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J. E. Poritzky – Imago mundi

Von der Liebe, vom Luxus und von anderen Leidenschaften

Georg Müller Verlag, München, 1918


Vorwort.

Dieses Buch ist in den Jahren 1910 bis 1912 geschrieben worden. Im Sommer 1914 wurde mit dem Druck begonnen, der durch den Krieg eine jähe Unterbrechung erfuhr, die fast drei Jahre dauerte. Als mir nun die inzwischen vergilbten Korrekturfahnen vorgelegt wurden und ich in das Werk, das längst hinter mir lag und dem ich jetzt kühl wie einem fremden gegenüberstand, mich noch einmal einleben musste, hatte ich die seltsamsten Empfindungen. Mitten in einem vor drei Jahren unvollendet gebliebenen Satz, mitten im Gedankengang musste die Arbeit wieder aufgenommen werden. Das war schon deshalb nicht so einfach, weil auch einzelne Manuskriptteile verloren gegangen waren, die nun aus dem Gedächtnis ergänzt werden mussten.

In der Zwischenzeit von 1914 bis 1917 hat sich meine Anschauung von den Dingen, die ich in dem Buche behandle, nicht geändert. Der Krieg, ein so grosser Augenblicksumwerter er auch ist, hat die Allgemeingültigkeit meiner Darlegungen nicht entkräftet, denn sie gehen von höheren Gesichtspunkten aus, um nicht zu sagen von »ewigen«. Ich bekenne mich zu der Auffassung, dass die Menschen zu allen Zeiten sich gleich bleiben. Deshalb schien es mir nicht notwendig, auch nur eine Silbe zurückzunehmen oder nachträglich etwas zu ändern, wenngleich auch manche Einzelheit durch die raschen Umwälzungen, die der Krieg brachte, sich verändert hat. Denn andererseits fand ich Vieles, was ich in diesem einige Jahre vor dem Kriege entstandenen Buche sage, jetzt erst recht bestätigt.

Was sich geändert hat, ist lediglich mein künstlerisches Verhältnis zu dem Buche. Denn in formaler Hinsicht sind meine Ansprüche inzwischen noch strenger geworden. Die Distanz von 1914 bis 1917 ist auch zu gross und gerade diese drei Jahre waren an Erlebnissen und Erfahrungen von zu einschneidender Bedeutung, als dass ich in Bezug auf meine künstlerischen Anforderungen ohne Wandlung aus diesem katastrophalen Chaos hervorgegangen wäre.

So oft ich noch ein Buch habe erscheinen lassen, ist mir hinterher immer klar geworden, dass ich alles hätte besser und schöner sagen können. Denn je älter man wird, desto anspruchsvoller wird man in Bezug auf die Reife der Früchte, die man seinem Geiste abringt; zugleich wird man je älter, desto bescheidener.

 

                                                     Pfingsten 1917.

                                                                                                          J. E. P.


 

I. Die Harmonie der Sphären.

Nach den Sternen sehnt sich alles.
Mohammed

 

Wenn mich grosse Not bedrängt oder düstere Verzweiflung mich anpackt, wenn eine entsetzliche Verzagtheit meine Denkkraft lähmt oder dumpfer Kleinmut mein ganzes Wesen zu Boden drückt, rettet mich immer der Gedanke an die Unendlichkeit. Ich flüchte dann zu den Sternen. Dorthin, wo die Harmonie des Universums nicht mehr von irdischem Geschehen gestört werden kann, wo der mächtige Akkord der Natur das menschliche Herz beruhigt durch seine überwältigende Erhabenheit, wo das Schauen Gottes uns still zurückführt zu unseren kleinen, ach, so kleinen menschlichen Maassen. Es ist dann wundervoll, an der eigenen Seele zu erfahren, dass Demut dem Menschen so heilsam ist und dass Frömmigkeit ihm so gut ansteht. Es ist keine Andacht, die in die Kirche treibt, oder eine Frömmigkeit, die sich an einen schreckhaften Popanz wendet. Es ist vielmehr, als ob die höchste Instanz unserer Empfindung uns plötzlich in die Knie zwänge und als ob zugleich irgend etwas in uns sanft zu klingen begönne. Und dieses Klingen kann so stark werden, kann so sehr unsere ganze Wesenheit erfüllen, dass es einer göttlichen Kraft gleichkommt, die uns emporträgt zu jenen reinen Sphären, wo das tönende Licht geboren wird und wo man gleichsam die Musik des Weltalls vernimmt.

Und plötzlich fühlt man – und die astronomische Wissenschaft bestärkt uns in diesem Gefühl –, dass unser staubgeborener Körper, in dem die Seele gefangen ist, aus dem gleichen Stoffe ist wie die Sonne, dass er, wie sie, Wärme erzeugt und ausstrahlt, dass das ganze Leben ein unausgesetzter Verbrennungsprozess ist und dass es lächerlich war von den Priestern, uns den Körper verächtlich zu machen. Weil wir aus unbekannter Dunkelheit einen Augenblick zur Sonne emporsteigen, um uns blicken, uns freuen und leiden, die Art unseres Wesens auf andere Wesen übertragen und wieder in unbekannte Dunkelheit zurücksinken, hat man geglaubt, uns in den Rachen der Vergänglichkeit werfen zu können oder gar in das Nichts, das es nicht gibt und nie gegeben hat. Wie unser Geist zur Sonne drängt, weil er sonnenhaft ist und lichtverwandt, ist unser Körper ursprünglich nichts anderes gewesen als kosmischer Staub, der von den Gestirnen zur Erde fiel. Vom Himmel kommen wir und zum Himmel kehren wir zurück.

Im Erforschen des Lichts und im Anschauen der Himmelsräume findet man alle Wesen und Körper, irdische wie himmlische im eigenen Selbst, und indem man sich gleichsam im All verliert, entweicht das schmerzhafte Irren und alles Leiden schwindet. Aller Wünsche, aller Hoffnungen Vergessen strömt aus der Ewigkeit der Gestirne herab. Dem Wissenden wird die Erlösung schon in dieser Welt zuteil, verheissen die Veden; für ihn gibt es keine Welt, keinen Leib, keine Schmerzen, keine Gesetze mehr. Er ist beruhigt, bezähmt, entsagend und gesammelt. Ihn überwindet das Böse nicht, aber er überwindet das Böse. Frei von Leidenschaften und Zweifeln geht er ein in Brahma.

Nicht umsonst hat sich der menschliche Geist schon in den Urzeiten der Erforschung des Lichtes zugewendet, wohl ahnend, dass er durch das Licht zuallererst seine Verwandtschaft mit den Sternen werde erweisen können. Und es wundert uns gar nicht mehr, wenn die Astronomen uns sagen, dass das Licht, das in den entferntesten Regionen des Universums erzeugt wird, dem Lichte nah verwandt ist, dessen Ursachen und Wirkungen wir auf Erden genau studieren können, und dass das Licht, das die Sterne ausstrahlen, dieselben Eigenschaften hat, wie das Licht der Sonne. Es hat eine Fortpflanzungsgeschwindigkeit, die sich der Mensch unmöglich vorstellen kann. Und wenn man diese Geschwindigkeit zahlenmässig ausdrückt und sagt, dass das Licht in einer Sekunde einen Weg von etwa zweiundvierzigtausend geographischen Meilen zurücklegt, so geschieht das nur, um auf dieser Basis einen Begriff von den ewigen Weiten geben zu können, mit denen wir hier rechnen müssen. Alle diese astronomischen Versuche, mit Hilfe der Mathematik Gott erfassen zu können, haben jedoch etwas Spielerisches und sind gewissermassen nur dazu da, um unserem leicht verwirrbaren Begriffsvermögen kleine Ruhepunkte zu geben. Denn wenn die Astronomie vielleicht auch nicht die einzige Wissenschaft ist, in welcher der menschliche Verstand sich in seiner ganzen Grösse offenbart, sicherlich ist es diejenige Wissenschaft, die den Menschen am besten lehren kann, wie klein er ist. Wenn er in ausgestirnter Nacht seinen Blick dem unendlichen Himmel droben zuwendet, sieht er zahllose ungeheure Welten im Ozean des Raumes schweben und er verliert sich in diesem unvorstellbaren Universum wie ein Infusorium in einem Wassertropfen des Meeres. Sein Denken scheint vollkommen gelähmt und nur das Gefühl vermittelt ihm die Erkenntnis der eigenen Nichtigkeit und Ohnmacht. Die Vorstellung einer Geschwindigkeit von zweiundvierzigtausend Meilen in der Sekunde geht ebensowenig in unseren Verstand ein, wie die zehntausendmal kleinere von vier Meilen in der Sekunde, mit welcher Geschwindigkeit sich zum Beispiel die Erde in ihrem jährlichen Lauf um die Sonne fortbewegt. Aber so unwirklich diese Zahlen auch scheinen, sie sind dennoch Wirklichkeit und besser als jede Sonntagspredigt lehren sie Demut. Allein hier sind wir erst am Anfang dessen, was unserer Fassungskraft zugemutet wird. Halten wir fest, dass das Licht in der Sekunde zweiundvierzigtausend Meilen zurücklegt und gedenken wir nun der Tatsache, dass es Sterne gibt, deren Licht trotz seiner unbegreiflichen Geschwindigkeit Jahrzehnte, Jahrhunderte und selbst Jahrtausende gebraucht, um zu uns herabzugelangen. Es sind nur Wahrscheinlichkeitsschlüsse, die es vermuten lassen, dass zum Beispiel das Licht der Milchstrasse, die ja aus einer unzählbaren Menge kleiner, dicht aneinandergedrängter Sterne zusammengesetzt ist, etwa zweitausend Jahre braucht, um zu uns zu gelangen. Begreift man nun, welch ein unfassbares Wunder das Auge ist, das ohne Instrument noch den Stern zu sehen vermag, dessen Licht einen Weg von vielen Billionen Meilen zurücklegen muss? Denn selbst die Entfernungen der allernächsten Fixsterne betragen schon Billionen von Meilen. Es gibt aber nur etwa zwanzig Sterne, bei denen durch direkte Messung eine so »geringe« Entfernung festgestellt werden konnte; alle übrigen Sterne spotteten unserer feinsten Messwerkzeuge.

Bei dieser Art zu rechnen, würden wir selbstverständlich zu ganz monströsen Zahl­ungeheuern kommen; die Astronomen rechnen deshalb nach Lichtjahren, worunter sie die Entfernung verstehen, die der Strahl in einem Jahr durchläuft. Das sind, wenn wir uns noch einmal daran erinnern, dass das Licht in einer Sekunde zweiundvierzigtausend Meilen zurücklegt, in einem Jahre 1 1/3 Billionen Meilen. So gerechnet, hat unser Sonnenlicht 8 1/2 Minuten nötig, um bis zu uns zu gelangen; die Sterne erster Grösse brauchen bereits 15 1/2 Lichtjahre, die Sterne zweiter Grösse 28 Lichtjahre. Der Strahl der Sterne sechster Grösse wandert bereits 120 Lichtjahre, bis er zu uns herabkommt. Die Sterne neunter Grösse sind 500 Lichtjahre von uns entfernt, und die letzten Sterne, die die Astronomen gesehen haben, über 3500 Lichtjahre. Alle diese geometrischen Messungen sind selbstverständlich an gesichteten Sternen vorgenommen worden. »Stellen wir uns ein Wesen vor,« – sagt Wilhelm Meyer, der an diesen Zahlen zum Dichter wird – »das sich mit der Schnelligkeit des Gedankens von einem Stern zum anderen schwingen kann und mit vollkommenem Sehvermögen begabt ist. Begibt sich dieses vollkommene Wesen auf einen Stern der ersten Grössenklasse und schaut zu unserer kleinen Erde dort unten in den Tiefen des Weltgebäudes herab, so kommt eben der Lichtstrahl zu ihm empor, welcher die grossen Ereignisse des Kriegsjahres von 1870 dem Weltall verkündete. Napoleon und Bismarck begegnen sich auf der Landstrasse vor Sedan, und alle Einzelheiten der Begegnung sind ihm gegenwärtig, als geschähen sie eben jetzt. Weiter hinschwebend sieht dieses göttliche Wesen auf einem Stern siebenter bis achter Grösse die Schlachten des Dreissigjährigen Krieges gegenwärtig; auf einem Stern neunter Grösse sieht er Gutenberg seine ersten Lettern setzen oder Kolumbus auf San Domingo landen. Von den Sternen der Milchstrasse her sieht er unseren Heiland unter den Menschen wandeln, und auf den letzten Sternen, die wir kennen, erscheinen ihm die Anfänge der ersten menschlichen Kultur in den Kolonien der Pfahlbauer. Alles ist ihm gegenwärtig, die ganze Vergangenheit liegt entschleiert vor ihm, welche das strahlende Licht für alle Ewigkeiten unverlöschbar in die Annalen der Geschichte der Weltsysteme einschreibt.«

Wir können hier haltmachen, ohne dass jedoch die Astronomie hier haltmacht. Denn das Fernrohr des Astronomen vermag den erstaunten Blick in Regionen des Weltalls zu tragen, von denen das Licht eine halbe Million Jahre wandert, um bis zur Erde herabzukommen. Aber hier macht endlich auch die Astronomie halt. Und gesetzt selbst, sie dringt dereinst bis zu Sternen vor, deren Licht eine Million oder mehr Jahre brauchte, um seinen schwachen Schimmer bis zur Erde zu senden, – eines Tages gelangt sie doch einmal an die unübersteigbare Grenze des Messbaren und Berechenbaren. Allein, jenseits dieser Grenze geht es weiter von Unendlichkeit zu Unendlichkeit, immer weiter, ohne Ende weiter; andere Sterne füllen den Raum aus, der ohne Anfang und ohne Ende ist, ewig abgründig wie die Zeit.

Hier bleiben wir stumm und voller Staunen stehen, wie die Kinder, Furcht und Demut im Herzen und zugleich Freude darüber, dass wir eine Sekunde lang durch die Tore blicken durften, die zur Unendlichkeit des Weltalls führen.

Man hat unser Sonnensystem mit allen seinen Planeten und Millionen Kometen, soweit sie durch das Fernrohr sichtbar und zählbar sind, mit den zerstäubten Atomen eines Wassertropfens verglichen – denn nur durch verkleinernde, dem menschlichen Geist angepasste Vergleiche können wir es wagen, von dem mysterium cosmographicum zu sprechen – Atome, die in unbekannten Kreisen einem unbekannten Zentrum im Raume entgegenstürzen, wo ungezählte Millionen von Sonnen zusammenwirkend wieder nur einen Tropfen bilden, in welchem sich die ungeheuren Sonnenatome bewegen müssen. Denn was ist ein ganzes Milchstrassensystem anders, als eine Gruppe von Millionen Sonnen und Sternen! Und auch dieses wiederum bildet nur einen kleinen Teil eines noch höherstehenden Systems, von dem wir Sterblichen keinerlei Zeichen mehr erhalten. Und Abertausende solcher Milchstrassensysteme sind wie ein Tropfen im All. Soweit kann man nur noch theoretisch folgen, denn hier bewegen wir uns bereits im unendlichen Raume und in der unendlichen Zeit.

In diese beiden unvorstellbaren Begriffe vom unendlichen Raume und von der unendlichen Zeit – ich hätte gern einen funkelnagelneuen, bildhafteren Ausdruck für »unendlich« geprägt, einen eindringlicheren und weit tieferen; denn der menschliche Geist empfindet bei diesem abgebrauchten Worte nicht mehr jene mystischen Schauer, die es einst in dem Menschen erwecken musste, der seine göttliche Riesenhaftigkeit zum ersten Male schaute – ich sage: in diese beiden ewigen Begriffe von Raum und Zeit ist Gottes Allmacht eingeschlossen. Und wollen wir eine schwache Ahnung bekommen von den unfassbaren Attributen Gottes, so müssen wir in die Endlichkeit zurückflüchten, in ein kleines Teilchen des beschreibbaren Raumes und der ausdrückbaren Zeit.

Und hier werden wir finden, dass alle diese unfassbar grossen und unfassbar zahlreichen Welten von den gleichen Gesetzen regiert und bewegt werden, wie das geringste Staubatom. Ein und derselbe grosse Gedanke beherrscht das Universum von einer Unendlichkeit zur anderen. Dies ist der erhabene Gedanke, den uns die Forscher geschenkt haben: dass alles sich zu einem Kreise zusammenschliesst und dass Kristalle und Pflanzen und Menschen von demselben einfachen Zahlengesetz beherrscht werden, von demselben Gesetz, dem auch die Sterne unterliegen.

Dass das Licht der Sterne sich genau so fortbewegt wie das künstlich erzeugte Licht auf der Erde, haben alle Untersuchungen der Sterne ergeben. Denn das ist eines der grössten Wunder, dass der Mensch – diese Milbe vor dem Angesichte Gottes – der nicht einmal die Zahlen begreift, die von der Grösse des Universums Kunde geben, es doch verstanden hat, die Sterne zu untersuchen, als hätte er sie in der Hand und von ihnen auszusagen, welche Stoffe sich auf ihnen befinden, welchen Weg sie beschreiben und welche Gesetze ihnen vorgeschrieben sind. Mehr wissen wir freilich nicht. Wir wissen nicht, welche Arbeit die Sterne verrichten, wozu sie diese Arbeit verrichten, und ob das Ganze einen beabsichtigten Zweck hat und welchen. Wir sehen nicht das Innere des Daseins. Genug, dass wir ahnen, aus welchen Elementen die Oberfläche der Sterne zusammengesetzt ist.

Es ist das Spektroskop, das uns verrät, wie die Sterne beschaffen sind. Dank diesem wunderbaren Instrument, diesem unfehlbaren Analytiker des Lichtes, zerlegen wir die Strahlen der Sonne, des Mondes und der fernsten Sterne, wie das Licht der Kerze, die vor uns auf dem Tische steht, in die elementaren Farbennüancen, aus denen sich jeder Strahl zusammensetzt, und erfahren so, welche Substanzen in diesem oder jenem Lichte verbrennen und welche Substanzen dem Lichte fehlen. Denn jede Substanz strahlt in ihrem Verbrennungszustande ein jeweils anders gefärbtes Licht aus. Kupfer brennt grün, Zink brennt blau – ein anderes, leuchtenderes Blau als das des Spiritus –, Eisen brennt weiss usw. Aber die weisse Flamme des Eisens offenbart im Spektrum bereits eine Zusammensetzung von mehreren tausend Farbennüancen, während das Natrium oder Thallium zum Beispiel im Spektrum nur eine Farbe zeigt (Gelb, beziehungsweise Grün). Der Stoff des Lithium spaltet sich im Spektroskop in orangefarbenes und rotes Licht, glühender Wasserstoff in grünblaues, blaues und rotes Licht. Und so weiter. Auf diese Weise hat uns das Spektrum mit unbedingter Sicherheit gezeigt, dass im Umkreis der Sonne mehr als fünfundzwanzig Substanzen verbrennen, die uns als irdische Elemente bekannt sind (Natrium, Eisen, Kalzium, Nickel, Zink, Wasserstoff, Kupfer usw.). Und da die meisten dieser Stoffe erst bei einer ungemein grossen Hitze in Gasform übergehen, schliessen wir daraus, dass jene Substanzen, von denen uns das Sonnenspektrum Kunde gibt, unter dem Einfluss einer unermesslichen Glut beständig in Dampfform erhalten werden. Diese glühenden Metalldämpfe umhüllen in dichten Wolken die Oberfläche der Sonne und bilden ihre Atmosphäre. Dass die Sonne selbst aber die Mutter der Erde und der Planeten ist, wird eben durch diesen chemischen Nachweis, dass Sonne wie Erde aus den gleichen Stoffen bestehen, zur Gewissheit. Aber selbst die fernsten Weltkörper, deren Lichtstrahlen einen jahrhundertelangen Weg bis zur Erde zurücklegen müssen, verraten uns, sobald sie im Spektroskop eingefangen sind, dass ihre Lichtquellen von ganz denselben Stoffen gespeist werden, wie der Strahl der Sonne.

Es gibt allerdings auch Sterne, auf deren Oberfläche Stoffe nachgewiesen wurden, die im Sonnenspektrum fehlen (zum Beispiel beim rötlich strahlenden Aldebaran, auf dem Antimon, Tellur, Quecksilber und Wismut vorkommen, vier schwere Stoffe, schwerer als der schwerste, bis jetzt auf der Sonne wahrgenommene Stoff).

Aber nicht nur das Spektroskop lehrt uns, dass das ganze Universum aus den gleichen chemischen Stoffen aufgebaut ist; die von der Sternenwelt in unseren Erdkreis fallenden kosmischen Stoffe geben uns gewissermassen den handgreiflichen Beweis für die durch das Spektrum beobachtete Tatsache. Denn was sind die Meteoriden anderes als Reste erschaffener und wieder zerstörter Welten? Und diese Meteorsteine, die manchmal schon in Blöcken bis zu fünfundzwanzigtausend Kilogramm Schwere »vom Himmel gefallen« sind, enthalten keinen einzigen Stoff, der unseren Chemikern nicht schon längst bekannt wäre. Reines Eisen, das auf der Erde in ungebundenem Zustande gar nicht vorkommt, ist der hauptsächlichste Stoff, der als reines Element vom Himmel fällt. Es fällt aber nicht nur in Blöcken, sondern auch als Staub herab, oxydiert und färbt die Erde rot. Zuweilen kommt dieser Eisenstaub auch in Hagelkörnern eingeschlossen vom Himmel hernieder oder im Regen; das ist dann der »Blutregen«, von dem die mittelalterlichen Astronomen sprechen, und der so viel abergläubische Vorstellungen hervorgerufen hat. Aber man hat auch schon oft Chrom, Kobalt, Nickel, Chlornatrium und viele andere Stoffe beobachtet, die als kosmischer Staub von den Sternen fielen.

Man muss einmal eine solche Abhandlung wie die über »Die geologische Bedeutung des Herabfallens kosmischer Stoffe auf die Erde« von Nordenskjöld lesen, um von diesen unzähligen beobachteten Fällen zu erfahren, dass die Erde im regsten Wechselverkehr mit den übrigen Gestirnen steht, und dass ein und derselbe schöpferische Gedanke das All beherrscht. Ebenso wie das organische Leben unserer Erde sich nach gleichen Gesetzen aufbaut und entwickelt, ebenso wie Grashalm und Zeder, Milbe und Wal von den gleichen physiologischen Prinzipien beherrscht werden, sind auch alle Welten vermöge dieser chemischen gleichen Beschaffenheit miteinander verwandt.

Dies bedingt weiter eine gleiche Tätigkeit der chemischen Moleküle. Und wenn es nun gewiss ist, dass die chemischen Elemente der Gestirne mit den chemischen Elementen der Erde übereinstimmen, ist es ebenso gewiss, dass auch in den fernsten Sternen ähnliche Reaktionen und Kraftentfaltungen unter den Stoffen stattfinden, wie die, welche wir auf unserer Erde beobachten. Die weitere logische Folgerung drängt die Ueberzeugung auf, dass die im ganzen Universum wirksamen molekularen Kräfte auch auf den Sternen Wesen hervorgebracht haben, die sich nicht erheblich von den irdischen Schöpfungen unterscheiden können.

Die zweite Eigenschaft der Sterne, die man mittels der thermo-elektrischen Säulen positiv festgestellt hat, ist die, dass und wieviel Wärme uns von den Sternen zustrahlt, ein für den Aufbau der Weltwirtschaft höchst wesentlicher Faktor.

Die dritte grösste Naturkraft, die das Universum regiert, ist die Schwerkraft, die jedem Kinde die Frage aufdrängt, warum die Sterne nicht auf die Erde fallen, wenn sie von der Erde angezogen werden, ein Rätsel, das durch die Gegenkraft gelöst wird, die auf die Gestirne einwirkt: die Fliehkraft.

Ein Stein, der zu Boden fällt, beschreibt in seinem Fall eine senkrechte, gerade Linie; aber ein horizontal geschleuderter Stein, oder eine abgeschossene Gewehrkugel etwa, fällt in einem weiten Bogen zur Erde. Dieser Bogen, den die Kugel beschreibt, ist um so horizontaler, je grösser die Kraft war, mit der die Kugel fortgeschleudert wurde. Könnte man diese Schleuderkraft ins Unendliche vergrössern, so würde die über die Erde hingeschleuderte Kugel selbstverständlich niemals zur Erde fallen. Der Bogen, den die geschleuderte Kugel beschriebe, liefe dann mit dem Bogen der kugelförmigen Erdoberfläche parallel, das heisst die Kugel liefe fortwährend um die Erde herum.

Dank diesen genau ergründeten Schwer- und Fliehkraftgesetzen, die eine unbekannte Macht »an allem Anfang« wirksam werden liess, war es möglich, die Bewegungen der Planeten so unfehlbar genau zu bestimmen und auf Jahrhunderte vorauszusagen, dass wir in dieser Beziehung eine vollkommene Gewissheit erlangt haben.

Licht, Wärme und Schwerkraft sind die durch alle Himmelsräume mächtig wirkenden Gesetze, die alle Welten miteinander verbinden. Welchen Stern wir auch beobachten mögen, er ist aus denselben Urstoffen wie die Erde, erzeugt und verliert aus denselben Gründen seine Wärme, bewegt sich nach denselben Prinzipien und ist den gleichen Entwicklungsprozessen, demselben Werden und Vergehen unterworfen, wie die Erde. Ist es dann so phantastisch, anzunehmen, dass auch auf anderen Sternen denkende Wesen ihren Geist bewundernd durch das Weltall schweifen lassen, dass auch dort forschende Blicke das tiefe Geheimnis der Welt zu enträtseln suchen und nicht fassen können, dass die Seele, die in einen erdgebundenen Körper verhaftet ist, und sich bis zu den fernsten Gestirnen aufzuschwingen vermag, vergehen soll, wie der Tau in der Sonne?

Die Erde, fünfviertelmillionenmal kleiner als die Sonne, die uns leuchtet, bedeutet im Universum weniger als ein Sandkorn in der Wüste. Und nur Wenige kennen die Oberfläche dieses Sandkorns. Und diese wenigen Auserwählten kennen diese Oberfläche sehr schlecht. »Auf dem Himmel mögt Ihr ganz gut Bescheid wissen, Herr; hier auf Erden aber seid Ihr ein Narr,« sagte der Kutscher zu Tycho de Brahe. Auf diesem Sandkorn hat der Mensch sich zum Herrn ausgerufen und hat sich Götter und Religionen gebildet, hat die Zivilisation geschaffen, aus der sich die Kultur entwickelte, die wiederum innere und äussere Gesetze und Bedürfnisse zur Folge hatte, Liebe und Luxus, Gewissen und Moral, Glück und Unglück, Freude und Schmerz, – kurz die ganze Stufenfolge der seelischen und geistigen Werte, die den Menschen zuweilen empfinden lassen, dass er ein Teilchen jener göttlichen Kraft ist, die »die unbegreiflich hohen Werke« im ewigen Gange hält.

Verweilen wir einen Augenblick bei diesen menschlichen Eigenschaften und Errungenschaften!

»Untersuchen wir!« pflegte der alte Sokrates zu sagen, wenn die Schüler schon glaubten, hinter die Lösung der letzten Rätsel gekommen zu sein. Ihr Meister liess sie beständig erkennen, dass hinter tausend gelösten Schwierigkeiten sich abertausend neue auftaten, und dass es mit dem menschlichen Geist genau so beschaffen ist, wie mit dem Sternenhimmel, wo hinter Millionen bekannten Sternen noch Abermillionen ihrer Entschleierung harren.


 

II. Der Begriff der Zivilisation.

Was ist absurder als der Fortschritt, da doch der Mensch, wie die täglichen Tatsachen beweisen, dem Menschen gegenüber sich stets gleich bleibt, d. h. immer im wilden Zustande!
Baudelaire

 

Während ich am Tisch bei der freundlichen Lampe sitze und der Wind draussen vor meinen Fenstern steht, und seine leidvollen Lieder singt, sehe ich im Geiste die moderne Stadt vor mir, die brüllt und tobt wie ein aufgewühltes Meer. Die Strassen gleichen tosenden Schluchten; Bergketten, die aus Häusern bestehen. Auf jeder Seite türmen sich endlose Fassaden auf, architektonische Felsen, fast jeder eine halbe Million wert und mehr, oder gläserne Paläste, von ragenden Steinpfeilern durchbrochen. Darüber erblickt man ein helles, breites Lineal, das den Himmel vorstellt, durchkreuzt von den Linien der Telegraphendrähte und der elektrischen Bahn. Man kann mondelang zwischen diesen beängstigenden Schluchten umherwandern und wird in immer neue Strassentäler gelangen. Wenn ich meinen Freund besuchen will, der in derselben Stadt wohnt, was höchstens einmal im Monat sein kann, da es zuviel Zeit in Anspruch nimmt, trete ich eine richtige Reise an, fahre von Bezirk zu Bezirk und komme durch Stadtteile mit grundverschiedenen Physiognomien, als reiste ich durch zehn fremde Städte. Eng berühren sich hier Vergangenheit und Zukunft. Da gibt es Gegenden, einsam wie Mönchsklöster, wahre Trauminseln; abgeschlossene Provinzen; lachende Gärten, in denen Schwäne wie weisse Gondeln sanft hinziehen; Gassen voller Melancholie und Kraftlosigkeit; dem Untergang geweihte Stätten des Zerfalls und des ewigen Schlafs, und Viertel, in denen man die fiebernden Nerven des modernen Lebens zucken sieht. Antäus, der durch die Berührung mit der Erde neue Kräfte gewann, würde hier rasch besiegt werden, denn nirgends tritt der Fuss unmittelbar auf die Erde, sondern auf Asphalt, Zement, Holz oder Steinblöcke. Würde man diese steinernen Pfade aufreissen, so würde man wieder eine neue, unterirdische Welt erblicken: ein System von Leitungen und Röhren für Wasser, Beleuchtung, Dampf, Kanalisation, Elektrizität, Telephon, Telegraph, Eisenbahn. Darüber hinweg braust ein dröhnender Lärm. Das Getrappel der Hufe, das Gepolter der Räder, das Geknatter der Automobile, der Donner der Bahnen hallt ununterbrochen fort. Nur der Assimilierte findet sich in diesem Chaos zurecht; der Neuling erschrickt, als wäre er in eine Panik geraten.

Und doch wird alles beherrscht und regiert durch die Ordnung. Jahrhunderte haben dieses System der verblüffenden Ordnung errichten helfen, und nun läuft das Ganze von allein, als ob es eine einzige eiserne Hand durch das Chaos lenkte. All das Ungeheure hat den Charakter der Härte und Unerbittlichkeit. Es ist die gigantische, mathematische Kraft, umgesetzt in Nützlichkeitswerte. Diese kolossalen Anhäufungen von Bankpalästen, Warenhäusern, Geschäften, Mietkasernen sind nicht schön, sondern angsterregend. Es spricht daraus eine mitleidslose Kraft, die unheimlich wirkt. Obwohl diese Berge ineinandergewachsen sind, die Menschen, die darin wohnen, sind es nicht. Kein Gemeingefühl verbindet diese Nachbarn. Sie begegnen sich mit Kälte und Interesselosigkeit ...

Wenn es dunkel wird und die hunderttausend Laternen und Lampen der Strassen und Geschäfte in allen Lichtnüancen erstrahlen; wenn an den Dachgiebeln und an den Häuserfronten der grellen Hauptstrassen die elektrischen Glühlampen der Reklame zu funkeln beginnen und zu tanzen; glitzernde Buchstaben die Fassaden auf- und niederstürzen, die im Nu blenden und im Nu wieder im Nichts verschwinden; die das Auge locken und täuschen; wenn das Leben gesättigt ist von gespannter Lebenslust und ein jeder bereit ist, einen Teil seiner Nervenkraft zu opfern, dann erst sieht man die moderne Grossstadt; diese Stadt, die einem Tiere gleicht, das daliegt und Menschen frisst; die voll Glanz ist und voll Finsternis, voller Laster und Verbrechen; eine Stadt der Arbeit und des Vergnügens, des Ehrgeizes und des wahnsinnigen Kampfes um Existenz, Namen, Ruhm und Glück.

Der Menschenstrom wälzt sich durch die Strassen ... Kontoristinnen, Verkäuferinnen, Modistinnen, Kaufleute aus aller Welt, Nichtstuer, Kokotten, bald elegant, bald bescheiden gekleidete Vergnügungssüchtige, kokette Frauen mit ungewöhnlich starken Parfüms begossen, hübsche Mädchen mit Blumen an der Brust. Die Männer verfolgen die Frauen, Blicke fliegen herüber und hinüber, mehr oder minder freche Augen sieht man, zudringliche und zurückhaltende, gemeine und gelangweilte, genusssüchtige und blasierte Gesichter. Bekanntschaften werden geschlossen, die nur ein paar Stunden dauern. Das Leben sieht aus, als sei es leicht, graziös, licht und lustig. Alle wollen Glück und Freude, und viele ernten Schmerz und Tränen. Was macht’s? Das Leben ist düster und langweilig, die Arbeit ermüdend, – schaffen wir uns Lustspiele, und weichen wir den Dramen aus und den Tränen der Tragödie.

Die Strassen leben ... Alles lächelt, lärmt, trällert, eilt, triumphiert. Die hellerleuchteten Cafés sind weit geöffnet. Man hört sentimentale Geigen schmelzend tönen. Sie locken. Die kleinen Marmortische sind besetzt. Zwischen den Tischen irren mit müden, oft reizenden Gesichtern blasse Mädchen hin und her, mit sonderbaren Hüten auf dem Kopf. Tausend verschiedene Laute fliessen in einen Akkord zusammen. In den Theatern, in der Operette, in den Tanzsälen und in den Bars spielt sich wieder ein anderes, eigenes Leben ab; dort herrscht offen das schöne, elegante Laster; dort regieren fürstliche Hetären mit reizenden Frisuren, eleganten Füssen und Toiletten, die ein Vermögen kosten.

Aber schwatzende, zechende, singende Männer, tanzende, girrende Weiber, wilddurchwogte Strassen, Automobile, galoppierende Pferde, Restaurants, Theater, Bars – das alles ist nicht das Leben; es ist nur der Lärm des Lebens.

In diesem Chaos von Macht und Glück, von Elend und Laster, das man Zivilisation nennt, in diesen Häusern, die bald von prunkender Pracht strotzen und bald von monumentaler Schäbigkeit, in dieser Luft, die erfüllt ist von den ausserordentlichsten Kontrasten der Not und der Lust, lernt der einzelne seine Unbedeutenheit und Entbehrlichkeit doppelt stark erkennen. Jeder fühlt, je nach dem Grade seiner Isoliertheit oder Brauchbarkeit, dass das grausame und jubelnde Leben, das unbarmherzige und öde, das qualvolle und liebegebärende Leben, dass das sieghafte Leben vorwärts will, und hinwegschreitet über alles Schwache und Hilflose.

Wer dies Leben kennt, begreift die vage Unruhe des Vereinsamten, unbeachtet zu sein inmitten von einigen Millionen hastender Menschen; nicht gehört zu werden in dem betäubenden Getöse des Verkehrs; elend zu bleiben, angesichts der überwältigenden Anhäufungen von Reichtümern, die Kopf und Hand zwingen, ihr Arbeitsvermögen bis zur äussersten Grenze auszunützen.

Wer dies Leben kennt, weiss aber auch, dass die Gefahren der Wildnis und des Meeres nichts bedeuten, neben den täglichen Choks und Konflikten der Zivilisation, die nur wie ein dünner Firnis über unserer Bösartigkeit liegt.

Diese Zivilisation hat uns die drahtlose Telegraphie gegeben, die synthetische Chemie, das Radium, die Antitoxine, den Panamakanal, das Telephon und das Luftschiff; sie hat den Himmel erforscht und die Sterne, hat das Sonnenlicht in seine Teile zerlegt, hat Raum und Zeit überwunden, hat die Vergangenheit belebt, hat die Naturkräfte und die Menschen gebändigt, hat der Erde alle Geheimnisse abgerungen, hat alles entschleiert, alles sichtbar gemacht, alles geordnet und es sich untergeordnet, hat so viel Wissensgebiete systematisiert, als Welten und Himmel sind, hat Gesetze gegeben, unsere Gefühle aufgedeckt und ihre erstaunliche Mannigfaltigkeit gezeigt, die so reich ist, wie der Sand am Meeresufer. Diese Zivilisation hat den edelsten Menschentyp entwickelt und den abstossendsten; hat die sublimsten Empfindungen in uns geweckt und die zartesten Sympathien, wie sie keine andere Zeit hatte.

Aber der Gesellschaftsorganismus ist durch diesen ratlosen Fortschritt so kompliziert geworden, dass – und dies ist ein Gesetz! – seine Verwundbarkeit immer grösser geworden ist. Der Energieverbrauch ist ein rascherer, und im gleichen Verhältnis sind Sensibilität und Nervosität gewachsen. Wenn in China die Pest ausbricht, oder in Russland eine Hungersnot, so kann diese momentane Unterbindung der Handelsadern in den fernsten Ländern Stauungen herbeiführen, die alle Teile des ganzen menschlichen Erdgefüges in Mitleidenschaft ziehen. Wenn in Texas Regenwetter ist, werden die Hemden des deutschen Arbeiters kostspieliger, denn vom Wetter hängt die Baumwollernte ab, und Dürre und Nässe diktieren die Preise des Marktes. Wenn einige auf ihren Vorteil bedachte Leute es Amerika verbieten, uns Fleisch zu liefern, müssen mehrere Millionen Menschen ihre Lebensweise ändern und einschränken. Hand in Hand mit dem Steigen der Brot- und Fleischpreise wächst selbstverständlich die Zahl der Verbrechen. Kurz, die Vernichtung des kleinsten Vorratszentrums, die Erschöpfung einer Mine, der leiseste Druck auf einen industriellen Nerv zeigen erst, wie fein das Rädergetriebe der menschlichen Gesellschaft ineinandergreift.

Wenn hinten weit in der Türkei
Die Völker aufeinanderschlagen,

so kann der moderne Mensch nicht mehr von gesegneten Fried- und Friedenszeiten sprechen; selbst der Krieg des fernsten Landes hat Folgen für jedes Individuum. Denn die ganze Menschheit ist ein einziger Organismus, und die geringste Stockung wirft alles aus dem gewohnten Gang. Wie ein Riesendynamo, das durch einen kleinen Hebel in und ausser Betrieb gesetzt werden kann und eine wunderbare Gefügigkeit zeigt, so ist die ganze Menschheit durch einen kleinen Druck zum Stillstand zu bringen.

Dies alles schliesst nicht aus, dass unsere Zivilisation zugleich das Individuum mehr und mehr entwickelt hat; aber diese Entwicklung des Einzelnen hat etwas Ueberhitztes, Falsches; als hätte nicht die Sonne, sondern künstliche Wärme ihn wachsen lassen; als sei seine Ernährung keine natürliche, sondern eine chemische gewesen.

Denn im gleichen Verhältnis zum Wachstum der Zivilisation vertieft sich der Schmerz über das, wessen der Mensch verlustig geht.

