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Jakob Elias Poritzky – Die Fee

Erzählung

Die Fee aus Jakob Elias Poritzky, Liebesgeschichten, Georg Müller Verlag, München und Leipzig, 1912


Er wurde in der ganzen Umgegend seines Gehöftes nur »der Sonderling« genannt. Aber es war gar nichts Sonderbares an ihm. Stämmig und kernig gewachsen, glich er einem gesunden Baume, der vor Kräften strotzt. Er ging keinem aus dem Wege und sprach mit jedem.

Xaver Hügle war vierundzwanzig Jahre alt, schlank und hübsch, freundlich und fleißig, abergläubisch, weil er ein Sonntagskind war, und verträumt. Er hatte große blaue Augen, die stets wie frischer lau glänzten, ein braunes Schnauzbärtchen und zwei Reihen Zähne, weiß wie Meerschaum.

Wenn er des Sommerabends die Arbeit aus der Hand gelegt und den groben Kittel an den Nagel gehängt hatte, war es sein Liebstes, die Waldhügel hinaufzuklimmen, und oben auf einem kühlen bequemen Moosbett sich niederzulegen und zu träumen. Dort lag er, schaute durch das rieselnde Laub der flüsternden Bäume zum Himmel hinauf und pfiff seine eigenen Melodien; bald sentimental, bald ausgelassen froh, einmal traurig, dann schrill und wild, wie es ihm gerade einfiel und willkürlich durcheinander, bis die schwarze Nacht sich erhob.

Wenn dann der Mond, einer Scheibe glühenden Messings gleich, heraufzog mit den Sternen, über das tiefblaue Firmament hinschwamm und sich auf ferne dunkelsteinige Berge legte; wenn der Nachtwind sich an die Birken schmiegte und die Zweige sich schaukelten und küßten, dann war Xaver glücklich und vor Seligkeit schloß er die Augen. Aber er schlief nicht. Seine ganze Seele war in einem Zustande fiebernden Verlangens und heißen Begehrens; die Pulse jagten schneller und sein Herz klopfte mächtig. Er wartete auf irgend etwas Geheimnisvolles, Schönes oder Schreckliches.

So lag er oft, bis sich im fernen Osten mit erstem keuschen Glimmen der Tag ankündigte. Und dann ging er nach Hause und war frisch bei der Arbeit.

Und Arbeit hatte er eine Unmenge.

Sein Vater war schon lange tot. Die Mutter wurde aber erst vergangenes Jahr begraben. Die Hinterlassenschaft war gering und reichte knapp hin, den einzigen Erben zu ernähren; aber er arbeitete rüstig, so daß er bald etwas besser dastand. An dem kleinen Häuschen, das Xaver geerbt hatte, war das Strohdach schon halb verfault; er riß es herunter und ersetzte es selbst durch ein neues. Er ackerte das kleine Stück Land, das ihm gehörte, allein mit der Schaufel um, da er keinen Pflug besaß und noch weniger eine Kuh, die er hätte davorspannen können; er eggte selbst, düngte, säte Korn, schnitt es, drosch es, verkaufte es in der Stadt; kurz besorgte alles allein. Sein ganzer Viehreichtum bestand in einer nicht mehr jungen Ziege, die er des Morgens melkte, und von der Milch, die er erhielt, verkaufte er noch über die Hälfte an seine Nachbarn.

