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Jakob Elias Poritzky – Die Tragödie der Hetäre

Erzählung

Die Tragödie der Hetäre aus Jakob Elias Poritzky, Liebesgeschichten, Georg Müller Verlag, München und Leipzig, 1912


Irma war ein Weib, wie es Molière gern gegeißelt hätte. Sie wäre ein prächtiges Modell für d'Aurévillys »Diaboliques« gewesen und Strindberg hätte sie mit den Pfeilen seines Hasses über und über beworfen. Félcien Rops, der in jedem Weibe die Dirne witterte, hätte nicht widerstehen können, den Zug ihres Mundes mit seinem Griffel zu verewigen. Das Wort, das sie sprach, klang scharf und schneidend, wie das rauhe Sausen eines Wintermorgenwindes. Sie war voller Gift und Galle, schlau, mürrisch und launisch, rasch und unüberlegt im Handeln, heiratssüchtig, ein bißchen falsch, und wo sie ihre Angehörigen mit Worten oder Blicken verwunden konnte, tat sie es freudig.

Seit ihrer frühesten Jugend lebte sie in der Großstadt, und es bot sich ihr hier, wie allen armen Mädchen, deren Mitgift nur das bescheidene Geschenk Hymens ist, und die mit ihren frugalen Reizen keine Männer zu fangen und mit den Augen nicht zu buhlen verstehen, nicht die geringste Aussicht, sich zu verheiraten.

Sie war bereits neunundzwanzig Jahre alt, und ihre Mannessehnsucht hatte noch immer keine Auslösung gefunden; das machte sie nervös, fast hysterisch. Ab und zu hatte sie ein Theater, ein Museum, ein Konzert, eine Ausstellung besucht und manchen Roman gelesen; aber an der Kritik, die sie über alles Geschaute, Gehörte und Gelesene fällte, erkannte man sofort das niedrige Niveau ihres Bildungsgrades und daß sie eine verrenkte Intelligenz war; dennoch glaubte sie, sie allein sei die Klügste, Gebildetste und Vollkommenste der Erde. Irgendein X hatte ihr einmal, als sie noch in den Lenzjahren war, gesagt, sie sei eine Perle; daß sie das noch sei, blieb ihre feste Überzeugung. Des Unglücks Kelch hatte sie schon tief geleert, und es wäre ihr zu verzeihen gewesen, daß sie das Recht für sich in Anspruch nahm, über das Unglück aller übrigen Menschen spotten zu dürfen, wenn sie es nicht in solch brüstender Art getan hätte. Sie war Näherin und arbeitete sehr fleißig; sie vermeinte darum, nur sie allein arbeite so schwer, und es gäbe kein Wesen mehr auf der Welt, das so geplagt sei, wie sie. Das erzeugte in ihr eine widerliche Sentimentalität und Gefühlsstumpfheit. Den ganzen Morgen sprach sie kein Wort, aber man sah ihr an, daß sie heiß grübelte; mittags, wenn sie die Suppe trank, schmolz die Eisrinde von ihrem Munde ein wenig, und abends war sie meist die Lustigkeit selber. Und trotz dieses Gebarens, das zuerst den Eindruck hervorrief, man habe es mit einem tiefen, ruhelosen Weibe zu tun, war sie seicht und oberflächlich. Außerdem war sie zeitweise verbissener als ein wütender Kettenhund und stiller als ein wachsender Baum. Ihre beständige innere Wut brachte sie auf die bizarrsten und sonderbarsten Gedanken. Wenn sie keinen Menschen mehr wußte, bei dem sie ihre Klagen hätte anbringen können, spielte sie die Schwerverkannte, vom Schicksal Verfolgte und summte, sobald sie in der Küche allein war, mit gedehnter und larmoyanter Stimme todestraurige Weisen; und in der Tat standen ihr dann Tränen in den Augen.

So zeigte sie sich ihren Verwandten. Fremden gegenüber war sie aber die Höflichkeit, die Liebenswürdigkeit und die Freundlichkeit selbst. Man konnte dann glauben, es mit einem gut erzogenen, wackeren, naiven und liebenswerten Fräulein zu tun zu haben, dem leider Gottes nichts anderes beschert war, als ungeheuer und übermenschlich zu arbeiten, ein Märtyrerleben zu führen und dabei madonnenhaft zu lächeln wie eine edle Dulderin, die sich ihrem traurigen Schicksal willig unterworfen hat.