Als die Zivilisation unsere Sitten noch nicht verfeinert, und unsere Leidenschaften noch nicht gelehrt hatte, eine gekünstelte Sprache zu reden, waren wir, wenn auch nicht besser, so doch natürlicher und sicherer; man verbarg sich nicht hinter konventionellen Masken, die das Antlitz einer trügerischen Einförmigkeit, Niedrigkeit und Leere bedecken. Der zivilisierte Mensch hat auf Kosten der Aufrichtigkeit die Gebote der Höflichkeit, Schicklichkeit und Konvention zu befolgen, aber die Gebote der eigenen Natur ist er gezwungen zu unterdrücken. Er darf nicht wagen zu scheinen, was er ist. Er sei, was er will, nur nicht er selbst. Daher wird er auch nie wissen, mit wem er es eigentlich zu tun hat, denn Argwohn, Misstrauen, Kälte, Hass, Verrat und Verachtung werden ihm immer nur im Kleide der Höflichkeit begegnen. Man wird ihn mit Feinheit verleumden und mit einem beredten Augenzwinkern töten. Wenn er gestohlen hat, wird man ihn, ist er arm, als Dieb bestrafen; ist er reich, oft als Kleptomanen glanzvoll freisprechen. Er muss den Grossen den Hof machen, die er hasst; muss die Reichen hofieren, die er verachtet. Er wird alles tun, um ihnen zu dienen; er wird sich hochmütig seiner Niedrigkeit rühmen und ihrer Protektion, und stolz auf seinen Servilismus, wird er mit Verachtung von denen sprechen, die nicht die Ehre haben, ihn zu teilen.

Der Umfang unserer inneren Verlogenheit und Verderbtheit entspricht im umgekehrten Verhältnis genau der Vervollkommnung der Wissenschaften und Künste. Jedes Zeitungsblatt, das man durchfliegt, enthält dicht nebeneinander Grossprechereien von Rechtschaffenheit, Güte, Nächstenliebe und Versicherungen bezüglich der Zivilisation und zugleich Meldungen von Kriegen, Diebstählen, und Morden, Schamlosigkeiten, Martern, Verbrechen der Fürsten, der Nationen und der Einzelnen.

Der Mensch bleibt sich ewig gleich; bleibt ewig ein Raubtier, das auf Beute ausgeht, und das spioniert, Fallen legt, überlistet und Qual zufügt – mit dem Unterschiede, dass das Raubtier aufrichtiger ist. Die Wilden kennen die Lüge nicht, sie kennen nur die List. Und wenn ein König sich einmal ruhig die Wahrheit sagen liess, war es sicher ein Barbar (Thoas in »Iphigenie«).

Die Zivilisation ist freilich etwas Wunderbares; aber ihre medusenhafte Kehrseite hat keiner in ihrer ganzen Grausenhaftigkeit besser gesehen, als Rousseau. Ich sage nicht mit Rousseau, dass wir, um zu gesunden, wieder in die Wälder flüchten sollen, oder wie Tolstoi, dass wir zum Pfluge und zur Axt greifen müssen. Aber wenn man sieht, dass Pluto der höchste Gott ist, und dass dieser satanische Gott des Goldes alle ideellen Bestrebungen unterdrückt, dass er alles zermalmt und der Lächerlichkeit preisgibt, was ihn nicht anbetet, so weiss ich nicht mehr, was das Leben lebenswert macht. Denn nur um mich und die Meinen zu kleiden und zu füttern, um mit fünfzig Jahren einen Schmerbauch zur Schau zu tragen, würde ich das Leben nicht einen Tag zu leben vermögen. Dann wäre die Welt nichts als ein Riesenviehstall, nichts als ein kolossales Arbeitshaus mit ungeheuren Kochherden und Esstischen, und dann bedurfte es wahrlich keines Gottes, der uns die Portionen zuteilte. Dann sollte man wenigstens konsequent sein und von Gesetzes wegen alle diejenigen aufhängen, die weder ein Vermögen zu erben haben, noch sich auf Gelderwerb verstehen.

Einige Philosophen haben auch ohne Scheu die Ueberzeugung ausgesprochen, dass wir noch Thor und Odin anbeten, nur mit dem Unterschiede, dass Odin ein Mathematiker geworden ist, und dass jetzt der Hammer Thors mit Dampf und Elektrizität arbeitet. Und darum lebt in manchen, die auf dem Gipfel der Zivilisation stehen, der Wunsch, und in vielen lauert die fortwährende Angst, durch ein nicht vorauszusehendes soziales Erdbeben könne der ganze Bau der Zivilisation frühzeitig zerstört werden. Denn darüber herrscht ja wohl kein Zweifel: dass der Mensch, der Bildner und Schöpfer Gottes, der Mensch, dieses vollkommene Wesen, der Beherrscher der Natur, der Bändiger der Elemente, in seinen Wünschen so grenzenlos, so mächtig durch sein Denken, so energisch durch seinen Willen, nur wenige Augenblicke lebt und von den plumpesten Zufällen abhängig ist; dass er der Erde nur gezeigt wird, deren Herr und Gebieter er sich dünkt, um einen Augenblick ihren Staub zu betreten und im nächsten Moment den seinigen mit ihm zu vermischen; es herrscht kein Zweifel darüber – sage ich –, dass dieser Bau der Zivilisation zusammenstürzen wird. Einen so fiebrigen, in jeder Beziehung ungesunden und übertriebenen Zustand hält der gesellschaftliche Körper nicht auf die Dauer aus.

Ich spreche nicht von den Resultaten der Arbeit. Diese werden wahrscheinlich erst dann zunichte werden, wenn der Mensch seine unbedeutende Rolle auf diesem Planeten ausgespielt haben wird. Und das mag immerhin noch eine Weile dauern.

Was die Zivilisation zu etwas ganz Schändlichem macht, das ist die durch sie heraufgerufene Amerikanisierung des Gehirns und die vollständige Entwürdigung der Seele. Denn man kann Zivilisation haben, ohne Kultur zu haben. Man verzichtet wohl darauf, dass ich Beispiele anführe. Es scheint, als ob die Welt zu dem einzigen Zweck da wäre, damit wir eine materielle Existenz führen können. Aber der Mensch ist keineswegs um des Wohllebens willen geboren, sondern um mit seinen geistigen und seelischen Kräften der Menschheit zu dienen. Man hat mich schon oft gefragt, was ich mir eigentlich unter der »Menschheit« denke. Ich verstehe darunter: das Zusammenwirken aller Individuen zu einer Leistungsfähigkeit, die der Einzelne schwerlich erreicht, und die Allen zugute kommt.

Und unter Zivilisation verstehe ich die Tendenz im Menschen, sich hinauf zu entwickeln. Wenn ein Volk Kleidung, Eisen, Bücher, Ehe, Kunst und Handel hat, so ist es noch lange nicht zivilisiert. Der Begriff umfasst vielmehr die bewusste Ausbeutung und Aneignung der gesamten fortschrittlichen Leistungen, die der menschliche Geist auf allen Gebieten zu verzeichnen hat. Wenn es zum Beispiel ein Land gäbe, wo Wissen nicht verbreitet werden könnte, ohne dass es ein Minister billigte; wo es Gesetze gäbe, die für die verschiedenen Gesellschaftsklassen verschieden ausgelegt würden; wo das Wort nicht frei wäre; wo die Verfassung täglich gebrochen oder umgangen würde; wo die Freiheit in der ursprünglichen Einrichtung des gesellschaftlichen Lebens angegriffen würde; wo die Stellung der Frau beeinträchtigt würde; wo die Künste von der Laune der Zensoren und Amtsanwälte abhingen; wo der Arbeiter um das Erträgnis seiner Hände betrogen werden könnte; wo das Stimmrecht nicht frei oder nicht gleich wäre; wo man dem Menschen, der im Affekt getötet hat, im Namen des Königs den Kopf abhacken würde – wenn es ein solches Land gäbe, wäre es in allen diesen Hinsichten nicht zivilisiert, sondern barbarisch, und es hätte, um Kultur zu besitzen, noch einen recht weiten Weg.


 

III. Der Kreis der Kultur.

Mit der sogenannten Kultur sieht es recht elend aus.
Multatuli

 

Weil der Begriff der Zivilisation die weitesten graduellen Unterschiede zulässt, weil etwa ein wilder Volksstamm, der keine Menschen mehr frisst und der bereits das Gewehr zu handhaben weiss, schon »zivilisiert« ist im Vergleich mit anthropophagischen Stämmen, die nur den Giftpfeil kennen, so muss man sich nicht besonders viel darauf zugute tun, wenn man nur Zivilisation besitzt. Selbst den höchsten Grad von Zivilisation haben, heisst noch nicht Kultur haben.

Dass wir mit Messer und Gabel essen, danken wir der Zivilisation; aber erst wenn wir manierlich essen, haben wir Kultur. Dass man Takt haben müsse, kann man wohl lehren; aber dass man dann auch taktvoll sei, steht noch dahin. Kultur ist also ein Empfindungszustand, etwas weder Erlernbares noch Lehrbares; es ist ein veredelter, gepflegter Instinkt, der einen mit derselben Kraft abhält etwas Hässliches oder Unschönes zu begehen, mit der das Tier abgehalten wird, seiner Art untreu zu werden. Kultur ist nicht die »segensreiche«, deren »Fahne« von einer bestimmten Menschengruppe bei festlichen Gelegenheiten immer »hochgehalten« wird. Sie – die Kultur – ist auch nicht daran erkennbar, dass sie in allen Büchern und offiziellen Reden hochgepriesen und zu Hause und inoffiziell missachtet und ignoriert wird. Sie ist auch nicht jene, die anwendbar ist auf seelische Zustände, auf staatliche und bürgerliche Einrichtungen, auf Kunst ebensowohl wie auf Kartoffeln, Bazillen und so weiter.

Kultur ist etwas, wovon eigentlich niemand kurz und bestimmt sagen kann, was es ist. Der bloss Zivilisierte hat seine Zivilisation, aber keine Kultur. Der Snob, der Kulturträger zu sein glaubt, hat nur seinen Snobismus. Der Gelehrte kann ein grosses Wissen haben und kann von Kultur sehr weit entfernt sein. Der Künstler kann ein Genie und dabei ein Flegel sein. Ich glaube auch nicht, dass Goethe die verheirateten Philister im Auge hatte, als er sagte, die Ehe sei der Gipfel aller Kultur.

Andere sind geneigt, unter Kultur eine Verfeinerung der Sitten und Gebräuche, Anschauungen und Gewohnheiten zu verstehen. Wieder andere definieren sie als das Alter einer Nation – darum spricht man immer nur von der Zivilisation der Amerikaner, aber von der Kultur der Griechen –; andere verstehen unter Kultur eine hohe Stufe der Selbsterziehung; andere: Selbstbeherrschung in jeder Situation, und noch andere – Oskar Wilde etwa – geben nur dem Volke Kultur, das die Lüge zur höchsten Entwicklung gebracht hat.

Aber es ist leicht nachzuweisen, dass alle diese Erklärungen unzulänglich sind.

Wenn beispielsweise die Lüge ein Gradmesser der Kultur wäre, stünden wir zweifellos auf einer sehr hohen Kulturstufe. Denn wir leben in einer Verlogenheit und in einer Ideenverwirrung, die kaum noch einer Steigerung fähig ist und die ungeheuerlich wäre, wenn überhaupt die Möglichkeit bestünde, ein Leben in Wahrheit und Ideenklarheit führen zu können.

Sich auszubreiten und zu vermehren, wird immer das erste Gebot der Rassen und Individuen bleiben; die Bibel hat sogar ein göttliches Gebot daraus gemacht und der Staat würde sich selber entkräften, wenn er nicht ebenfalls auf dessen Erfüllung beharrte; andrerseits untergräbt er aber durch systematische Verteuerung der Lebenshaltung den zeugungslustigen und zeugungsfähigen Individuen die Möglichkeit hierzu und nimmt ihnen durch einen unerträglichen Steuerdruck die Lust dazu. Man predigt humane Ideen und entwickelt gleichzeitig den Völkerhass und den Krieg. Man propagiert den Weltfrieden, preist den Altruismus, die Gleichheit und Freiheit und kann das alles nur erreichen, indem man fortgesetzt seine Nachbarn bedroht und tieferstehende Völkerschaften beraubt und ausbeutet. Man hat die Sklaverei verpönt, aber man schämt sich nicht, die Naturvölker zu unterwerfen, zu vertreiben, auszurotten oder im besten Falle sie für sich frönen zu lassen. Der Ertrag der eigenen Felder reicht nicht mehr hin, die europäischen Menschen und Haustiere zu ernähren; wir nehmen also schwächeren Völkern einfach ihre Erträgnisse an Kaffee, Tee, Kakao, Tabak, Zucker, Reis, Mais, Baumwolle, Getreide usw. fort. Europa beherrscht den Weltmarkt nicht mit Mitteln der Kultur, sondern mit zivilisatorischen; nämlich mit Kanonen, Dynamit, Maschinen und Panzerschiffen. Wir protestieren öfters im Namen der Völkerrechte und der Nächstenliebe und verstehen darunter die Liebe zu uns selbst. Parasitenhaft vermehren wir uns auf Kosten anderer Rassen.

Wenn die Statistik herausgefunden hat, dass wir am Schluss eines Jahrhunderts doppelt soviel Menschen wie am Anfang beherbergen und ernähren, dass wir Städte gebaut haben, Flotten und Eisenbahnen, so fragen wir nicht, ob es auf ehrliche Weise möglich war, sondern freuen uns, dass es so ist. Aber wir wissen, dass wir uns bei gleicher wachsender Bevölkerungsziffer gegenseitig ermordet hätten, wenn wir uns vom eigenen Boden und aus eigenen Mitteln hätten ernähren müssen; wissen, dass wir nur kraft des Goldes schwächerer Rassen und dank der Nahrungsmittel, die fremde Erdteile hervorgebracht, emporgewachsen sind, und dass wir immer Steine für Brot gegeben haben.

Zugleich treten wir als Beschützer der tieferstehenden Völker auf, ähnlich wie wir das Getier des Waldes schützen, damit es Zeit habe, sich von unseren Morden zu erholen, sich aufs neue fortzupflanzen, um von neuem gemordet werden zu können. Denn die völlige Ausrottung der schwächeren Völker und jagdbaren Tiere hätte ökonomische Verluste für uns im Gefolge. Wir nehmen den Naturvölkern ihre Güter und ihre Freiheit, ihre Arbeit und ihr Leben, ihre Sitten und ihre Götter und geben ihnen dafür Schnaps, Ketten und das Christentum, dem in Europa kein Mensch mehr nachlebt. Man predigt in einem Atem Selbstbeherrschung und Rücksichtslosigkeit, Selbstbegrenzung und Expansionsgier, Pflichtgefühl und Tyrannei, Vaterlandsliebe und Feindschaft, Mut und Unterdrückung, Männlichkeit und Unehrlichkeit.

Selbst jetzt noch glauben Millionen gedankenloser Menschen des Abendlandes an irgendeinen göttlichen Zusammenhang zwischen der Militärmacht und dem christlichen Glauben, und selbst von den Kanzeln wird göttliche Rechtfertigung für politische Raubzüge verkündet und Erfindungen von Explosivgeschossen werden auf göttliche Inspiration zurückgeführt. In vielen Ländern ist der Aberglaube nicht auszurotten, dass die Rassen, die sich zum Christentum bekennen, von der Vorsehung ausersehen worden seien, andersgläubige Rassen zu berauben und zu vernichten.

Und trotz des scheinbaren Reichtums und Fortschritts gibt es das eine nirgends, das allein für all die tausend Verbrechen, die man im Namen der Kultur begeht, eine Entschuldigung sein könnte: Lebensfreude. Trotz der glänzenden ökonomischen Systeme erweisen sich alle geraubten Werte als Truggold. Die Reichtümer werden scheinbar in einem Danaidenfass gesammelt, denn je mehr die »segensreiche Kultur« fortschreitet, desto hoffnungsloser und freudloser wird der Mensch, und desto unfruchtbarer wird das Symbol des Geldes.

Was mich betrifft, ich habe Kultur niemals dort gefunden, wo man so viel von ihr sprach. Ich neige überhaupt zu der Annahme, dass die breite Masse niemals Kultur haben wird, ohne behaupten zu wollen, dass dies ein grosses Uebel sei. Jedenfalls, das, was ich unter Kultur verstehe, habe ich in der Geschichte und in der Gegenwart immer nur selten und nur bei Einzelnen gefunden, dort, wo ich es weder erwartete, noch wo man wusste, dass man Kultur habe.

Die Geschichte lehrt, erstens: dass alle Kultur stets ihren Niedergang findet, sobald der kleine Kreis, auf den die Kultur naturgemäss immer beschränkt ist, nach einer gewissen Zeit in seiner Abgeschlossenheit gestört wird und endlich in grösseren Kreisen, die einer weit niederen Kulturstufe angehören, aufgehen muss. Die Gemeinschaft, mit deren Interessen der Einzelne verwächst, schliesst sich nach aussen mit allen egoistischen Mitteln ab und fördert ihren Sturz durch das gleiche Absonderungsprinzip derjenigen Kreise, denen sie die höhere Kultur verdankt.

Sodann: die Unterschiede, die sich innerhalb der fortschreitenden Gesellschaft entwickeln, werden allmählich immer grösser, die Berührungspunkte geringer und die wichtigste Quelle der verbindenden Sympathie versiegt. Innerhalb der Masse, die ursprünglich von gleicher Art war, bilden sich alsbald bevorzugte Klassen aus, die keinen rechten Zusammenhang unter sich finden. Die Anhäufung von Reichtümern führt zu neuen Genüssen und es entsteht ein Egoismus von hoher Raffiniertheit. Die Bevölkerung mehrt sich, folglich entsteht Mangel an Boden – wie zum Beispiel im alten Rom zur Zeit der Latifundien, wo die Parkanlagen der Reichen den Ackerbau des Volkes verdrängten und halbe Provinzen im Besitz einzelner Begüterter waren, – die Bodenrente steigt, der Arbeitslohn sinkt. Die Unterschiede zwischen Besitzer und Pächter, Pächter und Arbeiter werden immer grösser. Die Industrie blüht auf und bietet dem Arbeiter höheren Lohn. Bald herrscht auch hier Ueberfüllung und der Arbeitslohn sinkt wieder. Die entstehende Not hemmt die weitere Vermehrung der Bevölkerung und man sucht Rettung vor dem Elend in Arbeiten, die man um jeden Preis annimmt. Die Folge ist steigender Reichtum des Unternehmers, der dem Arbeiter gerade so viel gibt, dass er sein Dasein kümmerlich hinfristen kann. Das Elend des Proletariats erweckt wohl Teilnahme, aber wie soll der Reiche nun zurückfinden zu der alten Einfachheit? Denn inzwischen hat er sich an eine verfeinerte Lebenshaltung gewöhnt. Kunst und Wissenschaft haben sich entfaltet. Die Sklavenarbeit der Proletarier hat vielen Köpfen Musse und Mittel zu Forschungen, Erfindungen und künstlerischen Schöpfungen verschafft. Es gilt, diese höchsten Güter der Menschheit zu wahren und man tröstet sich, dass sie im unbestimmten »Einst« Gemeingut Aller sein werden. Inzwischen geniessen viele, deren Gemüt roh und unempfänglich ist, dank ihres Reichtums die Vorteile der Kunst und Wissenschaft; andere arten in moralischer Beziehung aus und bekunden für nichts Interesse, was ausserhalb ihres Genusskreises liegt. Starke Sympathien mit den Leidenden schwinden durch das gleichförmige Wohlleben der Begüterten. Diese halten sich bald für besondere Wesen, betrachten ihre Diener als Maschinen und die Elenden als eine dekorative Staffage, die Gott eigens zu dem Zwecke gemacht hat, um den Begüterten den Besitz des Reichtums erst recht wertvoll erscheinen zu lassen. Das sittliche Band, das alle Menschen verknüpft, ist zerrissen; die Scham, die früher von allzu grosser Ueppigkeit zurückhielt, stirbt; der Geist erstickt im Wohlleben; das Proletariat allein bleibt roh, aber empfänglich und geistesfrisch.

Bekannte moderne Zustände?

Nein. So war die antike Welt, als das Christentum ihrer Herrlichkeit ein Ende machte.

Was die Menschen der Gegenwart betrifft, so leiden sie nicht mehr an der Genusssucht, sondern an der Arbeitssucht. Der Zweck des Lebens, ja, der Sinn des Daseins ist vollständig in sein Gegenteil verkehrt. Die durch den wahnwitzigsten Erwerb zusammengerafften Mittel werden nicht für den Genuss des Lebens verwendet, sondern um den Erwerb selbst noch umfangreicher, noch hetzender zu gestalten. Die Menschen treiben längst keine Geschäfte mehr, sondern längst treiben die Geschäfte die Menschen. Die antiken Religionen bezweckten wenigstens eine glückliche Entwicklung der physischen Lust; wir aber haben angeblich die Seele und die Hoffnung entwickelt. Heute haben die Ueberfüllung des menschlichen Kopfes, die Menge und der Widerspruch der Lehren, die Uebertriebenheit des Gehirnlebens, die sesshaften Gewohnheiten, die künstliche Verfassung und fiebrige Ueberreiztheit der Grosstädte die Nervenmaschine überanstrengt, das Bedürfnis nach starken und neuen Erregungen übertrieben und dumpfe Traurigkeiten, unbestimmtes Trachten und Sehnen und unbegrenzte Gelüste entfaltet. Der Mensch ist nicht mehr, was er war und was er vielleicht immer hätte bleiben sollen: ein Tier hoher Art, zufrieden damit auf dieser Erde, die ihn ernährt und unter dieser Sonne, die ihn bescheint, zu handeln und zu denken. Er ist ein wunderbares Gehirn geworden, eine unendliche Seele, für den die Glieder nur Anhängsel und die Sinne nur Diener sind, unersättlich in seiner Wissbegierde und in seinem Ehrgeiz, immer auf der Suche und eroberungsdurstig, ergriffen von Schaudern und Ausbrüchen, die seinen tierischen Bau erschüttern und seine körperliche Stütze zerstören, mit allen Sinnen herumirrend bis an die Grenzen der wirklichen und bis in die Tiefen der eingebildeten Welt, bald berauscht und bald niedergedrückt von der Unermesslichkeit seiner Errungenschaften und seines Werkes, auf das Unmögliche versessen oder in den Beruf eingesperrt, in tiefe, schmerzliche und grossartige Träume hinausgeschleudert, oder eingezwängt durch den Druck seiner sozialen Kammer und ganz nach einer Seite verkrümmt durch Besonderheiten und Monomanien.

Die Lust am Spektakel und die Freude an lauten oder sinnlosen Vergnügungen ist nichts als eine Folge dieser übermässigen, aufreibenden und abstumpfenden Arbeit. Denn gleichwie ein abgespannter Körper durch immer grössere und unerhörte neue Reize aufgepeitscht werden muss, wenn er genussfähig sein soll, büsst am Ende auch der Geist durch das beständige Hetzen und Jagen im Dienste des Erwerbs die Fähigkeit ein für einen reinen, edlen und ruhig gestalteten Genuss. Die Erholung des Geistes bekommt unwillkürlich ein ebenso fieberhaftes Gepräge, wie das Gewerbe, und sie wird genau so wie die Erwerbsarbeit in den dazu bestimmten Tagen und Stunden pflichtmässig absolviert.

Das ist die eine Seite.

Andererseits ist nicht zu verkennen, dass eben durch dieses Gehetze ungeheure Leistungen vollbracht werden, die – vielleicht – für eine spätere Zeit die Früchte einer höheren Kultur reifen lassen werden. Würden die Besitzer eines mässigen Vermögens sich aus dem Erwerbsleben zurückziehen und bei ruhigem Lebensgenuss, in welchem Maass und Würde ist, fortan ihre Musse dem Allgemeinwohl, er Kunst und Literatur zuwenden, so würden sie ein schönes Dasein führen und eine edle Kultur besitzen, die sie solchermaassen dauernd erhalten könnten. Und dadurch allein würde unsere Periode einen Gehalt gewinnen, der den Kulturgehalt des klassischen Altertums bei weitem überwiegen würde.

Wenn die bereits ins Unermessliche gewachsene Kraft unserer Dynamos und die durch Arbeitsteilung bis in das Feinste vervollkommneten Leistungen des Menschen darauf verwendet würden, um Jedem das zu geben, was notwendig ist, um das Leben erträglich zu machen und dem Geist die Musse und die Mittel zu seiner höheren Entfaltung zu bieten, so wäre vielleicht schon jetzt die Möglichkeit vorhanden, ohne Beeinträchtigung des Fortschritts und der geistigen Aufgaben der Menschheit, die Segnungen der Kultur über alle Berufe und Klassen zu verbreiten.

Allein dadurch, dass alsdann dem Geschäftsleben wahrscheinlich grosse Kapitalien entzogen werden würden, ist dafür gesorgt, dass dies eine Utopie bleiben wird, der Traum von einem Reich, in das nur Wenige gelangen können.


 

IV. Die Notwendigkeit des Luxus.

Die Königin Elisabeth war hocherfreut und überrascht, als sie 1560 das erste Paar seidener Strümpfe als Neujahrsgeschenk erhielt: heutzutage hat jeder Handlungsdiener dergleichen. Vor fünfzig Jahren trugen die Damen eben solche kattunene Kleider, wie heutzutage die Mägde.
Schopenhauer

 

Kurt und Alfred hatten ein Gespräch über Zivilisation und Kultur geführt und ihre Plauderei drohte schliesslich in einen hitzigen Wortstreit auszuarten. Kurt lenkte ab und kam auf den Luxus zu sprechen, den er nur als eine Begleiterscheinung der Kultur gelten lassen wollte, deren man ohne Einbusse entraten konnte. »Nach meiner Meinung hat der Kulturmensch dem Luxus eine übertrieben hohe Bedeutung beigelegt,« sagte er. »Nein, eine viel zu geringe,« widersprach Alfred, »denn die verschiedenartige Entfaltung des sogenannten Luxus ist ein guter Gradmesser für den jeweiligen Kulturzustand. Und streng genommen, gibt es überhaupt gar keinen Luxus.«

Kurt: Das sind Meinungen, und Meinungen sind ein Tauschhandel mit Worten, bei dem im seltensten Falle ein positiver Gewinn erzielt wird.

Alfred: Wenn du sagst, der Luxus sei überflüssig, so ist das ein Verkennen des Wesens dessen, was man unter Luxus versteht. Denn Luxus treiben heisst: sich nach Maassgabe der Mittel, über die man jeweils verfügt, alle Annehmlichkeiten verschaffen, die die Zivilisation uns bereitet hat. »Ueberflüssigen« Luxus kann sich niemand gestatten, denn was dem Armen in der Lebensführung des Reichen als »überflüssig« erscheint, ist für den Reichen Lebensbedingung. Luxus und Ueberfluss gibt es nur im Hinblick auf Dinge, die ich mir selber nicht gestatten kann. Alles, was ich nicht besitze, erscheint mir bei dem, der es sein Eigen nennt, Luxus. Weil ich arm bin, erscheint mir die Lebensführung meines Freundes L... luxuriös; aber L... wird dir beweisen, dass er im Verhältnis zu seinem Freunde Th... sehr bescheiden lebt, der seine Autos und seine Pferde, seine Kokotten und seine Lakaien, seine Villen und seine Weinkeller, seine Launen und seine Freunde hat – denn auch Freunde kosten Geld und sind ein Luxus.

Kurt: Wenn das eine Anspielung sein soll –

Alfred: Beileibe nicht! Ich führe nur Tatsachen an und zeige dir, wie dehnbar der Begriff des Luxus ist. Du möchtest dich an die einfachsten Beispiele halten und etwa sagen: Fünfzig Schlösser zu besitzen, sei Luxus; die Hälfte wäre genug; schon der zehnte Teil wäre genug.

Kurt: Ich halte es sogar für Luxus, fünf Schlösser zu besitzen.

Alfred: Nein und ja. Es kommt natürlich –

Kurt: – auf die Verhältnisse an?

Alfred: Nein, auf das Verhältnis, das man zur Welt hat. Die Frau eines Bourgeois kommt beispielsweise mit sechs Kleidern im Jahre aus; eine Dame von Welt kaum mit dreissig; nicht weil sie sie wirklich nötig hat, sondern weil ihre Stellung sie dazu zwingt; weil die Welt es von ihr fordert. Kein König wird zu einer Mahlzeit mehr als drei Pfund Fleisch verzehren, aber er muss zwanzig Pfund auftragen lassen. Wenn ein Sultan sich einen Harem von tausend Frauen hält, heisst das nicht, dass er alle tausend Frauen besitzt.

Kurt: Ich verstehe. –

Alfred: Und was ist denn überhaupt überflüssig? Kunst? Jeder Schmock wird dich eines Besseren belehren. Theater? Sophokles, Aristophanes, Shakespeare, Molière und noch ein paar ausserordentliche Genies, die die Menschheit besitzt, haben ihr Leben dem Theater gewidmet. Selbst die Bälle sind nicht überflüssig. Sie schaffen eine sexuelle Spannung; diese Spannung führt zu Ehen oder sie regen doch mindestens den Fortpflanzungstrieb an. Badereisen etwa? Ich mache eine Karlsbader Kur durch, nehme zwanzig Pfund ab, die ich den Winter darauf wieder zunehme und den folgenden Sommer wieder abnehme. Das scheint überflüssig.

Kurt: Dieser Kreislauf lässt sich leicht begründen.

Alfred: Begründen lässt sich alles; es dreht sich hier um die Frage, was überflüssig ist, da wir das Ueberflüssige als das eigentliche Wesen des Luxus erkannt haben. Viele emanzipierte Blaustrümpfe wollen zum Beispiel keine Kinder kriegen; folglich ist der Eierstock, den ihnen die Natur mitgegeben hat, für sie überflüssig. Nach der Meinung der meisten Aerzte, deren Wissen ich nicht unbedingt für allumfassend halte, ist der Blinddarm ebenfalls überflüssig. Wenn ich weiss, dass mich absolut gar nichts vor dem Tode retten kann, ist schliesslich das ganze Leben überflüssig; aber ich zeuge Kinder, die wiederum gar nichts vor dem Tode retten kann.

Kurt: Das ist ein Naturgesetz.

Alfred: Selbstverständlich; aber ein »überflüssiges«. Oder kennst du den Grund, warum es so ist?

Kurt: So betrachtet, wäre das ganze Universum überflüssig.

Alfred: Tatsächlich ist es so. Am Anfang schuf Gott zwar Himmel und Erde, aber es wird nicht gesagt, wozu er sie schuf. Langweilte er sich allein und wollte er ein Spielzeug haben? Es gibt Philosophen, die zu dieser Annahme neigen. Andere meinen, er wollte Macht haben und dazu brauchte er notwendig Kreaturen, die ihn anbeteten. Aber sind das Gründe, um derentwillen Gott eine Welt macht? Kein klardenkender Kopf vermag für die Schöpfung einen plausiblen Grund anzugeben. Jedenfalls wird nichts davon gesagt, dass Gott die Schöpfung für notwendig hielt. Kein Naturforscher wird finden, dass das Universum notwendig war. Im Gegenteil, wenn du zu den letzten Fragen hinabsteigst, wirst du finden, dass die ganze Welt höchst überflüssig ist, denn eines Tages wird sie, so gewiss wie da droben der tote Mond schwimmt, ebenfalls als ein leuchtender Riesensarkophag im All kreisen. Das ist der Standpunkt der Yoghi und der buddhistischen Priester, denen im Nabelbeschauen die ganze Welt versinkt. Wenn der Moses des Michelangelo, Beethovens Symphonien und Goethes »Faust« nach zehntausend Jahren tot und vergessen sind, wenn die gesamte Wissenschaft von heute durch die neuen Resultate von morgen abgetan ist, kurz, wenn die ganze Weltgeschichte eines Tages ihre Rolle ausgespielt hat, ist es dann nicht sehr gleichgültig, ob ich mich während meines Lebens mit »höheren Dingen« beschäftigt habe, oder mit Kegelschieben? Gott – wenn er existiert – kümmert sich wenig um unser Tun; es kann für ihn keine andere Bedeutung haben, als das Gekrabbel der Ameisen. Er schaut dem Jahrmarkt, den er sich zur Unterhaltung hervorgezaubert hat, eine Weile zu und wirft eines Tages die Puppen in den Orkus!

Kurt: Du bist ein Zyniker.

Alfred: Ein Mensch, der ohne Metaphern die Wahrheit sagt, ist also ein Zyniker. Die Gelehrten drücken sich anders aus; ich weiss es. Aber es kommt mir nicht auf den Wortlaut an, sondern auf den Beweis, dass vom Standpunkt des Endes aller Dinge, das Universum durchaus überflüssig ist. Vollends unser Erdball, der eines Tages ein toter Gesteinshaufen sein wird, gemäss dem Gesetze, dass alles, was entsteht, zugrunde gehen muss; dass alles, was einen Anfang hat, auch ein Ende haben muss.

Kurt: Aber das Universum ist da.

Alfred: Das kann nur heissen, dass man sich, weil es nun einmal da ist, mit ihm abfinden muss; ebenso wie mit den Krankheiten, Flöhen, Erdbeben und so weiter. Dann kommen wir darauf hinaus, dass allem Ueberflüssigen also doch eine Art Notwendigkeit innewohnt. Nichts ist überflüssig; sogar die Verbrechen sind notwendig.

Kurt: Im Sinne der Utilitarier. Weil es ohne Verbrechen keine Richter gäbe, keine Staatsanwälte, Verteidiger, Schutzleute, Schreiber, Gefängniswärter.

Alfred: Das ist das Wenigste. Denn die Verbrecher sind ja auch erst eine Folge der Eigentumsidee.

Kurt: Sie sind die lebendig gewordene Empörung gegen die ungerechte Verteilung der Güter.

Alfred: Es gibt keine ungerechte Verteilung. Es gibt nur Kraft und Schwäche, Klugheit und Dummheit, Sieger und Besiegte. Die ganze Welt beruht auf Raub und Diebstahl. Und das Erhaltungsprinzip in der Natur basiert auf dem teuflischen Gesetz, dass einer den anderen fressen muss. Um diese unästhetische, aber nichtsdestoweniger seit Urbeginn des Daseins fortbestehende Angelegenheit zu beschönigen, hat man die Religion erfunden, die Moral, die Zivilisation und die Kultur, mehr oder minder grosse Lügen, die eine mehr oder minder grosse Suggestion ausüben. Und denjenigen, der sich um diese ganze Seelenästhetik und Gefühlsphilosophie nicht kümmert und der durch seine Handlungen beständig an die primitive Form des Problems erinnert: dass einer den anderen fressen muss, hat der Trust der Moralisten »Verbrecher« genannt. Hätte man das nicht im Namen der Religion, der Moral, der Kultur und so weiter getan, sondern im Namen des berechtigten Egoismus, so wäre man weniger unehrlich gewesen. Aber Ehrlichkeit ist ein Luxus, den sich die Wenigsten gestatten können. Denken wir eine Minute lang – länger wäre es unerträglich –, wir würden unseren Luxus, unsere Kultur und unsere Zivilisation aufgeben, lebten wie die Einsiedler, ässen Wurzeln und wohnten in Erdhöhlen. Wären wir in tausend Jahren – in tausend? – nicht wieder auf der Stufe der primitiven Wilden? Oder denke, wir lebten wie die Elenden. Aber unsere Geliebte möchte gern ein besseres Kleid und zum Brote Kaviar und anstatt der Strohmatte ein Bett. Wir beginnen also, es zu erringen. Wir kämpfen, lügen, arbeiten, – kurz, wir werden eines Tages ihre Wünsche erfüllen. Und bald darauf geht es unserem Nachbar mit seiner neidisch gewordenen Geliebten ebenso.

Kurt: Wo soll das hinaus?

Alfred: Luxus ist der verkörperte Gewinn des Lebenskampfes geworden. Wenn du das Leben genau betrachtest, wirst du finden, dass der Luxus stärker ist als alle Tugend und dass er die Gewissensbisse rasch verscheucht. In einer wilden Zeit kämpfte man um Zivilisations- und Kulturwerte. Heute kämpft man um den Luxus, um das Wohlleben.

Kurt: Ein schönes Ideal!

Alfred: So gut wie jedes andere, denn ein Ideal will ja auch gar nicht seine Verwirklichung. Die Idee des Christentums ist beispielsweise auch ein Ideal; das heisst unter einer Million Christen jagen nicht drei diesem Ideal nach.

Kurt: Die Idee des Christentums beruht auf inneren Werten; aber der Luxus bleibt doch immer etwas Aeusserliches.

Alfred: Im Gegenteil! Alles ist Luxus, was über das rein tierische Bedürfnis hinausgeht. Da aber selbst die Tiere eine jeweils verschiedene Lebensweise führen, nämlich die ihnen und ihren Bedürfnissen gemässe, muss man auch dem Menschen diese Variationsmöglichkeit zugestehen. Wenn einem Bauern sein ranziger Speck gut schmeckt, so beweist das nicht, dass ich, wenn ich bei Hiller diniere, luxuriös lebe. Der Bauer würde sich an meinem Diner den Magen verderben und ich mir den meinen an seinem Speck.

Kurt: Du schätzest also den Reichtum?

Alfred: Ich überschätze ihn sogar, denn nur dadurch bekommt er einen Sinn. So wie alle Asketen und Einsiedler die Armut überschätzen. Sie befriedigt in ihnen eine Art geistiger Wollust. Denn Asketismus ist ja auch nichts anderes als religiöser Luxus.

Kurt: Das heisst die Dinge auf den Kopf stellen.

Alfred: Vielmehr, sie von einer neuen Seite sehen. Du weisst, dass die Gesundheit ein Gut ist, das nur der Kranke schätzt. Ebenso ist der Asketismus ein höherer Epikuräismus und das Fasten eine verfeinerte Schwelgerei. Das Fleisch wird gepeinigt, um desto stärker seiner bewusst zu werden. Es abtöten wäre Gotteslästerung, denn Gott hat nicht nur den Geist geschaffen, sondern auch das Fleisch. Die Geschichte der Heiligen beweist, dass der höchsten religiösen Ekstase die höchste sinnliche Ekstase immer sehr nahe ist, ebenso wie dort, wo der höchste Luxus herrscht, auch die geringste Fähigkeit besteht, ihn zu geniessen.

Kurt: Wieso das?

Alfred: Weil man keine Distanz mehr dazu hat. Er ist etwas ganz Selbstverständliches geworden, wie die Zahnbürste, und man wird sich seiner ebensowenig mehr bewusst, wie sich ein gesunder Mensch des Atmens nicht bewusst wird oder wie sich ein Reisender der Hotelbedienung und des Trinkgeldgebens nicht mehr bewusst wird.

Kurt: Dieser letzte Vergleich stimmt nicht, denn sonst würde die Trinkgeldfrage nicht ewig aktuell sein.

Alfred: Das kenne ich. Jedes Jahr, seit man reist, entdecken einige entartete Kellner, dass es unter ihrer Würde sei, Trinkgeld anzunehmen und einige geizige Filze sehen eine Plage in diesem Trinkgeldgeben.

Kurt: Ich kann mir einen Standpunkt denken, von dem aus der Kellner und der Geizige recht haben. In der Tat degradiert sich der Kellner, wenn er Trinkgeld nimmt.

Alfred: Aber nicht doch! Trinkgeld nehmen ist das Privileg seines Standes.

Kurt: Ich finde es unwürdig.

