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Jacob Elias Poritzky – Das Gespenst

Gespenstergeschichte

aus: Jacob Elias Poritzky, Gespenstergeschichten, Georg Müller Verlag, München, Leipzig, Dritte Auflage, 1913, S. 51-61

Nichts! Das ist die Antwort des Grabes.

Goya.

Ich saß im Kirchhof auf einer wackelnden Bank und erwartete jemand, trotzdem es schon tiefe Nacht war. Vor mir dehnte sich der Hügel des Ulanenoffiziers Battu, an dessen Grab ich vergangene Nacht im Traum durch eine verschleierte Gestalt bestellt worden war. Ich sollte bis Mitternacht warten.

Ich rauchte eine Zigarre, um mir die Zeit zu vertreiben, und sah zu, wie der Wind die kleinen Blättchen der Trauerweide, die auf dem Buckel des Grabes wuchs, in den Schlaf wiegte. Meine Zigarre qualmte und weckte die schlummernden Rosen, die kaum noch atmen konnten; die Reseden in den Blumenscherben erstickten fast. Aber ich konnte keine Rücksicht auf sie nehmen und mußte weiter paffen, denn ich war sehr aufgeregt und bedurfte einer Ablenkung. Gegen Mitternacht hatte sich meine Angst gelegt, und ich fürchtete mich vor nichts mehr; weder vor den Totenkopfschmetterlingen, die mein Haupt umkreisten, noch vor dem unsichtbaren Getier, das an meinen Füßen vorbeihuschte. Als es zwölf Uhr schlug, schlief ich ein …

Eine langfüßige Spinne, die mir auf den Nacken gefallen war, weckte mich durch ihr Kribbeln wieder auf, und als ich nach der Uhr sah, war es schon gegen drei. Der Himmel war wie ein gewaltiger Pfauenschweif mit tausend goldenen Augen bestirnt. Ich klopfte die Zigarrenasche von meinen Kleidern und wollte mich gerade wegbegeben, als ich sah, wie jemand in der Ferne, am Ende der schnurgeraden Grabreihe auftauchte und langsam und geräuschlos auf mich zuschritt. Bald erkannte ich, daß es das Skelett meines verstorbenen Freundes Kocharski war; das sagten mir die slawischen Backenknochen, der hervorspringende Schädel und die rechte Hand, an welcher der kleine Finger fehlte.

Er war es in der Tat. Er hatte eine graue Toga umgeworfen, wie trauernde Römer sie trugen, und umhüllte damit sein Gebein, so daß man nur die nackte Hirnschale und die rechte Hand gewahrte, die das dünne Tuch mit langen Fingern zusammenhielt.

Das Gerippe Kocharskis setzte sich neben mich, bewegte die Kinnladen und rieb die gelben Zähne gegeneinander.

»Du staunst.« vernahm ich.

»Gewiß staune ich, Kocharski!« wagte ich zu sagen, nachdem ich mich vom ersten Schreck ein wenig erholt hatte; »ich glaubte,. Geister erscheinen den Menschen nur um Mitternacht.«

»Auch du glaubst diesen Unsinn?« versetzte das Gerippe. »Auch du glaubst, daß der Geist an die Zeit gebunden ist?«

»Nicht der Geist, aber die Geister,« stotterte ich hervor.

»Es gibt keine Geister.«

»Aber was bist denn du,« fragte ich furchtvoll. »Und warum hast du mich hierhergerufen?«

»Ich dachte, ein Rendezvous mit einem Geist hätte ein gewisses Interesse für dich. Und dann – ich langweile mich so da unten. Man hat mich da in eine Gesellschaft von Idioten gebracht, die sich die ganze Nacht über das ›Problem des Todes‹ unterhalten. Es kommt mir schon zum Halse heraus. – Ich habe genug davon aus meinem früheren Leben, wo ich Naturwissenschaften studierte. Als ich damals mit ehrfürchtiger Neugier jene stinkende Experimentierhalle betrat, wo man mit der Lanzette in der Hand die Rätsel der menschlichen Maschine zu ergründen sucht, und als ich mit dem Meister über das ›Problem des Todes‹ sprach, ließ er eine Rede los, aus der kein Schwein klug wurde. Nein, ich habe genug davon.«

Alle Glieder des Skeletts kamen in eine schwankende, sonderbar lustige Bewegung.