Sein Häuschen lag auf einer freien Anhöhe und sah von ferne oder wenn man vom Tale heraufblickte, keineswegs so ärmlich aus, wie es in Wirklichkeit war. Kam man aber näher, so sah man, wie die Armseligkeit daran herumgenagt hatte. Es fehlte der Hund, es fehlte sogar der Wetzstein mit dem Wassertrog; man sah keinen Dunghaufen vor der Tür, dessen Größe unfehlbar auf die wirtschaftliche Lage des Hausbewohners schließen läßt, – denn je größer der Dunghaufen vor dem Haus, desto mehr Vieh im Stalle – man hörte weder das Brüllen einer Kuh, noch das Schnauben oder Kauen eines Pferdes, noch das Grunzen eines Schweines; nicht einmal eine herumtrippelnde Henne war zu sehen oder eine gurrende Taube. Ab und zu meckerte nur die Ziege. An der grünen Fassade des Hauses wuchs dicht unter dem Dach ein alter Rebstock, der viel Blätter und wenig Trauben trug, und der Stein, über den man zur Türe schritt, war schon vollkommen hohl getreten und zerspalten. An der Seite des Hauses, in einem zwerghaften Gemüsegarten, wuchsen ein paar volle, zartgrüne Kohlköpfe und leicht zählbare Zwiebelknollen.

Das Häuschen enthielt zwei Stuben, ein dumpfes Küchenloch und einen überflüssigen Speicher. In dem größeren Zimmer wohnte Xaver, das kleinere war der Schlafraum, und wurde von einem uralten, unglaublich breiten Bette ganz ausgefüllt. Die Wohnstube war geräumig, aber niedrig – und war ausgefüllt von einem unbeholfenen, breiten Kachelofen, einem großen Lindentisch, der stets abgerieben und gescheuert wurde und einer salatgrün gestrichenen Lattenbank, die durch das ganze Zimmer die Wände entlanglief. Zwei Fenster gingen nach vorn und eines nach der Seite. Nicht ein einziges Bild schmückte die geglätteten und ebenfalls grün gestrichenen Holzwände; nur in einer Ecke brannte vor einem schwerfällig geschnitzten Heiligenbilde in kupferner Einfassung ein Lämpchen. An den Fensterstöcken oder auf dem Tische konnte man nicht eine Fliege herumlaufen sehen, und nirgends kroch der häßliche schwarze Schwabenkäfer. In der Küche draußen stand mannigfaltiges, buntes irdenes Geschirr und ein wenig Porzellan.

Xaver räumte sich seine Stuben allein auf; er scheuerte, putzte, kochte, ging alle vierzehn Tage in die Stadt, las öfters im Kalender, kurz, fand für alles Zeit, was eben tagsüber im Hause oder im Feld zu tun war, und nachts stahl er sich die Zeit, um im Waldmoos liegend zu träumen.

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»Warum heiratet der Bursch nicht!« zerbrachen sich die Weiber die Köpfe; »manches arme Mädel wäre froh um so einen fleißigen Kerl. Sitzen in unserer Nachbarschaft nicht genug junge Weibsbilder herum, die ihn gern nehmen möchten?« hieß es. »Da ist zum Beispiel die Magdalene mit Backen wie ein paar Äpfel so dick und rot! Da ist die Trude, die ihm noch eine Aussteuer bringen könnte, aller Ehren wert; die Christine, die Dörthe, die Berta; des Kuhhirts Tochter ist ja auch ein strammer Kerl. Ja, du lieber Heiland! Warum schaut er keine an! Sagt, müßte man ihn nicht gehörig kirremachen und ihm erklären, daß er seinen Bissen Brot und sein Bett mit einem jungen Weibsbild teilen sollte? Er käme besser fort und in der Nachbarschaft würde das böse Gerede auf einmal ein Ende nehmen. Aber haben sie denn ganz unrecht? Der liebe Gott straft solche schlechten Menschen!«

»Er ist ein Sonderling,« meinte eine.

»Oh, das tut aber nichts, er ist ein Sonntagskind und hat immer Glück,« sagte eine andere; »in allen Kalendern kannst du es so geschrieben finden.«

»Er mag aber – scheint's – die Weibsleute nicht sehen,« seufzte eine Dritte.

»Der liebe Gott erhalte ihm seine Klugheit, er hat recht,« meinte der Ehemann, der dabeistand.

»So, du sprichst auch noch dazwischen, du träges Viech! Sieh nur an, sieh' nur, wie zerrissen deine Jacke wieder ist. Vorige Woche erst flickte ich sie. Oh – der Kuckuck hole dich!« entgegnete die Frau fluchend.