Alfred: Warum denn? Der Kellner hält es ja für deine Pflicht, dass du Trinkgeld gibst. Du bist ihm vollkommen gleichgültig, bis zu dem Augenblick, wo du ihm, um ihn nicht zu demütigen, nichts gibst. Er hat keine Hochachtung vor dir, wenn du ihm kein Trinkgeld gibst, sondern er verachtet dich. Er denkt: Du Tölpel glaubst, ich sei, weil ich dich bediene, dein Diener oder stünde auf einer niedrigeren Stufe. Du irrst. Ich bin vielmehr – und so weiter. Kurz, er denkt über deine Lage nach. Er zieht dich zu sich herab, bringt dich noch unter sich. Kurz und gut: er denkt, und ein Diener, der denkt, den hole der Teufel. Gibst du ihm aber das gebührende Trinkgeld, so hast du ihn wirklich zu dem gemacht, was er sein soll: zu deinem Diener, zu einem unpersönlichen zufriedenen Wesen, das keine Sekunde lang über dich nachdenkt und dem du keine Veranlassung gibst, auch nur eine Sekunde lang über sich oder über die Standesunterschiede nachzudenken, die euch trennen. Du hast ihn als Individuum ausgelöscht. Er ist ein Luxusgegenstand für dich geworden; eine Annehmlichkeit, die Geld kostet, wie jede Annehmlichkeit. Ihr kennt euch gar nicht, wenn ihr auseinandergeht. Das Kunststück ist nur: nicht zuviel Trinkgeld zu geben, jedem vielmehr nur, was ihm nach Würde, Arbeit und Rang gebührt. Ein Mensch von Kultur hat das im Gefühl. Denn auch hier musst du auf die weite Skala des Luxus achten. Ein erstklassiges Hotel verlangt andere Formen, als ein Hotel dritten Ranges und die Diener stufen sich ab, je nachdem der Ruf des Luxus ist, in dem das Hotel steht. Gibst du zu viel Trinkgeld, so dankt man dir, indem man dich für einen Idioten hält. Folglich behandelt man dich auch wie einen Idioten und du – das ist das fatalste! – darfst dann überzeugt sein, dass du auch wirklich einer bist.

Kurt: Es ist alles relativ, willst du sagen.

Alfred: Ich will sagen, dass man den Luxus nicht verurteilen kann, da man nie weiss, wo er anfängt überflüssig zu werden oder wo er eine Notwendigkeit ist. Vor allem aber will ich sagen, dass das Geschrei gegen den Luxus, welcher Art er auch immer sei, nur einem Tolstoi ansteht und ähnlichen Barbaren.

Kurt: Du nennst Tolstoi, der dem Evangelium nachlebte, einen Barbaren?

Alfred: Jeder, der unsere Kultur beschimpft, ist ein Barbar, und wenn er sich noch so intensiv auf Jesus beruft. Weil im Evangelium nicht von Shakespeare und Beethoven die Rede ist, schimpfte er auf beide. Da es ihm lediglich auf eine sogenannte Moral in der Kunst ankam, hat er ein ganzes Buch gegen Shakespeare als unmoralische Erscheinung schreiben können. Er fertigt Goethe mit der Wendung ab, dass ihm die sittliche Grundlage fehle; er verdammt Maupassant als einen verderblichen Schriftsteller, lobpreist aber Paul de Cock, weil er in seinen faden Obszönitäten zum Schlusse nie vergisst, die Tugend zu belohnen. Ich leugne nicht, dass das originell ist. Es passte auch in sein Bild, den Bauer zu spielen und sich in die Pose des Einsiedlers einzuleben. Jeder, der geistig kopfsteht oder den Tag Nacht nennt oder das Grade krumm, wird die Menge als Zuschauer haben. Aber den Menschen, die Kultur haben, wurde dieser russische Fanatiker mit samt seinem Rousseauschen Geschrei »Zurück zur Natur!« zu einer ungeniessbaren Kuriosität.

Kurt: Du hassest ihn, sehe ich.

Alfred: Ich hasse alle Unkultur. Und weil sie in dem Falle von einem gepredigt wurde, der sich auf Grund starker Dichtungen einen berühmten Namen gemacht hat, so liegt die Gefahr nahe, dass ihn, den philosophischen Schriftsteller, von tausend Menschen, die ihn gegen alle Kultur geifern hörten, noch immer zehn ernst nehmen. Dass er Unsinn schwatzt, hören diese zehn gar nicht; sie hören nur, dass ihn derjenige schwatzt, der sich einst diesen grossen Namen gemacht hat. Ihn hassen! Würdest du den hassen, der heute darauf bestehen würde, dass man Messer und Gabel abschaffe, Fensterscheiben, Bücher, die Einrichtung der Post, die D-Züge? Denn das alles war doch vor noch gar nicht langer Zeit arg verpönter Luxus. Montaigne spottet über das Taschentuch und empfiehlt statt dessen die Nase mit Zeigefinger und Daumen zu schneuzen. Niemand ass vor dem Jahre 1000 n. Chr. mit einer Gabel. In Deutschland war sie noch im vierzehnten Jahrhundert ein Luxusgegenstand. Aber selbst am Tische Tolstois hättest du nicht mehr mit den Fingern in die Schüssel greifen können. Gewisse Gesetze des Luxus anerkannte also auch er.

Kurt: Wo sie notwendig sind.

Alfred: Wo man den Fortschritt nicht mehr erkennt, den sie gegen eine frühere Epoche bedeuten. Denn dass die Gesetze des Luxus notwendig sind, habe ich bereits gesagt. Die Geschichte des Luxus ist die Geschichte des Fortschritts, wobei ich dich bitte, darauf zu achten, dass ich niemals von Protzentum spreche, sondern von Luxus. Zwischen den beiden Formen ist ein Unterschied, wie zwischen dem Gecken und dem Weltmanne. Protzen heisst, für Luxus kein Verständnis haben, denn Luxus ist vornehm illustrierte Unabhängigkeit.

Kurt: Wer ist unabhängig?

Alfred: Im absoluten Sinne freilich niemand: weder Gott, noch Mensch, noch Tier, noch Strauch, noch Fels. Alle Wesen und Dinge brauchen einander und stehen in irgendeinem Abhängigkeitsverhältnis zueinander. Nach der allgemeinen Definition ist freilich derjenige unabhängig, der ein grosses Vermögen besitzt.

Kurt: Demnach werde ich nie unabhängig sein. Ich glaubte, um unabhängig zu sein, genüge es, dass ich mich unabhängig fühle, und es komme nicht darauf an, dass andere mich dafürhalten.

Alfred: Im Gegenteil! Deine Unabhängigkeit hängt ausschliesslich von der Meinung der Anderen ab. Du hast kein hohes Bankkonto nötig; wenn du es nur geschickt vorzutäuschen verstehst, so wird das vollkommen genügen, dir deine Unabhängigkeit zu sichern. Wenn du dagegen verwahrlost umherläufst, so nützt dir dein Unabhängigkeitsgefühl nicht viel. Jeder Schneider, den du unbezahlt zurückschickst, nimmt es dir.

Kurt: Das empfinde ich nicht so.

Alfred: Das liegt an deinen schlechten moralischen Grundsätzen, und weil du nicht die Verpflichtung hast, Luxus zu treiben. Du hast nur einige Bedürfnisse, die über das Tierische hinausgehen. Du bist ein deklassierter Mensch. Oder, um es kürzer zu sagen: Du bist ein deutscher Dichter. Und ich spreche vom Luxus – –


 

V. Die Symphonie der Zeit.

Aufwärts durch die tausendfachen Stufen!
Schiller

 

Voll Ehrfurcht und Bewunderung stehe ich vor jenen starken und zukunftsfrohen Menschen, die ihr Leben für eine Idee hinopfern, und jenes törichte Geschwätz Lügen strafen, es gäbe keine Helden und Märtyrer des Gedankens mehr. Wenn es von grossem Heroismus und ekstatischer Begeisterung zeugt, sein Leben zu wagen für eine Sehnsucht, die vielleicht gestillt werden könnte, so bewundere ich die kühnen Luftschiffer, die sich den Unberechenbarkeiten der Lüfte aussetzen und sich einem Motor überantworten, der sie in einem seiner launischen und tyrannischen Anfälle besinnungslos zum Tode verurteilt. Die Welt zu erobern bis zu den Sternen hinauf! Tausend Gefahren und Tode nicht scheuen! Nur von einem gewaltigen Machtgelüst und von gierigen, unbestimmten Hoffnungen beseelt, fliegen diese Fürsten der Kühnheit, Verächter des Todes und Meister des praktischen Denkens, obwohl sie genau wissen, dass jeder Schritt vorwärts, jede neue, menschliche Machtentfaltung mit unsäglichen Leiden und mit vielen Lebensopfern bezahlt werden muss. Ist es nicht eine bewunderungswürdige Tat – bewunderungswürdig wie irgendeine grandiose Leistung der Renaissancemenschen – sich mit einem gebrechlichen Fichtengestänge in die Lüfte zu erheben, und sein Leben einem Chaos von Holzrippen und Drahtsehnen anzuvertrauen, um darauf zu fliegen! Zu fliegen, obwohl sich tausend warnende Hände zu den Verwegenen emporrecken, tausend flehentliche Bitten sie zurückrufen möchten von dem pfad- und weglosen Ozean der Luft, und obwohl die Geschichte des menschlichen Fortschrittes ihnen entgegenschreit, dass alle bedeutenden Werke der Kultur Schweiss und Blut gekostet haben. Und doch! Während unser Motor – das Herz! – mit dem Herzen des Flugapparates um die Wette hämmert, während man um das Leben zittert, das hier leicht in die Schanze geschlagen wird, füllt sich der Mund mit lautem Jubel: wir fliegen! Wenn das tiefe Gesumm der Propeller die wachsende Trunkenheit des hölzernen Vogels verrät und seine geheimnisvolle elektrische Seele dem Himmel zustrebt, dann erleben wir ein neues, seltsames und unbeschreibliches Entzücken. Die glänzenden Augen der Aeronautiker, ihre straffen Muskeln, ihre lauernden Sinne, ihr ruhelos arbeitendes Gehirn, kurz ihr ganzes Wesen lechzt danach, die Prophezeiung Leonardo da Vincis, eines der frühesten Aeronauten, wahr zu machen: »Es wird seinen ersten Flug nehmen der grosse Vogel, das Universum mit Verblüffung, alle Schriften mit seinem Ruhme füllen, und ewige Glorie sein dem Neste, wo er geboren ward.«

Brauchen wir noch immer das Kostüm des Vergangenen, um das Heroische und das Schöne der Gegenwart zu bekleiden? Wenn wir starke Menschen schildern wollen, müssen wir dann nach dem Florenz des sechzehnten Jahrhunderts zurück? Und wo es gilt, der Schönheit einen Hymnus zu weihen, müssen wir dann nach Griechenland flüchten? Wagen nicht Tausende alltäglich ihr Leben in einem gefahrvolleren Kriege, als es je ein Krieg zweier Heere sein kann? Hat nicht alles einen Willen, ein Ziel? Tausende Klafter unter dem Boden die versteinerten Wurzeln der Erde blosszulegen, die schwarze Brust aufzureissen, und die Eingeweide der Erde – die Kohle – an den Tag zu bringen, ist das alles ohne Heroismus und alles Mutes bar? Und in den Hochöfen den Hammer schwingen, Eisen schmieden, es zu Stahl verhärten, Schienen und Walzen bauen, und die tausend Dinge der Industrie herstellen, die uns das tägliche Leben so angenehm machen – ist das nur unserer Verachtung wert?

Ihr preist mir Siegfried und Roland und König Artus. Wer ist mir Siegfried? Hekuba! Und Roland? Ein Name; höchstens ein Symbol! Ich suche die Recken meiner Zeit und die Riesenmeiner Tage. Mir scheint ein machtvoller Kreuzer, ein modernes Warenhaus, ein Luftschiff ebenso schön und kühn wie ein Florentiner Palast oder ein gotischer Münster oder ein philosophisches System. In unseren Domen spielt die tausendstimmige Orgel der Arbeit ihre kampffrohen Choräle, und unsere Helden und Zauberer, Drachentöter und Himmelstürmer heissen Zeppelin und Wright, Helmholtz und Virchow, Pasteur und Berthelot, Edison und Röntgen, Koch und Ehrlich usw.

Aber die meisten Dichter der Gegenwart finden die Taten solcher Männer nicht würdig der Poesie, und sie meinen, es sei wunderbarer, einen richtigen Märchendrachen zu töten, der eine Jungfrau fressen wollte, als dem viel gefährlicheren Drachen unserer Zeit – dem Bazillus der Seuchen – zu Leibe zu gehen, der schon viele Millionen Menschen gefressen hat. Sie sprechen von der Industrie und der Maschine, von der Wissenschaft und Technik, wie der Bauer vom Gottseibeiuns. Was ist ihr Ziel? Erfolg! Ihr Streben? Geld! Ihr Ideal? Ruhm! Ah! – Mögen sie weiterhin alle Göttinnen der griechischen und nordischen Mythologie vergewaltigen! Was bedeutet das? Der kleine Ehrlich hat in stiller Lebensarbeit mehr für die Menschheit getan, als zehntausend ihrer Dichter. Würden sie die Menschheit vom Krebs befreien, vom Krieg, von der Todesstrafe und von dem vielen anderen Unrecht, das noch in Uebung ist, so würden sie die Götter der kommenden Jahrhunderte sein. Sie klagen darüber, dass der Demokratismus die Individualität töte, die Maschine alle Poesie aus dem Leben hinaushämmere. Und dennoch fahren sie von hier nach Italien lieber mit dem Blitzzug als mit der Postkutsche, und wenn ihnen das Geld ausgegangen ist, bedienen sie sich recht gern des Telegraphen. Dann rückt das Technische in die Sphäre des Poetischen. Der Dichter, der die winkligen Höfe besingt, die dumpfigen Dachkammern und die verfallenen Wendeltreppen, die verwilderten Gärten und die moosbewachsenen Dächer, liebt den Komfort des modernen Hauses, den üppigen Luxus unserer Tage und alle die Behaglichkeiten, die das verachtete, maschinelle Zeitalter geschaffen hat. Ein echter Dichter mag nichts von Technik wissen, doch ihre Vorteile nützt er gern.

Ruskin predigt, man solle die Fabriken niederreissen; Tolstoi negiert alle Kultur und Zivilisation und weist uns auf den primitiven Menschen hin, der sich seine Bedürfnisse selber zu schaffen weiss. Aber wir, die in den Städten leben und das wilde Rauschen und Branden vernehmen; die wir rotierende Blutstropfen sind in den Herzen dieser steinernen Ungetüme, wir können nicht mehr zum Pfluge zurück, wie Tolstoi. Wir können die Entwicklung nicht verneinen, die wir durchlaufen haben; wir denken und fühlen mit der Gegenwart, und wenn wir die grossen Vergangenheitswerte verloren haben, wollen wir sie durch neue zu ersetzen versuchen.

Ist denn der ethische Mystizismus und der alles verneinende Asketismus Tolstois wirklich die höchste Höhe menschlicher Entwicklung, wie manche Dichter meinen? Was zeichnet uns Menschen, die wir nun einmal in einen sterblichen Leib verhaftet sind, von allen anderen Lebewesen aus, wenn nicht die Arbeit an einem Vorwärts und Aufwärts! Auch wir sind im tiefsten Innern von der Nichtigkeit und Vergänglichkeit aller Kunst, aller Wissenschaft und aller Religion durchdrungen. Aber es ist unmöglich, sein ganzes Leben unter diesem lähmenden Gesichtspunkt zu verbringen und die Welt beständig vom Standpunkt des Sirius aus zu betrachten; sonst müsste man mutig genug sein, die Konsequenzen zu ziehen; müsste sich methodisch zurechtsetzen und, wie die indischen Yoghi und Fakire, über dem Beschauen seines Nabels die ganze Erde vergessen. Unser fieberndes Gehirn fordert Arbeit, und unsere Seele dürstet danach, sich aufzuschwingen; sie will ihre Expansionskräfte entfalten, will das Leben tausendfältig leben und fühlen.

Aber in der Dichtung ist allmählich das Vergangene zum Erhabenen geworden. Das Hellenentum, die Renaissance, die Postkutschenzeit usw., das waren und sind die Kulturen und Epochen, an denen man sich begeistert, während man alles Moderne als eine greuliche Entartungsform flieht.

Ein paar neuere Dichter haben freilich auch das donnernde Getöse der grossen Maschinen, das Pochen des ehernen Herzschlages, die blitzschnelle Rotation der ungeheuren Räder, das Fauchen, Keuchen und Zischen der Dampfkessel, das Stöhnen und Heulen des Pistons, das zornige Schwirren der Treibriemen, kurz den ganzen höllischen Tumult der Dynamos in die poetische Sphäre erhoben; aber diese Whitman, Verhaeren, Joh. V. Jensen haben nur den imposanten Lärm der Technik besungen. Ihnen sind die Maschinen selbst, und nicht etwa das, was sie leisten, ein Symbol der Lyrik unserer Tage und der hämmernde Takt der Motore, dieser energische Gesang einer gebändigten, organisierten Energie, reisst sie zu masslosen Uebertriebenheiten hin.

Wir aber bewundern am Telephon oder Telegraphen nicht das Drahtnetz, das Röhrenlabyrinth, die Taster und Masten; aber dass wir von der Schweiz mittels dieser hässlichen Drähte persönlich nach Norwegen und Rom sprechen können, und dass ein Gedanke blitzartig ganze Erdteile überspringt, und eben in Europa gedacht, ein paar Stunden später in Amerika ausgeführt werden kann, das scheint uns mindestens so bewundernswert, wie selbst die hervorragendste Dichtung oder Malerei irgendeiner Epoche. Der Maschine selbst, diesem lärmenden Eisenriesen, gehört nicht unsere Begeisterung; aber wie sie Holz und Lumpen in Papier verwandelt, aus Rüben Zucker macht, Schiffe treibt, Züge befördert, den Hanf des Feldes zu Hemden verarbeitet, Strümpfe strickt, Kleider webt, Felsen zerklüftet, Bücher druckt, wie sie plättet, kocht, drischt, mahlt, sägt, feilt, beisst, formt, fliegt, rennt, baut, zerschmettert, heilt, – kurzum, wie sie menschliche Ideen in Taten umsetzt, das ist wohl der Achtung aller Dichter und Künstler wert.

Unser Traum ist der grosse Mensch; mag er Künstler sein, Gelehrter, Erfinder oder Entdecker. Wenn in unserer alten Erde das Radium entdeckt wird, ist der Gewinn für uns alle ebenso gross, wie wenn wir eine neue Welt entdeckten.

Unsere Sehnsucht ist die grosse Seele; mag sie ihren Betätigungsdrang äussern, wie sie will. Die Künstler, Gelehrten, Erfinder und Entdecker, sie alle bahnen, jeder auf seine Art, einen Weg zur Grösse und zu veredeltem Menschentum. Wie Pflanzen die Mineralien in Nahrungsstoffe für Tiere verwandeln, so zieht jeder Mensch aus den ihm gegebenen Möglichkeiten die Samen des Wissens, der Künste und der Arbeit, die er unter die Menschheit streut.

Unsere Hoffnung ist der grosse Geist; mag er sich in noch so unerhörten, noch so neuen Formen entfalten. Die Funktionen des Intellekts stehen in engen Wechselwirkungen zueinander; ein Goethe ist undenkbar ohne seine grosse Gelehrsamkeit, ein Edison ohne die Phantasie eines Dichters, ein Poe ohne seine Mathematik. Die Helden des Gedankens und die Helden der Tat, alle arbeiten sie an der Entwicklung der Menschengrösse; alle weisen sie in die Zukunft; alle arbeiten daran, damit wir wachsen. Aber nicht, indem wir immer wieder die Vergangenheit beschwören; denn auch die Gegenwart entbehrt wahrlich nicht der ergreifendsten Schönheit. Eine allzu grosse Pietät hemmt uns nur, die neue Symphonie des Lebens vorurteilslos anzuhören und sie zu geniessen. Aber allzuviel Pietät ist eine Krankheit. Wir Unruhigen, Gehetzten und Fiebernden könnten nie mehr zurück in das etwas schläfrige Dasein der Postkutschen und Postillenzeit. Uns treibt es hinaus und ins Leben hinein. Dorthin, wo die Essen glühen und wo schwielige Fäuste neue Künste aus der Glut hämmern; wo kühne Experimentatoren neue Wunder der Chemie und Physik hervorbringen; wo weise Gelehrte neue Zusammenhänge im Weltall entdecken; wo aus den Werken der Kunst eine grosse Seele spricht; – kurz, überallhin, wo man im Dienste eines erhabenen Gedankens steht und bereit ist, für seine Idee zu sterben. Darum sagen uns die schwächlichen Sehnsüchte nichts mehr, und die Koketterie der Wehmütigen ergreift uns nicht mehr. Wir hören das Herz der Welt in unseren Städten zittern; wir sehen, dass rings Ideen schlummern, die, wie die verwunschene Prinzessin im Märchen, auf die Menschen warten, die sie wecken und der Menschheit zuführen sollen. Denn wenn das Leben überhaupt einen Sinn haben soll, kann es nur der sein: Vorwärts! Gleichviel auf welchem Wege; nur immer vorwärts! Der Künstler allein hat aber nicht das ausschliessliche Pachtrecht darauf, den Fortschritt der Menschheit zu beschleunigen. Unsere Gedichte werden einst ebenso zur Makulatur geworfen, wie unsere Maschinen zum alten Eisen; unsere Gemälde und Plastiken werden ebenso von der Lepra der Zeit zerstört werden, wie die Wunder der Technik; unsere Bauten sind ebensowenig für die Ewigkeit berechnet, wie die Wahrheiten der Wissenschaft. Die einzige Substanz aller Tatsachen, die am Ende übrig bleibt, ist die Idee, und die einzige Kultur, in die alle Entwicklung mündet, ist die Kultur der Seele.


 

VI. Die Vergeistigung des Materialismus.

Alle erschaffenen Dinge sind nur die Gedanken Gottes.
Poe

 

Anerzogene Theorien und Gedanken verhindern den Menschen aber oft, sich nach seiner inneren Notwendigkeit zu entwickeln und aus dem eigenen Stoff der Seele zu schaffen. Ehe er seinen eigenen Sinnen traut und auf die Eingebungen seines eigenen Geistes hört, folgt er lieber der Weisheit der Bücher und lässt sich von der Kraft der reizvollen Gedankenspiele so bezwingen, dass er begeistert sein eigenes Denken auslöscht. Kann man die tausend philosophischen Systeme, die sich widersprechen und gegenseitig aufheben, anders betrachten, als eine Art Schachspiel mit Gedanken? Machen sich die spiritualistischen Philosophen nicht ein wenig lächerlich, die, nachdem sie ihren Leib durch eine sehr gute Mahlzeit gestärkt, sich bemühen, die Materie zu verneinen? Ebenso wie die materialistischen Philosophen mit allem Aufwand ihres Geistes versuchen, den Geist zu leugnen? Ist es nicht drollig, wenn die Verteidiger der Theodizeen mitten in den furchtbarsten Katastrophen feststellen, dass diese Welt unmöglich noch besser sein könnte oder, wenn die Pessimisten sagen – was genau so richtig ist –, dass sie die entsetzlichste aller denkbaren Welten sei?

Wohin führen diese unfruchtbaren Auseinandersetzungen? Der Mensch selber bietet für jede der beiden Anschauungen unwiderlegliche Beweise; in ihm selbst vereinigen sich geistige und materielle Dinge. Nur ein Querkopf kann sich weigern, einzusehen, dass der menschliche Körper ein Stück Materie ist. Aber trotz aller Abhängigkeit der Seele vom Magen, haben die besten Magen nicht immer die besten Denker hervorgebracht. Die Anatomen finden freilich nur geringe Unterschiede zwischen dem Aufbau des menschlichen Körpers und dem der anderen Geschöpfe des Tierreiches. Aber nur ein Narr kann behaupten, dass die Vorstellung, die das Vergleichen mehrerer Gegenstände im Menschen erweckt, etwas Materielles sei. Denn die Tatsache meines eigenen Daseins überzeugt mich zugleich auch, dass viel mehr vorhanden sein muss, als nur Materie.

Ueberall gibt es Erscheinungsformen, die von unseren Sinnen erfasst werden; aber unter diesen sinnlich wahrnehmbaren Formen lebt eine Seele. Wenn man an die Kraft der Elektrizität glaubt, die dem Magneten innewohnt, kann man die Macht doch nicht leugnen, die die Seele aussendet. Ihr glaubt an die Physik, obwohl sie, wie die katholische Religion, mit einem Glaubensbekenntnis beginnt. Sie erkennt nämlich eine äussere Kraft an, die sich vom Körper unterscheidet, und dem sie die Bewegung mitteilt. Ihr seht nur die Wirkungen dieser Kraft; aber was ist sie selbst?

Die Fragen entstehen: Existierte meine Seele, ehe mein Körper geformt wurde? Oder schuf die Materie erst den Gedanken? Oder traten Körper und Seele zugleich ins Leben, wie die Flamme durch Verbrennung? Was wird nach dem Tode aus ihr? Wird sie einfach verlöschen wie eine Flamme oder auf die eine oder andere Weise ewig weiterleben? In unserem Ideenkreise gibt es keine überzeugende Antwort darauf. Ich kann früher existiert haben; ich kann früher nicht existiert haben. Meine Seele kann nach dem Ablauf des physischen Lebens weiter existieren oder sie kann es nicht. Nur soviel ist sicher: das natürliche Weltall der Dinge und Wesen endet im Menschen, und mit ihm beginnt auch schon die Wahrnehmung des Unendlichen, die eine rein geistige Welt erfassen lässt. Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das Beweise bietet für den Zusammenhang der geistigen und materiellen Welt. Die sichtbare und begrenzte Welt endet in ihm, und zugleich ist er der Anfang einer unsichtbaren geistigen Welt. Die Materie hört auf, wo die Intelligenz beginnt, und die Intelligenz sollte in das Nichts übergehen? Materie und Geist, beide sind mit einer Brücke verbunden, die über einen Abgrund führt, unter dem das Nichts gähnt. Und sowohl die geistige, wie die materielle Welt sind ewig.

Dass der Tod keine Macht über die Materie besitzt, haben schon jene tiefstehenden Völker gefühlt, die den toten Körper als das zukünftige Gefäss eines neuen Geistes betrachtet haben. Deshalb wurde dem Toten die grösste Sorgfalt zugewendet und er wurde nur aus Pietät als unrein erklärt; man wollte vermeiden, dass die Gebeine zu profanen Zwecken missbraucht werden.

Alles was Staub ist, hat einst gefühlt. Gibt es überhaupt etwas Sichtbares und Greifbares, das ohne Bewusstsein wäre? Ein Atom, das nie von Freude oder von Schmerz durchbebt war? Luft, die nie Schrei oder Sprache war? Tropfen, die nie Tränen gewesen? Der Staub war alles was wir wissen, und vieles, was wir nicht wissen können. Zahllose Male war er Sonne und Mond, Planet und Stern, Tier und Gottheit. Darum ist der Spruch: »Bedenke, o Mensch, du bist nur Staub« so seicht wie der Materialismus, der an der Schale der Dinge Halt macht. Denn was ist Staub? Bedenke, o Staub, du warst Sonne, und Sonne sollst du wieder werden! Du warst Licht, Leben, Liebe und in all dies sollst du durch die ewige, kosmische Magie wieder viele Male gewandelt werden. Von Gott sind wir und kehren zu ihm zurück, sagt Mohammed. Denn die Sonnen, die in Aeonen ihren Feuergeist verglühen, werden, wie aus allem Toten Lebendiges sich entwickelt, aus ihren Gräbern von neuem ins Dasein emporsteigen. Gestorbene Welten verzehren sich in irgendeinem Sonnenscheiterhaufen, aber aus ihrer eigenen Asche erstehen sie wieder. Diese Erde muss vergehen; ihre Meere werden Saharas sein. Aber diese Meere bestanden einst in der Sonne, und ihre toten Fluten, von dem Feuer neu belebt, werden an die Küsten einer anderen Welt donnern.

Was ist unmöglich? Weder die Träume der Alchimisten noch die Märchen der Dichter. Schlacke kann sich in Gold wandeln, der Edelstein in ein lebendiges Auge, die Blume in Brot.

Wenn der Staub der Materie zu Sonne und Stern werden kann, zu Meer und Mond, wie ist es dann mit dem Staub von Erinnerungen und Gedanken?

Denn wenn die Materie unsterblich ist, dann ist es ohne Zweifel auch der Geist und die Seele. Wenn ich in den Bekenntnissen des heiligen Augustin lese, teilt sich mir seine inbrünstige Gottesliebe wie eine Offenbarung mit, und wenn ich mich neben Dostojewski auf das Schafott stelle, leide ich alle Leiden eines zum Tode Verurteilten, auf dessen Herz bereits die Gewehrläufe gerichtet sind. Bin ich, wenn ich Platons Gastmahl lese, nicht zu demselben Symposion geladen, das er vor dreiundzwanzighundert Jahren seinen Schülern gegeben hat? Ich schlage seinen »Phädrus« auf oder seinen »Philebus« und er zieht mich in den Kreis seiner erhabenen Geselligkeit.

Weder Gedanken, noch Gefühle können sterben. Wenn wir in einsamen Nächten, die der inneren Einkehr gehören, hellsichtig werden, fühlen wir nicht nur, nein, dann wissen wir, dass unsere Ahnen in uns sind, die sich durch zahllose Atavismen zu erkennen geben; ebenso wie wir in unseren Kindern spuken werden, ihre Worte und ihre Handlungen bestimmen werden, wenn sie längst unseren Leib bestattet haben.

Die neuen Einsichten in die materielle Welt, die im siebzehnten Jahrhundert gereift, im achtzehnten eine so grosse Umwälzung in der Ideenwelt bewirkten, führten Schritt für Schritt auch eine praktische Verwertung herauf. Dies ist ein Punkt, in dem die auf Voltaires Schultern stehenden Enzyklopädisten über ihn hinausgingen, indem sie auf eine planmässige Ausbeutung der erkannten Naturgesetze und durchschauten Naturkräfte hinwiesen, ja, mit wachsender Entschiedenheit auf eine Ausnützung drangen. Daher bereits in Diderot jene technische Intuition (er hat ja als erster das Telephon vorgeahnt!), der sich hierin mit dem von der anderen Küste eines Weltmeeres herübergekommenen Vater des Utilitarismus begegnete, mit Benjamin Franklin.

Was jene Geister erträumten und erhofften, ist übertroffen. Aus dem werkzeugmachenden Tier, als das wir den Menschen schon in der Urgeschichte antreffen, hat er sich zum vernünftigen Tiere entwickelt, das mit dem Dampfe reist, mit dem Blitze schreibt, mit dem Sonnenstrahl malt. Die Zurückverwandlung des Sonnenlichtes, das in den schwarzen Diamanten aufgespeichert liegt, in Arbeit, vermillionenfacht die menschliche Kraft. Die sieben Weltwunder des Altertums, die Römerwerke, verschwinden neben alltäglichen Unternehmungen des heutigen Geschlechtes. Der Umfang des Planeten wird ihm zu enge. Kaum, dass dessen Höhen und Tiefen ihm noch ein Geheimnis bergen. Wohin körperlich zu gelangen den Menschen versagt bleibt, dahin dringt mittels des Zauberschlüssels der Mathematik sein Geist. In schwärzester Nacht, im wildesten Meere steuert sein Schiff den kürzesten Kurs; klug entweicht es aus dem verderblichen Ringe des Taifun. Was die Wünschelrute vorspiegelte, erfüllt die Geologie. Freigebig erobert sie Wasser, Salz, Kohle, Steinöl, Eisen, Kupfer, Silber, Gold. Noch mehrt sich die Zahl der Metalle, und noch hat die Chemie den Stein der Weisen nicht gefunden. Aber morgen vielleicht besitzt sie ihn. Einstweilen wetteifert sie mit der organischen Natur in der Erzeugung des Nützlichen und Angenehmen. Den schwarzen, stinkenden Abfällen der Leuchtgasbereitung, die jede Stadt in ein Baku verwandelt, entlehnt sie Farben, vor denen die Pracht tropischen Gefieders erbleicht. Sie bereitet Wohlgerüche ohne Sonne und Blumenbeet. Sie besitzt das Geheimnis, Süsses aus dem Ekelhaften zu machen, und unsere Ausscheidungen in Nahrung zurückzuverwandeln. Der Giftmischer sieht mit wütendem Verzagen seine Tücke entlarvt. Die Würgengel Pocken, Pest, Skorbut, Diphtheritis, Syphilis sind gefesselt. Das Chloral breitet die Fittiche des Schlafgottes über die gequälteste Seele, das Opium nimmt den Schmerz von uns, Aether und Chloroform machen den Fluch zunichte, den Gott gegen das Weib geschleudert.

»Was ist unmöglich? Was kann der Entwicklung der Menschheit unerreichbar sein?« fragte der grosse Physiologe Du Bois-Reymond. »Sollte sie, wie sie maulwurfsähnlich durch Gebirge, unter der See fort Wege bahnt, nicht noch den Vogelflug nachahmen? Sollte sie, wie die Rätsel der Mechanik, nicht noch die Rätsel des Geistes lösen? »Ach,« meinte er 1888, als er eben sein berühmtes »Ignorabimus!« ausgesprochen hatte, »ach, es ist dafür gesorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Schwerlich wird die Menschheit je fliegen, und nie wird sie wissen, wie die Materie denkt.« Und wenn Du Bois-Reymond wiederkäme und uns nun fliegen sähe, wenn er sähe, dass der Traum jenes Bildners sich erfüllt hat, der schon vor viertausend Jahren einen fliegenden Menschen dargestellt hat, den man auf einem babylonischen Siegelzylinder des Berliner Königlichen Museums erblickt, – es würde ihn nur ein paar Tage lang verblüffen; dann würde er es ganz selbstverständlich finden und vielleicht sogar die Möglichkeit zugeben, dass man eines Tages wissen wird, wie die Materie denkt; ja, er würde vielleicht zugeben, dass die Quadratur des Zirkels oder das Perpetuum mobile entdeckt werden könnten.

Was ist unmöglich?

So ward des weit in die Zukunft schauenden Bacons Wort erfüllt: Wissen ist Macht. Wissen macht uns den Göttern gleich.

Die meisten Menschen sehen aber in der materiellen Ausnützung der äusseren Welt ihren einzigen Lebenszweck. Dank dieser Leute schlummert der Kaiser nicht mehr im Kyffhäuser; sie haben sich mit der Hacke bis zu seiner einsamen Höhle durchgehauen, um nach Kohlen zu graben. Sie haben die Götter vom Olymp vertrieben. Dank ihrer fürchtet kein Sänger mehr die Verführung der Frawe Venus. Thors Hammer dröhnt nicht mehr um die Bergesgipfel. Aus Wald und Meer haben sie Fee und Sirene verscheucht. Selbst die Geister haben uns verlassen, verjagt vom »Verein zur Erforschung der Psyche«, wo kein Geist geduldet wird. Nach der Meinung dieser Leute sind Gesundheit und Reichtum ein hinreichend hohes Lebensziel. Das sind die Leute mit gesundem Menschenverstand. Solange etwas nur als Gedanke existiert, schreien die Leute mit dem gesunden Menschenverstand es nieder; mag es sich handeln, um was es will. Aber wenn der Gedanke sich verwirklicht hat und als ein Gewinn von fünfzig oder hundert Prozent in Erscheinung tritt, dann schreien dieselben Leute begeistert: »Das ist Gottes Stimme«. Der Ruhm jeder Entdeckung oder Erfindung wird aber mit Recht dem Geiste zugeschrieben, der die Formel aufstellte, und nicht dem Börsianer oder Fabrikanten, der jetzt seinen Gewinn daraus zieht.

Der Verstandesmensch sieht nur die Tatsachen; der Denker erwägt, was er sieht, und der Dichter belebt und beseelt die Erwägungen des Denkers. Der eine dichtet mit dem Revolver in der Hand, der andere mit dem Spaten, ein dritter mit dem Mikroskop und ein vierter mit der Feder. Man muss nur das richtige Werkzeug wählen, das einem am meisten gemäss ist. Aber ohne Phantasie sind sie auf den Gebieten der Mechanik oder der Technik, des Handels oder der Industrie, der Kunst oder der Wissenschaft allesamt nur Stümper. Die Phantasie ist es, die alles Neue schafft, die die Welt geschaffen hat, und sie immer wieder umschafft. Sie ist die schöpferische Macht; sie ist das Feuer, das Prometheus vom Himmel holte, und mit ihr begabt wird der Mensch zum Gott. Ohne Phantasie würde die Erde kalt und tot sein, und der Mensch würde einem blinden Wurme gleichen, der über die dunkle Erde kriecht. Darum ist der Dichter der mächtigste Mensch. Er ist der Schöpfer des farbigen Alls; er hat die Gesetzgebung ersonnen, die Religionen, die Künste und das Wissen. Er erst hat die Welt erschlossen und den Himmel bevölkert. Er hat das erste Kanoe über das Meer gesandt; er hat die Dampfmaschine gebaut und die Aeroplane. Alles, was irgendwie zur Weiterentwicklung beigetragen hat, entsprang seinem Haupte. Und ist Gott selber nicht seine Schöpfung?

Bevor eine Brücke gebaut, ein Kabel gelegt, ein Telegraph errichtet ward, bevor die Maschinen webten, schmiedeten, droschen, schrieben, rechneten, fuhren, flogen, müssen Pläne vorhanden gewesen sein, und vor den Plänen der Geist, der den Gedanken gefasst hat. Folglich kann man sagen, dass der Geist den Tunnel bohrt, die Flüsse überbrückt und alle die Maschinen baut, die der Stolz der Welt sind, und die die Philister satt machen. Und da die Seele der Geist des Geistes ist, ist es die Seele, die baut und errichtet, die den Weltenraumüberblickt und sich seine Gesetze dienstbar macht. Folglich kann man sagen, dass die Seele das feinste Werkzeug ist, das der Mensch besitzt.

Und wieder ist es die Phantasie, die die Seele unsterblich gemacht hat. Mit Hilfe der Phantasie hat der Mensch den Tod überwunden. Die Phantasie hat ihm die Sense aus der Hand geschlagen; sie spottet aller Kirchhöfe. Trotz Fäulnis und Verwesung hat sie den Menschen unsterblich gemacht. Sieghaft hat sie den Tod verleugnet, und da aus dem Toten alles Lebendige entspringt, hat sie also das Leben selber geleugnet, und hat ihm gerade dadurch Ewigkeit verliehen.

Aber es ist nur eine sehr kleine Menschengruppe, die diesen höheren Standpunkt einnimmt; ihr sind alle äusseren Dinge und Geschehnisse nur ein Gleichnis. Solche Menschen, Dichter, Künstler, Naturforscher, Denker leben nur der Schönheit des Symbols. Das sind die Menschen, die Geschmack besitzen.

Eine dritte Menschengruppe stellt sich einen noch höheren Lebenszweck: nicht die Schönheit des Symbols, sondern die Schönheit des durch das Symbol bezeichneten Dinges. Das sind die Weisen; sie besitzen geistige Wahrnehmungsfähigkeiten.

Manche Menschen durchmessen die ganze Stufenleiter.

Die Welt ist aber voll von Sprichwörtern und Anekdoten einer gemeinen Lebensklugheit, die durch und durch materiell ist; als ob wir keine anderen Fähigkeiten hätten als die des Gaumens, der Nase, des Tastsinnes, des Auges und Ohres; einer Lebensklugheit, die nur an das Einmaleins glaubt und bei allen Dingen immer wieder auf die Frage zurückkommt: »Wird sich Brot daraus backen lassen?« Solche Menschen leiden an geistiger und seelischer Elefantiasis. Sie glauben im Ernst daran, dass der Biceps mächtiger sei, als das Gehirn; dass rohes Fleisch Energie und Tapferkeit verleihe, dass eine Kiste Wein Beredsamkeit gäbe, dass in einem Paket Tee viel Gefühl stecke und in einem Sack Kaffee viele Ideen. Diese Leute gleichen ein wenig dem Esel, der nur sein Bündel Heu sieht – und weiter nichts.

