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Jakob Elias Poritzky – Nachtwache; Begegnung; Sommernacht

Erzählungen

Nachtwache; Begegnung; Sommernacht aus Jakob Elias Poritzky, Liebesgeschichten, Georg Müller Verlag, München und Leipzig, 1912


Nachtwache

Es ist lange nach Mitternacht. Und still . . . oh, wie still. Draußen aber ist es rauh und der Windgeist ächzt; er stöhnt wie ein Mensch im Schlafe! Als ob Seele in ihm wäre und als ob er an irgendeinem verhaltenen Leid litte. Als ob ein Wunsch in ihm summte und eine Sehnsucht an ihm nagte. Weit, weit kommt er her. Übers Meer ist er gewandert, mondelang, und dann über Stoppelfelder und kahle Äcker, über Nebelauen und welkende Wälder.

Und jetzt springt er um das Haus Ossip Jefimoffs herum und sucht einen Ritz, wo er hinein könnte. Er will auf jeden Fall hinein. Aber Ossip Jefimoff hat die Fenster gleichsam für alle Ewigkeit verriegelt. Er will nichts hören und nichts sehen. Wenigstens in Gedanken möchte er bei seinem Weibe sein, denn er erträgt sonst diese leere, frostige Stube nicht.

»Ach, mein Weibchen,« flüstert Ossip Jefimoff mitleidsvoll, »ach, mein Weibchen!« Und noch hundertmal, als ob es ein Gebet wäre, spricht er ganz leise: »Ach, mein Weibchen!«

In Gedanken beugt er sich über sie und küßt den Saum ihres Alltagsrockes und bebt vor Liebe . . . Ganz und gar ist er doch mit ihr verwachsen in den fünfundzwanzig Jahren . . . ganz und gar. Und was gab's denn! Sorge und Müh . . . und Kinderchen . . . und Schinderei . . . und Tod. »Oh, wie bitter ist's,« denkt Ossip, »so zu lieben, wenn die Hände gebunden sind und der Beutel leer. Kinder gibt Gott, und er nimmt sie wieder . . . wie komisch . . . zu welchem Zweck gibt er sie denn? Man soll sie doch groß ziehen! Ja, gut . . . und sie sollen auch Fuhrleute werden und Mägde . . . ja, ja . . . Aber das dauert doch eine Zeit . . . Kommt er schon zur Welt, der kleine Porphyrius, dann stirbt er . . . ja wo ist da Sinn drin? . . . Und Elisaweta stirbt auch . . . und jetzt diese Geschichte mit Proschka . . . Man zieht ihn ein zu den Soldaten und er erhängt sich in der Kaserne . . . Ist das ein Grund, sich wegen ein paar Maulschellen zu erhängen? Hab ich ihn doch selber oft genug verhauen . . . So ein Dummkopf . . . Mach was! Von Gott kommt alles; alles von ihm . . . Wer kann ihr aber verdenken, daß sie aufschreit im Schmerz? Jede Hündin knurrt doch, wenn man ihr das Junge nimmt . . . Und wenn sie den General Swerbejew schon gelästert hat? Der Mensch ist eben hitzig und schimpft gleich . . .

Na, und der Oberst Bolownin, nun hat er eins abgekriegt – na, lieber Gott, was ist da schon!

Wie sie wohl müde sein wird, die arme Seele . . .

Ja, nun heißt's! Gott mir dir!

Uff . . .

Hart sind sie, wie Kiesel; wie Demant sind sie hart . . . Daß sie das nicht begreifen . . . Und wenn sie schon ein böses Wort gesagt hat! Wer kann sein Maul so in acht nehmen? Und wenn ihm auch schon ein Steinchen an die Nase flog! . . . Darum schon Gefängnis? . . . Ach, mein Weibchen! . . . mein Täubchen, mein armes! . . .

Vielleicht ist noch Hoffnung, nachdem ich die Geschichte so drehen konnte . . . Poltert herein, der verfluchte Kerl – hau, hau, pau, pau, pi pau pau, zur Wache fort! . . Und was gibt man ihr dort! Püffe, der armen –«

Ossip beugt sich im Geist abermals herab und küßt demutsvoll seines Weibes Schuh.

»Ich aber saß bei der vollen Schüssel, indes man sie hungern ließ,« denkt er weiter. »Kann man denn essen, wenn das Weibchen nichts zu essen hat? wie Galle schmeckt's bitter; wie Holz liegt's im Magen . . . Und nun wirds vielleicht noch gut! Ich bin der Schuldige, ich. Ich – du Gute – hab geflucht und den Stein geworfen . . . ich geh in die Zelle . . .