»Wenn er mich nur holen würde,« sagte der Mann trocken und blickte schelmisch bittend und mit gefalteten Händen zum Himmel hinauf.

»Der Satan hole dich!« rief sie von neuem.

»Ach je, was schreist, meine Herzgeliebte! ich bin ja schon seit meiner Hochzeit bei ihm,« erwiderte der Mann keineswegs gleichgültig und schlich fort.

Die Weiber aber beratschlagten weiter, warum wohl Xaver nicht heiraten wollte.

»Wie vertreibt er denn seine Nächte, der Schöne!« frug eine geile, magere Magd.

»Er schnarcht,« hieß es.

»Er schafft an einer Erfindung,« meinte jemand.

»Ihr habt alle nicht recht,« sagte eine Dritte, »er schleicht hinauf in die Berge.«

»Was!«

»So ist es.«

»Wohin«.«

»In die Berge.«

»Des Nachts!«

»Eben, nur des Nachts; dort sitzt er helle Nächte lang und schaut hinauf in die Wolken.«

»Was!«

»Wie du hörst.«

»Die ganze Nacht!«

»Die ganze Nacht.«

»Ja, um Himmels willen!«

»So ist es. Er pfeift unchristliche Lieder, die ich, so lang ich lebe, noch nicht gehört habe.«

»Ach, Ach!«

»– Und lockt die Geister.«

»Ach, ach!«

»Es muß ihm etwas fehlen.«

»Was!«

»Ich weiß nicht, aber ein Weibskerl ist's nicht, was ihm fehlt.«

»Woher weißt du das alles!«

»Meine Adelheid, als sie einmal spät nachts vom Dorfe heimkam, sah ihn. Er liegt auf dem Teufelsfelsen und spielt mit den Glimmkäferchen, sagte sie. Erst erschrak sie gewaltig und glaubte, es sei der Böse. Nun ja, alles kann vorkommen. Dann schlug sie dreimal das Kreuz und blieb stehen.«

»Ach, ach.«

»Es ist wahr, sie hat viel Courage. Aber sie merkte bald, daß es der Xaver war und dann freilich fürchtete sie sich nicht mehr. Ach, fing er an zu pfeifen, sagt meine Adelheid, so traurig, wie der Wind in der Totensonntagsnacht. Was sagst du, Nachbarin, dazu!«

»Er ist verrückt.«

»Schwätz nicht so verächtlich von ihm; er ist ein Sonntagskind und die guten Geister stehen ihm bei; meine Adelheid glaubt es auch.«

»Es gibt ja keine Geister.«

»Hör nur so was! Mögen sie dich dafür nur nicht strafen! was sagst du, es gäbe keine Geister! Es gibt gute und schlechte; aber du siehst sie freilich nicht. Ein Sonntagskind hingegen sieht sie alle. Kennst du nicht die Geschichte, die einmal dem reichen Bauer auf dem Orles­hof drüben passiert ist?«

»Nein, erzähle.«

»Ja, also er hatte die Geister gelästert und über sie gelacht. Am andern Morgen geht er in den Stall, um ein Pferd herauszuholen, da sieht er, daß allen Gäulen die Schwänze geflochten sind, und er geht hin, um es zu untersuchen, und findet lauter Zöpfe. Sie waren aber am Abend vorher an einer Kette festgemacht worden, und guck, die Ketten lagen am Boden und das Futter war unberührt. Die andere Nacht derselbe Tanz; die dritte Nacht wieder. In der vierten Nacht geht er mit seinen zwei Knechten in den Stall, nimmt Heugabeln und Äxte mit und seine geladene Flinte, und wacht. Aber kurz vor zwölf Uhr schlafen alle drei ein, und wie sie wieder aufwachen, schlägt es eins auf dem Türmchen. Der Orlesbauer wacht zuerst auf, sieht, daß die Schwänze der Gäule alle wieder in Zöpfe geflochten sind und hört, wie jemand lacht; aber er sieht niemand. Er fängt an zu zittern, weckt die Knechte; die wachen auf, reiben sich die Augen und wissen von nichts. Der jüngere Knecht aber sah, wie jemand auf einem Gaul hockte. Nun begannen sie alle drei loszuschlagen, aber es wollte nicht aufhören zu lachen, bis der Gaul tot hinfiel. Siehst du, so hänselten ihn die bösen Geister.«