Wenn sie nach tausend Jahren aus ihren Gräbern ins Leben zurückgerufen würden, was würde die Folge sein? Glaubt man wirklich, die Menschen würden dann überzeugt davon sein, dass es eine Auferstehung gibt? Glaubt man, die Materialisten würden sich nun für besiegt erklären? Mit nichten. Wie ich die menschliche Natur kenne, würde es zwei Wochen lang nur ein grosses Staunen und Gaffen geben, weiter nichts. Die Handwerker würden sich wieder an ihre Arbeit begeben, die Kaufleute an das Studium der Konjunktur und die Geldmänner an die Börsen. Ja, und ich fürchte, dass selbst die Toten, wenn sie wieder lebendig werden würden, kein »neues« Leben beginnen würden, sondern, dass der ehemalige Schuster wieder zu seinem Leisten zurückkehren, und dass der in jeder Beziehung mumifizierte Gelehrte fortfahren würde, Abhandlungen über die Behaarung der Blattläuse zu schreiben und sie unentwegt an die Akademie zu schicken, bis er wieder stürbe. Es gibt gewisse Menschheitstypen, und wenn man Plutarch oder Cicero oder Lucian liest, kann man zuweilen vollkommen vergessen, dass von Philistern, Pedanten, Dummköpfen, Verbrechern, Schustern und Gelehrten vergangener Jahrtausende die Rede ist – so wenig haben sich diese Menschheitstypen, trotz aller geistigen und technischen Entwicklungen, verändert. Auf dieser Tatsache beruht auch die Grösse Molières, den ich früher nicht ausstehen konnte, weil mir alle seine Menschen viel zu absolut, zu starr, und in keiner Beziehung differenziert erschienen. Das Leben hatte mich gelehrt, dass es keine Menschen gäbe, die nichts wären, als nur geizig, nur misanthropisch. Ich war der Meinung, ein Geiziger könne nebenher ein ordentlicher Staatsbürger sein, ein tüchtiger Gelehrter, ein geistvoller Plauderer usw. Aber von dieser Meinung bin ich ein wenig abgekommen und, um viel Menschenerfahrung reicher, finde ich, dass Molière tatsächlich einen Ewigkeitsblick hatte, als er keine individuellen Menschen, sondern Typen schuf.

Ein Mensch von Kultur setzt alle seine Kräfte daran, alle körperlichen, wirtschaftlichen und geistigen, um den Mitmenschen aus dem engen Kreise seines Ichs herauszuführen, um ihn aus dem ummauerten Kerkerhof seiner allzu irdischen Beziehungen zu befreien, ihn zu einem höheren Ziele zu geleiten, und um ihn an der Freude teilnehmen zu lassen, die die Vergeistigung des Materialismus mit sich bringt. Denn ein Mensch, der sich in Geschäfte oder Vergnügungen stürzt, um des Geschäfts und des Vergnügens selbst willen, kann ein gutes Triebrad sein, aber Kultur besitzt er nicht. Wer in sinnlichen Befriedigungen einen Selbstzweck erblickt, bringt sich um die ganze innere und ebenso wirkliche Welt. Die Natur verhöhnt solche Menschen, die immer gehetzt und eilig sind, und bei jedem tieferen oder persönlichen Wort ihre »Geschäfte« vorschützen. Wenn wir vom Reichstag, von der Börse, von den Tagesgeschäften in die Felder und in den Wald kommen, sagt die Natur zu uns: »Warum so wichtig und so eilig, du Knirps?« Euripides mahnt uns daran, dass Zeus die Geschäftigen hasst, und die Menschen, die zuviel tun.

Denn das ist auch eine der grossen Einbildungen, die uns verfolgt, dass eine lange Zeitdauer, zum Beispiel ein Jahrzehnt, wertvoller sei als ein Jahr. Es kommt nicht auf ein langes Leben, sondern auf ein tiefes und gehaltreiches Leben an; auf grosse Augenblicke kommt es an. Das Zeitmaass sollte geistig sein, und nicht mechanisch. Für die meisten ist das Leben ja ganz unnötig lang. Ein Lächeln hingegen, ein Blick, der Augenblick tiefster Sympathie zwischen zwei Menschen, tragen grössere Ewigkeiten in sich. Denn das Leben hat nur einen Sinn, wenn es in die Tiefe geht.

Der Geist setzt alles daran, den Despotismus der Sinne zu schwächen, der uns an die Natur fesselt, und die Natur selber vereinigt sich mit dem Geist, uns von ihr freizumachen. Ein Tier zum Beispiel sieht alles wunderbar scharf mit streng umrissenen Linien. Der Mensch sieht nicht nur Linie und Farbe, er sieht auch Anmut und Ausdruck. Hat er ausserdem Phantasie und Empfindung (der Künstler), so nimmt er den Dingen sehr viel von ihrer winkelrechten Genauigkeit. Lässt er sich noch mehr von seinen Visionen bestimmen (der Dichter), so verschwinden die Dinge für ihn; er schaut gewissermassen durch sie hindurch, sieht nur Symbole in ihnen; erblickt nur Ursachen und Wirkungen. Staub und Stein beginnen zu sprechen, sind mit Vernunft begabt und beseelt. Er wirft die Welt wie ein Spielzeug von einer Hand in die andere.

Um uns am Anblick der Menschen oder der Natur zu erfreuen, müssen wir sie durch Illusionen sehen. Wie wir sie sehen, hängt von den ästhetischen und ethischen Bedingungen in uns ab, obgleich das Wirkliche und Unwirkliche an sich in gleicher Weise illusorisch sein kann. Das Gemeine und das Erhabene, das scheinbar Vergängliche und das scheinbar Dauernde, alle sind sie bloss ephemerer Natur. Wohl dem, der von der Geburt bis zum Tode alles durch irgendeinen schönen Duft der Seele sieht.

Nichts ist lieblicher, als der Anblick einer Dorflandschaft, gleich nach Sonnenaufgang, wenn noch die leise steigenden, blauen Nebel des Frühlings oder Herbstes geisterhaft darüber schwimmen. Aber für den nüchternen Beobachter schwindet die Bezauberung mit dem Nebel. In dem scharfen, klaren Licht sieht er nur Erde, Getreide, Bäume und Häuser mit den Misthaufen davor. So ist es sicherlich mit allem, was das Leben verschönt. Eine tönende Glocke gibt uns doch mehr als akustische Schwingungen. Die Schule, in der wir zuerst die Freuden der Freundschaft und die Leiden des Denkens kennen gelernt haben, ist doch mehr als ein Haus aus Holz, Stein und Eisen. Unser Geburtshaus ist doch mehr als ein Grundstück, das in Gotha oder Bremen gut versichert ist. Und die Wohnstätten Goethes, Napoleons, Beethovens sind doch mehr, als baufällige Baracken; – kurz, der Gedanke löst das materielle Weltall auf. Selbst in der Physik wird die Materie durch das Geistige entthront und zur leeren Hülle herabgesetzt. Astronomen und Geometer verlassen sich mehr auf ihre untrüglichen Rechnungen, als auf unzuverlässige Beobachtungen. »Es stimmt nicht mit der Erfahrung überein, aber es ist doch richtig,« sagte Euler über sein Gesetz vom Kreisbogen.

Im Lichte des Denkens ist die Welt nur ein Phänomen. Die Geisteswissenschaften vollends haben die Materie ja nicht nur zu durchgeistigen versucht, sondern sie oft geradezu geleugnet. Plotin schämte sich seines Körpers. Aber solche Metaphysiker und Theosophen entfremden uns nur die Natur und rechnen nicht mit der Blutsverwandtschaft, die wir ihr zugestehen.


 

VII. Die Analyse des Gewissens.

Ganz leise spricht ein Gott in unsrer Brust.
Goethe

 

Der verfehmte Lamettrie, der Freund des grossen Preussenkönigs, hat in seinen Büchern, die nur bei den orthodoxen Metaphysikern in Verruf stehen, sehr viel Frivoles über das Gewissen gesagt, an das ich, als ich im Jahre 1900 ein Buch über ihn geschrieben habe, nie glauben konnte. Was sollen uns die Gewissensbisse! rief er aus. Da sie nur die Ruhe des Menschen beeinträchtigen, ohne sein Handeln zu beeinflussen, sind sie ohne weiteres verwerflich. Der Böse hat nicht nur das Recht, sondern die Selbstpflicht, alle Gewissensbisse zu ersticken, da er doch nicht anders handeln kann, als er gezwungenerweise handelt. Vor dem Verbrechen hat man keine Gewissensbisse, und wenn die Marter der Gewissensbisse beginnt, ist das Verbrechen schon vollbracht. Du – so ruft Lamettrie mit dem Pathos Stirners oder Nietzsches aus – den man gewöhnlich unglücklich nennt, und der du es in der Tat der Gesellschaft gegenüber bist, vor dir selbst kannst du ganz ruhig sein. Ersticke nur die Gewissensbisse durch die Reflexion oder durch andere, mächtigere Gewohnheiten. Wenn du nicht in den Ideen erzogen wärest, welche heute die moralische Grundlage der Gesellschaft bilden, würdest du diese Feinde in dir nicht mehr zu bekämpfen haben.

Es ist klar, dass Lamettrie nur jene Gewissensbisse meinen kann, die durch das Uebertreten der staatlichen Gesetze oder kirchlichen Dogmen im Menschen wach werden.

Gorki bekennt sich zu einer ähnlichen Anschauung. Das Gewissen – sagt er irgendwo – ist nur für schwache Seelen eine unbesiegbare Macht. Die Starken bezwingen es bald und machen es ihren Wünschen dienstbar, denn sie fühlen unbewusst, dass es, räumen sie ihm Freiheit und Unbeschränktheit ein, ihnen das Leben verstümmeln würde.

Und in der Tat scheint dem, der die Massenanhäufung von täglich verübten Verbrechen und Betrügereien überblickt, als hätten solche Lehren Beherzigung gefunden. Es sieht aus, als sei das Gewissen in vielen Menschen erstorben; als sollte Vauvenargues recht bekommen, der einmal behauptete, das Gewissen sei käuflich, ebenso wie die Ehre, die Keuschheit, die Liebe und die Achtung der Menschen.

Sicher ist, dass das Gewissen das wech­selndste aller inneren Gesetze ist; dass Mängel des Gewissens unbewusst bleiben; dass das Gewissen vermessen ist in den Starken, zaghaft in den Schwachen und Unglücklichen, schwankend in den Unentschlossenen; dass es also ganz dem Grade der Empfindung entspricht, die uns beherrscht; dass es eine Gesinnung ist, die uns leitet. So betrachtet, ist es verständlich, wenn die Moraltheoretiker das Gewissen nicht als eine angeborene, sondern als eine anerzogene Kraft ansehen, abhängig von Eltern und Amme, von Ort und Zeit, von Luft und Wetter, von Kost und Kleidung, von Gehirnkonstruktion und Erfahrung, von Gelegenheit und Studium, von Gesundheit und Gesellschaft; zusammengesetzt aus der Furcht vor den Menschen, den Vorurteilen, der Strafe, der Eitelkeit, der Gewohnheit, der Selbstachtung, dem Egoismus. Anderen Bräuchen entsprechen andere Sitten, anderer Geistesrichtung andere Empfindungen, anderer Religion andere Gewissensbisse. Das erste Recht, ein Recht, das die ganze Natur anerkennt, ist das Recht des Stärkeren: das Faustrecht. Erst nachdem ein höheres Recht in Wirkung getreten ist, wird jenes zum Unrecht; allein nur solange das höhere Recht der Gesellschaft auch wirklich höhere Dienste leistet. Ist das rechtbildende Prinzip aber verlorengegangen, so wird stets das Recht des Stärkeren geübt. Denn ob man seinen Mitmenschen mit den Händen erdrosselt, weil man der Stärkere ist, oder ob man ihm durch raffinierte Geschäftspraktiken und überlegene Rechtskenntnis, die eine Umgehung des Rechts gestattet, den Hals zuzieht und erreicht, dass er im Elend umkommt, während uns der Vorteil seiner Arbeit »rechtmässig« zufällt, ist ganz gleichgültig.

Die Reue und Angst, die mancher über das, was er getan hat, empfindet, ist im Grunde oft nichts anderes, als die Furcht vor dem, was ihm dafür geschehen kann. Wären die Menschen nur eine Stunde lang von der Macht des Gesetzes befreit, so würde sich der Egoismus in seiner furchtbarsten Form offenbaren; die Menschen würden einander umbringen; man würde herz- und besinnungslos Glück und Leben des Anderen vernichten, um sich selber einen kleinen Vorteil zu verschaffen, und die Kulturarbeit der Jahrtausende würde sich als ein sehr dünner Firnis erweisen, der von der heissen Lauge der entfesselten Leidenschaften in einem Augenblick fortgewaschen würde. Das Gewissen, von dem Baco, Hobbes, Lamettrie, Helvetius, Volney und andere Moraltheoretiker sprechen, – die, nebenbei bemerkt, nur davon sprechen, ohne aber auch nach ihren Worten zu handeln – würde im Nu erstickt sein.

Aber ich bin nicht der Meinung der meisten Moralphilosophen, die das Gewissen nur als ein Produkt der Furcht vor dem Gesetze ansehen. Das Gewissen spricht ja auch dort, wo es sich nicht nur um Handlungen dreht, die im Sinne des Gesetzes unrecht sind, sondern die lediglich moralisch unrecht sind. Gesetzliches Unrecht ist es beispielsweise, sich fremdes Eigentum anzueignen oder aus Hunger und Not zu morden; man begeht aber kein gesetzliches Unrecht, wenn man ruhig zusieht, wie ein Mensch vor unserer Tür verhungert. Aber ich glaube, obwohl im ersten Falle das Gesetz mit seiner Strafandrohung das Gewissen erweckt, dass auch im zweiten Falle das Gewissen wach wird, weil wir gegen das moralische Gesetz in uns gesündigt haben. Jene Gerechtigkeit, die uns die staatliche Gewalt zu beobachten zwingt – da, ohne Macht und Gewalt hinter sich zu haben, kein Land Gerechtigkeit üben könnte – ist doch eine wesentlich andere Gerechtigkeit, als die, die unser inneres moralisches Recht uns vorschreibt.

Die staatliche Gerechtigkeit wird von wechselnden modischen Dogmen, Philosophemen, Glaubensartikeln usw. bestimmt. Der Staat kann es nicht dem Individuum überlassen, die Satzungen der Gerechtigkeit nach Willkür zu befolgen, da nicht in jedem Individuum die göttliche Stimme gleich laut spricht. Wäre dies der Fall, so müsste die Gerechtigkeit zu allen Zeiten und in allen Ländern immer ein und dieselbe gewesen sein, und ihr Glanz würde immerdar allen Völkern vorangeleuchtet haben. Wir würden uns dann nicht das Recht der Römer zum Muster nehmen, sondern in allen Staaten der Welt würde die Gerechtigkeit von Urbeginn an bestehen. Aber schon der Grundsatz, dass jeder den Sitten und Gesetzen seines Landes folgen solle, beweist, dass dem nicht so ist. Mit dem Wechsel des Himmelstriches verkehrt sich Recht in Unrecht. Ein paar Kälte- oder Wärmegrade mehr, und die ganze Rechtsgelehrsamkeit wird umgestossen. Der Krieg ändert die allgemeine Wahrheit, der Sieg ändert die Grundsätze der Moral. Kurz, das Recht hat seine Zeiten und Klimate. Aber ist es nicht sehr drollig, dass ein Fluss und ein Berg die Gerechtigkeit begrenzen! Denn was in Deutschland erlaubt ist, ist in Russland verboten.

Recht kann sich in Unrecht kehren, und das ist meist dort der Fall, wo Recht gesprochen wird: beim Gericht. Denn dort sucht man seinen Zweck durch List, Spionage, Fallenlegen, Qualzufügen im Namen des Gesetzes zu erreichen. Auch in Zwangslagen handle ich recht, wenn ich lüge oder töte; zum Beispiel, wenn ich einen Verbrecher, der mich berauben will, unter falschen Vorspiegelungen in ein Zimmer locke, wo ich ihn einschliessen kann, oder wenn ich, ehe er mich erschlagen kann, ihn töte.

Es kommt stets auf den inneren Sinn und auf die Gesinnung unserer Handlungen an. Stünden wir nicht unter dem Gesetzeszwange, so müsste die innere Stimme uns sagen, worin wir Recht und Unrecht tun. Der Moralist kann aber keine Gesinnung lehren. Gesinnung und Gewissen im höheren ethischen Sinne sind überhaupt nicht lehrbar. Ebenso wie das Studium aller Poetiken der Welt keinen Dichter machen, ebenso können alle Ethiken keinen Tugendhaften machen oder das Gewissen schärfen. Es wäre auch schlimm, wenn der ethische Wert des Menschen, wenn sein Göttlichstes aus Büchern zu schöpfen wäre und von Dogmen, Lehren, Predigten usw. abhinge. Die Glaubensartikel können dem Menschen nur die Richtlinie angeben, in der sich sein moralisches Handeln bewegen möge, niemals aber bestimmen sie das Gewissen selbst.

Die Verletzung äusserer gesellschaftlicher Satzungen quält manchen genau so stark, als ob er gegen das Gewissen selbst gesündigt hätte. So wird ein Offizier sich zuweilen eher töten, wenn er den in seinem Kreise herrschenden Ehrbegriff einmal missachtet hat, als wenn er sein Wort hundertmal gebrochen hat; vorausgesetzt, dass die Wortbrüchigkeit nicht mit seinem Ehrbegriff kollidiert. Und ein braver Bürger, der nicht imstande wäre, eine Fliege zu töten, ohne sich die heftigsten Gewissensbisse zu machen, fühlt sich gehoben, als ob er eine besonders edle Tat vollbracht hätte, wenn er im Kriege soviel Menschen tötet, als er nur kann. Er empfindet über seine Morde ebensowenig Reue, wie die Kannibalen, die ihre gefangenen Feinde fressen. Die Wilden würden erst dann Gewissensbisse empfinden, wenn sie Erziehung genug besässen, die Abscheulichkeit ihrer Gewohnheit einzusehen; ebenso wie der »Kulturmensch« erst dann Gewissensbisse über das schrecklichste aller Verbrechen empfinden wird, das er begeht – ich meine den Krieg – wenn der Krieg nicht mehr geheiligt sein, nicht mehr als eine göttliche, sondern als eine satanische Institution betrachtet werden wird.

Ich gebe zu, dass die Menschen, die aus barbarischer Gewohnheit das Naturgesetz übertreten, nicht so gepeinigt werden, wie diejenigen, welche die Macht des Beispiels noch nicht so verstockt gemacht hat. Aber ich glaube auch, dass jeder Mensch, soweit Krankheiten seine Vernunft nicht beeinträchtigt haben, Rechtschaffenheit von Ehrlosigkeit, Edelmut von Gemeinheit, Tugend von Untugend zu unterscheiden weiss; das heisst, dass jeder Mensch die ungeschriebenen Paragraphen des sittlichen Naturgesetzes kennt; dass selbst das roheste Gemüt sein Delphi und sein Dodona hat. Und dies ist eigentlich das Gewissen, von dem ich hier spreche, und das wesentlich verschieden ist von jenem Gewissen, das der Mensch als ζῶον πολιτικόν gezüchtet hat.

Ich glaube, dass etwas im Menschen ist, das eine unendlich grössere Macht besitzt, als der Wille. Denn zuweilen werden wir gezwungen, – ich weiss nicht, wie ich diese unbekannte Kraft benennen soll! – gegen unseren Willen gute oder böse Handlungen zu begehen. Solange der Mensch wach und bei Vernunft ist, vermag er kraft des Willens seine Gedanken zu dirigieren und sie, wie der Steuermann sein Boot, zu lenken. Er lässt in Vergessenheit sinken, was er vergessen will. Aber anders im Schlafe. Es werden Gedächtnisschreine im Traume aufgeschlossen, die lange verriegelt waren; der Mensch wird offenbar zum Taucher, der aus längst versiegt geglaubten Brunnen das Versunkene heraufholt; er wird zum Zauberer, der Totes wieder belebt, und.es scheint sogar, als schwebe zuweilen eine unsichtbare Hand über ihm, die die dichten Schleier von seinen Augen fortreisst, um ihm die ferne Zukunft zu enthüllen. Der Wachende mag mit den Fragen des Gewissens und der Gerechtigkeit sich vielleicht gut abzufinden wissen und längst damit im Reinen sein; der Träumende aber ackert alles noch einmal durch und forscht nach, ob vielleicht nicht doch irgendwo ein Korn liegen geblieben sei, aus dem die Saat erspriessen werde.

Ich glaube, ebenso wie der menschliche Körper nicht eher ruht, als bis er jedes Schmutzatom, jeden Fremdkörper, der in seine Maschine geraten ist, sei es auch durch Schwären und Beulen wieder ausgetrieben hat, dass auch die menschliche Seele ihre Ruhe nicht eher findet, als bis sie alles Gemeine, Schmutzige, Verbrecherische wieder ausgestossen hat und in ihrer ursprünglichen göttlichen Reinheit strahlt. Und ebenso wie der Körper sicher zugrunde geht, der nicht die Kraft hat, den in die Blutbahn geratenen Schmutz wieder auszusondern, ebenso stirbt die Seele, welche das Unrecht hegt und nicht darauf bedacht ist, das Schicksal auf irgendeine Weise wieder zu versöhnen. Das bringt auch die materialistische Lehre des Buddhismus zum Ausdruck, die dem verbrecherischen Menschen die Rückverwandlung in ein Tier androht; in ein Tier, das desto tiefer steht, je grösser das Verbrechen war. Der Mörder kehrt als Raubtier wieder, der Korndieb als Ratte, der Fleischdieb als Geier; die Seele eines Bramahnentöters wandert in den Körper eines Hundes oder Esels; der Brahmane, der säuft oder stiehlt, wird zur Motte oder Natter, und wer die häusliche Ehre seines Lehrers verletzt, wird als Dorn oder Distel oder reissendes Tier wiedergeboren.

Das Gewissen lenkt unsere Gefühle und die kleinsten Tätigkeiten unseres Denkens. Jede Inkonsequenz, jede Unbedachtsamkeit, jedes Handeln gegen unsere Vorsätze, Grundsätze, Ueberzeugungen, jede Taktlosigkeit, jeder Fehlgriff, jede Unanständigkeit wurmt uns hinterher und lässt einen Stachel in uns zurück. »Den Boshaften hilft kein Schlupfwinkel,« sagt Epikur, weil sie sich niemals vorstellen können, dass sie sicher verborgen sind; das Gewissen entdeckt sie ihnen selbst. Begehe ein Verbrechen, und die Erde scheint aus Glas zu sein. Schreite auf den Wegen der Untat, und es scheint, als ob eine Schneedecke über dem Erdboden ausgebreitet wäre, die deine Fusspuren verrät; es ist, als befändest du dich in einem Kesseltreiben und als würden die unsichtbaren Gewalten einen Kreis um dich ziehen und dich immer mehr einschliessen. Verbirg dich, wo du magst, die Furien sind dir auf dem Fusse. »Nicht im Luftreich, nicht in des Meeres Mitte, nicht wenn du in Bergeshöhlen hinabdringst, findest du auf Erden eine Stätte, wo du der Frucht deiner bösen Tat entrinnen magst,« sagt Buddha.

Die Verbrecher, die Boshaften, die Lügner, die Undankbaren, endlich diejenigen, welche die guten Empfindungen leugnen, unglückliche und des Sonnenlichts unwürdige Tyrannen mögen aus ihrer Barbarei sich immerhin ein grausames Vergnügen bereiten; in den Augenblicken der Ruhe und Ueberlegung erhebt sich jedoch das Gewissen in ihrer Brust und steht gleichsam als unparteiischer Zuschauer gegen sie auf, zeugt wider sie und verurteilt sie. Die Verachtung ihrer selbst ist ihr einziger Gewinn.

Furcht und Vernunft haben den Menschen dazu getrieben, einen Staat zu bilden. Dieser Staat musste mit der denkbar grössten Macht betraut werden, mittels der er das Eigentum des Einzelnen genügend schützen konnte, indem er jeden unrechtmässigen Uebergriff mit den schwersten Strafen belegte. Was hat aber Gott mit alledem zu tun? Und wer wäre dieser Gott, den der Mensch durch ein Verbrechen beleidigen könnte? Ein Gott der Rache? Er würde in der Wagschale zu leicht befunden werden. Einem Gott der Rache, einem Gott, der sich mit den Tränen der Menschheit bezahlt macht und der sich nur bemerkbar macht, wenn wir gefoltert werden, würden wir die Tempel verschliessen. Ein Gott voller Güte? Ein Gott voller Güte sollte beleidigt sein, weil ein armer Teufel aus Not silberne Löffel gestohlen oder in der Leidenschaft– mit der Gott ihn bedacht!– einen anderen Menschen erschlug? Und dieser Gott sollte wieder versöhnt werden dadurch, dass der arme Teufel sein Leben lang auf einer Holzpritsche schläft, billige Stiefel herstellt und Erbsen isst? Das Bild ist zu lächerlich, um es weiter auszumalen. Gott ist nicht so leicht zu beleidigen wie die Menschen, sonst wäre alles verloren. Und übrigens ist es – um an ein Wort des grossen Friedrich zu erinnern – der Beruf Gottes, zu verzeihen.

Das Gewissen des Diebes, Mörders oder anderen Verbrechers, mag vielleicht nichts anderes sein, als die Furcht vor der Strafe, die auf dem Verbrechen ruht. Aber jeder, der eine Strafe verdient hat, erwartet sie, und ein jeder, der sie erwartet, erleidet sie. Der Verbrecher zimmert sich selbst die Anklagebank. Wer die Menschen quält, wird vom eigenen Ich gequält, und die Pein, die er empfindet, wird derjenigen gleich sein, die er Anderen bereitet hat.

Gewissensbisse entstehen zunächst aus Angst. Der Mensch, der bewusst oder unbewusst mit der Gesellschaft sich verknüpft fühlt und dem zum Bewusstsein kommt, an der Gesellschaft, der er durch Vererbung, Art und Weise ebenfalls angehört, sich vergangen zu haben, fürchtet, von ihr verfehmt zu werden; darum fühlt er von dem vernichtenden Urteil, das sie über ihn fällt, sich derart getroffen und verfolgt, durch die Ausstossung aus ihrem Kreis sich so verlassen und von der Einsamkeit schliesslich so erdrückt, dass er es auf die Dauer nicht ertragen kann und – um in die Gesellschaft zurückkehren zu können – der Macht seines Gewissens sich beugt und sich jeder Strafe unterwirft, die ihm die Gesellschaft zur Busse auferlegt. Er wird sogar den Tod als willkommene Erlösung begrüssen, wenn er dadurch seine beschmutzte Seele wieder reinwaschen kann, ebenso wie der Hermelin lieber stirbt, als dass er sich beschmutzen wird. Dies sagen nicht nur die Dichter; etwas davon lebt selbst im gewissenlosesten Schurken. Witzig drückt es der geniale Lichtenberg so aus: »Es gibt wohl keinen Menschen in der Welt, der nicht, wenn er um 1000 Taler willen zum Spitzbuben wird, lieber um das halbe Geld ein ehrlicher Mann geblieben wäre.« Denn wir alle kennen von einzelnen, unvergesslichen Augenblicken des Lebens her das Gefühl der Harmonie mit allem, was die Welt in sich birgt. Wir kennen diese Stunden, in denen der Schmerz sich löst und uns die Gewissheit wird, dass eine harmonische Gemeinschaft besteht zwischen uns und allem übrigen auf Erden; die Gewissheit, dass unser Gewissen sich auf der Wanderung nach oben befindet; dass es zum Himmel drängt, zum Licht hinan will. Das ist ungefähr auch die Meinung Dostojewskis, wie er sie in seinem »Raskolnikow« zum Ausdruck bringt. Er will sagen: Die besondere Strafe mag erst lange nach dem begangenen Unrecht erfolgen; aber sie folgt unbedingt, weil sie die Schuld unzertrennlich begleitet. Missetat und Busse wachsen aus einer Wurzel. Ursache und Wirkung, Mittel und Zweck, Same und Frucht können nicht voneinander getrennt werden. Niemand kann Unrecht tun, ohne Unrecht zu leiden. Der ethische Gedanke der Gnadenerlasse kann nicht der sein, die Unglücklichen von Strafen zu erlösen, die sie verdient haben, sondern sie von den Gewissensbissen zu befreien und sie wieder in die Gesellschaft aufzunehmen.

Die Tortur war eine gefährliche und lächerliche Erfindung, um das Gewissen zu wecken. Sie konnte höchstens ein Prüfstein der Geduld sein, der Selbstbeherrschung, der Nervenkraft, aber nie der Wahrheit. Derjenige, der die Folter aushalten konnte, verbarg die Wahrheit so gut wie der, der sie nicht zu ertragen vermochte. Nur schwachmütige Schuldige konnte der Schmerz dahin bringen, zu bekennen, was an einer Sache wahr gewesen ist. Sehr oft aber zwang die Folter die Gemarterten zu sagen, was nicht wahr gewesen; etwas zu bekennen, was sie nie verbrochen hatten. Die Geschichte des Mittelalters allein liefert viele tausende Beispiele von Menschen, die unter dem Zwang der Folter verblendeten Richtern eingestanden, mit dem leibhaftigen Satan gebuhlt zu haben, auf den Blocksberg geflogen zu sein, Ueberschwemmung und Dürre verursacht zu haben, kurz und gut, die unmöglichsten Verbrechen begangen zu haben, für die man ein Geständnis verlangte. Die Marter hat zuweilen diesen Erfolg bewirkt, aber durchaus nicht das Gewissen. Konnte der, der ein Verbrechen aber nicht begangen hatte, kraft seines reinen Gewissens die auferlegte Pein erdulden und schweigen, so konnte der wirklich Schuldige auf der Folter erst recht schweigen, da ihm schliesslich als Lohn das Leben winkte.

Kant hat die menschliche Seele mit einem Gerichtshofe verglichen, der das Gewissen prüft. Im Innern des Gemüts– meint er –finde ein regelrechter Prozess statt; da gebe es Richter, Ankläger, Verteidiger und Urteilsspruch. Wenn aber so eine übernatürliche Einrichtung in uns bestünde, wenn ein solch unsichtbares Fehmgericht im geheimnisvollen Dunkel unseres Bewusstseins tagte, würde es jeden abhalten, die Gesetze der Menschlichkeit im Kleinen wie im Grossen zu übertreten und sich gegen die staatlichen Gesetze zu vergehen.

In Wirklichkeit kündigt sich die furchtbare Macht des Gewissens nicht mit dieser unfehlbaren Sicherheit an. Es bedurfte bei den meisten Völkern erst der Religion, um das Gewissen zum Reden zu bringen, und seine Wirkung war oft belanglos, wenn Umstände und Zufälle nicht zur Beichte zwangen.

Jede grosse Stadt gibt wohl im Jahre zehntausende Mark her, um den Verbrechern auf die Spur zu kommen; aber sie gibt diese Summe nicht auch her, um Verbrechen zu verhüten. Darum ist es noch sehr die Frage, ob wir nicht, wenn wir einen Mörder rädern, gerade in den Fehler des Kindes verfallen, das den Stuhl schlägt, an dem es sich stösst. Schon um Pfennige mordet Mancher aus Hunger und Verzweiflung. Steigen die Brot- und Fleischpreise, so steigt auch die Zahl der Verbrechen. Aber ist das nicht selbstverständlich? Wenn ein bedeutender Mensch schlecht verdaut hat, fallen die Kurse, und wenn ein Hungriger sich Brot zu schaffen sucht, soll es keine Bewegung geben? Zu dieser Summe für die Fahndung kommen übrigens noch andere Kosten: wir zahlen ungefähr dreissig Millionen im Jahr für die Gerichtshöfe und Gefängnisse, für die Armee der Richter, Anwälte, Assessoren, Polizisten, Gerichtsdiener, Gefängniswärter, die ja alle im Grunde ihre Existenz nur der Tatsache verdanken, dass die Stimme des Gewissens in Vielen gar nicht laut wird. Denn hätte jeder ein reines Gewissen, lebte jeder nach dem Kantischen kategorischen Imperativ, der ebenso verehrungswürdig wie unbequem ist, tagte in jeder Seele der Kantische Gerichtshof, so könnten die Richter betteln gehen. Der ganze soziale Apparat, den das Gerichtswesen umfasst, scheint lediglich dem einen hohen Zweck zu dienen: die Wahrheit an den Tag zu bringen, das befleckte Gewissen zu reinigen und den Gott in unserem Innern zu versöhnen.

Denn ich glaube: wie der im Erdreich lebende Pflanzenkeim den Weg sucht und kennt, der zum Lichte führt, so findet auch der Mensch inmitten der Dunkelheit einen zuverlässigen Wegweiser an seinem Gewissen. Wenn wir den Stimmen unseres Hirns und Herzens lauschen und uns dennoch selbst belügen, dann befällt uns Unruhe, Angst und Unsicherheit. Wenn wir uns selbst belügen, werden wir feige; die Wahrheit aber ist die Quelle des Mutes. Mut ist Fortschritt, Furcht ist Rückschritt. Der Mut zieht Gutes nach sich, wie die Furcht Böses. Der Mut im Kampfe des Lebens, der Mut des einsamen Denkens und der kleinen und grossen Arbeit führt uns zu der geheimnisvollen Quelle des Lebens, zum Gewissen. Denn das Gewissen ist der gemeinsame Gott des Menschen, den man nicht ungestraft missachtet und nicht unbelohnt verehrt. Es ist das Gesetz der Gesetze und eine höhere Instanz gibt es nicht. Wer sich ihr unterwirft, hat ein Gefühl tiefster Glückseligkeit. Das Gewissen ist das lebendige Organ des Universums, das in tausend Formen und Bildern angebetet und gefürchtet wird. Es bedeutet ewige Furcht vor der Sünde gegen die Wahrheit. Es ist ein Sonnenfunke, der durch die Seelen und Zeiten leuchtet; ein Spiegel in unserm Inneren, der nicht schmeichelt und nicht täuscht, dem jede Tat, jede Handlung, jeder Gedanke in einer wahren Gestalt gegenübergestellt wird, so dass die Seele sich gleichsam selber in die Augen schauen kann. Das Gewissen ist der geheime Sinn des Gebäudes, das wir errichtet haben. Es ist ein Traum von etwas, das über uns alle herrscht, uns alle in seiner Gewalt hat, und Frieden gibt oder Unrast. Es ist der Ordner im Chaos, der Befreier aus Erniedrigung und Missmut. Es ist der unausrottbare Glaube und der unbezwingbare Wille der Völker. Nur ihm verdankt die Welt ihre Bewohnbarkeit, nicht dem Wissen oder der Macht. Es ist ein göttliches Gefühl und es vergöttlicht. Es macht unbegrenzbar und zeigt, dass die Quelle alles Guten in uns selber ist. »Wenn der Mensch spricht: ,Ich soll’, wenn ihn Liebe erwärmt, wenn er, der Stimme der Höhe gehorchend, das Grosse und Gute erwählt, dann wandern tiefe Melodien der höchsten Weisheit durch seine Seele. Nun erst kann er anbeten und durch seine Andacht wachsen, denn über jenes Gefühl hinaus kann er nie gelangen. In seinen erhabensten Flügen schwingt sich der Geist nie über die Höhe der Sittlichkeit, nie über den Gipfel der Liebe empor.«

Lasst den Denker gegen das intellektuelle Gewissen sündigen, den Pfarrer gegen das moralische, den Bruder Leichtfuss gegen das ökonomische und den Verbrecher gegen das soziale; lasst alle Lügner, Betrüger und Unholde in die entferntesten Winkel der Erde entfliehen, sie entfliehen nicht ihrem Gewissen. Es reitet auf ihrem Nacken. Und wenn sie ihre Seele auch in eine Pfütze verwandeln, wollen wir nicht daran vergessen, dass auch die Pfütze das Bild der Sonne widerspiegeln kann.


 

VIII. Die Psychologie des Abenteurers.

– – Sünder im wirklich grossen Stil
Gibt’s heutzutage nicht eben viel.
Dazu gehört noch mehr als im Kot zu waten; –
Denn ohne Kraft kein rechter Teufelsbraten.
Ibsen

 

Es gibt allerdings einen Typus, der die Gesellschaft aus Herzensgrund verachtet, und den sein Gewissen keineswegs peinigt, wenn er die Gesetze missachtet, die diese Gesellschaft zu ihrem Schutze aufgestellt hat. Es ist der Abenteurer. Es kann auch sein, dass er eine andere Art Gewissen hat. Er kennt die Menschen vielleicht nur zu gut und hält es innerhalb der konventionellen Grenzen der Gesellschaft nicht aus, weil er die gesellschaftlichen Lügen durchschaut hat und weil er zu – aufrichtig ist. Als nüchterner und vorurteilsloser Philosoph, der das Wesen der Gesellschaft erkannt hat, registriert er kühl die Tatsache ihrer ausgemachten Speichelleckerei und ihre gemeine und vom Gesetz begünstigte Anbetung der Höherstehenden und des Mammons. Er hat den Wunsch irgendwohin aus der Sphäre all dieser lästigen Bedingungen zu entfliehen, all den giftigen, kleinen Lügen zu entrinnen, die durch die Macht der Gewohnheit bereits Gesetzeskraft erlangt haben. Er will heraus aus dieser Sphäre krankhafter Eigenliebe, ideellen Sektierertums, allgemeiner Unaufrichtigkeit – mit einem Wort, aus all dieser nichtigen Nichtigkeit, die sein Gefühl abstumpft und seinen Verstand korrumpiert. Er vermag die Kultur nicht in grösseren Dosen zu sich zu nehmen, ohne von Zeit zu Zeit den lebhaften Drang zu empfinden, aus dem gesellschaftlichen Rahmen herauszutreten und sich von der allzu komplizierten Struktur und krankhaften Verfeinerung moderner Lebensweise zu erholen.

Ich kann mir denken, dass ein Gauner Philosoph genug wäre, sich für den ehrlichsten Menschen zu halten, denn er muss sich sagen, da die ganze Weltordnung das Recht des Stärkeren anerkennt, und da das Lügen, Ueber­listen, Uebervorteilen, Ausnützen, kurz, das Kämpfen von Rechts und Gesetzes wegen erlaubt ist, dass er der ethisch höhere Mensch ist, wenn er mit offenem Visier kämpft.

Aber es lohnt vielleicht diesen Typus sich etwas gründlicher anzusehen.

Eine alte Schwarte, liber vagatorum genannt, die nun seit just vierhundert Jahren in den Bibliotheken einstaubt, erzählt sehr viel Drolliges über die Abenteurer, »die meist aus Fraue Venus Berg kommen, und die schreckliche, schwarze Kunst verstehen«. Und gar mannigfaltig waren die Abstufungen dieser »Vagierer«, die durch recht feine Nüancen unterschieden wurden. Da gab es Grantner (Epilepsiesimulanten), Dützer, Schlepper (angebliche Priester), Zickessen (die ihre angebliche oder wirkliche Blindheit ausbeuteten), Platschier (die vor Kirchen sangen), Blickschlager (Kleiderbettler), Vopper (die Besessenheit heuchelten),Dallinger (die sich vor den Kirchen geisselten), Sönzengänger (im Krieg verarmte Edelleute), Kandierer (ausgeplünderte Kaufleute), Sündveyer (beschuldigten sich des Totschlages aus Notwehr und bettelten sich die angebliche Geldbusse zusammen), Bilträgerinnen (angeblich Schwangere), Dutzbetterinnen (Wöchnerinnen), Mumsen (angebliche Lollhardsbrüder), Veraner (getaufte Juden), Calmiarer (Pilgrime), Burkarte, Seffer und Schweiger (Gebrechliche, Kranke), Sefelgräber (angebliche Schatzgräber), Joner (Falschspieler), Sprengler (Krämer, die in Häuser liefen) und noch viele andere.

