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Jacob Elias Poritzky – Muabali

Gespenstergeschichte

aus: Jacob Elias Poritzky, Gespenstergeschichten, Georg Müller Verlag, München, Leipzig, Dritte Auflage, 1913, S. 1-13

Am Ende hängen wir doch ab

Von Kreaturen, die wir machten.

Goethe.



Als ich jüngst nach Hause kam – ich war in einer Gesellschaft, und ich gestehe, daß ich dort ein bißchen viel von dem schweren Burgunder getrunken hatte – und eben die Tür hinter mir geschlossen hatte, hörte ich plötzlich ein klägliches Gewimmer auf der Treppe. Es war nachts zwischen zwölf und ein Uhr; aber ich ängstigte mich durchaus nicht während dieser verruchten Stunde, die den unheilspinnenden Geistern gehört. Wenn diese verfluchten Seelen wandern müssen – was geht es mich an?

Ah, und doch …

Als ich noch einmal die Tür öffnete, um zu erlauschen, wer so verzweifelt jammerte, konnte ich nicht den geringsten Laut eines lebendigen Wesens vernehmen. Zu sehen war nichts; der Treppenflur war teerschwarz. Ich fragte, wer da sei, horchte eine Weile mit gespannter Ängstlichkeit in die Finsternis hinaus, aber es erfolgte keine Antwort. Nur hatte ich, während all meine Nerven etwas Ungewöhnliches erwarteten, das bestimmte grauenvolle Gefühl, als sei jemand an mir vorbeigeschlichen und in den langen Korridor meiner Wohnung hereingekommen und habe sich da verborgen. Das Wimmern in dem Treppenhause war verstummt. Ich fürchtete mich, die Korridortür zu schließen, damit ich – im Falle sich jemand eingeschlichen haben sollte, von dem mir Gefahr drohte – nicht von den übrigen Hausbewohnern abgeschnitten sei, und suchte nun mit fieberigen Händen nach Streichhölzern.

Ehedem hatte ich – wie viele Raucher – in jedem Zimmer, wo es gerade anging, eine Schachtel mit Feuerzeug liegen; aber seit die Zündhölzer so teuer geworden sind, beschränke ich mich darauf, eine einzige Schachtel im Gebrauch zu haben, die ich bei mir trage. Ich wollte Licht anzünden, aber es war kein Hölzchen mehr in dem Kästchen. Auch in der Küche fand ich keins. Indes ich angstvoll und nervös nach dem Feuerzeug suchte, schlich etwas um mich herum – ich streckte die Hand aus gut Glück in die leere Dunkelheit hinein; aber ich griff ins schwarze Nichts.

»Wer ist denn da!« rief ich, heiß vor Angst und Erregung.

Keine Antwort.

»Ich werde schießen,« drohte ich laut, um die Wellen der Furcht, die in mir hochgingen, durch den Lärm meiner eigenen Worte zu besänftigen.

Aber es erfolgte keine Antwort …

Dann, fast wahnsinnig vor Wut und Grauen, warf ich mich zu Boden und begann leise umherzukriechen, immer hoffend und fürchtend, etwas Gräßliches zu greifen oder von einer übernatürlichen Erscheinung ergriffen zu werden. Die Narkose der Dunkelheit betäubte mich fast, und das Herz klopfte mir bis in den Hals hinauf. Indes ich so auf den Knien umherkroch, zornig und furchtsam zugleich, stieß mein Kopf plötzlich mit solcher Heftigkeit an die scharfe Kante irgendeines Möbels, daß ich bewußtlos wurde und umsank.

Ich weiß nicht, wie lange ich so gelegen haben mochte; als ich wieder zu mir gekommen war, lag ich auf der Chaiselongue in meinem Zimmer, ohne daß ich wußte, wie ich dahin gelangt war. Als ich aufschaute, sah ich – so wahr ich lebe! – eine schöne Frauengestalt neben mir stehen, die in völliges Schwarz gekleidet war. Bleiches grünes Mondlicht fiel zum Fenster herein und erhellte mein Zimmer so gut, daß ich ganz deutlich das Gesicht der seltsamen Frau betrachten konnte, die schweigend neben mir stand.

