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Jakob Elias Poritzky – Liebesbündnis

Erzählung

Liebesbündnis aus Jakob Elias Poritzky, Liebesgeschichten, Georg Müller Verlag, München und Leipzig, 1912


Bettelarm war ich in die große Wüste gekommen, in der soviel Kummer meiner harrte. Ich war in einen braunen Havelock eingewickelt, der schon ein ganz klein wenig schäbig war, und die Sohlen meiner Stiefel schnappten nach Luft. Ich hatte bleiche und hohle Wangen, die allzudeutlich den König Hunger verrieten, dessen Vampyre lange an mir gesogen hatten.

Es galt, schwere Kämpfe aufzunehmen; es galt, aus einer fetten Null eine Eins zu werden in dieser Stadt, die kaltblütig jeden, einen Strick in die Hand gab, wenn man nicht widerstandsfähig, wenn man nicht auf allerlei bittere Nöte trainiert war.

Ich nahm mir ein recht bescheidenes Hinterstübchen in einem jener Häuser, wo der Hahn noch kräht, und der Leiermann noch als poetische Figur verehrt wird. Im zementierten Hofe stand die Parodie auf einen Baum, eine verkrüppelte, in der Erde gefangene Buche, lebendig eingemauert, die nicht leben und nicht sterben konnte. Es war anzusehen, als ob man einen Kranken, zum Tode Verurteilten gewaltsam gesund pflegte, um ihn dann zu köpfen. Auf dieser Buche saßen drei oder vier Spatzen, hungrig wie ich, aber bedürfnisloser als ich. Es wimmelte im Hofe von Kindern, und wenn man das Fenster öffnete, um ihnen zuzuhören, wogte blitzschnell eine Welle schlechter Dünste herein, so eilig, als wollte sie sich retten und vor einem Zugwind Zuflucht suchen. Das Zimmerchen war dann sofort durchtränkt von dem Gestank ausgelassenen Schweinefettes, muffigen Seegrases, schlechten Pferdedüngers und gärenden Weißbieres.

Dann gingen sie zum Teufel, die schönen Gedanken und die poesievollen Träume; dieser Gestank tötete sie; an diesem Dunst mußten sie ersticken, wie die Lunge an Kohlenoxyd. Man hockte dann auf einem durchsessenen Stuhl im kalten Zimmerchen und stützte die Ellenbogen auf den armseligen Wachstuchtisch auf.

Woran dachte man! . . .

Das rhomboidförmige Stückchen Himmel, dem mehr als hundert lichtdurstige Hoffenster ihre gläsernen Augen zukehrten, wurde allmählich dunkelviolett und schickte ein halbtotes Licht in mein Kämmerchen. Man zündete aber trotzdem das kleine Lämpchen nicht an, denn das verbreitete ein trübgelbes dunstendes Licht und kostete auch Geld. Man brauchte nur die Schraube am Brenner anzufassen und man hatte den ganzen Abend den widerwärtigen Petroleumgeruch an den Fingern. Da zog man es doch vor, ganz in den Wogen der Dämmerung zu versinken. Mensch, Wände und Möbel verwandelten sich dann in eine dunkle, stumme, chaotische Gestaltlosigkeit. Und wenn die Schatten reiften, wuchsen die Möbel und bekamen ein sonderbares Leben. Dann konnte der Schrank ein Mammut sein und das Bett ein großer Sarg. Dann wurde das Handtuch eine Siegesfahne und das Wasser in der roten Karaffe wurde Blut vom heiligen Gral.

Ja, da dachte man . . .

Und während der Kopf seine göttliche Arbeit begann, knurrte der Magen seine tierischen Laute; es war, als ob ein hungriges, grunzendes Ferkel in den Eingeweiden herumschnüffelte.

Die Füße gingen hin und her . . . zwei Schritte vorwärts . . . dann stießen sie an den Bettpfosten . . . vier Schritte rückwärts, und man war an der Tür. In dieser Zelle konnte man Eisbären zähmen und Panther hätten sich die Drehkrankheit geholt. Das Zimmer hatte ich bei drei Schwestern gemietet, die sich halbtot arbeiteten. Die jüngste war still wie ein unglückliches Kind; sie war tagsüber fort. Ihre älteren Schwestern schufteten zu Hause. Sie schienen den ganzen Tag griesgrämig und mißgelaunt. Sie hörten nicht auf zu klagen und brummige Gesichter zu schneiden. In ihren schwarzen Augen flackerte ein unstetes, unseliges Licht, und sie liebten es, um ein Nichts sich heftig zu zanken und zu zausen. Haß und Neid schliefen nie in ihnen ein. Ihr inhaltsloses, sinnloses Leben verkrüppelte ihre Seelen und machte aus ihren Herzen irgend etwas Verschrumpftes, Verdorrtes. Sie verglichen das Leben mit einem Hunde, einem Hunde, der toll geworden ist und der die Menschen meuchlings überfällt, sie mit seinem Gifte durchseucht und verheert und dahinrafft . . . jählings und grausam. Sie paßten sicherlich nicht gut zu mir.

