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Jakob Elias Poritzky – Junge Liebe

Erzählung

Junge Liebe aus Jakob Elias Poritzky, Liebesgeschichten, Georg Müller Verlag, München und Leipzig, 1912


Wir hatten eine kleine Schenke,« begann Raja Aljewna zu erzählen, als sie bei Laune war und ihrer Jugend gedachte; »ich war sechzehn Jahre alt, erst einige Monate verheiratet und galt als die hübscheste Wirtin im Städtchen. Man kam gern zu mir. In so einer Schenke gibt es allerhand Leckerbissen, wißt ihr, und die verstand ich sehr gut zuzubereiten. Abends kamen die Leute truppweise und verlangten ein Schnäpschen. ›Raja,‹ riefen sie dann. ›Was?‹ fragte ich. ›Leberchen hast du?‹ ›Ja.‹ ›Gib!‹ ›Raja!‹ ›Was?‹ ›Saure Karpfen hast du?‹ ›Ja.‹ ›Ach, hol mich der Teufel! Gib, Gib!‹ ›Gewiegten Hering hast du?‹ ›Gewiß, hab ich.‹ ›O du Küssenswerte! Gib, gib! Gib auch einen Stof Wodka!‹ Dann tranken sie und aßen und jubelten, bis ich die Lampe herunterschraubte und die Fensterläden schloß. Singend wankten sie fort. Mein Mann war damals siebzehn Jahre alt und noch furchtbar wild. Anstatt zu Hause zu sitzen und mir bei der Arbeit zu helfen, lief er fort, schnitzte Geigen und kratzte mit einem Besenstiel darauf herum, zimmerte Schiffchen und ließ sie auf einem Arm des Dnjepr schwimmen, bis sie ein Leck bekamen und untergingen. Oh, wie schrecklich böse war er dann, wenn er nach Hause kam! Er kochte. Sogar auf das Essen war er erzürnt, so kindisch war er noch. Und wenn ich ihm auch seine Lieblingsspeise vorsetzte — gefüllte Fische — ließ er sie trotzdem stehen. Ich sah wohl, daß es ihn wurmte, die Fische unberührt stehen lassen zu müssen, aber er wünschte, daß ich mich ärgere; daß ich seinen Zorn teile. Oh, so einfältig war ich aber nicht. Ich konnte mich nicht grämen, wenn ihm ein Schiff versunken war. Da schlug er mich oft. Wir rauften miteinander wie zwei Gassenkinder. Denkt euch, in den Flitterwochen! Wenn ich es nicht mehr aushielt und mein Herz vor meinem Schwiegervater ausschüttete — denn meine Eltern waren tot! — so bekam mein Mann am anderen Morgen, wenn er noch im Bette lag, von seinem Vater eine große Tracht Prügel, bis er versprach, mir gegenüber artig zu sein. Ja, während der Kantschub auf seinem Rücken tanzte, versprach er alles; kaum aber war sein Vater fort, da schwor mein Josef, bittere Rache an mir zu nehmen, und schon im nächsten Augenblick riß er mich an den Haaren herum oder versetzte mir Püffe. So ging mir's während der sogenannten Honigmonate. Und immer mit Klagen zum Schwiegervater laufen, das ging doch auch nicht. Schließlich ist man doch schon Frau und muß dulden. ›Lauf doch dem Entsetzlichen fort, Raja!‹ riefen oft die Gäste, die sein Benehmen gegen mich aufgebracht hatte. Ich wäre auch davongelaufen, denn es war schrecklich. Aber auch zu mir hatte sich ein Sonnenstrahl verirrt.«