»Und dann ist da noch ein Schauspieler,« fuhr es fort, »ein fürchterlicher Gröhler, der immerzu Shakespeares ›Sein oder Nichtsein‹ deklamiert. Dieses Rindvieh bringt mich mit seinem ›Sterben – Schlafen‹ um alle Ruhe! Als ob das überhaupt des Nachdenkens wert wäre!«

Dabei tippte sich das Skelett an die Stirne und die hohle Hirnschale gab einen rasselnden, trockenen Ton von sich.

»Des Nachdenkens wert wäre?« wiederholte ich, noch ganz starr über diese zynische Sprache eines Toten.

»Na ja,« sagte das Skelett gelangweilt und verächtlich, indem es, die Gewohnheit des Lebenden nachahmend, sich mit dem rechten Zeigefinger an einem Halswirbel der Nackengegend kratzte.

»Sterben! Jenseits Unsereiner ist doch über diesen Unsinn hinaus! Am Ende soll ich mit dir auch über ›das geheimnisvolle Land‹ schwätzen, ›von des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt‹?«

»Allerdings, allerdings!« warf ich schnell ein,

»Aber das ist ja alles Blech!«

»Bist du denn kein Gespenst? Sag es mir doch!«

»Beschwichtige deine Neugier …! Wenn du willst, wirst du alles erfahren.«

»Du wolltest mir wirklich alle geheimen Rätsel lösen und mir helfen, jene Fäden zu entwirren, die mein Gemüt verstrickt haben?«

Langsam nahm das Skelett meine Hand in seine rechte und streichelte mich mit den spitzen Fingern der linken behutsam und zart. Es sprach:

»Als ich ein unglücklicher Mensch war und keinen Ausweg fand aus dem Lebenslabyrinth, zerstörte ich mein Gehirn so lange durch berauschende Getränke, bis sich meine Gedanken für immer umnachteten. Aus jener Periode weiß ich nichts. Du wirst erfahren haben, wie unbarmherzig der Wärter der Irrenanstalt mich züchtigte, wenn er mich widerspenstig und heulend unter dem Tische fand. Aber ich wollte, daß er mich schlug, denn ich hatte die Sehnsucht, zu sterben! Ich dachte, das wäre das absolute Ende und nicht bloß so eine Trans–, oh, fast hätte ich aus der Schule geplaudert … Du weißt, wie ich starb … Eines Tages ging ich hin und gab meiner Seele die Freiheit; in einer lichten Sekunde erhängte ich mich. Es war wirklich nicht so schlimm. Ah – und nun! Und nun! … Ich rate dir, mir nachzufolgen. Denn nichts Schöneres gibt es, als das Leben nach dem Tode. Hummeln und Bienen, Falter und Wespen, alle Kuppler der Blumen summen über den Gräbern und tragen an ihren langen Haarhosen den lieblichen Blumen reifen Blütenstaub zu. Mit allen Farben haben sich die Blumen geschmückt, um die wilden Geliebten würdig zu empfangen, und sie strecken der Befruchtung sehnsüchtig ihren duftenden Schoß entgegen. Und sobald sie befruchtet sind, wollen die kleinen Blumen nichts anderes mehr sein, als Mütter. Ihre Pracht mag nun vergehen, ihre bunten Blütenkränzlein mögen verschrumpfen, nun sie gesegneten Leibes sind. Und unter dem Lichte der Sonne reift ihre künftige Saat. Und dann saust eines Tages der Wind über sie hin und schüttelt ihre Häupter, und die geschwellten Leiber tun sich auf und streuen ihre Früchte um sich her. Und der Wind nimmt sie auf und trägt sie auf dein Grab. Nun siehst du, wie die Erde schafft und webt, wie die Säfte ineinanderfließen und wie sie den Samen sprengen und ihn aus seinem Mäntelchen locken … wie sie feine Fäden aus dem Keime ziehen … Die Menschen nennen sie Wurzel! Oh, es gibt nichts Herrlicheres als so eine Wurzel! … Du bietest ihr deine Brust zur Nahrung und sie verschmäht dich nicht. Sie saugt ganz leise an deinen Poren und es ist, als ob dich jemand sanft kitzelte. Du opferst willig dein Blut, wie eine säugende Mutter, und vermählst dich ganz mit dem würzigen Erdreich. Hier findest du in Fülle, wonach du auf der Erde darbtest … denn hast du auf Erden einen größeren Wunsch als den, dein Wesen in tausend Herzen Boden fassen zu sehen, eine heißere Begierde als die, für das Gedeihen anderer dich aufopfern zu dürfen, eine tiefere Sehnsucht als die, deine Gedanken auf einen Grund pflanzen zu können, wo sie blühen und neue Gedanken erzeugen? Aber du kannst es ausposaunen mit schmetternden Drommeten, deine Stimme verhallt … Wir aber im Schoße der Erde harren nicht vergebens und was uns die Welt der Lebenden versagte, hier unten wird es uns zuteil …

