es war hübsch.

Nicht alles, was ich hier aufschrieb, stand in diesem Sinne auch in jenen Büchern; es mag sein, dass ich dort, wo ich nur eine versteckte Andeutung gefunden hatte, diese herausholte und dass ich ihr, selbst beim besten Willen, sie im Geiste des Autors auszuspinnen, meine tendenziöse Färbung gab.

Jedenfalls hatte ich mich nun mit einem ganzen Stabe berühmter Männer ausgerüstet, die mich fortan gegen alle Versuchungen Annes, mich den Gerichten zuzutreiben, verteidigten, und die mir, wenn so etwas wie Gewissensanwandlungen, Aengste, seelische Nöte über mich kamen, Trost zusprachen, mir Frieden gewährten und mich vor den Erinnerungen schützten.

Dies hatte ich nun freilich gewonnen, aber dafür etwas verloren, was mir vielleicht teurer war, als meine Seelenruhe: Anne.

Nie und nie wieder, und auch heute nach zehn Jahren noch nicht, ist mir Anne je erschienen. Ihr Bild verblasste plötzlich und da ich kein Porträt von ihr besass, war es mir, trotz aller Anstrengungen, unmöglich, mich ihrer Gesamtzüge zu erinnern. Es kamen mir auch in Träumen immer nur Einzelheiten ins Gedächtnis . . . die sonnengoldene Farbe ihres Haares, der weiche Schnitt der Oberlippe, der Klang ihrer weichen, bezaubernden Stimme, der mich immer an ein silbernes Gong erinnerte. Aber wie sie ausgesehen hat, sie, die mein Leben gestaltete – oder soll ich sagen missgestaltete? – ich weiss es nicht mehr. Es war, als hätte ich sie nie besessen. Ein einziges Mal nur seit jenen Tagen erschien sie mir, und dies trug sich so zu . . .


* * *


Als ich nach vier Wochen zurückgekommen war, befand ich mich zwar ganz wohlauf, aber die Manie, mich für alles zu interessieren, was mit Verbrechen und Verbrechern zusammen hing, hatte ich noch nicht verloren. Die Selbstvorwürfe hatte ich zum Schweigen gebracht, Träume quälten mich nicht mehr, der Selbstmord, an den ich zuweilen gedacht hatte, reizte mich nicht mehr . . . aber das Gericht selbst war etwas, was ich noch nicht kannte, und es trieb mich in die Schwurgerichtsverhandlungen, wie es den Bergkletterer zu den Abgründen zieht. Ich wusste mir Zutrittskarten zum Gerichtssaal und ab und zu eine Stunde Urlaub zu verschaffen, während welcher ich den Verhandlungen beiwohnte. Aber die Täter benahmen sich meist kläglich und wussten in keinem Falle ihren Verbrechen eine besondere Grösse zu geben; sie waren ganz phantasielos, ohne jedweden dämonischen Zug und sie verstanden es auch nicht, die Richter empfinden zu lassen, dass sie, die Verbrecher, über das Grauen Herr waren und in das Bergwerk des Lebens um einige Zoll tiefer eingedrungen waren, als ihre Richter. Wem die Furien einmal das Kainszeichen aufgeprägt hatten, der war doch wirklich für ewig ein Einsamer.

Oft befiel mich während einer Gerichtssitzung die perverse Begierde, es ganz überrumpelnd mitten in die Verhandlung hineinzuschreien, dass ich ein Mörder sei. Schon der blosse Gedanke an die ungeheure Erregung, die ein solch jähes Geständnis in allen Menschen, die im Saale anwesend waren, hervorrufen musste, konnte mich reizen, und es kostete mich furchtbare Mühe, diese krankhafte Sucht zu unterdrücken und nicht in mein Verderben zu rennen.

