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Jakob Elias Poritzky – Leidenschaft

Erzählung

Leidenschaft aus Jakob Elias Poritzky, Liebesgeschichten, Georg Müller Verlag, München und Leipzig, 1912


Ich schreibe das im Untersuchungsgefängnis; nur um meine Seele zu erleichtern, schreib ich's hin . . .

Ehe ich hier saß, wohnte ich in der Malaja Newskaja im vierten Stock. Ich wohne mit Vorliebe im vierten Stock. Man betrachtet die Welt mehr von der Vogelperspektive, sieht die Menschen gewissermaßen von oben herab an, und wenn die Verachtung, die man für sie empfindet, allzu groß wird, kann man ihnen ruhig auf die Köpfe spucken.

»Herr Dimitri Krilow,« sagte aber vor einigen Wochen meine Wirtin zu mir, »diese Angewohnheit müssen Sie schon lassen. Die Leute, die auf der Straße vorübergehen, sind doch nicht zu Ihrem Vergnügen da.«

Darin hatte sie recht. Aber ich bin doch ebensowenig zum Vergnügen der Leute da. Sobald ich mich unter die Menschen menge, machen sie mich zur Zielscheibe ihrer niedrigen Ulkereien. Nun habe ich zwar eine sehr lange Nase – – gut . . . Plattfüße gut, gut . . . und mein Rücken ist nicht ganz gerade. Aber deshalb durfte sie mich noch immer nicht von sich stoßen. Sie! Olga Wjedina, diese prachtvolle kleine Kanaille, in die ich mich verliebt habe. Wer außer mir hat ihr je solch feurige Lieder gewidmet! Diesem Schnickschnack von siebzehn Jahren! Ich leugne es nicht; ihr Antlitz ist hostienweiß und meines mulattengelb; ihre Lippen dürsten nach anderen Küssen, als meinen, die einen Beigeschmack bitteren Zigarrettentabaks haben würden. Aber schließlich bin ich doch keine Kröte, und sie hat kein Recht, ihre kleine Nase über meine große Nase zu rümpfen. Die Bildung meines Gesichts ist nicht edel – aber kennt sie denn die Prägung meiner Seele?

Aber so wie Olga, so sind sie alle. Sie schauen mich an und meiden mich . . Sie haben kein Auge für die Schönheit des Häßlichen. Sie fühlen's nicht, wie die große Sehnsucht in meinem Herzen bebt, und so verhallt mein Schrei nach einem Menschen, mitten im Menschenhaufen. Ich verbrenne vor Gier nach Schönheit und die Schönheit flieht mich. Ich poche ans Herz eines Menschen, zu dem ich mich aussprechen möchte und es klingt hohl und fremd zurück.

Herrgott, Herrgott! wie haben sie mich gequält!

Z. B. Olga! Dann die Kameraden!

Jeder wußte einen Witz über mich zu machen!

Darum hatte ich mich nach dem vierten Stock eines Hauses zurückgezogen, auf dessen Dach ich spazieren gehen konnte. Dort oben sah ich sie nicht, diese Menschen; nur der Lärm, mit dem sie die Straßen erfüllen, drang wie fernes Getöse an mein Ohr; das Schlachtgetümmel des täglichen Lebens. Auf dem Dach, wenn die Sonne zu sengen begann, lag ich, und zielte mit meiner Schleuder nach einer Spätzin, die dem Männchen keine Gegenliebe schenken wollte. Aber wenn ein Taubenpaar auf dem Dache war, und wenn der Täuberich sich in die Brust warf wie ein Komödiant, seine Halsfedern bauschte und gurrend um die Liebste herumtänzelte, mußte ich laut auflachen; denn so sah ich wohl auch aus, wenn ich, mit dem gewaltigen Urtieb der Liebe in der Brust, um Olga herumschwirrte.

Und wenn ich nachts in meinem Bette lag, hörte ich, wie sich die Katzen über meinem Kopfe balgten und wie sie fauchten und miauten in rasender Liebesgier.