Ihr Antlitz war gelb wie altes Elfenbein und mit einem blumigen Hauch getönt – wie jene kostbaren gelben Rosen, die so stark duften – und ihre Augen waren auffallend leuchtend und groß. Plutarch erinnert daran, daß die Pupillen der Katze im Vollmond sich erweitern, beim Abnehmen des Mondes sich aber wieder zusammenziehen und an Glanz einbüßen. Daran mußte ich denken, als ich die sonderbaren und unwirklich großen Augen der schweigsamen Frau sah. Ihr kleiner, schöngeschweifter Mund war rot wie Kirschsaft.

Ich schnellte empor und rieb mir den Kopf, der von dem Stoß noch heftig schmerzte. Jetzt fiel mir wieder alles ein, und es überlief mich schaurig, als striche mir eine Totenhand über den Körper.

»Wer sind Sie?« fragte ich; »wie kommen Sie hierher? Waren Sie es, die so gejammert hat, wie ein kleines, hilfloses Kind? Warum schlichen Sie sich so verstohlen ein und auf diese seltsame Weise?«

Und als sie noch immer nicht antwortete, schrie ich, maßlos vor Erregung: »Was wollen Sie?«

Die Kopfhaut tat mir weh vor wahnsinniger Angst. Und im stillen dachte ich: »Was alles in diesem Berlin passiert!«

Ich richtete noch einen ganzen Schwall törichter, konventioneller Fragen an sie; aber ich fragte nur aus Angst und durchaus nicht aus Neugierde. Denn je mehr ich fragte, desto klarer wurde es in mir, daß dies nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Das erste, was ich mir dann im stillen vornahm, war dies: keinem Menschen von dem Erlebnis zu erzählen. Niemand wird mir das glauben, sagte ich zu mir; meine Freunde werden sagen, ich hätte geträumt oder sei betrunken gewesen. Sie werden mich auslachen, obwohl sie genau wissen, daß gerade mir immer die sonderbarsten Dinge begegnen.

Die schwarze Unbekannte stand noch immer neben mir, ohne sich zu bewegen, nur ihre Augen funkelten und glänzten wie Jett.

Die lächerlichsten Gedanken huschten durch meinen Kopf. Ich wollte ans Fenster stürzen und in den Garten hinunterspringen; ich wollte an die Rettungsstation telephonieren, die Polizei herbeirufen, wollte durch mein Geschrei den Portier des Hauses wecken, der wahrscheinlich wie ein Brummkreisel schnarchte, während ich hier in tausend Ängsten stand; aber als ob dies sonderbare, stumme Wesen neben mir gehört hätte, wie ich diese feigen Vorsätze in mir erwog, lachte es jetzt. Ich stellte mir immer vor, daß Gespenster so lachen müßten, wie meine Unbekannte lachte.

Sie hielt mir die Hand hin, die ich begierig ergriff. Ihre Hand war weich wie Sammet, warm, allerliebst, reizend, fein, zart und eigenartig; eine seltsame, gefährliche, nervöse Hand, deren Nägel sich wie sanfte Krallen in mein Fleisch preßten.

Sie winkte mir, ihr zu folgen.

Und wir schritten zum Fenster; aber ich hörte nur meine Schritte auf dem Teppich.

»Schlafe ich denn, zum Teufel?« fragte ich mich wieder und sah mich im Zimmer um, wo alles – Bücher, Bilder, Vasen – an gewohnter Stelle stand. Kein Zweifel, ich war vollkommen wach …

Wie ich in den Garten des Hauses gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Ob wir hinuntersprangen oder flogen – bei Gott! – ich weiß es nicht mehr.

Der Garten war ganz in magischem Licht gebadet, und ich sah deutlich die dünnen Zweige der Sträucher, an denen kaum das erste Grün sproßte. Es war der achte oder neunte Mai – eine wundervolle Frühlingsnacht. Es war, als sei ein schwarzblauer Baldachin über dem Garten ausgebreitet, der mit blanken Messingnägeln am Himmel befestigt worden sei. Das zärtliche Himmelslicht überflutete mit seinem Silberschein den stillen Garten, der wie im Zauberschlaf dalag, als hätte Gott die Nacht auch für ihn gemacht, wie er sie für die Menschen geschaffen hat, damit sie in Bewußtlosigkeit versinken und alles Leid des Tages vergessen. Eine unbestimmte qualvolle Unruhe erfüllte mich, als ich die schwarze Dame betrachtete.