»Geh mir, wer weiß, was für ein Flegel dahinter steckte!«

»Gar kein Flegel. Alle Leute wissen, daß es wahr ist. Hast du den Holzhauer Rühle gekannt, mit dem Kahlkopf, den!«

»Nun ja.«

»Soll ich dir eine Geschichte von ihm erzählen?«

»Erzähl' nur.«

»Hör zu: Es war bekannt, daß er sich über alle Sonntagskinder lustig machte. Nun geht er einmal im Tal – es war schon spät am Abend – den Bach entlang und will laufen, daß er heimkommt. Am Ufer entlang, den ganzen Bach hinauf wächst Gebüsch und Weide, wie du weißt, und rings um den ganzen Tümpel steht grünes, sammetweiches Gras, das unsere Gänse so gern fressen. Dort grade ist ein Plätzchen, kühl und dicht, daß die Mondstrahlen selbst mit aller Mühe nicht durchdringen können. – Mein Rühle nun, wie er an dieses Plätzchen kommt, denkt an nichts Böses und will weiter. Da taucht plötzlich vor seiner Nase ein blaues Flämmchen auf.«

»Was?«

»Ja, wie du hörst. Ein richtiges kleines Flämmchen! Der liebe Heiland straf' mich, wenn ich lüge – dicht vor seiner Nase, und beginnt, ihm zu winken. Rühle, nicht faul, geht dem Flämmchen nach, wohin es ihn auch führt; denn du weißt, daß ein Flämmchen, das einem einsamen Wanderer nachts begegnet, etwas Gutes zu bedeuten hat. Man darf aber kein lautes Wort sprechen und auch keinen anderen Menschen zu Hilfe rufen. Alles muß man allein besorgen. – Also, das Flämmchen geht ihm voran, er immer nach und bekreuzigt sich in einemfort und spricht – ich weiß nicht wie oft – das Vaterunser. Das Flämmchen aber verschwand trotzdem nicht und darum war es jedenfalls kein böser Geist. Auf einmal, an einer verrufenen Waldstelle, wo die uralten, ungeheuren Buchen stehen, dicht vor einem stattlichen, mächtigen Stamme macht es halt. Mein Rühle merkt sich die Stelle wohl, steckt ein Hölzchen hinein und da ist das Flämmchen auch schon verschwunden. Also lag da ein Schatz vergraben. Rühle, nicht faul, macht sich auch schon an die Arbeit. Jede Nacht – ich danke dafür – geht er dann mit Spaten und Hacke hinaus und gräbt und haut an der Buche herum; ich weiß nicht wie lange. Nun durfte er aber kein Wort sprechen – oh, das war wohl nicht leicht. Schließlich lockert sich schon die Wurzel, aber immer noch nichts von einem Schatz zu sehen. Es war aber schon nach der dreißigsten Nacht. Gut, denkt Rühle, und verliert immer noch nicht den Mut. Er vertraut die ganze Geschichte schließlich noch zwei handfesten Burschen an, verspricht ihnen, den Schatz zu teilen, und geht wieder – diesmal mit den beiden– an Ort und Stelle. Nichts fanden sie. Die andere Nacht, der Satan war wohl im Spiele, gräbt Rühle weiter, und siehe da, ehe du Zeit hast, davonzulaufen, stürzt die Buche krachend um und schlägt meinen Rühle tot. Die anderen zwei waren auf die Seite gesprungen und kamen mit dem Schrecken davon. O Gott, wie sah dir der Rühle aus. ›Grabt, grabt!‹ rief er den Burschen noch zu, und dann starb er. Die Burschen aber sahen das Flämmchen herumtanzen und wußten, woran sie waren. Glaubst du nun, daß man über die Geister nicht spotten darf?«