Ich – ich allein bin verdammt und ausgestoßen, und die, die mein Herz ersehnt, sie liebt mich nicht. Ich habe schon alles versucht, um meiner Leidenschaft Herr zu werden; ich badete kalt, machte gymnastische Übungen und beschäftigte mich tagsüber nur mit mathematischen Formeln – – aber die Gedichte quellen dennoch aus meiner Seele und atmen die heiße Glut meiner Wünsche aus. Und der Satan plagte mich, ihr meine Gedichte immer von neuem einzusenden, obwohl sie es mir selbst gesagt hatte, daß sie meine Verse stets dem Kritiker Wlodstock von der M . . . Zeitung zu lesen gab, welcher sich zwar über die Glut wunderte, die meine Verse atmen, der aber ihre Formlosigkeit heftig tadelte. Ja, unter der Formlosigkeit leiden auch meine Gedichte, nicht nur ich. Wie mir, ergeht es auch meinen Gedichten; man sieht nur ihr Äußeres, für ihre innere Schönheit ist man blind. Als ob ein Mensch, der hinkt, weniger Mensch ist! Sie begreifen's nicht, daß der Vesuv, wenn die Flammen aus seiner Felsenbrust hervorbrechen, wenig danach fragen kann, ob auch die Wirkung schön sei. Die Menschen aber fliehen seine Flammen, weil sie verheeren, – wie Olga mich flieht, weil sie vielleicht die Leidenschaft, die in mir brodelt, ahnt; weil sie mir's vielleicht vom Gesicht abliest, daß meine Gefühle tief sind und echt. Ach, und die Menschen lieben nicht die echten Flammen. Von künstlichem Feuerwerk, das aufglimmt, ohne zu brennen, das glänzt und verpufft, sind sie entzückt. Und das alles begreife ich und um so größer ist mein Schmerz.«

–  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –

Vor dem Untersuchungsrichter erzählte Dimitri Krilow folgendes:

»Ich lernte Olga Wjedina im vergangenen Winter kennen, zur Zeit, in der man Hyazinthen setzt. Ihre Eltern hatten von meiner mathematischen Begabung gehört und luden mich zu einer kleinen Familienmatinee ein, zu der außer mir noch fünf Herren und einige junge Damen geladen waren. Die einzige, die mich sofort fesselte, und die sich auch für mich zu interessieren schien, war Olga Wjedina. Man aß, trank, plauderte, kurz und gut, unterhielt sich vortrefflich, bis man mich aufforderte, eine schwierige Integralrechnung im Kopfe zu lösen. Ich zierte mich nicht und begann sofort laut vorzurechnen, indes ein Zweiter die Aufgabe schriftlich nachkontrollierte. Jener war noch dabei, die Formel aufzulösen, als ich bereits das Resultat gewonnen hatte. Mein Lohn waren allgemeine Lobsprüche und besonders herzliche Versicherungen der Bewunderung seitens Olga Wjedinas. Ihre Worte waren mir eine Labung und ich ging in gehobener Stimmung nach Hause. Drei Tage später erhielt ich ein kleines Briefchen von Olga Wjedina, worin sie mich bat, sie zu den Eltern einer ihrer Freundinnen zu begleiten, was ich natürlich mit größter Freude tat. Unterwegs fühlte ich ein Gedicht in mir entstehen, das ich ihr – elementar wie es aus meinem Herzen gekommen war – vortrug. Sie schien anfangs erschreckt zu sein, drückte mir aber bald darauf die Hand und quälte mich, ihr das Gedicht aufzuschreiben. Bei den Eltern ihrer Freundin war eine kleine Gesellschaft versammelt, der ich ebenfalls meine mathematische Kunst auftischen mußte. In der Folge mußte ich Olga Wjedina zu allen ihren Bekannten begleiten, um überall mit meiner Mathematik zu paradieren. Es war nicht Sklaverei in dem, was ich tat. Ich glaubte vielmehr, daß Olga Wjedina mich liebe und sich nur vor ihren Bekannten schäme, von allen ihren Verehrern gerade mir, der ich doch so häßlich bin, den Vorzug gegeben zu haben. Um nun ihren Bekannten zu zeigen, daß ich, obwohl häßlich, geistige Vorzüge besaß, schleppte sie mich – nahm ich an – überall mit herum; gleichsam also, um ihre Neigung erklärlich zu machen und um die Vorurteile, die man gegen mich hegen mochte, zu zerstreuen. Und immer entstanden neue Gedichte.«