»Es kam immer ein junger Mann in die Schenke, Alexander Marsin, ein hübscher, blonder Mensch, ein Kommis, der liebte mich so sehr, daß er für mich stahl. Ich erfuhr es aber erst, als es schon zu spät war. Er wußte, daß ich gern naschte, und daß ich für gute Schokolade meine Seligkeit verkauft hätte. wenn andere Gäste es nicht bemerkten, kam er hinter das Büfett und steckte mir heimlich einige Tafeln Schokolade zu . . . von der besten. ›Raja, laß es dir schmecken, mein Täubchen!‹ flüsterte er mir zu. ›Morgen bekommst du mehr.‹ Und dabei sah er mich mit großen, verträumten Augen an, die wie verschleierte Sterne leuchteten. Ich fühlte, wie unglücklich er war, daß ich bereits verheiratet war. Er hätte sich vielleicht in sein Schicksal ergeben, wenn er gesehen hätte, daß ich glücklich gewesen wäre. Aber das sah er nicht. Er kannte meine Lebensgeschichte. Als ich Waise wurde, zählte ich etwa zwölf Jahre. Meine Verwandten hatten mich gleich an die Eltern Josefs als Dienerin vergeben. Und in diesem Dienst blieb man den ganzen Tag angespannt, wie das Ackerpferd am Pfluge. Obgleich ich klein und schwächlich war, bürdete man mir Arbeit auf für zwei. Ich leistete alles, ich hielt mich wacker. Josef, der Sohn, setzte mir viel zu. Wir vertrugen uns schlecht. Er zog mich an den Zöpfen herum, schleuderte mir mit einem gläsernen Blasrohr Kügelchen ins Gesicht, er peinigte mich auf mannigfache Art, er kühlte jede Laune an mir . . . . jahrelang. Es war fast nicht menschenmöglich, es zu ertragen. Und wie belohnte man mich endlich für diese Unbill! Als der junge Herr Josef siebzehn Jahre alt wurde, gab man mir ihn zum Gemahl. Das alles wußte Alexander Marsin. Er sah, welche schwere Arbeit ich tagein, tagaus hatte, und bei alledem von meinem Manne kein fröhliches Wort. Der war immer draußen. Entweder spielte er mit den Glocken der Ziegen, oder er riß vom Lattenzaun ein passendes Brett für eine Geige los. Wahr ist es, wenn wöchentlich der alte Stawulitsch in die Schenke kam, der so wundervoll die Geige spielen konnte, da stand mein Mann wie festgezaubert in einer Ecke, und bei den traurigen Melodien, die Stawulitsch hören ließ, weinte mein Gatte unaufhörlich. Da sah ich, daß er doch ein Herz und im Herzen Empfindungen hatte. Aber alles so verworren, so roh . . . Und Alexander Marsin war jeden Abend bei uns. Denkt euch, wie ich litt! Wenn nun Stawulitsch mit seiner Fiedel kam, und Marsin meinen Gemahl bewegten Herzens weinen sah, bemerkte ich, wie Marsin mit sich kämpfte, um nicht aufzuspringen und meinen Mann zu töten. Denn Marsin gewahrte wohl, wie ich in den Momenten, wo Josef weinte, ihm gut war. Das verdroß Marsin; er meinte, das verdiene mein Mann nicht. Marsin glaubte, er sei der unglücklichste Mensch und müsse sich das Leben nehmen. Aber schon ein verstohlen flüchtiger Blick von mir genügte, um ihm die Todesgedanken zu vertreiben. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn er sich getötet hätte . . .? Denn ich liebte ihn unaussprechlich . . . Er war mir teuer. Miteinander sprechen konnten wir nicht. Mein Gatte stand in der Ecke, und obgleich er weinte, fixierte er uns spitzbübisch . . . Und sprechen mußte Marsin . . . Dann ging's aber los. ›Raja!‹ ›Ja.‹ ›Stell her einen Stof Wodka!‹ Ich brachte ihm den Branntwein, und nun rief Marsin den alten Stawulitsch heran. ›He, Alter!‹ ›Nun, willst du mir Geld schenken, lustiger Bruder?‹ ›Nein, Alterchen! Trinke ein Gläschen mit mir! Dann aber spiele, bis die Saiten springen! Ich will singen, verstehst du?‹ So mein Marsin. Dann sang er. Dann sang er so lustige, tolle Liedchen, daß das Dach sich hob. Und wenn er sah, daß auch ich lachte, war er glücklich und wurde so übermütig, daß er den ganzen Kramladen auf den Kopf stellte und in allen Gästen die Tanzlust weckte . . .«

»Einmal sitzt Marsin wieder melancholisch am Tisch und hat seine böse Stunde, weil ich mich mit seiner Schokolade nicht so gefreut hatte wie sonst. Nach einer geraumen Zeit füllt sich das Trinklokal, auch Stawulitsch kommt mit der Geige und muß eins aufspielen. Marsin bestellt einen Stof Wodka, und beide betrinken sich ordentlich. Dann stellt sich mein Alexander Marsin breitspurig in die Mitte der Gaststube, reckt den Hals, legt den Daumen an die Gurgel und beginnt zu tremulieren und zu singen: ›Der Traum‹ von Lermontow. Mitten im Liedchen, an der entzückenden Stelle:


»Ins muntere Gespräch stimmt nur die eine
Nicht ein — sie sitzet still in sich versenkt;
Gott weiß, welch düsterer Traum mit trübem Scheine
Die junge, gramerfüllte Seel' umfängt!«


kommen zwei Polizisten herein — stehen da wie aus der Erde gestampft — rufen mit ihrer Bärenstimme Alexander Marsin auf — er sagt: ›Hier bin ich!‹ — Sie sagen: ›Du hast lange Finger gehabt, Brüderchen; komm' ein bißchen mit uns!‹ Marsin stutzt, begreift. Alles springt auf. Es entsteht ein furchtbarer Wirrwarr — denkt euch! Und nun führt man Marsin ab. Er ist bleich wie die Wand und schaut mich an, als wollte er sagen: ›Siehst du, Raja, für dich!‹ Gleich darauf kommt der Kaufmann zu uns, bei dem Marsin in Stellung war. Erzählt mit großem Halloh und Klingklang: ›So ein ungeheurer Dieb, dieser Marsin! So ein Dieb! Mit seinen verfluchten ehrlichen Augen. Er hat mir die ganze Schokolade gestohlen. Kisten voll Schokolade! Glaubte er, ich sei mit Blindheit geschlagen, der Hund, und werde es nicht bemerken? Kisten voll Schokolade!‹ Und wie gewöhnlich übertrieb er, wie die Romanschreiber. ›Im Gefängnis mag die Kanaille Schokolade fressen, im Gefängnis! Die Glieder im Leibe wird man ihm zerbrechen!‹ ging's. Als mein Mann sah, wie mich das alles aufregte und empörte, kam er zu mir und wurde so liebreizend wie ein Täuberich, gurrte und surrte, lachte und tat schön mit mir, wie nie zuvor. Marsin gestand vor Gericht und bekam Gefängnis. Eine lange Zeit. Mein Mann war der erste, der es wußte. Jedem Gast erzählte er es . . .«

»Ach, die Geschichte ist jetzt ungefähr zweiunddreißig Jahre alt . . . aber seitdem hasse ich meinen Mann. Wir sind zwar aneinander geschmiedet, aber unsere Herzen berühren sich nie. Solch ein Leben, sage ich euch, ist schlimmer als vierzig Jahre Zwangsarbeit in den sibirischen Bleibergwerken. Jene Gefesselten können wenigstens mit ihren Ketten klirren; ich aber muß so tun, als sei ich gar nicht gefangen. Und jene Wunden, welche die eisernen Ketten ins Fleisch schneiden, können nicht so schmerzen wie die Wunden, welche die seelischen Ketten verursachen.«