Aber die jüngste der drei Schwestern spielte Klavier und sang dazu. Durch die Poren der Wand hörte ich zuweilen ihre Stimme zu mir kommen; sie kam wie ein Blinder, der einen Stummen besucht. Dann war so eine grausige Traurigkeit in meinem Zimmerchen, daß man schlaff wurde und trüben Sinnes.

Man sank auf dem Stuhl zusammen und verkroch sich in sich selber . . .


Eines Abends regnete es ganz gehörig. Ja, der Himmel weinte sich gründlich aus, und er mußte wohl viel auf dem Herzen haben, weil es so viel zu weinen gab. Wegen all derer, die er belogen und enttäuscht hatte, denen er Kummer und Leid geschickt hatte, weinte er.

Es war ein trostloser Regen, ein gar zu trostloser Regen. Er klopfte mit leisen, unsichtbaren Fingern an die Scheiben und rauschte in den Hof hinab, wie ein Flußgefälle. Schon zwei Stunden trommelte er auf die Dächer. Es war, als würde er von zorniger Hand herabgeschleudert. Nein, in ihm war kein Segen. Er war dicht wie ein grauer Vorhang, und wenn man lange zum Fenster hinaussah, glaubte man eine schwarzgestreifte Mauer zu erblicken, eine richtige Gefängnismauer, die einen von der ganzen Welt trennte, die einen einschloß und umzingelte und die einen nie wieder entrinnen ließ.

Dann erhob sich der Windriese, der solange geschlafen hatte und rannte draußen herum. Das war just das richtige Wetter für ihn. Man konnte hören, was für große Sprünge er auf den Straßen machte und wie er alles anrempelte, was ihm in den Weg kam. Er rüttelte an den Laternen und zerrte die lose Dachrinne des Nachbarhauses hin und her, kam in den Hof getollt und bog die arme Buche nach links und rechts, daß es in ihr krachte und stöhnte. Die Sperlinge hatten sich irgendwo versteckt und piepsten dann und wann melancholisch und leise. Der Wind stand im Hofe und pfiff; er verkroch sich im Kamin und heulte. Und seufzen konnte er, als läge er im Todeskampfe.

Ich saß traurig in einem Winkelchen am kalten Ofen und wartete, bis der Tee kochte. Auf einmal begann das Wasser im Kessel leise zu singen. Es sang so sonderbar fremde Melodien, daß die bange Stimmung, die das Regenwetter in mir hervorgerufen hatte, sich bis zur Angst steigerte. Es waren ja so viele Millionen unsichtbare Lebewesen im Wasser, und da man sie jetzt totkochte, sangen sie ihr seltsames Sterbelied. Ich lauschte mit befangener Seele. Und als sich im Zimmerchen der starke süße Duft des Tees verbreitete, kam plötzlich der wehmütige Gesang meiner Nachbarin wie ein müder Gast zu mir auf Besuch.

Guten Abend, ihr Töne! Habt ihr wieder soviel Trauriges von der Seele zu berichten, aus der ihr kommt! Und was wollt ihr bei mir! Gerade bei mir! Hört ihr meine Eingeweide bellen! Spürt ihr nichts von diesem süßlichen Fettqualm, von dem einem so übel wird! Oh, ihr schönen weichen Töne, kommt ihr zu mir, um bei mir zu sterben!

Ja, da kamen sie an, und nun konnte man richtig zum Dichter werden, wenn man ein reiches Herz hatte . . .

»Mein Vater ist seit langem tot,« sagten die Töne, »und mein Mütterchen schläft im Gottesacker. Der Satan quälte sie mit Hunger und Krankheit. Er peinigte ihre Leiber, und sie litten arge Seelennot. Sie waren schlicht und gut und fromm. Sie waren selbstlos, deshalb wurden sie vom Leben so gefoltert. Erst mußte der Vater hinab in die Erde, und als er gegangen war, kamen der Gram und die Sorge und nisteten sich bei uns ein. Nur die kostbarste Pflege hätte das Mütterchen retten können. Und da wir alle nicht helfen konnten, hatte der Arzt über meine Mutter das Todesurteil gesprochen und sie zum Sterben reif erklärt. Wenn ich mein Mütterchen sah, durchlief mich ein Grauen. Ihr Busen war eingefallen und glatt. Einst war er üppig und voll, und ich hatte das martervolle Leben daraus getrunken. Erst war ich es, die ihr Blut trank – so wollte es Gott –, und dann kam das Leben und sog sie vollends aus. Und dann wurde sie Gott zurückgegeben, der sie uns geschenkt hatte. Warum schenkte er und nahm wieder! . . . wer versteht es! . . . Nun bin ich eine Waise, die keine Heimat hat. Bin ein Zweig, der losgerissen ist vom Stamme. Nirgends sind Freunde. Einer kennt den andern nicht, und man ist froh, sich fremd zu sein. Die Menschenherzen sind ausgebrannt und hartgesotten in den Kesseln der Gefühllosigkeit. Still und seufze nicht, Mund! Trage die Bürde, mein Herz, und verheimliche deine Qual! die Lippen sollen lachen, wenn deine Seele weint . . .«

So sprachen die Töne, und mein Herz klopfte laut und rasch vor lauter Zuhören. Und ehe ich wußte, wie es zuging, stand ich neben ihr. Ich nahm ihre Hand und sagte ihr, daß ich sie liebe . . .