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Jakob Elias Poritzky – Rache

Erzählung

Rache aus Jakob Elias Poritzky, Liebesgeschichten, Georg Müller Verlag, München und Leipzig, 1912


Er kam aus einer Gesellschaft, wo er gut gespeist, viel getrunken und viel geschwatzt hatte; wo er seine Karte schon halb heruntergetanzt hatte, bis ihm das passiert war. Und nun fuhr er in einem halboffenen Wagen nach Hause. Wie immer empfand er auch heute einen beinahe physischen Abscheu vor der Leere des gesellschaftlichen Trubels, und die Lawinen des Geschwätzes, die auf ihn herabgesaust waren, erdrückten ihn fast. trotzdem wäre er geblieben, weil sie da war. Aber nun. . . oh, die Wunde im Gesicht schmerzte stark. Teufel!

Die kalte Luft erfrischte ihn und umschmeichelte seinen ganzen Körper mit einem Wohlgefühl, als tauche er die überhitzten Glieder in ein Flußbad, dessen Wasser durchsichtig war bis auf den Grund.

»Anders wie die Menschen!« dachte er.

Während er nach Hause fuhr, flockte der Schnee still und beinahe feierlich herab. Es war, als ob der Himmel einen Teppich über die ganze Erde breiten wollte, in der Absicht, das geräuschvolle Leben zu dämpfen und allen Lärm stumm zu machen. Ja, es war, als ob der liebe Gott endlich Ruhe haben wollte von all dem Getöse, das täglich zu ihm heraufscholl.

Die Droschken fuhren still über die Straßen, als sei es ein Verbrechen, die schlafende Erde zu wecken, und die Räder schnitten tiefe, gleichmäßige Rinnen in den frischgefallenen Schnee. Die Pferde hörte man nur, wenn sie fauchten, und einige Menschen huschten eingemummt vorüber wie Spukgestalten; wie Bilder, die eine Schattenbilderlampe an die Wand wirft. Die Staketen der Gartenzäune hatten mächtige Schneehauben aufgesetzt. Die Bäume sahen aus, als hätte man große Fetzen Watte über sie geworfen, und die Laternen trugen märchenhaft große, weiße Kapuzen aus silberfunkelndem, gefrorenem Schaum. Alle leblosen Gegenstände hatten seltsame Form und Gestalt angenommen, eine bizarre, groteske Form, die dem Beschauer das Gefühl gab, als lebe man in einer verzauberten, stummgewordenen Welt.

Und man wußte doch, daß die Sonne morgen nur zwei Stunden tüchtig herabzuscheinen brauchte, um dieses ganze drollige, verwunschene Schneereich seiner unerbittlichen Häßlichkeit zurückzugeben. Waren die Menschen anders? dachte er. Alle diese Frauen in ihrem aufgetakelten Haarputz, in ihrem künstlichen, pfirsichfarbenen leint waren ja nichts, als kleine Kunstwerke ihrer Friseusen und Schneider, ihrer Putzhändler und Juweliere. Er war nicht für diese Welt geschaffen, und er bedauerte es nicht.

Es war nur eine darunter, die er gern seine Frau genannt hätte, die er liebte: Suse. Von ihrem Antlitz wurde alles Glück der Erde wie von einem Brennspiegel zurückgestrahlt. Ihr Name war Schalmei; ihr Lachen Traum; ihr Wesen eine süße, unaussprechlich süße Kostbarkeit. Suse. . . Na ja. . . aber nun diese elende, dumme Geschichte da. . . Teufel, wie die Wange schmerzte. . . Er wußte nicht, was er davon halten sollte. . .


* * *


Er hatte sich, als sie sich das vorige Mal in der Gesellschaft getroffen hatten, nach dem dritten Tanz ein wenig nach dem Wintergarten zurückgezogen. Seine Tanzkarte verpflichtete ihn erst zum übernächsten Walzer wieder, und inzwischen konnte er ein wenig verschnaufen.

Sie war ebenfalls im Wintergarten und unterhielt sich prononziert freundlich mit einem widerwärtigen Gecken, von dem alle Welt wußte, daß er mehr Geld hatte, als ein alter Hund Flöhe. Spekulierte sie! Suse! wollte sie den fangen? Suse den? Schlange, Hündin, Verräterin! Es wurde ihm fast übel, da er sie im Geiste schon in den Armen jenes Gecken sah, und mit beleidigender Eile verließ er wieder den Wintergarten und schlenderte in den Salons umher, ging auf den Korridor hinaus. Bis sie hinter ihm war. Er fühlte ihren Blick im Rücken und blieb stehen.