Das verführerische Gestirn beglänzte ihre biegsame Gestalt, und als von einem Dache der angrenzenden Häuser das sehnsüchtige Klagen umherstreichender Katzen herabscholl, winkte sie stumm hinauf, als wollte sie sagen: »Ich komme gleich!« vielleicht hatte sie auch Macht über sie und gebot ihnen nur zu schweigen.

Die Luft war warm und umfloß mich wie ein Bad.

Ich betrachtete meine stumme Begleiterin jetzt genauer und glaubte sie endlich als eine Gestalt wiederzuerkennen, die mir manchmal in meinen Träumen begegnet war,

»Bist du es?« fragte Ich, aber meine eigene Stimme schien von weit, weit her zu kommen und klang fremd. »Bist du Muabali?«

Sie nickte.

»Aus Ägypten? … Die Königin?«

Sie nickte wieder und schmiegte sich an mich, als ob sie gestreichelt sein wollte. Ich liebkoste sie und sie reckte sich vor Wohlbehagen …

Muabalis Geschichte ist bekannt. Sie wurde einst angebetet wie Isis und um das Orakel befragt wie Osiris, obzwar sie nie sprach, in aller Ewigkeit nicht. Man hatte ihr tausend Eigenschaften angedichtet. Auf die Umrahmung des Sistrums, das beim Isisdienst angewendet wurde, hatten die Ägypter ihr Bild gesetzt. Sie galt als Symbol des Mondes, ein vielfarbiges, geschäftiges und fruchtbares Wesen. In mehreren ägyptischen Dörfern hielt man sie für ein Unglücksgeschöpf. Wenn sie an manchen Orten erschien, kniete man nieder und küßte die Erde; aber wen sie berührte, der wußte, daß er binnen dreier Nächte sterben mußte. Wenn sie neben einem Toten saß, so hieß das, daß der Tote verflucht war und verdammt, und daß seine Seele sich nicht aufschwingen konnte. In Japan hatte sie die Macht, Gespenster des Meeres von den Schiffen fernzuhalten, hatte Macht über die Toten. Ließ man sie mit einem Toten allein, so erhob er sich und begann mit Muabali zu tanzen. Wen sie ins Auge faßte und wer alsdann ihrem Blicke nicht standhielt, war auf diese Weise als ein Verbrecher entlarvt. Die Talmudisten erzählten, wem sie einige Härchen schenkte, der konnte, wenn er diese Härchen verbrannte und sich die Asche in die Augen streute, die Geister sehen, die die Luft erfüllten. Sie war die Beisitzerin der Götter, und wenn sie beschlossen hatten, daß jemand sterbe, wurde Muabali abgeschickt, damit sie sich nachts in die offenen Zelte begebe, um den Ahnungslosen im Schlafe zu erwürgen. Aber sie schützte das Land auch vor Plagen und Seuchen. Groß war die Verehrung, die sie genoß, bis die schrecklichen Gelehrten kamen, vieltausendmal klügere Leute als die Magier und Beschwörer, die Muabali durch ihre Weisheit verscheuchten.

Seit damals treibt sie sich am liebsten des Nachts in den stillen Straßen der ganzen Welt umher, ein stummes, rätselhaftes und nur von wenigen geliebtes Geschöpf …

Jetzt saß sie neben mir. Was war mir zugedacht? Tod? Glück? Es machte mir Vergnügen, sie zu berühren und liebkosend ihr wohlgepflegtes, knisterndes Haar zu streicheln, das von warmer, köstlicher Sanftheit war. Und dennoch hatte ich das Verlangen, sie zu erwürgen. Sie schien mich beißen zu wollen vor Glück, denn ich spürte diese satanische Lust wie ein böses Fluidum in mich überströmen, und ich mußte dir Zähne aufeinanderpressen, um das Weib nicht zu packen und in wilder Lust zu besitzen.

Warum sprach sie nicht! Meine Nerven zitterten; im Herzen, im Kopf empfand ich eine unaussprechliche Angst vor diesem geheimnisvollen, schweigsamen Wesen, das mich durch fast geschlossene – vor Wohlbehagen geschlossene – Augenlider zärtlich und grausam zugleich ansah. Ihre Augen wurden schmal wie blinkende Messerschneiden.