Man muß morgen dem Sachar Rospodujew die letzten paar Rubel geben für einen Liebesdienst . . .

Wie er mich doch dort angeschrien hat, der Okolodoschnik . . .1

Ins Gefängnis muß sie, die Vermaledeite! Sie hat dem Herrn Oberst Bolownin Steine nachgeworfen und ihn an der Nase verletzt. Und den Herrn General Swerbejew hat sie auch beschimpft, die Kanaille.‹

›Aber nein, Väterchen, ich war es doch, ich!‹

›Du lügst, Hund! Leute haben es deutlich gehört, wie sie geschimpft hat und gesehen, wie sie geworfen hat.‹

›Nein, Väterchen, ich lüge bei Gott nicht. welche Leute haben es denn gehört, Väterchen? Zum Beispiel, welche Leuten?‹

›Welche Leute! welche Leute! Leute eben, Dummkopf!‹

›Die Leute . . . ja . . . ich glaub es wohl . . . wenn ich nur wüßte, welche . . . Aber du kannst dir doch denken, Väterchen, daß ich meinen Proschka nötiger brauche, als mein Weib. Er ist doch keine Köchin, sondern ein Mann. In drei Jahren, wenn er vom Militär zurückgekommen wäre, wollt ich ihn auch zum Fuhrmann machen. Nun erhängt er sich, der Hitzkopf, wo ich ihn so nötig brauche . . . Denn Geld ist rar bei uns, Väterchen . . . Nun kannst du dir doch denken, daß ich sehr wütend war auf den General Swerbejew und auch auf den Oberst Bolownin freilich, und daß nur ich es gewesen sein kann; denn mir war er doch nötiger, der Proschka.‹

›Glaub's schon, Lügenvolk . . . Wer hat es gehört?‹

›Gott segne dich, Wohlgeboren, daß du mir glaubst . . . Wer es gehört hat? Sachar Rospodujew hat es gehört . . . Draußen vor der Tür steht er.‹

›Ruf ihn.‹

Sachar kommt herein . . .

›Hast du ihn schimpfen hören, Rospodujew?‹

›Ja, Euer Wohlgeboren, ich hab es gehört.‹

›Putz deine Rotznase draußen . . . Und wie hat er geschimpft?‹

›Ja . . . hm . . . wie man eben schimpft, Wohlgeboren.‹

›Und weißt du nicht was?‹

Was? . . . hm . . . Schrecklich hat er geschimpft, ganz schrecklich.‹

›Kannst du es beschwören?‹

›Gewiß kann ich.‹

›Wir werden sehen . . . gut . . . Scher dich nach Hause, Ossip Jefimoff. Wenn es sich herausstellen wird, daß Rospodujew die Wahrheit sagt, dann werden wir eben dich ins Gefängnis werfen, du Kreatur, du! Solange aber bleibt deine Frau in der Zelle.‹

›Es ist mir schon recht, Väterchen . . . wer sündigt, muß auch bestraft werden . . .‹

Und ich bin gegangen . . .

Ob sie wohl schläft? . . .

Was wird sie aber hier machen, wenn sie mich einlochen? . . . Wird sie denn essen ohne mich? . . . Vergehen wird sie . . . welken wird sie, wie das Weinlaub vor der Tür . . . Morgen morgen . . . Könnte man sie nur behexen, die Wärter, oder besaufen . . . nichts ist da . . . keine Alraunwurzel für die Seele und kein Schnaps für ihre verbrannten Hälse . . . Ein Jahr werd ich dort sitzen und Schaufelstiele schnitzen, im Kerker . . . Aber für dich, Weibchen, wäre ich ja auch nach Sibirien gegangen . . . Du Schöne du . . . schlaf . . . schlaf . . . Könntest du doch fortschlafen ein ganzes Jahr, und dann wäre sie um, die Strafe, und ich käme dann herein und weckte dich: ›Gib mir doch zu essen her, Weibchen.‹ So weckte ich dich . . . und vielleicht noch einen Witz würde ich machen. Und du wüßtest nichts . . . von nichts Bösem wüßtest du, und würdest sagen: ›Warte, ich geb dir gleich zu essen, Ossip . . .‹ So eine komische Welt . . . Das Herz will alles Gute . . . und wünscht und wünscht und nichts geht in Erfüllung . . . ach, mein Weibchen . . . Und morgen wird sie erwachen und ich bin nicht bei ihr . . . Lieber Gott, hilf mir doch, daß ich es trage . . .«