»Immer reden Sie von Gedichten, Dimitri Krilow; immer von Gedichten,« unterbrach der Untersuchungsrichter; »aber das, was man bei Ihnen gefunden hat, ist doch kein Gedicht. Gedichte beruhigen die Seele, sind wie Gebete. Aber von Ihnen gibt es hier Strophen, die sind ja, – ja, wie soll ich sagen! Es ist sozusagen. . . . ich bitte, hören Sie doch selbst:

 


Liebesnacht.

Zu Boden fällt dein duftend Kleid. . .
Die Wunder deiner Herrlichkeit
Trink ich mit sehnsuchtsvollen Augen.


 

Ich verstehe schon die erste Strophe nicht, mein Lieber. Ein Kleid fällt doch nicht von allein zu Boden. Aha! was! Ein Kleid hat Haken, wie! Und Knöpfe, was! Gestehen Sie nur also; Sie haben es ihr vom Leibe gerissen

»Aber Herr Untersuchungsrichter, ich –«

»Und die wunder Deiner Herrlichkeit trink ich,« fuhr der Untersuchungsrichter unbeirrt fort; »was heißt das wohl! Man trinkt Tee, ein Schnäpschen, Met; das alles trinkt man; aber Wunder!«

»Aber erlauben Sie, Herr Untersuchungsrichter. Ein Dichter kann doch zum Beispiel –«

»Schweigen Sie, Dimitri Krilow. Ich lese Ihnen die anderen Strophen nicht vor; diese sonderbaren Unzüchtigkeiten. Aber bloß der Schluß! Welch eine merkwürdige – Offenheit:


Du hast in mir einen Sturm entfacht,
Nun will ich dich herzen die ganze Nacht,
Und träumen in deinen Armen.


»Hören Sie mal, mein Lieber, das ist doch die offenbare Vergewaltigung, wie! Und ›träumen!‹ Hehehe! Wer glaubt's Ihnen, Dimitri Krilow! Sie reißen einem Mädchen das Kleid vom Leibe und wollen dann bei ihr ›räumen.‹ . . . uff! – Schwelgen Sie nur! Sie schickten diese Strophen also an Fräulein Olga Wjedina, und –!«

»Sie zeigte sie dem Kritiker Wlodstock, dem sie nicht gefielen und folglich gefielen sie ihr auch nicht. Denn ihn liebte sie, ihn, und nicht mich. Das erfuhr ich aber erst an jenem Märzabend, als ich wieder einmal bei ihren Eltern zu Gaste war. Wlodstock hänselte mich mit meinen Gedichten, die er alle in einer trockenen, absichtlich parodistischen Weise zum besten gab; in einem Tone, der alle Anwesenden zum Lachen reizte. Auch Olga Wjedina lachte stürmisch – und ich natürlich auch, obwohl ich eher zum Weinen aufgelegt war. Aber es ist mal so Sitte, daß man beständig mit einer Maske herumläuft und lügt und also log ich und lachte.«

»Verallgemeinern Sie nicht so, Dimitri Krilow; nicht jeder lügt. Natürlich muß man lachen, wenn Sie solche Dinge einem jungen Mädchen sagen. Was sollte sie denn anders tun, als Sie auslachen?«

»Ja – nichtsdestoweniger liebte ich Olga Wjedina noch tiefer und alle meine Sinne schrieen nach ihr. . . . Ich bemerkte, wie sie auf eine Weile in ein anderes Zimmer ging –«