Eines Tages war sie jedoch eine völlig Verwandelte, und es dauerte lange, bis man die wahre Ursache dieser Metamorphose entdeckt hatte. Man wurde gewahr – obgleich sie es vor ihren Verwandten über ein Jahr lang in kindischster Weise verheimlichte – daß sie liebte und wieder geliebt wurde; aber man verschwieg es und tat so, als wisse man von nichts. Der Mensch, der sie liebte – ein zerfahrener, sinnlicher, eingebildeter und nervöser Dorflehrer – war zwar acht Jahre jünger als sie; aber das schien ihr gleichgültig und ihm nicht waghalsig. Es war offenbar, daß sie sich liebten, und daß ihr beiderseitiges Wesen, eine große Änderung erfahren hatte, die schroffen Ecken schliffen sich langsam ab. Wie diese Liebe aber zustande kam, blieb ein Rätsel, über dem ein undurchdringlicher, dichtgewebter Schleier lag.


Nach zwei Jahren, als ihr Geliebter in einem oberhessischen Dorfe, das von der Eisenbahn nicht berührt wurde, und das erst später eine Posthilfsstelle erhalten sollte, einen Lehrerposten an der Dorfschule innehatte, heirateten sie.

Sie war nun »Frau Lehrer,« und nicht nur die Gänse, sondern auch die Bauernweiber sahen sich erstaunt nach ihr um, denn sie hatte – soweit dies möglich war – das Milieu der Großstadt und etwas Bildung in das Dörfchen mitgenommen und war immer noch stattlicher als alle Weiber und Männer der Bauerngegend. Daß sie in diesem Nest die Spitze bildete und sich nicht dazu herabließ, irgend jemanden anzusehen, war selbstverständlich. Aber das ging nur die erste Zeit, bis ihr Mann ihr beibrachte, daß die Gattin eines Lehrers in einem Orte von sechshundert Seelen verpflichtet sei, klein beizugeben, Verbindungen zu unterhalten und die Frau des Schultheißen zu grüßen.

Sie sah das ein und empfing und machte des Sonntags Besuche. Aber die Woche über war es so entsetzlich und ungewohnt still, daß sie oft zu verzweifeln schien. Dann und wann las sie noch ein wenig, aber ohne jenes intellektuelle Vergnügen dabei zu empfinden, das die geistige Arbeit dem Strebenden sonst gewährt. Und wenn sie las, so bevorzugte sie jene Lektüre, die einen verhaltenen Diabolismus in ihr frei machte und ihren leidenschaftlich erregten Sinnen Nahrung gab. Ihre höheren Bildungsinteressen aber, die in der Großstadt noch etwas rege waren und auch befriedigt wurden, mußten hier langsam ersticken. Denn nicht einmal eine anständige Zeitung konnte man halten, so sehr mußte man sich einschränken. Daher wurde ihr nach und nach jede Kleinigkeit wichtig und im Laufe der Jahre sogar zu einem Ereignis.

Nach fünf Jahren war es so:

Wenn der Landbriefträger bestaubt und schwitzend vorüberging und für sie keine Post hatte, wurde sie verstimmt und beschäftigte sich stundenlang damit, wer wohl im Dorfe ein Schreiben erhalten haben mochte; am anderen Tage erfuhr sie es beim Kaufmann, den man offiziell »Das Blättchen« nannte. Darüber sprach dann Irma mit ihrem Manne einige Stunden. Oder sie ließ sich auch von ihm erzählen, welche Jungen durchschnittlich die meisten Prügel erhielten, dann wurde anhaltend über deren Eltern geklatscht.

Wenn ein Huhn gackerte, so wußte sie, wer um ein Ei reicher wurde, so genau kannte sie schon die Stimme jeder einzelnen Henne. Sie liebte es, zuzuschauen, wenn die Tiere sich paarten. Und so oft im Dorfbache die neugeborenen Kätzchen ersäuft wurden, berechnete sie die nächste Wurfzeit der Tiere. Ihre eigenen Kinder – sie hatte zwei – beschäftigten sie ziemlich wenig; sie putzte ihnen vor dem Essen die Nasen und schlug ihnen bei Tisch auf den Mund, wenn sie mit schmutzigen Händen voreilig die Speisen aus den vollen Schüsseln nahmen. Tagsüber stellte Irma die Kinder unter Obhut eines blutjungen Dorfmädchens, das mit ihnen im Sand allerlei Kuchen buk.