Oefters stellte ich mir auch vor, ich wäre jener Täter, dem man einen Falscheid, einen Raub oder irgendein anderes schweres Vergehen zur Last legte. In der Minute hatte ich dann im stillen eine Verteidigungsrede ausgedacht, die unbedingt einen Freispruch erwirkt haben würde. Aber als ich einmal als Zeuge in einer geringfügigen Sache vor die Richter gerufen wurde, stotterte ich, stockte und errötete, unterbrach mich, versprach mich und verwickelte mich in Widersprüche. Teufel auch! es war also gar nicht so einfach, vor diesen zwanzig Augen, die einen unablässig fixierten, kalten Bluts eine imponierende Rede vom Stapel zu lassen. Wenn die Feder des Gerichtsschreibers zu kratzen begann und man in das kniffliche Gesicht des Staatsanwaltes sah, kamen die schönsten Sätze als Missgeburten zur Welt und die logischsten Gedankenreihen rissen auseinander, als stolperten sie über holperiges Pflaster. Wandte man sich zufällig um und sah die Zuschauermenge, die, wie Dachziegel aneinandergedrängt, lauschte, so dachte man gleich, jedes Wort, das man spreche, werde nun den Lauf der Weltgeschichte hemmen, und dann wurde es erst recht nichts mit der zusammenhängenden, klaren Antwort. Das einzige Vorbeugungsmittel gegen diese Fieberanwandlungen war eine gesunde Gewissenlosigkeit.

Wie alle Menschen, die ein intensives Innenleben führen und fast nur mit sich selber verkehren, war ich in grossen Gesellschaften und an öffentlichen Orten ein schlechter und ängstlich befangener Sprecher, und spielte durch mein Schweigen – denn das Schweigen ist nicht immer ein Zeichen der Weisheit – und durch meine ungelenken Gesten und meinen gleichsam erschreckten Gesichtsausdruck oft eine komische Rolle, so dass man, trotz meiner frechen Augen, meist den Eindruck haben musste, ich sei ein ganz harmloses Tierchen, das wenigstens durch sein konsequentes Schweigen auffallen wolle.

Eines Tages überraschte ich aber unsere Stadt und alle diejenigen, die mich kannten und mich für einen stillen, passiven Pillendreher hielten, sozusagen für den Pillendreher an und für sich, durch eine sogenannte »schöne Tat«, durch eine Tat »grossen persönlichen Mutes, edler Aufopferung und tiefer Nächstenliebe,« wie die Zeitungen so hübsch sagten.

»Edle Aufopferung!« las ich, und lachte.

»Tiefe Nächstenliebe!« sagte ich, und lachte wieder.

»Schöne Tat!« wiederholte ich und lachte in mich hinein.

Ach ja! Aber die Kehrseite der »Tat« kannte nur ich . . .

Es war gar nichts. Ich war abends, als ich ein wenig spazieren ging, auch an den Fluss gekommen und hatte plötzlich laute Hilferufe gehört. Zwei kleine Knirpse, die hart an der Böschung gespielt hatten, waren, ehe man sich's versah, ins Wasser hinuntergekugelt und keiner der umstehenden Gaffer, war in den Fluss hinabgesprungen, um das blutjunge Leben zu retten. Man hatte einerseits Angst vor der starken Strömung, sodann gab es gerade an dieser Flussteile weder Rettungswerkzeuge noch ein Boot; auch waren es von der Böschung bis zur Brust des Flusses mindestens fünf Meter Höhe.

Das schlimmste war die Mutter. Ich habe nie einen entsetzteren Gesichtsausdruck, nie eine vollkommenere Verzweiflung und nie einen schreckenerregenderen Wahnsinnsausbruch gesehen. Nie auch habe ich je wieder solche tierischen, markerschütternden Schreie vernommen, als wie sie diese Mutter ausstiess. Die Menge, die zusammengelaufen war, stand da, gleichsam wie zu Stein erstarrt. Ich hatte mit einem Blick die Situation übersehen und mir allerdings die Gefährlichkeit des Wagnisses nicht verhehlt.

