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Jakob Elias Poritzky – Iwan Rodschanski

Erzählung

Junge Liebe aus Jakob Elias Poritzky, Liebesgeschichten, Georg Müller Verlag, München und Leipzig, 1912


Als Student war er einer der Nobelsten. Immer elegant, immer fein. Auf dem Präparierboden mied er streng die Kollegen, die sich während des Sezierens Mikosch-Witze erzählten. Er gehörte auch nicht zu denen, die sich den rohen Spaß erlaubten, mit einer Leiche obszöne Experimente zu machen. Abseits von allen, an einem möglichst unbesetzten Tische saß Iwan Rodschanski und studierte. Trotz seines materialistischen Studiums hatte er sich seine Ideale noch bewahrt.

Als einziger Sohn sehr vermögender Eltern, die ihm die beste Erziehung hatten angedeihen lassen, hatte er es nicht nötig, nach Absolvierung seiner Studien seinem schweren Berufe nachzugehen. Er sollte sich nur den Titel »Dr. med.« erwerben, weil in der russischen Gesellschaft ein Doktor der anderen Fakultäten nicht mit dem Gelehrtentitel angesprochen wird, was seine Eltern und die Eltern Nataschas nun absolut hören wollten. Natascha, die sechszehnjährige Tochter des halbverrückten Ehepaares Wladimir Szerow und Nastja Elisabetha Szerowa, war schon seit ihrem zwölften Jahre dem Iwan Rodschanski zur Frau bestimmt. Man nahm an, daß die beiden sich famos ergänzen würden, und es war besiegelt und beschlossen, daß in fünf Jahren Dr. med. Iwan Rodschanski vor Nastja Elisabetha Szerowa hintreten und sagen mußte: »Erlaubt mir, Euer Schwiegersohn zu sein, Mama! Und gebt mir die holde Natascha zur Gattin!«

Iwan Rodschanski war damit einverstanden, als er nach glücklich überstandenem Abiturium Kiew verließ und nach Berlin reiste.

Er mußte seiner Mutter und seiner Schwiegermutter das heilige Versprechen geben, daß er jährlich auf acht Wochen zu Besuch kommen wollte, »um die überreizten Nerven zu beruhigen«, und daß er sich das Schönste und Beste leisten würde, was in Berlin zu haben war; wenn es auch ein bißchen nach Protzerei aussah; das schadete nichts.

Das Berliner Leben der Wohlhabenden machte nur teilweise einen tiefen Eindruck auf Iwan Rodschanski, während ihn aber die schreckliche Armut in allen ihren Abstufungen mächtig ergriff.

In Kiew, wo der Jammer groß genug war, hatte er nie dem Elend so Auge in Auge gegenübergestanden, wie in Berlin.

Wenn in Kiew ein alter, betrunkener Bettler mit seiner Balalaika auf den Hof des Vaters humpelte und mit einer stöhnenden Stimme melancholische Volkslieder vortrug, durfte Iwan das Fenster nur hastig öffnen und ein Zweikopekenstück hinausschleudern. Der Vater rief wohl auch hier und da: »Geh weiter, lausiges Faultier, und arbeite!« Den Bettler selbst sah Iwan aber nie oder zu flüchtig, als daß seine Physiognomie oder sein elender Zustand einen Eindruck auf Iwan hätten machen können.

Oder wenn Iwan Sonntags mit seiner gepuderten, nach Maiglöckchen duftenden und ganz in religiösen Gefühlen schwelgenden Mutter aus der Kirche kam, und er jeder Bettlerin, die mit einem halbnackten Kinde am Wege lag, gern etwas in die Hand gedrückt hätte, rief ihm die Mutter zu: »Laß das doch, mein Vögelchen! Du mußt dich nicht arm schenken! Du weißt ja, daß wir jährlich fünfhundert Rubel für Arme hergeben. Das ist genug und genug! O ja, wir sind ganz empfindsame Menschen, Gott sei Dank!«

Wenn Iwan dann fragte: »Wovon leben denn diese Armen, Mutter?« so antwortete sie: »Ach Gott, mein Kind! Sie leben schon ganz gut. Wer weiß, wieviel Geld sie bereits aufgespeichert haben! Nach der Kleidung geht es nicht, Söhnchen! Nur Philister beurteilen die Menschen nach der Kleidung. Man liest zum Beispiel sehr oft in der Zeitung: ›Heute starb die bekannte Bettlerin Anna Burmina oder Tirza Podolska, in deren Unterrock man zehntausend Rubel Papiergeld eingenäht vorfand‹. Dergleichen liest man öfters«.