Wir sitzen am Grabe des Ulanenoffiziers Battu … er ist acht Jahre schon für seine Angehörigen tot. Aber wie täuschen sie sich! Haben sie nicht diese Weide auf sein Grab gepflanzt und fließen nicht seine Säfte durch die Poren des Baumes? Und sprechen diese Blätter nicht seine Sprache? Aber stumpfsinnig sitzen seine Tanten des Sonntags auf dieser Bank und hören nicht, was die Weide flüstert. ›Er ist tot! Er ist tot!‹ rufen sie und vernehmen nicht, wie er zu ihnen spricht: ›Ich bin lebendig! …‹ Und jetzt sind sie, weil sie geerbt haben, auf die blödsinnige Idee gekommen, ihm ein Denkmal zu setzen. So was! Wir haben neulich eine Versammlung einberufen, um diesem Unfug überhaupt zu steuern. Ich selbst habe eine Hetzrede gegen die Denkmalswut gehalten. Das sind ja auch ganz empörende Zustände! Ihr baut Denkmäler und stellt uns diese Stein- und Bronzekolosse auf den Kopf. Wem nützen denn diese fürchterlichen Dinger? Was haben wir denn davon? Und ihr? Ist daß etwa ›Kunst‹? Gestern habe ich mit meiner ganzen Gesellschaft da unten einen Ausflug nach dem Genueser Campo Santo unternommen, um den Blödsinn der Denkmalssetzerei recht deutlich zu illustrieren. Gott, wie haben wir gelacht.«

Die Kinnladen der Hirnschale verzogen sich zu einer lächelnden Grimasse,

»Gelacht?«

»Natürlich! Das ist ja auch zum Bersten! Während das Elend und die Not Millionen schöner Hoffnungen verschlingen, frißt diese Steinsetzerei ganze Vermögen auf. Wieviel Tränen des Schmerzes und Hungers könnten für diese Steine in Tränen der Freude gewandelt werden; wieviel Jammer in Glück! Auf den Straßen des Lebens treiben sich Bettler mit ausgehöhlten Wangen umher, kranke Krüppel und hilflose, zerlumpte Kinder, Brotlose, die zu Dieben, und Verzweifelte, die zu Mördern werden – und anstatt daß die Lebendigen zunächst für die Lebendigen sorgen würden, pfropfen sie unser stilles Revier mit teurem steinernen Kitsch voll und nötigen viele von euch zu uns herab. Ist das nicht zum Lachen? … Ihr Lebendigen habt eben keinen Korpsgeist! …

… Da ich lebte, war ich ein armer Kerl und besaß nicht einmal die Mittel, mich zu ernähren. Ich weiß ja, wie Hunger tut. Und als ich starb!

Oh, welche üppigen Tafeln gab ich den Bewohnern des Erdreichs! Es wurden die Würmer, die sich von meinem Leibe nährten und sich an das Tageslicht wagten, von den Drosseln und Nachtigallen gefressen, und wenn die Nachtigallen schlugen, war mir's, als sänge ich endlich das Lied, das mir, als ich noch lebte, die Brust bedrückt und das den Menschen, die mich jetzt hörten, Tränen in die Augen trieb …«

»Aber du bist doch jetzt schon völlig Gerippe; was tust du nun in der Erde und wodurch dienst du ihr noch?« sprach ich, als Kocharski schwieg.

»Es wird die Seit kommen, wo ich nicht mehr auf der Welt wandern werde. Die Erde, die mich in ihre Arme geschlossen hat, wird mich umfangen halten, bis ich restlos in ihr aufgegangen bin und bis die Atome meines Gebeins sich zu anderen Körpern gestaltet haben … Die Menschen nennen es Auferstehung. Bis dahin aber kehre ich zur Erde zurück. Ich sehne mich nach ihrem Schoß. Wenn ich bei ihr liege, fühle ich, wie sie mich liebevoll küßt, wie ihre Lippen an mir saugen und wie sie mich stets anspornt zu neuer Tat. Denn wir Toten haben keine ruhige Minute. Wir arbeiten, bis wir nicht mehr sind und bis wir verquickt sind mit dem All. Der Faule und der Reiche – alle müssen sie heran an die Arbeit und neues Leben schaffen helfen. Denn die Arbeit, die wir Toten allesamt verrichten, ist das verjüngende Element der Welt. Darum ist euer Begriff ›tot‹ ein schlechtes Wort. Es gibt nichts Totes unter der Sonne. Weil die kräftigen Arme des Herkules, die vor fünftausend Jahren den nemeischen Löwen erwürgten, jetzt keine Arme mehr sind, wird kein nachdenkender Geist die Kraft, die so energisch in ihnen wirkte, für vollkommen vernichtet halten.«