»Ach, was hast du zu verlieren?,« sagte ich zu mir, »tu's!«

Allein, jene Apathie in mir, die ich allmählich künstlich grossgezüchtet hatte, antwortete: »Was gehen dich im Grunde diese fremden Menschen an!«

Aber da tönte es wie Sturm in meinem Ohr:

Peter Broh! Peter Broh!

Und im Augenblick hatte ich auch schon Rock, Weste und Beinkleid heruntergerissen, Stiefel und Socken abgeworfen und war hinabgesprungen.

Ich bin ein sehr guter Schwimmer.

Die Kinder hatte ich nach zweimaligem Tauchen erfasst; ich legte mich nun auf den Rücken, hielt in jeder Hand ein Kind und liess mich von der Strömung treiben. Die Körper der Kleinen liess ich unter Wasser nachziehen; ich hob nur ihre Köpfchen über den Wasserspiegel empor, und um rascher vorwärts zu kommen, machte ich mit den Füssen energische froschartige Schwimmbewegungen.

Alsbald fing einer der kleinen Dickköpfe, die ich am Genick gepackt hatte, mörderlich zu brüllen an, und der andere, der vielleicht noch ein bisschen benommen war, setzte nun auch ein. Sie lebten also und waren gerettet.

Gottlob! sagte es in mir, und da wurde mir leicht.

Vom Ufer her hörte ich lautes Lärmen, Bravorufen und Händeklatschen. Nach etwa zehn Minuten – vielleicht waren es auch nur drei Minuten; in solchen Situationen verliert man vollkommen das Zeitgefühl – kam mir endlich ein Boot mit zwei Mann zu Hilfe; ich warf die zeternden Rangen hinein und schwamm allein an die nächste Steintreppe, wo ich zur Strasse heraufkletterte. Ich hatte kaum so viel Zeit, um mir das Wasser aus den Augen zu wischen und das Hemd abzulegen, das mich umklatschte, als ich mich von mehreren Menschen umarmt, in die Höhe gehoben und so spontan abgeküsst fühlte, dass ich mich unmöglich dagegen wehren konnte. Ich flüchtete in einen Hausflur, warf mich in meine Kleider und eilte davon, um in die nächste Droschke zu springen.

Aber ein Herr sprang mit herein und als ich ihn ziemlich stutzig anstarrte, nannte er mir in aller Ruhe und als höflicher Mann zunächst seinen Namen: Alfred Huber, Schriftsteller. Reporter, korrigierte ich gleich im Stillen. Und er hielt mir eine Rede so panegyrischen, geschmacklosen und wüsten Ueberschwangs voll, dass ich in recht gute Laune kam und sogleich beschloss, ihn als Sklaven oder Hausnarren oder als Ableiter meiner Launen an mich zu fesseln; seit jener Stunde datiert meine Bekanntschaft mit diesem Guten, der mir ungewollt schon manche frohe Minute bereitet hat.

Am nächsten Tage stand ein grosses Gesumse in den Zeitungen: ». . . trara trara . . . persönlichen Mutes . . . edler Aufopferung . . . tiefer Nächstenliebe . . .«

»Ach ja,« sagte ich, als ich es gelesen hatte, »aber die Kehrseite . . .«

Ich erhielt auch die Rettungsmedaille.

Teterete! . . . edle Aufopferung . . . teterete! Ach ja!

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Ich weiss, dass ich Peter Broh heisse, wie ich weiss, dass ich mit zwei gesunden Füssen gehen kann; aber es ist mir nicht bewusst. Erst wenn mich ein Bein schmerzt, weiss ich, dass ich mittelst der Beine gehe. Diese Beobachtung ist schon plattgedrückt, so allgemein ist sie. Man kann dieselbe Beobachtung aber auch auf den Namen anwenden, den man trägt. Zuweilen, wenn ich in den Spiegel schaue und dabei meinen Namen flüsternd vor mich hinspreche und mir also erst in diesem Augenblick bewusst werde, dass ich der Träger dieses Namens bin, wirkt er furchterregend auf mich. In einer ernsten Stunde, wenn man allein mit sich ist, sich laut bei seinem eigenen Namen aufrufen, kann eine geradezu gespenstische Wirkung haben.