»Aha – nun kommt die Hauptsache,« sagte der Untersuchungsrichter zum Schreiber, »ich bitte, sagen Sie die Wahrheit, Dimitri Krilow; es wird von Nutzen für Sie sein . . nur von Nutzen.«

»Ich schlich ihr nach,« stotterte Krilow, »und als ich sah, daß wir uns in dem großen Gemache allein befanden . . . dunkel war's. . . schwüler Duft. . . es betäubte den Kopf. . .«

»Wer, wer! Wer betäubte?«

»Der Duft . . . und das Feuer im Blut. . . . Das alles . . . ich stürzte auf sie zu . . . und ich – und – ich küßte sie . . .«

»Und, und?«

»Ich weiß es nicht . . . ich sank wohl nieder vor ihr . . . küßte ihr die Hände, die Füße. . .«

»Aha! Und – und? Weiter! Weiter!«

»Sie schlug nach mir, kratzte mich und rief laut den Kritiker Wlodstock beim Vornamen. Er trat über die Schwelle, und als er die Kratzwunden in meinem Gesichte bemerkte, verschränkte er die Arme und lachte. Er warf mir noch den Witz an den Kopf: »Diesmal haben Sie sich verrechnet, Herr Mathematikus.« Ich war empört und die Wut verdunkelte mir die Sinne. Eifersucht hackte wie ein Geier auf mich ein. Daß man mich so verhöhnte, schmerzte mich . . . ich fühlte das Bedürfnis, mich zu rächen . . . Niemand war da, als Wlodstock . . . Ich packte ihn und schlug ihn eben durch, bis mir leichter wurde ums Herz . . . alle Eifersucht schlug ich mir von der Seele . . . bis sie kamen und mich wegjagten.«

»Schön; Sie schlugen sich . . . ich verstehe . . . man hat Sie gekitzelt, Sie haben gekratzt. Aber davon bekommt man doch kein Kind! Gestehen Sie nur, ist es von Ihnen, das Kind Olga Wjedinas!«

Dimitri Krilow glotzte verständnislos den Richter an.

»Ein Ki–ind!« schrie er auf.

Erst jetzt erfuhr er, in welchem Verdachte er stand. Bisher hatte er geglaubt, man hätte ihn wegen der Prügelei damals noch nachträglich angezeigt. Jetzt erst begriff er die Bemerkungen, die der Richter zu seinem Gedicht gemacht hatte. Also darauf liefs hinaus! Gegenbeweise konnte er freilich nicht erbringen und darauf kam es doch gerade an.

»Ein Kind!« stöhnte er fragend.

Und nun begannen seine Tränen zu fließen und er schluchzte, daß sein ganzer Körper erschüttert wurde.

»Weinen Sie nicht, Dimitri Krilow; gestehen Sie lieber,« bat der Untersuchungsrichter.

»Oh, das ist seine Rache,« rief Krilow; ich habe ihn bloß geprügelt und er, er schneidet mir ins Herz.«

»Von wem sprechen Sie, Dimitri Krilow!«

»Von Wlodstock ist es, das Kind. Ich schwöre! Beim Heiligsten schwöre ich! Solche Rache hat sie sich ausgeheckt, weil ich ihren Geliebten lächerlich machte,« heulte Krilow.

Die Zornesader auf seiner Stirn schien jeden Augenblick zu bersten; die Tränen rannen ihm über Wangen und Rock; wie ein Kind weinte er. Aber es war kein Wort mehr aus ihm herauszubringen und man mußte ihn endlich abführen . . .

Gegen Abend, als man ihm seine Mahlzeit reichte, fand man ihn schreibend über das armselige Zellentischchen gebeugt.

»Arbeiten Sie Ihre Verteidigungsrede aus!« fragte der Aufseher mit einem Anflug von Mitleid in der Stimme.

Aber Krilow antwortete nicht. Da saß er und weinte leise und machte aus seinen Schmerzen Gedichte.

Leidenschaft loderte aus seinem Leide, das er in den Goldreifen der Poesie faßte . . .