»Das wird eine Zeitungslüge sein, Mutter!«

»Oh, beileibe nicht! Das liest man stets. Aber weshalb fragst du nach diesen Dingen! Laß doch diese Dummheiten! Weißt du denn, was es heute zu Mittag gibt! Eine ganz ausgezeichnete Nudelsuppe und gefüllte Tauben . . .«


* * *


Als Iwan Rodschanski ein halbes Jahr lang in Berlin gelebt hatte, war er bereits so vollkommen umgemodelt, daß auch kaum mehr ein Zug seines Wesens ihn mit seinen Eltern verband. Sie waren ihm Fremde geworden und er hatte innerlich mit ihnen gebrochen. Sie gehörten nicht mehr zu ihm, und er suchte das zerrissene Band nicht wieder zusammenzuflechten. Er fühlte jetzt die tiefe Wahrheit, daß das Blut allein noch nicht den Vater macht, und daß man nur mit denen verwandt ist, deren Gedanken sich mit den eigenen berührten. Mit einer gewissen Neugier analysierte er, der eben die Wunder der Vererbungstheorie und die Theorie des Blutrhythmus in sich aufnahm, seine Eltern, und war erstaunt, auch gar nichts in sich und seiner Art wiederzufinden, das an seinen Vater oder an seine Mutter erinnern konnte. Er liebte die Armen und opferte ihnen den größten Teil seines Geldes. Kein Mensch wußte davon; nur wunderte man sich, daß der reiche Iwan Rodschanski nie Geld übrig hatte für das Apollotheater oder für den Wintergarten, für Weinlokale oder für »Berlin bei Nacht«.

Während des Studiums befestigte sich in Iwan Rodschanski immer mehr die Lust und der Wille, ein tüchtiger, gewissenhafter Arzt zu werden, und sein höchstes Lebensziel war, diese Kenntnis später an Hospitälern gründlich zu vertiefen, um die gesamten Erfahrungen dann zugunsten der Armen zu verwerten.

Fast täglich beschäftigte sich Iwan Rod­schanski mit dieser Idee, die er mit einem gewissen Fanatismus ausbaute.

»Armenarzt, das ist doch noch eine Sache!« sagte er oft zu seinem Freunde Köppen. »Wenn ich etwas verstehe, werden die Armen schon Vertrauen zu mir fassen und mich aufsuchen; meinst du nicht, Köppen! Sprechstunden von morgens fünf bis sieben, denn später haben diese Leute keine Zeit. Sie sagen sich: ›ach, bei dem Arzt geht mir der halbe Tag verloren, solange muß ich da sitzen – und hernach zieht mir der Fabrikherr den Lohn für einen halben Tag ab‹. Ist es nicht so! Und abends könnte von acht bis zehn Sprechstunde sein, denn vorher kommen die armen Menschen wohl kaum von ihrer Arbeit los. O ja, o ja, Köppen – sie werden schon kommen, wenn man sie unentgeltlich behandelt und ihnen freie Medizin liefert! Außerdem trage ich mich mit dem Plan, später ein Heim bauen zu lassen für arme Epileptiker: denn was wollen diese Unglücklichen anfangen! Arbeit gibt ihnen keiner, und daß sie krank sind, dafür können sie nichts. – was, Köppen, das ist doch eine Sache!«

Auch der äußere Iwan Rodschanski war so fein. Selten prägten sich in den Gesichtszügen eines Menschen soviel Milde, Trauer und Mitleid aus, wie in denen Iwans. Wenn man ihn ansah, glaubte man manchmal, er wolle in Weinen ausbrechen. Es schien ihn beständig ein unaussprechlicher seelischer Schmerz zu quälen, und in seinen klaren Augen leuchtete oft eine große, unerfüllte Sehnsucht.

Trotz all der beseligenden Zukunftsgedanken und trotz treuer Freunde, fühlte er sich sehr einsam und oft, sehr oft verlangte ihn nach einem Wesen, das ihm Liebe, Verständnis und Gemüt entgegenbringen konnte.

Natascha Szerowa war zwar seine künftige Frau; aber das änderte dennoch nichts an der Tatsache, daß sie ihm ganz gleichgültig war.

Vielleicht gehörte das so zum Leben.