Es war Schreck, nicht etwa Mut oder Aufopferung oder Nächstenliebe, was mich ins Wasser getrieben hatte. Aus einer Welt, die ich nicht kenne, kam mir plötzlich mein Name ins Ohr, und da ich nicht so anmassend bin zu glauben, dass der Mensch alles wissen kann oder soll, folgte ich dieser Aufforderung einer unsichtbaren Macht und stürzte mich in den Fluss. Seit der Mordnacht hatte ich bei wachen Sinnen meinen Namen nicht mehr gehört und nun sauste er heran wie eine Kugel. Es war, als sei ein Blitz in mein Gedächtnis gefahren, um alle jene Ereignisse wieder vor mir zu enthüllen und in mir zu erhellen, die ich nun in fast methodischer Ordnung, wie geologische Schichten vor mir liegen sah. Ich hatte einen Blick in mich, wie in einen Steinbruch.

Meine Empfindungen waren geteilt, wie ein klaffender Baum. Es waren gewissermassen zwei Menschen in mir. Der eine, mehr körperliche, war lediglich darauf bedacht, die Kinder zu retten; der andere, in dem wieder alle Selbstqualen, alle Gewissensbisse, alle schlaflosen Nächte wach geworden waren, grübelte in diesem Augenblick, in dem er nach den Kindern tauchte, darüber nach, ob es nicht besser sei, jetzt das Leben fortzuwerfen.

»Nun hast du eine feine Gelegenheit, Peter Broh,« flüsterte es auf mich ein, »tauche nicht wieder empor, und kein Mensch wird dir nachsagen, du habest dich selbst getötet, weil in jener Nacht – –

»Man wird deinen Namen mit Eichenlaub schmücken, Peter Broh, und sagen: er starb um der Gerechtigkeit willen.

»Das Blut Leonhards wird versöhnt sein und fürder nicht mehr Klage gegen dich führen.«

»Töte dich; dies soll die Sühne sein.«

All dies jagte mir durch den Sinn, so rasch wie eine Schwalbe, die über einen Garten fliegt.

Schon hatte ich die Absicht, diesen Eingebungen zu folgen, als ich plötzlich die Kinder gefasst hatte.

Sollte ich sie ertrinken lassen, weil ich sterben wollte?

Vielleicht schlummerte der Genius in ihnen? Vielleicht hatte das Schicksal ihnen eine grosse Aufgabe vorbehalten, die einst – – und vielleicht gab mir das Schicksal hier die Möglichkeit, gerade durch die Rettung der Kinder, denen die Zukunft gehörte, wieder gut zu machen, was ich in jener Nacht verbrochen?

Indes ich dies aber bedachte, hatte ich die Köpfe der Kinder auch schon über Wasser.

»Liebster Peter!« hörte ich es da neben mir mit der süssesten Stimme Annes.

Und da sah ich meine Anne, wie sie leibte und lebte. Aber als ich die greifbare Erscheinung umfassen wollte, fiel mir ein, dass ich in jeder Hand ein Kind hielt. Ich hätte gleich mein Leben hingegeben, wenn ich nach Anne hätte greifen dürfen, aber da ich es nicht durfte, da ich meine Hände nicht in dem Augenblick nach ihr ausstrecken durfte, wo meine Seele nach ihr rief, sah ich darin die schrecklichste Strafe, die mich für mein Verbrechen je treffen konnte.

Und nun hörte ich die Kinder schreien.

»Gottlob!« hatte es da in mir gesprochen, und da war Anne auch wieder in den Wellen verschwunden . . .

Und dann die Rettungsmedaille für die schöne Tat . . .

Gott, deine Ironie ist gross!