»Wie betragen Sie sich, Doktor!«

»Wie ich muß!«

»Sie müssen nicht ungezogen sein!«

»Sie müssen nicht mit so einem Idioten zusammen tuscheln.«

»Sie werden beleidigend, Doktor.«

»Verfluchtes Weib; ich liebe Sie!«

»Sie lieben mich, lieben mich. Ich weiß es. Um so mehr Rücksichten sind Sie mir schuldig.«

»Rücksichten, zum Teufel! Kein Mensch hat ein Recht, Sie mir auch eine Sekunde lang zu nehmen.«

»Aber, wenn ich mich gebe?«

»Ach, Suse, Elende!«

Das kam heraus, er wußte nicht wie. Er hatte alle Besinnung verloren über diesem frechen: »Wenn ich mich gebe!«, hatte sie gepackt und, einen Fluch auf den Lippen – er war ein Seemannssohn – hatte er sie an sich gerissen und aus Wut geküßt, wie der Sturmwind küßt. Er hätte sie zerbrechen können. Am liebsten hätte er ihr die Gurgel durchgebissen. Aber für diesmal begnügte er sich, ihr in der Raserei der Leidenschaft die wundervolle Frisur so zu zerstören, als hätten hundert Affenhände darin gewühlt; ihre blassen Lippen zu küssen; ihr in die bloße Schulter einen hübschen Kreis zu beißen – er hatte ein tadelloses Raubtiergebiß! – den Spitzenbesatz an der Taille zu zerreißen – kurz, sie hätte sich nur dann wieder im Salon zeigen können, wenn man ihr geglaubt hätte, daß sie draußen im Korridor zwischen Hüten und Pelzen von einem Taifun überrascht oder von einer Herde wilder Tiere überfallen worden war. Sie mußte sofort aufbrechen, wenn sie sich nicht für immer unmöglich machen wollte. Er jubelte.

Und sie ging. Aber sie hatte eine Wut gegen ihn im Herzen, der ihr doch der Teuerste war, eine Wut, die – wenn Wut ansteckend und totbringend wäre – mindestens einer ganzen Stadt den Untergang gekostet hätte.

Am nächsten Tage hatte er seinen »blauen Brief«. Er war gejagt. Und zwischen den Zeilen war auch nicht die Spur einer Möglichkeit hingestreut, daß jemals wieder eine Brücke des Verständnisses zwischen ihnen gebaut werden könnte . . .

Es war aus . . .

Und heute hatte er sie wieder getroffen. Nach drei Wochen. Und jetzt sah er sie, wie er alle anderen sah, die dasaßen und nach dem Manne ausschauten, alle ihre Vorzüge ins beste Licht stellten, und besondere Sorgfalt auf die Frisur verwendet hatten. Alles konnte man bei ihnen erreichen, nur die Frisur mußte intakt bleiben! Küsse mit Vorsicht! Liebe mit dem Thermometer! Umarme mich, aber schone meine Taille!

Und noch eine gute Weile hatte er sich verhöhnt, und die, die ihm die Teuerste war.

Er hatte sie wieder getroffen und sie hatte ihm auch nicht einen Blick geschenkt. Er war offenbar Luft. Und besonders, als sie fühlen konnte, wie er unter ihrer Kälte leiden mußte, als sie empfand, daß er nun in seinem Innern eine Bütte voll schauerlicher Seemannsflüche über ihr ausschüttete – wundervolle, geliebte Flüche voller Süßigkeit und Liebesglut – da lächelte sie; lächelte das konventionelle Lächeln einstudierter Liebenswürdigkeit.

Er war hinausgegangen, weil ihm das Herz schwer war. Und draußen im Korridor stand sie plötzlich neben ihm und tat, als suche sie in ihrem Mantel, der da hing, ihr Taschentuch. Er wußte vor lauter Verlegenheit nicht, was er mit sich anfangen sollte, und wollte wieder in den Salon zurückgehen.

Plötzlich hatte sie ihn von hinten gepackt, hatte rasch seinen Kopf nach rückwärts gebogen, und hatte ihm mitten ins Gesicht hinein einen tiefen entzückend ovalen Kreis gebissen. Er schrie heftig auf, und im selben Augenblick war sie wieder im Salon. Er besah sich im Spiegel . . . Nein, er konnte, so gezeichnet, nicht in den Salon zurück. Er mußte nach Hause, mußte diesen violetten Ring mit kalten Umschlägen kühlen. Außerdem war die Kravatte beim Teufel. Wahrscheinlich hatte sie sie abgerissen . . .

Plötzlich griff er instinktiv nach seiner Tasche und fand darin einen Brief von ihr. Er zog ihn rasch heraus, und obwohl die Droschke gerade vor seinem Hause hielt, stieg er nicht erst aus, sondern, die ganze Welt um sich her vergessend, riß er den Brief auf, und beim elenden Schein der Droschkenlaterne las er die paar Worte: »Gleiches Recht für alle«.

»Zwei Mark dreißig,« sagte der Kutscher.