Die Gedanken Ossip Jefimoffs ersticken in ihrer Hilflosigkeit. In seinem Herzen geht immer schneller das Blut und er möchte aufschreien vor Schmerz . . . aber er unterdrückt all sein Weh; in Gedanken nimmt er die Hand seines Weibes und küßt die abgearbeiteten, mageren Finger mit Inbrunst. Er küßt nicht, als wäre er der Fuhrmann Ossip, der im Hintergäßchen wohnt und den reichen Bauern Mist fährt, . . . er legt seine Lippen sanft wie Blütenflaum auf die einzelnen Finger und haucht seine tiefe Liebe auf sie aus . . .

Und leicht wird ihm dann die Seele und er hat so viel Hoffnung . . .

Draußen heult der Wind, und keiner weiß, warum er so weint vor dem Häuschen Ossip Jefimoffs . . .



Begegnung

Den ganzen Abend schon wühlt es in mir; ich bin in Schaffensstimmung. Tausend Erinnerungen durchhasten mein Hirn, und ich weiß nicht, welche ich festhalten und ausgestalten soll, und alle verlangen nach Leben und begehren, mit dem Odem meiner Seele erfüllt zu werden. Aber eine fürchterliche Verwirrung bemächtigt sich meiner. Wie in einem siedenden Kessel hüpft und brodelt es in mir . . . Die Gedanken kommen und gehen und vibrieren in mir wie langnachklingende Saiten . . .

Aus diesem bunten Gewirre von Bildern wird mir aber ganz besonders eines deutlich und fordert mich auf, es in einen Rahmen zu fassen . . .

Es ist ein Frauenkopf. Feinnervige Lippen verraten ein tiefes Seelenleben, und schwarze, unergründliche Augen erzählen schwere Schicksale. Es ist ein Kopf, so ebenmäßig, wie die griechische Kunst je einen hervorgebracht.

Dieser Kopf gehörte einem Weibe, das mir auf einer Bahnstation einmal begegnete, als ich eben aus dem Kupee gestiegen war. Unsere Blicke trafen sich unwillkürlich und beiderseitig gaben wir uns Rätsel auf. Und als überfalle sie plötzlich eine Angst vor mir, so hastig ging sie in ihren Wagen zurück.

Ich aber fühlte deutlich, daß gerade sie es war, die ich auf allen Lebenswegen suchte und deren Augen sehnsuchtsvoll auch nach mir riefen.

Aber auch ich stieg, einer unerklärlichen Empfindung folgend, in meinen Wagen zurück.

Mein Zug fuhr dahin, der ihre dorthin . . .



Sommernacht

Klaus Nörtebeck lag auf dem Sofa und sang in zartem Falsett eine sanfte, traurige Melodie von Schubert vor sich hin, die irgendwo in der Ferne auf der Geige gespielt wurde. Von weit, weit her, jenseits des Gartens, des Parkes und der Waldwiese erklangen die seelenvollen Töne. Aber weil es ein stiller Abend war, fand die Melodie dennoch den weiten Weg durch das offene Fenster zu Klaus Nörtebeck und ergoß sich in sein Herz wie Balsam. Es war, als ob die Melodie seine ganze Seele liebkoste.

Klaus kannte diese Geige. Sie wurde von seinem Freunde Johannes Toor gespielt, der mit seinem Instrument besser sprechen konnte, als mit den Menschen. Er hatte schon viel bittere Pillen schlucken müssen, und weil das Leben mit ihm keine Nachsicht gehabt hatte, war er ohne Nachsicht gegen die Menschen und haßte sie. Es war keine leichte Sache, mit ihm umzugehen und hinter seiner Igelhaut einen Menschen zu entdecken. Klaus Nörtebeck kannte ihn aber gut und liebte ihn, denn er selber war schon oft unter den Rädern des Schicksals gelegen, und wußte, wie leicht die Menschen es einem machten, sie zu hassen. Aber diese Erfahrung focht ihn nicht an; sein Herz hing am Leben, und besonders seit sie ihm ihre Liebe geschenkt hatte, war er dem Freunde Johannes doppelt zugetan. Der war freilich einsilbig und rauh; aber wenn er seine Geige zur Hand nahm und das Kinn auf sie preßte, als sei es eine Liebste, da merkte man erst, wieviel er zu sagen hatte. Er spielte sich alles von der Seele herunter, und diese Geige, die allen seinen Regungen folgte, konnte weinen wie ein Mensch und summen wie eine Hummel und sausen wie der Sturmwind; sie konnte lustig sein wie Trude Günther und sie verstand zu locken wie eine Nachtigall. Am schmerzlichsten aber klagte sie, so oft Trude Günther »nein« gesagt hatte. Das mußte erst heute wieder gewesen sein, denn Johannes Toors Geige spielte ihr allertraurigstes Lied auf und legte eine Welt von Weh in jeden Ton.