* * *


Von meiner »schönen Tat« hatte gewiss auch Annes Vater gehört, denn einige Tage darauf erhielt ich einen Brief von ihm, worin er mir im Kanzleistile, d. h. ganz von oben herab schrieb, wenn ich Jürgen Thauss sehen wolle, sollte ich mich nachmittags zwischen vier und fünf Uhr in der Wohnung einfinden; es sei mir aber strengstens verboten, irgendwelche Geschenke, weder minderwertige noch kostbare, mitzubringen.

Jürgen Thauss, nicht Jürgen Broh; es war so gut wie Raub.

Aber immerhin; ich konnte den kleinen Jürgen sehen und vielleicht auf dem Arm halten, und vielleicht war er gut gelaunt und lachte.

Es war fast unmöglich, die vierte Nachmittagsstunde erwarten zu können. Die Zeit rückte so langsam vorwärts, wie das wachsende Gras.

Nachmittags war aber sehr viel in der Apotheke zu tun. Eine starke Gasexplosion hatte die zwei untersten Stockwerke eines in der Nähe liegenden Hauses demoliert, wobei etwa zwölf Personen verunglückt waren. Wir hatten alle Hände voll zu tun, und ich wagte nicht, meinen Chef um Urlaub zu bitten. Es wurde drei . . . halbvier . . . vier . . . die Arbeit nahm kein Ende. Und kostete es was es wollte, ich musste zu Jürgen. Aber der Chef schlug mir in barschem, verwundertem Tone meine Bitte rundweg ab. Erst gegen halbsieben Uhr bekam ich die Hände frei und ich lief in die Wohnung des Steuereinnehmers Thauss.

Ich klingelte ganz bescheiden; man konnte schon meinem Klingeln anhören, wie demütig und kleinlaut ich war. Mein Klingeln war nichts als eine kurze, leise Bitte, die sich kaum hervorwagte.

Niemand kam . . .

Ich klingelte lauter und länger, als wollte ich sagen: »ihr da drinnen habt mich doch zu kommen gebeten; es ist also mein gutes Recht, die Klingel so lange zu ziehen. Seid vernünftig und öffnet endlich.«

Niemand kam . . .

Nun klingelte ich, wie man etwa Sturm läutet, und all meine verhaltene Ungeduld, meine Spannung, meine Hoffnung, die schon ganz im Veratmen war, meine Freude, die sich bereits winzig klein gemacht hatte, liess ich auf die Klingel los. »Habt Erbarmen!« gellte die Klingel in den Korridor hinein, »öffnet einem gebrochenen Vater! Öffnet!«

Niemand kam . . .

Ich stand vor der verschlossenen Tür, wie jene Mutter, die ihre Kinder im Flusse versinken sah.

Als ich die Treppe herunterkam, sagte mir der Portier, die Herrschaften seien nach fünf Uhr ausgegangen. Er wusste nicht, wohin.

Ich schrieb mit Bleistift ein paar Zeilen, worin ich meine Verspätung begründete; ich sprach auch von dem bösen Zufall, dass ein Haus gerade dann einstürzen musste und Menschen verunglücken mussten, wenn ich so unmittelbar vor dem hohen Glück stand, den Jungen sehen zu dürfen. Und ich gab meiner Niedergedrücktheit durch ein paar Worte Ausdruck, in denen ich das Schicksal anklagte.

Ich ging zum Hause hinaus und sagte: »Na, wahrscheinlich morgen.«

Am nächsten Tage empfing ich einen Brief ohne Anrede. Er bereue seine Einladung, schrieb der Steuereinnehmer Thauss; es sei doch mehr als komisch, dass erst Häuser einstürzen müssten, um mich zu verhindern, zu bestimmter Zeit einen Besuch zu machen. Es sei gewiss der Wille Gottes, dass ich den Jungen nicht sehen solle und er wage es nicht, mich noch einmal einzuladen, sonst stürzte vielleicht eine ganze Stadt zusammen.

Ich lief verzweifelt umher, als hätte ich einen Speer im Rücken. Um mich vor mir selber zu retten, ging ich des Abends in ein Konzert, wo ich das Beethovensche »Busslied« hörte. Das war mehr als ein Kirchgang. Ich hatte das Busslied schon oft gehört, aber verstanden habe ich es erst an diesem Abend . . .