Aber als das gaumige Klagegeschrei der Katzen auf den Dächern noch immer kein Ende nehmen wollte, sprang sie auf und zog mich, als sei ich ihre Beute, eilig mit sich fort. Sie hielt mir mit ihrer wundersamen weichen Hand die Augen zu und zerrte mich, wollüstig vor Verlangen, durch ein Loch, das sie im Gemäuer entdeckt hatte. Ich konnte kaum atmen vor Staub, und der modrige Dunst eines kalten Kellers benahm mir die Luft. Spinnengewebe blieben an meiner Stirn hängen, und ich stolperte über Balken, Zuber und allerlei Gerümpel.

Ich weiß nicht, durch wie viel Häuser und finstere Keller diese wahnsinnige und gräßliche Wanderung ging. Wahrscheinlich wendete sie dies Manöver an, um mir den Rückweg unmöglich zu machen. Ich kam mir vor wie ein Dieb und fürchtete jeden Augenblick, von einem Wächter oder Hauswart ertappt zu werden. Was hätte ich zu meiner Entschuldigung vorbringen können? Wenn ich erst mit der Polizei zu tun bekam, war ich verloren; denn man hätte mir dort meine Geschichte nicht geglaubt, selbst wenn ich sie ebenso wahrheitsgetreu erzählt hätte wie jetzt.

In irgendeinem zerfallenen Keller mußte ich auf allen Vieren durch einen gruftartigen Gang kriechen, der eng und düster war wie ein Stiefelschaft. Ich stieß mit dem Kopf an die Röhren der Wasserleitung, die dort gelegt waren, und infolgedessen hatte ich nicht mehr so viel Willenskraft, um mich weiterzuschleppen. Aber meine Begleiterin hob mich empor – ich fühlte nur noch, daß ich getragen wurde …

Ich erwachte in einem Schlafzimmer, dessen Luft von Baldrian geschwängert war, diesem widerlichen Parfüm, das eigentlich nur die Katzen und die Hysterischen lieben. Der Boden war dicht mit schwarzen Pantherfellen bedeckt, und meine geheimnisvolle Schöne saß, nur mit einem violetten, silbergesprenkelten Schleier bekleidet, auf einem niedrigen Sessel, über den ein Leopardenfell geworfen war. Sie hatte einen wundervollen Körper, und obwohl dieser Körper sicherlich für jede Leidenschaft ein Reich des berauschendsten Genusses gewesen wäre, wurde ich doch nur von ihren großen Augen fasziniert, aus denen ein wildes, grünliches Feuer leuchtete. Diese Augen sahen mich starr und lüstern an, aber ich hatte eher ein Verlangen, mit Muabali zu sprechen, als sie zu küssen.

Ich trat zu ihr hin und sagte etwas, aber sie antwortete nur durch Zeichen und sonderbare Gebärden, als verstünde sie kein Wort mehr von meiner Sprache. Ich hätte auch in diesem Schweigen glücklich sein können, denn sie war so schön, so wunderbar schön, als hätte sie noch immer –wie einst – die Gabe besessen, sich zur Zeit ihrer höchsten Triumphe im allen Ägypten die vollkommenste Schönheit anzuzaubern. Endlich nahm ich sie aber, ganz willenlos gemacht durch diese wundervollen, flammenden Augen, bei der Hand und führte sie zum Lager …

Aber im selben Augenblick tönte in die feierliche Stille, die uns umwob, wiederum dieses entsetzliche Konzert der Katzen auf den Dächern droben. Meine stumme Schöne sprang mit einem graziösen Satz vom Bette herab, wobei der violette Schleier, in den silberne Punkte verstreut waren, am Bettpfosten zerriß. Ich lief ihr nach, eilte ans Fenster, das ich aufriß, um die verliebten Tiere durch einen kräftigen Fluch zu verjagen, und sah nun zu meinem Entsetzen, daß Muabali in der Verzauberung einer schwarzen Katze auf den Sims des Fensters sprang.

Sie blickte sich noch einmal jäh nach mir um, kletterte dann hinaus und strebte schnell dem Dache zu …

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