»Ich will dir die Wahrheit sagen, Freundin. Nein, ich glaube es nicht, ich kann wohl nichts dafür, daß ich es nicht glaube, aber ich glaube es nicht.«

»Mögen sie dich nicht auch strafen, die Geister! Weder dich, noch dein Vieh. Es wäre zu deinem Nachteil nicht, wenn du es glauben könntest. Xaver, von dem die Rede ist, ist ja auch kein dummer Mensch und glaubt doch an die Geister.«

Das war die Wahrheit; Xaver glaubte an Geister. Als er noch ein Kind war, hatte man seinen Kopf mit Märchen und Sagen von Sonntagskindern vollgepfropft, und dieser Eindruck war so verharrend und zäh, daß Xaver, trotzdem er sonst ein ziemlich kluger Mensch war, selbst noch jetzt unter jenem Einfluß stand.

»Wenn mir Geister beistehen,« dachte er, »dann sind es die guten, und sie wollen gewiß mein Glück. Wie herrlich wäre es, wenn ich drei Wünsche tun könnte, wie ehemals die Sonntagskinder, und wenn die Wünsche in Erfüllung gingen. Oh, es käme ja nur auf eine Probe an . . . Ach, welch ein Leben würde beginnen! Das erste wäre, ich ließe ein neues Haus aufbauen, daran eine große Scheune, einen geräumigen Stall. Man würde ein Dutzend der schönsten Kühe einstellen können und ein paar gute Gäule in der Stadt kaufen müssen. Natürlich müßte man sich dann einen wachsamen Hofhund anschaffen und ein nettes Hundehüttchen für ihn. Nun – und dann müßten etliche Wagen voll Heu hereingeschafft werden . . . Stroh . . . Sättel . . . Zaumzeug . . . Wagen. Ein glänzender Pflug, eine neue Egge und Feldgeräte wären das nächste, was herbeimüßte. Dann könnte man einmal auf die Brautschau gehen. Gleich aus der Nachbarschaft könnte ich mir eine Frau holen. Adelheid zum Beispiel ist gut und gesund – – ich hab' sie gern. Angesichts meines reichen Gehöftes wird sie meine Hand nicht ausschlagen . . . zudem ist sie arm und merkt, daß ich sie leiden mag. Und wenn sie mich wirklich nimmt, dann bin ich der Glücklichste auf der Welt. Ich dinge mir hernach einen oder zwei Knechte, die alles in Ordnung zu halten haben . . . heirate dann – –. Ja nun . . . es wäre prächtig. Der erste Wunsch wäre also Geld . . . viel Geld . . .

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Es war Ende Mai. Etwa eine Viertelstunde vor Sonnenuntergang ging Xaver in den Wald. Lilafarbene, gequollene Wolken standen am Himmel und vermengten sich mit anderen, die weißlich gelb vorübersegelten. Die Sonne ging hinab, aber am Rande des Tannengehölzes war es noch hell und die Luft war klar und durchsichtig. Die Vögel zwitscherten geschwätzig und das Laub eines nahen Espenhaines begann keusch zitternd etwas zu erzählen. Man mag sagen, was man will, Xaver hatte es wohl gehört, daß das Gras etwas erzählte. Junge Grasbüschel, die vereinzelt umherstanden, knirrten, und die roten Stengel des Sauerampfers schimmerten in freundlichem Glanze, gleich dem Rubin. Xaver wartete still.