Dies Gesindel wuchs sich in Deutschland, besonders nach dem Dreissigjährigen Kriege, zu einer wahren Landplage aus. Viele Banden, die oft mehrere hundert Köpfe zählten, taten sich zusammen, um ganze Dörfer zu überfallen und grössere Kaufmannskarawanen zu plündern. Damals bildeten sich verschiedene »Begabungen« innerhalb dieser Vagabundenzünfte aus. Es gab Schrendefeger oder Stubenausräumer, die nachts die Häuser plünderten; Scheinsprenger oder Schranzierer, die am Tage raubten; Gschockgänger (Jahrmarktsdiebe), Bimuffer und Kissler (Taschendiebe), Kochemer (nächtliche Einbrecher), Staatsfelinger (Quacksalber), Freischupper (Falschspieler), Markediser (Falschwechsler), Reisser (Falschmünzer) – und da eine Gruppe stets die andere zu überflügeln suchte, entstand ein edler Wettstreit so vieler Talente, und die Begriffe der Diebesehre, Räuberehre usw. kamen auf. Wenn ein Dieb auf seine Ehre pochte, so sollte das nicht etwa heissen, dass Stehlen Ehrensache war – das war natürlich die Voraussetzung und schliesslich eine rein berufliche Angelegenheit! – sondern dass seine Ehre ihm nicht erlaubte, einen Genossen zu verraten, liegen zu lassen, das er hätte mitgehen heissen können, den Versuch zu unterlassen, aus dem Gefängnis auszubrechen usw.

Die miserable Polizei des frühen Mittelalters, dazu die Roheit und Stumpfheit der Bevölkerung, schuf ganz erschreckende Zustände. Die Unsicherheit der Person war ausserordentlich gross. Bei der geringfügigsten Ursache wurde das Messer gezückt. Wer in der Dunkelheit die Strassen betrat, tat es auf eigene Gefahr. Zwar wurde für die öffentlichen Schenken eine frühe Polizeistunde festgesetzt; aber das hatte nur zur Folge, dass der Skandal sich auf der Strasse fortsetzte.

Erst das sechzehnte Jahrhundert mit seiner erstarkenden Polizeigewalt und der Kirchenreformation brachte eine Besserung dieser elenden Zustände in den Städten mit sich. Jetzt hörten die Städte allmählich auf, Sammelpunkte des Gesindels zu sein. Das zog sich nun auf die Dörfer zurück, wo sich die abergläubischen, rohen Bauern mangels einer Polizei glänzend ausbeuten liessen. »Wenn diese Vagierer in ein Haus kommen, so fangen sie an zu sprechen: ›Hie kommt ein fahrender Schüler, der sieben freien Künste ein Meister, ein Beschwörer der Teufel gegen Hagel, Wetter und alles Unheil.‹ Danach machen sie etliche Charaktere, zwei oder drei Kreuze, und sprechen: ›Wo diese Worte gesprochen, da wird niemand erstochen; es trifft auch niemand ein Unglück‹, und vieles andere. Köstliche Worte. Da meinen denn die Bauern, es sei also, sind froh, dass sie kommen, und sprechen zu den Vagierern: ›Das und das ist mir begegnet, könnt ihr mir helfen?‹ Diese aber bejahen es und betrügen die Bauern.«

Zwischen diesen Vagierern und den Abenteurern macht selbst das Mittelalter einen gewissen Unterschied. Der Abenteurer wird unter die »Fahrenden Leute« gerechnet, was freilich nicht hindert, ihn ebenfalls zu verachten. Denn dem Mittelalter mit seiner eingeborenen Sesshaftigkeit und Bodenständigkeit, das nur deshalb so komische und märchenhafte Vorstellungen von anderen Ländern und Völkern hatte, weil es nie bestrebt war, fremde Verhältnisse kennen zu lernen, galt nur der als völlig frei und aller Ehren wert, der auf eigenem Grund und Boden sass. Die unstete Lebensweise, das beständige Hin- und Herziehen, liess deshalb in der öffentlichen Meinung ein günstiges Urteil über die Abenteurer nicht aufkommen, und der Ausdruck »Fahrende Leute« ist kein schmeichelhaftes Epitheton. Unter einem »fahrenden Schüler« versteht man einen Gauner, der bettelnd und stehlend von Stadt zu Stadt zieht; unter einem »fahrenden Fräulein« eine Dirne. Alle »fahrenden Leute«, Leute ohne festen Wohnsitz, sind von der Gesellschaft verfehmt und geniessen weder gesellschaftliche Rechte noch gesellschaftlichen Schutz.

Etwas anderes ist es freilich, dass der Abenteurer dieser Rechte und dieses Schutzes spottet.

Um zu verstehen, dass er sich allein als Freiwild glücklich fühlt, muss man wissen, wie verlockend und hinreissend für ihn dies freie Abenteurerleben ist; wie er es, und es ihn nicht mehr loslässt, wenn er einmal seinen Reiz gekostet. Er findet es wundervoll, sich frei zu sehen von jeder Pflicht, von all den kleinen und kleinlichen Fesseln und Schnüren, die das Wesen des Menschen niederhalten, solange er unter seinesgleichen lebt; frei von all den Jämmerlichkeiten, die sein Leben in dem Masse bedrücken, dass es ihm nicht mehr zur Lust, sondern zur Last wird. Als Abenteurer lebt er ausserhalb des lächerlichen Zwanges und fragt nicht viel nach der gemeinen Komödie der Konvention, der er sich nur fügt, wenn er sich einen Vorteil, eine Eroberung, eine Erhöhung der Lust davon verspricht. Wenn der Wolf unter die Lämmer geht, ist er schlau genug, sich für einen Abend in den Schafspelz zu kleiden.

Romantische Neugier treibt ihn in die fremden Länder; und er ist der Einzige, der noch zu reisen versteht. Die fernen Weiten locken ihn verheissungsvoll; der Hang, die Buntheit des Lebens auszukosten, jagt ihn von Ort zu Ort. Und um diese wilde Sehnsucht zu befriedigen, wird er lügen, betrügen, prellen, fälschen, stehlen, rauben und morden. Wenn er eine tiefere Natur wäre, was er nie ist, und nie sein kann – denn Tiefe verlangt Stille! – und wenn man ihn befragen würde, wonach er eigentlich rennt, und wofür er eigentlich sein Leben aufs Spiel setzt, würde er antworten müssen: Ich weiss es nicht. Er jagt einem Phantom nach und, wie wir alle, sucht er ein Glück, das es nicht gibt. Und diese krankhafte Sucht lässt ihn nirgends zu Hause sein; er kennt kein Heimatgefühl und hat nie Sehnsucht nach den Liebkosungen einer Mutter. Der Abenteurer wird sich nie zu der sentimentalen Rolle hergeben, den verlorenen Sohn zu spielen. Denn er ist kein Vagant, der sich während des Jahres mit zerrissenen Stiefeln durch die Lande schnorrt, um am Weihnachtsabend zu Hause »Heilige Nacht« zu singen und Gänsebraten zu essen. Er ist vielmehr ein Fürst ohne Land; ein Grandseigneur ohne Lakaien; die ersten Hotels betrachtet er als seine Schlösser und die Dummköpfe als seine Hofmarschälle, die ihm die Rechnung zahlen. Er hat tausend Talente, und seine Seele schillert wie ein Opal. Die Salons der ganzen Welt sind seine Harems, in denen er Pascha ist; denn seine Erfahrungen, seine Geistesgegenwart; sein blendendes Auftreten machen es ihm leicht, alle Frauen zu berücken. Er ist ein Wüstling aus Grundsatz, aus Not ein Zechpreller, aus Berufsgründen Falschspieler oder Fälscher, aus Lust ein Verschwender. Er wird hinter den Frauen her sein, wie der Fuchs hinter den Hühnern, und besonders reizen ihn die Frauen, die eine Gefahr, eine Blosstellung, einen Skandal zu fürchten haben. Dann wird Casanova zum Don Juan, dem es einen Genuss bereitet, die Frauen elend zu machen, wenn sie ihn lieben. Und der Abenteurer hat seine Ehre im Leibe, wie ein edler Spanier. Wehe, wer ihn beleidigt; seine Rache ist schrecklich und bleibt nie aus. Sein Stolz ist stets unter Waffen. Er ist mutig bis zur Tollkühnheit, phantastisch bis zum Aberwitz, vergnügungssüchtig wie ein Kind, ausgelassen wie ein Bube, unerschrocken und verwegen, als sei er stets in der Notwehr oder in Lebensgefahr. Er ist grossmütig wie ein satter Löwe und edelmütig, wenn ihn die Laune anfällt. Aus Protest gegen die Gesellschaft – diesen dunklen, geschlossenen Feind, den er hasst – wird er der Beschützer aller Elenden und Geknechteten, aller Erniedrigten und Beleidigten. Manchmal hat er ein Bedürfnis nach dem Eklat, das so instinktiv ist, wie des Marders Sucht nach Blut. Dann ist er nicht nur imstande, wie de Couvrays »Chevalier Faublas« vor den Augen des Gatten dessen Frau zu verführen oder, wie Casanova, während einer Hinrichtung sich der Dame zu bemächtigen, die zufällig vor ihm sich über das Fensterkreuz beugt, um ebenfalls der Hinrichtung zuzusehen, sondern nur das wahnsinnigste Unternehmen, das ihn möglicherweise Kopf und Kragen kosten kann, befriedigt dann seine Gier, um jeden Preis Aufsehen zu erregen.

Im Uebrigen ist er – wie wir gehört haben – ein Ehrenmann vom Wirbel bis zur Zehe. Und nichts ist verkehrter, als ihn mit gewöhnlichen Hochstaplern oder Vagabunden auf eine Stufe zu stellen. Zwischen diesen und dem Abenteurer entdeckt man zwar einige verwandte Züge; aber es ist eine dunkle, nur scheinbare Verwandtschaft, wie sie etwa zwischen Genies und Wahnsinnigen besteht.

Er speist gern sehr gut; denn der Zufall, sein zuverlässiger Gott, führt ihn zuweilen an die besten Tafeln. Aber wenn Ebbe in der Börse ist, nimmt er, ohne zu murren, ein trockenes Stück Brot für Braten und Wasser für Sekt. Und wenn es denn sein muss, spaziert er hocherhobenen Hauptes ins Zuchthaus, wie der dänische Minister Alberti, und noch mit kahlgeschorenem Sträflingskopf hypnotisiert er die Menge, die ihn ehrfurchtsvoll grüsst.

Heut hat er ein Vermögen, das ihm erlaubt, von den Renten zu leben, und er hat dementsprechend Bedürfnisse wie ein Kaiser; morgen ist er arm wie Lazarus, bescheiden wie Diogenes und stolz darauf, nichts zu haben und nichts zu sein. Wo ist das Geld hin? Vielleicht hat er es einem kleinen Mädchen, geschenkt, das seinen Schatz nicht ohne Mitgift heiraten kann, und das hat ihn gerührt; vielleicht hat er es im Spiel verloren; vielleicht haben es ihm einige flotte Damen aus der Tasche gelächelt; vielleicht hat er es einem armen Schelm gegeben, »der elf lebendige Kinder hat«.

Er hat keine Zukunft; er lebt ganz und gar in der Gegenwart. Heute besitzt er Brillanten; morgen hat er nur noch die Pfandscheine dafür. Seine höchste Freude ist: die Ueberklugen ordentlich einzuseifen, und er hält es für seine Ehrenpflicht, die Dummen hineinzulegen und sie auszubeuten. Denn dazu sind sie auf der Welt. Er betrachtet sie sozusagen als ein Nahrungsmittel, das der liebe Gott direkt für ihn bestimmt hat. Wie die Nachtigall sorglos singt, wenn sie die armen Würmer gefressen hat, so pfeift er sich eins, wenn er die Dummen zugrunde gerichtet hat. Schliesslich – die Würmer sind ja wahrscheinlich auch nicht sehr erbaut von ihrem Los.

Er ist nie feige, denn er spielt immer ein gewagtes Spiel; spielt immer va banque und bietet sein Leben als Einsatz. Er, der sich selber gern maskiert, liebt es, den Dingen und Personen die Maske herunterzureissen. Gelingt es ihm gar, mit den allgemeinen Begriffen von Anstand, Sitte, Ehre, Ruhm seine Komödie aufzuführen, dann sind ihm alle ausgestandenen Gefahren reich bezahlt. Er kennt die tief in der menschlichen Gesellschaftsordnung begründete Ehrfurcht, die der gewöhnliche Sterbliche vor dem Adel empfindet; darum liebt er es, eine Krone über seinen Namenszug zu setzen: Graf Pellegrini oder Cagliostro, wie Guiseppe Balsamo sich nannte; Ritter von Seingalt, wie Casanova sich nennen liess! Fürst Lahovary, der eigentlich Georg Manolescu hiess. Er passt sich allen Verhältnissen und Situationen an; er gedeiht unter allen Himmelsstrichen; er kennt keine Akklimatisationskrankheiten. Er spricht alle Hauptsprachen der Erde, ist literarisch gut beschlagen und gibt sich wissenschaftlich keine Blössen. Im Gegenteil: er wird die Wissenschaft fördern, so gut er kann; wird den Nordpol entdecken, wenn man ihn gerade sucht; wird, wenn das Leben auf dem Mars diskutiert wird, Pflanzen beschaffen, die auf dem Mars blühen und wird Eier vorzeigen, die irgendein vorsintflutlicher Saurier in der Sahara gelegt haben soll. Schlüpfen dann anstatt Echsen Kücken aus, so ist er um eine witzige Ausrede nicht verlegen. Trotzdem darf man ihn jenen Lügnern gegenüber ehrlich nennen, die vorgeben nie zu lügen. Er lügt mit sehr viel Klugheit und Anstand; findet einen grossen Genuss darin, der ganzen Welt etwas weiss zu machen, was er selbst nicht glaubt; ertappt, beruft er sich auf Plato, der Lügen und Dichten verwandte Künste nennt, und spricht seinem Urahn, Baron von Münchhausen, das schöne Wort nach: »Wenn ich sage ›wahrhaftig‹, so ist es nicht wahr, wenn ich aber sage ›auf Ehre‹, so ist es wahrhaftig wahr.«

Als Tischherr wird er seine Dame in Entzücken versetzen, denn er hat eine reiche Liebeserfahrung, die er klug zu nützen weiss. Seine Wünsche segeln auf raschen Wolken. Er täuscht vollendete Kultur vor. Niemand kann so unauffällig vornehm sein, wie er: Er ist stolz auf die dämonischen Flammen, die er künstlich in sich zu entfachen vermag. Manchmal bringt ihn sein Temperament in die Verlegenheit, einen Heiratsantrag machen zu müssen, aber er wickelt sich noch glücklich heraus, indem er sämtliche Familienmitglieder tüchtig einwickelt. Seine Ueberlegenheit ist verblüffend; sein Humor ist Geld wert. Wo es nötig ist, wird er weinen können, ohne sich einer Zwiebel zu bedienen. Dann schmückt sein Aug’ ein Tränendiadem. Und manchmal wagt er es sogar mit einer Ohnmacht – wie Tilly, der Page der Königin Marie Antoinette – deren Erfolg dann seine Erwartung weit übersteigt. »Denn« – erzählt Tilly (die Stelle ist zu aufschlussreich, um sie zu übergehen) – »da die Dame nicht schellen durfte, aus Furcht, sich vor ihren Leuten zu kompromittieren, war sie bereit, mir selbst Hilfe zu leisten, und tat es mit der ängstlichsten Sorgfalt. Es ging so weit, dass sie schon anfing, mir die Brust zu lüften, als ich für gut fand, dem Spiele ein Ende zu machen, damit ihr Eifer nicht erkalten und in blosses Mitleid übergehen möchte. Ich schlug die Augen auf, einige Tränen kamen mir, ich weiss selbst nicht woher, zu Hilfe und vollendeten die Täuschung des pathetischen Auftritts. Fanden sie vielleicht ihre Quelle in der Mühe, die ich mir gab, sie zu vergiessen, oder waren sie eine natürliche Folge der Rolle, die ich zu spielen hatte, und der Ausdruck einer Rührung, die ich heuchelte? Genug, ich war in diesem Augenblicke der Schauspieler, der sein Talent aus seiner Seele schöpft und weint, weil der Dichter ihn weinen lässt.«

So hat der Abenteurer stets alle Sympathien für sich, und wenn er das Pech hat, der Polizei in die Hände zu fallen, wird es noch in seine Zelle Liebesbriefe regnen.

Heutigestags ist er nicht mehr, wie einst Casanova oder St. Germain, der Gast aller Könige, Fürsten und Künstler; er ist auf die Hotels angewiesen. Aber das moderne Hotelwesen hat ihn etwas ernsthafter gemacht; er muss alles darauf anlegen, durch ein gediegenes Auftreten das ganze Personal sicher zu machen, denn er wird, wenn ihm keine Gimpel auf seinen Leim gegangen sind, es wahrscheinlich vergessen, seine Zeche zu bezahlen.

Unter dem eleganten Smoking pocht ein romantisches Herz, und die würdige Miene verrät nicht, dass ihm schmächtig ist, wie dem Kätzlein. Bei seiner Intelligenz und Schlauheit, seiner Kühnheit und Formsicherheit, könnte er es auch auf normale Weise zu etwas bringen. Aber der nicht bezahlte Wein mundet ihm besser, und das erlistete, erbeutete Geld macht ihm ungleich grössere Freude.

Wie tief liegt in ihm das Gefühl der Kräfte, die er hat, und die Einbildung derer, die er nicht hat. Wie leicht ist es in seinen Augen zu gefallen. Welch ein ernsthaftes Geschäft ist für ihn das Bestreben, Geist und Verstand zu zeigen! Wie anstrengend das Bemühen, liebenswürdig zu sein. Alles um ihn her erscheint seinen Augen glanzvoll, eben weil er alles verdunkeln und überstrahlen will. Aber je höher er zu steigen gedenkt, desto tiefer fällt er: Wie hoch schätzt er, was er in späteren Jahren gering achten wird. Ein Wort verletzt ihn, ein Wort entzückt ihn. Er setzt alles auf die Karte des Zufalls. Der glückliche Erfolg scheint ihm der gerechte Lohn seiner Verdienste und das unfehlbare Resultat der wohlberechneten Entwürfe seiner Weisheit. Nichts erschüttert ihn so, als wenn seine Eigenliebe verletzt wird. Nichts hemmt seinen Lauf, als seine Eitelkeit; nichts tröstet ihn, als sein Stolz. Erfahren wie er ist, verlässt er sich nie auf Menschen und Handlungen. Nichts kann seinem Scharfsinn entgehen. Für ihn hat das Leben keine Schleier und keine Geheimnisse, sondern nur Reize. Er liebt das Leben, weil er da ist; er schätzt es, weil er sich anbetet. Zwar gibt es auch Zeiten, wo er die Welt verachtet; allein er verachtet sie nur, sobald er sie mit sich vergleicht; im nächsten Augenblick erblickt er sie wieder durch das zauberische Prisma und im Schmucke aller ihrer Farben.

Wenn an der Beobachtung der Dichter, dass jeder Mensch die Urform seiner spezifischen Art im Tierreich finden wird und dass wir alle in unserem inneren und äusseren Wesen irgendeinem Tiere ähnlich sind, etwas Wahres ist, dann ist der Abenteurer eine Mischung von Marder und Wiesel, von Fuchs und Kuckuck, und zuweilen auch von Esel. Wenn man ihn fragt, was ihn so reizt, seinem gefährlichen »Berufe« anzuhängen, so antwortet er wie der Dichter, wenn man ihn fragt, wozu er Gedichte macht: er weiss es nicht. Er folgt einem unbestimmten, aber unentrinnbaren Zwange.

Eine Frau kann in diesem Sinne nie zur Abenteurerin werden, ebensowenig, wie sie in den Krieg ziehen kann. Sie ist zu sehr durch ihr Weibtum gebunden. Wenn sie ihren Abenteurergelüsten folgt, kann sie höchstens die Geliebte eines adligen oder sehr reichen Lüstlings werden, wobei sie noch Gefahr läuft, aus der Lust am Gegensatz, sich wirklich in einen armen Teufel zu verlieben, d.h. also sich aus der Hand zu geben und sich zu verlieren. Oder sie kann Hetäre werden, also eines jener »fahrenden Fräulein«, von denen ich schon gesprochen habe. Ist sie, um sich in der wirklichen Liebe zu verlieren, zu klug oder zu steril, und fehlt ihr, um als abenteuernde Dirne Erfolg zu haben, die notwendige Grazie, der Charme und die Toilette, so wird sie ihr abenteuerndes Dasein in ganz gewöhnlichen Betrügereien hinbringen.

Nie kann eine Frau, wie etwa ein Casanova, zum Abenteurer werden. Denn die Frauen haben alle ein bestimmtes Ziel: den Mann oder sein Vermögen oder seinen Ruf oder seine Liebe oder seine Hoffnungen. Die polnische Jüdin Therese Lachmann, spätere Geliebte des Klaviervirtuosen Hertz in Paris, des Lord Stanley in London, des Herzogs von Guiches, des Herzogs von Gramont, nachmalige Gattin des Marquis Aranjo de Paiva, dann Maitresse des Grafen Henkel von Donnersmarck und Besitzerin des schönsten Pariser Palais in den Champs Elysees, zugleich die Freundin von Theophile Gautier, Hippolyte Taine, Emile de Girardin, Arsaine Houssaye, Delacroix, Hohenlohe, Gambetta, usw., diese zielbewusste Streberin, die Liebe weder geben noch empfangen konnte, und für die der Mann nur das Mittel war, um ihren brennenden Durst nach Luxus zu stillen, – es liessen sich ihr leicht noch zahlreiche »historische« Beispiele anreihen – diese »grande dame«, die immerhin als der Typus dessen gelten kann, was man unter der Abenteurerin versteht, nimmt diesen Titel jedoch keineswegs für sich in Anspruch. Sie wählt nicht etwa einen besseren. Mit schöner Offenheit sagt sie vierundzwanzig Stunden nach der Trauung zu ihrem Gemahl, dem Marquis: »Mein Lieber, ich bin keine Frau für dich. Ich bin gesellschaftlich unmöglich, denn ich bin eine Hure.«

Frauen können nur am und durch den Mann ihr abenteuerndes Ziel verfolgen. Kurz, sie sind alles andere als Abenteurer, denn der Abenteurer hat nie ein bestimmtes Ziel. Er ist berauscht von einer Sehnsucht, der er keine Worte geben kann; er ist trunken vor Gier nach Glück. Er sucht und er braucht Abenteuer, wie ein Fisch Wasser braucht, wie ein Vogel Luft. Und wie der Vogel in der Luft fühlt er sich frei. Jede feststehende Grenze flösst ihm den Wunsch ein, sie zu überschreiten, und die heftigsten Leiden erduldet er, wenn man seinen freien Willen unterbindet. Das Abenteuer ist ihm keine Zerstreuung, sondern das Ziel selbst. Er zwingt das Abenteuer herbei; er wartet nicht erst darauf, bis es kommt. Denn es kommt nie. Seine Kunst ist, sich den Zufall gefügig zu machen, um an das Ziel zu kommen.

»Aber der Mensch darf trotz seiner Freiheit nicht glauben, dass er alles tun dürfe, was er wolle, denn er wird Sklave, wenn er sich durch die Macht der Leidenschaften zu Taten hinreissen lässt.« Welcher Moralist das sagt? Casanova. Allerdings erst mit sechzig Jahren.

Der Abenteurer sagt keineswegs: Erlaubt ist, was gefällt; sondern: Zur rechten Zeit ist alles erlaubt. Und er gehört zu den Leuten, denen alles erlaubt ist und denen alles gut steht.

Die Frage, warum ein so talentierter, schmiegsamer und immerhin ehrgeiziger Mensch keinen »ehrbaren« Beruf ergreift, heisst sein Wesen vollkommen missverstehen. Was soll er werden? Priester? Er will nicht heucheln und ist zu klug. Soldat? Der Beruf bringt zuviel Ungerechtigkeiten mit sich, und das empört ihn. Er mag auch seinen eigenen Willen nicht blindem Gehorsam unterwerfen. Kaufmann? Das steht ihm schlecht zu Gesicht, ist ihm zu klein, zu eng; seine Phantasie würde ihn täglich dem Bankrott entgegenführen. Künstler? Aber das ist er ja. Er ist ein Abenteurer, nichts als das; mit Leib und Seele Abenteurer, wie ein anderer Dichter ist oder Musiker.

Kann man ihn denn beurteilen? Man sieht immer nur seine vollbrachten Handlungen und nie den Willen, der sie auslöst. Wissen wir etwa, was er denkt? Vielleicht ist er nur deshalb eine so auffallende Erscheinung, weil der Rhythmus seines Blutes ein ganz anderer ist als der unsere. Denn das hat die moderne Physiologie ja nun zweifelsfrei gemacht: dass fast jedes Menschen Blut anders zirkuliert, und dass sich aus dieser Prämisse des Daseins alle Temperamentsunterschiede erklären. Folglich sollte man »blutsverwandt« diejenigen Menschen nennen, deren Blut den gleichen Rhythmus hat, und das also zur gleichen Willensbetätigung drängt. Das Blut allein macht ja nicht den Vater, hat schon Lessing bemerkt. Der dänische Minister Alberti, Graf Königsmarck, Manolescu, Graf de la Ramé, Margolin, Cook – um nur an die jüngsten Abenteurer zu erinnern – sie scheinen tatsächlich einer Familie anzugehören.

Wenn aber niemand dafür bestraft oder auch nur gering geschätzt werden kann, weil er nichtsanguinisch, sondern phlegmatisch, nicht melancholisch, sondern cholerisch ist, wenn kurz und gut die moralische Qualität eines Menschen von vornherein durch die physische bestimmt ist, hat dann der Lüstling nicht recht, wenn er, zum »alten Wolf« geworden, Gott anfleht, er möge ihm ein hübsches, junges Mädchen in seinen Rachen führen? Unser Schiller, der in Dingen der Moral gewiss eine unantastbare Autorität ist, hat diese Frage bei derselben Wurzel angefasst. »Man hat das Erdreich des Vesuvs untersucht, sich die Entstehung seines Brandes zu erklären. Warum schenkt man einer moralischen Erscheinung weniger Aufmerksamkeit als einer physischen? Warum achtet man nicht in eben dem Grade auf die Beschaffenheit und Stellung der Dinge, welche einen solchen Menschen umgeben, bis der gesammelte Zunder in seinem Inwendigen Feuer fing?«

Und unser Dichter antwortet: »Den Träumer, der das Wunderbare liebt, reizt eben das Seltsame und Abenteuerliche einer solchen Erscheinung; der Freund der Wahrheit sucht eine Mutter zu diesen verlorenen Kindern. Er sucht sie in der unveränderlichen Struktur der menschlichen Seele und in den veränderlichen Bedingungen, welche sie von aussen bestimmten, und in diesen beiden findet er sie gewiss. Ihn überrascht es nun nicht mehr, in dem nämlichen Beete, wo sonst überall heilsame Kräuter blühen, auch den giftigen Schierling gedeihen zu sehen, Weisheit und Torheit, Laster und Tugend in einer Wiege beisammen zu finden. Wenn ich auch keinen der Vorteile hier in Anschlag bringe, welche die Seelenkunde aus einer solchen Behandlungsart der Geschichte zieht, so behält sie schon allein darum den Vorzug, weil sie den grausamen Hohn und die stolze Sicherheit ausrottet, womit gemeiniglich die ungeprüfte, aufrechtstehende Tugend auf die gefallene herunterblickt; weil sie den sanften Geist der Duldung verbreitet, ohne welchen kein Flüchtling zurückkehrt, keine Aussöhnung des Gesetzes mit seinem Beleidiger stattfindet, kein angestecktes Mitglied der Gesellschaft von dem gänzlichen Brande gerettet wird.«


 

IX. Der Zauber der Ferne.

Wir träumen von Reisen durch das Weltall; ist denn das Weltall nicht in uns? Nach innen geht der geheimnisvolle Weg.
Novalis

 

Die unerklärliche Abenteurerlust lebt in jedem Menschen. Sie äussert sich meist nur in den zahmen Formen des Wandertriebes.

Wer von all den Tausenden, die alljährlich aus den Städten in die Berge und Wälder flüchten, denkt daran, dass Goethe es war, der diesen Wandertrieb und diese Natursehnsucht in uns geweckt hat?

Den Menschen des Altertums, des Mittelalters und der Renaissance galten Wälder und Gebirge als Orte des Schreckens, die man so schnell als möglich zu verlassen suchte. Das niedere Volk fürchtete die Geister, die in den einsamen Wäldern hausten, und der kultivierte Mensch mied sie ebenfalls gern; er nannte die »Geister« nur Räuber und Wegelagerer. Man reiste nicht, um sich an den Schönheiten der Natur zu erfreuen, sondern um in fremden Städten und Ländern die Sitten kennen zu lernen.

Goethe war einer der ersten deutschen Touristen im modernen Sinne, und er hat durch seine Schilderungen am meisten auf die Erweckung und Ausbildung der Reiselust eingewirkt. Man könnte vielleicht noch Gessner nennen, Haller und Rousseau; vielleicht noch Winkelmann und Lessing. Aber was Haller von den Alpen mitbrachte, war ein Lehrgedicht über »die Alpen«, ein eisiges, steiniges, schwer passierbares Gedicht, und Rousseau, der Naturapostel, hat zwar frische Schilderungen vom Genfer See gegeben, weil er dort lebte; aber in die Alpen hat er sich nicht hinauf gewagt. Anfangs scheint es merkwürdig, dass heute, wo das Reisen so erleichtert ist, wirkliche Reisebeschreibungen, wie Montaigne, Goethe, Heine, Seume, Moritz, Archenholtz, Arndt, Hahn-Hahn, Pückler-Muskau, Stendhal, Taine, Maupassant, Hamsun und andere sie gegeben haben, von dieser Bedeutung nicht mehr zutage treten. Aber der Grund ist sehr naheliegend. Unsere Reisen sind keine Reisen mehr. Wir sehen nichts mehr; wenigstens nicht mehr mit unseren eigenen, unbefangenen Augen. Wir haben gedruckte oder plappernde »Führer«, oder wir haben »Vergnügungsgesellschaften«, die von Berlin aus im Januar bestimmen, dass wir am 12. April in Venedig sein werden, am 13. in Rom, am 14. in Ajaccio usw. vier Wochen lang, was ungefähr genau so ist, als würde man uns den Küchenzettel der nächsten vier Wochen vorlesen, wobei einem aller Appetit zum Teufel ginge. War man in Aegypten oder in Indien, wenn man es auf seine verbuchten Sehenswürdigkeiten hin durchschnobert? Wenn ich in Berlin den D-Zug besteige und in Rom wieder aufwache, so ist das noch keine Italienreise zu nennen. Wir reisen nicht; wir rasen. Lokomotiven, Autos – ganz gleichgültig, die Devise lautet: Rauch und Staub sollst du schlucken und mit Lust. Es sind erst achtzig Jahre her, seit Börne seine launige »Monographie der deutschen Postschnecke« geschrieben hat. Diese Leute nahmen sich noch Zeit zum Sehen, und jeder, der auszog, eine Reise zu machen, hatte etwas zu erzählen.

Und wie reisten sie! Wenn Casanova beispielsweise in seinem eigenen Wagen von Frankreich nach Deutschland fährt, benötigt er zwei Diener, acht Schirme, zwei Dutzend Hüte, vier Anzüge, diverse Samthosen, fünfzig Hemden, fünfzig Taschentücher, Boutons, Kartons, Puderquasten, Waffen, Tabatieren, Uhren, Unmengen Schokolade. Casanova bildet indessen keine Ausnahme, und nicht nur die Abenteurer reisten so. Hier ist das Zeugnis Pückler-Muskaus: »Ich tue mir überhaupt etwas darauf zugute, das Reisen in gewisser Hinsicht besser als andere zu verstehen, nämlich die grösste Bequemlichkeit, wozu auch das Mitnehmen der möglichsten Menge von Sachen gehört, mit dem geringsten Embarras und Zeitverlust zu verbinden wissen. Ehe ich in Dresden einpackte, glaubte man, ein Warenlager in meinen Stuben zu sehen.«

Es gibt viele Leute, die, wenn sie durch Italien reisen, »Goethes Spuren« folgen und genau wissen, wo Goethe gegessen und gesessen hat; aber von Italien wissen sie nichts. Sie haben nicht den Mut Goethe abzuschütteln und ihr eigenes Leben zu leben. Sie reisen, um sich zu bestätigen, dass sie die auf der Schulbank gepaukten literarischen oder historischen Daten noch nicht vergessen haben. Es gibt andere Leute, die reisen, um sich zu erholen, und sie pfeifen auf die ausführliche und übersichtliche Gelehrsamkeit des Baedecker. Wieder Andere reisen, um Geschäfte zu machen, und Andere, Hochzeitsleute zum Beispiel und Snobs reisen, weil es Mode ist und zum guten Ton gehört. Aber dann muss es schon Tibet sein oder die Wüste in Zentralaustralien.

Aber es gibt auch Leute, die reisen müssen, wie sie atmen und essen müssen; die nirgends und überall zu Hause sind, und die es von Ort zu Ort treibt, als seien sie auf der Suche nach dem Glück.

Man kann die Menschen in zwei Gruppen teilen: die Einen sind veranlagt, nach aussen zu leben, die Anderen leben nach innen. Die Einen brauchen die Fremde, die Ferne, die für sie Zerstreuung, Beschäftigung, Ablenkung von der Einsamkeit bedeutet; die Anderen fühlen sich durch Freunde ermüdet, verwirrt, gelangweilt und niedergedrückt, während die Einsamkeit sie beruhigt. Bei allen Menschen aber kommt ein Augenblick, da die Sterne am inneren Himmel nicht mehr weiter wandeln und auf irgendeinen äusseren Anstoss, eine Veränderung warten, um einer Stockung vorzubeugen. Darum ist unter den seelischen Heilmitteln das Reisen eines der besten, denn die Augen wollen, wie der Magen, Abwechslung und Ueberraschung. Und obwohl der Grossstädter doch alles haben kann, wonach es ihn gelüstet, gehorcht er der Lockung der Ferne wie einem gebieterischen Zwange, gibt alle seine Lieben und Freunde, seine Bequemlichkeiten, seine unentbehrlichen täglichen Gewohnheiten auf, straft den Gedanken, dass er eine Maschine sei, Lügen, und reisst sich von allen gewohnten Beziehungen los ... um sich in das Andere, in das Unbekannte zu stürzen. Zu diesem Zweck bringt er eine Nacht im Eisenbahnwagen zu, wo er steife Glieder bekommt und wie ein Sieb geschüttelt wird, wo die Luft schlecht oder zugig ist, wo das Essen geschmacklos ist und teuer. Er bekommt Kopfweh und einen Panzer von Schmutz. Das sind die Präludien der Vergnügungsreise.

Dann kommt das Vergnügen des Hotellebens. Ich denke mir meinen Reisenden als einen Menschen, der auf sein Bett einigen Wert legt. Es ist der Heiligenschrein unseres Körpers. Ihm überliefern wir unsere müden Glieder, um frische Kräfte zu sammeln. In ihm verleben wir die süssesten Stunden unseres Lebens; hier beginnt unser Leben, hier endet es. Wir sollen unser Bett achten, verehren, lieben. Aber ein Hotelbett kann man unmöglich lieben. Welche unappetitlichen Menschen haben auf diesen Kissen schon geschlafen? Wieviel Liebe, wieviel Kummer hat hier schon geseufzt! Welches Mysterium der Leidenschaft hat sich hier erfüllt? Wieviele gequälte Seelen haben hier ihre Tränen vergossen? Wieviele Herzen haben vergeblich Ruhe und Frieden gesucht! Wieviele Schurkengehirne spannen hier in schweigender Nacht gemeine Ränke! Hat der Genius des Bösen hier gehaust? Hat der Dämon der Kunst hier seine Schwingen entfaltet? Man begibt sich in solch ein Bett wie in eine unbekannte Gefahr.

Dann das Essen! Endlose Mahlzeiten an der langweiligen Mittagstafel unter überlauten komischen Leuten oder das mechanische Alleinspeisen an einem kleinen, Tisch in irgendeiner Ecke.

Und endlich die Abende! Gibt es etwas Grässlicheres, als wenn die Nacht sich über eine uns fremde Stadt herabsenkt? Man drängt sich durch ein Gewoge lärmender Menschen, die uns sonderbar vorkommen, unwesenhaft, als träumte man nur von ihnen. Man sieht Gesichter, die man wahrscheinlich nie wieder sehen wird und die einem vollkommen gleichgültig sind. Die Menschen sind von uns getrennt durch alles, was uns von ihnen trennt. Genau so gleichgültig wie wir ihnen gegenüber sind, genau so gleichgültig sind sie uns gegenüber. Es ist so schwer, sie zu lieben und zu achten und nichts von ihnen zu erwarten. Aber was sollte man auch von ihnen erwarten? Man hat das quälende Gefühl, als sei man ganz verloren in der Menge, unter die uns die schicksalsschwere und tolle Furchtbarkeit des Zufalls geworfen hat; man gehört nicht zu ihr; das Herz zieht sich zusammen; man fühlt sich vollkommen niedergeschlagen. Man möchte fliehen, um nur nicht mehr in das Hotel zurückzukehren, wo man sich noch viel elender fühlt und wo das harte Grübeln der Einsamkeit auf uns wartet. Das Gefühl des Alleinseins und des Sichnichtanschliessenkönnens packt einen wie eine Art Wahnsinn. Und plötzlich wird einem klar, dass man stets und überall in der Welt wirklich einsam ist, und dass durch Bekannte, denen man an bekannten Orten begegnet, in uns nur die Illusion der Verbrüderung aller Menschen erweckt wird. In diesen Stunden der Verlassenheit in fernen Städten erweitert sich das Denken und es wird klarer und stiller. Dann erst überschaut man das ganze Leben mit einem einzigen Blick; man gibt sich nicht mehr der Täuschung ewiger Hoffnung hin; man lässt sich nicht mehr durch alle Gewohnheiten und durch die Sehnsucht nach immer nur erträumtem Glück betrügen. In der Ferne erst begreift man ganz, wie nah und kurz und schrecklich leer alles ist. Auf der chimärischen Jagd nach dem Unbekannten wird uns so recht klar, wie mittelmässig und vergänglich alles ist. Wenn man die Erde durcheilt, dann sieht man erst, wie klein sie ist, und wie sie unaufhörlich immer nur dasselbe bietet. Allerorten grenzt die Erde an den Himmel. Alle Reiseberichte – selbst der des fröhlichen Otto Julius Bierbaum – laufen im Grossen und Ganzen darauf hinaus, dass man in der Fremde nichts wesentlich anderes findet, als man schon zu Hause gesehen hat. Man sucht die Ferne, aber die Ferne flieht. Die Reiseeindrücke bleiben immer hinter den Erwartungen zurück. Alle Länder sind aus dem gleichen Stoff. Ueberall gibt es Bäume und Wasser und Menschen. Und man sieht, dass man von sich selber ebensowenig loskommt, wie die Schnecke von ihrem Haus; dass man sich gleich bleibt; dass man von seiner eigenen unsichtbaren Welt fest eingeschlossen ist.