Klaus Nörtebeck lag auf dem Sofa und hörte all das vertonte Leid mit an. Das Lied brachte zugleich eine Woge von wundersamen Blumendüften mit herein . . . den starken Duft des verblühenden Faulbaumes und der sterbenden Syringen, der Pfefferminze und der wilden Kamille, des Bienensaug und mannigfacher anderer Wiesenblumen, die drunten blühten und im Mondschein die geheimnisvolle Arbeit ihrer Duft- und Farbenbildung verrichteten.


Es war eine schöne Nacht. Auf dem blauen Sammet des Himmels waren viele tausend silberne Punkte sichtbar, die wie glühende Augen zwinkerten, und der kugelrunde Mond floß über vor weißem Licht. Das stille verborgene Leben der bleichen Dunkelheit rauschte leise und geheimnisvoll von draußen herein; man hörte, wie ein freundlicher Wind im Grase spielte und kosend durch das Laub der gespenstig weißen Birken fuhr. Man konnte jetzt an den Tod denken, wie an etwas Friedvolles oder an das Leben, wie an etwas Ruhiges und Schönes. Und wer Liebe im Herzen trug, wie Klaus Nörtebeck, der wurde jetzt weich im Gemüte und der wurde stark emporgehoben, als ob die heiße Sehnsucht sich in Flügel verwandelt hätte. So eine schöne Nacht war es. Die Menschen schliefen schon und auch die Vögel schliefen.

Klaus Nörtebeck war ganz verzaubert. Seine Lampe surrte und eine Schnake sang. Es war wunderbar, dieser kleinen Summserin zuzuhören. Man mußte dabei an Trude Günther denken, die auch so verträumt vor sich hinsummen konnte.

In einer Stunde etwa wollte sie ihn treffen. Sie hatte ihm gesagt, daß sie ihn liebte und nicht Johannes Toors Geige, und sie wollte ihr Wort draußen am Waldsee besiegeln; dort, wo das morsche Boot umgekippt lag und wo die Weiden flüsterten.

Aber an Trude Günther konnte man nicht denken und noch lange stillliegen. Die Gedanken fuhren wie der Blitz ins Blut, entzündeten es, und plötzlich brannte der ganze Körper.

Klaus Nörtebeck ging hinunter und trat durch das Hinterpförtchen in den Garten, zu dem er einen Schlüssel besaß. Wie ein Nachtwandler ging er über die gekiesten Wege und kletterte dort, wo der Fenchel und der Dill wuchsen, über den Zaun.

Im Walde war es ernst und ruhig, wie in der Kapelle eines Friedhofes. Nur die Geige war zu hören und es klang so schwermütig, daß man es nie in Worte hätte bringen können. Klaus wurde still wie eine Kiefer und gut wie die liebe Nacht. Er wurde angesteckt von dieser singenden Melancholie, aber sie konnte doch nicht bis ins Innerste seiner Seele dringen. Denn dort saß Trude Günther und lächelte mit ihren Antilopenaugen, auf denen immer ein metallisch blanker Glanz lag.

Trude war jung und lebenslustig und liebte Klaus Nörtebeck, so wie der Mensch etwa den Schöpfer liebt, von dem er erhört worden ist. Klaus war die Sonne. Die übrigen Dinge der Welt empfingen Licht von dieser Sonne und drehten sich nur um sie.

Trude stammte aus einem kleinen masurischen Städtchen, das sich an einer Bucht des Spirdingsees hinzog. Ihre Eltern waren arme Fischersleute gewesen, die in einer baufälligen Baracke gelebt hatten. Der kleine Gemüsegarten, der im Rücken des Häuschen lag, lief bis zum Saume des Sees hinab und war rings von einem Walde hoher Brennesseln eingeschlossen, an denen sich die junge Trude oft genug die Hände und Füße verbrannt hatte.