»An dir allein, an dir hab ich gesündigt,
Und übel oft vor dir getan.
Du siehst die Schuld, die mir den Fluch verkündigt;
Sieh, Gott, auch meinen Jammer an.
Dir ist mein Flehn, mein Seufzen nicht verborgen
Und meine Tränen sind vor dir. –
Ach Gott, mein Gott, wie lange soll ich sorgen?
Wie lang entfernst du dich von mir?
Herr, handle nicht mit mir nach meinen Sünden,
Vergilt mir nicht nach meiner Schuld,
Ich suche dich; lass mich dein Antlitz finden,
Du Gott der Langmut und Geduld.«

Ich weinte heftig . . .

Und ich machte nie wieder den Versuch, Jürgen zu sehen . . .

Das ewige Belauschen der eigenen Seele und die scharfe Selbstbeobachtung, der ich alle meine Gedanken und Handlungen unterwarf, hatte bei mir ein peinliches Achten auf die Triebfedern der Menschen und ein stetiges Ausspüren ihrer Schwäche und ihrer Niedrigkeit zur Folge.

Das Leben war so kleinlich, dass es mir keine Kunst schien, darin gross zu sein. Man musste sich nur irgendein grosses Ziel setzen; ob man es auch erreichte, war ja ganz gleichgültig; schon in dem Streben, es erreichen zu wollen, fühlte man sich in die Höhe getragen. Man musste möglichst das Unerreichbare ersehnen, um etwas zu haben, wofür man leben konnte und um über sich selber hinauszuwachsen. Das Ziel musste nicht unbedingt einen Namen haben; es konnte Unendlichkeit heissen.

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Acht Jahre waren dahin gegangen . . .

Obwohl ich fast jeden freien Tag am Grabe Annes zubrachte, hatte ich nie das Glück, Jürgen dort zu sehen; er wusste vielleicht gar nichts von seiner Mutter, deren Leib hier schlief.

Aber an einem Sonntage sah ich einmal einen graubärtigen Mann am Grabe stehen, der einen etwa neunjährigen Knaben an der Hand hielt. Der Mann hatte einen Körper, der mit Beilhieben ausgehauen zu sein schien, ein Gesicht, streng und verschlossen wie das eines Inquisitors, und seine Glatze schimmerte wie altes Elfenbein. Aber der Knabe hatte vollständig das Antlitz Annes, nur ein wenig ins Unreife, Jungenhafte übertragen. Kein Zweifel, es war Jürgen.

Mir flimmerte vor den Augen, eine starke Bewegung durchlief mich, und ehe ich noch überlegen konnte, ob es recht oder falsch sei, was ich tun wollte, stürzte ich auf ihn zu und rief ihn beim Namen.

»Jürgen!«

Der Knabe wandte sich um und sah mich stolz und zurückweisend an; seine Augen ruhten kalt und verletzend auf mir und doch zugleich mit einer grossen Neugier, zu wissen, wer der Fremde sei. Ich erkannte mich ganz in meinem Sohne. Aber kaum hatte Annes Vater mich auch erblickt, als er wohl ahnen mochte, wer ich sei; er fasste Jürgen schroff an und zog ihn fort . . .

Als ich ausgekundschaftet hatte, in welche Schule er ging, passte ich ihm einmal auf. Er kam fröhlich heraus und ging allein nach Hause, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Ich trabte hinterher, aber ich traute mir nicht, Jürgen anzusprechen. Er kannte mich ja nicht und wusste nichts von mir; er wäre entflohen.

Als mein Junge in das Haus hineinging, wo Steuereinnehmer Thauss wohnte, und die Tür hinter ihm zugeschnappt war, fiel etwas in meinem Herzen zusammen . . .


* * *


Hier endete diese Beichte . . . Peter Broh atmete tief. Der Vorleser setzte sich und der Staatsanwalt ergriff das Wort . . .