Als er im dritten Studienjahre nach glücklich bestandenem Physikum ziemlich abgearbeitet zum Besuch nach Kiew gekommen war, schlug Nastja Elisabetha Szerowa schon am Bahnhof die Hände über ihrem leeren Kopf zusammen und seufzte: »Ach, ach, ach! Nun soll ich meinen süßen Bengel Natascha diesem saftlosen, mageren Stock zum Weibchen geben! Nimm mir's nicht übel, Freundin, dein Sohn sieht wirklich sehr verlebt aus – oh, oh, oh, diese Männer!«

Und WIadimir Szerow, das sogenannte »fünfte Rad am Wagen«, sprach heimlich mit dem alten Rodschanski und sagte ihm, wenn Iwan so schlecht aussähe, so seien lediglich die Berliner Weiber schuld. Man müßte diesen heißblütigen Iwan moralisch fesseln, ihn öffentlich verloben – und Punktum.

Und man feierte damals die offizielle Verlobung und betrank sich mit Rotspon und Sekt.

Iwan Rodschanski war nun moralisch gefesselt; außerdem war er ja im Grunde ein anständiger Kerl, und man konnte hoffen, daß er nunmehr seine Berliner Weiber zum Henker jagen – und beim nächsten Besuch etwas fetter aussehen würde.

Er bekam sogar von nun ab eine bedeutend größere Summe zum monatlichen Verbrauch; aber damit freuten sich die Armen und nicht er.

Und dennoch – und dennoch war er so einsam, und sein Herz zehrte sich auf in der brennenden Sehnsucht nach einem gefühlvollen Weibe, das ihn verstehen konnte. Ein Mädchen mußte es sein, denn nur zu einem Weibe glaubte er sich so ganz aussprechen zu können, wie es ihn tausendmal drängte.

Ein solches Mädchen fand sich.

Der Zufall trieb Iwan Rodschanski einmal in die russische Kirche Unter den Linden, wo er alte Jugenderinnerungen aufleben lassen wollte. Er weinte, als der Pope seine schwermütige Litanei sang – mehr von dem Singsang, als von den Worten ergriffen – er weinte, weil sein Herz so bebend voll war.

Und als er seine Augen trocken gewischt hatte und wieder aufschaute, sah er die Blicke eines vergrämten jungen Mädchens auf sich gerichtet, das ihn ungemein fesselte.

Sich mit ihr bekannt zu machen, fiel ihm nicht schwer, weil ihm ihr Wesen sagte, daß sie ebenso das Bedürfnis hatte zu sprechen, wie er . . .

Sie war mit ihrer Herrschaft als Waise aus Petersburg nach Berlin gekommen, wo sie einen alten, mürrischen Herrn zu pflegen hatte, der aus einem Drittel Tartüffe, einem Drittel Misanthrop und einem Drittel eingebildeten Kranken zusammengesetzt zu sein schien. Das Leben in dem Hause dieses Tyrannen erstickte sie langsam. Vom ganzen Tag blieb ihr nicht eine Minute übrig, das große Bedürfnis nach Wissen, das in ihr lebte, zu stillen. Denn auch nachts wurde sie beständig von dem alten Egoisten wachgeklingelt, der entweder böse geträumt hatte oder sich einbildete, einen Dieb an der Tür gehört zu haben. Sie mußte dann die ganze große Wohnung ableuchten.

In dieser Öde ging Sascha zugrunde, und sie war froh, daß Iwan Rodschanski ein Mensch war, der sie wenigstens ruhig anhörte. Ob er etwas für sie fühlte oder nicht, war ihr anfangs einerlei; denn sie wollte sich einfach aussprechen, weil ihre junge, flügge Seele überladen war; ob er ihre Leiden nachempfand, das kümmerte sie anfangs wenig.

Als aber auch Iwan Rodschanski unter glücklichem Weinen und Lachen zu beichten anfing, und von seinen ganz anderen, ihr fremden seelischen Leiden und Freuden sprach, da gewann sie ihn mit jedem Blutstropfen lieb, da berührten sich die seelischen Gegenpole in dem starken Gefühl, ewig einander ergänzen zu müssen – da wurde aus zwei Seelen eine.

 

Zunächst fand nun eine ganze Revolution in dem Verschenkungssystem Iwan Rodschanskis statt; die Armen erhielten kaum mehr die Hälfte von dem Bisherigen. Dafür konnte Sascha allerdings ihren Frondienst aufgeben und fortan ihrem höchsten Ziele leben, Iwan Rodschanski ebenbürtig zu werden und ihm nachzueifern.

Welch ein herrliches Leben begann für beide! Iwan war zwar nicht so ganz ausgelassen glücklich wie Sascha; er konnte aber nichts dafür; denn einmal mußte er seiner Gutmütigkeit gewaltige Grenzen setzen und so einem gewissen Kreise ehrenwerter Armer, die sich an seine Beisteuer gewöhnt hatten, die Hälfte entziehen, was ihn sehr schmerzte; und andererseits peinigte ihn auch zeitweise der Gedanke an seine offizielle Braut Natascha Szerowa. Bald rückte auch der Termin heran, wo sich Iwan den Titel »Dr. med.« holen und schließlich nach Hause reisen und heiraten mußte. Dann hatte das ein Ende mit dieser wunderbaren, tiefgeliebten Sascha . . .