Im Walde wurde es dämmeriger und es roch warm und harzig. Eine kupferne Abendröte stieg von den Wurzeln und Stämmen der Bäume auf, ging höher und höher durch die Nadelgezweige hindurch, bis hinauf zu den flüsternden Wipfeln. Doch bald wurden auch diese dunkel und der brennend rote Himmel färbte sich abendblau, während der starke Kiengeruch sich mehr und mehr verbreitete. Lau und feucht tändelte der Wind. Die Vögel waren jetzt nicht mehr alle zu gleicher Zeit vernehmbar; man hörte sie nur noch einzeln. Die Finken schwiegen längst und hatten ihre Köpfchen sorgsam unter die warmen Flügel gelegt. Gute Nacht, Welt.

Es wurde dunkler und dunkler im Walde. Die Schatten der Bäume verschwammen ineinander und bildeten eine große, finstere Masse, während am blauschwarzen Himmel die ersten Sterne heraufschimmerten. Die meisten Vögel schliefen. Von weiter Ferne her drang noch einmal das schlaftrunkene Pfeifen eines Spechtes, einer Meise, doch auch sie verstummten bald. Nun ließ sich noch einmal die Stimme des Zeisigs leise vernehmen, so leise, daß es nicht der Mühe wert war, deswegen den Schnabel aufzumachen. Drüben in den Feldern pfiff noch ein paarmal die Wachtel; das sollte so etwas wie ein Nachtgebet sein. Du liebe Zeit! Wer kann alle diese Tiersprachen verstehen!

Eine Weile war es ganz still – – – dann ertönten die schmelzenden Laute einer Nachtigall, und weit, irgendwo antwortete ein verschlafenes Vögelchen. Es war eine Freude, diese Nachtigall zu hören.

Der Mond stieg endlich empor, aber er war nicht gleich sichtbar, so sehr verbarg er sich hinter den schwarzen, fernen Fichtenwäldern. Ein ganzer Haufen Sterne, die erst hoch am Himmel gestanden, begannen sich jetzt nach dem Rande des Horizonts herabzuneigen und verweilten scheinbar auf den Fichten- und Kiefernzweigen, so daß sie aussahen wie flimmernde Weihnachtsbäume.

Im Walde knisterte es leise. Xaver erhob sofort den Kopf und blickte sich ängstlich um. Einige Augenblicke lauschte er, ohne die weitgeöffneten Augen von dem Orte wegzuwenden, von welchem das Geräusch hergekommen war, dann seufzte er auf und bewegte den Kopf, langsam sich zurücklegend und nach oben blickend.

»He! Wer liegt denn hier!« rief ein Mann, der ganz plötzlich aus den Bäumen aufgetaucht war.

Dann hörte man, wie ein Hahn knackte und eine Flinte geladen wurde.

»Laßt eure Flinte in Ruhe, Freund. Ich bin es, Xaver Hügle.«

»Ei dich soll –!« rief der Jäger, »sag mal, Kerl, was lungerst du hier draußen herum! Wartest du bis die Sterne vom Himmel fallen!«

»Es gefällt mir hier ganz gut . . . wo geht Ihr aber hinaus Freund!«

»Auf den Anstand. Ich habe noch drei gute Meilen bis auf St. Georgen, und dann, denke ich, wird die Sonne wohl aufgehen.

»Führt ihr keine Hunde bei euch!«

»Gestern ließ ich die Koppel schon hinüberbringen nach St. Georgen.«

»Nun denn, Glück auf die Jagd . . .«

»Danke, Bursch. Hör mal, du liegst hier und kannst meiner Sechs! im Handumdrehen einschlafen, denn die Nacht ist schön und die Luft ist lind. Aber weißt du Freund, es gibt hier Ohrwürmer; paß auf, daß sie dir kein Leids antun; du weißt, wie es dem Schafhirten Hannes erging, der hier draußen einschlief.«

»Ohne Sorgen, Jäger Anton – ich gedenke hier nicht zu übernachten, Gott sei Lob und Dank, hat man immer noch sein anständiges Bett daheim und seine paar Kissen. Aber mit den Ohrwürmern hat es schon seine Richtigkeit. Ich schlafe ja nicht; ich pfeife bloß.«