Man sitzt in dem fremden Gasthofzimmer und weiss nicht, was man mit sich anfangen soll. Schlafen? Man wird noch jahrtausendelang schlafen ... Das Gefühl der Leere überkommt einen, das zu hilfloser Einsamkeit und trostlosem Müssiggang verdammt. Der Wille stirbt ab und eine tötliche Apathie breitet sich gleich einem erstickenden Mehltau über unser ganzes Wesen aus. Die Stunden folgen einander mit einer bedrückenden Eintönigkeit. Unsere Umgebung ist uns verhasst und lästig, wie wir wahrscheinlich unserem Nächsten verhasst und lästig sind. Man fühlt sich alt und knochenlos. Das ganze Leben scheint sinnlos und stumpfsinnig. Man sitzt da und schlummert ein. Man fährt auf, schaut zum Fenster hinaus und unser Blick haftet stundenlang auf irgendeinem Pflasterstein; man döst tiefsinnig dahin, ohne irgendeinen Gedanken zu denken. Man starrt auf den gleichförmig grauen Himmel, starrt auf die hüpfenden Sperlinge, auf die regenschimmernden Dächer, auf die nassen Strassen, auf die zitternden Laternen; man starrt auf jeden Einzelnen, der vorübergeht – aber man denkt sich nichts bei diesem von der Angst hypnotisierten Schauen. Man versteht nicht das Geringste. Die Gedanken sind zerrissen oder verwirrt, wie wildes Dornengestrüpp. Man starrt nur und starrt, bis das Grau des Himmels allmählich düster wird und krähenschwarz. Eine greisenhafte Schlafsucht überfällt einen; alles überzieht sich scheinbar mit einem grauen gespenstigen Nebel; in den Ohren klingt es und über die Haut schleicht ein seltsames Frieren ...

Man ist ein Dichter geworden ... Und was ist man dann? ... Herr des Tintenfasses, König ohne Land, Gott ohne Donner und Blitz; Fürst einer Papierkrone, Held eines hölzernen Säbels, ein heiliger Narr, ein Monomane der Imagination, ein Kind aus Schlaraffenland, ein Gaukler, ein Genie der Lüge ...

Ein grundloser Gram zieht in unsere Seele; man hat das Gefühl, als werde man von einem Schimmelpilz überzogen. Eine angsteinflössende Stille liegt auf der Lauer. Man ist müde, ohne schläfrig zu sein. Man sitzt da und bringt nicht einmal die Energie auf, sich dem Bette zu nähern. Von der Erde bis zu den Sternen erfüllt den Raum eine unendliche Ruhe. Es herrscht ein Kirchhofsfrieden und in der düsteren Stille der tiefen Nacht vermag das wachsame Ohr eine Menge Laute zu unterscheiden. Irgendwo schlägt eine Tür zu; irgendwo räuspert sich jemand. Geheul ertönt und jemand geht über seufzende Dielen hin und her; alle zehn Sekunden seufzt eine bestimmte Diele. Obwohl kein Licht brennt, erkennt man die schattenhaften Umrisse der Gegenstände. Lautlose schwankende Schatten bewegen sich durchs Zimmer und irgendwo flüstert’s und wispert’s. Oder die Gehörsnerven täuschen es uns vor. In diesem krankhaft wachsamen Schlummer vergeht der grösste Teil der Nacht.

Man hat sich zu Bett begeben, ängstlich wie ein Kind und mit einem vagen Gebet im Herzen an – an den Gott in uns.

Wie ein verirrtes Kind nach seiner Mutter, so sucht man nach den lichtvollen, freudigen Erinnerungen, die man zum Schutze gegen die Trostlosigkeit heraufbeschwören möchte, die uns einspinnt und polypenartig umklammert. Jetzt erinnert man sich an seine Kindheit, wo die Mutter der Inbegriff war von Güte und Wärme, von Liebe und Treue, der Inbegriff von allem was schön und rein ist auf Erden. Man möchte wieder zu ihren Füssen sitzen, weil dort das Paradies war. Und man erinnert sich, dass man selber rein war und gut ... Damals ... und man sehnt sich nach Versöhnung in einem auflösenden Gefühl der Allgemeinmenschlichkeit alles Leidens, nach Versöhnung, in der man die Wärme von Herz zu Herzen fühlen möchte, den magischen Trost für alles, die grosse Entdeckung, durch die die Sterblichen dem Tode trotzen ... Tränen treten in die Augen ... und nun beginnt man zu weinen ... und weint schwer und schmerzvoll. Die Tränen fliessen wie unter einem Alpdruck ... könnte man sich doch totweinen! ...

Langsam und fern und grau beginnt der neue Tag ...

Und dann reist man weiter ...

Aber trotz allen Misshelligkeiten, Strapazen, melancholischen Regentagen, schlechten Mahlzeiten und fragwürdigen Betten überfällt uns immer wieder der Zauber der Ferne. Immer wieder ziehen wir aus, um in den lockenden Weiten das Paradies zu suchen. Es ist eine Lust, die ganz von innen herauswächst, eine kindhafte Neugierde, deren Befriedigung voll schöner Verheissungen ist, und die der armseligsten Kreatur wieder Hoffnung gibt und Sehnsucht. Zurück zur Natur! Das ist der Lockruf, der tausend Wonnen in sich schliesst. Aber Wenige sehen die Natur; Wenige verstehen, sie zu gemessen. Wenigen ist der Verkehr mit Himmel und Erde tägliches Bedürfnis; bei den Meisten konzentriert sich die Freude an der Natur auf einige Sommerwochen im Jahre, in denen diese Menschen ein ekstatisches Entzücken ergreift.

Der Himmel bewahre uns vor Gesetzgebern in Dingen der Schönheit, des Vergnügens und der freudigen Erregung. Das, was jeder empfindet, ist ihm eigen und besonders, wie seine Natur. Was ich fühle, hängt von dem ab, was ich bin. Aber wenn für unser Wohlbefinden die frische Luft ein Labsal von wunderbarer Heilkraft ist, muss ich nicht erst bis ans Ende der Welt reisen, um einen Spaziergang zu machen. Sowie man das Getose der Strassen verlässt, freien Himmel und Wald sieht, werden der Kaufmann und der Arbeiter, der Anwalt und der Reimschmied wieder Menschen. Man entschlüpft seinen Beziehungen, wie die Schlange ihrer Haut und empfängt das Leben wie ein neues Geschenk. Zum ersten Male sieht man die Wolken ziehen – diese poetischen, üppigen, tausendförmigen Malereien unsichtbarer Engel, – die geometrischen Rätselbilder der Sterne, auf denen schon die wunderdurstigen Augen des ersten Menschen geruht, meines Bruders, leuchten geheimnisvoll herab, das buntgestreifte Kleid der Erde breitet sich vor uns aus. Der Anwalt, der das Corpus juris und sämtliche Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuches auswendig kennt, hat nicht die mindeste Ahnung von den Gesetzen des Getreidewachstums, und zu seiner Schande gesteht er sich jetzt erst, dass er Weizen nicht von Hafer oder Roggen unterscheiden kann. Nun ist seine Wissbegierde angestachelt, und er belauscht die Natur bei der Arbeit: wie Wind und Biene den Sämann spielen, wie die Sonne die Bäche austrinkt und die See bestiehlt, um Wolken bilden zu können, mit denen sie die Felder begiesst, von denen das Tier sich nährt, das uns dienen muss. Er erkennt, dass seine Wesenheit im Haushalte der Natur nicht verloren gehen kann. Die Natur schliesst ihr Herz vor ihm auf und er wird fröhlich.

In Gesellschaft spricht die Natur nicht zur Phantasie; wer Bekanntschaft schliessen will mit den göttlichen Kräften, für den gibt es nur eine Eisregion, in die er reisen muss: die Einsamkeit. Sie ist für den schaffenden Menschen die ernste Freundin; ein Engel mit kalten, dunklen Flügeln, die über Sonnen und Sterne hinaustragen. Wer sich zu Grösserem bestimmt weiss, der muss davor behütet sein, mit vielen Menschen zusammen zu reisen und unter dem uralten, alltäglichen Joch ihrer Meinungen leben, atmen, lesen und schreiben zu müssen.


 

X. Der Wert des Missgeschicks.

Unglück ist auch gut.
Lessing

 

Ich habe das nur für diejenigen geschrieben, die sehr viel gelitten haben; für die Erniedrigten und Gedemütigten; für die Elenden und Heimatlosen; für die Armen, die verzweifelt die Strassen ablaufen, um einen Retter zu suchen; für die schwärmerischen Narren, die das Leben für ein schönes Märchen halten und die auf ein Wunder warten; für die Toren, die ihr Glück von einem Lotterielos erhoffen; für die brotlosen Künstler, die sich den Luxus des Stolzes leisten; für die weltentrückten Dichter, die, wie die Nachtigallen, die Sorge ihrer Ernährung dem lieben Gott überlassen; für die Erfinder, die am Morgen eine Welt aufgebaut haben, um sie am Abend zertrümmert zu sehen; für die edlen Denker, die sich den Dornenkranz des Nachruhmes auf die Stirne pressen, indes sie am Hungertuche nagen – kurz für alle Don Quixotes, die um ihre heiligen Illusionen kämpfen und die die böse Erbschaft des Gefühls mit sich herumschleppen; eine Erbschaft, die an keiner Bank Zinsen trägt.

Vor allem spreche ich aber zu denen, die auf dem Schlachtfelde des täglichen Lebens zu Krüppeln geschlagen worden sind und die sich nun wie angeschossene Tiere in ihre Höhle zurückziehen, um dort einsam den Tod zu erwarten oder, was noch schlimmer ist, um vollkommen enttäuscht und vollkommen verbittert, vollkommen verzweifelt und vollkommen hoffnungslos dahinzuleben, Ahasver gleich, der nie sterben und nie erlöst werden kann.

Ich spreche zu denen, die zuweilen so wund heimkommen, dass ihr ganzer Körper aufgerissen zu sein scheint – ein vollständiges Bluten – und dass sie das Gefühl haben, wenn nun jemand käme und sie anrührte oder auch nur anspräche, würde Schmutz in ihre Wunde geraten und sie müssten dann unweigerlich sterben.

Eine unendlich grosse Not legt manchmal ihre schweren Hände auf uns, so dass wir kaum Atem bekommen, und wenn wir dann still dasitzen wie zu Stein gewordene Figuren, die gleichsam marmorne Tränen weinen, hören wir doch, wie das Herz in unserer Brust schreit und wie hilflos es schluchzt. Unser Schicksal wuchtet dann so schwer auf uns, dass wir uns nicht getrauen, es durch Tränen zu entweihen. Oder auch eine gewisse Scham vor uns selber sorgt dafür, dass unsere Augen trocken bleiben, obwohl Tränen viel Böses aus unserem Leben fortspülen und unsere Seele reinwaschen könnten. Aber man kann in solchen Stunden nicht weinen. Und es tut tausendmal mehr weh, wenn uns dieser Trost versagt bleibt und wenn wir mannhaft an uns halten und stumm ins Leere schauen, während unsere Seele, von einer entsetzlichen Qual geängstigt, zusammenschrumpft und so kleinlaut und still ist, dass man kaum mehr weiss, ob sie noch in einem ist. Stundenlang kämpft man mit allen Mächten des Himmels und der Hölle, und es ist ein fortwährendes Ringen in uns. Ein Ringen ohne Ende, das nicht müde werden will, obwohl alles Gute und. Hoffnungsvolle, das wir ersehnen, alles Lichte und Schöpferische, das uns aufrecht hält, längst am Boden liegt, geknebelt und besiegt, ohnmächtig und erloschen. Wir sind eigentlich zu Ende, und nur der Andere in uns sieht mit einer schwachen Neugierde zu, wie der Zufall entscheiden wird: ob wir zum Gift greifen werden oder zum Strick, zur Kugel oder zum Dolch.

In so grosser Seelennot sieht man natürlich das ganze Leben verzerrt, und wer je etwas Böses über Welt und Menschen gesagt hat, ist willkommen. Es ist die einzige armselige Freude, die einem bleibt: zu wissen, dass kein Unglück so gross ist, dass irgendwo nicht schon ein grösseres geschehen wäre, und dass kluge, unsterbliche Männer das Leben auch so entsetzlich qualvoll gefunden haben, wie wir. Man sieht die Menschheit ewig von den vier apokalyptischen Reitern bedroht, der Seuche und dem Hunger, dem Krieg und dem Tod. Durch Kriege und Seuchen, durch Religionen und Leidenschaften, durch Hunger und Liebe, durch Feuer und Wasser, Luft und Erde, durch den Wissensdurst und den Erwerbstrieb sind Millionen Menschen vor der Zeit hingerafft worden. Tyrannen und Gewalthaber haben das Recht mit Füssen getreten; Hunderttausende wurden dem Ehrgeiz Wahnsinniger geopfert, Städte wurden eingeäschert, Länder um einer Laune willen verwüstet; die Caligula und Nero, Torquemada und Napoleon erstehen zum Fluche der Menschheit in immer neuen Inkarnationen. Sie sind wie Vulkane, die plötzlich ihren Rachen öffnen und über Städte, Länder und hunderttausende Menschen Tod und Verderben speien. Wenig Lichtblicke ausgenommen, ist die Geschichte der Menschheit eine ungeheure Tragödie, in der Erbärmlichkeit und Niedertracht, Mord und Raub beständig wiederkehrende Motive sind. Wie viele hat man allein im Namen der Religion, also im Namen Gottes verbrannt und ertränkt, gesteinigt und erhängt, gefoltert und gerädert. Haben denn Salomo, Aeschylos, Firdusi und Schopenhauer nicht recht, wenn sie es als ein besonderes Glück preisen, nicht geboren zu sein?

Aber diejenigen, die dies Lied anstimmen, und die anderen, die es hören, haben nun das Unglück, geboren zu sein. Was tun? Das Ganze ist nichts als ein böser Traum, trösten die Inder und Shakespeare und Calderon.

Und andere kluge, unsterbliche Männer beweisen, dass die Welt voller Sonne ist und voll paradiesischer Harmonie und dass die ganze Geschichte sich nicht schöner abrollen könnte, als es geschieht.

Allein, es dreht sich hier nicht darum, Partei zu nehmen für die Pessimisten oder Optimisten. Die Geschichte der Menschheit ist umfangreich, und jede Partei kann für ihre Weltanschauung viele Bände mit Beweisen füllen. Welchen Standpunkt man einnimmt, hängt im letzten Grunde nicht von unserem freien Willen ab, sondern von unserem Temperament und unserer Erziehung, vom Grade unserer Furcht oder Hoffnung. Denn alle Philosophien sind nichts als subjektive Bekenntnisse; der eine sympathisiert mit Shaftesbury, der andere mit Schopenhauer. Es ist jedenfalls schwer für den Menschen, der nur ein Teil des Teils ist, das Ganze zu beurteilen. Weil die Ideale, die einem in der Jugend eingetrichtert worden sind, im Leben selten standhalten und es für die Meisten eine sehr peinliche Ueberraschung ist, zu erfahren, dass man für ein Dutzend Ideale noch keinen Dreier bekommt, und dass man für einen um so grösseren Narren gehalten wird, je mehr Ideale man hat, glaubt man natürlich ein Recht zu haben, dem lieben Gott eine schlechte Zensur geben zu dürfen. Mama hat uns von einem Schlaraffenland erzählt, und nun ist es gar nicht wahr, dass auch essbare Schweine auf der Strasse herumlaufen. Unser Leben rollt sich vielmehr in einem gleichmässigen Wechsel von Arbeit und Ruhe, von Glück und Unglück ab. Jeder hat schon einmal dem Leben geflucht, und jeder hat es schon einmal inbrünstig geliebt. Unsere Empfindungen steigen und fallen, unsere Stimmungen, unsere Urteile wechseln, unsere Leidenschaften machen uns hässlich und schön, bald schaffen sie, bald zerstören sie das Glück. Positiv ist, dass die Gewohnheit unser Leben allmählich einkreist, so sehr, dass der Gefangene endlich seinen Kerker liebgewinnt.

Aber dies ist die Befreiung von aller Qual: man muss das Leiden aufsuchen und ihm nicht ausweichen, sich ihm stellen und mit ihm ringen und wie Jakob zum Engel sagen: Ich lasse dich nicht von hinnen, ehe du mich gesegnet hast. Und wenn man es besiegt hat, erlebt man plötzlich – wie im Märchen – dass dem Leiden nicht nur alle Schrecken genommen sind, sondern, dass sich alles verwandelt hat. Aus Sorge ist Klugheit geworden, aus Gefahr Mut, aus Pein Gewinn, aus Enttäuschung Weisheit, aus Elend Milde und aus Menschenhass wurde Menschenliebe. Und ist man erst da, dann ist man Herr aller Nöte.

So verstehe ich es, wenn Armut, Krankheit und Tod die drei Dinge waren, die den indischen Prinzen zur Erkenntnis der Welt brachten. Aus dem lebensdurstigen und lebenslustigen Manne wurde ein Entsagender, der die Eitelkeiten der Welt floh, wurde Buddha, der die Ueberwindung des Lebens lehrte. In seiner berühmten Predigt von Benares verkündigte er den fünf Mönchen: »Dies, ihr Mönche, ist die heilige Wahrheit vom Leiden, Tod ist Leiden, mit Unlieben vereint sein ist Leiden, von Lieben getrennt sein ist Leiden, nicht erlangen, was man begehrt, ist Leiden, kurz, das fünffache Haften (am Irdischen) ist Leiden. – Dies, ihr Mönche, ist die heilige Wahrheit von der Entstehung des Leidens: es ist der Durst (nach Sein), der von Wiedergeburt zu Wiedergeburt führt, samt Freude und Begier, der hier und dort seine Freude findet; der Durst nach Lüsten, der Durst nach Werden, der Durst nach Macht. – Dies, ihr Mönche, ist die heilige Wahrheit von der Aufhebung des Leidens: die Aufhebung des Durstes durch gänzliche Vernichtung des Begehrens, ihn fahren lassen, sich seiner entäussern, sich von ihm lösen, ihm keine Stätte gewähren. – Dies, ihr Mönche, ist die heilige Wahrheit von dem Wege zur Aufhebung des Leidens: es ist dieser heilige, achtteilige Pfad, der da heisst: rechtes Glauben, rechtes Entschliessen, rechtes Wort, rechte Tat, rechtes Leben, rechtes Streben, rechtes Gedenken, rechtes Sichversenken.«

Nicht das Glück, sondern das Leid veredelt und läutert. Darum ist nur der unglücklich, der das Unglück nicht kennt, sagt Daniel. Erst wenn Nöte und Schwierigkeiten an uns herantreten, wenn das Unglück uns ins Auge gefasst hat, erkennen wir unsere Schwächen und sehen, was wir wert sind. Wenn das Leben auf uns einhämmert, die wir biegsam sind, wie heisses Eisen, will es uns zu Stahl verhärten, damit wir unter den künftigen Schlägen nicht zerbrechen. Der Schmerz gehört überhaupt so notwendig zu uns, dass ein weit grösseres Grauen in uns lebt vor einem nie getrübten Glück (der Ring des Polykrates), als vor nie endender Not. Alle Völker opfern im Glück, um nicht den Neid der Götter und die Missgunst des Schicksals herauszufordern. Im Mittelalter wurden bei der Grundsteinlegung von Burgen, Stadtmauern, Brücken, Deichbauten noch Menschen geopfert oder Kinder lebendig eingemauert, um dem Bau Dauer und Glück zu verschaffen (Sage von der Burg Liebenstein). Noch 1841, als in Halle die Elisabethbrücke gebaut wurde, glaubte das Volk, man habe ein Kind zum Einmauern nötig. »Wenn ein Neubau halten soll, muss er ein Opfer haben.« Mit anderen Worten: Ohne Tribut an das Unglück gibt es kein Glück. Das ist auch der Sinn der Bräuche, die es erheischen, dass man sich selber im Glück gewaltsam Schaden zufüge, um grösseres Unglück von sich abzuhalten. Deshalb zerbricht man Gefässe auf Hochzeiten oder wenn man eine neue Stellung antritt (Dithmarschen). Bricht das Glas entzwei, das man von einem Neubau heruntergeworfen hat, so bringt es Glück; geht es nicht in Stücke, so bringt es Unglück (Schleswig). Geht ein Weib, nachdem es Mutter geworden, zum ersten Male über eine Brücke, so wirft sie Geld ins Wasser, damit der Wassergeist ihr Mutterglück nicht zerstöre (Böhmen). Allerorten bringt man Opfer im Glück, erlegt sich Gelübde auf, kasteit sich, fastet, um das Schicksal günstig zu stimmen. Man ist bange vor dem Glück und darf nicht davon sprechen, sonst schwindet es dahin, wie jene spukhaften Irrlichter, die einen Schatz anzeigen, und die man dadurch verscheucht, dass man von ihnen redet. Man verletzt die Menschen mit seinem Glück, und um es nicht ungetrübt zu gemessen, opfert man dem unbekannten Schicksal aus einer unbestimmten und unerklärbaren Angst heraus, als wolle man dadurch zum Ausdruck bringen, dass man das Glück nicht verdiene; als wolle man Busse tun für ein Unrecht, das man ohne Verschulden begangen hat. Man weint unwillkürlich im Glück, weil das Tiefste in uns die Nichtigkeit des Glückes kennt oder das Unglück erwartet. Mitten im höchsten Glück durchhasten uns Schauer des Todes.

Beständiges Glück ist unerträglich. Hinge der Himmel stets voller Geigen, würde man auch bald die Hölle vorziehen. Denn lange Genüsse werden schal; daher kommt es, dass man Feste nur ein paar Tage lang erträgt.

Wenn wir vom Schicksal alles erhalten, was wir von ihm fordern, erscheint es uns wertlos; mehr noch: man ist seelisch tot, wenn einem nichts mehr zu wünschen übrig bleibt. Der Misserfolg aber nötigt uns zur Selbstzucht und Selbstverleugnung. Misserfolg drückt zwar unser Selbstgefühl nieder, aber nach den Tagen der Niedergedrücktheit halten wir Umschau in uns, korrigieren unsere Fehler und gehen von neuem und umsichtiger ans Werk. Und aus der Bekämpfung des Missgeschickes erwächst uns grosse Freude. Denn der Erfolg ist ja nur die Summe zahlloser Niederlagen. Im Erfolg sind wir gern übermütig und ausgelassen, und Ausgelassenheit verwandelt sich bald in Niedergeschlagenheit. Es ist der natürliche Rückschlag. Glück und Erfüllung stumpfen ab und machen fett, aber nicht glücklich; Entsagung und Missgeschick erhalten aber jung und rege. Freiwillige Entbehrungen sind darum ein gutes Kräftigungsmittel, um die unfreiwilligen leicht zu ertragen. Die bitteren Fröste des Missgeschickes verhindern unsere Seele, geile Schösslinge zu treiben und machen die Luft frisch und gesund.

Der Mensch lässt sich nur in der höchsten Not erretten. Bevor wir das Sprungtuch benützen, müssen uns die Flammen schon hart bedrohen. Erst das Unvermeidliche zeigt uns, welche Kräfte und Möglichkeiten in uns schlummern. Erst in der Verzweiflung entfalten wir das Höchstmass unserer Kräfte und finden die tiefste Fülle unseres Tons. Der Schwan singt erst, wenn er stirbt. Kann das Märchen von dem Vogel, der aus der Asche gen Himmel auffliegt, einen anderen Sinn haben, als dass wir erst verbrennen müssen, ehe ein Phönix aus unserer Seele emporsteigen kann?

Es gibt keinen nutzlosen Kampf; aus jedem Kampf ziehen wir eine Lehre, aus jeder Demütigung einen Trost. Das Böse, das wir erfahren, tut uns nur Gutes, denn es macht uns reicher. Ebenso wie die Seele immer reicher und grösser wird, je mehr sie sich an Mitmenschen verschwendet und verausgabt, ebenso wächst mit dem Leiden die Fähigkeit zu leiden. Und dass Schmerzen und Leiden nötig sind, um die Hindernisse zu überwinden, erhöht den Reiz des Zieles und befriedigt das Gelingen.

Selbst der Tod hat seine Offenbarungen; die grossen Schläge, die das Herz aufreissen, öffnen auch den Geist; zugleich mit dem Schmerz dringt auch das Licht in uns. Der Kummer umwölkt unsere Seele, aber wenn die Qual gross genug geworden ist, entlädt sich die Spannung in einem Gewitter und der Himmel in uns wird wieder klar.

Der Dichter oder Denker, der nicht auch vom Missgeschick zu singen und zu lehren weiss, hat mir nichts zu sagen. Die tragischen Dichter veredeln uns durch den Schmerz, den sie uns durch das Mitleiden bereiten; sie läutern unser Gefühl. Und doch ist Lust in diesem Schmerz. Der heilige Augustin drückt es so aus: »Wie kommt es – fragt er –»dass der Mensch beim Anblick trauriger und tragischer Szenen Schmerzempfindungen sucht, die er selbst niemals erleben möchte? Und doch will er sich als Zuschauer schmerzlich erregen lassen, da ihm der Schmerz ein Vergnügen bereitet. Ist das nicht bemitleidenswürdige Torheit? Denn je mehr jemand von solchen Leidenschaften beherrscht wird, desto mehr ergreifen sie ihn. Hat er selbst Schmerzen zu tragen, nennt man sie ›Leid›; erleidet er sie mit anderen, so nennt man sie ›Mitleid‹. Aber was soll das Mitleid, wo es sich nur um dargestellte Dichtungen handelt? Der Zuschauer wird ja nicht aufgefordert zu helfen; er wird nur zum Schauspiel des Schmerzes eingeladen, und je mehr Schmerz er empfindet, desto bedeutender dünkt ihn der Darsteller dieser Rolle. Werden jene Geschichten historischen oder erdichteten menschlichen Leides so dargestellt, dass der Zuschauer nicht vom Schmerz bewegt wird, so geht er verdriesslich und gelangweilt fort; wird er aber im hohen Grade schmerzlich ergriffen, so bleibt er gespannt sitzen und weint vor lauter Vergnügen.«

Der Mensch ist immer unbefriedigt und – das ist der Sinn der Kantischen Ethik – er soll es immer sein; das ist sein Glück und macht seine Grösse aus. Das ist auch die Grösse Goethes. Vielleicht hatte niemand ein erfolgreicheres Leben als Goethe, der bis zu seinem Tode Gesundheit, Ehre, Macht und Reichtum besass. Und dennoch kennt auch er das Brot, das man mit Tränen isst; dennoch musste auch er bekennen, dass er sich im Leben nicht fünf Wochen reinen Glückes erfreuen konnte. Es gibt kein Gelingen ohne Misslingen, keine Freude ohne Qual.


Stürzen wir in das Rauschen der Zeit,
Ins Rollen der Begebenheit!
Da mag denn Schmerz und Genuss,
Gelingen und Verdruss
Miteinander wechseln, wie es kann;
Nur rastlos betätigt sich der Mann.


drum:

Werd’ ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! Du bist so schön!
Dann will ich gern zugrunde gehn.

 

Aber nie kommt dieser Augenblick. Nie kann das Ziel erreicht werden; das Weiterschreiten und Suchen bereitet Qual, ist aber auch Glück. Ohne diesen Stachel des Schmerzes würde eine Stockung in uns eintreten. Denn wäre der Mensch zufrieden, so würde er aufhören zu streben. Und in dem Augenblicke, wo wir uns selbst genügen, sind wir reif für den Tod.


 

XI. Der Dämon der Melancholie.

Wer weinte nicht,
Wenn das Unsterbliche
Vor der Zerstörung selbst nicht sicher ist?
Goethe

 

Man wird zwar ein wenig über die Achsel angesehen, wenn man bekennt, zuweilen vom Dämon der Melancholie besessen zu sein. Aber das soll uns nicht hindern, zu gestehen, dass eine solche Wanderung durch das Tal der schmerzlichen Bitternisse von sehr hohem Werte ist. Und dann: man begibt sich ja nicht freiwillig auf diesen qualvollen Weg. Man sucht nicht die Melancholie, sie packt uns vielmehr an und knechtet uns. Man muss es nur verstehen, auch aus dieser Qual Nutzen zu ziehen. Wenn einen die grosse Melancholie überfällt, geht man in seine Gedanken eingemummt dahin und kümmert sich nicht um die Aussenwelt. Es ist, als spalte man sich in zwei Teile; der eine – ein niederes Tier, eine Art dienender und notwendiger Maschine – isst für einen, trinkt für einen, geht, ohne dass man es weiss, die notwendigen Wege, erträgt, ohne dass man es empfindet, die Unannehmlichkeiten und kleinen Quälereien des Lebens und verrichtet alles automatisch, was sein Zustand erfordert; der andere, rein geistiger Art, dehnt sich mit mächtiger Neugierde, richtet sich auf und gibt sich den schmerzlichsten Gedanken hin.

Versunken in den Wogen der Melancholie, erscheint einem alles sinnlos und nutzlos, und das warme Herz zuckt gleichsam erfrierend zusammen. Die Gedanken, die auf die Nichtigkeit des Daseins gerichtet sind, scheinen aus einer Eisregion zu kommen und erfüllen das Herz mit einer furchtbaren Kälte.

Kann man sich an dem Gedanken erwärmen, dass Zivilisationen, aufgebaut mit unendlicher Mühe, hinweggeschwemmt wurden und versanken? Dass edle Kulturen, die feinsten Blüten strebender Menschen, vernichtet wurden? Dass Gedanken, für die die Menschen wie Gladiatoren kämpften und fielen, längst für nichtig erkannt sind? Dass Glaubenslehren, für die die Menschen ihr Leben liessen, als Täuschung und Betrug entlarvt wurden? Dass die Kunst der Griechen durch die Keulen der Goten zu Staub zermalmt wurde? Dass die Träume von einer allgemeinen Menschenverbrüderung immer wieder in einem Meer von Blut ertränkt werden? Dass die Wissenschaft jahraus, jahrein in ihren Werkstätten und Laboratorien, in ihren Kliniken und Museen Kehraus macht, neue Lichter aufsetzt, um besser zu sehen, unermüdlich bohrt, um in die letzten Tiefen zu dringen und überall nur Staub findet? Aus dieser Furcht vor der Leere und vor dem Nichts ist auch das Dogma von einem zukünftigen Leben entstanden; aus dem Verlangen, dem Tode etwas zu entreissen. Und wenn es nur die Illusion des Jenseits ist; der Mensch kommt ohne sie nicht aus.

Die Liebe zum Reichtum lässt wahrscheinlich deshalb alle Herzen höher schlagen, weil er wenigstens einen Teil der Illusionen zu erfüllen verspricht, ohne die der Mensch nicht leben kann. Der Reichtum gestattet ein ewiges Berauschtsein, ein Sichhinwegtäuschen über die aus dem Innersten kommende Melancholie, die eine Folge der ahnungsvollen Erkenntnis ist, dass wir nur willenlose Puppen in einem sehr üblen Possenspiel sind; dass jenseits des Grabes das Nichts uns gewisser ist, als das Paradies und dass jeder zum Himmel gerichtete Schmerzensschrei ohne Echo verhallt.

Und trotzdem doch alles ungewiss ist, alles sich im Dunkel verliert und im Nichts, gibt es Menschen, die Entwürfe machen für die fernste Zukunft. Es gibt freilich auch Menschen, die nie darüber nachgedacht haben; andere, die rasch darüber fortgeglitten sind, die solche Betrachtungen nicht Wurzel fassen lassen in sich und mit übertrieben ernstem Eifer dem Stumpfsinn des Berufs ergeben sind. Am Morgen haben sie den Stolz eines Gottes gefühlt, der das Bewusstsein hat, unsterblich zu sein. Am Abend haben sie trotzdem einsehen gelernt, dass ihre sterbliche Hülle vergehen müsse. Sie haben erfahren, dass nichts von dem, was man auf Erden verfolgt und erreicht, für die Bestrebungen, Anstrengungen, schlaflosen Nächte und für die Habsucht und Kriecherei, zu denen der Ehrgeiz zwingt, entschädigen kann, und am Ende stehen sie bestürzt da und betrogen, geängstigt von der Ungewissheit, dem Misslingen, der vergeblichen Hoffnung, dem Rausch der Scheintriumphe, der getäuschten Eitelkeit. Sie haben erfahren, dass Titel, Würden und Ehren nichtig sind, dass mit ganzen Truhen voll Goldes nicht eine einzige freudige, Lebensstunde erkauft wird, und dass die unsinnige Anhäufung des blendenden Metalls uns überlebt. Und obwohl sie wissen, dass alles unter der Sonne eitel Dunst ist, jagen sie mit einer poesievollen Ernsthaftigkeit Phantastereien nach, die nur ein Rabelais parodieren könnte.

In den Wünschen und Begierden allein liegt das Uebel. Wer aber Lust begehrt, begehrt Leid, sagt Buddha. Könnte man die Wünsche auslöschen, so würden die Taten an Entkräftung sterben. Aber kaum ist ein Wunsch erfüllt, so treten an seine Stelle hundert neue, grössere. Deshalb ist der Mensch selbst die einzige Ursache seines eigenen Elends und seiner ewigen Unzufriedenheit.

Aber woher kommt diese Unruhe in den Menschen? Hat sie denn eine andere Ursache als die Angst vor der Selbstbesinnung? Denn man denke, wohin wir kämen, wenn eines Tages die Bauern und die Kaufleute, die Bäcker und die Metzger, die Bankiers und die Fabrikanten, die Ingenieure und die Eisenbahner, die Kanalreiniger und die Strassenfeger – kurz, wenn alle Menschen, die das soziale Rad in Schwingung halten, erklären würden, sie wollten fortan nur noch ihrer Seele leben, nachdem sie so lange das rein maschinenmässige Dasein ihres Berufs geführt haben. Man sieht hoffentlich ein, dass sie notwendigerweise für eine so gründliche Kultur der Seele keine Zeit haben dürfen. Dass die göttliche Seele nur zu kurzem Aufenthalt an den Körper gefesselt ist und im vergänglichen Körper ihre Reinigung erfahren soll, um für das ewige Leben vorbereitet zu sein, das ist der Inhalt jeder Sonntagspredigt, der man zum Glück an den sechs Werktagen keine Beachtung schenken kann. Wir sind Menschen, und die Notdurft unserer Körper erheischt unsere ganze Zeit. In den knappen freien Stunden, die uns bleiben, geben wir uns wiederum nicht mit der Pflege der Seele ab; im Gegenteil: wir wollen vollständig daran vergessen, dass wir eine Seele haben. Darum suchen wir in unserer Mussezeit nach Möglichkeit nicht an sie zu denken. Da wir aber unser Gehirn nicht totschlagen können, und die Gedanken – bei manchen wenigstens – ungerufen kommen, bemühen wir uns, durch allerlei Zerstreuungen, an unsere Seele zu vergessen. Wir suchen dann Lärm, Vergnügen, Zeitvertreib. Wir verfolgen damit den einzigen Zweck, die Zeit verstreichen zu lassen, um nicht an uns selbst gemahnt zu werden. Wir suchen unsere freie Zeit, diesen schönsten Teil des Lebens, auf jede Art totzuschlagen, weil wir der Melancholie entrinnen wollen, die uns unweigerlich befallen würde, wenn wir über uns selbst, über den Zweck und den Sinn des Daseins und über die göttliche Seele nachdenken würden.

Aber man entrinnt der Melancholie nicht. Ein Sprichwort sagt, dass wir am Abend noch weinen, wenn wir am Morgen lachen. Ausgelassenheit sinkt zurück in Niedergeschlagenheit. Denn wenn man von solch einem »totgeschlagenen« Abend oder einer verbummelten Nacht in der Morgendämmerung nach Hause kommt, hat man wirklich das Gefühl, als hätte man – wie der Volksmund es richtig ausdrückt – jemand totgeschlagen. Nicht nur die Zeit, sondern etwas anderes noch, etwas, das unser Herz wie ein verborgenes Heiligtum verehrt, und das man weder entschleiern noch mit Namen nennen darf. Aus unserem sonst so vertrauten Heim schlägt uns etwas Kaltes und Leeres entgegen, etwas so Feindliches, dass es unheimlich werden kann. Es ist, als ob ein unsichtbarer Unbekannter Besitz davon genommen hätte. Beklommenheit liegt auf den Dingen. Mantel und Hut im Korridor sehen aus, als sei unser Doppelgänger uns vorausgeeilt, um sich zu erhängen, und als sollte uns gezeigt werden, dass wir verdienten zu sterben. Das unberührte Bett schaut uns mit einem stummen Vorwurf an, die übrigen Möbel haben einen feindlichen, fremden Ausdruck. Der Ofen gleicht einem Sarge, der auf den Kopf gestellt wurde, und der Spiegel wirft uns das Bild eines Schuldbewussten zurück. Alles scheint öde und verzerrt. Oder sind nur wir es? Unsere Nerven erwarten irgendein Unheil; man wittert Verdriesslichkeiten, und sobald der Tag beginnt, hat man das dringende Bedürfnis durch vermehrte Arbeit und angestrengten Fleiss irgend etwas wieder gutzumachen. Diese tiefe Scham, die man so stark empfindet, als hätte man gegen ein Naturgesetz gesündigt, ist sie etwas anderes, als der Vorwurf, den wir uns darüber machen, dass wir gegen das Edelste in uns gesündigt haben? Es hätte gewiss verhindert werden können, wenn wir zu Hause geblieben wären. Heil dem Manne, ruft der Psalmist, der in seinem Hause bleibt. Und ebenso Pascal: »Ich habe mir oft gesagt, dass alles Unglück der Menschen auf das Unvermögen zurückzuführen sei, ruhig und mit Vergnügen zu Hause zu bleiben.«

Zu Hause würden wir unsere freie Zeit etwa mit der Lektüre eines guten Buches ausgefüllt haben. Aber was könnte uns ein gutes Buch geben? Im Grunde kann es doch nur wieder zur Selbstbetrachtung und zur Selbsterkenntnis führen. Und das »Erkenne dich selbst«, das die Veden und alle grossen Religionen gepredigt haben, scheint mir das schwierigste und übelste Gebot, das der Mensch befolgen kann. Was hat man schon davon, wenn man sich selbst erkennt? Man verliert nur die Freude an sich selber und den Geschmack an anderen Menschen. Was könnten wir in uns entdecken, das die Seele befriedigen würde? Nichts. Darum sucht sie in der Beschäftigung mit äusseren Dingen das Bewusstsein ihres wahren Zustandes zu verlieren und ist bemüht, sich selbst zu vergessen. Und deshalb fliehen die meisten Menschen die Ruhe und die Einsamkeit und lieben Lärm und Unruhe. Ja, man kann sagen, nichts hassen und fürchten, die Menschen mehr, als mit sich allein zu sein, und in je höherem Grade, desto mehr sie sich selbst lieben. Das ist einer der sonderbarsten Widersprüche der Menschen, dass sie nichts so lieben, wie sich selbst und nichts so fliehen, wie sich selbst. Darauf beruht wohl die Angst vor der Absperrung, dem Gefängnis, und die Tatsache, dass die Einzelhaft als die furchtbarste Strafe empfunden wird. Man vermeidet unbewusst das Alleinsein und die Selbstbetrachtung vielleicht auch deshalb, weil man gewiss ist, sich nicht so zu erblicken, wie man sich gern sehen möchte. Denn es gehört Mut dazu, sich selbst ins Antlitz zu schauen; und wer sieht gern in den Spiegel ohne die leise Hoffnung, dass er nur Schönheit zurückstrahlen möchte? Und wer, dem Eitelkeit, Selbstverblendung oder Verderbtheit den Blick nicht getrübt hat, hält den aus dem Innersten kommenden Blick vor sich selber aus? Denn in irgendeinem Punkte sind wir alle nicht mit uns zufrieden.

Man muss diese Melancholie nicht mit der dumpfen Langeweile der tauben Seelen verwechseln. Denn die Melancholie, von der ich spreche, entsteht, wenn man der Ewigkeit einen Augenblick lang ins unveränderliche Antlitz gesehen hat, wo denn das eigene Selbst vor seiner ungeheuren Nichtigkeit erschrickt und zusammenschrumpft und kaum begreift, wozu man den riesenhaften Apparat der Zivilisation, der Kultur und des Luxus erfunden hat.