Ihre Jugend war freudeleer und eintönig. Trude war ganz sich selber überlassen und wuchs auf wie das Schilf im Weiher. Eines Tages brannte das Häuschen nieder und Vater und Mutter standen einen ganzen Tag vor dem Pfarrhause und warteten auf etwas. Sie hatten ihre geringen Habseligkeiten auf einen Karren gerettet und die weinende Mutter machte sich an einem versengten Federbett zu schaffen, aus dem sie die nassen Daunen hervorzog. Als der Vater sich dann einen alten Lastkahn gemietet hatte, wurde von nun ab eine Ecke des bauchigen Kahnes ihre neue Heimat. Da sah sie nichts als Müh' und Plag' und nur die Landschaft, die sich täglich änderte, brachte ein wenig Wechsel in ihr Leben. Wenn ihr Vater und der polnische Knecht die Bootshaken tief in den Grund stießen und ihre Brust gegen die Haken stemmten, daß der Schweiß über das ganze Gesicht, über den verbrannten Hals und über die nackte Brust rieselte, schaute Trude ihren Vater lange mitleidig an. Dann geschah es wohl, daß der Vater in großem Bogen in den See spuckte und daß schreckliche Schimpfworte aus seinem Munde kamen. Der schwarze Spitzhund lief dann laut bellend und schnuppernd von einem Ende des Kahnes an das andere, als suche er den, dem die Wut des Gebieters galt, und Trude lief hinter dem Hunde her und hatte Angst, daß die Verwünschungen des Vaters sofort in Erfüllung gehen konnten. Aber hinter der Hundehütte war ein Glückshufeisen und da konnte ihr Junker Volant mit dem Pferdefuß nichts mehr anhaben.

Als sie vierzehn Jahre alt wurde, starb ihre Mutter, nachdem sie mitten in einer Gewitternacht im Kahne ein totes Kind geboren hatte. Der Vater ergraute bald und bekam drei schwarze senkrechte Falten in der Stirn. Die Gedanken hatten ihm diese Furchen gegraben; die Gedanken um das, was der Tod geholt hatte, was die Enttäuschung gebracht hatte und was Trude bevorstehen würde.

Sehr viel Trauriges hatte Trude gesehen und es war ein Kunststück, daß bei alledem ihr Gemüt licht und froh geblieben war. Jetzt führte sie einem Gutsbesitzer die Wirtschaft; demselben Gutsbesitzer, dessen Kinder von Klaus Nörtebeck mit Verachtung des eigenen Lebens gerettet wurden, als sie bei einer Bootpartie beinahe ertrunken wären. Und diese Kinder lehrte Johannes Toor die Geige spielen und unterrichtete sie im Latein. Klaus und Johannes verliebten sich zu gleicher Zeit in Trude und Trude mochte doch nur Klaus Nörtebeck. Er war ein Fischerkind wie sie, und er hatte Augen, in die man hinabschauen konnte, wie in einen tiefen blauen See, der voller Wunder war . . .

 

Bald muß Trude kommen und Klaus Nörtebeck liegt im taufeuchten Grase am Waldsee und schmaucht sein kurzes Pfeifchen, um die Fliegen von sich zu wehren. Die Geige schickt ihren süßen Gesang her zu ihm und spricht zu ihm von dem Glück und von dem Schmerz der Menschen. Die Sterne am Himmel, so viele tausende ihrer auch sind, wandeln einsam ihre Bahn, und sie alle wollen ihr Bestes tun, um der armen Erde ein bißchen Glanz zu schenken. Voll steht der alte Mond am Himmel und schmückt die wellige Brust des Wasser mit einem breiten silbernen Bande, das sich auf und ab bewegt. Im Schilf schreit eine Wildente und der Wald rauscht wie eine Meeresmuschel, wenn man sie ans Ohr legt.

So still und friedlich ist es eine ganze Weile. Himmel und Wald und See und Sterne und mitten drin Klaus Nörtebeck . . .

Nun kommt Trude wie ein gute Fee in einem weißen Kleidchen aus dem Walde, und sobald sie die kleinen Rauchwölkchen sieht, weiß sie, daß es Klaus Nörtebecks Tabakspfeifchen ist. Er hört seine Geliebte kommen und erhebt sich. Und ehe er noch Zeit hat, aus dem Traume zu erwachen, in den er ganz versunken war, fliegt Trude an seinen Hals. Er preßt sie innig an sich und beide fühlen nichts als Glück, nichts als Seligkeit. Er streichelt ihr Haar und dann finden sich ihre und seine Lippen in einem langen Kusse. Millionen Sterne leuchten ihrer Liebe und die Geige singt eine traurige Weise . . .




1 Polizeikommissar