»Ich hab' alles gern, was pfeift. Du pfeifst aber schändliches Zeug zusammen, Freund. Hol mich der –! aber das verstehst du. willst du ein bißchen mit mir wandern, wenn du doch ohne Zweck da liegst!«

»Zum Gehen verspüre ich jetzt keine Lust, Freund . . . ich bin faul, das ist die Wahrheit.«

»Du, wir kennen diese Faulheit. Ein Stelldichein wirst du haben. So wird es sein, ich denke, es ist so!«

»Mag es so sein.«

»Eh – alles widersprechen ist nutzlos. Ich habe da ein Weibsbild heraufkommen sehen. Wo soll sie hin des Nachts um zehne, elfe? Entweder ist es dein Schatz und du erwartest ihn hier, oder es ist die Hexenurschel, die hier herumstreicht. Und in dem Falle kannst du heute noch etwas erleben. Aber etwas anderes ist ganz ausgeschlossen. Das Erste wird schon das Richtige sein; du lachst ja so verstohlen.«

»Nicht deshalb lache ich, Anton.«

»Weshalb denn!«

»Wir können ja von etwas anderem sprechen . . . was wollt Ihr schießen!«

»Birkhühner, Xaver.«

»Nun, viel Glück zur Jagd.«

So kanzelte der die Leute ab, die ihn störten.

Der Jäger Anton entfernte sich still. Seine Schritte waren kaum vernehmbar, denn es ging sich auf dem Moos- und Nadelboden, als wäre er mit etwas Weichem gefüttert.

»Nicht die Urschel ist es, die der Anton gesehen hat; es ist wohl eine gute Fee, die sich in die Hexenurschel verwandelt hat,« dachte Xaver und sah wieder hinauf nach den Sternen. Er wartete Mitternacht ab. Es wurde immer lautloser, stiller ringsum. Plötzlich ließ eine aufgeschreckte Kohlmeise, die wohl dicht in der Nähe ihr Lager aufgeschlagen hatte, einige Male ihren stählernen Pfiff hören und ein anderes Vögelchen antwortete in der Ferne. Diese kleinen Waldleute haben ja auch ihre bösen Träume und mit ihren Verfolgern und Feinden geht es ihnen nicht viel besser, als uns.

Es verging wieder ziemlich geraume Zeit; Xaver rührte sich kaum, nur bisweilen rang er sehnsüchtig die Hände und lauschte immer wieder . . .

Auf einem weitabgelegenen Kirchlein schlug es eben bimmelnd und klanglos zwölf Uhr; die verhallenden, schwachen Mißtöne verloren sich schnell.

Wiederum regte sich etwas im Walde – Xaver schauderte zusammen und lauschte. Das Geräusch verstummte aber nicht wieder, es wurde deutlicher, näherte sich, und man vernahm endlich das Kommen leiser, eiliger Schritte. Er richtete sich auf und schien die Fassung zu verlieren, sein Blick glitt unstet und fieberte voll Erwartung.

Durch die Bäume hindurch wurde die Gestalt eines Mädchens sichtbar.

»Die Fee,« dachte er, und bekreuzigte sich.

Aber das Aussehen dieser Fee stimmte keineswegs zu den Beschreibungen, die er schon so oft über Feen gehört und gelesen.

Die Fee war weder so besonders schön, noch auffallend blaß; im Gegenteil; sie hatte ein paar dralle, gesundheitstrotzende Wangen; ein rundes, volles Profil, und ihre Zöpfe waren, soviel sich beim spärlichen Mondschein erkennen ließ, nach Gretchenart um den Kopf gewunden. Von einer Lilie oder sonst einer Blume war auch nichts an ihr zu entdecken. Die Fee war weder in duftige Schleier, noch in weiße Seide gehüllt; sie hatte ein kurzes Mieder an, das sich eng an ihren Körper anschloß, und ihre üppigen Formen deutlich hervortreten ließ. Ihr Rock war von dunkler Farbe und ganz so gewöhnlich und einfach gearbeitet, wie die Röcke aller Dorfmädchen. Die Fee trug keine gläsernen Pantoffel oder goldene Schuhe, sondern derbe, rindlederne, etwas unbeholfene Stiefel. Im ganzen aber war sie dennoch lieblich und im Schatten der Nacht erschien sie Xaver sogar verklärt und himmlisch.