Einst verlachte man die Mystiker und die alten Rabbinen, die es verboten haben, allzu tief über das Wesen der Dinge nachzudenken; aber plötzlich begreift man, dass sie Wissende waren: das Forschen nach dem Zweck der Dinge und das allzu lange Betrachten seiner Selbst und das Grübeln über das Woher und Wohin – es führt zur Selbstverneinung, und es macht das Leben zu einer unerträglichen Qual. Gedanken, so schön sie sein mögen, wärmen aber nicht, und wenn man leidet, friert man und will Wärme. Und weil uns bei tieferer Betrachtung im Grunde nichts befriedigen kann, streben wir mit soviel Eifer irgendeinem Ziele zu, es mag noch so unerreichbar sein, und suchen uns eben durch angestrengte und leidenschaftliche Beschäftigung von uns selbst abzulenken. Es ist deshalb eine Täuschung, wenn man nach Ruhe strebt; in Wirklichkeit sucht man das Gegenteil. Und wenn das Ziel, das man anstrebt, auch nur auf Hirngespinsten und Einbildungen beruht, und wenn die Vergnügungen, denen man nachjagt, trügerisch sind und elend, sie lindern doch den Schmerz, den wir darüber empfinden, dass wir weder rein geistige Wesen noch blosse Tiere sein können. Dazu verurteilt, ein Mittelding zu sein, das zwischen Gott und Affe steht, gibt es für uns nur eine Befreiung vom Dämon der Melancholie und nur eine Befreiung von uns selbst: die Liebe. Denn lieben heisst, das Glück eines anderen zum Ziele haben, sich ihm unterordnen und sich für sein Wohl opfern.


 

XII. Das Mysterium der Liebe.

Ein Menschenleben ohne Liebe, ist wie eine Harfe ohne Saiten.
Theophile Gautier

 

Zuweilen muss ich an die zahllosen Liebespaare denken, die täglich in den Tod gehen und ich verstehe dann nicht, dass diese Gefühlskatastrophen auf die menschliche Gesellschaft nicht den geringsten Eindruck machen. Soll man annehmen, dass die Häufigkeit des Vorkommnisses den Eindruck abgeschwächt hat? Durfte man nicht vielmehr erwarten, dass gerade die Häufigkeit der Selbstmorde den Eindruck vertiefen würde? Denn während die Gesellschaft bei allen anderen Selbstmorden, wenn sie sich so oft wiederholen würden, mit allem Nachdruck auf Abhilfe dringen oder mindestens doch versuchen würde, die Ursachen zu ergründen (Selbstmorde der Soldaten, Gefangenen, Schüler), geht man über die Selbstmorde aus Liebe gleichgültig hinweg, und das Bedürfnis, diese Tragödien zu verhindern, wird keineswegs in uns ausgelöst. Wahrscheinlich, weil man annimmt, es läge im Interesse der Gesellschaft, die anderen Selbstmorde zu verhüten, während der Selbstmord aus Liebe nur die beiden Liebenden anginge, und wahrscheinlich weil man glaubt, die Gründe, die zum Selbstmord aus Liebe führen, müssten in den Liebenden selbst gesucht werden, während bei Selbstmorden aus anderen Gründen die Gesellschaft selbst sich gewissermaassen verantwortlich fühlt. Aber diese Einwände sind nicht stichhaltig. Denn die Gesellschaft hat er­stens ebenso schuld an dem Selbstmord der Liebenden wie an dem der Soldaten oder Schüler, die durch überspannte Ehr- oder Moralbegriffe in den Tod getrieben werden, da die Gesellschaft es ist, die Begriffe geprägt oder Gesetze aufgestellt hat, die viele Menschen nicht erfüllen können. Und zweitens, da der liebende Mensch ein leben bejahender Mensch ist, wäre es undenkbar, dass er das Leben verneinen könnte, wenn nicht bestimmte soziale Faktoren (Armut, Schande, Furcht) ihn zur Verneinung zwingen würden.

Und zuweilen muss ich an alle die Menschen denken, die in der Einsamkeit die Hände über das Schicksal ringen, das nicht kam oder das sich nicht erfüllte; denen das Leben nicht gab, was sie berechtigt waren, zu fordern; die kein anderes Herz finden, an dem die Unruhe ihres eigenen still würde; die niemals die Möglichkeiten verwirklicht sehen, die in ihnen liegen, weil ihnen allen das Geld fehlt. Aber jährlich werden Millionen für Dinge geopfert, die weder schön, noch gut, noch nützlich sind; die nichts anderes sind als Staub. Zum Beispiel das Studium der Keilschriften und Papyrusrollen, die nichts als zweifelhafte Geschichte oder Anrufungen von Götzenbildern enthalten; die assyrischen Terrakottatäfelchen, von denen einige nur Fabeln und einige nur Verträge zwischen Leuten enthalten, die schon vor zweitausend Jahren in Staub zerfallen sind. Welchen Sinn und positiven Wert hat es, mit einem solchen Aufwand von Geist und Zeit und Geld diese Moderhaufen zu erforschen? Der Staub der Assyrer und Aegypter – um nur dieses Staubes zu gedenken! – kostet uns Millionen; Millionen, durch die nie ein physisches und noch viel weniger ein Kulturideal erreicht werden wird. Jener alte Chinesenkaiser Liwangti, der befohlen hatte, alle Bücher zu verbrennen, hatte recht gehabt. Ebenso wünschte ich, dass das Meer allen urgeschichtlichen Staub hinwegspülte zugunsten der lebendigen Menschen, um ihrem Körper, ihrem Geist und ihrer Seele glücklichere Lebensmöglichkeiten zu geben. Würden die Summen, die das Wühlen in toten Symbolen kostet – eine Arbeit, der wir nicht einen einzigen fruchtbaren Gedanken verdanken – für den lebendigen Menschen verwendet, so dass viele ihr Ideal von Schönheit, Gesundheit und Glück erreichen könnten, so würde ich dies von jedem Gesichtspunkte aus für den grösseren Fortschritt halten.

Es gibt natürlich auch sehr viele Menschen, die für Pferde, Hunde und Katzen allen Willen, alles Gemüt, alles Vermögen hingeben, um Rassen zu züchten, die bei Wettläufen in der Sekunde eine Nasenlänge mehr zurücklegen können, oder deren Schwanz ein bisschen kürzer ist, oder die in Moll miauen, anstatt in Dur. Ist aber von Menschen die Rede, von seelischer Veredlung und von menschlichem Glück, so würden dieselben Rassezüchter und Tierfreunde sich hüten, auch nur einen Groschen zu opfern. Ferner gibt es tausende staatlich angestellte Beamte, die für das religiöse Empfinden des Volkes zu sorgen haben; und Religion ist ja nach der Meinung einiger Zurückgebliebener auch eine seelische Angelegenheit. Aber um ein weit grösseres seelisches Bedürfnis, um den Hunger nach Glück und Liebe, den tausende blühende Menschen nicht stillen können, weil Glück und Liebe ohne ökonomische Basis nicht bestehen können, kümmert sich kein Teufel, kein Staat, kein Pfarrer und kein Menschenschutzverein.

Man wende nicht ein, dass man Tierschutzvereine begründet habe, weil das Tier hilfslos sei und sich nicht objektivieren könne, während der Mensch, dank seiner Willenskraft wohl gegen das Schicksal anzukämpfen vermag. Es ist eine lächerliche Phrase, dass der Wille alles sei. Was nützt aller Wille in einer Welt, in der der Tüchtige sich demütigen lassen muss, der Schurke und der Schmeichler ihr gutes Fortkommen finden und der Mammon mehr gilt, als Mut und Stolz, Treue und Nächstenliebe und wie alle die Tugenden unserer Urahnen geheissen haben mögen. Gerade das ist die Tragödie »Brands«, dass er glaubt, der betätigte Wille versetze Berge. Er, der Gut und Blut geopfert, Herz und Seele, Weib und Kind, die Mutter und sich selber – am Ende schreit er, ein Verstossener und in Eiswüsten Sterbender, die Frage gen Himmel:

 

Sag’ mir Gott, im Todesgraus
Reicht nicht zur Errettung aus
Manneswillens quantum satis?

 

und eine Stimme antwortet:

Er ist deus caritatis.

 

Brand hat gegen den tiefsten Gottessinn und gegen die Liebe gesündigt, da er Gott als Willedeutete. Denn Gott ist die Liebe. Und deshalb ist die Liebe des Menschen, in welcher Form sie sich auch äussern mag, nichts als die mehr oder minder verkappte Liebe zu Gott. Dies gibt, wenn man liebt, der Persönlichkeit diese beseligende Steigerung. Und da in der Liebe gerade der höchste Selbstgenuss der Persönlichkeit liegt, kann die Person, die sich im Besitz der Liebe weiss, ihre Liebe nicht aufgeben, ohne sich selbst aufzugeben. Sie klammert sich vielmehr krampfhaft an ihre Liebe, als an das, was ihrer Persönlichkeit den höchsten Wert verleiht.

Der Liebende möchte mit seiner ganzen Persönlichkeit in der geliebten Person aufgehen, die er als das Höhere und Wertvollere seiner selbst anerkannt. Vor der Liebe versinkt sein natürlicher Selbsterhaltungstrieb; das eigentliche Ich, dieser finstere Despot, stirbt, und das wahre Selbst feiert in dem besseren Ich des Geliebten seine Auferstehung.

So ersehnt die Liebe etwas, womit sie die sittlichen Aufgaben der Persönlichkeit überspringt und ein fernes Zukunftsziel idealiter vorwegnimmt. In den Augenblicken, in denen die Liebe zwei Wesen verzaubert und durch die Magie des Blicks zusammenschliesst, die Sehnsucht in den beiden Wesen weckt und ihnen im Kuss die Seligkeiten des Himmels offenbart, die Flammen ihres Blutes schürt und die Seelen zum höchsten Taumel hinreisst, in denen im selben Atemzug Eines das Leben des Andern trinkt und aus dem Blitzschlag ihrer Vereinigung mystisch und unerklärlich ein neues Leben entsteht, in denen die Liebenden die Gesetze der Vernichtung und Wiedergeburt erfüllen, – in solchen ekstatischen Augenblicken ahnen die Liebenden, dass diese Aufhebung der Persönlichkeit in der Vereinigung ihr letztes höchstes Ziel ist. Darum würden alle um ihre Liebe Betrogenen lieber alle Schmerzen erdulden, als immer allein zu bleiben! Oh, einsam zu sein! Ohne Hoffnung und ohne Zukunft! Keinen lieben Namen zu haben, um ihn auszusprechen! Kein Wesen, um es zu rufen. Kein Datum eines glücklichen Tages! Ein äusserliches Leben führen in kalter Umgebung; niemals die Sprache der Liebe hören und sie nie sprechen dürfen! Niemand seine Wärme mitteilen können, die einen durchströmt! Sich nicht opfern dürfen! »O armes Wesen, das niemals geliebt hat!« ruft die heilige Therese dem Satan zu. Lieber ein hartes Leben, lieber den Schmerz zu zweien, aber von Zärtlichkeiten begleitet, von der Hoffnung aller Möglichkeiten erfüllt. Denn ebenso wie der Durchschnittsmensch von der Geschlechtlichkeit und von der Ehe abhängt, ebenso hängt der höher geartete Mensch, der Vermögen und Kultur besitzt, von der Liebe ab.

Um der Liebe willen verlassen die Wassergeister ihre Fluten, die Elfen ihre Wälder, die Zwerge ihre Höhlen und die Götter ihre Himmel. Zeus findet auch den Olymp öde ohne Liebe. Sie kommen alle auf die Erde zu den Menschen, wenn sie die Liebe kennen lernen wollen. Liebe verwandelt Bären, Raben und Frösche in Menschen. Und kann der tiefere Sinn dieser Märchen, in denen Liebe allein das Zaubermittel ist, um eine Kröte in eine Prinzessin, ein Schwein in einen Königsohn zu verwandeln, ein anderer sein als der, dass Liebe erlöst und erhöht, den Menschen aus dem Tierzustand befreit und ihn in höhere Sphären versetzt? Glücklich der, dessen Augen Oberon mit dem Zaubersaft benetzt hat! Er wird seine Liebste mit allen Attributen der Schönheit bedenken, und er wird nicht begreifen, dass andere sehen wollen, sie sei schlecht gewachsen, fahl, zänkisch und temperamentlos. Der Verzauberte hält die Anderen für verzaubert. Und durch die Brillengläser der Liebe sieht sie in ihrem elefantenartigen Tölpel das Ideal aller Männer. Wenn Oberon den Zaubersaft auf unsere Augen träufelt, ist Helena natürlich die schönere, und der Weber Zettel mit dem Eselskopf ist »ein Engel«. Mit diesem Saft im Leibe sieht Faust in jedem Weibe Helena, und irgendein kleines Spiessbürgermädel ist dann »der eingeborene Engel«. Der geheimnisvolle, allmächtige Zauber des Weibes ergreift ihn; eine unbekannte, rätselvolle Kraft, deren Quelle man nicht kennt; die dämonische Herrschaft des Fleisches, die den vernünftigen, selbst den genialen Mann einem kleinen Weibchen unterjocht (Goethe und Christiane, Heine und Mathilde, Napoleon und Josephine), ohne dass irgend etwas in ihr diese verhängnisvolle Macht begreiflich erscheinen lässt. Die Wissenschaft hat vergeblich dies Geheimnis zu entschleiern versucht. Durch all die tausenden Bücher über die Psychopathia sexualis, in denen manche von der Norm abweichende Aeusserungsformen der Liebe aufgezeichnet sind und als Perversität der Sinne erklärt werden, erfährt man nichts anderes, als dass die Menschen das Mysterium der Liebe in tausend Formen erfüllen müssen. Es gehört jedoch viel naiver Mut dazu, sie als »krank« zu betrachten. Dann wären wir alle krank; denn jeder feiert die Feste des Blutes auf die ihm gemässe und oft auf die ihm eingeborene rätselvolle Art und Weise.

Liebe! Furchtbare Wollust des Geistes! Musik der Sinne! Wonnezeit des Blutes! Ungewollte Trunkenheit! Zauberstab, der selbst aus einem Herzen von Stein Wasser schlägt! Blumenkranz, der sich um die ältesten Stirnen legt! Beherrscherin der Herrschenden! Echo der unausgesprochenen Worte! Prüfstein der Seele! Du stellst den Charakter vor heldenmütige Proben; heiligst unsere Begierden; beseelst die Phantasie; schaffst die Künste; machst aus der Leidenschaft, die wir mit allen Lebewesen gemein haben, eine Religion und wandelst das Fieber, das uns erfasst hat, in segenbringende Kraft; du giebst der menschlichen Gesellschaft Dauer. In deiner Glut schmelzen alle Worte zusammen, denn Worte dienen nur der Notwendigkeit und der halben Verständigung, nicht aber der Verzückung. Darum finden Liebende alle Worte zu arm, ihr Empfinden auszudrücken. Wo Liebe ist, strahlt Glanz vom Himmel, die Seele steht in Sonne und die Schönheit webt ihre Wunder um das geliebte Haupt.

Alle anderen Gefühle gewinnen in der Rückschau an Stärke und Schönheit; in der Welt der Erinnerung ist alles Erlebte ein wenig teuer und ein wenig traurig; alles liegt in einer seltsamen Ruhe. Die Liebe allein heischt die Gegenwart. Sie ist die einzige Beziehung von Mensch zu Mensch, die den Zauber des Lebens ausmacht. Sie gibt uns das mystische Bewusstsein, als ob man im Zeitlosen lebte; es ist, als ob wir endlich nach Hause gekommen wären und als hätten wir schon lange Jahre mit dem geliebten Wesen gelebt. Man hat das Bedürfnis aus sich herauszugehen und darf es getrost. Die Herzen tun sich auf und lauschen andachtsvoll wie Kinder- oder wie Mutterherzen. Hier ist tiefste Uebereinstimmung und innigste Sympathie; hier ist alles Vertrauen; denn von dem Augenblick an, wo ein Geheimnis zwischen zwei Herzen besteht, wo der eine dem anderen einen Gedanken verbirgt, ist der Zauber gebrochen, das Glück zerstört. Alles verzeiht Liebe: Nachlässigkeit, Brutalität, Ungerechtigkeit, Untreue; die Verheimlichung aber und der Mangel an Vertrauen, bringen etwas Entfremdendes und Verlogenes in das Verhältnis und nehmen beiden Teilen die schöne Sicherheit, die Natürlichkeit und das Gefühl des Heims. Der Mensch entartet, wenn er einen Gedanken in seinem Herzen trägt, den er fortwährend verbergen muss.

Die Liebe nimmt uns wie wir sind, und fragt nicht viel, ob ein Verbrecher in uns steckt oder ein Heros, eine Dirne oder eine Heilige. Aber während das Herz sich im Besitz beruhigt, beginnt die Phantasie unermüdlich zu arbeiten; sie will die geliebte Person verwandeln, entwickeln, will uns über unser armes Selbst hinausheben. Sie heilt und korrigiert unsere Fehler, und wenn man der Phantasie die Gefolgschaft versagt, beginnt die Tragödie. Da, wo die Phantasie nicht in Tätigkeit tritt, ist nur Sinnlichkeit, aber keine Liebe. In der Liebe wird die Phantasie nicht weniger in Anspruch genommen als das Herz, und gewöhnlich ist es die Phantasie, die zuerst verwundet wird. Denn wer wirklich liebt, betet immer nur einen Traum an, der sich in einem bestimmten Menschen zu verkörpern scheint. Und der Traum entspricht nie der Wirklichkeit. Die Phantasie ist viel empfindlicher als das Herz. Das Herz ist blind und geht oft Irrwege, aber die Liebe ist wach und sieht scharf. Je nach dem Temperament ist die Liebe ein strenger Richter oder ein milder; darum gilt für jeden ein anderes Gesetz. Der eine tötet, wenn man seine Liebe verletzt hat, der andere vergibt, und doch sind beide der höchste Ausdruck der Leidenschaft. Die Wirkungen der Liebe im Armenviertel sind oft Verbrechen und Niedrigkeit. Denn Elend und Armut sind Feinde der Liebe. Solange die Plebs begehrt – und begehren heisst nicht lieben! – weiss sie was sie will; sobald sie liebt – und Liebe setzt nicht Ehe voraus! – sobald sie also durch eine feinere Empfindung über sich hinausgehoben wird, wird sie bestürzt.

Tritt man in den Bereich der Liebe, so ist es, als wüchse man. Ueberirdische Glückseligkeit erfasst uns, und dem Herzen ist es ganz gleichgültig, ob die Liebe sich auf Gott oder auf einen Menschen richtet. »Die Ohnmacht – sagt der Dichter und weimarische Generalsuperintendent und Oberkonsistorialrat Johann Gottfried Herder – die Ohnmacht, die die heilige Therese vor dem Altare fühlte, als der himmlische Amor ihr Herz berührte, konnte, wenn sie in diesem Augenblick nur körperlich betrachtet würde, schwerlich von einer anderen Art sein als die jede liebende Ohnmacht hat: Denn in den Säften des Körpers ist Liebe und Liebe an Wirkungen gleich, wer auch der Gegenstand sein möge. Bei allen Gefühlen dieser Gattung ist also auch dem unschuldigsten Herzen die grösste Behutsamkeit nötig; selbst im Strome der göttlichsten Liebe bleibt’s immer nur noch ein menschliches Herz. Alle Mittlerinnen, und wenn es die Mutter Gottes selber wäre, sind gefährlich: so wie es dem weiblichen Herzen alle irdische, und (zu sinnlich empfunden) selbst der himmlische Mittler sein kann.«

Und dennoch, so köstlich die Stunden der Liebe sind, weil das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit geschwunden ist, so sehr der Geist schwärmt und die Illusion uns gefesselt hält – dennoch ist die Liebe kein ununterbrochenes Glück. »Sie ist keine Heringsware, die sich einpökeln lässt auf viele Jahre.« Wenn man auch ein Heim bekommt und zusammen leben darf, das Gefühl bleibt nicht immer dasselbe. Auch unser Blut herbstet und in unserem Herzen herrscht zuweilen Unlust. Immer stellt sich ein Niedergang ein, und dann kommen die Zwistigkeiten und Missverständnisse, und da einem das Leben dann immer mehr oder weniger verfehlt erscheint, so schiebt man sich gegenseitig die Schuld zu, und das, was am höchsten gestanden hat, wird in den Schmutz gezogen. Man flucht einander, aber man träumt voneinander. Den Stürmen seines Blutes kann man nicht mit Vernunftgründen beikommen. Dann fühlt man nach jedem Kuss, nach jeder Umarmung, dass zwischen zwei Seelen ein Abgrund klafft, wenn die Körper sich auch umschlungen halten. Man besitzt sich mit müdem Hasse, und es ist, als könnte man nie wieder zueinander kommen.

Dies ist eine der sonderbarsten Eigenschaften des Menschen, dass er sich von der geliebten Person loszureissen vermag, an die er sich mit Ungestüm gehängt hat; dass er sie bald ebenso grausam vernachlässigt, wie er sie einst abgöttisch geliebt hat; dass er ihren Namen gleichgültig aussprechen hören wird, während er sie früher wie eine Gottheit verehrt hat; dass er sich ihr völlig entfremdet, die früher sein zweites Ich war; nichts für die empfindet, die früher seine einzige Empfindung war; kein Herz mehr für die hat, für die allein sein Herz schlug. Diese unerklärliche Wandelbarkeit zwischen zwei Menschen, die so eng verbunden waren, dass sie getrennt voneinander ebenso wenig gedacht werden konnten, wie Ton und Schall, Wort und Sinn, Licht und Schatten, ist eine der unauflöslichen Aufgaben unserer Organisation, deren Triebe schwankend sind und wechselvoll. So betrachtet, scheint die Liebe eine höchst ungerechte Leidenschaft. Einen Augenblick lang erweicht sie ein versteinertes Herzt und oft versteinert sie ein sanftes Herz fürs ganze Leben. Sie beschränkt die Empfindung der Seele auf eine Person und macht sie unempfänglich für alle übrigen. Man lässt eine ganze Stadt in Flammen aufgehen, um der Geliebten ein Ei zu kochen. Liebe tötet alle anderen Zuneigungen und erdrückt alle anderen Gefühle. Und sie erzeugt eine Leidenschaft, hoch sinnloser, noch rasender, noch tyrannischer: die Eifersucht. Diese Furie entflammt, um sich den eigenen Busen zu zerreissen; sie macht unfähig, das Glück zu geniessen oder die Ruhe zu ertragen; sie ist nach Verdacht und Argwohn lüstern; beschwört Trugbilder und Vorwände zur eigenen Qual; nährt sich von Besorgnissen und Aengsten; verzehrt sich in Nachforschungen um das zu ergründen, was nicht zu wissen für sie vom grössten Interesse wäre. Sie ist die wahre Tochter der Hölle, das sicherste und schleichendste Gift, eine satanische Ausgeburt des Egoismus, die das Blut der Mutter verheert, bis es gegen die eigene Tochter wütet; die dem Freunde die schändlichsten Gedanken eingibt, bis er den Freund verrät; die dem Sohne den grässlichen Mut verleiht, den Vater zu töten; die selbst dem erbärmlichsten Schwächling Willen und Kraft gibt, Betrübnis zu säen, Niedertracht und Tod.

Und diese Liebe, so gewaltig, dass ihr das Universum zu klein ist, um es zu zerstampfen, wenn man gegen sie gesündigt hat, – diese Liebe wird eines Tages mit einer Schmerzlosigkeit und Selbstverständlichkeit verlöschen wie eine zu Ende gebrannte Kerze. Und doch: das ist keine Liebe, die nicht an ihre Ewigkeit glaubte. Die Gewissheit, dass der Reiz, die Sinne, die Lust, die Leidenschaft sterben müssen, lebt in keiner Brust eines Liebenden. Darin hat Schopenhauer recht: die Natur will nichts als die Erhaltung der Art, nichts als die Erfüllung des göttlichen Gebotes, und sie begnügt sich, Männchen und Weibchen zu schaffen. Während aber die Natur nichts will als die Dauer der Gattung, will die Liebe nichts als die Dauer des Verlangens, das auf ein bestimmtes Individuum gerichtet ist; sie will nichts als »sich hingeben ganz und eine Wonne fühlen, die ewig sein muss! Ewig!« Eine Liebe, die sich nicht für ewig hält, ist eine Verhöhnung ihrer selbst. Die Liebe, die uns nicht treibt, gegen allen Verstand und alle Besinnung zu handeln, ist nicht viel wert.

Selbst La Rochefoucauld schien es schwer, die Liebe zu erklären: in den Seelen eine Sucht zu herrschen, in den Geistern eine Gleichgestimmtheit und in den Leibern nichts als ein zarter heimlicher Wunsch nach vielen Mysterien das zu besitzen, was man liebt ... mehr konnte selbst dieser grosse Psychologe von ihr nicht sagen.

Wer liebt, besitzt keinen freien Willen mehr und sollte auch nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Die Naturwissenschaft, sonst allem Unsichtbaren abhold, stimmt darin mit der Metaphysik überein, dass die Liebenden keine Wahl haben, dass sie beide willenlos von denselben Einflüssen regiert werden und dass nicht die Lebenden, sondern die Toten schicksalsbestimmend sind, eine über das eigene Selbst hinausgehende, unerkannte, mystische Macht, das, was der Buddhist »Die Macht des Karma« nennt. Der französische Gesetzgeber weiss am besten, dass die Leidenschaft eine ganz besondere Moral schafft und Rechte verleiht, die ein ruhiges Gefühl nicht besitzt. Die praktische Moral ist streng darauf bedacht, dieses gefährliche Fieber niederzuhalten. Das verhindert freilich die blitzartige Offenbarung, bereitet aber auf diese Weise furchtbare Ausbrüche vor. Wenn die Leidenschaft den Menschen fortreisst, warnt die Vernunft allerdings vor der Gefahr; folgt man aber der Vernunft, so fragt die Leidenschaft: »Und soll ich sterben?« Liebe ist ein Vergessen aller anderen Pflichten und Interessen, um die höchsten Pflichten und Interessen zu wahren; ist Selbstsucht und Hinopferung zugleich. Es ist erhebend, dem Schauspiel der Leidenschaften zuzusehen; zu sehen, wie die Leidenschaft gegen Wirklichkeit und Schicksal kämpft; wie die Glut ihres Verlangens sie über ihre eigenen Kräfte täuscht und sie mitten in ihrem Schmerze über sich selbst hinaushebt. Die Hartnäckigkeit echter Leidenschaft ist furchtbar; sie widersetzt sich eher den Scharen des Himmels, Gottes grossem Aufzug der Tatsachen, als dass sie ihr Ziel aufgäbe. Sie muss zermalmt werden, ehe sie unterliegt. Sie kann nur durch den Tod besiegt werden und selbst das leugnet der Buddhist.

Die Gräber all derer, die um der Liebe willen starben, schreien uns laut zu, den ausserordentlichen Wert des menschlichen Lebens zu erkennen und jede Stunde für den Sonnenschein zu retten; die Sympathie der Seelen zu erweitern; denen, die wir lieben, wirklich Freude zu bereiten und die Freude derer zu fördern, die geboren werden sollen; unseren Geist zu tieferem Nachdenken zu zwingen, um denen andere Arbeits- und Lebensmöglichkeiten zu schaffen, die sich lieben, und um die Not der Liebesarmen zu mildern, damit auch sie, wenn ihre Zeit gekommen ist, wo sie wieder den Kreislauf des Staubes antreten sollen, das Schönste genossen zu haben, was das Leben zu bieten vermag.


 

XIII. Die Imponderabilien der Ehe.

Eros ist kein Gott, er ist ein Dämon.
Plato

 

Im Krieg zu zweien, den man die Ehe nennt, gibt es Katastrophen, die sich nur auf der stillen Bühne des Herzens abspielen und die sich nur aus Imponderabilien, aus unwägbaren und aus unaussprechbaren und oft geringfügigen seelischen Vorgängen zusammensetzen; aus offenbaren Nichtigkeiten, den Visionen der Einbildungskraft, aus flüchtigen Stimmungen, die man kaum zu erklären vermöchte, denen man aber die tiefsten Freuden und grössten Schmerzen zu danken hat, kurz – das, was uns gegenüber dem primitiven Menschen jenen höheren inneren Wert verleiht, den wir Seelenadel nennen möchten.

Denken wir nur einmal an die Beziehungen der beiden Geschlechter zu einander und an die zahllosen Stimmungen, die Mann und Weib aneinander erleben können. Je grösser die Lust und das Bedürfnis sein wird, ineinander aufzugehen, sich restlos zu verstehen, jede leise Regung im Anderen zu empfinden, jede unausgesprochene Verstimmung zu erraten, kurzum ein Wesen zu werden, das auf die gleiche Melodie gestimmt ist, desto strenger werden die ethischen und moralischen Gesetze sein, die sie in stummem Vertrag sich selber auferlegen. In solcher Ehe beginnt der Ehebruch nicht erst dort, wo er für den Gesetzgeber beginnt. Denn man bricht die Ehe meist, nachdem die Ehe uns vorher schon gebrochen. In solcher Ehe wird vielmehr der Unterschied zwischen der ersten scheuen Liebkosung und den letzten Zugeständnissen nicht als so gross empfunden, da beide wissen, dass man sich schon in einem Blicke besitzen kann, in einer flüchtigen Berührung. In solcher Ehe sind Treue und Untreue Ausdrücke, die allzu grob empfunden werden und Treue ist nicht das absolut beste, was man in solcher Ehe einander bieten kann. In solcher Ehe werden natürlich auch die seelischen Reibungen grosser sein. Jeder will und muss sich gewissermassen selber opfern, muss seine Individualität aufgeben, und bei dieser jahrelangen Abschleifung der Wesenheit, kann es unmöglich ohne gegenseitige Verletzungen abgehen. Frauen, die lieben, werden selten begreifen, wie lächerlich manche Dinge sind, die sie tun, und meist sind sie auch gewissen Worten gegenüber kritiklos. Obwohl sie die Gabe besitzen, in wunderbarer Weise alle Schattierungen der Liebe, die unmerkbarsten Schwankungen des Menschenherzens zu fühlen, haben sie nur geringe Ahnung davon, welch unbeschreiblichen Widerwillen ein Wort zur unrechten Zeit auslöst. Sie haben auch ein sehr einseitiges Urteil über geistige Eigenschaften und den inneren Wert eines Menschen. Sie werden in einem Atem entzückt sein von einem geistvollen Manne und von einem Flachkopf, der sich geschickt zu bewegen weiss. Graf Tilly, der Page Marie Antoinettes, der die Frauen kannte, sagt von ihnen, dass der mittelmässige Mann rascher bei ihnen zum Ziele komme, als der ausserordentliche. Kniende Behandlung lässt sie meist kalt, wogegen der Zauber der Frechheit sie besiegt. Stellt man sie hoch, so verwandeln sie sich in Tyrannen, begegnet man ihnen mit Geringschätzung, so unterwerfen sie sich wie Sklavinnen. Einer der Liebhaber Katharinas II. hatte sich eines Abends so weit vergessen, sie zu schlagen. Am folgenden Morgen war das erste, was sie zu ihrer Vertrauten sagte: »Jetzt bin ich seiner Liebe gewiss.«

Für Männer, die höher und feiner entwickelt sind, ist die Liebe, dieser Frühling unseres Blutes, ein sehr kompliziertes Gefühl, das durch ein Nichts variiert werden kann. Der kultivierte Mann grübelt über die Liebe nach. Er analysiert gern, vermöge welcher Kraft ein Gefühl, das ihn so entzückt, ihm zugleich so namenlose Leiden schaffen kann.

Aber das Grübeln über die Liebe ist der Liebe Tod. Grübeln ist eine Krankheit. Es streckt seine giftigen Wurzeln ins Erdreich der Seele, und alles, was da wächst und blüht, welkt und stirbt dahin. Das Grübeln liegt beständig auf der Lauer und peinigt und quält seinen Träger; es verdirbt die Freude am Leben und schneidet jede Zwiesprache entzwei. Unser Lachen erlischt im Weinen und alle Süsse des Daseins ist mit bitteren Gallen gemischt. Alles scheint öde und leer, die Liebe schal, das Glück eine Seifenblase, die Freude ein Grinsen. Man wird kraftlos. Man lebt in Widersprüchen, wie Hamlet, der Ophelia mehr liebt, »als vierzigtausend Brüder mit ihrem ganzen Maass von Liebe sie lieben könnten«, der sich mit ihr lebendig begraben lassen würde, und sie dennoch verspottet, sie bittet, ins Kloster zu gehen, damit sie nicht solche Sünder wie ihn zur Welt bringe. Er gelangt zu eklen Vorstellungen, seine Gedanken umkreisen den Moder des Grabes, bis Horatio ihn warnend daran erinnert: »Die Dinge so betrachten, hiesse sie allzugenau betrachten.

»Allzu genau betrachten« ist die Losung des Grüblers. Mitten in den heissesten Stunden des Glückes beginnt er zu forschen, zu fragen, zu zweifeln und zu misstrauen. Mitten in der gewaltigen Leidenschaft kommen Augenblicke, in denen er sich plötzlich einbildet, nicht mehr zu lieben. Er zieht das Weib in die kranke Sphäre seines Herzens – denn der liebende Mensch will, dass das geliebte Wesen mit ihm und durch ihn leide – und wenn sie ihn nicht verstehen kann, weil sie nicht grübeln mag, wird er erbittert, faucht sie an und schleudert ihr Worte ins Gesicht, die – kaum dem Munde entronnen – ihn tausendmal mehr quälen, als sie. Oder er schweigt und labt sich an dem Gram, der an ihm nagt. Denn in jedem Menschen gibt es ein gewisses Etwas, das das Unglück liebt. Er weiss, dass er einst sehr glücklich war, so sehr, dass er nie glaubte, es könnte je anders sein. Und plötzlich ist das Glück fort. Und je mehr er es ruft, je mehr er es sucht, desto mehr flieht es ihn und er fängt an zu glauben, er sei nie glücklich gewesen, habe geschlafen, sei jetzt erst aufgewacht, um die Nüchternheit und Schalheit aller Dinge und Gefühle zu erkennen. Er beginnt Fragen an das Schicksal zu stellen und erhält keine Antwort. Er denkt zurück ...

Er sieht zum erstenmal sich als ein Besonderes und sein Weib als ein Besonderes, wo sie ehedem eins waren. Sein Herz hat sich getrennt von ihr, und nun kritisiert er sie. Wie kam das alles? Durch ein Nichts, einen Misston, durch ein Missverständnis, das um so wichtiger ist, je weniger es sich darin um etwas Gegenständliches handelt, durch eine Verstimmung, die man gegenseitig verheimlicht hat, durch eine Nuance – denn die Nuance ist alles. Aber die Verstimmung wächst, und ist sie erst zur Erinnerung geworden, ist sie auch unauslöschlich. Wieder eine Verstimmung – und jetzt kommen die bösen Worte, die man nie mehr zurückrufen kann, die sich wie Feuerbrände in die Seele werfen und sie verzehren. Hüben ein scharfes Wort, drüben ein schärferes. Auf den Lippen schwebt ein Lächeln, im Busen kocht die Hölle. Man erkennt, dass Liebe und Ehe fast unvereinbar sind und man versteht, warum die Griechen Venus, die Göttin der Liebe, als eine schöne gutmütige Dame, und Juno, die Göttin der Ehe, als eine schreckliche Zänkerin schilderten und warum beide Göttinnen immer Todfeindinnen waren. Man tröstet sich über die eigene Pein durch die, die man dem Partner bereitet. Die Freude am Hass erwacht. Replik, Duplik, Kampf, in dem die beiden Menschen ihre gegenseitige Urfremdheit erkennen. Bisher sahen sie sich so, wie sie sich in ihren Träumen bildeten; jetzt sehen sie sich, wie sie sind. Sie haben die Schleier zerrissen. Denn wer ahnte nicht hinter einem Schleier ein schöneres Antlitz, als je ein Schleier barg? Sie sehen ineinander Quälgeister, Tyrannen, wilde Tiere. Und wenn sie es müde geworden sind, länger zu hassen, schweigen sie still. Das erste Gewitter ist vorbei; aber es brachte keinen Segen. Man nimmt sich in Zukunft mehr voreinander in acht. Man hütet sich ängstlich, die Empfindlichkeit zu wecken. Man hat erkannt, dass es Dinge gibt, die mit keinem Wort berührt werden dürfen. Man schweigt ...

Was kann Schweigen nicht alles ausdrücken! Einigkeit und Hass, Liebe und Feindschaft, Zustimmung und Verneinung, Urteil über Tod und Leben. Gehen zwei in guten Gedanken nebeneinander her, so fühlen sie eine mystische Harmonie, die wie ein edles Gespräch wirkt; hassen sie sich, so entfernen sich beide in feindlichem Schweigen immer mehr voneinander; unüberbrückbare Klüfte entstehen zwischen ihnen; sie werden trunken vor stiller Wut. Der Hass glimmt in ihnen und wird zum Brand und in jedem Augenblick sind sie bereit, sich aufeinander zu stürzen und sich zu töten.

Von draussen scheint’s kommt die Zwietracht herein. Man weiss wirklich nicht, woher sie kommt. Sie kommt herein wie ein Luftzug, kommt so sicher, wie Sonne auf Regen, wie Donner auf Schwüle. Wer hat die Schuld? Man wird vergeblich suchen, es festzustellen. Ein Dritter ist schuld. Wer ist der Dritte? Denn indem man diesen unsichtbaren Dritten »Missverständnis« nennt, hat man ihn nicht erklärt. Wie kann er zwischen zwei Menschen treten, die gesund im Denken sind, die sich lieben und sich immer verstehen? Die nur zusammen gedeihen, und leiden, wenn sie getrennt sind? Dieser Dritte beginnt plötzlich sich zwischen die beiden zu stellen; ihre Selbstsucht gebietet ihnen, Frieden zu halten, denn die Kosten des Krieges müssen sie selber bezahlen. Und dennoch: eine Nuance gab Veranlassung zum Grübeln; ein Wölkchen steigt auf und wächst. Verdienste werden Fehler, Schönheit wird hässlich, Weib wird Schlange und Mann Barbar. Hätten sie sich nie gesehen! Wäre er doch in der tiefsten Hölle!

Das Schweigen, das dann und wann zwischen sie tritt, ist nicht mehr süss, wie einst; es ist schwer geworden. Man hört die bösen Worte, die der andere denkt; ein Nichts, und sie werden ausgesprochen. Und es werden sinnlose Worte, nackte, rohe, gemeine Worte, voll Hass und Gift; es ist das Brüllen des Tieres in uns, das ausbricht, oder auch ein Aufschreien des Menschen, der von seinem eigenen Hass gequält wird. In solchen Augenblicken fällt jede Bildung von einem ab und alle Kultur. Man verliert jede Scham. Es ist Krieg! Man greift zu den schärfsten Waffen. Man tut sich mit Absicht weh. Und niemand kann uns so weh tun, wie der Mensch, den wir am meisten lieben; denn niemand weiss besser, wo wir am verwundbarsten sind. Die erzieherische Arbeit vieler Generationen wird wie ein wertloses Nichts über den Haufen geworfen; dieser stolze Bau wird zertrümmert. Hin ist Achtung, Liebe, Güte, Rücksicht, Klugheit, Verständnis. Die Freundschaft wird verraten und niedergetreten, die Liebe wird geschmäht. Jetzt erblickt man in der Liebe nur eine wesentlich egoistische Regung, die auf Berechnungen des Verstandes, des Gefühls oder der Brutalität beruht. Man empfindet die Liebe als grausame Strafe, als ein unerbittliches Joch, dem man nicht entrinnen kann. In den Augenblicken der Zwietracht gäbe man zwanzig Jahre seines Lebens hin, wenn man frei wäre. Und ist man frei, oh, dann beginnen die Leiden der Sehnsucht mit ihrer unerhörten Folter zu peinigen. Leiden erwachsen den beiden, die die grössten und grausamsten sind, die das Leben kennt. Man hasst sich gegenseitig. Aber was hilft es, dass man den Menschen hasst, der sozusagen in das Blut unserer Adern übergegangen ist? Warum hassen sie sich, da sie sich doch so lieben? Keiner weiss eine Antwort. Es sei denn, man lässt die gelten, dass der Hass eine Wollust ist. So haben ihn Novalis, Stendhal, Balzac, Musset, Schopenhauer, Nietzsche und andere gedeutet. Die einzige und höchste Wollust der Liebe – sagen sie – liege in der Gewissheit, das Böse zu tun. Mann und Weib wüssten von Geburt an, dass im Bösen alle Wollust liege.