»Aber Herkules hat doch gar nie gelebt!«

»Das ist vollkommen gleichgültig. Alle Helden verdanken ihr Dasein nur der schaffenden Phantasie. Besitzt Herkules für dich nicht genau dieselbe Wirklichkeit wie Alexander, obwohl dieser einstmals Fleisch war und jener nur Gedanke? Ist es nicht der Gedanke, der selbst die Götter besiegt? Verdanke ich meine Existenz nicht auch nur einem Gedanken? Und was ist geblieben von all den Millionen Geistern, die je gelebt haben? Ein Gedanke! Was wird man von Goethe nach tausend Jahren wissen? Übrigens spielt er jenseits keine größere Rolle als ich. Wir sind demokratisch bis zum TZ.«

»Jenseits? Gibt es ein Jenseits?«

»Jenseits des Lebens. Aber ich habe dir ja schon gesagt: Wenn du willst, wirst du alles erfahren.«

»Aber natürlich will ich. Was muß ich dazu tun?«

»Oh – eine Kleinigkeit. Du nimmst einen geladenen Revolver und drückst ihn auf dein Herz ab. Suchen wir hier! … Im Grase werden wir schon so ein Ding finden … Es gibt zahlreiche Verzweifelte, die die Neugierde ›nach dem Drüben‹ treibt, mit dem Revolver gerade hier die Frage an uns zu richten. Aber ein Strickchen tut es im Notfalle auch!«

»Ich soll sterben?«

»Sterben! Ah, jetzt fängst du auch schon an wie das Kamel, der Komödiant: ›Sterben! Schlafen!‹«

»Hat Goethe also nicht recht, daß uns nach Drüben die Aussicht verrannt sei?«

»Denkst du, ich lasse mir von dir Würmer aus der Nase ziehen? Wir antworten erst, wenn man zu uns gehört! Das ist Gesetz! … Na, willst du? ... Hier.«

Das Gerippe hielt mir lächelnd einen Revolver entgegen, dessen Hahn schon gespannt war.

»Aber schwörst du mir auch, daß du mir dann antworten wirst?«

»Ich werde dir antworten, sobald du mich fragst!«

Ich zauderte und fieberte.

Die Nacht wurde müde; ein feiner, zarter Purpurschleier legte sich über die Bäume, und eine tiefe und unbewegte Ruhe breitete sich aus.

Der Morgen kam herauf, und das Gerippe Kocharskis wurde unruhig. Es hielt seine Hände, die verfaulten dünnen Baumästchen glichen, aufgerichtet und ausgebreitet vor seinen Kopf, und die gelben Füße, die unnatürlich lang schienen, berührten mit den Spitzen wie tänzelnd den Boden. Es blickte die Allee hinab, die es gekommen war, und wollte sich eben entfernen.

»Gib her!« sagte ich plötzlich entschlossen. Das Gespenst, das sich in den Morgennebel einhüllte wie in ein Leichentuch, reichte mir grinsend die Waffe.

»Wir wollen aber zu mir gehen,« sagte es und schritt mit wippenden Bewegungen voran.

Als wir zur Ruhestätte Kocharskis gekommen waren, gewahrte ich nichts als einen eingefallenen Hügel, auf dem spärliches Gras wuchs. Gierig, fiebernd und vor Neugier brennend, die Antwort zu erfahren, schoß ich jäh auf mich ab. Ich hörte noch den fürchterlichen Knall, der das Herz der Stille zerriß, vernahm noch das Hohngekicher Kocharskis, dann fiel ich leblos in seine knochigen Arme und – erwachte. Ich rieb mir die Augen aus, um besser zu sehen, aber ich gewahrte nur ein durcheinandergeworfenes Bett, in dem ich mit hintenübergebeugtem Kopfe lag.

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