Einmal bekam Irma von ihren Angehörigen einen vierbändigen Heine geschickt. Sie bewunderte den Einband und las einige Zeilen aus den zufällig aufgeschlagenen »Französischen Zuständen«, die ihr spanisch vorkamen. Sie machte ein blödes Gesicht und schenkte die Bücher ihrem Manne, der sich inzwischen zum elenden Typus eines Dorflehrers herangebildet hatte, dessen pädagogisches System der Stock verkörperte. Der stellte den Heine in den Bücherschrank, und da blieb er stehen und wurde wöchentlich zweimal abgestaubt, wie die Figürchen auf der Kommode.

Wenn ahnungsloserweise einmal das Wort »Theater« fiel, »Museum« oder »Konzert«, da wurde man nicht mehr so verstimmt wie früher. Im Gegenteil, man freute sich, daß man im Dörfchen wohnte, wo solche Luxusausgaben nicht mehr vonnöten waren; man aß und trank lieber für das Geld.

Nach drei Jahren hatte Irma noch zwei Kindern das Leben geschenkt. Endlich wurde ihr Mann auch Oberlehrer. Im Jahre darauf gebar sie wieder ein Kind.

Ihr Geist war tot, aber ihr Leib erwachte jetzt, wie ein schlafender Dämon erwacht, und er begann Opfer zu heischen. Immer forderte sie ihren Gatten heraus, die priapischen Räusche, nach denen ihre Sinne verlangten, zu stillen. Immer wieder lockte sie ihn durch die Verheißung nie gekannten, nie genossenen Taumels, in den Gärten der Venus zu weilen; und in dem Augenblicke selbstvergessenden Rasens konnte sie die Augen schließen und an Nero denken, an den blutrünstigen Caligula, an Julian, Coriolan, Marc Anton oder an irgendeinen anderen jener Tyrannen und Helden, deren Namen schon Brünstigkeit in ihr weckte; edle Männer, die nicht anders als goldbehängt, kraftstrotzend, lockenhäuptig, mit nackten Lenden und Waden durch ihre Vorstellungskreise schritten. Sie konnten schmausen wie Bären, trinken wie durstige Rosse und sie waren herkulische Männer, heldenhafte Männer, liebesgewaltige Göttersöhne, wenn sie ein Weib umarmten.

In ihrer Phantasie feierte Irma wilde Orgien und ihre nächtigen Gedanken waren voller üppiger Feste mit zynischen Gelagen. In ihren wachen Träumen sah sie nackte weiße Leiber schöner Jünglinge von schlanken Mädchenarmen umschlungen; sah sie eben erblühte Jungfrauen in ihrer ersten orgiastischen Verzückung; sah sie heraklitische Gestalten, die vor ihr niederknieten und mit flammenden Küssen die Hölle der Liebe schürten. Unzüchtige, schwelgerische Bilder erfüllten ihren Geist, und obwohl die Folge war, daß sie immer wieder Mutter häßlicher entstellter Kinder wurde, denen der Stempel des Satyrhaften auf die Stirn geprägt war, blieb sie doch ihrem ganzen Wesen nach eine tolle Hetäre, die ihre Kinder haßte, und die sich soweit vergaß, Gott zu schmähen, weil er sie fruchtbar werden ließ.

Sie haßte, haßte ihre Kinder. Sie hätte sie vergiftet, wie die Montesspan, wenn sie nicht vor dem Richter und vor der Sühne zurückgebebt hätte. Sie hätte ihre Kinder, wie eine Brinvilliers, selbst zur schwarzen Messe gebracht, um von ihnen befreit zu sein. Sie kümmerte sich nicht um ihre Kinder und diese wurden von hinraffenden Krankheiten befallen und starben eins nach dem andern. Teilnahmslos sah sie dem Sterben all derer zu, die aus ihren Brüsten einst das süße Leben getrunken. Teuflische Hoffnung erfüllte sie, wenn sie nun an die kommenden ungestörten Nächte dachte, in der die Anbetung ihres Leibes ihren höchsten Triumph feiern sollte.

Aber als das letzte Kind gestorben war, begann sie, wie eine jäh Erschreckte, in ihrer höllischen Raserei innezuhalten und sie sprach mit ihrem Gatten vorsichtig von der Möglichkeit eines vergeltenden Schicksals, das sich nun an ihr räche. Sie fand aber keine Resonanz bei ihrem Manne, dieser schmählichen Karikatur eines Marc Anton, eines Coriolan.

Ihr Leben wurde leer . . . leer . . . leer . . . Und jetzt entschliefen ihre Sinne und die Mutter erwachte in ihr mit unbezähmbarer Leidenschaft. Aber neues Leben zu zeugen blieb ihr versagt. Nun hatte sie Tränen, nichts als Tränen, und die schändende Erinnerung ihrer verbuhlten Nächte . . .