All dies ballte sich zu einer anhaltend folternden Stimmung zusammen, und die marterndsten Widerstreite lebten fortan in der Seele Iwan Rodschanskis.

Endlich aber, nach langer Überlegung und nach heißen inneren Kämpfen erzählte er ihr von seiner Braut Natascha und setzte Sascha auseinander, wie die Verhältnisse lagen; er beteuerte ihr, daß er mit Natascha abbrechen wolle . . . wenn er aber mit ihr Schluß machen würde, daß er dann wohl sicher seine Enterbung erwarten durfte . . . daß dann seine großen Ideale, sein einziger Lebenszweck: der Armenarzt . . . und das Epileptikerheim . . . und so weiter . . . zertrümmert werden müßten . . . zertrümmert . . .

Sascha sagte nichts – aber Iwan Rodschanski sah sie nie wieder.

 

Nach drei Jahren traf Köppen Iwan Rod­schanski zufällig in der Friedrichstraße; aber kaum erkannte er ihn. Rodschanski trug einen vor Schäbigkeit glänzenden Kammgarnrock und ging in gebückter Haltung. Außerdem hatte er sich einen Bart wachsen lassen, der sein ganzes Gesicht entstellte. Er schien um zehn Jahre gealtert, und man sah es aus jeder seiner Gebärden, daß ihm alles gleichgültig war.

»Na, Iwan Rodschanski, wie geht's!« redete Köppen ihn an.

»Ganz gut,« erwiderte er monoton;« . . . ich bin schon zwei Jahre verheiratet . . . meine Frau ist ganz nett . . . Warst du nicht ein Freund von Bällen! Ach, du müßtest sie mal einen Rheinländer tanzen sehen, den tanzt sie sehr hübsch!«

»Aber Rodschanski . . . Mensch! was ist dir!«

»Nichts . . .«

»Hast du schon dein Epileptikerheim gebaut! Bist du nun wirklich Armenarzt!«

»Ach, geh mir . . . mit meinen Idioten zu Hause . . . mit denen ist nichts anzufangen . . . Meine Frau ist alles . . . ich bin eine Null . . . Mein Geld verschwindet für Diners und Soupers . . . für Soireen . . . für Toiletten . . . für Brillanten . . . auf mich wird keine Rücksicht genommen . . . nur sie . . . sie ist alles . . . Wenn ich beispielsweise einen neuen Rock will: »Ah bah, der alte ist gut genug!« heißt es, »du machst doch kein Vergnügen mit.« Das hielt ich nicht länger aus; ich stahl mir Geld aus meiner Kasse – denn alle Schlüssel hat sie – und bin ein bißchen nach Berlin gekommen, um mich zu zerstreuen . . . O wenn du wüßtest, wieviel sie zum Fenster hinauswirft für blödsinnigen Luxus . . .!«

»So steht es also! Dann bist du einfach ein Pantoffelheld, Rodschanski!«

»Ja, ich glaubte es auch; aber es ist nicht so . . . ich fürchte mich keineswegs vor ihr . . . ich habe es ihr schon oft sagen wollen – nein, so ist es nicht, wie du sagst . . . ich bin vielleicht nur zu gut . . .«

»Du bist zu schwach!«

»Zu schwach! . . . Nein, auch nicht schwach; ich habe sie nur geheiratet, weil ich sie überwinden wollte.«

»Aber du bist ihr doch unterlegen!«

»Nein, nicht das. – Ich wußte damals nur nicht, wie stark uns die erste Kindermoral beherrscht und welche Klüfte sie im Geist zurückläßt. Und jetzt bin ich müde.«

»Und dein Ideal!«

»Mein Ideal! . . . Ach das! . . . Das Schönste am Ideal ist ja doch, daß man es nie erreichen kann. Ich bin auch schon zu müde . . . im Herzen nämlich. Schließlich, ist's denn ein Wunder« Ich hatte Ziele, weißt du – wirklich schöne Ziele. Meine ganze Jugend habe ich damit zugebracht, diese Ziele auszubauen und zu verwirklichen. Nun ziehst du eines Tages die Bilanz, siehst du. Und was ergibt sich! Von alledem, was du gewollt hast, ist nichts erreicht, gar nichts. Du bist einfach bankrott . . . völlig bankrott. Man ist älter geworden, gleichgül­tiger und man hat einen Bart . . . das ist alles . . .«