Eben wollte er mit seinen Wünschen an sie herantreten, da winkte ihm die Fee, wandte sich um und schritt dem Waldrande zu. Xaver, bebend und zagend, folgte ihr.

Sie ging, ohne sich umzuschauen; der Weg schien ihm endlos; aber dennoch, als sei er in ihrem Banne, schritt er ihr nach. Beide mußten über einen Hügel klettern. Von hier aus konnte er sein Häuschen, das auf einer Anhöhe lag, erblicken, und er gewahrte, wie eben ein leichter Nebel darüberhin hastete.

Alles war lautlos still, wie gewöhnlich, wenn sich die Nacht dem Morgen nähert; die Natur lag fest und unbeweglich in tiefem Schlafe. In der Luft herrschte nicht mehr jener starke Geruch; der Tau war heraufgezogen und bedeckte alles mit einer kühlenden Frische.

Sie gingen schon zwei Stunden.

Die Morgenröte war noch nicht wahrzunehmen, aber ihr bleicher Schein zeigte sich im Osten. Alles ringsum war, wenn auch nur in schwarzen Umrissen, erkennbar, und graurot hellte sich der Nachthimmel auf. Die Sterne blinkten nur noch mit mattem Schein und verschwanden. Die Erde bedeckte sich mit Tau; die Wege wurden feucht; hie und da wurden Laute des erwachenden Lebens vernehmbar, entfernte Stimmen ließen sich hören und ein leichter Morgenwind tändelte über die Erde dahin.

Die Fee war endlich an der Hütte Xavers angelangt und ging ohne weiteres hinein. Xaver, am ganzen Körper zitternd und zag, ob er folgen sollte, blieb zaudernd stehen und staunte. Dann aber fluchte er sich im stillen Mut an und lief ihr nach auf Tod und Leben.

Die Fee stand mitten in der Stube und schien bloß auf ihn zu warten. Als er über die Schwelle trat, stockte sein Blut und er rang nach irgendeinem Worte.

Eine peinliche drückende Stille entstand.

»Aber Xaver –« sagte die Fee.

Er war sprachlos und starrte auf die Erscheinung.

»Du dummer Kerl«; sagte die Fee wieder.

»Bist du's, Adelheid?« fragte er jetzt ängstlich.

»Wer sonst, Xaver!«

Er glaubte es noch nicht.

»Du bist's wirklich?« fragte er von neuem.

»Ja, was dachtest du!«

»Warum hast du aber bis jetzt nichts gesprochen?«

»Du hast ja auch nichts gesagt!«

»Nun ich dachte halt«

Er schämte sich.

»Hast mich denn gern?« fragte er leise.

Die Fee flog ihm in die Arme und Xaver preßte sie zitternd an seine Brust.

»Vorbei mit den Träumen,« dachte er; »ich fühle, sie ist aus Fleisch und Blut; ja, sie ist es.«

Innig küßte ihn die Fee und Xaver schloß die Augen vor lauter Glück. Als er sie wieder aufmachte, sah er grade, wie in der östlichen Ferne die Sonne purpurn aus der Erde herauskam. Draußen begannen die Lerchen schon zu singen. Des Morgens waren sie stets die ersten und wollten immer kerzengerade in den Himmel fliegen. Wie waren die übermütig! Du lieber Gott! würde es nicht jeder so machen, der eine gute Stimme hätte und keine Sorgen weiter, als das bißchen Essen! Ja, und selbstverständlich auch Flügel . . .