Oder vielleicht nimmt man mit der anderen Antwort fürlieb, dass die Liebe ein Wahnsinn ist? Denn es ist Wahnsinn, Schönheit zu sehen, wo keine ist; zu hassen, wo man liebt. Als ob es ein Verbrechen wäre, glücklich zu sein, und als müsste deshalb das Glück, das bei uns weilt, gestraft werden. Darum sind die leichtblütigsten Naturen die glücklichsten, die mitten im Zwist, sich rasch versöhnen, gewissermassen den mystischen Dritten verjagen, ehe er heimisch werden kann; die sich ohne Erklärung gleich wieder um den Hals fallen und gut zueinander sind. Denn Glück und Unglück ist fast noch mehr Sache des Gemütes, als des Schicksals, und Glück und Unglück sind im gleichen Maasse ansteckend. Schliesslich ist das Glück etwas Negatives: es ist das Unglück, das uns erspart bleibt. Und selbst alles Unglück existiert nur im Vergleich; denn jeder Unglückliche wird sicherlich noch einen Unglücklicheren finden, neben dem er ein wahrer Glückspilz ist.

Man sollte lieben, weltvergessen lieben, ohne zu fragen was, ohne zu sehen, wen man liebt; denn sehen heisst begreifen und begreifen heisst fast schon verachten. Nachsicht ist vielleicht nichts, als der höchste Grad der Verachtung. Beginnt man erst zu denken, dann kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die Liebe eine Grausamkeit ist, und dass der, der von ihr ergriffen wird, sich in einer Raubtierfalle befindet, die mit Blumen, Versen und schönen Hoffnungen bedeckt ist. Der Liebende wird die Beute. Die Koketterie, die jedem Weibe eignet, die Flucht vor dem Manne, um ihn zur Verfolgung zu reizen, das Spielen mit Ja und Nein, das Zaudern und halbe Gewähren, das Quälen des Verliebten, all das sind die dem Weibe von Natur gegebenen Mittel, um den Mann in den Abgrund zu locken, den manche Verliebte in der Art ihrer überschwänglichen Sprache den »Himmel auf Erden« nennen. Aber dieser Himmel ist wahrlich im gleichen Maasse ein Himmel, wie der wirkliche Himmel, der sich über uns zu wölben scheint, nichts ist als ein unerforschlich weiter Abgrund. Man wird ihn ebensowenig ergründen, wie den Abgrund der Liebe. Die unglückliche Ehe beginnt in dem Augenblick, wo man einsieht, dass man sich in dem Abgrund befindet. Ist es aber nicht grausam, es den Menschen zu erschweren, sich wieder aus dem Abgrund herauszuarbeiten? Oder gar, sie zurückzustossen?

Das bürgerliche Gesetz – jedenfalls das zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts – spricht sich im Grunde gegen die Ehescheidung aus und muss es natürlicherweise auch. Denn dem Wesen aller Gesetze liegt eine staatserhaltende Tendenz zu Grunde; die Ehescheidung aber gehört zu den Formen, die dieses Prinzip sprengen. Selbstverständlich macht das Gesetz, wenn auch nur ungern, Zugeständnisse und erkennt Ausnahmen an. Und zwar in Fällen, in denen der Handhaber des Gesetzes –der Richter (und also ein Mensch!) – einsieht, dass zwischen manchen Eheleuten die Fortführung des staatserhaltenden Lebensbündnisses eine seelische, wirtschaftliche oder moralische Folter geworden ist oder in denen die Form der Ehe längst gesprengt und aufs Augenfälligste verhöhnt worden ist. Aber auch in solchen Fällen glauben viele Richter – staatserhaltende Männer! Hüter der Moral! – die Trennung aufs Aeusserste erschweren oder über alle Maassen in die Länge ziehen zu sollen, ähnlich dem mittelalterlichen Richter, der dem Angeklagten die Daumschrauben möglichst lange ansetzen liess, bis der Angeklagte alles gestand, was man von ihm hören wollte, wenn man ihn nur von den Daumschrauben befreite. Dass in Ehescheidungsfällen die Massnahme der Prozessverschleppung zu weit grösseren Tragödien führt, als sie je Gutes stiften kann, wird durch die Wirklichkeit viel zu drastisch erwiesen, als dass es erst noch statistischer oder anderer Beweise bedürfte. Es ist kaum anzunehmen, dass die Richter dabei auf jenen aus tiefster Seelenqual geborenen Schrei Strindbergs hören, der in seinem von Gott eingegebenen »Traumspiel« einmal sagt: »Weisst Du was schlimmer als alles ist? Das ist Gatten zu scheiden! Da ist es als schriee es in der Erde und oben im Himmel – schriee Verräterei gegen die Urkraft, die Quelle des Guten, gegen die Liebe ...« Einige Augenblicke später sagt Strindberg allerdings auch: »Es ist schrecklich schwer verheiratet zu sein – es ist schwerer als alles! Man muss ein Engel sein, glaube ich.« »Fast alle Ehen« – heisst es in einer ganz modernen Wendung in Friedrich Schlegels Lucinde – »fast alle Ehen sind nur provisorische Versuche und entfernte Annäherungen zu einer wirklichen Ehe, deren eigentliches Wesen darin besteht, dass mehrere Personen nur eine werden sollen. Wenn aber der Staat gar die missglückten Eheversuche mit Gewalt zusammenhalten will, so hindert er dadurch die Möglichkeit der Ehe selbst, die durch neue, vielleicht glücklichere Versuche befördert werden könnte.« Denn ebenso wie es die höchste Barbarei ist, einen endgültig zum Tode Verurteilten noch wochenlang am Leben zu lassen, ebenso ist es über alle Maassen schrecklich, zwei Menschen, die weder physisch noch seelisch mehr, zueinander gehören, die nichts verbindet als die gemeinsame Qual, durch das geforderte Manöver der Prozessverschleppung – das sogenannte Aussetzungsverfahren – täglich von neuem, womöglich jahrelang die Tortur des Auseinanderreissens durchmachen zu lassen. Die Paare, die in Ehescheidung liegen, sollen, gleichgültig, ob es sich um differenzierte und komplizierte Menschen handelt oder um Menschen mit geringer Kultur und robuster Natur – »denn vor dem Gesetz sind wir alle gleich« – mürbe gemacht werden, und sie sollen offenbar, wenn sie die Wahl haben zwischen einer Ehescheidung, die sich jahrelang hinzieht, und zwischen der Fortführung ihrer Ehe, die keine Ehe mehr ist, in solcher Scheinehe beharren. Es bedarf nicht der Erörterung, was in Wirklichkeit unmoralischer ist. Solche Erschwerungen können nur entstehen, wo man ganz und gar keinen Sinn hat für das seelische Band, das doch schliesslich in jeder Gemeinschaft das einzige ist, das zusammenhält.

Da schwätzen die Ethiker seit Jahrhunderten von unseren inneren, höheren Gesetzen, aber kein Mensch kümmert sich um sie; die öffentliche Moral und das bürgerliche Gesetz zwingen uns vielmehr, sie zu missachten und zu übertreten. Warum kämpfen wir denn für eine individuelle Behandlung der Kinder in der Wiege und in der Schule, wenn der Gesetzgeber die Individualität der Erwachsenen nicht im geringsten respektiert? Möchten die Gesetzgeber doch einsehen, dass man dort einen Weg bahnen muss, wo das Leben hingeht. Die Gesetze behalten doch nicht recht, sondern die Neigungen; denn wir alle tun am Ende doch, was wir wollen, weil wir nicht anders können.


 

XIV. Die Phasen der Moral.

Ich halte es für einen grossen Fehler, dass man überall das Geschlechtsleben als Kriterium der Tugend so in den Vordergrund stellt. Es ist öde und im Grunde auch ekelhaft.
Multatuli

 

Von Zeit zu Zeit empört sich die Gesellschaft angeblich im Interesse der Moral. Irgend etwas, eine von den ängstlich verheimlichten Menschlichkeiten, ist ans Licht gezerrt worden, und man freut sich nun, ein Opfer gefunden zu haben, das die Wellen der Empörung verschlingen dürfen. In die Oeffentlichkeit dringt freilich immer nur der Klatsch, der die Sensationslust befriedigt, der aber angeblich im Namen der Moral oder der Kunst verbreitet wird, obwohl Lärm machen, nicht Kunst machen heisst. Wer Skandale provoziert, appelliert gewöhnlich an die Gemeinheit, aber nicht an das Gerechtigkeitsgefühl. Und selbst die Gerechtigkeit wird in ihr Gegenteil gekehrt, wo es sich um Gründe rein seelischer oder erotischer Art handelt, die von der Rücksichtnahme erotisch feinfühliger, stolzer Naturen eingegeben sein können; von Rücksichten des Menschen gegenüber dem Menschen, und solche Gründe gehen die öffentliche Gerechtigkeit nicht das mindeste an. Nur weil die Gesellschaft in der Moral ihren Schmuck und ihre Rechtfertigung sieht, wagt sie sich an alle Probleme und Erscheinungen heran, um alle Dinge mit ihrem Moralmaasse zu messen. Sie beschränkt sich nicht mehr darauf, das zu untersuchen, was man öffentlich leistet, sondern inwieweit man ganz im Geheimen sündigt. Neugierig wie des Märchen-Andersens Mond, guckt sie in alle Schlafgemächer, um dann Zetermordio zu schreien, und sie kramt brutal in den erotischen Geheimnissen anderer Menschen und bietet sie aus, wie Autolykus den Bettelkram seines Hausierkastens. Wenn es aber gewiss ist, dass die persönliche Liebe den höchsten Wert des Lebens ausmacht, dass sie höhere Bedürfnisse nährt, reichere Kräfte weckt, ein zielbewusstes Streben befeuert, zu grossen Taten anregt, altruistisch macht, verschönt und veredelt, so weiss ich nicht, wo man den Mut hernimmt, erotische Beziehungen zu beurteilen, die der Aussenstehende immer nur in der allergröbsten Form kennen lernen wird. Der Staat maasst sich zuviel an, wenn er sich in die häuslichen Verhältnisse mischt, die er eben nicht versteht, weil er verallgemeinern muss und die er aus eben dem Grunde auch nicht zu beurteilen vermag. Denn die letzten Gründe, die ein Weib oder einen Mann in ein dreieckiges oder meinetwegen polygones Verhältnis zwingen, wird man nie erfahren. Wenn man uns aber als Richter anruft, müssten wir den besonderen Fall bis in seine letzten Geheimnisse kennen, ehe wir zu urteilen vermöchten. Und auch dann stünde uns noch kein Urteil zu. Man hat kein Recht, sich in komplizierte erotische Beziehungen einzudrängen, bei denen man, wo man auch anfängt hinzuhorchen, die Schamhaftigkeit verletzt.

Und das scheint mir ein weit grösseres Verbrechen, als das gegen die Moral. Vom Standpunkt der höheren Moral ist es strafbarer als ein Raubmord, wenn man die zusammengesetzteste, verletzbarste, bedeutungsvollste Beziehung zwischen Weib und Mann durch plumpe Eingriffe so schändet, wie es bei uns gerade im Namen der Moral so oft geschieht; bei uns, die wir doch ein Recht auf das Individuum proklamiert und geglaubt haben, dass es so etwas wie innere höhere Gesetze gibt.

Seit Jahrhunderten kämpft man freilich dafür, dass die Kinder schon in der Wiege individuell behandelt werden. Individuelle Erziehung, individueller Unterricht, individuelles Spiel sind die lauten Forderungen des Tages. Das alles soll doch wohl heissen, dass jeder Einzelne unter möglichst weiter Berücksichtigung seiner Individualität erzogen werde. Aber was man den Kindern gönnt, sollen die Erwachsenen nicht haben. Für uns hat man ganz allgemeine Sittenlehren aufgestellt, allgemeine Gesetze und Philosopheme, und man sagt, die Gesellschaft stürze zusammen, wenn wir sie nicht befolgen. Die öffentliche Moral und das Gesetz nehmen uns zwar die Freiheit, die Form unseres sexuellen Lebens selbst zu wählen und zwingen uns unter gewissen Voraussetzungen nach aussen hin monogam zu leben. Aber es ist andererseits eine Tatsache, dass die Form, in die uns das Gesetz zwingt, immer und überall gesprengt worden ist. Monogamie ist zwar die Vorschrift des bürgerlichen Gesetzbuches, aber Polygamie ist Naturgesetz. Und Naturgesetze lassen sich durch die Gesetze noch so weiser Richter nicht dauernd unterdrücken. Der durch die modernen Gesetze geknebelte Eros im Manne lebt wie ein Quell unter Felsgestein; endlich durchbricht er es und wandelt seine Wege, auf denen er tausend Wiesen nährt. Denn in jedem Manne mit gesunden Sinnen steckt ein Casanova oder ein Don Juan und kein kluges Weib wird dem Manne aus seiner Organisation einen Vorwurf machen. Dass er seine Natur vor seiner Frau ableugnet, die sich auf dies Geständnis beruft, daran ist niemand anders schuld, als die landläufige falsche Moral, die um eines geordneten Staatswesens und um der Bequemlichkeit willen die Lüge vorzieht. Diese Moral lehrt: dass es ein Gottessegen ist, wenn verheiratete Leute Kinder kriegen. Aber wenn ein uneheliches Kind zur Welt kommt, ist es ein Bankert, auf dem Gottes Fluch ruht und die Gesellschaft straft in ihm seine Eltern, indem man ihn um seine Rechte bringt. Diese Moral ist in allen Dingen des Lebens so ziemlich die gemeinste, niederträchtigste, widersinnigste, gottverhöhnendste Lüge, die ich kenne. Warum sollte sie gerade in Hinsicht auf die Erotik des Mannes aufrichtig sein? Welcher natürlich empfindende Mann wird aber unter Männern ableugnen, dass er trotz aller Gesetze dem zottigen Pan nähersteht als dem bürgerlichen Gesetzbuch, das die Polygamie verbietet? Zwar ist Polygamie ein zu grobes Wort, denn die meisten Männer haben wohl das Bedürfnis, mit mehreren Frauen in erotischer Beziehung zu stehen, nicht aber zugleich auch in sexueller. In diesem Sinne sind viele Männer sexuell monogam und nur erotisch polygam veranlagt.

Rücksichts der mannigfachen Kulturstufen, auf denen die Männer stehen und der Alters-, Milieu- und Temperamentsunterschiede, die sie jeweils trennen, könnte man vielleicht, ohne zu schematisieren, sagen, dass die Männer, im Grossen gesehen, in zwei Gruppen gesondert werden können.

Erstens solche, die ausschliesslich in der sexuellen Liebe aufgehen. Diese Gruppe umfasst die Männer der Naturvölker und führt zivilisatorisch aufwärts bis hin zu Casanova, ihrem feinsten Typus. In ihnen allen ist die Geschlechtsliebe vorherrschend, die nichts anderes anstrebt, als den körperlichen Besitz der Geliebten. Die zweite Gruppe umfasst die Männer, die in der erotischen Liebe aufgehen. Ihr edelster Typus wird durch Goethe verkörpert. Die erotische Liebe schliesst alle Grade von der zartesten Sympathie und idealsten Freundschaft bis zur glühendsten Leidenschaft ein, die zwischen Mann und Weib bestehen können; jener Leidenschaft, aus deren Schmerzen Gedichte geboren werden, Symphonien, heroische Taten. Der gegenseitige körperliche Besitz ist in der erotischen Liebe weder Bedingung, noch primäre Voraussetzung, sondern sozusagen nur der Schlusspunkt, das mögliche oder selbstverständliche Auch, die Verbindung der Körper, nachdem die Seelen sich bereits verbunden haben. Wie der Asketismus ein erhöhter Epikuräismus ist und das Fasten eine verfeinerte Schwelgerei, so ist es in der erotischen Liebe oft der höchste Genuss, sich das Letzte, das Physische zu versagen.

Die platonische Liebe, jenen blutleeren Unsinn, den man landläufig darunter versteht, jenen anämischen Bund zwischen Mann und Weib, der von jeder erotischen Färbung frei ist, giebt es nicht einmal in Märchen.

Die »platonische« Liebe unter Gleichgeschlechtlichen ist natürlich ein Widerspruch in sich und nur auf ein Missverstehen des Ausdruckes »platonisch« zurückzuführen. Denn auch innerhalb des Kreises der diese »Frauen­ächter« und »Männerfeinde« umfasst, bleibt der Unterschied zwischen der sexuellen und der erotischen Neigung bestehen.

Das Liebesbedürfnis der modernen oder gei­stig entwickelteren Frau ist nicht minder kompliziert, als das des Mannes. Wenn nun zwei so geartete Menschen eine Ehe eingehen, ist die stumme Voraussetzung, dass jeder mit der Möglichkeit erotischer und seelischer Wandlungen zu rechnen hat. Die Hochachtung, die sie voreinander empfinden, tötet von vornherein die Lüge, dass es in der Liebe keine Metamorphose geben dürfe, dass das Herz sein Leben lang stagnieren müsse und dass man auf die gegenseitige Liebe lebenslänglich einen Anspruch hätte, wie auf eine garantierte Altersversorgung. In solcher Ehe wird es zweifelsohne vorkommen, dass sich mit Wissen beider ein dreieckiges, ja sogar ein vieleckiges Verhältnis herausbildet, ohne dass man dem einen oder anderen Gatten moralische Vorwürfe machen dürfte.

Wenn der kultivierte Mann liebt, hindern ihn Scham und eine gewisse Unfreiheit, sich dem Weibe so restlos geben und zeigen zu können, wie er in seinem tiefsten Wesen eigentlich ist. Er lebt seine Liebe mit diesem Weibe in dieser und dieser Form aus; ein anderes Weib löst wieder eine andere Empfindung in ihm aus; ein drittes wieder zaubert neue Eigenschaften seines Liebesdranges in ihm herauf. Deshalb ist das Bedürfnis des höher entwickelten Mannes, viele Frauen zu lieben, nichts anderes, als der Drang, sich zu erneuern, zu vervielfachen und alle Wandlungsmöglichkeiten, die in ihm liegen, zu verwirklichen. Es ist die Metamorphose seines eigenen opalisierenden Ichs, der Zwang, sich zu vervielfältigen, der ihn zur »Untreue« treibt. Ich könnte mich auf Goethe und Schopenhauer berufen, auf Nietzsche, Strindberg und viele Andere, die aber voreingenommene Moralisten als parteiisch ablehnen werden. Wird man mir glauben, wenn ich mich auf Giordano Bruno berufe? »Es muss jedem Manne erlaubt sein – meint er – so viele Frauen zu halten, als er ernähren kann. Es sei eine ungerechte Sache, dass ein Mann sich – rein physisch – an ein einziges Weib verschwende.«

Die Gesellschaft stellt sich freilich nicht auf diesen Standpunkt, obwohl er die Meinung aller grossen Geister war, die die Heuchelei hassten. Aber indem die Gesellschaft durch ihren Klatsch den Schleier von uns fortzieht, der ein Teil unseres Selbst ist (Hebbels »Gyges«), macht sie sich eines grösseren moralischen Verbrechens schuldig, als der von ihr Gebrandmarkte, der die Liebe für das höchste moralische Gesetz hält, dem er sich unterwirft. Der gesellschaftlich korrekte Monogamist kann ein ebenso grosser Schurke sein, wie der Polygamist; darum ist es verkehrt, die Sittlichkeit eines Menschen nach seiner Erotik zu beurteilen. Wenn Gott seine Geschöpfe mit diesem Maassstab der bürgerlichen Moral messen würde, gebührte der Siegespreis zweifelsohne der Auster. Wer ist tugendhafter als sie? Sie ist immer zu Haus und immer nüchtern. Es ist wahrscheinlich, dass sie nie eines der zehn Gebote übertreten hat. Sie ist von sehr sanfter Gemütsart und teilt ihre Freude nie einem anderen Wesen mit. Ich kann mir denken, dass eine Auster sich das Recht anmaasst, einem Löwen Moral zu pauken.

Und wie oft soll man es noch sagen, dass vollends die Kunst erst recht nichts mit der Moral zu tun hat? Am liebsten verherrlicht sie ja gerade das, was die Moral verbietet und wenn sie lustig wird, lacht sie der Moral sogar ins Gesicht. Die Kunst kann das Unmoralische, worunter die Gesellschaft das vergröbert Erotische versteht, nicht verneinen, denn sie wächst aus dem Erotischen heraus. Die Erotik ist die Wurzel aller Kunst. Darum ist es für den Künstler schwer, die bürgerliche Moral nicht auf Schritt und Tritt zu verletzen. Er erinnert uns fortwährend an die Tatsache, dass die Moral besiegt werden muss, so oft eine neue Welt entstehen soll oder, mit Shakespeares Worten: dass nie eine Jungfrau geboren ward, wo nicht zuvor eine Jungfrauschaft verloren ging. Haben wir denn überhaupt das Recht, einen in der Oeffentlichkeit wirkenden Menschen seines sittlichen Verhaltens wegen zu verurteilen? Der Welt gehört nur unsere Kraft, unser Geist, unser Talent. Das Privatleben der Bacon, Voltaire, Rousseau, Goethe, Heine, Grabbe, Baudelaire, Verlaine und einer Legion Anderer ist vom Standpunkt der Moral nicht grade einwandsfrei. Was kümmert mich das aber, wenn ich ihre Werke lese, die mir die höchsten geistigen Genüsse vermitteln? Ebenso geht uns die Tugend einer Schauspielerin gar nichts an; für uns gilt lediglich die Frage: hat sie Talent oder nicht. Sie kann in ihrem Privatleben reif sein für Krafft-Ebings Psychopathia sexualis, wenn sie mich nur von der Bühne herab zwingt, an ihr Gretchen und Klärchen zu glauben. In einer Zeit freilich, in der die Pariser Balletteusen es auch schon mit der Moral kriegen, dürfen wir erwarten, dass sogar die Hetären der Strasse nächstens einen Schutzverband gegen die unmoralischen Männer ins Leben rufen werden. Wer, dessen Privatleben man durchstöbern würde, ist so ein Tugendbold, dass der Strafkodex der bürgerlichen Moral nicht irgendwie gegen ihn anwendbar wäre? Irgend eine Lumperei hat jeder schon einmal begangen. Es sei nur das, was der Künstler leistet von Wert, und wir verzeihen ihm alle bürgerlichen Untugenden und Laster. Mag die Lebensweise des Künstlers immerhin gemein sein, wenn er nur die Zaubermacht besitzt, die Bütten der Schönheit über uns auszuschütten, wundervoller Schönheit, die unser Herz entzückt und unseren Geist ergötzt. Ein gutes Gedicht von einem erbärmlichen Menschen findet vor den Augen Apollos mehr Wohlgefallen, als ein erbärmliches Gedicht von einem braven Menschen. Der Himmel bewahre uns vor Gesetzgebern in Dingen der Schönheit, des Vergnügens und der gemütlichen Erregung. Das was jeder empfindet, ist ihm eigen und besonders, wie seine Natur; was ich fühle, hängt von dem ab, was ich bin. Hören wir doch endlich auf, den armseligen Wirklichkeiten einen so grossen Wert beizulegen und immer nachzuschnüffeln, ob das, was einer öffentlich leistet, mit dem übereinstimmt, was er privatim tut.

Auf einen Theaterdirektor angewendet, wird es darauf hinauslaufen, dass die beteiligten Kapitalisten und Aktionäre dem Direktor alles verzeihen, wenn er nur hohe Dividenden erzielt. Er soll mit der Kunst Geschäfte machen; er muss sogar Geschäfte machen, sonst geht er zugrunde. Wenn der Tempel der Kunst dann zu einer hygienischen Anstalt für Zwerchfell-Gymnastik wird, ist das nicht die Schuld des Direktors. Wenn ein Direktor mit lustigen Schwänken oder Sensationsstücken bessere Geschäfte macht, als mit ernsten Werken, so gleicht der Direktor einem Selbstmörder, wenn er literarisch wertvolle Stücke spielt. In dem Falle, der fast die Regel ist, demoralisiert das Publikum den Direktor, der die wirtschaftliche Verantwortung für sein ganzes Personal, für seine Aktionäre, kurz für alle die hat, die durch das Theater Nahrung, Wohnung, Kleidung erwerben. Wäre es, so gesehen, nicht unmoralisch, Klassiker zu spielen, wenn der Kitsch Geld bringt?

Es gibt für den Künstler nur drei wirtschaftliche Möglichkeiten, die ihm seine Freiheit garantieren. Erstens, entweder er ist vermögend und hat, was er braucht, oder zweitens, er bekommt, was er braucht, durch eine gute Stellung, einen Mäzen, oder endlich, er ist arm. Denn wenn er arm ist und folglich machtlos, wird er dadurch allein schon aus der Gesellschaft verdrängt. Und in dem Augenblick, wo er sich isoliert sieht, ist er wieder frei, spottet der gesellschaftlichen Moral und wird zum Bohemien. Man findet es dann ulkig, dass er keine Miete bezahlt, Schulden macht und überhaupt in allen Stücken anders lebt, als der Durchschnittsmensch. Man gibt ihm das Recht auf seine individuelle Freiheit zurück; das heisst er ist gesellschaftsunmöglich. Folglich gestattet man ihm auch, seine eigene Moral zu haben, die um so freier ist, je weniger die Gesellschaft von ihm wissen will.

Und es ist gut so. Denn die Kunst gedeiht nicht in der gesellschaftlichen Sphäre. Ihrem tiefsten Wesen nach ist sie gesellschaftsfeindlich. Seitdem die Künstler aber gesellschaftsfähig geworden sind, leben sie auch im moralischen Bewusstsein der Gesellschaft, und sie achten streng darauf, dass nicht gegen ihre Gesetze gesündigt werde. Wäre der Künstler aber Bohemien, was er um seiner persönlichen Freiheit willen hätte bleiben sollen, so würde sich die Oeffentlichkeit gar nicht um seiner Moral willen aufregen. Wahre Künstler haben zu allen Zeiten jenseits von Gut und Böse gelebt. Sie sind immer von einer aussermoralischen Sphäre umgeben gewesen und wurden in demselben Maasse als Künstler beeinträchtigt, je mehr sie sich der bürgerlichen Moral unterworfen haben.

Diese bürgerliche Moral verdient die herzliche Verachtung jedes kultivierten Menschen. Sie ist eine billige Biedermannsmaske, die dazu dient, jede gemeine Fratze zu decken. Moral ist das Gemeingut der Herden. Nicht an seiner Moral erkennt man den höheren oder inneren Wert eines Menschen, sondern an seiner ethischen Gesinnung. Denn zwischen Moral und Ethik besteht ein Unterschied, wie zwischen Zivilisation und Kultur, wie zwischen Fleiss und Talent, Sexualität und Erotik oder – populär gesprochen – wie zwischen gemeinem Holz, das durch einen Lackanstrich kostbares Holz vortäuscht. Die Welt ruht aber nicht auf moralischen Grundsätzen, sondern auf ethischen. Der ethische Mensch geht ohne jeden Moralkodex den rechten Weg.


 

XV. Die Moral der Götter.

So wie die Völker sich bessern, bessern sich auch ihre Götter.
Lichtenberg

 

Es ist nicht weit her mit dieser Moral. Und wir haben nicht nötig, die Köpfe hängen zu lassen, wenn wir armen Staubgeborenen, die in allem bestrebt sind, es den Göttern gleich zu tun, ihnen in einigen Punkten noch nachstehen. Sie haben uns nichts voraus; nicht einmal die Unsterblichkeit. Denn auch das Göttliche in uns ist unsterblich. Was rühmt man ihnen nach? Dass sie alle Formen und Gestalten annehmen können? Auch hierin stehen wir ihnen gleich. Sind wir nicht in hundert Jahren Staub? Dann Pflanze? Es gibt keine einzige Daseinsform, die uns verschlossen wäre. Nur mit dem Unterschiede, dass unsere Verwandlungen jeweils Jahrhunderte währen. Aber auch hier hat der Mythus den Trost einer ausgleichenden Gerechtigkeit geschaffen, wenn er sagt, dass die irdischen Jahrhunderte nur Augenblicke seien in den Sphären der Götter. Was nur heissen kann, dass ihre Verwandlungen ebenso lange dauern, wie die unseren. Und schliesslich: wer kennt nicht jene irdischen Jupiter, die, sobald es sich um eine Frau handelt, sich ebenfalls in einen Ochsen verwandeln oder denen erst ein reichlicher Goldregen die Gunst einer schönen Nymphe verschafft?

Niemand zweifelt wohl daran, dass wir den Göttern in vielen Dingen überlegen sind. Und vergleicht man die Entstehungsgeschichte und die Geschichte der Götter, die Theogenien und die Mythologien mit unserer Ethik und unseren, ach, so umfangreichen Gesetzbüchern, so wird man bass erstaunt sein über die Fülle unserer moralischen und bürgerlichen Pflichten, gegenüber den kleinen Aufgaben, die die Götter hatten. Denn auch ihnen hatte ja das Fatum, – die höchste aller Instanzen – bestimmte Aufgaben und Schicksale zugewiesen. So viel steht jedoch fest: keiner der Götter hätte ohne Murren die Last menschlicher Pflichten auf sich genommen.

Ich habe überhaupt allmählich so meine leisen Zweifel bekommen an der Grossartigkeit der Götter und Recken. Du lieber Gott! Mit einer Hornhaut gepanzert, die unverwundbar macht, stellt schliesslich jeder Feigling seinen Siegfried. Wenn ich mich in den Fluten des Styx baden könnte, der gegen alle Wunden feit, und wenn Vulkan mir meine Waffen schmiedete, nähme ich es am Ende auch mit Hektor auf. Im Gigantenkampf nehmen die erhabenen Götter des Olymp Reissaus, fliehen nach Aegypten und verwandeln sich, um nicht erwischt zu werden, in Tiere und Pflanzen. In ruhigeren Zeiten hintergehen und betrügen sie sich nach allen Regeln der Kunst und treiben gemeine Schachergeschäfte. Sie sind rachsüchtig, grausam, lasterhaft, diebisch, verlogen und hilflos. Sie rauben und morden. Sie haben einen menschlichen Leib; ihr Körper ist mit einigen Ausnahmen (Hephästos, Eris) schön und stattlich, »wie es Göttern geziemt«. Sie führen Krieg und werden verwundet und ihr Blut fliesst rot. Auch unter den Göttern herrscht ein Kastengeist. Sie machen einen grossen Unterschied zwischen Göttern, Halbgöttern und göttlichen Helden. Sie haben Sinne und folglich haben sie ebenfalls Begierden wie wir, Lüste und Launen, Stimmungen und Verstimmungen. Sie sind blind (Pluto) und verkrüppelt (Vulkan). Sie essen Ambrosia und trinken Nektar, aber wenn die Sterblichen ihnen opfern, wollen sie auch von Fleisch und Wein ihren Anteil haben. Sie geniessen alle Sinnenfreuden wie wir. Sie haben Frauen und Männer, Kinder, Verwandte, einen Stammbaum – den göttlichen Gotha! – eine Geschichte, Kleider, Wohnungen. Jupiter selbst hat seine Stammesgeschichte, und das erste, was er tut, sobald er das Licht der Welt erblickt hat: er lacht seinen Vater aus. Die meisten der Götter halten sich mindestens eine illegitime Geliebte, der sie in irgendeinem verborgenen Idyll der Erde ein hübsches Heim eingerichtet haben. Sobald Jupiter es sich leisten kann, heiratet er seine Schwester, nimmt nebenher Methis zur Gemahlin, naht sich Antiope als Satyr, entführt Europen als Stier, betrügt Leda als Schwan, betört Kallisko in der Maske der Diana, befruchtet Danae als Goldregen und schleicht sich bei Alkmene als Amphitryon ein. Er bandelt mit Jo an und verwandelt sie in eine Kuh, um sie vor der Eifersucht Junos zu schützen, Latona schenkt ihm einen Sohn (Apollo); die Beziehungen zu Semele bleiben ebenfalls nicht ohne Folgen (Bacchus). Und das ist nur ein Teil der stattlichen Leporelloliste.

Was die Göttinnen betrifft, so hält sich manche von ihnen mehrere Liebhaber, herkulische oder schöne; der Geschmack ist sehr verschieden; aber in dem einen Punkt sind sie alle sterblich. Apollo und Hermes überraschen Ares auf dem Lager Aphroditens und, von Apollo befragt, ob Hermes wohl an Stelle von Ares sein möchte, antwortet der Götterbote: »Ach, möchte dies doch, weitschiessender Herrscher Apollo, geschehen! Dass Bande, dreimal so viele, unendliche, mich umschlängen, und ihr zusähet, ihr Götter und ihr Göttinnen alle, ich aber schliefe bei der goldenen Aphrodite und –« ich schliesse schnell das Zitat, denn es wird etwas zu lebendig. Ein andermal bietet sich Aphrodite dem Anchises an – kurz, sie macht sehr viele Götter glücklich. Es ist ein gutbegründetes Symbol, dass ihr Tempel in Korinth von tausend Freudenmädchen bedient wurde.

Bei dieser »göttlichen« Lebensführung mutet es nun drollig an, in den alten Mythen zu lesen: Als die Götter sahen, dass die Menschen ihre Zügellosigkeit und lasterhafte Bosheit bis aufs höchste getrieben hatten, beschlossen sie, dieselben zu vernichten.

Dass diese Götter endlich ihren Aristophanes und später ihren Lucian und noch später ihren Offenbach finden mussten, war ganz natürlich, denn welcher überlegene Geist konnte den Olymp anders sehen als komisch?

Sagt man nun, dass wir die Geschöpfe der Götter sind und dass wir den Göttern nacheifern sollen, so muss man gestehen, dass das sehr bedenkliche Vorbilder sind; abgesehen davon, dass wir ihnen längst ziemlich nahegekommen sind, wenn wir sie nicht gar schon längst übertroffen haben. Nimmt man aber an, dass die Götter uns nachgeahmt haben, so folgt zwingend, dass nicht die Götter den Menschen, sondern, dass der Mensch die Götter gemacht hat, dass sie unsere Geschöpfe sind, und uns also in keiner Beziehung als Muster vorgehalten werden können.

Tatsächlich hat der Mensch die Götter gemacht. Er sah die wirkenden Naturkräfte, die er sich nicht erklären konnte, und denen gegenüber er ohnmächtig war. Und die vergleichende Mythologie hat erwiesen, dass die mit den Mythen des Sanskrit verwandten griechischen Mythen, dass die nordischen, germanischen und alle anderen Mythen nichts anderes ausdrücken, als das Spiel der Naturkräfte. Ueber dem Menschen spannte sich das Firmament bis in die Unendlichkeit aus, azurblau, rabenschwarz, weiss, feuerrot, der Schauplatz kämpfenden Gewölks. Zu seinen Füssen breitete sich das Meer, bald in schaukelndem Schlafe, bald in wilden Sprüngen; es brachte ihm Segen; aber es verschlang auch seine Schiffe. Der Wind blies seine Segler zu anderen Gestaden, oder er wuchs wütend zum wilden Orkan, warf die Schiffe um, verheerte das Land und brachte mannigfache Plagen. Der Blitz äscherte seine Häuser ein, das Donnergetöse lehrte ihn die Furcht kennen. Siechtum brach seine Kräfte; der Tod verwandelte seine Lieben in stummes Fleisch. Der Regen machte die Erde fruchtbar. »Den reinen Himmel gelüstet es, die Erde zu durchdringen,« sagt Aphrodite bei Aeschylus, »und die Erde wird von Liebe ergriffen in dieser Ehe; der Regen, der vom erzeugenden Himmel fällt, befruchtet die Erde, und sie gebiert für die Sterblichen die Nahrung des Viehs und das Korn der Demeter.« Wenn aber der Himmel (Jupiter) mit der Erde (Kybela) in Zwietracht lag, ging die Saat nicht auf, die Flüsse trockneten aus, die Felder verbrannten und Mensch und Vieh litten Hunger und Not. Dann kamen die scheelen Götter: Pest, Raub, Mord und Tod. Aber durch Opfer und Gebet konnte man die Gunst der Götter erflehen. Sie waren käuflich, bestechlich, den gemeinsten Schmeicheleien zugänglich und an keinem irdischen Staat herrschte jemals ein solcher Nepotismus wie in ihren Himmeln. Wenn es einen Gott des Weines gab und der Wollust, der Dichtkunst und Musik, kurz, wenn man für jede sinnliche Leidenschaft und für jedes geistige und physische Bedürfnis einen Gott einsetzte – selbst der Deus crepitus stand hoch in Gunst! – so beging man ein gottgefälliges Werk, wenn man die Bacchanalien und Dionysien, die Saturnalien und Eleusinien und zahlreiche andere Feste feierte, die dann nichts als Ausbrüche animalischen Lebens sein konnten und in Rausch und Sinnentaumel endeten. Man lebte »wie die Götter im hohen Olymp«.

Dass diese Götter innerlich und äusserlich jeweils den Menschen glichen, war ganz selbstverständlich, denn der Mensch konnte die Götter immer nur nach seinem Ebenbilde formen. Die Thraker bildeten ihre Götter blauäugig und rothaarig; die Neger die ihren schwarz und stülpnasig; die Anthropophagen die ihren wild, grossmäulig, fratzenhaft, grotesk und fressgierig; die Griechen griechisch. Folglich könnten die Götter der Ochsen, wenn sie das Bedürfnis nach Göttern hätten, immer nur wieder Ochsen sein. Und wenn Esel und Gänse Gemälde und Statuen anfertigen könnten, würden sie die Götter als Esel und Gänse darstellen. »Die Frommen« – sagt Multatuli – »machen einen Gott, takeln ihn lächerlich auf, und wenn ich dann über diese Lächerlichkeit lache, sagen sie, dass ich etwas Heiliges antaste.«

Das steht also fest, dass die Macht und die Grösse der Götter immer gleichen Schritt hält mit dem Wachstum und dem Fortschritt der Menschen. Gott wächst mit dem Menschen. Als Kinder haben wir ihn uns als einen gutmütigen, alten Herrn vorgestellt, der dafür sorgte, dass wir immer unsere Lieblingsspeisen bekamen, und der so freundlich war, ein Auge zuzukneifen, wenn wir eine Lausbüberei begangen hatten. Als Pennäler haben wir unseren Gott verjagt, haben an Wotan gedacht und Thor, an Zeus und Apollo. Als Jünglinge haben wir ihn uns als Wolke vorgestellt, als das Firmament droben; er zerfloss uns ein wenig ins Unvorstellbare. Dann haben wir Spinoza gelesen ...

Und nun haben wir Gott in uns selber entdeckt; haben entdeckt, dass wir immer an unser eigenes Gewissen appellieren, wenn wir nach einem ausserirdischen Richter rufen, und dass es keine höhere Instanz gibt als den Ethos in uns selber. Wir haben alle unseren eigenen Gerichtshof in uns, sagt Kant. Alles andere aber sind Konventionen und Formen, im staatlichen oder gesellschaftlichen Leben errichtet, aber für den Einzelnen sind sie wesenlos und ohne tiefere Bedeutung.